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BIANCA EXTRA BAND 47

Christy Jeffries, Karen Templeton, Nancy Robards Thompson, Teresa Southwick

BIANCA EXTRA BAND 47

CHRISTY JEFFRIES

Die Liebe liegt so nah

Die schöne, kluge Julia fasziniert Bauunternehmer Kane sofort. Doch abgesehen von seiner Regel, keine Kundin zu daten, fürchtet er: Ein Mann wie er – ohne Collegeabschluss – hat keine Chance bei ihr …

KAREN TEMPLETON

Zum Verzweifeln? Zum Verlieben!

Jewel will keine dauerhafte Beziehung. Dazu liebt sie ihre Freiheit viel zu sehr. Als sie sich ausgerechnet in Singledad Silas verliebt, wird sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt …

NANCY ROBARDS THOMPSON

Mitten hinein ins Herz

Wenn man zu sehr liebt, wird man verletzt – das hat Shane schmerzlich lernen müssen. Aber nichts spricht gegen eine Affäre mit AJ, oder? Denn bevor es zu eng werden kann, verlässt er die Stadt wieder!

TERESA SOUTHWICK

Deine blauen Augen ...

Der attraktive Dr. Jonathan Clifton weckt Dawns Misstrauen. Schon einmal hat ein Stationsarzt sie betrogen! Auch wenn sie sich insgeheim nach seinen Küssen sehnt, zeigt sie ihm die kalte Schulter …

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Die Liebe liegt so nah

1. KAPITEL

Captain Julia Calhoun Fitzgerald konnte mühelos ein komplettes Chirurgenteam durch eine komplizierte Notoperation lotsen. Wenn sie aber nackt einen Kopfstand machen und durch ein Megafon nach dem Kellner rufen würde, dann würde sie kein Mensch im Cowgirl-Up-Café eines weiteren Blickes würdigen.

„Ich hätte gern noch …“ Julia verstummte, als sie merkte, dass sie zum Rücken des jungen Mannes sprach. Er hatte den gefüllten Teller kommentarlos auf die Theke gestellt – ohne zu fragen, ob sie noch etwas brauchte.

Zwei Plätze weiter war eingedeckt, und sie überlegte kurz. Sie konnte weitere zwanzig Minuten unbemerkt sitzen bleiben oder einfach nach rechts greifen und sich die unbenutzte Papierserviette und das Besteck nehmen. Sie entschied sich für Letzteres.

Sie breitete die Serviette auf ihrem Schoß aus und schnitt den riesigen Frühstücksburrito mit chirurgischer Präzision in zwei Hälften. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie auf die heraussickernde Bratensoße. Das konnte nicht richtig sein. Sie hob eine Hand und sah sich im Restaurant um. Die einzige Kellnerin eilte gerade zwischen mehreren voll besetzten Tischen umher, steckte ihren Bestellblock weg und nahm einen Stapel schmutziger Teller von einem leeren Tisch.

War es hier immer so voll? Seit sie im letzten Monat an das Shadowview-Militärkrankenhaus versetzt worden war, hatte sie das Restaurant ihrer Tante erst zweimal besucht – beide Male kurz vor dem Schließen, wenn in Sugar Falls in Idaho bereits die Bürgersteige hochgeklappt wurden.

Wo steckte Tante Freckles überhaupt? Julia hätte schwören können, dass sie laut der Termin-App auf ihrem neuen Smartphone um acht Uhr an diesem Morgen miteinander verabredet waren, und zwar genau hier, im Cowgirl-Up-Café. Julia blickte auf die goldene Cartier-Uhr – eines der bescheideneren Erbstücke, die ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. In fünfzehn Minuten sollte sie sich in ihrem neuen Haus mit dem Bauunternehmer treffen.

Julia stocherte mit Gabel und Messer in der Weizentortilla auf dem Teller, beugte sich vor und schnupperte am Fleisch, das unter dem Teig zum Vorschein kam. Sie hatte dieses Gericht eindeutig nicht bestellt. Vorsichtig legte sie das Besteck ab, nippte am Orangensaft und versuchte, nicht mitzuhören, was in der Sitznische nebenan gesprochen wurde.

„Die Rockies werden es in diesem Jahr nicht mal in die Play-offs schaffen!“ Einer der älteren Cowboys schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass die Salz- und Pfefferstreuer klirrten.

Julia zuckte zusammen.

„Beruhige dich, Jonesy“, sagte sein Gegenüber – ein jüngerer Mann im Flanellhemd, dessen kräftige gebräunte Unterarme nur von harter Arbeit unter freiem Himmel stammen konnten. Das kurze rotbraune Haar war zerzaust, vermutlich von dem grünen Basecap, das an seinem wippenden Knie hing. Sein kantiges Kinn und die lächelnden Lippen wirkten auf Julia alles andere als beruhigend. Jonesy dagegen riss sich zusammen und atmete zweimal tief durch. „Ich meine ja nur …“

Aus den Augenwinkeln entdeckte Julia die Kellnerin und hob die Hand, um Monica auf sich aufmerksam zu machen. Jedenfalls glaubte sie, dass die Frau so hieß. Sicher konnte sie sich nicht sein, denn die Kellnerin war immer nur an ihr vorbeigerauscht, ohne sie auch nur anzusehen.

„Entschuldigung!“, versuchte Julia es noch einmal, als Monica hinter die Theke eilte, in der einen Hand drei gefüllte Teller, in der anderen eine Kaffeekanne und eine Sirupflasche. Aber die junge Frau schaute wieder nicht in ihre Richtung.

Seufzend beschloss Julia, sich mit den Pommes frites zu begnügen, und schluckte gerade die letzte herunter, als sie einen erstickten Laut aus der Nachbarnische hörte.

Sexy Flanellhemd hielt sich die Hand vor den Mund, und Julia schaltete in den Rettungsmodus. Sie sprang auf, eilte hinüber, zog den Mann von seinem Platz, schlang die Arme von hinten um seinen Oberkörper und verschränkte sie direkt über seinem Oberbauch. Sein Kinn stieß fast gegen ihre Stirn, als er ruckartig den Kopf in den Nacken legte, um sie anzusehen.

„Gleich geht es Ihnen besser!“, sagte sie mit all ihrer ärztlichen Autorität. „Versuchen Sie, ruhig zu bleiben.“

„Ich wäre viel ruhiger, wenn ich wüsste, warum Sie sich so an mich klammern“, erwiderte er. Wenn er sprechen konnte, dann bekam er auch Luft.

Oh nein.

Verlegen richtete Julia sich auf und ließ ihn so langsam los, dass sie mit den Fingerspitzen fühlen konnte, wie weich sein Flanellhemd war. Und wie straff die Muskeln darunter. Das musste an dem Adrenalin liegen, das sie bei einem Notfall immer durchströmte – auch wenn es sich um Fehlalarm handelte.

Hastig verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken.

„Entschuldigung“, sagte sie zu Mr. Flanell und den beiden älteren Cowboys. Ihre Augen waren groß und rund wie Blaubeerpfannkuchen. „Ich dachte, Sie ersticken!“

„Das dachte ich auch“, gab der Mann zu. „Dann wurde mir klar, dass ich nur vergiftet wurde – von meinem Hühnchenburrito.“ Er zeigte auf seinen Teller, und Julia wusste, wo ihr Frühstück gelandet war.

„Offenbar haben Sie meinen Wrap mit Eiweiß und Veggie’s Delight bekommen.“ Sie nahm den Teller, ging zu ihrem Platz und kehrte mit seinem Gericht zurück. „Ich glaube, das hier gehört Ihnen.“

„Und wo sind meine Pommes frites?“ Er starrte auf den Teller.

Julia spürte, wie sie errötete. „Die habe ich gegessen.“

„Die meisten Leute hätten ein falsches Gericht einfach zurückgehen lassen.“

Ach ja? Die meisten Menschen würden nicht würgen und nach Luft schnappen und so tun, als hätte man sie vergiftet? Sie schluckte die Antwort herunter. Sie kannte diesen Mann nicht. Und alle anderen in dieser Stadt auch nicht. Noch nicht. Obwohl alle im Restaurant sie mittlerweile anstarrten. Auch Monica. Endlich!

Julia ging zu ihrem Platz, schnappte sich ihre Tasche und nahm die Geldbörse heraus.

„Hier. Für das entgangene Frühstück.“ Ihre Stimme zitterte, als sie zwei Zwanzigdollarscheine auf den Tisch legte. „Und nur damit Sie es wissen, Sie haben ein Stück Spinat zwischen den Zähnen.“

Auf dem Weg zur Tür hörte sie mehrere Leute lachen, aber sie blieb nicht stehen und drehte sich auch nicht um. Wie lange würde es wohl dauern, bis sich ihr peinlicher Auftritt herumgesprochen hatte?

Genau deshalb blieb sie lieber im Hintergrund.

Sie war gerade in ihren Wagen gestiegen, als ihr Smartphone zwitscherte. Rasch meldete sie sich.

„Wo bist du?“, fragte Tante Freckles.

„Ich habe gerade das Café verlassen.“ Dass sie eben an einem Gast zur Oberbauchkompression den Handgriff nach Henry J. Heimlich angewendet hatte, erzählte sie nicht. Ihre Tante würde es früh genug erfahren.

„Warum warst du im Café?“

„Weil wir dort verabredet waren, um acht.“

„Nein, waren wir nicht. Wir wollten uns beim Bäcker treffen. Warum sollte ich dich in mein Restaurant bestellen, wenn ich mir den Vormittag freigenommen habe?“

Das erklärte, warum im Café Personalmangel herrschte. Aber wie hatte sie sich so irren können? Julia tippte auf ihren Terminkalender und beendete dadurch versehentlich das Telefonat. Sie holte tief Luft und versuchte, Freckles’ Nummer aufzurufen, aber bevor sie es schaffte, kam eine SMS von ihrer Tante. Jetzt sollten sie sich im neuen Haus treffen. Julia startete ihren Mini Cooper.

Als sie in ihre Straße einbog und ihr Blick auf das alte viktorianische Haus am Ende der Sackgasse fiel, lächelte sie stolz. Wenn man die Stadtvilla in Georgetown, das Sommercottage auf Chicoteague Island in Virginia und die zahlreichen Geschäftsimmobilien im Eigentum der Familienstiftung der Fitzgeralds nicht mitzählte, dann hatte Julia noch nie ein eigenes Dach besessen.

Sie parkte in der Einfahrt und malte sich aus, welche Möglichkeiten das Haus bot. Anders als sie strahlte es weder Vernunft noch Zurückhaltung aus. Aber jeder Quadratzentimeter gehörte ihr. Es gab keine Innenarchitekten, die ihr Farbkombinationen oder überteuerte moderne Kunst vorschlugen. Keine Hausmädchen, die ihr Bett machten, nachdem sie jeden Morgen um halb sechs aufgestanden war, um auf ihrem Cello zu spielen. Keine Privatlehrer, die in der Bibliothek auf sie warteten, damit ihre Schulnoten gut genug fürs Medizinstudium ausfielen – obwohl sie noch nicht einmal alt genug war, um Alkohol zu kaufen, geschweige denn, eine Leiche zu sezieren. Hier musste sie sich nicht gesund ernähren, während ihre Klassenkameraden bei Pizza und Energydrinks für die Abschlussprüfung büffelten.

Hinter ihr hupte es. Sie drehte sich nach dem rostigen Geländewagen um. Freckles war eigentlich ihre Großtante, und bis zum Gedenkgottesdienst für ihre Eltern vor einigen Jahren hatte Julia nur sporadisch Kontakt mit ihr gehabt. Man musste kein Neurochirurg sein, um zu verstehen, warum die ehemalige Rodeo-Queen das schwarze Schaf ihrer konservativen Familie gewesen war.

„Morgen!“, rief Freckles und klopfte auf ihren Wagen. „Ist er nicht eine Schönheit? Earl Larry, mein zweiter Mann, hatte auch so einen. Wir haben einen Wohnwagen angehängt und sind durch ganz Mexiko gefahren.“

Julia hauchte einen Kuss auf die faltige, mit reichlich Rouge versehene Wange, während Freckles sie so fest an sich drückte, dass Julia Angst um ihre Rippen bekam. „Was ist aus Earl Larry geworden?“

„Sein Großvater hat ihm das Familienunternehmen hinterlassen, er wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann und hat nur noch Anzüge mit Weste getragen. So einer war nichts für mich.“

Kein Wunder. Die achtundsiebzigjährige Eugenia Josephine Brighton Fitzgerald trug orangefarbene Cowboystiefel, eine Hose mit Zebramuster und ein schulterfreies T-Shirt, das für das Cowgirl-Up-Café warb.

„Wessen Auto ist das?“

„Kanes“, antwortete Freckles. „Er stand am Snowflake-Boulevard und meinte, er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen ist. Ich habe ihm gesagt, er braucht nur frische Luft. Weil ich seinen alten Bronco schon lange mal fahren wollte, durfte ich mich ans Steuer setzen, damit er den Rest des Wegs zu Fuß gehen kann. Es sind nur ein paar Blocks, also müsste er jeden Moment hier sein.“

Kane Chatterson war der Bauunternehmer, den Tante Freckles ihr vermittelt hatte, aber Julia hatte ihn noch nicht kennengelernt. Falls dieser rollende Schrotthaufen bezeichnend für die Qualifikation des Mannes war, so stand ihrem neuen Zuhause nichts Gutes bevor.

„Möchtest du dir das Haus von innen ansehen?“

„Unbedingt!“, erwiderte Freckles.

„Ich habe nur eine Stunde, bis meine Schicht im Shadowview beginnt. Wenn Mr. Chatterson nicht bald kommt, schicke ich ihm meine Ideen und Vorschläge per E-Mail.“ Das wäre Julia am liebsten, zumal nach dem katastrophalen Beginn dieses Tages.

Aber ihre Tante schüttelte den Kopf. „Kane ist ein guter Junge und äußerst zuverlässig. Er wird pünktlich sein, schließlich habe ich sein Baby als Geisel genommen.“ Sie klimperte mit den Wagenschlüsseln. „Männer haben zu ihren Autos eine unnatürliche Beziehung. Wenn du dir endlich mal die Zeit nimmst, um mit einem anständigen Kerl auszugehen, dann wirst du das selbst merken.“

Julia verdrehte die Augen. Für ihre Tante war jeder Mann unter sechzig ein Junge, und sie ließ keine Gelegenheit aus, Julia an ihr ereignisloses Privatleben zu erinnern.

„Ich stehe fast den ganzen Tag im OP, und wenn ich mal frei habe, dann schwimme ich meine Bahnen oder schlafe mich in der Offiziersunterkunft aus.“

„Du arbeitest zu hart, Süße.“ Freckles tätschelte ihre Schulter. „Und du musst mehr essen. In dem blauen OP-Anzug und der Strickjacke siehst du aus, als wärst du flach wie ein Brett. Gibt es denn gar keinen netten Arzt oder Admiral, mit dem du mal essen gehen kannst?“

„Ich brauche keinen Mann, der mich zum Essen einlädt.“

„Hmm. Die Stadt gibt Ende des Jahres einen großen Empfang, um Geld für das Krankenhaus zu sammeln. Du bist einer der neuen Ärzte und offizieller Einwohner von Sugar Falls, da erwartet das Festkomitee, dass du als Ehrengast kommst, und zwar mit Begleitung, wenn du weißt, was ich meine.“

Ehrengast? In Begleitung? Ein mulmiges Gefühl stieg in Julia auf, und sie begann zu schwitzen, obwohl sich die Novembersonne noch immer hinter den Wolken verbarg. Einen Begleiter zu finden, war einfacher gesagt als getan. Außerdem hatte sie nicht vor, sich jemals wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen.

„Oh, sieh mal“, fuhr Freckles fort. „Da ist Kane ja schon. Versuch, zu lächeln, Julia.“

Nervös drehte sich Julia um.

Oh nein. Das darf nicht wahr sein.

Im Cowgirl-Up-Café war der Mann ihr nicht ganz so groß erschienen, aber jetzt sahen die breiten Schultern und der Brustkorb genauso muskulös aus, wie sie sich vor zwanzig Minuten angefühlt hatten. Was sollte sie tun? Ihm entgegengehen und ihn bitten, den peinlichen Vorfall nicht zu erwähnen, oder sollte sie sich gleich hinter der wuchernden Azalee verstecken?

Sie stand wie gelähmt da, als ihre Tante den Mann auf die Veranda winkte. „Kane Chatterson, das ist meine Lieblingsnichte, Doktor und Captain Julia Fitzgerald.“

„Ich bin deine einzige Nichte.“ Julia räusperte sich nervös und sah ihn an. „Wir sind einander noch nicht vorgestellt worden.“

Kane Chatterson nickte nur. „Soll ich Sie Doktor oder Captain nennen?“

„Einfach Julia, bitte.“ Sie schüttelte ihm die Hand und fühlte dabei seine Schwielen an der Haut. Als Medizinerin konnte sie sich nicht erklären, warum es ihr dabei kalt den Rücken herunterlief. Als Frau ahnte sie, dass es mit der Ermahnung ihrer Tante zu tun hatte – und vermutlich auch mit der Tatsache, dass sie den Mann attraktiver fand als jeden, dem sie jemals zuvor begegnet war.

„Einfach Julia“, wiederholte er und lächelte noch immer nicht.

Sie blickte auf die Uhr. In zehn Minuten musste sie los. Bis dahin würde sie es wohl schaffen, sich wie eine normale erfolgreiche Frau zu benehmen.

„Was soll das heißen, ihr seid euch noch nicht vorgestellt worden?“ Verdammt. Tante Freckles entging wirklich nichts.

„Wir … haben uns im Cowgirl-Up-Café kurz unterhalten, als unsere Bestellungen verwechselt wurden“, erklärte Julia. Die kupferfarbenen Stoppeln an seinem kantigen Kinn ließen nicht erkennen, ob er errötete.

„Ja, hab mir schon gedacht, dass ich die neue Kellnerin nicht allein lassen sollte“, antwortete Freckles und zwinkerte ihr zu. „Heute Morgen läuft offenbar so einiges schief.“

„Hier.“ Julia reichte ihrer Tante das Smartphone. „Hier steht, dass wir im Café verabredet waren.“

Während Freckles auf dem Display herumtippte und Mr. Chatterson die abblätternde gelbe Farbe am Haus betrachtete, riskierte Julia einen zweiten Blick auf sein missmutiges Gesicht. Sie hatte lediglich versucht, ihm das Leben zu retten. Das konnte er ihr doch nicht übelnehmen – es sei denn, das Gelächter im Restaurant hatte ihm gegolten. Oder er war einfach nur erschöpft und fror nach dem langen Fußmarsch hierher.

Julia schaute auf seine Cowboystiefel. Nein, die sahen ziemlich abgetragen aus. Sie ließ den Blick an den Jeans nach oben wandern, am aus der Hose hängenden Shirt entlang und bis zur grünen Baseballkappe mit der gelben Aufschrift Patterson’s Dairy.

Wieder fühlte sie das eigenartige Kribbeln am Rücken.

Was war los mit ihr? Sie starrte keine fremden Männer an, und ihre Hormone gerieten selbst dann nicht in Aufruhr, wenn der Mann extrem gut aussah.

„Süße.“ Tante Freckles hielt das Smartphone hoch. „Irgendwie hast du es geschafft, das Cowgirl-Up-Café als Treffpunkt für jede Verabredung in diesem Monat abzuspeichern. Unter anderem für fünf Operationen, zwei Teambesprechungen, ein Seminar über neurologische Störungen und das Streichquintett von Boise.“

„Oh!“ Julia nahm das Smartphone und schaltete es aus. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als irgendeine dämliche App zu meistern. Hastig nahm sie den Schlüssel aus der Strickjacke, von der Freckles behauptete, dass sie weder ihrem Teint noch ihrer Figur schmeichelte. „Soll ich Sie durchs Haus führen?“

„Na ja, wahrscheinlich könnte ich mich auch allein umsehen.“ Während sie die Tür aufschloss, streifte er seine Stiefel an der obersten Stufe ab. „Aber es kann nicht schaden, wenn ich mir ein paar Ihrer Ideen anhöre.“

Wie großzügig.

„Wollen Sie sich nichts zu schreiben holen?“ Sie zeigte auf seine Rostlaube.

„Wozu?“

„Damit Sie sich Notizen machen können?“

„Brauche ich nicht.“

„Was ist mit den Abmessungen? Sie werden sich doch wohl kaum jede Zahl merken können.“

„Nein, Ma’am. Wahrscheinlich nicht. Aber ich bekomme ein Gefühl für das Haus. Das ist mehr, als mir ein Maßband vermitteln kann.“

„Aber wie wollen Sie mir einen Kostenvoranschlag machen?“

Falls ich den Auftrag übernehme.“ Er schaute zu den Pinien hinauf, die dem reparaturbedürftigen Dach bedenklich nahe kamen. „Ich komme wieder, messe aus und schreibe alles ganz sauber und ordentlich für Sie auf.“

„Süße“, flüsterte Freckles viel zu laut. „Kane weiß, was er tut. Er platzt nicht in deine OP und erzählt dir, wo du schneiden musst.“ Lächelnd drehte sie sich zu dem Bauunternehmer um. „Julia ist Neurochirurgin bei der Navy. Hat einen messerscharfen Verstand, meine Großnichte. Oder habe ich das schon erwähnt?“

„Ja. Sollen wir anfangen?“, fragte er und marschierte ins Haus, als wäre es ihm völlig egal, wie klug Julia war. Nicht, dass sie von ihm bewundert werden wollte, aber es kam selten vor, dass jemand sich von ihrem überragenden IQ nicht beeindrucken ließ.

Der Mann schlenderte durch den Eingangsbereich, als wäre es sein Haus. Julia ärgerte sich darüber ebenso wie über ihre unerklärliche körperliche Reaktion auf ihn. Zu dritt gingen sie von Zimmer zu Zimmer, und irgendwann zählte Julia nicht mehr, wie oft sie ihrer Tante erklären musste, dass sie weder Glitzerfarbe an den Wänden noch eine komplett ausgestattete Bar in jedem Stockwerk haben wollte. Als sie die Besichtigung in der Küche beendeten, riskierte Julia bereits, zehn Minuten zu spät zu ihrer Schicht zu kommen. Leider musste sie befürchten, dass ihre Tante dem Mann irgendeine verrückte Idee aufdrückte, wenn die beiden allein waren.

„Ich finde, du solltest diese coolen türkisfarbenen Retro-Armaturen nehmen und sämtliche Schränke pink und weiß streichen.“ Freckles wedelte mit den Armen wie ein Verkehrspolizist. „Wenn du schwarz-weiß karierte Fliesen anbringst, hast du einen echten Fünfzigerjahrelook. Außerdem könntest du diese Wand entfernen und die Küche zum Wohnzimmer hin öffnen.“

„Welches ist das Wohnzimmer?“ Julia rieb sich die Schläfen.

„Ich glaube, das Zimmer, das Sie als Arbeitszimmer bezeichnet haben“, erwiderte Kane und sah aus, als würde er sie auslachen. „Oder war das der Salon?“

„Was auch immer. Ich möchte kein Fünfzigerjahremotto in meinem Haus. Und die Küche ist mein geringstes Problem.“

„Süße, die Küche ist das Herz des Hauses!“, beharrte Freckles.

„Meistens esse ich im Krankenhaus, und solange ich einen Kühlschrank für all die Reste habe, die du mir mitgibst, komme ich prima zurecht.“

„Genau das ist das Problem. Der Kürbisfestumzug steht kurz bevor, und danach beginnt auch schon die Skisaison, da habe ich im Café jede Menge zu tun. Ich mache mir große Sorgen, dass du ganz allein hier wohnst, nicht richtig isst und immer weniger wirst.“

„Wenn es dich beruhigt, kaufe ich mir ein Kochbuch und bringe mir ein paar einfache Grundrezepte bei. So schwer kann das doch nicht sein.“

„Süße, ich weiß, dir fällt das meiste leicht.“ Freckles legte einen Arm um Julias Taille. „Aber es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht aus Büchern lernen.“

Das stimmt leider, dachte Julia. Freckles war ihre letzte lebende Angehörige und der Grund dafür, dass sie sich nach Idaho hatte versetzen lassen. Sie brauchte den Bauunternehmer gar nicht erst anzusehen, um zu wissen, dass sie jeden Preis zahlen würde, den er verlangte. Hauptsache, ihre Tante war beruhigt.

„Na gut“, sagte sie, „aber zuerst brauche ich ein bewohnbares Schlafzimmer, danach kann Mr. Chatterson mit der Küche beginnen – jedoch keine türkisfarbenen Armaturen oder karierte Fußböden.“

„Natürlich, Süße.“

„Und jetzt muss ich wirklich los.“ Julia blickte auf die Uhr. „Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

„Soll ich hinterher abschließen?“, fragte Kane, als Julia ihre Tante umarmte.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Muss ich etwas unterschreiben?“

„Erst wenn ich Ihnen meinen Kostenvoranschlag schicke. Wie gesagt, ich weiß noch nicht, ob dieser Auftrag in meine Terminplanung passt.“

Auf dem Weg nach vorn griff sich Julia ihre Ledertasche, schaute auf Kanes alten Wagen und fragte sich, wie sie damit umgehen sollte, dass sie den Mann trotz allem attraktiv fand.

2. KAPITEL

Kane atmete tief durch und spürte, wie sich seine Anspannung etwas legte. Der Auftrag war ganz nach seinem Geschmack – er sollte einem heruntergekommenen Haus zu seinem alten Glanz verhelfen. Doch Dr. Captain Julia Fitzgerald war exakt die Art von Auftraggeber, die er nicht schätzte.

Die blonde Frau war ihm sofort aufgefallen, als sie sich im Cowgirl-Up-Café an die Theke gesetzt hatte. Ihr hübsches Gesicht nicht zu bemerken, wäre schwierig gewesen, obwohl sie jeden Blickkontakt mit den anderen Gästen vermieden und nichts getan hatte, um deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Nicht, dass er in den letzten zwei Jahren besonders umgänglich gewesen wäre. Aber bevor er sich versah, schlang die Frau ihre Arme um ihn und presste ihre kleinen festen Brüste an seinen Rücken. Plötzlich war ihm das Gemüse, in das er versehentlich gebissen hatte, völlig egal gewesen – er konnte nur noch daran denken, wie sehr er sich wünschte, sie würde ihre verschränkten Hände über seinen Bauch nach unten gleiten lassen.

Er war sich nicht mehr sicher, worüber sie danach gesprochen hatten. Er wusste nur noch, dass sie auf etwas zwischen seinen Zähnen gezeigt hatte, bevor die anderen Gäste in Gelächter ausgebrochen waren. Dann war sie verschwunden, bevor er erfahren konnte, wer sie war.

Eine Stunde später hatte er sich noch immer nicht von dem Schock erholt, die Frau aus dem Café neben Freckles auf der Veranda stehen zu sehen. Und wenn er an einer Fensterscheibe vorbeigekommen war, hatte er jedes Mal nachgeschaut, ob er immer noch Spinat zwischen den Zähnen hatte.

„Ist sie wirklich deine Nichte?“, fragte er Freckles und schaute durchs Küchenfenster zu Dr. Captains Wagen hinaus. Julia saß am Steuer und starrte mit gerunzelter Stirn auf ihr Smartphone. Die junge Frau war also Ärztin. Sie verdiente ihr Geld damit, Leben zu retten. Offenbar versuchte sie es sogar beim Frühstück. Er brauchte keinen Collegeabschluss, um zu begreifen, dass Männer wie er unter ihrer Würde waren.

„Hast du die Ähnlichkeit nicht gesehen?“

Er musterte Freckles. Ihr purpurner Lidschatten passte exakt zu dem geometrischen Muster des Tuchs, mit dem sie das orangefarbene Haar hochgebunden hatte. Julia dagegen trug keine Spur von Make-up, aber dafür eine hässliche beigefarbene Strickjacke über ihrer Krankenhausbekleidung.

„Na ja, sie ist fast so hübsch wie du, aber irgendwie erinnert sie mich an diese Legofiguren, mit denen ich als Kind gespielt habe“, antwortete er lächelnd und hoffte, dass Freckles ihm seine Ehrlichkeit nicht übelnahm.

Sie grinste nur. „Ja, sie ist etwas steif und förmlich, aber sie taut bestimmt auf, sobald ich sie mir vorgeknöpft habe.“

Kane erschien Julia eher kalt und leblos – genau wie die Streber in der Highschool, die auf ihn herabgeschaut hatten, weil er in ihren Augen nur ein dämlicher Sportler gewesen war.

„Was macht sie mit dem armen Handy?“, fragte er, als Julia das Gerät schüttelte und aufs Armaturenbrett warf, bevor sie ihren Wagen aus der Einfahrt lenkte.

Freckles seufzte. „Technik ist nicht ihre Stärke. Aber verrat ihr nicht, dass ich das gesagt habe. Sie ist es gewöhnt, immer die Beste zu sein.“

„Ich wette, das wirkt sich nicht gerade positiv auf zwischenmenschliche Beziehungen aus.“

„Das musst gerade du sagen, Kane Chatterson!“, konterte Freckles tadelnd. Sofort bereute er die Bemerkung. Wie immer hatte er ausgesprochen, was ihm als Erstes in den Sinn kam. Er war einfach zu schnell, zu impulsiv. „Wir haben alle unsere Fehler, mein Junge.“

Kane wollte nicht darüber nachdenken, warum er sich seit Monaten praktisch in Sugar Falls versteckte. „Und welche Fehler hast du?“

„Das geht dich nichts an, du kleiner Charmeur!“ Sie verpasste ihm einen Klaps auf den Arm. „Und da wir gerade von Charme sprechen, komm bloß nicht auf die Idee, ihn bei meiner Julia spielen zu lassen, hörst du?“

„Keine Ahnung, was du meinst.“

„Sie ist zu vertrauensvoll und braucht lebenserfahrene Menschen wie uns, die auf sie aufpassen.“

„Das machst du doch schon.“ Und zwar ganz allein, dachte er. Der Mann, der dumm genug war, sich mit Freckles anzulegen, tat ihm jetzt schon leid.

„Vergiss es nicht. Julia ist nicht wie die Major-League-Groupies, mit denen du dich als Baseballprofi vergnügt hast.“

Fast hätte er die Augen verdreht. Wie sollte er seine unrühmliche Vergangenheit hinter sich lassen, wenn er immer wieder darauf angesprochen wurde? Die meisten Leute in der Stadt wussten, dass sie seine Karriere als Pitcher oder den Skandal in Chicago auf keinen Fall erwähnen durften, wenn sie sich länger als fünf Minuten mit ihm unterhalten wollten – was bedeutete, dass diese kleine Plauderei mit Freckles schon viel zu lange dauerte.

„Keine Sorge. Ich mache deiner Nichte einen fairen Preis und habe absolut nicht vor, dort anzuknüpfen, wo ich aufgehört habe.“ Er holte die antiquarische Taschenuhr heraus und ließ den Deckel mehrmals aufschnappen. „Komm, ich nehme dich zum Café mit, damit du mir einen frischen Burrito machen kannst.“

„Wenn du ihn bezahlst.“ Seufzend stieg Freckles in den Bronco. „Meine Nichte ist dir also nicht attraktiv genug?“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Er warf die Beifahrertür heftiger als nötig ins Schloss. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, dass Julia atemberaubend aussah, auch wenn sie ihre klassische Schönheit unter grässlicher OP-Kleidung verbarg. Freckles brauchte nicht zu wissen, wie sein Körper reagiert hatte, als Julia ihm die Hand gegeben hatte.

Kane renovierte noch nicht lange alte Häuser, aber er hatte bereits drei eiserne Regeln aufgestellt.

Regel Nummer eins: Er arbeitete stets allein.

Regel Nummer zwei: Er packte immer ein extra Sandwich ein, für den Fall, dass er keine Mittagspause einlegen konnte – wie fast jeden Tag.

Regel Nummer drei: Er arbeitete nicht für Kunden, die seine Vorstellung nicht teilten. Manche Leute hielten das für mangelnden Geschäftssinn, aber es war nicht so, dass er Geld verdienen musste. Er hatte seine Einkünfte als Profisportler vernünftig angelegt und hätte eigentlich nie wieder arbeiten müssen. Die Baufirma hatte er gegründet, weil er seine Ideen verwirklichen wollte, nicht weil er gern mit Menschen zusammen war.

Ab heute gab es noch eine vierte Regel: keine Dates mit einer Kundin – egal, wie anziehend er sie auch fand. Zum Glück war das kein Problem, denn zusammen mit seinem Baseballhandschuh hatte Kane auch sein Herz an den Nagel gehängt.

„Was stellst du dir für das Haus vor?“, fragte er Julias Tante, bevor er den alten Bronco startete, den er nach Feierabend aufgearbeitet hatte.

Auf der Fahrt in die Stadt hörte er ihr zu und stellte fest, dass alle ihre Vorschläge das genaue Gegenteil davon waren, was ihrer Nichte vorschwebte. Das würde es ihm erleichtern, Regel Nummer drei zu befolgen: Julia und er waren sich darin einig, den Charakter des Hauses zu erhalten.

Kane bog in den Snowflake-Boulevard ein und hielt vor dem Cowgirl-Up-Café, um Freckles abzusetzen. Er versprach ihr, am Mittag vorbeizukommen, und winkte ein paar Einheimischen zu. Dabei achtete er darauf, sein grünes Cap tief ins Gesicht zu ziehen – nur für den Fall, dass Touristen unterwegs waren und ein Autogramm oder gar ein Selfie mit dem legendären Chatterson wollten.

Er hasste diesen Spitznamen.

Ihm gefiel das gemächliche Tempo der Kleinstadt, genau wie die Sicherheit und die Anonymität, die sie ihm bot. Bisher. Der Brawlgate-Skandal geriet langsam in Vergessenheit, und er wollte das Schicksal nicht herausfordern, indem er zu früh aus der Deckung kam. Natürlich vermisste er seinen Sport – nicht mehr im Rampenlicht zu stehen, hatte jedoch etwas für sich. Hin und wieder riefen sein ehemaliger Agent oder Trainer noch an, aber im Großen und Ganzen konnte er tun und lassen, was er wollte – an alten Autos herumwerkeln oder Häuser renovieren zum Beispiel. Und im Moment gab es eine in die Jahre gekommene viktorianische Villa am Pinecone Court, die nach ihm verlangte.

Auf der Fahrt nach Hause holte er den Notizblock unter dem Sitz hervor. Okay, dass er keinen brauchte, war nicht ganz ehrlich gewesen. Er parkte und nahm ein Maßband vom Rücksitz. Da er Freckles die Schlüssel noch nicht zurückgegeben hatte, wollte er sich in Ruhe im Haus umsehen und sich Notizen machen.

Er konnte nur hoffen, dass er sich beim Kostenvoranschlag nicht verrechnete oder irgendetwas falsch schrieb. Hausaufgaben waren nie seine Stärke gewesen, und er wollte nicht, dass Julia ihre süße Nase über ihn rümpfte.

Als Kane am zweiten Donnerstag im November auf den Besucherparkplatz des Shadowview-Militärkrankenhauses einbog, lief seine Gruppensitzung schon fünf Minuten. Na ja, es war nicht seine Sitzung, sondern eine, die von seinem Schwager Drew geleitet wurde.

Am Kiosk in der Eingangshalle holte er sich einen koffeinfreien Frappuccino und eilte mit gesenktem Kopf durch die Korridore, bis er die psychologische Abteilung fand. Dr. Drew Gregson wollte seinen Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung klarmachen, dass ihre Therapie der von Menschen ähnelte, die nach dem Verlust eines Beines wieder das Laufen lernen mussten. Heute Abend traf er sich mit einer neuen Gruppe in einer Art Klassenzimmer – und Kane hasste Klassenzimmer. Zum Glück ging es danach auf den Sportplatz oder in den Kraftraum.

Während seiner Physiotherapie nach der Schulteroperation hatte seine Schwester Kylie ihn überredet, in der Klinik zu trainieren. Drew hatte ihm vorgeschlagen, an dem Programm teilzunehmen, das er für seine PTBS-Patienten entwickelt hatte. Kane tat es gut, die Welt mit den Augen verwundeter Soldaten zu sehen. Verglichen mit deren Schicksal erschienen ihm sein Skandal, das Ende seiner Baseballkarriere und das beunruhigende Interesse an seiner neuesten Kundin geradezu unwichtig.

Er blickte auf die Nummer, die er sich auf die Hand geschrieben hatte, damit er nicht den falschen Sitzungsraum ansteuerte. Deshalb sah er die attraktive Blondine, die gerade aus dem Fitnesszentrum kam, erst, als er mit ihr zusammenstieß.

„Entschuldigung, Darling“, sagte er automatisch und hob den Kopf.

Wow. Die großen grünen Augen kannte er doch. Er war Julia nicht mehr begegnet, seit sie seinen Kostenvoranschlag abgezeichnet hatte. Jetzt trug sie keine Krankenhauskluft, sondern ein sportliches Outfit, das ihre Figur betonte und in dem sie aussah wie eine Frau, die in Hotelbars abhing, um einen Baseballprofi abzuschleppen.

„Mr. Chatterson?“, fragte sie, und Kane versuchte, nicht auf die Träger ihres Sport-BHs zu starren, während er sein Kaltgetränk in die andere Hand nahm.

„Tut mir leid. Ich habe Sie nicht erkannt. In dem Outfit sehen Sie aus wie …“ Wie wer? Eine von Beyoncés Bühnentänzerinnen? Ihm fiel nichts ein, was ihn weniger idiotisch hätte wirken lassen. „Ich habe nicht damit gerechnet, Ihnen hier über den Weg zu laufen.“

Sie hielt ihr Smartphone hoch. „Ich habe diese neue Fitness-App, aber irgendwie habe ich sie wohl falsch programmiert. Sie zeigt mir an, dass ich erst dreißig Kalorien verbrannt habe und mein Puls bei 543 liegt. Am liebsten würde ich das ganze Ding einfach löschen, weil ich meinen Puls selbst messen kann und … Entschuldigung, das wollen Sie wahrscheinlich gar nicht hören.“

Sie tippte noch heftiger auf dem Display herum, bis Kane ihr das Smartphone abnahm. „Lassen Sie mich das machen.“

Sie beobachtete gebannt, wie er die Anwendung entfernte. Er brachte es nicht fertig, ihr zu sagen, dass Touchscreens nicht ihre Stärke waren. Oder dass ihre Nähe ihn an eine ganz andere körperliche Anstrengung denken ließ.

Wütend auf sich selbst, weil er einen solchen Gedanken zuließ, gab er ihr das Smartphone zurück. „Was tun Sie überhaupt hier?“

„Ich arbeite hier.“

„Arbeiten Sie jetzt auch?“ Endlich erlaubte er sich einen Blick auf das enge Sport-Top, das ihre schmale Taille betonte. Sein Mund wurde trocken.

„Ich hatte heute Vormittag eine OP nach der anderen, deshalb wollte ich die Anspannung abbauen, bevor ich mit den Berichten anfange. Normalerweise schwimme ich einige Bahnen, aber der Pool war besetzt, also habe ich stattdessen Ausdauertraining gemacht. Leider habe ich versehentlich das Gerät falsch eingestellt, und es blieb auf der höchsten Stufe, deshalb wollte ich mit dem Smartphone meinen Puls messen. Aber warum erzähle ich Ihnen das?“

„Weil mein Gesicht Leute dazu bringt, sich mir zu öffnen?“ Warum um alles in der Welt flirtete er mit ihr? Weil ihr Anblick ihn kalt erwischt hatte. Und weil sie viel natürlicher und sympathischer wirkte, wenn sie einfach drauflosplapperte.

„Ihre Gesichtszüge sind völlig in Ordnung. Aber Ihre Augen bringen einen dazu, sich wie bei einem Test mit dem Lügendetektor zu fühlen.“

Interessant. Machte er sie etwa nervös?

„Heißt das, mein Gesicht gefällt Ihnen?“ Er hob die Hand, um über seinen Bart zu streichen. Doch dann fiel ihm ein, dass er ihn sich abrasiert hatte, als er nach Sugar Falls gezogen war.

„Die Frage beantworte ich nicht.“

Aber die Röte, die aus ihrem Ausschnitt aufstieg, verriet ihm, dass sein Anblick ihr besser gefiel, als sie zugeben wollte. In seinem Kopf schrillte eine Alarmglocke. Und dann, als hätte sie es auch gehört, straffte sie den Rücken und verschränkte die Arme. „Was tun Sie hier?“

„Ich bin hier, um …“ Kane brach ab. Er konnte ihr schlecht erzählen, dass er hier war, um die Moral der Truppe zu stärken. „… um an einer Sitzung teilzunehmen“, fuhr er fort und nahm seinen Frappuccino wieder in die andere Hand. Hoffentlich registrierte sie nicht, dass der Eingang zur psychologischen Abteilung direkt hinter ihm lag.

Sie tat es, und ihre grünen Augen erweiterten sich.

„Eine Therapie ist nichts, dessen man sich schämen müsste“, sagte sie.

„Nein?“, entgegnete er. „Machen Sie eine?“

„Tante Freckles hat mir geraten, mich intensiv mit … Ach, das ist jetzt nicht wichtig.“

Oh. Die kluge Ärztin hatte ein Geheimnis.

„Ich wollte Sie ohnehin anrufen und fragen, wie Sie mit den Schlafzimmern im Obergeschoss vorankommen.“

Schlafzimmer – er durfte nicht daran denken, dass diese Frau in ihrem hautengen Outfit ihm gegenüber gerade das Wort Schlafzimmer in den Mund genommen hatte. „Na ja, in zwei Räumen sind die Böden fertig. Im Flur auch. Die Treppe müsste nächsten Mittwoch so weit sein. Ich warte noch immer darauf, dass Sie sich wegen der Fliesen fürs Elternbadezimmer melden.“

„Ich möchte so bald wie möglich einziehen. Meine Tante macht sich Sorgen, dass ich kein Privatleben habe, weil ich so nahe an meiner Arbeit wohne und … Entschuldigung, das wollen Sie alles gar nicht hören.“

„Sie wollen einziehen, obwohl das Haus noch nicht fertig ist?“

„Ich verspreche Ihnen, ich werde Sie nicht stören. Meistens bin ich den ganzen Tag in der Klinik, und abends halte ich mich nur in einem Schlafzimmer und dem Bad oben auf.“

„Hören Sie auf, dauernd Schlafzimmer zu sagen“, murmelte er.

„Wie bitte?“

„Ich sagte, ich muss das Schlafzimmer noch zu Ende streichen. Das Bad braucht mindestens eine Woche, sobald ich die Fliesen bestellt habe. Mit der Küche habe ich noch nicht mal angefangen, und Ihre Tante findet, sie muss komplett eingerichtet sein, bevor Sie einziehen.“

Julia seufzte. „Tante Freckles bemuttert mich zu sehr. Sie sollten den flüssigen Eyeliner sehen, den sie mir gekauft hat, damit ich mir Katzenaugen schminken kann.“

Kane gefielen ihre Augen so, wie sie waren, und er arbeitete lieber in unbewohnten Häusern.

„Ich gehe jetzt in mein Büro, um mir die Musterfliesen anzusehen, und dann planen wir meinen Einzug in der nächsten Woche.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie davon.

Offenbar war sie es als Chirurgin und Offizierin gewöhnt, dass ihre Anweisungen befolgt wurden. Kane war jedoch kein Rekrut oder arbeitsloser Tagelöhner. Er hatte zwar keine akademischen Lorbeeren geerntet, aber er hatte zwei Meisterschaften errungen, und sein Foto war zweimal auf der Titelseite von Sports Illustrated erschienen – auch wenn eins davon nicht gerade schmeichelhaft gewesen war.

Wenn sie so mit ihren Mitmenschen umsprang, wunderte es ihn nicht, dass sie kein Privatleben hatte. Falls Frau Doktor glaubte, dass sie so einfach einziehen und ihn herumkommandieren konnte, dann hatte sie sich gehörig getäuscht.

Es hatte Julia nicht gestört, als Freckles eine Einkaufsberaterin engagierte, die ihr Kleider für die Spendengala des Krankenhauses im Dezember vorschlug. Schließlich war es ihr nicht besonders wichtig, was sie an dem Abend tragen würde. Viel problematischer war die Frage, mit wem sie hingehen sollte.

Julia saß an ihrem Schreibtisch, starrte auf das dunkle Display ihres Smartphones und stöhnte auf, als es ihr nicht gelang, die E-Mail ihrer Tante zu öffnen. Sie konnte nur beten, dass Kane Chatterson sie nicht gelesen hatte, als er ihr vor zwanzig Minuten mit dem störrischen Gerät geholfen hatte.

Sie wollte nicht daran denken, wie der Mann sie vorhin angestarrt hatte. Schließlich gab es dringlichere Fragen – zum Beispiel die, wie sie Tante Freckles von ihrem Kleiderschrank und ihrem Privatleben fernhalten sollte. So schwer konnte es doch wohl nicht sein, selbst einen Begleiter zu finden. Sie musste sich nur entscheiden, was für eine Art von Mann sie wollte, und sich auf die Suche danach machen. Sie stopfte sich ein paar Schokorosinen in den Mund, während sie Eigenschaften, die ein Mann für mich haben sollte oben auf den Notizblock schrieb.

Aber das einzige Bild, das ihr in den Sinn kam, war Kane Chatterson – mit wachsamem Blick, breiten Schultern und unverfälschter Ausstrahlung. Sicher, bei der Navy hatte sie viele Männer kennengelernt, aber Uniformen waren langweilig verglichen mit verwaschenen Jeans und Flanellhemden, wie sie ihr Bauunternehmer über den kräftigen Muskeln trug. Zugleich war er schlank und sehnig wie jemand, der selten zur Ruhe kam. Außerdem wirkte er auf sie konzentrierter als ein Medizinstudent vor der ersten Zwischenprüfung – dauernd schaute er sich um, als wollte er sich jedes Detail in seiner Umgebung merken, um auf alles und jeden vorbereitet zu sein.

Bisher hatte sie an ihm außer einem herablassenden Lächeln nur ein permanentes Stirnrunzeln wahrgenommen. Angesprochen hatte er sie lediglich, um sie zu fragen, welche Farbe sie an den Wänden haben wollte. Umso schockierter war sie gewesen, als er sie vorhin im Krankenhausflur Darling genannt hatte und sie anstarrte, als hätte er seinen Kaffee auf sie gekippt und wollte ihn an Ort und Stelle von ihr ablecken.

Dann hatte sie etwas von Therapie gesagt, und er hatte sich wieder in einen zurückhaltenden, distanzierten Mann verwandelt. Ihr war nichts Intelligenteres eingefallen, als von Schlafzimmern und Eyelinern zu reden und so gefasst davonzugehen, wie es das beunruhigende Kribbeln an ihrem Nacken erlaubte.

Hör auf, daran zu denken, was zwischen euch auf dem Klinikkorridor passiert ist. Kein Wunder, dass ihre Tante ihr nicht zutraute, sich selbst einen passenden Begleiter für die Spendengala zu suchen.

Lächerlich. Sie konnte es. Julia hatte immer alles geschafft, was sie sich vorgenommen hatte, und würde es auch diesmal schaffen.

Sie schaute auf die leere Seite und begann zu schreiben.

– Muss in Flanell gut aussehen.

– Muss eine sexy Stimme haben.

– Muss mich ansehen, als wäre ich die Schlagsahne auf seinem Frappuccino.

Nein, das hier war lächerlich. Sie riss die Seite aus dem Block und warf ihn in den Papierkorb neben dem Schreibtisch. Seit der katastrophalen Beziehung mit einem ihrer Professoren vor ein paar Jahren wollte Julia überhaupt keinen Mann mehr. Sie wusste, dass ihr fehlendes Privatleben alles andere als normal war, aber bisher hatte es ihr nichts ausgemacht. Tante Freckles schien es allerdings sehr wichtig zu sein, dass sie sich anpasste. Und wenn sie normal sein oder wenigstens normal wirken wollte, so musste sie sich mehr Mühe geben.

Julia begann mit einer neuen Liste und ließ alles weg, was irgendwie an Kane Chatterson erinnerte.

Sie war gerade fertig, als es an der Bürotür klopfte. Chief Wilcox, ihre medizinische Assistentin, kam herein. „Haben Sie die OP-Berichte fertig? Der Physiotherapeut hat schon danach gefragt.“

„Ja, sie müssten in der Onlineakte des Patienten sein“, sagte sie zu der Soldatin, die einen pinkfarbenen Rucksack über der Schulter trug und offenbar Feierabend machen wollte.

„Dort habe ich nachgesehen.“

„Ich habe sie nach meinem Workout abgespeichert.“ Sie rief die Akte auf ihrem iPad auf. „Oh! Offenbar habe ich sie nicht abgeschickt. Okay, jetzt müssten die Berichte in der Akte sein. Ich rufe den Physiotherapeuten gleich an.“ Sie sah die Assistentin an. „Sie sehen aus, als wollten Sie ins Wochenende.“

Das war keine sehr geistreiche Feststellung. Julia wollte nicht, dass die Frau sie für unprofessionell hielt, aber wie sollte sie ihre Mitarbeiter sonst kennenlernen?

„Ja, das will ich. Einige von uns wollen eine Wanderung zum Sugar River unternehmen. Ich muss noch meine Ausrüstung zusammenpacken, und Chief Filbert hat mich für den Proviant eingeteilt, also muss ich mich darum auch noch kümmern.“

Julia hatte keine Ahnung, wer Chief Filbert war, aber das Gefühl der Enttäuschung, das sie gerade beschlich, kam ihr vertraut vor. Nicht, dass sie oft zelten ging, aber es war auch ihr freies Wochenende, und niemand hatte daran gedacht, sie zu fragen, ob sie vielleicht mitwollte. Genauso war es bei gemeinsamen Happy Hours oder in der Mittagspause. Es war einfacher, sich uninteressiert zu geben, als sich anmerken zu lassen, dass sie sich ausgeschlossen fühlte.

„Viel Spaß. Wir sehen uns am Montag um sechs Uhr.“

„Aye, aye, Captain“, erwiderte Wilcox. Julia schloss die Augen und erinnerte sich an ihren ersten Tag in der Highschool. Sie war erst zwölf und so dumm gewesen, mehrere Cheerleader zu fragen, ob sie an deren Tisch sitzen durfte. Eine Weile hatten die Schulschönheiten sie als eine Art Maskottchen ertragen, aber damit war es vorbei gewesen, als Julia mühelos bessere Englischnoten als die älteren Mitschüler bekam.

Auf dem College war es ihr nicht besser ergangen. Erst im Medizinstudium war es ihr egal gewesen, was andere von ihr dachten. Sie hatte ihr Cello, ihr Schwimmen und ihre Fachbücher und keine Zeit für Drinks zum Semesterbeginn oder nach den Abschlussprüfungen – selbst wenn sie alt genug gewesen wäre, um mit ihren Kommilitonen durch die Bars zu ziehen.

Nach dem Examen wollte sie in die Forschung gehen, aber dann sah sie eine Dokumentation über Frauen beim Militär. Die Ordnung und Disziplin bei der Navy erinnerten sie an ihre strikt geregelte Kindheit und trösteten sie über ihr fehlendes Privatleben hinweg. Sie fand genug Gründe, um auch abends in ihrem Büro zu arbeiten, anstatt in ihrer spartanischen Unterkunft ein Tiefkühlgericht in die Mikrowelle zu schieben.

Warum um alles in der Welt machte sie sich plötzlich darüber Gedanken? Sie zog das Haarband vom Pferdeschwanz und massierte die Schläfen, bevor sie sich zu den Fliesen umdrehte, die sie auf dem niedrigen Aktenschrank abgelegt hatte. Mit den Fingern strich sie über die glatten Oberflächen der farbenfrohen Muster. Kane hatte neutrale Farben vorgeschlagen, weil das Haus dann einfacher weiterzuverkaufen wäre. In einigen der Wohnzeitschriften, die sie durchgeblättert hatten, waren weiße Badezimmer angesagt, aber die Chirurgin in ihr befürchtete, dass sie eine so sterile klinische Umgebung bald leid sein würde.

Julia lehnte die blau-grünen Mosaikfliesen gegen die Fachbücher auf dem Schreibtisch. Sollte sie die in der Duschkabine im Verbund verlegen lassen? Oder würden sie die weißen Schränke und die weiße Wanne farblich erschlagen?

Sie schüttelte mehr Schokorosinen aus der Schachtel, aber auch die halfen nicht gegen Kanes Stimme in ihrem Kopf. Sie versuchte, die Wärme zu ignorieren, die sie durchströmte, sobald sie an seinen bewundernden Blick vor dem Fitnessbereich dachte.

Je früher sie sich für die Farben im Bad entschied, desto früher konnte sie sich wieder auf die wichtigeren Fragen konzentrieren – zum Beispiel, was für ein Kleid sie zur Spendengala tragen und mit wem sie hingehen sollte. Julia nahm sich noch eine Handvoll Schokorosinen und zwang sich, nicht an Kanes Mund zu denken. Aber dann wurde ihr bewusst, dass die blau-grünen Fliesen exakt die Farbe seiner Augen hatten. Würde sie beim Duschen seinen Blick auf ihrem nackten Körper fühlen?

Sie streckte die Hand nach den weißen Fliesen aus, überlegte es sich jedoch anders und griff nach ihrem Smartphone. Sie machte ein Foto und schickte Kane eine E-Mail, um keine Zeit mehr mit gefährlichen und unproduktiven Überlegungen zu verschwenden – und um seine sexy Stimme aus ihrem Hinterkopf zu vertreiben.

Kane kam einfach nicht zur Ruhe. Normalerweise reichten ein langer, harter Arbeitstag und ein anstrengender Lauf nach dem Abendessen aus, damit er nach höchstens dreißig Minuten einschlief und seine gewohnten sechs Stunden Schlaf fand. Immer wieder musste er daran denken, wie seine neue Kundin in dem engen Sportdress ausgesehen hatte. Nach einer Weile gab er auf und beschloss, am Laptop ein paar Rechnungen zu schreiben, bis ihm vor Langeweile die Augen zufallen würden.

Er schaltete die Lampe am Bett ein, klappte das Laptop auf, checkte seine E-Mails, und sofort fiel sein Blick auf genau den Namen, der für seine spätabendliche Rastlosigkeit verantwortlich war. Er öffnete Julias Nachricht, klickte das angehängte Bild an und starrte auf ihre Fliesenauswahl. Eines musste er Julia lassen – ihr Geschmack war nicht gerade exotisch. Er kniff die Augen zusammen. Auf dem gelben Block, der neben den Fliesen lag, hatte sie etwas notiert.

Kane beugte sich vor und las Eigenschaften, die ein Mann für mich haben sollte.

Was um alles in der Welt war das? Ganz offenbar war die Notiz nicht für ihn gedacht. Aber wie ein Pitcher, der zum Wurf des Baseballs ausgeholt hatte, konnte er jetzt nicht aufhören. Warum zum Teufel sollte sie eine so alberne Liste aufstellen?

Vorausgesetzt, sie hatte den Text selbst geschrieben.

Kein Zweifel, es war ihre Handschrift. Sie hatte oft genug Anweisungen und Vorschläge im Haus hinterlassen, und er vermutete, dass Julia sich über jede Liste, die sie schrieb, ausgiebig den Kopf zerbrach. Freckles hatte in der letzten Woche hin und wieder erwähnt, dass ihre Nichte Single war und kein Privatleben hatte. Vielleicht hatte Julia einfach nur genug vom Alleinsein und wollte etwas dagegen unternehmen.

Er holte tief Luft und überflog ihre Liste. Verdammt, hatte sie irgendetwas notiert, was auch nur annähernd auf ihn zutraf?

– Muss gern ausgehen.

Nein, das tat er nicht. Jedenfalls nicht, seit seine Karriere abgestürzt war.

– Muss gebildet sein und über aktuelle Ereignisse reden können.

Auch das traf nicht auf ihn zu. Kane Chatterson hatte in der Highschool kaum lange genug stillsitzen können, um den Abschluss zu schaffen. Und das vermutlich auch nur, weil er den Lehrern leidtat und sein Vater einen großzügigen Betrag für die Bibliothek gespendet hatte.

– Muss geduldig sein und darf nie die Nerven verlieren.

Kylie hatte ihm einmal gesagt, er habe die Geduld eines Kolibris.

– Muss gern schwimmen oder einen ähnlich vernünftigen Sport treiben.

Na ja, verglichen mit Rugby, Eishockey oder Wrestling konnte Baseball durchaus zivilisiert sein. Aber wie drei Millionen Youtube-Betrachter bezeugen konnten, war sein skandalöser Auftritt vor zwei Jahren alles andere als zivilisiert gewesen.

– Stark.

In welcher Hinsicht? Vor seiner Schulterverletzung hatte er es im Kraftraum mit jedem aufnehmen können, aber Erica, seine Ex, hatte ihn einmal emotional verschlossen und feige genannt. Also stand es, was Stärke anging, bei ihm wohl eher fifty-fifty.

– Geschickte Hände.

Kane schaute auf seine rauen, schwieligen Handflächen und fragte sich, wie sie gegen Frau Doktors lange, schmale und Leben rettende Finger abschneiden würden. Hmm.

Flanell.

Er warf einen Blick auf seinen offenen Kleiderschrank und die karierten Hemden, die nach Farben geordnet darin hingen. Vermutlich suchte sie eher nach einem Mann, der im Bett Flanellpyjamas oder andere konservative Outfits trug.

Kane streckte sich aus und unterdrückte ein schadenfrohes Lächeln. Bestimmt wäre Julia schockiert, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Unter der Decke war er nämlich splitternackt. Die Vorstellung, die attraktive Ärztin könnte ihn so, wie er jetzt war, im Bett sehen, war so erregend, dass er den Laptop auf seinem Schoß etwas nach unten schieben musste.

Vielleicht sollte er die Regeln, die er sich auferlegt hatte, noch einmal überdenken. Vor allem die Regel, die es ihm verbot, mit Kundinnen auszugehen. Oder daran zu denken, wie sie ihr feuchtes blondes Haar aus dem geröteten Gesicht strichen.

Kane schüttelte den Kopf und versuchte, sich Julia in schlichter blauer Klinikkleidung und einem zu großen weißen Kittel vorzustellen. Frustriert knallte er das Laptop zu, aber dann fiel ihm ein, dass sie in einer Woche ihr Haus beziehen wollte. Bis dahin musste er möglichst viele Arbeiten erledigen, damit er ihr nicht im Obergeschoss über den Weg lief – in der Nähe ihres Schlafzimmers. Er klappte den Computer wieder auf und ging auf die Seite des Baumarkts, um die Fliesen zu bestellen.

Danach löschte er das Licht, obwohl er wusste, dass er nicht schnell einschlafen würde. Wenige Minuten später zog er den Computer wieder zu sich und schickte Julia eine Antwort.

FLIESEN BESTELLT. MÜSSTEN NÄCHSTEN MITTWOCH DA SEIN. In letzter Sekunde fügte er noch etwas hinzu. KÜCHE NOCH NICHT FERTIG. Vielleicht würde sie das dazu bringen, ihren Einzug zu verschieben.

Julia trug den letzten Karton aus ihrer Unterkunft und schob ihn auf den Rücksitz ihres roten Mini Coopers. Wie traurig war es, dass alles, was sie besaß, in ein Auto passte, das kaum größer als ein Schließfach war? Na ja, technisch gesehen war da noch der Dachboden der Stadtvilla in Georgetown, auf dem ihre Erbstücke, die Fotoalben und die persönliche Habe ihrer Eltern lagerten. Aber all das hatte sich nie angefühlt, als würde es ihr wirklich gehören.

Trotzdem, irgendwann würde sie sich um den Nachlass kümmern oder es einem ihrer Anwälte überlassen müssen. Sie blickte auf die Uhr und schätzte, dass sie es nicht vor Sonnenuntergang nach Sugar Falls schaffen würde. Das war gut so, denn sie wollte nicht Kane Chatterson begegnen und sich von ihm fragen lassen, ob sie sich ein Kochbuch besorgt hatte, wie sie es Tante Freckles versprochen hatte.

Als sie eine halbe Stunde später in den Pinecone Court einbog, stand der Ford Bronco vor ihrem Haus. Die rostigen Stellen waren unter einer mattgrauen Lackschicht verschwunden. Sie atmete tief durch. Sie musste sich wirklich daran gewöhnen, dem Mann hin und wieder zu begegnen. Schließlich hatte sie ihn engagiert, ihr neues Zuhause zu renovieren.

Sie war keine naive Neunzehnjährige mehr, die eine Affäre mit ihrem Professor für die Liebe ihres Lebens hielt. Sie war dazu ausgebildet, Befehle zu erteilen, und griff als erfahrene Chirurgin auf eiserne Nerven zurück. Sie würde doch wohl mit einem kleinstädtischen Bauunternehmer fertigwerden – auch wenn er sie mit Blicken verschlang, als wäre ihm jeder Zentimeter ihres Körpers aufs Intimste vertraut.

Julia parkte, holte ihren Rucksack und einen der Kartons vom Rücksitz und betrat das Haus. Von oben kam Musik, und aus dem Küchenbereich duftete es leicht nach Knoblauch. Sie stellte den Karton ab, stieg die fast fertige Treppe hinauf und folgte Duke Ellingtons Pianoklängen in ihr Schlafzimmer, in dem der Kronleuchter bereits den Raum in helles Licht tauchte. Als sie die Tür zum Bad erreichte, erstarrte sie.

Hinter der altmodischen Wanne mit den Klauenfüßen stand Kane Chatterson in verwaschenen Jeans und mit nichts als Farbspritzern auf dem nackten Oberkörper, den muskulösen Arm ausgestreckt, um den Fensterrahmen zu streichen.

Nur mit Mühe ignorierte sie ihre plötzlich weichen Knie. Seine Pinselstriche passten sich dem Tempo der Musik aus dem drahtlosen Lautsprecher an, der auf dem Waschtisch stand. Die Muskeln an seinem Rücken bewegten sich im Rhythmus der Jazzmusik. Draußen war es längst so dunkel, dass die Fensterscheibe einem Spiegel glich, in dem sie erkennen konnte, wie sehr er sich auf die Arbeit konzentrierte. Er befand sich in seiner eigenen kleinen Welt und merkte nicht, dass sie ihn beobachtete.

Ihr Verstand forderte sie auf, sich laut zu räuspern, die Musik leiser zu drehen oder ihn auf andere Weise auf sich aufmerksam zu machen. Leider benahm ihr Körper sich nicht so professionell. Verlangen stieg in ihr auf, bis sie kaum noch Luft bekam. Sie wusste nicht, wie lange sie einfach dastand, so vertieft in seine Bewegungen. Als sich ihre Blicke trafen, setzte ein langsames Saxophonstück ein. Kam das Schwindelgefühl in ihrem Kopf von den Farbdämpfen oder davon, wie er sie ansah?

3. KAPITEL

Kane war so vertieft in seine Arbeit, dass er keine Ahnung hatte, wie lange Julia schon so dastand. Er wehrte sich gegen das allzu vertraute Gefühl der Verlegenheit, bevor er sich vom Fenster abwandte und so tat, als würde es ihm nichts ausmachen, dass sie ihn heimlich beobachtet hatte. Sie trug einen roten Pullover über der Klinikkleidung, und er atmete auf, zugleich erleichtert und enttäuscht, dass sie nicht das sportliche Outfit anhatte.

„Hey“, sagte er und räusperte sich. Dann legte er den Pinsel hin und ging zu seinem iPhone, um die Musik auszumachen. „Ich habe Sie noch gar nicht erwartet.“

„Es ist sieben“, antwortete sie, die grünen Augen groß und mit stacheligen Wimpern.

„Wow. Ich muss wirklich anderswo gewesen sein.“

So hatte sein Dad es immer genannt. Seine Mom hatte es als überkonzentriert bezeichnet. Für ihn war es einfach nur ein ärgerliches Symptom seines ADHS.

„Ich … wollte Sie nicht erschrecken“, sagte sie, aber ihm fiel auf, dass sie ihn dabei nicht anschaute. Nein, das stimmte nicht – sie schaute ihn an, aber blickte ihm nicht ins Gesicht. Er schluckte und musste an ihre Liste denken. Sollte er ihr vorschlagen, dass sie gutes Aussehen hinzufügte? Nicht, dass er sich übermäßig attraktiv fand, aber nach vielen Jahren als Profi in Hotels, in denen er von Groupies und Trikotjägerinnen verfolgt worden war, wusste er, wann eine Frau ihn mit ihren Blicken auszog.

„Das ist eine ziemlich große Inzision“, stellte sie fest. Sie sagte nicht Narbe, nicht Wunde, sondern Inzision. Vielleicht musterte sie ihn nur mit den Augen einer Chirurgin. Erstaunt registrierte er, wie enttäuscht er darüber war. „Wann hatten Sie die Schulter-OP?“

Er blickte erst auf die Schulter, dann auf sie. „Sie haben also von meiner Operation gehört?“

„Nein. Ich sehe sie Ihnen nur an.“

Natürlich.

„Der Operateur hat einen deltoideopektoralen Zugang gewählt. Das wird normalerweise nur bei einer proximalen Humerusfraktur gemacht.“

„Sie drücken sich gern geschwollen aus, Doc.“

„Sehen Sie“, sagte sie. Er versuchte, nicht zusammenzuzucken, als sie mit dem Finger über die Narbe strich, „der Schnitt verläuft vom äußeren Ende der Clavicula zum Coracoid und folgt dem medialen Rand des Deltamuskels. Warum benötigt jemand in Ihrem Alter einen so umfangreichen Eingriff?“

Würde sie ihm glauben, wenn er Autounfall antwortete? Vermutlich nicht. Aber in diesem Moment, während er ihren Finger an seinem Körper fühlte, wollte er nicht über den wütenden Spieler denken, der ihn mit einem Louisville Slugger attackiert hatte. „Die Verletzung stammt von einem Baseballschläger.“

„Hmm.“

Sein Blick fiel auf ihren Mund. Sie trug kein Make-up, nicht mal Lippenstift.

„Das muss ja ein gewaltiger Schläger gewesen sein. Trotzdem …“

Als sie den Kopf schüttelte, nahm er den Duft ihres Shampoos wahr. „Trotzdem was?“

„Ein stumpfes Trauma vom Kontakt mit einem Schläger würde keine so aufwendige OP erfordern. Meistens geht eine Humerusfraktur mit pathologischen Frakturen einher. Bei Ihnen muss eine frühe Form der Osteoporose diagnostiziert worden sein.“

Ihre Worte trafen ihn, als hätte sie ihm einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gekippt. Er machte einen Schritt von ihr weg. Natürlich hatte seine Schulter unter den Belastungen gelitten, die eine Karriere als Baseballprofi mit sich brachte, aber er hatte nicht auf die Ärzte gehört. Er war selbst schuld gewesen. Arturo Dominguez hatte ihm nur den Rest gegeben.

„Kann schon sein“, sagte er und drehte sich ruckartig um. Er wollte nicht über die Verletzung reden, die seine Karriere beendet hatte. Auch nicht über die Vorschäden, vor denen seine Trainer ihn gewarnt hatten. Und erst recht wollte er nicht den berauschenden Duft ihres blonden Pferdeschwanzes einatmen. Kane ging dorthin, wo er seine Werkzeugtasche gelassen hatte, und zog sein T-Shirt an. „Ich habe das Bad fertig gemacht, damit Sie einziehen können. Wie Sie sehen, ist der Rest des Hauses noch in Arbeit.“

Er griff sich die Leiter und eilte nach unten. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Julia ihm in den weniger intimen Bereich des Hauses folgte. Als er das Ende der Treppe erreichte, atmete er auf.

„Das Elternschlafzimmer und das Bad sind perfekt“, sagte sie, und gegen seinen Willen freute er sich über das Kompliment. „Sie sehen besser aus, als ich zu hoffen wagte. Sie haben sogar die Treppe repariert, also muss ich keine Angst haben, dass meine Clogs in dem verrotteten Holz verschwinden.“

Er riskierte einen Blick auf ihre purpurfarbenen Schuhe. Die Dinger brauchten mehr als ein Loch im Boden, um hübsch auszusehen, aber das sprach er nicht aus. „Brauchen Sie Hilfe beim Einzug?“

„Nein, das schaffe ich allein. Ich habe nur noch ein paar Kartons im Wagen. Außerdem habe ich die Pizza in der Küche gesehen und will Sie nicht von Ihrem Abendessen abhalten.“

„Die Pizza ist für Sie“, erwiderte er und folgte ihrem Blick zu der weißen Schachtel mit dem Aufdruck Patrelli’s auf dem Tisch, den er aus zwei Sägeböcken und einer Sperrholzplatte gebaut hatte. „Ihre Tante hat sie vorbeigebracht. Ich sollte sie warm stellen, aber wie Sie sehen, gibt es noch keinen Ofen.“

Julia antwortete nicht, und er hoffte, dass sie gerade dabei war, sich das mit dem Einzug noch einmal zu überlegen. Nicht, dass sie einen Ofen brauchte, um etwas zu erhitzen. Kane bezweifelte, dass sein Körper eine weitere so intensive Begegnung wie im Bad überleben würde. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt gewesen, ihr Mund viel zu nahe an seinem. Sein Blut brodelte noch immer davon, wie sie ihn angesehen hatte.

Verschwinde, Chatterson. Hau ab, bevor du etwas tust, was du noch bereuen wirst. Er deponierte die Leiter im Hauswirtschaftsraum und zeigte auf die mit einer Plane abgedeckten Küchenschränke. „Die baue ich morgen ein, aber Sie müssen noch die Geräte aussuchen, wenn alles Freckles’ Ansprüchen genügen soll.“

„Ich bin keine besonders gute Köchin. Noch nicht. Aber ein Kühlschrank wäre ganz praktisch.“

Kane ging zu der kleinen Kühlbox, die er mitgebracht hatte. „Möchten Sie ein Wasser oder einen Powerdrink?“

Der Frau in ihrem eigenen Haus etwas anzubieten, kam ihm seltsam vor. Aber ihre Liste mit wünschenswerten Männereigenschaften verriet, dass sie es vermutlich nicht gewöhnt war, Männer zu bewirten. Noch nicht – zweifellos war auch das eine Sache, die Julia in Angriff nehmen würde.

Bei der Vorstellung, dass sie einen Kerl herbrachte, drückte er die Wasserflasche so fest, dass sich fast der Deckel löste.

„Nein danke, ich habe etwas zu trinken im Wagen.“ Sie zögerte. „Möchten Sie etwas von meiner Pizza?“

Als sein Bauch antwortete, wurde ihm bewusst, dass er seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte. Das war noch eine Nebenwirkung seines Aufmerksamkeitsdefizits und seiner Hyperaktivität – er vergaß, rechtzeitig eine Pause einzulegen. Fühlte Julia sich ein wenig einsam? Er fand es traurig, dass an einem Freitagabend niemand gekommen war, um ihr beim Einzug in ihr neues Zuhause zu helfen. „Gern. Wir holen die Sachen aus Ihrem Wagen, dann essen wir, einverstanden?“

„Danke.“

Es war leichtsinnig, auch nur noch eine Minute länger mit ihr unter einem Dach zu bleiben. Aber er würde sich wohl daran gewöhnen müssen, sie zu sehen und sich zu beherrschen – anstatt sie an sich zu ziehen und ihr zu zeigen, was ihre Nähe in ihm auslöste.

Er folgte ihr und wäre fast über einen im hohen Gras stehenden Karton gestolpert. „Verdammt, das ist der Duschkopf, den ich fürs Elternbad bestellt habe. Ich wollte ihn heute Nachmittag installieren, aber offenbar habe ich den Kurier nicht gehört.“

Julia zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. Hauptsache, die Wanne ist in Betrieb. Ich freue mich schon auf ein langes heißes Bad nachher.“

Schlagartig reagierte sein Körper auf das Bild von Julia splitternackt unter einem Schaumberg. Hastig zügelte er seine Fantasie.

„Hier.“ Sie reichte ihm eine kleine Einkaufstüte. „Die dürfte nicht zu schwer sein.“

Sein Stolz war getroffen. „Ich kann mehr als das tragen.“

„Was ist mit Ihrer Schulter?“

„Der geht es bestens.“ Er griff nach einem weiteren Karton und einer Tasche, die vermutlich Krankenhauskleidung enthielt. „Wo ist der Rest? Kommt er später?“

„Das ist alles.“

War das ihr Ernst? Die meisten Frauen, mit denen er zusammen gewesen war, hatten für eine Woche Urlaub doppelt so viel mitgenommen.

„Was ist mit Möbeln?“

Wieder zuckte sie mit den Achseln. „Die werde ich wohl noch kaufen müssen.“

„Sie haben kein Bett? Wo wollen Sie heute Nacht schlafen?“

„Ich mache ein Campout.“

„Ein was?“

„Ein Campout.“ Ihr freudiges Lächeln blendete ihn fast. „Das wollte ich schon als Kind immer. Sie wissen schon, mit Decken und Kissen eine Festung im Wohnzimmer bauen. Meine Eltern wollten keine Unordnung. Jetzt beginne ich mein neues Leben in meinem neuen Haus, in dem ich endlich meine eigenen Regeln aufstelle.“

Kein Wunder, dass sie so förmlich und steif war. Bei den Chattersons war der Fußboden immer mit Laken, Decken und Spielzeugen übersät gewesen. Mit vier Geschwistern war das Leben chaotisch, aber lustig gewesen und … Augenblick mal. Ein Basset trottete die Einfahrt entlang und verschwand im Garten neben dem Haus. Hatte sie sich einen Hund gekauft?

Kane drehte sich um und wollte sie gerade fragen, ob denn in der Offiziersunterkunft Haustiere erlaubt waren, als er mit der verletzten Schulter gegen den Türrahmen prallte. Laut fluchend ließ er die Last fallen, die er angeblich mühelos tragen konnte.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie halb besorgt, halb entsetzt über seinen nicht druckreifen Ausbruch.

„Ja. Ich habe nur nicht aufgepasst.“

„Lassen Sie mich mal sehen.“ Sie stellte ihren Karton ab.

„Wirklich, es geht mir gut.“ Das Letzte, was er jetzt brauchte, waren ihre Hände an seinem Körper – auch wenn er diesmal angezogen war. „Ich bin manchmal etwas trampelig, also machen mir ein paar Beulen und blaue Flecken nichts aus. Wie wäre es jetzt mit der Pizza?“

Sie musterte ihn skeptisch, aber er biss die Zähne zusammen und ließ die Schulter kreisen. „Sehen Sie? Keine große Sache.“

Er ging zum provisorischen Tisch, öffnete die weiße Pappschachtel und runzelte die Stirn. „Sieht aus, als hätten sie das Fleisch vergessen.“

Ihr blonder Pferdeschwanz wippte vor und zurück. „Haben sie nicht. Ich bin Vegetarierin.“

Kane schüttelte sich. „Weiß Ihre Tante das?“

„Sie meint, das wächst sich aus, wenn ich erst mal in den Dreißigern bin.“

„In den Dreißigern?“, wiederholte er verblüfft. „Wie alt sind Sie jetzt?“

„Neunundzwanzig.“ Sie straffte die Schultern, und er vermutete, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Und wenn schon.

„Aber ich dachte, Sie sind Chirurgin. Dauern das Medizinstudium und die Ausbildung zum Facharzt nicht sehr lange?“

„Das Studium dauert mindestens vier Jahre, die Ausbildung zum Neurochirurgen noch mal sechs oder sieben.“

„Aber das kann nicht sein“, erwiderte er und sah, wie ihre grünen Augen sich verdunkelten. Er versuchte, die Jahre zusammenzuzählen, aber sie war schneller.

„Ich habe die Highschool mit vierzehn abgeschlossen. Mit siebzehn habe ich den Bachelor in Naturwissenschaft gemacht, dann habe ich das Medizinstudium schnell absolviert und fing als Assistenzärztin an, als ich das Offizierspatent bekam.“

Verblüfft starrte er sie an. Als Teenager hatte sie schon ein höheres Bildungsniveau erreicht als er jetzt. Das allzu vertraute Schamgefühl griff nach ihm.

„Warum berühren Sie dauernd Ihren Mund und das Kinn?“, fragte sie. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er es tat, und versteckte die Hände in den Hosentaschen. „Ist das ein nervöser Tick oder so etwas?“

„Natürlich nicht.“ Für eine Frau, die kein Privatleben hatte, war sie eine verdammt gute Beobachterin. Um die verräterische Geste zu tarnen, hatte er sich als Profi einen Bart wachsen lassen, damit die gegnerische Mannschaft ihm nicht ansah, wie nervös er war. Doch das würde er jetzt nicht zugeben. „Ehrlich gesagt, seit eine gewisse Frau bei mir den Heimlich-Handgriff praktizieren wollte und mich darauf hingewiesen hat, dass ich Spinat zwischen den Zähnen habe, achte ich darauf, ob ich etwas im Gesicht habe.“

Julia errötete. „Das tut mir leid. Ich dachte wirklich, Sie ersticken!“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Scooter und Jonesy haben sich köstlich amüsiert. Sie haben nicht zufällig Teller in den Kartons?“

„Teller? Ach ja.“ Sie strich über ihren perfekt sitzenden Pferdeschwanz. „Die werde ich wohl auch noch brauchen. Ich musste nie ein ganzes Haus einrichten und wollte vor allem Schafzimmer und Bad bewohnbar machen. An Geschirr habe ich noch gar nicht gedacht.“

Im Ernst? Sie hatte die Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium in einem Alter bestanden, in dem er den Führerschein gemacht hatte, und jetzt vergaß sie fast ihren kompletten Hausstand?

„Die meisten Frauen, die ich kenne, würden nicht im Traum ein Haus beziehen, ohne es Monate vorher zu planen.“

„Ich gehöre nicht zu den meisten Frauen.“

Er zwang sich, sie nicht von Kopf bis Fuß zu mustern. Stattdessen reichte er ihr ein kaltes Stück Pizza mit … Was war das? Karotten? Wer belegte eine Pizza mit Karotten?

„Danke“, sagte sie und sah alles andere als dankbar aus. Tja, Julia, dachte er, selber schuld, und er bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Er biss in den mit Gemüse bedeckten Käse, um nichts zu sagen, was er später bereuen würde.

Das erwies sich als großer Fehler, denn seine Speiseröhre wehrte sich gegen ein Stück Brokkoli. Er musste mehrmals husten. Als Julia ihn besorgt betrachtete, machte er eine abwehrende Handbewegung. Das Letzte, was seine hypersensitiven angespannten Muskeln jetzt brauchten, waren ihre Arme um seine Brust.

„Es geht mir gut. Aber hätte es Freckles umgebracht, eine zweite Pizza für einen armen Bauunternehmer zu bestellen? Eine mit Peperoni und Salami?“

„Ich gebe Ihnen etwas zu trinken.“ Sie holte eine gelb-grüne Dose aus ihrer Einkaufstüte und riss sie auf.

Seine Augenbrauen zuckten bis zum Haaransatz hoch. „Sie essen kein Fleisch, aber so etwas trinken Sie?“

„Ich weiß, das ist ein Widerspruch, aber als Kind durfte ich kein Junkfood essen. Ich konnte meinen Eltern jedoch klarmachen, dass mir ein Energydrink zusätzliche Power verpasst und ich dadurch länger für die Schule lernen kann.“

Ma und Pa Fitzgerald mussten ja echte Stimmungskanonen gewesen sein. Wieder tat Julia ihm leid. Er hatte wenigstens eine glückliche Kindheit gehabt.

Er schüttelte den Kopf, als sie ihm den Energydrink reichte. „Nein, danke. Wenn ich das trinke, bleibe ich die ganze Nacht auf.“

Er pflückte das schlimmste Gemüse von der Pizza und warf es in den schwarzen Müllsack, den er in einer Ecke aufgestellt hatte. Sie aßen die kalte Mahlzeit im Stehen, und Kane wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Als er das dritte Stück geschafft hatte, waren seine Beine so rastlos, dass er hin und her ging.

„Es ist schon ziemlich spät“, sagte er schließlich. „Ich hole mein Werkzeug aus Ihrem Zimmer, damit Sie sich einrichten können.“

„Gut. Ich wasche mir rasch die Hände.“ Er konnte nur hoffen, dass sie Seife mitgebracht hatte.

Die Seife ließ ihn an Schaum denken, an sie in der Wanne und …

Mann, er musste weg von hier. Er nahm zwei Stufen auf einmal und griff sich die Werkzeugtasche und den Lautsprecher. Er war halb aus der Haustür, als ihre Stimme ihn aufhielt.

„Meinen Sie, Sie können mir mit einer Liste helfen?“, fragte sie.

Er erstarrte. Welche Liste? Die mit den Männereigenschaften? „Kommt darauf an.“

Er hörte sich an, als hätte er noch immer Brokkoli im Hals, und seine Füße fühlten sich an, als steckten sie in Beton.

Sie biss sich auf die Lippe. „Ich habe morgen nur Bereitschaft, also wollte ich einkaufen gehen. Ich hatte gehofft, dass Sie mir sagen können, was ich besorgen muss. Ich würde Freckles bitten, aber am Wochenende herrscht im Café Hochbetrieb. Außerdem würde sie mir wahrscheinlich eine Menge Sachen für die Küche aufschwatzen, die ich nie benutze.“

Verdammt. Kane kannte seine Antwort, bevor er sie aussprach. Er war lange genug älterer Bruder gewesen. Keine Frage, sie brauchte jemanden, der auf sie aufpasste. Außerdem würde er noch ein paar Monate hier arbeiten, da wäre es ganz in seinem Sinn, wenn es eine funktionierende Küche gab.

„Ich mache eine Liste und bringe sie Ihnen morgen.“ Das bedeutete jede Menge konzentrierte Schreibarbeit. Es wäre einfacher, selbst loszufahren und die Sachen zu kaufen. „Sie müssen auch noch die Geräte bestellen.“

„Ich weiß, es ist viel verlangt, aber könnten Sie mir auch dabei helfen? So ein Fiasko wie mit der Heizung möchte ich kein zweites Mal erleben.“

Der Verkäufer hatte sie übers Ohr hauen wollen. Anstatt sich den Kerl vorzuknöpfen, hatte Kane einfach einen seiner Subunternehmer angerufen und einen anständigen Preis ausgehandelt. Julia allein einkaufen zu lassen, würde bedeuten, sie den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.

„Wissen Sie, meine Schulter wird morgen vermutlich noch wehtun“, sagte er und ließ sie wieder kreisen. „Ich bezweifle, dass ich die Schränke mit nur einem Arm anbauen kann. Vielleicht sollte ich mit Ihnen zu dem Küchengeschäft in Boise fahren. Danach können wir in einem der großen Kaufhäuser besorgen, was Sie sonst noch brauchen.“

„Es macht Ihnen wirklich nichts aus?“ Es würde ihm wesentlich mehr ausmachen, wenn sie von irgendwelchen provisionshungrigen Verkäufern ausgenutzt würde. Und er brauchte keine Liste zu machen. Eine Win-win-Situation – solange er es schaffte, sie nicht zu berühren oder den Duft ihres Shampoos riechen zu wollen. Oder auf ihre sexy Lippen zu schauen.

„Ich hole Sie um acht ab.“ Seine Stimme klang etwas schroffer, als er wollte.

Sie schaute auf seinen Bronco. „Ich kann doch fahren. Warum sollten Sie für mich Ihr Benzin verbrauchen?“

Für wen hielt sie ihn? Für einen armen Pechvogel?

„Außerdem“, fuhr sie fort, bevor er reagieren konnte, „sollten Sie Ihrer Schulter etwas Ruhe gönnen.“ Sie warf den Rand ihrer Pizza in den Abfalleimer, wischte sich die Hände an einer Serviette ab und stand auf. „Ich gehe jetzt nach oben und lege mich in meine neue Wanne. Wir sehen uns morgen.“

Er blinzelte. Ihre Sorge um seine Finanzen und seine Gesundheit war eine angenehme Abwechslung. Die Frauen, mit denen er früher ausgegangen war, hatten sich mehr für seinen Promistatus und sein siebenstelliges Einkommen als für ihn interessiert. Nicht, dass Julia an einem Date mit ihm interessiert war. Aber wenn sie wirklich nicht wusste, wer er war, dann würde sie irgendwann einen Mann verdammt glücklich machen.

Hoffentlich bald, dachte er. Denn je früher sie jemanden fand, der zu ihrer Liste passte, desto früher würde er sie und die Vorstellung von ihr in ihrer Badewanne aus seinem Kopf bekommen.

4. KAPITEL

Zu Kanes Überraschung schaffte er es, seine eins neunzig auf den Beifahrersitz von Julias Mini Cooper zu quetschen. Die Vorstellung, die nächste Stunde in dieser unbequemen Haltung verbringen zu müssen, behagte ihm nicht. Hinzu kam, dass sie äußerst dicht neben ihm saß. Okay, wenigstens trug sie nicht ihr sexy Sportoutfit, aber die dunklen Jeans betonten ihre langen Beine, und die beiden obersten Knöpfe ihrer Bluse waren geöffnet.

„Wie lange haben Sie den schon?“, fragte er, als er sich anschnallte. Der Wagen roch noch etwas neu.

„Ich habe ihn mir vor vier Monaten gekauft.“ Sie lächelte stolz, als hätte sie ihm gerade von ihrem ersten Nobelpreis erzählt. „Davor hatte ich noch nie ein Auto. Jedenfalls keins ohne Chauffeur.“

„Mit welchem Auto waren Sie davor unterwegs?“

„Ich habe den Führerschein erst, seit ich am Shadowview stationiert bin. Davor habe ich immer in einer Großstadt gelebt und brauchte keinen Wagen.“

Sie versuchte, etwas in das Navigationssystem einzugeben, drückte aber mit dem Daumen auf den Lautsprecherknopf. „Ihr Name, bitte“, sagte die elektronische Stimme.

„Nach Boise!“, rief Julia laut, und Kane musste durchs Seitenfenster schauen, damit sie nicht sah, wie er ein Lachen unterdrückte.

„Kontakt nicht erkannt“, erwiderte das Gerät.

Sie wiederholte die Anweisung und erhielt die gleiche Antwort. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, das System erkennt meine Stimme nicht.“

„Lassen Sie mich mal versuchen.“ Kane drückte auf den Menüknopf und gab die Adresse ein.

„Berechne Route!“, verkündete die Stimme, dann erschien eine Karte auf dem Display.

„Danke.“ Lächelnd schnallte sich Julia an. „Angeblich gibt es ein Video, das erklärt, wie man das Ding bedient. Ich hatte allerdings keine Zeit, es mir anzusehen. Noch nicht.“

Bei dieser Frau war alles noch nicht. Er musterte sie durch die Sonnenbrille, während sie sich mit dem Radio beschäftigte und die Musik so laut stellte, dass er sich die Ohren zuhielt.

„Entschuldigung. Damit kenne ich mich auch noch nicht so gut aus.“

„Gibt es dafür auch einen Anleitungsfilm?“, murmelte er, aber weil ihre Finger gerade das Radio unabsichtlich stumm schalteten, hörte sie es.

„Wahrscheinlich. Ich müsste im Internet danach recherchieren. Bisher bin ich nicht dazu gekommen – wegen des Umzugs und weil ich Captain Karims Patienten übernehmen muss, solange er im Auslandseinsatz ist.“

Julia war eine bessere Autofahrerin, als er erwartet hatte. Trotzdem bereute er, sich nicht selbst ans Steuer gesetzt zu haben, denn er war ein miserabler Beifahrer. Er fühlte sich gefangen und ausgeliefert, wenn er die Situation nicht kontrollieren konnte.

Als sie nach der Klimaanlage tastete, schob er ihre Hand zur Seite, bevor sie versehentlich die Sitzheizung einschalten konnte. „Lassen Sie mich das tun, dann können Sie sich aufs Fahren konzentrieren.“

„Danke, das schaffe ich schon. Ich bin Chirurgin, schon vergessen? Meine Hände können mehre Dinge gleichzeitig erledigen.“

Vielleicht war sie eine begnadete Operateurin, aber ihre Unfähigkeit im Umgang mit der Elektronik machte ihn ganz nervös. „Warum gerade Neurologie?“, fragte er, die Augen hinter den dunklen Gläsern fest geschlossen. Belanglose Plauderei war noch nie seine Stärke gewesen. Doch wenn er schon in einem Auto saß, das er nicht fahren durfte, mit einem Radio, das sie nicht bedienen konnte, dann wollte er sie wenigstens dazu bringen, über sich selbst zu reden. Hauptsache, sie kam nicht auf die Idee, ihm persönliche Fragen zu stellen.

„Weil es am härtesten ist“, sagte Julia.

„Sie meinen, es ist hart, mit Patienten zu arbeiten, die so viel zu verlieren haben?“

„Das auch, nehme ich an. Aber vor allem, weil es eines der kompliziertesten Fachgebiete der Medizin ist. Das zentrale Nervensystem ist die Steuerungseinheit, die alle anderen Körperteile kontrolliert.“

Er verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass ihr Umgang mit anderen Steuerungseinheiten nicht gerade perfekt verlief. „Sie haben das Fachgebiet gewählt, weil Sie die Beste sein wollten, nicht weil Sie sich für das Gehirn interessieren?“

„Natürlich faszinieren mich das Gehirn und das zerebrovaskuläre System. Ich meine, wen würde es nicht faszinieren?“

Kane war versucht, die Hand zu heben. Mich! Mich würde nichts davon faszinieren.

„Klingt, als wären Sie eine Streberin“, sagte Kane und sah, wie sie das Lenkrad fester packte. Ups. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein. Ich glaube, ich reagiere nur etwas überempfindlich auf dieses Wort.“

„Auf welches Wort? Streberin?

„Ja. Ein hochbegabtes Kind zu sein, hat auch Nachteile.“

„Welche denn?“

„Ältere Mitschüler sind nicht gerade erfreut, wenn man viel bessere Noten bekommt oder auf ein angeseheneres College geht. Ich weiß, das ist nicht nur Neid, aber angenehm ist es trotzdem nicht.“

Kane spürte einen Anflug von Mitgefühl. „Das mit der Streberin meinte ich als Kompliment. Sie reden mit jemandem, der die Highschool nur mit Mühe und Not abgeschlossen hat.“

„Aber wenn Sie gern Bauunternehmer sind, warum wollen Sie nicht auch der Beste sein?“

Er bewegte die Schulter unter dem engen Sitzgurt. Ihre Frage hatte einen wunden Punkt getroffen. Als Sportler hatte er keine Herausforderung gescheut, im Gegenteil, er hatte den Wettbewerb genossen. Warum tat er es jetzt nicht mehr?

„Warum sind Sie zur Navy gegangen?“, fragte er, um von sich abzulenken.

„Meine Eltern sind bei einem Zugunglück ums Leben gekommen, als ich einundzwanzig war. Meine Mom war auf der Stelle tot, mein Vater hat nur ein paar Tage überlebt. Ich saß im Warteraum der Intensivstation. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über Frauen, die im Zweiten Weltkrieg in der Marinereserve dienten. Ich war fasziniert. Die Frauen haben mir imponiert, und ich dachte, ich könnte meine Intelligenz einsetzen, um anderen Menschen zu helfen.“

Sie war also nicht nur ein Genie, sondern auch eine Wohltäterin.

„Das mit Ihren Eltern tut mir leid.“

„Danke. Tante Freckles meinte, ich sollte keine großen Entscheidungen treffen, solange ich um sie trauere. Aber ich dachte mir, die Disziplin und Routine bei der Navy würden mir über den Verlust hinweghelfen.“

Disziplin und Routine – genau deshalb war Kane nicht zum Militär gegangen. Auf der Highschool war es ihm schwergefallen, Anweisungen zu befolgen. Baseball war der einzige Mannschaftssport gewesen, der für ihn infrage gekommen war, weil er als Pitcher meistens sein eigener Herr sein konnte. Kane kratzte sich das Kinn und konnte es kaum abwarten, aus dem engen Wagen zu steigen.

„Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie sehr rastlos wirken?“, fragte sie, als sie endlich vom Highway abbog.

„Ich hasse es, still zu sitzen.“

„Hmm. Interessant“, sagte sie und erinnerte ihn an einen Therapeuten, der sich Notizen über einen Patienten machte.

Sie hatte aus Versehen das Navigationsgerät ausgeschaltet, als sie nach ihrem Getränk griff, und versuchte jetzt erneut, das Ziel einzugeben. Sollte er eingreifen? Besser nicht. Er hatte das Gefühl, dass sie sich ungern helfen ließ.

Es würde ein langer Tag werden.

Als die Automatiktür aufglitt, sah Julia, wie Kane sich das grüne Cap so tief ins Gesicht zog, dass der Schirm fast die Sonnenbrille berührte. Was sollte diese Verkleidung? Wenn er so weitermachte, sah er bald aus wie ein Tankstellenräuber.

„Hallo und herzlich willkommen im Küchenland!“, begrüßte sie ein Verkäufer überschwänglich. Laut dem Namensschild, das an seiner orangefarbenen Paisley-Krawatte klemmte, hieß er Paulie. Julias geschulter Blick verriet ihr, dass der Mann eine schmerzhafte und nicht gerade fachmännisch vorgenommene Botox-Behandlung hinter sich hatte.

„Wie kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte Paulie.

Sie warf Kane einen Blick zu, aber ihr Begleiter schwieg.

„Ich brauche einen neuen Kühlschrank.“

„Na, dann sind Sie hier richtig!“, erwiderte Paulie so laut, als wären sie noch immer einige Schritte entfernt. „Unsere Kühlschränke stehen an dieser Wand. Wie viel möchten Sie ausgeben?“

„Oh, ich denke, uns interessiert die Ausführung mehr als der …“

„Wir wollen etwas nicht zu Teures“, unterbrach Kane sie und wandte sich dem Verkäufer zu. „Wir sehen uns um und melden uns, falls wir Fragen haben.“

Er nahm ihren Ellbogen und ging mit ihr zu den Kühlschränken. Als er sich zu ihr beugte, nahm sie den würzigen Duft seines Duschgels und von Kaffee wahr. „Wenn Sie verhandeln, dürfen Sie dem Gegenüber nie verraten, dass der Preis für Sie unwichtig ist“, flüsterte er.

„Aber wir haben doch noch gar nicht verhandelt.“

„Wir verhandeln, seit wir den Laden betreten haben und Paulie ausrechnet, wie viele zusätzliche Besuche im Sonnenstudio er sich mit seiner Provision leisten kann.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie die Angestellten hier kennen.“

„Tue ich nicht“, antwortete Kane, „aber Verkäufer sind alle gleich.“

„Warum haben Sie dann nicht reagiert, als er uns begrüßt hat?“

„Das habe ich.“

„Wie denn? Indem Sie unhöflich waren und kein Wort gesagt haben?“

„Ich war nicht unhöflich, ich war schwer zu durchschauen.“

„Ich verstehe.“

Er ließ ihren Arm nicht los, während er einen unscheinbaren weißen Kühlschrank ansteuerte, der nicht einmal einen Eisspender hatte. Obwohl sie es nicht gewöhnt war, berührt zu werden, ließ sie es geschehen, aber nur, weil sie seine Verhandlungstaktik nicht gefährden wollte. Auf keinen Fall, weil es ihr gefiel, seine kräftigen Finger durch die dünne Bluse hindurch zu fühlen.

„Kane, ich dachte, wir wären uns einig, dass die mit Edelstahlfront besser zu den Arbeitsflächen aus Granit passen.“

„Zeigen Sie nicht hinüber“, befahl er und drückte ihren ausgestreckten Arm nach unten. Julia wurde heiß, als er dabei ihre Brust streifte.

Zum Glück schien er es nicht bemerkt zu haben. „Die sollen glauben, dass wir nur an den billigen Modellen interessiert sind“, riet er leise.

Oh, du meine Güte. Sie brauchte keine Lektion in Machtspielchen. Und erst recht brauchte sie es nicht, dass seine vollen Lippen praktisch ihre Schläfe liebkosten, wenn er ihr etwas ins Ohr flüsterte.

„Kane, dies ist ein Küchengeschäft, kein Auktionshaus. Ich will nichts ersteigern. Jedes Gerät hat ein Preisschild, also suchen wir einfach eines aus und bezahlen es.“

„Kommen Sie, Dr. Besserwisserin. So läuft das hier nicht.“

Wie haben Sie mich gerade genannt?“ Ruckartig fuhr sie herum.

„Das sollte ein Kompliment sein!“

Besserwisserin? Streberin?“ Sie stützte die Hände auf die Hüften. „Sie haben eine komische Art, jemandem Komplimente zu machen.“

„Können wir die Diskussion vertagen? Paulie kommt.“

„Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich auf dem College einen Kurs in globaler Wirtschaftspolitik gemacht habe“, sagte sie spitz.

„Nach dem Debakel mit Ihrer neuen Heizung nehme ich an, dass Sie den Kurs als Beste abgeschlossen haben.“

Sein Sarkasmus war unerträglich.

„Es ging mehr um Theorie als um Praxis, aber ich habe bestanden“, flüsterte sie aus dem Mundwinkel, kurz bevor der Verkäufer sie erreichte.

„Ihre Frau hat gerade auf eines unserer beliebtesten Edelstahlmodelle gezeigt“, sagte Paulie und versuchte, Kane zuzuwinkern. Das Botox in seiner Stirn ließ es eher wie einen Krampf im Lid aussehen.

„Oh nein, ich bin nicht … ich meine, nicht seine …“ Julia brach ab, als Kane endlich die Sonnenbrille abnahm und sich in die Nase kniff.

„Ich sage Ihnen was, Paulie.“ Kane schob die Sonnenbrille in die Hemdtasche. „Wir renovieren ein Haus und suchen mehrere Küchengeräte und eine Waschmaschine und einen Trockner. Ich habe eine ziemlich klare Vorstellung davon, was für Modelle wir wollen, deshalb brauchen wir keine Beratung. Aber was meine Frau und ich brauchen, ist ein Angebot, das uns überzeugt, das alles hier und nicht anderswo zu kaufen. Meinen Sie, Sie können uns da entgegenkommen?“

Seine Frau? Julia hätte darauf hingewiesen, wie lächerlich Kanes Lüge war, wenn seine Worte nicht ein erwartungsfrohes Lächeln auf Paulies kollagengepolsterte Lippen gezaubert hätten. Hinzu kam, dass ihr Herz heftig klopfte – sie spürte, wie ihre Augenlider pulsierten.

Julia verließ das Geschäft mit dem Versprechen, dass ihre Einkäufe schon am Montag geliefert würden. Und ohne ihre Wagenschlüssel. Sie wusste nicht genau, wie ihr launischer Begleiter beides bewerkstelligt hatte. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie nicht gefrühstückt hatte.

„Hunger?“, fragte sie Kane auf dem Weg zum Auto.

„Immer.“ Er klappte die Taschenuhr auf. „Außerdem ist es fast elf, also haben wir Zeit, etwas zu essen, bevor wir weitermachen.“

„Großartig. Sie haben die Liste dabei, hoffe ich. Wir können sie beim Essen durchgehen.“

„Ich brauche keine Liste.“ Er zeigte auf seinen Kopf. „Ich habe alles hier oben.“

Julia hätte die Augen verdreht, wenn sie nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen wäre, die Restaurantfinder-App aufzurufen, die Chief Wilcox ihr aufs Smartphone geladen hatte.

„Was tun Sie da?“

„Ich suche ein Restaurant.“ Sie hielt ihm das Display hin. „Sehen Sie, es empfiehlt die Aztec Taqueria, nicht weit von hier an der Callejon Road.“

„Julia, ich bin mir ziemlich sicher, dass es in diesem Teil von Boise keine Callejon Road gibt.“

„Doch!“ Sie zeigte auf die kleine Karte. „Wir sind der kleine blaue Punkt direkt daneben.“

Sein lautes, tiefes Lachen ließ sie erst zusammenzucken, dann spürte sie es bis in die Zehenspitzen. „Was ist so lustig?“

„Sie haben als unseren Standort Taos in New Mexico eingegeben.“

Dass der Mann Humor hatte, beruhigte sie. Trotzdem machte es sie verlegen, dass er vor allem über sie lachte. Oder lag es an den geraden, strahlend weißen Zähnen, die dabei aufblitzten?

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