Logo weiterlesen.de
BIANCA EXTRA BAND 1

CHRISTINE RIMMER

Nur du und ich im Mondschein

Das bezaubernde Nordlicht macht den Kuss zwischen Prinzessin Arabella und Preston magisch. Wenn diese Umarmung nur nie enden würde! Doch Arabella hat ein Geheimnis, das ihre Hoffnungen zerstören könnte …

MELISSA MCCLONE

Wilde Küsse des Casanovas

Serena ist in einer Hütte gefangen, mit einem überheblichen Fremden! Doch schon in der ersten Nacht merkt Serena: Kane kann charmant und einfühlsam sein – und schrecklich freiheitsliebend …

SUSAN MEIER

Mit dir kommt das Glück zurück

Ihre Vergangenheit macht es Whitney unmöglich, das süße Baby aufzunehmen … Nur etwas Hilfe verspricht sie Darius, dem frischgebackenen Daddy – nicht ahnend, dass der Millionär ihr Leben ändern wird.

TRACY MADISON

Niemand widersteht Jace

Als Melanie enger mit dem attraktiven Jace zusammenarbeiten soll, weiß sie nicht weiter: Sein Charme ist unwiderstehlich, und dann gesteht er ihr auch noch seine Liebe! Kann sie dem Playboy vertrauen?

IMAGE

Nur du und ich im Mondschein

1. KAPITEL

Neuigkeiten verbreiteten sich rasch in Elk Creek, Montana.

Und die Anwesenheit einer echten Prinzessin in der Stadt war eine Sensation!

Der Name Ihrer Hoheit lautete Arabella. Arabella Bravo-Calabretti. Ihre Mutter war die Herrscherin eines reichen Kleinstaats im Mittelmeer.

Prinzessin Arabella hatte drei aneinandergrenzende Zimmer im Drop On Inn genommen, dem einzigen Hotel der Stadt. Es hieß, sie habe ein Baby mitgebracht. Und außerdem eine Kinderfrau und einen Bodyguard.

Trotzdem hätte der Pferdezüchter Preston McCade normalerweise keinen Gedanken an eine Prinzessin verschwendet, ganz egal, ob sie sich nun in Elk Creek oder sonst wo befand.

Allerdings hatte Ihre Hoheit Arabella offenbar Fragen gestellt. Und zwar über ihn. Schon am Abend ihrer Ankunft, einem Sonntag Anfang Dezember, hatte Preston erfahren, dass die Prinzessin Kontakt mit ihm aufnehmen wollte.

Und als er am Montagmorgen in Colsons Futtermittelhandlung eine Bestellung aufgeben wollte, sah er sofort, dass Betsy Colson vor Neugier fast platzte.

„Preston!“ Betsy schlüpfte hinter dem Ladentisch hervor. „Hast du schon gehört, dass eine Prinzessin in der Stadt ist?“

„Dir auch einen guten Morgen, liebe Betsy“, antwortete Preston grinsend.

„Ich weiß es von Dee Everhart, die es direkt von RaeNell erfahren hat.“ RaeNell und Larry Seabuck waren die Eigentümer und Betreiber des Drop On Inn. „Sie kommt aus Montedoro, diese Prinzessin. Hast du schon einmal von Montedoro gehört? Es liegt vor der französischen Küste und soll wunderschön sein. Ein Paradies mit Palmen und weißen Sandstränden, in dem das ganze Jahr die Sonne scheint.“

Preston nahm seinen Cowboyhut ab und klopfte den Schnee heraus. „Apropos Wetter – heute schneit es angeblich den ganzen Tag durch. Und morgen auch.“

„Hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Betsy empört.

„Nein, aber RaeNell hat mir das gestern schon erzählt. Sie hat mich extra zu Hause auf der Ranch angerufen, um mir zu sagen, dass sich irgendeine Prinzessin nach mir erkundigt hat.“

Betsy senkte ihre Stimme verschwörerisch. „Dee hat gesagt, dass RaeNell behauptet hat, dass dich die Prinzessin sprechen will, Preston.“

„Dann kann sie mich ja anrufen. Ich stehe im Telefonbuch.“

Betsy zog über ihrer Stupsnase die Augenbrauen zusammen. „Was kann eine Prinzessin wohl von dir wollen?“

„Keine Ahnung. Bis wann ist das Spezialfutter da?“

„Spätestens am Mittwoch.“

„Okay, also bis dann.“ Er wandte sich zur Tür.

Betsy rief ihm nach: „Sie wohnt übrigens im Drop On Inn, falls du es nicht weißt! Du könntest doch einfach dort vorbeigehen …“

„Bis Mittwoch, Betsy.“ Preston stülpte sich den Hut wieder auf den Kopf und verschwand eilig.

Der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Und das Drop On Inn war nur ein paar Häuser weiter auf der anderen Seite der Hauptstraße. Wenn Preston ehrlich war, hatte ihn doch ein bisschen die Neugier gepackt.

Larry Seabuck, der nicht mehr ganz junge Besitzer des Drop On Inn, stand gebückt und mit schütterem grauen Haar an der Rezeption, als Preston die Hotellobby betrat. „Preston, na, alles in Ordnung bei euch?“

„Ja, danke, keine Klagen. Ich habe gehört, dass einer deiner Gäste nach mir gefragt hat.“

„Unsere Prinzessin“, sagte Larry ehrfürchtig. Er klang beinahe besitzergreifend.

„Würdest du sie bitte anrufen? Sag ihr, dass ich hier bin, um mit ihr zu sprechen.“

„Hm … sie hält sich momentan nicht in ihrem Zimmer auf.“

Preston stützte sich mit dem Ellenbogen auf den weihnachtlich dekorierten Rezeptionstresen. „Du wirkst so nervös, Larry. Warum sagst du nicht einfach, was Sache ist?“

Larry schob seine Brille hoch. „Nun ja, eine Frau von Welt. Eine Adlige. Und sie ist unser Gast. Wir hatten schon einige Anfragen von Journalisten, ob sie bei uns wohnt. Aber sie will nicht gestört werden. Wir müssen ihre Privatsphäre respektieren.“

Preston, der sein Leben in den vergangenen Jahren nicht be­sonders lustig gefunden hatte, musste plötzlich ein Lachen unterdrücken. „Sieht sie eigentlich gut aus, diese Prinzessin?“

„Oh ja. Außerordentlich attraktiv.“

„Ich glaube, du hast dich verliebt, Larry. Pass besser auf, bevor RaeNell es merkt.“

„Ach, komm schon, Preston, nicht doch“, wehrte Larry ab, doch seine Röte verriet ihn.

„Sag mir einfach nur, wo ich sie finde. Ich verspreche auch, dass ich mich anständig benehmen werde.“

Larry presste die Lippen zusammen. „Du?“, fragte er skeptisch. „Jede Wette, dass du noch nicht einmal weißt, wie man eine Prinzessin überhaupt anspricht.“

„Aber das wirst du mir zweifellos gleich erklären, nicht wahr, Larry?“

„Du darfst dich in ihrer Gegenwart nur hinsetzen, wenn sie dich ausdrücklich dazu auffordert. Wenn du sie das erste Mal ansprichst, nennst du sie ‚Eure Hoheit‘. Danach kannst du ‚Ma’am‘ sagen.“

„Hat sie dir das alles erklärt?“

Larry rümpfte die Nase. „Natürlich nicht. Ich habe mich eben informiert. Auf Wikipedia.“

„Aha, alles klar. Also, wo ist sie?“

Endlich gab Larry auf. „Sie sitzt gegenüber im Sweet Stop Diner beim Frühstück.“ Er deutete mit seiner knochigen Hand auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Danke, Larry. Einen schönen Tag noch!“

Prinzessin Arabella beobachtete, wie ein großer, attraktiver Mann zielstrebig auf ihren Tisch zusteuerte. Er blieb vor ihrem Tisch stehen, nahm seinen Cowboyhut ab und sagte höflich: „Eure Hoheit, ich bin Preston McCade. Ich habe gehört, dass Sie mich gesucht haben.“

Ihr Bodyguard stand wachsam an der Eingangstür. Die Prinzessin nahm Blickkontakt mit ihm auf und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, bevor sie den Rancher mit einem Lächeln bedachte. „Das ist richtig, Mr McCade.“ Sie wies auf den leeren Platz gegenüber am Tisch. „Bitte setzen Sie sich zu mir.“

Alle Gäste hatten neugierig die Köpfe in ihre Richtung gedreht.

Prinzessin Arabella konnte die Spannung im Raum beinahe greifen, während der Rancher seine Lederjacke auszog und sie zusammen mit seinem Hut neben sich auf die Sitzbank legte. Er trug ein hellblaues Hemd, dessen Farbton genau zu seinen Augen passte. Seine Jeans und die Cowboystiefel aus Wildleder waren ordentlich und sauber, aber viel getragen und abgenutzt.

Blaue Augen, dachte sie unwillkürlich. Genau wie Ben …

„Das Übliche, Preston?“, rief die Kellnerin vom Tresen quer durch das Lokal.

„Klingt gut, Selma.“

Die Kellnerin gab die Bestellung weiter an die Küche. Dann kam sie mit einer Kaffeekanne und füllte die Tasse, die bereits auf dem Tisch gestanden hatte, für Preston.

Der Rancher nutzte die Zeit, bis die Kellnerin außer Hörweite war, und trank einen Schluck. „Bleiben Sie länger in der Stadt, Ma’am?“

„Bitte nennen Sie mich Belle. Ich weiß noch nicht, wie lange mein Besuch hier dauern wird.“

Sie sahen einander an. Sein Blick war entspannt und ruhig. Preston McCade hatte starke, breite Schultern und ein ausgeprägtes Kinn mit einem sexy Grübchen. Belle konnte verstehen, dass er Anne gefallen hatte. Das wäre jeder Frau so gegangen.

Abgesehen von seiner äußeren Attraktivität mochte sie auch seine Art. Er wirkte nachdenklich, gleichzeitig aber auch lässig. Er erschien ihr wie ein Mann, auf den man sich verlassen konnte. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, was passieren würde, wenn sie ihn nicht leiden konnte.

Und nicht nur darüber war sie besorgt gewesen, sondern auch über viele andere Dinge. Ihr Herz war schwer wie ein Stein. Wegen des Verlusts ihrer Freundin. Und wegen Ben …

Wie konnte Anne das nur tun? Warum musste ihre Freundin das von ihr verlangen?

„Alles in Ordnung, Ma’am, ich meine Belle?“ McCade hatte sich zu ihr vorgebeugt und musterte sie prüfend. Er sprach leise, mit einer Stimme, die echte Besorgnis verriet.

Plötzlich schaffte sie es nicht mehr, seinem Blick standzuhalten. Sie sah nach unten, auf seine Hände, die er um die Kaffeetasse gelegt hatte. Er hatte große und kräftige Hände. Mit vielen Schwielen.

Wie war wohl sein Leben?

Sie musste vieles über ihn erfahren. Die Verantwortung lastete schwer auf ihr.

Belle zwang sich zu einem Lächeln und hob den Kopf. „Ja, danke, alles in Ordnung.“ Sie sah zum Fenster hinaus. „Es schneit schon wieder.“

Er nickte. „Sie sollten besser nicht zu lange hierbleiben. Es könnte sein, dass wir schon in dieser Woche so viel Schnee bekommen, dass Sie Montana erst wieder verlassen können, wenn das Frühlingstauwetter einsetzt.“

„Das Risiko muss ich wohl eingehen, Mr McCade.“

„Preston.“

„Preston.“

Er deutete auf ihren fast vollen Teller. „Sie sollten essen. Sonst werden die Eier kalt.“

Aber sie hatte keinen Hunger. Nicht mehr. Als Preston so entschlossen auf ihren Tisch zugeschritten war, war ihr jeder Appetit vergangen.

Preston nippte an seinem Kaffee und versuchte, die Prinzessin nicht allzu auffällig anzustarren.

Larry hatte recht gehabt. Sie war wirklich außerordentlich attraktiv mit ihrem dichten, glänzenden braunen Haar und den whiskeyfarbenen, mandelförmigen Augen. Ihre Haut schien zu schillern, und Preston war sich sicher, dass sie sich weich anfühlen würde, wenn er sie berührte.

Auch die inneren Werte der Prinzessin schienen zu stimmen. Sie sprach leise und höflich, drückte sich gewählt aus und lächelte freundlich. Kein Wunder, dass sie Larry gefiel.

Die Kellnerin brachte sein Frühstück: vier Eier, gebratenen Schinken, Bratkartoffeln, Buttertoast und ein großes Stück Apfelkuchen. Preston ließ es sich schmecken.

Er mochte die Offenheit, mit der die Prinzessin seinen forschen Blicken standhielt. Aber sie wirkte ernst und bedrückt.

„Haben Sie immer schon in Montana gelebt, Preston?“

„Mit Ausnahme der vier Jahre, in denen ich in Utah aufs College gegangen bin, ja. Meine Familie hat eine Ranch ein Stück außerhalb von Elk Creek. Wir züchten Pferde, hauptsächlich Quarter Horses, und bilden sie für die Rancharbeit aus.“

„Quarter Horses“, wiederholte sie lächelnd. „Die amerikanischste aller Pferderassen. Hervorragende Sprinter. Und sehr wendig. Ideal für die Arbeit mit Rindern auf einer Ranch.“

„Sie kennen sich mit Pferden aus?“

„Mein Vater ist auf einer Ranch aufgewachsen“, erklärte sie. „In Texas, in der Nähe von San Antonio. Mein Cousin Luke lebt heute auf dieser Ranch und züchtet ebenfalls Quarter Horses.“

„Dann ist Ihr Vater also Amerikaner?“

„Durch die Heirat mit meiner Mutter wurde er Staatsbürger von Montedoro, aber davor war er Amerikaner. Und wir Kinder durften früh reiten lernen. Züchten Sie auch Rinder?“

„Ja, wir haben eine kleine Herde, aber unser Schwerpunkt ist ganz klar die Pferdezucht. Unsere Ranch ist seit vier Generationen in Familienbesitz, und ich führe sie gemeinsam mit meinem Vater. Wir sind ziemlich stolz auf unser Zuchtprogramm. Unsere Pferde sind sehr ausgeglichen und ruhig – ideal geeignet für die Zwecke unserer Abnehmer. Aber auch auf Rodeos haben sie schon in allen Kategorien Preise abgeräumt. Übrigens stehen bei uns auch zwei erstklassige Zuchthengste.“

Preston verstummte erstaunt. Seit wann redete er so viel? Normalerweise war er eher wortkarg.

„Haben Sie Geschwister?“, fragte Belle.

„Nein, außer meinem Vater habe ich keine weiteren Verwandten.“

Sie beugte sich neugierig vor. „Warum lächeln Sie? Wegen Ihres Vaters?“

Er grinste. „Um das zu verstehen, müssten Sie ihn kennen. Mein Vater hält sich nämlich für unwiderstehlich.“

„Aber Sie nicht?“

„Ich überlasse es jedem Menschen, sich selbst ein Bild von ihm zu machen“, antwortete Preston augenzwinkernd. „Aber ich warne Sie. Er redet Sie in Grund und Boden, wenn Sie ihm nur den Hauch einer Chance dazu bieten.“

„Und Ihre Mutter?“

„Lebt nicht mehr.“

„Das tut mir leid.“

Er zuckte die Achseln. „Das ist schon sehr lange her. Damals war ich noch ein Kind.“

„Das muss hart gewesen sein. Nicht nur für Sie, auch für Ihren Vater.“

„Wie gesagt, es ist lange her.“ Irgendwie hatte Preston das Gefühl, dass Belle ihn ausfragte. Dabei hatte er selbst auch Fragen an sie. Besonders die eine: Warum war sie hier? Aber es hatte den Anschein, als wollte sie ihn aus irgendeinem Grund erst besser kennenlernen, bevor sie ihm das verriet.

Eigentlich fand er das ganz in Ordnung. Schließlich war er auch neugierig und wollte mehr über sie erfahren. „Was ist mit Ihrer Familie?“

Sie trank einen Schluck Kaffee. „Meine Eltern sind beide am Leben und bei bester Gesundheit.“

„Und Sie müssen Geschwister haben, weil Sie vorher ‚wir Kinder‘ gesagt haben.“

„Ich habe vier Schwestern und vier Brüder.“

„Was für eine große königliche Familie.“

„Montedoro ist ein Fürstentum“, erklärte die Prinzessin.

„Dann ist Ihr Vater also kein König?“

„Mein Vater wäre ohnehin nicht der König, sondern meine Mutter die Königin. Sie ist die Fürstin und damit das Staatsoberhaupt von Montedoro.“

Ach ja, richtig, jetzt erinnerte Preston sich, das hatte RaeNell ja schon gesagt. „Und Ihr Vater wurde in Amerika geboren …“

Sie nickte. „Meine Eltern haben sich in Los Angeles kennengelernt. Er war Schauspieler. Er wurde sogar einmal mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.“

„Aber er gab die Schauspielerei auf, als er Ihre Mutter heiratete?“

„Genau. Und als meine Mutter die Regentschaft übernahm, wurde er damit zu Seiner Hoheit Evan, Prinzgemahl zu Montedoro.“

„Ich verstehe“, sagte Preston, doch das war eigentlich eine Übertreibung. Das Einzige, was er wirklich verstand, war, dass ihn und diese Prinzessin Welten trennten.

Plötzlich kam er sich unbeholfen und dumm vor. Er hatte zu viel geredet und auch noch mit seinen Zuchtpferden angegeben. Als ob die Prinzessin sich dafür interessieren würde!

Aber was auch immer sie von ihm wollte, sie schien es keineswegs eilig zu haben damit. Er schob seinen Teller von sich, wischte sich den Mund ab und legte die Serviette auf den Tisch.

Die Prinzessin verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Vielleicht wäre es möglich, dass wir uns irgendwo unter vier Augen unterhalten?“, schlug sie vorsichtig vor.

Das klang vernünftig. Auch wenn es im Diner nicht mehr ganz so still war wie vorher, als er hereingekommen war, hatte er keinen Zweifel, dass alle Anwesenden aufmerksam verfolgten, was an ihrem Tisch gesprochen wurde.

Wieder überlegte Preston, wie wenig sie miteinander gemeinsam hatten und wie vollkommen unterschiedlich ihre Leben waren. Und er erinnerte sich daran, dass er sich ohnehin nicht für Frauen interessierte. Jedenfalls nicht mehr, seit ihn seine Verlobte vor zwei Jahren Hals über Kopf für diesen Idioten Monty Polk verlassen hatte.

Aber hatte RaeNell nicht erwähnt, dass die Prinzessin ein Baby hatte? Dieses Kind musste ja wohl auch einen Vater haben. Andererseits trug sie keinen Ehering. Aber warum würde sie mit einem Baby nach Elk Creek reisen, wenn sie nicht die Mutter war?

Er nahm allen Mut zusammen und fragte: „Sind Sie eigentlich verheiratet, Belle?“

„Nein, ich bin nicht verheiratet.“

Aber was hatte es dann mit dem Baby auf sich?

Preston brachte nicht den nötigen Mut auf, ihr diese indiskrete Frage zu stellen. Schließlich ging ihn das alles überhaupt nichts an.

Stattdessen öffnete sich sein Mund wie von selbst, und er hörte sich sagen: „Darf ich Sie vielleicht für heute Abend zum Essen einladen?“

Die Prinzessin hatte ihn gebeten, sie um sieben Uhr im Drop On Inn abzuholen.

Preston erschien pünktlich, frisch geduscht und rasiert, in braunen Hosen und einem sportlichen Sakko unter dem Wintermantel. Trotzdem fühlte er sich unbehaglich.

RaeNell stand an der Rezeption und gab vor, einen kleinen Weihnachtsbaum mit bunten Kugeln zu schmücken. Aber in Wirklichkeit musterte sie ihn schamlos. „Du hast dich ja richtig schick gemacht, Preston. Ich werde dich bei der Prinzessin anmelden.“

Preston nickte.

Sie hob den Telefonhörer ab und rief im Zimmer der Prinzessin an: „Lady Charlotte? Bitte informieren Sie Ihre Hoheit, dass Preston McCade in der Lobby wartet … Ja. Vielen Dank.“ RaeNell legte auf und wandte sich an Pres: „Sie kommt gleich herunter.“

„Gut, danke.“

RaeNell trat einen Schritt zurück, um das Bäumchen zu bewundern. „Wohin führst du sie aus? Ins Bull’s Eye? Ja, natürlich. Sonst gibt es in der Stadt ja keine anständigen Steaks.“

Preston antwortete nicht. Aber das war auch nicht nötig. RaeNell war schon immer in der Lage gewesen, eine Unterhaltung vollkommen allein zu bestreiten.

RaeNell flüsterte so laut, dass sie genauso gut hätte schreien können. „Und, was wollte sie von dir? Worum geht es hier? Na, komm schon, mir kannst du es doch sagen. Du weißt, dass ich schweigen werde wie ein Grab.“

„Keine Ahnung. Sie hat es mir noch nicht gesagt.“

„Aber die halbe Stadt hat gesehen, dass du mit ihr gefrühstückt hast. Ihr habt den Anschein erweckt, als würdet ihr euch schon seit Ewigkeiten kennen.“

Preston sagte kein Wort und sah sie mit gespielter Gleichgültigkeit an. Doch natürlich war er genauso neugierig wie RaeNell, was Belle ihm zu sagen hatte.

Glücklicherweise kam sie, gefolgt von ihrem Bodyguard, gerade die Treppe herunter und verhinderte so, dass sich RaeNell weiter in Dinge mischte, die sie nichts angingen.

RaeNell setzte ihr freundlichstes Lächeln auf und begrüßte Belle, die einen langen Wollmantel und schwarze Stiefel mit flachen Absätzen trug, überschwänglich.

Beim Frühstück hatte sie einen Kaschmirpullover und braune Hosen zusammen mit braunen Stiefeln getragen. Preston gefiel die Art, wie sie sich kleidete – schnörkellos und praktisch. Zwar teuer und gediegen, aber dezent.

Ihre Blicke trafen sich. „Hallo, Preston.“ Es fühlte sich an, als ginge in der altmodischen Lobby des Hotels plötzlich die Sonne auf.

Galant bot er ihr seinen Arm an. Sie trat neben ihn und hakte sich unter. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Der Bodyguard hielt ihnen die Tür auf.

Sobald sie außer Hörweite von RaeNell waren, erklärte Preston Belle: „Das Restaurant ist nicht weit entfernt, nur ein paar Hundert Meter. Wenn Ihnen ein kleiner Schneesturm und ein paar Windböen nichts ausmachen, können wir zu Fuß gehen.“

Sie kam näher und umfasste seinen Arm etwas fester.

Preston nahm einen Hauch ihres Parfüms wahr. Es war wie sie: zurückhaltend, aber verführerisch.

„Ich würde sehr gern zu Fuß gehen.“

„Hat Ihr Bodyguard eigentlich einen Namen?“, schnitt Preston mutig ein schwieriges Thema an.

„Marcus.“

„Sie können Marcus hierlassen. Ich verspreche, dass ich mich anständig benehmen werde.“

Sie seufzte resigniert. „Marcus folgt mir auf Schritt und Tritt. Er würde sogar dann mitkommen, wenn ich ihn ausdrücklich wegschicken würde. Ich habe ihm nämlich nichts zu befehlen. Er gehört dem Geheimdienst von Montedoro an und untersteht ausschließlich dem Kommando seiner Vorgesetzten. Seine Aufgabe ist es, mich zu beschützen, und er nimmt seinen Job sehr ernst.“

„Ich verstehe. Dann gehen wir also zu dritt.“

Im Bull’s Eye-Steakhouse hatte sich seit Prestons letztem Besuch nichts verändert. Das Restaurant war rustikal eingerichtet. Auf den Tischen lagen rot-weiß karierte Tischdecken, die Wände waren vom Boden bis zur Höhe der Sessellehnen mit Holz vertäfelt. Darüber hingen alte Bilder, die das Cowboy- und Ranchleben von früher zeigten.

An diesem frühen Montagabend im Dezember war das Bull’s Eye nicht besonders gut besucht. Trotzdem hatte Preston vorsorglich angerufen, um den ruhigsten Tisch in der hintersten Ecke reservieren zu lassen.

Wayne, der langjährige Kellner, begrüßte sie, führte sie an ihren Tisch und reichte ihnen höflich die Speisekarten, bevor er wieder verschwand.

Sobald sie sich entschieden hatten, stand er an ihrem Tisch und nahm ihre Bestellungen auf. Kurz darauf brachte er ihnen die bestellte Flasche Rotwein samt Gläsern und ein Körbchen mit Brot.

„Ich weiß, das Restaurant ist nichts Besonderes“, entschuldigte sich Preston, „aber Sie werden sehen, das Rib-Eye-Steak, das Sie gewählt haben, ist erstklassig.“

„Davon bin ich überzeugt.“ Belle trank einen Schluck Wein.

Preston saß so, dass er die Tür im Auge hatte.

Der Bodyguard hielt sich respektvoll im Hintergrund.

„Ich habe Sie gegoogelt“, begann Preston das Gespräch.

Belle nickte, überhaupt nicht überrascht. „Und? Haben Sie dabei etwas Interessantes herausgefunden?“

Er nahm sich eine Scheibe Weißbrot und strich Butter darauf. „Ich habe gelesen, dass vor einigen Jahren Ihr Bruder Alexander entführt wurde.“

„Ja, das hat uns alle schwer getroffen. Wir mussten annehmen, dass er tot war. Doch er ist lebend zu uns zurückgekehrt. Ein Glück, dass dieser Albtraum vorbei ist. Seine Frau Lili, die wie eine Schwester für mich ist, erwartet übrigens nächsten Monat Zwillinge.“

„Habe ich das richtig verstanden, dass Lili selbst eine Thronfolgerin ist?“

„Genau. Sie ist die Kronprinzessin des Inselstaats Alagonia.“

Preston musste lachen. Es war schon komisch, sich von einer Prinzessin über Fürstenhäuser, Adelstitel und Bodyguards belehren zu lassen.

„Wissen Sie sonst noch etwas?“

„Ja, dass Sie sich sehr für die humanitäre Organisation Krankenschwestern ohne Grenzen engagieren.“

„In meiner Familie sehen wir es als unsere Aufgabe an, den Menschen zu dienen. Ich bin ausgebildete Krankenschwester, aber ich arbeite nicht in der Pflege. Stattdessen vertrete ich die Organisation nach außen und sammle Spenden, damit wir Medikamente und medizinisches Personal dorthin schicken können, wo es am dringendsten gebraucht wird.“

Belle war eine wahre Augenweide. Am liebsten hätte Preston ihr ewig gegenübergesessen, ihrer Stimme gelauscht und ihr in die Augen gesehen. Dass sie Krankenschwester war, beeindruckte ihn. Obwohl ihre Familie so viel Geld besaß, dass sie mit Sicherheit niemals arbeiten musste, hatte sie eine sinnvolle praktische Ausbildung gemacht.

„Was wissen Sie noch über mich?“, fragte sie.

Er schluckte ein Stück Brot hinunter, bevor er antwortete. „Ich habe gelesen, wie Ihre Eltern sich kennengelernt haben.“

Sie nickte. „Und wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt?“

„Mein Vater war sechs, meine Mutter fünf. Es war ihr erster Tag im Kindergarten.“

„Ah …“, sie lächelte, „eine Sandkastenliebe also.“

„Nicht direkt. Er soll sie quer über den Spielplatz gejagt haben. Sie lief vor ihm davon, stolperte, stürzte und musste am Knie genäht werden. Danach hat sie ihn angeblich jahrelang keines Blickes gewürdigt.“

„Auf jeden Fall muss es ein denkwürdiger Tag gewesen sein.“

„Ganz bestimmt.“

Sie mussten beide lachen.

Wayne brachte ihre Salate. Sie aßen und unterhielten sich dabei ganz ungezwungen. Über ihr Leben. Über seines. Dann kamen die Steaks, die wie immer erstklassig waren. Preston erzählte Belle, dass er Landwirtschaft studiert hatte, und sie ihm, dass sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Amerika absolviert hatte.

Für Preston fühlte es sich an wie ein richtiges Date. Eines von der Sorte, wo sich der Mann schon Gedanken über das nächste machte und ihn die Welt durch eine rosarote Brille betrachten ließ.

Preston dachte ungern daran, dass Belle jetzt wohl jeden Moment zum Thema kommen würde.

Aber sie tat es nicht. Auch nicht, als sie Kaffee tranken und ihren Nachtisch aßen.

Ihr Bodyguard wartete noch immer geduldig an der Bar, als sie zur Garderobe neben dem Eingang gingen.

Preston half Belle galant in ihren Mantel.

Sie schenkte ihm über die Schulter ein Lächeln. „Danke, Preston.“

Wie zufällig ruhten seine Hände auf ihren schmalen Schultern. Der Abend war zu schön, um schon zu enden. „Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug auf meine Ranch?“

„Ja, das würde mir gefallen.“

Widerwillig ließ er sie los und griff sich seinen Hut. „Aber die Fahrt dauert eine halbe Stunde“, warnte er sie. „Das ist ein ziemlich langer Weg.“

„Das geht schon in Ordnung. Marcus wird uns folgen und mich mit zurücknehmen. So brauchen Sie sich nicht bemühen.“

„Aber es macht mir nichts aus, Sie zurückzubringen. Ganz im Gegenteil.“ Seine Stimme klang rau.

Sie sagte nur leise: „Schön und gut. Aber Marcus wird uns trotzdem nachfahren.“

2. KAPITEL

Belle ärgerte sich über sich selbst.

Sie hätte es Preston schon lange sagen müssen. Je länger sie zögerte, desto mehr würde sie Preston aus der Bahn werfen, wenn sie endlich damit herausrückte.

Wie sollte man einem Mann so etwas sagen? Wie überbrachte man solche Nachrichten? Das hätte sie sich vorher überlegen sollen.

Die Fahrt zu seiner Ranch verlief ruhig. Preston war kein Mann, der das Bedürfnis hatte, jedes Schweigen mit Worten zu füllen. Das gefiel ihr an ihm.

Und nicht nur das.

Vielleicht hätte sie sich nicht so Hals über Kopf in dieses Abenteuer stürzen sollen. Doch Belle hatte keinen Hinderungsgrund gesehen, weshalb sie nicht unmittelbar nach dem Begräbnis nach Montana fliegen sollte.

In der Regel konnte sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen, und Preston hatte bisher nichts getan, was ihre Alarmglocken schrillen ließ. Ganz im Gegenteil, er schien ein bodenständiger und vertrauenswürdiger Mann zu sein.

Die gesprächige Motelbesitzerin Mrs Seabuck hatte Preston als etwas schroff und als Einzelgänger beschrieben. Außerdem hatte sie erzählt, er habe sich nach einer „privaten Enttäuschung“ vor zwei Jahren noch stärker zurückgezogen. Nur zu gern hätte Belle mehr über diese „Enttäuschung“ gewusst.

Und dann hatte sie ihn kennengelernt und sich in seiner Gegenwart sofort wohlgefühlt. Von schroff oder zurückgezogen war keine Rede gewesen.

Jetzt konnte sie keine Entschuldigung mehr finden, ihm die Wahrheit weiter vorzuenthalten. Sie musste den letzten Wunsch ihrer besten Freundin erfüllen.

Anne.

Allein der Gedanke an ihren Namen versetzte Belle einen Stich ins Herz. Ihre Freundin war erst seit zehn Tagen tot.

Es schneite leicht. Schneeflocken wehten ihnen aus der Dunkelheit entgegen. Die Stimmung war winterlich, das Land karg und in einen silbernen Schimmer getaucht. Die Straße wurde links und rechts von weißen Zäunen gesäumt.

„Wir sind da“, kündigte Preston an. Er bog von der Hauptstraße ab und lenkte seinen Pick-up in eine schmalere Zufahrt. Im Rückspiegel blendeten die Scheinwerfer von Marcus’ Geländewagen, der die ganze Strecke hinter ihnen hergefahren war.

Die Zufahrtsstraße war eine dichte Allee aus Kiefern, an deren Ende ein hoher Bogen stand. An diesem Bogen hing ein Schild mit der Aufschrift McCade-Ranch. Auf der anderen Seite des Bogens erkannte sie Ställe und Scheunen, Koppeln und Wiesen. Im Hinter­grund ragten zerklüftete Bergspitzen in den Himmel.

Dominiert wurde das Ganze jedoch von zwei stattlichen, zweistöckigen Wohnhäusern aus Holz und Naturstein. In beiden Häusern brannte Licht. Als sie näher kamen, konnte Belle noch ein weiteres, kleineres Häuschen erkennen, das mehr an eine Hütte erinnerte. Auch aus seinen Fenstern fiel warmes Licht.

Preston hielt vor dem größten der drei Häuser.

Marcus parkte neben ihm, sprang aus dem Wagen und hielt ihr schon die Tür auf.

Belle stieg aus und ging Preston entgegen. „Marcus muss zuerst ins Haus. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

Preston zuckte mit den Achseln. „Bitte sehr“, er wandte sich dem Bodyguard zu und machte eine einladende Handbewegung. „Es ist nicht abgeschlossen.“ Marcus ging die Stufen hinauf und verschwand im Haus, während Preston Belle seinen Arm anbot. Sie hängte sich bei ihm ein. Gemeinsam folgten sie Marcus. „Wir warten also hier draußen, bis Ihr Bodyguard sein Okay gibt?“

Sie spürte, wie sie rot wurde. Manchmal waren all diese Sicherheitsvorkehrungen einfach nur lästig. „Es dauert nicht lange. Und die gute Nachricht ist: Laut Protokoll ist diese Überprüfung nur beim ersten Besuch erforderlich. Falls ich wieder herkomme, können wir auf weitere Überprüfungen verzichten.“

„Oh, tatsächlich?“ Um seinen Mund zuckte ein Lächeln. „Wenn das so ist, müssen Sie einfach wiederkommen. Sonst wäre es ja schade um die Mühe.“

Ihr Blick blieb an seinen Lippen hängen. Wie es sich wohl anfühlen würde, wenn seine Lippen ihre berührten?

Was für ein vollkommen unpassender Gedanke! Belle ärgerte sich. Als ob sie diesen Mann je küssen würde. Sie kannte ihn nicht einmal.

„Achtung“, murmelte Preston verschwörerisch. „Sehen Sie jetzt nicht nach rechts, dort kommt mein Vater. Ich flehe Sie an: Was immer er auch sagt – glauben Sie ihm bloß kein Wort!“

Wie vermutlich jede Frau in einer solchen Situation konnte sie nicht widerstehen und drehte sich in die verbotene Richtung.

Ein hochgewachsener, weißhaariger Mann mit einem buschigen Schnurrbart und funkelnden Augen stapfte auf sie zu. Er trug eine Jeans, die zweifellos schon bessere Tage gesehen hatte, und ein Pyjamaoberteil.

„Preston!“, brummte er mit tiefer Stimme und gespielter Strenge. „Wo bleiben nur deine Manieren? Du weißt doch, dass ich jede Frau, die du mit nach Hause bringst, kennenlernen will. Schon deshalb, weil ich sie vor dir warnen muss! Ich bin übrigens Silas.“ Er zwinkerte Belle zu. „Die charmantere Hälfte der Familie.“ Er streckte ihr seine runzlige, von Wind und Wetter gegerbte Hand entgegen.

Belle nahm sie und schüttelte sie herzlich. „Arabella. Aber bitte nennen Sie mich Belle.“

„Ich habe schon von Ihnen gehört. Sie sollen eine Prinzessin sein …“

„Dad … bitte“, murmelte Preston peinlich berührt.

In diesem Augenblick öffnete sich seine Haustür, und Marcus trat heraus. „Es ist alles in Ordnung, Ma’am.“

Silas ließ vor Verblüffung Belles Hand los. „Nicht zu fassen: ein Bodyguard. Das sehe ich an dem Knopf in seinem Ohr. Und daran, dass der Mann keine Miene verzieht.“

Belle musste lachen. Viele Menschen ließen sich durch ihre Herkunft einschüchtern. Nicht so Silas McCade. „Danke, Silas.“ Sie ging voraus in den geräumigen, zweistöckigen Eingangsbereich. Eine breite Treppe führte ins Obergeschoss. Das Haus wirkte solide und sauber. Doch eine weibliche Note hätte ihm nicht geschadet – einige frische Farben, freundliche Vorhänge, vielleicht ein paar Bilder.

„Gehen wir doch ins Wohnzimmer“, schlug Preston vor, während er ihr aus dem Mantel half und ihn zusammen mit seiner Jacke und dem Cowboyhut, den er immer trug, an der Garderobe aufhängte. Er deutete auf die weit geöffnete Doppeltür zu ihrer Linken.

Belle ging in den Raum, gefolgt von den McCade-Männern.

Marcus blieb zurück, in der Nähe der Haustür.

„Bitte setzen Sie sich doch“, forderte Preston sie auf.

Sie ließ sich auf dem gemütlich aussehenden Sofa nieder.

Silas entschied sich für den Polstersessel ihr gegenüber. „Ein kleiner Whiskey könnte jetzt nicht schaden, mein Sohn. Was ist mit Ihnen, Belle?“

„Jetzt nicht, vielen Dank.“

Preston schenkte seinem Vater einen Drink ein und setzte sich in den anderen Polstersessel.

Silas begann zu reden. Er erzählte Belle, dass er das kleinere der beiden Häuser bewohnte, und wie einsam es in kalten Winternächten auf der Ranch oft wurde. „Was für eine schöne Abwechslung, mal weibliche Gesellschaft hier zu haben“, bemerkte er zufrieden.

Sie fragte ihn nach den Pferden, die er mit seinem Sohn auf der Ranch züchtete. „Unsere Quarter-Horse-Zucht zählt zu den besten in den gesamten Staaten“, berichtete der alte Mann stolz.

„Nur keine falsche Bescheidenheit, Dad“, lästerte Preston kopfschüttelnd.

„Bescheidenheit? Der Begriff kommt in meinem Wortschatz gar nicht vor.“ Silas leerte sein Glas und stand auf. „So, jetzt habe ich euch lange genug mit meiner Anwesenheit beglückt. Irgendwann muss man die jungen Leute auch einmal sich selbst überlassen.“ Er nickte der Prinzessin zu. „Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Belle.“

„Ganz meinerseits, Silas.“

„Kommen Sie gern wieder. Jederzeit. So oft wie möglich.“

„Vielen Dank für die Einladung.“

Silas zog sich zurück.

Preston wartete, bis die Haustür hinter seinem Vater ins Schloss fiel. „Wie Sie zweifellos gemerkt haben: Mein Vater ist eine Nummer für sich.“

„Auf jeden Fall ist er ein großer Charmeur.“

„Sagen Sie ihm das bloß nicht! Es ist so schon schwierig genug, mit ihm auszukommen.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort. Er ist ein ausgesprochen netter Mensch. Und dass Sie prima miteinander auskommen, sehe ich Ihnen an der Nasenspitze an.“

Preston warf ihr einen überraschten Blick zu. „Das haben Sie richtig erkannt.“

Sie dachte an ihre wesentlich ältere Cousine Charlotte, die mit ihr nach Elk Creek gereist war und im Hotel auf Ben aufpasste. Sie wichen einander seit Jahren kaum von der Seite und bildeten in jeder Hinsicht ein gutes Team. So ähnlich stellte sie sich Prestons Beziehung zu seinem Vater vor.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Preston sie erstaunt ansah. „Sie sind plötzlich so still …“

„Entschuldigung. Ich habe nur nachgedacht.“

„Worüber?“

Sag es ihm! Jetzt gleich! „Ich habe mich einfach gefragt, ob Sie dieses große Haus ganz allein bewohnen?“

„Ja. Mein Vater ist in das kleinere Haus gegenüber gezogen, als ich vom College zurückkam. Wahrscheinlich wollte er mir einfach die Möglichkeit geben, so bald wie möglich eine Familie zu gründen.“

Belle fragte neugierig: „Nachdem Sie von dieser Möglichkeit anscheinend keinen Gebrauch gemacht haben – wer kümmert sich um den Haushalt?“

„Wir haben eine Haushälterin, Doris. Sie kommt täglich außer am Wochenende und putzt und wäscht und kocht für uns und unsere Rancharbeiter.“

„Wie viele Männer arbeiten für Sie?“

„Wir beschäftigen das ganze Jahr über zwei Männer und im Frühjahr und Sommer mindestens zwei weitere. Die Hütte dort drüben ist übrigens ihre Unterkunft.“

„Und was essen Sie am Wochenende, wenn Doris nicht kommt?“

„Da improvisieren wir. Entweder gibt es Reste oder etwas aus der Tiefkühltruhe oder Konserven. Im Sommer werfen wir natürlich auch oft den Grill an.“

Er würde jemanden brauchen, der rund um die Uhr für Ben da sein konnte. Das Kind würde sein Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Preston hatte ja keine Ahnung, was ihn erwartete …

Vor ihrem geistigen Auge sah sie den kleinen Ben auf Annes Schoß sitzen und seine Mutter anstrahlen. Das war in den letzten Tagen, in denen Anne noch kräftig genug gewesen war, um sich im Bett aufzurichten.

Anne.

In diesem Moment spürte Belle den Verlust noch schmerzlicher als sonst. Ihr kamen die Tränen. Verstohlen rieb sie sich die Augen.

„Belle?“ Preston sprang erschrocken auf. „Was ist los? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Sie legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Nein. Setzen Sie sich doch bitte. Es ist alles in Ordnung. Wirklich.“

Preston sank zurück in den Sessel. „Warum fällt es mir nur so schwer, Ihnen das zu glauben?“

Sag es ihm! Jetzt!

Sie öffnete den Mund, um ihm alles zu erzählen.

„Wissen Sie was? Lassen Sie uns hinausgehen. Ich zeige Ihnen die Ställe, und wir können uns die Sterne ansehen.“

Sie zogen sich an und gingen nach draußen. Unter ihren Füßen knirschte der Schnee, als sie auf dem Weg zu den weitläufigen Stallgebäuden den Hof durchquerten. Preston erklärte ihr die Ziele seiner Zucht.

Belle betrachtete ihn aufmerksam, während er sprach. Warum fand sie es nur so schwierig, sich ihm anzuvertrauen? Hinter seiner rauen Fassade steckte ein gutmütiger, sensibler Mann. Er würde einen wundervollen Vater abgeben.

Schon wieder wurden ihre Augen feucht. Weil ihr plötzlich klar geworden war, warum sie nicht mit der Wahrheit herausrückte.

Denn sobald sie ihm alles sagte, war ihre Zeit hier abgelaufen. Und der winzige Funken Hoffnung, dass Ben vielleicht doch bei ihr bleiben könnte, würde ein für alle Mal erlöschen.

An diesem Abend mit Preston hatte sie alles über ihn erfahren, was sie wissen musste. Er war ein anständiger Mann, und er war Bens Vater.

Sobald er den anfänglichen Schock über diese Überraschung überwunden hatte, würde er seine Rechte als Vater geltend machen.

Und sie würde Ben verlieren, genau, wie sie auch Anne verloren hatte.

Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit von einer magischen Erscheinung gefesselt. Fasziniert beobachtete sie das überwältigende Naturschauspiel, das den Himmel in eine pulsierende Explosion lebendiger Farben tauchte. „Preston …“ Einem Impuls folgend, ergriff sie seine Hand, ohne darüber nachzudenken, was für widersprüchliche Signale sie ihm sandte.

„Das ist das Nordlicht“, erklärte er leise, fast feierlich, den Blick gebannt in den Himmel gerichtet.

Erhabene Schönheit erleuchtete den Himmel. Und sie beide verfolgten das Wunder Hand in Hand.

Rot, gelb, grün, blau, ein Violett so satt wie Veilchen, ein Rosa so zart wie die Röte auf der Wange eines Engels. Die Farben tanzten über die himmlische Leinwand: lebendig, rhythmisch, majestätisch – perfekte Noten in einer stummen Symphonie.

Preston zog Belle enger an sich und legte ihr den Arm um die Schulter, während sie die Eindrücke auf sich wirken ließen.

Ihr wäre nicht im Traum eingefallen, sich dagegen zu wehren. Warum auch? Wie oft im Leben wurde man schon Zeuge eines solchen Naturwunders?

Sie seufzte, als die Intensität der Farben nachzulassen begann. Viel zu bald würde alles vorbei sein.

Preston sah sie an. In seinen Augen spiegelten sich die Farben der Nacht. Mit seiner rauen, warmen Hand berührte er sie am Kinn, strich ihr über die Wange.

Sie konnte und wollte nichts dagegen tun.

Er senkte den Kopf. Ihre Lippen berührten sich. Sie seufzte leise und schmiegte sich an ihn. Es war falsch, das wusste sie genau. Doch sie entschied sich für den Kuss und gegen die Vernunft.

Der Kuss war so zauberhaft wie die Polarlichter, die sie gemeinsam erlebt hatten. Sie vergaß alles um sich – Marcus, der auf sie wartete, ihre Verpflichtung gegenüber ihrer verstorbenen Freundin und sogar das Kind, das sie Preston schon so bald überlassen musste.

Irgendwann hob er den Kopf und sah sie langsam an, wie durch einen Nebelschleier. „Belle …“ An seinem Ton konnte sie hören, dass keine Antwort nötig war. Er hob ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. „Gehen wir hinein.“ Noch immer den Arm um ihre Schulter gelegt, führte er sie ins Haus.

Sie wandte sich an Marcus, der ihnen in seiner diskreten Art gefolgt war. „Würden Sie bitte ausnahmsweise im Wagen warten?“

Marcus runzelte zwar die Stirn, doch er gehorchte.

Preston musterte sie erwartungsvoll, aber schweigend.

„Könnten wir uns vielleicht … setzen?“, fragte sie scheu.

Er deutete zum Wohnzimmer. Sie setzten sich wieder auf dieselben Plätze wie vorhin.

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte er höflich.

„Ein Cognac wäre mir lieber. Und außerdem sollten wir uns duzen.“

Preston nickte wortlos. Dann stand er auf und holte aus einem Schrank in der Zimmerecke eine Kristallkaraffe und einen Cognacschwenker. Er schenkte ein Glas ein und reichte es Belle.

Sie trank einen kräftigen Schluck.

Preston machte es sich inzwischen auf seinem Sessel gemütlich. „Heraus jetzt mit der Sprache, Belle. Was tust du kurz vor Weihnachten in Elk Creek?“

Wie sollte sie nur anfangen? „Erinnerst du dich noch an eine Archäologiestudentin namens Anne Benton? Sie verbrachte den Sommer vor drei Jahren hier.“

Preston legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Warum fragst du?“

„Das erkläre ich dir gleich, versprochen. Aber sag mir doch …“ Sie seufzte, schüttelte den Kopf. „Weißt du, wer Anne ist?“

Er setzte sich aufrecht hin und sah Belle einige lange Sekunden prüfend an. Dann zuckte er die Achseln. „Natürlich erinnere ich mich an sie. Ich mochte sie. Warum?“

Preston hatte keine Ahnung, warum sie plötzlich über Anne Benton sprachen.

Er hatte die Frau kaum gekannt, obwohl sie ihm sympathisch gewesen war. Sie war nach Montana gekommen, um für ihre Doktorarbeit zu forschen. Auf seinen Ausritten waren sie sich einige Male in der Nähe der Höhlen begegnet, in denen sie mit ihren Kollegen Höhlenmalereien und archäologische Fundstücke katalogisierte.

Manchmal war er abgestiegen und hatte sich mit den Studenten unterhalten. Anne hatte er als besonders sympathisch und freundlich in Erinnerung.

Er musterte seine Hände, als könnten sie ihm weiterhelfen. „Ich habe einmal einen Abend mit ihr verbracht, kurz vor ihrer Abreise.“

„Einen Abend?“, fragte Belle vorsichtig nach.

Und Preston erzählte. Er vertraute ihr Dinge an, die er noch nie einem Menschen gesagt hatte. „Das war ein schlimmer Sommer für mich. Eigentlich wollte ich heiraten, aber meine Verlobte hat mich wegen eines anderen Mannes verlassen.“

„Oh, Preston …“, sagte Belle mitfühlend.

„Sie heiratete den anderen am zweiten Samstag im September. Das war der letzte Tag von Annes Aufenthalt in Elk Creek. Ich habe sie zufällig in einer Bar in der Stadt getroffen.“

Belle atmete hörbar ein. „Du hast also den Abend, an dem deine Verlobte einen anderen Mann geheiratet hat, mit Anne verbracht?“

„Ja. Ich wollte meine Sorgen in Alkohol ertränken. Anne hat mit ihren Freunden den erfolgreichen Abschluss ihrer wissenschaftlichen Arbeiten gefeiert. Sie hatte auch schon einige Gläser getrunken. Fast so viele wie ich. Ich bin nicht stolz drauf, aber ich muss zugeben, dass ich mich nur noch schemenhaft an diesen Abend und die darauffolgende Nacht erinnere.“

Er überlegte. „Ich war zu betrunken, um heimzufahren. Deshalb habe ich mir ein Zimmer in der Nähe der Bar genommen. Ich glaube, dass Anne auch dort war, aber ich bin mir nicht sicher. Könnte genauso gut sein, dass ich mir das nur einbilde.“

„Dass du dir das einbildest?“, wiederholte Belle kopfschüttelnd.

Er hob in einer entschuldigenden Geste die Arme. „Ich bin wirklich nicht mehr sicher. Ich weiß nur, dass ich am Morgen allein war und keine Spur von ihr zu sehen war. Da stand ich auf und fuhr nach Hause.“ Preston musterte Belle. „Ich finde, ich habe jetzt genug gesagt. Nun bist du dran. Was hast du mit Anne Benton zu tun? Kennst du sie? Hat sie von mir gesprochen?“

„Ja.“

„Kennst du sie? Hat sie von mir gesprochen?“

„Beides. Anne war viele Jahre lang meine beste Freundin. Als wir einander kennenlernten, waren ihre Eltern schon tot. Sie hatte keine Geschwister und auch sonst keine Verwandten. Als sich unsere Wege kreuzten, war sie ganz allein auf der Welt. Wir freundeten uns an.“

Preston hörte aufmerksam zu. „Schön, aber was hat das mit mir zu tun? Will Anne mit mir sprechen?“

„Ich versuche wirklich, dir alles der Reihe nach zu erklären. Es ist nur so kompliziert … tut mir leid, dass ich dir diese Nachricht überbringen muss, aber vor einigen Monaten wurde bei Anne Blutkrebs diagnostiziert. Sie hat um ihr Leben gekämpft – und verloren.“

„Verstehe ich dich richtig: Anne ist tot?“

Belle schluchzte auf. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ja. Sie ist vor zehn Tagen gestorben.“

„Um Himmels willen.“ Das war unvorstellbar. „Sie war eine so wunderbare junge Frau …“

„Oh ja, das war sie. Und sie hatte einen kleinen Sohn. Sein Name ist Benjamin. Er ist achtzehn Monate alt.“

Preston erinnerte sich plötzlich, dass Belle ein Baby mitgebracht haben sollte. „Ist das das Kind, das mit dir nach Elk Creek gekommen ist?“

Sie nickte.

In diesem Moment, als er in ihr verzweifeltes Gesicht sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Fassungslos schüttelte er den Kopf „Aber … aber …“, stammelte er. „Ich bin nicht einmal sicher, ob sie … ob wir …“

„Anne hätte niemals behauptet, dass du Bens Vater bist, wenn sie nicht hundertprozentig davon überzeugt gewesen wäre. Sie hat mir die Vormundschaft für Ben übertragen. Sie wusste, dass ich immer für ihn da sein würde und es ihm an nichts fehlen würde.“ Belle machte eine kurze Pause.

„Doch sie wusste auch, dass es ein Fehler war, dir Ben vorzuenthalten. Deshalb hat sie mir das Versprechen abgenommen, dich ausfindig zu machen und mit dir zu sprechen.“

Preston fühlte sich von den Neuigkeiten wie vor den Kopf geschlagen. Er schämte sich, dass er offenbar an dem Abend, an dem Lucy Monty Polk geheiratet hatte, mit Anne Benton geschlafen haben musste. Er sank zurück in den Sessel. „Ein Junge. Ein kleiner Junge … Benjamin, hast du gesagt?“

„Ja. Wir nennen ihn aber meist Ben.“ Mit zitternden Händen holte Belle etwas aus ihrer Rocktasche. „Anne gab mir diesen Umschlag zwei Tage vor ihrem Tod, zusammen mit einem Brief, den ich auf ihren Wunsch erst nach ihrer Beerdigung lesen sollte.“

Ihr versagte die Stimme. Sie musste sich einige Sekunden sammeln, ehe sie weitersprechen konnte. „In dem Brief standen dein Name und deine Adresse, und dass ich dir das hier geben soll.“ Sie reichte Preston den Umschlag.

Langsam und umständlich nahm er das darin enthaltene Blatt Papier heraus und entfaltete es. Dann starrte er auf die Worte, die Anne an ihn gerichtet hatte.

Er las den Brief mehrmals durch. „Sie schreibt, dass der Junge von mir ist. Dass sie in dem Motel neben mir aufgewacht ist und keine Idee hatte, was sie sagen sollte. Deshalb ging sie einfach. Als sie herausfand, dass sie schwanger war, wusste sie nicht, wie sie es mir beibringen sollte. Angeblich nahm sie mehrere Anläufe, aber immer wieder verließ sie der Mut.“

Belle nickte. „Zu mir hat sie nicht nur einmal gesagt, dass sie immer die Absicht hatte, Kontakt mit dir aufzunehmen, dir alles zu sagen …“

„Aber das hat sie nicht. Wie konnte sie nur so einen unverzeihlichen Fehler machen!“

Belle stand auf.

Preston erstarrte in seinem Sessel und beobachtete misstrauisch, wie sie zu ihm herüberkam. Sanft berührte sie ihn an der Schulter. „Preston, bitte … Versuch doch, Anne zu verstehen …“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Bitte geh jetzt.“

3. KAPITEL

Belle wäre nur zu gern geblieben, um Preston zu besänftigen. Vor allem aber, um gemeinsam festzulegen, wie es nun weitergehen sollte. Sie hatte bereits Pläne, und zwar sehr konkrete. Sie wusste, was geschehen musste, und war bereit, die notwendigen Schritte zu unternehmen.

Aber natürlich war ihr bewusst, dass sie Preston zu nichts zwingen konnte. Er würde Zeit brauchen, um sich mit all dem, was er in den letzten Minuten erfahren hatte, anzufreunden.

Außerdem machte sie sich selbst Vorwürfe. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie diese – zugegebenermaßen schwierige – Aufgabe mit Anstand erledigt hatte.

Zudem hatte sie ihn auch noch geküsst. Was in aller Welt war nur in sie gefahren?

In Anbetracht dieser Umstände hatte er wohl das Recht, wütend zu werden. Auf Anne und auf sie.

„Geh.“ Preston sah sie nicht einmal an. „Jetzt.“

Belle dachte an all das, was sie ihm noch sagen musste. Aber darunter war nichts, was nicht auch bis morgen warten konnte. Zumindest den Wunsch, allein zu sein, konnte sie ihm jetzt erfüllen.

Klopfgeräusche mischten sich in ihre Träume.

Belle erwachte langsam und gähnte. Der Raum war dunkel. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigte Viertel nach sechs.

Sie wusste nicht mehr, was sie geweckt hatte, da begann das Trommeln erneut – an ihrer Zimmertür.

Was zum Teufel …

Sie knipste die Nachttischlampe an.

Im Kinderbett neben ihr erwachte Ben von dem Lärm und begann zu schreien und nach Anne zu rufen: „Mommy! Mommy!“

Belle schlug die Decke zurück, sprang auf, zog ihren Morgenmantel an und ging zu Ben, um ihn zu trösten. Das Klopfen dauerte währenddessen an.

„Mommy!“, rief Ben.

Sie hob den Kleinen aus dem Bett und nahm ihn auf den Arm.

Ben boxte sie mit seinen winzigen Fäusten und schrie nur noch lauter nach seiner Mutter: „Mommy! Mommy …“

Vor ihrer Zimmertür hörte sie Prestons Stimme und eine zweite, die nach Silas klang. Belle streichelte Ben über den Rücken und wiegte den Kleinen liebevoll hin und her. „Ruhig, mein Schatz, ruhig“, flüsterte sie. „Es ist alles in Ordnung, alles gut.“

Draußen hörte sie Geräusche wie von einem Kampf. Jemand krachte schwer gegen die Tür.

Der laute Knall erschreckte den Kleinen, und er schrie weiter: „Mommy, Mommy!“ Es brach ihr fast das Herz. Wie schrecklich, dass dieses Kind das nicht bekommen konnte, was es am dringendsten brauchte: seine Mutter.

Plötzlich hörte sie ihre Cousine Charlotte empört rufen: „Aufhören! Sofort aufhören!“

Einige weitere Schläge und Schreie folgten. Dann kehrte Ruhe ein.

Jetzt sprach wieder Charlotte, aber leiser als zuvor. Belle konnte ihre Worte nicht verstehen. Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen.

Sekunden später klopfte Charlotte an die Verbindungstür zwischen ihren beiden Zimmern, und Ben hörte endlich auf zu weinen.

Belle trug ihn zur Tür, um ihre Cousine, Begleiterin und liebe Freundin Charlotte hereinzulassen. Währenddessen streichelte sie ihm vorsichtig über den kleinen Kopf.

„Der … der Vater ist da“, stotterte Charlotte verlegen.

„Das war nicht zu überhören“, meinte Belle trocken.

„Er will Ben sehen. Marcus und er hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Die beiden warten draußen zusammen mit einem älteren Mann, der vermutlich der Großvater ist.“

„Hat er getrunken?“, wollte Belle wissen.

Charlotte hob die Augenbrauen. „Wer?“

„Gemeint habe ich eigentlich Preston, aber wenn du mich so fragst – haben sie getrunken?“

Charlotte überlegte kurz. „Nein, glaube, sie waren nur überrascht, dass Marcus sich ihnen so entschieden in den Weg stellte. Sie scheinen mir beide nüchtern.“

„Gut.“ Belle küsste Ben, der mittlerweile seine Faust im Mund hatte, auf die Wange. „Sag Preston, wir treffen sie … wo? Es ist noch so früh. Meinst du, hier hat schon etwas geöffnet?“

„Das Diner gegenüber, in dem du gestern schon gefrühstückt hast“, antwortete Charlotte prompt.

„Sag ihnen, sie sollen ins Café gegenüber gehen. Wir kommen in zwanzig Minuten nach.“

Belle, Charlotte und Ben betraten das Sweet Stop Diner gemeinsam. Ben war warm angezogen und lag zufrieden in seinem Kinderwagen. Der Bodyguard Marcus, diesmal mit einem blauen Auge, folgte ihnen auf dem Fuß.

Leider war das Diner alles andere als spärlich besucht. Offenbar frühstückten viele der fleißigen Bürger von Elk Creek bereits lange vor Sonnenaufgang. Wie schon am Vortag ging ein Raunen durch das Lokal, als Belle mit ihrem Gefolge dort auftauchte.

Die Menschen unterbrachen ihr Frühstück und ihre Gespräche, nur um sie anzustarren.

Preston und Silas hatten einen möglichst ruhigen Tisch gewählt. Einer von ihnen hatte sogar daran gedacht, einen Kinderstuhl bringen zu lassen. Preston saß so, dass er die Tür im Blick hatte.

Belle fielen sofort seine geschwollene Unterlippe und eine aufgeplatzte Wunde über dem rechten Auge auf. Einen Herzschlag lang trafen sich ihre Blicke.

Preston und sein Vater standen auf, als sich Belle, die Bens Kinderwagen schob, und Charlotte näherten.

Marcus wartete wie üblich in der Nähe der Tür.

Als sie am Tisch der Männer angekommen war, hob Belle den Kleinen aus dem Kinderwagen und schlug vor: „Vielleicht wären die Herren so freundlich, auf den Sitzbänken nach hinten zu rücken, damit Charlotte und ich neben Ben sitzen können, um ihn zu füttern?“

Keiner der McCade-Männer rührte sich oder sagte auch nur ein Wort. Beide standen wie angewurzelt da und starrten den Kleinen an, als wäre er das achte Weltwunder.

Ben, der eine winzige Daunenjacke und eine blaue Mütze trug und zusätzlich noch in eine Decke gewickelt war, musterte sie ebenfalls aufmerksam.

Charlotte brach das Schweigen schließlich. „Hm. Setzen Sie sich bitte, meine Herren.“

Endlich schienen Preston und Silas aus ihrer Trance zu erwachen. Belle hatte Ben inzwischen die warmen Sachen ausgezogen und ihn in den Kinderstuhl gesetzt. Charlotte nahm Belle die Jacke ab und hängte sie gemeinsam mit ihrer eigenen an der Garderobe auf.

Der Kleine schien schon wieder vergessen zu haben, wie unsanft er vor Kurzem geweckt worden war, und quietschte vergnügt. „Belle. Essen!“ Er klopfte ungeduldig mit den Händen auf die an seinem Stuhl angebrachte Tischplatte.

Belle war erleichtert, ihn wieder so fröhlich zu sehen. „Ja, Benjamin. Gleich gibt es etwas zu essen.“ Sie gab ihm einen Keks, damit er beschäftigt war, bis sie bestellt hatten und ihr Essen bekamen. Dann nahm sie neben Preston Platz, der ein dunkelgrünes Hemd trug und ebenso ernst wie überwältigt aussah.

Selma, dieselbe Kellnerin wie gestern, erschien mit einer Kaffeekanne und schenkte allen Kaffee ein.

Belle und Charlotte bestellten.

Bei Silas und Preston genügte die kurze Frage „Das Übliche?“, die beide mit einem stummen Nicken beantworteten.

Das gemeinsame Frühstück zog sich endlos hin. Charlotte versuchte heldenhaft, Konversation zu betreiben, sprach vom Wetter und den Naturschönheiten Montanas. Schließlich erkundigte sie sich nach dem noch vor Weihnachten stattfindenden Kunsthandwerksmarkt, von dem sie in der Ausgabe der Lokalzeitung Elk Creek Gazette gelesen hatte. „Wenn wir bis dahin noch hier sind, dürfen wir uns das nicht entgehen lassen“, bemerkte sie.

Belle stimmte ihrer Begleiterin hastig zu.

Preston schaufelte schweigend sein Essen in sich hinein. Ihm hatte es die Sprache verschlagen, genauso wie dem gestern Abend noch so gesprächigen Silas. Die Aufmerksamkeit der beiden Männer ruhte auf Ben. Sie starrten laufend in seine Richtung, doch sobald sie sich dabei ertappt fühlten, wandten sie sich fast schuldbewusst wieder ihren Tellern zu.

Ben beobachtete die beiden gestandenen Rancher zuerst eher skeptisch, aber schon bald schien er zu verstehen, dass er keine Angst vor ihnen zu haben brauchte. Er gewöhnte sich an sie und ignorierte ihre neugierigen Blicke. Mit herzhaftem Appetit löffelte er Joghurt mit klein geschnittenen Bananen- und Orangenstücken und trank verdünnten Apfelsaft aus dem Schnabelbecher, den Belle immer dabeihatte.

Es gab viel zu besprechen, doch sobald Belle in Prestons zerschundenes Gesicht sah, fehlten ihr die Worte. Außerdem schien ihr das gut besuchte Diner nicht der richtige Ort für ein solches Gespräch. Deshalb sagte sie, davon abgesehen, dass sie Charlotte gelegentlich beipflichtete, nichts.

Als ihre Teller endlich leer waren, ließ sich Preston die Rechnung bringen, drückte der Kellnerin einige Banknoten in die Hand und räusperte sich. „Belle, ich glaube, wir müssen reden. Allein.“

Sie zog ein feuchtes Tuch aus einer Packung in Bens Windeltasche und säuberte ihm damit Gesicht und Hände. „Charlotte, würdest du Ben bitte mit zurück ins Hotel nehmen?“

„Natürlich.“

„Danke.“ Sie wandte sich wieder Preston zu. „Machen wir einen Spaziergang?“

„Gern.“

Charlotte stand auf, schlüpfte in ihre Jacke und hob Ben aus seinem Kinderstuhl. Dann zog sie ihm seine Sachen an, legte ihn in den Kinderwagen und deckte ihn liebevoll zu.

Der Kleine gluckste zufrieden. „Schar-Schar. Kuss.“

„Aber ja.“ Charlotte beugte sich zu ihm hinunter, und er machte mit seinem kleinen Mund ein laut schmatzendes Geräusch an ihrer Wange. „Danke schön, kleiner Mann.“

Marcus hielt die Tür auf, während Charlotte den Kinderwagen durchschob. Wortlos beobachteten Preston und Silas den Aufbruch.

Als die Tür hinter ihnen zugefallen war, fand Silas seine Sprache wieder. „Wenn dieser Junge kein McCade ist, habe ich noch nie einen McCade gesehen.“ Er sprach laut genug, dass jeder Gast im Diner die große Neuigkeit hören konnte.

„Vielen Dank, Dad“, knurrte Preston. „Lass uns gehen, Belle.“

Draußen wurde es langsam heller, doch es war noch immer klirrend kalt.

„Ich … ich möchte mich entschuldigen“, sagte er steif, während sie an einem Juwelier und einem Geschenkeladen vorbeigingen, die beide noch nicht geöffnet hatten. „Ich habe heute Morgen im Hotel vollkommen die Beherrschung verloren.“

Sie warf Preston einen verstohlenen Blick zu. Die Schwellung an seinem Mund wuchs. Obwohl er ihr Ben wegnehmen würde, verspürte sie einen Anflug von Mitleid. „Ich kann verstehen, dass das alles für dich nicht so leicht zu verdauen ist.“

„Stimmt, das ist es wirklich nicht. Aber ich war dir gegenüber ungerecht. Das Ganze ist schließlich nicht deine Schuld. Du warst nur die Überbringerin der Nachricht.“

Das sah er nicht ganz richtig. „Nicht nur, meine Verantwortung reicht viel weiter, schließlich bin ich Bens gesetzlicher Vormund.“

„Der Kleine ist schon anderthalb Jahre, und heute Morgen habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Das ist einfach nicht in Ordnung.“ Er hielt inne. Offenbar erwartete er, dass sie etwas sagte, sich oder Anne verteidigte. Als sie schwieg, fügte er hinzu: „Sie hätte es mir sagen müssen.“

„Ja. Ich glaube, sie hat selbst nicht verstanden, wieso sie es immer wieder hinausgezögert hat, bis es zu spät war …“

Preston starrte angespannt auf den Boden. Belle hatte Angst, er würde etwas Verletzendes sagen. Doch er überraschte sie: „Es tut mir leid, dass du deine Freundin verloren hast, aber ich bin trotzdem sauer auf sie.“

„Bitte nicht. Du darfst sie nicht hassen. Sie hat einen Fehler gemacht, aber ich versichere dir, dass sie ihr Bestes getan hat. Und sie war Bens Mutter. Vergifte nicht seine Erinnerungen an sie!“

Jetzt sah er ihr in die Augen. „Nichts läge mir ferner.“

Belle legte eine Hand auf seinen Arm. „Gut. Das habe ich gehofft.“

Er sah auf ihre Hand. Sie zog sie zurück. „Ich weiß nicht, ob ich ihr je verzeihen kann, dass sie sich nicht bei mir gemeldet hat. Aber das muss der Kleine ja nicht wissen. Wenn ich dich richtig verstehe, war sie eine gute, liebende Mutter.“

„Oh ja, sehr.“

„Schön. Dann werde ich versuchen, sie so in Erinnerung zu behalten.“

„Das finde ich sehr anständig von dir.“ Belle hätte ihm so gern geholfen, Anne besser kennenzulernen und ihre Motive zu verstehen. „Anne war eine unabhängige, freiheitsliebende Frau. Sie liebte ihre Arbeit. Ich glaube nicht, dass sie vorhatte, irgendwann einmal zu heiraten. Als sie mit Ben schwanger wurde, freute sie sich sehr auf ihn. Und als er da war, liebte sie ihn von ganzem Herzen. Trotzdem wünschte sie sich anscheinend keinen Mann, keine traditionelle Familie.“

„Das verstehe ich ja, aber das ist doch keine Entschuldigung dafür, Bens Existenz vor mir geheim zu halten!“

Sie schluckte. „Ja. Du hast ja recht.“

„Ich möchte, dass mein Sohn bei mir aufwächst.“

Obwohl sie das erwartet hatte, trafen sie seine Worte wie ein Keulenschlag. „Ich verstehe.“

„Soll das heißen, du gibst ihn mir?“

„Ja, irgendwann.“

„Irgendwann? Dieses ‚Irgendwann‘ gefällt mir nicht.“

Sie zuckte die Achseln und sah ihm in die Augen. „Ich bin sein gesetzlicher Vormund.“

„Du kannst mir meinen Sohn nicht vorenthalten, sonst …“

Belle unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung. „Bitte keine Drohungen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es mir fällt, ihn herzugeben. Aber viel wichtiger als meine Muttergefühle und deine Rechte als Vater sind Bens Bedürfnisse. In diesem Punkt stimmst du mir sicher zu.“

„Natürlich.“

„Dann hoffe ich, dass wir einen hässlichen Rechtsstreit vermeiden können. Das ist doch unter unserer Würde.“

Preston sah betreten zu Boden. „Hast du einen Plan?“, fragte er leise.

„Ja.“

„Dann schieß los.“

„Als Erstes lassen wir einen Vaterschaftstest machen.“

„Ich brauche keinen Vaterschaftstest, um meinen eigenen Sohn zu erkennen.“

„Trotzdem wäre es günstig, deine Vaterschaft von Anfang an auch juristisch abzusichern. Falls es doch irgendwelche Zweifel gibt, ist jetzt der geeignete Zeitpunkt, sie auszuräumen. Ich habe bereits mit jemandem von einem Labor in Missoula gesprochen, das solche Vaterschaftstests durchführt. Wir können heute noch hinfahren, wenn du Zeit hast.“

Preston schien verwundert, aber nicht vollkommen gegen ihren Plan zu sein. „Wie funktioniert das?“

„Es geht ganz einfach, habe ich mir sagen lassen. Von dir und Ben wird mit einem Wattestäbchen etwas DNA von der Innenseite der Wange entnommen und analysiert.“

„Wie lange müssen wir auf das Ergebnis warten?“

„Wenn der Test heute durchgeführt wird, bekommen wir das Ergebnis in spätestens zwei Wochen. Und bis dahin: Hast du vielleicht Platz für uns bei dir auf der Ranch?“

Diese Frage überraschte Preston. Vorsichtig erkundigte er sich: „Für wen genau?“

„Für Ben, Charlotte, Marcus und mich.“

Belle wollte tatsächlich zu ihm ziehen? „Warum?“

Ihre Lippen zitterten. Er sah, dass ihr das Ganze auch nicht leichter fiel als ihm. „Ben braucht Zeit, um sich an dich zu gewöhnen. Du verstehst doch sicher, dass Charlotte und ich ihn nicht einfach bei dir abliefern und dann zurück nach Montedoro fliegen können?“

Das alles war so seltsam! Preston kam sich vor wie in einem Film. Sein Leben war ziemlich bedeutungslos gewesen, besonders seit Lucy mit ihm Schluss gemacht hatte. Doch nun, nachdem er das Kind gesehen hatte und mit Sicherheit wusste, dass er der Vater war, fühlte er einen plötzlichen Energieschub. „Ich will ihn. Er ist mein Sohn, und ich werde lernen, mich um ihn zu kümmern.“

„Bitte, Preston, überleg doch. Ben hat schon seine Mutter verloren, die einzige Konstante in seinem Leben. Gerade hat er sich langsam an Charlotte und mich gewöhnt. Es könnte eine traumatische Erfahrung für ihn sein, wenn wir beide von einem Tag auf den anderen einfach verschwinden und er bei einem Menschen zurückbleibt, den er so gut wie gar nicht kennt – auch wenn er zufällig sein biologischer Vater ist.“

Belle musterte ihn prüfend. „Er wird Zeit brauchen, um dich kennenzulernen und dich als Vater zu akzeptieren. Und auch wenn du die besten Absichten hast, ihm ein guter Vater zu sein – ich glaube nicht, dass du viel Erfahrung mit Kleinkindern hast. Zumal auch dein Haus, so schön und groß es sein mag, überhaupt nicht kindgerecht eingerichtet ist. Ein bisschen Starthilfe in solchen Angelegenheiten kann dir wohl kaum schaden.“

In seinem Kopf drehte sich alles, und plötzlich fühlte Preston sich vollkommen überfordert. Er hatte einen Sohn. Und Belle würde bei ihm einziehen. Mitsamt Charlotte. Und diesem elenden Bodyguard.

Er berührte seine geschwollene Lippe. Auf den Bodyguard hätte er gut verzichten können. Aber er hatte schon verstanden, dass Marcus dort war, wo immer Belle hinging. „Wie lange werdet ihr bleiben?“

Mittlerweile zitterte sie vor Kälte und rieb sich die Arme, um sich ein wenig aufzuwärmen. „Keine Ahnung. Das kommt einerseits darauf an, wie lange die Formalitäten dauern, und andererseits, wie rasch ihr beiden euch aneinander gewöhnt. Vielleicht einen Monat, schätze ich.“

Ihre hübsche, aristokratische Nase zierte ein leuchtendes Rot, während ihre Lippen – diese zarten Lippen, die er gestern Nacht gekostet hatte – leicht bläulich anliefen.

„Du frierst ja! Lass uns zurück ins Warme gehen.“

Sie sah in seine faszinierenden blauen Augen, aber sie rührte sich nicht. „Sag mir erst, ob du einverstanden bist.“

„Ich finde, dein Plan klingt vernünftig.“

Preston bekam seinen ersten Unterricht in Kinderbetreuung gleich an diesem Tag: Er musste lernen, wie ein Kindersitz auf dem Rücksitz seines Pick-ups angebracht wurde.

Er und Belle gerieten in einen kleinen Streit über die Blickrichtung des Kindes. Warum sollte der Kleine nicht nach vorne schauen und sehen können, was gerade passierte?

Geduldig erklärte sie ihm, dass der Sitz von Kindern bis zwei Jahre am besten mit Blickrichtung nach hinten angebracht wurde: „Die in diesem Alter noch besonders verletzliche Kopf- und Hals­partie ist so bei einem Unfall viel besser geschützt.“

„Ich plane in nächster Zeit keinen Unfall“, sagte er herablassend.

Belle schüttelte den Kopf. „So eine Bemerkung kann auch nur von einem Mann kommen.“ Dann erinnerte sie ihn, dass er versprochen hatte, sich von ihr helfen zu lassen. Und dass es gar nicht mehr lange dauerte, bis Ben nach vorne gucken durfte: „In sechs Monaten kannst du den Sitz umdrehen. Die Zeit bis dahin wird euch beiden im Flug vergehen, glaub mir.“

Dieses Argument überzeugte Preston schließlich. Sechs Monate. Bis dahin würde Belle schon lange fort sein. Und Ben würde ihn ‚Daddy‘ nennen. Sein Leben würde nie mehr so sein wie vorher.

„Na gut.“ Er studierte die Montageanleitung am Kindersitz. „Alles klar.“ Es ging ganz leicht. In kürzester Zeit war der Kindersitz ordnungsgemäß befestigt.

Belle kontrollierte seine Arbeit. „Prima.“ Sie winkte ihrer Cousine, die mit Ben und Prestons Vater in der Hotellobby wartete.

Charlotte trug Ben auf dem Arm, während der ältere Mann den leeren Kinderwagen schob. Am Auto klappte er ihn zusammen und lud ihn in den Kofferraum, als hätte er das schon Dutzende Male getan.

Und vielleicht stimmte das sogar, schließlich hatte er ja Preston großgezogen.

Charlotte war mit Ben inzwischen zu Preston marschiert. „Gut gemacht, das mit dem Kindersitz“, lobte sie ihn.

„Danke für das Kompliment.“

„Als Nächstes steht ‚Kind-in-den-Kindersitz-setzen‘ auf dem Lehrplan“, verkündete sie und drückte ihm Ben in die Hand.

Panik erfasste ihn.

Dem Jungen schien es ähnlich zu gehen. Er begann zu schreien und vergrub das Gesicht in Charlottes Achselhöhle. „Nein! Schar-Schar. Nein …“

Preston fühlte eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung. „Vielleicht sollten wir ihm erst etwas Zeit geben, sich an mich zu gewöhnen …“

Charlotte warf ihm einen strengen Blick zu. „Legen Sie die Hand auf seinen Rücken. Vorsichtig.“

Er hatte Angst. Was, wenn das Kind zu schreien anfing? Dann wäre es seine Schuld.

„Na los, kommen Sie“, forderte ihn Belles Cousine freundlich, aber bestimmt auf.

Also tat er es.

Ben hob den Kopf und sah über seine Schulter. Es war ein misstrauischer Blick, aber immerhin wirkte das Kind nicht verängstigt oder als würde es gleich losheulen.

„Hi“, sagte Preston, weil ihm nichts Besseres einfiel. Er fühlte sich wie ein Idiot. Aber gleichzeitig fantastisch.

„Hi“, wiederholte der Kleine.

Charlotte reichte Preston vorsichtig seinen Sohn und zeigte ihm, wie er ihn in den Sitz setzen musste.

Dann traten sie die Fahrt zum Labor nach Missoula an. Preston und Belle saßen vorn, Charlotte und Ben hinten, und Silas fuhr mit Marcus in dessen schwarzem Geländewagen.

Der Vaterschaftstest dauerte nicht lange. Am aufwendigsten war das Ausfüllen der vielen Formulare. Danach mussten Preston und sein Sohn sich ausweisen. Von Preston wurde außerdem ein Daumenabdruck genommen, von Ben ein Abdruck seines rechten Fußes. Dann wurden beide auch noch fotografiert. Schließlich wurde der eigentliche Test durchgeführt.

Das Ergebnis sollte ihnen, wie von Belle angekündigt, innerhalb von spätestens zwei Wochen per Kurierdienst zugeschickt werden.

Nach einer halben Stunde war alles erledigt. Es war noch nicht einmal Mittag. Daher fuhren sie nach Elk Creek zurück, um im Sweet Stop Diner zu essen – am selben Tisch wie schon heute Morgen. Belle nutzte die Gelegenheit, mit Silas, der schließlich Bens Großvater war, Brüderschaft zu trinken.

Damit löste sie eine allgemeine Verbrüderungswelle aus – schließlich waren sie nun alle Hausgenossen, um nicht zu sagen, beinahe so etwas wie eine Familie.

Nach dem Essen checkte Belle aus dem Drop On Inn aus. Larry war an der Rezeption und überschlug sich beinahe vor Bedauern, dass die Prinzessin sein bescheidenes Haus so rasch wieder verließ.

Preston fand, dass der Mann sich unmöglich benahm, doch er sagte nichts. Was ging es ihn an, wenn sich Larry Seabuck unbedingt zum Narren machen wollte? Und Belle kannte solche Situationen mit Sicherheit zur Genüge und konnte sich selbst helfen. Sie schenkte Larry ein huldvoll-aristokratisches Lächeln und dankte ihm für seine Gastfreundschaft.

Inzwischen luden Marcus und Silas das Gepäck der vier in die beiden Autos.

Bei der Fahrt auf die Ranch ergab es sich irgendwie, dass Charlotte und Silas sich die Rückbank von Marcus’ Geländewagen teilten. Der Kindersitz war ja bereits in Prestons Auto, und Preston ging davon aus, dass Belle sich hinten neben den Kleinen setzen würde.

Doch sie wählte den Beifahrersitz. Nachdem sie sich angeschnallt hatte, warf sie ihm einen freundschaftlichen Blick zu. Ihre Augen leuchteten, als würden sie gemeinsam zu einem spannenden Abenteuer aufbrechen.

Und so war es ja auch.

Preston konnte nicht anders, er musste sie einfach anlächeln. Bei Licht betrachtet, war er wahrscheinlich auch nicht besser als Larry. Ein Blick ihrer bernsteinfarbenen Augen, und er schmolz dahin wie Wachs …

Belle war hier, um ihn dabei zu unterstützen, seinem Sohn ein guter Vater zu werden. Und dann würde sie zurückfliegen in ihr idyllisches Land am Mittelmeer und dort in einem Palast leben, wenn sie nicht gerade für benachteiligte Menschen in armen Ländern Spenden sammelte.

Sie sah ihn verwundert an. „Preston, was ist los?“

„Nichts“, log er so schlecht, dass er es selbst nicht glaubte. „Können wir fahren?“

Sie nickte. „Wir können.“

4. KAPITEL

Nach einer Stunde Arbeit war Bens Zimmer eingerichtet, und Belle hatte seine Sachen eingeräumt. Charlotte brachte den Kleinen nach oben und legte ihn in sein Gitterbett. Trotz der fremden Umgebung schlief er sofort ein. Wahrscheinlich war er erschöpft von den vielen Aktivitäten des Vormittags. In seinem Leben gingen so viele Veränderungen vor sich! Ein Kind brauchte Kontinuität. Und die würde Ben auch bekommen. Von seinem Vater.

Belle würde alles daran setzen, um das zu gewährleisten.

Unten neben der Küche gab es eine eigene kleine Wohneinheit mit Toilette und Dusche. Die wurde Marcus zugeteilt. Charlotte bekam einen Raum im Obergeschoss, der dem Kinderzimmer gegenüberlag, während sich Bens Zimmer zwischen denen von Preston und Belle befand.

Belle hatte ihre Sachen in kürzester Zeit verstaut und widmete sich anschließend der Liste mit Dingen, die für Bens Zimmer erledigt oder gekauft werden mussten.

Sie würde morgen nach Elk Creek fahren und sehen, was davon sie dort besorgen konnte. Für den Rest würde sie am Donnerstag nach Missoula fahren.

Unten in der Küche fand sie Charlotte gemeinsam mit der Haushälterin Doris, einer rundlichen Frau mit einem freundlichen Gesicht und grauen Haaren.

„Eure Hoheit“, begrüßte sie Doris mit einem höflichen Kopfnicken, schnitt dabei aber weiter Gemüse. „Ich hoffe, Sie konnten sich gut einrichten. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie noch etwas brauchen.“

„Nein, vielen Dank, Doris, alles ist bestens. Und ich würde vorschlagen, wir nennen uns beim Vornamen und sagen ‚du‘ zueinander. Ich heiße Belle!“

„Aber das geht doch nicht, Eure Hoheit“, protestierte Doris. „Es ist schon schlimm genug, dass Sie oben gearbeitet haben wie ein Dienstmädchen.“ Doris hatte angeboten, Belles Sachen auszupacken.

Doch Belle hatte dankend abgelehnt. „Solche Dinge erledige ich immer selbst, Doris, wirklich“, versicherte sie ihr.

Doris zuckte die Achseln. „In Ordnung. Also wenn du unbedingt willst, dann nenne ich dich eben Belle.“

„Viel besser, danke.“

„Wir sind es gewohnt, für uns selbst zu sorgen“, mischte sich Charlotte ein. Sie saß am Küchentisch, trank Kaffee und hatte ein Stück Kuchen auf einem Teller vor sich stehen. „Durch ihre Arbeit wird Belle oft an Orte geführt, wo es nur primitive Unterkünfte gibt. Da ist es eine willkommene Abwechslung, auch einmal Gast in einem so gepflegten Haus zu sein.“

Doris sah sie grinsend an. „Charlotte, kann es vielleicht sein, dass du versuchst, mir Honig um den Bart zu schmieren?“

Charlotte strich sich über ihr braunes Haar, das sie in einem strengen Knoten am Hinterkopf trug. „Möglicherweise“, gab sie ebenso grinsend zu. „In der Hoffnung, dass ich dir das Rezept für diesen Zitronenkuchen entlocken kann.“

Doris lachte, und Charlotte und Belle stimmten mit ein.

Während sie noch lachten, nahm sich Belle eine Tasse Kaffee, was Doris ihr widerspruchslos erlaubte.

Dann erklärte die Haushälterin, dass die McCade-Männer draußen im Stall waren. „Aber zum Abendessen kommen sie herein. Heute gibt es Schmorfleisch. Den Rancharbeitern stelle ich ihr Essen immer drüben in der Hütte auf dem Herd warm. Silas und Preston essen normalerweise hier in der Küche, aber mit so vielen Gästen habe ich den großen Tisch im Esszimmer gedeckt. Wenn ihr mich heute Abend zum Servieren braucht, muss ich nur kurz meinen Mann anrufen und ihm sagen, dass ich später komme.“

„Kommt nicht infrage“, lehnte Belle sofort ab. „Das schaffen wir allein. Geh ruhig nach Hause zu deinem Mann.“

„Na gut, dann … danke.“ Doris verbot ihnen noch ausdrücklich, nach dem Essen den Tisch abzuräumen. „Ich habe Silas und Preston beigebracht, die Reste in Plastikbehälter zu verpacken und in den Kühlschrank zu stellen. Um alles andere kümmere ich mich dann morgen früh.“

„Alles klar“, antwortete Belle.

Der folgende Tag war ein Mittwoch, und Silas und Preston mussten arbeiten. Sie hatten die Ranch schon verlassen, bevor Belle und Charlotte aufstanden und mit Ben herunterkamen.

Preston hatte Belle eine Nachricht am Kühlschrank hinterlassen.

Belle studierte den Zettel, während Charlotte Ben in seinen Kinderstuhl setzte.

Charlotte warf Belle einen fragenden Blick zu: „Was schreibt Preston denn? Etwas Wichtiges?“

„Er und Silas werden am frühen Nachmittag zurück sein. Falls wir zum Einkaufen in die Stadt fahren, sollen wir bitte bei Colsons Futtermittelhandlung eine Lieferung abholen, die dort auf seinen Namen bestellt ist.“

Charlotte füllte Bens Trinkbecher und reichte ihn ihm. Dann nahm sie einen Apfel aus einer Schüssel und einen Schäler aus einer Schublade. Sie schien sich in der Küche der McCades schon ziemlich gut auszukennen. „Einkaufen? Was meinst du? Ich weiß, dass du Pläne für Bens Zimmer hast.“

„Ja …“, stimmte Belle zu, ohne richtig zuzuhören, weil sie noch immer auf Prestons Zettel starrte. Dabei malte sie sich aus, wie es wäre, regelmäßig solche Nachrichten von ihm zu bekommen, ein ruhiges Leben auf dem Lande mit einem guten Mann wie ihm zu führen.

Erst nach einiger Zeit wurde ihr bewusst, dass Charlotte sie beobachtete, mit einem wissenden, verständnisvollen Ausdruck in den Augen. Rasch faltete Belle das Blatt zusammen und steckte es verstohlen in die Hosentasche. „Okay, fahren wir in die Stadt und kaufen Farbe für Bens Zimmer.“

„Ich mag ihn auch“, sagte Charlotte wie beiläufig. Dabei schnitt sie den geschälten Apfel in schmale Scheiben und legte diese nach und nach auf einen Plastikteller vor Ben. „Er ist ehrlich und warmherzig, dein Preston. Und ganz schön attraktiv.“

Belle erstarrte. „Charlotte, er ist nicht mein Preston.“

Charlotte machte ein Gesicht, als könnte sie kein Wässerchen trüben. „Entschuldige, meine Liebe. Ich weiß gar nicht, wie ich darauf gekommen bin. Natürlich ist er nicht dein Preston.“

Plötzlich fühlte Belle sich grundlos in die Ecke gedrängt. Sie trat die Flucht nach vorn an und fragte: „Und überhaupt: Was geht da zwischen dir und Silas vor?“

Charlotte kicherte wie ein Teenager. Sie war völlig verändert. In ihrem bisherigen Leben hatte sie alles vermieden, was nur im weitesten Sinne mit Mut, Gefahr und Gefühlen zu tun hatte.

Charlotte war fast doppelt so alt wie Belle und entstammte einer verarmten Seitenlinie der Familie von Belles Mutter. Ihr Vater war ein Graf, der sein gesamtes Vermögen verspielt hatte, und ihre Mutter ein amerikanisches Showgirl, das vor der Ehe mit dem Grafen für zahlreiche Affären mit reichen Männern bekannt gewesen war.

Die arme Charlotte hatte ihr Leben am Rande der adligen Gesellschaft verbracht und sich als Gouvernante und Hausdame durchgeschlagen. Sie kämpfte ihr ganzes Leben lang gegen den schlechten Ruf, der von ihren Eltern auf sie abfärbte.

Doch entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten war sie im Augenblick überhaupt nicht ernst. „Was könnte da wohl zwischen Silas McCade und mir vorgehen?“, fragte sie augenzwinkernd.

„Charlotte, was ist nur in dich gefahren?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, meine Liebe.“

„Gestern Abend hast du regelrecht mit Silas geflirtet.“

„Tatsächlich?“ Sie war dazu übergegangen, Bananenstückchen auf Bens Teller zu schneiden.

„Nane, nane“, jubelte Ben und stopfte sich ein Stückchen in den Mund.

„Tatsächlich“, bestätigte Belle. Sie nickte der Freundin aufmunternd zu. „Schön – was immer du da mit Silas nicht tust, genieß jeden Augenblick davon!“

„Das werde ich, versprochen.“

Ihr Gespräch wurde von Marcus unterbrochen, der sich zu ihnen gesellte. Kurz darauf tauchte auch Doris auf, die frische Brötchen mitgebracht hatte und rasch noch einige Eier mit Speck briet.

Kurz nach neun fuhren Belle, Charlotte und Ben mit Marcus am Steuer in die Stadt.

Zuerst hielten sie bei Colsons Futtermittelhandlung, um Prestons Bestellung abzuholen.

Hinter dem Ladentisch stand eine blonde junge Frau, der es in jeder Hinsicht an Takt und Diskretion mangelte. „Eure Hoheit“, begrüßte sie Belle mit einem breiten Grinsen, das ihre weit auseinanderstehenden Schneidezähne offenbarte. „Ich bin Betsy Colson. Ich habe gehört, dass Sie auf der McCade-Ranch wohnen, und dass Preston der Vater des Jungen ist.“

Belle nickte majestätisch. „Neuigkeiten verbreiten sich rasch in Elk Creek.“

„Das stimmt allerdings“, meinte Betsy Colson. „Ich kenne Preston McCade schon, seit er auf der Welt ist, aber das kam ziemlich überraschend. Erst will er Lucy Saunders heiraten. Dann verlässt ihn Lucy für Monty Polk – keine Ahnung, was in aller Welt sie sich dabei gedacht hat. Und nachdem Lucy Preston sozusagen vor dem Altar stehen lassen hat, tut Preston so, als hätte er den Frauen abgeschworen. Doch jetzt tauchen Sie auf, eine richtige, echte Prinzessin, mit einem kleinen Jungen, der Preston wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Das soll mal einer verstehen.“

Lucy, dachte Belle. Preston hatte eine Verlobte erwähnt, die ihn verlassen hatte. Das musste diese Lucy sein.

Und ganz offensichtlich ging Betsy Colson davon aus, dass Ben Belles Kind war. Belle überlegte, ob sie den Irrtum richtigstellen sollte, doch Charlotte warf ihr einen warnenden Blick zu und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf.

Belle verstand den Wink. Was hatte sie auch davon, wenn sie abstritt, dass Ben ihr Sohn war? Und wenn sie es tat: Wollte sie dann dieser fremden Frau mitten im Laden erklären, wer Bens wirkliche Mutter war, und wie es dazu gekommen war, dass nun sie, Belle, mit ihm hier war?

Das kam auf keinen Fall infrage. „Betsy, was bin ich Ihnen schuldig?“

„Nichts, ich schreibe es auf die Rechnung der McCade-Ranch. Aber sagen Sie doch, wann und wo haben Sie Preston kennengelernt? Das würden wir alle gern wissen.“

„Ich habe Preston am Montagmorgen im Sweet Stop Diner zum ersten Mal getroffen.“

Betsy legte die Stirn in Falten. „Diesen Montagmorgen?“

„Diesen Montagmorgen“, bestätigte Belle, während sie die Säcke nahm, die Betsy auf dem Ladentisch abgestellt hatte. „Vielen Dank und einen schönen Tag noch.“

Noch bevor Betsy ihre nächste neugierige Frage stellen konnte, waren Belle und Charlotte mit Ben schon an der Tür, die ihnen Marcus aufhielt.

Als Nächstes stand ein Besuch im Farbengeschäft an, wo sie gelbe, blaue und grüne Farbe kauften. Dort gab es auch ein Schwarzes Brett, an dem Maler ihre Visitenkarten hinterlegen konnten. Belle nahm drei davon mit.

Außerdem kauften sie noch eine Schablone mit Farben für ein buntes Wandbild von Winnie Pu.

Abschließend hielten sie noch beim Supermarkt und kauften ein, was auf der Liste stand, die Doris ihnen im letzten Moment vor ihrer Abfahrt in die Hand gedrückt hatte. Pünktlich zum Mittagessen waren sie zurück auf der Ranch.

Nach dem Essen rief Belle den Maler an, den Doris ihr anhand der mitgebrachten Visitenkarten empfohlen hatte. Er versprach, am nächsten Tag um acht Uhr auf der Ranch zu sein.

Preston kam gegen zwei herein, ging aber geradewegs nach oben und unter die Dusche. Belle erwartete ihn am Fuße der Treppe, als er wieder nach unten kam.

Doch Preston blieb mitten auf der Treppe stehen. In seinen frischen Sachen – enge Jeans mit einer großen Gürtelschnalle und einem hellbraunen Hemd – wirkte er wie ein Cowboy aus einer Zigarettenwerbung. Er sagte: „Na, du hast doch etwas mit mir vor. Das sehe ich an deinem Blick.“

Belle lachte und wedelte mit dem Zettel, auf dem sie notiert hatte, was zu tun war. „Nun ja, da gibt es tatsächlich ein paar Kleinigkeiten …“

Preston grinste. „Übrigens habe ich im Vorbeigehen kurz in Bens Zimmer geschaut.“

„Und?“

„Er schläft tief und fest.“

Sie nickte. „Er hatte einen anstrengenden Vormittag. Als ich ihn nach dem Mittagessen ins Bett gebracht habe, ist er sofort eingeschlafen. Ich würde mich nicht wundern, wenn er erst morgen früh wieder aufwacht.“

Preston kam die restlichen Stufen herunter und blieb auf der untersten stehen. „Mein Vater kommt sicher gleich.“ Seine Stimme hörte sich gleichzeitig rau und weich an. „Lass uns in die Küche gehen und gemeinsam überlegen, wie wir deine Liste am besten abarbeiten.“

Fünf Minuten später saßen sie alle – einschließlich Marcus – rund um den Küchentisch. Jeder hatte eine Tasse Kaffee vor sich, und in der Mitte stand ein Teller Schokoladeplätzchen, die Doris vorsorglich gebacken hatte.

„Heute ist es schon ziemlich spät, um nach Missoula zu fahren“, meinte Silas. „Es wird schon bald dunkel. Außerdem ist starker Schneefall angesagt.“

„Okay, schon überredet“, stimmte Belle zu. „Wir warten ab, wie das Wetter morgen ist, und fahren nach Möglichkeit am Vormittag nach Missoula, sobald ich dem Maler erklärt habe, was er tun soll.“

Preston verschluckte sich an einem Stück Keks. „Welchem Maler? Wer malt hier was?“

„Ich habe einen Handwerker aus dem Ort gebeten, Bens Zimmer zu streichen. Erinnerst du dich noch? Ich habe doch gleich, als du mir den Raum gezeigt hast, gesagt, dass wir etwas Farbe hineinbringen sollten. Ich dachte, du wärst damit einverstanden …“

„Aha“, sagte er vage.

Belle bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Offenbar war das mit dem Maler für Preston nicht so klar gewesen wie für sie. Rasch erklärte sie: „Wir haben gelbe, blaue und grüne Farbe gekauft – für jede Wand eine. Kinder mögen es bunt.“

Preston dachte kurz nach. „Als ich das letzte Mal in Bens Zimmer war, hatte es vier Wände, soweit ich mich erinnere.“

„Ach, ja, richtig. Die vierte Wand bleibt weiß, bekommt aber ein Wandbild. Winnie Pu sitzt mit einem Glas Honig, um das ein Bienenschwarm fliegt, unter einem Baum.“

Preston trank einen Schluck Kaffee. „Für so etwas ist er doch schon bald zu alt. Hättest du nicht lieber Dinosaurier oder Pferde oder Autos nehmen können?“

„Warum, was hast du gegen Winnie Pu?“

„Nichts. Ich mag nur Pferde lieber. Oder Autos.“

Silas grinste breit. Belle funkelte ihn an. Der alte Mann hob beschwichtigend die Hände. „Damit habe ich nichts zu tun. Mir ist das vollkommen egal.“

Belle warf Charlotte einen hilfesuchenden Blick zu, doch Charlotte vermied den Augenkontakt und presste angestrengt die Lippen aufeinander.

Was, bitte, war an ihrer kleinen Meinungsverschiedenheit mit Preston so lustig?

Vielleicht hätte sie ihn in diese Entscheidung einbeziehen sollen. Sie hatte getan, was sie für richtig hielt. Wahrscheinlich war sie es aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Position bei Krankenschwestern ohne Grenzen einfach zu sehr gewohnt, dass sie die Entscheidungen traf und sich alle anderen Leute nach ihr richteten.

Doch hier ging es darum, Preston zu unterstützen, sich allein um seinen Sohn zu kümmern. Wenn Preston also genau wusste, wie er sich das Zimmer des Jungen vorstellte, war das letztendlich nur positiv.

Doch es war auch ein Anzeichen dafür, dass ihr Ben langsam entglitt.

Oh, Ben.

Das Leben war grausam. Schließlich war sie genau deswegen hier in Montana: um Abschied von Ben zu nehmen. Im Gegenzug bekam Ben einen Vater und Preston einen Sohn.

Plötzlich war es viel zu still in der Küche. Weder Silas noch Charlotte war mehr nach Lachen zumute.

„Belle …“, sagte Preston leise.

Sie schluckte schwer, hob den Kopf und sah ihm in die Augen. „Du hast recht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Extra Band 1" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen