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BIANCA EXTRA BAND 24

CHRISTINE RIMMER

Prinz meines Lebens

Das hat noch keine geschafft: Lani hat das Herz des Prinzen Maximilian berührt! Aber nach einer atemlosen Nacht ist sie plötzlich ganz abweisend. Warum wehrt sich Lani gegen seine Liebe?

ALLISON LEIGH

Im Bett mit meinem besten Freund

Sex ohne Verpflichtungen! Jane genießt ihr Arrangement mit Casey … bis der Baby-Wunsch in ihr erwacht. Und Casey will keine Familie, also muss sie ihn verlassen – wenn ihr das nur nicht so schwerfallen würde …

LINDA WARREN

Das Glück wartet nebenan

Was für ein faszinierender Mann! Ihr neuer Nachbar zieht Lacey geradezu magisch an. Warum nur ist er nur so schweigsam? Mit den Waffen einer Frau macht sich Lacey daran, Gabes Geheimnis zu ergründen …

CYNTHIA THOMASON

Küss mich – und vergiss, was war!

Bryce ist zurück und stürzt Rosalie ins Gefühlschaos: Sie liebt ihn mehr als je zuvor, kann ihm aber nicht verzeihen, was geschehen ist. Und dann ist da noch ihr gemeinsamer Sohn, von dem Bryce nichts weiß …

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Prinz meines Lebens

1. KAPITEL

Maximilian Bravo-Calabretti, Thronfolger von Montedoro, kam zwischen den niedrigen Fächerpalmen hervor und stellte sich der Frau in den Weg, die seit Neujahr kaum mit ihm gesprochen hatte.

Lani Vasquez schrie auf und wich ein Stück zurück. Dabei wäre ihr fast ihr Buch aus der Hand gefallen. „Hoheit!“ Sie wirkte verärgert. „Du hast mich erschreckt.“

Außer ihnen war niemand auf dem Gartenweg, der oben am Rande der Klippe entlangführte. Sicher war es allerdings nicht, dass sie allein bleiben würden: Jeden Moment könnte hier ein Gärtner auftauchen, um eine Hecke zu beschneiden. Vielleicht hatte auch einer der Palastgäste gerade Lust auf einen Morgenspaziergang. Darauf wollte es Max aber nicht ankommen lassen, er wollte mit Lani unter vier Augen sprechen. Er griff nach ihrer Hand, und erneut zuckte sie zurück.

„Komm mit“, sagte er bestimmt und zog sie weiter den Weg entlang.

Sie blieb einfach stehen. „Nein, Max.“

Als er sich zu ihr umwandte, funkelte sie ihn trotzig an. Trotzdem hielt er weiter ihre zarte Hand fest. Ihr Gesicht war gerötet, das dicke schwarze Haar fiel ihr offen über die Schultern. Der Wind, der vom Meer zu ihnen heraufwehte, hatte es zerzaust. Am liebsten hätte Max sie an sich gezogen und geküsst. Aber erst wollte er in Ruhe mit ihr sprechen – wenn sie sich davon überzeugen ließ. „Du gehst mir schon die ganze Zeit aus dem Weg“, bemerkte er.

Es zuckte um ihre Mundwinkel: ein verlockender Anblick … „Stimmt. Und jetzt lass bitte meine Hand los.“

„Wir müssen in Ruhe miteinander reden.“

„Nein, müssen wir nicht.“

„Doch.“

„Es war doch nur ein Ausrutscher“, beharrte sie leise, und ihre Stimme verlor sich.

„Das darfst du nicht sagen.“

„Es ist aber so. Ich möchte nicht mit dir darüber sprechen.“

„Komm einfach kurz mit, mehr verlange ich gar nicht.“

„Ich muss jetzt aber zurück in die Villa.“ Lani arbeitete für seinen Bruder Rule und dessen Frau als Kindermädchen. Die beiden wohnten ganz in der Nähe, in einer Villa im Stadtteil Fontebleu. „Da warten sie schon auf mich.“

„Es dauert nur ein paar Minuten.“ Er wollte weitergehen.

Sie stöhnte auf, und es hatte erst den Anschein, als würde sie sich weiterhin nicht von der Stelle rühren. Doch dann gab sie nach und folgte ihm. Immer noch hielt er ihre Hand fest und zog sie hinter sich her, ohne sich auch nur einmal zu ihr umzudrehen. Er zog sie weg vom Panoramaweg an der Klippe und ein Stück durch den Garten. Hin zu einem zweiten Weg, der sich die felsigen Hügel hinaufschlängelte, und durch ein Olivenwäldchen führte. Dahinter lag eine eingeebnete Fläche, auf der man einen französischen, streng geometrischen Garten angelegt hatte.

Schweigend ging Max ihr voran durch einen kleinen Rosengarten. An den dornigen Stauden zeigten sich jetzt im Februar schon die ersten zarten Knospen. Dann folgten sie einem gewundenen, von Blumenspalieren gesäumten Steinpfad.

Vor einer Steinmauer mit einer kleinen Pforte blieben sie stehen. Max öffnete sie, ließ Lani den Vortritt und ging dann ebenfalls hindurch.

Auf der anderen Seite einer perfekt gepflegten Rasenfläche stand ein Steinhäuschen zwischen zwei alten Bäumen.

Max stieß die schwere Holztür auf, ließ dabei Lanis Hand los und bat sie, zuerst einzutreten. Sie kam seiner Bitte nach – nicht ohne ihm vorher einen misstrauischen Blick zuzuwerfen.

Durch die beiden Fenster fiel trübes Licht in den Raum. Die Möbel waren mit Tüchern bedeckt. Max zog eines nach dem anderen herunter und ließ sie auf den Holzboden fallen. Zum Vorschein kamen ein zerkratzter Tisch mit vier Stühlen, ein Sofa, zwei Beistelltische und zwei Polstersessel. Die einfache Küche nahm eine der Wände ein. An der gegenüberliegenden Wand führte eine Holztreppe nach oben zu den Schlafgelegenheiten.

„Setz dich doch“, forderte er Lani auf.

Doch sie blieb einfach neben der Tür stehen. Dabei umklammerte sie ihr Buch. „Wo sind wir eigentlich?“

„In einem alten Gärtnerhaus. Im Moment wohnt hier aber niemand. Und jetzt setz dich erst mal.“

Nach wie vor rührte sie sich nicht. „Was soll das, königliche Hoh…“

„Hör bitte auf, Lani, über diese Anrede sind wir doch längst hinaus.“

Einen Moment lang schwieg sie und betrachtete ihn bloß stumm mit ihren großen dunklen Augen. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen, um ihr alle Sorgen aus dem Gesicht zu küssen. Aber ihre Ausstrahlung hielt ihn davon ab. Rühr mich bloß nicht an, schien sie ihm sagen zu wollen.

Sie atmete hörbar aus, ihre schmalen Schultern senkten sich. „Warum willst du nicht zugeben, dass das Ganze nur ein Ausrutscher war? Das ist uns doch beiden klar.“

„Nein.“ Er ging einen Schritt auf sie zu. Sie versteifte sich leicht, wich aber nicht zurück. „Es war wunderschön“, raunte er ihr zu. „Das hast du selbst gesagt.“

„Ach, Max. Warum dringe ich einfach nicht zu dir durch?“ Sie wandte sich ab und blickte aus dem Fenster.

Er betrachtete ihre Rückansicht und ihr rabenschwarzes Haar, das ihr in dicken Locken über die Schultern fiel. Sofort musste er wieder an das denken, was zwischen ihnen passiert war …

Es war am Silvesterabend geschehen, auf dem Neujahrsball des Fürstenhauses von Montedoro. Er hatte sie zum Tanzen aufgefordert. Sobald sie sich in seine Arme geschmiegt hatte, hatte er sie nicht wieder loslassen wollen. Und so war es auch gekommen.

Fünf Lieder lang tanzte er mit ihr, und jeden Tanz erlebte er wie im Zeitraffer. So hätte er ewig weitermachen können, aber Lani hatte offenbar Bedenken. Nach dem fünften Tanz blickte sie ernst zu ihm hoch. „Ich ziehe mich lieber wieder zurück.“ Dann verschwand sie aus dem Ballsaal.

Max sah ihr lange nach. Schließlich konnte er es nicht mehr ertragen und folgte ihr. In einer Nische des langen Korridors, der vom Ballsaal wegführte, hatte er sie das erste Mal geküsst. Direkt unter den Fresken, auf denen muskulöse Engel zu sehen waren und Heilige, die den Märtyrertod starben. Abrupt löste sie sich wieder von ihm und funkelte ihn dabei mit ihren dunklen Augen an.

Also küsste er sie gleich noch mal.

Und dann noch ein drittes Mal. Und wie durch ein Wunder war es ihm gelungen, sie mit diesen beiden Küssen umzustimmen. Lani nahm ihn an der Hand und führte ihn in ihr kleines Zimmer. Es gehörte zu dem großen Apartment, das sein Bruder Rule mit seiner Familie bewohnte, das allerdings jetzt vollkommen leer war.

Als Max sich einige Stunden später von ihr verabschiedet hatte, hatte sie ihn angelächelt und ihm einen zärtlichen Gutenachtkuss gegeben.

Seitdem hatte sie kaum ein Wort mit ihm gesprochen. Fünf lange Wochen war das inzwischen her.

„Lani. Sieh mich doch wenigstens mal an …“

Sie fuhr zu ihm herum. Ihr Gesichtsausdruck wirkte längst nicht mehr so grimmig wie eben. Hatte sie vielleicht auch gerade an ihre gemeinsame Nacht gedacht? Dann wich sie doch wieder ein Stück zurück. „Das Ganze war ein Ausrutscher“, betonte sie erneut. „Und jetzt muss ich wirklich los.“

„Feigling.“

Sie zuckte zusammen. Als hätte er sie mit diesem einzigen Wort wie mit einem scharfen Geschütz getroffen. Dann nahm sie die Hand vom Türknauf und legte ihr Buch auf den Tisch daneben. „Hör bitte endlich auf damit. Manchmal passieren eben Dinge, die eigentlich gar nicht passieren dürfen. Wir haben uns da zu etwas hinreißen lassen …“

„Ich bereue jedenfalls nichts davon“, gab er zurück. Im Gegenteil: Für ihn hatte das neue Jahr damit ganz wunderbar begonnen. Doch auf einmal kam ihm ein schlimmer Verdacht: War sie etwa schwanger? „Aber wir waren wirklich unvorsichtig, da hast du schon recht. Gehst du mir etwa deswegen aus dem Weg? Bist du …?“

„Nein“, unterbrach sie ihn. „Wir hatten noch mal Glück, du kannst also beruhigt sein.“

„Ich vermisse dich“, sagte er, bevor sie sich wieder von ihm abwenden konnte. „Dich und unsere Diskussionen in der Bibliothek. Wir haben uns immer so gut verstanden und waren doch eigentlich gut befreundet …“

„Ach, komm!“, erwiderte sie abfällig. Aber an ihrem Blick war zu erkennen, wie sehr sie unter ihren eigenen Worten litt. „Wir waren doch noch nie befreundet.“ Dann blinzelte sie sich die Tränen aus den Augen.

„Lani …“ Er ging ein paar Schritte auf sie zu.

Doch als sie eine Hand hob, blieb er stehen. „Wir haben uns ganz gut verstanden“, korrigierte sie ihn. „Aber mehr kann zwischen uns nicht sein, das wäre unangemessen. Überleg doch mal: Ich arbeite für deinen Bruder und seine Familie – als Kindermädchen. Da habe ich eine Vorbildfunktion und sollte mich vernünftig benehmen.“ Sie schluckte. „Ich hätte es nie so weit kommen lassen dürfen.“

„Hör endlich auf damit! Ich will nicht noch mal hören, dass das ein Fehler war.“

„Aber das war es doch.“

„Warum denn? Wir sind beide erwachsen, da können wir machen, was …“

„Jetzt hör mir mal zu, Max.“ Sie ging rückwärts in Richtung Tür. „Das war eine einmalige Geschichte. Noch einmal passiert uns so etwas nicht.“

Gerade wollte er ihr widersprechen, da überlegte er es sich doch anders. Schließlich wollte er sie auf keinen Fall abschrecken oder verärgern. Dann würde sie ihn hier einfach stehen lassen. Außerdem wollte er sich jetzt nicht mit ihr streiten, sondern dafür sorgen, dass sie wieder so unbefangen in seiner Nähe sein konnte wie vor dieser schicksalhaften Silvesternacht. „Du hast absolut recht“, sagte er. „Das passiert nicht noch mal.“

Erstaunt blinzelte sie ihn an. „Ich … Was hast du da gerade gesagt?“

„Dass ich gern ein Abkommen mit dir treffen würde.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich will aber nicht mit dir darüber verhandeln.“

„Warte doch erst mal mein Angebot ab.“

„Ach, du hast auch noch ein besonderes Angebot für mich?“ Sie klang verächtlich.

Abwartend betrachtete Max sie, während sie sich nachdenklich auf die Unterlippe biss. Schließlich brach sie das Schweigen: „Okay, okay. Was willst du mir vorschlagen?“

„Ich verspreche dir, dass ich nicht versuchen werde, dich zu verführen“, begann er und lächelte. „Und du hörst dafür auf, mir aus dem Weg zu gehen. Dann können wir wieder …“ Er zögerte, als ihm einfiel, wie sie reagiert hatte, als er von ihrer Freundschaft gesprochen hatte. „Dann können wir wieder wie früher miteinander umgehen.“

Sie verdrehte die Augen. „Ach, komm. So was funktioniert nie im Leben.“

„Ich glaube aber doch.“ Ganz ruhig und unbeeindruckt klang er dabei, fand er. So war es auch am besten. „Außerdem kann man das nicht verallgemeinern. Wenn wir das beide wirklich wollen, dann klappt es auch.“ Insgeheim hoffte er dabei, dass Lani irgendwann feststellen würde, dass sie sich doch mehr von ihm wünschte als eine nette Bekanntschaft …

Unentschlossen blieb sie vor der Tür stehen und sah ihm dabei direkt in die Augen. Er erwiderte ihren Blick und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu wirken.

Dann, endlich, senkte sie den Blick und ging zu dem rustikalen Esstisch. Dort fuhr sie über die Lehne eines schlichten Holzstuhls. Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Montedoro ist ein wunderschönes Land, ich liebe es. Als ich damals mit Sydney hergekommen bin, dachte ich noch, dass ich ein halbes oder höchstens ein ganzes Jahr hierbleiben würde, einfach um neue Erfahrungen zu sammeln.“ Sydney war Max’ Schwägerin und gleichzeitig Lanis beste Freundin. „Jetzt, zwei Jahre später, bin ich immer noch da. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich in Montedoro mein wahres Zuhause gefunden habe. Dass ich in Wirklichkeit hierhergehöre. Ich will Hunderte von Romanen schreiben, die alle hier spielen … und nie mehr wieder wegziehen.“

„Ich weiß. Es will doch auch niemand, dass du wegziehst.“

„Ach, Max … Wenn du oder irgendjemand aus deiner Familie mich loswerden will, wird mein Visum für Montedoro sofort annulliert.“

„Wie oft soll ich dir das noch sagen? Daran hat niemand Interesse.“

„Jetzt tu nicht so, als würdest du mich nicht verstehen. Wenn eine Affäre zu Ende geht, wird es oft unangenehm. Du bist ein absolut fairer, anständiger Mensch. Aber du bist eben auch der rechtmäßige Thronfolger von Montedoro. Und ich bin bloß eine Angestellte. Wir … na ja, wir begegnen uns nicht gerade auf Augenhöhe.“

„Da irrst du dich aber. Für mich sind wir absolut gleichauf. In jeder Hinsicht, die in einer Beziehung zählt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Hast du es immer noch nicht verstanden? Wir sind viel zu weit gegangen. Jetzt müssen wir alles ganz schnell vergessen.“

Wie bitte, er sollte sie wieder vergessen? Das kam überhaupt nicht infrage. „Ich erkläre es dir noch mal, und hoffentlich kann ich diesmal endlich zu dir durchdringen: Was auch immer zwischen uns passiert ist – ich würde dich nie aus Montedoro vertreiben, darauf gebe ich dir mein Wort. Ich will dir auf keinen Fall das Leben schwer machen.“

Erneut funkelte sie ihn an. „Genau das machst du aber gerade.“

„Verzeih mir“, sagte er leise und hielt dabei ihrem wütenden Blick stand.

Wieder schwiegen sie, die Stille erschien ihm endlos lang.

Schließlich senkte Lani den Kopf, sodass ihr die glänzenden schwarzen Locken über die geröteten Wangen fielen. „Ich finde das alles gerade richtig schlimm“, sagte sie.

„Ich auch.“

Sie sah Max in die Augen. In ihrem wunderschönen Gesicht erkannte er Erschöpfung, Verzweiflung und Trauer. „Ich vermisse unsere Gespräche ganz schrecklich“, gestand sie schließlich.

Na, immerhin. Sein Herz schlug höher.

„Und deine beiden Kleinen sind mir sehr ans Herz gewachsen“, fuhr sie fort. Max’ Sohn Nicholas war acht Jahre alt, seine Tochter Constance sechs. Lani verstand sich sehr gut mit deren Kindermädchen Gerta. „Ich …“ Sie blickte ihn ungläubig an. „Meinst du wirklich, dass das klappt? Dass wir wieder gute Freunde werden können, so wie vorher?“

„Da bin ich mir absolut sicher.“

„Gute Freunde, mehr nicht.“

„Einverstanden“, erwiderte er. Bis dir klar wird, dass du dir eigentlich mehr wünschst – genau wie ich, fügte er in Gedanken hinzu. Er hielt ihr die Hand hin.

Sie runzelte die Stirn.

Er wartete weiter ab und zog dabei eine Augenbraue hoch. Auffordernd-freundlich sollte das aussehen. Lani ließ den Blick von seinem Gesicht zu seiner Hand und wieder zurück huschen. Gerade wollte er den Arm wieder sinken lassen, da stand sie doch auf und schlug ein. Er umschloss fest ihre schlanken Finger … und erschauerte.

Viel zu schnell zog sie die Hand wieder zurück und nahm sich ihr Buch. „Darf ich jetzt gehen?“

Nein, dachte er. Wenn er sie schon nicht küssen und in den Arm nehmen durfte, dann wollte er sich wenigstens noch ein bisschen mit ihr unterhalten – so wie früher.

„Max?“ Sie zog die Stirn in Falten.

Er war ratlos. Was sollte er bloß tun, damit sie ihn wieder an sie heranließ? Im Moment sah es so aus, als wäre jeder Versuch zwecklos, da half nur Geduld. „Dann bis demnächst in der Bibliothek. Da huschst du wenigstens nicht gleich wieder weg, sobald ich in deiner Nähe bin.“

In ihren Augen blitzte etwas von ihrem alten Humor durch. „Ich husche nicht.“

„Was machst du denn dann? Flitzen? Sausen? Schnellen?“

„Jetzt hör aber auf!“ Es zuckte um ihre Mundwinkel.

Max hielt das für ein gutes Zeichen. „Versprich mir einfach, dass du nicht gleich wieder wegrennst, wenn wir uns demnächst über den Weg laufen.“

Sie zögerte noch einen Augenblick, dann gab sie ihm endlich die ersehnte Antwort: „Ja. Und ich … ähm … freue mich, wenn wir uns bald wiedersehen.“

Wie sollte er ihr das glauben, wenn sie dabei so unglücklich klang? Und ihre vollen Lippen verzog, die er so gern auf seinen gespürt hätte? Wahrscheinlich wäre alles viel einfacher, wenn sie ihm völlig gleichgültig wäre.

Andererseits war ihm viele Jahre lang alles gleichgültig gewesen, und sein Leben war ihm damals schrecklich leer vorgekommen … bis er Lani kennengelernt hatte.

Sie wandte sich zur Tür.

„Lani, bitte warte noch …“

Sie hielt inne und spannte sich merklich an, drehte sich aber nicht zu ihm um. „Was ist denn noch?“

„Lass mich das machen.“ Er ging an ihr vorbei, um ihr die Tür zu öffnen.

Sie nickte ihm noch einmal zu, ohne ihm dabei in die Augen zu schauen, und verließ das Gartenhaus.

Lange blieb er im Türrahmen stehen und sah ihr nach.

2. KAPITEL

„Was ist los mit dir?“, fragte Sydney O’Shea Bravo-Calabretti. Die ehemalige Top-Anwältin für Wirtschaftsrecht hatte inzwischen einen anderen Titel angenommen: Prinzessin von Montedoro. Sie und ihre Freundin Lani saßen auf Kinderstühlen an einem Tisch im Spielzimmer. Das Zimmer gehörte zu der Villa, das Sydney und ihr Mann Rule vor zwei Jahren gekauft hatten, kurz nach ihrer Hochzeit.

Lani hatte Sydneys einjährige Tochter Ellie auf dem Schoß. Sie küsste das Mädchen auf die goldblonden Locken. „Alles in bester Ordnung“, log sie.

„Das stimmt nicht, das sehe ich sofort. Du guckst schon wieder so komisch. Irgendwie abwesend und ziemlich besorgt.“

Ertappt! Seit ihrem gestrigen Gespräch mit Max war Lani durcheinander. Bis heute hatte sie niemandem erzählt, was zu Silvester geschehen war, nicht mal Syd. Dabei sollte es bleiben. Trotzdem musste sie ihr jetzt eine Erklärung für ihr Verhalten geben, sonst gab Syd keine Ruhe. „Na ja, das Buch, an dem ich gerade schreibe, macht mich verrückt.“

Es handelte sich um den dritten Teil eines historischen Dreiteilers, der im alten Montedoro spielte. Und Syd, die schon seit sieben Jahren mit ihr befreundet war, wusste, wie sehr Lani mit ihren Büchern zu kämpfen hatte, wenn es an den Mittelteil ging. Da hing die Handlung regelmäßig durch.

Trotzdem nahm Syd ihr die Ausrede nicht ab. „Dass deine Bücher dich verrückt machen, ist doch der Normalzustand. Irgendetwas ist noch passiert.“

Verdammt. Lani runzelte die Stirn und tat, als würde sie genauer über Syds Frage nachdenken. „Nein, es hat nur mit diesem Buch zu tun.“

„Yolanda Vasquez, du lügst wie gedruckt.“

Und jetzt? Auf keinen Fall wollte sie ihrer Freundin erzählen, was passiert war: wie die Nanny und Möchtegern-Schriftstellerin Yolanda Vasquez mit Maximilian Bravo-Calabretti in der Neujahrsnacht nackt über die Matratze gerollt war. Dem verwitweten Thronfolger, der seine verstorbene Frau noch immer liebte, wie alle wussten.

„Was heißt das eigentlich genau, wenn jemand wie gedruckt lügt?“, erkundigte Lani sich aufgesetzt fröhlich. „Das klingt ja so, als wäre alles Gedruckte eine Lüge. Okay, in manchen Fällen ist das wohl so.“

Syd verzog keine Miene. „Du glaubst nicht ernsthaft, dass du mit diesem Ablenkungsmanöver bei mir durchkommst, oder?“

„Nani, Nani …“ Syds Tochter Ellie drehte sich zu Lani herum. Dann streckte sie ihre Hand aus und versuchte, ihrer Nanny die Finger in den Mund zu stecken.

Lani umschloss sie vorsichtig mit den Lippen. „Hm … Das sind aber leckere kleine Finger.“ Ellie kicherte und wippte auf und ab. Dann nahm Lani das Kind hoch, wirbelte es herum und setzte es auf dem Boden ab.

In diesem Moment klingelte Syds Telefon. Sie nahm den Anruf entgegen, der sie offenbar an eine Online-Konferenz erinnern sollte. Syd arbeitete ehrenamtlich in einer Organisation von Anwälten, die weltweit ihre Hilfe anbot. Sie zog sich ins Nebenzimmer zurück und bat Lani, die beiden Kinder ins Bett zu bringen.

Lani war dankbar für die Unterbrechung und fühlte sich gleichzeitig schuldig. Durch den Anruf war sie schon wieder darum herumgekommen, ihrer Freundin von dem One-Night-Stand mit Max zu erzählen.

Die dicke, mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holztür zur Bibliothek knarrte leise. Lani blickte von ihrem Laptop auf.

Das konnte nur Max sein.

Er trug einen weißen Pulli und eine graue Hose. Sein verwuscheltes Haar glänzte kastanienbraun im sanften Licht des Kronleuchters. Dann fixierte er sie mit seinen stahlblauen Augen. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie kaum noch atmen konnte.

Er wollte, dass zwischen ihnen alles wieder so war wie früher, hatte er gesagt. Aber das war unmöglich. Je länger sie darüber nachdachte – und seit ihrem Gespräch im Gärtnerhaus hatte sie praktisch nichts anderes getan –, desto sicherer war sie sich, dass es für beide kein Zurück mehr gab.

Ihm war das möglicherweise sehr recht. Wahrscheinlich wünschte er sich eine heiße kleine Affäre, die dort anknüpfte, wo sie in der Neujahrsnacht aufgehört hatten.

Und wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, wünschte sie sich das auch. Weil sie wusste, dass sie viele magische, erfüllende Momente miteinander verbringen würden … solange alles gutging.

Aber irgendwann nahm so eine Affäre immer ein hässliches Ende. Und dann saß sie in null Komma nichts im nächsten Flieger nach Texas. Immerhin hatte sie schon einmal all ihre Hoffnungen auf eine einzige zum Scheitern verurteilte Affäre gesetzt. Und war daran fast zerbrochen.

Max nickte ihr zu. „Hallo, Lani.“

Sie erschauerte. „Hi, Max“, erwiderte sie bemüht heiter.

„Mach ruhig weiter, ich will dich nicht von deiner Arbeit abhalten.“

Und das sollte sie ihm glauben? „Okay.“ Sie wandte sich wieder dem Laptop zu.

Während Lani auf den Bildschirm starrte, nahm sie ihn als dunklen Schatten wahr, lauschte seinen leisen Schritten auf dem Parkettfußboden mit den aufwändigen Intarsienarbeiten. Dann hörte sie, wie eine Tür aufgeschlossen wurde. Offenbar besuchte Max gerade einen der Räume mit eingeschränktem Zutritt, in dem die wertvollen alten Bücher aufbewahrt wurden. Sie selbst durfte diese Räume nur in Begleitung des uralten Palastbibliothekars oder seines Assistenten betreten. Eigentlich dürfte sie jetzt, um acht Uhr abends, überhaupt nicht in der Bibliothek sein, wenn Max ihr nicht die Sondererlaubnis dafür gegeben hätte.

Vor einem Jahr hatte er ihr ihren eigenen Schlüssel zu dem prächtigen, von Büchern gesäumten, zweistöckigen Hauptraum überreicht: für sie ein unendlich kostbares Geschenk. Denn es eröffnete ihr die Möglichkeit, herzukommen, wann immer sie wollte. Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte sie sich hier zum Schreiben hinsetzen, zwischen alten Büchern und einer beeindruckenden Sammlung von Dokumenten, die sie für ihre Nachforschungen brauchte.

Das war allein deswegen praktisch, weil die offiziellen Öffnungszeiten der Bücherei fast eins-zu-eins mit ihren Arbeitszeiten als Nanny für Trev und Ellie übereinstimmten.

Nach ihrer Arbeit in der Bibliothek zog Lani sich in ihr Zimmer im Palastapartment der Familie zurück. Von dort aus hatte sie es am nächsten Morgen nicht weit zu Rules und Sydneys Villa im Stadtteil Fontebleu. Sie brauchte nur durch die schön gestalteten Gärten zu schlendern und den Felshügel hinunterzugehen, auf dem der Palast stand.

In der Bibliothek war Lani abends völlig ungestört. Es sei denn, sie begegnete Max. Wobei er sie nicht wirklich störte, schließlich war er auch zum Arbeiten hier. Als Wissenschaftler hatte er ein Buch über sein Land Montedoro und dessen Beziehung zu Frankreich, seiner „großen Schwester“, geschrieben. Außerdem hatte er einige Artikel über das montedorische Rechtssystem und die Landesgeschichte verfasst. Mehrmals jährlich hielt er Vorträge an Hochschulen und auf Konferenzen.

Vor dem schicksalhaften Zwischenfall in der Neujahrsnacht hatte er sich oft zu Lani in die Bibliothek gesetzt, und schweigend hatten sie dort nebeneinander an ihren Projekten gearbeitet.

Wenn nur sie beide dort waren, hatten sie manchmal gemeinsame Pausen eingelegt und sich unterhalten. Auch wenn sie sich außerhalb der Bibliothek begegnet waren, hatten sie stundenlange Gespräche geführt. Immer wieder ging es dabei um ihre gemeinsamen Interessen: das Schreiben und alles, was mit Geschichte und Montedoro zu tun hatte.

Zwischen ihnen hatte eine besondere Verbindung bestanden.

Bis zu besagter Neujahrsnacht.

Eigentlich wäre es jetzt am klügsten, aufzustehen und die Bibliothek zu verlassen. Und genau das würde sie auch tun, wenn sie Max nicht dummerweise das Versprechen gegeben hätte, sich so zu verhalten, als wäre nichts geschehen.

Es dauerte zehn Minuten, bis er wieder auf dem Treppenabsatz erschien. Und während dieser Zeit hatte Lani nichts anderes getan, als auf ihren Mauszeiger zu starren und nach seinen Schritten zu lauschen. Und sich immer wieder über ihre eigene Dämlichkeit zu ärgern. Mit Dokumenten und Büchern im Arm kam er schließlich nach unten.

Lani wartete ab, was als Nächstes passieren würde. Ihr Kiefer schmerzte, so sehr hatte sie sich dabei verspannt und die Zähne zusammengebissen. Und dann setzte er sich einfach nur schräg gegenüber von ihr an einen Arbeitsplatz, nickte ihr freundlich zu und beugte seinen Kopf über die alten Bücher und Dokumente.

Also gut, dachte sie. Er ist wohl wirklich nur hergekommen, um zu arbeiten. Dagegen ist nichts zu sagen. Im Gegenteil.

Sie legte die Finger wieder auf die Tastatur und versuchte sich auf den Bildschirm zu konzentrieren. Es dauerte eine Weile, bis sie ihren ersten Satz eintippte. Und danach noch einen. Beide klangen schrecklich hölzern, aber manchmal war es hilfreich, trotz Schreibblockade weiterzumachen.

Geschlagene zwei Stunden lang blieben beide auf ihren Plätzen. Immer wieder tippte Max etwas in sein Tablet ein oder schlug etwas nach. Lani schrieb ebenfalls weiter, obwohl sie sicher war, dass sie später alles wieder löschen würde.

Was soll’s? Immerhin ist es wieder ein bisschen wie früher: Wir sitzen beide in der Bibliothek und arbeiten.

Um zehn nach zehn hatte Lani genug von ihren schlechten Sätzen. Sie klappte den Computer zu, packte ihre Sachen zusammen und stand auf.

Er blickte hoch. „Gehst du?“

Sie schenkte ihm ein bemühtes Lächeln. „Ja.“ Dann schwang sie sich die Handtasche über die Schulter und klemmte den Laptop unter den Arm. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Lani.“ Er beugte sich wieder über seine Notizen.

Aus einem unerfindlichen Grund konnte sie sich auf einmal nicht mehr bewegen. Da stand sie nun und starrte auf sein glänzendes, volles Haar und seine breiten Schultern. Am liebsten hätte sie sich sofort wieder auf ihren Platz fallen lassen und sich nach seinem Tag erkundigt. Und noch lieber hätte sie ihm verraten, wie sehr sie ihn vermisste und wie sehr sie sich wünschte, dass die Dinge zwischen ihnen anders stünden.

Erneut sah er zu ihr hoch. „Was ist denn?“, fragte er sie leise. Es klang wie eine Einladung.

„Nichts“, log sie.

Er schloss seine Bücher und legte die Dokumente auf einen Stapel. „Moment, ich muss nur noch schnell alles wieder hochbringen. Dann gehe ich mit dir raus.“

„Musst du nicht, lass dich nicht stören. Ich …“

Er fixierte sie mit seinem Blick. „Warte hier kurz auf mich. Bitte.“

Und obwohl sie wusste, wie dumm das wäre, wollte sie genau das tun: auf ihn warten. Sie wünschte sich so sehr, dass sie wieder befreundet wären.

Oder mehr. Ja, eigentlich wünschte sie sich sehr viel mehr …

„Okay“, erwiderte sie schließlich knapp.

Er legte den Kopf schief. „Läufst du mir auch nicht weg?“

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, während ihr Verstand darum kämpfte, sich Gehör bei ihr zu verschaffen: Bist du verrückt? Mach, dass du wegkommst, und zwar schnell! „Nein, ich bewege mich nicht von der Stelle.“

Wenig später gingen sie gemeinsam den marmornen Flurs entlang, der zu Rules und Sydneys Apartment im Palast führte. Vor einer blauen Tür mit goldenen Ornamenten blieb Max stehen.

Lani runzelte die Stirn. „Was ist denn hier?“

Er legte die Hand auf die reich verzierte Klinke, und die Tür schwang auf. „Das ist eine unbewohnte Suite“, erklärte er. „Kommst du bitte mit?“

Stattdessen wich sie einen Schritt zurück. „Lieber nicht.“

Er blickte ihr in die Augen. „Ich möchte nur ein paar Minuten an einem neutralen Ort mit dir reden.“

„Aha, reden also.“

„Ja, mehr nicht.“ Es klang, als würde er es wirklich so meinen.

Es war hoffnungslos: Wenn sie in seiner Nähe war, konnte sie sich nicht mehr von ihm lösen. Also wehrte sie sich nicht, als er sie sanft in das Zimmer schob.

Er knipste das Licht an. Lani setzte sich auf ein Samtsofa, Max nahm gegenüber auf einem Sessel Platz, der mit einem blumigen Stoff bezogen war.

„Worüber möchtest du mit mir reden?“, sagte sie.

„Ich will wissen, warum es dich so aufwühlt, dass wir in der Neujahrsnacht miteinander geschlafen haben“, erwiderte er. „Für mich war das eine natürliche Sache, die logische Weiterentwicklung unserer Beziehung. Ich verstehe nicht, warum du das offenbar anders siehst.“

Lani schwieg. Sie konnte ihm unmöglich die Wahrheit sagen, das war zu gefährlich.

Aufmerksam betrachtete er ihr Gesicht, als wollte er sich jeden Zug genau einprägen. „Schade, dass du nicht mehr diese schwarze Hornbrille trägst. Damit hast du immer so intellektuell ausgesehen.“

Vor einem halben Jahr hatte sie sich die Augen lasern lassen, jetzt brauchte sie keine Sehhilfe mehr. „Ohne ist es viel praktischer für mich.“

„Aber es hat süß ausgesehen.“

„Sitzen wir wirklich deswegen hier? Weil du dich darüber beklagen willst, dass ich meine Brille nicht mehr trage?“

Er legte sein Tablet auf dem Couchtisch ab, der zwischen ihnen stand. „Leg doch bitte mal deinen Rechner aus der Hand.“

Lani drückte das Gerät mit beiden Händen gegen die Brust. Es fühlte sich beruhigend an. Wie ein Schutzschild, der sie davor bewahrte, ihm zu nah zu kommen. Als sie seiner Aufforderung nachkam und den Computer auf den Tisch legte, kam sie sich nackt vor.

„Ich habe noch mal über alles nachgedacht“, begann er.

„Max! Was soll das? Das ist doch völlig sinnlos.“

Er hob die Schulter. „Nein, das Ganze hat sehr wohl einen Sinn. Es geht um dich. Und um mich. Und darum, dass zwischen uns etwas Besonderes entstanden ist.“

„Aber du liebst deine Frau immer noch“, hielt sie ihm vor. Ein Schlag unter die Gürtellinie. Genau so etwas hätte eine übereifersüchtige Frau gesagt, die ihren Partner zu Liebesschwüren und Versprechungen nötigen wollte.

Seine Antwort klang ruhig. „Meine Frau ist seit fast vier Jahren tot. Es geht nicht um sie, sondern um dich und um mich.“

„Da hast du’s“, forderte sie ihn heraus. „Du streitest ja nicht mal ab, dass du sie noch liebst!“

In diesem Moment veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Einen Augenblick lang wirkte er in sich gekehrt. Einen Herzschlag später war er wieder voll da. „Lani, es geht hier nicht um Sophia“, wiederholte er. „Das wissen wir beide.“

„Warum kannst du nicht einfach … Es gibt doch jede Menge Frauen, mit denen du etwas anfangen könntest. Oder die gern mit dir befreundet wären …“

Es zuckte um seine Mundwinkel. Fand er das etwa witzig?

„Ich will aber nicht jede Menge Frauen“, gab er zurück, „sondern nur eine. Und das bist du, Lani. Ich will nur dich.“

Oha, dachte Lani. Das klingt ziemlich verlockend. Viel zu schön, um wahr zu sein. „Jetzt versuchst du gerade, mich um den Finger zu wickeln. Glaub bloß nicht, dass ich das nicht merke!“

Vollkommen ruhig saß Max vor ihr und sah dabei in jeder Hinsicht königlich aus: entschlossen, attraktiv, ehrlich und gerecht. Und dazu noch viel zu sexy. „Wenn ich dich um den Finger wickeln kann, indem ich dir die Wahrheit sage, dann ja. Fünf lange Wochen habe ich darauf gewartet, dass du endlich auf mich zukommst und mir verrätst, warum du mir die ganze Zeit ausgewichen bist. Ich halte das nicht mehr aus. Ich gebe dich nicht auf. Und wenn du endlich mir und dir selbst gegenüber ehrlich wärst, würdest du zugeben, dass du das auch gar nicht willst: dass ich dich aufgebe.“

Ich muss weg hier, so schnell wie möglich, dachte sie. Sie nahm ihren Laptop und sprang auf. „Ich muss jetzt los.“

Er sah an ihr hoch, bis sich ihre Blicke begegneten. „Nein, du musst endlich mit mir reden. Also setz dich bitte wieder hin.“

Sie schloss die Augen, atmete tief ein … und nahm wieder Platz. „Ich … kann mich nicht auf dich einlassen, Max.“

Vorsichtig nahm er ihr den Computer ab. „Aber warum denn nicht?“

„Das ist mir alles zu viel, das … überfordert mich. Und überhaupt, was ist mit deinen Kindern?“

„Was soll denn mit ihnen sein?“

„Sie haben ein Recht auf ein vernünftiges Kindermädchen. Eins, das nicht mit ihrem Vater ins Bett springt.“

„Die beiden haben doch ein vernünftiges Kindermädchen, und zwar Gerta. Außerdem springst du gar nicht mit mir ins Bett, jedenfalls jetzt nicht mehr.“

Sie stöhnte laut auf. „Das kommt auch nicht mehr infrage. Ich habe dir doch schon gesagt, dass mir das alles zu viel wird.“

„Was genau wird dir denn zu viel? Etwa deine Gefühle für mich?“

Sie nickte heftig. „Ganz genau.“

„Dann bin ich dir also zu viel?“

„Allerdings.“

„Ach.“ Er schnaubte leise. „Ich bin dir zu viel, und dieser Michael Cort war dir nicht genug?“

Ach, du große Schande, dachte sie. Warum habe ich ihm bloß von der Sache mit Michael erzählt? Eine Zeit lang war sie mit dem Software-Entwickler zusammen gewesen … bis sie Sydney und Rule miteinander erlebt hatte. Da war ihr genau das klar geworden, was Max ihr gerade noch mal vor Augen geführt hatte: dass Michael ihr eben nicht genug war. „Zwischen dir und Michael gibt es keine Parallelen“, sagte sie und ärgerte sich darüber, wie schwach ihre Stimme dabei klang. „Der große Unterschied besteht darin, dass ich mit Michael über ein Jahr lang zusammen war“, erklärte sie. „Und wir beide, du und ich … wir sind einfach gute Freunde, die ein einziges Mal miteinander geschlafen haben.“

„Dann findest du also auch, dass wir gut befreundet sind?“

Sie seufzte. „Von mir aus, wenn du das so sehen willst, … sind wir eben gute Freunde.“

„Danke, ich sehe das wirklich so. Und was Michael Cort angeht …“

„Über den gibt es nichts mehr zu sagen.“

„Abgesehen davon, dass du mit ihm eine Beziehung hattest und das mit mir nicht infrage kommt, stimmt’s?“ Er blickte sie an, aber sie schwieg. „Autsch“, sagte er leise.

Wie schaffte er es bloß immer, so vernünftig zu sein … und gleichzeitig so aufregend und sexy? Wie sollte sie sich da vor ihm schützen? „Ich möchte nicht weiter über Michael reden.“

„Also gut. Dann sag mir doch mal, warum dich diese Sache zwischen uns … überfordert, hast du gesagt? Und dass ich dir zu viel werde?“

„Das ist doch offensichtlich.“

„Erklärst du es mir bitte trotzdem?“

Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, versuchte sie es: „Na ja, ich … habe im Moment keine Zeit, mich durch irgendwelche Abenteuer ablenken zu lassen. Der Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, und ich …“ Herrje, was erzählte sie da eigentlich gerade?

„Und weiter?“, hakte er nach.

Sie stöhnte. „Na ja, in meiner Familie ist es so, dass alle genau wissen, was sie wollen. Und dann tun sie es eben. Mein Vater ist Englischdozent und Institutsleiter am College in Beaufort, Texas. Meine Mutter ist Kinderärztin, und mein großer Bruder Carlos leitet fünf Restaurants. Gut, sie müssen kein ganzes Land regieren, dafür leisten alle auf ihre Weise ihren Beitrag für die Gesellschaft. Alle haben einen Beruf, für den sie sich begeistern.“

„Dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen. Du liebst deinen Beruf doch auch und machst deine Sache dazu sehr gut.“

„Okay, ich kann wirklich gut mit Kindern umgehen und kümmere mich auch sehr gern um Trev und Ellie.“

„Aber eigentlich würdest du gern etwas anderes machen, oder?“

Lani verschränkte die Hände im Schoß und senkte den Blick. „Mein Vater hat sich gewünscht, dass ich auch Lehrerin oder Dozentin werde, genau wie er. Aber ich wollte immer schreiben. Er hat gemeint, dass ich doch beides miteinander vereinbaren könnte, und das stimmt natürlich. Aber ich hatte mir mein Leben anders vorgestellt, ich wollte nicht unterrichten. Darüber haben wir uns oft gestritten. Und ehrlich gesagt habe ich das Schreiben anfangs gar nicht richtig ernst genommen. Ich hatte damals meine Schwierigkeiten, darum hat es auch lange gedauert, bis ich mit dem Studium fertig war.“

„Schwierigkeiten?“

Warum hatte sie dieses Wort bloß in den Mund genommen? „Ach, nichts Besonderes.“

„Aha, du willst darüber nicht reden.“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Eltern hätten mir das Studium bestimmt finanziert, obwohl ich nicht das gemacht habe, was sie sich für mich vorgestellt haben“, fuhr sie fort. „Aber dafür war ich damals zu stolz, ich wollte es allein schaffen.“

„Damals nur?“, neckte er sie.

Ihre Wangen glühten. „Schon gut, das bin ich wohl noch immer. Jedenfalls habe ich damals Syd kennengelernt, und wir haben uns auf Anhieb wunderbar verstanden. Wie Schwestern. Ich bin bei ihr eingezogen und habe mich um ihren Haushalt gekümmert, um mir das College leisten zu können. Und als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, bin ich bei ihr geblieben und habe nebenbei an meinen Romanen geschrieben. Trotzdem hat es nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe, ich hatte keine Visionen. Die kamen erst, als ich nach Montedoro gezogen bin. Seit ich hier bin, weiß ich genau, welche Geschichten ich erzählen will. Auf einmal habe ich lauter gute Ideen und kann gar nicht mehr aufhören zu schreiben.“

Max lehnte sich vor und fixierte sie mit seinen graublauen Augen. „Und du denkst, dass ich dir das verbieten will, damit du jede freie Minute mit mir im Bett verbringst?“

„Ähm … nein. Natürlich nicht. Aber ich habe jetzt ein festes Ziel vor Augen, und das will ich unbedingt erreichen. Ich will endlich etwas aus mir machen.“

Immer noch betrachtete er sie intensiv. Und wie so oft wurde ihr dabei warm und ein bisschen flau in der Magengegend. Es kam ihr so vor, als wären sie sich unendlich vertraut. Seit der fatalen Neujahrsnacht befürchtete sie allerdings gleichzeitig, dass er inzwischen schon viel zu viel über sie wusste … und sein Wissen gegen sie verwenden würde, um sie zu manipulieren.

„Du wünschst dir, dass deine Eltern stolz auf dich sind“, sagte er. „Aber im Moment glaubst du, dass das nicht so ist.“

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Das habe ich so nicht gesagt.“

„Gleichzeitig ist es dir unangenehm, dass dir die Meinung deiner Eltern so wichtig ist“, fuhr er unbeirrt fort. „Weil du neunundzwanzig Jahre alt bist und meinst, dass du inzwischen über solchen Dingen stehen solltest. Aber das tust du nicht. Du hast Angst, dass die Klatschpresse dahinterkommt, dass wir etwas miteinander haben. Und dass deine Eltern dann Fantasiegeschichten darüber lesen, wie die Nanny mit dem Thronfolger gepoppt hat. Du hast Angst davor, dass sie dich dafür verurteilen … so, wie du dich selbst dafür verurteilst. Du befürchtest, dass sie jetzt schon auf dich herabsehen.“

„Das stimmt nicht. Meine Familie ist nicht so.“

„Außerdem hältst du an dieser absurden Idee fest, dass ich dich irgendwann satt bin und dann aus Montedoro verjage.“

Sie seufzte. „Okay, so, wie du das ausdrückst, hört sich das wirklich blöd an.“

„Prima. Es ist auch blöd. Ich habe dir doch mein Wort gegeben, dass das nie passieren wird. Und ich habe noch nie mein Wort gebrochen.“ Er runzelte die Stirn. „Du verschweigst mir doch noch etwas, oder?“, hakte er nach. „Etwas, das mit diesen sogenannten Schwierigkeiten zu tun hat, von denen du nicht genauer erzählen willst.“

„Das ist nicht so wichtig.“

„Doch, ist es wohl.“

Was geschehen war, lag inzwischen weit zurück. Bedeutend war nur, dass sie alles überstanden und hinter sich gelassen hatte. Und dass sie mit ihm nicht darüber reden wollte.

Plötzlich stand er auf.

Er hielt ihr die Hand hin. „Nimm meine Hand“, sagte er so bestimmt, dass sie gar nichts anderes tun konnte als genau das.

Sie legte ihr Finger in seine … und erschauerte. Ein heißes Kribbeln ergriff ihren Körper und berührte sie an ihrer intimsten Stelle. Ich muss ihm sagen, dass er mich loslassen soll, dachte sie. Stattdessen stand sie zitternd auf und betrachtete ihn benommen. Vor ihrem inneren Auge erschienen Bilder aus der Neujahrsnacht.

„Dass du dir wünschst, dass deine Eltern stolz auf dich sind – dagegen ist nichts zu sagen. Erst wenn du dein Leben nach ihrem Urteil ausrichtest, wird es gefährlich.“

„Sag mal … ist dir klar, dass du mich gerade ganz schön schulmeisterst?“

Er lächelte. „Habe ich da einen wunden Punkt getroffen? Übrigens müssen die meisten Schriftsteller mindestens dreißig werden, bevor sie ein vernünftiges Buch schreiben. Man braucht für so etwas Lebenserfahrung.“

„Willst du mir etwa Mut machen? Du bewirkst nämlich genau das Gegenteil.“

„Aber das war ein Lob! Du hast bisher fünf Bücher geschrieben, und das, obwohl du noch nicht dreißig bist. Eins davon ist in Ordnung, zwei sind ganz gut und die letzten beiden sind absolut fantastisch.“

„Inzwischen sind es sogar schon fünfeinhalb Bücher“, korrigierte sie ihn. „Und warum meinst du eigentlich, alle so genau einschätzen zu können? Du hast doch nur die letzten beiden gelesen.“ Er hatte sich ihr damals als Testleser angeboten und ihr viele wertvolle Hinweise gegeben. Allerdings vor der fatalen Neujahrsnacht.

„Außerdem hast du schon veröffentlicht.“

Das stimmte zwar, allerdings handelte es sich um E-Books. Als Weihnachtsgeschenk an sich selbst hatte sie ihre ersten drei Frauenromane im Selbstverlag herausgebracht. Die Bücher hatte sie noch vor ihrem Umzug nach Montedoro geschrieben. Bisher hielten sich die Verkaufszahlen stark in Grenzen.

Ihre nächsten Romane, die alle in Montedoro spielten, wollte sie im Dreierpack an einen größeren Verlag verkaufen.

Plötzlich wurde ihr klar, was er mit seiner Bemerkung hatte sagen wollen. „Hast du etwa die drei Romane gelesen, die ich als E-Book hochgeladen habe?“

Er zuckte mit den Schultern. „Deswegen hast du sie doch veröffentlicht, oder? Damit die Leute sie kaufen und lesen?“

In diesem Moment bekam sie weiche Knie. Das war auch völlig logisch: Dieser Mann war einfach unglaublich! Er war so sexy, dass sie ihm am liebsten die Kleidung vom Körper reißen und sich an ihn schmiegen würde. Dazu war Max ein wunderbarer Mensch. Immer wieder zeigte er ihr aufs Neue, wie sehr er sich für sie interessierte.

Sie versuchte den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken. „Max, ich …“ Weiter kam sie nicht. Es gab so vieles, was sie ihm sagen wollte, aber ihr fehlten die Worte.

Doch auf einmal spielten Worte keine Rolle mehr: In dem Moment, als er sanft ihr Kinn anhob, ihre Lippen mit seinen berührte … und damit all ihren Gedanken ein Ende bereitete.

3. KAPITEL

Max wusste sehr wohl, dass er mit seinem Kuss zu weit gegangen war.

Immerhin hatte er Lani versprochen, die Hände von ihr zu lassen. Und jetzt hob er mit einer Hand ihr Kinn und hatte die andere fest um ihre zitternden Finger geschlossen. Das war alles andere als fair.

Egal. Er wollte sie einfach nur küssen, und im Moment wehrte sie sich nicht mal dagegen. Also küsste er sie. Ganz vorsichtig und zärtlich, um sie nicht zu verschrecken, drückte er seine Lippen auf ihre.

Ein wohliger Schauer durchströmte seinen Körper. Ihre Lippen fühlten sich samtig und warm an und bebten leicht, genau wie ihre Finger. Statt den Kuss zu vertiefen, atmete er bloß ihren verlockenden Duft ein: eine Mischung aus Gardenien und Vanille mit einem Hauch Orange, die sich an ihrer Haut auf einzigartige Weise verband.

Lani, dachte er. Eigentlich hieß sie Yolanda Ynez, und ihr Name klang für ihn wie ein Versprechen. Er spürte ihre Körperwärme und ihre zarte Haut … sehnte sich danach, sie noch intimer zu berühren. So eine brennende Sehnsucht hatte er seit Jahren nicht mehr empfunden. Und er hatte es nicht für möglich gehalten, dass er je wieder so intensive Gefühle haben könnte.

Irgendetwas hatte sie an sich, das ihn in seinem Innersten ansprach. Die vergangenen vier Jahre war er wie ein Schatten seiner selbst durchs Leben gegangen, hatte zwar all seine Aufgaben perfekt erfüllt, sich dabei aber nicht wirklich gespürt.

Jetzt war das anders. Auf einmal ging er mit offenen Augen durchs Leben. Es war ein wunderbares Gefühl, und er wollte alles dafür tun, dass es so blieb.

„Max …“

Er spürte ihren Atem. Am liebsten hätte er sie immer weitergeküsst, stundenlang. Jahrelang, jahrzehntelang. Gleichzeitig wusste er, dass sie dazu nicht bereit war. Jedenfalls jetzt noch nicht. Also zog er sich wieder zurück. „Ich gebe dich nicht auf, das schwöre ich dir.“

Diesmal fand sie keine Antwort. Stattdessen nahm sie schweigend ihren Laptop und ging zur Tür. Er folgte ihr mit seinem Tablet.

Am folgenden Nachmittag war Lani mit Gerta und den vier Kindern im Garten: Gerta kümmerte sich um seinen Max’ Sohn Nick und seine Tochter Connie, und Lani war für Syd und Rules Sohn Trev sowie die einjährige Ellie zuständig.

Lani schnüffelte an dem Mädchen auf ihrem Schoß. Die Kleine brauchte eine neue Windel. Also stand Lani auf und schwang sich die Windeltasche über die Schulter. „Bis gleich!“

Gerta reichte ihr einen Schlüssel. „Geh doch in unsere Wohnung. Dann hast du es nicht so weit.“ Damit meinte sie das Apartment im Palast, das sie mit Nick und Connie bewohnte. Und mit Max.

Lanis Herz schlug schneller. Ob sie dort wohl auf ihn treffen würde?

Nicht, dass es eine große Rolle spielen würde. Außerdem war sie nicht zum ersten Mal in der Palastwohnung, manchmal vertraten Gerta und sie sich gegenseitig beim Aufpassen auf die Kinder. Daher kannte sie den direkten Weg ins Bad. Den wollte sie auch nutzen, Ellie dort schnell eine neue Windel anziehen und wieder verschwinden.

In der Palastwohnung war es still, als Lani aufschloss. Max war weder zu sehen noch zu hören. Erleichtert atmete sie auf.

Im Kinderbadezimmer hob sie die Windeltasche auf die lange Ablage aus Marmor, setzte sich Ellie auf die Hüfte und zog einige Waschlappen aus dem Regal neben der Badewanne. Dann breitete sie die Wickelunterlage auf der Ablage aus. Ellie kicherte und versuchte an Lanis Haaren zu ziehen, während sie das Kind auf die Unterlage legte.

„Hey, ganz ruhig bleiben, okay?“ Lani sah ihr in die Augen und reichte ihr einen Beißring in Apfelform.

Ellie ahmte ihren ernsten Gesichtsausdruck nach. „Okee.“ Dann fing sie an, darauf herumzubeißen und gab leise glucksende Laute von sich.

Lani drehte den Wasserhahn an. Gerade hatte sie das Windelbündel entsorgt und war dabei, das Kleinkind sauberzuwischen, da ertönte aus der Windeltasche eine bekannte Melodie. Es war der Klingelton, den sie ihrer Literaturagentin Marie zugeteilt hatte. Der Frau, mit der sie seit gut einem Monat zusammenarbeitete und die versuchte, Lanis Romane an einen Verlag zu verkaufen.

Ihr Puls überschlug sich fast. War wirklich ihr großer Moment gekommen? Der Moment, in dem sie erfuhr, dass es einen Verlag gab, der ihre Romane veröffentlichen wollte?

Wie dumm, dass sie ausgerechnet jetzt wortwörtlich alle Hände voll zu tun hatte …

Frustriert stöhnte sie auf und fuhr fort, Ellie sauberzuwischen. Ich rufe Marie einfach später zurück, sagte sie sich. Falls die Agentin wirklich ein Angebot für sie hatte, würde sich daran in den nächsten paar Minuten nichts ändern.

„Darf ich dir helfen?“, sagte plötzlich eine tiefe, männliche Stimme hinter ihr. Die Stimme, die sie seit Monaten in ihren Träumen verfolgte.

Langsam drehte sie sich um. Ihr gegenüber lehnte Max im Türrahmen, er trug eine graue Stoffhose und ein hellblaues Hemd. In diesem Moment hörte ihr Handy auf zu klingeln.

Verärgert funkelte sie ihn an. „Wie lange stehst du da eigentlich schon?“

„Ach, erst seit ein oder zwei Minuten.“ Er richtete sich auf und kam auf sie zu, völlig lässig und entspannt. „Ich war im Arbeitszimmer, da habe ich deine Stimme und Ellies Lachen gehört …“

„Gibst du mir mal den Waschlappen?“, forderte er Lani auf.

„Ich … wie bitte?“

„Ich brauche den Waschlappen.“ Mit seinen eleganten Fingern nahm er ihr das Stück Stoff aus der Hand. „So, jetzt kannst du zurückrufen.“

„Nein, schon gut. Ich mache das hier schnell fertig, kein Problem.“ Sie versuchte, ihm den Lappen wieder abzunehmen, aber er hielt ihn außerhalb ihrer Reichweite.

„Meinst du, ich weiß nicht, wie man ein Baby wickelt? Komm schon, ich habe doch selbst zwei Kinder.“

Ellie brabbelte unverständliches Zeug vor sich hin, dann kicherte sie.

„Da hörst du’s, Ellie sieht das auch so.“ Wie auf Stichwort brabbelte Ellie weiter. „Und jetzt erledigst du bitte deinen Anruf“, forderte Max sie erneut auf und hielt den Waschlappen unter fließendes Wasser.

Lani wusch sich die Hände und rief Marie zurück. Die begann sofort, aufgeregt auf sie einzureden. Irgendwo im dritten oder vierten Satz kam das ersehnte Wort „Angebot“ vor. Auf einmal fühlte sich Lani wie weggetreten. Wie durch eine dicke Watteschicht hörte sie Marie weiter auf sie einreden und betrachtete Max, der weiter Ellie versorgte. Und der dabei männlich und gleichzeitig liebevoll wirkte.

Marie sprach immer weiter. Lani konnte kaum glauben, was sie da hörte. Wie benommen erwiderte sie: „Wunderbar, alles klar.“ Dabei kam ihr alles ganz unwirklich vor, als wäre sie mitten am Tag in einem Traum gelandet.

Marie redete noch ein bisschen weiter, dann verabschiedeten sie sich.

Reglos stand Lani mit dem Telefon da.

Inzwischen war Max mit dem Wickeln fertig. Er setzte sich die Kleine auf die Schultern. Die Kleine zog ihn an den Ohren und gab unverständliche Laute von sich. Sie klang sehr zufrieden.

„Und?“, erkundigte er sich bei Lani.

Sie hatte Mühe, wieder in der Wirklichkeit anzukommen.

„Lani, was ist denn los?“, hakte er nach. Er wirkte besorgt.

Sie holte Luft, dann erzählte sie ihm, was sie verstanden hatte: „Das war meine Literaturagentin. Sie hat meine Bücher an einen Verlag verkauft. Und zwar für richtig gutes Geld.“

Max lächelte. So ein wunderschönes warmherziges Lächeln hatte sie noch nie auf seinem attraktiven Gesicht gesehen. Und dieses Lächeln galt ganz ihr. „Herzlichen Glückwunsch!“

Intuitiv ließ Ellie seine Ohren los und klatschte in die Hände.

Vorsichtig legte Lani ihr Handy auf die Ablage. „Moment, ich bin sofort wieder da.“

Max grinste.

Wenige Sekunden später lief Lani den Wohnungsflur hinunter. „Ja! Ja! Ja! Ja! Ja!“, rief sie. Kurz vor der Küche kehrte sie um und lief wieder zurück.

Max wartete im Bad auf sie. Er lehnte dort im Türrahmen und hatte Ellie auf dem Arm. „Na, alles gut?“

„Oh, ja!“ Am liebsten hätte sie ihn an sich gezogen und ihm einen dicken Kuss auf den Mund gedrückt, um ihn dann an der Hand in die Küche zu ziehen. Damit sie dort über alles reden konnten und … Sie zwang sich, diesen gefährlichen Gedanken nicht weiterzudenken.

„Nani, Nani …“ Ellie beugte sich zu ihr herüber.

Sie nahm das Kind auf den Arm. „Ich … gehe dann mal lieber wieder in den Garten. Gerta wartet schon auf mich.“

Obwohl Max immer noch lächelte, wirkte sein Blick auf einmal getrübt. „In Ordnung.“

Keiner von beiden rührte sich vom Fleck.

„Nani …“ Ellie tätschelte ihre Wange, dann wand sie sich unruhig hin und her. „Runter, Nani, runter!“

Jetzt erst konnte Lani den Blick von ihm lösen. „Ich muss jetzt los“, wiederholte sie. „Lässt du mich ins Bad? Ich muss noch die Windeltasche holen.“

Er holte die Tasche und reichte sie ihr.

Sie schwang sie sich über die Schulter und ging mit dem Mädchen aus dem Palast.

„Jetzt ist es endlich so weit“, sagte Sydney am nächsten Tag zu Lani. „Das ist dir doch wohl klar.“

Die beiden Freundinnen saßen am Küchentisch in Syds und Rules Villa und aßen ein spätes Lunch, während Trev und Ellie Mittagsschlaf hielten.

Ein einziger Anruf von Marie hatte alles verändert. Jetzt mussten sich Lani und Syd mit den Folgen auseinandersetzen.

Gerade Lani fiel das schwer. „Aber ich kümmere mich so gern um Trev und Ellie“, protestierte sie. „Außerdem habe ich nebenbei immer noch genug Zeit, um weiterzuschreiben.“

Darauf wollte Syd sich nicht einlassen. „Ach, komm schon, das weißt du doch selbst besser. Du musst jetzt dringend Kontakte herstellen und dich um den ganzen PR-Kram kümmern. Außerdem brauchst du endlich eine eigene Homepage, dann kannst du auch deine ersten drei E-Books besser verkaufen.“

„Wenn ich dich so reden höre, wird mir ganz schwindelig.“

„Aber das ist für dich doch nichts Neues, darüber haben wir zwei schon so oft gesprochen. Sobald du genug Geld zusammen hast, um ein Jahr lang vom Schreiben zu leben, wolltest du dich ganz auf deine Schriftstellerkarriere konzentrieren. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist es jetzt soweit.“

„Ja, schon, aber …“

„Aber was?“

Lani seufzte. „Aber es geht alles so schnell. Und was ist mit Ellie und Trev? Sie haben sich so sehr an mich gewöhnt, wie sollen sie sich jetzt plötzlich auf einen fremden Menschen einstellen?“

„Das klappt schon.“ Syd streckte die Hand nach ihr aus und fuhr ihr sanft durchs Haar. „Die zwei werden immer selbstständiger, und irgendwann führen sie ihr eigenes Leben.“

Lani zog die Nase kraus. „Das sagst du nur, um mich zu trösten. Dabei ist Trev erst vier, und Ellie trägt noch Windeln. Bis die zwei hier ausziehen, dauert es noch ein paar Jahre. Da könnt ihr mich noch lange gebrauchen.“

„Schon, aber du hast andere wichtige Aufgaben vor dir.“ Syd legte ihre Gabel hin. „Und jetzt hör auf, es mir so schwer zu machen. Ich lasse dich nämlich ungern gehen. Die beiden lieben dich sehr, und für uns gehörst du zur Familie.“

„Warum lassen wir es dann nicht erst mal so, wie es ist?“

Syd blieb standhaft. „Kommt nicht infrage. Du musst dich um deine Romane kümmern. Außerdem hast du ja nicht vor, nach Texas zurückzuziehen. Also kannst du Trev und Ellie immer besuchen. Sogar täglich, wenn du willst.“

„Natürlich will ich das. Ich hab die beiden lieb. Und dich auch.“

„Ich hab dich auch lieb“, sagte Syd. „Ganz doll sogar. Und ich freue mich so sehr für dich.“

Lani schluckte. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals, und ihre Augen brannten.

„Ach, Süße …“ Syd schob ihr eine Schachtel Taschentücher zu.

Lani tupfte sich die Augen ab. „So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Jetzt ist zwar mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen, aber trotzdem bin ich traurig.“

„Keine Angst, das wird schon. Manchmal ist es gut, sich zu verändern, das bringt einen weiter.“

Lani legte ihr Kinn auf die Hände. „Ich finde das alles immer noch unglaublich. Aber gut, ich bin einverstanden.“

Syd lachte leise. „Womit?“

„Damit, dass du dir eine neue Nanny suchst.“

„Wunderbar. Dann bist du ab heute gefeuert. Und ich passe so lange selbst auf meine Kinder auf, bis ich eine Nachfolgerin gefunden habe. Dazu bin ich nämlich sehr gut in der Lage.“ Früher hatte Syd in ihrer Anwaltskanzlei in Dallas immer bis spät in die Nacht gearbeitet, inzwischen nahm sie aber nur noch die Aufträge an, die sie interessierten, und konnte sich ihre Zeit flexibel einteilen.

„Außerdem ist Gerta wirklich toll“, fuhr sie fort. „Wenn ich ihr einen dicken Bonus gebe, passt sie bestimmt auch auf alle vier Kinder auf, wenn es eng wird.“

„Dann kann ich doch einspringen.“

„Du bist jetzt vollberufliche Schriftstellerin und wohnst auch bald woanders.“

„Schon gut. Dann suche ich mir jetzt eine Wohnung, vielleicht irgendwo in Monagalla …“ Der Bezirk lag im Südwesten und war als Touristenviertel bekannt, weil die Mieten dort nicht so hoch waren. Günstig wohnte man in Montedoro allerdings nirgends.

Syd schien ihre Gedanken zu erahnen. „Wenn ich dir anfangs finanziell ein bisschen unter die Arme greifen kann …“

„Auf keinen Fall. Ich habe genug Geld zurückgelegt, um die Zeit zu überbrücken, bis der Vorschuss eintrifft. Ich kriege bloß leichte Panik, wenn ich darüber nachdenke, was sich jetzt alles für mich verändert.“

„Das glaube ich sofort.“

Lani zog ihren Teller wieder zu sich heran. „Oje, Syd, ich glaube, ich bin reif für die Klapse. Das ist alles so aufregend … Und dann rechne ich fest damit, dass Marie jede Minute anruft, um mir zu erklären, dass das alles nur ein großes Missverständnis war.“

Syd nippte an ihrem Kaffee und stellte den Becher vorsichtig wieder ab. „Sag mal – ist da vielleicht noch ein Mann im Spiel?“

Fast hätte Lani sich an dem Stück Pommes verschluckt, das sie sich gerade in den Mund gesteckt hatte. „Huch! Wie kommst du denn plötzlich darauf?“

„So plötzlich ist das gar nicht. Irgendetwas liegt dir doch auf der Seele, seit Anfang des Jahres wirkst du irgendwie … anders. Ich habe dich schon mehrmals danach gefragt, und du bist mir bisher immer ausgewichen. Jetzt sag mir: Wer ist er?“

Lani hatte schon lange keine Kraft mehr, ihre beste Freundin anzulügen. Außerdem glaubte Syd ihr die Ausreden sowieso nicht mehr. „Na ja, ich habe Angst, dass du schockiert bist.“

„Jetzt hör aber auf! Wir sind doch seit Ewigkeiten befreundet. Du kannst mir erzählen, was du willst – das ändert nichts daran, dass du meine beste Freundin bist.“

Erneut schossen Lani die Tränen in die Augen. „Du bist die Beste. Das ist dir doch wohl klar, oder?“

„Dann sag mir endlich, was los ist.“

Die Worte lagen ihr auf der Zunge, also sprach sie sie einfach aus: „Ich habe in der Neujahrsnacht mit Max geschlafen.“

Syd riss ihre grünen Augen weit auf. „Meinst du etwa Maximilian, meinen Schwager?“

„Ganz genau. Maximilian, den Thronfolger von Montedoro.“

„Oh, Lani …“ Syd schüttelte den Kopf.

„Hab ich’s dir nicht gesagt? Ich hätte dir das nicht erzählen dürfen. Jetzt kannst du dir sicher sein, dass ich eine Schraube locker habe.“

Syd drückte Lanis Hand. „Nun hör aber auf.“

Lani umschloss Syds Finger. „Ich merke doch, dass ich dich schockiert habe.“

„Nein. Ich bin bloß etwas erstaunt.“

„Ganz schön, würde ich sagen.“

Syd sah ihr in die Augen. „Ich habe ja schon gemerkt, dass ihr euch gut versteht. Mir ist auch aufgefallen, dass er immer wieder einen Vorwand gesucht hat, in deiner Nähe zu sein. Wenn er gesehen hat, dass du und Gerta mit den Kindern im Garten wart, ist er immer dazugekommen. Eigentlich hätte ich von selbst darauf kommen müssen.“

„Aber wieso denn? Hier reden doch alle immer nur davon, wie sehr er seine Frau geliebt hat. Dass er nie wieder heiraten wird und keine andere jemals eine Chance bei ihm hat.“

„Bis er dich kennengelernt hat.“

Lani löste die Hand aus Syds Griff. „Wir waren nur eine einzige Nacht zusammen.“

Syd beugte sich zu ihr vor. „Hättest du gern mehr?“

Lani schwieg.

Aber ihre Freundin ließ nicht locker. „Tut er so, als wäre nichts zwischen euch passiert? Soll ich ihn mir vorknöpfen?“

„Meinst du, dass du’s mit ihm aufnehmen kannst? Er ist nämlich ziemlich fit.“

„Beantworte endlich meine Frage! Ignoriert er dich jetzt?“

„Nein, er verhält sich wunderbar. Gestern Abend hat er mich geküsst und mir versichert, dass er mich nicht aufgeben wird. Und das, obwohl ich alles daran gesetzt hatte, ihn zu verjagen.“

„Moment, ich verstehe überhaupt nichts mehr. Wie war das jetzt? Er würde sich gern weiter mit dir treffen, aber du hast kein Interesse?“

Lani seufzte. „Nein, ich bin völlig verrückt nach ihm.“

Syd betrachtete sie lange. Schließlich sagte sie: „Dann gib ihm eine Chance.“ Als Lani sie darauf nur schweigend anblickte, fügte Syd hinzu: „Die Situation ist doch ganz anders als vor elf Jahren.“

Lani wünschte, sie hätte ihrer Freundin nichts von der großen Dummheit erzählt, die sie mit achtzehn begangen hatte … und von den fatalen Konsequenzen, die das nach sich gezogen hatte. „Ich will nicht, dass mir noch mal jemand das Herz bricht.“

„Ich verstehe dich nicht. Du warst doch damals diejenige, die auf mich eingeredet hat, dass ich Rule wenigstens eine Chance geben soll – trotz der miesen Erfahrungen, die ich vorher mit Männern gemacht hatte. Aber du hast mich überzeugt, dass ich nicht immer nur auf Nummer sicher gehen darf, wenn ich etwas erreichen will.“

„Tja, im Moment fällt es mir schwer, meinem eigenen Rat zu folgen.“

„Denk mal darüber nach.“

„Hey, ich tue die ganze Zeit nichts anderes! Und das, obwohl meine Agentin gerade einen Verlag für mich gefunden hat und sich ein riesiger Traum erfüllt. Und trotzdem muss ich immer nur an diese Sache mit Max denken …“

Lanis neue Mietwohnung lag in einer alten Villa im Bezirk Monagalla. Es gab ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine winzige Kochnische. Vom Wohnzimmer ging ein zwei mal drei Meter großer Balkon ab. Von dort aus blickte man auf die Hügellandschaft hinter dem Haus. Lani hatte sich für diese Wohnung entschieden, weil sie das alte Gebäude so charmant fand. Außerdem konnte sie sofort einziehen, die Miete war bezahlbar, und der Weg zum Palast auch zu Fuß nicht zu weit.

Schon eine Woche nach Maries Anruf war sie hier eingezogen. Inzwischen wohnte sie seit zwei Tagen hier, aber erst heute hatte sie ihren Eltern am Telefon von ihrem Erfolg erzählt. Obwohl sie wusste, dass ihre Familie sich sehr für sie freuen würde, hatte sie das Telefonat lange vor sich hergeschoben. Ihre Eltern freuten sich tatsächlich. Und dann erzählten sie ihr davon, dass ihr Bruder Carlos und seine Frau Martina gerade ein Haus gekauft hatten und sich bald ein Kind wünschten. „Ist das nicht toll? Unser erstes Enkelkind!“, hatte ihr Vater geschwärmt.

Die Worte hatten Lani tief getroffen.

Jetzt war es weit nach Mitternacht, und sie lag schlaflos im Bett, starrte den Ventilator an und versuchte, den Kopf frei zu bekommen.

Stattdessen musste sie die ganze Zeit an Max denken.

Seit er Ellies Windel gewechselt hatte, waren sie sich nicht mehr begegnet. Neun Tage war das her.

Max hatte gar nicht versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Von wegen, er wollte sie nicht aufgeben! Offenbar hatte er inzwischen doch genug davon, sich von ihr abweisen zu lassen.

Mir soll das recht sein, sagte sie sich. So ist es besser.

Aber wem machte sie da eigentlich etwas vor? In Wirklichkeit war sie ein Feigling und hatte vor lauter Angst den wunderbarsten Mann vertrieben, der ihr je begegnet war.

Lani drehte sich auf die andere Seite. Es half nichts, sie konnte nicht schlafen vor Sehnsucht. Vielleicht sollte sie ihn anrufen?

Auf gar keinen Fall, sagte sie sich. Etwas Dümmeres konnte sie nicht tun.

Trotzdem – oder gerade deswegen – ließ der Gedanke sie nicht mehr los. Schließlich tastete sie auf dem Nachttisch nach ihrem Handy. Sie wählte seine Nummer aus und drückte die Verbindungstaste. Ohne darüber nachzudenken, dass es bestimmt nicht ihre allerbeste Idee war, ausgerechnet um halb zwei Uhr nachts den Kontakt wieder aufzunehmen.

Kein Wunder, dass Max nicht abnahm. Spätestens als seine Mailbox ansprang, hätte sie auflegen müssen. Aber sie wartete bis zum Ende der Ansage. „Hi, Max. Ähm, ich bin’s, Lani. Ja, ich weiß, wie spät es ist: fast zwei Uhr früh … Und wahrscheinlich hast du längst beschlossen, dass du dich lieber doch von mir fernhältst, darum hatte ich dich ja gebeten … Und das verstehe ich absolut. Ich meine … es ist doch völlig klar, dass du irgendwann keine Lust mehr darauf hast, auf mich zuzukommen, wenn ich mich so dämlich anstelle. Ich …“ Sie hielt inne und schloss beschämt die Augen. „Oje, was mache ich da eigentlich gerade? Es tut mir wirklich leid, dass ich dich belästigt habe. Überhaupt tut mir alles furchtbar leid. Gute Nacht!“ Sie unterbrach die Verbindung, legte das Mobiltelefon auf den Nachttisch und vergrub das Gesicht im Kissen.

Einige Sekunden lang lag sie einfach nur da und drückte das Kissen so fest wie möglich gegen Nase und Mund. Dann schleuderte sie es zur Seite und schlug die Bettdecke zurück. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, wollte sie jetzt wenigstens etwas Nützliches tun. Sie könnte sich überlegen, wie sie für ihre Romanserie werben sollte. Und sie brauchte dringend eine Homepage und musste einen Webdesigner finden.

Gerade wollte sie sich ihren Morgenmantel überziehen, da klingelte das Telefon.

Ihr blieb fast das Herz stehen.

Max.

Sofort ließ sie den Morgenmantel zu Boden gleiten und griff nach dem Telefon. „Ja, hallo?“

„Gerta hat mir erzählt, dass du nicht mehr für Rule und Sydney arbeitest.“ Er klang zurückhaltend, als würde er jedes Wort einzeln abwägen. Und trotzdem stockte ihr der Atem. „Ich habe auch gehört, dass du aus dem Palast ausgezogen bist.“

„Ja, das stimmt. Ich habe jetzt eine eigene Wohnung. Und es tut mir leid, dass …“

„Ich will keine Entschuldigungen von dir hören.“

„Oh, okay. Damit komme ich klar.“

„Damit kommst du also klar“, wiederholte er ruhig. Gleichzeitig klang etwas Finsteres in seiner Stimme mit.

„Ja.“

„Du kommst gut klar und arbeitest nicht mehr als Kindermädchen für meine Familie. Und du wohnst auch nicht mehr im Palast.“

Allmählich wurde Lani ärgerlich und hatte den Drang, sich zu verteidigen. Sie zwang sich, vernünftig zu bleiben. „Hör mal, ich habe keine Ahnung, was da eben in mich gefahren ist. Das war eine blöde Idee von mir, dich mitten in der Nacht anzurufen …“

„Absolut nicht.“

„Wie bitte?“

„Es war absolut richtig, dass du mich heute Nacht angerufen hast. Aber es war eine blöde Idee, einfach zu verschwinden.“

„Ich bin doch gar nicht verschwunden. Ich bin nur ausgezogen. Das werde ich ja wohl noch dürfen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.“

Er schwieg.

„Max?“ Hatte er jetzt etwa aufgelegt?

„Wo bist du gerade?“ Ganz leise und ruhig sprach er die Worte aus. Zärtlich klangen sie allerdings nicht.

„Max, ich …“

„Jetzt hör mir mal zu. Ich kann deine Adresse in null Komma nichts herausfinden. Dazu brauche ich nur Gerta zu fragen. Oder Rule. Außerdem habe ich noch anderen Möglichkeiten, an Informationen zu kommen. Aber die würde ich nie nutzen, weil du mir etwas bedeutest. Ich respektiere deine Privatsphäre. Also gibst du mir jetzt bitte die Adresse? Sonst leg auf, und ruf mich nie wieder an.“

„Setzt du mir etwa ein Ultimatum?“

„Entscheide dich, und zwar jetzt“, forderte er sie auf. Bisher hatte sie ihn als geduldigen Menschen erlebt. Nun klang er auf einmal ganz anders. Offenbar war ihr so liebenswerter, zärtlicher Prinz ein richtiges Miststück.

„Jetzt entscheide dich endlich, Lani“, sprach er in ihre Gedanken hinein.

Und dann nannte sie ihm ihre Adresse.

4. KAPITEL

Max war fuchsteufelswild, seit Gerta ihn informiert hatte, dass Lani nicht mehr Trevs und Ellies Kindermädchen war und außerdem in ihre eigene Wohnung gezogen war.

Durch eine Seitentür verließ er den Palast und ging die Landspitze Cap Royale hinunter, während die schmale Mondsichel am Himmel nur spärliches Licht spendete. Acht Minuten später war er in Lanis Straße angekommen.

Die Haustür der Villa war um diese Zeit abgeschlossen. Doch Lani wartete wie vereinbart im Vorraum. Sie öffnete, und er ging ins Haus. In ihrer Yogahose mit dem übergroßen Pulli darüber wirkte sie klein und zerbrechlich.

„Hier geht’s lang“, flüsterte sie ihm zu und wandte sich zur Treppe um.

Bevor sie weitergehen konnte, hielt er sie am Arm fest.

Sie fuhr zu ihm herum und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. „Max, was …“

„Neun lange Tage.“ Er zog sie an sich und neigte den Kopf, um ihr in die Augen zu blicken. „Neun Tage, in denen ich kein Lebenszeichen von dir hatte.“

„Ich dachte, das wäre besser so. Dass wir getrennte Wege gehen, meine ich.“

„Und ich dachte, dass zwischen uns etwas ganz Besonderes passiert wäre. Aber ich laufe auch nicht ewig hinter dir her. Als Gerta mir erzählt hat, dass du ausgezogen bist, war die Sache für mich erledigt. Für mich war das eine klare Ansage, darum wollte ich versuchen, dich zu vergessen. Bis du mich heute Nacht angerufen hast. Warum eigentlich?“

Lani holte vorsichtig Luft. „Komm, wir gehen erst mal nach oben.“

Doch er zog sie ruckartig an sich. Und erschauerte, als er den süßen Duft ihres Haars einatmete.

„Max …“ Es klang wie ein Flehen.

In diesem Moment hatte er erstaunlich wenig Mitgefühl und Verständnis für sie. Im Gegenteil, er wollte sie spüren lassen, wie grausam sie zu ihm gewesen war, indem sie einfach so aus seinem Leben verschwunden war.

Trotzdem musste er einsehen, dass sie recht hatte: Es war wirklich besser, wenn sie in ihrer Wohnung weitersprachen. Immerhin war er der Thronfolger von Montedoro, da sollte er lieber nicht mitten in der Nacht in irgendeinem Hausflur intime Gespräche führen.

Also ließ er sie los.

Ihm voran lief Lani zwei Stockwerke hoch. Die Tür zu ihrem Apartment stand offen, von innen fiel warmes Licht auf den Treppenabsatz. Sie wartete, bis er eingetreten war, dann schloss sie die Tür.

Das Wohnzimmer war klein und schlicht eingerichtet. Ein Sofa und zwei Stühle, der Schreibtisch stand vor einer Schiebetür.

Lani wies auf das Sofa. „Setz dich doch.“

Aber Max blieb neben der Tür stehen und durchbohrte sie mit seinem Blick. „Warum hast du mich vorhin angerufen?“

Sie wirkte verwirrt, vielleicht auch etwas verzweifelt. „Ich … konnte nicht anders.“

„Das reicht mir nicht als Erklärung.“

Doch statt einer Antwort schaute sie ihn nur mit ihren großen, feucht glänzenden Augen an.

In diesem Moment war er sich sicher, dass er sich diesmal wirklich zum Narren gemacht hatte. Schon wieder. „Aha, ich verstehe schon. Ich hätte nicht herkommen sollen.“ Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Schon gut, Lani. Dann machen wir von jetzt an, was du die ganze Zeit wolltest. Wir gehen uns aus dem Weg. Und jetzt lass mich bitte wieder raus.“

Sie schluckte hörbar. „Ich … oh, Max, bitte geh jetzt nicht!“

Eigentlich wollte er bei seinem Entschluss bleiben. Aber er konnte sich nicht von ihrem Anblick lösen. „Dann sag mir, warum ich hierbleiben soll.“

„Ich …“ Sie schluckte erneut. „Ich muss … dir ein paar Dinge über mich erzählen, Max. Und das sind leider keine besonders schönen Dinge.“ Dann gab sie ein schrilles Geräusch von sich, irgendwo zwischen einem Lachen und einem Schluchzen. „Okay, ich korrigiere: Diese Dinge sind noch viel schlimmer als ‚nicht so schön‘. Eigentlich dachte ich, dass ich mir das alles schon verziehen hätte. Aber seit mir in der Neujahrsnacht klar geworden ist, wie viel du mir bedeutest, bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Wie viel du mir bedeutest, hatte sie gesagt. Sollte er dieses Geständnis als Fortschritt werten? „Ich habe doch gewusst, dass du mir noch etwas verschweigst.“

„Eigentlich wollte ich es dir nie erzählen … weil ich nicht erleben wollte, wie enttäuscht du dann auf einmal von mir bist.“

Mutig streckte er die Hand nach ihr aus und strich ihr über die Finger. Es fühlte sich gut an, wie immer. „Dann setzen wir uns doch lieber erst mal hin“, schlug er vor.

Lani blinzelte. Sie wirkte benommen.

Vor dem Sofa legte er die Hände auf ihre schmalen Schultern und drückte sie vorsichtig nach unten. Dann setzte er sich neben sie und wandte sich ihr zu. Einen Arm legte er hinter ihr auf die Lehne, ein Bein zog er ganz auf die Sitzfläche.

Statt sich ihm zuzuwenden, starrte Lani weiter geradeaus. „Als ich achtzehn war, habe ich mich in den besten Freund meines Vaters verliebt. Er war fünfundvierzig Jahre alt und verheiratet … na ja, seine Frau und er lebten zu der Zeit schon getrennt, aber geschieden waren sie noch nicht. Er war Schriftsteller, Thomas McKneely hieß er.“

McKneely … der Name sagte Max etwas. Er hatte schon mindestens eines seiner Bücher gelesen und erinnerte sich, dass er seinen Stil geistreich und witzig fand.

„Thomas ist mit meinem Vater auf dem College gewesen. Als Autor war er genau so, wie ich eines Tages mal sein wollte. Er hat mehrere humorvolle Romane geschrieben, die alle in Texas spielen.“

„Ja, ich habe von ihm gehört.“ Max bemühte sich um einen neutralen Tonfall. „Und weiter?“

„Ich kannte Thomas seit meiner Kindheit und fand ihn immer toll. Und dann war er auch noch groß und gut gebaut. Er hatte einen wunderbaren Humor, war gebildet und intelligent. Er und seine Frau Allison waren oft bei uns eingeladen. In dem Sommer nach meinem Highschool-Abschluss hat er Allison verlassen. Er ist dann allein zu uns zum Essen gekommen, und irgendwie wirkte er auf einmal ganz … na ja, anders. So traurig und in sich gekehrt. Aber als er mich angeschaut hat, habe ich gleich gemerkt, dass er mich zum ersten Mal wirklich gesehen hat. Als Frau, meine ich.“

„Und dann hat er etwas mit der Tochter seines besten Freundes angefangen? So ein Mistkerl.“

„Er hätte bestimmt nichts mit mir angefangen, wenn ich ihm nicht so deutlich mein Interesse signalisiert hätte.“

„Ja, aber du warst doch kaum erwachsen.“

„In meinem Fall stimmt das wirklich. Im Nachhinein ist mir auch klar, dass ich mich in etwas hineingeritten habe. Ich war die Jüngste in unserer Familie, wurde nach Strich und Faden verwöhnt und bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass ich alles bekomme, was ich will.“

Sie fuhr fort: „Also habe ich mich mehrere Nächte hintereinander aus dem Haus geschlichen, um mich mit ihm zu treffen. Ich fand das alles unheimlich romantisch. Und ich war fest überzeugt, dass er sich von seiner Frau scheiden lassen würde, damit wir für immer zusammen sein können.“ Sie schlug sich die Hände vors Gesicht, dann ließ sie sie wieder sinken. „Ich war so jung und so unheimlich dumm. Trotzdem dachte ich, ich wüsste alles besser als meine Eltern.“

„Und was ist passiert?“

„Tja, mein Vater ist irgendwann dahintergekommen. Er hat mich erwischt, als ich mich wieder mal rausschleichen wollte. Dann hat er Thomas zur Rede gestellt. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Danach habe ich meinen Vater angeschrien, dass ich als erwachsene Frau doch wohl das Recht hätte, zu lieben, wen ich will.“

Max fehlten die Worte. Als er eine Hand nach ihr ausstreckte, wich Lani zurück.

„Nein“, flüsterte sie. „Lass mich die Geschichte erst zu Ende erzählen. Ich bin noch in derselben Nacht von zu Hause abgehauen und bei Thomas eingezogen. Ich dachte, dass wir einfach von unserer Liebe leben würden und dass er noch weitere tolle Romane schreiben und sie alle mir widmen würde. Aber was soll ich sagen? Er hat den ganzen Sommer nichts geschrieben, und ich bin auch nicht zum Studieren nach Iowa gegangen, wie ich das eigentlich vorgehabt hatte. Wir haben uns immer häufiger gestritten, er hat immer mehr getrunken, und ich habe schließlich nur noch geweint. Im Oktober hat er mir offenbart, dass er mich für eine verwöhnte Göre hält, die ihm nichts zu bieten hat. Und dann ist er zu seiner Frau zurückgekehrt.“

Lani sah Max an, ihr Blick wirkte trotzig. „Er war wirklich ein Mistkerl, aber was mich anging, hatte er recht. Ich bin wieder bei meinen Eltern eingezogen, weil ich nicht wusste, wo ich sonst hin sollte. Sie haben mir die Sache nicht nachgetragen. So sind sie nun mal.“

Am liebsten hätte Max diesem Thomas McKneely den Hals umgedreht. Allerdings erinnerte er sich vage, schon irgendwo einen Nachruf auf ihn gesehen zu haben. „Ich glaube, ich habe gelesen, dass McKneely inzwischen gestorben ist?“

Lani nickte. „Vor vier Jahren, an einer Hirnblutung. Allison war bis zum letzten Moment bei ihm. So eine tolle Ehefrau hatte er gar nicht verdient. Ein Jahr nach seinem Tod bin ich bei ihr vorbeigegangen, um mich für alles zu entschuldigen, was ich ihr angetan habe. Unglaublich, wie sie damit umgegangen ist. Sie meinte, dass das alles sehr lange her sei und dass ich das nicht weiter mit mir herumschleppen solle.“

„Eine wirklich tolle Frau.“

„Ja. Sie soll inzwischen wieder verheiratet sein und in Florida wohnen.“

Max wartete ab, ob Lani noch mehr zu erzählen hatte.

Das schien tatsächlich so zu sein: „Einen Monat, nachdem Thomas zu Allison zurückgekehrt war, stellte ich fest, dass ich schwanger war“, erzählte sie weiter.

Max fluchte leise.

Sie zuckte bloß mit den Schultern. „Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Also habe ich einfach … gar nichts unternommen. Ich habe niemandem davon erzählt und mich die meiste Zeit in mein Zimmer zurückgezogen. Meine Eltern waren völlig ratlos, sie wussten auch nichts von meiner Schwangerschaft. Erst als ich am Neujahrstag eine Fehlgeburt hatte, haben sie davon erfahren.“

Angestrengt suchte er nach tröstenden Worten. „Das tut mir so schrecklich leid, Lani …“

Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Meine Eltern haben sofort einen Krankenwagen gerufen und sind bei mir geblieben. Das Baby habe ich verloren, aber von der Fehlgeburt habe ich mich einigermaßen schnell wieder erholt. Jedenfalls körperlich. Mama und Papa waren ziemlich verletzt, weil ich ihnen nichts von meiner Schwangerschaft erzählt hatte, aber sie haben mir keine Vorwürfe gemacht.“

Lani hob den Kopf. In ihren Augen glänzten Tränen. „Sie waren die ganze Zeit für mich da und wollten mich überzeugen, mit einer Psychotherapie anzufangen. Aber dagegen habe ich mich geweigert. Ich habe mich so leer gefühlt, als wäre ich innerlich tot. Ich wollte nur noch sterben.“

Max ahnte, was als Nächstes kommen würde. „Lani, das ist ja schrecklich …“

Erneut bedeckte sie das Gesicht mit den Händen. „Ich hatte immer noch die Schmerzmittel, die sie mir nach meiner Fehlgeburt im Krankenhaus gegeben hatten. Die habe ich geschluckt, alle Tabletten auf einmal. Als meine Mutter mich gefunden hat, war ich schon bewusstlos. Sie hat sofort einen Krankenwagen gerufen. Eine Zeit lang war unklar, ob ich es schaffen würde. Aber wie du siehst, ist es noch mal gut gegangen.“

Sanft berührte er ihren Arm. „Sieh mich mal an.“

Endlich ließ sie die Hände sinken und blickte ihm in die Augen. „Danach war ich einige Wochen in einer Psychoklinik. Danach bin ich ein Jahr lang zu einem Therapeuten gegangen, der mir seelisch wieder auf die Beine geholfen hat.“

Wieder fehlten Max die Worte, also schwieg er. Stattdessen legte er ihr sanft einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. Diesmal wehrte sie sich nicht, sondern schmiegte sich an ihn. Er drückte die Lippen auf ihr Haar.

Kaum hörbar sagte sie: „Ich war mir so sicher, dass ich das alles verarbeitet hatte. Selbst wenn ich nie darüber hinwegkommen werde, dass ich damals mein Baby verloren habe. Ich dachte, ich hätte mir selbst endlich verziehen.“

„Aber es beschäftigt dich noch immer.“

Sie legte ihm eine Hand auf die Brust und schmiegte den Kopf unter sein Kinn. „Bei Syd und ihrer Familie hatte ich ein gutes Leben. Ich hatte das Gefühl, ein bisschen von ihrem Glück abzubekommen. Und ich habe ja auch ihre Kinder ins Herz geschlossen. Nebenbei habe ich meine Geschichten geschrieben, ohne ein großes Risiko einzugehen. Ich habe mich mit netten, ungefährlichen Männern wie Michael Cort getroffen. Und mich irgendwann wieder getrennt, weil meine Gefühle nicht gereicht haben. Aber dann …“ Sie blickte zu ihm hoch. „Dann warst du da …“

Er zog sie zu sich herunter, bis sie den Kopf wieder an seiner Schulter barg.

„Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, und das hat mir gutgetan. In deiner Nähe habe ich mich immer sicher gefühlt …“

„Aber dann kam die Neujahrsnacht, und auf einmal hat sich alles verändert.“

„Ja. Das hat mir Angst gemacht. So intensiv hatte ich erst einmal in meinem Leben für einen Mann empfunden. Und jetzt weißt du ja, wie das ausgegangen ist.“

„Ich würde mich dir gegenüber nie so verhalten wie er“, versicherte er ihr.

Sie legte den Kopf in den Nacken. „Natürlich nicht, du hast wirklich nichts mit Thomas gemeinsam. Ach, Max, ich würde es verstehen, wenn du mich jetzt hasst …“

„Wieso sollte ich das tun? Du hast ein paar Dummheiten gemacht, das passiert jedem. Aber inzwischen hast du dich weiterentwickelt. Mich stört das überhaupt nicht. Ich bin nur froh, dass du mir davon erzählt hast.“

„Na ja, aber …“

„Was denn?“, hakte er nach.

„Ach, Max, jetzt ist dir bestimmt klar, warum ich es für besser halte, wenn wir getrennte Wege gehen?“

Was sagte sie da? Ausgerechnet jetzt, wo sie sich ihm endlich geöffnet hatte? „Mir ist überhaupt nichts klar.“ Er drückte sie sanft. „Ich will nicht, dass wir getrennte Wege gehen. Ich will bei dir bleiben.“

Sie schnappte nach Luft. „Bist du ganz sicher?“

„Ja, absolut.“

Sie lachte leise, aber es klang freudlos. „Dann hast du wohl den Verstand verloren. Ich bin doch völlig durchgeknallt. Schön ist das jedenfalls nicht.“

„Stimmt, du bist wirklich etwas durchgeknallt. Aber du bist auch wunderschön.“

Sie schüttelte demonstrativ den Kopf. „Was soll das denn heißen? Dass ich notfalls immer noch mit meinem Aussehen punkten kann?“

Darüber musste Max grinsen. Dann wurde er wieder ernst. „Es bedeutet mir viel, dass du mir endlich so weit vertraut hast, mir von Thomas zu erzählen. Jetzt musst du aber aufhören, vor mir wegzulaufen.“

„Ich habe solche Angst davor, alles kaputtzumachen. Und dann mache ich wirklich alles kaputt …“

„… indem du Reißaus nimmst.“

„Genau so ist es.“

„Dann hör bitte auf damit.“

„Ja. Das verspreche ich.“ Sie lachte nervös. „Ist denn jetzt alles wieder in Ordnung?“

Er schob die Finger in ihr dickes Haar, bis er ihren zarten Nacken spürte. „Ja, alles ist bestens.“ Und dann zog er sie an sich.

Sie kam ihm entgegen, mit ihrem magischen Duft nach Gardenien und Orangen. Ihre weichen Brüste streiften seinen Oberkörper – es war wie ein leises Versprechen. „Oh, Max …“

Er presste den Mund auf ihren. Seufzend öffnete sie die Lippen, sodass er ihren süßen Geschmack kosten konnte. Dann schlang er die Arme fest um sie und küsste sie lange und intensiv. Hier, auf diesem alten Sofa in ihrem spärlich eingerichteten Wohnzimmer.

„Leg dich hin“, raunte sie ihm zu.

„Ich kann leider nicht hierbleiben“, brachte er widerwillig hervor.

„Das weiß ich doch.“

„Die Neujahrsnacht war wunderschön“, sagte er heiser. „Aber ich will, dass wir uns beim nächsten Mal mehr Zeit nehmen. Am besten den ganzen Abend.“

„Okay. Ja.“

„Ich liebe es, wenn du dieses Wort sagst.“

„Dann sage ich es gleich noch mal: Ja, ja, ja, ja, ja. Aber wie geht es jetzt weiter? Willst du nicht noch ein kleines bisschen hier bleiben?“

Die Versuchung war einfach zu groß. Also ließ er sich nach unten ziehen und streckte sich neben Lani auf den Sofakissen aus.

Sie richtete sich auf und streifte schnell erst sich und dann ihm die Schuhe ab.

Er zog sie wieder an sich, bis sie auf ihm lag.

Ihre Augen leuchteten, als sie ihn ansah. „Du warst so wütend auf mich, als du hergekommen bist. Ich war mir sicher, dass jetzt alles vorbei ist. Weil ich den Bogen überspannt habe.“

„Aber jetzt bin ich nicht mehr wütend. Und ich bin hier bei dir“, raunte er ihr zu und strich ihr über das Haar.

„Ich hätte gern, dass du am Sonntag mit mir und meiner Familie frühstückst.“ Das war eine Familientradition: Max und seine acht Geschwister frühstückten jeden Sonntag zusammen im Palast, wenn sie es irgendwie einrichten konnten. In den vergangenen Jahren waren auch einige Ehepartner und Kinder dazugekommen.

Lani wich ein Stück zurück, und er erkannte, wie sie das Gesicht verzog. „Ich weiß nicht … was soll denn deine Familie denken?“

„Ach, die freut sich bestimmt mit mir, dass ich endlich wieder einen besonderen Menschen an meiner Seite habe.“

Sie barg den Kopf an seine Brust. „Deine Mutter ist einfach nur toll. Aber irgendwie habe ich auch einen Heidenrespekt vor ihr.“

„Das brauchst du nicht.“

„Ach, komm schon. Sie soll die beste Herrscherin sein, die Montedoro in den letzten fünfhundert Jahren hatte.“

„Das ist sie auch.“

„Außerdem ist sie wunderschön und sehr intelligent. Da ist es doch nur normal, dass ich ein bisschen eingeschüchtert bin.“

„Wenn sie uns zusammen sieht, freut sie sich bestimmt. Da ist sie wie alle anderen Mütter auch: Sie wünscht sich, dass ihre Kinder glücklich sind.“

„Aber dir muss doch klar sein, dass das Ganze auch unangenehm werden kann. Wenn ich mit dir zum Frühstück komme, weiß jeder, dass du etwas mit dem Kindermädchen angefangen hast.“

„Das bist du doch gar nicht mehr. Außerdem spielt das für mich keine Rolle.“

„Max … ich bin völlig verrückt nach dir!“

Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. „Darauf kommen wir noch zurück. Aber erst mal gehen wir essen, und zwar heute Abend. Ich lade dich ein.“

„Wird das ein echtes Date?“

„Ganz genau. Um sieben hole ich dich ab.“

Diesmal widersprach sie ihm nicht. Stattdessen hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Ja, Hoheit“, flüsterte sie ihm zu.

Er drückte sie an sich. „Die ganze Welt soll sehen, dass wir zusammen sind“, sagte er. „Und jetzt küss mich noch mal.“

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