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BIANCA EXTRA BAND 41

HELEN LACEY

Diese Sehnsucht in deinen Augen

Marissas Herz steht Kopf, als sie Grady wiedersieht. So lange schon liebt sie diesen Mann! Jetzt sind sie beide frei – warum also ist Grady so abweisend, obwohl seine Augen verraten, dass er sie begehrt?

CINDY KIRK

Mit fünf Dates zum Happy End

Mit Widerstand hat er nicht gerechnet: Eigentlich liegen Dr. Noah Anson die Frauen zu Füßen. Alle, außer Josie! Sie scheint gegen seinen Charme immun zu sein – und Noah muss herausfinden, warum …

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Ginny auf dem Weg ins Glück

Sie ist immer noch so sexy – Luke kann kaum die Augen von seiner Exfrau abwenden. Mit jeder Berührung verliebt er sich wieder in Ginny – bis er herausfindet, dass sie ihn eiskalt belogen hat …

JESSICA BIRD

Vertraue nur auf dein Herz!

Von so einem Mann hat sie immer geträumt: Lizzie ist im siebten Himmel, als Sean sie in seine Arme zieht. Doch dann merkt sie, dass er jemand ganz anderer ist, als er sie hat glauben lassen …

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Diese Sehnsucht in deinen Augen

1. KAPITEL

Marissa Ellis parkte vor dem Haus ihrer Tante in Cedar River und stellte den Motor ab. Das alte Haus sah schäbig und müde aus. Genau wie ich. Schnell schob Marissa den Gedanken beiseite. Im Moment hatte sie wichtigere Dinge im Kopf als ihre eigene schwierige Situation. Tante Violet war gestürzt und lag im Krankenhaus, danach würde sie wochenlang in der Reha sein. Marissa war hier in South Dakota, um sich um die kleine Ranch ihrer Tante zu kümmern.

Das war das Mindeste, was sie für ihre Großtante tun konnte. Tante Violet hatte Marissa nach dem Tod ihrer Mutter aufgenommen. Sechs Jahre lang hatte Marissa auf der Ranch gelebt, bis sie ihren Highschoolabschluss gemacht und ein Stipendium fürs College bekommen hatte. Danach war sie fünf Jahre lang bei einer der erfolgreichsten Werbeagenturen in New York tätig gewesen, was 14-Stunden-Tage und den Umgang mit millionenschweren Klienten bedeutete. Dann hatte sie geheiratet. Und jetzt war sie geschieden.

Marissa überlief ein Schauer. Nur jetzt nicht daran denken. Sie war wieder hier … und diesmal für immer.

Die kleine Stadt lag am Fuße der Black Hills. Eigentlich bestand Cedar River aus zwei Ortschaften – Cedar Creek und Riverbend –, die zusammen ein paar Tausend Einwohner hatten und durch einen kleinen Fluss getrennt waren, den eine Brücke überspannte. Vor hundert Jahren hatte es hier reiche Silberminen gegeben, die mittlerweile alle erschöpft waren. Ein paar dienten noch als Touristenattraktion.

Marissa war das alles egal. In den letzten zehn Jahren war sie nur hier gewesen, um ihre Tante zu besuchen und um Zeit mit ihrer besten Freundin Liz zu verbringen, deren drei kleine Töchter Marissa heiß und innig liebten. Vor zweieinhalb Jahren hatte sie dann ihre bisher schwerste Reise nach Cedar River angetreten – zu Liz’ Beerdigung.

Mit Grady, Liz’ Mann, hatte sie bei all dem nie viel zu tun gehabt.

Er mochte sie auch nicht besonders. Und seit Liz’ Tod schien er sie nicht einmal mehr zu bemerken. Sicher, er verhielt sich höflich und respektvoll und ließ sie Zeit mit den Mädchen verbringen, aber er schien doch immer froh zu sein, wenn sie sich wieder auf den Weg zurück nach New York machte.

Doch diesmal würde sie bleiben.

Die Ranch ihrer Tante lag direkt neben der Ranch von Grady, also würde sie ihre Patenkinder in Zukunft öfter sehen – wenn Grady es weiterhin zuließ.

Sie würde wohl mit ihm reden und Absprachen treffen müssen. Aber zuerst einmal wollte sie richtig ankommen und schlafen. Marissa stieg aus und griff nach ihrer Reisetasche. Es dämmerte schon, und sie suchte sich vorsichtig einen Weg die Auffahrt hinauf, wo Büsche und Bäume in den Weg ragten − sie mussten dringend geschnitten werden.

Tante Violets Haus war sauber, roch aber muffig.

Marissa stellte ihre Sachen ins Gästezimmer und ging dann durch alle Räume, um die Fenster zu öffnen und die frische Abendluft hereinzulassen. Nach einer langen, heißen Dusche und einem Abendbrot, das aus einem mitgebrachten Apfel und Müsliriegel bestand, weil der Kühlschrank leer war, fiel sie um acht todmüde ins Bett, nur um sich dann ruhelos hin und her zu wälzen und doch nur ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Deshalb war sie ziemlich ungnädig, als sie am nächsten Morgen gegen sechs von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde. Es klang nach raschelnden Blättern und kam aus dem Garten. Auf nackten Füßen tappte Marissa den Flur entlang, durch die Küche und die kleine Waschküche, öffnete die Hintertür einen Spaltbreit und spähte in den Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf und blendete sie zuerst, doch dann sah sie ihn.

Earl.

Gradys 800 Kilo schwerer Charolais-Bulle stand im Garten und mampfte die Geranien, die in einem von Unkraut überwucherten Beet in der Nähe des Zauns standen. Um dorthin zu gelangen, hatte er eine Reihe der Zaunbretter durchbrochen.

Marissa seufzte ärgerlich, schloss die Tür, ging zurück ins Gästezimmer und zog ihr Handy aus der Tasche. Die Nummer hatte sie gespeichert, und Grady nahm nach dem dritten Klingeln ab.

„Marissa?“ Seine tiefe Stimme jagte ihr wie immer einen angenehmen Schauer über den Rücken. „Das ist ja eine Überraschung!“

Sie atmete tief durch. „Dein Bulle steht in meinem Garten.“

„In deinem Garten?“ Er schwieg kurz, doch sie konnte seinen Gesichtsausdruck fast vor sich sehen: diese Mischung aus Lächeln und Stirnrunzeln, die er immer zeigte, wenn sie in der Nähe war. „In New York?“, fügte er schließlich hinzu.

„Bei Tante Violet“, erklärte sie ungeduldig.

Wieder schwieg er kurz. „Du bist in der Stadt?“

„Richtig. Und dein Bulle steht im Garten.“

Erneutes Schweigen. Marissas Haut begann zu kribbeln. Das passierte ihr nur bei Grady. Nur Grady konnte sie so aus der Ruhe bringen, dass sie manchmal am liebsten losschreien wollte. Mit achtzehn war sie mal kurz in ihn verknallt gewesen … aber dann war er mit ihrer besten Freundin gegangen, und alles hatte sich verändert. Logischerweise. Liz bedeutete ihr mehr als ein dummer Highschoolschwarm. Und als Liz und Grady dann heirateten, war sie die Brautjungfer gewesen und hatte den beiden für die Zukunft alles Glück der Welt gewünscht. Was sie auch genau so gemeint hatte. Ihre eigenen Gefühle spielten keine Rolle mehr, und sie hatte sie vierzehn Jahre lang perfekt im Griff gehabt, woran sich auch jetzt nichts ändern würde. Ganz gleich, wie prickelnd sie seine tiefe Stimme fand. Grady war tabu.

„Bin in fünfzehn Minuten da.“

Grady unterbrach die Verbindung, und Marissa atmete erleichtert auf. Dann sprang sie auf und durchwühlte ihre Reisetasche nach etwas zum Anziehen. Im kurzen Baumwollnachthemd wollte sie Grady auf keinen Fall gegenüberstehen.

Sie fand Jeans und ein rotes T-Shirt, bürstete sich die langen blonden Haare und fasste sie zum Pferdeschwanz zusammen. Mit den Kontaktlinsen hielt sie sich gar nicht erst auf, ihre Brille würde es tun. Sie war gerade fertig, als sie schon einen Wagen auf der Auffahrt hörte. Grady …

Marissa schluckte schwer und ging zur Haustür. Ihr Nacken war verspannt, ihre Hände fühlten sich feucht an. Schnell wischte sie die Hände an der Jeans ab. Dann öffnete Marissa die Tür.

Grady hatte einen Pferdeanhänger mitgebracht und war schon auf dem Weg zum Haus mit weit ausladenden energischen Schritten. Er strahlte das angeborene Selbstvertrauen eines Mannes aus, der genau wusste, wer er war. Seine Jeans saßen tief, das schwarze Hemd spannte über breiten Schultern, dazu trug er Cowboystiefel und natürlich einen Stetson. Ein imposanter Anblick, denn er war eins fünfundachtzig groß und mit seinen blauen Augen, dunklen Haaren und dem dunklen Bartschatten einfach unglaublich attraktiv. Dazu durch und durch ein Cowboy mit altmodischen guten Manieren und Werten.

Aber Marissa machte sich keine Illusionen über ihr Verhältnis zu Grady. Es war angespannt wie immer. Als Liz noch lebte, hatte sie das abgefedert, aber jetzt … Jetzt war da nur diese fast greifbare, schwer zu beschreibende Spannung in der Luft, die immer wie aus dem Nichts auftauchte, wenn sie sich im selben Raum befanden.

Oder so wie jetzt, wenn er am Fuß der Verandatreppe stand und sie in der Tür.

Die Hände auf die Hüften gestützt, blickte er zu ihr auf. Schweigend starrten sie sich ein paar Sekunden lang an, und wie immer kribbelte ihr ganzer Körper.

„Hallo, Marissa.“

„Guten Morgen.“

Er deutete auf den Volvo in der Auffahrt. „New Yorker Nummernschild? Bist du hergefahren?“

„Ja.“

„Hast du Miss Violet schon gesehen?“

„Ich war gestern Nachmittag zuerst im Krankenhaus“, erwiderte sie, ohne sich von der Stelle zu rühren. „Danke, dass du dich um alles gekümmert hast.“

Grady hatte Tante Violet mit ihrem gebrochenen Bein gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Und er war dort geblieben, bis sie aus der OP aufgewacht war und die Ärzte eine Aussage treffen konnten. Dann hatte er Marissa angerufen, um ihr zu sagen, dass ihre Großtante sie brauchte.

Er zuckte die Achseln. „Gern geschehen.“

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“

„Ich hatte dich gar nicht erwartet.“

Marissa hob das Kinn. „Ich habe doch gesagt, dass ich komme. Ich brauchte nur ein paar Tage, um alles zu organisieren. Ich hatte sowieso vor zu kommen.“

„Ach ja? Warum?“

„Um meine Tante zu sehen. Und die Mädchen.“

Bei der Erwähnung seiner Töchter zuckte er zusammen. „Sie freuen sich immer, wenn du kommst.“

Seine Worte hätten freundlich klingen können, doch das taten sie nicht. Denn sie hörte eine ganze Menge Ablehnung darin.

Marissa straffte die Schultern und starrte ihn an. „Na ja, von jetzt an können sie mich so oft sehen, wie sie wollen.“

„Ach ja? Warum?“

„Weil ich hierbleibe.“

„Du bleibst?“

Unwillkürlich stieg ein kleines Triumphgefühl in ihr auf. Offenbar hatte sie ihn jetzt wirklich überrascht.

„Ja. Ich bin wieder zu Hause. Und diesmal bleibe ich.“

Sie war wieder zu Hause. Das war nicht gerade das, was Grady Parker hatte hören wollen: dass Marissa Ellis wieder in Cedar Creek wohnte. Und auch noch direkt neben ihm! New York war gut. Aus den Augen, aus dem Sinn − damit kam er klar. Sicher, ab und zu kam Marissa zu Besuch, und dann kam er auch damit zurecht – musste er ja. Als Liz noch lebte, war das auch nicht schwer gewesen. Wenn Marissa kam, machte er sich einfach rar. Aber jetzt … Sie war die Patin seiner drei Mädchen, und er hatte Liz versprochen, dass Marissa ein Teil ihres Lebens bleiben würde. Wenn sie zu Besuch kam, machte ihm dieses Versprechen jedoch ganz schöne Schwierigkeiten.

Weil er vor langer Zeit einmal mit ihr hatte gehen wollen.

Klar, das war in der Highschool gewesen, als er noch jung war und nichts vom Leben wusste. Damals war sie umwerfend gewesen mit ihren langen blonden Haaren und den braunen Augen. Und dieses Lächeln …

Seine Hormone hatten völlig verrücktgespielt, und er hatte sich nach dem schönsten Mädchen der Schule geradezu verzehrt. Liz hatte ihm allerdings den Kopf zurechtgerückt, als er bei ihr nachfragte, ob Marissa mit ihm zum Abschlussball gehen würde. Das war nicht gerade der direkte Weg zu einem Date, aber er war ja erst achtzehn gewesen und so unsicher, wie die meisten Jungs in dem Alter.

Liz hatte ihm rundheraus erklärt, dass Marissa keinerlei Interesse an ihm hatte. Also hatte er das respektiert und sie gar nicht erst gefragt – auch wenn das alles gewesen war, was er sich gewünscht hatte.

Schließlich hatte er mit Liz etwas angefangen, und nach der Schule war Marissa weggezogen. Wenn sie zu Besuch kam, hatte er dieses lästige kleine Gefühl einfach ignoriert, das in ihm aufstieg, sobald sie in der Nähe war. Er hatte Liz geheiratet, eine Familie mit ihr gegründet und einfach vergessen, dass er damals mit Marissa hatte ausgehen wollen.

Das Leben war gut, genau so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Bis seine Frau starb.

„Du bleibts für immer?“ Hoffentlich hörten sich seine einsilbigen Fragen für Marissa nicht ganz so einfältig an wie für ihn selbst.

Sie nickte. „Richtig.“

„Dann ist die Scheidung durch?“

„Ja. Alles erledigt.“

Sie war nur zwei Jahre verheiratet gewesen. Grady war ihrem Exmann zwei Mal begegnet, einmal bei der kleinen Hochzeitsfeier in New York, und einmal, als Marissa ihn zum Weihnachtsbesuch in Cedar River mitgebracht hatte.

Ein typischer Anzugträger, so steif und langweilig wie aus dem Lehrbuch, dafür aber arrogant hoch zehn. Bei ihrem nächsten Besuch war er nicht mehr dabei gewesen, und ein Jahr später hatten sie sich schon getrennt. Mehr wusste Grady nicht, und er hatte auch nicht gefragt. Ging ihn ja nichts an.

„Tut mir leid.“

Sie runzelte die Stirn, als hätte er etwas Falsches gesagt.

„Muss es nicht“, erwiderte sie leise. „Ich bin froh, dass es vorbei ist. Und sehr froh, wieder zu Hause zu sein.“

„Mir war gar nicht klar, dass du Cedar River immer noch als dein Zuhause ansiehst.“

„Ich bin hier aufgewachsen – genau wie du.“

„Das weiß ich doch. Und ich weiß auch, dass du gegangen bist.“

Als sie sich die Stirn rieb, rutschte ihre Brille ein Stückchen nach unten. Bis jetzt hatte er gar nicht gewusst, dass sie eine Brille trug, aber es gefiel ihm. Warum, hätte er zwar nicht sagen können – vielleicht, weil sie damit weniger perfekt war? Etwas verletzlicher. Weil er sich sonst in ihrer Nähe immer vorkam, als stünde er auf dem Prüfstand. Als suche sie nach Fehlern und nach Gründen, ihn nicht zu mögen.

Das konnte er ihr nicht verdenken. Sie hatten nie ein besonders gutes Verhältnis gehabt. Lange Zeit hatte er sich gefragt, ob sie wusste, dass er in der Highschool auf sie gestanden hatte und sie ihn deshalb nicht leiden konnte.

Liz hatte zwar geschworen, dass sie Marissa nie etwas gesagt hatte, und natürlich glaubte Grady seiner Frau. Trotzdem stand etwas zwischen ihnen, eine gegenseitige Abneigung, die tiefer ging als ein simples Nichtleidenkönnen. Er konnte Marissa nämlich ganz gut leiden. Er mochte nur nicht in ihrer Nähe sein. Sie machte ihn ganz kribbelig, und er wusste nicht, warum.

Jahrelang war sie nur die beste Freundin seiner Frau gewesen − seiner Frau, die er liebte. Liz und er waren ein gutes Paar gewesen und nachher mit den Kindern eine wunderbare Familie.

Aber jetzt war Liz nicht mehr da, und Marissa … Marissa machte ihn auf eine Art und Weise nervös, die er nicht einmal richtig greifen konnte. Sicher wusste er nur, dass er das Gefühl nicht ausstehen konnte. Kein bisschen.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn an. „Und was ist jetzt mit deinem Bullen?“

„Das ist wegen Delilah.“

Stirnrunzelnd kam sie die Treppe herunter. Grady roch einen Hauch ihres Parfüms und spannte automatisch die Schultern an. Wie lange war es her, dass er Parfüm gerochen hatte? Jahre. Zu lange Zeit.

„Wer ist Delilah?“

„Miss Violets Guernsey-Kuh.“ Er trat einen Schritt näher. „Sie hat sie vor ein paar Monaten gekauft.“

„Und was soll das jetzt heißen?“

„Na ja, Earl steht nun mal auf Delilah.“ Er unterdrückte ein Grinsen, als sich ihr Stirnrunzeln vertiefte.

„Er steht auf sie?“

„Ja. Du weißt schon, wenn ein Kuhjunge ein Kuhmädchen mag …“

Offenbar fand sie das nicht lustig.

„Aha. Und wo ist die Kuh jetzt?“

„Miss Violet hatte sie manchmal im Garten stehen, aber seit deine Tante im Krankenhaus ist, hat sich ein Nachbar um Delilah gekümmert.“ Grady zuckte die Achseln. „Das wusste Earl wohl nicht. Er schaut ab und an mal vorbei.“

„Kannst du ihn nicht irgendwie anbinden? Ich meine, es kann doch nicht so schwer sein, einen Bullen einzustallen, oder wie immer man das nennt.“

„Und einer großen Liebe im Weg stehen?“ Grady legte eine Hand aufs Herz. „Das wäre aber nicht sehr nett.“

„Ich will ja auch nicht nett sein, ich will, dass das Biest aufhört, die Blumenbeete meiner Tante zu ruinieren.“

Grady unterdrückte ein Lächeln. Marissa sah so geladen aus, als ob sie jeden Moment vor Wut platzen würde.

„Ich bringe ihn zurück“, erklärte er gelassen und ging zu seinem Truck. Als er Halfter und Seil von der Ladefläche nahm, stand Marissa plötzlich direkt neben ihm.

„Wolltest du mir helfen?“

„Auf gar keinen Fall!“, gab sie zurück und betrachtete den Truck. „Du bist der Cowboy. Nettes Gespann übrigens. Neu?“

Er nickte und unterdrückte seinen aufsteigenden Ärger. Es klang wie Kritik, als ob sie es nicht guthieß, dass er einen neuen Truck und Pferdehänger gekauft hatte. Und da war sie nicht die Erste. Er hatte dieselbe Reaktion bei Liz’ Vater und Brüdern gesehen. Dieselbe Skepsis und unausgesprochene Frage … Seit er nach Liz’ Tod deren Geld geerbt hatte, schienen viele Leute gespannt darauf zu warten, was er damit anfangen würde. Würde er verkaufen? Würde er eine größere Ranch kaufen? Die Herde vergrößern?

Für ihn kam nichts davon infrage. Stattdessen hatte er einen Fonds für die Mädchen angelegt und die Ranch weitergeführt wie immer. Die Geschäfte liefen gut, er hatte ein sicheres Einkommen und machte Profit.

Die O’Sullivans hatten immer durchblicken lassen, dass er nicht gut genug für ihre Tochter war, aber er hatte Liz geliebt. Sie war freundlich und liebevoll, eine wunderbare Mutter für die Mädchen und eine wunderbare Ehefrau für ihn. Er war froh, dass sie an seiner Seite war, als sein Vater starb und er mit zwanzig die Ranch übernahm. Liz unterstützte und verstand ihn. Er bereute keinen einzigen Moment, den sie miteinander erlebt hatten.

„Grady?“ Marissas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Richtig, der Bulle. Ich sorge dafür, dass es nicht wieder vorkommt.“

„Gut. Kann ich die Mädchen bald sehen? Ich habe ihnen was mitgebracht. Leider habe ich ja Breannas Geburtstag letzten Monat verpasst.“

Marissa war immer sehr großzügig, und seine siebenjährige Breanna schwärmte genauso für sie wie die fünfjährige Milly. Sogar Tina schien mit ihren zweieinhalb Jahren mehr zu strahlen, wenn Marissa zu Besuch war. Und da Grady seine Töchter über alles liebte, wollte er sie natürlich glücklich machen.

„Natürlich. Im Moment passt gerade Cassie auf sie auf, damit ich hier sein kann.“

Sie hob die Augenbrauen. „Cassie?“

„Meine Nachbarin. Sie hat Tanner McCord geheiratet.“

Tanner war sein Nachbar auf der anderen Seite und sein bester Freund. Er hatte erst kürzlich geheiratet. Und Grady war sehr dankbar für die Hilfe, die Cassie ihm für die Mädchen angeboten hatte, als er sie dringend brauchte.

„Ach ja, richtig. Was ist denn mit deiner Haushälterin Mrs. Cain passiert?“

„Hat letzten Monat gekündigt. Sie ist nach Deadwood gezogen, um näher bei ihrer Tochter zu sein.“

„Also müssen die Mädchen essen, was du kochst?“, fragte sie mit provokativ entsetztem Gesichtsausdruck. „Die armen Kleinen.“

Grady grinste. „Das macht ihnen nichts aus. Soweit ich weiß, bist du die Einzige, die an meinen Kochkünsten etwas auszusetzen hat.“

Kunst? Ein Steak blutig zu servieren, ist doch keine Kunst!“

„Lass uns nicht schon wieder darüber streiten, wie ein Steak sein sollte, okay?“

Er mochte Rindfleisch blutig und Marissa mochte es gut durch. Sie waren sich nie über irgendetwas einig, nie. Die einzige Verbindung zwischen ihnen war Liz gewesen, und seit deren Tod waren es die Mädchen.

„Einverstanden“, erwiderte sie und folgte ihm durch den Vorgarten zum Gartentor. „Und dein Bulle hat übrigens ein paar Zaunbretter durchbrochen. Sie müssen repariert werden. Du kannst ja jemanden schicken, wenn du willst.“

Die Botschaft war deutlich: jemanden. Hauptsache, er kam nicht selbst. „Du bist ein ziemlicher Morgenmuffel, was?“

„Wie bitte?“

„Na ja, offenbar sind deine guten Manieren heute früh nicht mit dir zusammen aufgestanden.“

„Sind sie wohl. Und ich bin absolut …“

„… unausstehlich“, vollendete er den Satz für sie. „Entspann dich mal, Marissa. Ich weiß, du hattest gestern eine lange Fahrt und machst dir Sorgen um Miss Violet, aber du hast mich angerufen, und ich bin hier. Ich bringe Earl nach Hause und werde meinen Vorarbeiter schicken, um den Zaun reparieren zu lassen, und wenn du heute oder morgen vorbeikommen willst, um die Mädchen zu sehen, dann ist das völlig in Ordnung. Aber hör auf, so feindselig zu sein. Für so was habe ich echt keine Zeit. Ich muss diese Woche ein paar Rinder verkaufen und eine neue Haushälterin finden. Und außerdem will ich nicht, dass die Mädchen mitbekommen, wie angespannt die Stimmung zwischen uns ist.“

Sie starrte ihn aus großen Augen an, und er wartete darauf, dass sie zum Angriff überging.

Stattdessen fragte sie nur: „Anspannung? Meinst du, es liegt daran?“

Grady zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es manchmal ziemlich anstrengend ist, in deiner Nähe zu sein.“

Als sie nichts erwiderte, ließ er sie stehen und ging zu seinem Bullen.

Unausstehlich? Feindselig? Angespannt? Na gut, vielleicht war sie ein wenig reizbar gewesen wegen des Bullen, aber deshalb musste Grady ihr doch nicht gleich eine Standpauke halten.

Sie folgte ihm in den Garten und sah zu, wie er dem Bullen mühelos ein Halfter umlegte und ihn in Richtung Tor führte. Mit Tieren war er richtig gut. Mit Kindern auch. Seine drei Töchter himmelten ihn an, genau, wie Liz es getan hatte. Und er hatte Liz ebenfalls vergöttert. Sie hatte Marissa erzählt, wie sehr sie es genoss, Gradys Ehefrau zu sein. Wie liebevoll und zuverlässig er war. Wie treu und stark.

Treue? Das war kein Wort, das Marissa aus ihrer eigenen Ehe kannte. Simon hatte sie so oft betrogen. Das erste Mal kurz nach der Hochzeit mit einer Kollegin, die Marissa für eine Freundin gehalten hatte. Im Nachhinein war ihr auch klar, dass es dumm gewesen war, ihren Chef zu heiraten − ganz gleich, wie charmant er sie umworben hatte.

Und dann waren die Dinge völlig aus dem Ruder gelaufen …

Marissa schüttelte unbewusst den Kopf. Nur jetzt nicht daran denken. Erzählt hatte sie davon auch noch niemandem. Wem auch? Ihre beste Freundin war tot, und Tante Violet wollte sie mit diesen Dingen nicht belasten. Also hatte sie ihre Probleme allein gelöst. Oder es zumindest versucht.

Deshalb hatte sie schon vor Tante Violets Unfall vorgehabt, nach Cedar River zurückzukehren und ganz neu anzufangen, Tante Violet mit der Ranch zu helfen und ihr Versprechen gegenüber Liz einzulösen, immer für ihre Töchter da zu sein.

Wenn sie sich aber ständig mit Grady stritt, würde das wohl kaum möglich sein. Also schluckte sie ihren Ärger hinunter und atmete tief durch.

„Es ist nicht meine Absicht, dass wir uns ständig streiten“, erklärte sie.

Grady blieb stehen, als sie sprach, und umfasste den Führstrick fester.

„Ist es nicht?“, fragte er mit einem leichten Lächeln. „Dann liegt es also an der Anspannung?“

Earl schnaubte laut, und Marissa trat erschrocken einen Schritt zurück. Sie war nicht gerade ein Cowgirl, konnte nicht einmal reiten. Liz dagegen hatte im Sattel eine tolle Figur gemacht, und die beiden älteren Mädchen hatte jede ein eigenes Pony.

„Na ja, es ist einfach so, dass wir nie … nie …“

„… miteinander ausgekommen sind“, vollendete er wieder den Satz für sie. „Ja, ich weiß.“

„Aber um der Mädchen willen sollten wir es versuchen“, fügte sie hinzu. „Sie bedeuten mir alles.“

„Mir auch“, erwiderte er leise. „Und ich möchte, dass sie engen Kontakt zu dir haben, Marissa. Von dir können sie Dinge lernen, die ich ihnen als Vater einfach nicht geben kann.“

Mütterliche Dinge. Marissa verstand sehr wohl, was er meinte. Die beiden größeren Mädchen vermissten ihre Mutter furchtbar. Das merkte sie jedes Mal, wenn sie anrief, und auch bei ihrem letzten Besuch war es ganz deutlich geworden. Besonders Breanna war ihr kaum von der Seite gewichen, und Milly hatte geweint, als sie wieder abreisen musste. Die Erinnerung daran hatte Marissa monatelang verfolgt. Nur Tina, die Jüngste, erinnerte sich nicht an ihre Mutter, was fast genauso traurig war.

Liz hatte Marissa vor ihrem Tod ausdrücklich darum gebeten, sich um die Mädchen zu kümmern, und genau das hatte Marissa vor.

„Ich werde für sie tun, was ich kann“, versprach sie Grady, der sie eindringlich ansah. Ruhig und entschlossen erwiderte sie seinen Blick, obwohl sie am liebsten die Augen gesenkt hätte.

„Okay“, erwiderte er mit einem halben Lächeln. „Ich bin mir sicher, sie werden sich über jede Minute freuen, die du mit ihnen verbringen kannst.“

„Ich könnte sie morgen abholen“, schlug sie vor. „Nachdem ich mich eingerichtet und was zu essen besorgt habe. Vielleicht kann ich Breanna und Milly mitnehmen, wenn ich Tante Violet besuche.“

Er nickte. „Klar. Du kannst sie gegen elf bei meiner Mutter abholen. Samstagvormittags sind sie immer bei ihr.“

Richtig. Diese Tradition hatte Liz begonnen, und auch Marissa mochte Gradys Mutter sehr.

„Schön“, sagte sie. „Dann sehen wir uns morgen.“

Er nickte, blieb aber stehen, als wolle er noch etwas sagen. „Na ja … gut dann.“

Da war sie wieder, diese Anspannung zwischen ihnen. Es war immer dasselbe, und man konnte einfach nichts dagegen tun. Sie waren einfach wie Feuer und Wasser.

„Auf Wiedersehen, Grady.“

Er starrte sie an. Nein, eher starrte er durch sie hindurch. Seine tiefblauen Augen wirkten stählern.

„Bis dann, Marissa“, sagte er schließlich und zog den Bullen zum Tor. Dort drehte er sich noch einmal um. „Und, Marissa … schön, dass du wieder da bist.“

Sie hob eine Braue. „Bist du dir da ganz sicher?“

„Nein“, erwiderte er freimütig. „Kein bisschen.“

Dann ging er hinaus und schloss das Holztor hinter sich.

2. KAPITEL

„Und, hattest du in letzter Zeit ein Date?“

Grady schloss die Augen und seufzte. Nun ging das wieder los. Er liebte seine Mutter über alles und genoss das Samstagsfrühstück mit ihr, den Kindern und seinem jüngeren Bruder Brant sehr, aber in dieser Sache konnte sie ein wenig nervig sein.

„Du meinst, seit du mir letzten Samstag dieselbe Frage gestellt hast?“, fragte er.

„Den Sarkasmus kannst du dir sparen. Das ist eine ernsthafte Frage.“

Grady stöhne. „Nein, hatte ich nicht.“

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Wie willst du jemals wieder heiraten, wenn du nicht einmal mit einer Frau ausgehst?“

„Dafür habe ich gar keine Zeit. Und ich will auch gar nicht heiraten.“

„Aber die Mädchen brauchen eine Mutter!“

„Sie haben eine Mutter“, erwiderte Grady schärfer als beabsichtigt. „Lass es gut sein, Mom“, fügte er sanfter hinzu.

Aber das tat sie nie. Seit fast einem Jahr lag sie ihm damit in den Ohren, dass er unbedingt wieder heiraten müsse. Dabei hatte er nicht vor, sich in etwas Unüberlegtes zu stürzen, nur weil die Mädchen eine Mutter brauchten. Die meiste Zeit gefiel ihm sein derzeitiges Leben ganz gut. Manchmal war er zwar einsam, aber das ging wohl jedem so. Für eine neue Beziehung oder gar Ehe war er einfach noch nicht bereit.

„Wie wäre es, wenn du zuerst Brant verkuppelst!?“, schlug Grady mit einem Blick zu seinem jüngeren Bruder vor, der vor Kurzem von seinem dritten Militäreinsatz im Nahen Osten zurückgekehrt war.

„Kommt überhaupt nicht infrage!“, widersprach der prompt. „Du bist der Ältere, also bist du zuerst dran.“

Beide lachten, und es fühlte sich gut an. Das Samstagsfrühstück bei seiner Mutter, die nach dem Tod seines Vaters in die Stadt gezogen war, stellte eine willkommene Abwechslung in Gradys Woche dar. Die Mädchen liebten ihre Großmutter und ihren Onkel Brant über alles. Und Colleen Parker wusste, wie wichtig es für ihre Enkelinnen war, nach dem Tod ihrer Mutter ein liebevolles und stabiles Umfeld zu haben. Sie unterstützte Grady seit Liz’ Tod, wo sie nur konnte. Was das Verkuppeln anging, schoss sie jedoch etwas über das Ziel hinaus …

Als es an der Tür klopfte, sprang Grady eilig auf. Er freute sich über die Unterbrechung.

Marissa …

Es war elf, und wie immer war Marissa auf die Minute pünktlich. Das bewunderte er sehr an ihr, auch wenn er es nicht unbedingt zugeben würde.

„Ich gehe schon“, sagte er und ging zur Tür.

Als er öffnete, verspürte er wieder dieses seltsame Gefühl im Magen, dass er immer in ihrer Nähe hatte. Sie sah umwerfend aus in Bluejeans, einem grünen Pullover und kniehohen Stiefeln. Ihr blondes Haar umrahmte ihre geröteten Wangen. Ja, Marissa Ellis war eine schöne Frau. Aus heiterem Himmel fühlte Grady Verlangen in sich aufsteigen, was er schnell unterdrückte. Nie im Leben …

Auch wenn er schon seit Langem keinen Sex gehabt hatte – Marissa war dafür auf keinen Fall eine Kandidatin. Das wäre wirklich dumm gewesen, und dumm war er nicht.

„Hi“, sagte sie ein wenig atemlos. „Hier bin ich.“

„Das sehe ich“, erwiderte er und ließ sie eintreten. „Die Mädchen warten geduldig im Wohnzimmer. Und sie benehmen sich vorbildlich. Bei der Aussicht, einen Tag mit dir zu verbringen, sind sie im Morgengrauen aufgestanden und haben sich allein angezogen. Jetzt sitzen sie wie die Mäuschen vor dem Kinderkanal und warten auf dich.“

Sie lachte leise und lief in Richtung Wohnzimmer. Da er hinter ihr ging, konnte er gar nicht anders, als ihre unglaublich sexy Stiefel zu betrachten. Sie hatte einen interessanten Kleidungsstil − eine Mischung aus weltstädtisch und kleinstädtisch, wobei nichts an ihr plakativ wirkte, sondern auf unauffällige Weise elegant. Sie hätte als Model arbeiten können und schien sich in Jeans und Pulli genauso wohlzufühlen wie in einem eleganten Hosenanzug oder einem Abendkleid.

Grady verbot sich derartige Gedanken und führte Marissa in die Küche, wo sie seine Mutter und Brant begrüßte und sich dann sofort auf den Weg zu Tina machte, die in ihrem Kinderstuhl saß und jetzt verlangend die Händchen nach Marissa ausstreckte. Marissa nahm die Kleine auf den Arm, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt, was Grady einen Stich ins Herz gab. Die enge Bindung zwischen Marissa und seinen Töchtern zu sehen, löste immer besondere Gefühle in ihm aus. Sicher, Liz war ihre beste Freundin gewesen, aber das erklärte es nur zum Teil. Jedenfalls war Marissa einer der wenigen Menschen, denen er seine Töchter ohne jede Vorbehalte anvertraute.

Wie aufs Stichwort stürmten Breanna und Milly in die Küche und kreischten entzückt, als sie Marissa sahen. Sie umarmte die beiden, während sie Tina noch auf dem Arm hielt, und Grady fiel auf, dass seine Töchter schon lange nicht mehr so glücklich ausgesehen hatten.

Auch seine Mutter schien das zu bemerken, und Grady seufzte innerlich. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Seine Mutter mochte Marissa, und offenbar war ihr gerade eine Idee gekommen.

„Wir müssen dann mal“, erklärte er hastig, begleitete Marissa und die Mädchen in den Flur, nahm ihr dann Tina ab und reichte ihr die Rucksäcke der beiden anderen Kinder.

Als Marissa die Autotür öffnete, sah Grady, dass sich der Kindersitz für Milly, den er ihr letztes Mal gegeben hatte, schon auf dem Rücksitz befand. Beeindruckend.

„Ich bringe sie gegen vier zurück. Ist das in Ordnung?“, fragte sie.

„Sicher. Viel Spaß euch dreien!“

Als er ihnen nachwinkte, sah er die strahlenden Gesichter seiner Töchter durch die Seitenfenster. Seufzend atmete er tief durch, drückte Tina an sich und gab ihr einen Kuss auf den Kopf.

„Und du, Süße, darfst einen Tag mit Daddy verbringen.“

Die Kleine lachte glucksend und zog an seinen Haaren. Sie war so ein liebes Kind. Nicht so ernst und in sich gekehrt wie Breanna oder so selbstbewusst und durchsetzungsfähig wie Milly, sondern mehr wie ihre Mom. Sie war erst sechs Wochen alt gewesen, als Liz starb, und es machte ihn immer wieder traurig, dass sie nur so wenig Zeit mit ihrer Mutter gehabt hatte.

Als er wieder in die Küche kam, um Tinas Sachen zu holen, blickte seine Mutter ihn erwartungsvoll an. „Marissa ist eine schöne Frau, nicht wahr? Und sie scheint sich gut von ihrer Scheidung erholt zu haben. Unglaublich, wie sehr die Kinder sie lieben und …“

„Nicht, Mom!“, unterbrach er sie warnend.

Sie seufzte. „Ich meine doch nur …“

„Nein!“, erwiderte er fester. „Niemals. Verstehst du? Das wird niemals passieren.“

Sie nickte und stand auf, doch er sah ihr feines Lächeln.

„Man soll niemals nie sagen“, sagte sie. „Das gilt für dich übrigens genauso, Brant. Und jetzt raus mit euch, ich habe gleich meine Patchworkgruppe hier.“

Grady verabschiedete sich, fuhr mit Tina zur Ranch zurück und versuchte, die Idee zu vergessen, die seine Mutter ihm in den Kopf gesetzt hatte.

Dies wollte ihm leider ganz und gar nicht gelingen.

Marissa verbrachte einen wunderschönen Nachmittag mit den Mädchen und parkte fünf Minuten vor vier wieder vor Gradys Ranch. Grady kam in Jeans und T-Shirt auf die Veranda, die seinen beeindruckenden Körperbau angenehm betonten. Er hatte breite Schultern und eine gut definierte Taille, und seine Muskeln stammten von Jahren harter Arbeit auf der Ranch. So wie er dastand, entspannt und gleichzeitig kraftvoll, wirkte er so unglaublich männlich, dass sie es beim besten Willen nicht ignorieren konnte. Natürlich reagierte die Frau in ihr auf einen attraktiven Mann, selbst wenn er Grady hieß. Sie hätte aus Stein sein müssen – oder blind –, um ihre Hormone hier im Zaum halten zu können.

„Daddy!“

Milly rannte die Treppen hinauf und streckte ihrem Vater ihre frisch lackierten Fingernägel hin, woraufhin Grady in die Hocke ging und sie bewundernd betrachtete. Breanna folgte ihr langsamer, beteiligte sich aber dann doch an dem Bericht darüber, was sie alles Schönes gemacht hatten, bevor sie beide im Haus verschwanden.

Marissa nahm die Rucksäcke der Mädchen und ihre eigene Handtasche und ging ebenfalls die Stufen hinauf, wobei es ihr schwerfiel, Gradys prüfendem Blick standzuhalten.

„Ihr hattet also einen schönen Tag?“, fragte er, kam ihr entgegen und nahm ihr die Rucksäcke ab.

„Ja“, erwiderte sie, plötzlich atemlos.

„Du hoffentlich auch?“

Sie nickte. „Oh ja. Sie waren wunderbar, sogar, nachdem ich sie mit Kuchen und Limo vollgestopft hatte.“

Einen Moment lang runzelte er die Stirn, dann grinste er. „Das glaube ich dir jetzt aber nicht.“

„Na ja, wir waren in der Muffin Box, da gibt es auch Vollkornmuffins und Milchshakes. Liz’ Familie hat das Café offenbar gekauft?“

„Ja. Zu viel Konkurrenz für das Hotel und das Restaurant, also haben sie die Eigentümer rausgekauft. Jetzt haben sie das Monopol in der Stadt.“

„Clever. Eure Beziehung hat sich wohl nicht verbessert?“

Sie wusste, dass Liz’ Familie von deren Wahl nicht begeistert gewesen war. Sie hatten sich für ihre Tochter eine Collegeausbildung und eigene berufliche Karriere gewünscht, doch Liz hatte darauf bestanden, Frau eines Ranchers zu werden. Dass Gradys Ranch die größte und erfolgreichste in der Gegend war, hatte Liz’ Eltern nicht beeindruckt, und nach Liz’ Tod war das Verhältnis zwischen ihnen und Grady noch schlechter geworden. Trotzdem sorgte er dafür, dass seine Mädchen auch mit diesem Teil ihrer Familie regelmäßig Kontakt hatten.

„Nein“, erwiderte er nach kurzem Zögern, „aber es stört mich nicht mehr so sehr.“

„Sie haben nie verstanden, dass Liz einfach nicht fürs Lernen gemacht war. Sie war viel lieber draußen, in ihrem Garten oder bei einem Ausritt.“

„Ja, mit Pferden war sie wunderbar.“

Marissa lächelte. „Da ich ja nun hierbleibe, sollte ich vielleicht auch reiten lernen. Die Mädchen haben die ganze Zeit von ihren Ponys erzählt, ich würde das gern mit ihnen teilen können. Vielleicht kann ich Kinderhüten gegen Reitstunden tauschen?“

Seine Augen weiteten sich. „Du möchtest, dass ich dir Reitstunden gebe?“

„Warum nicht? Du kannst doch ganz gut reiten, oder?“

Er lächelte. „Ja, ich komme zurecht.“

„Und bis du eine neue Haushälterin gefunden hast, brauchst du bestimmt oft jemanden für die Kinder, oder?“

„Wahrscheinlich.“

„Na siehst du. Du hast also weniger Sorgen mit der Zeitplanung, und ich lerne was Neues. Ich würde gern mal mit den Mädchen ausreiten.“

Als sie seinen seltsamen Blick bemerkte, fürchtete sie, etwas Falsches gesagt zu haben. Bei Grady wusste sie nie, woran sie war.

„Es sei denn, du möchtest das nicht“, fügte sie hastig hinzu. „Es war etwas, das sie mit Liz gemacht haben, also vielleicht …“

„Ich glaube, es würde ihnen sehr viel Spaß machen“, unterbrach er sie.

Sie nickte. „Okay. Auch wenn ich bestimmt nicht so eine gute Figur mache wie sie. Sie war immer die Sportlichere von uns beiden.“

„Dafür hat sie dich immer um deine Haare beneidet.“

„Meine Haare?“

Völlig unerwartet streckte er die Hand aus und wickelte sich eine Strähne ihrer Haare um den Finger, um sie dann ebenso plötzlich loszulassen, als hätte er sich verbrannt. Etwas veränderte sich zwischen ihnen, und trotz des kühlen Windes war es Marissa plötzlich schrecklich heiß. Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber sie blieb stehen und atmete tief durch.

„Sie wollte immer glatte Haare“, erklärte Grady.

Marissa schüttelte den Kopf. „Und ich habe sie immer um ihre roten Locken beneidet … Sie waren wunderschön.“

„Ich weiß.“ Grady lächelte etwas zittrig. „Sie war einfach wunderbar.“

Der Schmerz und die Sehnsucht in seiner Stimme machten Marissa das Herz schwer. „Ich vermisse sie so sehr. Jeden einzelnen Tag.“

„Ich auch.“

Marissa spürte einen Kloß im Hals. Sie hatten in den vergangenen zweieinhalb Jahren so oft über Liz gesprochen, und immer noch kamen jedes Mal alle Gefühle wieder hoch. Das würde wahrscheinlich immer so sein. Liz war ihre einzige wirkliche Freundin gewesen.

„Ich weiß nicht, was ich damals ohne sie gemacht hätte, als ich mit zwölf meine Mutter verlor und hierher zu Tante Violet zog. Ich glaube, ich habe sie immer um ihre perfekte Familie beneidet.“

„Nichts ist wirklich perfekt“, erwiderte er. „Ihre Eltern haben sie ziemlich stark unter Druck gesetzt. Deshalb hat sie wahrscheinlich …“

„Rebelliert und dich geheiratet? Aber sie hat dich wirklich geliebt!“

„Und ich sie. Mit ihr war alles so einfach – selbst die Liebe.“

Marissa schluckte. Diese Art von Liebe hatte sie sich immer gewünscht, aber nie kennengelernt. Ihre Mutter hatte sie bis zu ihrem Tod allein großgezogen, von ihrem Vater wusste sie nur, dass er ein durchreisender Cowboy gewesen war. Und dann hatte sie Simon kennengelernt und gedacht, sie hätte das große Los gezogen. Bis sich herausstellte, wie er wirklich war.

„Ich weiß, was du meinst. Sie war einfach rundherum liebenswert und hatte ein riesengroßes Herz.“

„Was leider zu schwach war.“

Marissa nickte. Liz hatte mit neunundzwanzig einen Herzinfarkt erlitten, weil ihr Herz von einer Virusinfektion geschwächt war. Drei Tage später war sie im Krankenhaus an einem zweiten Infarkt gestorben − sechs Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes.

„Ich muss immer an den letzten Tag im Krankenhaus denken“, gestand Marissa. „Sie wusste, wie schlimm es um sie stand, und sie war so stark. Zuletzt hat sie mit mir über dich gesprochen.“ Seltsam, dass sie früher nie den Drang gehabt hatte, ihm das zu erzählen. Bisher waren ihre Gespräche eben nie so persönlich gewesen.

Er hob eine Augenbraue. „Ach ja?“

„Ja. Sie bat mich, darauf zu achten, dass du nicht zu sehr trauerst.“

„Tue ich ja auch nicht“, erwiderte er lächelnd. „Dafür sorgen die Mädchen schon.“

„Ich weiß. Und sie vergöttern dich. Du bist ein toller Vater.“

„Danke. Dich lieben sie übrigens auch heiß und innig. Danke, dass du dir heute Zeit für sie genommen hast. Ein Ausflug ins Nagelstudio und ins Café sind nicht gerade meine Stärken, weißt du. Was mache ich erst, wenn sie in die Pubertät kommen?“

Sie lachte leise. „Du kriegst das schon hin. Und ich bin sehr gern mit ihnen zusammen. Da kann ich schon mal üben.“

„Du möchtest eigene Kinder? Ich dachte, du hättest dich dagegen entschieden, weil, na ja …“

Sie wusste, was er meinte, schließlich war sie verheiratet gewesen. „Simon wollte keine. Aber vielleicht war es gut so, schließlich sind wir jetzt geschieden.“

„Schade. Es hätte ihn vielleicht zum Positiven verändert.“

„Ich glaube, das hätten Kinder auch nicht geschafft.“

Grady hob die Augenbrauen. „Was!? Du hast nie erzählt, warum du dich eigentlich von ihm getrennt hast …“

„Unüberbrückbare Differenzen“, erwiderte sie achselzuckend. Sie hatte keine Lust, mehr dazu zu sagen.

„Weil er ein arroganter, aufgeblasener Widerling war, meinst du?“

Jetzt musste sie doch lachen. „So ähnlich. Ich wusste gar nicht, dass er hier so einen schlechten Eindruck hinterlassen hat.“

„Nicht? Er hat die Stadt ein Kaff genannt und mich John Wayne, schon vergessen?“

Richtig. Simon hatte sich die ganze Zeit über nur beschwert, hatte weder bei Tante Violet noch auf der Ranch wohnen wollen und sich dann über das Hotel aufgeregt.

„Na ja, ich sollte dann wohl mal los“, sagte sie lächelnd. „Danke, dass ich den Tag mit den Mädchen verbringen durfte.“

Als sie sich gerade zum Gehen wandte, kam jemand um die Hausecke. Marissa erkannte Gradys Vorarbeiter, Rex Travers, und nickte ihm zu.

„Guten Tag, Miss“, sagte er höflich. „Der Boss hat gesagt, dass Sie ein paar Zaunbretter repariert haben wollen. Wenn es Ihnen passt, könnte ich Montagvormittag vorbeikommen.“

Marissa lächelte. „Natürlich. Bis dann.“

„Gegen neun?“

„Gern.“ Sie lächelte dem älteren Mann zu. Er war Mitte fünfzig und hatte ein wettergegerbtes Gesicht. Unter dem Hut schauten struppige blonde Haare hervor. Er arbeitete seit sechs Jahren auf der Ranch und war, soweit sie wusste, zuverlässig und gewissenhaft. Er sagte noch etwas zu Grady wegen einer der Kühe und ging dann wieder.

„Na, dann fahre ich mal“, sagte Marissa.

Grady nickte. „Gut. Danke noch mal.“

„Kein Problem.“

Sie wollte gerade ins Auto steigen, als er hinzufügte: „Wenn du reiten lernen willst, bringe ich es dir gern bei.“

„Oh … ja, gern. Das wäre toll.“

„Kauf dir im Reitsportgeschäft in der Stadt ein Paar Stiefel und eine Reitkappe.“

„Ist gut, mach ich.“

Sie stieg ein, wendete und fuhr davon. Im Rückspiegel sah sie, dass er auf der Veranda stehen blieb und ihr nachblickte, die bunten Rucksäcke seiner Töchter noch immer in der Hand. Erst, als sie auf Tante Violets Auffahrt parkte, konnte sie sich endlich entspannen. Es waren nur fünf Minuten von seiner Ranch bis zu ihrer Ranch, und von einer Ecke des Gartens aus konnte sie das Dach von Gradys Ranch sehen.

Zuerst ging sie in den Garten und nahm sich vor, die örtliche Gärtnerei zu bitten, jemanden vorbeizuschicken, um das überwucherte Grundstück wieder in Ordnung zu bringen. Die einfachen Dinge konnte sie selbst machen, aber auch die Bäume mussten dringend geschnitten werden.

Tante Violet würde noch mindestens drei Wochen ausfallen, und sie hatte erwähnt, dass sie nach der Reha eigentlich lieber in die Stadt ziehen würde, weil ihr die Arbeit auf der Ranch einfach zu viel wurde. Sie hatte sich sogar schon nach einem freien Häuschen in einer der Rentnersiedlungen umgeschaut, die rund um das Krankenhaus herum entstanden waren.

Marissa hatte sofort darüber nachgedacht, ihr die Ranch abzukaufen. Das Haus musste renoviert werden, gefiel ihr aber sehr gut, und auf dem Grundstück standen mehrere Gewächshäuser, denn vor vielen Jahren hatte sich Tante Violet mit dem Anbau von Biogemüse ihren Lebensunterhalt verdient. Vielleicht konnte Marissa das Geschäft wieder aufleben lassen? Sie würde sich auf jeden Fall die örtlichen Vermarktungsmöglichkeiten einmal anschauen.

Sie ging ins Haus, duschte ausgiebig und machte sich eine Tasse Tee, dann setzte sie sich vor den Fernseher. Nach einer Weile klingelte ihr Handy, und sie sah Gradys Namen im Display.

„Hi“, sagte sie ein wenig atemloser als beabsichtigt. „Ist alles okay?“

„Alles bestens“, erwiderte er und schwieg dann. Im Hintergrund konnte sie Breanna und Milly spielen hören, und sie lächelte.

„Ich rufe an, weil die Mädchen gefragt haben … ob du rüberkommen würdest“, sagte er.

„Jetzt?“, fragte sie überrascht.

„Nein! Nein … morgen. Morgen Abend. Zum Abendessen.“

Abendessen mit Grady und den Mädchen? Es klang, als ob er diese Einladung nur sehr widerwillig aussprach. Sie atmete tief durch. „Die Mädchen möchten, dass ich zum Abendessen komme?“

„Ja. Genau.“

„Und möchtest du das auch?“

Wieder längeres Schweigen. „Ja. Sicher.“

Nicht sehr überzeugend.

„Um welche Uhrzeit?“

„Sechs.“

„Ist gut, ich komme“, sagte sie und legte auf.

Abendessen mit den Mädchen – toll. Abendessen mit Grady – sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, warum der Gedanke sie unruhig machte. Denn dann hätte sie sich ein paar Dinge eingestehen müssen, die sie gar nicht so genau wissen wollte.

3. KAPITEL

Es war bestimmt keine gute Idee, Marissa zum Abendessen einzuladen – aber da die Mädchen ihn so sehr darum gebeten hatten, hatte er eben nachgegeben. Wenn es die drei glücklich machte, ab und zu ein paar Stunden mit Marissa zu verbringen, würde er dem sicher nicht im Weg stehen.

Pünktlich um drei Minuten vor sechs stellte sie ihren Wagen auf der Einfahrt ab und stieg aus. Sobald Marissa eingetreten war, umringten Breanna und Milly sie aufgeregt und lachend. Es war wirklich schön zu sehen, wie sehr die drei sie mochten. Seit dem Tod ihrer Mutter kam niemand so gut an sie heran wie Marissa. Aber offenbar war ihr gar nicht klar, wie viel sie den Mädchen bedeutete.

„Hi“, sagte sie zu Grady, als er zu ihnen trat.

„Hi zurück“, erwiderte er. „Wir essen heute auf der Terrasse. Die Mädchen haben schon den Tisch gedeckt, um deine Heimkehr zu feiern.“

„Nichts verraten, Daddy.“ Breanna zupfte an seinem T-Shirt. „Es soll doch eine Überraschung sein!“

„Eine Überraschung!?“, sagte Marissa lachend. „Ich liebe Überraschungen!“

„Immerhin bist du jetzt vorgewarnt“, bemerkte Grady.

Tina umklammerte sein Bein und wollte auf den Arm, aber bevor er reagieren konnte, hatte Marissa sie schon aufgehoben. „Ich hab sie“, sagte sie. „Der Koch sollte doch nicht gestört werden“, fügte sie mit einer Geste auf die pinkfarbene Schürze mit silbernem Glitzereinhorn hinzu, die er trug.

„Lachst du mich etwa aus?“

„Na ja, wer so rumläuft, muss mit Spott leben“, erwiderte sie grinsend.

„Stimmt auch wieder.“ Er zupfte an dem kleinen rosafarbenen Stoffstück. „Sie gehört Breanna, aber sie hat darauf bestanden, dass ich sie am Grill trage.“

Marissa hob eine Augenbraue. „Und sie macht dich kein bisschen weniger männlich.“

„Na, danke schön.“

Wieder lachte sie, und der Klang traf ihn mitten ins Herz. Sie sah in ihrem knielangen Jeanskleid und den silbernen Sandalen umwerfend weiblich aus, zumal sie die blonden langen Haare offen trug. Erst gestern hatte er sich eine Strähne um den Finger gewickelt … warum eigentlich? Bisher hatte er die ungeschriebenen Gesetze ihrer oft schwierigen Beziehung noch nie übertreten. Sie war Liz’ Freundin, nicht seine.

Dass er sie auf diese Weise attraktiv fand, war lange vergessen – zumindest, seit er sich in Liz verliebt hatte. Ausgerechnet jetzt, wo sie mit geröteten Wangen vor ihm stand, seine Tochter auf dem Arm, traf es ihn wie der Blitz: Verlangen stieg in ihm auf, heiß und unmittelbar.

Nein! Das durfte nicht sein!

Aber leugnen konnte er es auch nicht. Also atmete er tief durch und wartete darauf, dass es verging. Was natürlich bald sein würde, da es nur von einer Verkettung von Umständen ausgelöst wurde: Marissa war eine schöne Frau, und sie stand in seinem Wohnzimmer. Es hatte rein gar nichts zu bedeuten. Wenn sie wüsste, was gerade in ihm vorging, hätte sie ihm wohl eine gehörige Standpauke gehalten.

Wenn er jemals wieder mit einer Frau ausgehen würde, dann gewiss nicht mit Marissa. Es wäre ihm vorgekommen, als betrüge er Liz … obwohl die ihm sicherlich ihren Segen gegeben hätte. Kurz bevor sie starb, hatte sie ihn geradezu angefleht, nicht allein zu bleiben und wieder glücklich zu werden. So weit war er allerdings noch nicht. Und wenn er so weit war, dann würde er sich eine Frau suchen, die nicht so eng mit seiner Vergangenheit verknüpft war. Marissa war nicht für ihn bestimmt, auch wenn seine Töchter sie liebten.

„Alles okay bei dir?“

Marissas besorgte Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. „Klar. Lass uns rausgehen.“

Sie folgte ihm auf die Terrasse, und er beobachtete, wie ihr Gesichtsausdruck sich veränderte, als sie Breannas und Millys Überraschung sah. Sie war wirklich entzückt, sie tat nicht nur so wie viele Erwachsene, wenn es um Überraschungen von Kindern ging.

Seine Töchter hatten Puppen und Stofftiere auf die freien Plätze gesetzt, Papiergirlanden ausgeschnitten und zwischen die Pfeiler gespannt und den Tisch mit Glitzer und farbigen Glassteinen geschmückt.

„Oh, wow. Das ist wunderschön!“ Sie blickte Breanna und Milly an. „Das habt ihr für mich gemacht?“

„Ja“, antwortete Milly aufgeregt und hüpfte auf und ab. „Daddy hat uns nur ein bisschen geholfen.“

„Das ist wirklich der hübscheste Tischschmuck, den ich je gesehen habe. Da komme ich mir ja wie jemand ganz Besonderes vor.“

„Das bist du ja auch!“, erklärte Breanna und nahm Marissas Hand. „Du bist Mamis beste Freundin. Also bist du auch unsere beste Freundin.“

Grady schluckte schwer. Natürlich. Durch Marissa hielten seine Töchter die Verbindung zu ihrer Mutter und konnten das Gefühl haben, sie wäre noch immer ein Teil ihres Lebens. Traurigkeit breitete sich in ihm aus.

Marissa schaute zu ihm hinüber, und er wusste sofort, dass sie dasselbe dachte. Ihre Augen glänzten ein wenig feucht, als ob sie versuche, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Er hatte sie schon einmal weinen sehen, an Liz’ Todestag. Sie war mit unbewegtem Gesicht aus Liz’ Zimmer gekommen und draußen im Flur in Tränen ausgebrochen. Grady kam von einem Gespräch mit dem Arzt. Er hatte ihr keinen Trost angeboten, weil er keinen zu spenden gehabt hatte. Seine Frau starb, und niemand konnte etwas dagegen tun. Er hatte Marissas Verzweiflung jedoch gespürt, tief in seinem Innern.

Später bei der Beerdigung hatte sie Fassung bewahrt. Sie hatte die Rede gehalten und im Hintergrund dafür gesorgt, dass alles seinen Gang ging. Als alle anderen fort waren und sie die Mädchen zum Einschlafen gebracht hatte, hatte sie Kaffee gekocht und sich ihm gegenüber an den Küchentisch gesetzt. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte − nur, dass er drei Kinder hatte, für die er stark sein musste. Marissa hatte seinen Schmerz geteilt, wie es kein anderer konnte. Sie hatte über den Tisch nach seiner Hand gegriffen und ihm gesagt, dass alles wieder gut werden würde. Und er hatte ihr geglaubt, ihr vertraut, hatte echten Trost in ihren Worten gefunden. Er schuldete ihre eine Menge dafür, dass sie ihm an diesem Tag ihre Stärke geschenkt hatte.

Grady verscheuchte die Gedanken und schob die Mädchen ein Stück zur Seite. „Macht mal ein bisschen Platz für Marissa, damit sie sich in Ruhe hinsetzen kann.“

„Aber Daddy, ich will …“

„Kein Aber“, gab er zurück. „Ich mache jetzt mit dem Essen weiter, und ihr könnt inzwischen die Limonade aus dem Kühlschrank holen.“

Breanna nickte und zog mit Milly ab.

„Alles okay?“, fragte Grady.

Marissa nickte und drückte Tina an sich, bevor sie das Mädchen auf den Spielteppich setzte. „Ja. Es war nur …“

„Ich weiß. Sie können manchmal wirklich herzzerreißend sein.“

„Sie vermissen sie so sehr“, erwiderte sie seufzend. „Mir war, glaube ich, gar nicht klar, wie sehr. Und ich bin wirklich beeindruckt, wie gut du die letzten zwei Jahre zurechtgekommen bist.“

Achselzuckend wandte er sich wieder dem Grill zu. „Ich hatte ja Hilfe. Meine Mom ist wunderbar, und meine Cousine Brooke springt auch hin und wieder ein. Und mein bester Freund Tanner war immer da, wenn ich ihn brauchte.“

„Nur ich bin zurückgefahren nach New York“, fügte sie reumütig hinzu.

„Du konntest ja nicht einfach dein eigenes Leben über den Haufen werfen. Mach dir deshalb keine Gedanken.“

„Aber ich hätte mehr tun sollen. Ich hatte Liz versprochen, dass …“

„Sie hat nie erwartet, dass du hierbleibst. Ich bin für die Mädchen verantwortlich, nicht du und auch sonst niemand.“

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. „Soll das eine Zurechtweisung sein?“

Ärger stieg in ihm auf. Anscheinend sagte er ständig irgendwas, was sie völlig missverstand. „Nein, ich wollte nur nicht, dass du dir Vorwürfe machst.“

Vielleicht hatte er es ja gut gemeint, und vielleicht hatte er auch recht. Aber Marissa ärgerte sich trotzdem über seine überheblichen Worte − als ob er wüsste, was das Beste für sie war. Als wolle er nicht, dass sie sich einmischte. Als wolle er sagen, sie hätte lieber in New York bleiben sollen …

„Wenn du nicht möchtest, dass ich Zeit mit den Mädchen verbringe, dann sag es einfach.“

Er legte die Grillzange weg und drehte sich zu ihr um. „Du bist doch hier, oder nicht?“

„Ich bin hier, weil Breanna und Milly sich das gewünscht haben. Aber ansonsten mache ich mir nichts vor, Grady. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich nicht willst.“

Er riss die Augen auf, und ihr fiel auf, wie strahlend blau sie waren. Und er blickte sie so eindringlich an, dass ihr der Atem stockte. Sein Blick war geradezu hypnotisch, und sie hatte das Gefühl, geradezu in ihn hineingesogen zu werden. Sie versuchte wegzuschauen, aber es ging nicht.

„Ob ich dich will“, sagte er unerträglich langsam, „ist hier nicht der Punkt.“

Plötzlich wurde ihr klar, wie provokant ihre Worte geklungen haben mussten. Du willst mich nicht …

„Ich meinte, du willst mich ganz offensichtlich nicht hier haben“, verbesserte sie sich hastig.

„Will ich nicht?“, gab er zurück. „Meinst du?“

Da in diesem Moment Breanna und Milly zurückkamen, entkam sie einer Antwort. Sie setzte ein Lächeln auf und spielte mit den beiden Mädchen, während Grady die Steaks grillte. Schließlich setzten sie sich zum Essen, und sie beobachtete, wie liebevoll Grady die drei versorgte. So sollte ein Vater sein. Nicht, dass sie einen Vergleich gehabt hätte, in ihrer Kindheit und Jugend waren keine Männer vorgekommen. Aber wenn sie jemals Kinder haben sollte, wünschte sie sich für sie einen Vater, dem seine Kinder über alles gingen und der seine Familie bis zum letzten Atemzug verteidigen würde. Einen Mann wie Grady.

Oha.

Marissa schluckte und schob den Gedanken beiseite. Am besten vergaß sie ihn ganz schnell, denn er war völlig verrückt. Sicher, vielleicht würde sie eines Tages wieder heiraten und sogar Kinder haben, aber ganz bestimmt nicht mit Grady. Grady war tabu für sie. Ganz gleich, was für ein toller Vater er war. Oder was für blaue Augen er hatte.

„Alles okay?“, fragte er. „Ist das Steak so gut?“

Sie nickte und nahm sich vom Salat. „Sieht gut aus. Genau, wie ich es mag.“

Er lächelte kaum merklich. „Was immer ich tun kann, um dich glücklich zu machen …“

Das stimmte nicht, und sie wussten es beide. Keiner von ihnen ging für den anderen Kompromisse ein. Es hätte ihm besser gefallen, ihr ein halbrohes Steak zu servieren und ihr zu sagen, so mache er sie nun einmal. Aber das hatte er nicht getan. Dennoch konnte sie die deutliche Anspannung zwischen ihnen fast körperlich spüren.

Nach dem Essen spielten die Mädchen mit den Puppen, die am Tisch saßen. Grady brachte dann Tina ins Bett. Marissa räumte den Tisch ab und befüllte die Spülmaschine. Breanna und Milly halfen ihr dabei, und es fiel ihr auf, wie vertraut sich das anfühlte – als machten sie es jeden Tag so. Der Gedanke, wie viel Liz verloren hatte, traf sie mit voller Wucht, und sie dankte ihrer Freundin im Stillen für die Zeit, die sie mit ihrer Familie verbringen durfte.

Als Grady wieder in die Küche kam, schickte er die beiden größeren Mädchen mit dem Versprechen einer Gutenachtgeschichte ins Bad.

„Du hast aufgeräumt?“, fragte er, als sie draußen waren.

Marissa zuckte die Achseln. „Es ist das Mindeste, was ich tun konnte, wo du schon gekocht hast.“

Die pinkfarbene Schürze trug er jetzt nicht mehr, aber er hatte noch ein bisschen Glitzerstaub auf der Jeans. Als sie ihn so betrachtete, machte sich ein seltsames Gefühl in ihr breit, das sie nicht so recht beschreiben konnte. Es war nicht nur eine Reaktion darauf, wie gut er aussah. Schließlich kannte sie noch andere attraktive Männer. Ihr Exmann war auch nicht gerade hässlich gewesen. Aber Grady war einfach anders. Er strahlte Selbstvertrauen aus, ohne überheblich zu wirken. Und er war so liebenswürdig, obwohl sie sich ständig zu streiten schienen. In der Highschool waren sie freundlich miteinander umgegangen, ohne wirklich Freunde zu sein. Schon damals war sie in seiner Nähe immer ganz kribbelig geworden, aber sie hatte sämtliche Gefühle dieser Art weggeschoben, als er anfing, mit Liz auszugehen, auch wenn es ihr ein wenig das Herz brach. Natürlich hatte sie nie etwas davon gesagt, denn sie wollte ihre Freundin auf keinen Fall verletzen oder in eine schwierige Situation bringen. Und schließlich war sie über ihre harmlose Schwärmerei hinweggekommen. Hatte sie zumindest gedacht …

Denn gerade jetzt sah er in seinen Jeans und dem dunkelblauen Poloshirt so umwerfend aus, dass sie einfach nicht darum herumkam, ihn attraktiv zu finden. Sehr sogar.

„Kaffee?“, fragte sie mit etwas gequetschter Stimme.

„Gern“, erwiderte er und umrundete den Frühstückstresen. „Aber den mache ich. Möchtest du den Mädchen in der Zwischenzeit etwas vorlesen?“

„Oh ja, sehr gern.“

„Na dann los!“

Eilig verließ sie die Küche. Sie brauchte ein wenig Abstand, denn die Küche hatte sich auf einmal so klein angefühlt und die Luft wie elektrisch aufgeladen. Ein wenig Ablenkung kam da gerade recht. Sie las den Mädchen eine Geschichte vor und sagte ihnen Gute Nacht, dann kehrte sie in die Küche zurück.

Grady saß an dem runden Esstisch und blickte von seiner Tasse auf, als sie hereinkam.

„Na, schlafen sie?“

„So gut wie. Ich habe ihnen gesagt, dass du nachher noch einmal nach ihnen schaust. Und ich sollte wohl besser gehen. Morgen ist Schule und …“

„Nicht für mich“, sagte er und deutete auf die zweite Tasse auf dem Tisch. „Und für dich auch nicht.“

Sie nickte langsam und setzte sich. Außer dem Ticken der Wanduhr war nichts zu hören. Es war ein ganz einfacher Augenblick, der sich aber plötzlich sehr kompliziert anfühlte – und sie wusste nicht einmal genau, warum. Warum herrschte nur immer diese Spannung zwischen ihnen beiden? Bisher hatte sie dies erfolgreich ignoriert. Aber jetzt ging es nicht mehr.

„Grady, ich …“

„Warum hast du dich scheiden lassen?“

Diese Frage hatte sie nicht erwartet. Grady hatte sie noch nie etwas Persönliches gefragt. Liz war ihre Vertraute gewesen, fast so etwas wie eine Seelenverwandte, nicht er.

„Er war … nicht treu.“

So. Nun war es raus. Zum allerersten Mal. Ohne Liz hatte sie niemanden gehabt, mit dem sie darüber hätte reden können. Es auszusprechen, tat gut.

Grady blickte sie ruhig an. „Elender Bastard.“

Gefühle schnürten ihr die Kehle zu. „So kann man es auch sagen.“

„Und du bist froh, dass du ihn los bist?“

„Ja, ich denke schon.“

„Liebst du ihn noch?“

„Nein.“

Ihre schnelle und bestimmte Antwort schien ihn zu überraschen. „Vermisst du es, verheiratet zu sein?“

Wieder eine unerwartete Frage. „Manchmal“, gab sie zu und nahm einen Schluck Kaffee. „Ich vermisse es, mit jemandem zu reden. Ich vermisse … Intimität.“

„Sex?“

Marissa lachte ein wenig spröde. „Das ist die typische Männerreaktion auf das Konzept Intimität.“

„Na ja, wir Männer sind nicht besonders komplex“, erwiderte er lächelnd, „aber ich kenne schon den Unterschied zwischen emotionaler und körperlicher Intimität.“

„Gut zu wissen.“

Es hätte humorvoll klingen sollen, aber die Worte kamen ganz anders heraus. Wie ein Flirtversuch – eine Einladung geradezu. Seine Augenfarbe veränderte sich, und er stellte die Tasse auf den Tisch. Marissa hielt seinem Blick stand, auch wenn sie am liebsten davongelaufen wäre.

„Weißt du“, sagte er leise, „du bist wirklich unglaublich schön.“

Sie atmete scharf ein. „Tu das nicht.“

„Tu was nicht?“

„Flirte nicht mit mir.“

Gradys Augen wirkten plötzlich noch blauer. „Tue ich das denn?“

„Ich weiß nicht, was genau du tust.“

Er lachte leise. „Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht, Marissa. Aber du hast irgendetwas an dir, das ich einfach nicht ignorieren kann.“

„Du meinst die Tatsache, dass wir uns immer schon unsympathisch waren?“

„Du warst mir nie unsympathisch.“

Etwas in ihr schmolz dahin. „Aber du redest fast nie mit mir.“

„Wir reden doch jetzt.“

„Ich meine, früher“, sagte sie schnell. „Als Liz noch lebte, dachte ich immer, du tolerierst mich nur, weil ich ihre Freundin war.“

Er zuckte die Achseln, als hätte sie recht, aber er wolle es nicht zugeben. „Ich … ich mag dich.“

Allerdings klang es nicht danach. Eher so, als hätte er die Worte nur widerwillig gesagt. Fast hätte sie erwidert, dass es ihr bei ihm ebenso ging, aber sie schwieg. Besser, es standen nicht noch mehr Dinge zwischen ihnen.

„Ich muss jetzt los“, erklärte sie und schob den Stuhl zurück.

Grady sprang sofort auf und versuchte nicht, sie zum Bleiben zu überreden. Marissa griff nach ihrer Tasche und ging zur Haustür, die er für sie öffnete. Zusammen traten sie auf die Veranda.

„Danke, dass du gekommen bist. Es hat den Mädchen eine Menge bedeutet.“

Sie nickte. „Mir auch. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Als sie die Treppe hinunterging, rief er ihren Namen.

Sie drehte sich um. „Ja?“

„Ich mag dich so sehr, dass ich dich im Abschlussjahr fragen wollte, ob du mit mir zum Ball gehst.“

Zum Ball? Wovon redete er?

Sie schüttelte den Kopf. „Du hast aber Liz gefragt.“

Er nickte. „Aber dich wollte ich zuerst fragen. Sie hat es mir ausgeredet. Sie meinte, du wärst nicht interessiert.“

Oh Liz.

Marissa biss sich auf die Lippe. Auf keinen Fall würde sie ihrer toten Freundin widersprechen. „Da kannte sie mich wohl besser, als ich dachte. Gute Nacht, Grady.“

Als sie ins Auto stieg, zitterten ihr die Hände, und sie zitterten noch, als sie zu Hause ankam, sich umzog und auf die Couch sinken ließ.

Liz hatte gelogen!

Marissa hatte ihrer Freundin Liz damals gestanden, dass sie sich in Grady verliebt hatte und hoffte, er würde mit ihr zum Abschlussball gehen. Doch das hatte er nicht getan. Stattdessen hatte er Liz gefragt, und bald darauf waren sie ein Paar geworden. Und Liz war aufgeblüht in dieser Beziehung, also hatte Marissa ihre Gefühle verdrängt, sich für ihre beste Freundin gefreut und nie wieder daran gedacht.

Sie war aufs College gegangen, nach New York gezogen, hatte Simon kennengelernt und war glücklich gewesen – bis alles um sie herum zusammenbrach. Und sie hatte Liz nie beneidet – nicht bei der Traumhochzeit und nicht bei den Geburten ihrer Töchter. Sie hatte Liz geliebt, und ihr Tod hatte Marissa das Herz gebrochen. Und sie würde jetzt nicht zulassen, dass etwas, das vor so vielen Jahren passiert war, ihre Erinnerungen trübte.

Dennoch war sie bedrückt, als sie ins Bett ging. Am nächsten Morgen wachte sie um sechs auf, frühstückte und ging in den Garten, um Unkraut zu jäten. Gegen neun kam Rex, und sie zeigte ihm die zerbrochenen Zaunlatten und überließ ihn dann seiner Arbeit. Er war ein schweigsamer Mann und vermied es, ihr in die Augen zu sehen.

Gegen halb zehn hörte sie ein Auto auf der Auffahrt, zog sich die Gartenhandschuhe aus und wischte sich auf dem Weg nach vorn die Hände an der Jeans ab. Gradys Truck stand vor dem Haus, und er hatte wieder den Pferdehänger dabei. Rex war ihr gefolgt und ging zu Grady, der dabei war, den Hänger zu öffnen. Die beiden Männer sprachen kurz miteinander, dann führte Grady ein schwarzes Pferd vom Hänger und ihre Auffahrt hinauf.

Sie ging zu ihm und stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist das?“

Er reichte ihr die Führleine. „Für dich.“

„Wie bitte?“

„Sie braucht ein Zuhause“, erklärte er und deutete auf die Weiden und Ställe, die sich an den Garten anschlossen. „Und du hast Platz.“

Sprachlos starrte Marissa ihn an. „Du schenkst mir ein Pferd?“

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Rex noch beim Hänger stand und sie beide beobachtete.

Grady zuckte die Achseln. „Sie ist schon alt, etwa sechsundzwanzig. Aber sie ist noch topfit, und sie wird dir ein gutes Reitpferd sein, bis du ganz sicher im Sattel sitzt.“

Bezaubert streichelte Marissa den glänzenden Hals des Pferdes. „Woher kommt sie?“

„Ich habe sie vor ein paar Jahren gekauft. Die Mädchen haben mit ihr den Umgang mit Pferden gelernt, aber reiten können sie auf ihr nicht, dafür ist sie zu groß. Für dich ist sie allerdings ideal.“

Die Stute rieb ihren Kopf an Marissas Arm. „Sie ist wunderschön! Ich möchte sie dir bezahlen.“

„Nicht nötig.“ Grady setzte sich in Bewegung und führte das Pferd durch den Garten zur ersten Weide. „Sie hat sich ihre Altersruhe wirklich verdient.“

Marissa folgte ihm und wartete am Zaun, während er die Stute auf der Weide abzäumte. Jede seiner Bewegungen war bewundernswert ruhig und selbstsicher. Das Pferd wieherte, als er es laufen ließ, und trabte ein paar Runden über die Wiese.

„Sie ist herrlich“, sagte sie, als Grady zurückkam. „Ich danke dir … das ist sehr großzügig von dir.“

Grady stützte sich neben sie auf den Zaun. „Ich dachte, du freust dich über etwas Gesellschaft.“

„Tue ich“, erwiderte sie lächelnd. „Werden die Mädchen sie nicht vermissen?“

„Sie haben doch ihre eigenen Ponys. Die alte Ebony hat in letzter Zeit nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.“

„Ich werde mich gut um sie kümmern. Und ich werde mir wohl Reitzeug kaufen müssen – einen Sattel und Zaumzeug und so.“

„Habe ich alles mitgebracht. Rex lädt es gerade aus und bringt es in den Stall.“

„Danke“, wiederholte sie mit unsicherem Lächeln. „Ich sollte allerdings wirklich …“

„Es ist ein Geschenk, Marissa!“, sagte er fest. „Wenn das für dich zu schwer zu akzeptieren ist, dann betrachte es als Gegenleistung für die Freundlichkeit, die du meinen Töchtern entgegenbringst.“

„Ich brauche doch keine Bezahlung dafür, dass ich die Mädchen liebe! Also wirklich, Grady, wofür hältst du mich?“

Er gab einen frustrierten Laut von sich, und sie spürte seinen Ärger. Unbehagen machte sich in ihr breit. Aber das hier war nicht Simon. Sie hatte von Grady nichts zu befürchten. Das wusste sie. Eher musste sie Angst davor haben, was in ihr gerade vorging – ihre Gefühle waren ein einziges Chaos.

„Kann ich bei dir denn nie was richtig machen? Ich habe dich nicht kritisiert. Ich habe nichts angedeutet. Ich wollte dir nur ein Pferd schenken, weil du erwähnt hast, dass du reiten lernen willst. Ich wollte nur etwas Nettes für dich tun, Marissa.“

„Warum?“

Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich weiter, und sie verzog schuldbewusst das Gesicht.

„Woher zum Teufel soll ich das wissen!?“

Damit drehte er sich um, ging mit großen Schritten zu seinem Truck zurück und fuhr in einer Staubwolke davon.

4. KAPITEL

„Stimmt was nicht?“

Grady zog einen weiteren Heuballen von der Pritsche und drehte sich zu Rex Travers um, der mit verschränkten Armen hinter ihm stand. Er mochte Rex – er war ein guter Vorarbeiter, und Grady konnte sich, was die Ranch anging, voll auf ihn verlassen. Die Mädchen liebten ihn, und er war immer freundlich und geduldig mit ihnen. Grady betrachtete ihn inzwischen als Freund – aber das hieß nicht, dass er mit ihm über seine schlechte Laune sprechen wollte.

„Nein, alles in Ordnung“, erwiderte er.

„Du hattest es aber ziemlich eilig, heute Morgen bei Miss Violet loszufahren.“

Ich hatte es eilig, von Marissa wegzukommen …

Grady stapelte den Heuballen auf die anderen und griff nach dem nächsten. „Und?“

„Und du hast Miss Ellis angeschrien.“

„Hab ich nicht“, gab Grady zurück.

Rex hob die buschigen Brauen. „Hast du wohl. Und es hat ihr nicht gefallen.“

„Hat sie das gesagt?“

„Nein, aber ich habe ihren Gesichtsausdruck gesehen. Ich glaube, sie mag keine lauten Stimmen.“

„Ich habe ja auch nicht geschrien“, wiederholte Grady und wischte sich die Hände an der Jeans ab. „Können wir jetzt weiterarbeiten? Ich möchte, dass du mit Pete heute bei Flat Rock den Zaun am Fluss reparierst.“

„Natürlich. Sonst noch was?“

„Behalt deine klugen Ratschläge für dich.“

Rex grinste breit. „Kann ich nicht versprechen.“

„Versuch’s“, erwiderte Grady und griff nach dem nächsten Heuballen.

Der ältere Mann ging lachend davon, und Grady hielt mit der Arbeit inne und zuckte mit den Schultern. Verdammt – er hasste es, wenn Rex recht hatte. Das war fast so schlimm, wie wenn seine Mutter ihm eine Standpauke hielt.

Als er das Heu abgeladen hatte, ging er ins Haus, wo seine Mutter das Mittagessen vorbereitete. Seit er ohne Haushälterin war, half sie ihm, wo sie nur konnte.

„Danke, dass du heute Zeit hattest“, sagte er.

„Kein Problem. Für die Mädchen tue ich doch alles. Aber denk bitte dran, dass ich ab Donnerstag für fünf Tage nicht in der Stadt bin.“

„Ich weiß, aber Brant, Tanner und Cassie sind ja auch noch da.“

„Und Marissa“, fügte sie mit feinem Lächeln hinzu.

Er stöhnte. „Jetzt fang bitte nicht damit an!“

„Womit denn?“, fragte sie unschuldig. „Sie wäre perfekt für dich. Mit jemandem anderen zusammen zu sein, bedeutet doch nicht, dass du Liz weniger liebst.“

Grady schluckte. „Ich weiß. Aber ich bin einfach noch nicht so weit.“

„Um wieder zu lieben?“

„Um wieder zu fühlen.“

Colleen lächelte und tätschelte seinen Arm. „Aber das ist es, was uns zu Menschen macht.“

„Kann sein. Und ich verstehe ja, was du meinst. Und ich muss auf meine Art dorthin kommen.“

„Die langsame Art, ich weiß schon. Du bist deinem Vater so ähnlich. Er hat auch immer über alles endlos nachgedacht. Weißt du, dass er acht Monate brauchte, um mich zu fragen, ob ich mit ihm ausgehe?“

Grady schüttelte den Kopf. „Willst du auf etwas Bestimmtes hinaus?“

„Natürlich.“ Sie grinste. „Du bist ein Cowboy, und es wird Zeit, dass du wieder in den Sattel steigst.“

„Ich fasse es nicht“, murmelte er. Seine Mutter hatte manchmal wirklich kein Schamgefühl. Aber er wusste ja, dass sie es gut meinte.

„Hast du noch etwa eine Stunde Zeit, um auf Tina aufzupassen, bevor ich die Mädchen von der Schule abhole?“, fragte er. „Ich muss vorher noch was erledigen.“

„Oh, willst du etwa zu Marissa?“, fragte seine Mutter. „Das ging ja schnell.“

Grady verdrehte die Augen. Es war einfach zwecklos, mit seiner Mutter zu diskutieren. Sie hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dass Marissa die geeignete Kandidatin für ihn war. Aber das war sie eben nicht. Es wäre ihm vorgekommen, als betrüge er Liz mit ihrer besten Freundin. Was er dann ja auch tun würde …

Er verdrängte das Bild aus seinen Gedanken und griff nach seinem Hut. Dagegen, dass seine Mutter ihn unbedingt verkuppeln wollte, konnte er nichts tun. Gegen sein schlechtes Gewissen schon, weil er Marissa am Morgen angeschrien hatte.

Ein paar Minuten später parkte er vor Miss Violets Haus und stieg aus dem Truck. Aus dem Garten schallte laute Popmusik, und er sparte sich das Klopfen an der Haustür und ging direkt durch die Gartenpforte nach hinten. Marissa kniete in einem überwucherten Beet und jätete Unkraut. Sie trug Jeans, ein kariertes Hemd, das sie in der Taille verknotet hatte, und einen großen Strohhut. Fasziniert schaute er zu, wie sie das Unkraut mit einer kleinen Forke ausgrub und dabei im Takt der Musik die Hüften schwang. Heißes Verlangen stieg in ihm auf, das er hastig abschüttelte. Er wollte Marissa nicht begehren, wollte nicht an ihre verführerischen Kurven denken, an ihre warmen braunen Augen oder ihre weichen, einladenden Lippen.

Schließlich hielt sie inne, als hätte sie bemerkt, dass sie beobachtet wurde, und drehte sich zu ihm um. Als sie ihn erkannte, legte sie die Forke weg und stand auf. Ohne ein Wort ging sie an ihm vorbei ins Haus. Kurz darauf verstummte die Musik, dann kam sie mit zwei Flaschen kalter Limonade wieder heraus. Sie reichte ihm eine, wobei ihre Hände sich streiften. Die leichte Berührung reichte, um seinen Puls zu beschleunigen, und er öffnete schnell seine Flasche, um seinen Händen etwas zu tun zu geben.

Das Schweigen zwischen ihnen sprach Bände, dehnte sich aus und machte es ihm immer schwerer, seine Gedanken im Zaum zu halten.

Schließlich sagte er: „Tut mir sehr leid, dass ich dich heute Morgen angeschrien habe.“

Sie lehnte sich an das Terrassengeländer, schob den Strohhut in den Nacken und blickte ihn an. „Du bist extra hergekommen, um dich zu entschuldigen?“

„Es ist ja nicht weit. Und ja, man hat mir gesagt, dass ich mich heute Morgen wie ein Idiot benommen habe.“

„Nur heute Morgen?“, fragte sie.

Auf einer Wange hatte sie einen Streifen Erde, und er fischte sein Halstuch aus der hinteren Jeanstasche und ging einen Schritt auf sie zu. „Halt still“, befahl er und wischte die Erdkrumen weg. Als er fertig war, trat er wieder zurück und steckte das Halstuch weg. „So ist es besser.“

Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen strahlten, und ihr Mund war leicht geöffnet. Noch nie hatte sie schöner ausgesehen. Und in diesem Moment wurde ihm etwas klar. Diese ständige Gereiztheit, die er seit Tagen empfand, hatte eine ganz einfache Ursache: Er begehrte Marissa. Auf einmal hatte er das Gefühl, wieder auf der Highschool zu sein – als er darüber nachgedacht hatte, ob er Marissa zum Abschlussball einladen konnte, und als Liz ihm erklärte, dass ihre Freundin nicht interessiert sei.

Er hatte Liz zutiefst geliebt und seine Teenagerschwärmerei für Marissa lange vergessen. Doch jetzt kam das Gefühl mit Macht zurück, als wolle es sich für die lange Missachtung rächen.

„Und, wer hat es dir gesteckt?“, fragte sie.

Einen Moment lang dachte er, sie hätte seine Gedanken gelesen, doch dann wurde ihm klar, dass sie sich darauf bezog, was er vorher gesagt hatte.

„Rex, mein Vorarbeiter“, antwortete er. „Er meinte, ich hätte dich angeschrien. Und dass es dir nicht gefallen hat.“

„Da hat er beide Male recht. Kluger Kerl.“

„Es tut mir sehr leid. Ich wollte das nicht. Ich war …“

„Ich weiß“, unterbrach sie ihn. „Das passiert uns beiden ständig.“

„Das ist aber keine Entschuldigung dafür, dass ich dich angeschrien habe. Ich bin normalerweise nicht so.“

„Nur bei mir?“

Unbehaglich zog er die Schultern hoch. „Ich war auf mich selbst sauer und habe es an dir ausgelassen.“

Sie seufzte und lächelte leicht. „Ich habe wahrscheinlich ziemlich undankbar geklungen. Aber das bin ich nicht. Es war sehr nett von dir, mir Ebony zu bringen. Ich habe heute schon Zeit mit ihr verbracht, und sie ist wirklich eine ganz Süße.“

„Ja“, bemerkte er beiläufig, „ich dachte mir, dass ihr gut zusammenpassen würdet.“

Über den Flaschenhals warf sie ihm einen prüfenden Blick zu. „Willst du damit sagen, dass ich auch süß bin?“

„Das denkt jedenfalls meine Mom“, ruderte er hastig zurück.

Jetzt lächelte sie richtig. „Das ist ein ziemlich großes Kompliment.“

„Ja, so ist sie, meine Mom. Sie mag dich. Und sie hält große Stücke auf dich, weil du dich so liebevoll um die Mädchen kümmerst.“

„Ich liebe die Mädchen“, erwiderte sie leise. „Und deine Mom war immer sehr nett zu mir. Bei Liz’ Beerdigung hat sie meine Hand gehalten, wusstest du das? Sie hat neben mir gesessen und mir geholfen, die Trauerfeier durchzustehen.“

Gradys Herz wurde schwer. „So, wie du später mir in der Küche geholfen hast, nachdem alle weg waren?“

„Daran erinnerst du dich?“

„Natürlich. Und das mit meiner Mom wusste ich nicht.“

„Sie ist wunderbar. Du kannst wirklich froh sein, dass du sie hast.“

„Bin ich auch“, erwiderte er mit einem schiefen Lächeln. „Nur hat sie sich zurzeit leider etwas in den Kopf gesetzt.“

„Ach ja?“

„Ja. Sie will, dass ich wieder eine Frau finde.“

Marissa lächelte breit. „Du meinst zum Heiraten?“

„Ganz genau.“

„Und willst du das auch?“

Grady zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht.“

„Weil du das Gefühl hast, immer noch mit Liz verheiratet zu sein?“

Es war das erste Mal, dass ihm jemand diese doch ziemlich offensichtliche Frage stellte. Offenbar verstand Marissa, was in ihm vorging, und sie hatte auch keine Angst, ihn direkt danach zu fragen. Aber sie war ja auch von Anfang an dabei gewesen … von der Hochzeit über die Geburt der Mädchen bis hin zu Liz’ Todestag. Kein Wunder, dass sie seine Gefühle besser kannte als jeder andere – schließlich hatte sie Liz auch geliebt. Das würde sie immer verbinden – und das würde zugleich immer zwischen ihnen stehen.

„Man kann seine Gefühle eben nicht einfach abstellen“, erklärte er.

Mit großen Augen blickte sie ihn an. „Da hast du recht.“

Ob sie an ihren Exmann dachte? Sie hatte gesagt, dass sie ihn nicht mehr liebte, aber so ganz überzeugt war er davon nicht. Jedenfalls würde es den verlorenen, manchmal geradezu gequälten Ausdruck in ihren Augen erklären, der ihm so naheging.

„Also, verzeihst du mir?“, fragte er.

Sie nickte. „Natürlich. Liz würde es nicht wollen, dass wir uns streiten.“

„Stimmt. Deine Freundschaft war ihr sehr wichtig. Und mir ist sie es ebenfalls. Liz wusste …“ Er unterbrach sich und setzte neu an. „Sie wusste, wie wichtig du für die Mädchen sein würdest, wenn sie nicht mehr ist.“

Als er ihr in die Augen blickte, sah er die Tränen darin. „Ich werde immer für sie da sein.“

„Ich weiß.“

Auch Liz hatte es gewusst. Vor ihrem Tod hatte sie ihn um zwei Dinge gebeten – Marissa am Leben der Mädchen teilhaben zu lassen und wieder glücklich zu werden.

Er hatte es ihr versprochen, aber bis jetzt hatte er sein Versprechen nicht erfüllt. Er war zufrieden, aber nicht glücklich. Er hatte seine Kinder, die Ranch, seine Familie und Freunde … Mehr zu erwarten, kam ihm unangemessen und arrogant vor.

„Na ja, dann sollte ich dich mal nicht weiter von der Gartenarbeit abhalten.“

„Okay. Aber ich wollte sowieso bald los und Tante Violet besuchen.“

Grady nickte. „Wann kommt sie nach Hause?“

„Es ist noch gar nicht sicher, ob sie überhaupt wieder heimkommt. Sie überlegt, ob sie in ein Seniorenwohnviertel zieht. Die neue in der Nähe des Krankenhauses gefällt ihr sehr gut.“

„Und bleibst du dann trotzdem hier?“

„Auf jeden Fall. Ich könnte Tante Violet die Ranch abkaufen, ich habe genug gespart, und eine Abfindung habe ich bei der Scheidung auch bekommen. Ich hatte dran gedacht, die Gewächshäuser wieder zu aktivieren und Biogemüse anzubauen.“

Marissa als Gemüsebäuerin? Das hatte er nicht erwartet. „Kennst du dich mit Biogemüse denn aus?“

„Kein bisschen“, gestand sie freimütig. „Aber Marketingexperten werden hier wohl nicht so viele gebraucht, und irgendwas muss ich ja machen. Und ich lerne schnell.“

„Na, dann hoffe ich, dass es klappt.“

Sie stöhnte. „Ehrlich, du kannst manchmal so herablassend sein.“

„Gehört zu meinem Charme“, erwiderte er feixend. „Aber du könnest eins der Gewächshäuser auch in eine Töpferwerkstatt umbauen.“

Überrascht blickte sie auf. „Meinst du? Ich weiß nicht. Ich habe seit Jahren nicht an der Töpferscheibe gesessen.“

Liz hatte ihm erzählt, dass Marissa am College nach zwei Semestern Bildender Kunst auf Marketing umgesattelt hatte, weil ihr der Traum zu unsicher vorgekommen war, irgendwann ihr eigenes Töpferstudio zu eröffnen.

„Vielleicht ist das die Gelegenheit, wieder damit anzufangen. Mittlerweile gibt es mehrere Kunsthandwerkerläden in der Stadt und genügend Touristen, die die Sachen auch kaufen. Diese ausgefallenen Tassen, die du damals gemacht hast, kämen bei denen bestimmt gut an.“

Sie zuckte die Achseln. „Vielleicht.“

„Und wo du gerade vom Lernen sprichst, Samstagvormittag hast du deine erste Reitstunde. Ich sag dir noch, um welche Uhrzeit.“

„Oh, schön“, erwiderte sie, und ihr Gesichtsausdruck hellte sich auf.

„Jetzt muss ich aber los, Breanna und Milly von der Schule abholen.“ Er stellte die leere Limoflasche auf das Geländer. „Du kannst jederzeit vorbeikommen und die Mädchen sehen, das weißt du, oder?“

„Ich weiß“, erwiderte sie. „Bis dann.“

Er tippte an seinen Hut und verließ den Garten – auch wenn er sehr gern noch länger geblieben wäre, um mit ihr zu plaudern.

Und das bedeutete, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten war …

Man kann seine Gefühle eben nicht einfach abstellen …

Marissa gingen noch Tage später Gradys Worte nicht aus dem Kopf. Sie fragte sich, warum er extra vorbeigekommen war, wenn er auch einfach hätte anrufen können. Sie waren schließlich keine Freunde … jedenfalls nicht wirklich. Ihre einzige Verbindung war Liz, und das wussten sie beide. Sein Vorschlag, eins der Gewächshäuser in eine Töpferwerkstatt umzubauen, hatte sie daran erinnert, was sie damals aufgegeben hatte. Es war einmal ihr großer Traum gewesen, vom Töpfern zu leben. Doch dann hatte sie angefangen, an der Machbarkeit ihres Traums zu zweifeln und sie hatte lieber Wirtschaft und Marketing studiert und nur noch in der Freizeit getöpfert. Nachdem sie Simon kennengelernt hatte, war auch dafür keine Zeit mehr geblieben. Bei einem ihrer letzten Streits hatte er die meisten ihrer Sachen zerschmettert, und seitdem fehlte ihr die Lust, sich wieder an die Scheibe zu setzen. Vielleicht hatte Grady recht. Vielleicht wäre eins der Gewächshäuser ein ideales Atelier.

Die Woche verging wie im Flug. Tante Violet verkündete ihre endgültige Entscheidung, in ein kleines Häuschen im Seniorenwohnviertel zu ziehen, während Marissa sich noch nicht so sicher war, wie es nun weitergehen sollte. Sie hatte genug Geld, um ihrer Tante die Ranch abzukaufen und auch darin zu investieren. Aber sie war sich noch nicht sicher, ob es das war, was sie wirklich wollte. Sie brauchte mehr Zeit zum Nachdenken.

Am Donnerstagnachmittag war sie gerade dabei, ein paar der persönlichen Dinge ihrer Tante für den Umzug einzupacken, als ihr Handy klingelte. Es war Grady.

„Marissa“, sagte er ohne Begrüßung, und seine Stimme klang gehetzt, „mein Bruder hatte einen Unfall, und ich muss zu ihm ins Krankenhaus. Meine Mutter ist nicht in der Stadt. Könntest du auf die Mädchen aufpassen?“

„Natürlich. Ich komme sofort.“

Ein paar Minuten später parkte sie vor Gradys Ranch. Er stand schon auf der Veranda, den Autoschlüssel in der Hand.

„Danke“, sagte er seufzend, als er ihr entgegenkam. „Rex ist draußen und repariert Zäune, sonst hätte ich ihn gefragt.“

Marissa drückte seinen Unterarm. „Ist dein Bruder schwer verletzt?“

„Das weiß ich eben noch nicht. Das Krankenhaus hat nur gesagt, dass er einen Motorradunfall hatte. Ich rufe dich an, wenn ich mehr weiß. Breanna und Milly lesen, und Tina spielt im Laufstall.“

„Fahr ruhig“, sagte sie. „Wir machen uns eine schöne Zeit.“

Mit quietschenden Reifen raste er davon, als sie noch nicht ganz die Veranda erreicht hatte. Wie erwartet waren die Mädchen begeistert, sie zu sehen, und sie spielte eine Weile mit ihnen und ging dann in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.

Die riesige Wohnküche war das Zentrum des Hauses und hatte eine breite Fensterfront mit Blick auf den Pool und den Garten. Wie oft hatte sie hier mit Liz gesessen, Pläne geschmiedet und über alles geredet, was sie beschäftigte. Wie sehr sie ihre Freundin vermisste! Sicher, sie hatte auch in New York Freunde gehabt, aber niemanden, dem sie so vertraute wie Liz. Deshalb hatte sie auch nie jemandem davon erzählt, wie mies Simon sie behandelte. Dass er sie langweilig, kalt und leidenschaftslos genannt hatte, dass er sie betrog und sie ständig wütend anschrie. An dem Tag, als er sie gewürgt hatte, war sie ganz allein zur Polizei gegangen, zutiefst beschämt, dass sie sich so in dem Mann getäuscht hatte, den sie zu lieben glaubte. Natürlich hatte sie gegen seine Anwälte keine Chance gehabt, aber immerhin hatte sie versucht, sich gegen Simon zu wehren. Das tröstete sie ein wenig.

Dennoch hatte sie sich niemandem anvertraut, nicht einmal ihrer Tante. In den letzten zwölf Monaten hatte sie sich mehr denn je nach einer Familie gesehnt. Nach einer Mutter, einem Vater. Nach jemandem, der ihr beistand. Aber da war niemand. Nachdem sie also ein ganzes Jahr in New York einsam gewesen war, hatte sie nach Gradys Anruf wegen des Beinbruchs ihrer Tante ihre Sachen gepackt und war nach Hause gefahren.

Marissa nahm einen Schluck Kaffee und schaute dann in den Kühlschrank, um herauszufinden, was sie den Mädchen zum Essen machen könnte. Sie fand nur einen eingefrorenen Auflauf, der zu lange zum Auftauen brauchen würde, und beschloss, überbackenen Toast zu machen.

Eine halbe Stunde später klopfte Rex an die Hintertür und trat in die Küche. „Guten Abend, Miss Ellis“, sagte er leise.

„Bitte, nennen Sie mich Marissa. Hat Grady Sie erreicht?“

„Ja. Ich hatte keinen Handyempfang, aber er hat mir eine Nachricht hinterlassen. Brauchen Sie irgendwas, Miss Ellis?“

„Marissa“, verbesserte sie lächelnd. Rex war immer so freundlich, und sie mochte den Mann. Er war nicht so alt, wie er aussah, vielleicht erst Mitte fünfzig, und obwohl seine Haut wettergegerbt war, wirkte er auf rustikale Art und Weise attraktiv. Und etwas in seinen braunen Augen sagte ihr, dass er ein Mann war, auf den man sich verlassen konnte. „Nein, ich habe alles, was ich brauche, aber danke, dass Sie gefragt haben. Das war sehr nett.“

Sofort wurde er rot. „Kein Problem, Ma’am … ich meine, Marissa.“

Als er ihren Vornamen aussprach, breitete sich unerwarteterweise Wärme in ihr aus. „Möchten Sie vielleicht zum Abendessen bleiben?“

„Nein“, erwiderte er schnell. „Ich muss mich noch um die Pferde kümmern. Passen Sie auf sich auf, Ma’am.“

Nach dem Abendessen schickte sie die größeren Mädchen zum Zähneputzen und ließ sie dann noch eine Stunde fernsehen. Dann gingen sie ins Bett und Marissa las ihnen noch etwas vor. Tina war noch ein wenig länger wach und kuschelte mit Marissa auf dem Sofa, bis sie gegen acht einschlief. Kurz darauf kam eine SMS von Grady, dass er auf dem Heimweg war.

Liebevoll drückte sie die Kleine an sich, überwältigt davon, wie viel Liebe sie für das Kind empfand. Gradys Kind. Nein, Liz’ Kind. In dem Moment war ihr nicht ganz klar, was von beiden mehr für ihre Gefühle verantwortlich war.

Als Grady eine halbe Stunde später nach Hause kam, hatte sie Tina schon in ihr Bettchen gelegt und Kaffee aufgesetzt.

„Und?“, fragte sie, als sie ihm eine Tasse hinschob.

„Brant geht es so weit gut“, erwiderte er. „Er hat eine Gehirnerschütterung, eine ausgekugelte Schulter und ein paar Prellungen. Gott sei Dank hatte er einen Helm auf.“

„Ein Glück.“

„Ja. Danke für den Kaffee. Und dass du auf die Mädchen aufgepasst hast.“

„Immer gern. Wir hatten viel Spaß. Hast du schon was gegessen? Du siehst todmüde aus. Wenn du möchtest, kannst du gern duschen und ich mach dir inzwischen was.“

„Das wäre toll, danke.“

Er ging hinaus, und Marissa machte ihm ein dick belegtes Sandwich und noch eine Tasse Kaffee. Als er in Jeans, einem frischen weißen T-Shirt und barfuß wieder in die Küche kam, sah er erholter aus. Es war das zweite Mal, dass sie diese Woche in seiner Küche saß, und sie fragte sich, warum sie so ruhig war. Normalerweise herrschte Alarmstufe Rot in seiner Nähe, aber heute war alles ganz einfach. Obwohl er wieder zum Anbeißen aussah. Das T-Shirt spannte über seinen breiten Schultern und seinem Sixpack, und sein noch feuchtes Haar hing ihm jungenhaft in die Stirn.

Ja, Grady Parker war sexy, ohne ...

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