Logo weiterlesen.de
BIANCA EXTRA BAND 43

MICHELLE MAJOR

Die heilende Kraft deiner Liebe

Als die schöne Emily in ihren Heimatort zurückkommt, ist Jase Crenshaw von ihr so fasziniert wie nie. Aber nach ihrer Scheidung hat Emily der Liebe abgeschworen … Gibt sie Jase dennoch eine Chance?

SANDRA STEFFEN

Zufall, Schicksal … oder einfach Glück?

Lacey ist völlig überrascht von Noahs Unterstellungen – und seinen zärtlichen Küssen. Doch Vorsicht: Sobald er ihr Geheimnis entdeckt, verstößt er sie bestimmt sofort wieder aus seinem Leben …

CHRISTINE RIMMER

Der Millionär und das Countrygirl

Großstadt-Millionär Carson trifft die Liebe wie der Blitz, als er in Montana die schöne Tessa kennenlernt. Wie kann er seiner Traumfrau vom Land klarmachen, dass ausgerechnet er ihr Mr. Right ist?

CHRISTY JEFFRIES

Was in dieser Nacht begann …

„Oh, du bist es“, ist alles, was Dr. Garrett McCormick sagt, als Mia ihn überraschend wiedertrifft. Traurig fragt sie sich: Wie wird er erst reagieren, wenn sie ihm die Folgen ihrer Liebesnacht gesteht?

IMAGE

Die heilende Kraft deiner Liebe

1. KAPITEL

Emily Whitaker stand mit ziemlich gemischten Gefühlen neben ihrer künftigen Schwägerin vor der piekfeinen Brautboutique in Aspen. „Du kannst mich nicht im Ernst als Trauzeugin wollen!“

Katie lachte. „Und ob. Ich würde mich wahnsinnig freuen, Em.“ Dann wurde sie ernst: „Ich meine, wenn ich dir das zumuten kann. Ich weiß, es ist nicht mehr viel Zeit bis dahin, und es gibt eine Menge zu organisieren.“

„Das ist es nicht … Du hast doch so viele Freundinnen …!“

„Aber Schwägerin nur eine.“ Katie konnte den Blick nicht von dem Schaufenster lösen. „Ich erinnere mich noch an die Fotos von deiner Hochzeit damals in der Zeitschrift Town&Country. So großartig soll es für Noah und mich gar nicht sein.“

Emily seufzte. Jahrelang hatte sie sich früher in ihren Tagträumen ihre Traumhochzeit ausgemalt, den Weg durch den Mittelgang zum Altar, im spitzenbesetzten Kleid, den Duft ihres Brautstraußes in der Nase, die bewundernden, liebevollen Blicke ihrer Familie und Freunde auf sich.

Als der Tag tatsächlich gekommen war, hatte sie wunderschön ausgesehen, das glänzende blonde Haar hochgesteckt, mit perfektem Make-up und einem traumhaften Kleid. Sie hatte sich in dem Tüll und den Spitzen wie eine Prinzessin gefühlt, Gäste hatten Kommentare über ihre Ähnlichkeit mit Grace Kelly gemacht.

Wie naiv war sie gewesen! Damals war ihr edler Ritter erschienen und hatte sie aus ihrem kleinen Heimatort in den Bergen von Colorado fortgeholt, direkt hinein in die Kreise der reichsten und mächtigsten Familien von Boston.

Seither waren sieben Jahre vergangen, ihre Ehe war gescheitert, und sie hatte jede Freude an Tagträumen und Traumhochzeiten verloren.

Sie schluckte die Bitterkeit hinunter, die jetzt immer beim Gedanken an ihre eigene Hochzeit in ihr hochkam. „Noah und du, ihr liebt euch, nur das zählt. Ihr beide seid füreinander bestimmt, das sieht jeder.“

Seit Emily im Sommer nach Crimson zurückgekommen war, hatte sie sich auf der Farm ihrer Mutter verkrochen. Sie hatte keinen Kontakt zu den alten Freundinnen und ihrer einstigen Clique aufgenommen, in der sie jahrelang den Ton angegeben hatte.

„Mit dir an meiner Seite fühle ich mich sicher. Wenn du mir hilfst, die Hochzeit vorzubereiten, kann nichts schiefgehen“, gab Katie zurück und öffnete die Ladentür. Ein Duft von Rosen wehte heraus in die frische Bergluft.

„Du bist ein besserer Mensch, als du selbst glaubst“, sagte Katie auf einmal noch.

„Ich weiß genau, wer ich bin.“ Achselzuckend schob Emily ihre Prada-Sonnenbrille hoch und hielt das Gesicht in die strahlende Augustsonne. In den letzten sieben Jahren an der Ostküste hatte sie das trockene Klima von Colorado vermisst. Es tat gut, die Wärme der Sonne zu spüren, ohne dass es sich gleich anfühlte wie in einem Backofen.

„Und, könntest du es dir vorstellen? Meine Trauzeugin zu sein?“, fragte Katie über die Schulter, während sie in das Geschäft vorausging.

Drinnen in dem kleinen Laden sah Emily zu, wie Katie zögernd verschiedene weiße Kleider auf den Ständern befühlte. Die Verkäuferin, eine ältere Dame mit einem etwas verkniffenen Gesicht, wollte sich nähern. Emily bedeutete ihr mit einer Handbewegung, dass sie sie noch nicht brauchten. Shopping war etwas, bei dem sie sich absolut sicher fühlte. Nicht gerade eine besondere Fähigkeit, aber es konnte ihnen heute wenigstens nützen.

Sie trat entschlossen um Katie herum und nahm ein Kleid von einem Ständer. „Damit könnten wir anfangen.“

Katie sog verblüfft die Luft ein. „Es ist ideal. Wie machst du das bloß?“

Das Chiffonkleid war blass elfenbeinfarben, im Empire-Schnitt mit Spitzenüberzug. Es war klassisch, aber die an die Spitzen gehefteten kleinen Blümchen gaben ihm einen hinreißend verspielten Touch. Das spitzenbesetzte Dekolleté würde vor Katies heller Haut und neben ihrem dunklen Haar sehr hübsch aussehen. Und der Schnitt würde Katies demnächst sichtbaren Babybauch elegant umhüllen.

Leichthin fragte Emily: „Soll ich dir auch einen wilden Junggesellinnenabschied organisieren?“

„Heißt das, Ja?“, rief Katie und fiel ihr glücklich um den Hals.

Emily schluckte und nickte. Fast wären ihr plötzlich Tränen in die Augen gestiegen. Seit Jahren hatte sie keine echte Freundin mehr gehabt. Die Frauen, die in Boston zu ihren sozialen Kreisen gehörten, hatten ihr schnell den Rücken gekehrt, als ihre Ehe zerbrochen war. Auf einmal war sie eine Ausgestoßene gewesen. Und sie hatte die meisten Brücken in die Heimat abgebrochen, als sie damals das College vorzeitig verlassen hatte. Sie war ihrem Mann nach Boston gefolgt, wo der seine Anwaltskarriere aufnahm. Außer ihrer Mutter und ihrem Bruder Noah hatte sie im Grunde niemanden, auf den sie zählen konnte.

Sie löste sich aus Katies Umarmung und versuchte sich wieder zu fangen.

„Wer ist sonst noch mit von der Partie?“, fragte sie entschlossen.

„Nur du und Jase. Er ist Noahs Trauzeuge.“

Emily unterdrückte ein Stöhnen und murmelte: „Prima.“

Jase Crenshaw war der älteste und beste Freund ihres Bruders, deshalb hätte sie damit rechnen müssen, dass er Noah bei den Vorbereitungen auf den großen Tag half. Leider war sie alles andere als scharf darauf, mit ihm zu tun zu haben.

Jase war alles, was sie nicht war – zugänglich, freundlich, liebenswert, der engagierteste und beliebteste Bürger des Ortes. In seiner Gegenwart fing ihre Haut zu jucken an, ihr Magen zog sich zusammen, und sie wurde sich ihrer langen Liste von Unzulänglichkeiten sehr bewusst. Der Mann war ihr einfach zu perfekt.

Da fiel Katie ihr noch einmal um den Hals. „Ich bin so froh, dass du uns hilfst. Allmählich wage ich dran zu glauben, dass es eine schöne Hochzeit wird.“

Emily holte tief Luft und erwiderte die Umarmung. Katie und Noah zuliebe würde sie sogar mit Jase zusammenarbeiten. Die beiden hatten es verdient.

„Jase, was zum Teufel war denn das?“, fragte Noah Crawford und streckte seinem Freund und Mannschaftskollegen die Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

Jase Crenshaw lag der Länge nach ausgestreckt auf dem Football-Feld der Crimson Highschool. Sein Kopf dröhnte und seine Ohren klingelten. Er hatte den gezielten Wurf aus nächster Nähe nicht kommen sehen, sondern lag plötzlich rücklings im Gras. Natürlich hätte er besser aufpassen müssen, aber in der Sekunde, bevor der Ball heranschoss, war auf der Zuschauertribüne Emily Whitaker erschienen.

Seit die hochgewachsene, gertenschlanke blonde Frau mit den traurigen Augen und der scharfen Zunge wieder in der Stadt war, hatte Jase versucht, sie nach Kräften zu ignorieren.

Leichter gesagt als getan, denn sie war die Schwester seines besten Freundes … und er hatte für sie geschwärmt, seit er denken konnte. Seit sie in ihrer Kindheit erbost auf ihn und Noah losgegangen war, weil sie ihrer Lieblingsbarbie den Kopf abgerissen hatten.

Als kleines Mädchen hatte Emily ganz schön hart zugeschlagen.

Nicht ganz so hart wie Aaron Thompson aus der gegnerischen Mannschaft, der Jase gerade ausgeknockt hatte. Jase schob Noahs ausgestreckte Hand beiseite, stand auf und rieb sich die schmerzenden Rippen.

„Ich dachte, wir spielen hier Flag Football, Körperattacken nicht erlaubt“, murmelte er und sah zu, wie Aaron in der Torzone einen Siegestanz aufführte.

„Das hat Thompson wohl vergessen“, bemerkte Noah, während sie langsam zur Seitenauslinie gingen.

„Wir kriegen sie das nächste Mal.“ Liam Donovan schlug Jase tröstend auf die Schulter. „Wenn es unser Quarterback schafft, auf den Beinen zu bleiben.“

„Es war nur ein Freundschaftsspiel“, ergänzte Logan Travers. „Zählt nicht.“

„Dass wir euch eine schöne Klatsche verpasst haben, das zählt“, rief Aaron und spurtete quer über das Feld. Dabei schleuderte er den Ball noch ein letztes Mal hart in Richtung Jase, doch Logan ging dazwischen und fing den Ball auf.

„Verschwinde, Thompson“, sagte Logan drohend. Er war mit seinen eins fünfundachtzig so groß wie Jase, trug jedoch dank seiner Arbeit auf dem Bau beeindruckende Muskeln zur Schau. Damit konnte Jase sich nicht messen. Jase war fit, er joggte regelmäßig, und in seiner Freizeit ging er klettern. Ansonsten verbrachte er jedoch viele Stunden am Tag vor dem Computer und als Anwalt im Gerichtssaal.

Aber er hielt auch nicht viel davon, die Muskeln spielen zu lassen, um jemanden einzuschüchtern. Nicht, dass Aaron sich von Jase einschüchtern ließe. Der cholerische Aaron hatte schon früher, als sie gemeinsam die Schulbank drückten, keine Gelegenheit ausgelassen, Jase zu piesacken. Aarons Vater Charles war der Sheriff des Ortes gewesen, als Jases Vater seine schlimmste Trinkerzeit durchgemacht hatte. Seither hatte Charles Thompson nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nur darauf wartete, dass Jase die berüchtigte Tradition der Crenshaws in der Stadt fortsetzte.

Jase liebte dieses Fleckchen Erde und seine Bewohner, aber manchmal wünschte er sich, es würde ihn hier niemand kennen. Sie waren alle keine Kinder mehr, und er war längst nicht mehr der brave, stille Einserschüler, der sich um des lieben Friedens willen herumschubsen ließ.

Er verschränkte die Arme und sah Aaron direkt in die Augen. „Heute hast du leicht lachen, Aaron“, sagte er, „dank deiner hinterhältigen Nahschüsse. Aber das wird dir noch vergehen, wenn wir uns nächsten Monat auf dem Spielfeld sehen.“

„Ich kann’s kaum erwarten“, entgegnete Aaron mit einem Grinsen, dass es Jase juckte, ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen.

Das Gefühl wurde noch stärker, als Aaron jetzt zu Emily hinübertrabte und mit ihr zu plaudern anfing. Sie stand mit Katie und anderen Spielerfrauen am Spielfeldrand.

„Lass gut sein“, bemerkte Noah und blieb bei Jase zurück, während die anderen zu den Frauen gingen. „Sie hat ihn schon auf der Highschool abblitzen lassen, und daran hat sich nichts geändert.“

„Wie schön“, knurrte Jase. „Da haben Aaron und ich ja etwas gemeinsam.“

Noah lachte. „Katie hat Emily gebeten, ihre Brautjungfer zu sein. Du wirst in den nächsten Wochen jede Menge Gelegenheit haben, meine kleine Schwester anzuhimmeln.“

Jase straffte sich. „Ich himmle sie nicht an, Noah.“

Noah lachte. „Spielt ja auch keine Rolle. Emily ist viel zu sehr mit ihrem Kind und ihrem Neuanfang hier beschäftigt. Selbst wenn sie auf der Suche nach einem Mann wäre.“ Er warf Jase einen warnenden Blick zu. „Aber sie sucht keinen.“

„Keine Sorge!“ Jase winkte resigniert ab. „Deine kleine Schwester kann mich nicht leiden, daran hat sich seit unserer Kindheit nichts geändert.“

„Aber gebt euch trotzdem ein bisschen Mühe mit unseren Hochzeitsvorbereitungen, ja? Katie macht sich sowieso schon tausend Sorgen.“

Jase nickte abwesend und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Ich muss noch im Büro vorbei.“

„Wie läuft der Wahlkampf?“

„Nicht besonders aufregend, als Einziger fürs Bürgermeisteramt zu kandidieren. Wenig Arbeit, ich muss die Leute nur an die Wahlurnen bringen.“

„Du bist besser für diesen Posten als jeder andere hier in Crimson“, sagte Noah. „Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, warum du dir das antust. Hast du mit der Arbeit im Gemeinderat und all deinen Ehrenämtern noch nicht genug?“

„Ich will etwas tun für die Leute hier, vielleicht kann ich mithelfen, dass die Dinge sich in die richtige Richtung entwickeln.“

Noah lächelte. „Emily nennt dich den Heiligen Jase.“

Jase spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. „Sehr schmeichelhaft.“

„Vielleicht hat sie nicht ganz unrecht. Was hast du denn am Wochenende vor? Katie und ich fahren morgen Abend zu meiner Mutter hinaus zum Grillen. Kommst du mit?“

Jase hatte kaum jemals Pläne fürs Wochenende. Zwischen der Anwaltskanzlei und seinem Vater, um den er sich kümmern musste, blieb nicht viel Zeit. Aber beim Grillen wäre Emily dabei, und während Jases Verstand sagte: Lass die Finger davon, ignorierte sein Bauch das völlig. Ja, vielleicht konnte er morgen Abend seinen Vater etwas früher allein lassen …

„Klingt gut“, sagte er und nickte entschlossen.

„Tatsächlich?“ Noah starrte ihn verblüfft an. „Du verlässt an einem Samstagabend deine Höhle? Das kreuzen wir im Kalender an! Komm gegen sechs.“

„Bis morgen“, gab Jase zurück und lief zu seiner Sporttasche am anderen Ende der Tribüne. Er zog sich das verschwitzte T-Shirt aus und holte ein sauberes aus der Tasche. Als er sich aufrichtete, bog Emily gerade um die Ecke der Tribüne. Ihre Augen hingen an ihrem Handy-Display, während sie rasch mit den Daumen etwas tippte. Jase konnte sie nicht mehr warnen, bevor sie direkt in ihn hineinlief.

Als sie an seine nackte Brust stieß, schrie sie auf und stolperte rückwärts. Der unerwartete Kontakt hatte nur Sekunden gedauert, aber er hallte in jeder Faser seines Körpers nach.

Sein Herz hüpfte, während er ihren Duft einatmete, eine Mischung aus teurem Parfüm und Zitronenshampoo. Fein und scharf, die perfekte Kombination für Emily. Noah hatte ihn damit aufgezogen, er würde für sie schwärmen, aber was er empfand, war mehr. Er begehrte sie mit einer Intensität, die ihn jetzt nach all den Jahren überwältigte.

Er hatte gedacht, er hätte seine Gefühle für Emily unter Kon­trolle, aber in ihm herrschte nur noch Chaos. In diesem Augenblick wollte er sie nur noch an sich ziehen.

Aber er unterdrückte den Instinkt und hielt sie ritterlich auf Armlänge von sich fest, bis sie wieder Halt gefunden hatte. Dann trat er zurück und presste sein T-Shirt so fest in den Händen, dass seine Finger taub wurden.

„Vom Tippen im Gehen ist so entschieden abzuraten wie vom Nachrichtenschreiben am Steuer“, bemerkte er leichthin.

„Danke für den Hinweis“, schoss sie zurück und ließ das Handy in ihre offene Umhängetasche fallen. Bildete er sich das nur ein, oder war sie rot geworden? Auch sie schien schneller zu atmen. Dann trafen sich ihre Blicke.

„Meine Mutter hat gerade ein Foto von Davey geschickt“, erklärte Emily. Ihre hellblauen Augen waren kühl und undurchdringlich.

„Beim Lego-Bauen?“, erriet Jase.

„Woher weißt du das?“

„Ich war im Krankenhaus, als deine Mutter operiert wurde. Ich habe mit Davey Lego gebaut, als wir alle im Wartezimmer saßen.“

Sie nickte knapp. Bei Emilys Mutter Meg war zu Anfang des Sommers ein Hirntumor festgestellt worden. Daraufhin waren Emily und ihr Bruder Noah nach Crimson zurückgekehrt, um sich um sie zu kümmern. Zum Glück war der Tumor gutartig gewesen, und Meg war inzwischen wieder ganz die Alte.

Die Crawfords hatten schon schwere Zeiten erlebt, als Emilys und Noahs Vater vor über zehn Jahren gestorben war. Davor hatte Jase, der allein bei seinem öfter betrunkenen als nüchternen Vater aufgewachsen war, viele Nachmittage, Wochenenden und Abendessen bei den Crawfords verbracht.

Und Noah hatte die Liebe seiner Mutter großzügig mit ihm geteilt. Meg hatte nie mehr geheiratet, und Emily und Noah hatten bis vor Kurzem weit weg gewohnt, also war Jase immer zur Stelle gewesen, wenn ein Wasserhahn repariert werden musste. Oder er hatte Meg einfach draußen auf ihrer Farm Gesellschaft geleistet. Die Nachricht von ihrer Krankheit hatte ihn fast so tief getroffen wie ihren eigenen Sohn.

„Ich erinnere mich“, flüsterte Emily, ohne ihn anzusehen.

„Jedes Mal, wenn ich diesen Sommer draußen auf der Farm war, hat Davey irgendetwas gebaut. Dein Sohn liebt seine Legos derart. Er ist geradezu …“

„Sag nicht ‚besessen‘“, unterbrach sie ihn. Ihre Augen blitzten warnend.

„Ich wollte sagen, er ist geradezu prädestiniert für einen Ingenieurberuf.“

„Oh.“ Emily verschränkte die Arme vor der Brust und starrte zu Boden.

„Ich weiß, dafür ist es mit fünf ein bisschen früh“, ergänzte Jase lächelnd. „Aber Davey ist echt beeindruckend.“ Etwas in Emilys Haltung, eine Verletzlichkeit, die er an ihr nicht kannte, ließ ihn hinzufügen: „Du bist eine wunderbare Mutter.“

Ihre fein gezeichneten Lippen waren aufeinandergepresst, und ein Schauer schien sie zu überlaufen. Er hatte es ehrlich gemeint und verstand ihre Reaktion nicht. Aber Emily hatte sich verändert, sie erschien heutzutage so viel unsicherer als früher.

„Emily.“ Er berührte sacht mit dem Finger ihr zierliches Handgelenk, nur der Hauch einer Berührung, aber ihr Blick fuhr auf. Die Emotionen, die darin durcheinanderwirbelten, ließen ihn den Atem anhalten. „Ich meine es ernst“, sagte er und bewegte sich ein wenig zur Seite, bis er zwischen ihr und der Gruppe von Leuten stand, die immer noch in wenigen Metern Entfernung am Spielfeldrand stand. „Du machst das großartig mit ihm.“

Sie sah ihn einen Augenblick länger an, als suchte sie nach der Wahrheit in seinen Worten. „Danke“, sagte sie schließlich und wandte den Blick ab. Er sollte gehen und sie allein lassen, aber er blieb stehen. Er schaffte es nicht.

Jetzt trat Emily ein paar Schritte zurück und schob sich eine Locke ihres dichten hellblonden Haars hinters Ohr. Ihr Blick wanderte auf eine Weise über seinen Körper, von der Jase noch einmal ganz heiß wurde. Schließlich sah sie über seine Schulter hinweg zu ihren Freunden. „Katie hat mir gesagt, dass du bei der Hochzeit Noahs Trauzeuge bist.“

Er nickte.

„Ich habe ein paar Ideen für das Hochzeitswochenende. Damit es für die beiden etwas Besonderes wird.“

„Sag mir, was ich dabei tun soll. Ich helfe dir gern bei allem.“

„Danke, ich komme drauf zurück.“ Sie straffte sich, und als sie ihn wieder ansah, war sie wieder die Emily, die er kannte. Kühl, herablassend. Mit Blick auf das Hemd, das er immer noch in der Faust zerknüllte, bemerkte sie: „Du könntest zum Beispiel als Erstes etwas anziehen. Und der Welt den Anblick deiner Knochen ersparen.“

Natürlich hatte sie ihn absichtlich beleidigt, in Erinnerung an ihre Vergangenheit. Damals hatte sie ihn „Knochen“ genannt, als er von der siebten Klasse an zwanzig Zentimeter pro Jahr gewachsen war. Er hatte essen können, was er wollte, er war eine richtige Bohnenstange gewesen, ein ungelenker, nur aus Armen und Beinen bestehender Halbwüchsiger. Emily hingegen hatte in Jases Erinnerung nichts von all den Problemen der Teenagerzeit durchgemacht. Sie war immer perfekt gewesen. Sie spielte einfach in einer anderen Liga.

Jase zog sich das Shirt über und nahm seine Sporttasche.

„Ich werde dran denken“, entgegnete er und ging an Emily vorbei vom Feld.

2. KAPITEL

Am Samstagabend hob Emily in ihrem einstigen Kinderzimmer gerade den Lippenstift an die Lippen, als es an der Haustür klingelte. Sie ließ den Stift auf die Frisierkommode fallen. Wieso gab sie sich für ein zwangloses Familienabendessen solche Mühe mit ihrem Aussehen? Erst recht, wo Jase Crenshaw zu Gast war, der ihr nichts bedeutete und auch seinerseits sicher nicht scharf darauf war, mit ihr an einem Tisch zu sitzen.

Sie hatte Jase nach dem Footballspiel mit der Anspielung auf seinen Körper absichtlich beleidigt. Dabei hätte ja jeder gemerkt, wie absurd die Bemerkung gewesen war. Als Teenager war Jase schlaksig und mager gewesen, aber jetzt war er auf eine Art und Weise in seinen Körper hineingewachsen, dass ihr die Knie weich wurden.

Dieses plötzliche Gefühl von Schwäche hatte sie dazu getrieben, ihn zu beleidigen. Emily hatte sich das ganze letzte Jahr ihrer Ehe über verletzlich und unsicher gefühlt. Jase machte sie auf andere Weise unsicher.

Natürlich hatte sie gewusst, dass sie Jase gefiel, als sie jünger waren, aber sie hatte sich nicht für den besten Freund ihres Bruders oder irgendeinen anderen aus ihrer Kleinstadt interessiert. Emily hatte nach Größerem Ausschau gehalten. Sie wollte weg aus Colorado, und Henry Whitaker und seine einflussreiche Familie hatten ihr damals den idealen Fluchtweg geboten.

Manchmal wünschte sie, sie könnte all die Veränderungen an sich ignorieren. Sie sah wieder in den Spiegel. Es war alles noch da: das blonde Haar, das ihr über die Schultern fiel, blaue Augen und symmetrische Gesichtszüge. Andere sahen in ihr immer noch eine schöne Frau, aber sie fragte sich, ob wohl jemand mehr sah als diese Oberfläche.

Bemerkten die Leute die Schatten unter ihren Augen? Sie rührten von all den schlaflosen Nächten her, in denen sie Monate hindurch auf Zehenspitzen zu Daveys Zimmer geschlichen war, um nachzusehen, wie er schlief. Ahnten sie, dass sich ihre Mundwinkel aus Sorge um ihren Sohn so merklich immer weiter nach unten zogen?

Nein, die meisten Menschen sahen im Leben nur das, was sie wollten. So, wie sie selbst ihren Exmann als edlen Ritter hatte sehen wollen, der sie in das Land ihrer Träume holte. Sehr lange hatte sie sich an ihre Illusionen geklammert, um die Wirklichkeit nicht zu sehen.

Durch die offene Tür hörte sie Jase unten lachen. Ihre Mutter hatte die alten Poster von den Wänden genommen und das Zimmer neu dekoriert, aber die bittere Wahrheit ließ sich damit nicht übertünchen. Emily war eine achtundzwanzigjährige Frau, die in die finanzielle und emotionale Sicherheit des Hauses ihrer Mutter zurückgeschlüpft war.

Ihr Blick fiel auf einen winzigen Fleck rosa Nagellack an einer Ecke der Kommode. Er musste mindestens zehn Jahre alt sein; er stammte aus einer Zeit, als bunter Nagellack noch ihre Stimmung heben konnte. Von ihren großen Teenager-Träumen war nur noch der Wunsch geblieben, dass alles gut werden sollte für ihren Sohn.

„Em, das Essen ist bald fertig“, rief ihre Mutter von unten.

„Komme gleich“, antwortete sie, dabei kratzte sie den Lack mit dem Daumennagel ab und sah zu, wie er zerbröselte und zu Boden fiel. Komischerweise wurde ihr davon leichter. Sie holte tief Luft und wandte sich zur Tür, dann sprang sie schnell noch einmal zurück, griff nach dem Lippenstift, tupfte ein wenig auf und presste die Lippen zusammen.

Draußen auf der Terrasse hatte Noah schon die ersten Burger auf den Grill gelegt, aber bevor Emily zu ihm hinauslief, warf sie unten am Fuß der Treppe einen Blick in das alte Arbeitszimmer ihres Vaters. Als sie mit Davey hierher zurückgekommen war, hatte ihre Mutter den holzvertäfelten Raum in das Lego-Hauptquartier verwandelt.

Es war seltsam gewesen, zuzusehen, wie zehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters die Geschichtsbüchersammlungen aus den Regalen verschwanden und Platz für die Legobauten ihres Sohnes machten. Aber Emily stellte sich gern vor, dass ihr warmherziger, geselliger Vater sich freuen würde, dass sein Arbeitszimmer zur Zuflucht für seinen kleinen Enkel geworden war.

Davey war nicht allein. Auf dem dicken Orientteppich vor dem Schreibtisch saß Jase neben ihrem Sohn, die langen Beine ausgestreckt. Er sah jünger aus als sonst. Beide steckten die Köpfe zusammen und untersuchten etwas, das Jase in der Hand hielt. Emily stockte der Atem. Daveys Hand lag auf Jases Bein, und die Arme der beiden streiften sich, als Davey sich vorbeugte, um Jase ein anderes Legoteil zu geben.

Ein Laut musste ihr entschlüpft sein, denn Jase blickte auf und lächelte beinahe entschuldigend.

„Du hast uns gefunden“, sagte er, übergab Davey das Bauwerk und erhob sich.

Davey sah nicht hoch zu ihr, er war darauf konzentriert, seinen neuen Anbau anzusetzen.

„Das Abendessen ist fertig“, sagte Emily und schluckte. Ihre zittrige Stimme drohte den Aufruhr der Gefühle in ihr zu verraten.

Natürlich kannte Jase sie schon zu lange, um sich täuschen zu lassen.

„Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich hier mit ihm spiele.“ Er wies auf die Regale, in denen sich säuberlich zahllose Legobauten reihten. „Er hat eine grandiose Sammlung.“

„Er hat dich angefasst“, flüsterte sie und trat einen Schritt rückwärts in den Flur hinaus. Aber ihr Sohn hörte ohnehin nichts. Wenn Davey auf seine Bauten konzentriert war, dann konnten die Wände um ihn herum einstürzen, ohne dass er es bemerkte.

„Und das ist schlimm?“, fragte Jase verwirrt und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, als half das, ihre Worte zu begreifen. Sein dunkles Haar brauchte einen frischen Schnitt, jetzt war es so verwuschelt, dass Emily Lust hatte, es ihm aus der Stirn zu streichen wie bei Davey, wenn er schlief.

„Nein, es ist … außergewöhnlich. Man hat diesen Sommer das Asperger-Syndrom bei ihm festgestellt. Ich hatte schon seit einer Weile gemerkt, dass etwas mit ihm anders ist.“ Jetzt strich sie Jase doch unwillkürlich das Haar aus der Stirn. Um sich abzulenken von dem Schmerz, den sie spürte, wenn sie über Davey redete. „Mit Lego bauen entspannt ihn. Er wird nicht gern angefasst, und auch von mir lässt er sich nur hin und wieder kurz umarmen. Zu sehen, wie er dich so achtlos berührt, als wäre er normal …“

Jase nahm ihre Hand sanft fort, aber er ließ sie nicht los. Er hielt sie in seiner Hand und fuhr mit dem Daumen über ihre Finger. Sie spürte den sanften Druck im ganzen Körper. Davey war nicht der Einzige, dem es unbehaglich wurde, wenn man ihn berührte.

Seit die Symptome ihres Sohnes zum ersten Mal aufgetreten waren und die extreme Reaktion ihres Exmannes darauf die Zerstörung ihrer kleinen Familie eingeleitet hatte, fühlte Emily sich die meiste Zeit, als wäre sie aus Glas.

Als sie jetzt hinuntersah auf Jases gebräunte Finger, die sanft ihre drückten, wollte sie sich plötzlich nur noch an diesen großen, freundlichen Mann kuscheln, der die Wände ihres Sohnes durchbrechen konnte, ohne es überhaupt zu merken.

„Es freut mich, dass er mir vertraut“, sagte er leise und holte sie damit ins Jetzt zurück. „Was ist mit seinem Vater?“

Emily zog ihre Hand weg und ballte so fest die Faust, dass ihre Fingernägel kleine Halbmonde in ihre Handfläche gruben. „Mein Exmann wollte einen Sohn, mit dem er Ballspielen oder Segeln konnte. Die Whitakers sind eine Familie von Siegern, und auch von den Enkelkindern wird erwartet, dass sie sportliche Fähigkeiten zeigen. Eine Frage des Stolzes für Henry und seine Brüder – wessen Kind kann den Ball am weitesten schlagen, einen langen Pass fangen, solche Sachen.“

Jase sah auf Davey. „Davey ist fünf, stimmt’s? Noch ein bisschen früh, um sich zu sorgen, ob er ein Sportler wird.“

„Das hat meine Schwiegerfamilie nicht gekümmert. Aber Daveys Art hat Henry verrückt gemacht. Er hat ihn nicht verstanden. Als Daveys Symptome immer deutlicher wurden, drängte er ihn immer stärker, ein richtiger Junge zu sein.“

Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, um die nächsten Worte nicht herauszuschreien. „Er hat mir verboten, mit ihm zum Arzt zu gehen und ihn untersuchen zu lassen. Seine Lösung war, ihn zu bestrafen, ihm sein Lieblingsspielzeug wegzunehmen und ihn zu Aktivitäten zu zwingen, die uns am Ende allen nur Stress machten. Davey bekam immer mehr Wutausbrüche und Anfälle, was Henry nur noch mehr ärgerte. Er bereitete in der Zeit seine Kandidatur für den Kongress vor.“ Sie verdrehte die Augen.

„Um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten“, murmelte Jase.

Tatsächlich hatte Emily in eine der bekanntesten politischen Familien seit den Kennedys eingeheiratet. Die Whitakers hatten in jeder der letzten fünf Generationen mindestens einen US-Senator hervorgebracht, und einer von Henrys Großonkeln war Vizepräsident gewesen. „Ich habe nicht nur einen Mann geheiratet, ich habe ein Erbe angetreten. Das Schlimmste ist, ich tat es mit offenen Augen. Ich habe mich geradezu beworben für den Posten als Politikergattin, und ich wollte die Beste darin werden.“ Sie zuckte resigniert die Achseln. „Ich konnte mit nur einer Stunde Vorbereitungszeit eine Party schmeißen, die einer First Lady angemessen gewesen wäre.“

Jase räusperte sich. „Ich bin sicher, dein Mann hat das geschätzt.“

Emily lachte bitter. „Er hat es nicht geschätzt, sondern er hat es erwartet. Das ist ein großer Unterschied.“ Sie zuckte die Achseln. „Das spielte alles keine Rolle mehr, nachdem Davey auf der Welt war. Ich wusste schon als er ein Baby war, dass er anders war, und ich versuchte es zu verbergen … versuchte ihn so lange wie möglich vor Henry in Schutz zu nehmen. Aber als das nicht mehr ging, war klar, auf wessen Seite ich stand.“ Sie lächelte schief. „Und jetzt bin ich wieder hier in Crimson.“

Davey blickte auf. „Ich bin fertig, Mommy.“

Emily ließ Jase stehen und kauerte sich auf den Teppich, um das komplizierte Gebilde zu bewundern, das Davey gebaut hatte. „Erzähl mir etwas darüber, mein Spatz.“

„Das ist eine Landestation mit Raketenabschussrampe. Sie hat ein unsichtbares Kraftfeld rundherum, deshalb kann sie niemand zerstören.“

Wenn sie nur ein Kraftfeld um ihren Sohn schaffen könnte, um ihn vor der Neugier und dem Spott zu schützen, die ihn im Leben noch erwarteten, weil er anders war als andere Kinder. „Toll, Wavy-Davey.“

Einer seiner Mundwinkel ging nach oben bei dem Spitznamen, dann blickte Davey zu Jase. „Er hat mir geholfen. Er baut gut. Besser als Onkel Noah oder Grammy.“

„Hohes Lob“, sagte Jase und trat an die Bücherregale. „Wenn du eine Brücke baust und es mit dem hier verbindest, dann hast du den Anfang einer intergalaktischen Raumstation.“

Emily beobachtete Davey aus dem Augenwinkel, als Jase eines der Gebilde ein ganz klein wenig zur Seite schob, um Platz für das neue zu machen. Ihr Junge mochte es nicht, wenn jemand seine kostbaren Bauten berührte. Zu ihrer Überraschung nickte Davey nur. „Ich muss noch ein Krankenhaus und eine Werkstatt bauen, denn wenn es einen Kampf gibt, dann wird das gebraucht.“

„Vielleicht auch noch eine Cafeteria und einen Schlafraum“, schlug Jase vor.

„Du kannst mir helfen, wenn du willst.“ Während Emily sprachlos dasaß, hob Davey das neueste Stück behutsam hoch und trug es zum Bücherregal. Mit Jases Hilfe schob er es in die Lücke und nickte zufrieden.

„Ich habe Hunger. Können wir essen?“, fragte er zu Emily gewandt.

„Na klar“, stimmte sie zu. „Grammy, Onkel Noah und Tante Katie warten schon.“ Ihre Familie hatte sich daran gewöhnt zu warten, dass Übergänge von einer Situation zur anderen für Davey immer besonders schwierig waren. Manchmal brauchte es minutenlang, um ihn aus einem seiner Projekte zu lösen.

Ihr Sohn trat vor, die Arme stocksteif am Körper angelegt. „Ich bin bereit, Mommy.“

Emily musste fast lachen, als sie die Verwirrung auf Jases Miene sah. Manche traten mit mehr Begeisterung vor ein Erschießungskommando als Davey in diesem Augenblick zeigte. Es wäre zum Lachen gewesen, wenn dieses Ritual ihr nicht jedes Mal beinah das Herz brechen würde. Verlegenheit durchflutete sie, was Jase wohl jetzt dachte, aber der Augenblick war zu kostbar.

Sie kniete sich hin und breitete die Arme aus. Davey trat vor, sie zog ihn an sich und vergrub ihre Nase in seinem Nacken. Tief atmete sie ein, während sie ihn sanft umarmte. Er hielt es nur ein paar Sekunden aus, dann wand er sich in ihrer Umarmung.

„Ich hab dich lieb“, flüsterte sie, bevor sie ihn losließ.

Davey sah sie an. „Ich weiß“, sagte er einfach, dann drehte er sich um und lief aus dem Zimmer.

Emily rappelte sich auf und wischte sich die Wangen trocken. Sie machte sich keine Mühe mehr, ihre Tränen zu verbergen. Den Großteil ihres Stolzes hatte sie in ihrer Nobelwohnung in Boston zurückgelassen.

„Entschuldige“, sagte sie zu Jase. Sie wusste, dass ihr Lächeln reichlich wässrig war. „Das ist ein Deal zwischen uns. Jedes Mal, wenn er etwas fertig gebaut hat, bekomme ich eine Umarmung. Eine richtige.“

„Emily …“, flüsterte Jase hilflos.

„Sag nichts, bitte. Ich darf jetzt nicht die Fassung verlieren. Zeit fürs Abendessen, und ich will nicht, dass meine Familie sich noch mehr Sorgen macht als ohnehin schon.“

Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer, aber er nickte.

„Nur falls das vielleicht in letzter Zeit keiner mal gesagt hat“, sagte Jase, als sie an ihm vorbeiging, „dein Exmann mag zur politischen Elite gehören, aber er ist trotzdem ein Vollidiot. Du verdienst etwas Besseres.“ Seine tiefe Stimme durchlief sie wie ein kühler Wasserfall, erfrischend und heftig.

Emily erschauerte, aber blieb nicht stehen. Jetzt war Davey ihr Lebensinhalt. Es war sinnlos, zu überlegen, was sie selbst verdiente oder nicht.

3. KAPITEL

„Bist du das, Jase?“

„Ja, Vater.“ Jase betrat den dunklen Wohnwagen und knipste das Licht an. „Ich bin hier. Wie geht’s?“

„Ich könnte ein Bier gebrauchen.“ Declan Crenshaw lachte heiser. „Oder eine Flasche Whisky. Du hast nicht zufällig Whisky mitgebracht?“

Jases Vater lag auf der durchgesessenen Couch, die an der Längswand des Wohnwagens stand, seit Jase denken konnte. Nichts in dem vollgestopften Raum hatte sich geändert, seit sie einst hier eingezogen waren. Der Wohnraum war klein, kaum größer als das Studentenzimmer, in dem Jase in seinem ersten Jahr an der Universität gewohnt hatte. Von der Eingangstür aus konnte er zur einen Seite ins Schlafzimmer sehen und zur anderen Seite durch die Einbauküche mit ihren verkratzten Formica-Arbeitsplatten und künstlich gemaserten Holzschränken zur Sitzecke.

„Kein Alkohol.“ Jedes Mal spielten sie dasselbe Spiel. Declan Crenshaw war jetzt seit zwei Jahren nüchtern, und Jase hoffte, dass sein Vater dieses Mal durchhielt. Er wollte jedenfalls dazu beitragen, was er konnte. Auch deshalb schaute er jeden Abend bei seinem Vater vorbei. „Wie wäre es mit einem Tee oder einem Glas Wasser?“

„Sehe ich aus wie die Queen von England?“ Declan griff nach der Chipstüte, die neben ihm auf der Couch lag, und schob sie auf den abgestoßenen Sofatisch, dann fegte er sich die Krümel vom Hemd. Chipsteile flogen durch die Gegend.

Man sah Jases Vater den vielen Alkohol und die Zigaretten der letzten Jahrzehnte an. Er war sechzig Jahre alt, wirkte aber um vieles älter. Er hatte in den Minen gearbeitet, erst in der Silbermine bei Aspen, dann später in der Basalt-Gips-Mine oben in den Bergen bei Crimson.

Zusätzlich zu dem Staub, den sie täglich einatmeten, forderten das ständige schwere Heben und die Arbeit mit Presslufthammern und anderem schweren Werkzeug seinen Tribut von den Minenarbeitern. Jase hatte jahrelang versucht, seinen Vater zu überreden, sich eine andere Arbeit zu suchen. Aber erst ein Herzinfarkt hatte Declan vor fünf Jahren dazu gezwungen, in Rente zu gehen. Leider hatte er daraufhin plötzlich so viel Freizeit gehabt, dass er in ein sechsmonatiges Dauersaufen verfallen war. Es hätte ihn beinahe das Leben gekostet.

„Warum sitzt du hier im Dunkeln, Dad?“, bemerkte Jase. Er nahm die Chipstüte und warf sie in den Mülleimer, dann begann er, das in der Spüle gestapelte Geschirr abzuwaschen.

„Das verflixte Kabel geht wieder nicht. Ich habe dort angerufen, aber sie können erst morgen jemand schicken. Heute Abend kam die letzte Folge von Real Housewives. Ich hätte gern noch mal ein bisschen zugesehen, wie sich die Ladys in den Haaren liegen.“

Jase lächelte. Seit sein Vater zu trinken aufgehört hatte, war dieser süchtig nach Reality TV: Tanzende Mütter, Einsiedler in Alaska, Krokodiljäger in Louisiana, unternehmungslustige Hausfrauen – Declan sah sich alles an.

„Vielleicht solltest du dir auch noch ein anderes Hobby suchen. Spazieren gehen oder irgendein Ehrenamt?“

Sein Vater stieß ein paar kräftige Flüche aus. „Mein einziges Hobby, das mit Bewegung zu tun hat, ist, in die nächste Bar zu spazieren. Nein, da bin ich hier in meiner Höhle sicherer. Und ich werde nicht meine besten Jahre damit verbringen, umsonst zu ­arbeiten. Mein Job bringt kaum genug ein, um die Rechnungen zu bezahlen. Wir haben ja schon einen Gutmenschen in der Familie, und das bist du.“

Es stimmte. Die Crenshaws blickten in Crimson auf eine lange Tradition von Gesetzeskonflikten zurück. Es gab sogar ein uraltes Foto im Gerichtssaal, auf dem Jases Ururgroßvater als Insasse des früheren Stadtgefängnisses zu sehen war. Jase hatte vor langer Zeit den Entschluss gefasst, den Ruf seiner Familie aufzubessern. Die meisten Entscheidungen seines Lebens waren von dem Wunsch bestimmt worden, anders zu sein als seine Vorfahren.

„Ich habe in der Zeitung gelesen, dass du nächste Woche ein Frühstück sponserst.“

Jase stellte den letzten sauberen Becher auf das Abtropfgitter und drehte sich zu seinem Vater um. „Das gehört zu meinem Wahlkampf.“

„Wahlkampf gegen dich selbst?“ Sein Vater lachte leise.

„Es ist eine Gelegenheit für die Leute, mich kennenzulernen.“

Declan stand vom Sofa auf und strich sich noch einmal das Hemd sauber. „Nenn mir einen Menschen hier, der dich nicht kennt.“

„Sie kennen mich nicht als Kandidaten. Ich möchte erfahren, was die Wähler über den Zustand von Crimson denken. Ideen für die Zukunft, wie der Ort hier in fünf oder zehn Jahren aussehen soll.“

Sein Vater gähnte. „Na, so, wie er die letzten hundert Jahre ausgesehen hat.“

„Du weißt, was ich meine.“

„Ja“, gab Declan zu und klopfte Jase auf den Rücken. „Du bist ein guter Junge, Jase. So einen Sohn habe ich wahrlich nicht verdient. Es muss Charles Thompson und seine Jungs verrückt machen, dass ein Crenshaw hier Bürgermeister wird.“ Sein Vater lachte wieder leise. „Vielleicht rufe ich Ex-Sheriff Thompson mal an und höre, was er davon hält.“

„Mach das nicht, Dad. Lass doch die alten Geschichten ruhen.“ Jase erwähnte nicht, was Aaron sich bei dem Footballspiel geleistet hatte. Es würde seinen Vater nur wütend machen.

„Du bist einfach viel zu nett.“

Bei seinem letzten Alkoholexzess hatte Declan seinen Führerschein verloren, und er hatte sich nie darum gekümmert, ihn wiederzubekommen. Jase fuhr ihn zu Arztterminen, brachte ihm Lebensmittel und erledigte Besorgungen. Es war eine zusätzliche Belastung für ihn, aber auf die Weise konnte er Declan auch im Auge behalten.

„Du könntest mich vor dem Frühstück abholen. Dann mache ich für dich Wahlkampf. Ich helfe als Freiwilliger mit und poliere mein Image in der Gegend auf.“

Jase schluckte. Er liebte seinen Vater, aber er hatte sich nach Kräften von dem Ruf distanziert, der seiner Familie anhing wie die Pest. „Mal sehen, Dad. Danke für das Angebot. Gehst du jetzt ins Bett?“

„Was soll ich sonst machen, wenn die Kiste schwarz bleibt?“

„Morgen früh rufe ich noch mal bei der Kabel-Gesellschaft an“, versprach Jase. „Schließ hinter mir ab, ja?“

„Wer soll mich denn beklauen?“ Declan machte eine ausholende Geste. „Ich hab ja nichts.“

„Schließ trotzdem ab. Bitte.“

Als sein Vater nickte, verließ Jase den Wohnwagen und machte sich auf den Heimweg. Auch wenn er die Straße zwischen dem Wagenpark und seinem Haus am Ortsrand unzählige Male gefahren war, lenkte er seinen silberfarbenen Jeep konzentriert, bis er seine Einfahrt erreichte.

Am Dienstagmorgen öffnete Emily die Tür zu Katies Bäckerei im Zentrum von Crimson, und unwillkürlich verschwand die harte Anspannung aus ihrer Miene. Der tröstliche Duft von Zucker und warmem Hefeteig überflutete sie, als sie an die breite Auslage trat.

Die Stimmung in der gemütlichen Bäckerei hob ihre Stimmung. Es war ein grässlicher Morgen gewesen, sie hatte einige Bewerbungsgespräche gehabt und ein paarmal ihre Unterlagen hinterlassen. Es war vielleicht kein Wunder, dass die wenigen ortsansässigen Unternehmen nicht Schlange standen, um eine überqualifizierte alleinstehende Mutter einzustellen, die das College abgebrochen hatte, nur Teilzeit arbeiten konnte und sich freinehmen musste, wenn ihr Sohn einen schlechten Tag hatte. Und doch fühlte es sich so an, als ginge es gegen sie persönlich. Als würde dieser Ort selbst, aus dem sie so leichten Herzens fortgegangen war, ihr das übel nehmen und sie nicht gerade mit offenen Armen begrüßen.

Die Bäckerei war anders. Mit den warmen gelben Wänden und den Holzbalken an der Decke, hatte sie etwas sehr Einladendes. In einer Ecke standen ein paar kleine Cafétische, und die beiden Frauen, die an der Theke und an der Kaffeemaschine arbeiteten, winkten Emily zu.

Kurz darauf kam Katie mit einem großen Tablett voller Croissants heraus, das sie auf die Theke stellte. „Lust auf eine Kaffeepause mit Croissant?“ Ohne zu warten, bereitete sie Emily eine Tasse Kaffee zu und reichte sie ihr. „Komm mit nach hinten, da sind wir für uns.“ Sie signalisierte ihren Mitarbeiterinnen „Fünf Minuten!“ und ging Emily voraus durch eine schwere Schwingtür in die Küche. Dort machten sie es sich auf zwei Hockern an der Edelstahltheke bequem.

„Na, wie war es heute?“

„Niemand brennt darauf, mich einzustellen. Als würden sie mir bis heute nicht verzeihen, dass ich damals überall herumerzählt habe, wie eilig ich es habe, aus diesem Nest wegzukommen.“

Katie verzog mitfühlend das Gesicht.

„Als könnte man hier gegen die Vergangenheit nicht ankommen. Guck nur, wie Jase sich bemüht, die Schatten der Vergangenheit zu vertreiben, an denen er überhaupt keine Schuld hat.“

„Aber die Leute mögen ihn.“

„Weil er so perfekt ist.“

„Warum bist du so streng mit ihm, Em?“

Emily schüttelte den Kopf. Sie schaffte es einfach nicht in Worte zu fassen, was Jase für ein Durcheinander von Gefühlen in ihr auslöste.

„Du könntest bei ihm arbeiten“, sagte Katie lachend.

„Bei Jase?“ Emily hob den Kopf. „Wie meinst du das?“

„Nur Spaß.“ Katie winkte ab. „Mir scheint, du möchtest nicht mal mit ihm im selben Raum sein.“

„Braucht er Mitarbeiter für seinen Wahlkampf?“

„Nein, seine Sekretärin ist vor ein paar Monaten in Ruhestand gegangen.“

„Warum hat er niemand neues eingestellt?“

„Das hat er nicht gesagt, aber soweit ich weiß, hat er nicht mal ernsthafte Bewerbungsgespräche geführt.“ Katie biss in ihr Croissant. „Viele hier würden liebend gern für ihn arbeiten.“

„Viele weibliche Singles“, stellte Emily fest.

„Jase ist ganz schön attraktiv“, bemerkte Katie lächelnd. „Nicht so wie Noah, natürlich. Bei Noah wird mir immer noch jedes Mal …“

„Stopp!“ Abwehrend hob Emily eine Hand. „Keine Details aus dem Liebesleben zwischen dir und meinem Bruder, bei aller Freundschaft.“ Sie sprang von ihrem Hocker und nahm einen letzten Schluck Kaffee. „Ende der Pause. Danke für den Tipp für meine nächste Job-Bewerbung.“ Sie nahm ihren Teller und trug ihn zum Spülbecken hinüber.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“

„Meinen Teller wegzubringen?“

„Dich bei Jase um einen Job zu bewerben.“

Emily zog ihr Kostümjäckchen zurecht und lächelte munter, als würden keine nervösen Schmetterlinge in ihrem Magen flattern. „Ich bin überhaupt nicht sicher, aber hat mich das je von irgendetwas abgehalten?“

Sie umarmte Katie kurz. „Danke fürs Zuhören.“

Katie lächelte zurück. „Viel Glück, Em.“

„Ich kriege den Job“, gab Emily zurück, viel selbstbewusster als sie sich fühlte. Aber vor der Welt zu bluffen war ihr zur zweiten Natur geworden, also straffte sie die Schultern und marschierte aus der Bäckerei zum Bewerbungsgespräch bei der Anwaltskanzlei Crenshaw.

4. KAPITEL

Jase griff gerade nach dem Aktenordner am äußersten Tischende, als er im Vorraum Emilys Stimme hörte. Sie rief seinen Namen. Er fuhr zusammen und stieß dabei den Becher mit dem Kaffeerest um, der auf einem Stapel Papier stand. Dunkle Flüssigkeit spritzte über seinen von Papieren überquellenden Schreibtisch.

„Verdammt“, stieß er aus und schnappte sich das alte Frotteehandtuch, das er hinter sich im Regal versteckt hatte. Das war nicht das erste Mal, dass ihm in seinem Durcheinander so ein Malheur passierte. Das ein oder andere Schriftstück hatte auf die Art schon dran glauben müssen. Diesmal war der Becher zum Glück schon halb leer gewesen. Schnell wischte er den Kaffee fort und ließ die nassen Papiere in einer Schublade verschwinden.

Als er sich umdrehte, stand Emily schon in seinem Büro. Sie ließ ihren Blick über seinen Arbeitsplatz wandern, dann richteten sich die kristallblauen Augen auf ihn. „Sieht das hier immer so aus?“

Jase schob das schmutzige Handtuch mit den Füßen außer Sichtweite unter seinen Tisch. „Ich habe alles unter Kontrolle. Es wirkt nur so, als wäre es chaotisch.“

Emily hob eine Augenbraue. „Ach so.“

An diesem Morgen trug sie ein maßgeschneidertes Kostüm, das aussah, als hätte es mehr als seine monatliche Büromiete gekostet. Dunkelblau, der Rocksaum genau am Knie. Kombiniert mit niedrigen Absätzen, einem straffen Haarknoten und einer Perlenkette am Hals. Jase konnte sie sich mühelos an der Seite ihres Exmannes vorstellen – das perfekte Accessoire für einen erfolgreichen Politiker.

Es drängte ihn danach, ihr Haar zu lösen, ihre Kette abzureißen, die ihn an ein Halsband erinnerte, und sie zu küssen, bis ihre Haut glühte und sie unter seinen Liebkosungen die coole Maske fallen ließ, die sie immer wie eine Rüstung trug.

„Warum hast du denn keine neue Sekretärin eingestellt, Jase?“

Er blinzelte. Mit dieser Frage hatte er am allerwenigsten gerechnet. „Ich brauche keine.“

„Das glaubst du doch selber nicht.“ Emily berührte mit der Fußspitze einen bis dahin gut ausbalancierten Stapel Aktenordner am Boden. Im nächsten Moment bückte sie sich schnell, um ihn am Umkippen zu hindern.

„Ich hatte keine Zeit“, entgegnete Jase und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Auf einmal spürte er, wie lang es geworden war. Ein Besuch beim Friseur musste auch noch auf seine To-do-Liste. „Als Donna in Rente ging, hatte ich ein paar Bewerberinnen hier. Aber sie war einfach immer da, seit ich die Kanzlei habe, und alles war so perfekt eingespielt … Wenn ich jemand neues einstelle, dann muss ich denjenigen anlernen, muss erst herausfinden, ob wir zusammenarbeiten können …“ Er brach ab, es war einfach zu schwer zu erklären.

„Lass mich raten.“ Emily sah ihm direkt ins Gesicht. „Die Mädels, die sich um den Job bewerben, dachten alle, sie bewerben sich gleichzeitig für die Rolle als deine Ehefrau?“

„Vielleicht“, gab Jase zu. Er nahm den leeren Kaffeebecher, stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Es gab so viele unverheiratete Männer in Crimson, und ihm war es ein echtes Rätsel, wieso er auf der Liste der begehrten Junggesellen so weit oben gelandet war. Er hatte gar keine Zeit für Dates, und selbst wenn …

Er seufzte. „Es wäre einfacher gewesen, wenn Donna mir mit den Bewerberinnen noch geholfen hätte.“

Emily verdrehte die Augen, aber sie musste lächeln. „Weil du es nicht schaffst, den Frauen wehzutun?“

„Du glaubst, dass du mich durchschaust, hm?“

Sie zuckte die Achseln. „Du bist nett, Jase. Nicht kompliziert.“

Er berührte mit dem Zeigefinger sacht ihre Perlenkette. „Im Gegensatz zu dir?“

Sie sog die Luft ein und trat einen Schritt zurück, um ihn mit seinem Becher vorbeizulassen. In der kleinen Küche gab es ein Spülbecken, und er stellte den Becher zu dem wachsenden Berg an schmutzigem Geschirr. Als er sich umdrehte, stand Emily hinter ihm und hielt vier weitere Becher an den Henkeln.

„Die hier hast du vergessen.“

Mit einem Seufzer nahm er sie ihr ab. Geschirrspülen musste auch noch auf die Liste.

„Es ist nett, dass du mich besuchst, aber gibt es einen bestimmten Grund?“

Emily zog ihren Rocksaum gerade und wirkte auf einmal beinahe nervös. „Ich denke, du solltest mich einstellen.“

Fast hätte Jase gelacht, bis ihm klar wurde, dass sie es ernst meinte. „Nein“, er schüttelte den Kopf. „Niemals.“

„Bekomme ich nicht mal ein Bewerbungsgespräch?“ Jetzt wurde ihr Blick rebellisch. „Das ist unfair.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück ins Büro. Die Kanzlei bestand aus einem kleinen Vorraum, zwei dahinter gelegenen Büros und einem größeren Besprechungszimmer. Jase mochte die Lage, mitten im Ort und an der zentralen Einkaufsstraße.

Der Empfangstisch im Vorraum war ein weiterer Abstellplatz für Papierstapel geworden, seit Donna fort war. Und als Jase Emily dorthin folgte, wurde ihm klar, wie unordentlich der Raum geworden war.

Emily nahm ihre Umhängetasche von einem Stuhl und zog ein einzelnes Blatt Papier heraus. „Mein Lebenslauf“, sagte sie und hielt ihm das Blatt hin.

Er starrte wortlos darauf, ohne es zu nehmen.

Sie presste die Lippen aufeinander. „Auf dem College habe ich für zwei Jura-Dozenten gearbeitet. Ich habe Protokolle geführt, mit Stipendienanträgen geholfen und bei der Vorbereitung von Lehrmaterial mitgearbeitet. Ich bin gut organisiert und nehme meine Arbeit ernst. Zur Zeit kann ich an zwei Tagen die Woche kommen. Mehr Stunden kann ich arbeiten, wenn Daveys Schule angefangen hat. Ich würde ihn dann gern jeden Tag von der Schule abholen, aber falls du mich hier am Nachmittag brauchst, kann meine Mutter einspringen.“

Sie hielt ihm noch immer ihren Lebenslauf hin, und endlich nahm er ihr langsam das Papier aus der Hand.

„Emily“, sagte er sanft. „Ich brauche eine richtige Anwaltssekretärin.“

„Im Augenblick“, schoss sie zurück, „brauchst du irgendein menschliches Wesen, das Geschirr spülen kann.“

Da war etwas dran, aber niemals würde er das jetzt vor ihr zugeben.

„Ich kann das. Ich kann dir helfen.“ Emily hatte die herabhängenden Hände zu Fäusten geballt und reckte das Kinn.

Es musste sie viel Selbstüberwindung gekostet haben, zu ihm zu kommen, und trotzdem schaffte sie es noch, dass es so aussah, als täte sie ihm einen Gefallen, wenn er sie einstellte, nicht umgekehrt.

„Das ist doch keine Arbeit für dich.“ Jase faltete das Papier mit dem Lebenslauf und legte es auf den Tisch. „Du bist klug, begabt …“

„Begabt, worin denn?“, fragte sie mit einem traurigen Lachen. „Shopping? Partys organisieren? Nicht besonders nützliche Fähigkeiten in Crimson.“

Jase trat einen Schritt auf sie zu.

Emily spürte Jases warme Finger an ihrem Handrücken. Sie konnte ihn nicht ansehen, nach allem, was sie gesagt hatte.

Aber ihre Finger entspannten sich unter seiner Berührung, und sie wollte sich am liebsten nur noch an ihn lehnen. Irgendwie fühlte sich in seiner Gegenwart der Boden unter ihren Füßen wieder fester an.

Da ging hinter ihr die Tür zum Vorraum auf, und ein Schwall kalter Bergluft streifte ihre erhitzte Haut. „Jase, du bist spät dran.“

Emily fuhr herum und erblickte eine junge, kleine, runde Frau in Seidenbluse und schlecht sitzendem Rock, die sie anstarrte.

„Entschuldigung“, sagte die Frau schnell und sah zwischen Emily und Jase hin und her, während sie an ihrer Handtasche nestelte. „Ich wusste nicht, dass du ein Meeting hast oder …“

„Schon in Ordnung“, sagte Jase zu ihr und trat von Emily fort. „Ich hole die Schlüssel, dann können wir los. Heute ist der Crimson Valley Wanderclub an der Reihe, richtig?“

Die Frau nickte. „Aber wenn du beschäftigt bist …“

Er schüttelte den Kopf. „Mari, das ist Emily Whitaker. Sie ist Noahs Schwester und gerade wieder zurückgekehrt. Em, Mari Simpson. Mari arbeitet in der Stadtbibliothek, aber war so nett, mir mit meinen ganzen Wahlkampfterminen zu helfen.“ Er lächelte Mari herzlich zu, und Emily spürte einen Kloß im Hals. Jase konnte anlächeln, wen er wollte, versuchte sie sich einzureden.

„Er wird ein großartiger Bürgermeister“, zwitscherte Mari mit einem strahlenden Lächeln. Die Frau war nicht im herkömmlichen Sinn hübsch, aber das Lächeln erweichte ihre Gesichtszüge in einer Weise, dass sie schön aussah. „Dafür tue ich gern alles, was ich kann.“ Ihr Gesicht war liebevoll und hoffnungsvoll. Das Gesicht einer Frau, die eine perfekte Ehefrau wäre. Emily zwang sich, sie nicht anzuknurren.

„Ich hole die Schlüssel“, bemerkte Jase und verschwand in seinem Büro.

Mari lächelte immer noch, aber jetzt deutlich weniger herzlich. „Also Sie sind Noahs Schwester?“

„Ja, genau.“

„Sie sind kürzlich aus Boston zurückgekommen, nicht?“

Eine simple Frage, aber das bedeutete, dass Mari Simpson, die selbst nicht aus Crimson stammte, schon im Bilde war über Emilys Vergangenheit und ihren Ruf im Ort.

„Stimmt“, antwortete Emily betont freundlich. „Es tut gut, wieder in der Nähe meiner Freunde und meiner Familie zu sein.“

„Ich glaube, ich habe Ihren Namen auf der Bewerberinnenliste für unseren Empfangsschalter gesehen.“

Emily nickte. „Ja, ich habe mich bei der Bibliothek beworben.“

„Zu schade, dass wir den Posten schon besetzt haben“, sagte Mari ein wenig zu süß. „Es gab viele Bewerber. Wir stellen nur Leute ein, die mindestens einen College-Abschluss haben. Ich bin sicher, Sie werden noch etwas finden.“

„Danke“, sagte Emily mühsam. „Ich glaube …“

„Emily wird für mich hier arbeiten“, sagte Jase fest, während er wieder ins Zimmer kam und Handy und Schlüssel einsteckte. Dabei wandte er den Blick nicht von Mari.

Ihr Unterkiefer klappte herunter, und Emily war sich ziemlich sicher, dass sie selbst in diesem Augenblick genauso aussah.

„Hier? Aber ich habe gehört … Ich dachte … sie ist …“

„Genau die Richtige, um mein Büro wieder in Schuss zu bringen.“ Er legte der kleinen Frau kurz die Hand auf die Schulter. „Für dich wird dann auch alles einfacher, Mari. Du wirst nicht mehr pausenlos hinter meinen Terminen her sein müssen.“

Sie nickte nur und murmelte: „Das macht mir doch nichts aus.“

Endlich wandte Jase sich Emily zu. „Könntest du also schon morgen offiziell anfangen? Ich kann um acht da sein. Wir halten die Zeiten flexibel, bis Daveys Schule angefangen hat.“ Seine Augen verrieten nichts von seinen Gefühlen. Es war, als hätte er nie Nein gesagt, als wäre sie vorhin nicht beinahe auf den Knien vor ihm gelegen. Es war, als würde er ihr diesen Job nicht aus Mitleid geben.

Er streckte ihr seine offene Handfläche hin. Darin lag ein golden schimmernder Schlüssel. „Für den Fall, dass du vor mir da bist.“ Er lächelte schief. „Pünktlichkeit ist nicht meine starke Seite.“

Nein, dachte Emily, er brauchte nicht pünktlich zu sein. Jase hatte wichtigere Qualitäten – zum Beispiel die Fähigkeit, Frauen in Not mit einem kleinen Schlüssel zu retten.

Sie sollte einen Rückzieher machen. Er wusste jetzt so viel über sie. Sie hatte gelernt, stark zu sein. Sie hatte einen Mann geheiratet, dem Macht über alles in seinem Leben ging.

Während ihrer Scheidung hatte sie sich nicht anmerken lassen, wie viele Ängste sie in der Zeit befielen. Für Davey war sie stark gewesen, auch wenn sie manchmal nur noch ein Häufchen Elend war, das sich auf dem Badezimmerboden zusammenkauerte. Jedes Mal wenn sie sich morgens anzog, setzte Emily seither ihre Maske für den Tag auf, so, wie sie ein T-Shirt überzog.

Als sie ihr Bostoner Leben hinter sich gelassen hatte, hatte sie sich geschworen, dass sie sich nie mehr von einem Mann abhängig machen würde. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen, stark und sicher.

Aber vielleicht war es einfach noch nicht so weit … In diesem Augenblick zog Jase seine Hand zurück. Sie hatte ihn zu lange warten lassen!

In letzter Sekunde schnappte Emily sich den Schlüssel und hielt ihn fest umklammert.

„Morgen früh stehe ich auf der Matte“, erklärte sie, nickte Mari kurz zu und floh aus dem Büro, bevor Jase es sich anders überlegen konnte.

Sie hatte einen Job!

Tief sog sie die herrliche Kiefernluft ein. Der Duft des Waldes, der Crimson umgab, erinnerte sie immer an ihre Kindheit. Und als sie jetzt zwischen den bummelnden Touristen den Gehweg entlangging, kam der Ort ihr ein bisschen einladender vor als zuvor.

Eine SMS von ihrer Mutter kam. Davey war auf dem Sofa eingeschlafen, also konnte sie sich Zeit lassen mit dem Nachhausekommen. Was würde sie nur ohne ihre Mutter machen? Emily hasste es, um Hilfe zu bitten, aber ihre Mutter hatte ihr glaubhaft versichert, dass sie es genoss, Zeit mit ihrem Enkel zu verbringen.

Ihr fiel ein, dass Jase gar nichts über ihr Gehalt gesagt hatte, aber das war egal. Sie hatte einen Job.

Das Wetter war wunderbar, ein strahlend blauer Himmel, helle Sonne und eine warme Brise im Gesicht. Im Gehen zog Emily die Kostümjacke aus und hängte sie sich über den Arm. Gerade als sie an einem kleinen Café vorbeikam, knurrte ihr der Magen.

Wann hatte sie zum letzten Mal irgendwo auswärts gegessen? Zuletzt in Boston, und da waren es stets offizielle Anlässe gewesen. Nach der Hochzeitsreise waren sie und Henry nie mehr richtig zusammen ausgegangen.

5. KAPITEL

Um fünf nach acht am nächsten Morgen betrat Jase sein Büro. Seine Krawatte wehte ihm lose über die Schulter, sein Haar war noch feucht von der Dusche, aber er war beinahe pünktlich.

Es war so früh am Morgen noch still in den Straßen gewesen. Ein Ladenbesitzer fegte den Gehweg vor seinem Geschäft, ein anderer stellte die ersten Wühltische mit Sonderangeboten heraus.

Jase hatte noch hundertmal über seine Entscheidung nachgedacht, Emily einzustellen, seit ihm gestern die Worte spontan aus dem Mund gekommen waren. Er war sich nicht sicher, wie er damit klarkommen würde, sie täglich um sich zu haben. Aber er war an diesem Morgen mit einem Gefühl der Vorfreude aufgewacht, das er seit Jahren nicht verspürt hatte.

Er roch schwachen Zitronenduft gemischt mit dem herrlichen Aroma von frischem Kaffee. Sein Büro hatte noch nie so gut ausgesehen. Es strahlte etwas Frisches aus, als wäre das Ganze ausgelüftet worden wie ein alter Lieblingsbettüberwurf.

Jase sog noch immer den Anblick in sich auf, als Emily aus dem Gang erschien.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen“, sagte sie beinahe schüchtern. „Ich habe schon angefangen, ein bisschen aufzuräumen, auch wenn wir noch nicht darüber gesprochen haben, wie du es haben willst.“

Er rieb sich mechanisch mit der Hand am Kinn und merkte, dass er in seiner Hast vergessen hatte, sich zu rasieren.

„Mir war nicht mal klar, dass hier aufgeräumt werden musste. Hast du gezaubert?“, fragte er kopfschüttelnd. „Ich bin kaum fünf Minuten zu spät, und hier sieht es aus, als hättest du schon seit Stunden gearbeitet.“

Er warf einen Blick auf seine geschlossene Bürotür.

„Da drin habe ich nichts angerührt. Bis jetzt.“ Emily fasste sich an den Hinterkopf und zog das lose gewordene Haarband heraus, blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Jase hielt den Atem an, aber im nächsten Augenblick hatte sie den Pferdeschwanz neu zusammengebunden.

„Ich war früh da“, erklärte sie und trat hinter den Empfangstisch.

„Wie früh?“

Mechanisch schob sie den Papierstapel von einer Tischseite zur anderen, erst dann sah sie zu ihm hoch. „Gegen halb sechs.“

„Halb sechs heute Morgen?“, fragte er entgeistert.

„Ich schlafe nicht viel“, entgegnete sie achselzuckend. „Ich bin das Aktensystem durchgegangen, das Donna eingerichtet hat, und ich glaube, ich verstehe, wie es funktioniert. Wir müssen darüber reden, wie du abzurechnende Stunden notierst.“

Er trat so dicht an den Tisch, dass seine Oberschenkel das dunkle Holz berührten. „Wir müssen vor allem darüber reden, dass du nicht schläfst. Wie oft kommt das vor?“„Ein paar Mal die Woche“, antwortete sie ruhig. „Keine große Sache.“

„Wie oft ist ein paar Mal?“

Sie presste die Lippen zusammen. „Warum machst du dir Gedanken darüber, Jase?“

„Wie oft?“, wiederholte er sanft.

„Die meisten Nächte“, sagte sie widerwillig. „Ich sehe Davey beim Schlafen zu. Er ist so friedlich, und das macht mich glücklich. Heute Morgen kümmert meine Mutter sich um ihn, wenn er aufwacht, also bin ich hergekommen, um schon ein bisschen was zu schaffen.“

Sie sah ihn vorsichtig an. Jetzt erst bemerkte Jase die Schatten unter ihren Augen und die Anspannung um ihren Mund. Es nahm ihr nichts von ihrer Schönheit oder ihrer Wirkung auf ihn, aber er machte sich Vorwürfe, dass er es nicht schon früher gesehen hatte. Emily war erschöpft.

„Das war wirklich nicht nötig“, sagte er mit einer Geste über den glänzenden sauberen Raum. „Aber ich bin unglaublich froh, dass du es getan hast.“

Sie belohnte ihn mit einem kleinen Lächeln. „Es war die reinste Bärenhöhle hier, Jase. Man könnte fast glauben, das ist dir ganz egal.“

„Es ist mir nicht egal“, protestierte er. „Aber ich bin pausenlos für meine Klienten und unsere lieben Mitbürger im Einsatz. Ist es da so schlimm, wenn die Kanzlei nicht makellos ist?“

„Du hast eine Firma, und du kandidierst für das Bürgermeisteramt. Da haben die Leute bestimmte Erwartungen an einen.“

Jase lachte etwas gequält. „Das kann man wohl sagen.“

Es machte ihm nichts aus, dass Emily ihm eine Standpauke hielt, denn ihre Augen funkelten schon wieder. Die Emily, die er kannte, war sich immer so sicher über sich und ihren Platz in der Welt gewesen. Seit ihrer Rückkehr hatte sie diesen äußeren Eindruck aufrechterhalten, aber je länger er mit ihr zusammen war, desto mehr sah er durch die Risse in ihrer Rüstung ihre Verletzlichkeit.

„Danke für den Job“, sagte Emily jetzt versöhnlich. „Ich weiß, dass du mich eigentlich nicht einstellen wolltest.“

Nein. Er wollte sie küssen und in den Armen halten und sich um sie kümmern. Küssen und Festhalten vertrug sich nicht mit ihrem Arbeitsverhältnis, aber er konnte sich um sie kümmern. Das war wenigstens ein Anfang.

„Du hattest recht“, gab er zu. „Ich brauchte Hilfe. Ich habe zu viel um die Ohren, und deshalb habe ich die Kanzlei in letzter Zeit vernachlässigt. Man sieht es schon allmählich, und das darf nicht sein.“

„Die Leute mögen dich. Sie sehen über so Kleinigkeiten hinweg. Aber du lädst dir zu viel auf.“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht zu viel, nicht vor dem Hintergrund meiner Familiengeschichte.“

„Du bist nicht die Crenshaws, Jase. Das Gewicht der Untaten von Generationen kann doch nicht auf den Schultern eines einzelnen Mannes ruhen.“

Wenn das nur wahr wäre. „Mein Vater macht die Last nicht gerade kleiner.“ Er wollte über das alles nicht reden. „Ich muss um neun bei Gericht sein, wir sollten jetzt besprechen, was noch alles getan werden muss. Zuerst trinke ich einen Kaffee. Du bist ein Engel, dass du welchen gekocht hast. Danke für alles, Em.“

Sie tippte mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm des Computers. „Acht Uhr dreißig.“

„Schon?“ Er warf einen Blick auf seine Uhr.

„Nein, du musst um acht Uhr dreißig bei Gericht sein.“ Lachend kam sie um den Tisch herum. Heute trug sie enge Dreiviertelhosen, dazu einen dünnen, blassgelben Baumwollpulli und schwarze Pumps. Lässiger als am Vortag, aber immer noch sehr professionell. „Ich hole dir den Kaffee.“

„Du brauchst nicht …“

„Ich möchte aber.“ Sie reckte ihr Kinn, als duldete sie keinen Widerspruch. „Dann kannst du gleich wieder los.“

Bevor er widersprechen konnte, verschwand sie um die Ecke.

Dieser Job war nicht gut genug für jemanden wie Emily. Seine Kanzlei, sogar wenn sie sauber war, war zu schäbig für ihre forsche Eleganz. Er stellte sich vor, dass sie in die oberen Kreise der Bostoner Gesellschaft perfekt hineingepasst hatte. Emily sah aus wie eine Lady, die zum Mittagessen einlud, eine schicke Gattin, die Events organisierte und Fundraisings veranstaltete und bei der stets jedes Haar an seinem Platz saß.

Doch als er ihr jetzt hinterherging, sah er gerührt, wie ein paar blonde Haarsträhnen an ihrem Hinterkopf versuchten, aus dem Knoten zu entkommen.

Sie goss Kaffee in einen Becher, und kurzzeitig war Jase von dem Anblick seiner ganzen im Regal über der Spüle aufgereihten sauberen Kaffeebecher abgelenkt.

Emily drehte sich zu ihm um und hielt ihm den Becher hin.

„Tu dir keinen Zwang an, während ich weg bin.“ Er strich ihr sanft eine Locke hinters Ohr und merkte, dass sie kurz den Atem anhielt. „Gegen zwölf bin ich wieder da.“

„Du hast hier einen Termin mit Toby Jenkins um halb zwei.“

Er nickte.

„Um zwei wäre ich gern zu Hause. Davey schläft immer noch mittags, und ich möchte gern da sein, wenn er aufwacht.“

„Ich kann uns auf dem Rückweg etwas zum Mittagessen holen. Irgendwelche Wünsche?“

„Das brauchst du nicht …“

„Das ist das Mindeste, Emily. Du hast die Kanzlei vollkommen verwandelt. Es fühlt sich so gut an, nicht von meinem üblichen Chaos umgeben zu sein.“

Sie lächelte schief. „Das freut mich.“

Was hatte ihr Exmann bloß angerichtet, um das muntere Mädchen, das er kannte, zu dieser spröden, unsicheren Frau zu machen? Jase verabscheute körperliche Gewalt, aber Henry Whitaker hätte er doch gern einen kräftigen Faustschlag verpasst.

Er lächelte Emily an. „Du bist wundervoll.“

Ihr Lächeln verschwand, aber bevor Jase verstehen konnte, warum, klopfte sie auf ihre Uhr. „Du musst los, sonst kommst du zu spät.“

„Sie sind daran gewöhnt, dass ich zu spät komme.“

„Nicht mehr, wenn ich hier den Laden führe.“ Emily wies zur Tür. „Los jetzt. Ich will dein Allerheiligstes in Angriff nehmen.“

Jase lachte. Dann wünschte er ihr viel Glück und lief zurück auf die sonnenbeschienene Straße hinaus. Es war der beste Start in einen Tag, den er seit Ewigkeiten erlebt hatte.

Als Jase kurz vor zwölf vor dem Wohnwagen seines Vaters hielt, hatte sich seine Hochstimmung in ein schwarzes Loch aus Frus­tration verwandelt. Obwohl er nach Emilys SMS damit gerechnet hatte, machte der Anblick ihres Gelängewagens neben dem Wohnwagen seine Laune nur noch schlimmer.

Er wollte nicht, dass Emily hierherkam. Dieser Teil seines Lebens war privat. Die meisten Leute im Ort kannten seinen Vater oder wussten von ihm, wenn sie schon lange genug in Crimson lebten. Aber selbst in seiner Kindheit hatte Jase niemanden in den schäbigen Wohnwagen hineingelassen, der sein Zuhause gewesen war. Nicht einmal seinen besten Freund Noah.

Einen Augenblick lang stand Jase auf der wackligen Türstufe und versuchte, den Aufruhr in seinem Inneren in den Griff zu bekommen. Dann hörte er Emilys Lachen durch das offene Fenster und zog die Tür auf.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm an der winzigen Arbeitsfläche der Küche. „Spaghetti aus der Dose sind kein richtiges Essen“, sagte sie gerade und lachte wieder.

„Es ist richtiges Essen, solange ich es esse und gern mag“, brummte sein Vater zurück, aber er klang gut gelaunt. Declan saß auf einem der Holzstühle am Tisch. Er betrachtete Emily wie ein Märchenwesen, das in seinem baufälligen Heim gelandet war.

„Ich bin keine große Köchin“, entgegnete sie kopfschüttelnd, „aber sogar ich kann Frikadellen braten. Ich zeige es Ihnen.“ Jase sah, dass sie die Dose mit leuchtend roter Soße und Nudeln in eine Keramikschüssel leerte.

„Wenn wir hier italienischen Abend haben“, sagte sein Vater, „dann bringst du am besten eine Flasche Wein mit.“

In dieser Sekunde ließ Jase die Tür hinter sich zufallen. Emily fuhr herum und erblickte ihn. Ihr Lächeln verschwand, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. Declan rutschte auf seinem Stuhl hin und her, aber sein Lächeln wurde noch breiter.

„Gerade richtig zum Essen“, sagte Declan, obwohl er wusste, wie sehr Jase Dosenessen verabscheute.

„Wie war es bei Gericht?“ Emily bedeckte die Schüssel mit einem Papiertuch und stellte sie in die Mikrowelle, die in der Ecke der Arbeitsfläche stand.

Jase holte tief Luft und roch Emilys Duft, überlagert von dem abgestandenen Geruch des Wohnwagens. Die Kombination war unerträglich. Er hielt es nicht mehr aus. Er marschierte an Emily vorbei, schob sie mit der Schulter aus dem Weg und stellte die Mikrowelle mit einer heftigen Bewegung auf eine Minute.

„Was zum Teufel machst du hier?“, fragte er, während Emily an das Spülbecken gedrängt dastand.

„Meine Schuld“, sagte sein Vater hinter ihm. „Ich hatte meinen Arzttermin heute Morgen vergessen. Als ich dich am Handy nicht erreichte, habe ich in der Kanzlei angerufen. Emily hat mir erklärt, dass du bei Gericht bist, aber sie war so nett, mich selbst zum Arzt zu bringen.“

Jase sah über die Schulter. „Du hättest dir einen neuen Termin geben lassen sollen.“

„Es war kein Problem“, bemerkte Emily. „Dein Büro war aufgeräumt und ich …“

„Ich habe dir einen Job als Anwaltssekretärin gegeben“, stieß Jase aus. „Diese Arbeit hat professionelle Grenzen. Dich in mein Privatleben einzuschalten gehört nicht zur Job-Beschreibung.“

Emilys warme Augen, die so herzlich und lebendig geblitzt hatten, wurden eisig. Jase erwartete, dass sie zurückschießen würde, aber sie presste nur die Lippen aufeinander und flüsterte nach einer Pause: „Es soll nicht wieder vorkommen. Tut mir leid.“

„Jase, von welchem Teufel bist du denn geritten?“, fragte sein Vater dröhnend in das angespannte Schweigen zwischen Jase und Emily hinein.

Emily zwängte sich nur wortlos an Jase vorbei und umarmte Declan kurz. „Genießen Sie Ihre Spaghetti. Ihren italienischen Abend kriegen Sie noch. Aber Grapefruitsaft dazu, keinen Wein.“

„Danke, Darling.“ Die Stimme seines Vaters war weich geworden. „Du bist ein feines Mädchen. Das Ganze hier tut mir leid.“

„Ist nicht Ihre Schuld“, flüsterte sie.

Jase wandte sich nicht um. Er hatte die Hände auf die verkratzte Arbeitsfläche gepresst. Er hörte, wie die Tür auf- und wieder zuging. Nicht das ärgerliche Türenknallen, das er erwartete, sondern ein sanftes Klicken, das ihm durch und durch ging. Aber er rührte sich nicht.

Der Stuhl rutschte über den Boden, als sein Vater hinter ihm aufstand, zur Mikrowelle ging und die Schüssel herausholte. Minutenlang hörte man nur den Löffel klappern und Zeitung rascheln.

„Sie gehört nicht hierher“, sagte Jase schließlich und rieb sich das Gesicht. Dann drehte er sich um. „Emily arbeitet jetzt für mich. Das ist alles, Dad. Sie gehört nicht zu uns.“

„Das Mädchen gehört seit Jahren zu dir“, gab Declan zurück und legte seinen Löffel in die leere Schüssel.

Fassungslos starrte Jase ihn an. Mit keiner Menschenseele, erst recht nicht mit seinem Vater, hatte er je über seine Gefühle für Emily gesprochen. Ihm war klar, dass Noah davon wusste, aber er hatte es nie laut ausgesprochen.

„Ich bin ein hoffnungsloser alter Trinker“, sagte Declan achselzuckend. „Aber ich bin nicht blind, und du bist mein Sohn. Ich kenne dich besser, als du glaubst.“

„Emily macht schwere Zeiten durch. Ich helfe ihr, wieder auf die Füße zu kommen. Das ist alles.“

„Du schämst dich für mich und dafür, wie du aufgewachsen bist.“

Noch mehr nie Ausgesprochenes … Aber auf dieses Thema wollte Jase sich jetzt auf keinen Fall einlassen. „Heutzutage bist du besser dran, Dad. Ich bin stolz, dass du trocken geblieben bist.“

Declan lachte kurz auf. „Ich bin stolz, Jase. Du lädst dir zu viel auf, das nicht deins ist, meinen Ruf, unsere Familiengeschichte, wie du aufgewachsen bist … Du hast es ganz aus eigener Kraft weit gebracht, und du brauchst dich für nichts zu schämen.“

Ungeduldig winkte Jase ab. „Wenn du nicht hier raus und woanders anständig wohnen willst, dann respektiere ich deine Entscheidung. Aber ich möchte nicht, dass sie hierherkommt. Das musst du auch respektieren.“

„Emily Crawford scheint mir durchaus imstande, so etwas selbst zu entscheiden.“

„Sie heißt jetzt Emily Whitaker, Dad. Sie war verheiratet. Sie hat einen Sohn. Wir sind nicht mehr dieselben wie früher.“

Sein Vater lächelte. „Mir scheint, das ist der springende Punkt, nicht?“

6. KAPITEL

Emily blickte von ihrem Buch auf, als sie ein Auto den Kiesweg herauf kommen hörte. Sie saß auf der Veranda ihrer Mutter. Es war neun Uhr abends, und Davey schlief seit fast einer Stunde.

Sie wunderte sich, dass ihre Mutter so früh von ihrem Date zurückkam. Aber dann erkannte sie Jases Jeep, und ihr erster Impuls war, sich ins Haus zu flüchten und die Tür zuzuschlagen.

Er hatte sie verletzt, und sie ertrug es nicht, dass irgendein Mann die Macht dazu hatte. Ihr war klar, dass Jases Reaktion am Nachmittag von seinen eigenen Problemen herrührte. Und trotzdem bezog sie seine Vorwürfe innerlich auf sich.

Aber wie viele Fehler sie auch haben mochte, sie war nie ein Feigling gewesen. Also blieb sie in dem Schaukelstuhl sitzen, die Beine unter der dünnen Decke hochgezogen. Die Abendluft in den Bergen war kühl. Obwohl sie sich nicht mehr auf den Inhalt ihres Buchs konzentrieren konnte, starrte sie weiter auf die Seite, während eine Wagentür zuschlug und schwere Stiefel auf den Verandastufen erklangen.

„Was liest du?“, hörte sie Jases schöne, tiefe Stimme.

Sie nahm einen Finger zu Hilfe, um die Zeile nicht zu verlieren, aber antwortete nicht.

„Du kannst mich ignorieren“, sagte Jase und ließ sich in den Stuhl neben ihr fallen. „Aber ich werde nicht gehen.“

„Die Hoffnung lass ich mir nicht nehmen“, gab sie kurz angebunden zurück und klammerte die Finger um ihr Buch, während er leise lachte.

Eine Zeit lang saßen sie schweigend da, und unwillkürlich entspannte Emily sich langsam.

Da sagte Jase, als würde er es spüren: „Es tut mir leid, Em.“

„Schon gut“, log Emily. „Schon klar. Ich habe Grenzen übertreten.“ Da war er wieder, der Reflex, alle Schuld auf sich zu nehmen.

„Es hatte nichts mit dir zu tun“, fuhr Jase fort. „Es war sehr nett, was du heute für meinen Vater getan hast. Es hat ihm ungeheuer gutgetan, dass eine schöne Frau sich um ihn kümmert.“

„Nicht der Rede wert.“

„Hör auf.“ Er hatte sie sanft am Handgelenk genommen. Seine Wärme drang durch das Sweatshirt, das sie übergezogen hatte, als die Sonne hinter dem Berg verschwand. „Es war überhaupt nicht selbstverständlich, und ich hätte das auch sehen müssen.“

Er ließ ihre Hand los, stand auf und trat an den Rand der Veranda. „Ich liebe meinen Vater, aber ich hasse den Mann, der er war, als ich jünger war. Er war gemein und peinlich. Jeder kannte seine Probleme, aber trotzdem fühlte ich mich gedemütigt, wenn ich ihn nach einer Kneipentour nach Hause schleppen musste.“

Emily sah die Anspannung in Jases Schultern, während er in die zunehmende Dunkelheit hinausblickte. „Einmal erschien er betrunken auf einem Elternabend, so betrunken, dass er im Jungs-Klo den ganzen Fußboden vollkotzte. Ich habe ihn nie wieder zu irgendeinem Schul-Event kommen lassen.“

Sie schlug ihr Buch zu. Ihr Herz schmolz dahin. „Jase …“

Er drehte sich zu ihr um, die Arme über der Brust verschränkt. „Ich habe diesen Wohnwagen gehasst. Und ich habe nie jemanden da reingelassen, nicht mal Noah, der mich so oft dort abgeholt hat. An diesem Ort konzentriert sich meine ganze Beschämung. Und mein Vater weigert sich umzuziehen. Ich habe es nicht ertragen, dich dort zu sehen, mit all den Erinnerungen, die aus den Wänden krochen. Es war, als würdest du davon beschmutzt.“

Emily stand auf, ließ Buch und Decke auf dem Stuhl liegen und ging zu Jase.

Er schüttelte den Kopf. „Du bist zu gut dafür, Emily. Zu gut für ihn. Es tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe, aber es ist mir immer noch unerträglich, dass du, oder irgendjemand, diesen Teil von mir gesehen hat.“

„Nein.“ Sie trat so dicht vor ihn hin, dass sie seinen Atem an ihrem Scheitel spürte. „Mach dich nicht so schlecht. Deine Herkunft ändert nichts daran, wer du wirklich bist.“

„Machst du Witze?“ Jase rückte nicht von Emily ab, aber lehnte sich nach hinten gegen die Verandabrüstung, als brauchte er mehr Platz. „Dieser Wohnwagen und alles, wofür er steht, hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich kenne meinen Ruf in der Stadt. Jase, der Supernette. Jase, der Gutmensch. Jase, der Perfekte. Niemand sieht etwas anderes, weil ich ihnen nichts anderes zeige. Nicht obwohl, sondern weil ich aus dieser Familie komme, arbeite ich so hart. Weil ich eine Heidenangst habe, dass das Gift, das so vielen Männern aus meiner Familie die Selbstachtung zerstört hat, auch mich herunterreißen könnte.“

Etwas Dunkles, Drohendes blitzte in seinen Augen, und Emily sah, wer er unter der immer so freundlichen Oberfläche wirklich war: Ein Mann, der versuchte, das Durcheinander seiner Gefühle in den Griff zu bekommen und der sich nur noch mit Mühe beherrschte. Plötzlich verspürte sie den Drang, auch noch seine letzte Zurückhaltung aufzubrechen.

Jase blinzelte, und der Augenblick war vorüber. Er atmete schwer, als wäre er Crimson Mountain hinaufgesprintet. Emily legte ihre Hand an seine Brust und fühlte sein Herz schlagen.

„Du bist nicht dein Vater“, sagte sie leise und spürte, wie er den Atem anhielt. „Ich weiß, wie es ist, wenn man etwas so unbedingt beweisen will, dass man zu jemand wird, der man nicht ist. Künstlich und unecht. Du bist echt, Jase. Nicht perfekt, aber echt.“

„Es tut mir leid“, sagte er noch einmal und legte seine flache Hand über ihre. „Verzeih, wie ich dich behandelt habe und was ich gesagt habe.“

Emily lächelte. „Dann sind wir jetzt wohl quitt.“

„Du hast heute Wunder gewirkt, in der Kanzlei und bei meinem Vater. Danke.“

Jetzt sollte sie sich von ihm lösen. Aber sie rührte sich nicht. Jase war so aufregend anders, als sie gedacht hatte. Gerade sie hätte doch wissen müssen, dass man einen Menschen nicht nach dem äußeren Anschein beurteilen konnte. Sie hatte sich ihr Leben auf dem äußeren Schein aufgebaut, und dann war es einfach in sich zusammengebrochen.

Die Verbindung, die sie mit Jase spürte, seine Anwesenheit empfand sie auf einmal viel tiefer als zuvor. Sie strich mit der Hand über seine Brust und weiter hinauf, bis ihre Hand in seinem Nacken lag. Spontan stellte sie sich auf Zehenspitzen und berührte seinen Mund mit den Lippen. Er schmeckte nach Nachtluft und Pfefferminzkaugummi, und es war herrlich, wie seine Lippen reagierten.

Er neigte den Kopf und kam ihr entgegen. Seine Hände lagen auf ihren Hüften, und er zog sie an sich, bis sie ihn überall an sich spürte. Ganz langsam erkundete er sie mit dem Mund, küsste sich einen Weg bis zu ihrem Ohrläppchen und knabberte daran.

Als sie leise aufstöhnte, flüsterte er: „Du fasst dir immer an die Ohrläppchen, wenn du nervös bist.“

„Das tue ich nicht“, widersprach sie.

Da knabberte er wieder an ihrem Ohr, und sie erschauerte. „Du merkst viel“, gab sie zu.

„Ich will alles von dir wissen“, murmelte er, während er die Nase in ihrem Haar vergrub.

Es fiel Emily immer schwerer, klar zu denken, aber kurz darauf drang es durch den Nebel ihrer Erregung, was Jase gesagt hatte. „Warte.“

Sie versuchte sich von ihm zu lösen, aber er ließ nicht gleich los.

„Warum?“ Er küsste sie an der Schläfe.

„Ich kann nicht denken, wenn du das machst.“

„Dann mache ich weiter.“

Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber stattdessen wurde ein echter Kuss daraus. Und sie gab der Sehnsucht nach, ihr ganzer Körper zitterte vor Begehren, als Jase unter dem Saum ihres Sweatshirts mit den Fingern über ihren Rücken fuhr. Emily brannte überall dort, wo er sie berührte, ihre Brüste waren schwer und empfindlich, wo sie sich an sein T-Shirt drückten, und sie sehnte sich nach mehr.

So stark, dass es sie erschreckte. Als Jase mit den Händen um ihren Bauch strich und ihre Brüste berührte, entwand sie sich ihm. Mit unsicheren Händen griff sie nach dem Geländer der Veranda und sagte hastig: „Ich arbeite für dich, Jase.“

„Soll ich dich entlassen?“

Sie sah ihn schnell an und merkte, dass er sie neckte. Sie entspannte sich. „Ich will die Dinge nicht verkomplizieren. Ich weiß, dass du mir den Job gegeben hast, weil ich dir leid getan habe, und das hier …“ Sie wies auf sie beide. „Macht alles nur verworrener.“

„Du tust mir nicht leid.“ Jase kam näher, und sie wich nicht aus, als er ihr Gesicht sanft in beide Hände nahm. „Alles andere als das.“

„Warum willst du Bürgermeister werden?“, fragte Emily abrupt.

Jase ließ die Hände fallen. „Ich war lang genug im Gemeinderat, um mitzukriegen, was getan werden muss und …“

„Du hast Verantwortung.“

„Du sagst das, als wäre das etwas Schlechtes.“

„Nein, aber dein Leben ist voller Verpflichtungen. Ich will da nicht noch eine weitere sein.“

„Du bist …“

„Ich wäre gern mit dir befreundet.“

Er starrte sie sekundenlang an, dann seufzte er frustriert. „Das möchte ich auch, aber das muss ja nicht heißen, dass …“

„Doch“, unterbrach sie wieder und musste lachen, als Jase demonstrativ einen enttäuschten Schmollmund zog.

Er stand kurz wortlos da, dann nickte er und ging um sie herum zur Treppe.

„Gute Nacht, Emily.“

Sie sah die Rücklichter seines Wagens in der Nacht verschwinden, dann ging sie ins Haus. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten schlief sie gleich ein, kaum hatte sie den Kopf auf das Kissen gelegt.

Am Freitagmorgen ging Jase die drei Blocks von seiner Kanzlei zum Rathaus zu Fuß und genoss das Gefühl, nicht hetzen zu müssen. Er sollte eine Rede vor der örtlichen Unternehmer-Vereinigung halten und wäre wahrscheinlich wieder spät dran gewesen, wenn Emily ihn nicht aus der Tür geschoben hätte.

Sie achtete auf Pünktlichkeit, was nie eine seiner Stärken gewesen war. Es lag ihm etwas daran, rechtzeitig zu kommen, aber oft verlor er sich so in dem, was er gerade tat, dass er auf nichts anderes mehr achtete. Gestern war Emily nicht in der Kanzlei gewesen, und sie hatte ihm gefehlt.

Jetzt versuchte Jase sich darauf zu konzentrieren, was er den Geschäftsbesitzern sagen wollte. Seit Emily ihn danach gefragt hatte, hatte er noch einmal neu überlegt, warum er eigentlich als Bürgermeister kandidierte. Es war ja nicht so, dass er mit seiner Anwaltskanzlei nicht genug zu tun gehabt hätte.

Er kam um die Ecke und sah Mari, seine einzige Wahlkampfmitarbeiterin. Sie ging nervös vor dem Eingang zum Rathaus auf und ab. Automatisch warf Jase einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Wir haben ein Problem“, sagte Mari auch schon, während sie auf ihn zulief und fahrig ihre Brille zurechtschob.

Jase hob beide Arme zu seiner Verteidigung. „Ich bin erst in zehn Minuten dran. Alles ist in Ordnung.“

„Dein Konkurrent war zuerst da“, entgegnete Mari kopfschüttelnd. „Gar nichts ist in Ordnung, Jase.“

„Was denn für ein Konkurrent?“

„Charles Thompson.“

Jase spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. „Charles Thompson kandidiert nicht für den Posten. Ich bin bei dieser Wahl der einzige Kandidat.“

„Jetzt nicht mehr. Er hat die nötigen Unterschriften gesammelt und seit gestern kurz vor Bewerbungsschluss ist er offizieller Kandidat. Keine Ahnung, was ihn dazu getrieben hat.“

Müde fuhr Jase sich mit der Hand über die Augen. „Charles hat nichts Richtiges mehr zu tun, seit er nicht mehr Sheriff ist. Ich wette, mein Vater hat ihn angerufen und ihn provoziert. Die Thompsons können es einfach nicht ertragen, wenn ein Crenshaw Erfolg hat.“

„Wie grässlich“, rief Mari. „Dann musst du jetzt eben reingehen und beweisen, dass du der bessere Kandidat bist.“ Sie zog ihn aufmunternd am Ärmel, aber Jase rührte sich nicht. Er wollte sich nicht mit Charles und allem, was der Mann über seine Kindheit wusste, auseinandersetzen. Wenn es einen Menschen gab, der wusste, wo die Crenshaws jede einzelne Leiche im Keller hatten, dann Exsheriff Charles Thompson.

„Jase, komm mit rein“, drängte Mari.

Jase holte tief Luft, zurrte seine Krawatte zurecht und strich sich mit den Fingern noch einmal übers Haar. Dann folgte er Mari in den vollen Konferenzsaal, wo Charles Thompson vorne am Rednerpult stand.

Ein kaltes Licht leuchtete in Thompsons Augen, als er über die Köpfe der Menge hinweg Jase erblickte. Jase wusste, dass er viele Freunde im Saal hatte, aber der Blick von Sheriff Thompson verwandelte ihn plötzlich wieder in den verängstigten Jungen, der er vor Jahren gewesen war. Er hatte es verabscheut, wenn er damals den Patrol-Geländewagen vor dem Wohnwagen seines Vaters stehen sah, weil er wusste, was es bedeutete.

„Mein geschätzter Gegenspieler ist eingetroffen“, verkündete Charles ins Mikrofon. Seine volle, tiefe Stimme dröhnte durch den Raum.

Leute drehten sich nach Jase um, und er zwang sich zu einer freundlichen Miene. Er begegnete den Blicken von Katie Garrity, die als Inhaberin der Bäckerei hier war, und Josh Travers, dem Besitzer der Crimson-Ranch – Ferienanlage. Katie lächelte ihm mitfühlend zu, während Josh beinahe so wütend aussah, wie Jase sich fühlte.

Ihre Unterstützung gab ihm Selbstvertrauen. Es reichte leider gerade bis zu Charles Thompsons nächsten Worten.

„Komm hier rauf, Junge“, sagte Charles und bohrte seinen Blick in Jase, dessen Nerven zum Zerreißen gespannt waren. „Ich möchte gern mit dir über die Zukunft dieser Stadt und den Wert der Familie in unserem Land reden.“

Eine Stunde später stürmte Jase in das Vorzimmer seiner Kanzlei. Er wahrte nur noch mühsam die Beherrschung. Emily zuckte in ihrem Stuhl zusammen und blickte vom Computerbildschirm auf.

„Wie war es?“

„Fein“, stieß Jase aus, ohne stehen zu bleiben. Er fühlte, wie die Fassade zu bröckeln begann, und er wollte hinter der geschlossenen Tür seines Büros sein, wenn sie ganz zusammenbrach. „Ich habe um elf einen Termin mit Morris Anderson. Bitte, sag mir Bescheid, wenn er da ist.“

Er ließ seine Aktentasche zu Boden fallen, schlug die Bürotür hinter sich zu und lief an das Fenster hinter seinem Schreibtisch. Er versuchte, ruhig durchzuatmen, während er auf die Parkplätze im Hinterhof hinaussah.

„Dieses ganze Türenknallen klingt für mich nicht nach ‚fein‘.“

Jase drehte sich nicht nach Emilys kühler Stimme um.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Extra Band 43" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen