Logo weiterlesen.de
BIANCA EXTRA BAND 26

CHRISTINE RIMMER

Prinzessin Auroras Weihnachtskuss

Insgeheim verzehrt Walker McKellan sich nach Prinzessin Aurora. Aber er zwingt sich, ihr zu widerstehen. Denn eine Frau wie sie passt einfach nicht zu einem Rancher. Aurora aber sieht das anders …

JULES BENNETT

Denn Lieben heißt Vertrauen

Als Feuerwehrmann ist es Drake St. Johns Aufgabe, anderen Menschen zu helfen. Doch als die hübsche Singlemom Marly in Not gerät, erwacht bald mehr in ihm als nur sein Beschützerinstinkt. Viel mehr …

MARIE FERRARELLA

Nur du bist mein Star

Nicht nur Liams Musik bringt Whitneys Herz zum Klingen. Doch so sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlt, muss sie ihn auf Distanz halten. Denn ihren Job kann sie nicht für die Liebe aufs Spiel setzen!

CINDY KIRK

Der wunderbarste Fehler meines Lebens

Für den überzeugten Junggesellen Benedict Campbell ist es bloß ein Spiel, als er die widerstrebende Poppy zu einem leidenschaftlichen Kuss unter den Mistelzweig zieht. Mit ungeahnten Folgen …

IMAGE

Prinzessin Auroras Weihnachtskuss

1. KAPITEL

Ein abgekartetes Spiel. Das war Aurora „Rory“ Bravo-Calabretti, der Prinzessin von Montedoro, sofort klar, als sie Walker McKellan am Rand der privaten Landebahn auf dem Flughafen von Denver stehen sah. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie mit dem Privatjet anreiste, und ihre Mutter hatte es ganz sicher auch eingefädelt, dass Walker auf sie wartete. Undenkbar, dass sie aus einem Flugzeug ausstieg und ganz allein durch den Zoll ging, ohne einen großen, starken Mann an ihrer Seite, der dabei für ihre Sicherheit sorgte.

Groß und drahtig, in alten Jeans, abgewetzten Stiefeln und einem Lammfellmantel, lehnte Walker mit vor der Brust verschränkten Armen an seinem grünen SUV. In der fahlen Wintersonne sah er durch und durch amerikanisch aus – wie ein Rancher, der gerade vom Zusammentreiben der Herde kommt, oder ein Trapper, der eben noch in der Wildnis war. Obwohl sie sich über ihre Mutter ärgerte, konnte Rory nicht widerstehen, holte ihre geliebte Nikon-Kamera heraus und machte durchs Flugzeugfenster mehrere Bilder von ihm.

Walker war ein prima Kerl, und Rory hielt große Stücke auf ihn. In den mehr als sieben Jahren, die sie regelmäßig nach Colorado kam, waren sie sehr gute Freunde geworden. Und seine Freunde sollte man nicht ausnutzen. Rory selbst wäre auch nie auf die Idee gekommen. Dafür aber ihre Mutter, die sich normalerweise um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte. Nur hier hatte sie eine Ausnahme gemacht und Walker für ihre Zwecke eingespannt. Und Walker hatte es zugelassen.

Je länger Rory darüber nachdachte, desto mehr ärgerte sie sich auch über ihn. Wieso hatte er zugestimmt, ihr Aufpasser zu sein? Damit nahm er ihr die Möglichkeit, sich unauffällig aus der Affäre zu ziehen.

Sie verstaute die Kamera wieder in ihrer Schultertasche, zog ihren Mantel an und ging zum Ausgang, wo sie dem Steward und dem Piloten dankte. Als sie die Gangway betrat, stieß Walker sich vom Wagen ab und kam auf sie zu.

„Meine Lieblingsprinzessin. Gut siehst du aus.“

Sie trug einen roten doppelreihigen Wollmantel, einen langen Pullover, dicke Winterleggins und warme Stiefel mit Profilsohle. Sein bewundernder Blick aus den blauen, von vielen Fältchen umrahmten Augen galt nicht nur ihrem Modegeschmack, sondern auch der Tatsache, dass sie für einen Winter in Colorado passend und praktisch gekleidet war, das wusste sie.

Er umarmte sie zur Begrüßung. „Hey.“

Schnell machte sie sich wieder los. Wenn er sich darüber wunderte, ließ er es sich nicht anmerken. „Hattest du einen guten Flug?“, fragte er.

„Ganz nett“, erwiderte sie kurz angebunden.

Jetzt blickte er sie fragend an, doch sie ignorierte es.

„Ich muss durch den Zoll“, sagte sie. „Aber ich denke, es dauert nicht lange.“

Eine halbe Stunde später waren sie auf dem Weg nach Justice Creek, wo ihre Verwandten des Bravo-Zweigs der Familie lebten. Walker versuchte, Small Talk zu machen. Er zog sie damit auf, wie viele Koffer sie dabei hatte, und drohte ihr scherzhaft damit, dass er sie auf seiner Ranch kochen und putzen lassen würde.

Rory gab nur einsilbige Antworten und starrte aus dem Fenster, wo sich am Horizont die Rocky Mountains als graue Silhouette abzeichneten. Schließlich gab Walker auf, schaltete das Radio ein und summte ein wenig schräg die Country-Weihnachtslieder mit.

Walker wartete geduldig. So, wie er Rory kannte, hielt schlechte Laune bei ihr nie lange an. Er ließ sie also in Ruhe, bis er auf die schmale Landstraße abbog, die nach Nordwesten in die Berge führte. Als sie immer noch nichts sagte, schaltete er das Radio wieder aus.

„Na komm schon, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

Sie gab nur ein ungnädiges Knurren von sich und warf ihm einen Seitenblick zu.

„Hast du wenigstens das Geld angenommen, das sie dir angeboten hat?“, fragte sie dann.

„Nein, hab ich nicht.“

Empört stieß sie die Luft aus. „Das geht so einfach nicht.“

„Sie hat trotzdem einen Scheck geschickt“, versuchte er sie zu trösten.

„Wag es nicht, ihn zurückzuschicken.“ Streng blickte Rory ihn an. „Schlimm genug, dass sie dich als Babysitter für mich angeheuert hat. Auf keinen Fall machst du das umsonst.“

„Aber ich bin gern dein Babysitter.“

„Na toll, soll mich das etwa aufheitern? Du weißt, wie ich es hasse, wenn du mich wie ein Kind behandelst.“

„Hey, du hast doch vom Babysitten angefangen, nicht ich.“

Als sie wieder nur schweigend aus dem Fenster starrte, fügte er hinzu: „Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass ich gern mit dir zusammen bin. Und es kommt mir einfach nicht richtig vor, auch noch Geld dafür zu nehmen, nur, weil ich auf dich aufpasse.“

„Aber ich brauche überhaupt keinen Aufpasser! Und was ist, wenn sich jemand in den Bergen verirrt? Oder ein Waldbrand ausbricht?“

Walker gehörte zum Bergrettungsteam und zur freiwilligen Feuerwehr, doch er zuckte nur die Achseln.

„Es ist Winter, so viele Wanderer sind zurzeit nicht unterwegs. Und Waldbrände kommen auch eher im Sommer vor. Aber wenn was passiert, kriegen wir das schon irgendwie hin.“

Als Nächstes versuchte sie es mit Drohungen. „Ich meine es ernst. Du löst den Scheck ein, oder ich rede nie wieder ein Wort mit dir.“

Die Tour konnte er auch. „Mach nur so weiter, dann werde ich froh darüber sein. Aber jetzt mal ehrlich – glaubst du wirklich, es ist meine Schuld, dass deine Mutter auf einen Bodyguard für dich besteht?“

„Das hab ich doch gar nicht gesagt.“

„Warum bist du dann sauer auf mich?“

„Bin ich doch gar nicht.“

„Dann hör auf, rumzuzicken.“

„Super, jetzt führst du dich auf wie einer meiner großen Brüder. Und ich war so froh, dass ich die los bin!“

So langsam reichte es ihm. „Okay, Rory, genug jetzt. Hör auf damit.“

Sie verzog den Mund. „Siehst du, meine Rede. ‚Hör auf damit‘.“ Sie ahmte seine tiefe Stimme nach. „Genau wie ein besserwisserischer, angeberischer, tyrannischer großer Bruder.“

Jetzt ging sie ihm aber wirklich auf die Nerven.

„Na schön, ich geb auf. Dann schmoll eben den ganzen Weg zur Ranch weiter.“

Die Stimmung war definitiv im Keller, und er machte sich nicht die Mühe, das Radio wieder einzuschalten. Beide starrten sie zehn Minuten lang schweigend vor sich hin, bis Rory es nicht mehr aushielt. Sie streifte sich die rote Wollmütze vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die langen braunen Haare.

„Mensch, der ganze Sinn der Sache war doch, dass ich allein herkomme und meine Ruhe habe. Ich bin erwachsen, aber meine Mutter behandelt mich immer noch wie ein Kind. Das ist nicht fair.“

Sie knetete die Mütze in den Händen. „Ich habe wirklich gedacht, sie hätte es endlich kapiert. Sie hat endlich zugegeben, dass es vielleicht ein wenig übertrieben sein könnte, mir einen Bodyguard auf den Hals zu hetzen, sobald ich Montedoro verlasse. Ist doch auch wahr. Ich habe acht ältere Geschwister und eine Menge Nichten und Neffen, die in der Thronfolge alle vor mir dran sind. Ich will mich einfach nur frei bewegen können und meinen Job machen.“

Rory war eine talentierte Fotografin, deren Bilder schon im National Geographic und anderen großen Magazinen erschienen waren.

„Ich will doch nur ein ganz normales Leben. Ist das etwa zu viel verlangt? Ich brauche keinen Schutz. Ein Bodyguard ist nicht nur Geldverschwendung, er ist auch ein Klotz am Bein.“

„So schlecht ist es doch gar nicht gelaufen. Immerhin bist du ohne Bodyguard hier“, sagte er.

„Ja, weil sie dich angeheuert hat.“

„Aber wir würden doch auch so die meiste Zeit miteinander verbringen, oder? Immerhin sind wir die Trauzeugen.“

Sie seufzte schwer. „Du schaffst es eh nicht, mich aufzumuntern, du kannst auch damit aufhören.“

„Wie du willst.“

Wieder schwieg sie – etwa fünf Minuten lang. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht …“

Bis jetzt hatte sie ihn nur von der Seite angemacht, also überlegte er kurz, sie einfach zu ignorieren. Aber wozu einen dummen Streit sinnlos in die Länge ziehen?

„Okay, bin ganz Ohr. Was weißt du nicht?“

„Ach, es ist wegen Ryans und Claras Hochzeit. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie wirklich heiraten wollen – und so plötzlich. Da stimmt doch was nicht.“

Walkers jüngerer Bruder und Rorys Lieblingscousine hatten vor zwei Wochen alle mit der Neuigkeit überrascht, dass sie am Samstag vor Weihnachten heiraten würden.

„Ich frag mich die ganze Zeit, was wirklich los ist“, fügte sie hinzu.

Aha, dann war sie jetzt also fertig mit Schmollen. Wurde auch Zeit. Er unterdrückte sein zufriedenes Lächeln. Und dann dachte er an Clara und Ryan und runzelte selbst besorgt die Stirn.

„Ja“, sagte er. „Rye hat zu der ganzen Sache nicht viel gesagt.“

Sein jüngerer Bruder war nach eigener Aussage seit der Highschool in Clara verliebt und hatte ihr in den letzten zehn Jahren mehrmals einen Heiratsantrag gemacht. Jedes Mal hatte sie ihm einen Korb gegeben, wenn auch sehr liebevoll.

„Was hat sich denn auf einmal geändert?“, fragte Rory nachdenklich. „Und meinst du wirklich, Ryan will sein Junggesellenleben aufgeben?“

Rye hatte zwar immer davon gesprochen, wie sehr er Clara liebte, aber er hatte in der Zwischenzeit nicht gerade keusch gelebt. Die Frauen liefen ihm nach, und er war kein Kind von Traurigkeit. Seine Beziehungen hielten nie lange – maximal zwei Monate –, dann vergingen ein paar Wochen, in denen er Single war, und schon tauchte er mit der nächsten Frau auf.

„Ich weiß nicht, was sich geändert hat“, sagte Walker. „Und ich bin ganz deiner Meinung. Ich hoffe, er weiß, was er tut.“

„Es sieht Clara einfach nicht ähnlich, sich plötzlich für Ryan zu entscheiden, nachdem sie ihn all die Jahre immer abgewiesen hat. Am Telefon hat sie mir gesagt, dass sie sich geirrt hat, dass sie ihn wirklich liebt und weiß, dass sie mit ihm glücklich sein wird.“

„Ja, das hat sie mir auch erzählt. Dass sie endlich zur Vernunft gekommen ist und ihren besten Freund heiraten wird.“

Rory zog die Nase kraus. „Na ja, das kann ich irgendwie verstehen. Glaube ich.“ Dann schüttelte sie wieder den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Wenn ich sie mal einen Moment allein erwische, werde ich sie noch mal darauf ansprechen. Ob sie sich wirklich sicher ist.“

„Dann beeil dich besser damit, denn wie du weißt, ist in zwei Wochen die Hochzeit.“

„Stimmt auch wieder. Ich will keinen Unfrieden stiften. Ryan wollte Clara immer schon heiraten, und Clara ist nicht leichtfertig. Wenn sie ihn heiratet, dann nur, weil sie es wirklich will.“

Die Straße wand sich jetzt durch die Berge, und zu beiden Seiten lagen kiefernbestandene Hänge. Hier und da glänzten ein paar Schneefelder.

„Sollen wir bei Clara halten?“, fragte Walker, als sie ins Justice Creek Valley hinunterfuhren.

„Es ist schon nach vier, und bald wird es dunkel. Lass uns direkt zur Ranch fahren. Ich sehe sie ja morgen.“

Wie immer genoss Rory den Ausblick, als sie sich der Bar-N-Ranch näherte. Diese lag in einem kleinen Seitental und war seit fünf Generationen im Familienbesitz. Walker und Ryan hatten sie von ihrer Mutter Darla und ihrem Onkel John Noonan geerbt. Vor vier Jahren hatte Ryan seinen Anteil an Walker verkauft und war in die Stadt gezogen. Walker betrieb die Ranch weiter, allerdings nicht zur Viehzucht, sondern als Ferienranch. Neben den vier Hauptgebäuden gab es fünf gemütliche Holzhütten auf dem Gelände, die an Gäste vermietet wurden.

Das Haupthaus, in dem Walker wohnte, war aus Granit und Holz gebaut und hatte eine große, umlaufende Veranda. Walkers Jagdhund, Lonesome, und seine schwarze Katze Lucky warteten schon auf sie, als sie ankamen. Rory lachte, als sie die beiden so einträchtig nebeneinander auf der obersten Stufe sitzen sah.

Als Walker ausstieg, rannte der Hund auf ihn zu, während die Katze gemessenen Schritts folgte. Er streichelte beide, dann lud er Rorys Gepäck aus.

Rory nahm ihre Handtasche und einen Koffer und folgte ihm ins Haus. Er führte sie die Treppe hinauf zu einem Zimmer am Anfang des Flurs, trat ein, stellte die Koffer auf einen Flickenteppich in der Mitte des Raumes und drehte sich zu ihr um. Rory war auf der Schwelle stehen geblieben. Als sich ihre Blicke trafen, wurde sie plötzlich verlegen und wusste nicht, was sie sagen sollte.

Seltsam. Das passierte ihr sonst nie.

„Im Schrank hängen Bügel, und den Schreibtisch habe ich ausgeräumt“, sagte er. „Ich hole nur noch eben deinen letzten Koffer.“

Er ging an ihr vorbei und die Treppe hinunter. Als er weg war, betrat Rory das Zimmer, in dem sie die nächsten zwei Wochen wohnen würde. Es hatte zwei große Fenster. Unter einem stand ein schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz, unter dem anderen ein breites Bett, das mit einem bunten Quilt bedeckt war. Neben dem Wandschrank lag die Tür zum Bad. Rory öffnete sie und stellte fest, dass das Bad zwei Türen hatte. Die gegenüberliegende führte über einen kurzen Flur zu einem weiteren Zimmer, das kleiner war als ihres und auf den Hof hinausging.

Ob Walker hier schlief? Nein, bestimmt nicht. Neugierig betrat Rory den Raum und blickte sich um. Nein, ganz sicher nicht. Walker mochte es zwar schlicht, aber dieses Zimmer war zu aufgeräumt. Es gab keinerlei persönliche Gegenstände.

Sie ging zurück ins Bad und blickte stirnrunzelnd in den Spiegel. Jetzt kannte sie Walker schon sieben Jahre und war zum ersten Mal im Obergeschoss seines Hauses. Ob das hier das einzige Bad hier oben war? Würde sie es sich mit Walker teilen? Das könnte peinlich werden – zumindest für sie. Falls Walker sie nackt sah, würde er ihr wahrscheinlich nur den Kopf tätscheln und ihr raten, sich was überzuziehen, bevor sie sich erkältete.

Als sie unten die Haustür zufallen hörte, eilte Rory in ihr Zimmer zurück und fing an, ihre Koffer auszupacken.

Walker blieb in der Tür stehen. „Alva hat uns was fürs Abendessen vorbereitet, wenn du Hunger hast.“ Die Colgins – Alva und ihr Mann Bud – halfen auf der Ranch aus und bewohnten das zweite der Hauptgebäude. „Wo soll ich den Koffer hinstellen?“

„Lass ihn einfach da stehen.“ Wurde sie jetzt tatsächlich rot? Ihr Gesicht fühlte sich plötzlich so warm an. Ob er ahnte, dass sie rumgeschnüffelt hatte? Wenn ja, dann verkniff er sich gerade einen Kommentar.

„Also, hast du Hunger?“

„Ich bin am Verhungern. Ich packe noch eben den Rest aus und komme dann gleich runter.“

Als er gegangen war, sortierte Rory weiter ihre Sachen ein – aber nur so lange, bis sie seine Schritte auf der Treppe hörte. Dann eilte sie wieder ins Bad und schaute dort in alle Schränke. Sie fand Handtücher, Pflaster, eine abgelaufene Schachtel Aspirin und eine halbvolle Packung mit Tampons.

Hatte die eine Freundin von Walker hiergelassen? Er hatte keine Freundin, soweit Rory wusste. Und wenn doch, hatte er die beiden einander nicht vorgestellt. Er hatte allerdings eine Exfrau, Denise. Sie war groß, blond, sexy – und schon lange fort. Seit über sechs Jahren wohnte sie in Miami. Wie Rory gehört hatte, war es bei Denise und Walker Liebe auf den ersten Blick gewesen. Laut Clara hatte Denise geschworen, dass sie den Rest ihres Lebens mit Walker auf der Bar-N-Ranch verbringen wollte – wovon allerdings nach dem ersten Winter in den Rocky Mountains keine Rede mehr gewesen war.

Die Ehe hatte nicht mal ein Jahr gehalten. Denise hatte die Scheidung eingereicht und war zurückgekehrt in ihre Heimat Florida. Es hatte Walker schwer getroffen.

Rory war Denise nur ein einziges Mal begegnet, ein paar Monate nach der Hochzeit – und sie hatte die Frau überhaupt nicht leiden können. Nicht, weil sie unsympathisch gewesen wäre … na ja, das auch. Aber möglicherweise lag es auch daran, dass Rory heimlich für Walker schwärmte, seit sie ihn vor sieben Jahren das erste Mal gesehen hatte. Da hatte sie ihn noch gar nicht richtig gekannt – aber trotzdem.

Dummerweise würde nie etwas draus werden, dafür gab es zu viele Hindernisse zwischen ihnen. Denise war nur eines davon. Natürlich konnte man Hindernisse auch überwinden, aber nur, wenn Walker das auch wollte. Und er wollte nicht, das musste sie wohl oder übel akzeptieren. Er war ein sehr guter Freund, und das war alles.

Offenbar war er in den letzten zwei Jahren mehr oder weniger über Denise hinweggekommen, aber Rory bezweifelte, dass es seit seiner Ehe für ihn jemand anderes gegeben hatte. Das sagte er auch selbst – dass er wie sein Onkel John wäre, ein Einzelgänger, der gern allein lebte.

Seufzend blickte Rory in die weit offenen Badschränke. Handtücher, Pflaster, Kopfschmerztabletten und die Tampons. Keine Männerkosmetika. Also hatte Walker sein eigenes Bad. Dieses Geheimnis war gelöst.

Enttäuscht ließ sich Rory auf den Rand der Badewanne sinken.

Schlecht. Ganz, ganz schlecht.

Sie war nicht mehr verliebt in ihn, schon lange nicht mehr. Wieso dachte sie also über Situationen nach, in denen sie ihn vielleicht nackt sehen würde? Sie musste sich zusammenreißen. Schließlich würde sie zwei Wochen lang hier wohnen. Und noch dazu war er ihr Bodyguard!

Nichts, aber auch rein gar nichts würde zwischen ihnen passieren, und sie würde es bis zur Hochzeit schaffen, ohne sich komplett lächerlich zu machen. Und danach kehrte sie nach Montedoro zurück. Zu ihrem ganz normalen Leben. Ende der Geschichte.

Walker war ein Freund, nichts weiter. Und mehr wollte sie auch nicht.

Sie sprang auf und blickte sich herausfordernd im Spiegel an. Niemand sollte gefälligst das Gegenteil behaupten – auch nicht die kleine Stimme in ihrem Herzen, die ihr sagte, dass sie von Anfang an mehr gewollt hatte und dass sich daran auch nie etwas ändern würde.

2. KAPITEL

„Es ist ein bisschen komisch“, sagte Rory, als sie eine Weile später in der großen Wohnküche am Esstisch saßen und Alvas köstliches Elchgulasch genossen. Dazu gab es warme Brötchen, die Walker frisch gebacken hatte. „Ich meine, dass ich hier bei dir wohne …“

Er nahm einen Schluck Bier. „Gefällt es dir nicht?“

Täuschte sie sich, oder wirkte er ein wenig auf der Hut?

„Entspann dich, alles ist bestens“, erwiderte sie schnell. „Und es tut mir leid, dass ich vorhin so biestig war.“

„Schon okay. Aber was meintest du denn mit ‚komisch‘?“, hakte er nach.

„Na ja, das haben wir noch nie gemacht.“

Sonst übernachtete sie immer im Haltersham, einem um die vorige Jahrhundertwende erbauten Luxushotel, in dem es angeblich spukte. „Du weißt doch, wie es sonst läuft …“

„Wie denn?“ Er hob eine Augenbraue.

War das sein Ernst? Er wusste nicht, wie es sonst lief? Geduldig erläuterte sie ihm, was er eigentlich hätte wissen müssen.

„Wir treffen uns in Ryans Bar.“ Walkers Bruder gehörte das McKellan’s, eine beliebte Kneipe in der Stadt. „Oder bei Clara. Oder wir gehen in die Berge.“

Sie waren beide gerne draußen und machten öfter mehrtätige Campingtouren. Manchmal nahmen sie Clara und Ryan mit – vier gute Freunde, die ein Hobby teilten, nichts weiter. Aber jetzt wollten Clara und Ryan heiraten – und Rory übernachtete bei Walker.

„Seit wir uns kennen, war ich vielleicht fünf- oder sechsmal hier auf der Ranch. Und heute habe ich zum ersten Mal das Obergeschoss gesehen. Findest du das nicht ein bisschen schräg?“

Er blickte sie eindringlich an. „Du willst nicht wirklich hier übernachten, oder? Das willst du mir doch damit sagen, nicht wahr? Deshalb warst du auch so sauer, dass ich auf dich aufpassen soll.“

Na toll, jetzt hatte sie alles noch komplizierter gemacht.

Sie nahm ein Brötchen, schnitt es auf und griff nach dem Buttermesser. „Nein, das wollte ich damit nicht sagen.“

„Aber du bist was Besseres gewöhnt, richtig? Die Ranch liegt dir zu weit draußen, wir haben kein zuverlässiges Internet und es gibt keinen Zimmerservice.“

„Nein, so ein Quatsch! Ich finde es wunderschön hier! Und sehr gemütlich. Ich wollte mich nicht beklagen, ehrlich nicht.“

Er redete weiter, als hätte sie gar nichts gesagt. „Zugegeben, ich kann deine Sicherheit hier besser garantieren als im Hotel, aber wenn du lieber dort wohnen willst, können wir …“

„Hörst du jetzt endlich auf?“

„Ich will das jetzt klären.“

„Es gibt nichts zu klären! Ich hab doch nur gesagt, dass es sich ein wenig seltsam anfühlt. Das sollte doch nur ein Gespräch werden!“

„Ein Gespräch.“ Er wirkte geradezu grimmig.

„Genau. Ich sag etwas. Du antwortest. Ich sage wieder etwas … schon mal davon gehört?“

Er legte seine Gabel so heftig auf den Teller zurück, dass sie laut klirrte. „Irgendetwas geht dir gewaltig auf die Nerven. Was ist denn bloß los?“

„Nichts“, log sie. „Es ist nichts.“

Aber das stimmte natürlich nicht. Es waren die beiden Türen im Bad. Wegen denen hatte sie gedacht, sie würde Walker vielleicht nackt sehen, und das war nun mal nichts, worüber man bei einem sehr guten Freund nachdenken sollte.

Jahrelang hatte alles prima zwischen ihnen funktioniert, und für ihn hatte sich offenbar nichts daran geändert. Bei ihr sah das allerdings ein bisschen anders aus …

Auf gewisse Weise hatte er recht, auch wenn sie das nie zugeben würde. Sie wollte nicht hier wohnen – aber nicht, weil seine Ranch kein Luxushotel war. Es kam einfach alles zusammen. Mit ihm unter einem Dach zu leben, dass er ihr Bodyguard war, die plötzliche Heirat von Ryan und Clara – alles war anders als sonst, und das brachte sie dazu, an Dinge zu denken, die völlig tabu waren! Und weckte Sehnsüchte in ihr, die sich nie erfüllen würden …

Er lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete sie prüfend. „Was immer es auch ist, du solltest es mir sagen.“

Von wegen. Auf gar keinen Fall würde sie dieses Gespräch mit ihm führen, in dem es darum ging, wie heiß sie auf ihn war, aber dass ihr schon klar war, dass er überhaupt nicht auf sie stand. Nicht heute. Nie wieder.

„Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst“, log sie zum zweiten Mal.

„Oh doch, das tust du.“

„Es ist aber wirklich nichts, glaub mir.“ Sie gähnte herzhaft, und er fiel darauf rein.

„Bist du müde?“

„Völlig erschossen. In Montedoro ist es mitten in der Nacht. Nach dem Essen leg ich mich am besten gleich hin.“

„Aber sonst ist alles okay mit dir?“

„Klar. Ich bin nur wirklich müde.“

Damit gab er sich endlich zufrieden. Nach dem Essen half sie ihm, die Küche aufzuräumen, dann ging sie nach oben, gönnte sich ein Vollbad und rief Clara an, die aber nicht zu Hause war. Rory hinterließ ihr eine Nachricht, dass sie gut angekommen war und sie sich am nächsten Vormittag wie geplant sehen würden.

Die Braut und ihre Brautjungfern würden sich um zehn im Wedding Belles, dem örtlichen Brautausstatter, zur letzten Anprobe der Kleider treffen.

Danach legte Rory sich auf das breite Bett. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie ewig wachliegen und über ihr unangebrachtes Interesse für ihren guten Freund Walker nachgrübeln würde. Doch überraschenderweise hatte sie sich kaum unter den weichen Quilt gekuschelt, als sie auch schon eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen weckte sie die fahle Wintersonne. Lucky saß am Fußende ihres Bettes und putzte sich. Rory lächelte die riesige schwarze Katze an. Sie fühlte sich großartig. Von den seltsamen emotionalen Löchern, in die sie am Vorabend die ganze Zeit gefallen war, war weit und breit nichts mehr zu sehen. Na und, dann war sie eben noch ein bisschen in Walker verknallt. Das war doch keine große Sache. Kein Grund, sich die Haare zu raufen …

Walker fuhr sie in die Stadt und parkte direkt vor dem Wedding Belles.

Rory löste ihren Sicherheitsgurt. „Ich ruf dich an, wenn wir fertig sind.“

Falsch gedacht.

„Geh schon rein, ich muss nur kurz die Parkuhr füttern und komme dann nach“, sagte er.

Kopfschüttelnd betrat Rory den Laden und hoffte noch immer, dass er es sich anders überlegte und lieber Ryan besuchte. Die Kleideranprobe fand normalerweise nicht im Beisein des Trauzeugen statt.

Das schien Walker jedoch nicht zu stören, denn er kam tatsächlich kurz darauf herein und nahm die Bodyguard-Position in der Nähe der Tür ein. Clara war auch schon da. Sie stand mitten im Laden in ihrem Brautkleid auf einem Anprobe-Podest vor einem deckenhohen Spiegel.

Das Kleid war ein Traum aus Organza und Spitze mit einem perlenbestickten Oberteil und dreiviertellangen Ärmeln. Clara sah darin umwerfend aus, doch sie wirkte eher nachdenklich und in sich gekehrt, während eine andere Frau um sie herumhuschte, um den Rocksaum abzustecken.

Rory hatte wie immer ihre Kamera dabei und machte ein paar schnelle Fotos von der Braut, die ganz in Gedanken versunken schien. Als Clara Rory bemerkte, verschwand der nachdenkliche Ausdruck sofort. Sie begann zu strahlen und streckte die Arme nach ihr aus. „Rory!“

Die andere Frau machte Platz, damit Clara von dem Podest steigen und Rory umarmen konnte. Rory steckte die Kamera wieder in ihre Umhängetasche und zog ihre Lieblingscousine an sich. Sie duftete nach einem leichten Blumenparfum mit einem Hauch von Kaffee und Pfannkuchen – offenbar war sie vor der Anprobe schon in ihrem Café gewesen. Clara gehörte das Library Café am Ende der Straße.

„Ich freu mich so, dich zu sehen!“, rief Rory.

Clara küsste sie auf die Wange und kletterte dann wieder auf das Podest. „Das ist Millie, die Besitzerin vom Wedding Belles. Millie, meine Cousine Rory“, stellte sie die beiden Frauen einander vor.

„Ach ja, dann haben wir ja schon miteinander gesprochen.“ Rory und Millie hatten wegen der Maße von Rorys Kleid miteinander telefoniert.

Die Frau deutete einen Knicks an. „Eure Hoheit. Ich freue mich sehr, Sie persönlich kennenzulernen. Es ist mir eine große Ehre.“

Clara lachte laut. „Nenn sie einfach Rory. Sie wird knatschig, wenn man sie wie eine Prinzessin behandelt.“

Die Frau blickte sie fragend an.

„Da hat sie recht“, bestätigte Rory. „Nennen Sie mich einfach Rory, bitte.“

„Na gut, dann Rory.“

Millie kniete sich wieder vor das Podest, um den Saum abzustecken, und Rory drehte sich zu Walker um.

„Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber hier sind eigentlich keine Männer erwünscht.“

Er zuckte die Achseln. „Du siehst umwerfend aus, Clara. Mein Bruder ist wirklich ein Glückspilz.“

„Danke. Und jetzt kannst du wirklich gehen.“

„Tut mir leid, das geht nicht. Ignoriert mich einfach.“ Er blickte angestrengt aus dem Fenster, um ja keinen der vermeintlichen Kidnapper zu übersehen, die hinter Rory her waren.

„Was ist denn los mit ihm?“, flüsterte Clara Rory zu.

„Meine Mutter hat ihn als Bodyguard für mich angeheuert“, gab Rory zurück.

Überrascht riss Clara die Augen auf, und Rory nickte düster. „Ich sag’s dir. Und wie du siehst, nimmt er seinen neuen Job sehr ernst.“

„Stimmt, du bist ohne Sicherheitsleute unterwegs“, bemerkte Clara.

„Aber nein. Mein Bodyguard heißt jetzt nur Walker. Und ich wohne auf der Bar-N, damit er meine Sicherheit sogar im Schlaf garantieren kann.“ Sie machte eine Handbewegung zu Walker hin. „Wo ich hingehe, geht er auch hin.“

Claras grüne Augen begannen zu funkeln. „Oh. Das könnte durchaus interessant werden …“

„Fang bloß nicht damit an!“, zischte Rory.

Als Rorys Lieblingscousine war Clara in fast alles eingeweiht, und Rory hatte im Laufe der Jahre wohl ein paar Mal erwähnt, dass sie auf Walker stand. Immer dann, wenn die beiden einen Mädelsabend hatten … Jetzt wünschte sie sich, sie hätte den Mund gehalten.

„Womit?“, fragte Clara unschuldig, doch dann klingelte die Ladenglocke, und die nächsten Brautjungfern, Elise Bravo und Tracy Winham, kamen an.

Elise war Claras Schwester und Tracy eine Adoptivschwester, die mit fünfzehn ihre Eltern verloren hatte und von Elises und Claras Mutter in die Familie aufgenommen worden war. Tracy und Elise betrieben jetzt zusammen ein Cateringunternehmen und richteten natürlich auch Claras Hochzeit aus.

Beide umarmten Rory und fragten prompt, warum Walker an der Tür stand, woraufhin sie die ganze Situation noch einmal erklären musste.

Als Nächstes kam Joanna Bravo an, eine Halbschwester von Clara und Elise, woraufhin die Stimmung ein wenig abkühlte. Joanna, die alle nur Jody nannten, verstand sich nicht allzu gut mit Elise und Tracy, was an der komplizierten Familiengeschichte der Bravos lag.

Claras und Elises Vater, Frank Bravo, hatte sowohl mit seiner Frau als auch mit seiner Geliebten Kinder gehabt – vier mit der einen und fünf mit der anderen. Als seine Frau Sondra vor zehn Jahren gestorben war, hatte er auf ihrer Beerdigung laut geweint, dann hatte er am nächsten Tag seine Geliebte Willow geheiratet, die daraufhin mit ihren beiden jüngsten Töchtern Jody und Nell in das Haus eingezogen war, in dem noch Clara und Elise lebten.

Mittlerweile waren Franks Kinder alle erwachsen, und Clara hatte Rory immer erzählt, dass sie keinen Groll mehr gegeneinander hegten. Aber Clara sah die Dinge manchmal durch eine rosarote Brille, sonst hätte sie vielleicht gemerkt, dass es keine gute Idee gewesen war, Jody mit dem Blumenschmuck für die Hochzeit zu betrauen und Elise und Tracy mit dem Catering.

Die drei waren auch jetzt schon wieder in ein Streitgespräch darüber vertieft, wer für den Blumenschmuck beim Empfang zuständig war.

Rory holte ihre Kamera heraus und machte ein paar Aufnahmen, froh darüber, sich auf diese Weise elegant heraushalten zu können.

„Kommt schon, wir sind doch ein Team“, sagte Clara schließlich drängend. „Wir haben doch alles miteinander besprochen. Ihr wisst, was ich mir wünsche.“

Elise öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch da klingelte wieder die Ladenglocke, und Nell kam herein. Sie war die jüngste Tochter von Franks Geliebter und eine Frau, die mit ihrer Modelfigur, ihrer langen rotbraunen Mähne und ihrer auffälligen Art, sich zu kleiden, immer alle Blicke auf sich zog.

Statt Clara zu widersprechen, wandte sich Elise jetzt Nell zu. „Nett, dass du auch noch aufkreuzt“, sagte sie schnippisch.

„Fang gar nicht erst an“, gab Nell zurück. „Ich lasse mich heute nicht von dir anmachen.“

Als Nell Rory sah, lächelte sie dagegen. „Hey Rory.“

Rory ließ die Kamera sinken und umarmte Nell. „Schön, dich zu sehen.“

„Nellie, du hast so einen Schlafzimmerblick“, bemerkte Tracy lauernd. „Hast du wieder Marihuana geraucht?“

Nell warf das lange Haar zurück. „Gute Idee. Ich sollte wirklich was zur Entspannung nehmen, wenn ich weiß, dass ich mit euch zu tun habe.“

Rory und Walker tauschten einen besorgten Blick. Elise und Tracy ließen nie ein gutes Haar an Nell, aber die hatte auch nie Probleme, zurückzuschlagen. Die Frage war nur: Wie weit würden sie heute gehen? Als Teenager waren sie tatsächlich mehr als einmal handgreiflich geworden, hatte man Rory erzählt.

Die arme Clara sah schon ganz unglücklich aus. „Also gut, Leute, jetzt atmet alle mal tief durch und zieht eure Kleider an, damit Millie die Säume abstecken kann.“

Die Brautjungfernkleider waren alle aus demselben dunkelvioletten Stoff und bodenlang, doch jedes hatte einen anderen Stil.

Während eine nach der anderen auf dem Podest stand, damit Millie den Saum und letzte Änderungen abstecken konnte, tranken die anderen Kaffee und aßen von den Muffins, die die Besitzerin des Weddings Belles auf der Theke angerichtet hatte.

Es war schon nach zwölf, als sie fertig waren, und Clara hatte für sie alle einen Tisch im Sylvan Inn reserviert, einem beliebten Lokal ein paar Minuten außerhalb der Stadt. Walker bestand darauf, Rory und Clara zu fahren.

„Ich möchte, dass du mit uns isst, wenn du schon mitkommst“, sagte Clara auf dem Weg zum Restaurant.

Er lachte. „Ach was, du willst nur, dass ich zwischen Nell und Elise sitze, um das Schlimmste zu verhindern.“

„Na ja, wenn du schon dabei bist, kannst du dich auch nützlich machen“, sagte Rory.

„Von wegen. Ich bleibe im Hintergrund. Ihr werdet mich gar nicht bemerken.“

„Aber essen musst du ja trotzdem was“, versuchte Clara es noch einmal.

„Das mach ich später. Vergesst einfach, dass ich da bin.“

Tatsächlich fand Walker auch im Restaurant wieder exakt den besten Platz für seine Aufgabe – eine Fensternische, in der er den Kellnern nicht im Weg stand, aber von wo aus er den Tisch, an dem Rory und ihre Cousinen saßen, voll im Blick hatte.

Zunächst lief alles gut. Clara hatte Sekt bestellt, und sie stießen nach einem kurzen Toast miteinander an. Sie selbst nahm allerdings nur einen winzigen Schluck und rührte das Glas danach nicht mehr an.

Nachdem die Kellnerin das Essen gebracht hatte, ging es allerdings wieder los. Elise hackte noch einmal darauf herum, dass sie und Tracy die Blumen für den Empfang aussuchen sollten, Nell mischte sich ein, eins führte zum anderen, und in kürzester Zeit war der schönste Streit im Gange.

„Hört jetzt sofort auf damit!“, rief Clara plötzlich laut.

Sie verlor sonst nie die Beherrschung, deshalb verstummten die anderen am Tisch tatsächlich völlig verblüfft. Sogar Walker verließ seine Fensternische und kam an den Tisch. Rory suchte seinen Blick und schüttelte leicht den Kopf – hier konnte er nichts ausrichten. Er nickte und ging zurück zum Fenster.

Aber Claras Ausbruch schien tatsächlich geholfen zu haben. Alle griffen nach ihrem Besteck und aßen weiter. Alle, bis auf Clara. Die saß bleich und unglücklich auf ihrem Stuhl, die Hände auf dem Schoß gefaltet.

„Geht es dir gut?“, flüsterte Rory ihr zu.

Clara schluckte schwer. „Ja, alles bestens …“

Doch das war ganz offensichtlich gelogen. Rory ließ es ihr durchgehen, um sie nicht noch weiter aufzuregen. Der Rest des Essens verlief in eisigem Schweigen, und niemand hatte danach Lust auf einen Nachtisch. Tracy und Elise brachen als Erste auf, dankten Clara und verließen fast fluchtartig den Raum. Ein paar Minuten später folgten Jody und Nell.

Sobald ihre beiden Halbschwestern außer Sicht waren, sprang Clara auf.

„Bin gleich wieder da“, stieß sie hervor, presste eine Hand auf den Mund und lief in Richtung der Toiletten.

Sprachlos blickte Rory ihr nach. Normalerweise war Clara nur schwer aus der Fassung zu bringen, aber im Moment ging ihr etwas offenbar gewaltig an die Nieren. Und anscheinend würde sie das Wenige, was sie gegessen hatte, nicht bei sich behalten.

Rory sprang auf und folgte ihr in die Damentoilette, wo Clara über einer der Schüsseln hing.

„Oh, Liebes …“ Rory hielt ihr die Haare aus dem Weg und rieb ihr den Rücken.

Dann wurde die Tür aufgerissen und Walker stürmte herein. „Rory?“

Clara hob kurz den Kopf. „Verschwinde, Walker.“

„Raus hier“, bekräftigte Rory. „Ich komme klar. Hau ab.“

„Ich warte draußen, falls …“

„Walker, raus!“, keuchte Clara.

„Und lass niemanden hier rein“, fügte Rory hinzu.

„Ähm … okay.“

Er verschwand und zog die Tür hinter sich zu.

„Schon gut, er ist weg“, versicherte Rory Clara. „Wir sind allein.“

Clara würgte noch ein paar Mal, dann gab sie einen langen, müden Seufzer von sich. „Ich denke, das war’s.“

„Okay.“ Vorsichtig half Rory ihr auf und führte sie zu den Waschbecken, wo sie kaltes Wasser laufen ließ und Clara feuchte Papiertücher reichte.

Clara machte sich frisch und strich sich das Haar glatt, und dann trafen sich ihre Blicke im Spiegel.

„Was ist denn nur los?“, flüsterte Rory schließlich besorgt.

Clara zuckte ein wenig hilflos die Schultern. „Ich bin schwanger. Im vierten Monat.“

„Was?“ Rory hatte sich so etwas schon gedacht, aber es war trotzdem ein Schock, es von Clara selbst zu hören.

Clara lächelte müde. „Die Morgenübelkeit ist eigentlich schon seit vier Wochen wieder vorbei. Aber heute war’s einfach zu viel.“

Natürlich meinte sie ihre Schwestern und Halbschwestern, aber Rory war in Gedanken immer noch bei dem erstaunlichen Gedanken, dass Clara schwanger war.

„Dann hast du also wirklich mit Ryan geschlafen?“, fragte sie. Es rutschte ihr einfach so heraus, aber Clara wirkte daraufhin so betroffen, dass Rory keine Antwort abwartete, sondern sofort weiterredete. „Ich mein ja nur, weil du immer gesagt hast, dass du in Ryan nur einen guten Freund siehst, aber na ja, was soll’s? Ich meine, Ryan ist ein toller Typ. Und ihr zwei werdet heiraten, warum also nicht? Ich meine, selbst wenn du nicht schwanger wärst, hättet ihr beide ja wohl irgendwann mal miteinander geschlafen, das machen Eheleute schließlich und …“

„Rory“, unterbrach Clara sie sanft.

„Ja?“

„Du machst es nur noch schlimmer.“

Rory seufzte. „Du hast recht.“

„Komm her.“

Clara legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich, Rory umfasste Claras Taille. Die Köpfe aneinandergeschmiegt, standen sie nebeneinander vor dem Spiegel, beide ein wenig erschüttert.

„Im vierten Monat?“, sagte Rory schließlich. „Ehrlich? Man sieht noch gar nichts.“

„Ich weiß.“ Clara legte die freie Hand auf ihren Bauch. „Bei meiner Mutter war es auch so. Bis zum sechsten Monat hat man überhaupt nichts gesehen, und dann hatte sie plötzlich diesen Riesenbauch. Von einem Tag auf den nächsten.“

„Wie lange weißt du es denn schon?“

„Ich bin erst drauf gekommen, als meine Tage das zweite Mal ausgeblieben sind. Ich hab sie nicht sehr regelmäßig.“

„Warum hast du mich nicht angerufen? Hast du es überhaupt jemandem gesagt?“

„Nur Ryan.“ Clara ließ Rory los und feuchtete noch ein Papiertuch unter dem Wasserhahn an, mit dem sie sich Stirn und Wangen abtupfte. „Und er war wunderbar. Er war vom ersten Moment an für mich da. Der beste Freund, den eine Frau sich wünschen kann.“

Der beste Freund? Das klang nicht nach einer verliebten Frau. Rory wandte sich Clara zu und legte ihr die Hände auf die Schultern.

„Ist zwischen euch beiden alles okay?“

„Natürlich. Ganz toll. Es könnte nicht besser sein.“

„Und das Baby?“

Clara seufzte. „Auch alles bestens. Ich war beim Arzt. Dem Kleinen geht es blendend.“

„Oh, meine Liebe …“ Rory zog Clara in die Arme, und Clara hielt sich mit einem kleinen Wimmern an ihr fest.

„Hey, ich bin da, wenn du mich brauchst. Das weißt du doch …“

Sie streichelte Claras Rücken und ließ den Blick über die Toilettentüren schweifen, ohne sie wirklich zu sehen. Bis ihr auffiel, dass eine der Türen geschlossen war und sie in dem Streifen zwischen Boden und Tür eine Bewegung wahrnahm.

Jetzt schaute Rory genauer hin. Sie sah keine Schuhe oder Beine, aber einen Schatten, der sich hin und her bewegte. Jemand stand dort drin, versuchte, sich ruhig zu verhalten, und lauschte.

3. KAPITEL

Rory ließ Clara los und legte einen Finger auf die Lippen. Als Clara sie verwirrt anblickte, drehte Rory sie herum und deutete auf die Toilettenkabine.

„Oh, nein, echt jetzt?“, stöhnte Clara.

„Ja, leider.“

„Na toll.“

Clara ging zu der geschlossenen Tür und klopfte. „Kommen Sie raus, wir wissen, dass Sie da drin sind.“

Die Tür öffnete sich, und Rory erkannte eine der Kellnerinnen des Restaurants. Clara wusste sogar ihren Namen.

„Monique Hightower. Was für eine Überraschung.“ Zu Rory gewandt fügte sie hinzu: „Wir waren zusammen auf der Highschool.“

Die Kellnerin kicherte. „Hey, Clara.“

„Wie viel hast du gehört?“, fragte Clara grimmig.

„Ähm, nichts?“

„Ich glaub dir kein Wort.“

„Na schön, ich habe alles gehört. Aber ich schwöre dir, ich würde niemals jemand von deinen Privatangelegenheiten erzählen …“

Walker stand auf dem Parkplatz und wartete auf Clara und Rory, die vor dem Eingang des Restaurants standen und in ein intensives Gespräch vertieft waren. Nachdem sie endlich wieder aus der Damentoilette aufgetaucht waren, hatte Rory ihn gebeten, sie ein paar Minuten mit Clara allein zu lassen, bevor er sie wieder in die Stadt fuhr.

Schließlich umarmte Rory Clara und sie kamen zum Wagen.

Auf der Rückfahrt bat Clara: „Kannst du mich am Café rauslassen?“

„Natürlich.“

Sonst sagte keiner was, bis Clara am Café ausstieg. „Danke für’s Fahren. Dann sehen wir uns heute Abend um sieben, ja?“

Wie in alten Zeiten hatte Clara sie beide zum Abendessen eingeladen.

„Ja. Wir freuen uns“, sagte Rory.

Nachdem Clara ausgestiegen war, wartete Walker darauf, dass Rory ihm erzählte, was denn nun eigentlich los war.

Doch sie sagte nur: „Du bist bestimmt am Verhungern. Willst du noch was essen, bevor wir zurückfahren?“

„Nicht nötig, ich esse zu Hause was.“

Die ganze Fahrt über zur Bar-N-Ranch sagte Rory kein Wort und starrte nur aus dem Fenster. Als sie angekommen waren, ging sie direkt in ihr Zimmer.

Walker hatte tatsächlich Hunger, also wärmte er sich etwas von dem Gulasch auf und aß es im Stehen. Er war gerade dabei, seinen Teller in die Spülmaschine zu stellen, als Rory in die Küche kam. Sie trug Jeans, kniehohe Wildlederstiefel und hatte ihre Kameratasche umgehängt.

„Was jetzt?“, fragte er.

„Ich hatte noch nie die Gelegenheit, hier auf der Ranch Fotos zu machen. Ich würde gern die Pferde fotografieren, und die Urlauberhütten – und du brauchst nicht mitzukommen.“

„Ich hole nur meinen Mantel.“

„Ach, jetzt komm schon. Mach mal Pause.“

„Das geht leider nicht, Ma’am“, erwiderte er gespielt förmlich. „Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst. Und du wolltest doch, dass ich das Geld behalte, das deine Mutter mir bezahlt?“

„Natürlich.“

„Dann solltest du mich besser meinen Job machen lassen.“

Also wartete sie, bis er sich angezogen hatte, dann gingen sie zusammen hinaus. Es war mehr Vergnügen als Arbeit. Rory war eine Augenweide mit ihren glänzenden, langen, braunen Haaren, ihren von der Kälte geröteten Wangen und den strahlenden Augen. Als Fotografin fand Rory ganz alltägliche Dinge faszinierend, und er sah zu, wie sie Aufnahmen von einem verrosteten Gatter und einem alten Halfter machte, das jemand über einem Zaunpfahl hatte hängen lassen.

Als sie sich der Koppel näherten, kamen die Pferde an den Zaun, und Rory fotografierte Walker dabei, wie er sie streichelte und mit Äpfeln fütterte. Im Stall machte sie Bilder, während er anfing, die Boxen auszumisten. Und dann packte sie die Kamera ein, hängte die Tasche an einen Haken, griff sich die zweite Mistgabel und half ihm bei der nächsten Box.

Gegen halb fünf gingen sie wieder ins Haus. Er fütterte gerade Lucky und Lonesome, als sie um halb sieben in die Küche kam. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt enge schwarze Jeans, hohe schwarze Stiefel und einen schwarzen Pullover mit Norwegermuster.

Auf der Fahrt zu Clara hielt er es nicht mehr aus. „Und, wirst du mir irgendwann erzählen, was heute im Restaurant eigentlich los war?“

Sie täuschte ein Husten vor. „Clara war plötzlich schlecht geworden.“

„Ja, darauf bin ich auch schon allein gekommen.“

„Wahrscheinlich lag es an den überbackenen Kartoffeln.“

Er schüttelte den Kopf. „Du willst es mir also nicht sagen.“

Als sie weiter schwieg, sagte er: „Dir ist aber schon klar, dass ich es früher oder später sowieso erfahre. Was immer es auch ist.“

Rory seufzte. „Ich weiß einfach nicht, was ich dir sagen soll.“

„Weil Clara wollte, dass es zwischen euch bleibt, oder? Na dann viel Glück. Denn wenn es Monique Hightower weiß, weiß es bald die ganze Stadt. Klatsch und Tratsch sind ihr Leben.“

„Ja, das hat Clara auch gesagt. Trotzdem … es geht nur Clara etwas an.“

Da sie ganz offensichtlich zwischen zwei Stühlen saß, beließ er es dabei.

Claras Haus lag nur ein paar Straßen von ihrem Café entfernt. Rye öffnete ihnen, umarmte Rory und klopfte Walker brüderlich auf die Schulter. In die Augen schaute er ihm dabei aber nicht. Irgendetwas war im Busch, und das verhieß nichts Gutes.

Sein Bruder nahm ihnen die Mäntel ab und führte sie dann in die Wohnküche, wo Clara dabei war, den Salat anzurichten. Sie begrüßte sie mit einem etwas zu strahlenden Lächeln.

„Schön, dass ihr da seid. Da wir nur zu viert sind, habe ich hier den kleinen Tisch gedeckt.“

Sie blieben am Frühstückstresen stehen und unterhielten sich, während Clara die letzten Handgriffe für das Essen erledigte. Dann setzten sie sich an den Tisch.

Auf den ersten Blick schien alles okay zu sein, aber Walker spürte deutlich, dass etwas nicht stimmte. In den letzten sechs Jahren hatten sie oft etwas zu viert unternommen und immer viel Spaß gehabt. Heute hätte es genauso sein sollen – aber Rory war viel schweigsamer als sonst, und Rye und Clara wirkten angespannt und mit den Gedanken ganz woanders.

Walker fiel auch auf, dass Clara sich von Rye ein Glas Wein eingießen ließ, aber nicht davon trank. Das Essen war wie immer fantastisch, aber Clara rührte selbst kaum einen Bissen an. Vielleicht war sie wirklich krank? Aber warum hatte sie ihnen dann nicht abgesagt und sich hingelegt?

Und dann sprang sie plötzlich auf, entschuldigte sich hastig, presste eine Hand auf den Mund und verschwand im Flur. Rye und Rory folgten ihr beide, und kurz darauf kam Rye allein zurück. Er ließ sich auf seinen Stuhl sinken und starrte besorgt vor sich hin.

Jetzt reichte es Walker wirklich. „Clara ist schwanger, oder?“

Ryan griff nach seinem Bier und nahm einen Schluck. „Wie kommst du darauf?“

„Na, was wohl? Ich bin doch nicht blind. Außerdem war ihr heute schon beim Mittagessen schlecht, und Monique Hightower hat es mitbekommen. Falls ihr also ein Geheimnis daraus machen wolltet, braucht ihr einen neuen Plan.“

„Verdammt“, murmelte Ryan. „Wir wollten es erst nach der Hochzeit bekanntgeben. Clara hat genug mit den Vorbereitungen zu tun, ganz zu schweigen von ihren verrückten Schwestern.“

„Also ist sie schwanger?“, hakte Walker nach.

„Ja“, gab Ryan widerwillig zu.

„Und deshalb heiratet ihr?“

„Was ist das denn für eine Frage?“, fuhr Rye auf.

„Okay, lass es mich umformulieren. Ist das der einzige Grund, warum ihr heiratet?“

„Natürlich nicht.“

Walker wartete auf den Rest der Erklärung, doch Rye starrte nur wieder auf sein Bier.

„Denn du liebst sie auch?“, half Walker aus.

„Richtig. Und das war immer schon so.“

„Ja, das hast du schon mal erwähnt.“

„Und es stimmt auch. Was hast du nur auf einmal?“

Gute Frage. Walker war auch nicht so ganz klar, warum er seinen Bruder plötzlich ins Kreuzverhör nahm.

„Hast recht. Tut mir leid. Ich wollte nur herausfinden, was eigentlich los ist.“

Als Clara hereinkam, stand Rye auf und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Alles okay?“

Sie nickte ihm lächelnd zu. Als sie alle wieder saßen, wandte sich Clara an Walker. „Tut mir leid, mir war den ganzen Tag schon nicht gut. Ist wohl eine Magenverstimmung.“

Als Walker nichts erwiderte, sagte Rye: „Gib dir keine Mühe, er hat es sich schon zusammengereimt. Dass du schwanger bist, meine ich.“

„Oh. Na dann …“ Sie ließ sich im Stuhl zurücksinken. „So langsam frage ich mich selbst, warum ich so ein Geheimnis darum mache.“

„Ich werde es jedenfalls niemanden erzählen“, beruhigte Walker sie.

Clara lachte, und diesmal klang es echt. „Das musst du auch nicht, das erledigt Monique schon. Und wisst ihr was? Auf einmal habe ich richtig Hunger.“

Tatsächlich langte sie jetzt kräftig zu. Und Walker fiel auf, dass er etwas vergessen hatte.

„Herzlichen Glückwunsch euch beiden“, sagte er.

Claras Lächeln wirkte ein wenig müde, aber sie streckte die Hand über den Tisch nach Rye aus, der sie ergriff und fest drückte. Das beruhigte Walker ein wenig. Es war alles gut zwischen den beiden, sie freuten sich auf ihr Kind und würden ein wunderbares Leben haben.

Rye holte neues Bier und schenkte Rory Wein nach, und die Unterhaltung kam wieder in Fluss. Sie lachten wie in alten Zeiten. Ja, alles würde gut werden.

Auf dem Rückweg zur Ranch war Rory immer noch ungewöhnlich schweigsam. Aber vielleicht hatte der ereignisreiche Tag sie auch einfach erschöpft. Als sie ihre Mäntel an die Garderobe gehängt hatten, wünschte Walker ihr eine gute Nacht und wandte sich zur Treppe. Doch sie streckte die Hand nach ihm aus und hielt ihn am Arm fest.

„Ich muss mit dir reden.“

Ein wenig erstaunt blickte er auf ihre schlanken Finger. Sie ließ ihn sofort wieder los, doch das warme Kribbeln, dort, wo sie ihn berührt hatte, blieb. Er ignorierte es.

Die Situation war wirklich seltsam, da hatte sie gestern recht gehabt. Sonst war er nie die ganze Nacht mit ihr hier auf der Ranch allein gewesen. Nach ein paar Stunden war sie immer in ihre Suite im Haltersham Hotel zurückgekehrt. Heute würden sie beide nach oben gehen, und morgen würde sie mit ihm am Frühstückstisch sitzen.

Aber wieso fiel ihm das gerade jetzt ein? Und wieso hatte er das leise Gefühl von Gefahr?

Sie waren Freunde, und er passte auf sie auf. Daran war nichts gefährlich.

„Sag mal, hast du auch das Gefühl, dass die Sache mit Clara und Ryan immer seltsamer wird? Oder bilde ich mir das ein?“

Er wollte nicht wirklich über die beiden reden – immerhin hatte er sich gerade auf ein Happy End eingeschossen. Wenn er jetzt mit Rory darüber sprach, würden ihm nur wieder Zweifel kommen.

Fragend blickte sie ihn an. „Bekomme ich keine Antwort?“ Ihre braunen Augen wirkten traurig. „Na gut, dann nicht. Bis morgen.“

So konnte er sie nicht einfach stehen lassen.

„Warte“, sagte er, ging zur Tür und ließ Lonesome rein, der draußen gewinselt hatte. Schwanzwedelnd kam der Hund auf ihn zu, und er streichelte ihn. Lucky folgte auf dem Fuße, ging aber direkt zu Rory, die die Katze auf den Arm nahm und ihr Gesicht im dichten schwarzen Pelz vergrub.

„Und jetzt?“, fragte Rory.

„Komm mit.“

Er ging in Richtung Wohnzimmer. „Möchtest du noch was trinken?“, fragte er auf dem Weg. „Kaffee vielleicht?“

„Nein, ich wollte nur reden.“

Sie setzte die Katze auf den Boden und ließ sich auf der Couch nieder. Walker ging zum Kamin und drehte das Gasfeuer an. Hund und Katze legten sich einträchtig auf den Teppich davor. Als er zurück zur Couch kam, war Rory gerade dabei, sich den rechten Stiefel auszuziehen.

„Lass mich das machen. Das geht besser“, sagte er angesichts des langen Schaftes.

Sie streckte ihm den Fuß hin, und er umfasste Stiefelspitze und – ferse, zog ihr den Stiefel sanft aus und reichte ihn ihr. Rory stellte ihn unter den Couchtisch und hielt ihm den anderen Fuß hin. Als er ihr auch den ausgezogen hatte, starrte er überrascht auf ihre Socken. Sie waren rot mit aufgestickten kleinen Schneemännern. Wirklich süß.

Auf einmal überfiel ihn der bizarre Wunsch, sich über sie zu beugen und ihren Knöchel zu umfassen, ihr die rote Schneemannsocke ebenfalls auszuziehen und seine Hand über die zarte nackte Haut ihres Fußes gleiten zu lassen, ihr Bein hinauf bis zum Knie und dann …

Verdammt, was war nur mit ihm los? Er musste sich wirklich ganz dringend zusammennehmen.

Sie nahm ihm den anderen Stiefel ab und klopfte dann auf den Platz neben ihr. Offenbar hatte sie keine Ahnung, was ihm gerade durch den Kopf ging. Und das war auch gut so.

Als er sich neben sie setzte, wandte sie sich ihm zu und zog die Beine unter sich. „Die beiden wirken sehr angespannt. Auch miteinander. Ist dir das nicht auch aufgefallen?“

Von wem sprach sie noch mal? Ach ja, Rye und Clara. Und ja, er hatte es auch bemerkt.

„Aber nur, bis Clara schließlich mit der Neuigkeit herausgerückt ist“, wiegelte er ab. „Danach war doch alles wie früher.“

Sie strich sich eine dicke, glänzende Haarsträhne über die Schulter. „Genau.“

Wie es sich wohl anfühlen würde, dieses seidige Haar durch seine Hand gleiten zu lassen? Und wie es wohl duftete?

„Walker?“

Wie ertappt zuckte er zusammen. „Was denn?“

„Hörst du mir überhaupt noch zu?“

„Ähm, ja, natürlich. Du hast gesagt, dass die beiden angespannt waren. Und ich habe gesagt, dass es nach dem Essen so wie früher war.“

„Aber denk doch mal nach! Wie früher – da waren die beiden nur Freunde.“

„Ja, natürlich. Wir sind doch alle vier Freunde.“ Worauf wollte sie hinaus? So lange er ihre rosigen, vollen Lippen vor Augen hatte, konnte er einfach nicht klar denken.

„Na ja, sollte zwischen den beiden jetzt nicht mehr sein als Freundschaft? Okay, vielleicht heiraten sie wegen des Babys … aber ob das wirklich das Richtige ist? Heutzutage haben viele Leute Kinder, ohne verheiratet zu sein. Ich frage mich wirklich, warum die beiden es so eilig haben. Und jetzt mal ehrlich … na ja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber …“

Als sie nicht weitersprach, hakte er wider besseres Wissen nach. „Sag es einfach.“

„Also ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Clara und Ryan miteinander schlafen.“

Obwohl er noch immer von diesen völlig unangebrachten Bildern in seinem Kopf abgelenkt war, störte ihn die Richtung, die das Gespräch nahm.

„Nur, weil du es dir nicht vorstellen kannst, heißt es nicht, dass es nicht passiert.“

„Na ja, es ist ja nur …“

„Was denn?“

Jetzt blickte sie ihn direkt an. „Ich spüre einfach keinen Funken zwischen den beiden.“

„Wie meinst du das? Weil sie immer schon Freunde waren? Weil du dir nicht vorstellen kannst, dass gute Freunde plötzlich entdecken, dass sie mehr als Freundschaft füreinander empfinden?“

„Nein.“

„Wie nein?“

„Ich meine, ja. Ich kann mir das vorstellen, dass Freunde ein Paar werden.“

Wie waren sie nur auf dieses Thema gekommen?

„Und was ist dann das Problem?“

„Clara und Ryan eben. Sie verhalten sich nicht so. Wie ein Paar.“

„Ich glaube, du siehst das zu eng.“

„Nein, das denke ich nicht.“

„Doch“, widersprach er. „Sie ist eine Frau, er ist ein Mann. Sie verbringen viel Zeit miteinander … und dann passiert es eben. Mich überrascht das nicht. Und was die Hochzeit angeht – auf Rye kann man sich verlassen, und Clara bekommt ein Kind von ihm. Er war selbst noch ein Baby, als unser Vater sich auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht hat, und er hat immer geschworen, dass er niemals seine Kinder im Stich lassen würde. Er will einfach das Richtige tun.“

„Aber genau das meine ich doch. Vielleicht ist es für die beiden eben gerade nicht das Richtige. Sie sind wirklich wunderbare Freunde. Aber als Ehepaar kann ich mir sie einfach nicht vorstellen. Und du weißt ja, wie Ryan ist.“

„Wie bitte? Willst du jetzt meinen Bruder schlecht machen?“

Sie zuckte zusammen und rückte ein Stück von ihm ab. „Wow, was ist denn jetzt passiert?“

Hilflos starrte er sie an. Er war sauer auf sie, obwohl sie ihm keinen Grund dazu gegeben hatte – außer süße Schneemannsocken zu tragen und ständig ihr glänzendes Haar aus dem Gesicht zu streichen. Es machte ihn noch ganz verrückt.

„Was soll das denn heißen ‚wie Ryan ist‘?“

„Walker.“ Ihre Stimme klang verhalten, als wähle sie ihre Worte sehr sorgfältig. „Ich mache deinen Bruder nicht schlecht, nur weil ich die Dinge beim Namen nenne.“

„Aha. Und der Name ist Schürzenjäger, oder wie? Weil er eine Frau nach der anderen hat.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber das hast du gemeint, Rory.“

„Gemeint habe ich, dass er gern mit Frauen zusammen ist, aber sich nicht gern festlegt. Er ist wunderbar, aber er genießt auch das Leben. Ist es wirklich das Richtige für ihn, sich an eine Frau zu binden? Besonders wenn diese Frau Clara ist, die nicht gerade begeistert zu sein scheint, ihn zu heiraten?“

Jetzt wurde er langsam wirklich sauer, und das lag nicht an ihrem Haar.

„Willst du damit sagen, dass Clara zu gut für Ryan ist?“

„Nein, das wollte ich auf gar keinen Fall sagen.“

Wenn sie verärgert war, klang sie immer mehr wie eine Prinzessin, sprach sehr präzise und betonte jedes Wort.

„Ach nein? Hörte sich aber ganz so an.“

Er sprang so plötzlich auf, dass sie überrascht zusammenzuckte.

„Was ist denn los?“

Frustriert blickte er auf sie hinunter, sie mit ihren strahlenden Augen, den glänzenden Haaren und den süßen Socken über all der nackten, zarten Haut. „Mir reicht’s.“

Völlig verdattert blickte sie zu ihm auf. „Aber …“

„Gute Nacht.“ Und damit drehte er sich auf dem Absatz um und machte, dass er in sein Zimmer kam.

4. KAPITEL

Walker kam sich bereits wie ein Idiot vor, als er erst die halbe Treppe hinter sich gebracht hatte. Trotzdem ging er weiter zu seinem Zimmer, das gegenüber ihrem lag. Er schlug die Tür hinter sich zu und ging direkt ins Bad, wo er sich unter die kalte Dusche stellte.

Was zum Teufel war eigentlich gerade passiert?

Aber im Grunde kannte er die Antwort. Schuld waren nur ihre roten Schneemannsocken. Als er die gesehen hatte, waren ihm plötzlich alle möglichen Dinge eingefallen, an die er im Zusammenhang mit Rory niemals denken sollte.

Ob es für Clara und Rye auch so einen Schneemannsocken-Moment gegeben hatte? In dem sich alles veränderte und sie sich plötzlich im Bett wiedergefunden hatten – woraufhin Clara schwanger geworden war und Rye sich zu seiner Verantwortung bekannte? Was aber möglicherweise keine Zukunft hatte, weil weder Freundschaft noch Lust eine Grundlage für eine lebenslange Ehe waren. Bestandteile, ja, sicher, aber der einzige Zusammenhalt?

Auf keinen Fall würde er zulassen, dass er und Rory auch so endeten.

Er trat aus der Dusche und rubbelte sich mit einem großen Handtuch ab, dann stand er einfach nur da und starrte ins Leere.

Es war toll, Rory die ganze Zeit um sich zu haben, aber auch ziemlich verwirrend. Toll, weil er sie so mochte und sie absolut pflegeleicht war, immer bereit zu helfen, anpassungsfähig und gut gelaunt. Verwirrend, weil er es nicht gewöhnt war, rund um die Uhr Gesellschaft zu haben – nicht, seit Denise ihn verlassen hatte.

Und er konnte es sich auch nicht leisten, sich daran zu gewöhnen, denn in zwei Wochen würde Rory wieder abreisen. Direkt nach der Hochzeit, um genau zu sein, denn in Montedoro heiratete ihr Bruder Max nur ein paar Tage später.

Sie reiste ab, und dann würde er wieder allein sein. Genau, wie er es mochte.

War es also ihre Schuld, dass er heute fast die Beherrschung verloren hatte? Natürlich nicht. Wahrscheinlich telefonierte sie gerade mit ihrer Mutter und beschwor sie, ihr sofort einen richtigen Bodyguard zu schicken, damit sie ins Haltersham ziehen konnte, wo niemand ihr den Kopf abriss, wenn sie ihre Meinung sagte.

Er ließ das Handtuch fallen und zog seine Jeans wieder an.

Als er auf den Flur hinausspähte, sah er nur Lonesome, der vor seiner Zimmertür saß. Rorys Tür war geschlossen – vorher war sie offen gewesen, als so war sie in der Zwischenzeit auf ihr Zimmer gegangen. Er überquerte den Flur und klopfte bei ihr an. Und dann wartete er, darauf gefasst, dass er ihre gepackten Koffer sehen würde, wenn sie die Tür aufmachte.

Er wollte gerade ein zweites Mal anklopfen, als sie öffnete. Sie trug einen weißen Bademantel, hatte das Haar locker hochgesteckt und duftete nach Badeöl.

„Oh“, sagte er.

Sie sah so süß aus und roch so gut – er hätte vorher darüber nachdenken sollen, was passieren konnte, wenn er mitten in der Nacht bei ihr klopfte. Und dann fing sie langsam an zu lächeln, und er konnte in Zeitlupe sehen, wie sich dabei in ihrer Wange dieses zauberhafte Grübchen bildete.

Es traf ihn wie ein Schwinger in den Magen. Sie im Bademantel lächeln zu sehen war noch schlimmer als die Schneemannsocken.

„Na, bekomme ich jetzt meine Entschuldigung, weil du dich wie ein Berserker aufgeführt hast?“, fragte sie.

Er nickte heftig. „Genau. Tut mir wirklich leid.“

Es klang allerdings eher griesgrämig, nicht wirklich bedauernd, obwohl er sich tatsächlich schämte. Aber mehr ging im Moment einfach nicht angesichts des Anblicks, den sie bot. „Ich habe mich wie ein Idiot benommen“, fügte er vorsichtshalber hinzu.

Ihr Lächeln vertiefte sich. „Stimmt. Wie ein kompletter.“

„Aber du hast die Prinzessin rausgekehrt.“

„Wie bitte?“

„Wenn du sauer bist, dann klingst du immer wie …“ Was redete er da nur? „Ach, vergiss es einfach. Aber du hättest mir gerade auch widersprechen können statt mir zustimmen.“

„Ich bin halt für Ehrlichkeit.“

Er lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Schon viel besser. So war die Gefahr, dass er etwas Dummes tat – wie Rory zu berühren – nicht mehr so groß, und die Pose wirkte hoffentlich lässig. „Also schön, hier hast du’s: Ich mache mir auch Sorgen um Clara und Rye.“

„Ja, das dachte ich mir“, erwiderte sie sanft.

„Allerdings können wir wohl nicht viel machen.“

Besorgt blickte sie zu ihm auf. „Ich weiß. Aber es ist gut, dass ich nicht die Einzige bin, die wegen der Hochzeit so ihre Zweifel hat.“

„Es gab ein paar Momente heute Abend, wo ich dachte, alles ist gut zwischen den beiden. Als Rye sie in den Arm genommen hat, als ihr in die Küche zurückgekommen seid.“

„Ja, oder als sie seine Hand genommen hat“, fügte Rory hinzu. „Meinst du also, wir machen uns ganz umsonst Sorgen?“

„Könnte sein.“

Sie nickte. „Ja, du hast recht. Und ich wollte Ryan wirklich nicht schlecht machen. Er ist ein toller Kerl. Ich mag ihn sehr.“

„Das weiß ich doch.“ Und jetzt weg hier, warnte ihn seine innere Stimme. Er drückte sich vom Türrahmen ab. „Na dann …“

Ihr leises Lachen schien Dinge zu verheißen, an die zu denken er kein Recht hatte. „Ich weiß, es ist schon ganz schön spät. Und morgen ist der Weihnachtsmarkt in der Stadt.“

„Wie könnte ich das vergessen?“

Alle Kunsthandwerker und Vereine bauten im Rathaus ihre Stände auf, und am Abend wurde das gemeinsame Weihnachtsstück der Schulen im frisch renovierten Cascade Theater aufgeführt.

Früher war er gern hingegangen, aber vor etwa zehn Jahren hatte er gemerkt, dass sich die Stände und sogar die Stücke jahrein, jahraus glichen und man praktisch alles kannte, wenn man ein einziges Mal dort gewesen war.

„Da willst du wohl hin?“, fragte er.

„Aber natürlich.“

Und jetzt sag ihr Gute Nacht und verschwinde, du Idiot. „Gute Nacht, Rory.“

„Gute Nacht, Walker.“

Rory wachte noch vor der Dämmerung auf, stand auf und wusch sich mit kaltem Wasser, dann zog sie lange Unterhosen und dicke Wollsocken an, bevor sie in ihre Jeans und ein warmes Oberteil schlüpfte. Zusammen mit ihrem Parka, dicken Stiefeln und ihren Winterhandschuhen war das das richtige Outfit, um Bud Colgin und Walker mit den Pferden zu helfen.

Eine Stunde später sattelten sie und Walker zwei der Pferde, die sie gerade gestriegelt und gefüttert hatten, und ritten beim Sonnenaufgang in die Berge. Nur Lonesome begleitete sie, und es war wunderbar, mit Walker in der atemberaubenden Landschaft allein zu sein.

Kurz nach neun waren sie wieder zurück und hatten beide Hunger. Walker machte Spiegeleier mit Speck, sie kochte Kaffee und kümmerte sich um den Toast.

„Das macht wirklich Spaß“, sagte sie, als sie sich an den Tisch setzten.

„Was?“

„Na das hier, das Leben auf der Ranch. Wenn ich nach Justice Creek ziehe, kaufe ich mir vielleicht selbst ein Stück Land.“

„Prinzessin Aurora, die Rancherin in Colorado?“

Machte er sich etwa über sie lustig? Na ja, wenigstens klang es gutmütig.

„Was gibt es da zu lachen?“

Er spielte mit. „Hast du auch vor, Rinder zu halten?“

„Nur ein paar Pferde. Ich möchte ein großes altes Haus, einen Hund und eine Katze. So ähnlich wie hier. Aber mit Hühnern.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Ja, auf meiner Ranch gibt es Hühner.“

„Und was ist mit deiner Karriere als weltberühmte Fotografin?“, fragte er kopfschüttelnd.

„Ich kann doch beides machen. Zwischen dem Striegeln der Pferde und dem Füttern der Hühner habe ich doch bestimmt noch Zeit für ein paar Fotos.“

„Aber du hast nicht wirklich vor, nach Justice Creek zu ziehen.“ Er blickte angestrengt auf seinen Teller, als er das sagte. Sie betrachtete seinen gesenkten Kopf, die breiten Schultern, seine starken, gebräunten Hände.

„Na ja, du weißt doch, dass meine Schwester Genevra im Mai einen englischen Earl geheiratet hat? Sie wohnen jetzt auf seinem Landsitz in Derbyshire, Hartmore.“

„Ja, ich weiß. Und was hat das damit zu tun, dass du nach Justice Creek ziehen willst?“

„Genny liebt Hartmore. Sie hat gesagt, dass sie schon bei unserem ersten Besuch dort, als sie noch ganz klein war, gewusst hat, dass sie dort einmal wohnen würde. Und so ist es bei mir und Justice Creek auch.“

Er schob seinen Teller von sich und stand auf. „Die Winter hier sind aber sehr lang und sehr kalt.“

„Ist mir schon aufgefallen.“

„Ein paar Wochen lang macht es ja vielleicht Spaß“, fuhr er fort, während er seinen Teller abräumte. „Aber warte erst mal ab, bis der Schnee so hoch liegt, dass man im Erdgeschoss nicht mehr aus dem Fenster schauen kann. Spätestens im Februar wirst du dich nach deinem sonnigen Montedoro sehnen.“

„Dann steige ich in ein Flugzeug und fliege halt hin.“

Genau wie am Abend vorher verschränkte er die Arme vor der Brust. „Bei dir klingt das alles so einfach.“

„So schwer ist es ja auch nicht. Ich mag Justice Creek nun mal. Nein, ich liebe es. Und ich denke schon länger darüber nach, mir hier eine Bleibe zu suchen.“

„Das hast du aber bisher nie erwähnt.“

„Ich habe viele Ideen, die ich nicht mit dir bespreche. Willst du etwa schon wieder mit mir streiten? Denn wenn ja … dann solltest du es lieber lassen.“

Er schaute auf seine Stiefelspitzen, und langsam breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Stimmt.“

„Na prima, da sind wir ja ausnahmsweise einer Meinung.“

Während sie ihm half, die Küche aufzuräumen, dachte sie darüber nach, was wohl mit ihm los war. Letzte Nacht war er wirklich verärgert gewesen, auch, wenn er sich hinterher entschuldigt hatte. Und jetzt wurde er plötzlich ganz feindselig, weil sie erwähnt hatte, dass sie vielleicht nach Justice Creek ziehen wollte. Ob ihn das irgendwie störte? Vielleicht sollten sie doch darüber reden …

„Hast du wirklich vor, hierher zu ziehen?“, fragte er, als er die Pfanne in einen der Unterschränke stellte.

„Ja. Du solltest dich also an den Gedanken gewöhnen.“

„Ich gebe mir Mühe.“

„Sag mal, stört dich irgendetwas? Hab ich irgendwas gemacht?“, fragte sie.

„Nein, alles bestens.“

Sie glaubte ihm kein Wort, aber sie beließ es dabei.

Um die Mittagszeit fuhren sie in die Stadt. Nachdem er sich beim Frühstück schon wieder daneben benommen hatte, hoffte Walker sehr, dass er sich für den Rest des Tages würde beherrschen können. Sein plötzliches körperliches Verlangen nach Rory durfte ihre Freundschaft nicht belasten. Und selbstverständlich durfte sie auch gar nichts davon erfahren.

Er würde sich also zusammenreißen und sich nicht mehr wegen Dingen mit ihr streiten, die ihn vorher völlig kalt gelassen hätten. Wenn sie wirklich nach Justice Creek ziehen wollte – wunderbar. Und wenn sie sich wegen Rye und Clara Sorgen machte – ja, die machte er sich auch. Es gab also überhaupt keinen Grund für Streit – wenn er es nur schaffte, sich normal zu verhalten und die Dinge leicht zu nehmen.

Die ganze Innenstadt war weihnachtlich geschmückt und voller Menschen, was Rory zahlreiche gute Fotomotive lieferte. Sie schien sich sehr wohlzufühlen. Und obwohl Walkers Begeisterung über den Weihnachtsmarkt sich bisher in Grenzen gehalten hatte, fand er ihn an ihrer Seite irgendwie besser.

Nachdem sie jedes Geschäft an der Haupteinkaufsstraße besucht hatten, gingen sie ins Rathaus, wo in beiden Stockwerken die Kunsthandwerkerstände dicht an dicht standen. Rory fotografierte begeistert und kaufte zwischendurch eine Menge handgefertigten Weihnachtsschmuck. Aber schließlich brauchte sogar sie eine Pause, und sie brachten die Tüten zum Auto, das sie hinter Ryes Bar geparkt hatten.

„Hast du Lust auf ein Bier?“, fragte Walker.

„Klar.“

Im McKellan’s war es fast so voll wie im Rathaus, aber an der Theke waren noch zwei Barhocker frei. Sie bestellten Bier und Hamburger und winkten Rye zu, der selbst kellnerte und ziemlich beschäftigt wirkte.

Rory nahm einen Schluck aus ihrem Glas, wischte sich das Schaumbärtchen ab und fragte: „Und, wann stellst du deinen Weihnachtsbaum auf?“

„Welchen Weihnachtsbaum?“

„Ich wusste es.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du bist der totale Weihnachtsmuffel, oder?“

„Bin ich nicht.“

„Bist du wohl.“

„Ich könnte ja einen Baum aufstellen“, sagte er lahm.

„Ja, das könntest du. Und das wirst du auch.“

Plötzlich ging ihm ein Licht auf. „Herrje, all dieses Weihnachtszeugs, das du gekauft hast …“

„Genau. Alles für deinen Baum. Du darfst dich jetzt gern bedanken.“

„Hm, im Moment fühle ich mich noch gar nicht so dankbar.“

„Ich sag’s ja, du bist ein Weihnachtsmuffel. Aber ich werde dir helfen, darüber hinwegzukommen.“

„Oh je.“

„Du hast bestimmt wenigstens ein paar Lichterketten, oder? Irgendwo auf dem Dachboden? Sachen, die noch von deiner Mutter sind?“

Walker schüttelte den Kopf. „Schau mal, da drüben, der riesige Baum mit den vielen altmodischen Dekorationen.“

Sie blickte in die Richtung, in die er zeigte. „Oh ja, der ist wunderschön.“

„Das ist der Weihnachtsschmuck meiner Mutter. Ich habe alles Ryan gegeben, als er die Bar eröffnet hat.“

Strahlend blickte sie ihn an. „Bin gleich zurück.“

Sie griff nach ihrer Kamera und schob sich durch die Menge, um ein paar Aufnahmen von dem geschmückten Baum zu machen. Als sie zurückkam, waren auch ihre Hamburger fertig, und sie machten sich hungrig darüber her.

„Also“, verkündete sie zwischen zwei Bissen, „nach dem Essen gehen wir noch mal ins Rathaus und kaufen noch mehr Weihnachtsschmuck. Danach fahren wir in das große Einkaufszentrum am Stadtrand und besorgen Lichterketten und was wir sonst noch brauchen. Willst du einen echten Baum oder lieber einen künstlichen?“

„Das darf ich mir aussuchen?“

„Jetzt fang nicht so an.“

Er musste lachen. „Verstanden, Ma’am. Einen echten, bitte.“

„Wunderbar. Jetzt iss auf, wir haben noch eine Menge zu tun.“

Und sie bekam ihren Willen. Kurz nach fünf verkündete sie, dass sie jetzt zur Ranch zurückfahren konnten. Dort angekommen, trugen sie ihre Einkäufe ins Haus, dann zogen sie sich um und kümmerten sich um die Pferde. Alva hatte ihnen Brathähnchen mit Kartoffeln gemacht, das schon im Ofen stand und nur noch aufgewärmt werden musste.

Beim Essen verkündete Rory, dass sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück den Baum holen würden. Während sie darüber plauderte, wie der Baum beschaffen sein musste, dachte er an ihren ersten Sommer in Colorado. Sie war gerade achtzehn geworden und war gekommen, um den Bravo-Zweig ihrer Familie väterlicherseits kennenzulernen. Sie hatte einige Wandertouren unternommen und viele Fotos vom wilden Westen gemacht.

Das Auffallendste an ihr waren ihre großen goldbraunen Augen gewesen und ihr breites Lächeln mit dem Grübchen auf einer Seite.

Wenn man ihm nicht gesagt hätte, dass sie eine Prinzessin war, wäre er nie darauf gekommen. Damals hatte sie noch allein reisen können – erst zwei Jahre später war einer ihrer Brüder im Nahen Osten gekidnappt worden, woraufhin Rorys Mutter auf Begleitschutz für all ihre Kinder bestand.

Rory war in Jeans und T-Shirt unterwegs gewesen, einen Rucksack auf dem Rücken, und kam ihm wie ein typischer amerikanischer Teenager vor. Ein tolles Mädchen, hatte er gedacht – natürlich, freundlich und kein bisschen arrogant. Und so war sie heute noch, bodenständig und umgänglich. Aber eben kein Teenager mehr. Und kein Mädchen.

Nach dem Essen schauten sie einen Film an, eine Komödie, die aber nicht wirklich lustig war. Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa, und er erwischte sich zwei Mal dabei, wie er fast den Arm über die Lehne und um ihre Schultern gelegt hätte. Beide Male zog er den Arm gerade noch rechtzeitig zurück und fragte sich, was um alles in der Welt nur mit ihm los war.

Es war verflixt leicht, sich daran zu gewöhnen, Rory die ganze Zeit um sich zu haben. Er durfte auf keinen Fall vergessen, dass sie nur gute Freunde waren und sonst nichts. Hier würde nichts weiter passieren, Schneemannsocken hin oder her.

Dass der Film zu Ende war, fiel ihm erst auf, als der Abspann lief. Vom Inhalt hatte er nichts mitbekommen. Hastig griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Rory sagte Gute Nacht und ging in ihr Zimmer. Und Walker blieb einfach sitzen, starrte ins Leere und fragte sich, warum er einfach nicht aufhören konnte, an sie zu denken. Warum er nicht aufhören konnte, sich zu wünschen, einfach die Treppe hinaufzugehen, an ihre Tür zu klopfen, sie in die Arme zu nehmen, zum Bett zu tragen und genüsslich auszuziehen. Um sie dann, nackt, die ganze Nacht im Arm zu halten. Und vielleicht auch noch am Morgen.

Er stand auf, schaltete alle Lichter aus und ging die Treppe hinauf. Und natürlich klopfte er nicht an Rorys Tür, sondern marschierte direkt in sein Zimmer, wo eine eiskalte Dusche auf ihn wartete.

Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte sie ihm, dass ihr eine Idee gekommen sei. Beinah hätte er gesagt: „Du willst mit mir schlafen? Die Idee finde ich auch gut.“ Doch er beherrschte sich. Gerade so eben.

„Du solltest dein Gesicht sehen“, zog sie ihn auf.

Er strich sich übers Kinn. „Hab ich beim Rasieren eine Stelle vergessen?“

Ihr perlendes Lachen war wie ein Streicheln – warm und weich und sehr verführerisch … verdammt, warum dachte er plötzlich nur noch an Sex, wenn er sie sah?

„Ich meinte deinen Gesichtsausdruck. Du siehst ein wenig abwesend aus. Hast du nicht gut geschlafen?“

„Na ja, ich konnte nicht gleich einschlafen. Habe noch nachgedacht.“

„Worüber denn?“

Super, da war er voll in die Falle gegangen.

„Ach, ich weiß gar nicht mehr so genau …“

Nachdenklich biss sie in ihren Toast. „Du wirkst irgendwie anders als sonst. Ein wenig unkonzentriert und fahrig. Geht es dir nicht gut? Vielleicht brütest du was aus?“

Ja, er hatte sich den Lust-Virus eingefangen, und das Fieber wurde mit jeder Minute stärker. Und so wie es ihm vorkam, war diese Krankheit unheilbar.

„Nein, ich bin nur ein bisschen müde.“

Als sie aufstand, schwante ihm Böses, und tatsächlich umrundete sie den Tisch, stellte sich neben ihn und legte ihre kühle Hand auf seine Stirn.

„Heiß fühlst du dich aber nicht an.“

Nein? Konnte sie nicht spüren, dass er glühte? Sprachlos blickte er auf die weichen Kurven ihrer Brüste, die nun genau auf seiner Augenhöhe waren. Sie duftete nach Vanille und Kaffee, und er musste all seine Kraft aufbieten, um nicht sein Gesicht an diese Brüste zu drücken, die er schon gar nicht so intensiv hätte anstarren dürfen.

„Ich sag doch, mir geht’s gut.“

Sie zuckte die Achseln und setzte sich wieder, und es gelang ihm tatsächlich, sie gehen zu lassen. Als sie nach ihrem Toast griff, zwang auch er sich zu essen.

Nach ein paar Minuten Schweigen schien es ihm angebracht, wieder etwas zu sagen, damit sie nicht noch dachte, er wäre wirklich krank.

„Suchen wir also gleich nach dem Frühstück den Baum aus?“, fragte er und wagte es, in ihre Richtung zu blicken.

Dummerweise stand sie in diesem Moment auf und ging zur Arbeitsplatte, wo die Kaffeemaschine stand. Er hatte einen wunderbaren Blick auf ihren knackigen Po, der in hautengen Jeans steckte. Dann drehte sie sich zu ihm um und streckte ihm die Kaffeekanne hin. „Möchtest du auch noch?“

Hoffentlich war er schnell genug gewesen, den Kopf zu heben, und sie hatte ihn nicht dabei erwischt, wie er auf ihren Po starrte. Wenn sie sich jetzt wieder neben ihn stellte und ihm Kaffee eingoss, konnte er für seine nächste Handlung keine Verantwortung mehr übernehmen.

„Nein, danke, ich hab genug.“

Sie stellte die Kanne zurück und ging wieder zu ihrem Stuhl. „Also, meine Idee“, nahm sie den Faden von vorher wieder auf. „Ich dachte an eine Party. Eine Baumschmück-Party.“

Dank seines lästigen Verlangens und zwei schlaflosen Nächten dauerte es einen Moment, bis er wieder mitkam. „Eine Party?“

„Genau. Party? Das ist das, wo Leute kommen und mit einem feiern …“

„Hier? Im Haus?“

„Ja.“ Sie strahlte begeistert.

„Aber ich gebe nie Partys. Das weißt du doch.“

„Ja, Walker, das weiß ich. Du bist ein Einzelgänger, du magst die Einsamkeit und so weiter und so fort.“

Er runzelte die Stirn, und das war ein guter Anfang. Wenn er sauer auf sie war, vergaß er vielleicht für eine Weile, warum er sie so dringend in sein Bett tragen musste. „Machst du dich etwa über mich lustig?“

„Ein bisschen …“

Ach, sie war so verspielt und fröhlich. Ihre goldbraunen Augen funkelten vergnügt. Himmel, das brachte ihn noch um. Und dann wurde sie plötzlich ernst, und das war genauso attraktiv und aufregend wie ihre überschäumende Freude.

„Ich dachte mir, es wäre sicher lustig. Am Samstag ist die Party in Ryans Bar.“

Clara und Rye hatten beschlossen, ihren jeweiligen Junggesellenabschied zusammenzulegen. Samstagabend würden also alle Cousins und Cousinen von Rory kommen, plus ein paar Leute, die sie noch nicht kannte.

„Also machen wir die Baumschmück-Party vielleicht am Donnerstag? So haben wir ein paar Tage Zeit, alle einzuladen und ein bisschen was vorzubereiten. Wir könnten den Baum erst am Mittwoch holen, dann ist er am Donnerstag noch ganz frisch und duftet gut. Wir laden Clara und Ryan ein, und noch ein paar andere Freunde von dir. Wir machen Glühwein und heiße Schokolade, fädeln Popcorn auf und dekorieren dieses Haus gemeinsam so, wie es sich für Weihnachten gehört.“

Sprachlos starrte er sie an, als ihm klar wurde, dass er wahrscheinlich alles tun würde, worum sie ihn bat. Auf heißen Kohlen laufen? Sich von einer Klippe stürzen? Kein Problem. Das war immer schon so gewesen, weil er ihr Freund war. Aber jetzt würde er es tun, weil dieses wahnwitzige Feuer in ihm brannte. Wann war das bloß passiert? Er verstand es einfach nicht.

Solche Gefühle für eine Frau zu haben war gefährlich. Er brauchte ja nur daran zu denken, was ihm mit Denise passiert war. Diese Hölle wollte er nicht noch einmal erleben. Auf gar keinen Fall.

„Und? Was meinst du?“, fragte sie.

„Klingt gut“, erwiderte er lahm.

„Heißt das Ja? Wir geben eine Party?“

„Sicher, Rory. Geben wir eine Party. Alles, was du willst.“

5. KAPITEL

Sofort nach dem Frühstück rief sie Clara an, während Walker die Spülmaschine einräumte und versuchte, sein Verlangen in den Griff zu bekommen. Als sie auflegte, fühlte er sich fast wieder normal – bis er ihren nachdenklichen Gesichtsausdruck sah.

„Was ist los? Kommt Clara nicht zu deiner Party?“

Sie blickte ihn an, und da war es wieder, das Verlangen. „Es ist deine Party, Weihnachtsmuffel. Und natürlich kommt sie. Sie findet die Idee toll und hat mich gebeten, ihre Schwestern einzuladen. Alle drei. Und Tracy.“

Er lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Hast du damit nicht gerechnet? Was wäre das für eine Party ohne all deine Cousinen?“

Noch immer blickte sie sorgenvoll drein. „Aber du hast sie doch am Freitag erlebt. Wir können von Glück reden, wenn sie sich nicht gegenseitig umbringen.“

„Tja, sie müssen eben lernen, miteinander auszukommen. Und das noch vor der Hochzeit, wenn es geht.“

„Ich weiß. Du hast ja recht …“ Solange sie ihn nicht anschaute, war alles in Ordnung. Aber ein Blick aus diesen großen goldbraunen Augen … Da war es wieder. Peng. Unbändiges Verlangen, wie ein Fausthieb in den Magen.

Egal. Er würde das hinkriegen. Wenn er es lange genug ignorierte, würde es irgendwann verschwinden.

„Na gut, dann rufe ich mal die Familie an.“ Ihr Lächeln verschärfte sein Problem. „Rufst du Ryan an? Und wen willst du sonst einladen?“

Er nannte ein paar Namen und sagte, er würde sich gleich drum kümmern. In seinem Büro vorne im Haus gab es ein zweites Telefon, und er war froh, den Raum verlassen zu können.

Als er seine Anrufe erledigt hatte, sagte er Rory, er müsse in einer der Gästehütten ein paar Reparaturen vornehmen. Um diese Jahreszeit kamen nicht viele Urlauber, und es war eine gute Gelegenheit, die Hütten in Schuss zu bringen.

Sie begleitete ihn und nahm ihren Laptop mit, um nach ihren E-Mails zu schauen und die mindestens tausend Bilder zu sichten und zu ordnen, die sie gemacht hatte, seit sie hier war. Er stellte die Heizung an, und die kleine zweigeschossige Hütte wurde schnell warm.

So lange Rory oben im Schlafzimmer saß, schaffte er es ganz gut, sich im Zaum zu halten. Er war regelrecht stolz, als er um die Mittagszeit die gesamten Fliesen im Flur herausgerissen und dabei keine ungebührlichen Gedanken gehabt hatte. Er würde es schaffen, ihr Bodyguard zu sein und trotzdem die Finger von ihr zu lassen.

So brachte er den Montag und Dienstag ganz gut hinter sich. Am Mittwoch stiegen sie in den alten Pickup-Truck seines Onkels, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Rory suchte die schönste Tanne aus, er fällte sie und sie zogen sie auf die Ladefläche. Auf der Ranch platzierten sie sie im Wohnzimmer genau vor dem Panoramafenster. Das ganze Haus duftete nach Tanne. Das gefiel Walker.

In seinem Büro stellten sie eine CD mit Weihnachtsmusik zusammen, dann bestand Rory darauf, in die Stadt zu fahren und ordentliche Lautsprecher zu kaufen. Danach ging sie zu Alva und überredete sie dazu, Plätzchen für die Party zu backen. Den Rest des Tages duftete es im Haus nach frisch Gebackenem.

Walker hielt es langsam für wirklich gefährlich, sich an Rorys dauerhafte Anwesenheit zu gewöhnen. An die Art und Weise, wie jeder Raum heller und fröhlicher wirkte, wenn sie ihn betrat. An ihr perlendes Lachen und die wunderbaren Düfte, die sie immer zu begleiten schienen.

Aber es war nun mal Weihnachten, oder? Und so langsam machte sich sogar bei ihm Weihnachtsstimmung breit. Sogar der Gedanke an die Party fing an, ihm zu gefallen. Er hatte seit Jahren keine Party gegeben – nicht, seit seine Mutter für ihn und Rye Geburtstagsfeiern organisiert hatte, als sie noch Kinder waren.

Ja, es war bestimmt ein guter Zeitpunkt, ein paar Freunde einzuladen und mit ihnen Spaß zu haben.

Am Donnerstagabend tönte Weihnachtsmusik durchs ganze Haus und alle waren gekommen – die ganzen Bravos, ihre jeweiligen Partner und einige von Walkers alten Schulfreunden. Überall standen Teller mit Plätzchen und Fondantpralinen, es gab aber auch Chips und Popcorn. Und bis jetzt lief alles ganz gut. Gemeinsam hatten sie die Lichterketten aufgehängt und den Baum mit den Weihnachtskugeln und – dekorationen geschmückt. Alle schienen sich gut zu unterhalten, und das war ja die Hauptsache.

Walker fühlte sich gut, wenn auch ein wenig sentimental. Normalerweise war er eher Realist als Romantiker, aber das hier hatte was, das musste er zugeben. Das ganze Haus voller lieber Menschen, dank Rory ein richtiger Weihnachtsbaum in der guten Stube und überall Lichter und Kerzen.

Jedes Mal, wenn sein Blick auf Rory in ihrem roten Pulli fiel, fühlte er sich rundum zufrieden. Heute Abend hatte er seltsamerweise auch keine Probleme mit seinem unangebrachten Verlangen. Er war einfach nur froh. Froh, dass sie da war, in seinem Haus, ein glückliches Lächeln auf ihrem schönen Gesicht.

Sogar ihre Cousinen schien die Feiertagsstimmung angesteckt zu haben, denn zumindest am Anfang kamen sie ganz gut miteinander aus. Gegen halb zehn drohte zwar zwischen Tracy, Elise und Jody noch einmal ein Streit über die Blumenarrangements bei der Hochzeit auszubrechen, doch Rory warf sich sofort in die Bresche und verwies die drei Streithähne auf ihre Plätze. Also stürzten diese sich auf die alkoholischen Getränke. Ryan hatte Wodka und Kalua mitgebracht, aus denen er mit Mokka Black Russians mixte. Wobei es offenbar Nell war, die den Drinks am meisten zusprach, denn gegen Mitternacht sprang sie auf, bahnte sich einen Weg mitten durch die anderen Gäste und ging direkt auf Clara zu, die gerade mit Rory zusammen die letzten Dekorationen auf dem Kaminsims verteilte.

„Ich muss dir etwas sagen“, verkündete Nell.

Claras Lächeln war ein wenig vorsichtig. „Ja? Was denn?“

„Dass ich dich mag. Nein, ich hab dich sogar sehr lieb. Immer schon. Du bist ein guter Mensch. Und ich bin froh, dass du meine Schwester bist. Halbschwester. Na, egal.“

Jetzt lächelte Clara ehrlich. „Danke Nell. Darüber bin ich auch sehr froh.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Extra Band 26" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen