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BIANCA EXTRA BAND 46

JUDY DUARTE

Zärtlichkeit auf Zeit?

Eine Nanny, die Spanisch spricht, braucht Braden für seine kleinen Halbgeschwister – und findet sie in Elena Ramirez. Nur eins macht ihm Sorge: Darf eine Nanny überhaupt so atemberaubend schön sein?

HELEN LACEY

Schenk uns diesen Sommer

Brant ahnt, wovon Lucy träumt: Romantik, Hochzeit, eine gemeinsame Zukunft. Deshalb darf er der Versuchung nach der hübschen Ärztin nicht nachgeben! Denn für Liebe ist seine Seele zu verletzt – glaubt er …

KAREN TEMPLETON

Die Rückkehr des Cowboys

Er wird Emma bei der Rancharbeit helfen. Mehr darf zwischen ihm und der alleinerziehenden Witwe nicht sein! Doch je länger der Countrysänger Cash bleibt, desto zärtlicher werden seine Lovesongs …

SHIRLEY JUMP

Wie zwei Inseln im Strom

Nur bis sie weiß, wie ihre Zukunft aussehen soll, hilft Katie dem Singledad Sam. Doch überraschend verliebt sie sich in die mutterlose Familie. Was, wenn sie ihre Zukunft bereits gefunden hat?

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Zärtlichkeit auf Zeit?

1. KAPITEL

Ein klägliches Miauen durchdrang die morgendliche Stille.

Braden Rayburn stand in der Box einer Zuchtstute, die bald ihr Fohlen zur Welt bringen würde. Er drehte sich um und sah den sechsjährigen Alberto die Leiter zum Heuboden hochklettern, ein winselndes rot getigertes Kätzchen im Arm. Heute Morgen hatte der Kleine das verwahrloste Katzenbaby gefunden, das offenbar nicht zu weiteren Abenteuern aufgelegt war.

„Nein, Alberto!“, rief Braden. „Lass das Kätzchen sofort runter.“

Der Junge drehte sich erschrocken um. Das Nein hatte er zweifellos verstanden, aber er machte keine Anstalten, die Katze herunterzulassen.

Alberto – oder Beto, wie seine Zwillingsschwester Bela ihn nannte – konnte kein Englisch, und Bradens Spanischkenntnisse waren nicht der Rede wert. Wie hieß doch gleich „Katze“ auf Spanisch?

Gato. Lass sie runter, sie zerkratzt dir sonst das ganze Gesicht.“

Braden merkte, dass seine Stimme genervt klang, doch wenigstens schien der Kleine ihn verstanden zu haben. Rasch kletterte er die Leiter wieder hinab, behielt das Kätzchen aber im Arm.

„Lass sie runter.“ Diesmal unterstützte Braden seine Worte mit eindeutigen Gesten. Zögernd gehorchte der Kleine, machte dabei aber kein besonders glückliches Gesicht.

„Wo ist denn deine Schwester?“, fragte Braden. „Bela? Dónde?

Der Junge deutete in die Ecke der Scheune, wo seine Schwester mit einem schwarzen Kätzchen im Arm auf dem Heu saß. Möglicherweise stammte das Tier aus demselben Wurf wie das rote Tigerchen.

Wie kamen Menschen auf die Idee, ihre unerwünschten Haustiere einfach auszusetzen? Noch dazu in der Nähe einer Ranch – als gäbe es dort nicht schon genügend Tiere, um die man sich kümmern musste!

Braden lebte seit seiner Geburt auf der Bar M in Brighton Valley und hatte durch seinen verstorbenen Großvater von frühauf mitbekommen, wie schwer das Rancherleben war.

Er sah zu den Zwillingen hinüber, die jetzt einträchtig beisammensaßen, jeder ein Kätzchen auf dem Schoß. Sie plapperten unablässig miteinander, und Braden wünschte, er könnte sie verstehen, mit ihnen reden und ihnen sagen, wie leid es ihm tat, dass ihre Eltern tot waren. Aber die Zwillinge waren in Mexiko aufgewachsen, und es hätte ihm klar sein müssen, dass es Verständigungsprobleme geben würde.

Vor drei Monaten hatte Braden noch keine Ahnung von ihrer Existenz gehabt. Sie hatten in einem mexikanischen Waisenhaus gelebt und danach bei einer Kinderfrau. Dort hatte sein Halbbruder Jason sie abgeholt und für ein paar Tage zu sich nach Houston mitgenommen.

Dann war Jason mit seiner Frau Juliana zu der lange geplanten nachträglichen Hochzeitsreise nach Europa aufgebrochen, und Braden hatte eingewilligt, die beiden Sechsjährigen vorübergehend zu sich zu nehmen. Etwas anderes blieb ihm wohl kaum übrig, denn auch seine Halbschwester Carly war mit ihrem neuen Ehemann auf Reisen.

Das Problem war nur, dass er keine Ahnung hatte, wie man mit Kindern umging. Ganz abgesehen davon, dass er auf der Ranch alle Hände voll zu tun hatte und sich gar nicht richtig um die beiden kümmern konnte.

Gern würde er ihnen versichern, dass sie nun zur Familie gehörten und nicht mehr ins Waisenhaus mussten. Aber wie sollte er das mit Gestik und Mimik und den paar Brocken Spanisch, die er aus seiner Schulzeit behalten hatte, hinbekommen?

Vermutlich wussten die Zwillinge noch gar nicht, dass sie eine wichtige Gemeinsamkeit mit ihm und seinen beiden Halbgeschwistern hatten.

Alle fünf hatten denselben Vater.

Keines der Kinder war sonderlich überrascht gewesen, als herauskam, dass ihr alter Herr in Mexiko eine zweite Familie besaß. Charles Rayburn mochte ein erfolgreicher Geschäftsmann und Milliardär gewesen sein, doch was feste Beziehungen anging, war er eine ziemliche Niete.

Nachdem Braden sich einverstanden erklärt hatte, die Kinder zu hüten, bis seine Geschwister von ihren Reisen zurückkamen, ergriff ihn Panik. Wenn er vollkommen versagte wie sein eigener Vater? Was dann?

Finanziell hatte Charles Rayburn seinen Nachwuchs immer gut versorgt, aber ansonsten hatte er sich kaum um ihn gekümmert. Kein einziges Mal hatte er es geschafft, ein Fußballspiel oder eine Theateraufführung seiner Kinder zu besuchen. Nicht einmal bei ihren Schulabschlussfeiern war er dabei gewesen.

Das Schlimmste war, dass Braden und seine Halbgeschwister auch untereinander nie eine engere Bindung hatten aufbauen können, da ihr Vater das nicht gefördert hatte. Nur die Ferien verbrachten sie stets gemeinsam auf der Ranch ihrer Großmutter väterlicherseits. Doch Braden war sich dort immer wie ein Außenseiter vorgekommen. Vielleicht lag es daran, dass Charles Rayburn seine Mom nie geheiratet hatte.

Und jetzt hatte er zwei weitere Halbgeschwister am Hals, zumindest für die nächsten drei Wochen. Er konnte nur hoffen, dass entweder Jason oder Carly die Zwillinge danach bei sich aufnehmen würden. Beide waren verheiratet, und für Kinder war es allemal besser, in einer Familie aufzuwachsen als bei einem eingeschworenen Junggesellen.

Nicht dass er Beto und Bela nicht mochte. Er wusste nur einfach nicht, wie er das schaffen sollte. Erst vor Kurzem, nach dem Tod von Großvater Miller, hatte er die Ranch übernommen und kümmerte sich im Moment ganz alleine darum. Wie sollte er mit zwei lebhaften Kindern zum Arbeiten kommen?

Wenn sie in die Schule gingen, wäre es einfacher, aber im Moment waren Sommerferien, und sie würden erst danach eingeschult.

Vielleicht sollte er ein Kindermädchen einstellen. Das wäre gut für die Kinder, und er wäre entlastet.

Die Idee gefiel ihm immer besser, je länger er darüber nachdachte. Doch wie sollte er so schnell jemanden finden? Es müsste eine Frau sein, die Spanisch sprach und mit den Kindern liebevoll umging. Denn im Waisenhaus hatten sie bestimmt nicht viel Zuwendung bekommen.

„No!“, rief Beto. „Vengan gatitos!“

Braden drehte sich zu der Stimme um und beobachtete kopfschüttelnd, wie die beiden Kätzchen aus der Scheune sausten, die Kinder hinterher.

Er konnte ihnen jetzt unmöglich nachlaufen, denn bei seiner Zuchtstute fingen gerade die Wehen an.

Elena Ramirez schloss die Ladentür des Hay and Grain auf und bereitete alles für den ersten Kundenbesuch vor.

Zuerst fütterte sie die Tiere, dann kümmerte sie sich um die Enten- und Hühnerküken und die Kaninchenbabys. Ihr Dad warb in dieser Woche mit einer Sonderaktion für Jungtiere, und deshalb hatte Elena die Käfige und Körbe werbewirksam neben der Tür aufgestellt.

Das Verkaufen machte Elena nicht nur ungeheuren Spaß, sie kannte sich auch gut mit Verkaufsstrategien aus. Allerdings war das, was sie gern verkaufen würde, eher in Modezeitschriften als in Landwirtschaftskatalogen zu finden.

Während sie sich in der Tier- und Futtermittelhandlung ihres Vaters umblickte, stellte sie fest, dass sich in den vielen Jahren seit der Eröffnung nichts Wesentliches verändert hatte. Elena beschloss, die Zeit zu nutzen, in der sie hier aushalf, um ein paar Veränderungen vorzunehmen.

Als ihr Vater mit seiner Familie nach Brighton Valley gezogen war und den Laden gekauft hatte, war Elena gerade in die Oberstufe gekommen. Sie war sehr traurig gewesen, all ihre Freunde verlassen zu müssen, doch zugleich freute sie sich für ihren Dad, dass er nun die Möglichkeit hatte, auf eigenen Füßen zu stehen. Er war der Einzige von acht Geschwistern, der das geschafft hatte.

Anfangs hatte er sich schwer damit getan, das marode Futtermittelgeschäft wieder in Schwung zu bringen. Für eine Verkaufshilfe hatte er kein Geld, also sprang Elena nach der Schule und an den Wochenenden ein. Als sie dann zum Studium nach Austin zog, lief der Laden bereits so gut, dass Paco Ramirez sich stundenweise einen Verkäufer leisten konnte.

Bei den Eltern zu wohnen und wieder im Futtermittelladen zu arbeiten, fühlte sich für Elena wie ein Schritt zurück an. Aber ihr Dad war so froh, sie wieder zu Hause zu haben, dass es ihr nicht viel ausmachte.

Ihre Verkaufserfahrung war Elena während des Studiums sehr nützlich gewesen, denn sie hatte sofort einen Job in einer Modeboutique unweit der Universität gefunden. Und das hatte ihr so viel Spaß gemacht, dass sie nach ihrem Studienabschluss eine Weile dort weiterarbeitete. Leider war das Leben in Austin sehr teuer, und so ging der ganze Lohn für ihre Wohnung und die Abzahlung des Studienkredits drauf.

Es war schlicht unmöglich gewesen, Geld für ihr eigenes Modegeschäft anzusparen, von dem sie träumte. Daher hatte sie beschlossen, für einige Zeit zu ihren Eltern nach Brighton Valley zurückzuziehen. Dort könnte sie umsonst wohnen und das Geld, das sie in der Tierhandlung verdiente, für ihre Boutique zurücklegen.

„Ich habe mein kleines Mädchen sehr vermisst“, sagte ihr Vater zur Begrüßung und schleppte freudestrahlend ihr Gepäck ins Haus.

Dabei hatte er mit seiner zweiten Frau Laura noch sechs weitere Kinder, die im Haus für einigen Trubel sorgten.

Elena blieb bei dem Käfig mit den Entenküken stehen, nahm eines heraus und hielt es zärtlich an ihre Wange.

Nachdem sie es wieder zu den anderen gesetzt hatte, rieb sie die Hände an ihren ausgebleichten Jeans ab. Ihre guten Sachen, die sie in Austin getragen hatte, wären hier fehl am Platz gewesen. Außerdem waren sie noch gar nicht ausgepackt, weil kein Platz im Kleiderschrank war. Ihr voller Koffer stand unter dem Stockbett, das sie mit ihrer zwölfjährigen Halbschwester teilte. Jeden Morgen tat ihr der Rücken weh, denn die Matratze war schon etwas durchgelegen.

Sie vermisste das Leben in der Stadt und das Alleinsein. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie als Einzelkind bei ihrer Mutter gelebt. Dann war ihre Mutter plötzlich gestorben, und ihr Dad hatte sie zu sich genommen.

Es war ihr nicht leichtgefallen, sich in seiner temperamentvollen neuen Familie einzugewöhnen. Doch als Älteste wurde sie bald von allen in Beschlag genommen. Sie half bei der Hausarbeit und kümmerte sich um ihre kleinen Geschwister. Sie machte mit ihnen Hausaufgaben, schlichtete ihre Streitereien und tröstete sie, wenn sie Kummer hatten.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als vor dem Laden ein Pick-up anhielt. Ah, der erste Kunde, dachte sie und fixierte rasch die Haarspange, mit der sie ihre dunkle Lockenmähne während der Arbeit zusammenhielt.

Gleich darauf betrat ein junger Mann mit zwei etwa sechsjährigen Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, den Laden. Elenas erster Gedanke war, wie wohl der blonde Cowboy zu zwei dunkelhaarigen, südländisch aussehenden Kindern kam.

Der Junge entdeckte sofort das Kaninchengehege. „Conejitos! Bela, mira!“, rief er begeistert. Das Mädchen lief zu ihm, und beide begannen, die Kaninchen zu streicheln.

Elena wandte sich an den großen Blonden, der sie mit seinen auffallend grünen Augen ansah. Viel zu schön für einen Farmer, dachte sie, während ihr Herz schneller schlug.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie leicht verlegen.

Der Mann lächelte schelmisch. „Haben Sie zufällig einen Kindergarten hinten in Ihrem Laden?“

Elena lachte. „Nur wenn meine kleinen Geschwister hier sind. Warum fragen Sie?“

Der blonde Cowboy zuckte lässig mit den Schultern. „Ich versuche, meine missliche Lage mit Humor zu nehmen.“

Elena zog fragend eine Augenbraue hoch.

Er warf einen Blick auf die vor dem Kaninchenkäfig knienden Kinder. „Ich muss mich vorübergehend um die beiden kümmern, bis mein Bruder zurückkommt. Sie können aber kein Englisch, und ich tue mich wirklich schwer mit meinen wenigen Brocken Spanisch. Wir brauchen dringend ein bilinguales Kindermädchen.“

Elena spürte, wie jemand an ihrem Ärmel zupfte. Neben ihr stand das kleine Mädchen mit dem schiefen Pferdeschwanz und den großen braunen Augen und deutete in die hintere Ladenecke, wo der Junge – vermutlich ihr Bruder – inzwischen die Cowboyhüte ausprobierte. Einige lagen schon am Boden.

Der Mann seufzte. „Tut mir leid, ich hebe sie gleich auf.“

„Das macht doch nichts“, wiegelte Elena ab und ging zu dem kleinen Jungen hinüber. „No es problema, mijo.“ Sie half ihm, die Hüte wieder an den Ständer zu hängen, einen davon setzte sie ihm auf den Kopf. Dann fragte sie ihn auf Spanisch, ob er gerne Cowboy werden wolle.

Der Junge nickte freudestrahlend. „Si, yo quiero ser un vaquero como Señor Braden.“

Mit „Señor Braden“ war offensichtlich der schöne Cowboy gemeint, denn der Junge deutete auf ihn.

Elena musterte den Mann, und plötzlich machte es bei ihr Klick. „Jetzt weiß ich, an wen Sie mich erinnern. Sie müssen Braden Rayburn sein. Ihre Großmutter besaß hier in der Nähe eine Ranch.“

„Ja, die Leaning R. Die wird jetzt von meiner Schwester weitergeführt. Mein Großvater mütterlicherseits besaß die Bar M, und die gehört mittlerweile mir.“

„Ich habe gehört, dass Ihr Großvater gestorben ist. Das tut mir leid. Mein Vater war bei seiner Beerdigung dabei, aber ich habe damals noch in Austin gewohnt.“

„Sie müssen mir verzeihen, aber ich kenne Sie leider nicht. Allerdings war ich früher auch viel als Rodeoreiter unterwegs und habe nicht in der Stadt gewohnt.“

Elena streckte die Hand aus. „Ich bin Elena Ramirez, Pacos Tochter.“

Als er ihre Hand mit warmem, festem Griff umfasste, spürte sie ein Kribbeln.

„Wirklich?“, fragte er. „Ich weiß, dass Paco eine ganze Menge Kinder hat, aber ich hatte keine Ahnung, dass …“ Er ließ den Satz unvollendet, aber sie wusste auch so, was er sagen wollte. Er fand es unwahrscheinlich, dass sie Pacos Tochter war. Sie konnte es ja manchmal selbst nicht glauben.

„Ich bin erst vor Kurzem wieder hierhergezogen, nachdem ich vier Jahre in Austin studiert hatte.“

Der kleine Junge kam mit einem weißen und einem braunen Kaninchen im Arm angelaufen. „Perdona me, Señora. Quanto dinero por el conejito?“

Sie lächelte den kleinen Kerl an. „Cinco dolares.“

„Wollte er wissen, was ein Kaninchen kostet?“, fragte Braden.

Elena nickte. „Fünf Dollar, habe ich ihm gesagt. Aber alle beide können Sie für acht Dollar …“

Abwehrend hob Braden die Hand. „Das kommt überhaupt nicht infrage. Ich schaffe es ja kaum, mich um die beiden zu kümmern, und heute Morgen sind uns schon zwei Kätzchen zugelaufen.“

Elena sah zu den Kindern hin, die wieder verzückt vor dem Kaninchengehege knieten. „Wollen Sie es sich nicht noch mal überlegen?“

„Es fällt mir schwer, Nein zu sagen, aber es geht wirklich nicht.“

Elena lächelte. „Meine Geschwister haben alle Haustiere. Die Kinder lernen dabei, Verantwortung zu übernehmen.“

„Was haben Sie denn studiert?“, fragte Braden. „Kinderpsychologie?“

Sie lachte. „Betriebswirtschaft. Und im Nebenfach Kunst.“

Als er schmunzelte, zeigten sich Grübchen in seinen Wangen, und seine grünen Augen funkelten. „Sie haben definitiv Verhandlungsgeschick. Ich finde, das ist in einem Kleinstadtladen glatt verschwendet.“

Das fand sie auch, aber das würde sie ihrem Vater niemals sagen. Er hoffte nämlich, sie würde für immer hierbleiben. Von ihren Plänen, ein eigenes Geschäft in der Großstadt zu eröffnen, wusste er nichts.

„Ich werde wahrscheinlich nur bis Ende des Jahres hierbleiben. Danach möchte ich eine Modeboutique in Houston eröffnen.“

Sein Blick fiel auf ihr bedrucktes T-Shirt und die ausgebleichten Jeans.

Sie sah ihn etwas verlegen an. „Normalerweise bin ich nicht so angezogen.“

„Das glaube ich gern.“ Sein jungenhaftes Lächeln schien anzudeuten, dass er sie auch in abgetragenen Klamotten attraktiv fand.

Sie fühlte sich geschmeichelt. Andererseits wollte sie diesem Gefühl nicht nachgeben. Was sollte sie mit einem Cowboy auf einer einsamen Ranch anfangen? „Wie gesagt, wir haben diese Woche Sonderpreise. Es war meine Idee, denn Kaninchen vermehren sich ziemlich schnell.“ Sie lachte.

Braden stimmte ein. „Meinem Bruder würde es ganz recht geschehen, wenn ich ihm die Kinder und zwei Kaninchen zurückbringe.“

Elena musterte ihn unauffällig. Obwohl sie erst seit Kurzem wieder in Brighton Valley wohnte, hatte sie bereits mitbekommen, dass Braden Rayburn der begehrteste Junggeselle weit und breit war.

Wenn sie ihn so ansah, in seinen perfekt sitzenden Jeans, der Lederjacke und den Cowboystiefeln, konnte sie sich gut vorstellen, dass eine Frau für ihn ihre Karrierepläne noch einmal überdachte. Ihr könnte das natürlich niemals passieren!

Plötzlich kam der kleine Junge wieder angelaufen und streckte ihr einen Zwanzig-Dollar-Schein hin. „Quiero dos conejos, por favor.“

Elena lachte. „Sieht aus, als würde er selbst das Geschäftliche regeln.“

„Wo hat er bloß das Geld her?“

Elena wandte sich auf Spanisch an den Jungen, der ihr sofort bereitwillig antwortete.

„Er sagt, er hat es ehrlich verdient.“

„Und wie?“

„Er scheint ein geschäftstüchtiger kleiner Kerl zu sein. Er hat das Geld wohl im Tausch für seine Schildkröte bekommen. Damit er sie dalässt.“

„Und wer hat ihm das Geld gegeben?“

„Der nette Mann, der ihn und seine Schwester hergebracht hat – so waren seine Worte.“

„Natürlich! Mein Bruder. Was hätte der in seiner Stadtwohnung auch mit einer Schildkröte anfangen sollen?“

Elena sah Bradens prüfenden Blick auf sich gerichtet. Seine grünen Augen waren so betörend, dass ihr der Atem stockte.

„Ich möchte Ihnen einen Job anbieten“, sagte er unvermittelt.

„Aber ich habe schon einen.“

„Ich zahle Ihnen das Doppelte, wenn Sie sofort anfangen.“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das geht nicht.“

„Ich brauche jemanden, der für die nächsten drei Wochen diese beiden Kinder betreut, und zwar rund um die Uhr. Und es muss jemand sein, der Spanisch spricht.“

Elena starrte ihn ungläubig an. „Wie kommen Sie darauf, dass ich als Kindermädchen arbeiten würde?“ Es war karrieretechnisch ja schon ein großer Rückschritt von der Modeboutique in die Tierhandlung gewesen. Aber Kindermädchen war nun wirklich nicht ihr Ding!

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht kränken.“

Sie straffte die Schultern. „Ich habe nicht mein Wirtschaftsdiplom gemacht, um als Kindermädchen zu enden. Davon abgesehen kennen Sie mich doch gar nicht.“

Er musterte sie mit einem leisen Lächeln. „Ich habe eine gute Menschenkenntnis. Außerdem kenne ich doch Ihre Eltern.“

Der Mann verfügte über einen angeborenen Charme, bei dem selbst die standhafteste Frau schwach werden konnte. Doch bei Elena biss er auf Granit.

„Ich erhöhe mein Angebot auf das Dreifache Ihres jetzigen Gehalts.“

Dieser Braden musste einen Haufen Kohle haben. Sie hatte gehört, dass Charles Braden seinen Kindern ein beachtliches Erbe hinterlassen hatte.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „So viel Geld dafür, dass ich triefende Nasen putze und verschüttete Milch aufwische? Das habe ich bei meinen sechs Geschwistern zur Genüge getan.“ Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Sie müssen sich jemand anderen suchen. Es gibt genügend junge Frauen, die Spanisch sprechen und sich mit Kindern auskennen.“

„Aber ich möchte Sie haben.“ Seine zweideutige Bemerkung brachte die Luft zwischen ihnen zum Knistern.

Wieder schüttelte Elena den Kopf. „Es geht nicht.“ Davon abgesehen, dass sie nicht als Kindermädchen arbeiten wollte, konnte sie ihren Vater jetzt nicht im Stich lassen.

„Mir fällt gerade noch etwas ein. Ich muss unbedingt unser völlig veraltetes Buchhaltungssystem auf Vordermann bringen. Dabei könnte ich ebenfalls dringend Ihre Hilfe gebrauchen.“

Elena sah an sich herunter. „Ich habe zwar Jeans und Cowboystiefel an, aber deshalb bin ich noch lange nicht bereit, auf einer Ranch zu arbeiten.“

„Es ist doch nur für drei Wochen. Und ich werde alles tun, damit es Ihnen gefällt.“

Sein Blick war flehend, beinahe verzweifelt.

Elena sah die beiden Kinder an, um die es die ganze Zeit ging. Sie taten ihr leid.

„Bitte, ich zahle Ihnen alles, was Sie wollen.“

Sie überlegte kurz. „Wenn Sie meinen Studienkredit abzahlen, mache ich es.“ Das würde ihn garantiert davon abhalten, weiter in sie zu dringen.

Doch zu ihrer ungeheuren Verblüffung sagte er: „Einverstanden“ und streckte ihr die Hand hin.

„Sind Sie sicher?“ Mit so viel Geld könnte sie ihre Modeboutique noch vor Weihnachten eröffnen.

„Absolut. Sie müssten natürlich in meinem Haus wohnen. Aber Sie hätten ein Zimmer mit eigenem Bad. Und wie gesagt, es ist nur für drei Wochen.“

Sie ergriff seine ausgestreckte Hand. Im selben Moment ertönte aufgeregtes Geschnatter, und ein Entenküken huschte an ihnen vorbei, gefolgt vom nächsten.

„Am besten, Sie fangen gleich an“, bemerkte Braden mit amüsiertem Lächeln.

2. KAPITEL

Beto und Bela saßen schon auf dem Rücksitz von Bradens Pick-up, jeder mit einem der neu erworbenen Kaninchen im Arm, während Braden noch seine Einkäufe im Wagen verstaute. Gerade hatte er die Heckklappe geschlossen, als Paco Ramirez, der Besitzer der Tierhandlung, in seinem weißen Chevrolet vorfuhr.

Braden hätte ihn kurz grüßen und es dann Elena überlassen können, ihrem Vater von der Abmachung zu erzählen. Doch das war nicht sein Stil.

Er ging auf Paco zu und reichte ihm die Hand. „Guten Morgen, Paco, ich hatte gehofft, dich noch zu treffen.“

„Wie läuft’s denn mit der neuen Sprinkleranlage?“, fragte der Ältere.

„Super. Das Gras auf der Südweide ist schon richtig fett geworden. Danke, dass du mir die Firma empfohlen hast.“

„Gern geschehen“, erwiderte Paco. „Falls du Kälber kaufen willst, ich kenne einen Rancher, der welche anbietet.“

„Danke, vielleicht komme ich darauf zurück.“ Sein Großvater hatte nur Rodeopferde gezüchtet, doch Braden wollte seine Ranch gern auf Rinderzucht ausweiten.

Damals, als er selbst noch Rodeos ritt, war es ihm nie in den Sinn gekommen, einmal die Ranch seines Großvaters zu übernehmen. Doch dann wurde Grandpa Miller krank, und Braden zog auf die Bar M zurück, um seiner Mutter zu helfen. Bald stellte er fest, dass ihm das Rancherleben gefiel, und als sein Großvater starb, war für ihn klar, dass er die Ranch weiterführen würde.

Obwohl ihm inzwischen ein beträchtliches Erbteil seines verstorbenen Vaters zugefallen war, das ihm auch andere Möglichkeiten eröffnet hätte.

Paco warf einen Blick auf die Ladefläche. „Was hast du denn da alles eingekauft?“

„Was man eben so braucht für zwei Kaninchen.“

Paco lachte in sich hinein. „Elena ist wirklich die geborene Verkäuferin.“

Braden zuckte die Achseln. „Ich habe im Moment zwei Kinder bei mir zu Gast, und die haben sich sofort auf die Kaninchen gestürzt. Da bedurfte es keiner großen Überredungskunst. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass ein Kaninchenkauf mit einer Investition von über hundert Dollar verbunden ist. Für Käfige, Futter, Streu, und was weiß ich noch alles.“

„Ja, das ist meine Tochter“, sagte Paco mit stolzgeschwellter Brust. „Ich glaube, ich sollte ihr mehr zahlen.“

Das war genau das Stichwort, auf das Braden gewartet hatte. „Paco, ich muss dir etwas gestehen. Es tut mir wirklich furchtbar leid für dich, aber ich habe gerade deine Tochter abgeworben. Für das dreifache Gehalt.“

Statt, wie Braden es erwartet hätte, ein enttäuschtes Gesicht zu machen, brach Paco in herzhaftes Lachen aus. „Ja, sie versteht zu handeln.“ Dann wurde er wieder ernst. „Es fällt mir zwar schwer, sie herzugeben, aber ich will ihr keine Steine in den Weg legen. Sie ist ein cleveres Mädchen, und ich bin sicher, sie wird sich gut in eure Firma einbringen.“

Braden begriff, dass Paco auf Rayburn Enterprises anspielte, die Firma seines Vaters. Mit der hatte Braden allerdings nie etwas zu tun gehabt und auch gar kein Interesse daran. Sein Bruder Jason hatte die Firma übernommen.

„Es geht nicht um Rayburn Enterprises. Ich habe Elena gefragt, ob sie vorübergehend als Kindermädchen zu mir auf die Ranch kommen will.“

Paco runzelte die Stirn. Er war ein Mann mit strengen Moralvorstellungen, und es missfiel ihm offensichtlich, dass seine Tochter mit einem Junggesellen unter einem Dach wohnen sollte.

„Sie hat dort ihre eigene kleine Wohnung, und es ist ja nur für drei Wochen“, sagte Braden, um Paco zu besänftigen. „Weißt du, ich bin wirklich in einer Notlage. Die Zwillinge haben im Moment niemanden außer mir, aber ich habe keine Zeit, mich um sie zu kümmern. Davon abgesehen können sie kein Englisch, und mit meinen Spanischkenntnissen kann ich gerade mal ein Bier bestellen. In drei Wochen kommt mein Bruder aus Europa zurück und nimmt mir die Kinder wieder ab. Aber bis dahin brauche ich dringend Hilfe.“

Paco warf einen Blick ins Wageninnere. „Woher kommen denn die Kinder?“

„Mein Vater hat in Mexiko eine neue Familie gegründet“, erklärte Braden. „Beto und Bela sind meine kleinen Halbgeschwister.“

Pacos Blick schien anzudeuten, dass ihn bei Charles Rayburn gar nichts wunderte. Braden kannte diesen Blick von früher. Es war eine Mischung aus Augenrollen über die moralische Verwerflichkeit von Charles Rayburn und Mitleid mit dem armen unehelichen Kind.

Unwillkürlich ballte er wieder die Fäuste wie damals in der Schule, wenn seine Mitschüler ihn fragten, wieso sein Dad bei einer anderen Familie wohnte.

„Ich habe Elena außerdem gefragt, ob sie unsere Buchhaltung auf Vordermann bringen kann, und auch da wird sie mir sicher eine große Hilfe sein.“

Paco schien zu überlegen. „Elena ist ein gutes Mädchen“, sagte er dann, mehr zu sich selbst.

Braden war nicht sicher, was er damit andeuten wollte.

„Du weißt, ich hatte ein gutes Verhältnis mit deiner Großmutter Rosabelle. Und ich kenne auch deinen Vater.“

Dachte Paco etwa, Braden wäre so ein Frauenheld wie Charles Rayburn? Getreu dem Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm?

„Ich möchte nur sichergehen, dass du meine Tochter anständig behandelst“, fuhr er fort.

„Da kannst du absolut sicher sein“, erwiderte Braden.

Hoffentlich versprach er nicht zu viel. Wenn er an Elena dachte, konnte ihm schon mal die Frage in den Sinn kommen, ob er nicht doch ein paar Gene von Charles Rayburn geerbt hatte …

Als Elena auf der Ranch ankam, hatte Braden mit seinen Stiefeln schon fast eine Furche im Hof gezogen, so oft war er vor Aufregung hin und her gelaufen.

Sie fuhr mit ihrem kleinen blauen Honda vor und stieg aus. Einen Moment lang kam es Braden vor, als hätte der Texaswind sie hergeweht wie Mary Poppins mit ihrem Regenschirm und ihrer kleinen schwarzen Reisetasche.

Er atmete auf. Endlich war sie hier. Bei ihrem Anblick beschleunigte sich sein Puls zu schwindelerregendem Tempo. Statt ihrer Jeans trug sie nun einen weiten, bunten Rock und ein knallrotes Top. Ihr schwarzes Haar, das sie in der Tierhandlung lose hochgesteckt hatte, fiel ihr nun in weichen Wellen über die Schultern.

Wie konnte sich eine schöne Frau innerhalb von ein paar Stunden in eine noch viel schönere verwandeln?

„Wo sind denn die Zwillinge?“, fragte sie und holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum.

„Auf der hinteren Veranda. Sie spielen mit ihren Kaninchen.“

Wahrscheinlich sollte er hinlaufen und ihr den Koffer ins Haus tragen, aber er konnte nur dastehen und sie anstarren wie ein verträumter Teenager.

Beweg dich, Mann.

Während Elena an ihm vorbei auf das Haus zuging, fragte sie: „Bereuen Sie Ihre Entscheidung?“

„Auf keinen Fall. Ich brauche Sie doch.“

Sie lachte. „Ich meinte die Kaninchen.“

Normalerweise hätte er sofort kapiert, was sie meinte. Aber offensichtlich tickte er im Moment nicht normal.

„Nein, ich bereue den Kauf nicht.“ Immerhin schaffte er es, die Verandatür für sie aufzuhalten. „Es tut mir auch nicht leid, dass ich so viel Geld für das Zubehör ausgegeben habe.“

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, bevor sie das Haus betrat. „Ein großer Stall hätte auch gereicht.“

„Sicher“, sagte er und folgte ihr ins Haus, noch ganz betört von dem exotischen Duft, den sie hinterließ. „Aber bekanntlich vermehren sich diese Tiere sprichwörtlich wie die Karnickel, und da keiner von uns weiß, ob es Männchen oder Weibchen sind, sind zwei Käfige durchaus sinnvoll.“

Ihr glockenhelles Lachen ließ ihn wieder an Mary Poppins denken. Doch wenn er sie so ansah, war diese Idee völlig abwegig. Niemand würde Elena Ramirez für ein Kindermädchen halten.

„Soll ich mein Gepäck an einem bestimmten Platz abstellen?“

Ja, in meinem Schlafzimmer.

Solche Gedanken konnte er sich ab jetzt nicht mehr erlauben. Solange Elena und die Kinder auf der Ranch waren, musste er seine Fantasien zügeln. Schließlich besaß er einen gesunden Menschenverstand und genügend Selbstbeherrschung. Außerdem hatte er Paco versprochen, seine Tochter anständig zu behandeln.

Er führte sie nach oben ins Gästezimmer, das gegenüber vom Kinderzimmer lag. Sein eigenes Zimmer war am anderen Ende des Flurs.

„Die Kinder sind die ganze Zeit am Plappern und Kichern, seit wir wieder zu Hause sind, aber ich habe keine Ahnung, worum es geht.“

„Vielleicht sind sie einfach glücklich, weil sie jetzt die süßen Kaninchen haben. Ich hatte es Ihnen ja gesagt: Haustiere geben Kindern ein Gefühl von Beständigkeit und Geborgenheit.“

„Ja, stimmt, das hatten Sie erwähnt, und ich glaube Ihnen auch, dass da etwas Wahres dran ist. Aber Hand aufs Herz: Sie haben uns die Kaninchen und den ganzen Krimskrams doch nicht aus reiner Menschenliebe verkauft!“

Ihre braunen Augen blitzten übermütig. „Für alle Waren meines Vaters gilt das Umtauschrecht.“

Er lachte. „Das klingt in der Tat verführerisch. Aber nein, das könnte ich den Kindern niemals antun.“ Er rieb sich die Hände. „So, und jetzt mache ich mich mal an die Arbeit. Seit die Zwillinge hier sind, ist vieles liegen geblieben.“

Sie lächelte. „Ja, gehen Sie nur. Ich packe schnell meine Sachen aus und kümmere mich dann um die beiden. Was hatten Sie denn zum Abendessen geplant?“

„Ich … hm …“ Er zuckte die Achseln. „Nichts Spezielles. Aber es gibt genügend Vorräte. Suchen Sie einfach etwas aus, was Kinder gern essen. Hot Dogs, Hamburger, Pizza, so was in der Art.“

„Ich koche lieber selbst.“

„Wie Sie wollen, aber ich muss zugeben, dass ich Junkfood mag. Meine Mutter hat früher immer gekocht, und da habe ich meinen Bedarf an gesundem Essen zur Genüge gedeckt. Jetzt habe ich für so etwas keine Zeit mehr. Aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich mag selbst gekochtes Essen gern! Nur kann ich es auch in Caroline’s Diner bekommen oder bei meiner Mom, wenn sie mich einlädt.“

„Wo wohnt denn Ihre Mutter?“

„Vor ein paar Wochen hat sie ihren alten Schulfreund Erik Chandler geheiratet und ist zu ihm gezogen. Er hat eine Arztpraxis in der Stadt, und sie arbeitet für ihn als Sprechstundenhilfe.“ Es war alles ziemlich schnell gegangen. Aber Erik war so ein lieber Mensch und hatte seine Mutter während der Krankheit ihres Vaters sehr unterstützt. Da war es nur natürlich, dass die beiden zusammenfanden.

„Also ich lasse Ihnen im Haushalt völlige freie Hand.“ Braden griff in seine Brusttasche und zog ein paar Scheine heraus, die er ihr reichte. „Das ist für Einkäufe und andere Dinge, die die Kinder brauchen. Geld soll auf jeden Fall keine Rolle spielen.“

„Ja, sicher. Ein Rayburn kann alles kaufen, was er will, und jeden einstellen, den er braucht.“

Braden spürte, wie ihm die Hitze zu Kopf stieg. Elena hatte das so leichthin gesagt, als ob es ein Scherz wäre. Aber ihre Bemerkung enthielt alle Vorurteile gegenüber den Rayburns, die er schon so oft gehört hatte. Dabei hatte er sich sein Leben lang bemüht, sich die positiven Eigenschaften der Millers anzueignen, seiner Verwandtschaft mütterlicherseits.

In diesem Fall hatte er sich allerdings wie ein Rayburn verhalten – er hatte mit seinem Geld für etwas bezahlt, das er haben wollte. Aber sollte er deshalb mit einem schlechten Gewissen herumlaufen? Elena war die perfekte Lösung für seine gegenwärtigen Probleme, und sie würde den Kindern guttun.

Während er sie ins Gästezimmer führte, lächelte er im Stillen. Der Geschäftssinn der Rayburns war hin und wieder doch von Vorteil. Sein Vater wäre stolz auf ihn.

Doch ein anderer Gedanke ließ ihn frösteln. Schon früh hatte Braden eine simple Wahrheit gelernt, die sein Vater offensichtlich nie begriffen hatte. Mit Geld konnte man alles kaufen – außer Liebe.

Elena blieb neben dem Gästebett stehen und sah Braden nach, als er das Zimmer verließ. Es war schwer, sich diesen Mann als einen der drei Erben eines milliardenschweren Unternehmens vorzustellen. Er wirkte durch und durch bodenständig und passte viel besser in seine Cowboykleidung als in einen Businessanzug.

Davon abgesehen sah er natürlich umwerfend aus. Ein faszinierender Mann, über den sie gerne mehr erfahren würde. Besonders über seine Familienverhältnisse. Er strahlte etwas Verletzliches aus, und sie war neugierig, woher das kommen mochte.

Während Elena ihre Sachen auspackte, dachte sie darüber nach, was ihr Vater ihr über die Familie erzählt hatte.

Braden war auf der Bar M aufgewachsen, der Ranch seines Großvaters mütterlicherseits. Gerald Miller war früher ebenfalls Rodeoreiter gewesen und hatte dann angefangen, Pferde zu züchten. Er war in Brighton Valley hoch angesehen, ebenso wie Granny Rayburn, Bradens Großmutter väterlicherseits.

Charles Rayburn hingegen, Bradens Vater, hatte es in der Kleinstadt nicht ausgehalten. Er hatte in einem privaten College in Kalifornien studiert und sich dort rasch an den Lebensstil der oberen Zehntausend gewöhnt. Elenas Vater hatte angedeutet, dass der verstorbene Charles Rayburn ein ziemlicher Frauenheld gewesen war. Er hatte Kinder von vier verschiedenen Frauen, von denen er aber nur zwei geheiratet hatte.

Eigentlich ging sie das alles ja gar nichts an. Sie hatte hier nur ihre Arbeit zu machen und sollte am besten gleich damit anfangen.

Nachdem sie ihre Unterwäsche in der obersten Schublade der Kommode verstaut hatte, klappte sie den leeren Koffer zu und stellte ihn in den Schrank. Dann ging sie hinunter in die Küche und von dort durch den kleinen Vorraum, wo Stiefel und Jacken untergebracht waren, hinaus auf die Veranda. Bela und Beto saßen auf dem Holzboden und spielten mit ihren Kaninchen. Es war ein süßes Bild.

„Como se llaman los conejos?“, fragte sie die Kinder.

Maribel, genannt Bela, hielt ihr braunes Kaninchen stolz hoch und sagte strahlend: „Oso.“

Elena lächelte. Oso bedeutete Bär, ein lustiger Name für so ein kleines, friedliches Tier. Vielleicht dachte die Kleine eher an einen Teddybären.

„Meiner heißt Cowboy“, sagte Beto auf Spanisch und hielt sein weißes Kaninchen hoch.

Hm. Elena fragte sich, wieso der Kleine nicht das spanische Wort für Cowboy – Vaquero – genommen hatte. Das Wort Cowboy gefiel ihm offenbar besser. Sie müsste den Kindern auf jeden Fall die englische Sprache beibringen. Nach den Ferien würden sie in die Schule kommen, und spätestens dann sollten sie über solide Grundlagen verfügen.

Im Moment war anscheinend noch gar nicht klar, wo sie nach den drei Wochen bleiben würden, geschweige denn, in welche Schule sie gehen sollten. Irgendwie taten ihr die Kinder leid.

Nachdem Elena eine Weile mit den Zwillingen geplaudert hatte, ging sie in die Küche zurück, um nachzusehen, was alles an Vorräten vorhanden war.

Sie fand verschiedene Nudelsorten, Reis, Dosengemüse, Käse, diverse Soßen, außerdem zwei Beutel Milch, Säfte und sogar Gemüsebratlinge.

Als sie den Gefrierschrank öffnete, machte sie große Augen. Unglaublich, was Braden hier angehäuft hatte. Tiefkühlpizzas, Frikadellen, Rinderhack, Eis in der Packung und am Stiel.

Sie könnte zum Abendessen Spaghetti mit Hackfleischsauce kochen. Ein kurzer Anflug von Rebellion überkam sie. Sie hatte sich doch nicht den Kopf mit Wissen vollgepumpt, um Babysitter und Köchin zu werden!

Doch nun hatte sie sich für diese Arbeit entschieden und würde sie pflichtbewusst erfüllen, wie sie es immer tat.

Braden hatte behauptet, er kenne sich mit Kindern nicht aus. Doch wenn sie seine Vorräte betrachtete, kam ihr der Verdacht, dass er im Herzen selbst noch ein Kind war. Elena fand das unbedingt von Vorteil, denn so würde er sich schneller daran gewöhnen, seine kleinen Geschwister um sich zu haben.

Wenn er sich allerdings als verwöhntes reiches Söhnchen entpuppen sollte und sie herumkommandierte, hätte er bei ihr schlechte Karten. Egal, wie sexy er in seinen Wranglers aussah.

Sie ging wieder hinaus auf die Veranda und erklärte den Kindern, dass sie noch eine halbe Stunde mit den Kaninchen spielen könnten. Danach müssten die Tiere in ihre Käfige.

Anders als Elenas kleine Geschwister, von denen mindestens einer bei solchen Gelegenheiten zu maulen anfing, nickten Bela und Beto eifrig.

Zurück in der Küche, schrieb Elena einen Einkaufszettel. Gleich morgen früh würde sie auf den Bauernmarkt fahren und jede Menge frisches Obst und Gemüse einkaufen. Wenn sie hier schon die Köchin spielen sollte, dann wollte sie zumindest die beste sein, die Braden Rayburn je hatte.

Als Braden seine Arbeit im Stall beendet hatte und zum Haus hinüberging, lag bereits die Abenddämmerung über den Hügeln von Brighton Valley. Er war hundemüde und hungrig wie ein Wolf.

Wie schön wäre es jetzt, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Doch er hatte keine Ahnung, was Elena zum Abendessen geplant hatte – ob sie etwas gekocht hatte oder lieber zu Caroline’s Diner fahren würde. Bisher waren ihre Aufgaben im Haus noch nicht klar vereinbart.

Nachdem er stundenlang hart gearbeitet hatte, war ihm nicht danach, hungrig in die Stadt zu fahren, noch dazu mit einer Ladung Kinder hinten drin. Er würde Elena vorschlagen, Tiefkühlpizza aufzubacken, auch wenn sie nicht annähernd so köstlich schmeckte wie die in seiner Lieblingspizzeria.

Doch, oh Wunder, als er in die Küche kam, saßen Bela und Beto am Tisch und mampften Spaghetti mit einer köstlich duftenden Soße. Damit waren die beiden so beschäftigt, dass sie ihn kaum beachteten. Wenn das Essen genauso gut schmeckte, wie es roch, wäre er schon beim ersten Bissen im siebten Himmel. Zumal Elena ihm wie eine Göttin vorkam.

In der gelben Schürze seiner Mom, ihre dunkle Lockenpracht lose hochgesteckt, lehnte sie an der Anrichte und musterte ihn ebenso eingehend wie er sie. „Haben Sie Hunger?“

Ja, und nicht nur auf Essen. „Und wie! Das duftet ja köstlich“, sagte er. „Wo haben Sie denn so gut kochen gelernt?“

„Bestimmt nicht im College.“ Sie drehte sich um und holte einen tiefen Teller aus dem Regal über der Anrichte.

Mit dieser Bemerkung wollte sie ihn offensichtlich daran erinnern, dass sie nicht studiert hatte, um Kindermädchen und Hausfrau zu werden. Die Botschaft kam klar und deutlich bei ihm an.

Ihre Kleidung tat das Übrige, diese Haltung zu verdeutlichen. Unter ihrer Schürze trug sie einen engen Rock und ein knappes Oberteil. Hatte sie sich absichtlich so verführerisch gekleidet, damit er nicht auf die Idee kam, sie als simple Hausangestellte zu betrachten?

Als sie mit einem üppig gefüllten Teller auf ihn zukam, musste er unwillkürlich schlucken, weil ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Und nicht nur wegen des Essens.

„Wollen Sie nicht mit mir essen?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Ich esse nicht so gerne Rindfleisch. Eigentlich bin ich Vegetarierin.“

Aber wieso hatte sie dann Fleisch gekocht? Er kannte etliche Vegetarier, aber die würden Tofu statt Fleisch verwenden und allen erzählen, wie köstlich das schmeckte.

„Sie hätten doch etwas kochen können, was Sie auch essen. Ich wäre auch mit Tomatensoße zufrieden gewesen, und die Kinder sowieso.“

Sie zuckte die Achseln. „Ich dachte, eine ordentliche Fleischsoße würde Ihnen besser schmecken.“

„Und was essen Sie jetzt?“

„Ich hatte mir einen Teil der Gemüsesoße abgezweigt, bevor ich das Fleisch zugefügt habe, und ich habe mit den Kindern gegessen. Ich war gerade fertig, als Sie reinkamen. Lassen Sie sich’s schmecken. Ich gehe schon mal mit den Kindern nach oben und mache sie bettfertig.“

Braden war es gewohnt, alleine zu essen, doch heute gefiel es ihm gar nicht. Hatte Elena absichtlich vorher gegessen, um deutlich zu machen, dass sie nur bei ihm angestellt war und keinen privaten Kontakt wollte?

Wie auch immer. Er war einfach zu hungrig, um sich länger mit solcherlei Fragen zu beschäftigen. „Wie ich sehe, haben Sie bereits alles im Griff“, sagte er nur und fing an zu essen.

Während sie aus der Küche ging, empfand er leises Bedauern darüber, dass sie dem texanischen Rindfleisch abgeschworen hatte – und womöglich auch den Ranchern, die Rinder züchteten.

3. KAPITEL

Eine halbe Stunde später hatte Braden nicht nur seine Portion verschlungen, sondern sämtliche Töpfe leer gemacht. Es war einfach zu köstlich gewesen.

Nachdem er abgewaschen hatte, machte er sich auf den Weg in sein Zimmer. Schon auf der Treppe hörte er aus dem Badezimmer fröhliches Kreischen und Planschen. Anscheinend wurde da gerade eine Badeorgie veranstaltet. Er gönnte den Kindern die Freude. Bestimmt brachte Elena sie öfters zum Lachen. Er selbst war dazu nicht in der Lage, und das war einer der Gründe, warum die Zwillinge besser bei seinem Bruder oder seiner Schwester aufgehoben wären.

Bei dieser Überlegung wurde ihm kurz mulmig. Was wäre, wenn weder Jason noch Carly bereit wären, eine solche Verantwortung zu übernehmen? Andererseits müssten die beiden doch einsehen, dass er am wenigsten für diese Aufgabe geeignet war. Einer von ihnen würde sich sicher bereit erklären. Schließlich waren die Zwillinge ihre Blutsverwandten. Auf keinen Fall durften sie wieder ins Waisenhaus abgeschoben werden.

Wenn es hart auf hart käme, würde er Beto und Bela bei sich behalten müssen – ein Gedanke, der ihm Angst machte.

Aber nein, sicher war das hier nur eine Zwischenlösung.

Und zum Glück hatte er ja Elena gefunden.

Er widerstand der Versuchung, einen Blick ins Bad zu werfen. Stattdessen ging er direkt in sein Zimmer und von dort in sein Badezimmer, wo er lange und genüsslich duschte.

Danach hätte er sich einfach auf seinem Bett ausstrecken und den Abend in Ruhe beschließen können. Bei Elena wusste er die Kinder in guten Händen.

Doch so ganz konnte er sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Wenigstens sollte er sich bei Elena für das gute Essen und die Kinderbetreuung bedanken.

Es würde ungewohnt für ihn sein, die Nacht unter einem Dach mit seiner neuen Mitbewohnerin zu verbringen. Er hatte keine Ahnung, wie man sich in einer solchen Situation verhielt.

Braden zog sich bequeme Jeans und ein schwarzes T-Shirt an und verließ sein Zimmer. Auf der anderen Seite des Flurs war es inzwischen still geworden. Sicher lagen die Kinder bereits im Bett.

Als er klein war, war die Stunde vor dem Schlafengehen für ihn die schönste Zeit des Tages gewesen. Dann durfte er sich mit seiner Mom auf das alte Sofa kuscheln, und sie las ihm Geschichten vor. Oder er durfte mit Grandma und Grandpa eine Kindersendung im Fernsehen gucken.

Während er noch seinen Erinnerungen nachhing, kam Elena aus dem Kinderzimmer. Sofort fiel sein Blick auf ihr Oberteil, auf dem ein Wasserfleck prangte, mitten auf ihrer linken Brust.

„So, die Kinder liegen glücklich im Bett“, sagte sie.

Der Wasserfleck zog ihn magisch an. Schau ihr doch lieber in ihre schönen braunen Augen …

Aber sie ist doch deine Angestellte, verflixt noch mal.

„Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee?“, fragte er, um die heraufdrängenden erotischen Fantasien aus seinem Kopf zu verbannen.

„Nein danke, dann kann ich nachts nicht schlafen. Aber vielleicht nehme ich mir ein Eis.“

„Gute Idee, das mache ich auch.“

„Ich räume nur noch schnell das Wohnzimmer auf. Ab morgen müssen die Kinder ihre Sachen selbst wegräumen, aber heute waren sie einfach zu müde.“

„Ich helfe Ihnen.“

Während er hinter ihr die Treppe hinunterging, konnte er den Blick nicht von ihren schwingenden Hüften abwenden. Wie sollte das bloß die nächsten drei Wochen werden? Die Sorge um die Kinder war er nun los, aber er hatte das Gefühl, dass seine Probleme erst begannen.

„Das Essen war wirklich köstlich, vielen Dank“, sagte Braden, während sie gemeinsam die herumliegenden Spielsachen, Malhefte und Buntstifte einsammelten. „Sie haben mir noch nicht erzählt, wo Sie so gut kochen gelernt haben.“

„Als ich nach dem Tod meiner Mutter zu meinem Dad gezogen bin, habe ich meiner Stiefmutter immer in der Küche geholfen. Sie hat mir das Kochen beigebracht.“

Er hatte sich nicht klargemacht, dass Elena gar nicht die leibliche Tochter von Laura Ramirez war. Aber Elena war immerhin sieben oder acht Jahre älter als der erstgeborene Sohn der beiden, insofern lag es auf der Hand.

„Damals war ich zwölf Jahre alt.“

„Schlimm, wenn die Mutter so früh stirbt“, sagte Braden. „Aber Sie haben Glück, einen Vater wie Paco zu haben. Mein Dad kam in meinem Leben praktisch nicht vor.“

Braden wusste selbst nicht, wieso er mit Elena über diese Dinge sprach. Offenbar lag es an ihrer offenen Art. Er redete sonst nicht gern über alte Familiengeschichten, und mehr würde er auch nicht von sich preisgeben. Dass er sich als Junge sehnlichst einen Vater wie Paco gewünscht hatte, behielt er für sich.

„Ja, mein Dad ist fantastisch“, sagte Elena, während sie die Malkreiden in die Schachtel zurücklegte. „Aber ich durfte ihn als Kind nur selten sehen. Meine Mom hat uns allen das Leben ganz schön vermiest.“

Gern hätte Braden mehr darüber erfahren, doch da er selbst es auch nicht mochte, wenn die Leute ihn über sein Familienleben ausfragten, hielt er sich zurück. Er hoffte, Elena würde von selbst weitererzählen, denn es interessierte ihn immer brennend, wie es in anderen Familien zuging. Besonders wenn sie, wie seine eigene, auch nicht der allgemeinen Norm entsprachen.

Nach einer Weile fuhr Elena fort: „Meine Mutter und Paco haben sich in der letzten Klasse der Highschool ineinander verliebt, und als meine Mutter schwanger wurde, haben sie geheiratet. Sechs Monate später bin ich auf die Welt gekommen. Ich habe die beiden nur streitend in Erinnerung, und als ich drei war, haben sie sich getrennt.“

„Das war sicher für alle das Beste.“

„Schon, aber ich war sehr traurig, dass Paco ausgezogen ist und ich mit meiner Mutter allein bleiben musste. Und das Scheidungsverfahren hat sich über Jahre hingezogen, weil meine Mom einfach nicht nachgeben wollte. Sie war eine sehr streitsüchtige Person.“

„Es ist schlimm, wenn Paare sich nicht einigen können. Bei meinem Vater sind, so viel ich gehört habe, bei der Scheidung von seiner ersten Frau auch die Fetzen geflogen. Aber ich kenne auch Paare, die sich im Guten getrennt haben und sogar Freunde geblieben sind.“

Elena sammelte ein paar herumliegende Puzzlestücke ein und legte sie in die Schachtel zurück. Dann erhob sie sich und streckte ihren Rücken, wobei sie die Hände auf die Hüften legte und ihren Brustkorb herausstreckte. Offenbar tat sie das ganz unbewusst, ohne sich darüber klar zu sein, wie verführerisch es aussah. Braden gab sich redliche Mühe, nicht allzu auffällig ihre vollen Brüste anzustarren.

Elena schien gar nicht bemerkt zu haben, was sie angerichtet hatte, denn sie erzählte unbefangen weiter. „Wegen jeder Kleinigkeit hat Mom einen Aufstand gemacht, und mich hat sie immer als Waffe benutzt, um meinen Vater kleinzukriegen. Zum Glück ist mein Dad ein vernünftiger Mensch und hat sich nicht von ihr provozieren lassen. Aber er tat mir immer leid, und ich fühlte mich auch ein bisschen schuldig, obwohl ich ja nichts dafür konnte.“

Braden hatte als Kind ebenfalls mit Schuldgefühlen zu kämpfen gehabt. Auch er war das Opfer im Streit seiner Eltern gewesen. Bradens Mutter Shannon war erst siebzehn gewesen, als sie von Charles Rayburn schwanger wurde. Der war damals noch mit der Mutter von Bradens Halbbruder Jason verheiratet gewesen, und es hatte einen Riesenskandal gegeben.

„Und wie lange ging das so?“, fragte Braden.

„Meine Mom hat praktisch bis zu ihrem Tod einen Krieg mit meinem Vater ausgefochten“, sagte Elena. „Wie oft habe ich sie dabei ertappt, dass sie dalag und sich neue Gemeinheiten ausdachte. Das wusste ich, weil sie mir immer davon erzählt hat. Sie konnte nicht mehr schlafen und nahm Schlaftabletten, und irgendwann hat sie zu viel genommen.“

„Hat sie Selbstmord begangen?“

„Das ist nicht ganz klar. Vielleicht hatte sie es geplant, denn sie war losgefahren, um sich eine Flasche Wodka zu besorgen. Auf dem Heimweg hat sie dann die Kontrolle über ihr Auto verloren und ist gegen einen Baum geprallt. Vermutlich hatte sie vorher schon Tabletten eingenommen. Jedenfalls hat die Polizei es als Verkehrsunfall deklariert.“

„Das muss schlimm für Sie gewesen sein.“

„Ja. Aber um ehrlich zu sein, war ich auch ein bisschen erleichtert, dass die Streiterei und das ganze Elend nun ein Ende hatten.“

Derartige Streitereien waren Braden erspart geblieben, da seine Eltern praktisch keinen Kontakt miteinander gehabt hatten. Charles Rayburn überwies wohl immer anstandslos die Unterhaltszahlungen für seinen unehelichen Sohn und stellte ansonsten keine Ansprüche. Doch Braden litt sehr unter der Häme seiner Mitschüler und dem Getuschel in der Kleinstadt.

Sie lebten damals zu dritt mit Grandpa Miller auf der Bar M, und seine Mom zog sich vollkommen zurück. Nie hatte sie irgendwelche Männerbekanntschaften. Einmal fragte Braden sie, weshalb sie nicht geheiratet hatte, doch sie wollte nicht darüber reden. Zu Bradens großer Freude hatte sie nun mit Erik noch ihr spätes Glück gefunden.

Trotz seiner schlimmen Kindheitserfahrungen grollte Braden seinem Schicksal keineswegs. Im Gegenteil, er fand, dass er bisher sehr viel Glück im Leben gehabt hatte. Doch was die Liebe anging, war er ein gebranntes Kind. Er bevorzugte unverbindliche Affären und hatte nicht die Absicht, sich fest zu binden.

„So, und jetzt genehmige ich mir ein Eis“, sagte Elena.

„Ich bin dabei.“

„Sie haben es sicher nicht immer einfach gehabt“, sagte Braden, während sie gemeinsam in die Küche gingen. „Aber mir scheint, Sie haben Ihr Leben ziemlich gut im Griff.“

„Ja, im Großen und Ganzen schon. Aber wenn ich bei meinem Dad und Laura bin, komme ich mir immer noch ein wenig wie ein Außenseiter vor. Meine Halbgeschwister sind so viel jünger als ich.“

Auch das konnte Braden sehr gut nachvollziehen. „Ja, es ist schwierig mit Halbgeschwistern. Das habe ich auch erlebt. Es gibt immer eine Konkurrenz untereinander und auch Eifersucht.“

„Bei mir wurde nie ein Unterschied gemacht. Laura stellt mich immer ganz selbstverständlich als ihre Tochter vor. Keine Ahnung, weshalb ich das dennoch anders empfinde.“

Braden öffnete den Kühlschrank, nahm zwei Eis am Stiel heraus und reichte ihr eins.

„Danke.“

Elena wurde wieder nachdenklich. „Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund, weshalb ich mich als Außenseiter fühle.“

„Welchen denn?“

Sie seufzte. „Meine Mom war Künstlerin, obwohl sie nie viel mit ihrem Talent angefangen hat. Sie hat ihre Energie leider vollkommen an ihr Selbstmitleid verschwendet. Ich kann zwar nicht gut malen oder zeichnen, aber ich habe ihre Kreativität geerbt, ihren Blick für Farbe und Stil.“

Braden löste die Verpackung vom Eis und warf sie in den Abfalleimer. „Und deshalb fühlen Sie sich anders?“

„Irgendwie schon … ach, das ist kompliziert.“ Sie machte ebenfalls ihr Eis auf und fing an zu lutschen.

Braden sah ihr fasziniert zu. Unglaublich, dass simples Eisschlecken derart sexy wirken konnte.

Elena schien keine Ahnung zu haben, welche Wirkung sie auf ihn hatte.

„Laura ist eine fantastische Köchin und eine wunderbare Mutter“, fuhr sie fort. „Aber ihr Sinn für Ästhetik ist nicht sehr ausgeprägt. Ein paar Mal habe ich schon versucht, das Haus ein wenig wohnlicher zu machen, aber das hat ihr, glaube ich, nicht gefallen.“

Sie biss sich auf die Lippe. „Vielleicht erinnere ich sie zu sehr an meine Mutter und all den Kummer, den sie verursacht hat. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich auch einfach zu empfindlich.“ Sie seufzte. „Jetzt rede ich die ganze Zeit über mich …“

Das machte Braden überhaupt nichts aus – im Gegenteil, er konnte gar nicht genug davon kriegen. „Erzählen Sie mir von Ihrem Plan mit der Modeboutique“, bat er.

Sie setzten sich an den Tisch.

„Den Namen habe ich schon: Attic. Das klingt so schön altmodisch, nach Sachen, die man auf dem Dachboden findet. Ich möchte vor allem ausgefallene Mode verkaufen, daneben aber auch andere schöne Dinge.“

„Was denn zum Beispiel?“

„Besondere Dinge. Originelle Geschenkartikel, witzige Deko. Es soll ein Laden mit einem ganz eigenen Stil werden.“ Ihre schönen braunen Augen leuchteten vor Begeisterung. „Ich habe mir alles genau überlegt und auch schon meine Lieferanten ausgesucht. Sobald ich genügend Geld gespart habe, lasse ich Brighton Valley hinter mir und ziehe nach Houston.“

„Und wieso möchten Sie das Geschäft in Houston eröffnen und nicht in Austin?“

„In Austin würde ich der Boutique, in der ich gejobbt habe, Konkurrenz machen. Außerdem liegt Houston näher, sodass mein Dad und Laura nicht denken müssen, ich würde sie komplett verlassen.“

Seltsamerweise versetzte ihm der Gedanke, dass sie bald weggehen würde, einen Stich. „Es scheint Ihnen ziemlich eilig zu sein mit dem Wegkommen.“

Sie lächelte ihn an. „Ja, ich freue mich wirklich darauf, endlich meine berufliche Zukunft in die Hand zu nehmen. Aber ich werde bestimmt öfters zu Besuch nach Hause fahren.“

Eine Weile schleckten sie schweigend ihr Eis.

„Erzählen Sie mir von den Zwillingen“, bat Elena schließlich. „Ich kenne sie ja erst seit ein paar Stunden, aber ich mag sie. Die beiden sind ziemlich schlau und witzig – und sehr hübsch.“

„Hm. Da wir uns nicht verständigen können, kann ich leider noch gar nicht viel über sie sagen.“

„Ich bringe den beiden Englisch bei. Sie werden sehen, wie schnell sie es lernen.“ Elena biss ein Stück von ihrem Eis ab. „Wissen Sie denn etwas von ihrem früheren Leben?“

„Nicht viel.“ Braden aß den letzten Bissen von seinem Eis und warf den Stiel in den Mülleimer. „Haben die Kinder Ihnen schon etwas erzählt?“

„Nein, und ich wollte sie nicht gleich ausfragen. Aber bei Gelegenheit kann ich versuchen, etwas herauszubekommen. Soll ich?“

„Ja, aber gehen Sie bitte behutsam vor. Seit dem Tod ihrer Mutter haben sie wohl einiges durchgemacht. Wir wissen nur, wie sie das letzte halbe Jahr verbracht haben. Die ganze Geschichte mit Camilla und meinem Vater bleibt ein Rätsel, da können wir höchstens Vermutungen anstellen.“

„Camilla war die Mutter der Zwillinge?“

„Ja, sie war Künstlerin und ist vor zwei Jahren an Brustkrebs gestorben.“

„Und was ist so rätselhaft daran?“

„Camillas Vater Reuben war Vorarbeiter auf der Ranch meiner Großmutter. Vor vier Jahren hat er gekündigt und ist nach Mexiko zurückgezogen. Als Grund nannte er Familienangelegenheiten.“ Braden fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Camilla hatte ihren Vater öfters auf der Leaning R besucht und dadurch meinen Dad kennengelernt. Sie wurden ein Paar, und Camilla blieb für eine Weile auf der Ranch. Aber dann ist sie plötzlich weggegangen, ohne zu sagen, wohin, und nie mehr wiedergekommen.“

„War sie mit den Zwillingen schwanger, als sie wegging?“

„Das ist zu vermuten, aber mein Vater wusste anscheinend nichts davon. Er hat wohl erst vor einem halben Jahr von der Existenz seiner Kinder erfahren. Über einen Privatdetektiv hat er die Zwillinge dann in Mexiko ausfindig gemacht. Als er sie zusammen mit einem Detektiv abholen wollte, sind die beiden unterwegs mit dem Auto tödlich verunglückt. Damit sind alle Informationen über die Kinder verloren gegangen. Wir wissen auch nicht, weshalb mein Vater etliche Gemälde von Camilla in San Antonio zwischengelagert hat.“

Elena legte die Arme auf den Tisch und beugte sich vor. „Ist es denn sicher, dass die Kinder von ihm sind?“

„Laut den Geburtsurkunden, die die Zwillinge bei sich hatten, sind sie in San Diego geboren, und Charles Rayburn ist als Vater angegeben. Offenbar hat er seine Vaterschaft nie in Zweifel gezogen.“

„Und Sie sind sicher, dass er es nicht schon vorher wusste?“

„Mein Dad war immer sehr großzügig mit seinen Kindern, was Geld anbelangte. Aber wir haben keine Zahlungen an Beto und Bela oder Camilla gefunden. Deshalb nehmen wir an, dass er es nicht wusste.“

„Wie sind die Kinder eigentlich hierhergekommen?“

„Nachdem mein Vater tot war, haben wir erfahren, dass er einen Privatdetektiv engagiert hatte. Wir haben dann das Detektivbüro kontaktiert, um zu erfahren, was dahintersteckt.“

„Hatte er denn niemandem etwas erzählt?“

„Mein Dad?“ Braden schüttelte den Kopf. „Der hat nie etwas von sich preisgegeben. Nicht mal Jason gegenüber, der für ihn gearbeitet hat.“

„Und wie ging es dann weiter?“

„Das Detektivbüro hat uns die Informationen zur Verfügung gestellt, soweit sie schriftlich vorhanden waren. Alle anderen Informationen sind mit dem Tod meines Vaters und des Privatdetektivs verloren gegangen.“

„Aber Sie wussten von den Kindern und hatten auch eine Adresse.“

„Ja, die Adresse des Waisenhauses, in dem die Zwillinge nach Camillas Tod untergebracht worden waren. Ich habe mich dann auch gleich auf den Weg gemacht. Damals hatte ich gerade beschlossen, meine Rodeokarriere zu beenden, und war froh, eine Aufgabe zu haben.“

„Aber Sie haben die Kinder nicht gleich mitgebracht, oder?“

„Nein, denn auf der Fahrt nach Mexiko habe ich einen Anruf meiner Mutter bekommen. Meinem Großvater ging es sehr schlecht, und sie hatte niemanden, der sie auf der Ranch unterstützen konnte. Also bin ich unverrichteter Dinge zurückgefahren und war für die nächste Zeit vollauf mit der Arbeit auf der Ranch beschäftigt.“

„Und dann hat Ihr Bruder Jason die Kinder geholt.“

„Ja, das hat wieder eine Weile gedauert, weil er ständig geschäftlich unterwegs war. Als er dann ins Waisenhaus kam, hat er erfahren, dass die Kinder schon seit einer Weile bei einer Kinderfrau untergebracht waren. Das hatte wohl mein alter Herr arrangiert, als Übergangslösung, bis die ganzen Formalitäten mit dem Sorgerecht erledigt wären.“

Elena schwieg. Sicher musste sie das Gehörte erst einmal verarbeiten, und Braden konnte es ihr nicht verdenken. Es war ja für ihn selbst kaum durchschaubar.

„Sicher würden Sie gern wissen, wie die Kinder ihre ersten Lebensjahre verbracht haben. Ich werde versuchen, etwas herauszufinden.“

„Danke.“

„Haben die beiden überhaupt eine Ahnung, dass sie mit Ihnen verwandt sind?“, fragte Elena stirnrunzelnd.

„Wenn, dann nur sehr vage.“

„Haben Sie denn herausgefunden, wie es ihnen in Mexiko ergangen ist, nachdem ihre Mutter tot war?“

„Nur das Wenige, was die Kinderfrau erzählt hat, bei der sie die letzten paar Monate verbracht haben. Anscheinend war Jasons Gespräch mit ihr nicht sehr ergiebig.“

„Weil sie kein Englisch verstand?“

Braden seufzte. „Nein, nicht nur. Sie war wohl ziemlich abweisend.“

„Aber sie hat die Kinder hoffentlich nicht schlecht behandelt?“

„Auf mich machen sie nicht den Eindruck, als seien sie vernachlässigt worden. Wahrscheinlich hatte die Frau bloß Angst, mein Dad hätte sich aus dem Staub gemacht, nachdem er nicht mehr zu Besuch gekommen war, und sie würde ihr Geld nicht bekommen. Sie hatte schon vor, die Kinder ins Waisenhaus zurückzubringen. Jason kam gerade noch rechtzeitig und konnte alles mit ihr regeln.“

„Meine Güte, wie traurig!“

„Ja, das finden wir auch.“ Braden zog sich das Herz zusammen, wenn er daran dachte, wie die Kinder hin- und hergeschoben worden waren. Er nahm sich fest vor, seinen kleinen Geschwistern ein liebevoller großer Bruder zu sein.

Elena ertappte sich dabei, dass sie Braden ziemlich unverhohlen anstarrte. Zum einen, weil es sie reizte herauszufinden, was sich hinter seiner nachdenklichen Miene verbarg.

Zum anderen, weil sie ihn immer attraktiver fand.

Als Braden ihren Blick auffing, wurde sie rot und sah verlegen beiseite.

„Möchten Sie auch noch ein Eis?“, fragte er unvermittelt und ging mit lässigen Schritten zum Kühlschrank.

„Nein, danke.“ Sie hatte schon genug Zeit mit ihm verbracht, und langsam wurde es ihr zu gefährlich. Braden war definitiv der Typ Mann, der einer Frau den Kopf verdrehen konnte.

Vielleicht lag es auch an der abendlichen Stimmung in dem stillen Haus, dass ihre Fantasie verrückt spielte. Morgen, wenn die Kinder wieder herumtobten, würde schon alles anders aussehen. Schließlich war sie zum Arbeiten hier.

„Ich gehe jetzt schlafen“, sagte sie und stand auf.

Er sah sie so bedauernd an, als hätte sie sich gerade für immer von ihm verabschiedet.

„Stimmt was nicht?“, fragte sie.

„Nein, alles in Ordnung“, erwiderte er lächelnd. „Ich bleibe noch ein wenig hier sitzen.“

„Dann gute Nacht. Bis morgen.“ Beinahe hatte sie ein schlechtes Gewissen, ihn so allein in der Küche sitzen zu lassen.

Hör sofort damit auf, schalt sie sich. Braden Rayburn und sein sehnsüchtiger Blick gingen sie überhaupt nichts an. Der Mann konnte doch an jedem Finger zehn Frauen haben.

In ihrem Zimmer nahm sie ihr Nachthemd und den Kulturbeutel von der Kommode und ging ins angrenzende Badezimmer. Ein eigenes Bad, welch ein Luxus! Sie ließ Wasser in die Wanne laufen und tauchte genüsslich ein.

Nach dem Baden war sie so entspannt, dass sie auf der Stelle in ihrem großen, bequemen Bett einschlief.

Der Schrei eines Kindes schreckte sie aus dem Tiefschlaf. Das hatte sich nach Bela angehört. Elena setzte sich auf, warf die Decke beiseite und lief rasch hinüber ins Kinderzimmer. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

„No! Quiero mi mamá! Dónde está mi mamá?“ Schreiend warf Bela sich im Schlaf von einer Seite zur anderen.

Elena verkrampfte sich das Herz vor Mitleid. Zuerst überlegte sie, Licht zu machen, doch dann verwarf sie den Gedanken. Die plötzliche Helligkeit könnte die Kleine noch mehr erschrecken. Sie setzte sich auf die Bettkante und legte dem Kind beruhigend die Hand auf die Stirn. „Ganz ruhig, Bela, alles ist gut“, sagte sie auf Spanisch.

Das kleine Mädchen riss erschrocken die Augen auf, offensichtlich noch unter Schock von ihrem Albtraum. Doch dank Elenas sanften Gemurmels beruhigte sich das Kind rasch und schlief wieder ein.

4. KAPITEL

Als der Schrei durchs Haus gellte, saß Braden noch in seinem Büro und grübelte über den Büchern, die sein Großvater ihm hinterlassen hatte. Es gelang ihm einfach nicht, aus den Zahlen schlau zu werden. Irgendwo hatte sich da ein Fehler eingeschlichen.

Er war so in seine Arbeit vertieft, dass es eine Weile brauchte, bis der Schrei in sein Bewusstsein drang. War das Bela gewesen? Sofort sprang er auf und lief die Treppe hoch.

Als er vor der Kinderzimmertür stand, hörte er Elenas sanfte Stimme. Wie gut, dass sie da ist, dachte er dankbar. Anscheinend hatte sie das Kind schon beruhigen können.

Er wollte schon wieder zurückgehen, als ihn das schlechte Gewissen packte. Vielleicht hatte Elena recht und die Kinder waren wegen ihrer neuen Situation verunsichert. Falls sie noch wach waren, musste er ihnen unbedingt versichern, dass sie hierbleiben konnten und sich nicht mehr ängstigen mussten.

Leise drückte er die Klinke herunter und lugte ins Zimmer. Beto schlief tief und fest, und auch Bela schien wieder eingeschlafen zu sein. Elena saß noch an ihrem Bett und murmelte leise, besänftigende Worte auf Spanisch. Wie gut, dass sie Bela in ihrer Muttersprache trösten konnte.

Elena hatte ihn noch nicht bemerkt. Braden lehnte sich an den Türrahmen und lauschte ihrer sanften Stimme. Wie süß sie aussah mit ihrem wirren Haar und dem verschlafenen Gesicht. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden und wünschte sich beinahe, selbst einen Albtraum zu haben. Wie gern würde er sich von ihr trösten lassen …

In diesem Moment drehte sie sich zu ihm um, und plötzlich war da ein Gefühl tiefer Verbundenheit zwischen ihnen.

Elena sah als Erste weg und betrachtete verlegen ihre nackten Beine.

Hatte sie etwa Skrupel, weil er – ihr Arbeitgeber – sie im Nachthemd sah?

Aber schließlich war das doch kein Acht-Stunden-Job im Büro. Sie wohnte hier und war aus dem Schlaf gerissen worden. Keiner von ihnen beiden war darauf vorbereitet gewesen, den anderen anzutreffen.

Jedenfalls sollte er sich jetzt schleunigst in sein Zimmer begeben, statt weiter hier herumzulungern und sie noch verlegener zu machen.

Doch seiner vernünftigen Idee zum Trotz hörte er sich plötzlich fragen: „Haben Sie Lust auf einen kleinen Mitternachtssnack?“

Die Frage traf Elena völlig unvorbereitet. Allerdings war ihr sein bewundernder Blick nicht entgangen. Sie fühlte sich davon geschmeichelt und verunsichert zugleich. Ihr war klar, dass es für ihr seelisches Gleichgewicht auf jeden Fall besser wäre, ganz schnell ins Bett zurückzugehen. Dennoch akzeptierte sie die Einladung.

Sie holte ihren Bademantel und ging hinunter in die Küche.

Braden war dabei, zwei Dessertschalen zu füllen. Er blickte kurz hoch und lächelte sie an. „Hoffentlich mögen Sie Schokoladencreme.“

„Ich liebe Schokocreme!“ Elena hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Wieso hatte sie das „L“-Wort benutzt, das ihr sonst nie über die Lippen kam, schon gar nicht, wenn es ums Essen ging? Selbst bei ihren Angehörigen hielt sie sich mit Liebesbekundungen zurück. Vielleicht würde sich das später ändern, wenn sie eine eigene Familie hätte. Spätestens dann müsste sie lernen, ihre Gefühle zu zeigen.

„Bitte sehr“, sagte Braden und reichte ihr eine der beiden Schalen zusammen mit einem Teelöffel. „Setzen wir uns ins Wohnzimmer?“

Sie gingen hinüber und setzten sich auf das gemütliche braune Sofa.

„Die arme Bela“, sagte Elena und fing an, die köstliche Creme zu löffeln. „Waren Sie denn noch wach, als sie geschrien hat?“

„Ja, ich war in meinem Büro, weil ich nicht schlafen konnte.“

„Können Sie so spät noch arbeiten?“

„Na ja, so richtig erfolgreich war ich nicht.“ Er lächelte sie an. „Es gibt noch viel für Sie zu tun, was die Buchhaltung angeht.“

Sie saßen zwar in einigem Abstand voneinander, doch es kam Elena sehr intim vor, neben Braden auf dem Sofa zu sitzen. Sie fühlte sich ein wenig unbehaglich, obwohl sie es andererseits erregend fand. Verstohlen betrachtete sie ihn von der Seite.

Er bemerkte den Blick und wandte sich ihr zu. „Sie haben Schokocreme am Mund.“

„Oh.“ Sie leckte sich die Mundwinkel. „Weg?“

„Nicht ganz.“ Er beugte sich zu ihr und rieb mit dem Daumen sanft über die Stelle neben ihrer Oberlippe. Die zarte Berührung wirkte auf Elena wie ein Stromschlag.

Zu allem Überfluss war Braden, als er sich zu ihr beugte, unmerklich näher gerückt. Sie sah, dass auch er einen Klecks Schokocreme am Mundwinkel hatte, aber sie würde es niemals wagen, ihn darauf hinzuweisen oder den Fleck gar mit dem Finger wegzuwischen, wie er es getan hatte.

Das Knistern zwischen ihnen war körperlich zu spüren. Konnte sie das drei Wochen lang aushalten?

Sie würde es versuchen müssen, es blieb ihr ja nichts anderes übrig.

Rasch aß sie auf und stellte die Schale ab. „So! Zeit, schlafen zu gehen“, sagte sie betont fröhlich und stand auf.

„Danke, dass Sie mir Gesellschaft geleistet haben“, sagte er mit betörendem Lächeln. „Gute Nacht.“

Braden tastete nach dem Wecker auf seinem Nachttisch und stellte den Klingelton ab. Nach dem Zubettgehen gestern Abend hatte er noch lange wach gelegen und nachgedacht.

Über die Zwillinge, aber vor allem über Elena.

Mit jedem Moment, den er mit ihr zusammen war, fühlte er sich stärker zu ihr hingezogen. Als er sie zu dem Mitternachtssnack eingeladen hatte, war es in der Absicht gewesen, seine wachsende Erregung in den Griff zu bekommen, indem er ganz unverfänglich ein Dessert mit ihr aß.

Allerdings hatte die Situation auf dem Sofa alles nur noch schlimmer gemacht.

Er musste sich zusammenreißen. Wenn er sich Hals über Kopf in das Kindermädchen der Zwillinge verliebte, würde sein Leben noch chaotischer werden. Außerdem zog sie sowieso in die Großstadt, wenn ihr Job bei ihm beendet war. Sie hatte ein vollkommen anderes Leben vor sich, das mit seinem eigenen unvereinbar war.

Erst gegen drei Uhr morgens war er eingedöst, und der Schlaf fehlte ihm nun. Am liebsten wäre er noch ein, zwei Stunden liegen geblieben, doch das ließ seine Arbeit nicht zu. Er schleppte sich ins Bad und nahm eine belebende Dusche.

Nachdem er sich rasiert und angezogen hatte, fühlte er sich schon besser. Er ging hinunter in die Küche und trank einen Orangensaft, dann zog er im Vorraum seine Stiefel an und ging nach draußen. Es war bereits sehr warm, obwohl die Sonne sich gerade erst am Horizont zeigte.

Zwei Stunden später waren die Pferde gefüttert und die Arbeiten im Stall erledigt. Er ging ins Haus zurück, um sich wie üblich eine Kanne Kaffee zu kochen und sein Müsli anzurühren. Doch schon an der Hintertür empfing ihn der herzhafte Geruch von gebratenem Schinken. Prompt fing sein Magen an zu knurren und erinnerte ihn daran, wie hungrig er war.

Er hängte seinen Hut an den Haken und ging in die Küche, wo Elena barfuß vor dem Herd stand und in der Pfanne rührte. Sie hatte Jeans an und darüber eine lässige weiße Bluse. Das Haar hatte sie lose hochgesteckt.

Wie unglaublich wandlungsfähig diese Frau war! Jedes Mal war er von Neuem fasziniert und fragte sich, wie viele Facetten sie noch für ihn bereithielt.

„Hm, da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen.“

Mit einem fröhlichen Lächeln drehte sie sich zu ihm um. „Ich dachte, ich nutze die Zeit, während die Kinder sich waschen und anziehen, und mache schon mal Frühstück. Haben Sie Hunger? Es gibt Rührei mit Schinken.“

„Und wie ich Hunger habe.“ Nicht nur nach Rührei. „Ich setze dann mal den Kaffee auf.“

Während die Kaffeemaschine vor sich hin blubberte, lehnte er sich mit verschränkten Armen gegen die Anrichte. „Vielleicht können wir heute mal mit den Kindern reden und sie fragen, ob sie sich noch an ihre Mutter und an das Leben in Mexiko erinnern.“

„Ja, gute Idee. Und Sie sollten sie auch beruhigen und ihnen sagen, dass sie hierbleiben können.“

„Bei mir?“

Elena neigte leise lächelnd den Kopf. „Na, bei einem von Ihren Geschwistern können sie ja wohl bleiben. Zumindest hatte ich Sie so verstanden.“

„Ja, das habe ich gesagt. Aber wir müssen aufpassen, wie wir das formulieren, damit sie nicht das Gefühl bekommen, unerwünscht zu sein.“

Elena nickte und wandte sich wieder dem Herd zu. „Könnten Sie schon mal den Tisch decken?“

„Klar.“

Kaum hatte er alles hingestellt, kamen auch schon die Zwillinge in die Küche gestürmt. Sie sagten etwas auf Spanisch zu Elena, und als sie antwortete, setzten sie sich gehorsam an den Tisch.

Braden verspürte den Drang, Betos verwuscheltes Haar zu kraulen und Belas zarte Wange zu streicheln, aber die Sprachbarriere verunsicherte ihn. Er begnügte sich damit, den beiden freundlich zuzulächeln, und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Elena stellte den Kindern zwei Schalen mit Cornflakes hin und goss Milch darüber. Sofort machten sie sich darüber her, während Elena Rührei auf die Teller verteilte. Braden schenkte den Kaffee ein.

Als die Kinder fertig gegessen hatten, rutschten sie sofort von ihren Sitzen. Doch Elena sagte etwas auf Spanisch, woraufhin sie sich wieder hinsetzten. Dann fing Elena an, ihnen Fragen zu stellen, und die Kinder antworteten bereitwillig.

Währenddessen trank Braden seinen Kaffee und wünschte, er könnte der Unterhaltung folgen.

Nachdem Elena offenbar alles erfahren hatte, was sie hören wollte, erlaubte sie den Kindern, nach draußen zu gehen. Als die beiden weg waren, lehnte sie sich im Stuhl zurück und trank einen Schluck Kaffee.

„Haben Sie etwas herausfinden können?“, fragte Braden gespannt.

„Sie können sich noch gut an ihre Mutter erinnern, aber ihren Vater haben sie nie kennengelernt.“

„Ja, der ist leider zuvor verunglückt.“

„Sie vermissen ihre Mutter sehr. Sie durften immer mit in ihr Atelier und bekamen von ihr Farben und Pinsel.“

„Camilla war sehr talentiert. Während ihrer Zeit auf der Leaning R hat sie wunderbare Porträts gemalt, die wir im Nachlass meines Vaters gefunden haben.“ Ihm kam eine Idee. „Vielleicht sollte ich die Zwillinge in einem Malkurs anmelden.“

„Gute Idee. Das würde ihnen bestimmt gefallen.“

Solange die Kinder bei ihm wohnten, könnte Elena sie hinbringen und abholen. Aber was wäre danach? Vielleicht sollte er besser abwarten, wo sie endgültig bleiben würden.

„Was haben die beiden denn noch erzählt?“

„Als ihre Mutter krank wurde, ist der Großvater zu ihnen gezogen. Und dann ist ihre Mom ‚ganz weit weggegangen‘.“

Also hatte Camillas Vater Reuben vor vier Jahren die Leaning R verlassen, weil er sich um seine Tochter und seine Enkel kümmern musste.

„Und dann ist ihr Großvater gestorben.“

Nach Bradens Informationen musste das vor etwa neun Monaten gewesen sein.

„Haben sie noch mehr von ihrem Großvater erzählt?“

Ein Lächeln lief über Elenas Gesicht. „Für Beto war er der tollste Cowboy auf der ganzen Welt. Nicht, dass Sie jetzt eifersüchtig sind.“

Braden machte zum Spaß eine gekränkte Miene, dann lachte er.

Elena stimmte in Bradens Lachen ein, dann wurde sie ernst. „Bela hat nur stumm vor sich hingeguckt, als Beto von seinem Großvater erzählte. Ich nehme an, sie hat sehr an ihm gehangen. Anscheinend konnte sie nicht darüber reden, was sie bedrückt. Beto hat es mir dann erzählt.“

„Was denn?“, fragte Braden gespannt.

„Bela hat ihren Großvater gefunden, als er im Wohnzimmer vor dem Kamin zusammengebrochen war. Das war sicher ein Schock für sie. Beto ist dann zur Nachbarin gelaufen, aber es war schon zu spät. Die Nachbarin hat den Kindern gesagt, das Herz ihres Grandpas sei stehen geblieben, und beim Fallen hätte er sich den Kopf am Kamin angeschlagen.“

„Wie schrecklich.“ Braden fragte sich, ob Belas Albträume daher rührten, und sein Herz zog sich vor Mitleid mit dem kleinen Mädchen zusammen.

„Die Nachbarin hat die Kinder bis zur Beerdigung bei sich behalten. Dann kamen sie ‚in ein Haus mit vielen Kindern‘.“

„Ins Waisenhaus.“

„Das ist anzunehmen. Eines Tages hat die Direktorin sie zu sich gerufen und ihnen gesagt, dass ihr Vater gefunden worden sei und sie bald abholen würde. Zwei Tage später sei ein Mann gekommen und hätte ihnen Grüße von ihrem Vater ausgerichtet.“

Das musste der Privatdetektiv gewesen sein.

„Und dann haben sie auf ihren Vater gewartet, aber der ist nicht gekommen.“

„Nein. Dafür kamen sie zu der Kinderfrau. Im Waisenhaus hat man ihnen gesagt, dass sie bei der Kinderfrau bleiben sollen, bis ihr Dad sie abholt. Sie sind noch immer enttäuscht, dass er nicht gekommen ist.“

Irgendwann würde Braden den Kindern erzählen müssen, dass ihr Vater tot war. Aber vorerst würde er es ihnen ersparen.

„Sagen Sie den Kindern einfach, dass sie jetzt in der Familie ihres Dads angekommen sind und nirgendwohin mehr abgeschoben werden.“

„Ja, das ist im Moment sicher das Vernünftigste“, stimmte Elena zu.

Braden überlegte. „Also haben die Kinder erst im Waisenhaus erfahren, dass sie einen Vater haben.“

„So sieht es aus.“

„Möglicherweise hat Reuben schon Kontakt mit meinem Vater aufgenommen, als er merkte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Immerhin kannten sich die beiden. Wie hätte mein Vater sonst davon erfahren sollen, dass er noch zwei Kinder in Mexiko hat? Und als mein Vater nach Reubens Tod unter der Adresse niemanden mehr erreichte, hat er einen Privatdetektiv engagiert.“

„So könnte es gewesen sein. Beto hat erzählt, die Kinderfrau sei immer ungeduldiger geworden und hätte damit gedroht, sie ins Waisenhaus zurückzubringen. Und da hätten sie Angst bekommen, dass ihr Dad sie nicht mehr findet.“

Die armen Kinder, dachte Braden. Sie haben gewartet und gewartet, dabei war ihr Dad längst tot. Wie lange muss ihnen die Zeit vorgekommen sein, bis Jason sie endlich abholte.

Elena überlegte, ob sie die Kinder auf der Ranch lassen sollte, wenn sie zum Einkaufen in die Stadt fuhr. Aber dann müsste Braden auf sie aufpassen.

Es tat ihr leid, die beiden beim Malen zu stören, denn sie waren gerade ganz vertieft. Andererseits freuten sie sich vielleicht über einen kleinen Ausflug. Als Elena ihnen versprach, sie dürften sich im Laden etwas aussuchen, waren sie sofort Feuer und Flamme und liefen nach draußen.

Elena nahm die beiden Kindersitze, die Braden vorsorglich aus seinem Pick-up geholt und auf die Veranda gestellt hatte, und befestigte sie auf dem Rücksitz ihres Wagens. Dann ließ sie die Zwillinge einsteigen, schnallte sie an und fuhr los.

Kaum hatte sie vor dem Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Brighton Valley geparkt und die hintere Wagentür aufgemacht, sprangen die Kinder heraus und liefen die Treppe zum Laden hoch.

„Wartet auf mich“, rief sie ihnen auf Spanisch hinterher, und die beiden blieben gehorsam stehen.

Der Ladenbesitzer Jim Calhoun war gerade dabei, den Boden zu fegen, und begrüßte Elena herzlich. Dann stellte er den Besen ab, ging zur Theke, hinter der seine Frau Cindy stand, und nahm zwei Lutscher aus einem großen Glas.

Beto und Bela warfen einen fragenden Blick auf Elena, und als sie nickte, liefen sie schnell hin, um sich die Lutscher abzuholen.

„Gracias“, sagten sie.

Die Calhouns betrieben ihr Geschäft seit über zwanzig Jahren, und bisher war es gut gelaufen. Doch seit der neue Supermarkt im Norden der Stadt eröffnet worden war, kämpften sie ums Überleben.

Deshalb kaufte Elena immer bei ihnen ein. Sie fand, dass man kleine Läden, wie auch den von ihrem Dad, unterstützen musste.

„Was für süße Kinder“, sagte Cindy. „Sind sie Zwillinge?“

„Ja.“ Elena legte Beto und Bela die Hände auf die Schultern und stellte sie vor.

Es war bekannt, dass Jim und Cindy ganz vernarrt in Kinder waren, aber selbst keine bekommen konnten. Elena fragte sich, ob Braden sie insgeheim als Pflegeeltern auf seiner Liste hatte, falls er sich nicht mit seinen Geschwistern einigen konnte. Die beiden wären das perfekte Elternpaar.

Cindy betrachtete die Kinder mit einem warmen Lächeln. „Wo kommen sie denn her? Sind sie mit dir verwandt?“

„Nein, sie wohnen für ein paar Wochen auf der Miller Ranch, bei Braden.“ Mehr wollte Elena nicht preisgeben, und zum Glück gab Cindy sich mit der kurzen Information zufrieden. Sie fragte Elena dann noch nach ihrer Familie, was Jim dazu veranlasste, begeistert von der Football-Mannschaft zu erzählen, in der Elenas Bruder Jesse spielte.

„Wir wollen Elena nicht aufhalten, Jim“, stoppte Cindy den Redefluss ihres Mannes. „Elena, du hast es bestimmt eilig.“

„Ja, ich sollte mich mal lieber beeilen, bevor mein Korb mit Süßkram vollgeladen wird“, erwiderte Elena mit Blick auf die Zwillinge, die gerade interessiert das Regal mit süßem Gebäck und Donuts betrachteten.

Sie rief Beto und Bela zu sich und ließ sie neben dem Einkaufswagen herlaufen. Als sie ein Brot aus dem Regal nahm, deutete sie darauf. „Pan. Brot“, sagte sie. Dann ließ sie die Kinder das Wort wiederholen, was ihnen keine Probleme bereitete.

Am Kühlregal deutete Elena auf die Milch. „Leche. Milch.“ Wieder sprachen sie das englische Wort korrekt aus. Interessanterweise hatten sie kaum einen spanischen Akzent. Sicher würden sie rasch Englisch lernen.

Genau wie bei Brot und Milch sprach Elena ihnen auch diverse Obst- und Gemüsesorten vor.

An der Eistruhe durften sich die beiden zwei Eissorten aussuchen.

„Schokoladeneis“, rief Beto.

„Vainilla“, sagte seine Schwester.

Während Elena noch überlegte, ob sie große Packungen von jeder Sorte nehmen sollte, traf es sie wie der Blitz.

Sie sah den kleinen Jungen an. Was hatte Beto gerade gesagt? Es war nicht das spanische Wort chocolaté gewesen.

Nachdenklich legte Elena die beiden Pakete in ihren Einkaufswagen.

Nachdem sie ihre Einkäufe bezahlt hatte, halfen die Kinder ihr, die Tüten zum Auto zu tragen. Jetzt hieß es schnell nach Hause fahren, damit bei der Hitze nicht das Eis schmolz. Aber vorher wollte Elena noch kurz im Mediashop vorbeigehen, um ein paar Kinderfilme zu kaufen. Sie hoffte, dass Filme den Kindern beim Englischlernen halfen.

Als sie zum Auto zurückgingen, verschwand Beto plötzlich hinter einer Mülltonne.

„Was machst du da?“, rief Elena. „Komm, wir müssen nach Hause.“ Doch Beto reagierte nicht und blieb am Boden hocken.

Elena wollte schon losschimpfen, doch als Bela zu ihrem Bruder rannte, lief sie notgedrungen hinterher.

Hinter der Mülltonne saß das dreckigste, verwahrloseste Hündchen, das Elena je gesehen hatte. Anscheinend hatte es sich verletzt, denn es leckte sich die linke Vorderpfote, und auf dem Gehweg war eine Blutspur zu erkennen.

Gerade wollte Elena den Kindern sagen, dass sie wegbleiben sollten, weil das Tier womöglich eine Krankheit hatte, doch es war zu spät. Beto hatte das Hündchen schon hochgehoben und drückte es besitzergreifend an seine Brust.

Als Elena einwandte, sie könnten den Hund unmöglich mitnehmen, und außerdem hätte Braden sicher was dagegen, fingen die Zwillinge lautstark zu protestieren an. Was denn aus ‚Pepe‘ werden sollte, wenn sie ihn zurückließen. Elena konnte es nicht fassen. Sie hatten dem Hündchen tatsächlich schon einen Namen gegeben.

Vehement schüttelte sie den Kopf. Auf keinen Fall würde sie den verdreckten kleinen Köter in ihrem Wagen mitnehmen. Doch dann sah sie die mitleidigen Augen der Zwillinge, die selbst Waisen waren, und gab ihren Widerstand auf.

Sie überlegte fieberhaft. Wenn sie das Hündchen im Kofferraum ließ, würde Braden es erst mal nicht bemerken. Sie würde schnell das Gemüse und die tiefgefrorenen Sachen in der Küche verstauen und dann gleich zur Tierärztin fahren.

Allerdings erlaubten es ihre finanziellen Mittel nicht, die Rechnung zu bezahlen, und sie konnte unmöglich Bradens Haushaltsgeld dafür verwenden. Aber da die Tierärztin eine Freundin der Familie Ramirez war, würde sie den kleinen Kerl vielleicht kostenlos untersuchen oder sogar kurzfristig bei sich aufnehmen, bis eine Lösung gefunden worden wäre.

Bei all dem hatte Elena das mulmige Gefühl, dass Braden ihre Entscheidung ganz und gar nicht gutheißen würde.

Braden war hochzufrieden mit dem, was er heute alles zustande gebracht hatte. Dank Elena brauchte er sich nicht mehr um die Zwillinge zu kümmern und konnte sich ausschließlich seiner Arbeit widmen.

Nun war er rechtschaffen müde und sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem herzhaften Essen. Vielleicht hatte Elena ja wieder etwas Leckeres gekocht. Wenn nicht, würde er den Pizzaservice anrufen.

Ihr Auto stand vor dem Haus, das war schon mal ein gutes Zeichen.

Auf das, was ihn erwartete, als er das Haus betrat, war er allerdings nicht vorbereitet.

Beto und Bela saßen auf dem Küchenboden und spielten mit einem wuseligen Ding, das aussah wie ein Wischmopp, sich aber bewegte. Ein kleiner Hund. Bradens Blut geriet in Wallung. Hatte den etwa auch jemand vor der Ranch ausgesetzt wie die beiden Kätzchen?

Als er ansetzte, den Kindern zu sagen, dass sie den Hund auf keinen Fall behalten konnten, stieg ihm der Duft von Schmorbraten in die Nase.

Es roch verflixt gut, und eigentlich sollte er sich jetzt bei Elena für das bedanken, was sie heute geleistet hatte. Doch alles, was er herausbrachte, war: „Was macht dieser räudige Köter hier?“

„Das ist Pepita“, sagte Elena betont fröhlich. „Zuerst haben wir sie Pepe genannt, bis die Tierärztin uns dann sagte, dass es eine Sie ist. Vorher war sie derart verdreckt, dass ich sie nicht anfassen konnte. Aber in der Tierarztpraxis ist sie gebadet worden.“

Braden konnte es nicht fassen. „Sie haben den Köter auch noch zum Tierarzt gebracht? Wieso denn das?“

„Pepita hat eine verletzte Pfote, aber es ist nichts Schlimmes, nur ein Glassplitter. Die Tierärztin hat den Splitter herausgezogen und die Wunde gesäubert und desinfiziert.“

„Wow“, sagte Braden ironisch. „Und jetzt noch mal ganz langsam von vorne. Sie haben einen streunenden Köter gefunden und ihn zum Tierarzt gebracht. Und jetzt soll er hierbleiben?“

Elena stellte eine Schüssel mit grünem Salat, den sie gerade angerichtet hatte, auf den Tisch und kam näher. „Die Kinder haben den verwahrlosten kleinen Hund hinter einer Mülltonne gefunden. Wie um Himmels willen hätte ich ihnen sagen sollen, dass ich kein Mitleid mit einem armen verlassenen Tier habe?“

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