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BIANCA EXTRA BAND 3

GINA WILKINS

Dich gibt’s nur einmal für mich

Shelby errötet, als Aaron sich als Zwilling eines früheren Feriengasts zu erkennen gibt. Wie peinlich, dass sie ihn umarmt hat. Und wie aufregend, dass sie in seiner Nähe dieses verrückte Kribbeln spürt …

GINA WILKINS

Glaub mir, dass es Liebe ist!

„Hannah? Schwanger?“ Andrew ist bestürzt, als sein Bruder die Frau erwähnt, mit der er selbst eine Liebesnacht verbracht hat und an die er pausenlos denken muss. Aber Hannah glaubt nicht an die Liebe …

PATRICIA THAYER

Ein Baby für Kira

Trace hatte mit Kira die schönste Zeit seines Lebens. Nun braucht sie ihn nur noch, um ein Kind zu adoptieren! Wo haben sie auf dem Weg zur Familie die Liebe verloren? Und wo können sie sie wiederfinden?

LISA RUFF

Die Versuchung eines Sommers

Ein Blick, und der Bootsbauer Ian Berzani ist von Mimi verzaubert. Doch die Gefühle für die Sängerin und ihren Sohn könnten seinen Lebenstraum gefährden. Gibt es für sein Herz noch ein Zurück?

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Dich gibt’s nur einmal für mich

1. KAPITEL

Aaron Walker seufzte. Wie schön wäre es, wenn sein Zwillingsbruder Andrew auch mal einen peinlichen Fehler machte, über den ihre große, liebenswerte Familie sich amüsieren konnte, anstatt sich über Aaron aufzuregen. Aber Andrew unterliefen äußerst selten Fehler, und Andrew musste nie gerettet werden. Im Gegenteil, er rettete andere Menschen.

Natürlich war auch Andrew als Kind und Jugendlicher kein Heiliger gewesen. Als Mitglied des „schrecklichen Trios“, zu dem damals die Zwillinge und ihr gleichaltriger Cousin Casey Walker gehörten, hatte er den Erwachsenen oft genug Sorgen bereitet. Aber inzwischen war Casey verheiratet und Rechtsanwalt in Tennessee, und Andrew machte im familieneigenen Sicherheitsunternehmen Karriere. Aaron war der Einzige, über den alle anderen die Stirn runzelten.

Andrew arbeitete wie ein Besessener und beklagte sich über Aarons Ziellosigkeit. Gerade hatte Aaron mal wieder eine der Strafpredigten seines Bruders über sich ergehen lassen müssen, nachdem er seinen Job hingeworfen hatte. Wenn er eines Tages im Familienunternehmen arbeiten wolle, müsse er seinem Leben endlich eine klare Richtung geben … und so weiter. Das hatte Aaron auch schon von seinem Vater, seinen Onkeln, seiner Mutter, seinem Großvater und einigen Cousins gehört – aber Andrews Vorhaltungen ärgerten ihn am meisten.

Aaron stand auf, um das Büro seines Bruders zu verlassen. Dabei fiel sein Blick auf eine bunte Broschüre, die auf dem Boden lag. Offenbar hatte Andrew sie wegwerfen wollen und den Papierkorb verfehlt. Aaron hob sie auf und betrachtete die Fotos des Hochglanzprospekts.

Das Bell Resort and Marina lag am Lake Livingston, einem großen Stausee etwa hundertsiebzig Meilen südöstlich von Dallas. Aaron war noch nie in der Ferienanlage gewesen, aber er kannte den See. Gutes Angelrevier, entspannte Atmosphäre. Die Fotos zeigten fröhliche Menschen, die Wasserski liefen, badeten, picknickten oder einfach in der Sonne lagen, und er wünschte, er wäre dort und nicht in Dallas bei seiner anstrengenden Familie. Spontan steckte er die Broschüre ein und ging zur Tür.

Vierundzwanzig Stunden später stand Aaron neben seinem Wagen und sah auf die Anzeige der Tanksäule. Es war ein heißer Junitag. Benzingeruch lag in der Luft. Aaron zupfte am Kragen des hellblauen T-Shirts, das er zu den kakifarbenen Cargoshorts und Sandalen trug. Nach der vierstündigen Fahrt freute er sich darauf, mit einem kalten Bier im Schatten eines Baums am Wasser zu sitzen.

Laut Beschreibung lag das Bell Resort nur eine Viertelstunde von der Kleinstadt entfernt, in der er gehalten hatte, um zu tanken und sich frisch zu machen. Hier gab es nicht viel zu sehen, nur ein paar Häuser, ein Sozialkaufhaus, einen Sonderpostenmarkt und eine winzige Postfiliale. Genau das, was er brauchte, um in Ruhe nachzudenken. Hier hielt ihm niemand Vorträge oder gab ihm Ratschläge, die er nicht wollte. Hier kannte ihn niemand …

Plötzlich schrie eine junge Frau in Tanktop und Shorts auf, rannte auf ihn zu und umarmte ihn so heftig, dass er fast das Gleichgewicht verlor. „Du bist zurück! Ich freue mich ja so, dich wiederzusehen!“

Aaron war es nicht gerade unangenehm, eine zierliche Blondine in der Armen zu halten, aber leider hatte er keine Ahnung, wer sie war. „Ich …“

Sie legte den Kopf zurück, lächelte ihn an, und einige Sekunden lang verschlug es ihm die Sprache. Verdammt hübsch war sie. Strahlend blaue Augen unter langen dunklen Wimpern. Zwei hinreißende Grübchen. Eine Stupsnase und volle Lippen, bei deren Anblick seine Knie weich wurden. Der Ausschnitt ihres Tops ließ wundervolle Brüste erahnen.

„Du willst zum Bell Resort, richtig?“, fragte sie. „Bist du hier, weil ich dir die Broschüre geschickt und dich daran erinnert habe, dass du immer willkommen bist?“

Aaron war tatsächlich auf dem Weg zum Bell Resort and Marina, aber er hatte sich nicht angemeldet. Die persönliche Einladung, die zur Broschüre gehörte, hatte er nicht gesehen. Vermutlich hatte sein Bruder sie an sich genommen. „Na ja, ich dachte mir, ich schalte mal ein paar Tage ab. Vorausgesetzt, es ist etwas frei. Aber …“

„Toll!“ Sie umarmte ihn wieder, bevor sie zurückwich, und er ließ sie nur ungern los. „Natürlich ist etwas für dich frei! Wir sind dir noch immer so dankbar für alles, was du im letzten Jahr für uns getan hast.“

„Ich …“

„Du trägst dein Haar länger.“ Sie legte den Kopf auf die Seite. „Gefällt mir.“

Aaron begann zu verstehen. Jetzt brauchte er nur noch die Chance, ihr zu erklären, dass hier ein Missverständnis vorlag. „Danke, aber ich …“

„Du solltest Loris Haar sehen. Sie hat es pechschwarz gefärbt, mit blauen Strähnen. Dad hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. Pop hat gesagt, sie sieht aus, als hätte sie am Kopf einen riesigen Bluterguss. Steven findet es lustig.“

„Ja, aber ich …“

„Hallo, Shelby, alles klar?“, rief ein schlaksiger junger Mann in einem verwaschenen Camouflage-T-Shirt, Denimshorts und roter Baseballkappe, als er vom Tankstellenshop zu einem verbeulten Pick-up ging.

„Alles bestens, Bubba“, erwiderte die Blondine. „Sieh mal, wer wieder da ist.“

Der Mann lächelte. „Hallo, Mr Walker.“

Aaron nickte ihm resigniert zu. „Hallo.“

Bubba fuhr davon, und Shelby drehte sich wieder zu Aaron um. Dann verblasste ihr Lächeln. „Weiß Hannah, dass du hier bist? Sie ist für ein paar Wochen bei der Familie ihrer Mutter in Shreveport.“

„Niemand weiß, dass ich hier bin“, antwortete er achselzuckend. „Es war ein spontaner Entschluss.“

Lachend tätschelte sie seinen Arm. „Seltsam, ich hätte dich nie für einen spontanen Menschen gehalten. Aber ich bin froh, dass du gekommen bist.“

Wieder nickte er. Dass sie ihn mit seinem Bruder verwechselte, amüsierte ihn. Er verschloss den Tank. Bezahlt hatte er vorher mit Kreditkarte. Wie es aussah, stand er selbst hier, weit von zu Hause entfernt, in Andrews Schatten.

„Kann ich dir etwas zu trinken spendieren, bevor wir zum Resort fahren?“, fragte Shelby und musterte ihn nachdenklich. „Es gibt da etwas, das ich mit dir besprechen möchte. Alle finden, dass ich übertrieben reagiere, aber vielleicht könntest du mir helfen. Ich würde gern wissen, ob ich spinne oder meine Sorge begründet ist.“

Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie von ihm wollte, aber in diesem Moment hätte er ihr jeden Wunsch erfüllt. „Ich fahre meinen Wagen zur Seite, und dann treffen wir uns drinnen.“

Sie lächelte dankbar. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Bis gleich.“

Er schaute ihr nach, als sie davoneilte und das blonde Haar auf ihren Schultern wippte. Sein Blick fiel auf ihre engen Shorts, und er fand, dass sie von hinten ebenso reizvoll aussah wie von vorn. Vielleicht gab sie ihm ja doch noch eine Chance, ihr zu sagen, dass sie den falschen Zwilling umarmt hatte.

Etwas an Andrew Walker war anders, aber Shelby Bell hätte nicht sagen können, was es war. Das dunkle Haar war es jedenfalls nicht, auch wenn er es im letzten Jahr militärisch kurz getragen hatte, und jetzt, da er es wachsen ließ, sah es viel weicher aus. Wie gern hätte sie es zerzaust. Seine Augen waren so dunkelbraun, wie sie sie in Erinnerung hatte, und das Gesicht war auf klassische Weise attraktiv. Aber irgendetwas war anders …

Sie hatte Andrew vor fast einem Jahr kennengelernt, als er zwei Wochen im Resort verbracht hatte, um ihrer Familie bei einem brisanten juristischen Problem zu helfen. Ihr Vater und ihr Großvater hatten den Privatdetektiv aus Dallas engagiert, und Andrew hatte das Familienunternehmen vor einem gerissenen Betrüger gerettet. Seitdem war er für alle ein Held und jederzeit am See willkommen, wenn er mal eine Auszeit von seinem anstrengenden Job brauchte.

Auch Shelby war ihm dankbar. Sie hatte ihn sympathisch gefunden, und natürlich war ihr aufgefallen, wie gut er aussah, aber zwischen ihnen hatte es nicht geknistert. Außerdem war sie damals noch mit Pete zusammen gewesen und hatte sich nicht für andere Männer interessiert. Er schien auch kein Auge auf sie geworfen zu haben, sondern hatte in ihr lediglich die nette Tochter seines Auftraggebers gesehen.

Sie kam nicht darauf, was sich seitdem geändert hatte und warum sie plötzlich bemerkte, dass er ein Grübchen am Kinn hatte und wie sein T-Shirt den schlanken, athletischen Körper betonte. Und warum sie ein Kribbeln spürte, wenn er sie über den Tisch hinweg anlächelte. Vielleicht war es einfach nur zu lange her, dass sie mit einem attraktiven Mann allein gewesen war. Pete hatte sie im letzten Winter sitzenlassen.

Sobald Shelby und Aaron mit ihren Getränken, Eistee für ihn, Kirschsaft für sie, an der kleinen Snackbar der Tankstelle saßen, begann sie zu reden. Sie musste ihm erklären, was sie von ihm wollte, bevor er ihren Verdacht als unbegründet abtat.

„Du bist gerade erst angekommen und willst dich erholen. Ich weiß, dass ich dich nicht um einen Gefallen bitten sollte, bevor du das Resort erreicht hast. Zumal ich es mir gar nicht leisten kann, dich zu engagieren. Aber es dauert höchstens ein paar Minuten, und danach sorge ich dafür, dass du hier auf deine Kosten kommst.“

„Shelby …“

„Da gibt es diesen Typen, der im Resort abgestiegen ist. Er ist ruhig, macht keinen Ärger, hat pünktlich bezahlt und gibt großzügige Trinkgelder. Aber ich traue ihm trotzdem nicht. Leider hört mir niemand zu, wenn ich darüber reden will. Du weißt ja, wie meine Familie ist … Zugegeben, manchmal geht meine Fantasie mit mir durch, aber war ich es nicht, die im letzten Jahr Hannahs bösem Exmann auf die Schliche gekommen ist? Ich habe immer gesagt, wir müssen nur genauer hinsehen, dann haben wir genug in der Hand, um uns gegen seine juristischen Tricks zu wehren. Und ich hatte recht, oder?“

„Okay.“ Aaron trank einen Schluck Eistee. „Erzähl mir, warum dieser Kerl dir nicht geheuer ist.“

Sie wusste nicht, warum die meisten Menschen sie nicht ernst nahmen. Aber Andrew hatte ihr im vergangenen Jahr zugehört, als sie behauptete, dass der Exmann ihrer Cousine Hannah Geld unterschlug und das Familienunternehmen mit seinen finanziellen Forderungen in den Ruin treiben wollte. Außerdem hatte sie Andrew geholfen, einen Plan zu schmieden, mit dem sich ihr Verdacht beweisen ließ.

„Dieser Typ, der angeblich Terrence Landon heißt, wohnt seit zwei Wochen im Resort und zahlt bar. Er behauptet, dass er sich von einem stressigen Marketing-Job in Austin erholt. Alle zwei Tage hat er Besucher, mit denen er angelt und über Geschäfte spricht. Die bringen immer irgendwelche Sachen in Kisten mit, nehmen sie aber nie mit, wenn sie wieder wegfahren. Und sie fangen kaum Fische.“

„Glaubst du, dass er mit Drogen handelt? Oder Waffen?“

Shelby kniff die Augen zusammen. „Wer weiß? Dad und Steven finden, dass ich zu misstrauisch bin. Ich soll den Mann in Ruhe lassen, anstatt einen zahlungskräftigen Gast mit meinen Verdächtigungen zu vertreiben. Maggie meint, ich hätte mich im letzten Sommer von dir anstecken lassen und soll meine detektivischen Ambitionen zügeln. Als würde ich die schreckliche Zeit noch mal durchmachen wollen! Die arme Hannah hat die ganze Sache noch immer nicht verkraftet, und deshalb ist sie jetzt wahrscheinlich auch …“

Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht ist ja bei diesem Terrence Landon doch nichts faul, aber da du ein paar Tage bei uns verbringen willst und dich mit solchen Dingen auskennst, könntest du ihm ja … rein zufällig natürlich … auf dem Gelände über den Weg laufen? Ihn in ein Gespräch verwickeln oder ihn diskret beobachten, wenn er Besuch bekommt? Dann wissen wir, ob ich mir nur etwas einbilde oder wirklich Grund zur Sorge habe.“

Aaron musterte sie eindringlich.

Sie schluckte nervös. „Ich will dir deinen Urlaub bestimmt nicht verderben. Vergiss, dass ich gefragt habe, okay? Ich behalte den Kerl im Auge, und du entspannst dich einfach.“

Noch bevor sie fertig war, schüttelte er den Kopf. „Darum geht es nicht, Shelby. Deine Bitte klingt absolut vernünftig … wenn ich der wäre, für den du mich hältst.“

„Ich verstehe nicht.“

„Du hast dich geirrt. Ich bin nicht Andrew Walker.“

2. KAPITEL

„Ich bin Aaron. Andrews Bruder.“

Shelby errötete. „Zwillinge?“

„Eineiige“, bestätigte er. „Unser Vater ist auch einer. Hat Andrew nie erwähnt, dass er einen Zwillingsbruder hat?“

„Nein, er hat nicht viel von sich erzählt. Schließlich war er beruflich hier, auch wenn wir uns angefreundet haben. Du bist also Aaron?“

Er nickte. Längst hatte er sich daran gewöhnt, wie verblüfft seine Mitmenschen auf die Ähnlichkeit zwischen ihm und Andrew reagierten. Zum Glück trug er das Haar länger und kleidete sich etwas lässiger und farbenfroher als sein Bruder, sonst würde kaum jemand außerhalb der Familie sie auseinanderhalten können.

Shelby presste die Hände auf die Wangen. „Du musst mich für verrückt gehalten haben, als ich dich draußen umarmt habe.“

Er lachte. „Es hat mir gefallen.“

Sie errötete verlegen. „Und ich habe dir keine Zeit gelassen, das Missverständnis aufzuklären, nicht wahr?“

„Nein, du …“

„Ich habe auf dich eingeredet und dich praktisch hereingeschleift, um dich dann auch noch um einen Gefallen zu bitten.“

„Shelby, das …“

„Meine Familie hat recht. Ich lasse mich zu sehr gehen“, flüsterte sie betrübt. „Ich sollte wirklich …“

„Shelby.“ Aaron nahm ihre Hände in seine. „Jetzt bin ich mal dran, okay?“

Sie nickte.

Er drückte ihre Finger, bevor er es schaffte, sie wieder loszulassen. „Ich halte dich nicht für verrückt, und du bist nicht die Erste, die mich mit meinem Bruder verwechselt. Ich freue mich, dass wir uns begegnet sind.“

Ihre blauen Augen wurden groß. „Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt, was? Ich bin Shelby Bell und finde es schön, dass wir uns kennenlernen, Aaron.“

„Bell wie in Bell Resort and Marina?“

Sie nickte wieder. „Anfang der 1940er hat mein Großvater mütterlicherseits einen kleinen Köderladen am Fluss eröffnet. Sie hatten etwas Land, das später zum Ufer des Lake Livingston wurde, als der Fluss aufgestaut wurde. Mein Großvater fing mit dem Ködershop, einem kleinen Bootshafen und einem Campingplatz an, jetzt ist es eine richtige Ferienanlage, die meiner Familie gehört.“

Sie holte kurz Luft. „Meine Großeltern haben zwei Söhne, meinen Vater Carl und meinen Onkel Bryan. Sie und ihre Frauen arbeiten im Resort, genau wie mein Bruder Steven und ich und unsere Cousinen Hannah und Maggie. Meine jüngste Schwester Lori ist noch auf dem College und weiß noch nicht, was sie danach machen will. Unsere Eltern und Großeltern sagen immer, dass ihre Kinder ihre eigenen Träume verwirklichen sollen, aber natürlich hoffen sie, dass sie das Resort eines Tages übernehmen. Ich glaube, der arme Steven fühlt sich von uns allen am meisten dazu verpflichtet.“

„Ja, den Druck kenne ich auch.“

„Richtig, das D’Alessandro-Walker-Sicherheitsunternehmen. So haben wir Andrew kennengelernt. Wade Cavender, der Exmann meiner Cousine, hatte jahrelang Geld unterschlagen und uns dann auch noch auf eine riesige Abfindung verklagt. Andrew hat uns geholfen, ihn zu überführen, und jetzt sitzt Wade hinter Gittern. Nicht lange genug, aber wenn er herauskommt, legt er sich bestimmt nicht wieder mit uns.“

Das waren eine Menge Informationen auf einmal. „Ich …“

„Aber das weißt du bestimmt alles schon. D’Alessandro-Walker ist auch ein Familienunternehmen, oder?“

„Ja. Mein Onkel Tony D’Alessandro hat es gegründet und noch vor meiner Geburt meinen Vater und dessen Zwillingsbruder als Geschäftspartner dazugenommen. Mehrere Cousins von mir und mein Bruder arbeiten in der Firma.“

Enttäuscht runzelte sie die Stirn. „Und du bist kein Ermittler?“

Wahrscheinlich sollte er jetzt zugeben, dass er ganz anders als sein Bruder war, kein verwegener Privatdetektiv, der für Auftraggeber wie die Bells zum Helden wurde. Dass er momentan arbeitslos war. Mal wieder. Er räusperte sich. „Wie du bin ich auch im Familienunternehmen groß geworden.“

Shelbys Miene erhellte sich. „Dann könntest du dir diesen Terrence Landon mal genauer ansehen?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Und mir sagen, ob er auf dich auch so zwielichtig wirkt?“

Aaron brachte es nicht fertig, sie ein zweites Mal zu enttäuschen, zumal er genau wusste, was Andrew an seiner Stelle tun würde. „Ich will nichts versprechen, aber ich könnte ihm diskret unter die Lupe nehmen, wenn ich schon mal hier bin.“

„Vielleicht ist ja gar nichts dran. Aber ich fühle mich besser, wenn jemand mich ernst genug nimmt, um sich den Typen wenigstens mal anzusehen.“

Aaron lehnte sich zurück und betrachtete Shelby nachdenklich. Wenn er sie richtig verstand, war das noch etwas, das sie beide gemeinsam hatten. Sie waren in ihren Familien die Außenseiter, über die alle den Kopf schüttelten. „Okay, ich überprüfe ihn.“

Diesmal griff sie über den Tisch hinweg nach seinen Händen. „Danke, Aaron.“

Oh, Mann. Ich könnte mir eine Menge Ärger einhandeln, dachte er besorgt. Andrew würde die Sache ganz und gar nicht gefallen. Und Shelby? Würde sie ihn auch dann noch mit leuch­tenden Augen ansehen, wenn sie herausfand, dass er sich zu viel zugetraut hatte?

Und vor allem, wie hatte Shelby seinen Bruder angesehen?

„Du und Andrew …“

Sie schien zu ahnen, was er dachte. Als sie fröhlich lachte, reagierte sein ganzer Körper. „Ich und Andrew? Niemals. Klar, ich mochte ihn, wie die ganze Familie, aber … es hat einfach nicht geknistert, weißt du?“

Aaron beobachtete, wie sie die leeren Pappbecher in den Abfalleimer warf. Würde sie das in ein paar Tagen auch von ihm behaupten? Bei ihm knisterte es gewaltig. Er konnte nur hoffen, dass er sich diesmal nicht die Finger verbrannte.

Shelby bat Aaron, den anderen nichts von ihrer Bitte zu erzählen, und fuhr vor ihm von der Tankstelle. Wenn sie eine Auszeit von ihrer Familie und der Arbeit im Resort brauchte, gönnte sie sich in der Stadt einen Kirschsaft. Nie im Leben hätte sie erwartet, dort ausgerechnet Andrew Walkers Zwillingsbruder über den Weg zu laufen.

Jedes Mal, wenn sie daran dachte, wie sie sich ihm an den Hals geworfen hatte, wurde ihr heiß. Sie erinnerte sich daran, wie Aaron die Arme um sie gelegt und sie an seinen athletischen Körper gezogen hatte, und spürte ein aufregendes Kribbeln. Seltsam, im letzten Jahr hatte sie wie alle anderen Andrew zum Abschied herzlich umarmt, aber so etwas hatte sie dabei nicht gefühlt!

Sie war gespannt, wie ihre Familie auf ihn reagieren würde.

Kurz darauf bog sie vom Highway ab und hielt am Tor zum Resort, wo Schüler oder Rentner sich als Wachposten etwas dazuverdienten. Nachts durften nur Gäste aufs Gelände, und am Tag zahlten Gäste fünf Dollar, um am See ihr Boot zu Wasser lassen, schwimmen oder am Ufer picknicken zu dürfen.

Durchs offene Seitenfenster sprach sie mit dem Mann, der gerade Dienst hatte. „Der Fahrer im Wagen hinter mir ist ein Gast, Mac. Du kannst ihn durchlassen.“

Die gepflasterte Straße gabelte sich hinter der Zufahrt. Geradeaus ging es zum Campingplatz, auf dem bis zu vierzig Reisemobile und Wohnwagen standen. Shelby fuhr vorbei am Parkplatz für die Bootsanhänger und zum Verwaltungsgebäude, das den Empfang, die Büros, einen kleinen Supermarkt und einen Imbiss beherbergte. Hinter dem Haus lag der kleine Hafen, hinter dem Parkplatz befanden sich ein von mehreren Grills umgebener Pavillon, Tennis- und Basketballplätze und ein Kinderspielplatz. Der Pavillon wurde oft für Familienfeste, Betriebsausflüge oder Klassentreffen gemietet.

Rechts vom Hafen lag das zweigeschossige Motel mit sechzehn Wohneinheiten und einem Swimmingpool. Ganz in der Nähe befanden sich drei der acht rustikalen Hütten, in denen Familien oder kleine Gruppen ihren Urlaub verbrachten.

Von der Straße aus führte ein schmaler Privatweg zu den drei Backsteinhäusern, die Shelbys Eltern, Großeltern sowie ihr Onkel und ihre Tante bewohnten. Hier hatte Shelby gelebt, bis sie vor vier Jahren das College abgeschlossen hatte.

Neben den drei Häusern standen umgeben von Hecken und jungen Bäumen vier Wohnwagen. Einer davon gehörte Shelby, die anderen ihrem Bruder sowie ihren Cousinen Maggie und Hannah.

Hannah lebte seit ihrer Scheidung vor sechzehn Monaten im Wohnwagen. Sie und ihr Mann, der „böse Exmann“, wie die Familie ihn nannte, hatten beide im Resort gearbeitet. Genauer gesagt, sie hatte gearbeitet, und Wade hatte nur so getan, während er versuchte, die Bells um ihr hart verdientes Geld zu betrügen. Die Scheidung hatte Hannah um fast ihre ganzen Ersparnisse gebracht, auch deshalb war sie aus der Stadt hierher gezogen.

Shelby hielt vor dem Verwaltungsgebäude und bedeutete Aaron, neben ihr zu parken. „Bringen wir dich erst mal unter“, sagte sie, als sie beide ausstiegen. „Möchtest du lieber ein Motelzimmer oder eine Hütte?“

Aaron blickte sich um. „Eine Hütte am Wasser wäre nicht schlecht. Ich packe erst aus, und danach hole ich in der Stadt Vorräte.“

Shelby zeigte auf den Eingang des Hauptgebäudes. „Das Notwendigste bekommst du im Minimarkt. Außerdem haben wir einen Imbiss, der bis sieben Uhr abends geöffnet ist. Dort gibt es Burger, Sandwiches, Hotdogs, Salate und eines Tagessuppe, also brauchst du heute nicht mehr loszufahren. Es sei denn, du willst etwas Spezielles.“

Er nickte. „Danke für den Tipp.“

„Wenn das keine Überraschung ist!“ Bryan Bell stellte sich zu ihnen. Er war dreiundfünfzig, hatte freundliche blaue Augen und schütteres dunkelblondes Haar unter einer grünen Mütze mit dem Logo des Resorts. Auch sein schweißnasses T-Shirt trug das Logo Bell Resort and Marina in einem glockenförmigen Umriss. Die Beine seiner verwaschenen Jeans waren voller Gras und Staub. Obwohl alle ihn baten, nicht in der schlimmsten Tageshitze zu arbeiten, war Shelbys Onkel dauernd auf dem Gelände unterwegs, um die Gartenanlagen in Ordnung zu halten.

Bryan strahlte Aaron an. „Schön, dich zu sehen, Andrew. Wir haben alle gehofft, dass du unser Angebot annimmst, hier Urlaub zu machen. Hast du deine Angelausrüstung mit? Wenn nicht, gebe ich dir eine. Gleich morgen früh zeige ich dir meine geheime Stelle, an der du garantiert etwas fängst.“

„Das ist nicht Andrew“, sagte Shelby bestimmt nicht zum letzten Mal. „Onkel Bryan, das ist sein Zwillingsbruder Aaron Walker. Aaron, das ist mein Onkel Bryan Bell.“

Bryan blinzelte so verblüfft, wie sie es an der Tankstelle getan hatte. „Zwillingsbruder? Das ist ja ein Ding. Wie geht es Andrew?“

„Gut, danke.“

„Freut mich zu hören. Kommt er auch?“, fragte Bryan hoffnungsvoll.

Aaron schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich. Er hat viel zu tun. Ich will zwei Wochen Urlaub machen.“

„Schade.“ Hastig verbesserte Bryan sich. „Natürlich freuen wir uns, dich hier zu haben. Schön, dass wir uns kennenlernen, Aaron. Andrews Familie ist uns stets willkommen. Nett, dass er uns empfohlen hat.“

Aaron räusperte sich. „Ich wollte gerade einchecken.“

„Dann will ich dich nicht aufhalten. Ich bin morgen früh um sieben am Bootssteg, falls du mit zum Angeln möchtest.“ Bryan lächelte. „Aber du musst schwören, dass du die Stelle niemandem verrätst. Höchstens deinem Bruder. Mindestens das sind wir ihm schuldig.“

„Abgemacht. Ich habe schon viel zu lange nicht mehr geangelt.“

„Mit wem redest du da, Bryan?“ Dixie Bell, die neunundsiebzigjährige Großmutter der Familie, kam aus dem Büro. Weißhaarig und wie immer in leuchtende Farben gekleidet, schaute sie Aaron durch ihre strassverzierte Brille an, bevor sie begeistert in die Hände klatschte. „Wenn das nicht Andrew ist. Dein Anblick tut meinen müden Augen gut, junger Mann. Komm her, lass dich von Mimi umarmen.“

Dixie mochte ihren Namen nicht und nannte sich seit der Geburt ihres ersten Enkelkindes vor achtundzwanzig Jahren Mimi. Aber nur die Menschen, die sie besonders mochte, durften sie auch so anreden. Andrew gehörte zu den Auserwählten.

„Das ist nicht Andrew, Mom“, sagte Bryan. „Sondern Aaron, Andrews Zwillingsbruder.“

Ihre Großmutter runzelte die Stirn und musterte ihn über die Brille hinweg. „Wirklich? Andrew hat nie erwähnt, dass er einen hat.“

„Vermutlich hat es sich nicht ergeben“, sagte Aaron und wechselte schnell das Thema. „Es ist sehr schön hier, Mrs Bell. Ich würde gern ein paar Tage bleiben, wenn Sie etwas frei haben.“

„Natürlich haben wir für Andrews Bruder etwas frei“, versicherte Mimi und tätschelte seinen Arm. „Hütte 8 ist gerade renoviert worden. Bleib, solange du möchtest, gratis natürlich. Sie hat nur ein Schlafzimmer, aber im Wohnzimmer steht ein ausklappbares Sofa, falls dein Bruder auch noch kommt.“

„Klingt ideal, aber ich bezahle natürlich“, entgegnete Aaron. „Die Abmachung mit Andrew gilt nur für ihn, ich mache hier Urlaub und bezahle dafür.“

„Shelby, gib ihm den Schlüssel. Lori soll die Daten von seiner Kreditkarte aufnehmen, wenn er darauf besteht, aber er bekommt den Seniorenrabatt.“

Andrew lachte. „Damit kann ich leben.“

Shelby spürte ein Kribbeln. So ein Lachen hatte sie von Andrew nie gehört. Sie freute sich darauf, Aaron hier zu haben, und das nicht nur, weil er den Mann in Hütte 7 im Auge behalten wollte. „Holen wir deinen Schlüssel.“

Shelby fuhr mit Aaron zu seiner Hütte. Es war ein hübsches kleines Nurdachhaus am Seeufer. Dahinter führte ein Weg zum schmalen Kieselstrand. Der winzige Garten der Parzelle lag im Schatten einiger hoher Bäume und verfügte über einen eigenen Grillplatz.

Aaron war meistens mit Zelt und Rucksack unterwegs. Die Hütte erschien ihm geradezu luxuriös. An der Zufahrt hielt ein grünes Elektromobil, und eine attraktive Brünette stieg aus. „Wie ich sehe, ist der verwegene Privatdetektiv zurück!“, rief sie fröhlich. „Schön, dich wiederzusehen, Andrew. Bitte sag mir, dass du nur Urlaub machst.“

„Das ist nicht Andrew, Maggie“, warf Shelby ein und lächelte ihm entschuldigend zu. „Es ist sein Bruder Aaron.“

Maggie lachte fröhlich. „Klar. Das ist mal wieder einer deiner Streiche, was, Shelby? Ist er undercover hier? Falscher Name, lässige Klamotten, längeres Haar. Keine schlechte Tarnung. Gefällt mir.“

Aaron musste lächeln. „Danke. Mein Bruder sagt immer, ich soll es mir schneiden lassen.“

Maggie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn gründlich. Ihr Haar war glatter und dunkler als Shelbys, walnussbraun mit goldenen Strähnen. Ihre Augen waren ebenfalls braun mit dichten dunklen Wimpern. Auch sie war attraktiv, aber Shelby gefiel Aaron noch besser. „Du bist Andrews Bruder“, sagte sie schließlich. „Hast du Andrew mitgebracht?“

„Nein, der muss in Dallas arbeiten.“

„Oh. Na ja, grüß ihn von mir, okay?“

„Das mache ich.“

Sie winkte ihm zu, stieg ins Elektromobil und fuhr davon.

„Muss ich das jetzt bei allen aus deiner Familie durchmachen?“, fragte er Shelby.

Sie strich sich durch die blonden Locken und lächelte verlegen. „Ich versuche, die Neuigkeit zu verbreiten, bevor du den anderen begegnest. Aber sie werden dich wie einen alten Freund behandeln, weil du nun mal Andrews Bruder bist.“

Er verzog das Gesicht. „Na ja, ich werde ihn von allen grüßen.“

Und er würde den Bells nicht verraten, dass er von ihrem Resort aus einer Broschüre wusste, die neben Andrews Papierkorb gelegen hatte.

Shelby betrachtete ihn so interessiert, dass es ihm fast unangenehm war, und ging vor ihm auf die kleine Veranda, um die Tür aufzuschließen. „Andrew hat im Motel gewohnt, als er im letzten Sommer hier war. Er hat gesagt, weil er nicht kocht, braucht er keine Küche, nur ein Bett und einen Tisch für seinen Computer. Aber er hat ja auch keinen Urlaub gemacht, sondern gearbeitet.“

Aaron versuchte sich zu erinnern, wann sein Bruder zuletzt Urlaub gemacht hatte. War es die Wandertour mit ihrem Cousin Casey gewesen? In Tennessee, vor etwas über einem Jahr? Andrew arbeitete viel und hart und kritisierte ihn, weil er es angeblich nicht tat. Dabei war Aaron im letzten Jahr bei einer Immobilienfirma angestellt und erfolgreich genug gewesen, um ein paar Monate durchhalten zu können, ohne seine Ersparnisse anzugreifen. Aber er war nicht mit dem Herzen dabei gewesen.

„Ich koche manchmal. Nichts Großartiges, aber meistens schmeckt es.“ Er sah sich in der Hütte um.

Sie war klein, aber zweckmäßig eingerichtet. Ein Tresen mit zwei Hockern trennte den Wohnbereich von der Küche. Die Tür links davon führte vermutlich ins Bad, die Holztreppe wahrscheinlich ins Schlafzimmer. Eine Couch, ein Sessel und ein Schaukelstuhl boten Sitzgelegenheiten, und an der Wand hing ein Flachbildfernseher. Die Möbel sahen neu aus, genau wie die Glastür, durch die man die Terrasse und den See dahinter erkennen konnte.

„Sehr schön.“

Shelby lächelte. „Es ist die kleinste, aber meine Lieblingshütte. Viele Gäste verbringen hier ihre Flitterwochen. Du hast Glück, dass sie frei ist. Wir hatten einen Wasserschaden vom Wirbelsturm im letzten Monat.“

Davon war nichts mehr zu sehen. „Ich nehme an, hier hat jeder seinen speziellen Aufgabenbereich?“ So war es bei D’Alessandro-Walker, und er hatte sich schon in den meisten Abteilungen der Firma versucht.

Shelby nickte. „Onkel Bryan und mein Bruder Steven kümmern sich um die Außenanlagen, mein Vater um den Hafen, meine Mutter und Tante Linda um den Laden und den Imbiss. Maggie leitet das Housekeeping, und Hannah arbeitet im Büro und am Empfang. Meine Schwester Lori hilft in den Semesterferien aus, und unsere Großeltern springen ein, wo sie gerade gebraucht werden. Sie lassen uns nie vergessen, dass sie das Resort gegründet haben.“

„Und was machst du?“

„Ich kümmere mich um die Buchhaltung. Ich bin Wirtschaftsprüferin.“

Das erstaunte ihn. „Du siehst jung aus.“

„Ich bin fast sechsundzwanzig. Wir waren alle auf dem College“, erklärte sie. „Die meisten haben Betriebswirtschaft studiert, nur Lori wechselt dauernd das Hauptfach. Sie hat noch nicht das Richtige für sich gefunden.“

Aaron fand, dass er und Lori möglicherweise etwas gemeinsam hatten, doch das sprach er nicht aus. „Will Lori nach ihrem Abschluss auch im Resort arbeiten?“

„Das weiß sie wohl selbst noch nicht. Sie übernimmt das Büro, wenn Maggie mal Urlaub macht. Und Steven …“ Sie seufzte leise. „Ich glaube, Steven hätte gern etwas anderes probiert, aber wir mussten Personal einsparen, deshalb hat er hier angefangen. Zeitweilig war unsere Lage ganz schön kritisch, da hat es uns hart getroffen, dass der böse Exmann Geld unterschlagen hat. Ohne Andrew wären wir bankrott gegangen.“

Langsam wurde Aaron klar, warum die Bells seinem Bruder so dankbar waren. „Hast du auch schon mal daran gedacht, anderswo zu arbeiten?“

Shelby schob eine Lampe in die Mitte eines Beistelltischs. „Nicht wirklich. Ich wusste immer, dass ich hierher gehöre. Wir verstehen uns alle sehr gut. Ich mag meine Arbeit und die Menschen, denen wir begegnen. Na ja, die meisten jedenfalls.“ Sie schaute durchs Küchenfenster zur Hütte 7 hinüber.

Aaron folgte ihrem Blick. „Dort wohnt der verdächtige Typ?“

„Ja. Umso praktischer, dass du diese Hütte hast.“

Praktisch? Die Vorstellung, seinen Urlaubsnachbarn zu observieren, gefiel ihm nicht. Er ging ans Fenster, und Shelby stellte sich neben ihn. Die Hütte nebenan war etwas größer. Da sämtliche Jalousien geschlossen waren, konnten sie nicht hineinsehen. Als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, schaute er genauer hin.

Ein hochgewachsener, schlanker Mann mit kurzem Haar, kantigem Kinn und verspiegelter Pilotenbrille tauchte hinter der Hütte auf, als wäre er gerade vom See gekommen. Offenbar hatte er ihre neugierigen Blicke bemerkt, denn er blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Aaron nickte ihm freundlich zu und zog Shelby vom Fenster weg.

„Hast du schon mit Landon gesprochen?“, fragte er.

„Nein, natürlich nicht! Aber vielleicht hat er bemerkt, dass ich ihn beobachte. Obwohl ich immer versucht habe, diskret zu sein.“

Aaron dachte, dass die Worte diskret und Shelby nicht so recht zueinanderpassten. „Ich packe aus, und dann esse ich etwas im Imbiss. Falls mir nebenan etwas auffällt, sage ich dir Bescheid.“

Sie runzelte die Stirn, als wäre sie nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte. Dann lachte sie. „Okay, tu das. Vielleicht sollten wir ein Codewort vereinbaren.“

„Nebraska“, schlug er vor, denn aus irgendeinem Grund kam es ihm als Erstes in den Sinn.

Kichernd ging sie zur Tür. „Einverstanden. Vielleicht sollten wir noch ein zweites Codewort absprechen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ja, warum nicht?“

„Ein Codewort, das Gefahr signalisiert“, schlug sie vor. „Da wir schon bei Bundesstaaten sind, wie wäre es mit Minnesota?“

„Gute Idee. Minnesota klingt Unheil verkündend“, sagte er und verkniff sich ein spöttisches Lächeln. „Wenn ich das Gefühl habe, in Gefahr zu sein, sage ich Minnesota.“

„Und ich rette dich.“ Shelby schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Wir sehen uns später.“

„Ganz bestimmt.“

Es knisterte zwischen Shelby und Aaron. Gegen einen Flirt hätte er nichts einzuwenden. Vorausgesetzt, er blieb lange genug.

Er nahm das Handy heraus. Seine Familie musste wissen, dass er nicht in Dallas war. Außerdem wollte er seinem Zwillingsbruder ein paar Fragen stellen.

3. KAPITEL

„Wo zum Teufel steckst du?“, meldete sich Andrew am Telefon.

„Mir geht’s gut, Bruderherz, danke der Nachfrage.“

Andrew ignorierte Aarons sarkastischen Kommentar. „Gestern Abend auf der Party zu Miles’ Schulabschluss haben alle auf dich gewartet.“

„Ich habe Mom und Dad gesagt, dass ich nicht in Partylaune bin und nicht komme.“

„Sie dachten, du würdest es dir anders überlegen. Mom war wirklich enttäuscht, dass du nicht da warst.“

„Bestimmt waren genug Leute da, um mit Miles zu feiern“, erwiderte Aaron und wehrte sich gegen seine Gewissensbisse. „Ich habe Miles ein Geschenk geschickt.“

Im erweiterten Walker-Clan wurde dauernd gefeiert. Es gab dreizehn Cousins und Cousinen allein väterlicherseits, und die nächste Generation hatte auch schon Nachwuchs. Am Abend zuvor hatte sich die Familie bei ihrem Cousin Brynn Walker getroffen, um den Highschool-Abschluss ihres Sohnes Miles zu feiern. Also waren nicht nur viele Walkers dort gewesen, sondern auch etliche D’Alessandros.

Aaron hatte gewusst, dass es Ärger geben würde, wenn er nicht hinging. Trotzdem hatte er sich spontan entschieden, für einige Tage an den See zu fahren, wo niemand ihn kannte. Ganz offenbar hatte er sich den falschen Ort ausgesucht. „Erzähl mir von den Bells.“

Andrew schwieg einige Sekunden lang. „Von den Bells?“

„Vom Bell Resort and Marina. Ich wette, du erinnerst dich. Schließlich bist du für die Familie ein Held.“

„Sag mir, dass du nicht im Resort bist. Wie bist du ausgerechnet dort gelandet?“

„Ich habe eine Broschüre gefunden, in … na ja, neben deinem Papierkorb. Das Resort kam mir ideal vor, und da du die Broschüre weggeworfen hattest, dachte ich mir, dort laufe ich dir ganz bestimmt nicht über den Weg. Ich wollte anonym sein. Wie üblich hat es nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe.“

„Was hast du erwartet?“, entgegnete Andrew aufgebracht. „Du fährst an einen Ort, den du aus meinem Papierkorb kennst, und wunderst dich, dass es Schwierigkeiten gibt?“

„Ich brauchte eine Auszeit.“ Aaron hasste es, sich rechtfertigen zu müssen. „Genau wie Casey damals, als er sich fragte, ob er wirklich in der Anwaltskanzlei in Dallas arbeiten wollte. Er hat ein paar Wochen in Tennessee verbracht, und es hat ihm gutgetan. Er hat Natalie kennengelernt, sie haben zusammen eine Kanzlei eröffnet und sind jetzt seit vier Jahren verheiratet.“

„Willst du dir im Südosten von Texas eine Frau suchen?“

Aaron runzelte die Stirn. Das war typisch für seinen Bruder. „Ich will mir nur ein paar Dinge durch den Kopf gehen lassen. Ich konnte nicht wissen, dass ich hier auch unter Druck stehe, nur weil ich zufällig dein Bruder bin.“

„Was für ein Druck?“

„Dazu komme ich gleich. Erzähl mir erst, womit du dir die ewige Dankbarkeit der Bells verdient hast. Hast du nur deinen Job gemacht? Oder mehr?“

„Sie haben mich engagiert, weil sie ein Problem hatten, und ich habe es gelöst. Es war kein Gefallen. Sie haben mich bezahlt. Und du weißt, dass ich mit dir nicht über den Fall sprechen kann, Aaron.“

„Shelby hat mir schon davon erzählt, also verstößt du nicht gegen deine Schweigepflicht. Aber der Fall interessiert mich nicht so sehr. Erzähl mir von Shelby.“

„Shelby?“ Andrews Stimme klang plötzlich sanfter. „Sie ist etwas flippig, aber sie hat ein großes Herz. Manchmal geht die Fantasie mit ihr durch. Als ich hier war, wollte sie mir unbedingt helfen und hat mich mit allen möglichen Ideen bestürmt.“

Der nachsichtige Tonfall seines Bruders ärgerte Aaron. „Soll das heißen, man kann sie nicht ernst nehmen?“

„Nein, das habe ich nicht gesagt. Shelby ist dem Kerl, den sie nur den ‚bösen Exmann‘ nennen, auf die Schliche gekommen. Außerdem waren einige ihrer Ideen recht hilfreich, als wir dem Kerl eine Falle gestellt haben. Sie ist nur etwas … unkonventionell, das ist alles. Warum willst du das wissen?“

„Sie hat mich gebeten, mir einen Gast genauer anzusehen. Sie hielt mich für dich, aber selbst nachdem ich das Missverständnis aufgeklärt habe, traut sie mir die Nachforschungen zu.“

Andrew stöhnte auf. „Was für Nachforschungen?“

Aaron erzählte ihm von Shelbys Verdacht.

„Lass dich von ihr nicht anstecken, Aaron. Du hast zu Hause Wichtigeres zu tun, zum Beispiel, dir ein neuen Job zu suchen. Dad hat schon ein paar Ideen.“

Aaron fragte sich, ob er mehr Erfolg hätte, wenn er seine eigenen Ideen verwirklichte. „Ich rufe ihn nachher an“, sagte er. „Könntest du jemanden für mich überprüfen?“

„Den zwielichtigen Typen?“

„Genau. Kann doch nicht schaden, oder?“

Andrew seufzte. „Gib mir seinen Namen.“

„Terrence Landon. Und ich habe ein Autokennzeichen. Vor seiner Hütte steht ein schwarzer Geländewagen.“ Er gab es durch.

„Ich tue, was ich kann“, versprach sein Bruder. „Für Shelby.“

„Sie wird es zu schätzen wissen. Sie und die Familie werden das Resort nach dir benennen.“

„Sehr komisch. Hast du die Familie schon kennengelernt?“

„Nicht alle, nur einige. Und die musste ich erst davon überzeugen, dass ich nicht du bin.“

„Bist du auch Hannah begegnet?“

Hannah war ihre Cousine und Maggies Schwester. „Nein. Shelby hat erzählt, dass sie die Verwandten ihrer Mutter besucht. Urlaub vom Urlaubsort.“

„Aha.“ Andrew lachte nicht. „Ich überprüfe den Namen und melde mich. Ruf Dad an und erklär ihm, warum du ausgerechnet jetzt eine Angeltour machst.“

Andrew hatte schon in jungen Jahren gewusst, dass er als Ermittler bei D’Alessandro-Walker arbeiten wollte.

Aaron dagegen hatte keine Ahnung, was er als Nächstes tun wollte. Aber für ihn stand fest, dass er auf keinen Fall in einer Firma anfangen würde, in der fast jeder sich das Recht herausnahm, ihm Vorschriften zu machen. So langsam fragte er sich, ob er sich nicht lieber einen Ort suchen sollte, an dem er nicht in Andrews Schatten stand.

„Sieht er Andrew wirklich so ähnlich?“, fragte Shelbys Mutter.

Shelby und ihre Großmutter nickten. „Es ist unglaublich“, erwiderte Shelby, die Ellbogen auf den polierten Tresen des Chimes Grill gestützt.

Der Imbiss befand sich an einem Ende des zweistöckigen Hauptgebäudes. Im Stil der 1950er eingerichtet, hatte er acht verchromte Tische und mit rotem Kunststoff überzogene Sitzplätze. Die weißen Wände schmückten altmodische Poster. An der langen Bar, an der Shelby saß, standen sechs Drehhocker. Ihre Mutter stand in der kleinen Küche und bereitete lecker duftende Hamburger zu.

Die Speisekarte war schlicht und kurz, aber der Imbiss war bei allen Gästen beliebt. Zwei Paare und eine vierköpfige Familie ließen es sich schmecken, und am anderen Ende der Bar fachsimpelten zwei Angler beim Kaffee.

„Ich habe gleich gemerkt, dass er nicht Andrew ist“, behauptete Mimi und putzte dabei ihre Brillengläser an der rot geblümten Bluse.

Shelby verdrehte die Augen. „Mimi, du hast darauf bestanden, dass er dich umarmt.“ Ihre Mutter und ihre Tante Linda lächelten einander zu.

„Das war, bevor ich ihn genauer betrachten konnte“, erwiderte ihre Großmutter.

Shelbys Mutter lachte, verstummte jedoch schlagartig, als Mimi ihr einen strengen Blick zuwarf.

„Er sieht Andrew sehr ähnlich, aber es gibt einige Unterschiede. Wartet nur ab, bis ihr ihn zu Gesicht bekommt.“

Ja, es gibt Unterschiede, dachte Shelby. Das längere Haar, die lässigere Kleidung. Aber sie ahnte, dass die wichtigen Unterschiede zwischen Aaron und Andrew nicht nur äußerlich waren. Sie konnte es kaum erwarten, diese Unterschiede zu erforschen.

Ihre Mutter wandte sich einem sonnenverbrannten Paar zu, das den Tag auf dem See verbracht und großen Appetit auf Hamburger hatte. Linda kehrte in den kleinen Supermarkt zurück, und Mimi ging ins Büro, um nach Lori zu schauen, die heute Telefondienst hatte.

Lori nutzte die Zeit zwischen ihrem Schulabschluss und dem Beginn ihres Studiums, um Hannah zu vertreten. Sie kannte sich überall gut aus, aber ihre Großmutter bestand darauf, alle zu beaufsichtigen. „Pop“, wie ihr Mann, der Patriarch der Familie, genannt wurde, spielte sich gern als Chef auf, obwohl jeder wusste, dass Mimi das Kommando hatte.

Shelby sah sich um. Im Eingangsbereich des Gebäudes hingen ausgestopfte Fische und altmodische Köder an den Wänden. Gegenüber befand sich der Empfang, für den heute Lori zuständig war. Die anderen Büros lagen im Obergeschoss. Im Minimarkt gab es Lebensmittel, Souvenirs und alles, was Camper und Angler benötigten. Er hatte einen Zugang vom Hafen, an dem Shelbys Vater, unterstützt von seinem Bruder und seinem Sohn, Köder, Treibstoff, Motoröl und andere wichtige Dinge verkaufte. Außerdem vermietete er Boote und Jetskis und behielt die Anleger und Angelstege im Auge.

Das Resort war Shelbys Spielplatz gewesen, der Zeltplatz und der Hafen, der Pool und die Tennisplätze, sogar der Laden und der Imbiss. Mit acht Jahren hatte sie Köderfische für die Angler gefangen, mit zehn Eis verkauft und als Teenager die Motelzimmer gereinigt, genau wie ihre Geschwister und Cousinen. Steven konnte stolz darauf sein, dass er als Jugendlicher zwei Kinder vor dem Ertrinken bewahrt hatte.

Aaron hatte sie gefragt, ob sie je daran gedacht hatte, das Resort zu verlassen. Auf die Idee war sie noch nie gekommen, anders als ihr Bruder und Lori.

„Worüber grübelst du?“, fragte ihre Mutter, nachdem sie die neuen Gäste bedient hatte. „Du zerbrichst dir doch nicht etwa noch immer den Kopf über den Mann in Hütte sieben, oder?“, flüsterte sie.

„Im Moment nicht.“

Ihre Mutter kniff die Augen zusammen. Dunkelblond, mit blauen Augen und frischer Gesichtsfarbe, war die zweiundfünfzigjährige Sarah Clements Bell mehr als einmal für eine ältere Schwester ihrer Kinder gehalten worden. Sie trug eine Kakihose, ein Polohemd mit dem Logo des Resorts, so wenig Make-up wie möglich und keinen Schmuck außer einer Uhr, dem Ehering und schlichten Ohrsteckern. Für ihren Mann war sie die schönste Frau der Welt, und ihre Kinder vergötterten sie. Niemand machte den Fehler, sie zu unterschätzen.

„Shelby, was hast du getan?“, fragte sie leise. „Du hast doch nicht etwa einen Privatdetektiv angeheuert? Ist Aaron Walker deshalb hier?“

„Nein, Mom.“ Dass sie Andrew erst kürzlich eine Einladung geschickt hatte, verschwieg sie. Wie hätte sie ahnen können, dass stattdessen sein Bruder auftauchen würde?

„Hast du ihm von deinem Verdacht erzählt, als du ihm seine Hütte gezeigt hast? Bitte sag mir, dass du ihn nicht gebeten hast, seinen Nachbarn auszuspionieren.“

Shelby räusperte sich.

„Shelby!“, zischte ihre Mutter und sah sich hastig um. „Hier können wir nicht darüber reden, aber das war nicht mein letztes Wort.“

„Ich habe ihn nur gebeten, die Augen offenzuhalten, solange er hier ist“, flüsterte Shelby und fühlte sich wie ein ertapptes Kind. „Ich bezahle ihn nicht dafür, und er hat gesagt, es macht ihm nichts aus.“

„Du hast ihm den Urlaub … oh, du meine Güte.“

Ihre Mutter sah an ihr vorbei zum Eingang. Shelby ahnte, wer gerade hereinkam. Sie drehte sich um und nickte Aaron zu, als er sich auf den Hocker neben ihr setzte. „Das ging schnell mit dem Auspacken.“

„Weil ich noch gar nicht angefangen habe.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe mit meinem Bruder gesprochen.“

Und es war kein angenehmes Telefonat, dachte Shelby und musterte Aaron. Man musste kein Privatdetektiv sein, um das zu spüren.

„Mom, dies ist Aaron Walker. Aaron, meine Mutter Sarah Bell.“

„Wie schön, Sie kennenzulernen.“ Ihre Mutter gab ihm die Hand. „Willkommen im Resort.“

„Danke, Mrs Bell.“

„Bitte nennen Sie mich Sarah. Möchten Sie etwas essen?“

Er schaute auf die Speisekarte an der Wand. „Ein Hähnchensandwich wäre gut.“

„Shelby, gib Aaron etwas zu trinken, während ich sein Sandwich zubereite.“

Er bat um eine Limonade, und Shelby schenkte ihm ein Glas ein. „Ich habe versucht, alle Familienmitglieder auf deinen Anblick vorzubereiten“, sagte sie. „Aber wahrscheinlich trauen einige ihren Augen trotzdem nicht.“

„Das bin ich gewohnt.“

Unauffällig betrachtete sie sein markantes Gesicht. „Das kann ich mir vorstellen“, murmelte sie.

Er zog die Augenbrauen hoch.

Sie tätschelte seine Schulter. „Lass es dir schmecken. Mom wird sich um dich kümmern. Ich habe in meinem Büro etwas zu erledigen. Wir sehen uns später.“

Shelby hörte seinen Hocker quietschen, als er sich umdrehte, um ihr nachzuschauen. Spontan betonte sie ihren Hüftschwung.

Mit Andrew hatte sie nicht so geflirtet. Vielleicht Petes wegen. Aber Aarons Lächeln gefiel ihr.

Natürlich erwartete sie nicht, dass zwischen Aaron und ihr etwas passierte. Er war hier, um Urlaub zu machen, und tat ihr nur deshalb einen Gefallen, weil sie ihm keine andere Wahl gelassen hatte. Außerdem war sie nicht der Typ, der jeden Mann verführen konnte. Sie war nicht „die Hübsche“ in der Familie, der Titel gebührte ihrer Cousine Hannah. Und sie hielt auch nichts von Liebesabenteuern. Trotzdem war gegen einen kleinen Flirt nichts einzuwenden, vor allem nicht mit einem so attraktiven Mann wie Aaron Walker. Allein sein Lächeln war Belohnung genug.

Eine halbe Stunde später schlenderte Shelby wieder nach unten, wo Aaron noch immer im Imbiss saß, inzwischen an einem Tisch, umgeben von ihrer Familie. Mimi, Maggie und aß den Schokoladenkuchen, den ihre Mutter gebacken hatte. Onkel Bryan und Tante Linda tranken Kaffee. Sarah saß auf einem Hocker und nahm an der lebhaften Unterhaltung teil.

Shelby fiel auf, dass Aaron nicht viel sagte, sich aber trotzdem wohlzufühlen schien. Sie ging zu ihnen. „Das hier sieht nach einer Party aus.“

„Wir haben Aaron gerade ein paar lustige Geschichten aus eurer Kindheit erzählt“, antwortete ihre Tante. „Er und Andrew waren auch nicht immer brav.“

Aaron lachte. „Leider sind wir immer erwischt worden. Unsere Eltern, Tanten und Onkel haben meinen Bruder, meinen Cousin und mich das ‚schreckliche Trio‘ genannt und nie aus den Augen gelassen.“

Mimi schnalzte mit der Zunge. „Ich wette, ihr Jungs habt einiges angestellt.“

„Ja, Ma’am, das haben wir.“

Maggie musterte Aaron lächelnd. „Von dir kann ich mir das gut vorstellen, aber dein Bruder? Mir kam er so ordentlich und konservativ vor.“

„Das war er nicht immer“, murmelte Aaron, und erneut fragte Shelby sich, was zwischen den Zwillingen vorging.

„Oh, da kommt Pop.“ Shelbys Mutter blickte zur Tür. „Ich glaube, meinen Schwiegervater kennen Sie noch nicht, Aaron.“

„Nein, dem bin ich noch nicht begegnet.“ Er wollte aufstehen, doch der ältere Mann winkte ihn auf den Stuhl zurück und betrachtete ihn.

Shelby lehnte sich zurück, um die Show zu genießen.

Ohne Aaron aus den Augen zu lassen, zog Pop einen Stuhl heran und ließ sich darauf fallen. Carl Bell senior war achtzig, hatte ein wettergegerbtes Gesicht, einen grauen Haarkranz und eine Brille mit silbernem Rahmen, durch die er Aaron musterte. Die Nase war schief, der Mund schmal. Er bewegte sich etwas langsamer als früher, war aber noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Aber Pop war immer etwas exzentrisch gewesen, ein Wesenszug, der von Jahr zu Jahr deutlicher zutage trat. „Sie sind also Aaron.“

Aaron nickte. „Ja, Sir.“

„Hm.“ Pop kniff die Augen zusammen. „Ich könnte mir vorstellen, dass ein Privatdetektiv im Urlaub einen anderen Namen trägt. Das nennt man inkognito.“

„Wenn er inkognito sein will, warum kommt er dann in ein Resort, wo jeder ihn kennt, Pop?“, warf Bryan ein.

Logik hatte Pop noch nie besonders interessiert. „Weil er weiß, dass er unter Freunden ist, die ihn nicht verraten, wenn sich jemand nach ihm erkundigt. Haben Sie zufällig ein Foto dabei, das Sie mit Andrew zeigt?“, fragte er.

Aaron wirkte belustigt. „Leider nicht, Sir.“

„Hm“, wiederholte Pop und warf den anderen einen zufriedenen Blick zu.

Lachend stand Linda auf. „Ich muss in den Laden. Ihr anderen könnt Pop davon überzeugen, dass in der Natur eineiige Zwillinge vorkommen.“

„Pop hat eine blühende Fantasie, und die meisten von uns finden, dass Shelby ihrem Großvater sehr ähnlich ist“, sagte Sarah Bell zu Aaron. Ihr Lächeln war freundlich und aufmunternd.

Wollte sie Aaron etwa signalisieren, dass er nicht alles, was ihre Tochter zu ihm sagte, ernst nehmen durfte?

Sarah ging zu einem Paar, das gerade zum Essen kam. Sie begrüßte die beiden mit Namen. Seit Shelby sich erinnern konnte, kamen die Hendersons mindesten zwei Mal im Jahr mit ihrem Wohnmobil aus Shreveport in Louisiana, um am See einige Wochen Urlaub zu machen.

Lori betrat den Imbiss und starrte ihre Verwandten überrascht an. „Was macht ihr denn alle hier? Oh.“ Sie strich sich eine blaue Strähne aus dem Gesicht und betrachtete den Mann, um den sich alle versammelt hatten. „Du musst Andrews Bruder sein. Mimi hat mir von dir erzählt.“

„Er behauptet, dass er ein eineiiger Zwilling ist“, sagte Pop und zwinkerte ihr so übertrieben zu, dass alle seufzten. „Wir sollen ihn Aaron nennen.“

Lori sah Shelby an, die nur mit den Schultern zuckte. „Lori, er ist wirklich Aaron Walker. Aaron, meine Schwester Lori.“

Die beiden gaben einander die Hand, und Shelby fragte sich, was er von Lori hielt, die so ganz anders aussah als der Rest der Familie. Hochgewachsener und schlanker als Shelby, trug Lori ihr buntes Haar kurz und zottig. Die blauen Augen waren dunkelgrau geschminkt. Ihre Lippen waren blutrot angemalt. Die Fingernägel hatte sie schwarz lackiert. Ihre Kleidung war so lang und fließend, dass sie zu schweben schien, wenn sie ging. Lori weigerte sich, ihren Stil „gothic“ zu nennen. Sie bevorzugte „ätherisch“.

Aber der Stil passte zu ihr. Shelby fand das Aussehen ihrer Schwester auffällig und interessant, vor allem wenn sie es mit ihrer eigenen Garderobe verglich, die in den heißen texanischen Sommern hauptsächlich aus Shorts und T-Shirts bestand. Im Winter trug sie Jeans und Shirts mit langen Ärmeln und Sportschuhe statt Flipflops. Sie schaute von Loris „ätherischer“ Erscheinung zu Maggies elegantem Top und figurbetonender Kakihose und fragte sich, ob sie vielleicht etwas mehr auf ihr Äußeres achten sollte.

Aaron schob seinen Stuhl zurück. „Es war toll, alle kennenzulernen, aber ich muss jetzt auspacken und ein paar Telefonate erledigen.“

„Bist du zu Fuß hier?“, fragte Shelby. Als er nickte, stand sie auf. „Mein Wagen steht vor dem Haus. Ich kann dich an der Hütte absetzen.“

Sämtliche Blicke folgten ihnen, als sie den Imbiss verließen.

„Kenne ich jetzt alle bis auf deinen Vater und deinen Bruder?“, fragte Aaron beim Einsteigen.

„Und Hannah.“

„Aber die ist doch unterwegs.“

„Stimmt.“ Shelby startete den Motor. „Dad und Steven waren heute beschäftigt. Bestimmt lernst du sie morgen kennen.“

„Ich werde aufatmen, wenn alle sich persönlich davon überzeugt haben, wie ähnlich ich meinem Bruder sehe.“

„Du bist es leid, das zu hören, was?“

„Wie gesagt, ich habe mich daran gewöhnt.“

Shelby dachte daran, wie ihre kleine Schwester immer wieder gegen die Familie rebellierte. Wie würde Lori sich fühlen, wenn sie beide sich so ähnlich sahen, dass niemand sie auseinanderhalten konnte?

„Sag mal, meint dein Großvater das wirklich ernst? Dass ich Andrew bin und mich nur als seinen Zwillingsbruder ausgebe?“

„Bei Pop weiß man das manchmal nicht“, gab sie zu. „Wenn er wirklich glaubt, dass du Andrew bist, müsste er euch beide schon nebeneinander sehen, um von seiner Meinung abzurücken. Vielleicht würde er es selbst dann nicht.“ Sie lachte fröhlich.

Aaron stimmte ein. „Er erinnert mich an Vinnie D’Alessandro, den Großvater einiger meiner Cousins. Er ist älter als Pop, über neunzig, aber genauso stur.“

„Und dann behauptet Mom auch noch, dass ich wie Pop bin.“

„Darüber hast du dich geärgert, das habe ich dir angesehen.“

War sie so leicht zu durchschauen? „Aber mit Terrence Landon stimmt etwas nicht. Vielleicht tut er nichts Verbotenes. Trotzdem ist der Mann seltsam.“

„Lass ihn nicht merken, dass du ihn beobachtest. Es sei denn, du willst, dass er mitten in der Nacht verschwindet. Willst du das?“

Sie parkte vor seiner Hütte. „Nein. Wenn er wirklich harmlos ist, will ich keinen zahlenden Gast vertreiben.“

„Dann überlass es mir, ihn im Auge zu behalten, okay? Das ist diskreter.“

„Gute Idee. Wenn ich dauernd bei dir bin, um deinen Nachbarn zu beobachten, könnte er misstrauisch werden. Außerdem würde es so aussehen, als wäre ich hinter dir her. Was ich absolut nicht bin.“

Er nickte ausdruckslos.

Shelby runzelte die Stirn. „Aber wenn du ein bisschen mit mir flirten könntest“, fuhr sie tapfer fort, „als wärest du an mir interessiert … dann könnte ich so tun, als würde ich dein Interesse erwidern. Wahrscheinlich wäre es glaubhafter, wenn du mit Maggie oder sogar Lori flirten würdest, aber die interessieren sich nicht für das, was mit diesem Landon los ist. Maggie findet, dass ich eine blühende Fantasie habe, und Lori ist es egal. Aber habe nun mal ein ungutes Gefühl.“

„Warum wäre es glaubhafter, wenn ich mich für deine Cousine oder deine Schwester interessiere?“, fragte Aaron. „Übrigens, ich baggere keine College-Studentinnen an.“

Schön zu wissen, dachte sie. „Nach Hannah drehen sich die Männer um. Wenn Hannah nicht in der Nähe ist, heißt das. Hannah bringt sie dazu, gegen Wände zu laufen.“

„Und du?“, fragte er und sah ihr ins Gesicht.

Shelby zuckte mit den Schultern. „Ich bin für jeden nur die gute Freundin. Könntest du trotzdem so tun, als würdest du mit mir flirten? Nur für ein paar Tage? Dann hätte ich einen Grund, dich zu besuchen. Wenn es dir nichts ausmacht.“

„Es macht mir überhaupt nichts aus. Und es würde mir nicht schwerfallen, mit dir zu flirten“, gestand er.

Sie lachte. „Danke. Ich könnte etwas Übung gebrauchen. Es ist nämlich eine ganze Weile her, dass ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Jedenfalls könnten wir mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir könnten Landon im Auge behalten. Und mit einem attraktiven Mann zu flirten wäre gut für mein Ego. Meine Familie befürchtet nämlich, dass mein letzter Freund mir das Herz gebrochen hat, als er mich … als wir uns vor ein paar Monaten getrennt haben.“

„Hat er dir das Herz gebrochen?“

Shelby seufzte. „Nein. Mein Stolz hat etwas gelitten, das ist alles. Ich wünschte, ich hätte mit ihm Schluss gemacht, nicht umgekehrt. Pete hat es nicht ertragen, dauernd von meiner Familie umgeben zu sein. Wenn ich etwas Zeit mit dir verbringe und dann Schluss mache, werden sie kapieren, dass ich es mit einer neuen Beziehung nicht eilig habe. Dass ich mit meinem Leben zufrieden bin.“

„Du willst mich also vor allen Leuten sitzenlassen, um sie davon zu überzeugen, dass du keinen Mann fürs Leben suchst?“

„Ja, so ungefähr. Das ist ziemlich viel verlangt, was?“

„Ich werde es verkraften. Planst du immer alles so genau?“

Sie lächelte verlegen. „Nicht alles.“

Shelby bemerkte, dass sich am vorderen Fenster der Nachbarhütte die Jalousie bewegte. „Ich glaube, Landon spioniert uns nach!“, empörte sie sich.

Aaron lachte. „Dann sollten wir ihm vielleicht etwas Sehenswertes bieten.“

Und im nächsten Moment zog er sie an sich und küsste sie.

Seine Lippen waren warm und fest, und die Stoppeln an seinem Kinn verrieten, dass er sich seit Stunden nicht rasiert hatte. Er duftete gut. Ihre Hände lagen an seiner Brust, und sie musste sich beherrschen, um ihn nicht zu sich auf den Beifahrersitz zu ziehen.

Nach einem Moment löste er sich von ihr und lächelte. „Jetzt hat er etwas, worüber er nachdenken kann.“

Und Shelby auch. Vielleicht würde sie sogar davon träumen. Sie schluckte. „Stimmt.“

„Gute Nacht, Shelby. Wir sehen uns morgen.“

„Gute Nacht, Aaron.“

Er stieg aus und schlenderte zu seiner Hütte.

Es dauerte einige Sekunden, bis Shelby sich einen Ruck gab und langsam weiterfuhr.

4. KAPITEL

Früh um sieben trat Aaron aus seiner Hütte und atmete die frische Brise ein, die vom See herüberwehte. Vom Wasser kam das Brummen der Bootsmotoren, als die ersten Angler sich auf den Weg zu ihren Fangplätzen machten.

In der einen Hand die Rute, in der anderen die Köderbox, ging Aaron zum Hafen. Er trug Jeans, ein graues T-Shirt, alte Sportschuhe und eine Texas-Rangers-Baseballmütze, die Sonnenbrille steckte noch in der Brusttasche.

Shelbys Onkel Bryan war nirgends zu sehen, aber ein Mann, der ihm sehr ähnlich sah, fegte gerade den Anleger. Er drehte sich um, als Aaron näher kam, und musterte ihn gründlich. „Du musst Andrews Bruder sein“, sagte er. „Hab von dir gehört.“

„Und du musst Bryans Bruder sein“, erwiderte Aaron lächelnd. „Hab auch von dir gehört.“

„Carl junior. Aber du kannst mit C. J. nennen, das tun alle.“

Aaron nickte. „Freut mich, dich kennenzulernen, C. J.“

„Alle sagen, du bist genauso sympathisch wie dein Bruder. Na ja, alle außer Pop, der zu glauben scheint, dass du dein Bruder bist.“

„Das habe ich gemerkt.“ Aaron stellte die Köderbox ab. „Bryan hat mich zum Angeln eingeladen. Hast du ihn schon gesehen?“

„Onkel Bryan schafft es nicht“, verkündete Shelby, die hinter ihnen auftauchte. „Er hat mich gerade angerufen. In einer Hütte gibt es ein Problem mit dem Abfluss, und er muss sich darum kümmern.“

Aaron wunderte sich, wie frisch und hellwach Shelby trotz der frühen Stunde aussah. Die blonden Locken hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, und sie trug Denimshorts und ein weißes Top mit pinkfarbenen Streifen. Niemand hätte sie für eine Wirtschaftsprüferin gehalten. Wenige Schritte entfernt stand ihr Vater und beobachtete sie.

„Wenn es dir recht ist, springe ich für Onkel Bryan ein“, sagte sie. „Zufällig weiß ich, wo er immer angelt, und ich kann dir garantieren, dass du genug fürs Abendessen fängst.“

Obwohl sie unbeschwert klang, warf sie ihm einen vielsagenden Blick zu. Er verkniff sich ein Lachen und spielte die Rolle, die sie ihm zugedacht hatte. Mit ihr zu flirten fiel ihm leicht. „Nichts gegen deinen Onkel, aber als Begleitung bist du mir wesentlich lieber.“

Dankbar strahlte sie ihn an. „Onkel Bryan ist der Experte, aber ich kenne mich auf dem See ganz gut aus.“

„Dann lass uns aufbrechen.“

Ihr Vater ließ sie nicht aus den Augen, aber Shelby schob Aaron in ein Boot, bevor er irgendwelche peinlichen Fragen stellen konnte. Gut, dass sie Wirtschaftsprüferin und nicht Privatdetektivin ist, dachte Aaron und legte die vorgeschriebene Schwimmweste an.

„Und? Was hast du mit dem Abfluss in der Hütte angestellt?“, fragte er herausfordernd.

Entrüstet sah sie ihn an. „Nichts! Dass er ausgerechnet heute Morgen verstopft ist, war reiner Zufall.“

Aaron hob die Hände. „Das war nur ein Scherz.“

„Gut.“ Shelby gab Gas, der Bug des Boots hob sich, und Aaron fiel auf den Sitz zurück.

Wenig später hielt sie in einer kleinen Bucht. „Hier müsstest du ein paar Flussbarsche fangen, vielleicht auch einen Forellenbarsch. Dichter am Ufer gibt es auch Sonnenbarsche und Brassen.“

Aaron lachte. „Ich habe nichts gegen Brassen. Richtig durchgebraten schmecken sie lecker.“

„Stimmt. Sollen wir erst mal auf Flussbarsche gehen?“

„Einverstanden.“ Er klappte die Box auf und nahm einen Kunststoffköder heraus. „Geht der?“

Sie nickte. „Ist einen Versuch wert. Mal sehen, was du draufhast, City Boy.“

Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, die Angeln auszuwerfen, die Schnur einzuholen, verhakte Köder und Posen zu befreien und hin und wieder sogar einen Fisch zu fangen. Sie behielten nur ein paar und ließen die anderen wieder frei. Aaron bewunderte Shelbys Angelkünste und war froh, dass er sich vor ihr nicht blamierte.

Sie hatte zwei große Thermobecher mitgebracht, und er nippte am Kaffee, während er beobachtete, wie zielsicher sie die Angel auswarf. Kein Wunder, dass sie sofort etwas fing. Sie bewunderte den etwa zwei Pfund schweren Flussbarsch kurz, bedankte sich bei ihm, dass er sich von ihr hatte fangen lassen, und warf ihn zurück.

Aaron lächelte. Sie sprachen nicht viel, sondern genossen die Ruhe. Ab und zu zeigten sie auf etwas, das ihnen auffiel. Eine Wasserschlange am Ufer, eine Ricke und ein Rehkitz, die vorsichtig am anderen Ende der Bucht tranken, zwei große Schildkröten, die auf einem im Wasser liegenden Baumstamm lagen.

Shelby wirkte vollkommen entspannt. Falls sie an den Kuss am Abend zuvor dachte, ließ sie es nicht anmerken. Vermutlich hatte sie ihn längst als Täuschungsmanöver für Terrence Landon abgetan. Sie konnte nicht wissen, wie oft Aaron den Kuss durchlebt hatte, nachdem sie davongefahren war.

Einmal kam ihm seine letzte Freundin in den Sinn. Elaine. Atemberaubend und selbstbewusst. Intelligent, geistreich, verführerisch. Sehr gut in ihrem Beruf, sehr gut im Bett. Er hatte Monate gebraucht, um zu begreifen, dass an ihr fast nichts echt war. Alles, was sie sagte und tat, entstammte dem Drehbuch, nach dem sie lebte. Die Trennung von ihr war für ihn Anlass genug gewesen, über seine Zukunft nachzudenken. Er war zu dem Ergebnis gekommen, dass weder sein Job in der Immobilienbranche noch die turbulente Beziehung mit Elaine ihn wirklich glücklich gemacht hatten.

Als er Shelby beobachtete, wie sie mit ihrem Handy einen Reiher fotografierte, musste er lächeln. Elaine hätte sich niemals in Denimshorts, mit zerkratzten Knien, verschwitztem Haar unter einer alten Baseballmütze und Fischgeruch an den Händen in ein Boot gesetzt. Wusste Shelby tatsächlich nicht, wie attraktiv sie war? Sie hatte beiläufig erwähnt, dass ihre Cousinen und ihre Schwester die „Hübschen“ in der Familie waren. Hielt sie sich für reizlos?

Sie brachte ihn jetzt schon fast um den Verstand. Dabei kannte er sie noch nicht mal vierundzwanzig Stunden.

„Du musst jetzt nicht mit mir flirten. Wir sind allein.“

„Vielleicht brauche ich die Übung.“

Sie lachte. „Du? Ja, klar.“

„Außerdem werden wir beobachtet. Dreh dich nicht um. Ich glaube, Terrence Landon sitzt in einem Boot am anderen Ufer.“

„Sieht er her?“, flüsterte sie, obwohl Landon sie auf gar keinen Fall hören konnte.

„Hin und wieder. Er angelt, aber er stellt sich nicht sehr geschickt an.“

„Ist er allein?“

„Ja.“

„Wie lange ist er schon da?“

„Etwa fünfzehn Minuten.“

„Und das erzählst du mir erst jetzt?“

Aaron lachte leise. „Ich war neugierig, wie lange er dort bleibt. Er scheint es nicht eilig zu haben.“

„Was sollen wir tun?“

Er legte seine Angel hin. „Was wir tun würden, wenn er nicht da wäre. Du musst zur Arbeit, oder?“

„Ja. Hast du genug gefangen?“

„Allerdings. Möchtest du heute Abend mit mir Fisch essen?“

„Sehr schlau“, lobte sie. „Ja, das würde ich gern.“

Offenbar nahm sie an, dass Aaron ihr einen Vorwand liefern wollte, ihn wieder zu besuchen. Vielleicht wollte er das wirklich – aber das hatte nichts mit seinem Nachbarn zu tun. Er sehnte sich ganz einfach danach, mehr Zeit mit Shelby zu verbringen.

„Dann lass uns zurückfahren. Und grüß euren Gast freundlich, wenn wir an ihm vorbeikommen.“

Sie tat es. Vielleicht etwas zu freundlich, aber der Typ wusste vermutlich längst, dass Shelby alles mit Begeisterung tat. Alles?

Aaron hatte kein Interesse an einer neuen Beziehung. Genau wie Shelby. Doch das bedeutete nicht, dass er die kurze Zeit mit ihr nicht genießen durfte, oder? Schließlich gehörte das zu dem Gefallen, um den sie ihn gebeten hatte.

Maggie setzte sich auf die Ecke von Shelbys Schreibtisch. „Vorsicht“, sagte sie. „Lori hat heute Morgen schlechte Laune.“

Shelby stöhnte auf. In dem Zustand war ihre Schwester zu Gästen freundlich, aber jedes Familienmitglied, das eine unpassende Bemerkung machte, konnte ein blaues Wunder erleben. „Danke. Ich gehe ihr aus dem Weg.“

„Wir haben sie überredet, sich heute Nachmittag freizunehmen. Mimi übernimmt so lange den Empfang.“ Maggie lächelte hintersinnig. „Und du warst heute Morgen mit Aaron zum Angeln?“

Der abrupte Themenwechsel traf Shelby unvorbereitet. Verlegen strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Dein Vater hat ihn dazu eingeladen, aber dann musste er sich um den verstopften Abfluss in Nummer 4 kümmern.“

Maggie lachte. „Das Kind der Mieter hat ein paar Gummitiere hineingeworfen und gespült. Es dachte, sie könnten durch die Rohre schwimmen.“

„Den Teil kannte ich noch nicht. Ich bin für Onkel Bryan eingesprungen. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit einem Gast auf dem See war.“

„Aha. Du hast also nur die perfekte Gastgeberin gespielt.“

„Hin und wieder angle ich gern.“

„Vor allem mit einem gut aussehenden Begleiter.“

„Das macht es noch angenehmer“, gab Shelby zu. „Es war ein netter Ausflug. Aaron hat ein paar Fische gefangen und mich zum Abendessen eingeladen.“

„So?“

„Ja. Es ist keine große Sache, Mags. Ich habe ihn erst gestern kennengelernt.“

„Ich weiß. Aber du scheinst ihm zu gefallen“, erzählte ihre Cousine. „Wie er dich gestern angesehen hat … das hat sein Bruder nie getan.“

„Aaron ist ein netter Kerl“, erwiderte sie so unbeschwert wie möglich. „Er ist ganz anders als sein Bruder, auch wenn sie sich äußerlich so ähnlich sind. Wenn er etwas Gesellschaft braucht, leiste ich ihm gern welche.“

Maggie schaute ihr ins Gesicht. „Okay, was ist los?“

Shelby riss die Augen auf. „Keine Ahnung, was du meinst.“

„Ja, sicher. Es geht um den Typen in Hütte 7, stimmt’s? Du hast Aaron angestiftet, den Mann unter die Lupe zu nehmen?“

„Kann schon sein“, flüsterte sie. „Aber er hat mich von selbst zum Abendessen eingeladen. Das war seine Idee, nicht meine.“

„Richtig.“ Maggie nickte, als hätte sie genau das fragen wollen. Dann stand sie auf. „Jetzt verstehe ich. Okay, spiel ruhig Detektivin mit dem attraktiven Zwilling, aber pass auf dich auf, ja? Hannah hat genug Probleme für uns alle.“

Shelby nickte grimmig. „Bis später, Maggie.“

Offenbar funktionierte das mit dem Flirt nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Bisher hatten ihre Mutter und ihre Cousine erraten, dass sie Aaron gebeten hatte, Terrence Landon nachzuspionieren. Und Maggie schien es für unwahrscheinlich zu halten, dass Aaron sie erst gestern kennengelernt hatte und sich schon jetzt für sie interessierte. Nicht gerade ein Kompliment, dachte Shelby.

„Du bist ein tolles Mädchen“, hatte Pete am Abend ihrer Trennung zu ihr gesagt. „Einer der besten Kumpel, die ich je hatte. Aber unter einer Freundin stelle ich mir etwas anderes vor.“

Sie war nicht mal wütend auf ihn gewesen. Weil er recht hatte. Sie war gern mit Pete zusammen gewesen, aber in ihrer Beziehung hatte etwas gefehlt. Wenn er nicht schneller gewesen wäre, hätte sie Schluss gemacht.

Seufzend tastete sie nach der Computermaus. Sie hatte gelernt, wie man eine Angel auswarf, noch bevor sie schreiben konnte. Sie konnte auf Wasserskiern über eine Rampe sausen und sich in der Luft drehen, sie kannte sich mit Buchhaltung und Steuern aus wie keine Zweite … aber sie hatte nie richtig gelernt, wie man mit einem Mann flirtete. Wenn sie ein Vamp sein wollte, erntete sie mitleidige Blicke, und beim ersten Date sprach sie aus, was ihr in den Sinn kam, anstatt auf empfindliche Männeregos Rücksicht zu nehmen.

Aaron schien sie zu mögen. Aber auf den Flirt hatte er sich nur eingelassen, weil sie ihn darum gebeten hatte. Geküsst hatte er sie lediglich, weil Landon sie beobachtete. Aber es hatte ihm wohl kaum etwas bedeutet. Sie dagegen war danach so durcheinander gewesen, dass sie auf dem Weg zu ihrem Wohnwagen fast gegen einen Baum gefahren wäre.

Kopfschüttelnd konzentrierte Shelby sich wieder auf ihre Arbeit.

Aaron nahm seine Fische aus, säuberte sie und verstaute die Filets im Gefrierfach, legte seine Angelausrüstung weg und sah auf die Uhr. Es war noch nicht mal Mittag.

Die Broschüre, die er in Andrews Büro gefunden hatte, lag auf dem Tresen. Die Fotos darin versprachen nicht zu viel. Bisher hatte er Gäste beim Angeln, Schwimmen, Segeln und Radfahren gesehen, aber dazu hatte er im Moment keine Lust. Es sei denn, Shelby machte mit. Aber sie musste arbeiten.

Bis zum Abendessen blieben ihm noch mehrere Stunden. Sollte er zu Hause anrufen? Nein, er hatte keine Lust, sich die Ermahnungen seiner Eltern anzuhören. Ihm war klar, dass er sich bald einen neuen Job suche musste. Vielleicht würde er sogar noch mal studieren und zusätzlich zu seinem allgemeinen Abschluss in Wirtschaft eine richtige Berufsausbildung machen. Hauptsache, er musste keine endlosen Recherchen am Computer oder langweilige Observationen ertragen.

Er brauchte ein paar Zutaten fürs Abendessen, aber in die Stadt fahren konnte er auch später. Stattdessen beschloss er, einen Spaziergang übers Gelände zu unternehmen.

Er kam zu einer privaten Seitenstraße, an der vermutlich die Bells wohnten. Shelby hatte erwähnt, dass sie, ihre Brüder und die Cousinen in der Nähe ihrer Eltern in Wohnwagen lebten. Als er hinter sich ein Elektromobil hörte, drehte er sich um. Am Steuer saß ein dunkelblonder Mann in den Zwanzigern, dessen muskulöser Körper eher nach harter Arbeit als nach einem Fitnessstudio aussah. Er trug Kakishorts, ein Polohemd und ein Cap mit dem Logo des Resorts und ähnelte C.J. und Shelby so sehr, dass Aaron ahnte, wer er war.

„Wow.“ Steven Bell hielt an, schob sich das Cap in den Nacken und musterte Aaron. „Sie haben mich gewarnt, aber ich bin trotzdem verblüfft, wie ähnlich du Andrew siehst.“

„Du musst Steven sein. Ich bin Aaron.“

Steven gab ihm die Hand. „Freut mich, dich kennenzulernen.“

„Mich auch.“

„Siehst du dir das Resort an?“

„Ja. Gefällt mir hier.“

„Ich will gerade eine Säge und eine Leiter holen, um einen abgestorbenen Ast abzusägen, bevor er jemandem auf den Kopf fällt. Soll ich dich mitnehmen? Dann zeige ich dir, wo die Familie wohnt.“

„Sehr gern, danke.“ Aaron kletterte auf den Beifahrersitz.

Die drei Häuser der Bells waren aus rotem Backstein im Ranchstil errichtet worden und hatten weiße Fensterläden und überdachte Veranden. In den gepflegten Beeten blühten Blumen, die Rasenflächen waren grün und frisch gemäht.

Steven zeigte hinüber. „Dort wohnt meine Generation, obwohl bei den Eltern noch Platz für zwei oder drei feste Häuser ist.“

Auch die Wohnwagen waren von Blumenbeeten und Sträuchern umgeben. Dort waren die Bäume jünger und nicht so hoch, aber in ein paar Jahren würden sie Schatten spenden.

Ein großer Labrador kam gemächlich angetrabt. Steven kraulte ihm die Ohren. „Das ist Pax. Ich habe ihn schon fast sieben Jahre.“

„Hallo, Pax, wie geht’s?“

Freudig wedelte der Hund mit dem Schwanz.

„Ich habe den ersten Wohnwagen gekauft“, erzählte Steven. „Hat eine Weile gedauert, bis ich Pop überzeugen konnte, dass es den Anblick nicht stört. Dann wollte Maggie ihr eigenes Zuhause und hat ihren Wagen gegenüber von mir aufgestellt. Nach ihrer Scheidung ist Hannah neben Maggie eingezogen, und Shelby hat auch einen gekauft, als sie mit dem College fertig war.“

„Klingt, als hättest du einen Trend eingeleitet.“

„Pop war gar nicht begeistert. Er hätte es lieber gesehen, wir würden richtige Häuser bauen. Aber ich bin erst siebenundzwanzig und habe keine Lust, Grundrisse zu studieren und Arbeitsplatten auszusuchen. Vielleicht baut Hannah sich in ein oder zwei Jahren ein Haus, aber wir anderen sind mit dem zufrieden, was wir haben.“

Aaron bezweifelte, dass Steven wirklich zufrieden war. Shelby hatte angedeutet, dass ihr Bruder sich hier eingeengt fühlte. Das konnte Aaron gut verstehen. „Shelby hat erzählt, dass du Bryan hilfst.“

„Ja.“ Stevens lustlose Antwort bestätigte Aarons Vermutung.

Ihr Bruder schickte Pax zum Wohnwagen zurück, wendete das Elektromobil und fuhr an den Häusern vorbei. „Viele Freunde haben mich beneidet, weil ich am See aufwachsen durfte. Manche denken immer noch, dass ich den ganzen Tag nur angle und Wasserski laufe. Sie haben keine Ahnung, wie viel Arbeit es kostet, so eine Anlage zu erhalten. Gut, dass wir eine große Familie sind und nur wenig Personal einstellen müssen.“

Nur deshalb ist er noch hier, dachte Aaron. Steven fühlte sich seiner Familie verpflichtet. Das wäre Aaron selbst wohl auch, aber zum Glück war D’Alessandro-Walker kein reines Familienunternehmen. Die Sicherheitsbranche florierte, und es gab mehr als genug Computerspezialisten und Polizisten, die sich um die gut bezahlten Jobs bewarben.

Steven hielt an einem großen Holzschuppen. Als er eine der Türen aufschloss, sah Aaron diverse Gartengeräte und Werkzeuge. Er legte eine Leiter und eine Motorsäge auf die Ladefläche des Elektrogefährts und setzte sich wieder ans Steuer. „Soll ich dich an deiner Hütte absetzen?“

„Wenn es dich nicht stört, würde ich gern zusehen, wie du den Ast herunterholst. Ich kann dir helfen. Mich interessiert der Betrieb hier.“

Steven lachte. „Die meisten Gäste genießen lieber ihren Urlaub, aber du kannst gern mitkommen.“

Er hätte es sicher auch allein geschafft, war aber froh, dass Aaron die Leiter festhielt und darauf achtete, dass der morsche Ast auf einer freien Fläche landete.

„Danke!“, rief Steven, als er nach unten stieg und sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Kein Problem. Der Ast gibt gutes Feuerholz.“

Steven nickte und zersägte den Ast, Aaron stapelte die Stücke auf der Ladefläche. Dabei sprachen sie übers Angeln und Wandern und stellten fest, dass sie beide gern in den Bergen unterwegs waren. Steven hatte Freunde in Colorado, die er mehrmals im Jahr besuchte, während Aaron die Smoky Mountains in Tennessee bevorzugte, wo seine Cousins Casey und Molly sich mit ihren Ehepartnern niedergelassen hatten.

„Du bist viel gereist, was?“, fragte Steven neidisch.

Aaron zuckte mit den Schultern. „Die meisten Bundesstaaten habe ich schon gesehen, bis auf Hawaii und Alaska.“

„Ich kann schon froh sein, dass ich alle paar Monate eine Woche freihabe, um meine Freunde in Colorado zu besuchen. Ansonsten bin ich nur hier, fast das ganze Jahr, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.“

Aaron klopfte sich die Baumrinde ab. „Was würdest du tun, wenn du nicht hier arbeiten würdest?“

Steven warf die Säge auf die Ladefläche und legte die Leiter daneben. „Als Junge wollte ich unbedingt Feuerwehrmann werden. Ich wäre wohl einer geworden, wenn sie mich hier nicht gebraucht hätten. Meine Eltern haben uns immer ermutigt, unsere Träume zu verwirklichen. Aber Mom ist jedes Mal blass geworden, wenn ich erzählt habe, dass ich Feuerspringer werden will, um Waldbrände zu bekämpfen. Dann habe ich hier ausgeholfen, und die Jahre vergingen. Ich will mich nicht beschweren. Aber du hast gefragt, was ich tun würde, wenn ich nicht hier wäre.“

„Du bist in Topform und noch jung genug, um dich zum Feuerwehrmann ausbilden zu lassen“, erwiderte Aaron und stieg ein. „Bestimmt würden sie dich sofort einstellen.“

„Daraus wird wohl nichts.“ Steven startete den Motor, fuhr los und winkte einigen Gästen zu. „Wie gesagt, ein Kindheitstraum.“

„Davon hatte ich auch ein paar.“

Shelbys Bruder hielt vor Hütte 8. Aaron sah zu seinem Nachbarn hinüber. In der Einfahrt stand ein teurer roter Sportwagen neben dem dunklen Geländewagen, der vermutlich Terrence Landon gehörte. „Den Wagen habe ich noch nie gesehen“, sagte Steven. „Der Typ hat oft Besuch, angeblich Geschäftsfreunde.“

„Ja, das hat Shelby mir erzählt.“

„Sie misstraut dem Kerl, seit er hier angekommen ist.“

„Das habe ich gehört. Bisher ist mir noch nichts Verdächtiges aufgefallen, aber ich bin erst einen Tag hier.“

Steven zögerte, dann zog er eine Grimasse. „Shelby übertreibt zwar manchmal, aber der Bursche kommt mir auch seltsam vor. Er lässt das Personal nicht herein, sondern nimmt ihnen die saubere Wäsche an der Tür ab. Und als wir letzte Woche an deiner Hütte gearbeitet haben, hat er uns dauernd durch die Jalousien beobachtet. Was machst du eigentlich, wenn du nicht im Urlaub bist? Bist du Privatdetektiv wie dein Bruder?“

„Ich befinde mich gerade zwischen zwei Jobs“, gestand Aaron. „Das habe ich Shelby noch gar nicht gesagt. Sie scheint zu glauben, dass ich als Andrews Bruder automatisch qualifiziert bin, den Kerl in Hütte 7 zu überprüfen.“

„Ist nicht leicht, ihr etwas abzuschlagen, was?“

Aaron lachte. „Stimmt. Aber ich mag sie.“

„Sag’s ihr nicht, aber ich auch.“

Aaron stieg aus dem Elektromobil. „Wir sehen uns, Steven.“

„Ja, bis dann. Vielleicht können wir morgen eine Runde Jetski fahren. Ich habe am Nachmittag ein paar Stunden frei.“

Aaron sah ihm nach. Wie Shelby war auch ihr Bruder ein sehr offenherziger, geselliger Mensch und schien sich zu freuen, dass er sich mal bei einem Gleichaltrigen aussprechen konnte, der nicht zur Familie gehörte. Aaron holte seinen Schlüssel heraus. Als er die Veranda betrat, sah er, wie Terrence Landon und ein anderer Mann aus der Nachbarhütte kamen.

Beide starrten Aaron kurz an, bevor der Besucher mit einigen Kartons auf den Armen zum Sportwagen eilte. Er warf sie auf den Beifahrersitz und fuhr hastig davon. Landon knallte die Haustür zu, und Aaron konnte hören, wie er sie abschloss.

Eigenartiger Kerl, dachte er kopfschüttelnd. Er konnte verstehen, warum Shelby sich Sorgen machte. Dann sah er auf die Uhr. Ihm blieb noch Zeit genug, sich zu waschen und in die Stadt zu fahren.

Eine Stunde später verstaute Aaron seine Einkäufe auf dem Rücksitz und beschloss, noch etwas zu trinken. Direkt neben dem Supermarkt gab es einen kleinen Coffeeshop. Er ging hinein und orderte einen Eiskaffee. Während er darauf wartete, sah er sich im klimatisierten Café um und schaute zweimal hin, als er die junge Frau erkannte. Sie saß in der dunkelsten Ecke und war nicht allein. Ganz im Gegenteil, sie hatte die Arme um einen jungen Mann in schwarzem T-Shirt und schwarzen Jeans gelegt und küsste ihn leidenschaftlich.

Als sie Aaron bemerkte, brach sie den Kuss ab und starrte ihn entsetzt an.

Er nickte ihr zu. „Hallo, Lori.“

Sie flüsterte ihrem Freund etwas zu, stand auf und eilte zu Aaron. Das hauchdünne Sommerkleid umwehte sie bei jedem Schritt wie grauer Nebel.

„Hi, Aaron“, sagte sie mit einem gequälten Lächeln. „Ich habe nicht erwartet, dich hier zu sehen.“

„Du gönnst dir gerade eine Auszeit, was?“

Sie nickte. „Ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du für dich behalten würdest, dass du mich hier gesehen hast. Noch dazu mit …“ Sie schaute zu dem jungen Mann hinüber, der sie mit grimmiger Miene beobachtete. „Meine Familie hasst ihn und würde ausflippen, wenn sie wüsste, was … du gerade gesehen hast.“

„Ich habe gar nichts gesehen“, antwortete er. Lori war über achtzehn, und es ging ihn nichts an, wen sie in einem Coffeeshop küsste. Auch wenn das hier nicht der ideale Ort war, um sich mit ihrem Freund zu treffen.

Sie lächelte erleichtert und legte eine Hand auf seinen Arm. „Danke.“

Er zuckte mit den Schultern. „Schon gut.“

Das Glitzern in ihren Augen ließ sie älter wirken, als sie war. „Bis dann, Aaron.“

Er bezahlte den Eiskaffee und kehrte damit zum Wagen zurück. Dabei musste er an das Versprechen denken, das Lori ihm gerade abgenommen hatte. Jetzt gab es noch ein Geheimnis, das er mit jemandem im Resort teilte.

Kaum zu glauben, dass er die Bells weniger als vierundzwanzig Stunden kannte. Und obwohl er hergekommen war, um seiner eigenen Familie zu entfliehen, war er erneut von einem Clan umgeben und mit dessen Problemen konfrontiert.

Was für eine Ironie des Schicksals.

5. KAPITEL

Shelby verbrachte entschieden zu viel Zeit damit, sich zu überlegen, was sie zum Abendessen mit Aaron anziehen sollte. Schließlich duschte sie, zog Jeans und ein weißes Top mit Spitzenkragen und winzigen Knöpfen an, das etwas femininer als ihre üblichen Outfits wirkte. Sie legte einen Hauch Make-up auf und ließ das Haar offen. Das musste reichen.

Aaron hatte sie gebeten, nichts mitzubringen, doch das erschien ihr nicht richtig. Sie konnte nicht besonders gut backen, aber selbst ihre Familie musste zugeben, dass ihre Erdnussbutterkekse lecker waren.

Sie füllte die frischen Kekse in eine Plastikdose, steckte die Schlüssel ein und ging zur Tür. Dann schwang sie sich aufs Fahrrad. Vom Zeltplatz und den Wohnwagen wehte der Duft von gegrilltem Fleisch herüber. Sie winkte den Urlaubern zu und wich einem kleinen Hund aus.

Shelby stieg vor Aarons Hütte vom Rad, stellte es ab und sah, dass er den Picknicktisch mit einem rot-weiß karierten Wachstuch und dem unzerbrechlichen blauen Geschirr aus der Küche gedeckt hatte. Die gelbe Vase mit den weißen Gänseblümchen war ebenso neu wie die flackernde Citronella-Kerze daneben. Er war einkaufen gewesen.

Er trug Jeans und ein gelbes Poloshirt, das die gebräunte Haut und das dunkle Haar betonte. Als er sich umdrehte und ihr zulächelte, schlug ihr Herz schneller, obwohl sie sich sagte, dass er nur eine Show abzog, um seinen Nachbarn zu täuschen.

Sie strich sich durchs Haar. „Das sieht alle sehr schön aus“, lobte sie.

„Hat mir Spaß gemacht. Es ist eine Weile her, dass ich Fisch gegrillt habe.“

„Was kann ich tun?“

„Nichts. Es ist alles fertig.“

Erstaunt sah sie ihn an, denn sie hatte angenommen, dass sie ihm bei der Zubereitung helfen würde. „Oh.“ Hastig drückte sie ihm den Plastikbehälter in die Hände. „Ich habe Kekse gebacken.“

Aaron stellte ihn auf den Tisch. „Setz dich. Ich hole das Essen.“

Von dieser Seite aus war die Nachbarhütte nicht zu sehen, und die Stellplätze der Wohnwagen lagen hinter Bäumen. Auf der Straße und am Seeufer schlenderten Menschen vorbei, aber Shelby war es gewohnt, von Urlaubern umgeben zu sein, und ließ sich von den Blicken nicht stören, während sie und Aaron aßen und plauderten.

„Das schmeckt wirklich sehr gut“, lobte sie. Er hatte die Fischfilets in einer knusprigen Panade gebraten und eine würzige Soße angerührt. Statt Pommes frites gab es geröstete Kartoffelspalten und einen Paprikasalat, den er mit Olivenöl und Rosmarin zubereitet hatte. „Ich bin beeindruckt.“

Obwohl er sich sichtlich über das Kompliment freute, zuckte er mit den Schultern. „Du lebst in einem Anglerparadies, da bist du gebratenen Fisch bestimmt leid.“

„Dein Rezept kannte ich noch nicht.“

„Ich habe ein paar Cajun-Gewürze genommen. Nicht zu scharf, hoffe ich.“

„Ich liebe scharfe Sachen.“

Aaron zwinkerte ihr zu. „Ich auch. Meine Mutter hat auf gesunde Ernährung geachtet“, erzählte er. „Andrew und ich sind mit frischem Obst und Gemüse und magerem Fleisch aufgewachsen. Nach der Schule bekamen wir immer einen Kuchen aus Erdnussbutter und Haferflocken, der im Kühlschrank aufbewahrt wurde. Manchmal hat sie auch Rosinen hineingerührt.“

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