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BIANCA EXTRA BAND 2

TINA LEONARD

Das Paradies in deinen Armen

Bailey fürchtet: Michael wird nie so für sie empfinden wie sie für ihn. Höchstens wird er ihr aus Pflichtgefühl einen Antrag machen, wenn sie ihm die Folgen ihrer heimlichen Affäre anvertraut – oder?

ABIGAIL STROM

Holly und der Bad Boy

Holly sieht noch umwerfender aus als damals auf der Highschool, findet Alex McKenna. Nur leider scheint sie immer noch fest davon überzeugt, dass er und sie einfach nicht zusammenpassen …

CINDY KIRK

Ein Mann, ein Ring und mehr …

„Wir haben gestern Abend geheiratet?“ Travis und Mary Karen sind sich einig: Das war ein Fehler! Doch kurz bevor ihre Spontanehe annulliert werden soll, macht Mary Karen eine unerwartete Entdeckung …

TRACY MADISON

Rebeccas Geheimnis

Rebecca traut ihren Augen nicht: Seth Foster steht unangemeldet bei ihr vor der Tür! Wie hat der attraktive Air Force Captain nur herausgefunden, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt?

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Das Paradies in deinen Armen

1. KAPITEL

„Ich habe Michael schon immer geliebt“, flüsterte Bailey Dixon, als sie im Schlafzimmer vor dem Spiegel stand und sich von Kopf bis Fuß betrachtete.

Ihm direkt konnte sie das nicht sagen, denn Michael liebte sie nicht. Er wäre aus allen Wolken gefallen, wenn sie zur Nachbarranch gefahren wäre und ihn mit dieser Wahrheit überfallen hätte.

Michael, es ist an der Zeit, dass wir unsere Affäre mit einem Verlobungsring offiziell machen?

Michael Wade mochte weder Ringe noch feste Beziehungen. Als attraktiver, wohlhabender Junggeselle wäre er für jede unverheiratete Frau in Fallen in Texas ein guter Fang gewesen. Und Michael Wade ließ sich nicht einfangen.

Bailey hatte riesige Angst davor, ihn zu verschrecken. Seit sechs Monaten lebte sie jetzt schon im Paradies auf Erden – in Michaels Armen, nachts. Die Affäre hatte fast zufällig begonnen, als er sich ein Fußgelenk gebrochen hatte. Da ihr klar gewesen war, dass ihr Nachbar so gut wie keine Lebensmittel vorrätig hatte, war sie mit einem Braten und etwas Suppe zu ihm gegangen. Ganz unauffällig hatte sie sich in sein Leben geschlichen und wollte den wilden Cowboy unbedingt zähmen.

Sie fragte sich nur: Kann ich es auch?

Michael Wade wusste, dass er als Einzelgänger galt und ihm seine Persönlichkeit eher wenig Freunde einbrachte. Er arbeitete hart, ging selten aus und interessierte sich nicht dafür, mit den anderen unverheirateten Männern aus Fallen durch die Bars zu ziehen. Trinken und Feiern waren nicht sein Ding – nicht nach einem langen Tag auf der Ranch, die seit dem Tod seines Vaters ihm gehörte.

Seine Mutter war schon lange davor verschwunden, weil sie es nicht mehr ertragen hatte, dass ihr Ehemann unter seiner unerwiderten Liebe zu Polly Dixon von nebenan litt. Jedenfalls hatte Michael das von einem Mitschüler der Highschool gehört. Michael hatte der Auszug seiner Mutter sehr weh getan, mittlerweile dachte er selten daran. Er genoss seine Freiheit und legte auf Frauen allgemein keinen besonderen Wert.

Nicht einmal auf Bailey Dixon, die immer diesen sanften, hoffnungsvollen Blick bekam, wenn er sie in sein Bett zog. Vielleicht verhielt er sich nicht wie ein Gentleman, weil er mit ihr schlief, ohne mehr als körperliches Vergnügen zu wollen. Vielleicht sollte er sie zum Rückwärtsgang auffordern, wenn sie das nächste Mal bei ihm auf der Ranch vorbeikam.

Das Problem war, dass er ungern auf ihr keckes Lächeln verzichten wollte. Und auf ihren zierlichen, aber kurvenreichen Körper. Ihm gefiel, dass sie nichts von ihm verlangte. Das erleichterte es ihm, sein durchaus vorhandenes schlechtes Gewissen zu ignorieren. Manchmal fragte er sich nämlich, ob er seinem unsensiblen Vater nicht doch recht ähnlich war in seiner Leidenschaft für Frauen der Familie Dixon.

Außerdem ärgerte ihn an diesem kalten Februartag, dass er mehr als einmal an Bailey dachte. Vielleicht sogar insgesamt zwanzigmal. Er ertappte sich dabei, wie er zu ihrem windschiefen viktorianischen Haus hinüberschaute und sich fragte, was sie wohl gerade tat.

Jetzt war sie seit zwei Wochen nicht mehr bei ihm gewesen, und er war versucht, sie einfach anzurufen und zu fragen, wo zum Teufel sie abblieb.

Aber irgendetwas sagte ihm, dass das keine besonders charmante Einladung ergeben würde. Noch nie hatte er sie in sein Bett bitten müssen.

Er seufzte, blickte ein letztes Mal zu Baileys Haus hinüber und wendete sein Pferd.

Nein, diese Frau würde er nicht zu nahe an sich herankommen lassen.

Auf gar keinen Fall.

„Du erkennst mein Problem“, sagte Bailey zu ihrem älteren Bruder.

„Ich habe dir von Anfang an gesagt, du sollst dich nicht mit ihm einlassen. Er heiratet dich sowieso nicht!“, erwiderte Brad säuerlich. „Ich sollte hinübergehen und ihm den Schädel einschlagen oder ihn auf der Stelle abknallen.“

„Nein, das wäre nicht sehr nett.“ Bailey stellte ein Glas Milch auf den Tisch für das jüngste der sieben Dixon-Geschwister, das sie und Brad neugierig ansah, während sie versuchten, sich so zu unterhalten, dass die Kinder sie nicht gut verstehen konnten.

Bailey war fünfundzwanzig und Brad sechsundzwanzig. Außer ihnen hatten ihre Eltern noch fünf Nachzügler bekommen, die jetzt fünf, sechs, sieben, acht und neun Jahre alt waren. Ihre Mutter Polly war mit einundvierzig an Krebs gestorben, ihr Vater Elijah wenig später an gebrochenem Herzen.

Ihre Eltern hatten ihnen zwar viel Liebe mitgegeben, aber kaum Geld hinterlassen. Bailey und Brad zahlten noch immer die Erbschaftssteuer ab. Als Ältester hätte Brad das Oberhaupt der Familie verkörpern sollen, aber diese Aufgabe überließ er meistens Bailey. Jetzt wurde ihr Leben noch beschwerlicher, denn schon bald würden sie ein weiteres hungriges Maul füttern müssen.

Sie wusch weiter ab. „Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse! Ich spreche mit ihm, sobald die Gelegenheit günstig ist.“

„Die Zeit rast. Warte nicht zu lang.“

„Brad, bitte! Ich weiß noch nicht einmal, wie ich es ihm beibringen soll …“ Sie schaute durchs Küchenfenster zu dem soliden Haus aus rotem Backstein hinüber, das Michaels Vater hatte bauen lassen.

Sie musste sich entscheiden. Sie konnte Michael von dem Baby erzählen, und zweifellos würde er sich wie ein Ehrenmann verhalten. Gleichzeitig wollte sie ihn zu nichts zwingen. Das bisschen, das sie von Michael hatte, wollte sie nicht verlieren. Er soll sich freiwillig zu mir bekennen – mit Körper und Seele, Herz und Verstand.

Als Brad die Küche verließ, nahm Bailey es kaum wahr, denn in Gedanken war sie auf der Nachbarranch. Und plötzlich kamen ihr die Tränen.

„Machst du heute was?“ Chili Haskins drehte sich zu seinem Kollegen um.

Entrüstet erwiderte Curly Monroe den Blick. „Sollte ich!?“ Er machte es sich auf dem Holzzaun etwas bequemer.

Fred Peters kratzte sich das Kinn. „Im Rentenalter sind wir aber noch nicht wirklich.“

„Wir könnten Michael etwas mehr helfen“, schlug Chili vor. „Er hätte uns ja nicht weiter beschäftigen müssen, als sein Pa gestorben ist. Wir könnten mehr tun, als in die Luft zu glotzen.“

Von ihrem Aussichtspunkt schauten sie auf das große Haupthaus der Ranch Walking W.

„Ganz schön viel Platz für einen einzelnen Mann“, stellte Fred fest.

Die drei Männer fixierten das altersschwache viktorianische Haus auf dem Hügel gegenüber.

„Sie war lange nicht mehr hier“, sagte Chili nach einer Weile.

„Vielleicht hat er sie verjagt!?“, meinte Curly.

Das war gut möglich. Michael legte keinen großen Wert auf Gesellschaft, erst recht nicht auf weibliche. Ab und zu plauderte Michael mit den drei alten Cowboys, aber soweit sie wussten, waren Baileys nächtliche Stippvisiten die einzige Ausnahme in Michaels Einsiedlerdasein.

„Du könntest ihn beiläufig fragen“, schlug Fred vor, „ob er Bailey in letzter Zeit mal gesehen hat. Als wüsstest du es nicht.“

„Er könnte mir beiläufig in den Hintern treten!“, gab Chili empört zurück.

Die drei schwiegen einige Minuten lang, bis Michael auf die Veranda kam. Er blickte erst zum wolkenlosen Himmel hinauf und dann zum Nachbarhaus hinüber. Als er bemerkte, dass die drei Männer ihn beobachteten, winkte er ihnen zu und verschwand wieder.

„Wenn er sie verjagt hat, bereut er es vielleicht schon“, sagte Chili.

„Er mochte das Mädchen, das habe ich ihm angesehen“, flüsterte Curly.

Fred setzte sich auf. „Vielleicht können wir ihm ein bisschen auf die Sprünge helfen.“

„Wir sind Cowboys und keine Partnerschaftsvermittler“, brummte Chili.

Fred schüttelte den Kopf. „Ich will mich nützlich machen. Ich werde Michael helfen.“

Curly lehnte sich zurück. „Wenn die beiden sich gestritten haben, beißen wir uns an Bailey die Zähne aus, das kann ich euch sagen.“ Sie kannten Bailey, seit sie ein Baby gewesen war. Sie zu etwas zu bringen, was sie nicht selbst wollte, würde verdammt harte Arbeit werden.

Den Männern entging nicht, wie sich die Gardine an der Westseite des Hauses leicht bewegte.

„Er wartet auf sie!“, verkündete Curly fassungslos.

„Stimmt.“ Fred klang ebenso ungläubig. „Sieht so aus, als hätte es ihn schwer erwischt!“

Kurz darauf hielt ein schwarzer Truck vor dem Dixon-Haus. In High Heels und einem hübschen Kleid eilte Bailey heraus und stieg ein, bevor ihr Besucher auch nur läuten konnte. Der Truck fuhr davon.

„Wozu holt Gunner King sie denn ab?“, fragte Chili.

Fred öffnete seine Augen weit. „Ich habe noch nie gesehen, dass er jemandem die Wagentür öffnet! Und habt ihr mitbekommen, wie kurz Baileys Kleid war?“

Curly blinzelte heftig. „Ich kann nur hoffen, dass der Boss es nicht gesehen hat.“

Das wäre nicht gut, denn die beiden Rancher Michael und Gunner waren auch so schon verfeindet genug. Die Cowboys erstarrten, als Michael herauskam und zur Scheune ging. Sekunden später tauchte er auf seinem Pferd wieder auf und galoppierte davon.

„Er hat es gesehen.“ Seufzend sprang Chili vom Zaun. „Jungs, es gibt Arbeit. Falls Michael uns allerdings erwischt, schickt er uns sofort ins Altersheim!“

„Mir gefällt es hier. Wir dürfen seine Küche benutzen und das Wohnzimmer. Ich schätze den Großbildfernseher!“, erwiderte Curly.

„Michaels Vater hat uns damals angeheuert und ausgebildet, obwohl wir noch grün hinter den Ohren waren“, sagte Chili über die Schulter. „Er hat uns auch in den mageren Jahren behalten. Er hat uns immer anständig behandelt. Wir sind die Einzigen, die seinem Sohn jetzt helfen können. Wir wissen, dass er glücklich war, wenn Bailey bei ihm war, und dass er es nicht mehr ist, seit sie sich nicht mehr bei ihm blicken lässt.“ Chili drehte sich zu den anderen beiden um. „Wir müssen verhindern, dass Michael so endet wie sein armer Pa.“

„Verbittert und geizig.“

„Dann schon lieber das Altersheim“, meinte Curly. „Ich lasse mir was einfallen“, versprach Chili.

Sie wussten, was ihnen bevorstand. Sie waren es dem alten Wade schuldig, seinen Sohn zu seinem Glück zu zwingen.

2. KAPITEL

Michael empfand keine Eifersucht, weil Bailey mit Gunner King unterwegs war. Zu so einem Gefühl würde er sich nie herablassen. Offensichtlich zog Bailey ihm ausgerechnet seinen Rivalen vor, und das war ihr gutes Recht.

Er lehnte sich im Sattel zurück. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Bailey sich mit anderen Männern einließ, solange sie beide miteinander ins Bett gingen. Mehr war es doch nicht – eine Bettgeschichte. Aber bedeutete es, dass sie nicht mit anderen Leuten ausgehen durften? Er selbst hatte bisher nie das Bedürfnis danach verspürt und sich diese Frage daher nie gestellt. In keiner Sekunde hatte er daran gezweifelt, dass er der einzige Mann in Baileys Leben war. Sie schien das allerdings nicht so zu sehen.

Falls sie ihn eifersüchtig machen wollte, würde sie keinen Erfolg haben. Seine eigene Mutter hatte schon vergeblich versucht, seinen Vater eifersüchtig zu machen, indem sie Gunners geschiedenem Vater Sherman King schöne Augen gemacht hatte. Es war nicht aufgegangen, denn ihr Ehemann hatte seine Gefühle im Griff gehabt – genau wie ihr Sohn jetzt.

Langsam ritt er zu seinem Haus zurück und dachte dabei an Baileys Mutter. Polly Dixon hatte ihren nichtsnutzigen und leidenschaftlich malenden Ehemann über alles geliebt. Nie hätte sie mit seinen Gefühlen gespielt. Michael hatte oft genug gehört, wie die Cowboys über ihren Nachbarn lachten, weil er die morsche Veranda nicht reparierte und seinem Haus nicht den dringend benötigten neuen Anstrich verpasste. Nein, Elijah Dixon muss andere Qualitäten besessen haben. Wie schaut’s mit meinen aus, wenn Bailey jetzt mit einem anderen ausgeht?

Er ritt ums Haus herum und schaute zum Nachbargrundstück hinüber. Bailey und Gunner kamen gerade zurück. Der Kerl half ihr auf die Veranda und zog ihren Mantel zu, um sie vor dem kalten Februarwind zu schützen.

Michael biss die Zähne zusammen, als Gunner einen Arm um Bailey legte. Hatte sein Vater sich genau so gefühlt, als seine Mutter mit Sherman King geflirtet hatte? Kein Wunder, dass er ein mürrischer alter Mann geworden war! „Bin ich etwa eifersüchtig?“, murmelte er, als er sein Pferd absattelte.

Bailey war so eigensinnig, wie ihre Mutter es gewesen war. Sie würde tun, was sie wollte, und wenn sie ihn für Gunner sitzen ließ, konnte er nur hoffen, dass das mulmige Gefühl in seinem Bauch sich bald legte.

Als er die Scheune verließ, schaute er nicht wieder hinüber, sondern zu Boden. Deshalb sah er auch nicht, dass die Rodeo Queen auf seiner Veranda stand, in den Händen einen frisch gebackenen Kuchen.

„Michael!“, rief Deenie Day freudig. „Ich habe mich schon gefragt, wo du steckst!“

„Ich war reiten“, erwiderte er kurz angebunden, denn ihm gefiel nicht, dass sie vor seiner Tür stand. Für ihn würde Deenie immer nur die Rodeo Queen bleiben. Die dauergewellten Haare bildeten auf ihrem Kopf eine zu groß geratene Krone und waren zu jeder Tageszeit von einer vermutlich ziemlich giftigen Wolke aus Haarspray umgeben. Außerdem lächelte Deenie pausenlos.

„Zum Reiten ist es viel zu kalt, Honey!“, rief sie so laut, dass es auf der Nachbarranch zu hören war. „Lass uns reingehen, und wärme dich auf mit meinem leckeren Kuchen.“ Sie drückte seinen Bizeps. „Ich will wissen, ob der Weg ins Herz eines Mannes nicht vielleicht durch seinen Bauch führt“, sagte sie und tätschelte ihn dort.

Er hatte keine Lust auf Deenies Pfirsichkuchen. Die Rodeo Queen wollte ihn ködern, aber der Bissen war ihm ein paar Nummern zu groß. Es gab keinen Weg in sein Herz.

Nebenan rannten fünf junge Dixon-Kinder jubelnd auf ihre geliebte Bailey zu, als wäre sie nicht eine einzige Stunde, sondern jahrelang fort gewesen.

„Was für ein wilder Haufen!“, rief Deenie. „Der Lärm würde mich verrückt machen.“

Er hörte ihr kaum zu, obwohl sie es an Lautstärke durchaus mit den Kindern aufnehmen konnte. Er beobachtete, wie Gunner den kleinsten Dixon auf die Arme nahm und die anderen davon abhielt, sich auf Bailey zu stürzen. Sie und Gunner schauten interessiert herüber, und obwohl er es wirklich nicht wollte, ließ er sich von einer perfekt manikürten Hand in sein Haus ziehen.

„Du setzt dich jetzt hin“, säuselte Deenie. „Ich stelle das hier in die Mikrowelle, damit es richtig heiß ist.“

Michael starrte in ihre strahlenden Augen und wusste, dass er ein echtes Problem hatte. Ihr schwebte mehr vor als ein Stück heißer Kuchen, und er Idiot hatte sie auch noch hereingelassen.

Bailey konnte nicht fassen, dass sie sich vor Gunner übergeben hatte. Es war so erniedrigend! Sie hatte gehofft, die Übelkeit unterdrücken zu können, bis sie über sein Jobangebot gesprochen hatten. Vier Stunden täglich als Sekretärin in seinem Büro zu arbeiten, würde ihr ein Einkommen verschaffen, das sie dringend brauchte. Und vor allem würde es ihr erlauben, in der Nähe ihrer kleinen Geschwister zu bleiben.

Brad kümmerte sich zwar rührend um die Kinder, zumal er sie dabei zeichnen und malen konnte, aber fünf Knirpse unter zehn Jahren konnten ganz schön anstrengend sein. Sie hatten beschlossen, dass sie sich Gunners Büro einmal ansehen und sich erklären lassen würde, was sie dort tun sollte.

Aber keine zehn Minuten, nachdem sie seine Villa betreten hatte, war ihr schlecht geworden. Die Köchin hatte Würstchen und Tacos für die Ranchhelfer zubereitet, und Bailey hatte es gerade noch ins Badezimmer geschafft.

Danach brachte Gunner sie nach Hause und half ihr auf das verschlissene Sofa.

Gunner musterte sie besorgt. Sie musste etwas zu ihm sagen. So übel war ihr bisher noch nie gewesen. Vielleicht sollte sie dem Kondomhersteller schreiben, dass er sein Produkt besser nicht derart anpreisen sollte. Sie könnte Gunner erzählen, dass sie etwas gegessen hatte, das ihr offenbar nicht bekommen war. Aber schon bald würde der sich fragen, warum sich unter ihrem Mantel eine Beule abzeichnete.

„Gunner, ich glaube nicht, dass ich die Richtige für den Job bin“, begann sie. „Ich finde es wirklich nett von dir, dass du uns helfen willst.“ Gunner und alle anderen wussten, welch großes Problem die Erbschaftssteuer bedeutete. „Es ist nur so, dass ich … schwanger bin“, flüsterte sie und brachte es nicht fertig, ihn dabei anzusehen.

Brad scheuchte die Kinder hinaus. Gunner kniete sich vor Bailey und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. „Lass uns später darüber reden. Du gehörst ins Bett. Und lass mich dir helfen. Du kannst dich nicht gleichzeitig um das Haus, die Kinder und das Finanzamt kümmern.“

Vor Verlegenheit brachte sie kein Wort heraus.

„Es ist von Michael, nicht wahr?“

Sie zwang sich, den Kopf zu heben. „Woher weißt du das?“

„Glaubst du, mir ist entgangen, wie er mich vorhin angesehen hat? Wenn Blicke töten könnten …“

„Ihr beide seid seit Jahren verfeindet. Mein Daddy hat immer gesagt, wenn unser Haus nicht zwischen euch stehen würde, dann wärt ihr euch längst an die Kehle gegangen.“

Er lachte wieder. „Nein, unsere Väter waren so drauf! Damit das nächste Kapitel der Rivalität aufgeschlagen werden kann, bin ich auf die Universität von Texas geschickt worden, Michael auf die Texas A & M Universität. Aber mir war das immer egal und Michael hoffentlich auch. Nur jetzt hat er mich mit dir gesehen, und so geht die Geschichte bestimmt von vorne los.“

„Du scheinst das nicht zu bedauern.“ Bailey versuchte, vorwurfsvoll zu klingen, aber Gunners Lächeln war einfach zu ansteckend.

„Er hat noch keine Ahnung, oder?“

„Nein.“ Bailey senkte den Blick. „Ich weiß nicht, wie ich es ihm beibringen soll.“

Gunner stand auf. „Ich verstehe nicht, was du in ihm siehst. Offenbar stehen Frauen auf starke schweigsame Typen.“ Er setzte den Hut auf. „Leg dich hin. Mein Angebot steht. Und ich mache dir noch eins! Wenn der Kerl dich nicht heiratet, tue ich es.“

Verblüfft starrte sie in seine braunen Augen. „Was redest du da?“

„Was ich dir schon längst hätte sagen sollen und was ich dir sagen wollte, bevor dir übel wurde.“ Sein Lächeln verblasste. „Als deine Mutter krank wurde, hatte ich gerade den Mut aufgebracht, dir einen Antrag zu machen. Also habe ich abgewartet. Jetzt ist mir klar, dass ich mich früher hätte trauen sollen. Ich will dich heiraten. Das will ich schon lange!“

Bailey traute ihren Ohren nicht. „Sagst du das nur, weil Michael uns zusammen gesehen hat? Geht es mal wieder um Rivalität? Ich habe keine Lust, zwischen eure Fronten zu geraten!“

„Nein.“ Er nahm ihr Kinn zwischen die Finger und schüttelte den Kopf. „Ich habe dir doch gerade gesagt, dass die Feindschaft zwischen meinem Vater und Michaels Vater mich nicht interessiert. Ich ertrage es bloß nicht, dich so traurig zu sehen.“

„Ich liebe dich nicht, Gunner“, flüsterte sie unglücklich.

„Das weiß ich.“ Sein Mund wurde schmal. „Die Mädchen sind immer nur hinter Michael her. Nein, ich wäre keine Herausforderung für dich, ich würde dich anbeten!“

Ihr stockte der Atem. Langsam wich sie zurück. „Gunner, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Er nickte. „Das habe ich mir gedacht. Ich lasse dir etwas Zeit, um deine Situation mit Michael zu klären. Allerdings glaube ich nicht, dass er dich heiratet. Für das Baby wäre es natürlich besser, wenn es bei seinem richtigen Vater aufwächst. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn du mein Jobangebot annimmst, denn es gibt nicht viele Menschen, denen ich meine Finanzen anvertrauen würde. Sag mir Bescheid, falls du den störrischen Ziegenbock nicht abgerichtet bekommst. Bis dahin bleibt unsere Beziehung rein geschäftlich.“

„Danke, Gunner.“ Baileys Hände zitterten noch immer. Auf die Idee, dass Gunner so viel für sie empfand, wäre sie nie gekommen.

„Okay. Wenn du den Job willst, fang am Montag an. Du wirst gebraucht, das kann ich dir versichern. Ich bin draußen auf der Ranch, während du arbeitest, und komme meistens nur zum Mittagessen ins Haus.“ Er tippte sich an den Hut. „Wir sehen uns.“

„Auf Wiedersehen“, sagte sie leise, bevor sie ihn zur Tür brachte und mit einem zaghaften Lächeln verabschiedete.

Danach stützte sie den Kopf auf die Hände und nahm sich vor, nicht zu weinen. Michael Wade war keine Träne wert.

Als es läutete, zuckte sie zusammen. Hatte Gunner sich schon entschieden, eines seiner Angebote zurückzuziehen? Sie ging nach vorn und öffnete.

Auf der Veranda stand Chili Haskins.

Sie blickte über seine Schulter, aber Michael war nirgends zu sehen. „Hallo, was kann ich für Sie tun?“

„Hallo, Bailey. Wir … ich habe mich gefragt, ob Sie für eine Minute zu uns auf die Walking W kommen könnten. Fred Peters ist ein peinliches Missgeschick passiert, und der Boss ist … na ja, beschäftigt.“

Sie blinzelte. Wollte sie wirklich die Walking W betreten, während der Boss mit Deenie Day beschäftigt war?

„Bitte“, drängte Chili, „wir brauchen Ihre Hilfe, und zwar schnell!“

3. KAPITEL

Deenie schaffte es nur deshalb, einen Bissen von ihrem Pfirsichkuchen in Michaels Mund zu befördern, weil sein Kiefer nach unten klappte, als Bailey hinter Chili in die Küche eilte.

„Bailey!“ Michael sprang auf und kaute schuldbewusst. Deenie stand bereit, um ihn sofort weiterzufüttern. „Was tust du hier?“

„Hallo, Deenie.“ Sie warf Michael einen kühlen Blick zu. „Chili hat mich gebeten, herzukommen und mir Fred Peters anzusehen. Wir wollen euer … Dessert nicht unterbrechen.“

Michael wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, während er Baileys blaues Kleid näher betrachtete. Es war entschieden zu kurz für das kalte Wetter – und erst recht zu kurz, um es in Gunner Kings Nähe zu tragen. „Wir sind fertig“, verkündete er abrupt. „Warum hast du mich nicht geholt, Chili?“

„Weil wir wussten, dass Sie beschäftigt sind“, antwortete der vorwurfsvoll.

Michael registrierte die roten Flecken an Baileys Wangen, führte sie jedoch auf den schneidenden Wind zurück. „Wo ist Fred?“

„Im Fernsehzimmer.“ Chili eilte weiter. Bailey bedachte den Kuchen und Deenie mit einem letzten Blick und folgte ihm. Zwei Wochen lang hatte Michael darauf gewartet, dass Bailey wieder bei ihm auftauchte. Jetzt war sie endlich da und benahm sich, als wäre sie nicht mehr als eine Nachbarin.

„Entschuldige mich“, sagte er zu Deenie und eilte hinter Bailey und Chili her. Zu seinem Erstaunen lag Fred flach auf dem Rücken auf dem Teppich, den unbeschuhten Fuß in einem automatischen Putting Cup, mit dem Golfspieler zu Hause das Einlochen trainieren konnten.

„Was zum Teufel tust du da, Fred!?“, entfuhr es Michael.

Bailey kniete neben dem hageren Cowboy und tastete vorsichtig über seine Zehen, die in dem Gerät verschwunden waren. „Die stecken fest“, sagte sie. „Tut es weh?“

„Nicht sehr“, knurrte Fred, und ihm war anzuhören, wie peinlich ihm das Ganze war. „Ich hätte den blöden Golfball nicht kicken dürfen.“

„Das darf doch nicht wahr sein.“ Michael traute seinen Ohren und Augen nicht. „Seit wann spielst du Golf?“

„Seit wir daran denken, in Rente zu gehen“, erwiderte Fred. „Wir haben gehört, dass viele Senioren sich so die Zeit vertreiben.“

Vorsichtig hob Bailey den Fuß von Fred an und hielt dabei das Gerät fest. „Mal sehen, ob wir den Fuß wieder durchblutet bekommen, damit die Schwellung zurückgeht.“

„Etwas so Lächerliches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen“, warf Deenie ein.

Die drei Cowboys quittierten ihre taktlose Bemerkung mit bösen Blicken. Ungerührt ließ sie sich in einen Sessel fallen.

Bailey drehte sich zu ihr um. „Deenie, könntest du dich bitte nützlich machen und mir etwas Eis holen? Du kennst dich doch in der Küche aus.“

Michael zog eine Grimasse. „Ich hole es.“ Bailey sollte nicht denken, dass er so hilflos wie ihr Vater war. „Du bleibst schön hier!“, befahl er Deenie.

„Ja, ich warte auf dich, Michael“, flüsterte sie so laut, dass es Bailey nicht entging.

Als Michael zurückkam, stand das Golfgerät nicht mehr unter Strom, Fred hatte seinen Fuß auf die Couch gelegt, und Bailey schaute an seinem Bein entlang in das Putting Cup.

„Vielleicht sollte ich es mir mal ansehen!?“, bot Michael an.

Bailey warf ihm einen strengen Blick zu. „Ich schaffe es allein. Du regst den armen Fred nur auf.“

„Ich …“ Er hielt ihr den Plastikbeutel mit dem Eis hin. Der arme Fred? Der Bursche nutzte ihr Mitgefühl doch nur aus.

„Was für ein Weichei!“ Deenie schlug die Beine unter. „Ich bin schon vom Pferd gefallen und habe nicht halb so laut gejammert.“

„Vielleicht liegt das daran, dass sie durch die Gehirnamputation jegliches Gefühl verloren hat“, murmelte jemand.

Wer hat das gesagt?“, fragte Michael scharf. Er glaubte nicht, dass es Bailey war. Ihr Blick war gelassen und voller Unschuld.

Sie seufzte. „Michael, vielleicht könntest du mit Deenie in die Küche gehen und ihr ein Glas Tee geben. Fred wäre entspannter, wenn er nicht die ganze Zeit angestarrt wird, und ich kann ihn schneller aus dieser Waschbärenfalle befreien.“

Sie hält mich tatsächlich für unfähig. Und das in meinem eigenen Haus! „Na gut“, gab Michael nach. „Deenie, lass uns in die Küche gehen.“

„Sehr gern.“ Zufrieden lächelte sie Bailey zu, bevor sie ihm folgte.

Bailey tätschelte Freds Wange. „Sie sollten aufpassen, was Sie sagen!“

„Ich weiß. Wenn ich mich nicht gut fühle, bin ich nicht gerade der netteste Mensch auf Erden. Ich habe mir mal den Arm gebrochen, als der alte Chef noch lebte, und als er mich ins Krankenhaus gefahren hat, habe ich ihm gesagt, was für ein mieser, sauertöpfischer …“

„Hab schon verstanden“, unterbrach Bailey ihn lächelnd.

„Wir haben es mit einer Pinzette versucht, aber er hat aufgeschrien, und meine Finger sind einfach zu dick“, berichtete Chili betrübt. „Wir dachten uns, dass Sie bestimmt geschickter sind.“

„Diesmal bin ich es.“ Behutsam befreite sie Freds Zehen. Sie waren rot und geschwollen. „Sie sollten den Fuß für eine Weile hochlegen.“

Er humpelte zu seinem Sessel und setzte sich. „Puh! Ich dachte schon, ich verliere einen Zeh! Sie sind ein Engel, Miss Bailey.“

„Gern geschehen, Fred.“ Sie stand auf. „Ich gehe jetzt besser. Passt auf euch auf. Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“, riefen Curly und Fred.

Chili öffnete ihr die Tür.

„Sie brauchen mich nicht nach Hause zu bringen, Chili.“

„Ich würde eine Lady niemals allein durch die Dunkelheit laufen lassen!“

„Na gut.“ Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie oft sie schon vor Sonnenaufgang aus Michaels Bett geschlüpft war. „Chili, glauben Sie, er kann sie richtig gut leiden?“

„Nein. Ich glaube, er mag Sie“, erwiderte er. „Er weiß nur noch nicht, wie er es Ihnen sagen soll.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Nur so ein Gefühl.“

„Freds Bemerkung über die Gehirnamputation hat ihm gar nicht gefallen.“

„Nein. Er mag es nicht, wenn man frech zu jemandem ist. Michael hält nichts davon, Gefühle zu zeigen.“

Bailey war ein emotionaler Mensch. Allein die Vorstellung, dass Deenie den Mund Michaels nicht nur mit ihrer Kuchengabel, sondern auch mit ihren Lippen berührte … Sie wünschte, sie hätte ihre Gefühle besser unter Kontrolle. Fred hatte nur ausgesprochen, was sie selbst über Deenie dachte.

„Die Frage ist: Mögen Sie ihn?“

Sie fühlte den Blick des alten Cowboys. Wenn sie nicht vorsichtig war, würde sie mehr über sich verraten, als ihr lieb war. Michael durfte ihr Geheimnis erst dann erfahren, wenn sie selbst bereit war, es ihm zu enthüllen. „Vielleicht will er gar nicht, dass jemand ihn mag.“

„Romantik ist nicht gerade seine Stärke, Bailey“, riet Chili. „Ärgern Sie sich nicht über Deenie. Sie ist eben eine Männerfalle. Und Michael wird lange brauchen, bis er Ihnen sagen kann, was er für Sie empfindet. Lassen Sie ihm Zeit – falls Sie ihn wollen.“

Oh, ich will ihn.

Deenie und Michael beobachteten, wie Bailey sich von Chili über den Zaun zwischen den beiden Grundstücken helfen ließ. Kaum sprang sie auf der anderen Seite herunter, eilten die jüngsten Dixon-Kinder herbei und drängten sich um sie. Ihre aufgeregten Rufe waren im Umkreis von zehn Meilen zu hören.

„Die Dixon-Ranch ist ein Schandfleck!“, sagte Deenie verächtlich. „Ehrlich, Michael, es tut mir in der Seele weh, ein so heruntergekommenes Haus direkt neben deinem zu sehen.“

Sie schaute auf ihre Jeansjacke. Der Strass daran glitzerte und schimmerte so sehr wie ihr blondes Haar und die strahlend weißen Zähne.

Michael dachte daran, wie verschieden die beiden Frauen waren. Deenie war oberflächlich und interessierte sich nur für Äußerlichkeiten. Und das machte Bailey sogar noch besonderer. Er bewunderte sie dafür, dass sie die Verantwortung für ihre große Familie übernahm. Verglichen damit hatte er selbst es wirklich leicht.

„Sei nicht so streng, Deenie. Bailey hat es sehr schwer gehabt, seit ihre Eltern tot sind.“

„Ach, sie hat es immer schwer gehabt.“ Deenie schüttelte den Kopf. „Sie tut mir ja auch leid. Aber du musst zugeben, Michael, ein bisschen ist Bailey selbst daran schuld. Sie könnte längst einen Mann haben, wenn sie mehr aus sich machen würde!“

„Wenn sie einen Mann hätte, dann wären ihre Probleme gelöst!“ Deenie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Bailey ist einfach nur zu stur. Ich habe ihr schon in der Highschool gesagt, dass sie ihr zotteliges langes Haar abschneiden soll. Weißt du, was sie geantwortet hat? Dass sie ihr Haar so mag, wie es ist!“ Deenie war fassungslos. „Hast du so was schon mal gehört? Inzwischen ist sie sechsundzwanzig und macht noch immer nichts aus sich!“

Michael unterdrückte ein Lächeln. Deenie gab vermutlich in einem Monat mehr für Haarspray und Lippenstift aus als Bailey im ganzen Jahr für Lebensmittel. Tatsache war, dass ihm gefiel, wie Baileys langes Haar ihren Po umspielte, wenn sie nackt war. Wenn sie schlief, rahmte es ihr Gesicht ein – nicht zu vergleichen mit Deenies Betonfrisur. Für ihn war Bailey vollkommen.

„Wenigstens war ihre Rocklänge heute besser“, fuhr Deenie fort. „Aber das Kleid ist wohl eingelaufen. Früher, als ihre Mutter darin die Kinder von der Schule abgeholt hat, war es marineblau, jetzt ist es verblasst.“

„Deenie, weißt du was? Du solltest ein Auge auf Gunner King werfen.“

„Gunner!?“ Verblüfft sah sie ihn an. „Er ist nicht halb so sexy wie du.“

„Er hat viel mehr Geld!“, entgegnete Michael fast beiläufig. Er wusste nicht, ob es stimmte, aber ein Blick aus dem Fenster verriet, dass Chili auf dem Rückweg war. Wenn er Deenie schnell los wurde, konnte er den alten Cowboy über Bailey aushorchen.

„Mehr Geld?“, wiederholte Deenie. „Woher weißt du das?“

„Oh, sein Vater hat unten im Süden mit einer Ölquelle ein Vermögen gemacht, bevor er gestorben ist.“ Michael zuckte mit den Schultern. „Hab gehört, sie haben so viel Geld verdient, dass sie überlegt haben, ob sie sich einen Wintersitz in Rio zulegen sollten.“

„Rio!?“, rief Deenie. „Oh, du meine Güte, sieh mal, wie spät es schon ist! Ich sollte lieber aufbrechen.“ Sie nahm ihren Pfirsichkuchen und inspizierte ihn. „Hm, der sieht nicht so aus, als ob jemand davon gegessen hätte“, sagte sie leise und schenkte Michael ihr schönstes Lächeln. „Ruf mich an, Süßer.“

Sekunden später blieb nur noch eine Wolke ihres teuren Parfüms zurück, woraufhin sich Michael schüttelte. Deenie auf seinen Rivalen anzusetzen, war grausam, und bestimmt würde Gunner sich eines Tages dafür rächen.

„Die beiden passen zusammen“, sagte er und ging ins Fernsehzimmer, wo Chili und Curly gerade Fred auf die Beine halfen.

„Ich fahre Fred nach Hause“, bot Michael an.

„Danke.“ Chili warf ihm einen Blick zu. „Wo ist die Schreckschraube?“

„Ach, Deenie. Die ist abgehauen.“ Michael schob die beiden Cowboys zur Seite und stützte Fred. „Langsam, lass dir Zeit.“

Er führte ihn zur Tür. „Soll ich dich wirklich nicht ins Krankenhaus bringen?“

Freds Zehen waren geschwollen, aber er schüttelte tapfer den Kopf. „Nein, davon hat Bailey nichts gesagt.“

„Bailey ist nicht vom Fach.“

„Das macht nichts. Sie hat sich um ihre Geschwister gekümmert, seit sie alt genug war, um ihrer Mutter Polly zu helfen.“

Das war für Michael ein wunder Punkt. Als seine Mutter verschwand, gingen die Cowboys zu Polly, die einen endlosen Vorrat an Salben und Pflastern hatte und dazu Humor und Mitgefühl besaß. „Doc Watson ist ein guter Arzt. Ich habe übrigens den Eindruck, ihr seid nicht ausgelastet“, sagte er scharf. „Morgen seht ihr euch den Zaun an, vor allem am Dixon-Teich. Ich will nicht, dass mein Vieh sich mit Gunners vermengt oder von den Dixon-Schafen verschreckt wird.“

Der große Teich war der einzige wertvolle Besitz der Dixons, weil es sich um die nächstgelegene Wasserquelle handelte. Sowohl Sherman King als auch Michael Wade senior hätten den Dixons den Teich zu gerne abgekauft. Elijah Dixon erlaubte ihnen zwar, ihre Tiere dort zu tränken, bestand jedoch darauf, dass sie einen Zaun zwischen ihren Zugängen errichteten. Er nahm ihnen eine jährliche Gebühr ab, die viel geringer war als das, was sie für städtisches Trinkwasser hätten bezahlen müssen. Außerdem besorgte er sich eine Schafherde, die zwischen den Rindern der verfeindeten Rancher weidete. Die alten Cowboys behaupteten, dass er faul war und die Schafe hielt, damit er das Gras nicht zu mähen brauchte. Aber Michael vermutete, dass er einfach nur ein friedliebender Mensch gewesen war, zu dem Schafe weitaus besser passten als Rinder.

Michaels Cowboys waren unzufrieden. Vorwurfsvoll starrten sie ihn an.

„Und lasst keinen Zentimeter aus!“, fuhr er fort. „Ich will nicht, dass ihr dauernd bei den Dixons herumhängt.“

„So sauertöpfisch wie sein Vater“, flüsterte einer von ihnen.

„Nein, bin ich überhaupt nicht!“, widersprach Michael entrüstet.

„Doch! Und sobald das glitzernde Cowgirl Sie am Haken hat, werfen Sie uns raus!“, rief Fred.

„Weder Deenie noch Bailey werden Teil des Wade-Haushalts, keine Sorge“, verkündete Michael mit fester Stimme. „Also beruhigt euch wieder, ich schreite nicht zum Traualtar und ihr bleibt schön hier.“

Sie runzelten die Stirn, sagten aber nichts mehr. Michael nickte zufrieden und ging zur Fahrerseite des Trucks.

„Michael!?“, rief Chili. „Wussten Sie, dass Gunner ihr einen Job als Sekretärin angeboten hat? Bailey, meine ich.“

Schlagartig wurde Michaels Mund trocken. Er sah Baileys kurzen verwaschenen Rock vor sich. Und all die glatte Haut, die nicht dem kalten Wetter ausgesetzt sein sollte. In Gunners prächtiger Villa war es sicher sehr warm.

Die Cowboys musterten ihn neugierig. Er zwang sich, mit den Schultern zu zucken.

„Jeder muss tun, was er tun muss“, sagte er ausweichend.

Sein Herz schlug wie wild. Also war es doch kein Date gewesen! Dazu war Gunner zu schlau. Der Mann wusste, dass Bailey so gut wie nie mit einem Mann ausging. Sie einzustellen, war sogar noch gerissener als eine Einladung zum Essen oder ins Kino. Bailey brauchte Geld, und Gunner konnte ihr welches verschaffen, ohne ihren Stolz zu verletzen.

Verdammt raffiniert. Ich bin trotzdem nicht eifersüchtig.

Er funkelte die Cowboys an, straffte die Schultern und stieg in den Truck. Gunner King war schon immer äußerst lästig gewesen. Michael würde noch gerissener als sein Konkurrent handeln müssen. Vielleicht hatten die Cowboys recht, und er brauchte nur an Baileys mitfühlende Art zu appellieren.

Er öffnete das kleine Fenster in der Rückwand der Fahrerkabine. „Hey, ich glaube nicht, dass es für Bailey das Beste wäre, in Gunners Haus zu arbeiten. Vielleicht sollte sie ihre Zeit sinnvoller verbringen“, begann er. „Nach allem, was ihre Familie für euch getan hat, wollt ihr bestimmt nicht, dass King oder sonst jemand Baileys Notlage ausnutzt. Vielleicht fällt euch ja etwas ein!?“

Die drei lächelten. „Kein Problem, Boss“, sagte Chili zuversichtlich, „aber Sie müssen versprechen, dass Sie unsere Ideen auch umsetzen. Wenn Sie sich mit uns anlegen … Na ja, dann gewinnt eben Gunner.“

Michael zögerte und fragte sich, worauf er sich gerade einließ.

„Sie müssen zugeben, dass Sie sich mit ganz normalen Frauen nicht auskennen“, meldete sich Curly zu Wort.

„Sie haben zwar die Ausrüstung, wissen aber nicht, was Sie damit anfangen sollen“, sagte Fred.

„Schon gut“, unterbrach Michael ihn. „Ich warte auf eure Vorschläge.“

Chili grinste. „Okay, überlassen Sie den Rest uns.“

Michael nickte und schob das Fenster wieder zu. „Ich rette Bailey nur vor King“, murmelte er vor sich hin und startete den Motor.

4. KAPITEL

„Also“, begann Chili und bürstete Michael ein letztes Mal die Schultern seines dunklen Anzugs ab, „Sie fahren einfach zu den Dixons und überraschen das Mädchen damit, dass Sie sie und ihre Brut zur Kirche abholen.“ Die Cowboys hatten ihn mit Plan A beim Frühstück überfallen, noch bevor Michael genug Kaffee trinken konnte, um richtig wach zu werden.

Michael schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Bailey und ich waren noch nie zusammen aus, erst recht nicht in der Kirche!“

„Ich weiß, Sie sind nicht gerade begeistert“, sagte Fred, „aber dies ist Ihre letzte Chance, bevor Miss Dixon ihren neuen Job bei Gunner anfängt. Stellen Sie sich vor, wie ihre Geschwister auf der Ladefläche des klapprigen Trucks frieren werden, obwohl sie es in Ihrem Wagen warm und bequem haben könnten. Es hat heute Nacht geschneit!“

Michael seufzte. „Könnte ich sie nicht einfach vor der Kirche absetzen und nach dem Gottesdienst wieder abholen?“

„Nein!“, rief Curly. „Wissen Sie, Michael, es wird Sie schon nicht umbringen, eine Stunde in der Kirche zu sitzen, im Gegenteil. Außerdem kommen Sie auf die Weise Gunner zuvor. Morgen fängt sie zwar in seinem Büro an, aber erst nachdem sie mit Ihnen in der Kirche gewesen ist!“

Michael hätte Bailey lieber in seinem Bett gehabt, doch das durfte er vor den alten Cowboys nicht zugeben.

„Na ja, ich will wirklich nicht, dass die Kinder erfrieren.“ Er setzte einen schwarzen Filzhut auf, der zum Anzug passte.

Er stieg in den Wagen, startete den Motor und wartete, bis es im Inneren warm geworden war und fuhr zu Bailey.

Ihre kleine Schwester öffnete ihm. „Wo ist Bailey?“

„Oben.“ Das Mädchen war schon fertig umgezogen zur Kirche.

Brad erschien in einem Anzug mit ausgefransten Ärmeln und Schuhen mit hauchdünnen Sohlen. „Komm rein, Michael. Was können wir für dich tun?“

Was ihr für mich tun könnt? Erst jetzt ging Michael auf, dass die Dixons immer seiner Familie und deren Cowboys geholfen hatten, nie umgekehrt. Kein einziges Mal waren die Dixons zu ihren wohlhabenden Nachbarn gekommen. „Ich dachte mir, ich fahre euch bei diesem Wetter zur Kirche!“, sagte er.

„Aber du gehst nicht in unsere Kirche.“ Neugierig musterte Brad ihn.

„Und wenn schon“, erwiderte Michael verlegen. „Wird mir nicht schaden, in irgendeine Kirche zu gehen.“ Er zuckte zusammen, als vier weitere Kinder sich um ihn versammelten. „In meinem Wagen ist es warm. Was meinst du dazu?“

„Das liegt bei Bailey.“ Brad zeigte zur Treppe hinüber. „Ich frage sie.“

Bailey erschien am oberen Ende. „Michael? Mir war, als hätte ich dich sprechen gehört.“

Sie kam nach unten, und er fühlte sich nervöser als bei seinem ersten Schulball. Sie sah überrascht aus. Unter den hochgezogenen blonden Brauen waren die blauen Augen noch größer als sonst. Das prachtvolle Haar, das er so liebte, fiel schimmernd bis zur Taille.

Sie war so sexy, dass seine Knie weich wurden. Er versuchte zu lächeln, aber seine Hände zitterten so sehr, dass er es kaum verbergen konnte, und das Lächeln verblasste sofort wieder. Er hatte Bailey noch nie eingeladen, mit ihm auszugehen. Die Cowboys hatten ihm eine schwierige Aufgabe aufgebrummt.

„Dachte mir, ich fahre euch zur Kirche. Es ist bitterkalt.“

Sie sah ihn an. Ihre Haut verströmte einen zarten Seifenduft. „Wir kommen zurecht.“

Typisch. Wie hatte Gunner es bloß geschafft? Indem er berücksichtigt, wie stolz sie ist. Michael räusperte sich. „Ich war eine ganze Weile nicht mehr in der Kirche“, sagte er leise. „Hätte nichts dagegen, mit ein paar Freunden hinzugehen.“

Sie lächelte glücklich. „Na ja, wenn du es mit meiner Truppe aushältst, dann nehmen wir dein Angebot gerne an.“

Er nickte und ließ sich nicht anmerken, wie erleichtert er war. Er war mindestens so clever wie Gunner!

Während des einstündigen Gottesdienstes musste Bailey sich beherrschen, um nicht lauthals zu lachen. Michael hatte offenbar keine Ahnung gehabt, worauf er sich einließ. Bis auf die ersten fünf Minuten saß dauernd eines ihrer kleinen Geschwister auf seinem Schoß. Nur die neunjährige Beth war zu groß dafür, daher saß sie die ganze Zeit dicht neben ihm und zeigte ihm im Gesangbuch jedes Lied, das die Gemeinde anstimmte.

Bailey schloss die Augen. Irgendwann würde sie ihm gestehen müssen, dass sie ein Baby von ihm bekam.

Als die Stunde vorüber war, atmete Michael auf. Er hatte es geschafft! Der Geistliche hatte ihn und die Kinder immer wieder angelächelt. Warum mussten die Dixons auch in der ersten Reihe sitzen? Baileys Geschwister hatten die ganze Zeit zwar keinen Mucks gemacht, aber nie still gesessen.

Keines von ihnen hatte auf die Toilette gemusst, nur Bailey. Sie hatte nicht gut ausgesehen, als sie nach hinten geeilt war. Sie war noch immer etwas blass. Vielleicht aß sie nicht genug.

Das ließ sich ändern.

„Als Dankeschön lade ich euch alle ins Pancake House ein!“, verkündete er, als sie nach dem Gottesdienst in seinen Lincoln stiegen.

Baby saß zwischen ihm und Bailey, Brad hinten inmitten der anderen. Michael bewunderte dessen Geduld.

„Du brauchst dich nicht zu bedanken“, erwiderte Bailey. „Wir waren doch nur in der Kirche, und du hast uns schon gefahren.“

Er spürte, wie enttäuscht ihre kleinen Geschwister waren. Vermutlich waren die Kinder in ihrem ganzen Leben noch nie essen gegangen. „Bitte, Bailey“, flüsterte er, „lass mich ihnen eine kleine Freude machen.“

„Das ist keine kleine Freude!“, widersprach sie ebenso leise. „Uns alle zu füttern kostet dich ein Vermögen, und wir können uns die Rechnung nicht teilen.“

Die Kinder waren zu gut erzogen, um zu betteln, aber er wusste, wie sehr sie hofften, dass er ihr große Schwester umstimmte.

Sie wandte sich ab und schaute aus dem Seitenfenster. „Nein danke.“

Ihre Haltung war eindeutig. Wir wollen kein Almosen.

„Du, ich habe gute Tischmanieren!“, sagte er.

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, aber sie unterdrückte es sofort.

„Ein Mann kann nicht immer allein essen. Das schadet der Verdauung.“

Ihr Blick wurde besorgt. „Hör auf, bitte.“

Zwischen ihnen umklammerte Baby mit angehaltenem Atem ihre Puppe. Auch die übrigen Geschwister rührten sich nicht.

„Ich könnte mir zu Hause schon etwas zusammenkratzen …“, sagte er und appellierte schamlos an ihr Mitleid.

„Ja, bestimmt ist noch etwas Pfirsichkuchen übrig.“

Sie war eifersüchtig! Deshalb lehnte sie seine Einladung ab. Auch das ließ sich ändern. „Den habe ich Gunner geschickt, denn ich bin ein fürsorglicher Nachbar.“ Er lächelte betrübt. „Aber ich war seit zwei Wochen nicht mehr einkaufen, und irgendwann ist man es leid, dreimal am Tag Dosensuppe …“

„Na gut“, unterbrach Bailey ihn. „Hast du Deenie wirklich zu Gunner geschickt?“ Ihr Blick war hoffnungsvoll.

„Ja. Er kann etwas Glamour in seinem Leben gebrauchen, ich nicht.“ Er startete den Motor. „Auf zum Pancake House.“

Die Kinder jubelten. Michael lächelte. Es gefiel ihm, ein Held zu sein und Bailey zum Nachgeben zu bewegen.

Er fragte sich, ob er sie davon abhalten konnte, am nächsten Morgen zu Gunner zu gehen. Michael hatte ihm schon Deenie und ihren Kuchen geschickt. Ihm auch noch Bailey zu überlassen, wäre nun wirklich mehr, als man von einem guten Nachbarn erwarten konnte.

Vielleicht konnte er sogar noch herausfinden, warum Bailey ihre nächtlichen Besuche in seinem Bett eingestellt hatte. Er warf ihr einen Blick zu. Sie sah noch immer nervös aus, und ihre sonst so strahlenden blauen Augen wirkten matt und müde.

War sie krank und ging nicht zum Arzt, weil sie sich die Untersuchung nicht leisten konnte?

Falls ja, würde er sie notfalls hinschleifen und die Rechnung eigenhändig bezahlen. Vielleicht sollte er sie einfach fragen, warum sie nicht mehr zu ihm kam. Er vermisste sie. Sollte er es einfach zugeben?

Er war zu allem bereit, sogar zu klebrigen Pfannkuchen mit ihrer Geschwisterschar, wenn er sie dadurch wieder unter seine Bettdecke bekam.

Bailey wusste, dass es keine gute Idee gewesen war, sich ins Pancake House einladen zu lassen. Was sie störte, war nicht die entstehende Rechnung, sondern die Tatsache, dass ihr wahrscheinlich übel werden würde. Vermutlich würde sie schon bald in den Waschraum rennen müssen. Bei Gunner waren es die Würstchen und Tacos gewesen, und sie ahnte, was der Geruch der Pfannkuchen bei ihr anrichten würde. Allerdings freuten sich ihre Geschwister so sehr über die Einladung.

„Hallo!“ Deenies Vater trat lächelnd an ihren Tisch. „Brad, du hast ja heute eine Menge Leute mitgebracht.“

„Stimmt, Dan.“ Brad zeigte auf einen freien Stuhl. „Setz dich und trink einen Kaffee mit uns.“

„Gerne. Deenie, schnapp dir auch einen Stuhl, damit ich mit Brad reden kann.“

In Baileys Bauch begann es noch heftiger zu rumoren, als Deenie sich zwischen Michael und Brad setzte – selbstverständlich möglichst weit weg von ihr und den Kindern.

„Was macht die Kunst?“, fragte Dan ihren Bruder.

Brad rührte in seinem Tee. „Bis zur Ausstellung habe ich genug Material zusammen. Du wirst zufrieden sein.“

„Welche Ausstellung?“ Deenie starrte ihren Vater an. „Daddy, du hast gesagt, du unterstützt nur Künstler, die wirklich Talent haben.“

„Brad hat Talent, Kleines.“ Ihr Vater runzelte die Stirn. „Du wirst dich noch wundern!“

Sie rümpfte die Nase. Bailey musste sich beherrschen, um Deenie kein Glas Wasser über die perfekt sitzende Frisur zu kippen.

„Jeder tut, was er kann, um den Dixons bei ihrem Problem mit dem Finanzamt zu helfen“, säuselte Deenie und griff nach Michaels Hand. „Es ist nett von dir, sie zum Essen einzuladen.“

„Hey, Deenie!“, rief ihr Vater. „Die ganze Stadt will den Dixons helfen, aber Bailey nimmt einfach nichts an.“ Er warf einen Hundert-Dollar-Schein auf den Tisch. „Eure Pfannkuchen gehen auf mich. Deine Ausstellung wird mir viel mehr als das einbringen, Brad. Nimm es als Vorschuss.“

„Oh, Daddy.“ Deenie schnalzte mit der Zunge.

„Warte nur ab, eines Tages hängen Brads Bilder in den nobelsten Villen von Hollywood.“

„Ich glaube, dein Vater übertreibt etwas“, wehrte er bescheiden ab.

Sie drehte sich zu ihm. „Tust du das, Dad?“

„Nein. Brads Gemälde werden mir eine Menge Kohle einbringen.“

„Oh“, flüsterte sie. „Daddy hat eine Nase fürs Geschäft.“ Mit großen Augen sah sie Brad an. „Kannst du mich malen?“

„Ich …“ Brad warf Dan einen verlegenen Blick zu.

„Ich habe immer von Hollywood geträumt“, schwärmte Deenie. „Du könntest mich in meinem schönsten Abendkleid malen. Mit meinen glitzernden Schuhen und dem Familienschmuck. Ich würde wie ein Filmstar aussehen. Bitte, Brad.“

Bailey senkte den Blick. Was für eine peinliche Situation. Ihr Bruder tat ihr leid. Die Kinder saßen stumm da und starrten Deenie und Mr Day an. Der Mann lächelte stolz, als hätte seine Tochter gerade eine geniale Idee gehabt.

Plötzlich fühlte Bailey eine Hand auf ihrer. Sie hob den Kopf. „Alles in Ordnung?“, flüsterte Michael ihr zu.

Sie nickte. Die Kombination aus dem Geruch nach Eiern und Pfannkuchen und Deenies unverhüllter Verachtung verursachte bei ihr eine Gänsehaut. Voller Panik wurde ihr klar, dass sie sich gleich wieder übergeben musste.

„Entschuldigt mich“, platzte sie heraus, bevor sie aufsprang und in den Waschraum flüchtete.

Zehn Minuten später ging es ihr gut genug, um an den Tisch zurückzukehren. Deenie und Mr Day waren gegangen. Michael starrte sie verwirrt an. Brad schaute zur Seite, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Die Kinder waren ihre häufigen Ausflüge ins Badezimmer gewöhnt und aßen ungerührt weiter.

Bailey wusste, dass sie keine weitere Minute im Pancake House durchhalten würde. „Hast du etwas dagegen, wenn ich mich schon in deinen Wagen setze?“

Sofort stand Michael auf. „Natürlich nicht.“ Er begleitete sie an die frische Luft, öffnete die Beifahrertür und wartete, bis Bailey eingestiegen war, und setzte sich ans Steuer. „Dir geht’s nicht besser. Du hast vorhin auch die Kirche verlassen. Was ist los?“

„Nichts. Wahrscheinlich habe ich mir nur den Magen verdorben.“ Die Lüge, die sie bereits Gunner erzählt hatte, kam ihr nicht leicht über die Lippen.

„Du hast doch kaum was gegessen.“ Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Du bist blass, Bailey. Du musst zum Arzt. Ich bringe dich zu Doc Watson.“

„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist Sonntag.“

„Für Notfälle ist er da.“ Michael atmete tief durch. „Dann fahre ich dich eben gleich in die Notaufnahme.“

„Es geht mir gut. Außerdem war ich in dieser Woche schon bei Doc Watson.“

Michael kniff die Augen zusammen. „Wirklich? Was hat er gesagt?“

„Es ist nur eine Magenverstimmung.“ Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm die Wahrheit zu sagen.

„Doc Watson wird alt. Es könnte etwas Ernsteres sein, Bailey. Eine Blinddarmentzündung zum Beispiel.“

„Unsinn!“ Verlegen senkte sie den Blick. „Entschuldige, eigentlich würde ich am liebsten sofort nach Hause fahren und mich hinlegen.“ Sie lehnte sich zurück und sah ihn an. Sein besorgter Blick traf sie ins Herz.

Die Dixon-Familie kam aus dem Restaurant und stieg in den Wagen. „Bist du okay?“, fragten die Kinder.

„Sonst magst du Pfannkuchen immer“, stellte Beth mit der ganzen Weisheit ihrer neun Jahre fest.

„Ich weiß.“ Bailey schloss die Augen. „Es tut mir leid, dass wir meinetwegen früher nach Hause fahren.“

„Das tun wir nicht“, mischte sich Brad ein. „Wir waren ohnehin fast fertig.“

„Bailey ist schon die ganze Woche über schlecht“, berichtete die sechsjährige Amy aufgeregt. „Ihr Bauch ist durcheinan­der.“

Bailey hätte sich am liebsten unter der Matte im Fußraum verkrochen. Plötzlich verwandelten sich die wohlerzogenen Dixon-Kinder in eine tobende Meute.

„Paul zieht wieder die Wolfsfratze, die du ihm verboten hast!“, beschwerte sich Sam.

„Hey!“ Brad versuchte, seine Brüder zu trennen. Beth presste sich gegen die Tür und weinte, weil ihr frisch gebügeltes Kleid zerknittert wurde. Bailey war so schwach, dass sie nur aufstöhnen konnte. Aus Angst, ihr könnte erneut schlecht werden, wagte sie nicht, sich zu bewegen.

„Ruhe!“, befahl Michael im Kasernenhofton.

Sofort kehrte Stille ein. Selbst Bailey starrte ihn verblüfft an. Niemand hatte jemals gehört, dass Michael Wade die Stimme erhob.

„Wenn ihr euch nicht benehmt … Paul, sieh Sam nicht so an … darf keiner von euch mit, wenn ich das nächste Mal mit eurer Schwester ausgehe.“

Bailey traute ihren Ohren nicht. Ausgehen? Ist das hier etwa ein Date?

„… mit eurer Schwester und eurem Bruder“, fügte Michael rasch hinzu. „Wenn ihr euch nicht wie Große benehmen könnt, müsst ihr zu Hause bleiben. Verstanden?“

„Ja, Sir“, antworteten die Kinder im Chor.

„Und jetzt zu deiner Magenverstimmung, Bailey.“

Sie spürte Michaels forschenden Blick. „Es ist nichts.“

„Es ist etwas. Du gehst doch nicht etwa nur deshalb nicht zum Arzt, weil du Geld sparen willst, oder?“

„Nein. Ich habe dir doch gesagt, ich war bei Doc Watson.“ Sie traute sich nicht, ihn anzusehen.

„Ich fahre euch jetzt nach Hause“, verkündete Michael. „Und heute Abend nach der Arbeit auf der Ranch schaue ich nach dir. Wenn es dir dann nicht besser geht, bringe ich dich zu einem erstklassigen Spezialisten in Houston.“

Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, doch er legte ihr eine Hand aufs Bein. „Du wirst mich nicht davon abhalten, Bailey. Es hilft deiner Familie nicht, wenn du nicht auf dich aufpasst, und am Geld soll es nicht scheitern. Wenn es dir schon eine ganze Woche so schlecht geht, musst du dringend von einem Facharzt untersucht werden.“

„Michael, bitte bring mich einfach nur nach Hause!“, flehte Bailey. „Bestimmt geht es mir schon bald besser.“

Langsam klappte er das Handy zu. „Wie du willst. Aber noch ein Anflug von Übelkeit, und ich fahre dich direkt nach Houston. Wenn du erst die Kinder ansteckst, hast du ein echtes Problem.“

Bailey wich seinem Blick aus. Das echte Problem hatte sie bereits. Michael hatte nur keine Ahnung, wie groß es war.

5. KAPITEL

Kaum war Bailey zu Hause, flüsterte sie Michael ein verlegenes Dankeschön zu und flüchtete sich in ihr Bett. Als sie Stunden später erwachte, reichten die Schatten bereits bis zu den Wänden ihres Zimmers. Die Februartage waren so kurz. Und ihr lief die Zeit davon.

Sie wollte nicht, dass er sich verpflichtet fühlte, sie zu heiraten. Aber genau das würde er tun, denn er war ein Ehrenmann.

Aber er würde ihr nie wirklich gehören. Wenn die sechs Monate, in denen sie miteinander geschlafen hatten, sie nicht zusammengebracht hatten, so würde ihr runder Bauch sie bestimmt noch weiter auseinanderbringen.

Bailey zog Jeans an, die ihr zum Glück noch immer passten, und einen weiten Pullover, strich sich durch das lange Haar, putzte sich die Zähne und ging nach unten.

Ihr Bruder saß mit den Kindern an einem Puzzle. „Tut mir leid“, sagte sie leise. „Du hättest das Tageslicht bestimmt gern zum Malen genutzt.“

„Kein Problem“, erwiderte er.

Sie kam sich selbst wie in einem Puzzle vor mit vielen Teilen und einem noch verschwommenen Bild. „Michael hat versprochen, heute Abend noch mal nach mir zu schauen. Ich gehe jetzt rüber, um ihm den Weg zu ersparen.“

Brad sah sie an. „Ist es so weit?“, fragte er sanft.

„Das mit der Magenverstimmung wird er mir nicht sehr lange abnehmen.“

Der Blick ihres Bruders war mitfühlend. „Viel Glück.“

Bailey schluckte mühsam. Vielleicht war Michael ja gar nicht zu Hause. Sie schüttelte den Kopf über ihre Feigheit. Dann würde sie eben auf ihn warten. Plötzlich musste sie an Gunners Versprechen denken, dass er sie trotz des Babys heiraten würde. Warum konnte Michael sie nicht so lieben?

Sie kletterte über den Zaun zwischen den Grundstücken und überquerte den weitläufigen Rasen der Wades. Die Seitentür der Ranch nutzten nur die Cowboys – und sie, wenn sie nachts in Michaels Bett schlüpfte.

In der Küche war niemand. Vermutlich war Michael im Fernsehzimmer. Sie zögerte. Vielleicht sah er sich mit den Cowboys zusammen einen Film an. Sollte sie ihn lieber anrufen? Automatisch schaute sie aufs Telefon an der Wand. Das rote Lämpchen blinkte. Entweder war er fort oder noch nicht in der Küche gewesen, um den Anrufbeantworter abzuhören.

Zu Baileys Überraschung lief der Fernseher. Über die Kante des langen Ledersofas ragten Stiefel. Er war zu Hause. Sie holte tief Luft.

„Michael?“

Die Stiefel bewegten sich. „Hmm?“

„Kann ich kurz mit dir reden?“

Deenie Days Augen wurden groß. Was fiel Bailey ein, ihr in die Quere zu kommen? Seit zwei Stunden wartete sie darauf, dass Michael nach Hause kam! Irgendwann war sie eingenickt, aber das machte nichts. Im Gegenteil, welcher Mann konnte einer verschlafenen Frau auf seinem Sofa widerstehen?

Jetzt hatte Bailey ihr die Überraschung verdorben! Ihre Rivalin durfte ihr auf keinen Fall auf die Schliche kommen. Deenie versuchte deshalb, Michaels Stimme nachzumachen und hoffte, Bailey auf diese Weise überlisten zu können. Vielleicht wollte die Nachbarin nur Butter oder Zucker borgen, um etwas für ihre wilden Waisen zuzubereiten.

Aber falls Bailey das Licht einschaltete oder um die Couch herumkam, wäre sie geliefert.

„Michael, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.“

Deenie hörte die Tränen in Baileys Stimme. Ihre Augen wurden noch größer. Niemand weinte wegen einer Tasse Zucker. Deenie gab noch einen undeutlichen Laut von sich. Hoffentlich kam Bailey bald zur Sache.

„Ich hätte dich nicht wecken sollen. Auch du brauchst deine Ruhe, aber vielleicht macht die Dunkelheit es uns leichter.“

Komm schon, spuck’s aus und verschwinde! Deenie zog sich die warme Wolldecke übers Gesicht.

„Ich … erwarte ein Baby, Michael.“

Deenie erstarrte erst, dann unterdrückte sie ein höhnisches Lachen. Ausgerechnet Bailey Dixon war schwanger!? Die Frau ging regelmäßig in die Kirche, dann ließ sie sich von Michael ins Pancake House einladen und schickte ihren Bruder los, damit er seine kitschigen Bilder verkaufte – und jetzt bekam sie ein Kind! Vermutlich von irgendeinem dahergelaufenen Cowboy, der sie auch nicht wollte, sonst wäre sie nicht hier, um sich bei Michael auszuweinen. Was für eine jämmerliche Vorstellung. Deenie musste sich beherrschen, um sich nicht vor Freude auf die Schenkel zu klopfen.

„Ich … ich dachte nur, du …“

Bailey verstummte. Deenie presste sich die Wolldecke auf den Mund und schluckte ein boshaftes Kichern herunter. Bailey, die sich für besser als alle anderen hielt, bat um ein Almosen. Und Michael war ein so gutmütiger Mensch und würde sich wahrscheinlich verpflichtet fühlen, einer Frau mit langem strähnigem Haar und sechs Geschwistern zu helfen.

Plötzlich rannte Bailey davon, ihre Schritte hallten durch den Flur. Deenie warf die Decke fort, setzte sich auf und schaute über die Lehne. „Schätze, sie wollte von Michael mehr als ein paar Pfannkuchen“, murmelte sie. „Pech gehabt!“

Natürlich würde sie ihm nicht von der kleinen Bettlerin erzählen, aber ab jetzt würde sie den Mund aufmachen, wenn Bailey sich wieder einmal zu fein war, um jemanden um Unterstützung zu bitten. In diesem Moment war aus der Heiligen ein gefallenes Mädchen geworden. Deenies Vater hielt Bailey und Brad für hart arbeitende Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hatte, aber das stimmte nicht. Die beiden waren Schnorrer, die sich auf das Mitleid der Leute verließen. Deenie freute sich schon darauf, dies ihrem Vater unter die Nase zu reiben.

Ab sofort wird Daddy nicht mehr damit drohen können, mir den Geldhahn zuzudrehen!

Der Druck ihres Vaters hatte sie gezwungen, sich nach einem Ehemann umzusehen. Sie musste jemanden heiraten, der genug Geld hatte, um ihr ihren gewohnten Lebensstil zu garantieren. Gunner war nett, aber Michael reizte sie mehr als jeder andere. Für einen Ring von ihm würde sie vielleicht sogar ihre kostbare Jungfräulichkeit opfern.

Zu schade, dass Bailey nicht so klug gewesen war. Vermutlich würde sie Michael leidtun, denn trotz seiner etwas rauen Art war er ein großherziger Mann. Niemand wird sie jetzt noch wollen. Baileys Ruf ist ruiniert.

Es war nicht Deenies Problem, wenn Bailey nicht gewusst hatte, dass Männer gerne mit Frauen schliefen, die leicht zu kriegen waren, diese dann aber unter keinen Umständen heirateten. Immer wieder hatte Deenie gehört, dass Männer nur das wollten, was sie sich erarbeiten mussten – eine Herausforderung. Und das war Deenie, denn sie selbst war standhaft geblieben. Michael würde sie sich verdienen müssen.

Lächelnd legte sie sich wieder hin, um auf ihn zu warten.

„Ich habe es ihm erzählt“, sagte Bailey zu Brad. „Er hat überhaupt nicht reagiert.“

„Ich wünschte, du würdest mich mit ihm reden lassen, Bailey.“

„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe mir die Suppe selbst eingebrockt. Jetzt muss ich sie auch selbst auslöffeln.“

Brad hatte die Kinder zu Bett gebracht, und Bailey konnte ihren Tränen freien Lauf lassen. „Er war so nett heute Vormittag. Ich dachte, ich bedeute ihm etwas!“ Sie konnte noch immer nicht glauben, dass er kein Sterbenswörtchen gesagt hatte. Michael konnte barsch und einsilbig sein. Wahrscheinlich war er nur deshalb so besorgt gewesen, weil er sie für krank hielt. Ein Baby war jedoch kein zeitweiliges Problem. Das hatte ihm einfach die Sprache verschlagen.

„Warum lässt du ihm nicht erst mal Zeit zu verkraften, womit du ihn überfallen hast, Bailey? Er steht vermutlich unter Schock.“

Langsam löste sie sich von Brad und wischte sich die Tränen ab. „Kann schon sein.“

„Jetzt bist du enttäuscht.“ Die Stimme ihres Bruders klang sanft und tröstend. „Das wäre ich auch an deiner Stelle, aber ehrlich gesagt, ich kann ihn verstehen. Er ist schon so lange allein, dass er sich kein anderes Leben vorstellen kann und sich nicht so schnell freut. Bailey, es ist doch nicht deine Schuld. Du hast es nie leicht gehabt. Du musstest immer so viel Verantwortung tragen.“ Brad räusperte sich. „Du hast jemanden gebraucht, bei dem du dich anlehnen kannst. Du bist kein schlechter Mensch, nur weil du dich in den falschen Mann verliebt hast.“

„Ich dachte, er wäre der Richtige!“ Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken.

„Nach Dads Tod musstest du dich um eine große Familie kümmern. Und hattest kein bisschen Geld. Ich bin der Letzte, der dich dafür verurteilt, dass du etwas nach Wärme gesucht hast.“

Sie unterdrückte die Tränen. „Gunner hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Er … er weiß von dem Baby.“

Ihr Bruder lehnte sich zurück. „Du liebst Gunner doch gar nicht.“

„Nein, aber … ihn zu heiraten, würde unserer Familie viel Leid ersparen.“

„Lass es mich wissen, wenn du dich für diese Option entscheidest. Ich möchte unbedingt hier sein, wenn Michael davon Wind bekommt!“

Die Vorstellung war erschreckend. Michael würde es nicht verstehen, wenn sie seinen Rivalen heiratete, während sie von ihm schwanger war.

Brad tätschelte ihre Hand. „Denk zur Abwechslung mal an dich, Bailey. Du liebst Michael. Gib ihm eine Chance, zur Vernunft zu kommen, bevor du ihm und Gunner einen Grund lieferst, das Kriegsbeil wieder auszugraben.“

Sie lächelte matt. „Du bist viel realistischer als ich, was? Ich wünschte, du würdest endlich der richtigen Frau begegnen.“

Verlegen schaute er auf die blauen Farbflecke unter seinen Fingernägeln. „Ich habe da schon ein Mädchen im Auge …“

Verblüfft starrte Bailey ihn an. „Wer ist es? Seit wann?“

Ein resigniertes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Deenie.“

Deenie Day!? Die Rodeo Queen?“

Brad nickte zerknirscht. „Und seit wann? Seit ich ihr und ihrem Pfirsichkuchen über den Weg gelaufen bin.“

Als Michael am Abend nach Haus kam, war er schmutzig und hundemüde dazu. Wie erwartet hatten seine drei Helfer schlampig gearbeitet. An der Westseite war ein Abschnitt des Zauns umgekippt – ausgerechnet dort, wo das Land der Dixons an das Wasserloch grenzte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn seine Stiere die Lücke entdeckt hätten.

Rasch reparierte er den Zaun und ritt ihn dann einmal komplett ab, um sicher sein zu können, dass die Cowboys nicht noch mehr übersehen hatten. Gleich morgen würde er sie sich vorknöpfen.

Er wusch sich die Hände, ließ das warme Wasser über die verfrorenen Finger laufen und trocknete sich das Gesicht ab. Plötzlich nahm er einen eindeutig femininen Duft wahr – Parfüm. Er musste einen weiblichen Besucher gehabt haben.

Bailey. Hoffnung stieg in ihm auf. Sie trug zwar nie Parfüm, aber vielleicht hatte sie einen alten Flakon ihrer Mutter gefunden. Und vielleicht hatten seine verrückten Cowboys recht behalten und Plan A hatte funktioniert. Voller Vorfreude eilte er nach oben.

Keine Bailey.

Er war enttäuscht. Vielleicht schaute sie fern, während sie auf ihn wartete. Er hastete wieder nach unten.

„Hallo, Boss!“, riefen Chili, Curly und Fred, als Michael das Fernsehzimmer betrat.

Auch dort keine Bailey.

„Hallo“, erwiderte er und sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass Bailey hier gewesen war. Michael schnupperte. Seine Cowboys rochen nach … Schweiß.

„Dachte, ich hätte was gerochen“, sagte er mürrisch.

„Was … gerochen, Boss?“, wiederholte Fred. „Feuer!?“

Er schüttelte den Kopf. „Schon gut.“ Verlegen räusperte er sich. „Ich habe Bailey versprochen, noch mal nach ihr zu sehen. Nacht.“

Ohne an die Strafpredigt zu denken, die er den dreien halten wollte, rannte er zur Haustür. Es war schon fast zu spät für einen Krankenbesuch.

Die drei Cowboys sahen ihm nach und zwinkerten einander zu.

„Verdammt gut, dass wir vor ihm hier waren“, sagte Chili zufrieden. „Sonst hätte er hier mehr als nur Parfüm gerochen.“ Er wedelte mit der Hand vor der Nase. „Ein richtiges kleines Stinktier, zum Beispiel.“

Fred nahm die Fernbedienung und wechselte den Kanal. „Deenie hat ganz schön geschrien, als wir sie auf dem Sofa überrascht haben. Sie hat ziemlich unschöne Ausdrücke auf dem Kasten.“

Chili nahm sich von den Erdnüssen, die Deenie mitgebracht hatte, zusammen mit dem Wein, der jetzt in einem Kühler auf dem Couchtisch stand. „Tja, wer im Dunkeln auf der Lauer liegt, darf sich nicht beschweren, wenn man den Spieß umdreht.“ Er lachte.

„Baby, ist Bailey zu Hause?“ Michael hatte gehofft, dass sie selbst die Tür öffnen würde, aber ihre kleine Schwester liebte es eben zu sehr, Besucher zu begrüßen.

„Sie schläft“, verkündete das Mädchen.

„Geht es ihr besser?“

Baby schüttelte den Kopf.

Mehr als das würde er aus ihr nicht herausbekommen.

„Dann will ich sie nicht stören“, sagte er. „Danke dir, Baby.“

„Okay.“ Baby schloss die Tür, und Michael ging die schiefen Stufen hinunter. Morgen würde Bailey bei Gunner anfangen zu arbeiten.

Plötzlich wurde ihm klar, dass sie niemals in sein Bett zurückkehren würde. Aus welchem Grund auch immer, Bailey hatte ihre Affäre beendet und beschlossen, ohne ihn weiterzuleben. Wenn er sich genug Ausreden einfallen ließ, würde sie ihn vielleicht in ihrer Nähe dulden, denn die Dixons hatten noch nie einen Streuner weggejagt.

Er war allerdings kein frei herumlaufender Hund. Wenn Bailey ihn nicht länger wollte, dann sollte es eben so sein. Selbst wenn es höllisch wehtat.

6. KAPITEL

„Plan A hat offenbar nicht funktioniert.“ Chili warf einen abschätzigen Blick auf das heruntergekommene Haus der Dixons. „Bailey arbeitet seit einer Woche bei Gunner, und Michael hat keinen Finger gerührt, um sie zurückzuholen.“

Curly zuckte mit den Schultern. „Er hat eben noch nicht kapiert, dass er sie verloren hat. Schon sein Vater hat die arme Mrs Wade vernachlässigt, weil er sich eingebildet hat, in Polly Dixon verknallt zu sein. Aber als seine Frau weg war, ist er eingegangen wie eine Primel.“ Curly kratzte sich am Kopf.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Fred, wie Bailey von der Arbeit nach Hause kam. „Ich finde, Michael sollte in die Pötte kommen und sich auf Bailey konzentrieren, anstatt seinen Frust an uns auszulassen.“

„Zeit für Plan B!“, verkündete Chili. „Wie ich immer sage: Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine gerade Linie.“

„Aber eine gerade Linie kann verdammt lang werden, und das wollen wir kein bisschen!“, warf Fred ein. „Wir wollen die beiden Punkte zusammenbringen, und zwar so dicht, dass sie zusammen einen schönen großen Punkt ergeben.“

Chili schnippte mit den Fingern. „Das ist es!“

Entsetzt starrte Bailey auf die drei Cowboys, die auf ihrem Hausdach herumkletterten und die hölzernen Schindeln entfernten. „Was macht ihr drei da?“

„Sie haben ein kaputtes Dach!“, rief Chili.

„Das weiß ich doch! Das ganze Haus ist marode, aber ich kann mir kein neues Dach leisten. Mit etwas Glück kann ich die Grundsteuern bezahlen.“ Bailey stützte die Hände auf die Hüften. „Gibt Michael euch nicht genug Arbeit?“

„Doch, doch, aber wir müssen uns um Sie kümmern, Miss Bailey.“ Curly setzte seinen Hut fester auf. „Wir wollen nicht, dass den Kleinen etwas auf den Kopf fällt.“

„Fred, hat Michael euch hergeschickt?“, fragte sie.

Der Cowboy murmelte etwas, das sie nicht verstand. Sie runzelte die Stirn. „Was genau stimmt denn nicht mit meinem Dach?“

„Da ist der Dachwurm drin, Miss Bailey.“

„Dachwurm?“ Sie schüttelte den Kopf. „Davon habe ich noch nie gehört.“

„Der ist auch extrem selten, Ma’am. Normalerweise nistet der nur in sehr alten Dächern, weil deren Holz schmackhafter ist. Der frisst Löcher hinein und ist im Winter besonders aktiv. Und wenn er sich im Sommer paart, dann stinkt es richtig übel.“

„Oh.“ Baileys Magen protestierte allein bei dem Gedanken daran.

„Außerdem ist da noch die Brandgefahr.“

Sie seufzte, als noch mehr Schindeln mit lautem Knall auf der Erde landeten.

„Bailey, ich glaube, Baby braucht Sie“, sagte Chili.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Sie hat mich gerade angeschaut und gesagt, dass sie mal … muss.“

„Wieso, können Sie sie denn sehen?“

„Na ja, in der Dämmung unter dem Dach ist ein großes Loch.“

„Oh, wenn die Löcher so groß sind, dass ihr hindurchschauen könnt, wie sollen wir in dem Haus wohnen, bis ihr fertig seid!?“, rief Bailey verärgert. Sie hatte kein Geld für Motelzimmer.

„Keine Sorge“, antwortete Chili unbeschwert. „Die Walking W ist groß genug für alle.“

„Da wird Michael sich aber freuen.“

„Er hat gesagt, wir sollen dafür sorgen, dass dieses Dach dicht und sicher ist“, informierte Curly sie.

„Ich denke, es ist bekannt, was ich von Almosen halte!“, erwiderte Bailey scharf.

„Oh, nein, Ma’am. Das hier ist kein Almosen. Michael hat gesagt, dass er Ihnen viel mehr Geld schuldet, als er Ihrem Vater für den Zugang zum Wasserloch gezahlt hat. Und dass das hier für ihn Ehrensache ist.“

Ehrensache? Bailey unterdrückte ein hysterisches Kichern. Und ich hatte schon Angst, als Ehrenmann, der er ist, würde er mich heiraten wollen. Stattdessen bekomme ich ein neues Dach, aber nicht seinen Nachnamen.

„Na gut“, sagte sie grimmig. „Wenn er unbedingt mit sieben Dixons unter seinem Dach leben will, während er meines erneuern lässt, ohne mich vorher um Erlaubnis gefragt zu haben, dann tun wir ihm doch den Gefallen.“

An diesem Abend fiel Michael erschöpft ins Bett – dankbar für die Ruhe, nachdem er den ganzen Tag lang in der Stadt um den besten Preis für seine Rinder gefeilscht hatte. Der Sommer war so trocken, dass er zusätzliches Futter und Heu für das Vieh hatte kaufen müssen. Aber dank des Teichs der Dixons ging es ihm immer noch besser als vielen Ranchern.

Ohne das Wasser seiner Nachbarn hätte er seine Herde längst verkleinern müssen.

Er schloss die Augen und versuchte, nicht an Bailey zu denken, die manchmal noch komplizierter erschien als die Leute in der Stadt.

„Kuckuck!“

Ruckartig setzte Michael sich auf und erschrak, als er Baby in seinem Bett entdeckte.

„Was tust du hier?“ Erst jetzt dachte er daran, die Bettdecke vor die nackte Brust zu halten.

„Ich wohne jetzt hier. Ich und meine Babypuppe.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Nein, das tust du nicht, Baby“, widersprach er so sanft wie möglich, obwohl sein Herz so heftig klopfte wie schon lange nicht mehr. „Du wohnst nebenan mit deinen Brüdern und Schwestern.“

Baileys jüngste Schwester schüttelte den Kopf und setzte sich aufs Bett. „Wir wohnen ab jetzt bei dir.“

Wie kam sie bloß darauf? Das Letzte, was Michael unter seinem Dach wollte, waren Baby und ihre Stoffpuppe. „Baby, du solltest jetzt zu Bett gehen“, sagte er behutsam. „Du musst viel, viel schlafen, damit du groß und stark wirst. Warum nennen sie dich eigentlich Baby? Wie ist dein richtiger Name?“

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Meine Mommy hat mich immer Baby genannt. Oh-du-meine-Güte-wo-ist-Baby!?“

„Oh du grüne Neune“, murmelte Michael.

Baby strahlte ihn an. „Genau, und Oh-du-grüne-Neune-Baby-ist-schon-wieder-weg!“

Er schloss die Augen. Wie alle anderen Dixons war Baby einzigartig. „Ich wette, Bailey fragt sich schon, wo du steckst.“

„Nein. Sie schläft. Und du hast gesagt, ich soll sie nicht wecken.“

„Und was ist mit Brad? Vielleicht ruft er gerade nach dir.“

„Der ist unten und kümmert sich um seine Bilder.“

In Michael schrillte eine Alarmglocke. Er legte den Kopf auf die Seite. „Unten? Wo unten?“

„In deinem Haus.“

„In meinem Haus!?“

Baby nickte.

„Okay“, begann er. „Warum tut Brad das?“

„Weil die Cowboys unser Dach abgedeckt haben und Brad nicht will, dass seine Bilder vor der großen Ausstellung vom Regen nass werden.“

In Michael stieg eine böse Vorahnung auf. Seine alten Helfer hatten ihn aufgefordert, ihnen alles zu überlassen, und genau das hatte er getan.

„Mr Curly, Mr Chili und Mr Fred“, erklärte Baby. „Sie machen uns ein neues Dach und haben gesagt, bis dahin müssen wir hier wohnen.“

Michael unterdrückte einen lauten Fluch. Wie sollte er Bailey jemals wieder in sein Bett bekommen, wenn sie ihre Geschwister um sich hatte?

„Ich bringe die Typen um“, flüsterte er. „Sie werden davon träumen, in Rente zu gehen, und zwar sehr weit weg von der Ranch Walking W!“ Aber erst einmal musste er Baby loswerden. „Baby, könntest du kurz hinausgehen, damit ich meine Jeans anziehen kann? Dann suchen wir nach deiner Schwester.“

„Die schläft.“

„Das weiß ich!“ Er seufzte. „Baby, bitte warte vor der Tür, ja?“

„Okay.“ Sie glitt vom Bett.

Michael stieg so hastig in die Hose, dass er sich fast am Reißverschluss verletzte. Ohne Socken streifte er die Stiefel und ein T-Shirt über.

„Okay, jetzt bring mich zu Bailey.“

Er folgte ihr durchs Haus in den Ostflügel. Wenigstens waren seine Cowboys so rücksichtsvoll gewesen, die Dixons möglichst weit von ihm entfernt unterzubringen. Aber er würde Bailey erklären müssen, dass es ein Missverständnis gegeben hatte. Ihre Familie musste wieder ausziehen.

Baby zeigte auf die Tür des Gästezimmers. Michael ging hinein. Im Mondschein war auf dem Bett nicht mehr als ein Berg Decken zu erkennen. Und zwei Köpfe, die daraus hervorschauten. Leise ging er hinüber. Sofort öffnete Bailey die Augen und setzte sich auf.

Das abgetragene weiße Nachthemd betonte ihre hinreißende Figur. Ihre Brüste erschienen ihm voller als sonst. Sie blinzelte verwirrt und strich sich das Haar aus dem Gesicht.

Eine halbnackte Bailey war das Letzte, was er erwartet hatte. „Oh du grüne Neune“, wisperte er. „Ich habe Baby gefunden.“

„Was ist los?“ Schläfrig richtete Amy sich neben ihrer älteren Schwester auf.

„Leg dich wieder hin“, befahl Bailey. „Baby ist jetzt wieder da.“

„Ich konnte nicht schlafen“, sagte Baby.

Und ich werde es auch nicht können, nachdem ich Bailey so gesehen habe, dachte Michael. Sein Mund wurde immer trockener. Er schluckte mühsam. Er wollte mit Bailey ins Bett, aber das hier war von jungen Kindern besetzt – ein Albtraum.

Aber obwohl er sich schwor, dass seine Cowboys ihr blaues Wunder erleben würden, war er froh, dass Bailey sich in seinem Haus aufhielt, noch dazu in dem dünnen Nachthemd. Dafür ertrug er sogar die anderen sechs Dixons.

Dann fiel Baileys Haar über die Schulter, als sie Baby zu sich ins Bett zog. Baileys Anblick ließ ihn daran denken, wie sie nachts neben ihm gelegen hatte. Sie schlief gern nackt und schmiegte sich unter der Decke so fest an ihn, dass er jeden Zentimeter ihrer seidigen Haut hatte fühlen können. Schlagartig regte sich in ihm das Verlangen.

Michael wich zurück und nickte. „Gute Nacht“, flüsterte er und ergriff die Flucht.

Morgen würde er mit den Cowboys ein ernstes Wörtchen reden. Die drei meinten es zwar gut, das wusste er, aber auf diese Art von Hilfe konnte er verzichten.

7. KAPITEL

Während der nächsten fünf Tage ging Michael den Dixons aus dem Weg, indem er sein Haus vor Sonnenaufgang verließ und erst spät am Abend zurückkehrte.

An Bailey musste er dennoch immerzu denken, zumal seine Cowboys außergewöhnlich fleißig zu Werk gingen. Die alten Schindeln waren bereits vom Dach des Nachbarhauses verschwunden, und die drei befestigten eine schwarze Plane.

Doch plötzlich stand die Arbeit still. Am ersten Tag dachte Michael sich nichts dabei, aber als am Samstagvormittag immer noch nichts passierte, ging er in die Unterkunft.

Die drei hatten sich in warme Wolldecken gehüllt und schauten fern.

„Was soll das?“, fragte er entrüstet. „Ein freier Tag ist im Plan nicht vorgesehen. Zurück aufs Dach mit euch. Ich habe nie gesagt, dass Bailey bei mir einziehen soll, also arbeitet mal flott weiter.“

„Können wir nicht“, krächzte Chili.

Curly stöhnte auf. „Wir sind nicht fit genug.“

„Der kalte Wind“, sagte Fred heiser. „So krank waren wir noch nie.“

Keuchend setzte Chili sich auf. Seine Augen waren glasig. „Wenn Sie wollen, dass wir arbeiten, tun wir es. Sie sind schließlich der Boss.“ Er bekam einen Hustenanfall und krümmte sich.

„Ihr seid ja wirklich krank!“, entfuhr es Michael. Er eilte zu Chili und schob ihn in den Sessel zurück. „Seit wann geht es euch so schlecht?“

„Seit vorgestern.“ Curly kauerte sich unter seiner Decke zusammen. „Wir dachten, es geht schon vorbei. Wir wollten Sie nicht im Stich lassen.“ Chili wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „Plan B lief so gut.“

Michael füllte ihre Wassergläser nach. „Ihr hättet mir Bescheid sagen sollen.“

„Wir wollten Sie nicht damit belasten“, erklärte Fred leise. Sein Gesicht war gerötet, und er fröstelte trotz der Decke.

„Da sterbt ihr lieber, was?“ Michael befeuchtete Waschlappen und legte jedem Mann einen hin. „Kühlt euch damit die Stirn. Was nehmt ihr für Medikamente?“

„Hier gibt es nicht viel, Michael. Wir waren ja nie krank. Und wenn wir mal eine Beule oder einen Kratzer hatten, sind wir zu den Dixons gegangen.“

Curly drehte sich auf die Seite. Er sah so zerbrechlich aus, und plötzlich machte Michael sich große Sorgen. Seine Leute waren nicht mehr jung, und es war ein extrem kalter Februar gewesen.

„Ich rufe Doc Watson an. Und wenn ihr eine Spritze in den Hintern braucht, sorge ich dafür, dass er seine dicksten Nadeln nimmt.“

Alle drei sahen ihn an. „Wie läuft Plan B denn?“, fragte Chili mit einem matten Lächeln.

„Wie gesagt, ich bestehe darauf, dass der Doc die dicksten Nadeln nimmt.“ Michael warf ihnen einen strengen Blick zu, ging hinaus und knallte die Tür zu.

„Ich glaube, er meint es ernst“, flüsterte Fred ängstlich.

„Schade, dass Michael seinem Pa so ähnlich ist. Er wird immer missmutiger“, sagte Curly betrübt.

Chili griff nach dem Waschlappen. „Wenn er herausfindet, dass wir Plan B erweitert haben, wird er mehr als nur missmutig sein …“

Deenie hielt neben Michaels Haus. Inzwischen war es dunkel, und bestimmt entspannte er sich gerade nach einem harten Tag. Sie konnte ihm die Schultern massieren! Sie schlich sich in die Küche, stellte ihren Blaubeerkuchen auf den Tisch und legte zwei Gabeln und Servietten dazu. Er würde sich über die süße Überraschung sicherlich sehr freuen.

Als sie Schritte hinter sich hörte, drehte sie sich erwartungsvoll um. Doch ihr einladendes Lächeln verblasste sofort wieder. „Brad! Was tust du hier?“

„Mmm, du hast mir einen Kuchen gebracht!?“

„Nein!“, rief sie und schob ihn zurück, bevor er sich darüber hermachen konnte. „Brad, der ist nicht für dich!“

„Wer den Kuchen findet, darf ihn behalten.“ Er beugte sich über Deenie hinweg, schob einen Finger in die Glasur und leckte sich die Blaubeersoße ab. „Oh, der ist lecker.“

Sie trommelte gegen seine Brust. „Du Trottel! Jetzt hast du Michaels Kuchen zerstört!“

Seine Augen glitzerten. Brad war viel größer, als ihr bisher aufgefallen war. Und er duftete noch dazu sehr gut.

„Dir würde ich doch nie einen Kuchen bringen.“

„Oh, du hast mir richtig wehgetan.“ Er hielt sich den Brustkorb und starrte sie an. „Vielleicht hast du mir ja etwas anderes mitgebracht!?“

„Ganz bestimmt nicht. Dir würde ich nicht mal ein Glas Wasser bringen, wenn du am Verdursten wärst.“

Brad tat so, als würde er nach ihr schnappen. „Ich will doch nur einen klitzekleinen Bissen.“

„Du bist unmöglich“, fauchte Deenie, aber insgeheim gefiel ihr, dass er nicht so schnell aufgab. So selbstsicher hatte sie Brad noch nie erlebt. Er klang fast so, als wollte er sie verführen, aber das konnte er sich abschminken. Auch wenn er die blauesten Augen und das längste, geradezu kunstvoll zerzauste Haar hatte, das sie je an einem Mann gesehen hatte. Es umspielte ein äußerst markantes Gesicht. „Schneidest du dir eigentlich nie die Haare!?“, fragte sie vorwurfsvoll. Er stand viel zu dicht vor ihr. So dicht, dass sie die Wärme spürte, die er ausstrahlte.

„Ich habe leider kein Geld für einen Friseur“, erwiderte er und berührte ihr Haar. „Vielleicht könntest du es mir schneiden?“, schlug er leise vor, während er ihre Hand nahm und sie in seinen Nacken legte.

Wie von selbst strichen ihre Finger durch sein Haar. „Niemals! Ich schneide ja nicht mal mein eigenes.“

„Ja, dazu ist es auch viel zu steif“, sagte er und tastete danach.

Sie schlug seine Hand fort. „Zu steif wofür?“

„Um natürlich auszusehen. Es ist so fest, dass ein Vogel darin nisten könnte.“

„Was fällt dir ein?“ Sie ließ sich nicht von einem Dixon beleidigen. „Du solltest besser verschwinden, bevor Michael dich hier erwischt.“

Brad beugte sich vor und flüsterte lächelnd: „Ich glaube, du bist hier der Eindringling!“

Noch nie war ihr ein Mann so nahe gekommen. Nur anschauen, nicht anfassen, das war ihre Devise. Eine kluge Frau verlockte, verführte aber nicht, denn nur so bekam sie letztlich von einem Mann, was sie wollte. Verunsichert hob Deenie eine Hand, um Brad abzuwehren. „Michael mag es, wenn ich ihm etwas bringe.“

„Nein, ich glaube eher, du magst es, ihm etwas zu bringen. Und dein Kuchen schmeckt mir köstlich.“

Und dann küsste er sie einfach. Er küsste sie lange und zärtlich, und obwohl sie sich befahl, den Kuss nicht zu erwidern, brauchte Brad sie nicht einmal festzuhalten.

Gleich ohrfeige ich ihn so heftig, dass er Sterne vor den Augen sieht. Und danach erzähle ich es sofort meinem Daddy!

Abrupt endete der Kuss, als Brad sich von ihr löste. Deenie riss die Augen auf.

„Ich kann es nicht abwarten, dich zu malen“, sagte er heiser. „Ich male dich so, wie du bist.“

Deenies Herz schlug ihr bis zum Hals. Es war doch nur ein harmloser kleiner Kuss gewesen, oder nicht? Sie hatte gehört, dass Künstler ihre Modelle am besten malten, wenn sie mit ihnen intim waren. Jetzt, da er sie geküsst hatte, würde er ihrer Schönheit gerecht werden können.

„Ja, mal ein großes Bild von mir“, bat sie. „Das größte, das Fallen je gesehen hat.“

Er lächelte bewundernd, den Blick auf ihre Lippen gerichtet. „Es wird mir ein Vergnügen sein.“

Verlegen schaute sie zur Seite. Er klang so … ganz anders als der Brad, den sie kannte.

„Gut.“ Sie zog den Reißverschluss ihres Pullovers höher, denn der tiefe Ausschnitt war für Michael gedacht gewesen. „Ich nehme den Kuchen wieder mit, auch wenn du ihn zerstört hast …“

Als sie danach griff, hielt er ihre Hand fest. Ihre Blicke trafen sich, und Deenie schaffte es nicht, sich abzuwenden. Seine Finger strichen über ihr Handgelenk.

„Lass den Kuchen hier“, sagte er. „Dann kann ich an dich denken, wenn ich mir einen Mitternachtssnack gönne. Hast du nie gehört, wie besessen Künstler von ihrem aktuellen Werk sind? Sie vertiefen sich ganz und gar in ihr Thema.“

Deenie fühlte sich so geschmeichelt, dass ihr ausnahmsweise keine schnippische Bemerkung einfiel. Brad sollte sich in der Tat auf ihre Schönheit konzentrieren, damit ihr Bild der Mittelpunkt der Ausstellung sein würde. Wenn er nur wirklich so gut malen konnte, wie ihr Vater behauptete, so wollte sie nur zu gern in seinem Meisterwerk dargestellt sein. Aber noch war er völlig mittellos. Bestimmt konnte er sie auch malen, ohne sie mit seinen Blicken regelrecht zu verschlingen.

Sie eilte zur Tür. „Sagst du Michael, dass ich hier war und hebst ihm ein Stück Kuchen auf?“

„Das bezweifle ich.“

Wütend riss sie die Tür auf und rannte in die Dunkelheit hinaus. Brads Lachen verfolgte sie bis zu ihrem Cabrio.

Bailey konnte noch immer kaum fassen, wie sehr ihr Leben sich innerhalb kürzester Zeit verändert hatte. Ein Mann hatte angeboten, sie zu heiraten, und ihr einen Job gegeben. Ein anderer Mann war der Vater ihres ungeborenen Babys und hatte ihr ein Dach über dem Kopf und zeitweilige Zuflucht geboten.

Aufgrund dieser Verwirrung war sie ganz froh, sich um die Probleme der drei Cowboys kümmern zu können. Brad hatte erwähnt, dass sie krank waren. Am meisten Sorgen bereitete ihr der hagere Fred. Wenn es ihm nicht bald besser ging, würde Doc Watson ihn ins Krankenhaus einweisen müssen.

Es tat gut, an einem kalten dunklen Februartag in Michaels warmer Küche zu stehen und in einem dampfenden Topf zu rühren.

Die Hintertür ging auf, und Michael kam mit einer großen Tüte Lebensmittel herein. „Hallo.“

Sein Tonfall verriet, dass er nicht erwartet hatte, sie in seiner Küche zu sehen, noch dazu am Herd.

„Hallo“, erwiderte sie leise. „Ich dachte mir, ich koche den Cowboys eine Hühnersuppe. Brad hat mir erzählt, dass es ihnen gar nicht gut geht.“

Michael sah sie an. „Ich habe für sie eingekauft.“ Er stellte die Tüte ab. Sein Haar war vom Wind zerzaust, und über den geröteten Wangen wirkten die Augen noch blauer als sonst. „Und du solltest dich ausruhen, weil du selbst krank bist.“

„Ich bin nicht krank, Michael.“

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