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BIANCA EXTRA BAND 37

BRENDA HARLEN

Küss mich einmal - und immer wieder

Sie war für ihn das Märchen einer Nacht – dass Kayla jetzt ein Kind erwartet, ist für Trey ein Schock. Trotzdem wird er sie natürlich heiraten! Aber sie weigert sich, ihm das Jawort zu geben …

CHRISTY JEFFRIES

Dieses Begehren in deinen Augen ...

„Ich darf mich nicht in ihn verlieben!“ Maxine will keinen Mann wie Matthew, für den „Familie“ ein Fremdwort ist. Er ist tabu – das müssen auch die Schmetterlinge in ihrem Bauch endlich verstehen …

LEANNE BANKS

Eine Prinzessin unterm Mistelzweig

Glänzende Kinderaugen und Plätzchenduft – Sara träumt von einem sinnlichen Weihnachtsabend mit ihrem neuen Boss und seinen Kindern. Leider ist das unmöglich: Gavin weiß nicht, wer sie wirklich ist …

RACHEL LEE

Heiligabend in seinen Armen

Rory McLane stellt klar, dass er auf der Ranch nur eines sucht: die Einsamkeit! Abby soll den Haushalt führen – mehr nicht. Doof nur, dass er schon bald nur noch an ihre roten Lippen denken kann …

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Küss mich einmal - und immer wieder

PROLOG

4. Juli

Als Trey Strickland nach langer Zeit Kayla Dalton auf der Hochzeit des Ranchers Braden Traub mit Jennifer MacCallum wiedersah, blieb er wie angewurzelt stehen.

Er war nur zu Besuch aus Thunder Canyon, doch seine Familie hatte in seiner Jugend mehrere Jahre in Rust Creek Falls gelebt. Sein damals bester Freund Derek Dalton hatte zwei ältere Brüder, Eli und Jonah, und zwei jüngere Schwestern, die Zwillinge Kristen und Kayla.

Trey hatte Kayla als hübsches, stilles Mädchen mit einem scheuen Lächeln in Erinnerung, aber inzwischen war sie erwachsen. Und wie! Aus dem Mädchen war eine attraktive Frau mit glänzendem dunklem Haar, blitzenden blauen Augen und sehr weiblichen Rundungen geworden. Beim Anblick ihrer langen, schlanken Beine unter ihrem kurzen Sommerkleid, ihrer schmalen Taille und ihrer runden Brüste unter dem Mieder musste er schlucken.

Sie sah absolut umwerfend aus – sexy und verführerisch. Leider war sie immer noch die kleine Schwester seines besten Freundes und daher tabu für ihn.

Kayla war diese Tatsache jedoch offensichtlich nicht bewusst, denn bei seinem Anblick stellte sie ihr Sektglas weg und ging um die hölzerne, extra für die Hochzeit im Park aufgebaute Tanzfläche herum.

Zielstrebig bewegte sie sich auf ihn zu – mit überraschend langen Beinen für eine so kleine Frau.

Es machte Trey Spaß, sie zu beobachten. Zu seiner Freude blieb sie direkt neben ihm stehen und sah ihn entschlossen und mit einer Spur Nervosität an. „Hallo, Trey.“

Er nickte ihr zu. „Hi, Kayla.“

Aus irgendeinem Grund schien sie das zu verblüffen. „Woher weißt du, dass ich Kayla bin?“

„So lange bin ich nun auch wieder nicht aus Rust Creek Falls weg.“

Sie errötete. „Ich meine … woher weißt du, dass ich nicht Kristen bin?“

„Keine Ahnung“, sagte er, obwohl es ihm nie schwergefallen war, die Zwillingsschwestern seines Freundes auseinanderzuhalten. Sie sahen zwar identisch aus, hatten aber völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, und Trey hatte schon immer eine Schwäche für die schüchternere der beiden Schwestern gehabt.

Gott sei Dank bestand sie nicht auf einer Erklärung, sondern richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Tanzfläche. „Die beiden sind ein schönes Paar, findest du nicht?“

Trey folgte ihrem Blick zu der Braut und dem Bräutigam und nickte.

Sie unterhielten sich noch ein bisschen über die Hochzeit und andere Dinge. Als zwei ältere Frauen mit Tabletts durch die Menge gingen, um die erfrischend kalte Hochzeitsbowle an die Gäste zu verteilen, nahm Trey zwei Becher und reichte einen davon Kayla.

Nachdem sie ausgetrunken und die leeren Becher weggestellt hatten, drehte er sich zu ihr um. „Möchtest du tanzen?“

Seine Aufforderung schien sie zu überraschen. Sie zögerte einen Moment, nickte dann jedoch. „Ja, gern.“

War ja klar, dass ausgerechnet in diesem Augenblick ein langsamer Schmusesong kam. Als Trey Kayla in die Arme nahm und ihren schlanken Körper spürte, fühlte er sich ähnlich elektrisiert wie nach einem starken Whisky.

Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Haarknoten gelöst und kitzelte ihn am Hals. Ihr verführerischer Duft stieg ihm in die Nase, brachte sein Blut in Wallung und vernebelte ihm die Sinne.

Trey versuchte, einen klaren Kopf zu behalten. Nur weil sie eine attraktive Frau war und er sich zu ihr hingezogen fühlte, musste er seinen Begierden noch lange nicht nachgeben. Aber es fiel ihm verdammt schwer, ihr zu widerstehen, wo sie sich doch so gut in seinen Armen anfühlte.

Als der Song endete, führte er sie von der Tanzfläche weg und durch die Gäste hindurch in den Schatten des Pavillons.

„Ich dachte schon, du willst mich in die Pension mitnehmen“, zog Kayla ihn auf.

Die Vorstellung war mehr als nur ein bisschen verlockend. „Das würde ich vielleicht sogar machen“, antwortete er. „Wenn ich wüsste, dass du mitkommst.“

Sie erwiderte seinen Blick lange und nickte dann langsam. „Das würde ich tun.“ Ihr verführerischer Blick unterstrich ihre Worte.

Doch Trey zögerte immer noch, denn sie war Dereks Schwester und daher tabu für ihn. Auf der anderen Seite war sie so verdammt hübsch und sexy, und die Sterne spiegelten sich so romantisch in ihren Augen … sie war einfach hinreißend … unwiderstehlich geradezu.

Trey kämpfte mit sich. Sein Widerstand löste sich in Luft auf. Er senkte den Kopf, um sie zu küssen.

Und sie kam ihm willig entgegen.

Als sie sich an ihn schmiegte, versetzte sie ihn förmlich in Flammen. Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich, seinen Kuss vertiefend. Sie erwiderte seinen Kuss nicht nur, sondern übernahm sogar selbst die Initiative. Die unschuldige und schüchterne Kayla Dalton war offensichtlich nicht so unschuldig und schüchtern, wie er immer geglaubt hatte – eine Erkenntnis, die sein Verlangen noch mehr anstachelte.

Er wollte sie, und zwar sofort. Und so, wie sie sich an ihn presste, wollte sie ihn auch. Als er die Lippen von ihrem Mund löste, stieß sie einen Protestlaut aus und presste sich an ihn.

„Vielleicht sollten wir lieber an einen unbeobachteten Ort gehen“, schlug er vor.

„Klingt gut“, antwortete sie, ohne zu zögern.

Trey zog sie mit sich davon.

1. KAPITEL

Zufrieden verließ Kayla die Parfümerie. Es war erst der 1. Dezember, und sie war schon mit ihren Weihnachtseinkäufen fast fertig. Jetzt hatte sie sich eine heiße Schokolade verdient.

Auf dem Weg zum Café im Einkaufszentrum ging sie an einer langen Schlange mit Kindern vorbei, die ungeduldig an den Händen ihrer Eltern oder Großeltern zerrten, und an Babys, die in Trageschalen oder auf dem Arm ihrer Eltern schliefen. Sie alle standen an, um den Weihnachtsmann zu sehen.

Unwillkürlich blieb Kayla stehen, als ihr Blick auf ein junges Elternpaar fiel, das auf den Mann mit dem roten Kostüm zuging und ihm behutsam ein schlafendes Baby in die Arme legte. Als das Baby die Augen aufschlug und den Fremden sah, stieß es einen markerschütternden Schrei aus.

Während die Eltern versuchten, ihre kleine Tochter zu beruhigen, damit der ungeduldige Fotograf das erste Foto ihres Kindes mit dem Weihnachtsmann knipsen konnte, wurde Kayla plötzlich bewusst, dass sie nächstes Jahr um diese Zeit vielleicht das Gleiche machen würde. Nur dass es dann keinen Vater auf ihrem Foto geben würde – niemanden, der mit ihr gemeinsam ihr unglückliches Baby trösten würde.

Denn Kayla war alleinstehend. Unverheiratet … und einsam. Eine werdende alleinerziehende Mutter mit einer Riesenangst vor der Verantwortung.

Sie wusste immer noch nicht, wie ausgerechnet sie in diese Situation gekommen war. Eigentlich war sie vernünftig und beherrscht – nicht der Typ Frau, der impulsiv oder leichtsinnig handelte.

Zumindest bis zum letzten Unabhängigkeitstag, als sie Treys Aufforderung gefolgt war, ihn zu seinem Pensionszimmer zu begleiten. Ein Becher Hochzeitsbowle, und ihre Schulmädchenfantasien über den Mann, der der beste Freund ihres Bruders war, waren wieder aufgelebt. Ein einziger Tanz hatte zu einem Kuss geführt – und der wiederum zu einer impulsiven Entscheidung, die zu einer ungewollten Schwangerschaft führte.

Natürlich musste sie Trey sagen, dass diese Nacht nicht ohne Folgen geblieben war, aber das hatte sie bisher nicht fertiggebracht, da er sich anscheinend an nichts erinnern konnte. Sogar jetzt noch, fünf Monate später, brannten ihr deswegen vor Scham die Wangen.

Kayla gehörte nicht zu den Frauen, die wahllos mit Männern schliefen. Trey war erst der zweite Mann, mit dem sie überhaupt Sex gehabt hatte, doch er hatte zu viel von der Hochzeitsbowle getrunken, über die man später munkelte, dass sie mit etwas Stärkerem versetzt worden war, und konnte sich daher nicht mehr an ihre Nacht in der Pension erinnern. Kayla war zunächst erleichtert – und dann ein kleines bisschen verletzt gewesen, als Trey Rust Creek Falls verlassen hatte, ohne auch nur ein Wort über sie beide zu verlieren.

Doch sie hatte erfahren, dass er bald zurückkehren würde. Er wohnte zwar nicht mehr in Rust Creek Falls, besuchte dort aber dreimal jährlich seine Großeltern – Gene und Melba Strickland. Seine und Kaylas Wege würden sich also wieder kreuzen, und dann musste sie ihm endlich erzählen, dass sie von ihm schwanger war.

Bisher hatte sie ihre Schwangerschaft erfolgreich geheim gehalten. Nur ihre Schwester Kristen kannte die Wahrheit. Gott sei Dank sah man noch nicht viel, und das kalte Wetter in Montana kam Kayla entgegen, um ein kleines Bäuchlein unter weiten Flanellhemden oder Pullovern zu verstecken.

Trotz der denkwürdigen Umstände freute sie sich auf das Baby. Angst machte ihr nur, dass sie es allein erziehen müsste. Ihre Eltern würden zwar nicht gerade begeistert auf die Neuigkeit reagieren, würden das Baby aber akzeptieren und genauso lieben und unterstützen wie Kayla.

Kayla musste lächeln, als sie ein leichtes Treten in ihrem Bauch spürte. Seit sie ihr Baby bei einem Ultraschall gesehen hatte, liebte sie es schon jetzt mehr, als sie je für möglich gehalten hätte, doch sie bezweifelte, dass Trey diese Gefühle teilen würde. Vor allem da er sich noch nicht mal daran erinnern konnte, mit ihr geschlafen zu haben.

Sie verdrängte diese Sorgen und reihte sich in die Schlange vor dem Café ein. Nachdem sie die Getränkekarte studiert hatte, entschied sie sich für eine heiße Pfefferminzschokolade mit Extra-Schlagsahne und Schokoladen- und Zuckerstangenstreuseln.

Als sie damit zu einem leeren Tisch ging, musste sie wieder an Trey denken. Und wenn er nun abstritt, der Vater zu sein? Das süße Getränk hinterließ plötzlich einen schalen Geschmack in ihrem Mund. Treys Zurückweisung wäre ein schwerer Schlag für sie, aber damit musste sie rechnen. Warum sollte er ihr glauben, dass er der Vater ihres Kindes war, wenn er sich noch nicht mal an den Sex mit ihr erinnern konnte?

„Die Welt ist wirklich klein, nicht wahr?“

Kayla errötete, als sie Treys Großmutter mit einer Tasse Kaffee neben ihrem Tisch stehen sah. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Stimmt.“

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mich zu Ihnen setze?“

„Nein, natürlich nicht.“ Im Café waren nur wenige freie Plätze, und es wäre seltsam, getrennt voneinander zu sitzen. Kayla kannte die Stricklands nämlich schon seit Ewigkeiten.

Melba und Gene waren liebe Menschen, wenn auch ein bisschen altmodisch. Oder einfach nur alt – vermutlich Ende siebzig oder Anfang achtzig, niemand wusste das so genau. Ihre Pension war bei Besuchern in Rust Creek Falls sehr beliebt, vorausgesetzt, sie störten sich nicht an Melbas strengen Regeln. Unter anderem vermietete sie nicht an unverheiratete Paare, und sie duldete keinen heimlichen Übernachtungsbesuch ihrer Gäste. Ein Verbot, das Kayla und Trey am 4. Juli skrupellos übertreten hatten.

„Himmel, ist das voll hier.“ Melba setzte sich zu Kayla an den Tisch. „Dabei haben wir gerade erst den 1. Dezember. Anscheinend hat heute ganz Kalispell beschlossen, Weihnachtseinkäufe zu machen.“

„Ganz Kalispell und halb Rust Creek Falls“, stimmte Kayla zu.

Die ältere Frau lachte. „Sieht so aus, als hätten Sie auch schon früh angefangen“, stellte sie fest, als sie die vielen Einkaufstüten unter dem Tisch sah.

„Stimmt.“ Kayla leckte etwas Sahne von ihrem Löffel.

„Ich liebe Weihnachten“, gestand Melba. „Das Einkaufen, das Geschenkeeinpacken, Dekorieren und Backen. Aber am meisten freue ich mich, Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen zu können.“

„Bekommen Sie an den Feiertagen Besuch?“

„Ich hoffe doch. Wir haben schon Claire, Levi und Bekka bei uns, und Claires Schwestern haben auch schon angedeutet, dass sie Weihnachten kommen wollen.“

Die beiden Frauen unterhielten sich noch ein bisschen über das bevorstehende Weihnachtsfest, bis Melba einen Blick auf die Uhr an der Wand warf. „Großer Gott!“, rief sie erschrocken. „Ist es wirklich schon so spät? In drei Stunden treffe ich mich mit Gene zum Abendessen, und bisher habe ich erst eine Tasse Kaffee gekauft!“

„Hat Ihr Mann Sie in die Stadt begleitet?“

Die ältere Frau nickte. „Ja, wir haben Karten für Dickens’ Ein Weihnachtsmärchen.“

„Die Aufführung wird Ihnen bestimmt gefallen. Die Besetzung ist toll, vor allem Belle.“

Melba lächelte, da Kaylas Zwillingsschwester diese Rolle spielte. „Sie sind natürlich überhaupt nicht voreingenommen“, sagte sie augenzwinkernd.

„Na ja, ein bisschen schon.“ Kaylas Schwester war immer schon eine Theaternärrin gewesen. Die Rolle von Scrooges früherer Verlobter war zwar keine Hauptrolle, bot ihr jedoch die Möglichkeit, auch in ihrer Heimat auf einer Bühne zu stehen. Kayla nutzte die Gelegenheit, um hinter der Bühne auszuhelfen. Zu ihrer Überraschung machte ihr das großen Spaß – und sie war dankbar für die Ablenkung von ihrer derzeitigen Situation.

„Lissa und Gage haben es sich letzte Woche angesehen und fanden die Kostüme spektakulär.“

„Es hat mir Spaß gemacht, sie zu schneidern“, gab Kayla zu.

„Aber Sie haben keine Lust, selbst eines Ihrer Kleider auf der Bühne zu tragen?“

„Absolut nicht.“

„Wissen Sie, wegen Kristens Fähigkeit, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, fragen sich einige Leute schon, ob sie vielleicht der Rust Creek Rambler ist.“

Kayla runzelte die Stirn. „Soll das ein Witz sein?“

„Natürlich kann ich von Ihnen nicht erwarten, mir zu verraten, ob Ihre Schwester die Autorin der Klatschkolumne ist.“

„Nein, das ist sie nicht“, antwortete Kayla entschieden.

„Na ja, Sie müssen es ja wissen. Man sagt, dass Zwillinge keine Geheimisse voreinander haben. Außerdem hat Kristen mit dem Theaterstück und ihrem neuen Verlobten bestimmt alle Hände voll zu tun. Wann sollte sie da Zeit für die Kolumne finden?“

„Ich wundere mich bloß, dass man sich erst jetzt für die Identität der Autorin interessiert. Immerhin gibt es die Kolumne schon seit drei Jahren.“

„Dreieinhalb“, korrigierte Melba sie. „Ich vermute, das Interesse ist gewachsen, weil manche glauben, der Rambler sei für die versetzte Hochzeitsbowle verantwortlich.“

Kayla sah die ältere Frau entsetzt an. „Wie kommen die Leute denn darauf?“

„Na ja, die Ereignisse jener Nacht haben eine Menge Gesprächsstoff für die Kolumne geliefert“, erklärte die ältere Frau. „Kann doch sein, dass das beabsichtigt war.“

„Eine schreckliche Vorstellung!“

„Nicht wahr?“ Melba trank ihren Kaffee aus und stellte ihre Tasse weg. „Dem Rambler ist übrigens auch nicht entgangen, dass mein Enkel Trey und Sie sich auf der Hochzeit nähergekommen sind.“

Kayla ließ auch ihren Namen ab und zu in der Kolumne fallen, damit niemand Verdacht schöpfte, dass sie die Autorin war. Und da ihr Tanz mit Trey nicht unbemerkt geblieben war, hatte sie sich natürlich dazu äußern müssen. Sie führte ihren Becher an die Lippen und stellte fest, dass er leer war. „Wir haben ein bisschen getanzt“, gab sie zu.

„Mehr nicht?“ Melba klang fast enttäuscht.

Kayla errötete. „Nein, das war alles.“ Sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen, und Treys Großmutter zu belügen – die Urgroßmutter ihres Babys – fiel ihr nicht leicht, auch wenn es notwendig war.

Die ältere Frau seufzte. „Ich hoffe schon lange, dass Trey eines Tages eine Frau findet und heiratet. Von mir aus gern jemanden aus Rust Creek Falls, damit er wieder hierherzieht – oder zumindest öfter zu Besuch kommt.“

„Vielleicht hat er ja eine Freundin in Thunder Canyon“, sagte Kayla betont locker.

„Dann hätte er mir längst davon erzählt. Er trifft sich zwar öfter mit Mädchen, aber bisher war es nie etwas Ernstes.“

Kayla war noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass der Vater ihres Babys mit einer anderen Frau zusammen sein könnte – oder im Sommer vielleicht sogar gewesen war. Bei der Vorstellung wurde ihr übel. Ein solches Verhalten traute sie Trey zwar nicht zu, aber niemand von ihnen hatte in jener Nacht klar denken können. „Wie dem auch sei, es war nur ein Tanz.“

„Mag sein.“ Melba stand auf. „Aber vielleicht entwickelt sich ja mehr daraus, wenn Sie ihn wiedersehen.“

„Hast du das ganze Einkaufszentrum leer gekauft?“, witzelte Kristen, als sie Kayla half, ihre Einkäufe in das Blockhaus der Circle D Ranch nördlich der Stadt zu tragen, in dem sie aufgewachsen waren und wo Kayla noch immer wohnte.

„Fast“, sagte Kayla und ließ ihre Einkäufe aufs Bett fallen.

„Das sieht ja interessant aus.“ Ihre Schwester griff nach der Tüte aus dem Kosmetikladen.

Kayla schlug ihre Hand weg. „Nicht herumschnüffeln.“

„Dann ist es also für mich?“

„Das wirst du erst zu Weihnachten erfahren.“

„Da wir gerade vom Einkaufen reden – du könntest ja mal die Läden in Thunder Canyon ausprobieren.“

Kayla zeigte auf den Haufen Einkaufstüten. „Sieht es so aus, als wäre das noch nötig?“

Kristen verdrehte ungeduldig die Augen. „Nur du und ich wissen, dass du deine Weihnachtseinkäufe schon so gut wie erledigt hast, aber das braucht ja sonst niemand zu erfahren. In Wirklichkeit würdest du natürlich Trey besuchen und ihm endlich sagen, was du ihm schon so lange verheimlichst.“

Schon bei der Vorstellung bekam Kayla Herzrasen, und das nicht nur wegen des Babys. Sie mochte Trey nämlich sehr und schwärmte schon seit einer Ewigkeit für ihn, auch wenn sie inzwischen mit anderen Männern ausgegangen war, seit er weggezogen war.

Doch ihre Schwärmerei war nie über harmlose Fantasien hinausgegangen – bis zur Nacht der Hochzeit. Mit Trey zu schlafen hatte alte Gefühle wiederaufleben lassen, und sogar jetzt noch hoffte sie insgeheim, dass er sich über die Neuigkeit mit dem Baby freuen, sie in die Arme nehmen und ihr gestehen würde, sie immer schon geliebt zu haben. Leider sah die Realität ganz anders aus. Seit ihrer gemeinsamen Nacht waren fünf Monate vergangen, und sie hatte nie auch nur ein einziges Wort von ihm gehört.

Er war vermutlich zu betrunken gewesen, um sich noch an ihre gemeinsame Nacht zu erinnern. Obwohl es natürlich auch eine andere, viel schrecklichere Möglichkeit gab: dass er nur den Ahnungslosen spielte, weil er bereute, was passiert war.

„Ich weiß, dass ich es ihm sagen muss“, räumte sie ein. „Aber ich kann doch nicht einfach so in Thunder Canyon auftauchen und ihm mitteilen, dass ich von ihm schwanger bin.“

„Warum nicht?“

„Darum.“

„Du drückst dich schon seit Monaten davor“, sagte Kristen. „Allmählich läuft dir die Zeit davon.“

„Glaubst du, das weiß ich nicht?“

Kristen warf ungeduldig die Hände in die Luft. „Keine Ahnung. Ich hätte jedenfalls nie damit gerechnet, dass du deine Schwangerschaft so lange verheimlichen würdest – weder vor mir noch dem Rest unserer Familie, und schon gar nicht vor dem Vater des Babys. Bisher habe ich versucht, Verständnis für dich zu haben, aber wenn du es ihm nicht bald sagst, übernehme ich das.“

Kayla wusste, dass das keine leere Drohung war. „Wie soll ich ihm denn sagen, dass er Vater wird, wenn er sich noch nicht mal daran erinnert, mit mir geschlafen zu haben?“

Kristen runzelte die Stirn. „Wovon redest du überhaupt?“

„Als ich ihn am nächsten Tag wiedersah, hatte er angeblich nur verschwommene Erinnerungen an die Nacht.“

„Viele Menschen hatten nach der Bowle einen Blackout.“

Kayla nickte. „Aber Trey hat offensichtlich gleich die ganze Nacht vergessen.“

„Okay, das könnte das Gespräch etwas unangenehm machen“, räumte Kristen ein.

„Ach wirklich?“

Kristen ignorierte Kaylas Sarkasmus. „Unangenehm oder nicht, du musst es endlich hinter dich bringen. Je eher, desto besser.“

Kayla seufzte. „Ich weiß.“

„Also … fährst du zum Einkaufen nach Thunder Canyon?“

„Dreihundert Meilen für ein paar Geschenke? Glaubst du nicht, Mom und Dad würden Verdacht schöpfen?“

„Ich glaube, die beiden sind gerade dein geringstes Problem.“

Kristen hatte natürlich recht. Sie hatte schon immer die Gabe gehabt, die Dinge auf den Punkt zu bringen. „Kommst du mit?“, fragte Kayla.

„Wenn ich mir am Theater zwei Tage am Stück freinehmen könnte, würde ich dich gern begleiten, aber das geht gerade nicht.“

Kayla nickte.

„Und nein“, fuhr Kristen fort, bevor Kayla etwas sagen konnte. „Das liefert dir keine Ausrede, um mit dem Gespräch bis nach Weihnachten zu warten.“

„Ich weiß“, grummelte Kayla, denn genau das hatte sie natürlich gehofft. Ihre Schwester kannte sie einfach zu gut.

RUST CREEK RAMBLINGS: L. A.-ANWALT HEIRATET

Tja, Leute, jetzt ist es offiziell: Der Anwalt der Stars und Starlets, Ryan Roarke, ist vom Markt, nachdem ihn ein hiesiges Cowgirl mit dem Lasso eingefangen hat! Was liegt also als Nächstes für den Anwalt aus Kalifornien an? Sucht er eine neue Bleibe in Montana, um in der Nähe seiner künftigen Frau Kristen Dalton zu bleiben? Noch sind keine Details über die bevorstehende Hochzeit bekannt, aber die Leute von Rust Creek Falls werden schon bald Näheres erfahren …

Trey Strickland lebte schon seit Jahren in der Nähe seines Arbeitsplatzes – des Thunder Canyon Resorts – , nutzte jedoch jede Gelegenheit, um seine Großeltern in Rust Creek Falls zu besuchen. Im Sommer war er zum letzten Mal bei ihnen gewesen.

Immer wenn er daran zurückdachte, musste er auch an Kayla Dalton denken. Das passierte häufig – und das war einer der Gründe, warum er sich so lange von Rust Creek Falls ferngehalten hatte.

Er hatte mit der kleinen Schwester seines besten Freundes geschlafen!

Und er bereute es nicht.

Kayla selbst schien das jedoch anders zu sehen. Sie hatte am nächsten Tag einfach so getan, als sei nichts zwischen ihnen passiert … und er hatte das Spiel mitgespielt.

Die Hochzeitsbowle hatte sie beide offensichtlich so enthemmt, dass sie sich zu etwas hinreißen ließen, was sie normalerweise nie tun würden. Von seiner Großmutter wusste er, dass die Bowle vermutlich versetzt worden war und die Polizei immer noch herauszufinden versuchte, wer dafür verantwortlich war.

Sein anfänglicher Schock über diese Nachricht war der Erleichterung gewichen, dass er jetzt zumindest eine plausible Erklärung für sein leichtsinniges Verhalten in jener Nacht hatte. Doch was auch immer in der Bowle gewesen war, hatte sein Körper längst ausgeschieden. Nur die Erinnerungen an Kayla waren geblieben.

Sogar als er die vertraute Straße nach Rust Creek Falls entlangfuhr, musste er wieder an Kayla denken. Er hatte ihr Gespräch bei der Hochzeit sehr genossen. Bis zu jeden Abend hatte er nie mehr als ein paar Worte mit ihr gewechselt und erst dann festgestellt, wie klug und witzig sie war. Hoffentlich würde er mehr Zeit mit ihr verbringen können, wenn er in der Stadt war.

Aber zuerst musste er sich bei ihr entschuldigen – etwas, das er schon am Morgen nach ihrer gemeinsamen Nacht getan hätte, wenn er sich klarer an alles erinnert hätte.

Normalerweise betrank er sich nie. Zwar traf er sich gern mit seinen Kumpels auf ein Bier, aber die Zeiten, in denen er morgens mit einem Kater aufwachte, waren längst vorbei. Was auch immer in dieser Hochzeitsbowle gewesen war, musste eine extrem starke Wirkung gehabt haben.

Es musste Morgen sein. Zumindest ließ das grelle durch die Vorhänge dringende Sonnenlicht darauf schließen. Ansonsten drang nur eine Tatsache bis zu Treys Bewusstsein vor: dass er verreckte. Zumindest fühlte er sich so. Seine Kopfschmerzen waren so unerträglich, dass er fast wünschte, ihm würde der Kopf tatsächlich zerspringen. Um seiner Qual ein Ende zu bereiten, spülte er verzweifelt eine Handvoll Aspirin mit einem halben Liter Wasser herunter und setzte sich mühsam auf.

Das leise Klopfen an seiner Zimmertür hallte wie ein Donnerschlag in seinen Ohren wider. Als seine Großmutter das Zimmer betrat, zog sie missbilligend mit der Zunge schnalzend die Vorhänge auf. Das Sonnenlicht schmerzte wie Messerstiche in Treys Augen.

„Aufstehen!“, rief sie. „Heute mache ich die Wäsche, und ich brauche dein Bettzeug.“

Trey zog sich die Decke über den Kopf. „Mein Bettzeug ist gerade beschäftigt.“

„Du solltest dir auch eine Beschäftigung suchen. Dein Großvater könnte zum Beispiel Hilfe beim Aufräumen des Schuppens gebrauchen.“

Trey versuchte zu nicken, doch sogar das schmerzte höllisch. „Gib mir eine halbe Stunde Zeit.“

Er duschte, zog sich an und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf sein Bett, weil das hier kein Hotel und seine Großmutter nicht sein Zimmermädchen war, worauf sie ihn gern hinzuweisen pflegte. Also zog er das Laken von der Matratze und hörte dabei etwas zu Boden fallen.

Ein Ohrring?

Mühsam bückte er sich und hob den funkelnden Ohrring mit einem Stein in Tropfenform auf. Sofort musste er an den letzten Abend denken, als er neben Kayla Dalton am Rande der Tanzfläche gestanden und ihre Ohrringe bewundert hatte.

Kayla Dalton?!

Seine Finger verkrampften sich um das Schmuckstück. Er ließ sich auf die Bettkante sinken, als ihm weitere Erinnerungen kamen – so flüchtig wie bloße Schnappschüsse und völlig ohne jeden Zusammenhang. Er rieb sich die Schläfen und versuchte sich zu erinnern, was passiert war, doch sein Hirn weigerte sich zu kooperieren. Er wusste noch, dass er mit Kayla getanzt hatte, aber dann …?

Stirnrunzelnd versuchte er die Einzelteile zu einem vollständigen Bild zusammenzufügen. Kayla war im Mondlicht wunderschön gewesen, und sie hatte unglaublich gut gerochen. Ihre Lippen hatten verlockend weich ausgesehen. Er hatte den Wunsch verspürt, sie zu küssen, aber das hatte er bestimmt nicht getan. Schön und sexy oder nicht, sie war immer noch Dereks Schwester.

Doch als Trey die Augen schloss, spürt er plötzlich wieder ihren Mund unter seinen Lippen, ihren an ihn gepressten Körper. Da er noch nie viel Fantasie gehabt hatte, konnte das nur eines bedeuten: Es war tatsächlich passiert. Und auch ihr Ohrring in seinem Bett ließ nur einen Schluss zu – dass Kayla hier gewesen war.

Unfassbar, dass er sich noch nicht mal daran erinnern konnte! Natürlich war es auch möglich, dass sie zwar zusammen ins Bett gegangen, dann jedoch eingeschlafen waren. Nichts, worauf er besonders stolz wäre, aber unter den gegebenen Umständen vermutlich das bestmögliche Szenario.

Trey steckte den Ohrring in seine Hosentasche und zog die Decke und das Kopfkissen ab, wobei er die Bezüge ausschüttelte, um sich zu vergewissern, dass sich keine weiteren Schätze darin verbargen. Gott sei Dank war das nicht der Fall. Doch dann sah er etwas Eckiges unter dem Bett hervorlugen – und hob ein leeres Kondompäckchen auf.

Fluchend schloss er die Augen.

Als Trey Kayla Dalton später am Tag wiedersah, konnte er immer noch nicht glauben, dass er mit ihr geschlafen hatte. Sie war ihm gegenüber höflich und freundlich, wenn auch ein bisschen reserviert gewesen. Nichts an ihrem Verhalten ließ darauf schließen, dass etwas zwischen ihnen gelaufen war.

Es hatte sehr lange gedauert, bis die Erinnerung wieder zurückgekehrt war. Doch jetzt musste er dringend mit Kayla über ihre gemeinsame Nacht reden – und darüber, wie es von jetzt an weitergehen sollte.

Kayla war gerade auf dem Weg in die Zeitungsredaktion, als sie zu ihrem Schreck Treys Truck vor dem Gemeindezentrum stehen sah. Die Ladefläche stand voller Kartons, anscheinend Geschenke, welche die Gemeinde jedes Jahr an Bedürftige verteilte und die vorher im Gemeindehaus eingepackt wurden.

Kayla hatte nicht damit gerechnet, dass Trey schon so früh nach Rust Creek Falls kommen würde. Was machte er hier? Sie war nicht darauf eingestellt, ihm eine Neuigkeit mitzuteilen, die sein Leben komplett auf den Kopf stellen würde.

Noch bevor sie weitereilen konnte, kam er durch die offen stehende Tür. „Kayla! Hi.“

Beim Klang seiner Stimme bekam sie wie immer Herzrasen. Sie ließ den Blick von seinen abgetragenen Cowboystiefeln bis zu seinen grünen Augen gleiten und lächelte verkrampft. „Hi, Trey.“

„Was für eine angenehme Überraschung!“

Er klang, als würde er das ernst meinen, was absolut keinen Sinn ergab. Kayla hatte den Mann seit fünf Monaten nicht mehr gesehen und auch nichts von ihm gehört. Nicht, dass sie damit gerechnet hatte, aber insgeheim hatte sie darauf gehofft – und war tief verletzt gewesen, als kein Lebenszeichen von ihm gekommen war.

„Wie geht es dir?“, fragte er.

Ich bin schwanger, wäre sie fast herausgeplatzt. Schließlich konnte sie seit dem Schwangerschaftstest an nichts anderes mehr denken. Aber was sollte Trey mit dieser Neuigkeit anfangen, wenn er noch nicht mal wusste, dass er und Kayla eine Nacht miteinander verbracht hatten? „Gut“, antwortete sie daher nur. „Und dir?“

„Auch gut.“

Sie nickte.

Ein verlegenes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.

„Also, ich sollte dann mal …“

„Vielleicht sollte ich …“, sagten sie beide gleichzeitig.

„Was wolltest du sagen?“, fragte Trey.

„Nur, dass ich jetzt weitergehen muss. Ich bin gerade auf dem Weg in die Zeitungsredaktion.“

„Arbeitest du dort?“

Sie nickte. „Ja, als Redakteurin.“

„Ach.“

Und damit schien dieses Thema für ihn abgehakt zu sein. „Es war schön, dich wiederzusehen, Trey.“

„Dich auch.“

Erleichtert ging sie an ihm vorbei. Die erste unangenehme Begegnung hatte sie schon mal überstanden. Ihr Herz raste, und ihr Magen schmerzte, aber immerhin war es ihr gelungen, ein paar Worte mit Trey zu wechseln, ohne in Tränen auszubrechen oder die Beherrschung zu verlieren. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

„Kayla, warte!“

Mit diesen beiden Worten nahm er ihr die Chance, zu fliehen und ihre Würde zu retten. Da Kayla noch nicht weit genug von Trey entfernt war, um so zu tun, als habe sie ihn nicht gehört, drehte sie sich widerstrebend zu ihm um.

Er trat einen Schritt näher. „Ich wollte dich anrufen“, sagte er leise. „Immer, wenn ich an dich denken musste, habe ich mit dem Gedanken gespielt, zum Handy zu greifen.“

Kaylas Herzschlag beschleunigte sich wieder. „Du musstest an mich denken?“

„Ja. Seit wir auf der Hochzeit miteinander getanzt haben.“

Seit wir getanzt haben?

Nur daran erinnerte er sich noch?!

Kayla wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Unter anderen Umständen hätte es ihr geschmeichelt, dass ein paar Minuten in seinen Armen einen so bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hatten. Aber dass er offenbar alles vergessen hatte, was danach passiert war, empfand sie als zutiefst verletzend und demütigend. „Ich muss jetzt wirklich weiter. Mein Chef wartet schon auf mich.“

„Was machst du heute Abend?“

„Ich gehe mit Natalie Crawford ins Kino.“

„Ach.“

Trey klang so enttäuscht, dass Kayla den Impuls verspürte, ihre Pläne über den Haufen zu werfen. Leider war genau dieses Verhalten verantwortlich für ihre jetzige prekäre Lage. „Tja, wir sehen uns.“

Er erwiderte ihren Blick ein paar Sekunden, bevor er nickte. „Worauf du dich verlassen kannst.“

2. KAPITEL

Trey lud seinen Truck aus und fuhr zurück zur Pension. Als er dort ankam, schnitt seine Großmutter gerade einen riesigen Braten in Scheiben. Der köstliche Duft ließ ihn das Wasser im Mund zusammenlaufen. „Mmh, riecht das lecker.“

Melba legte die Gabel und das Messer beiseite und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, um ihn zu umarmen. „Ich hatte gehofft, dass du rechtzeitig zum Abendessen wieder hier sein würdest.“

„Ich hätte dir ja gestanden, dass ich deswegen die Geschwindigkeitsbegrenzung ignoriert habe, aber meine Großmutter würde das bestimmt nicht gut finden“, neckte er sie.

Melba lachte. „Auf keinen Fall.“

Trey ging zur Spüle, um sich die Hände zu waschen. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ja, du kannst mir die Sauciere vom Regal holen.“ Melba zeigte auf ein Bord, das hoch über ihrem Kopf hing. „Und dann die Familie zusammentrommeln.“

„Und? Was war hier so los, während ich weg war?“, erkundigte er sich kurz darauf am Tisch, während er sich von dem Kartoffelbrei nahm, den seine Cousine Claire gemacht hatte.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, antwortete Melba. „Ach ja, letztes Wochenende war die Weihnachtsparade, und das Dalton-Mädchen hat sich verlobt.“

Der Kartoffelbrei lag Trey plötzlich wie ein Stein im Magen. „Kayla?“

Melba schüttelte den Kopf. „Nein, ihre Schwester. Kristen.“

Trey seufzte erleichtert auf. Er wusste selbst nicht, warum er sofort auf Kayla getippt hatte. Vielleicht, weil er sie gerade erst wiedergesehen hatte und schon länger an sie denken musste. Die Vorstellung, dass sie einen anderen hatte – und womöglich verlobt mit ihm war – hatte ihm einen ganz schönen Schreck versetzt. Fragte sich nur, wieso. Er hatte nämlich nicht die Absicht, sich in absehbarer Zeit zu verlieben und zu heiraten. „Mit wem hat Kristen sich denn verlobt?“

„Mit Maggie Roarkes Bruder Ryan“, antwortete Claire.

Trey kannte Ryan Roarke nicht, arbeitete aber mit dessen Bruder Shane im Thunder Canyon Resort zusammen.

„Da wir gerade über Kayla Dalton reden …“, warf Melba ein.

„Wer spricht von Kayla Dalton?“, fiel Gene seiner Frau ins Wort.

„Na, Trey.“

„Ich dachte, wir sind bei Ryan und Kristen.“

„Aber davor hat Trey gefragt, ob Kayla diejenige ist, die sich verlobt hat.“

„Ihr Name fiel mir zuerst ein“, erklärte Trey hastig.

Seine Großmutter feixte. „Woran das wohl liegen mag?“

„Vielleicht, weil er mit ihr auf Bradens und Jennifers Hochzeit so intim war“, sagte Claire grinsend.

„Wie dem auch sei“, fuhr Melba fort. „Hast du die Absicht, dich mit Kayla zu treffen, während du hier bist?“

„Ich habe sie schon getroffen. Sie kam beim Gemeindezentrum vorbei, als wir den Truck entladen haben.“

Kopfschüttelnd begann Melba die Teller abzuräumen. „Ich wollte wissen, ob du mit ihr ausgehst.“

„Melba!“, ermahnte ihr Mann sie.

„Was ist? Ich will doch nur, dass mein Enkel Zeit mit einem netten Mädchen verbringt.“

Claire stand auf und half ihr beim Abräumen.

„Kayla ist tatsächlich ein nettes Mädchen“, bestätigte Trey. „Aber wenn du hoffst, uns zu verkuppeln, muss ich dich enttäuschen. Ich will keine feste Beziehung, mit niemandem.“

„Außerdem ist Kayla gar nicht sein Typ“, warf Claire ein.

Ihr Mann Levi hob fragend die Augenbrauen. „Hat Trey denn einen bestimmten Typ?“

„Na ja, jedenfalls steht er nicht auf Mauerblümchen.“

„Stille Wasser sind tief“, sagte Melba geheimnisvoll.

„Was soll das denn heißen?“, fragte Trey genervt.

„Das heißt, dass oft mehr in einem Mädchen steckt, als man auf den ersten Blick sieht“, antwortete Melba und stellte einen riesigen Apfelkuchen auf den Tisch.

Claire brachte Dessertteller und Gabeln.

„Und? Was hast du heute für Pläne?“, fragte Melba, als sie mit dem Dessert fertig waren.

„Zeigt man freitags immer noch Kinofilme in der Highschool?“ Trey hatte in seiner Jugend viele schöne Abende in der Turnhalle verbracht. Die Filmabende waren ihm in guter Erinnerung geblieben.

„Ja, freitags und samstags.“

„Zwei Filmabende pro Woche?“, witzelte er. „Und dann beschweren sich die Leute, dass hier nichts los ist?“

Seine Großmutter sah ihn aus schmalen Augen an. „Wir haben vielleicht keine so schicken Läden wie in Thunder Canyon, aber hier bekommt man alles, was man braucht.“

„Du hast recht, ich hätte nicht andeuten sollen, dass dieser Stadt etwas fehlt – schon gar nicht, wenn hier zwei meiner liebsten Angehörigen leben.“

Sie versetzte ihm einen Schlag mit dem Geschirrhandtuch. „Raus mit dir. Geh unter die Dusche, zieh dir ein schönes Hemd an und mach, dass du hier wegkommst.“

Trey gehorchte. Nicht nur, um seiner Großmutter einen Gefallen zu tun, sondern weil er vermutete, dass Kayla und Natalie auch im Kino waren.

Kayla warf einen kritischen Blick in den Spiegel und zog sich seufzend ihr Lieblingsshirt aus, um es auf den Haufen mit zu engen Kleidungsstücken zu werfen. Die vier Kilo, die sie in den letzten Monaten zugenommen hatte, brachten ihre ganze Garderobe durcheinander.

Natürlich war es nicht gerade hilfreich, dass ihre meisten Sachen eng geschnitten waren. Nicht, dass sie dick war oder man ihr die Schwangerschaft schon ansah, aber sie hatte eindeutig zugelegt.

Sie griff wieder nach dem Shirt, streifte es über und zog ein kariertes Hemd darüber. So, das ging. Sie zupfte ihren Pferdeschwanz zurecht, trug etwas Lipgloss auf und griff nach ihren Schlüsseln.

„Wo willst du denn hin?“, fragte ihre Mutter, als sie die Treppe hinunterkam.

Kayla hatte beim Abendessen ihre Pläne erwähnt, doch anscheinend hatte ihre Mutter mal wieder nicht richtig zugehört. Nach Kristens und Ryans Verlobung hatte Rita nur noch die bevorstehende Hochzeit im Kopf. „Ich treffe mich mit Natalie in der Highschool. Wir wollen uns Fröhliche Weihnachten ansehen.“

„Nur ihr beide?“

„Vermutlich kommen noch ein paar andere Leute.“

Kaylas Mutter seufzte. „Also wirklich, Kayla, kannst du auf eine einfache Frage nicht mal normal antworten?“

„Sorry. Ja, wir gehen allein. Wir haben keine Pläne, uns irgendwann rauszuschleichen, um uns heimlich mit Jungs hinter der Schule zu treffen.“

„Deine Zeit wird auch noch kommen.“

„Meine Zeit wofür?“ Kayla war verblüfft über den ungewohnt mitfühlenden Tonfall ihrer Mutter.

„Dass du jemandem begegnest, der dir gefällt.“

„Deswegen mache ich mir keine Sorgen.“

„Ich hatte auch Schwestern“, erklärte Rita. „Ich weiß, wie schwer es ist, wenn ihnen aufregende Dinge passieren und einem selbst nicht.“

„Ich freue mich für Kristen, Mom, ehrlich.“

„Natürlich tust du das. Aber deshalb ist es trotzdem normal, ein bisschen neidisch zu sein.“ Jetzt, wo Kristen und Ryan verlobt waren, war es für Rita anscheinend unvorstellbar, dass Kayla das nicht auch wollte. „Es wird dir guttun, mal aus dem Haus zu kommen“, fuhr Rita fort. „Und wer weiß? Vielleicht triffst du dort jemanden.“

Jemanden treffen? Ha! Kayla kannte jeden Mann in Rust Creek Falls, und selbst wenn sie jemandem begegnete, der neu und interessant war und sie tatsächlich fragte, ob sie mit ihm ausgehen würde, konnte sie nicht Ja sagen. Ausgeschlossen, etwas mit einem anderen Mann anzufangen, wenn sie von Trey schwanger war. Außerdem interessierte sie sowieso niemand anders. Sie war nämlich immer noch hoffnungslos verliebt in den Vater ihres Kindes.

„Ich treffe mich mit Natalie“, wiederholte sie und küsste ihre Mutter auf eine Wange, bevor diese das nervige Gespräch weiterführen konnte. „Warte nachher nicht auf mich.“

Als Kayla an der Turnhalle ankam, stand Natalie schon vor der Tür, die Hände tief in den Taschen ihres Mantels vergraben.

„Bin ich zu spät?“, fragte Kayla.

„Nein, ich bin vermutlich zu früh. Ich musste einfach aus dem Haus. Ich konnte das ganze Hochzeitsgerede nicht mehr ertragen.“

Kayla nickte verständnisvoll. Natalies Bruder hatte sich kürzlich verlobt.

Sie bezahlten ihren Eintritt an dem dafür im Foyer aufgebauten Tisch und gingen weiter zur Turnhalle.

„Ich habe immer so ein unheimliches Déjà-vu-Gefühl, wenn ich hier bin“, flüsterte Natalie ihrer Freundin zu.

„Ich weiß, was du meinst. Vor allem, wenn Mrs. Newman die Eintrittskarten verkauft.“ Mrs. Newman war ihre frühere Sportlehrerin.

Natalie nickte. „Sie sieht mich sogar dann missbilligend an, wenn ich den Betrag genau passend habe, genauso wie früher, wenn ich mein Turnzeug vergessen hatte.“

Kayla lachte. Sie war froh, dass ihre Freundin sie heute aus dem Haus geholt hatte. Nicht dass Natalie Gewalt hätte anwenden müssen. Kayla war so niedergeschlagen gewesen, dass sie Natalies Einladung nur allzu gern angenommen hatte.

„Sieh mal“, sagte sie und zeigte auf das Poster für den Samstagsfilm. „Morgen können wir uns Eine schöne Bescherung ansehen.“

„Ich habe jedenfalls nichts anderes vor“, sagte Natalie seufzend. „Was nicht gerade für mein Privatleben spricht.“

„Mist, ich kann doch nicht.“

„Hast du ein heißes Date?“

„Von wegen. Nein, ich helfe morgen Abend am Theater in Kalispell aus.“

„Das ist bestimmt aufregender, als hier abends wegzugehen.“ Natalie blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. „Oh mein Gott!“

„Was ist los?“, fragte Kayla alarmiert.

„Trey Strickland ist hier.“

Kayla folgte dem Blick ihrer Freundin. Ihr Herz machte einen Satz und begann zu rasen.

Er war es tatsächlich. Nach fünf Monaten absoluter Funkstille lief sie ihm heute gleich zweimal über den Weg. Keine Ahnung, ob das Zufall oder einfach nur Pech war. Anscheinend würde es ihr nicht gelingen, ihm aus dem Weg zu gehen, solange er sich in Rust Creek Falls aufhielt.

Natalie tat so, als müsse sie sich Luft zufächeln. „Dieser Typ ist ja so scharf.“

Kayla fand das auch, erst recht, seit sie in Treys Armen gelegen hatte. Aber das wollte sie ihrer Freundin keinesfalls verraten. „Wie wär’s mit Popcorn?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln, und zog einen Zehndollarschein aus der Tasche ihrer inzwischen zu engen Jeans. „Ich hole uns welches.“

„Bringst du mir ein Soda mit?“, fragte Natalie, den Blick noch immer auf den attraktiven Cowboy geheftet, der in diesem Augenblick die Turnhalle betrat.

„Klar.“

„Ich suche uns Sitzplätze.“ Natalie folgte Trey dicht auf den Fersen.

Kayla stellte sich seufzend in die Schlange. Sie konnte ihrer Freundin keinen Vorwurf für ihr Verhalten machen, zumal sie Natalie nie erzählt hatte, was am 4. Juli passiert war. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass sie gern zusehen würde, wenn Natalie Trey anbaggerte.

Als sie mit den Getränken und dem Popcorn die Turnhalle betrat, war Natalie bereits ins Gespräch mit Trey vertieft. Kayla hätte am liebsten sofort wieder kehrtgemacht, zwang sich jedoch dazu, auf die beiden zuzugehen.

Trey lächelte bei ihrem Anblick erfreut. „Nochmals hallo.“

„Hallo“, echote sie und sah sich um. „Bist du mit jemandem hier?“

Bitte lass ihn mit jemandem hier sein!

Doch das Universum ignorierte ihr Flehen, denn Trey schüttelte den Kopf.

„Setz dich doch zu uns“, forderte Natalie ihn auf und klopfte auf den leeren Stuhl zu ihrer Linken.

„Ich glaube, das mach ich sogar“, antwortete er, doch in diesem Augenblick kam ihm ein älteres Paar zuvor, das sich auf die beiden leeren Plätze neben Natalie setzte.

Trey trat einen Schritt zurück und nahm auf dem leeren Stuhl neben Kayla Platz.

Kayla war insgeheim erleichtert, dass die Pläne ihrer Freundin vereitelt worden waren, wusste jedoch nicht, wie sie die nächsten vierundneunzig Minuten überstehen sollte, wenn Trey direkt neben ihr saß.

Sie konnte sich keine Sekunde auf den Film konzentrieren, da ihr bei jedem Atemzug sein Duft nach Mann und Seife in die Nase stieg und sie sich nicht rühren konnte, ohne ihn zu streifen. Außerdem musste sie ständig daran denken, wie sie miteinander geschlafen hatten.

Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Leinwand zu richten.

„Gibst du mir was von deinem Popcorn ab?“, flüsterte Trey dicht an ihrem Ohr.

Ihre guten Manieren gewannen die Oberhand. Sie hielt ihm die Tüte hin.

„Danke.“ Er nahm sich ein paar heraus.

Kayla wollte sich wirklich auf den Film konzentrieren, aber es war zwecklos. Sogar Ralphies unterhaltsame Eskapaden konnten sie nicht von Treys Gegenwart ablenken. Es war, als seien sämtliche Nervenenden auf ihn ausgerichtet.

Dass sie sich in der Highschool – dem Schauplatz ihrer jugendlichen Fantasien – befanden, war vermutlich auch nicht gerade hilfreich. Wie oft hatte sie vor ihrem Spind gestanden, Trey mit Freunden an sich vorbeigehen sehen und mit klopfendem Herzen darauf gewartet, dass er sich nach ihr umdrehte. Oder sie hatte ihn mit einer Cheerleaderin auf der Tribüne knutschen sehen und sich vorgestellt, an ihrer Stelle zu sitzen.

Damals hätte sie alles dafür gegeben, nur einmal in seinen Armen zu liegen oder auch nur ein Lächeln von ihm zu bekommen. Sie war so hoffnungslos in ihn verknallt gewesen, dass ein bloßer Blick von ihm ihre Fantasien tage- nein, monatelang angeheizt hatte.

Als seine Familie von Rust Creek Falls weggezogen war, hatte sie sich die Augen aus dem Kopf geheult. Selbst dann noch hatte sie weiter von ihm geträumt und sich ausgemalt, wie er eines Tages zu ihr zurückkehren und ihr gestehen würde, dass er ohne sie nicht leben konnte. Sie mochte äußerlich still und schüchtern gewesen sein, doch in ihrer Fantasie hatten sich die heftigsten Teenager-Melodramen abgespielt … und nicht nur das.

Jetzt neben ihm in der verdunkelten Turnhalle zu sitzen war, als würden diese Fantasien endlich wahr werden. Dabei saß Trey streng genommen nicht neben ihr, sondern so dicht bei ihr, dass sie seinen Oberschenkel an ihrem spürte. Und als er in die Tüte mit dem Popcorn griff, ließ er die Fingerspitzen absichtlich über ihren Handrücken gleiten.

Zumindest nahm sie an, dass er das absichtlich tat, denn er zog seine Hand auch nicht weg, als sie erschrocken aufkeuchte.

Natalie sah sie fragend an.

Kayla tat so, als sei ihr ein Krümel im Hals stecken geblieben, und griff nach ihrem Soda. Als sie ein Treten in ihrem Bauch spürte, führte sie das auf ihre angegriffenen Nerven zurück, doch dann wurde ihr bewusst, dass es sich um das Baby handelte – von dem Trey noch keine Ahnung hatte. Tränen schossen ihr in die Augen.

Ich muss es ihm sagen.

Wieder und wieder hallten diese Worte in ihrem Kopf wider – die Stimme ihres schlechten Gewissens gepaart mit der ihrer Schwester.

Er hat ein Recht, es zu erfahren.

„Entschuldigt mich bitte“, flüsterte sie, schob Trey die Popcorntüte in die Hände und floh aus der Turnhalle. Im Foyer blendete sie das grelle Lampenlicht so heftig, dass sie im ersten Moment völlig orientierungslos war. Vier Jahre lang hatte sie an der Highschool verbracht, und jetzt wusste sie nicht mal mehr, wo die Mädchentoiletten waren!

Sie lehnte sich für ein paar Sekunden gegen die Wand, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, bevor sie weiterging. Gott sei Dank war die Mädchentoilette leer. Sie schlüpfte in die erstbeste Kabine, schloss die Tür, setzte sich auf den heruntergeklappten Toilettendeckel und brach in Tränen aus.

Seit ein paar Wochen kamen ihr schon bei den geringsten Anlässen die Tränen – bei dem Anblick eines älteren Pärchens, das Händchen hielt, einer Mutter mit einem Kinderwagen und sogar bei einem Werbespot für Kaffee im Fernsehen.

Dass sie auf einer öffentlichen Toilette weinte, war ihr das erste Mal vor drei Monaten passiert. Sie hatte sich in einer Apotheke in Kalispell einen Schwangerschaftstest gekauft, war zum Einkaufszentrum gefahren und hatte das Päckchen mit auf die Toilette genommen, weil sie nicht riskieren wollte, den Test im Haus ihrer Eltern durchzuführen.

Sie konnte sich noch deutlich an jede einzelne Minute erinnern. Wie ihre Hände beim Öffnen der Packung gezittert hatten und die Gebrauchsanweisung vor ihren Augen verschwamm, als sie sie wieder und wieder las, um ja keinen Fehler zu machen.

Sie hatte das Stäbchen zur Seite gelegt und die Sekunden auf ihrer Armbanduhr gezählt, bevor sie einen Blick auf das kleine Display warf und in Tränen ausbrach. Sie machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Nie in all ihren fünfundzwanzig Jahren hätte Kayla damit gerechnet, in so eine Situation zu kommen. Schwanger. Unverheiratet.

Allein.

Der Schock traf sie tief. Sie fühlte sich völlig überfordert … und sie hatte Angst.

Außerdem war sie wütend. Wütend auf sich selbst und auf Trey, weil sie so leichtsinnig gewesen waren. Was hatten sie sich nur dabei gedacht, miteinander ins Bett zu gehen, ohne an Empfängnisverhütung zu denken? Gott sei Dank war es Trey gerade noch rechtzeitig eingefallen. Er hatte sich sofort aus ihr zurückgezogen, sich entschuldigt und ihr versichert, dass er normalerweise nie ungeschützten Sex hatte. Anschließend hatte er ein Kondom geholt und es sich übergestreift.

Kayla hatte keine Ahnung, ob der ungeschützte Moment zu ihrer Schwangerschaft geführt hatte oder sie lediglich die Ausnahme der Regel bestätigte – wonach Kondome keine hundertprozentige Verhütung gewährleisteten. Aber der Grund war letztlich egal. Was zählte, waren die Fakten, und Fakt war nun einmal, dass sie schwanger war.

Kayla nahm eine Handvoll Toilettenpapier von der Rolle und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Das winzige Leben in ihr regte sich wieder. Sie legte eine Hand auf ihren sanft gerundeten Bauch.

Ich will wirklich nur das Beste für dich, auch wenn ich keine Ahnung habe, was das ist. Aber ich habe Angst, weil ich nicht weiß, wie dein Daddy auf die Neuigkeit reagieren wird. Ich werde es ihm sagen, versprochen. Aber ich kann es ihm nicht in aller Öffentlichkeit mitten in der Filmvorführung mitteilen, also wirst du dich noch etwas gedulden müssen.

Natürlich war es ausgeschlossen, dass ihr Baby ihre stummen Worte hören konnte, aber das Treten in Kaylas Bauch ließ nach.

„Alles okay?“, flüsterte Natalie, als Kayla zu ihrem Sitz zurückkehrte.

Sie nickte. „Mein Handy hat vibriert, deshalb bin ich rausgegangen.“ Es fiel ihr nicht leicht zu lügen, aber Gott sei Dank akzeptierte Natalie ihre Erklärung, ohne Fragen zu stellen.

Als der Nachspann lief, standen die Leute auf und brachten ihre Stühle weg. Trey, ganz Gentleman, nahm auch Kaylas und Natalies Stühle mit.

Kayla nutzte seine kurze Abwesenheit, um sich bei Natalie zu entschuldigen. „Tut mir leid.“

„Was tut dir leid?“

„Dass Trey doch nicht neben dir saß. Ich weiß, dass du darauf abgezielt hast.“

Natalie winkte ab. „Mir sollte es leidtun. Als ich ihn dazu aufforderte, sich zu uns zu setzen, hatte ich völlig vergessen, dass ihr bei der Hochzeit im Sommer zusammen wart.“

„Wir waren nicht zusammen“, protestierte Kayla.

„Sogar der Rust Creek Rambler hat euch auf der Tanzfläche gesehen.“

„Ein Tanz ist noch keine Beziehung.“

„Okay, aber ich habe den Eindruck, dass Trey sich mehr erhofft.“

Kayla schüttelte den Kopf. „Das bildest du dir nur ein.“

„Ich merke doch, wie er dich ansieht. Jetzt zum Beispiel.“

Kayla wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie hatte keine Ahnung, ob Trey sie nur deshalb so intensiv ansah, weil sie seinem Blick auswich.

„Und das bedeutet, dass ich mir einen anderen Cowboy suchen muss“, schloss Natalie.

„Hast du schon jemanden ins Auge gefasst?“, fragte Kayla, froh über die Chance, das Thema zu wechseln.

„Ich bin für alles offen. Du, es ist noch früh. Lass uns doch ins Ace in the Hole gehen, etwas trinken.“

Kayla erschauerte bei der Vorstellung. „An einem Freitagabend?“

Die Bar war freitags immer voller Cowboys, die während der Woche hart arbeiteten und am Wochenende ihren Spaß haben wollten. Nicht selten flogen dann die Fäuste, und Kayla hatte heute keine Lust auf irgendwelche Dramen.

Natalie seufzte. „Du hast recht. Wie wäre es stattdessen mit einer heißen Schokolade?“

Das klang schon verlockender. Kayla hatte bisher noch keine ausgeprägten Schwangerschaftsgelüste, doch ihr Baby schien Süßes zu mögen. „Das wäre jetzt genau das Richtige. Auf der anderen Seite … Ich dachte, du musst morgen schon früh den Laden aufmachen.“

Natalie winkte ab. „Bis morgen früh ist es noch lange hin.“

„Heiße Schokolade klingt gut.“

„Und schmeckt sogar noch besser“, hörte Kayla Treys Stimme hinter sich.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass er die Aula schon verlassen hatte.

„Wo kriegt man so etwas um diese Uhrzeit?“, fragte er.

„Bei Daisy’s“, antwortete Natalie. „Das Diner hat jetzt länger geöffnet.“

„Ich mochte die heiße Schokolade dort schon immer. Seid ihr einverstanden, wenn ich mich euch anschließe?“

„Na klar.“ Natalie knöpfte sich auf dem Weg nach draußen den Mantel zu.

Im Foyer grüßten sie im Vorbeigehen mehrere Bekannte und wechselten ein paar Worte mit ihnen. Einige Männer luden Trey zu einem Bier im Ace in the Hole ein, doch er sagte ihnen, dass er schon etwas anderes vorhabe. Als sie endlich draußen waren, zog Natalie ihr Handy aus der Tasche und betrachtete stirnrunzelnd ihr Display. „Ich wusste ja gar nicht, dass es schon so spät ist.“

Kayla sah ihre Freundin verblüfft an.

„Ich glaube, ich lasse das heute lieber mit der heißen Schokolade“, fuhr Natalie fort. „Ich muss morgen früh den Laden öffnen.“

„Es war doch dein Vorschlag“, protestierte Kayla.

„Ich weiß. Und ich mache nur ungern einen Rückzieher, aber du und Trey könnt ja auch ohne mich etwas trinken gehen.“

Kayla richtete den Blick auf Trey. „Möchtest du nicht lieber mit deinen Freunden ins Ace gehen statt mit mir zu Daisy’s?“

„Lass mich nachdenken … mit einem Haufen Idioten über Highschool-Football reden oder mich mit einem hübschen Mädchen unterhalten?“ Er zwinkerte ihr zu. „Da muss ich nicht lange überlegen.“

„Toll“, sagte Natalie ein bisschen zu begeistert und drückte Kayla rasch an sich. „Ich rufe dich morgen an, damit du mir sämtliche schmutzigen Details erzählen kannst. Und sorg dafür, dass es was zu erzählen gibt“, flüsterte sie ihr ins Ohr.

3. KAPITEL

„Sie ist nicht gerade subtil, oder?“, fragte Trey, nachdem Natalie verschwunden war.

„Ganz und gar nicht“, stimmte Kayla zu. „Wenn du die heiße Schokolade ausfallen lassen willst …“

„Will ich nicht.“

„Okay.“

Trey wurde nicht ganz schlau aus ihrer Reaktion. „Willst du die heiße Schokolade ausfallen lassen?“, fragte er.

Sie zögerte einen Moment. „Ich sage nie Nein zu heißer Schokolade.“

Trey hatte den Eindruck, dass Kayla sich trotzdem gern aus dieser Situation herauswinden würde. Wollte sie ihm aus dem Weg gehen? Fühlte sie sich unwohl wegen der schicksalhaften Nacht im Sommer? Er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, zumal sie nie darüber geredet hatten.

Es war ihm irgendwie unangenehm, dass sie sich in seiner Gegenwart so unbehaglich fühlte, aber Rust Creek Falls war nun einmal eine Kleinstadt. Früher oder später würden sie sich sowieso über den Weg laufen und mussten schon allein deshalb die Situation klären. „Ich würde dir anbieten zu fahren, aber ich bin zu Fuß gekommen“, sagte er.

„Dann fahren wir eben mit meinem Truck“, antwortete sie und drückte auf die automatische Entriegelung.

Trey folgte ihr zur Fahrerseite und öffnete ihr die Tür. Ihr Truck war so hoch, dass er sie an einem Ellenbogen stützen musste, um ihr beim Einsteigen zu helfen.

„Danke“, murmelte sie.

Kaum hatte er sich angeschnallt, startete Kayla auch schon den Motor. Entweder konnte sie die heiße Schokolade kaum abwarten, oder sie wollte keine Minute länger mit ihm verbringen als unbedingt nötig. Dabei hatte er sich heute Nachmittag wirklich gefreut, sie wiederzusehen, und für einen Moment hatte er sogar den Eindruck gehabt, dass es ihr ähnlich erging. Zumindest hatte ihr Gesicht sich bei seinem Anblick aufgehellt, doch dann war ihr Lächeln erloschen. Sie mussten anscheinend wirklich dringend über den 4. Juli reden.

Als sie vor Daisy’s Donuts parkte, wurde ihm jedoch bewusst, dass der Ort für ein klärendes Gespräch vermutlich nicht gut geeignet war, es sei denn, sie wollten, dass ganz Rust Creek Falls davon erfuhr.

„Such du uns schon mal einen Tisch. Ich hole die Schokolade“, schlug er vor.

„Okay.“

„Irgendwelche besonderen Wünsche?“ Er warf einen Blick auf die Tafel. „Dunkle Schokolade oder weiße? Pfefferminz? Karamell?“

„Ganz normal. Mit einer Extraportion Schlagsahne.“

„Wird erledigt.“

Trey beschloss, das Gleiche zu nehmen. Zusätzlich bestellte er zwei Pfefferkuchen. „Ich dachte, du hast vielleicht Hunger“, sagte er, als er sich zu Kayla setzte. „Nachdem ich schon dein ganzes Popcorn aufgegessen habe.“

Kayla nahm den Becher, den er ihr hinschob. „Danke. Ich liebe Pfefferkuchen. Meine Mutter hat Weihnachten immer eine Riesenmenge gebacken, aber für Besuch blieb nie etwas übrig, weil Kristen und ich immer heimlich alles aufgegessen haben.“ Sie brach ein Bein von einem Pfefferkuchenmann ab und steckte es sich in den Mund.

„Schmeckt’s?“

Sie nickte.

„Meine Großmutter hat immer Pfefferkuchenhäuser gebacken – eins zum Dekorieren für jedes Enkelkind. Sie muss ein Vermögen für Süßigkeiten ausgegeben haben, zumal wir immer mehr davon gegessen als angeklebt haben.“ Er brach ein Stück vom anderen Männchen ab und probierte. „Ich frage mich, ob sie mir auch dieses Jahr ein Haus machen würde, wenn ich sie darum bitte.“

„Für dich tut sie doch alles.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich sage nur drei Worte.“ Sie brach das andere Bein ab. „Vanille-Mandel-Fudge.“

Trey musste bei der Erinnerung an den Teller auf seinem Nachttisch lächeln – hübsch in Plastikfolie verpackt und mit einer Schleife verziert. „Stimmt, sie verwöhnt mich wirklich.“

Kayla erwiderte sein Lächeln. Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment, bevor sie sich wieder abwandte.

Die Teenager am Nachbartisch zogen sich an und gingen zur Tür. Es gab noch weitere Gäste, aber niemand saß dicht genug, um zu hören, worüber Kayla und Trey sich unterhielten.

Er beschloss, sich einen Ruck zu geben. „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Überrascht sah sie ihn an. „Wovon redest du?“

„Keine Ahnung. Ich habe nur irgendwie das Gefühl, dass du nicht gerade begeistert über meinen Besuch bist.“

Sie trank einen Schluck Kakao und zuckte die Achseln. „Du bist doch nicht meinetwegen hier.“

„Vielleicht ja doch. Seit dem letzten Mal konnte ich nämlich nicht aufhören, an dich zu denken.“

Sie blinzelte überrascht. „Echt?“

„Echt“, bestätigte er.

„Ach.“

Er wartete vergeblich darauf, dass sie noch etwas sagte. „Es wäre schön zu hören, dass du auch an mich gedacht hast … falls das stimmt.“

Errötend wandte sie den Blick ab. „Das habe ich.“

„Auch an die Nacht nach der Hochzeit?“ Fasziniert beobachtete er, wie ihr das Blut noch heftiger ins Gesicht schoss.

„Du meinst die Nacht, in der wir beide die Bowle getrunken haben?“, fragte sie.

„Hast du dich etwa nur deshalb mit mir unterhalten?“

„Kann sein“, gab sie zu. „Ich meine … ich wollte auch so mit dir reden, hätte aber vielleicht nicht den Mut aufgebracht, ein Gespräch anzufangen.“

„Und der Kuss? Lag der auch an der Bowle?“

Du hast mich geküsst!“

„Aber du hast den Kuss erwidert.“

Sie schwieg, vermutlich weil ihr bewusst wurde, dass Leugnen zwecklos war.

„Und dann bist du mit zu mir gekommen.“

Sie nickte langsam, fast widerstrebend.

„Bereust du es?“

Sie wich seinem Blick immer noch aus und schüttelte den Kopf.

„Ich auch nicht. Das Einzige, was mir leidtut, ist, dass ich so lange gebraucht habe, um mich wieder an alles zu erinnern.“

„Viele Menschen hatten damals Gedächtnisausfälle – wegen der Bowle.“

„Glaubst du wirklich, dass alles nur an der Bowle lag?“

„Du nicht?“

Trey runzelte die Stirn. „Ich weiß ja nicht, wie betrunken du warst, aber ich kann dir versichern, dass kein Alkohol der Welt mich dazu bringen würde, mit einer Frau zu schlafen, zu der ich mich nicht hingezogen fühle.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Du fühlst dich hingezogen … zu mir?“

„Warum fällt es dir so schwer, das zu glauben?“

„Ich bin die Stille. Kristen ist die Hübsche.“

„Ihr seid eineiige Zwillinge.“

Sie zuckte die Achseln. „Zumindest scheinst du uns auseinanderhalten zu können.“

„Es gibt da ein paar feine Unterschiede“, erklärte er. „Deine Augen sind ein bisschen dunkler, deine Unterlippe ist ein bisschen voller, und du hast ein Muttermal am linken Ohrläppchen.“

Sie errötete. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so aufmerksam bist.“

„Dann solltest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass du eine schöne Frau bist, Kayla. Schön, liebenswert, klug und sexy.“

„Sexy?“

Unglaublich sexy“, versicherte er ihr.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. „Ach, darum geht es hier also!“

„Worum?“

„Du glaubst, du kriegst mich wieder ins Bett, weil dir das schon mal gelungen ist. Wolltest du mich deshalb wiedersehen?“

Abwehrend hob er die Hände. In seinem Kopf drehte sich alles. „Moment mal.“

„Nein, jetzt rede ich. Ich bin nicht so erbärmlich, dass ich mit jedem Mann ins Bett gehe, der mir ein paar Komplimente macht.“

Trey klappte die Kinnlade nach unten. „Wovon um alles in der Welt redest du eigentlich?“

„Von deinem offensichtlichen Versuch, mich wieder ins Bett zu kriegen.“

„Ich habe das erste Mal gar nichts versucht“, rief er ihr ins Gedächtnis. „Du warst diejenige, die zu mir gekommen ist. Du hast dich auf der Tanzfläche an mich gepresst. Und du hast gesagt, dass du mit zur Pension kommen willst.“

Sie vergrub das Gesicht in den Händen. „Großer Gott, das habe ich tatsächlich getan, oder? Es war alles meine Schuld.“

Ihre Reaktion kam ihm etwas übertrieben vor, aber sie klang so verzweifelt, dass er plötzlich den Wunsch verspürte, sie zu trösten. „Lass uns hier bitte nicht über Schuld sprechen“, sagte er. „Außerdem habe ich nicht gerade protestiert.“

„Ich bin wirklich erbärmlich.“

Er zog die Hände von ihrem Gesicht. „Nein, bist du nicht.“

„Doch“, beharrte sie. „Ich war schon auf der Highschool total verknallt in dich.“

„Echt?“

„Und du wusstest noch nicht mal, dass ich existiere.“

„Klar wusste ich das“, widersprach er. „Aber du warst Dereks kleine Schwester.“

Kayla nickte. „Als du mich zum Tanzen aufgefordert hast … hat mich meine Highschool-Fantasie anscheinend wieder eingeholt.“

„Du hattest Fantasien, was mich angeht?“ Faszinierende Vorstellung.

„Klar. Du hast die Hauptrolle in meinen romantischen Träumen gespielt.“

„Ich bin geschmeichelt. Aber warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt?“

Ja, warum eigentlich? dachte Kayla. Vermutlich, weil sie nervös war, denn dann redete sie sich immer um Kopf und Kragen. „Ich versuche nur, dir alles zu erklären … und mich bei dir zu entschuldigen.“

„Ich will keine Entschuldigung.“

„Aber ich habe mich dir an den Hals geworfen“, sagte sie unglücklich.

Und jetzt bin ich schwanger mit seinem Baby. Sie musste es ihm sagen, aber was war, wenn er sie dann hasste?

„So war das überhaupt nicht“, versicherte er ihr. „Und selbst wenn, habe ich dich nur zu gern aufgefangen.“

„Normalerweise mache ich so etwas nicht … ich meine das nach der Hochzeit.“

Trey runzelte die Stirn. „Du warst keine Jungfrau mehr.“

Sie errötete. „Das meinte ich nicht. Ich hatte nur noch nie einen One-Night-Stand.“

Er zuckte die Achseln. „Am nächsten Morgen waren meine Erinnerungen irgendwie schwammig. Und du hast so getan, als sei nichts passiert, also habe ich das Spiel mitgespielt.“

„Und ich dachte, du erinnerst dich an nichts.“

„Ich würde nie vergessen, mit dir geschlafen zu haben.“

„Aber du hast mich vor jener Nacht nie auch nur angesehen.“

„Das stimmt nicht. In Wahrheit habe ich mich nur nicht dabei erwischen lassen. Wegen deines Bruders.“ Trey zerknüllte seine Serviette. „Es lag nicht an der Bowle, dass du mir aufgefallen warst. Nur, dass ich meine Hemmungen verloren habe.“

„Echt?“

„Echt.“ Er grinste. „Jetzt, wo wir nüchtern sind, können wir ja vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen und einander besser kennenlernen.“

Unter anderen Umständen hätte Kayla sofort begeistert zugestimmt. Was Trey vorschlug, war genau das, was sie wollte, aber ihr lief die Zeit davon. Wenn du es ihm nicht erzählst, übernehme ich das! hallte Kristens Stimme in ihrem Hinterkopf wider. Kayla öffnete den Mund, um ihm endlich ihr Geheimnis anzuvertrauen. „Bevor wir …“

„Sorry“, unterbrach Trey sie, weil sein Handy klingelte. Er zog es aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. „Meine Cousine Claire.“ Entschuldigend sah er Kayla an.

„Geh ruhig ran“, sagte Kayla, insgeheim dankbar für die Gnadenfrist – und zugleich voller Schuldgefühle wegen ihrer Erleichterung.

Er nahm das Gespräch an. „Hey, Claire.“

Was auch immer seine Cousine sagte, ließ ihn das Gesicht verziehen. „Und warum rufst du mich an?“, fragte er kopfschüttelnd und seufzte kurz darauf tief. „Okay, sims mir die Details. Aber wenn du so weitermachst, bist du nicht mehr lange meine Lieblingscousine.“

„Gibt es ein Problem?“, fragte Kayla, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

„Sie will, dass ich ihr Windeln besorge. Anscheinend hat sie gestern eine Riesenpackung in Kalispell gekauft, sie aber im Wagen vergessen, und ihr Mann ist damit unterwegs. Meine Großmutter ist bei einer Freundin, und sie traut meinem Großvater nicht zu, die richtige Größe zu besorgen. Aber Claire braucht die Windeln jetzt.“

„Ich wette, du wusstest bisher noch nicht mal, dass Windeln unterschiedliche Größen haben“, witzelte sie.

„Über solchen Kram habe ich noch nie nachgedacht“, gab er zu. „Gott sei Dank brauchte ich das bisher auch nicht.“

Stirnrunzelnd sah sie ihn an. „Solchen Kram?“

„Na ja, dieses ganze Babyzeug. In Claires und Levis Zimmer sieht man kaum den Fußboden, so viel Spielzeug und Mist liegt da rum.“

Spielzeug und Mist.

Das war ja eine sehr erhellende Formulierung. Sollte Kayla sich bisher irgendwelchen Illusionen hingegeben haben, dass Trey sich über die Schwangerschaft freuen würde, wurde sie jetzt eines Besseren belehrt.

Als sein Handy summte, warf er einen Blick auf das Display. „Sie hat mir doch tatsächlich ein Foto geschickt, damit ich nichts Falsches besorge.“

„Dann solltest du jetzt wohl aufbrechen.“

„Tut mir leid“, sagte er bedauernd. „Sie klang wirklich verzweifelt. Die Details erspare ich dir lieber.“

„Kein Problem. Danke für die heiße Schokolade.“ Kayla stand auf, um zu gehen.

„Warte.“ Trey hielt sie an einem Arm fest. „Wolltest du nicht etwas sagen, als Claire anrief?“

Sie runzelte die Stirn, als versuche sie, sich daran zu erinnern, und zuckte dann die Achseln. „Keine Ahnung. Ich habe es vergessen.“

Lügnerin!

Für Dienstagabend hatte Kayla sich bereit erklärt, beim Einpacken der Geschenke für Bedürftige im Gemeindehaus zu helfen. Sie wunderte sich nicht, dass auch Trey zu den Helfern gehörte, doch sie beschloss, sich so weit wie möglich von ihm wegzusetzen, da sie seit Freitagabend nicht wusste, wie sie zueinander standen.

Natürlich war ihr bewusst, dass nichts, was er gesagt oder getan hatte, sie von ihrer Pflicht enthob, ihm von dem Baby zu erzählen, doch sie konnte sich einfach nicht dazu überwinden. Sie beschloss daher, sich aufs Einpacken zu konzentrieren. Im Hintergrund spielte leise Weihnachtsmusik, während die Menschen sich mit Nachbarn und Freunden unterhielten. Die Stimmung war entspannt und weihnachtlich.

Doch trotz des Stimmgewirrs im Raum war Kayla sich Treys Gegenwart nur allzu bewusst. Wenn sie ab und zu mal den Blick durch den Raum gleiten ließ, sah er sie meistens an.

„Geh doch einfach zu ihr rüber und sprich mit ihr, anstatt sie nur anzustarren.“

Shane Roarkes Vorschlag zwang Trey, den Blick von Kayla abzuwenden. Er riss ein Stück Klebestreifen von der Rolle und klebte es auf das Geschenk vor ihm. „Was?“, fragte er, als wisse er nicht genau, wovon – oder vielmehr von wem – sein Freund sprach.

Shane schüttelte belustigt den Kopf. „Mir kannst du nichts vormachen, Trey.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

Natürlich war das gelogen. Kayla war ihm schon bei ihrem Eintreffen aufgefallen. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass sie sich auf den freien Platz neben ihm setzen würde, doch zu seiner Enttäuschung hatte sie sich abgewandt und woanders hingesetzt.

„Ich meine die hübsche Brünette da drüben. Die mit den großen blauen Augen und dem scheuen Lächeln, die dich fast genauso oft ansieht wie du sie.“

„Sie sieht mich an?“

Shane warf seiner Frau einen komisch-verzweifelten Blick zu und schüttelte den Kopf. „War ich auch mal so mitleiderregend?“

Gianna lächelte. „Nein, du warst viel schlimmer.“

Ihr Mann lachte. „Stimmt vermutlich.“ Er berührte die Hand, die seine Frau auf ihren riesigen Babybauch gelegt hatte. „Und sieh uns jetzt an.“

Als Trey die beiden beobachtete, verspürte er zu seiner Überraschung einen Anflug von Neid. Bisher hatte er sich nie nach einer Frau und Kindern gesehnt. Aber eines Tages vielleicht …

Doch vorerst war er vollauf mit Kayla beschäftigt. Jetzt, wo er wieder in Rust Creek Falls war, konnte er es kaum erwarten, mehr Zeit mit ihr zu verbringen und das Feuer wieder zu entfachen, das zwischen ihnen vor fünf Monaten aufgeflammt war.

„Sieh dir nur seine Kanten an“, riss Giannas Stimme ihn aus seinen Gedanken.

Trey musterte das Päckchen vor sich. „Was stimmt denn nicht damit?“

„Sie sind falsch gefaltet.“

„Shanes Kanten waren auch nicht so ansehnlich, bis du ihm geholfen hast“, protestierte Trey.

„Das stimmt.“ Gianna schob entschlossen ihren Stuhl zurück und ging um den Tisch herum zu ihm. „Komm mit.“

Verwirrt sah er sie an. „Wohin?“

„Hol dir Hilfe.“

Trey sah seinen Freund und Kollegen fragend an, doch der zuckte nur die Achseln. Widerstrebend stand Trey auf und ließ Gianna vorangehen. Er verlangsamte die Schritte, als ihm bewusst wurde, wo sie ihn hinführte, aber sie packte ihn nur an einem Arm und zog ihn weiter, bis sie neben Kaylas Tisch standen.

„Du siehst so aus, als wüsstest du, was du tust“, sagte Gianna zu ihr. „Kannst du Trey vielleicht beim Einpacken helfen?“

Kayla sah verwirrt zwischen ihnen hin und her. „Helfen … wie denn?“

„Zeig ihm, wie er die Enden faltet. Er macht das völlig verkehrt.“

„Man sollte meinen, dass jemand, der Pferde trainiert, mit einer Rolle Geschenkpapier umgehen kann“, bemerkte Kayla trocken.

„Sollte man“, stimmte Gianna zu. „Er kann es trotzdem nicht.“

„Aber hören kann ich schon“, warf Trey ein. „Ihr redet über mich, als wäre ich überhaupt nicht da.“

„Setz dich“, befahl Gianna und zeigte auf einen leeren Stuhl.

Er gehorchte.

„Viel Glück“, fügte Gianna an Kayla gewandt hinzu, bevor sie zu ihrem Mann zurückkehrte.

„Tut mir leid“, sagte Trey nach kurzem betretenem Schweigen.

„Was denn?“

„Dass Gianna mich zu dir gezerrt hat.“

„Warum eigentlich?“

Trey zuckte die Achseln. „Zum Teil, weil ich das mit den Kanten wirklich nicht hingekriegt habe, aber vor allem, weil ich dir mehr Aufmerksamkeit gewidmet habe als meiner Aufgabe.“

Kayla errötete. „So schlimm kann es gar nicht sein.“

„Du hast bisher noch kein von mir eingepacktes Geschenk gesehen“, warnte er sie.

Sie reichte ihm eins. „Hier, versuch’s mal.“

Wie zufällig ließ er die Finger über ihre gleiten, als sie ihm das Geschenk reichte, und musste lächeln, als sie hastig ihre Hand wegzog. Er legte das Geschenk auf ein Blatt Papier, schnitt die richtige Größe aus und wickelte es um das Geschenk. Alles ging gut, bis er zu den Enden kam. Er hatte keine Ahnung, wie er sie falten sollte.

„Du kannst das ja wirklich nicht“, stellte Kayla belustigt fest.

„Ich kann vielleicht nicht mit Geschenkpapier umgehen“, gab er zu. „Aber ich bin ein Meister des Klebestreifens.“

Ihre Mundwinkel zuckten, wenn auch kaum merklich. „Ein Meister des Klebestreifens?“

Er riss vier kurze Stücke ab, heftete sie sich an vier Fingerspitzen und klebte sie fachmännisch auf das Päckchen.

„Nicht schlecht.“

„Ich habe auch noch andere Talente.“

„Zum Beispiel?“

Er näherte sein Gesicht ihrem und senkte suggestiv die Stimme. „Lass uns doch irgendwohin fahren, wenn wir hier fertig sind, und über diese Talente … reden.“

„Ich habe eine bessere Idee. Ich kümmere mich ums Geschenkpapier und du um die Klebestreifen.“

Kayla klang spröde, doch Trey sah ihr an, dass seine Gegenwart sie längst nicht so kaltließ, wie sie ihn glauben machen wollte. „Okay, wird gemacht. Vorläufig.“

Ihre Arbeitsteilung funktionierte. Während sie zusammen die Geschenke einpackten, unterhielten sie sich locker und entspannt, obwohl Trey ab und zu wie zufällig ihre Hände berührte oder ihre Knie mit seinen streifte. Und jedes Mal, wenn das passierte, stockte ihr zu seiner Befriedigung der Atem.

„Die Großzügigkeit der Menschen um diese Jahreszeit beeindruckt mich immer wieder“, sagte er. „Sogar diejenigen, die nicht viel übrig haben, leisten einen Beitrag.“

„Du hast recht“, stimmte Kayla zu. „Als im Jahr des Hochwassers der Tree of Hope gegründet wurde, um dafür zu sorgen, dass alle in der Stadt ein Weihnachtsessen und Geschenke unterm Baum haben, war die Reaktion überwältigend. Die Leute sorgen hier füreinander.“

Trey nickte. „Die Zerstörung war wirklich heftig. Wer sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich so etwas einfach nicht vorstellen.“

„Gott sei Dank geht es uns wieder gut.“

Kayla richtete den Blick auf die Tür, durch die in diesem Augenblick Kristen und Ryan eintraten. „Ich dachte schon, ihr schafft es nicht mehr rechtzeitig“, sagte sie zu ihrer Schwester.

„Ich wurde am Theater doch früher fertig.“

„Hier gibt’s immer noch jede Menge zu tun – vor allem für Leute, die mehr Erfahrung beim Einpacken haben als ich“, sagte Trey.

„Wie lange seid ihr denn schon hier?“, fragte Kristen.

„Als ich um halb acht ankam, war Trey schon da.“

„Dann solltet ihr vielleicht mal eine Pause machen. Ryan und ich übernehmen eure Geschenke. Ihr könnt euch draußen ein bisschen die Beine vertreten und frische Luft schnappen.“

„Ist es nicht ein bisschen zu kalt dafür?“

„Nicht, wenn ihr euch warm anzieht.“

Trey sah verwirrt zwischen Kristen und ihrer Schwester hin und her. „Warum willst du unbedingt, dass wir spazieren gehen?“

„Weil Kayla dringend mit dir reden muss.“

Er richtete den Blick auf Kayla. „Können wir das nicht auch hier tun?“

„Nein“, antwortete Kristen so entschieden, dass ihr Verlobter sie genauso verwirrt ansah, wie Trey sich fühlte. „Kayla muss unter vier Augen mit dir reden.“

Trey sah Kayla wieder fragend an, doch die funkelte ihre Schwester nur wütend an und zuckte dann halbherzig die Achseln.

„Okay“, sagte er gedehnt und stand auf.

Kayla folgte seinem Beispiel und streifte sich ihre Skijacke über, die sie über ihre Stuhllehne gehängt hatte. Draußen war es so eisig, dass sie die Hände in die Taschen steckte und ihr Kinn im Kragen ihrer Jacke vergrub.

„Es wird bald wieder schneien“, stellte Trey fest und streifte sich seine Handschuhe über.

„Das bleibt einem nun mal im Dezember in Montana nicht erspart.“

Er lachte. „Und? Wo gehen wir hin?“

„Es gibt nichts, wo wir hingehen könnten.“

„Dann solltest du mir vielleicht einfach verraten, warum deine Schwester uns geradezu aus dem Gemeindehaus gedrängt hat.“

„Weil sie es nicht schafft, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern“, grummelte Kayla. Aber sie wusste, dass ihre Schwester recht hatte – Trey musste von dem Baby erfahren, und zwar von ihr persönlich.

„Das klingt ja ganz schön kryptisch.“

Kayla zögerte. „Also, Kristen weiß, was nach der Hochzeit passiert ist. Sie findet, ich sollte mit dir über …“

„Über?“, hakte er nach, als Kayla wegen der Ankunft eines bekannten Paars stockte. Nachdem sie einige Worte mit den beiden gewechselt hatten und sie im Gebäude verschwunden waren, öffnete Kayla den Mund, um weiterzureden, doch in diesem Augenblick schossen zwei Kinder aus dem Gebäude, gefolgt von ihren Eltern.

„Gar nicht so einfach, sich hier ungestört zu unterhalten, oder?“, fragte Trey, als die Familie verschwunden war.

„Zumindest nicht heute.“

„Vielleicht sollten wir etwas anderes ausprobieren“, schlug er vor und senkte den Kopf, um sie zu küssen.

Kayla war völlig überrumpelt. Sie war so beschäftigt damit gewesen, sich zu überlegen, was sie sagen wollte, dass sie gar nicht gemerkt hatte, was ihm vorschwebte. Und dann konnte sie sowieso keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Trey schlang die Arme um sie und zog sie so eng an sich, wie ihre dicken Jacken es zuließen. Sie musste sich an seinen Schultern festhalten, als die Welt sich um sie zu drehen begann.

Merkwürdig, sie schienen sich keine zwei Minuten unterhalten zu können, ohne unterbrochen zu werden, aber bei dem Kuss störte sie niemand. Er schien endlos zu dauern.

Als Trey schließlich die Lippen von ihren löste, waren sie beide völlig außer Atem. „Jetzt weiß ich Bescheid“, murmelte er.

„Worüber?“

„Ob deine Lippen sich noch so anfühlen wie in meiner Erinnerung.“

„Und? Tun sie es?“

„Nein, noch besser.“

Kayla spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

„Ich bereue nicht, was passiert ist“, fügte Trey hinzu. „Ich wünschte nur, wir wären nicht gleich miteinander ins Bett gegangen.“

„Ich glaube, das hatte eher mit der Bowle als mit uns zu tun.“

„Oder mit der Chemie zwischen uns.“

„Ich dachte, das lag auch am Alkohol.“

„Hast du heute etwa getrunken?“

Sie errötete. „Natürlich nicht.“

„Na, siehst du. Ich möchte gern mehr Zeit mit dir verbringen und dich besser kennenlernen.“

„Du bist doch nur für ein paar Wochen hier.“

„Thunder Canyon ist nicht weit weg.“

„Dort gibt es unter Garantie viele andere Frauen.“

„Klar“, stimmte er zu. „Aber ich denke seit Juli nur noch an dich. Ich war mit keiner einzigen Frau zusammen, weil ich mit dir ausgehen wollte.“

Bei Treys Worten flackerte so etwas wie Hoffnung in ihr auf. Wenn er das wirklich ernst meinte, konnte sich zwischen ihnen vielleicht doch so etwas wie eine Beziehung entwickeln … wenn nur diese Lüge oder vielmehr dieses Geheimnis nicht zwischen ihnen stehen würde.

Kaylas Baby – ihr gemeinsames Baby – trat um sich, eine nicht so subtile Erinnerung daran, dass sie Trey noch etwas zu sagen hatte. „Trey …“

„Gib uns eine Chance“, drängte er.

„Ich würde ja gern“, gestand sie, „aber …“

Sanft legte er ihr einen Finger auf die Lippen. „Sag einfach Ja.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt Dinge, die du noch nicht weißt, die du aber erfahren musst.“

„Wir haben genug Zeit, alles herauszufinden, was wir übereinander wissen müssen. Ich will nichts überstürzen.“

Und Kayla gab nach, weil das einfacher war, als ihm die Wahrheit zu sagen. Wenn sie nur nicht wieder reingehen und ihrer Schwester gegenübertreten müsste. Kristen würde ihr bestimmt sofort ansehen, dass sie schon wieder zu feige gewesen war.

„Wir sollten vielleicht wieder zurückgehen, bevor die Leute noch anfangen zu tuscheln und meine Großeltern vom Rust Creek Rambler von deinem plötzlichen Verschwinden aus dem Gemeindehaus erfahren.“

„Das werden sie nicht“, sagte Kayla.

Er hob die Augenbrauen. „Wie kannst du da so sicher sein?“

Kayla wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.

„Ist es das, was du mir so dringend mitteilen solltest?“

„Was meinst du?“

„Dass du der Rust Creek Rambler bist?“

Kayla erschrak. „Wie kommst du denn darauf?“

„Ich habe schon etwas geahnt, als du mir neulich versichert hast, dass es nicht Kristen ist. So etwas kannst du nur dann mit Überzeugung sagen, wenn du die wahre Identität des Ramblers kennst.“

Kayla war überrascht, dass Trey die Wahrheit so schnell herausgefunden hatte. Sie schrieb die Kolumne jetzt schon seit dreieinhalb Jahren, und abgesehen vom Verleger kannte niemand ihre Identität. „Du hast recht“, gestand sie leise. „Bisher hatte mich noch niemand in der Stadt im Verdacht.“

„Vielleicht haben sie dich nicht aufmerksam genug beobachtet.“

„Bist du jetzt sauer?“

„Warum sollte ich sauer sein?“

„Weil ich es vor dir verheimlicht habe.“

„Na ja, ich war ja nicht der Einzige.“

Sie nickte.

„Ehrlich gesagt bin ich eher verblüfft – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass in den Ramblings etwas über uns stand.“

Sie zuckte die Achseln. „Einige Leute haben uns auf der Hochzeit zusammen tanzen sehen. Wenn ich nicht darauf eingegangen wäre, hätte das nur den Verdacht auf mich gelenkt.“

„Clever. Und jetzt verrate mir, ob dein Redaktionsjob ein echter Job ist oder nur ein Deckmantel.“

„Er ist echt, aber das ist nicht mein einziger Job.“

„Du überraschst mich immer wieder. Mir ist nur noch nicht klar, warum es deiner Schwester so wichtig war, dass du mir von deiner heimlichen Tätigkeit erzählst.“

„Kristen ist sehr für offene Kommunikation“, antwortete Kayla errötend. „Aber ich müsste die Kolumne an den Nagel hängen, wenn alle wissen, dass ich der Rambler bin. Daher wäre ich dir sehr dankbar, wenn du mich nicht verrätst.“

„Kein Problem. Und was kriege ich als Gegenleistung für dein Stillschweigen?“

„Was schwebt dir denn so vor?“

„Hilfst du mir bei meinen Weihnachtseinkäufen?“

Sie lächelte. „Abgemacht.“

4. KAPITEL

Nach dem Abend im Gemeindehaus ging Kayla Trey absichtlich aus dem Weg – nicht nur, weil sie immer noch nicht wusste, wie sie ihm von dem Baby erzählen sollte, sondern weil sie ihrer Schwester gegenüber auch die Ausrede brauchte, keine Gelegenheit dazu gehabt zu haben. Offensichtlich war sie also nicht nur eine Lügnerin, sondern auch noch ein Feigling.

Am Donnerstagnachmittag ging sie wieder in die Redaktion, um für die Sonntagsausgabe zu arbeiten und an ihrer Kolumne zu feilen. Leider blieben wegen des Winterwetters die meisten Leute im Haus und lieferten keinen Stoff für interessante Schlagzeilen. Sie spielte daher mit dem Gedanken zu schreiben, dass Trey Strickland kürzlich bei Crawford’s beim Windelkauf entdeckt worden sei, doch seinen Namen im Zusammenhang mit Babys zu erwähnen war ihr ein bisschen zu dicht an der Wahrheit.

Kayla konnte ihre Schwangerschaft nicht mehr lange verheimlichen. Ihre Mutter sah sie manchmal prüfend an, so als wisse sie genau, dass ihre Tochter irgendetwas vor ihr verbarg. Sie hatte immer schon ein untrügliches Gespür für die Probleme ihrer fünf Kinder gehabt.

Dabei wollte Kayla ihrer Familie gern von ihrer Schwangerschaft berichten, auch wenn sie nicht gerade stolz auf die Begleitumstände war. Sie sehnte sich danach, mit ihrer Mutter über die Veränderungen in ihrem Körper und ihre verwirrenden Emotionen zu sprechen.

Kristen war natürlich toll – abgesehen von ihrem ständigen Drängen, dass Kayla endlich mit Trey redete – , aber sie war so mit ihrem Verlobten und ihrer bevorstehenden Hochzeit beschäftigt, dass sie sich in Kaylas Ängste und Zweifel nicht hineinversetzen konnte.

Kayla wollte so gern das Richtige für ihr Baby tun – ihm das Leben schenken, das es verdiente. Sie berührte ihren Bauch und versuchte sich das kleine Wesen darin vorzustellen.

Ihre Ärztin in Kalispell hatte ihr vorgeschlagen, einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen. Kayla traute sich jedoch nicht, sich in Rust Creek Falls anzumelden, und sie wusste nicht, ob sie es einmal in der Woche nach Kalispell schaffen würde. Außerdem konnte sie sogar dort jederzeit irgendwelchen Bekannten über den Weg laufen, so wie bei der Begegnung mit Treys Großmutter im Einkaufszentrum.

Sie musste sich daher damit zufriedengeben, alles über Schwangerschaft und Geburt zu lesen, das sie im Internet finden konnte. Hoffentlich würde das reichen. Sie hatte schreckliche Angst, etwas falsch zu machen.

Sie hätte Trey so gern die Ultraschallaufnahme des Babys gezeigt, mit ihm über ihre Hoffnungen und Träume gesprochen und ihm ihre Ängste anvertraut. Vor allem wollte sie, dass er Teil des Lebens ihres Kindes wurde, weil sie es nicht allein großziehen wollte.

Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken.

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