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BIANCA EXTRA BAND 42

MEG MAXWELL

Die Akte Daddy

Wer hat ein Baby in seinem Büro abgelegt? Bevor Nick sich von dem Schock erholt, steht Georgia vor ihm! Die Frau, die er so geliebt hat – und deren Bauch verrät, dass heute offensichtlich sein Babytag ist …

SANDRA STEFFEN

Schweig und küss mich

Die Hochzeit seines Bruders verschlägt den Journalisten Kyle in die Kleinstadt Orchard Hill. Wo die geheimnisvolle Pensionswirtin Summer seine professionelle Neugier weckt – und seine Leidenschaft …

JOANNA SIMS

Der Duft von Heu und Hoffnung

Der Himmel hat sie geschickt! Die junge Lehrerin Casey ist rührend zu Brocks autistischer Tochter. Und ihr Lachen erinnert ihn daran, dass er die Liebe viel zu lange aus seinem Leben verbannt hat …

KATIE MEYER

Wenn dich die Liebe endlich findet

Von der Braut verlassen und untröstlich, fliegt Noah allein in die Flitterwochen nach Paradise, Florida. Aber hat das Schicksal hier seine Finger im Spiel? Denn er lernt die bezaubernde Mollie kennen …

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Die Akte Daddy

1. KAPITEL

Gerade einmal fünfzehn Minuten hatte Nick Slater gebraucht, um sich fürs Mittagessen bei Hurley’s Homestyle Kitchen ein Roastbeefsandwich mit Salat zu besorgen. Als er in sein Büro zurückkehrte, hatte jemand ein Baby in einer blau-weißen Tragetasche auf seinem Schreibtisch zurückgelassen.

Konsterniert blieb Nick an der Hintertür der ansonsten leeren Polizeistation von Blue Gulch stehen. Während er das Baby betrachtete, machte er sich in seinem Kopf bereits Notizen.

Neugeborenes, ca. einen Monat, vielleicht sechs Wochen alt. Junge, dem Blau nach zu urteilen. Pfirsichfarbige Pausbäckchen, rosige Lippen, die leicht zucken. Allem Anschein nach gut genährt. Gut versorgt, saubere Ausstattung, eingewickelt in eine gehäkelte Decke. Schläft tief und fest – vorläufig.

Als er das Büro verlassen hatte, lagen nur ein paar handschriftlichen Notizen über einen Einbruch auf seinem Schreibtisch, eine Geburtstagskarte für seine Schwester mit zwei Zwanzigern und einer Zehndollarnote, die er ihr ins Dallas City College schicken wollte, sowie ein Zettel mit dem Hinweis, dass er sich etwas zum Mittagessen besorgte und in zehn Minuten zurück sein würde.

Und jetzt war da ein Baby.

„Hallo?“, rief er in der Hoffnung, dass die Mutter oder sonst irgendjemand in der Nähe war, zu dem das Baby gehörte. Das Polizeirevier von Blue Gulch war nicht sehr groß. Neben dem Dienstzimmer mit dem lang gestreckten Empfangstresen, den Schreibtischen von Nick sowie zwei weiteren Beamten und dem Büro des Revierchefs, das direkt neben den beiden Gefängniszellen lag, gab es noch einen Raum, der als Verhör- und Pausenraum diente.

„Hallo?“, versuchte er es erneut.

Stille.

Ohne das Baby aus den Augen zu lassen, betrat Nick den Pausenraum. Leer. Das Büro des Chefs – leer. Die Gefängniszellen – leer.

Misstrauisch, wie er von Berufs wegen war, hob er die Babytasche auf seinem Schreibtisch hoch, um sich zu vergewissern, dass das Bargeld noch vorhanden war. Es lag an seinem Platz. Beruhigt stellte er die Tasche wieder ab.

Okay. Offenbar war die Mutter hereingekommen, hatte niemanden gesehen, ihr Baby abgestellt und die Toilette aufgesucht.

Allerdings stand die Toilettentür offen, und das Licht war ausgeschaltet.

Nick schaute aus dem Fenster, um nachzusehen, ob jemand auf den Stufen oder der Bank vor dem Revier saß. Niemand.

„Hallo?“, wiederholte er, obwohl ihm inzwischen klar war, dass keine Menschenseele in der Nähe war. Bis auf das eintönige Summen des Ventilators in der Ecke herrschte absolute Stille im Büro.

Warum sollte jemand ein Baby auf seinem Schreibtisch zurücklassen – wenn das Revier menschenleer war? Er überlegte, wer in Blue Gulch kürzlich ein Kind bekommen hatte. Die Loughs, die etwa eine Viertelmeile von der Wache entfernt wohnten. Aber sie hatten ein Mädchen mit blonden Locken. Das Baby in der Trage war jedoch dunkelhaarig.

Dann waren da noch die Andersons, die in einem Vorort lebten und nicht oft nach Blue Gulch kamen. Sie hatten im Juni einen Jungen bekommen. Hatte einer von ihnen das Baby aus irgendeinem Grund auf Nicks Schreibtisch zurückgelassen? Nick suchte nach ihrer Adresse, nahm das Telefon zur Hand und wählte ihre Nummer.

Sobald Mike Anderson sich meldete, hörte er im Hintergrund ein Baby jauchzen. Geistesgegenwärtig behauptete Nick, die Anwohner der Umgebung vor einem Kojoten warnen zu wollen, der tatsächlich in der Gegend gesichtet worden war, und riet Mike zur Vorsicht.

Nachdem er aufgelegt hatte, zermarterte er sich den Kopf, wer sonst noch infrage kommen könnte. Blue Gulch war eine Kleinstadt mit 4304 Einwohnern – 4305, korrigierte er sich. Eine andere hochschwangere Frau wäre ihm im Sommer gewiss aufgefallen.

Nick betrachtete das Baby. Ein kleiner blaubestrumpfter Fuß schob sich unter der Decke hervor. Kurz darauf der zweite. Das Baby drehte den Kopf nach links. Dann nach rechts.

Die kleinen Augen öffneten sich einen Spalt. Und schlossen sich wieder.

Das erste Quäken ertönte. Rasch wurde es zu einem lauten Schreien. Lauter, als man es von so einem kleinen Wesen erwartet hätte.

Nick schaute auf die Uhr. 13.16 Uhr. Michelle Humphrey, die Sekretärin, war noch in der Mittagspause. Officer Manning, der die Stellung halten sollte, lümmelte wahrscheinlich zum sechsten Mal an diesem Tag im Coffeeshop herum, trank einen Eiskaffee und flirtete mit der Kellnerin, auf die er ein Auge geworfen hatte.

Und der Chef, der kurz vor der Pensionierung stand, machte während der heißen Sommertage ausgedehnte Nickerchen in seinem Truck auf dem rückwärtigen Parkplatz. Übernimmst du mal für mich, Nick? war Chief McTiernans Standardfrage. Nick verspürte wenig Lust, den Boss zu spielen. Er zog es vor, Detective zu sein und vor Ort zu arbeiten.

Außerdem plante er, Blue Gulch in den kommenden Wochen für immer zu verlassen. Vor zwei Jahren war er wieder hier hergekommen, weil er sich nach dem Tod ihrer Mutter um seine sechzehnjährige Schwester kümmern musste. Aber nun, da Avery in einem Wohnheim auf dem College lebte, war es nicht nötig, länger in dieser ungeliebten Stadt zu bleiben – ein Ort, der ihn an die schlimmste Zeit seines Lebens erinnerte.

„Bäääh! Bääääh! Bäääääh!“

Himmel! Er musste etwas unternehmen. Zum Beispiel das Baby in den Arm nehmen.

Er griff in die Tasche, schob die Decke beiseite – und erstarrte.

Auf dem Strampler klebte ein Zettel.

Detective Slater: Bitte kümmern Sie sich um Timmy, bis ich ihn in einer Woche wieder abholen kann. Ich lasse ihn nicht im Stich. Ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann.

Was zum Teufel …?

Er betrachtete den Zettel und las ihn wieder und wieder. Die Mitteilung war auf ein halb abgerissenes weißes Blatt geschrieben; das Wörtchen bitte rot unterstrichen. Noch hoffte er, dass seine Augen ihm einen Streich spielten, dass er Woche las, wo Minuten gemeint waren.

Wovor hatte die Mutter Angst? Warum musste sie ihn für eine Woche abgeben?

Timmy. Wenigstens hatte er einen Namen. Ein toller Hinweis! Wen kannte er, der ein Baby namens Timmy hatte? Niemanden. Nick betrachtete den Säugling.

Das Baby streckte sich und gähnte und hatte keine Ahnung, dass die Entscheidung eines Menschen sein ganzes Leben aus der Bahn werfen konnte.

Das vermochte Nick nur zu gut nachzuempfinden.

Vor ihm lag ein unschuldiges Baby, allen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Jetzt war es ihm ausgeliefert. Ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann.

Offenbar kannte die Mutter ihn.

Plötzlich schlug das Herz in seiner Brust schneller. Nein. Unmöglich. Nein und nochmals nein …

Seine Schwester?

Reg dich ab, Slater, befahl er sich. Vor zwei Wochen hast du Avery ins College gebracht. Da war sie immer noch die dünne Bohnenstange, die sie immer schon gewesen war. Seine achtzehnjährige Schwester war nicht die Mutter des Babys. Sein Herzschlag normalisierte sich wieder.

Aber warum hatte man ausgerechnet ihn ausgewählt? Er war nicht gerade der väterliche Typ.

Was du willst, spielt keine Rolle! Die ganze Stadt hatte ihn gehört, als er Avery vor ein paar Monaten vor dem Burgerladen den Satz an den Kopf geschleudert hatte, nachdem sie ihm gestanden hatte, sie sei sich nicht sicher, ob sie wirklich aufs College gehen wolle.

Und dass ihr Freund Quentin ihr geraten habe, es als Sängerin zu versuchen. Quentin, der große Reden hielt und Nick einen Blödmann nannte, glaubte allen Ernstes, seine achtzehnjährige Schwester, die gern sang und Gitarre spielte, sollte das College schmeißen, in einem Coffeeshop auftreten und vom Trinkgeld der Kunden leben. Nur über meine Leiche, hatte Nick sich geschworen.

Ratlos betrachtete er das quengelnde Baby. Wer zum Teufel ließ einen Säugling allein zurück? Auf einem fremden Schreibtisch? Plötzlich wurde Nick wütend. Wie rücksichtslos manche Menschen sein konnten!

Du bist nicht irgendjemand. Du bist Polizist. Und die Nachricht ist an dich gerichtet.

Dennoch musste er das Jugendamt verständigen. Kopfschüttelnd ging er zur Tür, öffnete sie und ließ seinen Blick schweifen – über den gepflasterten Weg bis hin zur Trauerweide. Niemand war zu sehen.

Das Polizeirevier lag mitten in Blue Gulch, nicht weit von der Autobahnabfahrt entfernt. Hinter dem Parkplatz erstreckte sich am Horizont die Silhouette des Sweet-Briar-Gebirges und erinnerte ihn einmal mehr daran, wie groß die Welt jenseits von Blue Gulch war.

Wer immer das Baby zurückgelassen hatte, war wohl längst über alle Berge.

„Ich gebe dir eine Stunde“, murmelte er. „Dann rufe ich das Jugendamt an.“

Timmy brüllte noch immer. Nimm ihn in den Arm. Er schob die Decke beiseite. Neben dem Baby lagen zwei Fläschchen, von dem eines mit Milch gefüllt war, drei Windeln, ein gelbes Stoffkaninchen mit langen braunen Ohren und eine Tüte mit Milchpulver. Jemand sorgt sich um dieses Baby, dachte er, während er Timmy vorsichtig hochhob.

Sein Gewicht erschreckte ihn fast. Der Kleine wog nicht einmal neun Pfund. Nick legte das Köpfchen an seinen Arm, wie er es vor Jahren auf der Polizeischule gelernt hatte, und Timmy hörte auf zu schreien. Bis er eine Minute später wieder loslegte.

Ratlos verdrehte Nick die Augen. Vorsichtshalber nahm er den Zettel noch einmal zur Hand. Bitte kümmern Sie sich um Timmy, bis ich ihn in einer Woche wieder abholen kann. Nein, an der Nachricht hatte sich nichts geändert.

Eine Woche! Um Himmels willen!

Aber das rot unterstrichene Bitte versicherte ihm, dass die Mutter zurückkommen würde, wenn sie ihre Probleme – was immer die sein mochten – gelöst hatte. Er sah auf die Uhr. Achtzehn Minuten nach eins. Die Zeit kroch wirklich dahin.

Als Timmy an seinem Fläschchen nuckelte, warf Nick einen Blick nach draußen. Hoffentlich kam seine Sekretärin bald zurück. Michelle konnte wunderbar mit Kindern umgehen.

Tatsächlich. Da lief jemand über den Weg zur Wache. Vielleicht war es Timmys Mutter, der inzwischen klar geworden war, dass sie etwas Dummes angestellt hatte und ihr Baby abholen wollte. Obwohl er ihr Timmy nicht so schnell zurückgeben würde. Zuerst würde er sich davon überzeugen, ob die Mutter psychisch gefestigt war.

Er eilte ans Fenster, um sie genauer zu betrachten. Möglicherweise überlegte sie es sich ja im letzten Moment noch einmal anders und machte auf dem Absatz kehrt.

Er musste zweimal hinsehen.

Georgia Hurley lief über die Einfahrt. In Anbetracht der Tatsache, dass ihr Bauch vor vier Monaten flach wie ein Surfbrett gewesen war – er musste es wissen; er hatte schließlich jeden Zentimeter davon ausgiebig geküsst, als er sie in Houston kennengelernt hatte –, konnte sie unmöglich Timmys Mutter sein.

Georgia war nun also doch nach Blue Gulch zurückgekehrt.

Nick hielt sie für ziemlich egoistisch. Als ihre Großmutter vor ein paar Monaten plötzlich krank geworden war und das Familiengeschäft Hurley’s Homestyle Kitchen in finanzielle Schwierigkeiten geriet, hatte sie die Bitten ihrer Schwestern, nach Hause zu kommen, einfach ignoriert. Stattdessen war sie bei ihrem reichen Freund in Houston geblieben.

Nick wusste so gut darüber Bescheid, weil ihre Schwester Annabel sich große Sorgen um sie gemacht hatte. Damals hatte er von Georgias Existenz noch gar nichts gewusst. Nichts würde Georgia davon abhalten, nach Hause zu kommen, wenn ihre Familie sie brauchte – es sei denn, irgendetwas stimmt nicht, hatte Annabel Nick erzählt.

Nick hatte auch Annabel kaum gekannt, aber da er nach Houston fuhr, um seine Kameraden von der Polizeiakademie wiederzusehen, hatte er ihr versprochen, bei der Gelegenheit Georgia zu besuchen und sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass es ihr gut ging.

Und wie gut es ihr ging! Es hatte damit begonnen, dass er an die Tür ihrer Wohnung in Houston geklopft hatte, und ein paar Stunden später hatten sie nackt im Bett gelegen. Er hatte ihr Dinge aus seinem Leben erzählt, die er noch keinem Menschen anvertraut hatte. In jener Nacht war er Georgia Hurley rettungslos verfallen.

Die kalte Dusche folgte prompt. Als sie beide am nächsten Morgen das Haus verließen und ihr schnieker Freund – sie hatte tatsächlich einen Freund und trotzdem mit ihm, Nick, geschlafen! – in seinem italienischen Maßanzug und mit sündhaft teuren Schuhen unerwartet vor ihr stand, hatte sie so getan, als sei Nick nur ein entfernter Bekannter. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie gerade eine heiße Nacht mit ihm verbracht hatte.

„Ich kenne ihn aus Blue Gulch“, hatte sie ihrem Freund beiläufig gestanden und Nick mit einem abschätzigen Blick bedacht. „Habe ich dir noch nicht von ihm erzählt? Vermutlich nicht.“ Dann hatte sie sich bei ihrem Freund untergehakt. „Wollen wir, Schatz?“ Sie ließ Nick stehen, ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen.

Nick war nicht leicht zu schockieren. Als Kind hatte er schwere Zeiten durchgemacht. Er hatte sich um seine Schwester kümmern müssen, und in den ersten fünf Jahren als Polizist in Houston hatte er immer wieder in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt. Er war also nicht leicht zu erschüttern.

Aber Georgia hatte es geschafft. In den wenigen Minuten vor ihrer Haustür in Houston hatte er das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Auf der Heimfahrt nach Blue Gulch musste er die ganze Zeit an ihr merkwürdiges Verhalten denken.

Sie hatte ihn für eine Nacht benutzt – warum, wusste er nicht. Was hatte sie damit bezweckt? Was hatte sie davon gehabt? Wilden Sex? Wo sie doch einen gut aussehenden und wohlhabenden Freund hatte. Was immer sie sich dabei gedacht haben mochte – sie hatte Nick verleugnet und ihn abserviert wie einen dummen Jungen.

Er würde nie wieder etwas von ihr hören. Er würde nach Blue Gulch zurückkehren, Annabel versichern, dass es ihrer Schwester ausgezeichnet ging – ohne darauf hinzuweisen, dass Georgia ein ziemlich egoistischer Mensch war –, und sein altes Leben wieder aufnehmen.

Und jetzt kam sie in seine Polizeiwache. Kein guter Zeitpunkt, dachte er mit einem Blick auf Timmy in seinen Armen.

Nick wartete darauf, dass die Tür aufgehen würde. Aber niemand kam herein. Er schaute aus dem Fenster. Sie stand neben der Trauerweide und holte tief Luft. Und dann noch einmal.

Von seinem Standpunkt aus sah er, dass ihr Bauch nicht flach war. Im Gegenteil: Nick vermutete, dass Georgia Hurley im fünften Monat schwanger war.

Der Anblick von Nick, selbst durchs Fenster und dreißig Meter weit entfernt, erfüllte Georgia Hurley mit unsagbarer Freude. Das Baby in seinen Armen nahm sie kaum wahr. Er hatte es an seine Brust geschmiegt und hielt ein Fläschchen an seine Lippen.

Doch dann blieb sie verblüfft stehen und beäugte ihn durch das Laub der Trauerweide. Langsam sank sie auf eine Bank. Nick hatte ihr in jener Nacht unmissverständlich klargemacht, dass er weder an Heirat noch an Kindern interessiert sei. Er war ein überzeugter Junggeselle und wollte es bleiben. Dieses Baby war bestimmt nicht seines.

Sie zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Er war weder Ehemann noch Vater. Georgia schätzte die Menschen manchmal falsch ein – manchmal sogar sehr falsch –, aber an Nick hatten sie seine Ehrlichkeit und Integrität fasziniert, die sie in ihrer ersten gemeinsamen Nacht erlebt hatte. Sie hatte es tief in ihrem Herzen gespürt, als sie miteinander geschlafen hatten.

Und als sie ihn am nächsten Morgen vor den Kopf gestoßen hatte.

Trotz der warmen Augustluft fröstelte sie plötzlich. Georgia schloss die Augen, als sie sich an seinen ungläubigen Gesichtsausdruck erinnerte – und an ihre eigene Hilflosigkeit. Wahrscheinlich hasst er mich, dachte sie zum hundertsten Mal. Wie sollte er auch nicht?

Noch einmal holte sie tief Luft und schaute erneut zum Fenster. Doch dieses Mal sah sie nur seinen Rücken.

Geh hinein. Höchste Zeit, ein paar Dinge richtigzustellen. Jedenfalls, soweit es in ihrer Macht stand.

Er trat zur Seite, und sie sah, dass er noch immer das Baby im Arm hielt. Das Fläschchen war inzwischen halb leer. Wahrscheinlich fütterte er den Säugling einer Kollegin. Dass er sich mit dem Kind beschäftigte, deutete sie als gutes Zeichen. Es passte zu dem, was sie bereits von ihm wusste.

Ein wenig selbstsicherer schritt Georgia auf die Eingangstreppe zu. Doch dann bewegte sich etwas in ihrem Bauch, und sie ließ sich erneut auf die Bank sinken.

Es war erst das zweite Mal, dass sie ihr Baby spürte. Sie legte die Hand auf den Bauch und staunte einmal mehr über das Wunder, das sie soeben erlebte. Zum ersten Mal hatte sich ihr Baby auf der langen Fahrt von Houston nach Blue Gulch bemerkbar gemacht – als habe es sie daran erinnern wollen, was sie nach ihrer Ankunft zu tun habe: Nick mitzuteilen, dass er Vater wurde.

Vor ein paar Minuten, fast am Ende der dreistündigen Fahrt, hatte sie das Spitzdach des aprikosenfarbenen viktorianischen Hauses gesehen, in dem Hurley’s Homestyle Kitchen untergebracht war. Seit Weihnachten hatte sie ihre Großmutter und ihre Schwestern nicht mehr gesehen. Beinahe waren ihr die Tränen gekommen. Am liebsten wäre sie sofort zu ihnen gefahren und hätte ihnen alles erklärt. Aber statt nach links abzubiegen und zu ihrer Familie zu fahren, hatte sie die rechte Straße zur Polizeiwache genommen.

Erst musste sie es Nick erzählen und Schluss machen mit der Geheimniskrämerei der vergangenen Monate.

Georgia erhob sich. Okay, bringen wir’s hinter uns. Erzählen wir es ihm.

Guten Tag, Detective Slater. Nick, vielleicht erinnerst du dich nicht mehr an mich, aber wir haben uns im April in Houston kennengelernt, und obwohl du es nicht wissen konntest, hast du neue Hoffnungen in mir geweckt und mich wieder träumen lassen. Am nächsten Tag habe ich mich allerdings schrecklich benommen, und ich kann dir jetzt auch endlich den Grund dafür beichten.

Ja, so würde sie anfangen – und ihm dann von dem Baby erzählen. Oder sollte sie zuerst ihre Schwangerschaft erwähnen? Die war schließlich offensichtlich.

Georgia biss sich auf die Unterlippe und setzte sich wieder auf die Bank. Sie kannte Nick Slater kaum. Eigentlich gar nicht. Aber sie wusste, dass er sie nicht vor Freude in die Arme nehmen und sie durch die Luft wirbeln würde, sobald er die Neuigkeiten erfahren hatte.

In den wenigen schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, hatte er ihr von seiner schweren Kindheit erzählt. Zwei harte Jahre habe er erlebt, als er sich allein um seine inzwischen achtzehnjährige Schwester hatte kümmern müssen. Dabei habe er doch nur seinen Job ordentlich machen wollen, hatte Nick ihr erzählt, die bösen Jungs fangen und dafür sorgen, dass Blue Gulch ein sicherer Ort zum Leben war.

Er wollte nicht einmal Verantwortung für den Kater übernehmen, den seine Schwester gegen seinen Willen ins Haus geholt und bei ihm zurückgelassen hatte, als sie Mitte August aufs College nach Dallas gegangen war.

Georgia fragte sich, wie Nick wohl mit dem Kater zurechtkam. Vielleicht hatte das schnurrende Stoffknäuel sich mittlerweile in sein Herz hineingeschlichen und seine Meinung über atmende Lebewesen geändert. Obwohl das eher unwahrscheinlich war …

Georgia schnitt eine Grimasse. Was war bloß aus ihr geworden? Sie hatte dem Leben und seinen Möglichkeiten immer offen und positiv gegenübergestanden – ganz nach dem Motto Man weiß nie, was passiert. Doch inzwischen war dies genau das, was ihr am meisten Angst machte: dass nämlich alles passieren konnte. Georgia sehnte sich nach nichts mehr als Geborgenheit und Sicherheit – schöne Worte, aber ohne Bedeutung, wie sie befürchtete.

Sie stand auf und wischte sich den Staub von ihrem Sommerkleid, fuhr sich durch das schulterlange braune Haar und stieg die Treppen hoch. Noch einmal holte sie tief Luft. Dann öffnete sie die Tür.

Nick stand vor ihr, das Baby im Arm. Mit versteinerter Miene musterte er Georgia. „Das ist aber eine Überraschung“, begrüßte er sie kühl.

Sie betrachtete ihn von Kopf bis Fuß – ein Meter neunzig groß, breite Schultern, dunkelbraune Augen, dichtes dunkles Haar, helle Haut. Die Grübchen in seinen Wangen waren der einzige weiche Zug im ansonsten undurchdringlichen Gesicht eines Police Detective.

„Ich – oder das Baby in deinem Arm?“, fragte sie zögernd.

Er betrachtete das Baby. „Beides. Ich habe mir etwas zu essen gekauft, und als ich zurückkam, habe ich es auf meinem Schreibtisch gefunden. Mit dir habe ich am allerwenigsten gerechnet.“

Moment mal … „Du hast das Baby auf deinem Schreibtisch gefunden?“

Er bewegte das Fläschchen hin und her. „Mit einem anonymen Hinweis, dass die Mutter in einer Woche zurückkommt. Dass sie ihr Kind nicht im Stich lässt und dass sie mir vertrauen kann.“

Georgia erstarrte. „Könntest du der Vater sein?“

Er sah sie an, als sei sie übergeschnappt. „Niemals!“

Sie betrachtete das süße Baby auf seinem Arm. Es sah so unschuldig aus. Wie musste sich die Mutter gefühlt haben, als sie es zurückließ? „Und was tust du jetzt?“

Nick betrachtete den Säugling. „Ich gebe ihr noch eine halbe Stunde. Dann rufe ich das Jugendamt an.“

„Das kannst du nicht tun“, widersprach sie. „Die Mutter hat dir das Baby anvertraut. Etwas Schreckliches muss passiert sein, sodass sie sich in dieser Woche nicht um ihr Kind kümmern kann.“

Nick musterte sie durchdringend. „Und das weißt du woher?“

Weil ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man in Schwierigkeiten steckt. Wenn man bedroht wird. Wenn man keinen Ausweg mehr sieht und niemanden hat, mit dem man reden kann, nicht weiß, wo man hingehen soll.

„Ich kann es mir vorstellen“, antwortete sie leise.

„Gibt es einen Grund dafür, dass du hierhergekommen bist?“, wollte er wissen. Der Säugling begann zu quengeln. Nick nahm ihm das Fläschchen von den Lippen und stellte es auf den Schreibtisch.

Jetzt war wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um Nick zu berichten, dass er Vater werden würde. Schließlich hatte er im Moment alle Hände voll zu tun.

„Ja. Aber vielleicht sollte ich später noch einmal kommen. Ich könnte auch bleiben und dir helfen.“ Sie betrachtete das Baby, das mit Armen und Beinen ruderte. Im Grunde wusste sie auch nicht besser über Säuglinge Bescheid als er.

Sein Blick wurde noch eisiger. „Solltest du in deinem Zustand wirklich ein Baby herumtragen?“

Rasch legte sie die Hand auf den Bauch. Bis jetzt war sie sich nicht sicher gewesen, ob es ihm überhaupt aufgefallen war. Aber schließlich war er Polizist. Natürlich entging ihm so etwas nicht. „Das schaffe ich schon. Schließlich haben schwangere Mütter ihre Erstgeborenen immer schon herumgetragen.“

„Vermutlich“, sagte er. „Und ja – herzlichen Glückwunsch.“

Himmel! Vermutlich glaubte er, das Baby sei von einem anderen.

„Nick, ich bin dir noch eine Erklärung schuldig, was den Morgen danach anging …“

„Du brauchst mir nichts zu erklären“, unterbrach er sie barsch. „Im Moment habe ich wirklich viel zu tun, und es wäre mir lieb, wenn du wieder gehst. Ich muss das Jugendamt anrufen.“

„Wirklich?“, fragte sie. „Steht auf dem Zettel nicht, dass die Mutter das Baby nur für eine Woche bei dir lassen will? Dass sie sich nicht von ihm trennen will? Und dass sie dir vertrauen kann? Das klingt nach jemandem, den du kennst.“

Als das Baby zu quengeln begann, lief Nick mit ihm durch den Raum und versuchte es zu beruhigen. Schließlich gab er genervt auf. „Wenn du dafür sorgen könntest, dass er aufhört zu schreien, während ich telefoniere – das würde tatsächlich helfen.“

„Natürlich.“ Sie streckte die Arme aus.

Er übergab ihr das Baby. Obwohl es so leicht war, wurde ihr ganz weich in den Knien. Es fühlte sich himmlisch an. Und auch ein bisschen Angst einflößend. Würde sie alles richtig machen?

Das Baby krümmte sich und jammerte weiter. Sanft schaukelte sie es in ihren Armen. Es verzog den Mund und beruhigte sich allmählich.

Hm. Vielleicht war dies eine gute Gelegenheit für learning by doing. Statt Nick konnte sie sich doch eine Woche lang um das Baby kümmern …?

Mit dem Handy am Ohr betrachtete Nick sie aus den Augenwinkeln, während er den Fall dem Jugendamt schilderte. „Die Mutter hat mir das Baby vorübergehend anvertraut. Das heißt, ich bin der vorläufige Vormund, richtig?“

Georgia wurde ganz leicht zumute. Er bat das Jugendamt also nicht darum, sich um den Kleinen zu kümmern. Er entzog sich nicht der Verantwortung.

„Wenn sie in einer Woche nicht zurück ist, werde ich mich noch einmal bei Ihnen melden.“ Damit beendete er das Gespräch. „Verdammt! Mir bleibt genau eine Woche, um die Mutter zu finden, oder das Jugendamt steckt ihn in ein Kinderheim und sucht nach Pflegeeltern.“ Ratlos schüttelte er den Kopf. „Wie soll ich das bloß schaffen – auf das Baby aufpassen, nach der Mutter suchen und gleichzeitig meinen Job hier erledigen?“

„Ich kann mich doch um ihn kümmern“, platzte es aus Georgia heraus. „Ich bleibe nämlich in Blue Gulch. Außerdem habe ich keine Arbeit.“ Und keinen Cent. Aber darüber wollte sie jetzt weder nachdenken noch reden. „Und es wäre eine gute Schule für mich.“ Vielsagend legte sie die Hand auf ihren Bauch.

„In welchem Monat bist du denn?“, fragte er.

„Im April bin ich schwanger geworden. Am 20. April, um genau zu sein.“ Seit der Nacht, in der du mein Leben verändert hast, in der du mir wieder Lebensmut gegeben und eine Perspektive gezeigt hast. Sie hielt seinem misstrauischen Blick stand.

Nick begriff ihre Andeutung nur allzu gut. „Und warum hast du dann am 21. April, als dein reicher Freund aufgetaucht ist, so getan, als würdest du mich überhaupt nicht kennen? Woher bist du dir über den Zeitpunkt der Empfängnis so sicher? Oder dass ich der Vater bin?“

Georgia schuldete ihm eine Erklärung. Sie war hergekommen, um ihm alles zu erzählen. Obwohl ihr der Gedanke, die Ereignisse jenes Tages noch einmal Revue passieren zu lassen, fast ein wenig Übelkeit verursachte.

Sie konnte sich noch gut daran erinnern, was sie gefühlt hatte, als Nick, jemand aus Blue Gulch, vor ihrer Wohnungstür in Houston gestanden hatte. Sofort hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt. Immer wieder hatte sie sein attraktives Gesicht anschauen müssen.

Der Anblick hatte sie getröstet. Er war aus der Heimat. Er war Polizist. Aber sie war zu ängstlich gewesen, um ihm alles zu erzählen. Sie verschwieg ihm den Grund, warum ihre Schwester Annabel es nötig gefunden hatte, dass ein Polizist nach ihr schaute.

Warum Georgia nicht zurück nach Blue Gulch gekommen war, als ihre Großmutter krank geworden und das Geschäft in eine schwierige Situation geraten war. Warum die „gewiefte Businessfrau“ ihre Familie im Stich gelassen hatte und in Houston geblieben war. Und warum sie nicht einfach Geld überwiesen hatte, um Hurley’s Homestyle Kitchen vor der Pleite zu bewahren.

Sie hatte Nick hereingebeten, und sie hatten über Blue Gulch geredet. Ein wenig auch über ihre Familien. Dem ersten Glas Wein war ein weiteres gefolgt, sie hatten sich geküsst – und schließlich die Nacht zusammen verbracht. Dabei hatte sie darüber fantasiert, wie ihr Leben wohl sein könnte, wenn …

Georgia verdrängte den Gedanken. Sie wollte nicht mehr der Vergangenheit nachhängen. Es war vorbei – endgültig vorbei. Sie war in Sicherheit. Und sie war frei. Und jetzt war sie endlich auch zu Hause. Sie würde nur darüber reden, um Nick, ihrer Großmutter und ihren Schwestern eine Erklärung abzugeben. Und dann wollte sie es endgültig vergessen. Sie würde bald Mutter sein; darauf musste sie sich konzentrieren. Nicht auf die Fehler der Vergangenheit, die sie begangen hatte.

„Ich bin sicher, dass das Kind von dir ist, Nick“, begann sie. „Hör mir bitte zu …“

„Ich brauche frische Luft“, unterbrach er sie und nahm ihr das Baby aus den Armen.

Sie nickte verständnisvoll. Schließlich wurde er damit zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde von den Ereignissen buchstäblich überrollt.

„Ich muss einiges für Timmy besorgen“, sagte er mit heiserer Stimme.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“, flüsterte sie.

„Ich habe es gehört. Ich melde mich.“

Sie sah ihm zu, wie er Timmy in die Tragetasche legte und mit den Gurten herumfummelte. Dann packte er die Babytrage, verließ das Polizeirevier und lief die Treppenstufen hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

2. KAPITEL

Timmy schlief tief und fest in dem Körbchen, das Nick für ihn im Babyladen gekauft hatte. Lange betrachtete er das winzige Bündel, ehe er auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer schlich. Die Tür ließ er angelehnt.

Erschöpft und frustriert ließ er sich auf einen Stuhl am Wohnzimmertisch sinken. Wenn ihn wenige Stunden mit einem Baby schon so mitnahmen, wie sollte er es dann eine ganze Woche mit ihm aushalten und dabei auch noch nach der Mutter suchen? Diese Fragen beschäftigten ihn so intensiv, dass er Georgia darüber fast vergessen hätte. Georgia, die sein Kind unter dem Herzen trug.

Das behauptete sie jedenfalls.

Bei der Vorstellung wurde ihm ganz mulmig zumute.

Er konzentrierte sich besser auf die Akten, die er mit nach Hause genommen hatte – Fälle, die er in den vergangenen beiden Jahren bearbeitet hatte. Hier fand er möglicherweise die Antwort auf seine Frage. Auf irgendjemanden, mit dem er es in den zwei Jahren zu tun gehabt hatte, musste er einen Vertrauen erweckenden Eindruck gemacht haben – vertrauenswürdig genug, um sich um einen fünf oder sechs Wochen alten Säugling zu kümmern.

War es jemand, der in irgendwelchen Beziehungen zu einem der Verdächtigen stand, mit denen Nick es zu tun gehabt hatte? Ein Täter? Ein Zeuge? Oder jemand, der ein Verdächtiger, Täter oder Zeuge war?

Sofort war er in Gedanken wieder bei Georgia. Und die Art und Weise, wie sie ihn am Morgen nach ihrer gemeinsamen Nacht einfach stehen gelassen hatte und mit ihrem reichen Freund davongerauscht war.

Seine Enttäuschung war grenzenlos gewesen: Eine Frau, die er kaum kannte, hatte etwas in ihm wachgerufen, was keiner anderen bis dahin gelungen war. Es war mehr als Lust und Begierde gewesen, was er empfunden hatte. Er hatte ihr vertraut und Dinge erzählt, die er noch keinem anderen Menschen anvertraut hatte. Über seine Kindheit. Was seine Mutter durchgemacht hatte, die zwei Jahre zuvor gestorben war. Deshalb war Nick nach Blue Gulch zurückgekehrt, um sich um seine sechzehnjährige Schwester zu kümmern.

Wegen Avery war er in das Haus seiner Kindheit zurückgezogen und hatte dort sechs Monate gelebt. Danach hielt er es nicht länger aus. Alles in diesem Haus erinnerte ihn an seinen jähzornigen Vater, der bei jeder Kleinigkeit ausrastete, der seine Kinder verprügelte und auch nicht davor zurückschreckte, seine Frau zu schlagen.

Avery hatte sich zunächst geweigert umzuziehen. Da sie zehn Jahre jünger war als Nick, erinnerte sie sich nicht an die Dramen, die er dort erlebt hatte, erinnerte sich kaum an den Vater, der gestorben war, als sie fünf gewesen war. Nick dagegen hatte fünfzehn Jahre damit verbracht, sich vor Vincent Slater zu fürchten, der ebenfalls Polizist in Blue Gulch gewesen war. Mehr als einmal hatte Nick befürchtet, der Vater könnte seine Dienstwaffe ziehen und ihn oder seine Mutter erschießen.

Vincent Slater kam bei einem Einsatz ums Leben, als Nick fünfzehn war. Er hatte mit einem Kollegen einen bewaffneten Einbrecher verfolgt, der ihn erschossen hatte. Sein Partner hatte daraufhin den Einbrecher getötet.

Nick war überrascht gewesen, dass er um einen Menschen trauern konnte, den er so zu hassen glaubte. Also hatte er beschlossen, selbst Polizist zu werden, um seinen Vater besser verstehen zu können. Aber Nick war ganz anders als sein Vater, und sosehr er sich auch bemühte – er konnte ihn nicht verstehen. In Houston, wo er fünf Jahre lang stationiert gewesen war, ehe er nach Blue Gulch zurückkehrte, hatte er zwar einige hitzköpfige Kollegen kennengelernt, aber es war nie der Job gewesen, der sie so verändert hatte. Sie waren immer schon hitzköpfig gewesen.

Als er seine sanftmütige Mutter einmal fragte, warum sie ausgerechnet Vincent Slater geheiratet hatte, meinte sie nur, dass Gegensätze sich nun einmal anzögen. Und irgendwann, wenn man die Wahrheit erkannt hatte, war es zu spät, wegzugehen und noch einmal von vorn anzufangen – mit zwei Kindern. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr tun konnte, um dich zu schützen, war einer der letzten Sätze gewesen, die seine Mutter ihm gesagt hatte.

Nicks Magen verkrampfte sich. Er würde niemals heiraten. Und niemals Kinder großziehen.

Er stand auf.

„Ich bin sicher, dass das Kind von dir ist, Nick.“

Wie konnte Georgia da so sicher sein? War sie etwa nie mit ihrem reichen Freund ins Bett gegangen?

Ohne Beweise würde er die Vaterschaft jedenfalls abstreiten. Selbst diese Beweise wollte er nicht sehen. Und Georgia Hurley auch nicht. Sie hatte ihm schließlich unmissverständlich klargemacht, was sie von ihm hielt.

Nick Slater, ein Vater. Er schloss die Augen. Fast hätte er laut gelacht. Der Gedanke war einfach zu absurd. Gut, er kümmerte sich gerade um ein fremdes Baby, aber das war ja nun etwas anderes, als ein „richtiger“ Vater zu sein. Außerdem sollte es nur für eine Woche sein.

Und selbst in dieser einen Woche würde Nick einen Babysitter benötigen. So hätte er Zeit, Timmys Mutter aufzuspüren und zu sehen, was mit ihr los war. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um Mutter und Kind wieder zusammenzuführen. Aus der Nachricht, die sie ihm hinterlassen hatte, schloss er, dass sie weder verrückt noch alkoholkrank war und sich auch nicht vor ihrer Verantwortung drücken wollte.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute auf seine Uhr. Vier Uhr. Timmys Mutter? Vielleicht reichten ihr drei Stunden Trennung von ihrem Baby bereits. Er eilte zur Tür und riss sie auf.

Oje! Georgia Hurley stand vor ihm. Sie hatte einen großen Korb dabei.

„Ich habe ein paar Sachen für Timmy mitgebracht.“ Sie deutete auf den Korb.

Ihr blassblaues Sommerkleid betonte ihre Rundungen sehr vorteilhaft. Selbst im fünften Monat sah sie unwahrscheinlich sexy aus. Und hübsch war sie ohnehin.

Er nahm ihr den Korb ab, in dem Windeln, verschiedene Cremes und Lätzchen lagen. „Danke.“

„Kann ich reinkommen?“, fragte sie.

Er trat beiseite. „Natürlich.“

„Hübsch hast du’s hier.“ Sie schaute sich um.

„Meine Schwester hat die meisten Möbel ausgesucht“, erklärte er, als er sie ins Wohnzimmer führte. „Sonst wäre die Couch aus schwarzem Leder und nicht aus eierschalenfarbigem Velours – oder wie immer das heißt.“ Dass Avery sich um die Einrichtung kümmern durfte, hatte sie ein wenig damit versöhnt, umziehen zu müssen. Alle Möbel, die ihn an seinen Vater erinnerten, hatte er einlagern lassen. Avery sollte irgendwann selbst entscheiden, was sie mit den Sachen machen wollte.

Sie lächelte. „Hat sie den Kater auch zurückgelassen?“

Er war überrascht, dass sie sich daran erinnerte. „Ja, leider. Mr. Whiskers hasst mich. Er schläft den ganzen Tag in Averys Zimmer und verlässt es nur zweimal – zum Frühstück und zum Abendessen. Manchmal vergesse ich sogar, dass es ihn gibt.“

„Ich wurde von einem Stalker belästigt“, sagte Georgia plötzlich. Sie drehte sich um und schaute aus dem Fenster in den Garten. „Der Mann an jenem Morgen … das war er.“

Nick erstarrte. Das Blut gefror ihm in den Adern. Ihre starre Haltung verriet ihre Anspannung. „Was? Wenn er ein Stalker war, warum bist du dann mit ihm …?“

Georgia drehte sich wieder um und nahm auf dem Zweiersofa Platz. „Vor acht Monaten wurde mein Chef durch einen Mann namens James Galvestan abgelöst. Er war sehr beeindruckend. Ich war ziemlich erfolgreich in der Firma und stand kurz vor meiner Beförderung zur Vizepräsidentin eines neuen Geschäftszweigs. Er war mein größter Befürworter und Unterstützer.“ Sie holt kurz Luft.

„Selbst wenn ich seine Ideen nur weiterentwickelte, so hat er doch anderen gegenüber behauptet, es seien meine eigenen gewesen. ‚Du hast die Arbeit damit gehabt. Also bekommst du auch die Lorbeeren‘, pflegte er zu sagen. Er war sehr zuvorkommend und attraktiv. Ich habe mich schnell in ihn verliebt.“ Sie schloss die Augen.

„Und dann?“, fragte Nick vorsichtig.

Sie lehnte den Kopf in den Nacken und atmete tief aus. „Dann hat er mir gesagt, dass er mich anziehend findet. Ein vielsagender Blick, eine Hand auf meine Schulter, die an meinem Rücken hinunterfuhr. Ich war geschmeichelt, aber auch verunsichert, weil er nicht nur ein Kollege, sondern mein Chef war.“ Sie seufzte.

„Es dauerte nicht lange, bis ich seinen Kontrollzwang kennengelernt habe. Mit einem Kollegen, mit dem ich an einem Projekt arbeitete, war ich mal mittags essen. Am nächsten Tag wurde der Mann in eine andere Abteilung versetzt. Kurz darauf habe ich meinen Chef erwischt, als er seinen Wagen vor meinem Haus parkte. Als ich ihn fragte, was das soll, meinte er, er wollte sich nur vergewissern, dass mit mir alles in Ordnung war.“

„Oder dass du allein warst“, ergänzte Nick.

„Genau. Er wollte mich beobachten. Sein Verhalten war geradezu zwanghaft. Es ging ihm nicht darum, mit mir zusammen zu sein. Er wollte nur sichergehen, dass ich auch mit keinem anderen Mann zusammen war. Da wusste ich, dass es höchste Zeit war, unsere Beziehung zu beenden. Aber es wurde noch beängstigender.“ Wieder seufzte sie tief auf.

„Er sagte mir, dass wir füreinander bestimmt seien, dass ich die Frau seiner Träume sei und ihn zum glücklichsten Mann auf der Erde machen würde, wenn wir heirateten. Das Wort heiraten jagte mir eine Heidenangst ein. Ich habe ihm gesagt, dass Schluss zwischen uns sei. Da hat er mich bei den Schultern gepackt und geantwortet, Schluss zwischen uns sei erst, wenn er es will, und dass ich ihm gehöre. Ich habe sogar gekündigt, um ihn nicht mehr sehen zu müssen – so viel Angst hatte ich vor ihm.“

„Du bist doch hoffentlich zur Polizei gegangen, um ein Kontaktverbot zu erwirken“, fragte Nick.

„Das habe ich getan. Daraufhin wurde er nur noch wütender. Er hat mich zu Hause aufgesucht, aber wenn die Polizei kam, war er schon wieder verschwunden, sodass ich nichts beweisen konnte. Die Beamten haben mir gesagt, solange er mich nicht körperlich angreift, können sie nichts tun.“

Das wusste Nick nur zu gut.

„Und eines Tages, als ich nach Hause kam, erwischte ich ihn in meinem Schlafzimmer, wo er meine Sachen durchwühlte. Er hatte alte Adressbücher und Briefe gefunden und andere Erinnerungsstücke. Und dann sagte er Sachen wie ‚Schön, dass deine Großmutter ein Restaurant in einer Kleinstadt besitzt. Ein Anruf genügt, und die arme Granny hat einen Unfall.‘“ Sie stand auf und ging zum Fenster.

„‚Und deine Schwestern … ich weiß, wie viel sie dir bedeuten. Kleinstädte sind leider nicht mehr so sicher, wie sie mal waren. Man weiß nie, was für Typen durch die Straßen schleichen und nur darauf warten, eine hübsche Rothaarige wie Annabel zu überfallen. Oder deine dunkelhaarige Schwester Clementine …‘“ Ihre Stimme erstarb. Mit hängenden Schultern drehte Georgia sich um.

Am liebsten wäre Nick zu ihr gegangen und hätte sie tröstend in den Arm genommen. Aber er wusste aus Erfahrung, dass man die Leute – gleichgültig ob Opfer, Zeugen oder Verbrecher – reden lassen musste, wenn sie ihre Geschichten erzählten. Man durfte sie weder drängen noch beeinflussen oder berühren. Es kostete Nick allerdings große Überwindung, sich an diese Regel zu halten und auf seinem Platz zu bleiben.

Sie setzte sich wieder hin. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich werde bedroht, und die Polizei sagt, sie könne nichts machen, bis er mir wirklich etwas antut – oder meiner Familie. Vor lauter Panik habe ich einfach mit ihm weitergemacht und gehofft, dass ich irgendwann eine Lösung des Problems finden würde.“

„Warum zum Teufel hast du mir nichts gesagt?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich war doch da.“

„Ich wollte es ja auch“, erwiderte sie. Endlich sah sie ihm ins Gesicht. „Ich wollte dir alles erzählen. Du kannst dir vorstellen, welche Hoffnungen ich in dich gesetzt habe. Du warst nicht nur Polizist, sondern auch ein Stück Heimat – jemand aus Blue Gulch. Ich hatte diese wunderbare Nacht mit dir, Nick. Aber ich hatte auch Angst, dich in diese Sache hineinzuziehen. Er hätte dich auch aufs Korn genommen, und wer weiß, was passiert wäre. Ich wollte dich nicht diesem Risiko aussetzen.“

„Das Risiko wäre ich jederzeit eingegangen, Georgia.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das konnte ich nicht zulassen.“

Ich war doch da. Ich war doch da. Unaufhörlich gingen ihr seine Worte durch den Kopf. Ich hätte etwas tun können.

Sie rutschte ein wenig nach vorn. „Als wir uns an jenem Abend getroffen haben, hatte er mir gesagt, dass er ein paar Tage nicht in der Stadt wäre. Als er dann am Morgen plötzlich vor mir stand, geriet ich in Panik und tat so, als wären wir uns gerade zufällig begegnet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich dich gebeten hätte, mir zu helfen. Aber ich hatte solche Angst – auch um dein Leben und das meiner Familie. Und deiner ebenfalls. Was, wenn er deiner Schwester etwas antun würde – nur um dir wehzutun?“

Nick vergrub das Gesicht in den Händen. Ich bin dort gewesen, dachte er immer und immer wieder. Direkt bei ihr. Und ich habe sie im Stich gelassen.

Genauso wie er als Teenager seine Mutter im Stich gelassen hatte, unfähig, ihr zu helfen, unfähig, etwas gegen die Drohungen seines Vaters zu unternehmen.

„Ich werde den Ausdruck in deinem Gesicht nie vergessen, als du glauben musstest, dass mir die Nacht mit dir überhaupt nichts bedeutet hätte und dass dieses Monster mein Freund sei. Ich war starr vor Angst. Aber als ich dann feststellte, dass ich schwanger war, wusste ich, dass ich verschwinden musste, ehe er es herausfand.“

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus. „Du wolltest untertauchen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Wenn ich irgendwohin gelaufen wäre, dann zu dir. Aber das hätte ihn auf deine Spur gebracht – oder auf die deiner Schwester. Das konnte und wollte ich nicht riskieren. Ich entschloss mich, noch mal zur Polizei zu gehen und um Hilfe zu bitten. Aber an dem Morgen stand die Polizei ganz früh vor meiner Tür. Man hatte James Galvestan tot in meinem Garten entdeckt. Er war vom Dach gefallen und hatte sich das Genick gebrochen. Sie haben jede Menge Kameras und Abhörwanzen bei ihm gefunden.“

Sie schwieg eine Weile, ehe sie fortfuhr: „Es ist so schrecklich, wenn man sich über den Tod eines anderen Menschen freut, Nick.“

„Ich weiß“, flüsterte er. Jetzt ging er doch zu ihr. Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Ich finde es schlimm, dass ich dich mit diesem Mistkerl allein gelassen habe.“

Sie räusperte sich. „Es gibt einen Grund, warum ich mir so sicher bin, dass das Baby von dir ist. Er wollte erst nach der Hochzeit mit mir schlafen. Es musste alles perfekt sein – und zwar so, wie er es sich vorstellte.“

Das Baby ist tatsächlich von mir!

„Nick, ich möchte einen Schlussstrich ziehen. Er hat mich monatelang kontrolliert. Er hat mich von meiner Familie ferngehalten, hat verhindert, dass ich nach Hause kommen konnte, als meine Großmutter krank wurde und Annabel und Clementine mich dringend im Restaurant gebraucht hätten. Zuvor, noch ehe ich wusste, was er wirklich wollte, hatte er mich überredet, meine ganzen Ersparnisse in ein Geschäft zu stecken, das sich in Luft aufgelöst hat. Ich habe alles verloren. Aber jetzt will ich nicht mehr an ihn denken. Ich erwarte ein Baby, um das ich mich kümmern muss.“

Ihr gemeinsames Baby. Sie trug sein Kind unter dem Herzen. Nick Slater wurde Vater. Und er würde Georgia nicht noch einmal im Stich lassen – nach allem, was sie durchgemacht hatte. Er würde für sie da sein, so gut es ging. Er würde für ihre Sicherheit sorgen, ihre Krankenversicherung bezahlen, für das Baby eine Wiege bauen und immer ein offenes Ohr für sie haben – was immer sie brauchte. Sie sollte nie wieder Angst haben.

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und strich ihr blaues Kleid glatt. „Ich möchte auf Timmy aufpassen, während du arbeitest und seine Mutter suchst.“

Die Anspannung war von ihr gewichen. Auch der sorgenvolle Ausdruck in ihren Augen, als sie ihm erzählte, was sie in Houston durchgemacht hatte, war verschwunden. Sie war tatsächlich fest entschlossen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Entschiedenheit in ihrer Miene beeindruckte ihn.

Nick wollte es ihr sagen. Er wollte ihr auch ausreden, dass sie eine Woche lang für ihn die Nanny spielte. „Georgia, ich …“

„Heute, nachdem ich bei dir auf der Polizeiwache war, bin ich zu meiner Großmutter und meinen Schwestern gegangen und habe ihnen alles erzählt“, unterbrach sie ihn. „Ich blicke nur noch nach vorn. Mit Hurley’s Homestyle Kitchen läuft es gut, seit Essie wieder gesund ist und in der Küche arbeitet. Ich werde dort aushelfen – backen und so –, aber damit bin ich nur morgens beschäftigt. Ich brauche den Job als Timmys Babysitterin, weil ich wissen möchte, ob ich eine gute Mutter sein kann. Hier habe ich die Chance, es auszuprobieren.“

Nick hörte, dass Timmy zu quengeln begann, und machte Anstalten, zu ihm zu gehen.

„Ich hole ihn“, kam sie ihm zuvor und griff nach dem Korb.

Wenige Minuten später kam sie mit Timmy auf dem Arm zurück. „Wow, ich hätte ja gar nichts mitzubringen brauchen“, sagte sie beeindruckt. „Du hast ja schon alles besorgt.“

„Ich war im Baby-Center mit ihm“, erklärte er. „Nachdem ich ihn im Krankenhaus habe untersuchen lassen. Er ist vollkommen gesund. Und etwa fünf Wochen alt.“

Lächelnd wiegte sie das Kind im Arm. „Sehr schön. Du hast ja sogar schon eine frische Windel. Bist du hungrig?“

Das Baby schrie lauter.

„Sch“, machte Georgia beschwichtigend, aber Timmy wollte sich nicht beruhigen lassen. Sie wurde nervös. „Also, wenn du doch lieber eine professionelle Nanny einstellen willst, kann ich das gut verstehen“, sagte sie mit hochroten Wangen.

Nick dachte an das, was sie ihm gerade gebeichtet hatte. Sich um ein Baby zu kümmern, würde sie bestimmt ablenken. Und außerdem war noch kein Meister vom Himmel gefallen …

Sie brauchte den Job. Sie brauchte ihn unbedingt.

„Du bist engagiert“, sagte er. „Ich zeige dir das Gästezimmer. Sind deine Koffer noch im Auto?“

„Moment mal – wie bitte?“, fragte sie verwirrt.

„Du wirst natürlich hier wohnen müssen, um den Job zu machen“, erklärte er. „Ich brauche dich rund um die Uhr.“

Sie starrte ihn an, als wäre er ein Wesen von einem anderen Stern.

Sie sollte hier bei ihm wohnen? Eine Frau, mit der er am liebsten gleich wieder ins Bett gegangen – und vor der er zur gleichen Zeit am liebsten geflüchtet wäre? Der er viel zu viel von sich erzählt hatte? Eine Frau, die selbst durch die Hölle gegangen war?

Außerdem war sie schwanger. Mit seinem Kind. Würde er damit klarkommen?

Die Vorstellung, dass sie bei ihm in Sicherheit war – und nur eine Wand von ihm getrennt –, gefiel ihm dagegen sehr gut. Nichts und niemand würde Georgia Hurley noch einmal verletzen.

Vor allem er nicht. Was bedeutete, dass er Abstand zu ihr halten musste. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, brauchte sie am allerwenigsten einen Mann, der weder an einer Liebesbeziehung, einer Hochzeit oder am Familienleben interessiert war. Er würde sie unterstützen, sie und ihr Kind. Er würde alles für sie tun, was in seiner Macht stand. Aber Nick kannte seine Grenzen. Manchmal klappte er zu wie eine Auster und ließ niemanden an sich heran.

„Ist das ein Problem für dich?“, wollte er jetzt wissen. „Bis zu eurem Laden läuft man von hier aus gerade mal fünf Minuten. Du brauchst also keine weiten Wege zurückzulegen und verlierst auch nicht viel Zeit. In einer Woche ist es ohnehin vorbei. Wenn ich Timmys Mutter bis dahin nicht gefunden habe, übernehme ich die Verantwortung für ihn.“

„Es ist kein Problem.“ Fast trotzig hob sie das Kinn.

„Also fängst du gleich heute Abend an?“

„Nun ja, da ich schon mal hier bin, kann ich es eigentlich tun. Morgen Vormittag, wenn ich im Laden aushelfe, nehme ich ihn mit. Meine Großmutter und meine Schwestern finden ihn bestimmt ganz süß.“

Er nickte. „Das Gästezimmer ist dahinten.“ Er ging voraus. „Direkt neben meinem Schlafzimmer. Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen.“

Sie betrat das Zimmer und schaute sich um.

„Das Bad ist auf der anderen Seite vom Flur.“

Nick hoffte, dass es ihr gefiel. Das Gästezimmer war nichts Besonderes, da er und Avery kaum Besuch hatten. Auf dem Doppelbett lag eine etwas verstaubt wirkende orangefarbene, mit Muscheln bedruckte Steppdecke. Daneben stand eine altmodische Frisiertoilette mit einem großen runden Spiegel. Vor den beiden Fenstern zum Garten hingen blassgelbe Gardinen.

„Ich hole Timmys Sachen“, erbot er sich, während sie das Zimmer in Augenschein nahm.

„Die Vorstellung, mit einem Polizisten unter einem Dach zu wohnen, gefällt mir. Ich habe zwar das Schlimmste hinter mir, aber zu wissen, dass im Zimmer nebenan ein Gesetzeshüter schläft, hat schon etwas Beruhigendes.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Gut, dass sie noch eine solch hohe Meinung von seinem Berufsstand hatte, obwohl seine Kollegen ihr nicht hatten helfen können. „Ich bringe auch dein Gepäck mit“, fuhr er fort. Nach einer knappen Minute kam er wieder zurück und stellte ihre Taschen neben den Schrank. Dann holte er das Babykörbchen und die Utensilien, die er für Timmy besorgt hatte.

„Dass du all diese Sachen für ihn gekauft hast“, staunte sie.

„Er soll sich wohlfühlen“, meinte Nick nur. Er war selbst überrascht über seine Antwort. Aber er musste sich eingestehen, dass er eine gewisse Zärtlichkeit gegenüber dem Baby empfand. Zärtlichkeit, wie er sie nur gegenüber Avery kannte – und kurz bei Georgia in Houston erlebt hatte.

Plötzlich fühlte er sich unbehaglich. „Ich muss noch mal die Unterlagen durchgehen. Kaffee steht in der Küche. Du kannst jederzeit kommen, wenn du mich brauchst.“ Und damit verschwand er rasch aus dem Zimmer.

Eine Woche lang würde Georgia bei ihm wohnen. Einfach würde es nicht sein. Mit Timmy allein wäre es für ihn wahrscheinlich leichter, die sieben Tage unbeschadet zu überstehen.

3. KAPITEL

In der Nacht war Timmy ein paar Mal aufgewacht. Zuletzt hatte Georgia ihn gegen halb fünf morgens gewickelt und ihm das Fläschchen gegeben. Dann war sie leise aus Nicks Haus geschlüpft. Zu dieser frühen Morgenstunde war außer ihr und Timmy auf dem kurzen Weg zu Hurley’s Homestyle Kitchen nur ein einsamer Jogger unterwegs.

Die Sonne würde erst in einer Stunde aufgehen. Zum ersten Mal seit Monaten empfand Georgia keine Angst – auch wenn sie fast allein auf der Straße war. Sie war in Sicherheit. Sie war zu Hause.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie das aprikosenfarbene viktorianische Haus sah. Sie liebte diesen Ort. Hier würde sie in der nächsten Zeit Kuchen und Pasteten backen. Sie hatte das Gefühl, genau dort zu sein, wo sie hingehörte. Trotzdem meldete sich ihr schlechtes Gewissen, als sie daran dachte, dass ihre Großmutter das alles um ein Haar verloren hätte, weil sie, Georgia, ihr nicht zu Hilfe geeilt war.

Das würde nie wieder passieren, schwor sie sich. Niemals würde ein Mann zwischen sie und ihre Familie kommen. Sie war sich dessen so sicher, weil sie die Nase voll von Männern hatte. Sollte ihr bloß keiner mehr mit Romantik kommen! Sie erwartete ein Baby, und Georgia war fest entschlossen, ihm die bestmögliche Mutter zu sein.

Die Gefahr, sich in Nick zu verlieben, bestand überhaupt nicht. Nick Slater wollte keine Familie, geschweige denn sich binden. Von seiner Seite drohte ihr also überhaupt keine Gefahr.

Trotzdem hatte sie an ihn denken müssen, als sie neben seinem Zimmer im Gästebett gelegen hatte. Daran, wie er sie umarmt und geliebt und welche Gefühle er in ihr geweckt hatte. Die Erinnerung war nicht zuletzt deshalb so lebhaft, weil er nur wenige Meter von ihr entfernt war.

Leider war Nick nicht an einer romantischen Beziehung interessiert – nicht nach allem, was geschehen war und was in einigen Monaten passieren würde. Auch sie würde sich alle Gefühle versagen. Sie wären Eltern, ja, und er würde sich um das Baby kümmern. Aber Georgia wusste auch, dass sie die meiste Arbeit mit ihrem Kind haben würde.

Timmy lag friedlich in seiner Tragetasche. „Höchste Zeit, mit dem Backen anzufangen“, flüsterte sie, denn sie wollte auf keinen Fall ihre Großmutter wecken, die im ersten Stock schlief. Sie stellte Timmy auf den Tisch neben dem Fenster.

Kaum zog der Duft von Schokoladenmuffins durchs Haus, kam ihre Großmutter in die Küche. Clementine folgte ein paar Minuten später. Georgia ging das Herz auf, als sie ihre geliebte Großmutter erblickte. Sie war vollkommen genesen. Das kinnlange graue Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden.

Clementine, ihre jüngste Schwester, trug wie immer ihre Yogahose, ein langes T-Shirt und grellbunte Flipflops.

Ich bin zu Hause. Ich bin wirklich wieder zu Hause, dachte sie, als ihre Großmutter und Clementine das Baby auf dem Tisch in Augenschein nahmen. Kurz darauf gesellte sich Annabel zu ihnen. „Gott, ist der süß!“, sagte sie beim ersten Blick in die Tragetasche. „Schau dir nur mal diese Bäckchen an.“

„Hoffentlich wecken wir ihn nicht auf“, sorgte Clementine sich, während sie eine Kanne Kaffee auf den Tisch stellte.

Die vier Frauen setzten sich um den Tisch.

„Schön, dass du wieder hier bist“, sagte Annabel. Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: „Mir geht einfach nicht aus dem Kopf, was du in Houston durchgemacht hast.“ Ihre Miene wurde grimmig.

„Ich muss auch noch manchmal daran denken“, gestand Georgia.

Essie stand auf, ging zu Georgia und nahm ihre Enkelin in die Arme. „Ich verstehe, warum du dich uns nicht anvertrauen wolltest, Georgia. Du hast dir Sorgen um uns gemacht. Und du hattest jeden Grund dazu. Aber wenn einer von euch jemals so etwas passieren sollte“, fügte sie mit einem liebevollen Blick auf ihre drei Enkelinnen hinzu, „sagt es sofort. Wenn die Polizei nicht helfen kann, dann hilft die Familie. Und die Freunde helfen auch. Ich weiß, im Nachhinein sagt sich so etwas immer sehr leicht.“

Timmy rührte sich in seiner Tragetasche. Vorsichtig nahm Clementine, die oft als Babysitterin arbeitete, ihn auf den Arm. „Jemand hat dieses winzige Baby auf dem Schreibtisch eines Polizisten in einem leeren Büro zurückgelassen“, murmelte sie. „Wer tut so etwas? Warum hat sie ihn nicht bei Verwandten gelassen?“

„Ohne die Hintergründe zu kennen, kannst du dir nicht wirklich ein Urteil erlauben“, mahnte ihre Großmutter zwischen zwei Schlucken Kaffee. „Die Mutter muss einen guten Grund gehabt haben, ihr Baby in Detective Slaters Obhut zu lassen.“

Georgia betete ihre Großmutter an. Sie tat und sagte immer das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Als sie ihr am Abend zuvor erzählt hatte, dass sie eine Woche lang bei Detective Slater wohnen würde, um auf das Baby aufzupassen, hatte Essie nur gesagt, das klinge ja wie eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Sollten ihr sonst noch irgendwelche Gedanken durch den Kopf gegangen sein, hatte sie sie für sich behalten.

„Ihn einfach auf seinen Schreibtisch zu stellen“, griff Clementine ihr Thema wieder auf. „Und was Georgia über den Zeitpunkt erzählt hat – dass er nur eine Viertelstunde lang weg war, um sein Mittagessen zu holen –, deutet darauf hin, dass die Mutter genau darauf gewartet hat. Sie wollte nicht erwischt werden. Sie möchte unerkannt bleiben. Warum? Weil sie Schwierigkeiten machen will.“

„Oder darin steckt“, konterte Annabel.

„Ich hasse es, wenn Babys und Kinder Erwachsenen auf Gedeih und Verderben ausgeliefert sind.“ Clementine drückte Timmy an sich.

Georgia ging zu Clementine und legte ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter. „Weißt du, Clem, das Gleiche könntest du von mir sagen“, sagte sie leise. „Mit meinem Ex-Chef habe ich mich auch in eine schlimme Situation hineingeritten. War es meine Schuld, dass ich mich in ihn verliebt habe? Dass ich die Zeichen nicht bemerkt habe? Oder war er ein so guter Manipulator? Ich habe mich immer für clever gehalten. Und selbst ich bin reingefallen. Es kann jedem passieren.“

Tränen traten in Clementines Augen. „Ich hab’s nicht so gemeint …“ Sie gab Timmy einen Kuss auf den Kopf. „Tut mir leid. Du hast natürlich recht. Ich bin nur … wütend über manche Dinge …“

„Wut hat etwas Gutes und etwas Schlechtes“, schaltete Essie sich ein. „Gut ist es, wenn deine Wut zu etwas Positivem führt. Schlecht ist es, wenn du deine Gefühle hinunterschluckst.“

Clementine musste lächeln. „Stimmt.“ Sie schaute zu Georgia. „Und du willst wirklich zu Hause bleiben? Nicht mehr zurück nach Houston?“

Georgia schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Ich bleibe hier.“

„Das freut mich zu hören“, sagte Essie. „Du kommst uns nämlich wie gerufen, seit Hattie sich um ihre Enkelin kümmern muss. Niemand backt so gute Schokoladenkuchen wie du.“

Bei dem Kompliment ihrer Großmutter wurde Georgia ganz warm ums Herz. „Und ich freue mich, dass ich mich hier nützlich machen kann.“

Als Georgia eine Stunde später wieder allein in der Küche war und gerade die letzten Kuchen aus dem Ofen holte, begann Timmy sich zu rühren. Georgia streifte die Handschuhe ab und ging zu ihm. „Dann wollen wir mal deine Windeln wechseln, Kleiner. Ich muss schließlich üben.“

Sie schaute auf ihre Uhr. Es war kurz nach halb zwölf. Nick war bestimmt mit der Suche nach Timmys Mutter beschäftigt. Georgia hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, dass sie das Baby mitgenommen hatte und zum Mittagessen zurück sein wollte. Vielleicht würde sie ihn treffen.

Es war nur von Vorteil für Nick, wenn er Zeit mit Timmy verbrachte. Auf diese Weise konnte er sich daran gewöhnen, wie es war, ein eigenes Baby zu haben.

Jedenfalls hoffte sie das.

In der Nacht war Nick von Babygeschrei geweckt worden. Zunächst hatte er geglaubt zu träumen. Doch dann erinnerte er sich. Und als sich Timmy auf wundersame Weise wieder beruhigte, war Nick hochgefahren.

Georgia.

Gleich nebenan. Es hatte eine Weile gedauert, bis er wieder eingeschlafen war. Ein paar Stunden später war er erneut vom Geschrei aufgewacht. Und dann wurde es wieder ruhig. Leise drang ein Wiegenlied an sein Ohr.

Danach hatte er nicht mehr einschlafen können.

Er fragte sich, was sie wohl trug. Was sie dachte. Ob er an ihre Tür klopfen und ihr einen Kaffee anbieten sollte.

Aber er war nicht aufgestanden. Er hatte sich nur aufrecht hingesetzt und verspürte plötzlich keine Lust mehr, nach Georgia und dem Baby zu schauen.

Interessant. Dabei hatte er sie doch selbst als Babysitterin angestellt.

Du möchtest sie in der Nähe haben – aber nicht zu nahe.

Gegen fünf Uhr hörte er sie auf Zehenspitzen umherschleichen und die Haustür leise ins Schloss fallen. Dann sprang er aus dem Bett und ging in die Küche. Georgia hatte Kaffee gemacht und eine Nachricht hinterlassen.

Habe Timmy mit zu Hurley’s genommen, um ihn der Familie vorzustellen und meinen Job anzutreten. Bin zum Mittagessen zurück.

Er schaute auf seine Uhr. Jetzt war es Mittag. In den vergangenen Stunden hatte er Unterlagen über die Fälle der letzten beiden Jahre auf dem Couchtisch ausgebreitet. Am Nachmittag wollte er zuerst Harriet Culver einen Besuch abstatten, deren Windhund der elfjährige Jason Pullman vor einiger Zeit entführt hatte.

Danach wollte er zu den Pullmans. Er bezweifelte zwar, dass sie ihm irgendetwas über Timmy erzählen konnten, aber er wollte keine Spur unberücksichtigt lassen.

Er nahm den nächsten Ordner zur Hand. Penny Jergen, vierundzwanzigjährige Schönheitskönigin mit einem Hang zum Boshaften. Ihre gesamte Garderobe inklusive der Schuhe war gestohlen worden und nie wieder aufgetaucht. Einziger Hinweis war ein Aschehaufen nach einem Freudenfeuer vor der Stadt – mit einem pinkfarbenen, halb verbrannten Schal.

Offenbar hatte jemand Penny einen üblen Streich spielen wollen – weil er sie nicht leiden konnte? Um sich für irgendetwas zu rächen? Den Fall hatte Nick nie gelöst, und seitdem warf Penny ihm bei jeder Begegnung böse Blicke zu. Falls sie ein Baby hätte und es bei jemandem zurücklassen musste, wäre sie wohl kaum auf ihn gekommen.

Trotzdem setzte er sie auf die Liste. Sie war ein schwieriger Mensch, um es freundlich auszudrücken, aber er war höflich und nachsichtig geblieben, denn sie erinnerte ihn an seine Schwester, wenn sie wütend oder frustriert war.

Seufzend wurde ihm klar, dass er über all diese Menschen Nachforschungen anstellen musste. Das klang nach kleinteiliger und langwieriger Arbeit. Aber irgendwo bei diesen Unterlagen befand sich der Schlüssel zu Timmys Mutter. Also würde er es tun.

Es klingelte, und er eilte zur Tür.

Vor ihm stand Georgia mit Timmy.

„Du brauchst nicht zu klingeln“, meinte er. Einmal mehr war er verblüfft darüber, wie schön sie war. Sie trug einen Jeansrock und ein hellgelbes Oberteil, das die Rundungen ihres Bauches nicht verbarg. „Schließlich ist das in der kommenden Woche dein Zuhause.“

„Trotzdem mag ich nicht einfach so hereinplatzen.“ Sie setzte Timmys Trage auf den Tisch neben seine Unterlagen. „Hast du schon eine Spur gefunden?“

Er legte die Unterlagen über Penny Jergen zurück in den Aktenordner. „Noch nicht. Aber ich habe eine lange Namensliste von Leuten, denen ich heute einen Besuch abstatten muss. Ich werde ihnen ‚ganz zufällig‘ über den Weg laufen, sie in ein Gespräch verwickeln und schauen, ob sie nervös reagieren. Gesichtsausdruck und Gestik sind oft sehr verräterisch.“

„Soll ich dich mit Timmy begleiten?“, schlug sie vor. „Vielleicht fällt die Reaktion eindeutiger aus, wenn jemand sein eigenes Baby sieht. Oder eines, das auch fünf Wochen alt ist.“

Er dachte darüber nach. „Ich weiß nicht. Keiner von diesen Leuten ist wirklich gefährlich, aber ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn ich dich und Timmy in die Polizeiarbeit hineinziehe.“

„Inoffizielle Polizeiarbeit“, verbesserte sie ihn.

Er grinste. „Sozusagen. Na ja, vielleicht würde es tatsächlich etwas nützen. Das Gute am Kleinstadtleben ist, dass man weiß, was die Menschen so machen. Harriet Culver wird wie immer um ein Uhr mit ihrer Schwester Gloria bei Hurley’s zu Mittag essen. Um halb vier sind die Pullmans mit ihrem Sohn beim Baseballtraining. Und Penny Jergen arbeitet bis fünf Uhr im Coffeeshop ihrer Tante.“

„Und wo bin ich am Montagmorgen um zehn?“, wollte sie lächelnd wissen.

Ein wundervolles Lächeln. Eines, das er, wie ihm jetzt bewusst wurde, zuletzt in ihrer gemeinsamen Nacht in Houston gesehen hatte. „Du bist neu in der Stadt“, gab er zu bedenken. „Aber ich werde es im Handumdrehen herausfinden.“

Ihr Lächeln erstarb. „Am Montag um zehn Uhr habe ich einen Termin bei meinem Frauenarzt.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Vielleicht kannst du mich ja begleiten?“

Beinahe hätte Nick sich an seinem Kaffee verschluckt.

„Ich spüre, wie sich das Baby in mir bewegt. Seitdem ist es sehr realistisch für mich. Vielleicht geht es dir genauso, wenn du es auf dem Ultraschallbild siehst.“

„Ich weiß nicht, Georgia.“ Unbehaglich wich er ihrem Blick aus.

„Ist schon okay, wenn du nicht willst. Das Baby wird sowieso früh genug da sein, und dann ist es sehr real. Ich habe nur gedacht …“

Sie hatte ihn kalt erwischt, und er brauchte eine Weile, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. Sprechstunde. Ultraschall. „Ich schaue besser noch mal durch die Unterlagen, ehe wir gehen.“ Er stand auf. „Vielleicht ist der Tisch neben Harriett ja frei“, fügte er hinzu in der Hoffnung, dass sie auf den Themenwechsel eingehen würde.

Sie nickte. „Ich würde noch gern rasch duschen. Kannst du fünf Minuten auf Timmy aufpassen?“

„Natürlich“, entgegnete er mit einem Blick auf Timmy in seiner Trage auf dem Couchtisch. Während Georgia in ihr Zimmer eilte, versuchte er sie sich nackt unter der Dusche vorzustellen, aber Bilder ihres ungeborenen Kindes kamen ihm ständig dazwischen.

Er löste Timmys Gurte und nahm ihn vorsichtig auf den Arm. „Schaffe ich das?“, flüsterte er ihm zu. „Kann ich mit zum Frauenarzt gehen? Kann ich überhaupt Vater sein?“

Wollte er das Baby auf dem Ultraschall sehen? Wollte er, dass es für ihn real wurde? Eher nicht – jedenfalls noch nicht. Das Problem war nicht, mit Georgia zur Untersuchung zu gehen und das Bild zu sehen. Das Problem war: Wie würde er reagieren? Was würde er empfinden? Was, wenn es wie ein Schlag in den Magen wäre und er sich den Tatsachen noch mehr verweigern würde? Eben weil er ein so unvollkommener Vater war.

Vielleicht sollte er besser nicht mit zur Sprechstunde kommen.

Aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er es tun würde. Er musste es für Georgia tun. Gut, sie hatte zwar eine Familie hinter sich – aber er war der Vater des Babys.

Das bedeutete, dass er nun in der Pflicht stand. Und die Pflichten eines Vaters waren beträchtlich.

Zwei Stunden später betraten Georgia und Nick mit Timmy Hurley’s Homestyle Kitchen. Harriet Culver und ihre Schwester Gloria, die Georgia seit ihrer Kindheit kannte, saßen wie erwartet am Fenster zur Blue Gulch Street. Zwei Angestellte der Texas Trust Bank am Nachbartisch zu ihrer Linken beglichen gerade die Rechnung. Perfekt.

„Da bist ja wieder, kleiner Mann“, sagte Clementine, als sie den neuen Gästen entgegenkam, die an der Tür warteten. „In einer Minute wird ein Tisch frei, Detective Slater.“

Kurz darauf führte Clementine sie, die Speisekarten in der Hand, an den freien Tisch neben Harriet. Nick stellte die Trage auf den Stuhl zwischen sich und Harriet.

„Was für ein süßes Baby“, gurrte Harriet, nachdem Clementine die Bestellungen entgegengenommen hatte und gegangen war. Sie und ihre Schwester waren große, imposante Frauen Mitte sechzig. Sie hatten fast die gleichen silberblonden Locken und bewunderten Timmys Pausbäckchen. „Ich wusste gar nicht, dass Georgia geheiratet und ein Kind bekommen hat. Ihr beide seid ja ein reizendes Paar.“

Georgia fühlte, dass sie rot wurde. „Nick und ich sind aber gar nicht verheiratet“, entgegnete sie. „Nicht mal ein Paar. Wir passen nur auf das Baby auf.“

„Sie sind echte Glückspilze“, meinte Harriet. „Ich habe vier erwachsene Kinder und noch immer keine Enkel. Ich kenne nicht einmal jemanden mit einem Baby, sodass ich leider überhaupt keine Gelegenheit zum Babysitten habe. Dabei riechen die Kleinen doch so gut.“

Gloria nickte. „Das verstehe ich. Es ist wirklich bedauerlich.“

Clementine brachte das Essen an ihren Tisch, und Nick beugte sich zu Gloria. „Ich glaube, die Culvers können wir von der Liste streichen.“

„Wer ist denn der Nächste?“, flüsterte sie. Er war ihr so nahe gekommen, dass sich ihre Beine berührten und ihr sein verführerischer Duft in die Nase stieg.

Nick biss in seinen Burger. „Als Nächstes sind die Pullmans dran“, sagte er. „Ein nettes Paar mit einem elfjährigen Sohn. Aber es dauert noch bis zu seinem Baseballtraining. Du kannst dir also Zeit mit dem Essen lassen.“

Genüsslich widmete Georgia sich ihrem gegrillten Hähnchen. „Mhm, das ist köstlich. Ich liebe es seit meiner Kindheit, und ich habe noch nirgendwo ein besseres Hähnchen gegessen.“

Er hielt seinen Burger hoch. „Und das ist der beste in der ganzen Stadt.“

Georgia wusste sein Kompliment zu schätzen, denn Clyde’s Burgertopia, das vor wenigen Monaten auf der gegenüberliegenden Straßenseite eröffnet hatte, war zu einer ernsthaften Konkurrenz geworden.

Bevor Harriet und ihre Schwester ihren Tisch verließen, sagte Harriet: „Detective Slater, ich werde nie vergessen, dass Sie meinen Bentley wiedergefunden haben. Dieser Hund bedeutet mir alles.“

Nick lächelte. „Das war ein leichter Fall. Es gab einen Augenzeugen. Und der Täter war gerade mal elf Jahre alt.“

„Trotzdem. Mein Hund war auf einmal verschwunden, und ich habe eine Stunde um ihn zittern müssen. Als ich noch in einer anderen Stadt wohnte und sich mein Kater mal in einem Baum verstiegen hatte, wissen Sie, was die Polizei mir da geraten hat? Ich solle mir vom Nachbarn eine Leiter leihen. Aber Sie haben die Sache mit Bentley richtig ernst genommen. Sie sind bestimmt ein Tierliebhaber.“

Georgia musste an Mr. Whiskers, den Kater, denken, und verbiss sich ein Grinsen.

„Dafür kann ich Ihnen nicht genug danken, Detective Slater. Für manche Menschen ist Bentley nur ein Hund, aber für mich ist er wie ein Familienmitglied. Nochmals vielen Dank, was Sie für mich getan haben.“ In Harriets Augen schimmerte es verdächtig.

„Es war mir ein Vergnügen“, antwortete Nick.

Georgia sah, dass er gerührt war.

Kaum waren Harriet und ihre Schwester gegangen, stand Georgia auf, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie wollte in die Küche, um ihrer Familie Hallo zu sagen, und Nick Zeit mit dem Baby geben. „Ich will meine Großmutter und Annabel kurz begrüßen. Kommst du mit Timmy klar?“

Er runzelte die Stirn, als habe sie ihn beleidigt. „Ein paar Minuten werde ich das schon schaffen.“

„Ich weiß“, entgegnete sie. „Ich hatte nur den Eindruck, dass du es nicht gern tust.“

Offenbar konnte sie Gedanken lesen. Es war ihm tatsächlich ein bisschen unangenehm. Er löste Timmys Gurte und nahm ihn vorsichtig auf den Arm. Timmy verzog die winzigen Lippen und räkelte sich gähnend. „Bestimmt fängt er gleich an zu brüllen.“

„Du schaffst es schon, ihn zu beruhigen.“

Er schaute sie an und dann zu Timmy. „Ein Baby für fünf Minuten zu halten ist etwas ganz anderes, als eines großzuziehen.“

Plötzlich wurde Georgia sich bewusst, dass zahlreiche Augen auf sie gerichtet waren. Deshalb tätschelte sie nur kurz Nicks Schulter und verschwand in der Küche.

Kaum war sie durch die Schwingtür gekommen, nahm Annabel sie an die Hand. „Schau dir das an“, forderte sie Georgia auf. In die Tür war ein kleines Fenster eingelassen, durch das man in den Gastraum sehen konnte.

Nick stand in der Nische neben ihrem Tisch und schaukelte Timmy sanft hin und her. Dabei schien er mit ihm zu reden.

„Hast du nicht gesagt, dass Nick überhaupt keine Lust hat, Vater zu sein?“, fragte Annabel.

„Ich würde gern glauben, dass er seine Meinung geändert hat. Aber mit Timmy scheint der Fall anders zu liegen. Er fühlt sich für ihn verantwortlich. Und er wird auch nur eine Woche bei uns sein, nicht lebenslänglich.“

„Aber er hat Timmy aus der Trage genommen. Er kümmert sich hingebungsvoll um ihn. Er redet sogar mit ihm.“

Georgias Herz verkrampfte sich. Vielleicht war Nick tatsächlich in der Lage, väterliche Gefühle zu entwickeln. „Ich gehe besser wieder zurück.“ Sie drückte Annabels Hand. „Und ein dickes Kompliment für die Köchin. Unser Essen war fantastisch.“ Damit eilte sie an ihren Tisch zurück.

Nick legte Timmy wieder in seine Trage, als Georgia neben ihm auftauchte. „Ich wollte dich gerade holen. Zwei Minuten scheinen mein äußerstes Limit zu sein, wenn es darum geht, ein Baby im Arm zu halten.“

Georgia spürte einen Anflug von Enttäuschung. Sie hatte so sehr gehofft, dass Annabel mit ihrer Meinung über Nick recht hatte. Aber je mehr Zeit sie mit ihm verbrachte, desto klarer wurde ihr, dass er tatsächlich gemeint hatte, was er ihr in Houston erzählt hatte: dass er nicht zum Vater geboren sei. Er hatte nicht an eine Beziehung mit ihr gedacht. Und sie hatte ihn reden lassen und sich ihm hingegeben, weil eine Ehe und Vaterschaft zu jenem Zeitpunkt gar nicht zur Debatte standen.

Jetzt war die Situation eine ganz andere.

Ihm schien klar zu werden, was er gerade gesagt hatte. „Ich meine, wenn dein Baby erst mal auf der Welt ist, wird es bestimmt anders sein“, beruhigte er sie.

„Unser Baby“, erinnerte sie ihn.

„Richtig.“

Um Himmels willen!

4. KAPITEL

Als sie am Nachmittag am Baseballfeld an der Schule ankamen, um die zweite Spur im „Fall Timmy“ zu überprüfen, erzählte Georgia: „Mein Vater hat auch auf diesem Platz mit mir Werfen und Fangen geübt. Ich war die Schlechteste im Softball-Team, aber er hat nicht lockergelassen und gemeint, ich müsste einfach mehr üben, dann würde ich schon besser werden.“

Nick verzog das Gesicht. „Mein Vater hat mich hier ebenfalls trainiert. Allerdings war er nicht so verständnisvoll wie deiner. Er hat mich jedes Mal angeschrien, wenn ich einen Fehler gemacht oder einen Ball nicht bekommen habe. Einmal ist er sogar während des Spiels auf Feld gelaufen und hat mir eine runtergehauen.“

Entsetzt sah Georgia ihn an. „Und keiner hat etwas unternommen?“

Nick wechselte Timmys Trage von der linken in die rechte Hand, um Zeit für seine Antwort zu gewinnen. „Er war Polizist. Und er hatte viele Freunde. Und die, die nicht mit ihm befreundet waren, wollten es sich nicht mit ihm verderben. Er gab gern damit an, wie dicke er mit dem Bürgermeister und anderen einflussreichen Leuten in der Stadt war. ‚Eine Hand wäscht die andere‘, sagte er immer.“

Plötzlich hatte Nick einen Kloß im Magen. Warum erzählte er das? Warum hatte er überhaupt mit dem Thema angefangen?

„Tut mir leid, dass du das als Kind miterleben musstest“, bedauerte Georgia ihn. „In so einer Situation muss man sich ziemlich hilflos vorkommen.“

Genauso hatte er sich damals gefühlt. „Es war mir egal, was er mir antat. Ich habe mich mehr um meine Mutter gesorgt. Mit fünfzehn war ich zwar riesig, aber immer noch ziemlich dürr, obwohl ich viel Sport gemacht hatte. Ich habe mich dann zwischen die beiden gestellt, wenn er sie anbrüllte oder mit Dingen nach ihr warf. Aber er hat mich nur ausgelacht. Manchmal habe ich ihn trotzdem davon abhalten können, gewalttätig zu werden.“

Georgia blieb stehen. „Das ist ja schrecklich.“

Er lief weiter, weil er sich nicht von seinen Erinnerungen überwältigen lassen wollte. Mittlerweile war er neunundzwanzig und längst kein verängstigter Teenager mehr. „Genau das ist auch der Grund, warum ich kein Vater sein will. Ich habe seine Gene geerbt. Ich weiß nicht, wie eine liebevolle Vater-Kind-Beziehung funktionieren soll. Beim Gedanken an Elternschaft läuft es mir immer nur kalt den Rücken hinunter.“

Georgia bemühte sich, Schritt mit ihm zu halten. „Aber du bist nicht wie dein Vater. Du wärst ein wundervoller Dad.“

Jetzt blieb er doch stehen, und Georgia stieß gegen die Babytrage. „Das kannst du gar nicht wissen, Georgia. Wäre ich ein guter Vater, hätte ich auch größeres Interesse daran, mehr Zeit mit Timmy zu verbringen. Aber das habe ich nicht. Ich bin froh, dass du dich um ihn kümmerst. Ich werde seine Mutter finden, und dann kann ich Blue Gulch endgültig verlassen.“

Georgia riss die Augen auf. „Du willst weg von Blue Gulch?“

Er hatte es ihr nicht sagen wollen. Jedenfalls noch nicht. „Ich bin nur wegen Avery zurückgekommen. Und jetzt ist sie in Dallas auf dem College. Es gibt keinen Grund für mich, hier zu leben.“

„Dein Baby wird hier zur Welt kommen.“

Er führte sie zu einer mächtigen Eiche hinter der Tribüne. Neugierige Blicke folgten ihnen. Nick sah ihr direkt in die Augen. „Ich werde weder dich noch das Baby im Stich lassen, Georgia, das verspreche ich dir. Aber ich kann in dieser Stadt nicht länger leben. Überall, wo ich hingehe, stoße ich auf unangenehme Erinnerungen. Mir wird schon schlecht bei dem Gedanken, dass ich mich jetzt mit den Pullmans hier auf diesem Baseballfeld unterhalten muss.“

Sie nahm ihm die Trage aus der Hand und stellte sie auf den Boden. Dann trat sie näher zu ihm und legte die Arme um seine Hüften. „Es tut mir leid, dass du dich so mies fühlst, Nick.“

Er versteifte sich und trat einen Schritt zurück. „Komm, wir setzen uns neben die Pullmans und beobachten, wie sie reagieren.“

Ihre Wangen röteten sich, und sie nahm die Trage in die Hand. „Entschuldige“, murmelte sie verlegen.

Er wollte ihr sagen, dass alles in Ordnung sei, dass ihre Nähe in ihm den Wunsch weckte, sie an sich zu drücken und zu küssen. Aber das konnte er, das durfte er nicht tun. Nicht nach allem, was sie in den vergangenen Monaten durchgemacht hatte. Und am allerwenigsten wollte er falsche Hoffnungen in ihr wecken. Er war nicht der romantische Typ, und er war auch kein Familienmensch.

Thema beendet. Warum hatte er auch nicht den Mund halten können? Warum hatte er sich Georgia anvertraut, ihr Dinge erzählt, über die er selber am liebsten niemals nachdachte?

Sie gingen zur Tribüne, auf der etwa zwanzig Zuschauer das Training beobachteten.

Jenna Pullman, die Mutter des Hundeentführers Jason, saß in der dritten Reihe. Sie trug eine Kappe der Texas Rangers auf dem blonden Haarschopf und hielt eine Wasserflasche in der Hand. „Oh, Detective Slater. Schön, Sie zu sehen“, begrüßte sie ihn, als er sich neben sie setzte. „Was für ein süßes Baby. Ich wusste gar nicht, dass Sie Vater geworden sind.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag hielt ihn jemand fälschlicherweise für einen Vater. Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, wir passen nur auf das Baby auf.“ Er stellte Georgia vor, und Jenna erzählte, dass sie und ihre Familie seit Jahren Stammgast bei Hurley’s waren.

Auf das Baby reagierte sie überhaupt nicht. Ihre Augen waren auf Jason gerichtet, als er mit dem Schlagen an der Reihe war. Er holte weit aus, und Jenna lächelte bedauernd. Dann wandte sie sich wieder dem Baby zu. „Du bist aber süß“, gurrte sie. „Meine Schwester hat gerade Zwillinge bekommen“, fuhr sie mit einem Blick zu Nick fort. „Ich finde es schön, wieder ein Baby in der Familie zu haben – wenn auch nur als Tante. Mein Mann ist sogar noch verrückter. Gestern hat er jedem Baby eine riesige Stoffgiraffe gekauft.“

„Die ganze Familie muss begeistert sein“, versuchte Nick sie aus der Reserve zu locken. Komm, erzähl schon. Vielleicht hast du eine Cousine oder eine Freundin, die gerade ein Kind bekommen hat und in Schwierigkeiten steckt. Erwartungsvoll beugte er sich näher zu ihr.

„Das ist sie wirklich“, sagte sie nur. „Wir hatten schon lange keinen Nachwuchs mehr in der Familie, deshalb sind wir ganz aus dem Häuschen. Leider wohnen sie nicht hier in der Stadt, sondern in Bellville. Jason ist glaube ich ganz froh, dass er nun nicht mehr dauernd im Mittelpunkt steht.“

So viel zu einer möglichen Verbindung zwischen den Pullmans und Timmy. „Wie geht’s Jason denn? Führt er Bentley noch täglich aus?“

Jenna lächelte. „Er ist ganz verrückt nach diesem Hund. Wir überlegen, ob wir an seinem Geburtstag im November nicht mit ihm zum Tierheim fahren, damit er sich einen eigenen aussuchen kann. Er weiß, dass es ein Fehler war, Harriets Hund zu stehlen. Aber wenn er in der Lage ist, die Verantwortung für ein Tier zu übernehmen – und das ist er ja wohl, wenn er jeden Tag mit Bentley Gassi geht –, halte ich das für eine gute Idee.“

Nick lächelte. „Das sehe ich auch so. Jason ist ein lieber Junge. Kinder machen nun mal Fehler. Und alles ist halb so wild, wenn man weiß, wie man mit diesen Fehlern umgehen muss.“

Jenna nickte. „Sie haben vollkommen recht. Ich habe nicht gemerkt, dass mit Jason etwas nicht stimmte, weil er Probleme in der Schule hatte. Erst als Sie uns geraten haben, ausführlich mit ihm darüber zu reden, warum er das mit dem Hund getan hat, hat er sich uns offenbart. Jedenfalls ist inzwischen alles viel besser geworden. Ich kann Ihnen nicht genug dafür danken, wie fair Sie sich ihm gegenüber verhalten haben.“

„Gern geschehen“, sagte er, als Jason gerade zu einem Schlag ansetzte und den Ball weit übers Feld schlug.

Jubelnd sprang seine Mutter vom Sitz hoch.

„Die können wir auch von der Liste streichen“, flüsterte er Georgia zu.

Sie warf ihm ein bedauerndes Lächeln zu.

Er musste etwas übersehen haben. Etwas, das ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen war. Als Nächstes stand der Besuch des Coffeeshops auf ihrem Plan. Sie würden etwas bestellen und Penny Jergen nicht aus den Augen lassen. Vielleicht verriet sie sich durch irgendein Wort oder eine Geste. Dann würde er sofort nachhaken. Aber er vermutete, auch bei Penny keinen Schritt weiterzukommen – ebenso wenig wie bei den anderen beiden, die noch auf der Liste standen. Er übersah ganz eindeutig etwas – nur was?

„Die Menschen hier wissen deine Anwesenheit zu schätzen“, meinte Georgia, als sie sich auf den Rückweg in die Stadt machten.

„Das liegt am Job. Ich soll ihnen helfen, und das tue ich auch.“

Und ihm gefiel der Gedanke, dass er oft das Leben der Leute zum Bessern wenden konnte.

Ob das bei der nächsten Person auf seiner Liste ebenfalls so war, bezweifelte er allerdings.

„Igitt, das Baby hat mich letztes Wochenende voll gespuckt!“, rief Penny Jergen hinter dem Tresen, als Nick mit Timmy im Arm und Georgia den Coffeeshop betraten. „Haltet ihn mir bloß weg von meiner Seidenbluse.“

Nick spürte einen Anflug von Erleichterung. Also war er endlich auf der richtigen Spur. „Sie kennen den kleinen Kerl?“, fragte er beiläufig, während er so tat, als studierte er die Backwaren hinter dem Glas. Er wollte nicht zu interessiert wirken, sonst verschwieg Penny ihm möglicherweise, zu wem Timmy gehörte.

Penny schob sich die langen blonden Locken über die Schultern. „Ich bin ganz überrascht, dass er nicht brüllt. Wenn er nicht schreit, ist er wirklich süß.“

Nick warf Georgia einen Blick zu. Timmy schrie überhaupt nicht viel – jedenfalls nicht mehr als andere Babys. Aber Penny Jergen war vermutlich jeder Schrei zu viel.

Nick wählte einen Eiskaffee und Georgia einen geeisten Kräutertee.

Penny warf Timmy einen missmutigen Blick zu, als sie zwei Plastikbecher aus dem Regal holte.

„Wann waren Sie denn mit Timmy zusammen?“, wollte er wissen, während sie Georgias Tee zubereitete.

Penny schaute ihn erstaunt an. „Timmy? Ich denke, er heißt Mikey?“

Er runzelte die Stirn. „Mikey?“

„Kurzform von Michael“, erklärte sie überflüssigerweise. „Michael junior. Mike Andersons neues Baby.“

Nicks Hoffnung zerplatzte wie ein Ballon, in den man eine Nadel gesteckt hatte. „Mike Andersons neues Baby hat genauso rote Haare wie er und seine Frau.“

Penny verschloss den Becher mit einem Deckel und reichte ihn Georgia. „Ach ja? Nun, woher soll ich das wissen? Ich bin nur einmal in ihrem Haus gewesen, weil ich mir ziemlich sicher war, dass seine Frau mir meine Kleider und meine Schuhe gestohlen hat. Sie hasst mich seit der Highschool. Und als ich den Job hier bekommen habe und nicht sie, glaubte sie, ich stecke dahinter. Deshalb hat sie mir meine Klamotten gestohlen.“

Genau das brauchte Blue Gulch – noch eine Detektivin auf einer falschen Spur. „Annie Anderson ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne, Penny.“

Penny nahm Nicks Zehndollarnote entgegen und funkelte ihn wütend an. „Wenn Sie so viel wissen, warum können Sie mir dann nicht sagen, wer meine Zweihundert-Dollar-Jeans gestohlen hat? Haben Sie eine Ahnung, wie viele blöde Lattes ich machen musste, um mir eine neue Hose kaufen zu können? Von der restlichen Garderobe ganz zu schweigen. Wegen der Überstunden hatte ich so gut wie kein Privatleben mehr. Vorher bin ich dreimal in der Woche ausgegangen.“

„Der Fall ist noch nicht abgeschlossen“, antwortete Nick. Der Dieb – oder die Diebin – war sehr gut im Spurenverwischen gewesen. „Sobald ich etwas erfahre, werde ich Ihnen Bescheid geben. Behalten Sie das Wechselgeld.“

Sie stieß ein undefinierbares Geräusch aus und widmete ihre Aufmerksamkeit dem Paar, das soeben hereingekommen war.

Er hielt Georgia die Tür auf. „Allmählich habe ich das Gefühl, dass uns die Sucherei überhaupt nicht weiterbringt.“

„Du wirst seine Mutter finden“, versicherte sie ihm, während sie einen Strohhalm in ihren Becher steckte.

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