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BIANCA EXKLUSIV BAND 304

Ihr bittersüßes Geheimnis

1. KAPITEL

Steve Lindstrom war gern vor dem Rest seiner Mannschaft auf der Baustelle. Während dieser ersten einsamen Stunde des Arbeitstages sah er sich in Ruhe um, ohne dass er jemandem die Pläne erklären oder sich um fehlendes Material kümmern musste. Er konnte sich ungestört daran erfreuen, wie aus seiner Vorstellungskraft, seinem Geld und nicht zuletzt auch aus seinem Schweiß etwas Handfestes entstand.

Jetzt stand er neben seinem Transporter und nippte am Kaffee, während das rötliche Licht des Sonnenaufgangs langsam über dem gezackten Kamm der Cascade Mountains im Osten verblasste. Die Baubranche war ein hartes und riskantes Geschäft, aber eine günstige Marktsituation und sein eigener guter Ruf hatten es ihm ermöglicht, dieses perfekt gelegene Grundstück zu kaufen. Darauf erhob sich ein großes und stabiles Gerüst aus dicken Holzbalken – der Beginn seines bisher ehrgeizigsten Bauprojekts und größten finanziellen Wagnisses. Ganz in der Nähe stand ein anderes Haus, fast ebenso gewaltig und kurz vor der Fertigstellung.

Seit Steve erstmals in den Sommerferien auf dem Bau gejobbt hatte, gab die Arbeit ihm immer wieder ein Gefühl von Selbstbestätigung. So zufrieden wie hier hatte er sich sonst nur gefühlt, wenn ihm beim Football ein perfekter Pass genau in die Hände eines anderen Teammitglieds gelungen war oder er eine schwere Prüfung bestanden hatte. Jetzt war er der Chef und für sämtliche Entscheidungen und Probleme bei Lindstrom Bau zuständig.

Vom Admiralty Inlet, wo weiße Segelboote auf dem schimmernden Wasser tanzten, wehte eine nach Salz und Sonnenschein duftende Brise herüber. Hoch über einer Gruppe schnurgerader Fichten segelte ein Adler über den Himmel. Sein weißer Kopf zeichnete sich vor dem klaren Blau deutlich ab, und die weit ausgebreiteten Schwingen boten einen unvergesslichen Anblick. In diesem Moment herrschte auf der Lichtung mit den beiden neuen Häusern und der holprigen Zufahrtsstraße eine friedliche Atmosphäre.

Steve stellte den leeren Becher ab, schnappte sich ein Klemmbrett und überflog mit gerunzelter Stirn die darauf notierten Termine von Lieferanten und Subunternehmern. Zwei Projekte gleichzeitig zu bewältigen war anstrengend. Eine verspätete Lieferung, ein Problem bei einer Installation, und schon würden seine Zeitpläne wie eine Reihe Dominosteine in sich zusammenfallen.

Seit Steve gehört hatte, dass Lily Mayfield wieder in der Stadt war, fiel es ihm schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Der Gedanke, ihr irgendwann über den Weg zu laufen, quälte ihn wie das dumpfe Pochen in einem kranken Zahn. Die Vorstellung, sich nach so vielen Jahren wieder in ihren blauen Augen und ihrem berauschenden Duft zu verlieren, ließ ihn schon jetzt schneller atmen.

Er kickte einen faustgroßen Felsbrocken zur Seite, damit niemand darüber stolperte. Wenn ich doch einen Vorschlaghammer schwingen und etwas zertrümmern könnte, dachte Steve. Stattdessen muss ich meinen Architekten besänftigen und den Bankier beruhigen.

Steve schaute gerade nach der gestern errichteten Dreiergarage, als er ein Motorengeräusch hörte. Er drehte sich um und sah den Pick-up seines Freundes Wade Garrett die Zufahrt herauffahren – langsam, um keinen Staub aufzuwirbeln. Wade wohnte im Moment bei ihm, war jedoch gestern Abend nicht nach Hause gekommen.

Er beobachtete, wie Wade den Wagen abstellte, ausstieg und auf ihn zukam. Sein verlegenes Grinsen verriet, dass er die Nacht in einem fremden Bett verbracht hatte – und zwar nicht allein. Steve spürte einen Anflug von Neid. Wann hatte er selbst das letzte Mal tollen Sex erlebt – oder einfach nur Sex? Er konnte sich kaum daran erinnern.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du heute hier auftauchst“, begrüßte er seinen Freund.

Wade half auf der Baustelle aus, überlegte aber seit Kurzem, ob er nicht in seinen alten Beruf als Investmentberater zurückkehren sollte.

„Ich arbeite heute nicht, Partner. Ich feiere.“ Begeistert klopfte Wade dem Freund auf den Rücken. „Wenn es nicht so verdammt früh wäre, würde ich dir ein Bier ausgeben.“

Steve musterte die unrasierte Gestalt. „Hast du gerade im Lotto gewonnen oder dir einen Besuch im Luxusbordell gegönnt?“

Er konnte sich nicht erinnern, Wade jemals so aufgedreht erlebt zu haben. Im Gegenteil, seit der Trennung von Pauline Mayfield, die zufällig Lilys ältere Schwester war, hatte er nur selten gelacht.

„Was mich gerade glücklich macht, ist besser als Geld.“ Wade strahlte. „Wesentlich besser.“

„Du hast eine neue Freundin“, riet Steve und lehnte sich mit der Schulter gegen einen Pfosten. „Wer ist die Glückliche?“

Wade schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so, wie du denkst, aber du solltest es als Erster erfahren.“

„Die Arbeiter werden jeden Moment hier sein, und du siehst aus, als würdest du gleich platzen, also heraus damit“, erwiderte Steve. „Was ist los?“

Wades Wangen waren gerötet, und er zitterte fast vor Aufregung. „Pauline und ich sind wieder zusammen!“ Er warf seine Mütze in die Luft und stieß einen Jubelschrei aus, der eine Kuh auf der benachbarten Weide erschreckt zusammenzucken ließ. „Wir werden heiraten.“

„Glückwunsch!“ Steve freute sich von Herzen für die beiden. Er ergriff Wades ausgestreckte Hand, umarmte ihn und klopfte ihm auf den Rücken, bevor er ihn wieder losließ.

Zu wünschen, dass Wade sich in eine andere verliebt hätte, wäre egoistisch gewesen. Dass Lily wieder in der Stadt war, war kein Grund, sich nicht für den Freund zu freuen. Auch dann nicht, wenn sie einen zwölf Jahre alten Sohn mitgebracht hatte, von dem jeder behauptete, dass er Steve frappierend ähnlich sah.

„Kein Wunder, dass du die ganze Zeit wie ein Idiot grinst“, rief er und ließ Wade wieder los. „Du machst eine tolle Partie, das steht fest.“

„Stimmt“, bestätigte Wade, während ein näher kommendes Motorrad das Eintreffen der Mannschaft ankündigte.

„An die Arbeit“, sagte Steve. „Aber heute Abend gebe ich im Crab Pot die erste Runde aus. Bring Pauline mit, damit ich ihr klarmachen kann, was für eine miese Wahl sie getroffen hat.“

„Ich werde sie fragen“, antwortete Wade, als wäre er schon verheiratet.

Carlos’ Harley-Davidson knatterte auf die Baustelle, gefolgt von Georges rotem Pick-up.

„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, begann Wade, während die Männer ihr Werkzeug abluden. „Kannst du mein Trauzeuge sein? Wir werden Ende September heiraten und wollen nichts Großes machen.“ Er räusperte sich. „Ich weiß, es ist viel verlangt.“

Also war ihm nicht entgangen, wie Steve vor Kurzem auf Lilys Stimme auf dem Anrufbeantworter reagiert hatte. Er war sehr überrascht gewesen, aber Wade hatte offenbar seine eigenen Schlüsse gezogen.

Jetzt kannst du dir beweisen, dass Lily nur eine böse Erinnerung ist, wisperte eine Stimme in Steves Kopf. Pauline und Lily hatten sich versöhnt, und zweifellos würde seine Exfreundin zur Hochzeit ihrer Schwester kommen.

„Red keinen Unsinn“, erwiderte Steve und ignorierte das mulmige Gefühl in seinem Bauch. „Ich fühle mich geehrt.“

Wades Miene hellte sich auf. „Danke.“

„Hey, Frisco, arbeitest du heute?“, rief Carlos ihm zu. Frisco war Wades Spitzname auf der Baustelle. „Das heißt, ich kann blaumachen, richtig, Chef?“

„Falsch“, widersprach Steve und klopfte Wade auf den Rücken. „Er hat Besseres zu tun, als Nägel einzuschlagen.“ Er wandte sich wieder seinem Freund zu. „Gut gemacht. Du hast dir eine großartige Ehefrau gesucht.“

Mit dem Rest, da war Steve sicher, würde er umgehen können. Lily gehörte in seine Vergangenheit, und genau dort würde sie auch bleiben.

Lily Mayfield und ihre Schwester standen vor dem Laden, in dem Pauline ihre Stickereiwaren verkaufte. Er hieß „Uncommon Threads“ und befand sich im Erdgeschoss eines alten Gebäudes, das im historischen Geschäftsviertel von Crescent Cove lag.

„Ich kann noch immer nicht fassen, wie sehr sich hier alles verändert hat.“ Lily schaute die Straße entlang. An den schmiedeeisernen Laternenpfosten hingen Körbe mit Blumen und farbenfrohe Banner. Vor dreizehn Jahren hatte in jedem zweiten Schaufenster gähnende Leere geherrscht.

„Hast du etwa geglaubt, alles bleibt so, wie es ist, bis du endlich zurückkommst?“, entgegnete Pauline und warf einen prüfenden Blick auf ihre eigenen Auslagen.

„Natürlich nicht.“ Lily sah auf die Uhr. Es war an der Zeit, ihren Sohn Jordan bei seinem Freund abzuholen.

„Wie findest du es?“ Nachdenklich betrachtete Pauline ihr Schaufenster. „Zu unruhig? Zu verspielt?“

Lily folgte dem Blick ihrer Schwester. Vor einem weißen Holzzaun waren schlichte Tontöpfe arrangiert. In jedem steckte wie ein Lolli ein gesticktes Blumenmotiv in rundem Rahmen.

„Es sieht verlockend aus“, sagte sie. „Wenn ich nicht zwei linke Hände hätte, würde ich es selbst mal versuchen.“

Pauline schien nicht überzeugt zu sein. „Ich hoffe, du hast recht“, murmelte sie und spielte mit einer Strähne ihres dunkelblonden Haars. „In all den Ausflugsbussen aus Seattle und Kanada könnten ruhig ein paar neue Kunden sitzen.“

„Ich muss zu Jordan. Vergiss nicht, etwas Zeit für die Hochzeitsvorbereitungen einzuplanen. Der September kommt schneller, als du denkst.“ An diesem sonnigen Julitag war der Herbst allerdings noch weit weg.

Pauline zuckte mit den Schultern. „Ich stelle mir eine schlichte Trauung im Garten vor. Wenn es regnet, verlegen wir sie einfach ins Haus.“

Lieber nicht, dachte Lily. Das Wohnzimmer der alten viktorianischen Villa war riesig, aber seit vielen Jahren nicht mehr renoviert worden. „Schlicht, aber elegant.“ Sie lächelte. „Keine Sorge, ich helfe dir.“ Noch vor zwei Monaten hätte sie nicht im Traum gedacht, dass sie beide Paulines Hochzeit planen würden, doch jetzt freute sie sich darauf.

„Nochmals Glückwunsch, Paulie.“ Sie umarmte ihre Schwester. „Wade kann sich glücklich schätzen.“

Pauline schüttelte den Kopf. „Nein, ich. Danke fürs Mitnehmen. Er holt mich nachher ab, also sehen wir uns zu Hause.“

Lily winkte Pauline zu und stieg in ihren Wagen. Sie haben beide großes Glück, dachte sie. Wade ist ein toller Bursche und Pauline eine wunderbare Frau.

Als sie eine Lücke im langsam fließenden Verkehr nutzte und losfuhr, sah sie, dass ihre Schwester noch immer am Straßenrand stand und jemandem zuwinkte.

Sekunden später fuhr ein großer weißer Pick-up an Lilys Wagen vorbei. Neugierig schaute sie durch die Seitenscheibe. Das Gesicht des Fahrers war halb hinter einer Sonnenbrille und einer Baseballkappe verborgen, doch das Lächeln kam ihr bekannt vor. Selbst nach so langer Zeit.

Einen Moment lang schienen ihre Blicke sich zu treffen. Unwillkürlich packte Lily das Lenkrad fester, während sie auf die schwarzen Buchstaben an der Tür des Pick-ups starrte.

Lindstrom Bau.

Als sie wieder hochsah, war es schon zu spät. Er war weitergefahren, als wäre nichts passiert.

Lily hatte gewusst, dass sie Steve irgendwann begegnen würde. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und der vielen Touristen war Crescent Cove im Grunde die überschaubare Kleinstadt geblieben, in der sie beide zusammen aufgewachsen waren. Sie hatte geglaubt, darauf vorbereitet zu sein – auf das Wiedersehen mit dem Jungen, der damals ihr Herz erobert hatte. Aber sie hatte sich etwas vorgemacht. Selbst jetzt schämte sie sich noch dafür, wie sie ihn damals behandelt hatte, und bereute es zutiefst.

Bald würde sie mit ihm reden müssen. So viel war sie ihm schuldig, aber noch brachte sie es nicht fertig.

Hatte er sie erkannt? Vermutlich war sie für ihn nur eine unschöne Erinnerung. Die Vorstellung stimmte sie traurig, während sie im Rückspiegel seinem Pick-up nachblickte.

„Lily, pass auf!“, rief Pauline.

Lily schaute nach vorn und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass der Wagen vor ihr gehalten hatte, um einzuparken. Sie bremste scharf und entging nur knapp einem Auffahrunfall.

„Verdammt!“ Hoffentlich hatte Steve nicht mitbekommen, wie sehr er sie aus der Fassung gebracht hatte.

„Alles in Ordnung?“ Pauline stand plötzlich neben dem offenen Seitenfenster und schaute herein. „Hast du gesehen, dass …“

„Es geht mir gut!“, erwiderte Lily schärfer, als sie wollte, und schämte sich sofort dafür. Schließlich war es nicht die Schuld ihrer Schwester, dass sie sich so idiotisch benommen hatte.

Der Fahrer vor ihr überlegte es sich anders und fuhr weiter. Verlegen lächelnd winkte sie Pauline zu und gab Gas. Wenn sie Glück hatte, vergaß ihre Schwester den Vorfall schnell wieder.

Leider konnte Lily das von sich selbst nicht behaupten. Sie fühlte sich so feige wie mit achtzehn, als sie sich auf den Weg machte, um einen kleinen Jungen abzuholen. Einen kleinen Jungen, für den sie das alles auf sich genommen hatte – und für dessen Existenz sie Steve eine Erklärung schuldig war.

Du meine Güte! Als Steve die attraktive Blondine und ihr schockiertes Gesicht gesehen hatte, hätte er fast einen Unfall gebaut. Zwei Querstraßen weiter bog er abrupt von der Harbor Avenue auf einen Parkplatz und schreckte mit quietschenden Reifen zwei Fußgänger auf. Erst kurz vor der Barriere, die Autos daran hinderte, in der Bucht zu landen, stieg er auf die Bremse und schaltete den Motor aus.

Der kurze Blick hatte nicht ausgereicht, um sicherzugehen, dass es Lily gewesen war. Hatte sie sich in den letzten dreizehn Jahren stark verändert? War ihre Schönheit vielleicht verblasst? Oder spiegelte sich in ihrem Gesicht die Kälte, die ihr Herz so gefühllos gemacht hatte? Wütend auf sich selbst, weil er sich überhaupt Gedanken darüber machte, schlug er mit der flachen Hand gegen das Lenkrad und fluchte so laut, dass ein näher kommender Fischer ihn erstaunt ansah. Der Mann machte vorsichtshalber einen Bogen um den Pick-up, und Steve kam sich noch idiotischer vor.

Er warf einen Blick auf sein Handy, das fast vom Beifahrersitz gerutscht wäre, und überlegte, ob er Wade anrufen sollte. Nein, er war kein winselnder Waschlappen, der es nicht verkraftete, seiner Ex zu begegnen. Er war ein richtiger Mann, also würde er sich im Crab Pot ein paar Flaschen Bier genehmigen, um seine Nerven zu beruhigen. Später konnte er Wade bitten, ihn dort abzuholen.

Der Haken war nur, dass es für Bier viel zu früh war. Außerdem war er gerade auf dem Weg zum Baumarkt gewesen. Also startete er den Motor wieder und wendete. Eine Rothaarige in einem gelben Cabrio hupte und winkte ihm zu. Ihr Lächeln erinnerte ihn daran, dass die Welt voller entgegenkommender Frauen war. Wozu sollte er Zeit – oder Bier – darauf verschwenden, über eine einzelne hinwegzukommen?

Als er eben beim Baumarkt vorfuhr und sein inneres Gleichgewicht einigermaßen wiederhergestellt war, rief ihn Carlos von der Baustelle an.

Was war jetzt schon wieder? Konnten die Männer nicht einmal eine Stunde ohne ihn auskommen? „Ja!“, meldete er sich brüsk.

„Hey, Chef, kannst du uns ein paar Burger mitbringen? Wir sind am Verhungern.“

Steve stieg aus, das Handy am Ohr. „Kommt darauf an. Habt ihr die Küche schon hochgezogen?“

Langsam fuhr Lily durch den alten Teil der Stadt, der oberhalb des Ufers auf der Klippe lag, und hörte ihrem Sohn zu.

„Cory hat eine Xbox“, erzählte Jordan aufgeregt. Seit Lily ihn bei einem seiner neuen Freunde abgeholt hatte, redete er unaufhörlich. „Wir haben sein neues Skateboarding-Spiel gespielt.“

Der Umzug nach Crescent Cove war für Jordan nicht einfach gewesen, denn er hatte Heimweh nach L. A. gehabt und vermisste auch jetzt noch Francis Yost, seinen langjährigen väterlichen Freund und Lilys Schutzengel. Jordan war auf Francis’ großem Anwesen aufgewachsen und hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er am liebsten dort geblieben wäre. Zum Glück hatte Paulines Verlobter Wade nach dem Umzug viel Zeit mit Jordan verbracht und ihn mit einigen Jungen in seinem Alter bekannt gemacht.

„Also hattet ihr Spaß?“, fragte Lily. „Und hast du auch nicht vergessen, dich bei Corys Mutter dafür zu bedanken, dass sie dich ertragen hat?“

Er nahm sein Cap ab, um sich durchs dichte blonde Haar zu fahren. Mein Sohn muss zum Friseur, dachte sie.

„Klar, Mom.“ Der Junge seufzte. „Das vergesse ich doch nie. Du predigst mir das seit meiner Geburt.“ Er setzte die Mütze wieder auf und zog sich den Schirm tief in die Stirn. „Ich wette, du hast es mir schon gesagt, als ich noch in deinem Bauch war.“

Lily bog in die Cedar Street ein, eine schmale Allee mit viktorianischen Häusern. „Meine Lebensaufgabe besteht eben darin, dich zu zähmen und aus dir einen Menschen zu machen“, scherzte sie.

Anstatt etwas darauf zu erwidern, drehte Jordan sich zu seiner Mutter um und sah sie eindringlich an. „Stimmt es, dass mein richtiger Dad hier in der Nähe wohnt?“, fragte er. „Und dass ich ihm ähnlich sehe?“

Die Frage hätte sie nicht überraschen dürfen. Glaubte sie etwa, dass ausgerechnet neugierige Kinder nicht mitbekamen, worüber die halbe Stadt tuschelte?

„Wo hast du das gehört?“, entgegnete sie, um Zeit zu gewinnen. Vor ihnen tauchte die Villa auf, die einer ihrer Vorfahren „Mayfield Manor“ getauft hatte. Sie bog auf das Grundstück ein, fuhr am Haus vorbei, und als sie vor der Garage hielt, stellte sie erstaunt fest, dass ihre Hand zitterte.

Sie warf Jordan einen verstohlenen Blick zu. Hatte er es bemerkt?

„Ryan MacPherson hat mich geärgert, als er bei Cory war, aber Corys Mom hat ihn nach Hause geschickt.“

„Das hat sie gut gemacht.“ Vor vielen Jahren hatte Lily die Hauptrolle in einer Schulaufführung bekommen, obwohl sich auch ihre Mitschülerin Heather Rolfe darum beworben hatte. Jetzt hieß Heather mit Nachnamen MacPherson, war Ryans Mutter und hatte Lily vermutlich noch immer nicht verziehen. Offenbar war sie wie früher eine Zicke.

Am liebsten wäre Lily zu ihr gegangen, um sie zur Rede zu stellen. Was fiel ihr ein, vor Jordan über solche Dinge zu reden? Andererseits konnte sie Heather kaum vorwerfen, dass sie laut aussprach, was jeder zweite Einwohner von Crescent Cove dachte.

Jordan gab nicht auf. „Stimmt es denn? Wohnt mein Dad in dieser blöden Stadt?“

Bevor Lily antworten musste, kam Wade auf den Wagen zu.

„Wir reden später darüber“, vertröstete sie den Jungen.

Lächelnd beugte Wade sich durch das offene Seitenfenster. „Kann ich deinen Sohn für ein paar Stunden entführen?“, fragte er Lily. „Hallo, Partner! Hast du Lust, mit mir ein paar Körbe zu werfen?“

Erleichtert atmete Lily auf. „Er muss erst etwas essen“, wandte sie ein.

„Ich habe bei Cory gegessen.“ Jordan stieg aus. „Darf ich mit? Bitte, Mom!“

Offenbar hatte er es nicht eilig, über seinen Vater zu sprechen. Aber sie würde mit ihm reden müssen. Und natürlich mit Steve.

Was für ein Schlamassel!

Als sie ausstieg, sahen die beiden sie erwartungsvoll an. „Klar darfst du“, erwiderte sie rasch. „Nehmt Wasser mit, und vergesst nicht, es auch zu trinken!“

Wade legte eine Hand auf Jordans schmale Schulter und zwinkerte Lily zu. „Ich werde gut auf ihn aufpassen.“

„Das weiß ich. Danke.“

„Ich muss mir andere Schuhe anziehen“, verkündete der Junge. „Bin gleich zurück.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Wade, als Jordan außer Hörweite war. „Habe ich euch bei etwas gestört?“

Abgesehen von ihrer Schwester war Wade der letzte Mensch, dem Lily sich anvertraut hätte. Sie schüttelte den Kopf. „Das kann warten, und es tut ihm gut, mit dir zusammen zu sein.“

„Mir auch“, antwortete Wade und folgte ihr durchs Gartentor.

„Du bist froh, wenn du mal nicht an die Hochzeitsvorbereitungen denken musst, was?“ Selbst ein perfekter Mann – und dafür hielt Pauline ihren Verlobten – war es irgendwann leid, sich mit all den Einzelheiten zu beschäftigen: Gäste, Einladungen, Kleidung, Musik, Essen – die Liste war endlos.

Er grinste verlegen. „Bitte, sag Pauline nichts davon. Das alles macht ihr großen Spaß.“

„Kein Wort“, versprach Lily. Bevor sie die Hintertür öffnen konnte, die ihr Sohn hinter sich zugeknallt hatte, berührte Wade ihren Arm.

„Lily, warte eine Sekunde.“

Wahrscheinlich brauchte er einen Rat, was seine eigenen Vorbereitungen anging. Doch als sie sich zu ihm umdrehte, wirkte er besorgt.

„Ich habe Steve gebeten, mein Trauzeuge zu sein“, begann er leise. „Ich wollte, dass du das weißt, und hoffe, dass es angesichts eurer Vorgeschichte kein Problem für dich ist. Aber seit ich hier bin, ist er mir zu einem wirklich guten Freund geworden.“

Jeder hier wusste, dass Steve zwei Jahre lang ihr fester Freund gewesen war, bevor sie plötzlich die Stadt verlassen hatte. Wade wusste auch, dass sie seitdem nicht mit Steve gesprochen hatte.

Lily rang sich ein Lächeln ab. „Kein Problem“, erwiderte sie und sah ihm an, wie erleichtert er war. „Das alles ist lange her.“

Doch dann runzelte er die Stirn. „Hast du schon mit ihm geredet?“

Sie zog die Augenbrauen hoch und tat so, als wüsste sie nicht, wovon er sprach. „Worüber denn?“

„Ich weiß, es geht mich nichts an …“

„Danke, dass du dir Sorgen machst“, unterbrach sie ihn und öffnete die Tür. „Ich habe einen Riesendurst. Möchtest du ein Glas Limonade?“

Wade nahm die Sporttasche vom Haken in der Waschküche. „Nein danke, aber falls du reden möchtest …“ Er verstummte, als Jordan die Treppe heruntergerannt kam.

Das mulmige Gefühl in Lilys Magengrube wurde stärker, als ihr Sohn in seinem alten Lakers-Trikot und den viel zu weiten Shorts in der Küche erschien. Mehr als alles andere wollte sie ihn davor bewahren, unter dem zu leiden, was vor seiner Geburt geschehen war. Aber sie wusste auch, wie unrealistisch das war.

„Hey, nimm eine für mich mit“, forderte Wade den Jungen auf, als Jordan den Kühlschrank öffnete und eine Flasche Mineralwasser herausholte.

Jordan klemmte den Basketball unter den Arm und schnappte sich zwei Flaschen. „Bis nachher, Mom“, sagte er und lief nach draußen.

Als sie ihm nachsah, wurde ihr bewusst, wie sehr er in den letzten Monaten in die Höhe geschossen war. Schon in ein paar Jahren würde er erwachsen sein. Voller Wehmut dachte sie an die vielen Jahre, die sein Vater bereits verpasst hatte.

Bevor Wade dem Jungen folgte, warf er Lily einen eindringlichen Blick zu. „Er hat ein Recht auf die Wahrheit.“

„Du weißt nicht, was du von mir verlangst“, flüsterte sie, nachdem Wade die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Würde Jordan die Wahrheit verkraften? Würden sie es alle tun?

2. KAPITEL

„Ich dachte, wir fahren zum Park“, sagte Jordan und starrte mit gerunzelter Stirn auf die unbekannte Straße.

Würde er sich jemals in dieser blöden Stadt auskennen? In Los Angeles hatte er ganz genau gewusst, welchen Bus er nehmen musste, wenn seine Mom keine Zeit hatte, ihn zum Skateboard-Park, dem Einkaufszentrum, der Bibliothek oder seinen Freunden zu fahren. In Crescent Cove gab es überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel, abgesehen vom Greyhound-Überlandbus, der ein Mal am Tag draußen am Highway hielt. Und als er seine Mom gefragt hatte, ob er allein mit der Fähre nach Seattle fahren durfte, war sie praktisch ausgeflippt.

Die Straße war schmal und kurvenreich. Stellenweise war der Asphalt ausgebessert, und die Äste der Bäume hingen so tief herab, dass Jordan das Gefühl hatte, durch einen grünen Tunnel zu fahren.

„Ich muss vorher etwas erledigen“, antwortete Wade. „Ein Freund von mir hat ein paar wichtige Unterlagen vergessen, und wir bringen sie ihm zur Baustelle.“

Wade starrte nach vorn und sah aus, als würde er sich nicht darüber freuen.

„Hast du dich mit deinem Freund gestritten?“, fragte Jordan besorgt.

Er mochte es nicht, wenn Leute sich stritten. Francis, bei dem sie in Los Angeles gewohnt hatten, hatte immer leise gesprochen. Nur dann nicht, wenn er sauer auf seinen Lebenspartner gewesen war, weil Augustine mal wieder zu viele neue Sachen mit ihrer gemeinsamen Kreditkarte gekauft hatte. Dann drangen ihre zornigen Stimmen immer bis in das Gästehaus, in dem Jordan mit seiner Mom lebte.

Gelebt hatten, bis Francis mitten in seiner schicken Küche tot umgefallen war. Danach hatte seine Mom gesagt, dass es an der Zeit war, nach Hause zurückzukehren. Aber in dieser absolut lahmen und langweiligen Kleinstadt würde Jordan sich niemals zu Hause fühlen, das stand fest. Hier gab es keinen Skateboard-Park und kein Kino, abgesehen von dem winzigen alten Schuppen, in dem sie anspruchsvolle Filme zeigten – was immer das war.

Die Frage musste Wade überrascht haben, denn als er sich zum Beifahrersitz drehte, lag seine Stirn in tiefen Falten.

„Nein, wir haben uns nicht gestritten“, antwortete er. „Wie kommst du denn darauf? Er ist mein Kumpel, genau wie du.“

Verlegen zuckte Jordan mit den Schultern. Er war absolut sicher, dass er die Erwachsenen niemals verstehen würde. Nicht mal dann, wenn er selber einer war.

Vorsichtshalber wechselte er das Thema. „Wow! Er baut ein Haus? Kann ich es mir ansehen?“

Wade grinste, und Jordan war ihm dankbar dafür.

„Er baut sogar zwei, aber eins ist fast fertig. Bei dem anderen werden wir Schutzhelme tragen müssen“, warnte Wade. „Ich werde dir zeigen, welche Wände ich hochgezogen habe.“

„Cool“, rief Jordan begeistert. In Kalifornien war er oft bei Häusern vorbeigekommen, die noch nicht fertig waren. Aber natürlich war er nie ausgestiegen, um sie sich genauer anzusehen. Vielleicht machte eine Baustelle fast so viel Spaß wie Basketball.

„Steve ist ein netter Kerl“, fuhr Wade fort und klang so, wie Erwachsene es taten, wenn sie einem versicherten, dass die Spritze nicht wehtun würde oder die neue Schule ganz toll wäre. „Du wirst ihn mögen.“

Jordan ließ sich davon nicht täuschen. Von Corys Freund Ryan wusste er, dass dieser Steve sein richtiger Dad war. Sicher, Jordan war neugierig auf ihn, aber was, wenn sein Vater von ihm enttäuscht war? Vielleicht hätte er doch lieber das neue Sonics-Shirt anziehen und seiner Mom gehorchen und zum Friseur gehen sollen.

„Kannst du nicht später hinfahren, nachdem du mich bei Tante Pauline abgesetzt hast?“, schlug er vor und leckte über seine Fingerspitze, um an einem Schokoladenfleck auf seiner Hose zu reiben.

„Was ist denn?“, fragte Wade erstaunt, während er langsam durch die nächste Kurve fuhr. Hier standen die Häuser weiter auseinander, und dazwischen gab es grüne Wiesen und Ställe. Und viel mehr Bäume. „Eben warst du doch noch ganz begeistert.“

„Nichts ist“, erwiderte Jordan automatisch. „Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich heute früher zu Hause sein soll.“ Er hasste es, wie atemlos seine Stimme klang, aber er fühlte sich, als würde jemand ihm die Luft abdrücken.

Wade tätschelte Jordans Knie. „Du brauchst nur kurz Hallo zu sagen. Bist du denn gar nicht neugierig?“ Er hörte sich so aufmunternd an wie Francis früher immer – wenn Jordan etwas Neues ausprobieren sollte. Zum Beispiel vom Sprungbrett in den Swimmingpool springen, was ziemlich Spaß gemacht hatte. Oder Sushi essen, was eklig geschmeckt hatte. Jordan schüttelte sich, als er daran dachte.

Er sah Wade an, doch der schaute schon wieder nach vorn, wo ein Lastwagen, der ein riesiges Boot auf einem Tieflader zog, langsam fuhr. Es war, als würden Wade und er sich in einer Geheimsprache unterhalten und über eine Sache reden, obwohl sie beide eine ganz andere meinten.

Wieder zuckte Jordan mit den Schultern. „Bin ich wohl.“ Ob seine Mom wusste, wohin sie fuhren? Vielleicht hatte sie Wade sogar gebeten, es zu tun, damit sie selbst nicht dabei sein musste, wenn er seinem Dad begegnete. Aber wenn Steve tatsächlich sein Vater war, hätte sie es ihm nicht schon längst erzählt? Vor dem Umzug nach Crescent Cove hatte Jordan noch nie etwas von diesem Steve gehört.

Er und seine Mom redeten über alle möglichen Dinge. Zum Beispiel darüber, warum sie niemandem erzählten, dass sie gar nicht bei Francis im großen Haus gewohnt hatten. Oder dass Augustine in Wirklichkeit gar nicht der Gärtner gewesen war, sondern mit Francis zusammengelebt hatte. Seine Mom hatte ihm erklärt, warum sie seine Tante Paulie nie besucht hatten, und sogar zugegeben, dass sie ihrer Schwester wehgetan hatte. Das war etwas, was seine Mom immer zum Weinen brachte, wenn sie darüber sprach. Sie sagte dann zwar immer, dass ihr etwas ins Auge geflogen sei, aber Jordan wusste, dass das nicht stimmte. Er war wirklich neugierig, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass seine Mom etwas Schlimmes tat, aber er traute sich nicht, sie danach zu fragen, weil er nicht wollte, dass sie wieder weinte.

Als sie beide hier angekommen waren, hatte seine Tante Paulie nur so getan, als würde sie sich darüber freuen. Jordan hatte es genau gemerkt. Aber sie war immer nett zu ihm gewesen, also hatte er angenommen, dass alles gut werden würde. Doch dann nahm Wade seine Mom tröstend in den Arm, und Tante Paulie verstand es falsch, und Wade zog aus der Wohnung über der Garage aus und für eine Weile bei seinem Freund Steve ein. Das alles war lange her. Bevor Ryan herumerzählt hatte, dass Steve Jordans „biologischer“ Vater war.

Jetzt war Tante Paulie mit Wade verlobt, und alle freuten sich riesig auf die Hochzeit. Wade hatte Jordan sogar damit geärgert, dass er auf dem Weg zum Traualtar Blumen streuen sollte. Dabei würde keine Macht der Welt ihn dazu zwingen können, jemals etwas so Peinliches zu tun!

Jordan war echt froh, dass es nur ein Scherz gewesen war. Schließlich war es schon schlimm genug, dass er auf der Hochzeit eine Krawatte tragen musste. Und manchmal bekam er mit, wie Wade den Arm um seine Tante legte und die beiden sich küssten. Wie die Schauspieler in einem dieser Musikvideos.

Krass!

Endlich bog Wade auf einen Schotterweg ein, der mitten in den Wald zu führen schien. Jordan sah sich neugierig um, aber nirgendwo standen Häuser.

„Gibt es hier wilde Tiere?“, fragte er, während der Wagen durch tiefe Löcher holperte. Vielleicht würden sie sogar einen Bären oder Berglöwen sehen! Auf dem Weg nach Sequim hatte er mal eine Herde Elche gesehen.

„Wahrscheinlich eine Menge Kaninchen und ein paar Rehe“, erwiderte Wade zu seiner Enttäuschung. „Einmal habe ich in meiner Mittagspause einen Kojoten entdeckt, aber die sind ziemlich scheu. Außerdem gibt es oben in einem alten Baum ein Adlernest. Einen Horst. So nennt man das. Du kannst ihn von der Baustelle aus sehen.“

Vor ihnen lichtete sich der Wald, und plötzlich tauchten die Häuser auf. Eins sah normal aus, das andere wie ein Skelett aus Holz. Ein Mann, der einen Schutzhelm trug, kletterte auf Händen und Füßen über das Dach und schlug mit einem Hammer lange Nägel ein.

„Wow.“ Jordan setzte sich auf und dachte fast gar nicht mehr an den Mann, den er gleich kennenlernen würde. „Die stehen ja direkt am Strand.“ Ein Kind, das hier wohnte, würde ein Baumhaus im Wald und ein kleines Segelboot haben können. Vielleicht sogar ein Pferd, wenn man einen Teil der offenen Fläche einzäunte.

Wade hielt neben zwei anderen Wagen und einem schwarzen Motorrad. Ganz in der Nähe stand ein hoher Kasten mit einer Plastiktür. Jordan wusste, was es war. Dorthin gingen die Bauarbeiter, damit sie nicht im Wald verschwinden mussten.

„Steve baut tolle Häuser“, schwärmte Wade und stellte den Motor aus.

Steve. Jordan schluckte, doch dann geschah etwas Eigenartiges. Seine Nervosität wurde von Neugier abgelöst. Ben, sein bester Freund in L. A., hatte die gleichen braunen Augen und die gleiche Hakennase wie sein Dad. Jetzt würde Jordan endlich herausfinden, ob er wie Steve aussah. Das blonde Haar und die blauen Augen stammten zwar von seiner Mom, aber der Gedanke, jemandem ähnlich zu sehen, dem er noch nie begegnet war, erschien ihm irgendwie aufregend.

Wade stieg nicht gleich aus, sondern schnallte sich los und drehte sich zu Jordan.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich leise.

Jordan ahnte, was Wade meinte. Er hätte ihn gern gefragt, ob er wusste, ob Steve sein Vater war. „Du wirst ihm doch nichts über …“ Er schaffte es nicht, den Satz zu beenden.

Wade schüttelte den Kopf. „Keine Angst.“ Er griff nach hinten und nahm einen Hefter vom Rücksitz. „Heute reden wir nur über Häuser. Das verspreche ich dir.“

Jordan atmete auf. Das Gefühl der Erleichterung war so groß, wie nachdem er mit seinem Skateboard einen besonders schweren Sprung bewältigt hatte, ohne zu stürzen. Dass Wade wusste, was er dachte, ohne dass er es aussprechen musste, war cool.

„Okay“, sagte er tapfer und löste den Sicherheitsgurt. „Ich bin bereit.“

„Sieht aus, als würden wir dich erst Ende nächster Woche brauchen.“ Während Steve über sein Handy mit dem Elektriker telefonierte, ging er in der zukünftigen Küche auf und ab. Dass George direkt über seinem Kopf hämmerte, nahm er kaum wahr. Und das Kreischen von Carlos’ Säge auch nicht.

„Ich melde mich Montag wieder“, versprach er dem Handwerker, als er Wades Pick-up auf die Baustelle fahren sah. „Danke.“

Er schob das Handy in die Hemdtasche und machte eine Notiz auf dem Klemmbrett. Die nächsten beiden Anrufe, beim Kabellieferanten und dem Dachdeckerbedarf, konnten bis nach der Pause warten.

Steve blätterte um und fügte seiner zweiten Liste einen Punkt hinzu: Junggesellenabschied planen. Wade war nicht der Typ, der sich über eine Stripperin freuen würde, also würde es wohl einen feuchtfröhlichen Zug durch die Bars geben.

Als sein Blick auf den Jungen fiel, der aus Wades Wagen stieg, erstarrte er. Im Sonnenlicht schimmerte das blonde Haar, als wäre ein Scheinwerfer darauf gerichtet. Er wusste sofort, wer das Kind war. Also was zum Teufel fiel Wade ein, ihn herzubringen? Hatte er denn im Moment nicht schon genug Probleme?

Wade legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter und zeigte mit dem Hefter in der anderen Hand auf einen rotschwänzigen Habicht, der am Himmel gemächliche Kreise zog, während er nach Feldmäusen im hohen Gras Ausschau hielt.

Als der Junge antwortete, musterte Steve ihn. Lilys Kind. Es war noch zu weit entfernt, um die Augenfarbe zu erkennen, aber die Ähnlichkeit mit seiner Mutter war nicht zu übersehen. Steve wurde weh ums Herz, als er an seinen alten Traum dachte – mit Lily eine Familie zu gründen. Offenbar hatte auch sie nicht gefunden, wonach sie sich gesehnt hatte, und arbeitete jetzt an einem Schreibtisch und wälzte staubige Akten. Nicht sehr glamourös für jemanden mit ihrem Talent und ihren Hoffnungen.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie sie es geschafft hatte, allein und schwanger mit achtzehn, in einer Stadt wie Los Angeles, in der Engel wie sie es schwer hatten. Ihre Schönheit war schon damals atemberaubend gewesen. Hatte sie ihr Leben mit jemandem geteilt?

Bei der Vorstellung, dass irgendein alter, wohlhabender Knabe ihre Naivität ausgenutzt hatte, wurde Steve fast übel. Hastig verdrängte er die quälenden Fragen. Sie hatte sich entschieden – und er hatte sich damit abfinden müssen. Abgesehen von dem Jungen, der jetzt vor ihm stand und ihn neugierig musterte, war die ganze traurige Geschichte vorbei.

„Hey, Amigo“, rief Carlos vom Dach.

„Hallo, Faulpelze.“ Wades Erwiderung schloss George mit ein. „Ich habe dir ein paar Unterlagen mitgebracht“, sagte er zu Steve und hielt ihm den Hefter hin.

„So?“ Steve hatte keine Ahnung, worum es ging. Oder hatte es mit Wades Hochzeit tun? Wade erwartete doch wohl nicht, dass er ihm half. Er kannte sich mit Blumen und Kirchenliedern nicht aus. Widerwillig nahm er den Hefter.

„Das ist mein Kumpel Jordan. Lilys Junge“, fügte Wade überflüssigerweise hinzu, als wäre Steve blind.

Jordan errötete. „Ich freue mich, dass wir uns kennenlernen“, murmelte er und streckte zaghaft die Hand aus.

Steve zog den Arbeitshandschuh aus und schüttelte sie. „Ich mich auch.“

„Wir sind auf dem Weg zum Park, um ein paar Körbe zu werfen“, brach Wade die angespannte Stille. „Jordan wollte sich nur mal ein halb fertiges Haus ansehen.“

„Tatsächlich?“

Jordans Blick zuckte von ihm zu Wade.

Verdammt, das hier war nicht die Schuld des Jungen. Wenigstens höflich konnte er zu ihm sein.

„Na gut, dann kommt mit“, sagte Steve und ignorierte sowohl Wades Stirnrunzeln als auch das mulmige Gefühl in seinem Magen. „Auf zur Besichtigung. Hast du schon mal mit einer Nagelpistole geschossen?“

Als Lily das vertraute Motorengeräusch in der Einfahrt hörte, schob sie den Auflauf in den Ofen und stellte die Uhr.

Nachdem Jordan und Wade weggefahren waren, hatte sie versucht, im Internet nach freien Büroflächen zu suchen, sich jedoch nicht darauf konzentrieren können. Schließlich hatte sie aufgegeben und sich über sich selbst geärgert. Normalerweise entspannte sie sich beim Kochen, aber heute funktionierte es nicht. Während sie Zwiebeln hackte, Fleisch anbriet und Nudeln kochte, dachte sie statt an Paulines Rezept immer wieder an ihre erste Liebe.

Steves Anblick hatte in ihr eine wahre Flut von Fragen ausgelöst – an erster Stelle stand die, was für ein Mann er geworden war und ob er ihr noch immer übelnahm, dass sie ihn damals über Nacht verlassen hatte.

Gefolgt von Wade betrat ihr Sohn die Küche.

„Oh, wow!“, rief Jordan begeistert und griff nach einem der abgekühlten Kekse, die sie gerade vom Backblech nehmen und in einen Plastikbehälter legen wollte. „Die mag ich am liebsten.“

Lily schob das Blech außer Reichweite. „Wie wäre es mit einem Hallo? Und danach wäschst du dir die Hände.“

Wade holte tief Luft. „Ma, wir sind am Verhungern.“

„Das gilt für alle“, sagte sie streng.

„Wir sollten besser gehorchen“, murmelte Jordan auf dem Weg zur Spüle. „Sie gibt nie nach.“

Lily legte zwei Kekse auf Papierservietten. „Aber nur einer für jeden, sonst verderbt ihr euch den Appetit auf das Abendessen.“

Sie und Jordan wohnten bei Pauline, aber im nächsten Monat würden sie in ein kleines möbliertes Haus umziehen, das Lily gemietet hatte. Obwohl es in der alten viktorianischen Villa genug Platz für alle gab, wurde Lily das Gefühl nicht los, dass die beiden Verlobten lieber ungestört wären. Außerdem wollte sie ihre eigenen vier Wände bewohnen, bevor im Herbst die Schule begann und sie ihre Steuerberaterkanzlei eröffnete.

„Mom, rate mal, wo wir waren“, sagte ihr Sohn mit vollem Mund.

Sie warf Wade einen Blick zu und schaute verlegen aus dem Fenster. „Ich dachte, ihr wolltet im Park Basketball spielen.“

„Das haben wir auch.“ Wade konzentrierte sich auf seinen Keks.

„Ich habe zwei Häuser gesehen“, fuhr Jordan fort. „Die werden direkt am Strand gebaut. Wir könnten doch eins davon kaufen, wenn es fertig ist. Es ist nämlich viel schöner als das, das wir gemietet haben.“

„So?“ Lily begriff sofort, was geschehen war. Sie funkelte Wade an. „Ich bezweifle, dass wir uns ein Haus am Wasser leisten können“, antwortete sie und kämpfte mit dem ungläubigen Zorn, der sich in ihr ausbreitete.

Sie wollte Wade anschreien, ihn fragen, was zum Teufel ihm das Recht gab, Entscheidungen für ihren Sohn zu treffen. Am liebsten hätte sie ihn an den breiten Schultern gepackt und geschüttelt, bis seine strahlend weißen Zähne klapperten.

„Wieso seid ihr dorthin gefahren?“, fragte sie so ruhig wie möglich, obwohl die Empörung ihr fast den Hals zuschnürte.

Wade starrte auf das Messer in ihrer Hand, mit dem sie die Kekse geschnitten hatte. „Jordan war neugierig. Ich musste etwas auf der Baustelle vorbeibringen und dachte mir, wir machen einen kleinen Umweg. Es hat ja nicht lange gedauert.“

„Aha.“ Vorsichtig legte sie das Messer hin. „Jordan, warum gehst du nicht nach oben und ziehst dich um?“, schlug sie vor. „Vielleicht solltest du auch gleich duschen.“

„Schreist du Wade jetzt an?“, fragte er.

„Nein. Ich werde ihn nicht anschreien.“ Möglicherweise würde sie ihm die Zunge ausreißen oder ihn mit dem Kochlöffel verprügeln, den sie vorhin in der Hand gehabt hatte.

Jordan zögerte. „Steve hat mir gezeigt, wie er und seine Männer die Rahmen für jedes Zimmer bauen, und gesagt, dass ich jederzeit wiederkommen kann.“ Er schluckte. „Vorausgesetzt, es ist dir recht.“

Lily beherrschte sich nur mühsam. „Wir beide reden nachher darüber“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Jetzt tu bitte, was ich sage.“

Mit gesenktem Kopf ging er davon. „Ich mochte ihn“, murmelte er auf dem Weg durchs Esszimmer.

„Was ist dir bloß eingefallen?“, fuhr Lily Wade mit zusammengebissenen Zähnen an, sobald sie ihren Sohn auf der Treppe hörte. „Du hattest kein Recht, mit ihm auf die Baustelle zu fahren, ohne vorher mit mir zu sprechen!“

Wade wischte sich den Mund mit der Serviette ab. „Leckerer Keks“, lobte er. „Das Kind ist nicht taub“, fuhr er fort, als sie nicht antwortete. „Er hat das ganze Gerede über Steve gehört, also war er neugierig. Das ist alles.“

„Und das weißt du von Jordan selbst?“, fragte sie, zutiefst verletzt, weil ihr Sohn sich nicht ihr, sondern Wade anvertraut hatte.

An Wades Wange zuckte ein Muskel. „Na ja, nicht ganz, aber ich wusste, dass es ihn beschäftigt.“ Mit trotziger Miene lehnte er sich gegen die Arbeitsfläche und verschränkte die Arme. „Es war eine Zufallsbegegnung, mehr nicht. Ganz locker, kein melodramatisches Wiedersehen zwischen Vater und verlorenem Sohn. Niemand macht eine große Sache daraus, außer dir.“ Als Lilys Miene sich nicht entspannte, warf er die Hände in die Luft. „Hör zu, falls ich mir zu viel herausgenommen habe, tut es mir leid.“

Nicht gerade eine reumütige Entschuldigung, aber Lily wusste, dass er sich um Jordan Sorgen machte. Sie biss sich auf die Lippe, um nichts Unbedachtes zu sagen, und starrte durchs Küchenfenster auf die Stockrosen, die am Zaun des gepflegten Gartens blühten.

„Ich weiß, du hast geglaubt, das Richtige zu tun“, sagte sie nach einem Moment. „Dafür ich bin ich dir dankbar, aber du verstehst die Situation nicht. Sie ist kompliziert.“

Frustriert strich Wade sich über das kurze schwarze Haar. Sie wollte ihn nicht kränken, aber sie durfte auch nicht zulassen, dass er ihrem Sohn unabsichtlich wehtat.

„Keine Besuche mehr bei Steve ohne meine Erlaubnis“, fügte sie mit fester Stimme hinzu. „Einverstanden?“

Wade schien protestieren zu wollen, doch dann überlegte er es sich offenbar anders. „Einverstanden“, wiederholte er ernst. „Sind wir noch Freunde?“

Lily lächelte erleichtert. „Natürlich.“

Als Wade oben war, bereitete sie rasch einen grünen Salat zum Auflauf zu. Kurz darauf fuhr er los, um Pauline von der Arbeit abzuholen, und sie machte sich auf die Suche nach ihrem Sohn.

Dolly Langley, Paulines Untermieterin, würde am Abend von ihrer Kreuzfahrt zurückkehren, also wollte sie die Gelegenheit nutzen und ungestört mit ihrem Sohn reden. Er saß auf der Couch im Wohnzimmer, mit einem Buch aus der Leihbibliothek, das Haar noch feucht vom Duschen. Er hob erst den Kopf, als sie sich ihm gegenüber hinsetzte.

„Hattest du einen schönen Tag?“, fragte sie vorsichtig und war nicht sicher, wie viel sie ihm erzählen durfte.

Er nickte und klappte das Buch zu. „Ja.“

„Möchtest du darüber reden?“ Sie fühlte sich, als würde sie durch ein Minenfeld laufen.

„Ich bin Steve begegnet“, sagte er mit einem trotzigen Unterton. „Er hat mir die beiden Häuser gezeigt, die er gerade baut.“

Steve musste schockiert gewesen sein, als Wade mit Jordan bei ihm auftauchte. Ihr graute vor dem längst überfälligen Gespräch mit ihm. Könnte sie das alles doch nur ungeschehen machen! Aber dann hätte sie Jordan nicht bekommen.

„Wusste Steve von mir?“, fragte ihr Sohn leise. „Ich meine, bevor wir hergezogen sind.“

„Nein“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Ich schwöre dir, er hatte keine Ahnung. Nicht mal einen Verdacht.“

Sie sah ihm an, wie erleichtert er war. Vermutlich hatte er gedacht, dass sein Vater seine Existenz während der letzten zwölf Jahre einfach ignoriert hatte.

„Kann ich ihn wieder besuchen, wenn er mich einlädt?“ In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Sehnsucht und Neugier, und der Anblick brach Lily fast das Herz. Da ihr nichts Besseres einfiel, begnügte sie sich notgedrungen mit der Antwort, die Eltern auf schwierige Fragen gaben.

„Wir werden sehen“, sagte sie, wohl wissend, dass sie Jordan nicht für immer hinhalten konnte – und dass eine Einladung von Steve höchst unwahrscheinlich war. „Wir werden sehen.“

3. KAPITEL

Als es am Samstagnachmittag an Steves Haustür läutete, war Lilys Sohn der letzte Besucher, mit dem er gerechnet hätte.

„Jordan!“, entfuhr es ihm, während seine beiden Hunde sich wachsam hinter ihm postierten. „Was machst du denn hier?“ Steves Haus lag einige Meilen außerhalb der Stadt an einer schmalen, wenig befahrenen Landstraße.

Nervös trat der Junge von einem Fuß auf den anderen. „Ich habe mein Geburtstagsgeld genommen.“

Steve sah, wie ein Taxi die Einfahrt verließ. Wenigstens war der Junge nicht per Anhalter gefahren.

„Wahrscheinlich hätte ich nicht kommen sollen“, murmelte Jordan. „Aber ich muss mit dir über etwas reden.“

Steve konnte sich ziemlich gut vorstellen, worüber. „Da du schon mal hier bist, kannst du auch hereinkommen.“ Klang das zu unfreundlich? Er räusperte sich. „Möchtest du etwas essen? Ich wollte mir gerade Sandwichs machen.“

Jordans Miene hellte sich schlagartig auf. „Ja, das wäre toll.“ Als er über die Schwelle trat, begrüßten die Hunde ihn schwanzwedelnd.

Vorsichtig streckte er die Hand aus. „Wie heißen sie?“

„Der Größere ist Seahawk, und das da ist Sonic“, erklärte Steve, nachdem er die Tür geschlossen hatte.

„Sind es Wachhunde?“, fragte Jordan, während die Hunde an seinen Fingern schnüffelten.

Steve musste lächeln. „Nein, es sind Golden Retriever. Sie lieben jeden.“ Er führte den Jungen durch das Wohnzimmer mit dem großen Natursteinkamin und der gewölbten Decke über den Flur, durch das gemütliche Zimmer, in dem er ferngesehen hatte, und in die große, modern eingerichtete Küche.

„Wow!“, rief Jordan und schaute sich begeistert um. „Hast du die Küche selbst gebaut?“

„Ja.“ Steve freute sich über das Kompliment. „Ich habe sie entworfen und das meiste selbst gemacht.“

Jordan setzte sich auf einen Hocker, und die Hunde ließen sich auf dem Fußboden nieder. Steve öffnete die Tür des Edelstahlkühlschranks und nahm heraus, was er für die Sandwichs brauchte.

„Weiß deine Mom, wo du bist?“, fragte er wie beiläufig. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie dem Jungen erlaubt hatte, ihn zu besuchen.

„Eigentlich nicht“, gab Jordan zu.

Steve hielt die Senftube hoch, Jordan nickte, und er verteilte den Senf auf den Brotscheiben. „Wird sie sich keine Sorgen machen?“ Steve verteilte Käse und Schinken, als würde er Spielkarten ausgeben, dann legte er Salat und Brotscheiben obenauf.

Jordan starrte auf die Sandwichs. „Sie sieht sich ein Büro an, das sie vielleicht mieten will, und Dolly denkt, dass ich zur Bibliothek gegangen bin. Mom erlaubt mir, allein hinzugehen.“

Steve legte die Brote auf Teller und stellte einen vor Jordan. Trotz seines Hungers griff der Junge erst zu, nachdem Steve zwei Getränkedosen und eine Tüte Chips geöffnet und sich ebenfalls gesetzt hatte.

Steve überlegte nun, ob er Dolly anrufen sollte, entschied sich aber dagegen. Jordan schien seine Spuren gut verwischt zu haben.

„Darf ich auf die Terrasse?“, fragte Jordan, nachdem er sein Sandwich verschlungen und einen kräftigen Schluck getrunken hatte.

„Sicher. Fall nicht über das Geländer.“

Das Haus befand sich auf einer flachen Klippe, von der hölzerne Stufen zum Strand hinabführten. An klaren Tagen konnte man bis Whidbey Island sehen.

Steve ließ die Hunde hinaus und ging zu Jordan. Die Terrasse schmiegte sich an die Rückfront des Hauses, sodass nachmittags nur ein Teil im Schatten lag.

„Siehst du die dunklen Schatten im Wasser?“ Steve zeigte hinüber. „Das ist wahrscheinlich eine Gruppe Schwertwale.“

Jordan kniff die Augen zusammen, während eine Brise ihm das dichte Haar zerzauste. „Die habe ich mal auf Bildern gesehen.“

Nach einem langen Moment des Schweigens fragte Steve: „Also, was hast du auf dem Herzen?“

Jordan sah ihn mit großen blauen Augen an, die in Steve lange vergrabene Erinnerungen an die Mutter weckten. „Eins der anderen Kinder hat mir erzählt, dass du mein Dad bist – stimmt das?“

Obwohl er gewusst hatte, dass die Frage irgendwann kommen würde, hatte Steve keine Antwort parat. „Und was sagt deine Mom?“, erwiderte er, um Zeit zu gewinnen.

Jordan starrte aufs Wasser hinaus. „Sie hat immer nur gesagt, dass du … dass mein Vater nicht bei uns sein kann. Ich dachte mir, damit meint sie, dass mein Dad tot ist. Wie der Dad von meinem Freund. Der war bei der Armee. Ich wollte sie nicht traurig machen, also habe ich nie nachgefragt.“

Schweigend dachte Steve über das nach, was Jordan gesagt hatte. Kein Wunder, dass Jordan sein Geld für eine Taxifahrt ausgegeben hatte, um ihn zur Rede zu stellen. Der Junge platzte ja schier vor Neugier und konnte mit niemandem darüber sprechen. Was zum Teufel fiel Lily ein? Selbst wenn sie das Kind bei einem One-Night-Stand empfangen hätte, wäre sie ihm eine Erklärung schuldig.

Er legte eine Hand auf die schmale Schulter. „Ich sag dir was“, begann er und hoffte inständig, dass er keinen Fehler beging. „Ich werde dich jetzt nach Hause bringen, denn im Grunde sollte deine Mom dir das alles erklären.“

Steve nahm an, dass Lily eine gute Mutter war und bestimmt wusste, wie man mit so brisanten Themen wie diesem umging. Er selbst dagegen war vollkommen unerfahren.

„Sie wird sauer auf mich sein“, protestierte Jordan, als Steve ihn ins Haus schob.

„Sie wird dich verstehen“, erwiderte Steve so aufmunternd wie möglich, während er die Schlüssel für den Pick-up aus der Schale neben der Tür nahm. „Außerdem bist du alt genug, um die Wahrheit zu erfahren.“

Lily betrat Mayfield Manor durch die Hintertür und konnte es kaum abwarten, jemandem die gute Nachricht zu verkünden. Nach Wochen erfolgloser Suche hatte sie sich mit Wade und dem Makler in einem kleinen Bungalow getroffen, der erst seit Kurzem gewerblich genutzt werden durfte. Er lag in der Nähe des Gerichtsgebäudes in einem älteren, gepflegten Teil der Stadt und wäre nach ein paar Umbauten ideal für ihre Büros: ihre Steuerberaterkanzlei und seine Investmentberatung.

Erst als Lily die große Küche betrat, wurde ihr bewusst, wie still es war. Pauline war noch im Geschäft, aber Jordan hätte daheim sein müssen, bei Dolly, der älteren Lady, die in der alten Villa ein Zimmer gemietet hatte.

Stirnrunzelnd schaute Lily auf die kleine Schiefertafel über dem Tresen, wo Dolly in ihrer krakeligen Handschrift eine Nachricht hinterlassen hatte.

Jordan ist zur Bibliothek. Dolly macht ihr Nickerchen.

Lily pustete sich eine Strähne aus der Stirn und wünschte, Dolly hätte notiert, wann Jordan aufgebrochen war.

Sollte sie Pauline anrufen? Sie sah auf die Uhr über dem Herd. Am Samstagnachmittag waren die Geschäfte und Galerien in der historischen Altstadt voller Touristen, also würde die Neuigkeit warten müssen. Bis dahin würde sie noch eine Menge zu erledigen haben, falls der Verkäufer ihr Angebot akzeptierte.

Zum Glück würde es kein Problem sein, ihren Anteil zu finanzieren. Francis hatte Jordan und sie in seinem Testament großzügig bedacht. Sie dankte dem Himmel dafür, dass sie ihn kurz nach ihrer Ankunft in L. A. bei einem offenen Casting kennengelernt hatte.

Sie holte einen Notizblock, setzte sich und teilte das oberste Blatt in verschiedene Spalten ein: außen, innen, Möbel und Büroausstattung. Sie würden ein Schild in Auftrag geben. Vielleicht konnte ein indianischer Kunsthandwerker eines aus Zedernholz schnitzen, mit edlen Goldbuchstaben.

Lily hob den Kopf, als ein Pick-up langsam am Haus vorbeifuhr. Doch anders als erwartet war es nicht Wade, der ausstieg. Sie sprang so hastig auf, dass der Notizblock zu Boden fiel.

Steve Lindstrom hatte in der Einfahrt geparkt. Lily nahm an, dass er zu Wade wollte, doch dann ging die Beifahrertür auf, und ihr Sohn stieg aus. Steve musste ihn an der Bibliothek aufgelesen und nach Hause gebracht haben. Jordan rannte durch den Vorgarten, blieb jedoch abrupt stehen, als Steve ihm etwas zurief. Bevor Lily sich entscheiden konnte, ob sie weiterhin auf den großen gutgebauten Mann starren oder einen prüfenden Blick in den Spiegel werfen sollte, hatte Jordan die Veranda erreicht.

Noch während sie nervös ihr Oberteil glatt strich, ging die Haustür auf. Mit heftig klopfendem Herzen beobachtete sie, wie ihr Sohn hereinkam, gefolgt von dem Mann, mit dem sie seit dreizehn Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Dem Mann, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte, selbst als sie ihn ohne jedes Abschiedswort verlassen hatte.

„Hallo, Lily.“

Seine Stimme war tiefer, als sie sie in Erinnerung hatte, und aus dem jugendlich glatten Gesicht war ein markantes geworden, nach dem sich bestimmt jede Frau umdrehte. Das blonde Haar war länger als damals, die blauen Augen blickten wachsamer. Sein Lächeln wirkte weder freundlich noch belustigt.

Zum ersten Mal in ihrem Leben vergaß Lily, dass ihr Sohn in der Nähe war, bis dessen Stimme sie daran erinnerte.

„Steve hat mich nach Hause gefahren“, erklärte Jordan unnötigerweise und klang ein wenig trotzig.

„Das sehe ich“, erwiderte sie, ohne den Blick von Steve zu wenden. „Es ist lange her.“

Er nickte nur.

Seine Schultern und Arme waren sogar noch kräftiger als zu seiner Zeit im Footballteam. Seine Miene verriet nicht, was ihr Wiedersehen bei ihm auslöste. Sie dagegen hatte Mühe, nicht die Fassung zu verlieren, und atmete tief durch, so unauffällig wie möglich.

„Es war nett von dir, meinen Sohn mitzunehmen“, brachte sie schließlich heraus und war froh, dass ihre Stimme sich nicht anders als sonst anhörte. Sie sah Jordan an. „Hast du keine interessanten Bücher gefunden?“, fragte sie, als sie seine leeren Arme sah. Normalerweise lieh er alles aus, was es über Dinosaurier oder Astronomie gab.

Als sie merkte, dass ihre Hände zitterten, schob sie sie in die Taschen ihres Rocks. Verblüfft sah sie, wie Steve Jordan eine Hand auf die Schulter legte, als müssten die beiden Männer gegen die strenge Frau zusammenhalten.

„Ich bin ihm nicht in der Bibliothek begegnet. Er hat mich zu Hause besucht.“

„Du bist per Anhalter gefahren?“, fragte sie ihren Sohn, entsetzt darüber, dass er gegen eine ihrer eisernen Regeln verstoßen hatte.

Jordan schüttelte den Kopf. „Ich habe ein Taxi genommen.“

Sie warf Steve einen eisigen Blick zu. „Und was hast du ihm erzählt?“ Sie konnte nur hoffen, dass er nicht zu freimütig gewesen war. Natürlich konnte sie nicht erwarten, dass er auf sie Rücksicht nahm, aber Jordan war ein unschuldiges Opfer dieser ganzen leidigen Geschichte. Eins, das die Wahrheit längst von seiner Mutter hätte erfahren sollen.

„Er hat mir gar nichts erzählt“, antwortete Jordan, bevor Steve es tun konnte. „Er hat gesagt, ich soll dich fragen.“ Er klang vorwurfsvoll, als hätte er genug davon, von allen immer wieder auf später vertröstet zu werden.

Lilys Wangen brannten. Sie machte sich Vorwürfe. Es war allein ihre Schuld, dass dieses Gespräch nicht unter vier Augen stattfand. Bevor sie sich bei Steve dafür entschuldigen konnte, dass sie ihn mit hineingezogen hatte, strich er ihrem Jungen über den Kopf.

„Wir sehen uns“, sagte er freundlich. „Du und deine Mutter habt eine Menge zu besprechen, also gehe ich jetzt besser.“

„Danke für das Sandwich“, erwiderte Jordan. „Dein Haus ist echt cool, genau wie deine Hunde.“

Er klang wehmütig, und Lilys schlechtes Gewissen wuchs. Das alles war allein ihre Schuld.

„Ja, danke“, wiederholte sie, als Steve sich umdrehte. „Es war … gut, dich wiederzusehen.“

Er schaute über die Schulter. „Ja. Dich auch. Sprich mit deinem Sohn“, fügte er mit einem letzten Blick auf Jordan hinzu. „Pass auf dich auf“, sagte er zu ihm.

„Bis bald“, erwiderte Jordan.

Lily weigerte sich, Steve nachzuschauen, und schloss die Tür hinter ihm. Wie sollte sie anfangen?

„War das Steve?“, ertönte Dollys Stimme vom Treppenabsatz. „Er ist ein so netter junger Mann, nicht war? Und er sieht wirklich toll aus.“

Dolly hatte noch nicht in Crescent Cove gelebt, als Lily den Ort so überstürzt verlassen hatte. Aber zweifellos hatte sie die Geschichte von Paulines gelöster Verlobung mit Carter Balck gehört und wusste auch, welche Rolle Lily dabei gespielt hatte.

„Er hat Jordan hergefahren“, erklärte Lily. „Hast du gut geschlafen?“ Sollte sie Dollys Erscheinen zum Vorwand nehmen, um das Gespräch mit Jordan zu verschieben? Nein, das wäre feige.

„Ich fühle mich wie neugeboren.“ Dolly kam langsam die Stufen herunter und hielt sich mit einer knochigen Hand am Geländer fest. „Ich glaube, ich werde mich mit einer Tasse Tee in den Garten setzen. Möchtet ihr auch eine?“

„Nein, danke“, lehnte Jordan höflich ab.

„Ich auch nicht. Mein Sohn und ich haben etwas zu besprechen. Wenn du uns also entschuldigen würdest …“ Lily verstummte, als ihr klar wurde, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Wenn sie Jordans Fragen nach seinem Vater beantwortet hatte, würde sie auch mit Pauline reden müssen. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Schwester die Wahrheit verkraften und die Versöhnung nicht darunter leiden würde.

„Wir sind in meinem Zimmer, falls du etwas brauchst“, fügte sie hinzu.

„Geht ruhig und plaudert ein wenig.“ Lächelnd winkte Dolly ihnen zu. „Ich habe mir einen neuen Krimi gekauft und bin schon ganz gespannt.“

Von Lily fuhr Steve direkt zu seiner Lieblingskneipe unten an den Docks. The Crab Pot war eine Bar mit Großbildschirm, ein paar Billardtischen, anständigem Essen und einer postkartengroßen Tanzfläche. An diesem Nachmittag zählten für ihn allerdings nur das kalte Bier vom Fass und die Chance, in vertrauter Umgebung über seine Gefühle nachzudenken.

Er bog auf den mit Kies bestreuten Parkplatz ein, holperte durch die vielen Schlaglöcher und hielt neben den abgetretenen Stufen, die zur schäbigen Eingangstür führten. Im Fenster leuchtete unter einem aufgespannten Fischernetz Neonwerbung für diverse Biersorten.

Innen begrüßten ihn der Geruch von gebratenem Fisch, leise Stimmen am Tresen und das Geräusch der Billardkugeln. Riley, der Hüne, der zu einem hiesigen Indianerstamm gehörte und im Crab Pot als Rausschmeißer arbeitete, unterhielt sich am Tresen mit einer der Kellnerinnen.

Steve blieb im Eingang stehen und sah sich um. Wade saß allein an einem Tisch, blickte von seiner Zeitung hoch und winkte Steve heran.

„Brauchst du eine Speisekarte?“, fragte die Kellnerin, deren rotes Haar ihm so vertraut war wie der Elchkopf an der Wand.

„Nein, danke, Susan“, erwiderte er. „Nur einen Krug Bier und ein zweites Glas.“

„Was tust du hier? Mitten am Tag?“, fragte Wade und legte die Zeitung zur Seite. Auf dem Tisch stand ein Plastikkorb mit ein paar einsamen Pommes frites und einer leeren Saucenschale.

Steve zog einen Stuhl heran und setzte sich zu seinem Freund. „Ich habe Durst bekommen. Und du?“

Wade zuckte mit den Schultern. „Pauline ist im Geschäft, und ich habe ein neues Büro gefunden, also feiere ich.“

„Glückwunsch. Wo liegt es?“ Dankbar für die Ablenkung ließ Steve sich beschreiben, wo das alte Haus stand und wie Wade es renovieren wollte. „Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst“, bot er an, als Wade zu Ende erzählt hatte.

„Danke. Was gibt es bei dir Neues?“

Steve streckte die Beine aus. „Rate mal, wer vorhin plötzlich vor meiner Tür stand.“

Wade runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Wer?“

Susan brachte den Krug mit frischem Bier, füllte Steves Glas, schenkte Wade nach und räumte die Reste des Essens ab.

„Kann ich euch sonst noch etwas bringen?“, fragte sie, eine Hand in die Hüfte gestemmt, und schob ihr Kaugummi im Mund hin und her. Sie hatte sich den Bleistift über dem Ohr ins Haar gesteckt. „Die Muscheln sind heute richtig lecker.“

„Nein, danke“, sagte Steve. Sein Magen war in Aufruhr, und wenn er jetzt etwas aß, würde er es vermutlich bald bereuen.

„Du wolltest mir gerade erzählen, wer dich besucht hat“, drängte Wade, als die Kellnerin sich das Tablett unter den Arm geklemmt hatte und davonschlenderte. „Hoffentlich nicht der Gerichtsvollzieher mit einer Vorladung, weil irgendjemand dich verklagt hat.“

Steve trank einen Schluck. „Nein, nichts dergleichen“, antwortete er, nachdem er sich die trockene Kehle gründlich befeuchtet hatte. Aber ehrlich gesagt, der wäre mir fast lieber gewesen.“

Wades Augen wurden groß. „Lily hat dich besucht?“

„Nicht ganz.“ Steve wischte sich mit einer Papierserviette den Schaum vom Mund. „Ihr Sohn.“

Sein Freund murmelte etwas Unverständliches. „Was wollte er?“

„Was glaubst du?“ Schließlich erzählte Steve, was passiert war, bis hin zu seinem Wiedersehen mit Lily, als er Jordan nach Hause gebracht hatte.

„Sie war bestimmt schon in der Highschool sehr hübsch“, mutmaßte Wade. „Wenn du es jemand anders gegenüber wiederholst, werde ich alles abstreiten, aber jetzt sieht sie absolut atemberaubend aus.“

„Stimmt.“ Steve machte nun mit seinem Glas eine Reihe feuchter Ringe auf der Tischplatte. „Sie war das hübscheste Mädchen der ganzen Schule, aber sie war auch nett, verstehst du? Überhaupt nicht hochnäsig oder eingebildet, obwohl ihre Familie sie wie eine zukünftige Miss Universum behandelt hat.“

„Pauline hat mir erzählt, dass sie selbst die Musterschülerin und Lily die Prinzessin war.“

Die Eltern der Mädchen waren bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen, als Pauline schon aufs College und Lily noch zur Highschool gegangen war. Steve hatte keine Lust, über die Vergangenheit zu reden.

Mit einem Zug leerte er sein Glas. „Ich hatte gehofft, dass Lily sich verändert hat. Dass sie … härter aussehen würde.“ Er lächelte schief. „Mit ein paar Zahnlücken, Haarausfall, vielleicht einer Narbe und ein paar hundert Pfunden mehr, wenn du weißt, was ich meine.“

Wade lachte. „Keine Chance. Sie ist immer noch heiß.“

„Ja, das ist sie“, bestätigte er widerwillig. Falls das Wiedersehen ihr auch nur ein wenig unter die Haut gegangen war, so hatte sie es gut versteckt.

„Und wie war es?“, fragte Wade, nachdem auch er einen Schluck Bier getrunken hatte. „Umarmungen und Küsse?“

„Sicher.“ Steve verdrehte die Augen und spürte, wie seine Anspannung sich zu legen begann. „Sie war kühl und hat mich gefragt, was ich mit ihrem Kind angestellt habe.“

„Mit ihrem Kind?“, wiederholte Wade ungläubig. „Bist du sicher, dass das alles war?“

Steve schwieg einen Moment, während sich in ihm Erleichterung, Bedauern und ein altes Verlustgefühl zu einer schmerzhaften Mischung zusammenballten. „Ja, vollkommen sicher.“

Wade zog erstaunt die Brauen hoch. Dann kniff er die Augen zusammen, als er begriff. „Ihr habt nie miteinander geschlafen.“

Steve richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf seinen Freund, als hielte er eine Pistole in der Hand. „Der Mann hat einen Preis verdient“, knurrte er. Wenn es so weiterging, hatte er bald keine Geheimnisse mehr.

Wade beugte sich vor. „Wenn er nicht dein Sohn ist, wessen dann?“

„Ich weiß es nicht.“ Steve musste schlucken. „Irgendein Kerl, den sie unten im Süden kennengelernt hat, nehme ich an. Sie hat es mir nicht erzählt.“

„In der Stadt kursiert ein anderes Gerücht“, sagte Wade, nachdem Susan kurz an ihren Tisch gekommen und wieder verschwunden war. „Für die Leute hier bist du der Vater. Du musst zugeben, die Beweise sind ziemlich überzeugend.“

Steve schnaubte verächtlich. „Welche Beweise? Dass er meine Haar- und Augenfarbe hat? Und wenn schon.“

Wade zuckte mit den Schultern. „Jordan ist nicht taub. Also was hast du ihm erzählt?“

„Was sollte ich ihm sagen? Dass er seine Mutter fragen soll, sonst nichts.“ Steve goss sich das zweite Bier ein. Er würde Wade bitten, ihn nachher heimzufahren.

„Wenn er sie fragt, würde ich gern Mäuschen spielen“, sagte Wade grinsend und hob sein Glas. „Auf negative Vaterschaftstests.“

Wenn du wüsstest, dachte Steve und stieß mit ihm an. „Und auf das Leben danach.“

Rastlos ging Lily in ihrem Schlafzimmer auf und ab, während sie darauf wartete, dass Pauline von der Arbeit kam. Zu erfahren, dass der Mann, den er für einen Helden hielt, doch nicht sein Vater war, würde für ihren Sohn eine gewaltige Enttäuschung sein.

Gern würde sie Wade die Schuld daran geben, aber das wäre ungerecht. Das alles hatte schon begonnen, lange bevor er sich eingemischt hatte. Sie hätte vor dem Umzug nach Crescent Cove mit Jordan reden sollen. Aber sie hatte ihn nicht noch zusätzlich belasten wollen und nicht geahnt, wie viel Gerede es hier geben würde. Genau deswegen war sie ja damals fortgegangen.

Als wäre es erst gestern gewesen, sah sie wieder das schockierte Gesicht ihrer Schwester vor sich. Während der Party zu Lilys Schulabschluss hatte Pauline gesehen, wie Carter versucht hatte, Lily zu küssen. Ihr Verlobter und die eigene Schwester! Es musste Pauline doppelt wehgetan haben, denn sie hatte nach dem Tod der Eltern ihr Studium abgebrochen und war nach Hause gekommen, damit Lily in vertrauter Umgebung die Highschool beenden konnte und nicht bei irgendeiner Tante leben musste, die sie kaum kannte.

Pauline musste geglaubt haben, dass Carter es gegen Lilys Willen getan hatte. Damals hatte sie ihm den Verlobungsring vor die Füße geworfen, aber nicht mit Lily darüber gesprochen. Lily hatte ihr keine Gelegenheit dazu gegeben, sondern war fortgegangen, weil in der ganzen Stadt über den Vorfall getuschelt worden war und sie sowohl ihrer Schwester als auch Steve weiteres Leid hatte ersparen wollen.

Das Wiedersehen vor ein paar Wochen hatte bei Pauline mit Sicherheit alte Wunden aufgerissen, trotzdem war sie bereit gewesen, die Vergangenheit für immer ruhen zu lassen und sich mit ihrer Schwester auszusöhnen. Für Lily war damit ein lange gehegter Traum in Erfüllung gegangen.

Jetzt saß Lily auf der Bettkante, den Kopf auf die Hände gestützt. Sie hasste es, Pauline erneut zu enttäuschen, aber ihr blieb keine andere Wahl. Es war höchste Zeit, dass die Wahrheit ans Licht kam. Die ganze Wahrheit.

Wenn sie Jordan erzählte, wer sein Vater war, würde sie zugleich ihrer Schwester das Herz brechen.

4. KAPITEL

Als Lily Paulines Geländewagen in der Einfahrt halten hörte, gefolgt vom Öffnen und Schließen der Heckklappe, schlug ihr Herz schneller. Hoffentlich fand sie die richtigen Worte, um den Schmerz zu mildern, den sie ihrer Schwester einmal mehr bereiten musste.

Keine Ausreden, sagte sie sich auf dem Weg nach unten. Keine Geheimnisse mehr. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, und sie allein war dafür verantwortlich.

„Lily!“, rief Pauline, als ihre Schwester das Foyer der alten Villa betrat. „Du siehst so ernst aus. Ist alles in Ordnung? Geht es Jordan gut?“

„Ja, dem geht es gut“, erwiderte Lily und warf automatisch einen Blick nach oben in Richtung seines Zimmers. Sie hatte ihn gebeten, dort zu bleiben, während sie mit seiner Tante sprach. Dolly war mit Freundinnen zum Bingo gegangen.

Pauline hatte Tasche und Laptop dabei. „Hast du dich mit dem Makler getroffen?“, fragte sie. „Gibt es Neuigkeiten?“

Das hatte Lily ganz vergessen. „Ja auf beide Fragen.“

„Toll! Bei deiner betrübten Miene dachte ich schon, es hätte nicht geklappt.“ Pauline streckte einen Fuß vor. „Gib mir fünf Minuten, um diese Schuhe auszuziehen und ins Bad zu gehen. Aber dann musst du mir alles erzählen, ja?“

Lily war dankbar für den Aufschub. „Möchtest du vielleicht eine Limonade?“

Pauline war schon auf der Treppe. „Klingt gut!“, rief sie über die Schulter.

Als sie wenig später herunterkam, ging Lily mit zwei vollen Gläsern in die Bibliothek, wo sie hinter der massiven Walnusstür ungestört reden konnten. Zwischen den hohen Bücherregalen und vor dem gekachelten Kamin hatte ihre Schwester sich immer am wohlsten gefühlt.

„Lass uns nach draußen gehen“, schlug Pauline vor. Sie hatte aus dem Garten ein kleines viktorianisches Paradies geschaffen, wo man inmitten klassisch gestutzter Bäume und Sträucher sitzen und wie eine Hellseherin auf eine Kristallkugel schauen konnte, die auf einem kleinen Podest stand.

„Nicht jetzt“, erwiderte Lily und stellte das Tablett auf den großen Schreibtisch ihres verstorbenen Vaters. „Es gibt etwas, das ich dir sagen muss.“

Paulines Lächeln verblasste. „Du willst doch nicht etwa nach Kalifornien zurück, oder? Es ist schön, dich und Jordan hier zu haben.“

„Nein.“ Lily nahm ein Glas und entschied sich für einen der kastanienbraunen Sessel am leeren Kamin. Ihre Hand zitterte so sehr, dass das Eis in der Limonade klirrte, also stellte sie es auf einen kleinen Tisch und schlug die Beine übereinander.

„Aber wenn ich fertig bin, wirst du vielleicht wollen, dass ich gehe“, fügte sie traurig hinzu.

Pauline nahm ihr gegenüber Platz. „Du machst mir Angst, Liliput.“ So hatte sie ihre Schwester schon lange nicht mehr genannt.

„Jordan ist heute Nachmittag mit einem Taxi zu Steves Haus gefahren“, erzählte Lily nervös.

„Was?“, entfuhr es Pauline. Entsetzt beugte sie sich vor. „Was ist passiert?“

Lily fasste kurz zusammen, wie Steve ihren Sohn heimgebracht hatte. „Ich werde ihm sagen müssen, dass Steve nicht sein Vater ist, aber ich wollte erst mit dir reden.“

„Ich hätte mir denken können, dass du Steve längst eingeweiht hättest, wenn Jordan von ihm wäre.“ Pauline lächelte matt. „Du musst mir nicht mehr erzählen, wenn du nicht willst. Was in L. A. geschehen ist, geht mich nichts an.“

Die Versuchung, zu der Notlüge zu greifen, die Pauline ihr anbot, war gewaltig, und Lily zögerte einen Moment. Doch dann gab sie sich einen Ruck. „Paulie“, begann sie leise. „Ich finde, du hast ein Recht, die Wahrheit zu erfahren.“ Während sie hastig einen Schluck Limonade trank, wurden Paulines Augen immer größer.

„Warum?“, fragte sie und setzte sich aufrechter hin.

Lilys Augen wurden feucht. „Ich wollte nicht, dass es passiert.“ Ihre Lippen bebten. „Es tut mir so leid.“ Sie schluckte mühsam. „Es war Carter. Er ist Jordans Vater.“

„Wie …“ Pauline blinzelte. „Oh mein Gott! Lily! Hat er dich vergewaltigt?“

Erneut war Lily versucht, die Unwahrheit zu sagen. Niemand konnte ihr das Gegenteil beweisen, denn Paulines Exverlobter war vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Sie senkte den Blick. „Nein, es war keine Vergewaltigung“, gab sie zu. „Ich nehme an, man würde es eine Verführung nennen, denn er wusste genau, wie er mir schmeicheln, mit mir spielen und mir vormachen konnte, dass …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ausreden. Er wollte es, und ich … ich habe nicht Nein gesagt.“

Lily wischte sich die Augen und sah, dass auch über die blassen Wangen ihrer Schwester Tränen liefen.

„Du und Carter?“, flüsterte Pauline heiser. „Du hast mit meinem Verlobten geschlafen?“ Ihr vorwurfsvoller Blick traf Lily wie ein Messerstich. „Ich habe mein Studium abgebrochen, um dich großzuziehen.“ Sie presste eine Hand an die Brust. „Ich habe sogar eine Party zu deinem Schulabschluss gegeben.“ Sie biss sich auf die Lippe und schüttelte langsam den Kopf, als könnte sie nicht glauben, was Lily ihr gerade gebeichtet hatte.

„Paulie, es tut mir leid“, flüsterte Lily.

„Du hattest doch Steve“, fuhr ihre Schwester fort. „Er hat dich angebetet. Wenn er dir nicht ausgereicht hat, hättest du jeden anderen haben können, aber du musstest ausgerechnet den Mann nehmen, den ich liebte. Der mich liebte.“ Sie hatte die Stimme erhoben, und Lily war froh, dass sie die Tür geschlossen hatte.

„Würdest du mir bitte zuhören?“, flehte Lily. „Lass mich versuchen, es dir zu erklären.“

„Wie oft?“, fuhr Pauline sie an, um dann aufzustehen und umherzugehen. „Wie oft hast du es mit ihm gemacht?“ Sie blieb vor Lily stehen und beugte sich herunter, bis ihr Gesicht nur eine Handbreit von Lilys entfernt war. „Habt ihr es hier, in diesem Haus …“ Sie wirbelte herum und riss ein Papiertuch aus der Schachtel auf dem Beistelltisch.

„Es war nur ein Mal, das schwöre ich!“, rief Lily und senkte schuldbewusst die Stimme. Ihr Sohn war oben. „Das ist keine Entschuldigung, ich weiß. Es soll keine Rechtfertigung sein, aber ich war erst achtzehn. Steve und ich hatten uns oft darüber gestritten, dass er auf dem College Football spielen wollte.“

Pauline schwieg.

„Er hatte mehre Verabredungen mit mir platzen lassen, um sich bei verschiedenen Teams vorzustellen. Ich weiß, es klingt kitschig, aber ich hatte solche Angst, ihn zu verlieren. Jedes Mal, wenn du uns den Rücken zugekehrt hast, überhäufte Carter mich mit Komplimenten und flüsterte mir ins Ohr, dass Steve mich gar nicht zu schätzen wüsste. Dass Steve nur ein Junge sei und ich einen Mann verdiene.“

Paulines Augen waren gerötet, aber sie weinte nicht mehr. „Und ich?“, fragte sie mit eisiger Stimme. „Hat keiner von euch an mich gedacht?“

Lily unterdrückte ein Schluchzen. Carters Worte zu wiederholen fiel ihr schwer. „Er hat gesagt, dass du nicht mit ihm schlafen wolltest“, murmelte sie, ohne ihre Schwester anzusehen. „Dass du warten wolltest, er jedoch Bedürfnisse hatte. Bedürfnisse, die nur eine richtige Frau wie ich verstehen könnte.“

Sie lachte bitter. „Dann fuhr Steve zur Washington State University und rief mich von dort aus an. Im Hintergrund war eine Party im Gang, die das Team gab. Ich konnte die Mädchen lachen hören, und er meinte, die Stimmung sei toll.“

„Und dann ist es passiert?“

Lily nickte. „Du warst mit einer Freundin in Seattle, zu einem Konzert, glaube ich.“

„Es war ein Musical.“ Pauline setzte sich wieder. „Cats. Carter wollte nicht hin, deshalb bin ich mit Margo Lynn gefahren. Wir haben im Palomino zu Abend gegessen und uns ein Zimmer im Hilton geteilt.“ Sie stützte die Stirn auf eine Hand. „Carter und ich hatten uns deswegen gestritten. Ich weiß noch …“ Sie schluckte. „Ich weiß noch, dass ich mir egoistisch vorkam und mir mehr Mühe geben wollte, ihn glücklich zu machen.“

„Verglichen mit dir fühlte ich mich immer dumm und naiv“, gestand Lily. „Von deinen Schulnoten und davon, aufs College zu gehen, konnte ich nur träumen. Er hörte mir zu und fragte mich nach meiner Meinung.“

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