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BIANCA EXKLUSIV BAND 303

Träume, zart wie Seide

1. KAPITEL

„Halt jetzt still, sonst piekse ich dich noch“, sagte Joy Moorehouse zu ihrer Schwester Frankie.

„Ich habe mich doch gar nicht bewegt.“

„Sag das mal dem Saum hier.“ Joy hockte sich auf die Fersen und überprüfte ihre Arbeit. Das Hochzeitskleid aus weißem Satin wirkte an ihrer Schwester trotz seiner Schlichtheit elegant. Joy hatte sich mit dem Design besondere Mühe gegeben, weil sie Frankie genau kannte – Spitzen, Rüschen und Pailletten waren nicht ihr Ding. Ohne Joys Überredungskunst hätte Frankie in Jeans geheiratet.

„Sehe ich nicht zu verkleidet aus?“, fragte Frankie prompt.

„Du siehst wunderschön aus.“

Frankie lachte gutmütig. „Du bist die Familienschönheit, nicht ich.“

„Aber du heiratest nun mal, also ziehst du auch das Kleid an.“

Kopfschüttelnd sah Frankie an sich hinunter. „Ich kann es immer noch nicht ganz glauben.“

„Ich freue mich so für dich!“, sagte Joy strahlend.

Vorsichtig hob Frankie den langen Rock an. „Ich muss zugeben, es trägt sich toll“, bemerkte sie.

„Wenn ich die Änderungen gemacht habe, wird es sogar noch besser sitzen. Jetzt kannst du es erst mal ausziehen.“

„Sind wir fertig?“

Joy nickte und stand auf. „Ich habe den Saum abgesteckt und nähe ihn heute Abend um. Morgen machen wir dann die nächste Anprobe.“

„Aber du wolltest uns doch heute Abend beim Catering für Mr. Bennetts Geburtstagsfeier aushelfen. Das hast du doch nicht vergessen?“

Joy schüttelte den Kopf. Vergessen? Nein, niemals. Wie konnte sie vergessen, wen sie in ein paar Stunden sehen würde?

„Wir brauchen dich wirklich“, setzte Frankie etwas besorgt hinzu.

Mit gesenktem Kopf packte Joy ihr Nähzeug zusammen und hoffte, dass Frankie ihr nicht ansah, wie aufgeregt sie in Wirklichkeit war. „Weiß ich doch“, sagte sie so gelassen wie möglich. „Keine Sorge.“

„Aber es kann spät werden. Da willst du doch hinterher nicht noch nähen?“

Warum nicht? Schlafen konnte sie danach sowieso nicht.

„Ich will nicht, dass du dir wegen des Kleides die Nächte um die Ohren schlägst“, fuhr Frankie fort.

„Erstens heiratest du nur einmal und zweitens schon in sechs Wochen“, erwiderte Joy, die ihrer Schwester den Rücken zuwandte. „Wenn du also nicht im Unterhemd vor den Altar treten willst, sollte das Kleid schon bis dahin fertig werden. Du weißt, wie viel Spaß mir das Nähen macht – besonders für dich.“

Als sie sich umdrehte, sah sie Frankie nachdenklich aus dem Fenster starren. „Was ist denn los?“, fragte sie erschrocken.

„Ich habe Alex gestern Abend gefragt, ob er mich zum Altar führt.“

„Und, was hat er gesagt?“, flüsterte Joy hoffnungsvoll, obwohl sie die Antwort eigentlich schon kannte. Bei Alex’ gegenwärtigem Gemütszustand konnten sie schon froh sein, wenn er überhaupt zur Hochzeit kam. Ihr Bruder war Regattasegler und hatte bei einem Bootsunfall vor sechs Wochen seinen Segelpartner Reese Cutler verloren. Er selbst hatte sich das Bein so kompliziert gebrochen, dass schon mehrere Operationen nötig gewesen waren.

„Er macht es nicht“, antwortete Frankie leise. „Ich glaube, er will nicht im Rampenlicht stehen.“ Sie seufzte. „Ich kann ihn nicht zwingen, es zu tun. Aber ich wünschte wirklich … verdammt, ich wünschte, Dad könnte dabei sein. Und Mom natürlich. Ich vermisse sie so sehr.“

Joy nahm die Hand ihrer Schwester und drückte sie. „Ich auch.“

Wieder blickte Frankie an sich hinunter und lachte etwas zittrig. Joy wusste schon, dass sie damit das Thema wechselte. „Das ist unglaublich“, sagte Frankie tatsächlich.

„Was denn?“

„Das Kleid ist so toll, dass ich es gar nicht wieder ausziehen mag.“

Mit traurigem Lächeln öffnete Joy die Knöpfe im Rücken. Das Hochzeitskleid zu nähen war ein so kleiner Dienst verglichen mit all dem, was Frankie für sie getan hatte. Wie viele Opfer hatte sie gebracht, um Joy die viel zu früh verstorbenen Eltern zu ersetzen!

Als Frankie schließlich vorsichtig aus der Satinwolke stieg, hob Joy das Kleid auf und legte es auf ihren Nähtisch. Die Geschwister bewohnten den ehemaligen Dienstbotenflügel des Herrenhauses White Caps, und ihre Zimmer waren klein und schlicht. Zwischen Bett, Nähtisch und Schneiderpuppe hatte außer einer Kommode kaum noch etwas Platz, aber Joy hätte lieber auf dem Boden geschlafen, als das Nähen aufzugeben.

Schon seit vielen Jahren flickte sie für ihre Großmutter die eleganten Abendkleider, die diese in den fünfziger Jahren als Debütantin getragen hatte. Heute litt Emma Moorehouse, die alle nur Grand-Em nannten, an fortgeschrittener Demenz und lebte in ihrer eigenen Welt – und das hieß hauptsächlich in der Vergangenheit. Deshalb bestand sie darauf, jeden Morgen eine ihrer eleganten Roben anzuziehen, damit sie für die Teegesellschaften und Partys, die ihrer Meinung auf sie warteten, gut gekleidet war. Bis jetzt war es Joy gelungen, ihre Fantasiewelt aufrecht zu erhalten, indem sie die über fünfzig Jahre alten Kleider mit viel Geschick und Einfallsreichtum in Schuss hielt.

Im Laufe der Jahre war daraus eine Passion entstanden, und sie hatte begonnen, eigene Entwürfe zu zeichnen, von denen sie nun endlich einmal einen umsetzen konnte.

„Dieses Wochenende sind drei Zimmer belegt“, bemerkte Frankie, als sie wieder in ihre Jeans schlüpfte. „Die ersten Touristen, die zum Indian Summer kommen, um sich die herbstbunten Adirondack Mountains anzuschauen.“

Es war ihr Vater gewesen, der den riesigen Herrensitz in ein Pensionshotel umgebaut hatte, und seit dem Unfalltod der Eltern vor zehn Jahren kämpfte Frankie darum, das Familienerbe zu erhalten.

Dennoch hätten die Schulden sie letztendlich zum Verkauf gezwungen, wenn nicht im Sommer Nate Walker aufgetaucht wäre, der jetzt mit Frankie verlobt war. Der erstklassige Koch hatte es mit seinem französischen Essen geschafft, das Restaurant des White Caps in gehobenen Kreisen zu einem Geheimtipp zu machen. Außerdem hatte er als neuer Partner in die dringend nötige Renovierung investiert, sodass es nun nach langer Zeit wieder aufwärtszugehen schien.

„Also, noch mal wegen heute Abend“, sagte Frankie, während sie sich die Schuhe zuband. „Spike übernimmt das Restaurant, mit George als Aushilfe. Nate, Tom und ich machen uns in etwa einer Stunde auf den Weg zu den Bennetts, um mit den Vorbereitungen zu beginnen. Könntest du so gegen fünf da sein?“

„Kein Problem.“

„Zum Glück hat sich Alex bereit erklärt, auf Grand-Em aufzupassen. Weiß er, was ihn erwartet?“

Joy nickte. „Das schafft er schon, und zur Not ist ja auch noch Spike hier, wenn sie einen ihrer Anfälle hat. Aber in letzter Zeit ist es etwas besser geworden. Die neuen Medikamente scheinen zu wirken.“

Normalerweise war es Joys Aufgabe, sich um die alte Dame zu kümmern, weil sie es mit ihrer liebevollen Geduld fast immer schaffte, Grand-Em zu beruhigen, wenn sie ihre Wahnvorstellungen bekam. Doch für die große Feier auf dem Bennett-Familiensitz brauchten sie jede Hand.

„Ich bin wirklich froh, dass Gray uns diese Chance gibt“, bemerkte Frankie. „Für einen Politiker ist er gar nicht mal so übel.“

Beinahe hätte Joy geantwortet, dass Gray kein Politiker war, sondern politischer Berater für Wahlkampagnen. Doch damit hätte sie verraten, dass sie viel mehr über ihn wusste, als Frankie dachte. Und sie hatte nicht vor, ihr streng gehütetes Geheimnis ausgerechnet jetzt zu lüften.

Schon seit Jahren schwärmte sie für Gray, wenn auch meistens aus der Ferne. Der Mann lebte und arbeitete in Washington und kam nur im Sommer nach Saranac Lake, um den Urlaub auf dem Familiensitz der Bennetts zu verbringen. Außer einer kurzen Unterhaltung vor ein paar Wochen, als er sie auf dem Badesteg des White Caps überrascht hatte, hatte sie in all den Jahren kaum drei Worte mit ihm gewechselt. Und heute Abend würde sie sich ganze drei oder vier Stunden in seiner Nähe aufhalten!

Aber vielleicht war genau das keine so gute Idee. Immerhin wurde sie bald siebenundzwanzig, und sie konnte schließlich nicht den Rest ihres Lebens damit verbringen, einen völlig unerreichbaren Mann anzuhimmeln.

„Wenn du lieber nähen willst, rufe ich eine der Aushilfskellnerinnen an“, äußerte Frankie unvermittelt.

„Nein, nein“, erwiderte Joy hastig. „Ich freue mich drauf, mal rauszukommen, ehrlich.“

Allein der Gedanke daran, wie gut Grayson Bennett heute Abend im maßgeschneiderten Anzug aussehen würde, ließ ihren ganzen Körper kribbeln.

Frankie betrachtete sie nachdenklich. Joy stellte wieder einmal fest, dass die Kontaktlinsen ihrer Schwester gut standen. Früher hatte sie eine Brille getragen, aber die Linsen ließen ihre tiefblauen Augen noch blauer wirken.

„Ich habe mich gestern ein bisschen mit Tom unterhalten, und er hat mich richtig über dich ausgefragt“, sagte Frankie beiläufig. „Er ist ein wirklich netter Kerl.“

Das stimmte. Tom Reynolds, der neue Hilfskoch, lächelte immer freundlich, wenn er Joy sah, hatte gute Umgangsformen, einen sanften, warmen Blick und Sinn für Humor.

Aber Joy mochte nun mal Männer wie Gray, die Macht ausstrahlten und Charisma besaßen. Die wussten, was sie wollten, und es sich nahmen – auch im Bett. Nicht dass sie das jemals selbst erfahren hätte.

Mit Männern wie Gray verband Joy die Vorstellung von heißem, hemmungslosem Sex – und das hätte Frankie wahrscheinlich ziemlich schockiert. Trotz ihres Alters sah Frankie in der „kleinen“ Schwester noch immer das unschuldige Mädchen, das es zu beschützen galt. Doch Joy hatte keine Lust mehr auf diese Rolle, vor allem nicht, wenn Gray Bennett in der Nähe war.

„Vielleicht solltest du mal mit Tom ausgehen“, schlug Frankie vor.

Joy zuckte die Achseln. „Ja, vielleicht.“

Als Frankie gegangen war, ließ sich Joy aufs Bett sinken. Sie wusste ja selbst, dass sie mit diesen Fantasien über Gray aufhören musste. Es war lächerlich, von einem Mann zu träumen, den man nur ein paar Mal im Jahr sah. Außerdem hatte er ihr auch nie den kleinsten Anlass zur Hoffnung gegeben. Sicher, er grüßte sie freundlich, wenn er sie zufällig in der Stadt traf, und erinnerte sich sogar an ihren Namen – aber das war auch schon alles.

Bestimmt sah er in ihr nur ein nettes, junges, unerfahrenes Ding, ein Mädchen aus der Provinz, das für ihn überhaupt keinen Reiz hatte.

Deshalb hatte sie sich fest vorgenommen, Grayson Bennett endlich zu vergessen und ihre schwärmerischen Fantasien aufzugeben. Zu dumm nur, dass sie es trotzdem nicht abwarten konnte, ihn heute Abend endlich wiederzusehen.

Mit geschickten Bewegungen band Gray seinem Vater die Krawatte. Seit dem Schlaganfall vor fünf Monaten hatte Walter Bennett linksseitige Ausfälle. Durch die Reha-Übungen war es zwar schon besser geworden, doch mit der Feinmotorik wollte es noch nicht wieder so recht klappen.

„Bist du bereit für die große Party, Papa?“

„Ja, bin ich.“ Walter sprach ein wenig undeutlich und abgehackt.

„Und du siehst toll aus.“ Gray rückte den Knoten noch ein wenig zurecht und betrachtete sein Werk.

Walter klopfte sich mit der Hand auf die Brust. „Bin glücklich. Sehr glücklich.“

„Ja, ich auch.“

„Wirklich?“

„Klar.“

„Lüg nicht.“

Das Alter hatte Walters Rücken gebeugt, doch er war noch immer eine stattliche Erscheinung. Und obwohl er im Gegensatz zu seinem Sohn eher sanftmütig veranlagt war, konnte er auch sehr direkt sein.

Gray versuchte, ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. „Ich freue mich drauf, wieder in Washington zu sein.“ Was die zweite Lüge war.

Walter runzelte die Stirn, während Gray ihm die Manschettenknöpfe anlegte. Beinah konnte Gray hören, wie sein Vater ihm in Gedanken eine Standpauke hielt. Doch weil Walter das Sprechen zu große Anstrengungen bereitete, wurde nur ein Satz daraus.

„Du solltest … mehr reden.“

„Worüber?“

„Dich.“

„Ach, da gibt es doch wirklich bessere Themen. Außerdem weißt du doch, dass ich von diesem ganzen Seelenstriptease nicht viel halte. Okay, fertig. Jetzt muss ich duschen und mich umziehen.“

„Du brauchst … Veränderung.“

Gray nickte, beendete das Gespräch jedoch, indem er in sein eigenes Zimmer ging. Auf dem Weg hielt er kurz vor der Tür zu dem Gästezimmer inne, das er seiner alten Freundin Cassandra Cutler zur Verfügung gestellt hatte. Er machte sich Sorgen um sie. Ihr Mann Reese war der Segelpartner von Alex Moorehouse gewesen, und vor sechs Wochen waren die beiden mit ihrem Boot in einen Hurrican geraten. Während Alex nach dramatischen Stunden gerettet worden war, hatte man Reese nur noch tot geborgen.

Nachdem Gray davon erfahren hatte, war er sofort nach New York gefahren, um persönlich nach Cassandra zu sehen. Zum Glück hatten ihre gemeinsamen Freunde Allison Adams und ihr Mann, der Senator, sie bereits unter ihre Fittiche genommen. Die New Yorker High Society hatte normalerweise für Trauer wenig Verständnis. Deshalb hatte Gray Cassandra eingeladen, das Wochenende in den Adirondack Mountains zu verbringen.

Nachdenklich ging er weiter. Cassandra und Allison waren in den Kreisen, in denen er verkehrte, die absolute Ausnahme – sie liebten ihre Männer und hätten sie nie betrogen. Reeses Unfalltod erschien ihm daher besonders unfair.

Die meisten anderen Frauen, die er kannte, waren ihrem Modedesigner treu, aber nicht ihrem Ehemann. Eine Hochzeit war für sie ein netter Anlass, einmal ein weißes Kleid zur Schau zu tragen, aber noch lange kein Grund, sich danach auf die Aufmerksamkeiten nur eines Mannes zu beschränken.

Gray schloss seine Zimmertür hinter sich und zog sich das Polohemd über den Kopf. Er selbst hatte in Washington viele Affären gehabt, und eine ganze Reihe davon mit verheirateten Frauen. Aber Verachtung für die Frauen aus den so genannten besseren Kreisen hatte er bereits in seiner Kindheit gelernt – seine eigene Mutter hatte sie ihm eingegeben.

Belinda Bennett war eine Schönheit aus reichstem Hause und konnte ihren Stammbaum bis zu den Gründern der Vereinigten Staaten zurückverfolgen. Unglücklicherweise passte ihr Benehmen ganz und gar nicht zu ihrem guten Namen, denn sie schlief mit jedem Mann, der auch nur das geringste Interesse an ihr zeigte.

Von klein auf war sie ein verwöhntes, aufsässiges und zickiges Mädchen gewesen, und als Erwachsene schien sie entschlossen, ihre Unabhängigkeit zu beweisen, indem sie standesgemäß einen angesehenen Bundesrichter heiratete – Grays Vater dann mit jedem Mann betrog, der ihren Weg kreuzte.

Was hatte sie Walter Bennett alles angetan! Die Demütigung, die Missachtung, der Hohn mussten unerträglich gewesen sein. Sie hatte mit seinen Freunden aus dem Klub geschlafen, mit seinem Steuerberater, mit seinem Cousin. Und mit dem Gärtner, dem Tennislehrer und dem Chorleiter. Auch Grays Englischlehrer war vor ihr nicht sicher gewesen. Und zur Krönung des Ganzen hatte sie zwei seiner Mitstudenten am College verführt.

Stirnrunzelnd trat Gray unter die Dusche. Sein Vater war ein guter Mensch, aber zu weichherzig. Deshalb hatte er an dieser Farce einer Ehe festgehalten und sich wieder und wieder das Herz brechen lassen.

Schon vor langer Zeit hatte Gray beschlossen, dass ihm so etwas nie passieren würde. Ihm würde nie eine Frau den Kopf verdrehen, und ganz gewiss würde keine sein Herz stehlen. „Frauenfeind“, nannten ihn einige hinter vorgehaltener Hand, und manchmal warf ihm eine seiner Affären das Wort auch direkt an den Kopf. Stolz war er darauf natürlich nicht, aber er stritt den Vorwurf auch nie ab.

Er konnte sich einfach nicht vorstellen, einer Frau genug zu vertrauen, um sie zu heiraten. Vielleicht war er ja auch nur ein Feigling?

Mit einem bitteren Lachen stieg er aus der Dusche und griff nach dem Handtuch. Nein, ein Feigling würde wohl kaum so vielen Senatoren und Kongressabgeordneten Respekt einflößen. Und der Präsident der Vereinigten Staaten würde vermutlich nicht seine Anrufe persönlich annehmen – ganz gleich, wo er sich gerade befand –, wenn er Gray für einen Feigling hielte.

Nein, er war nicht feige, nur scharfsichtig. Im Gegensatz zu vielen anderen Männern weigerte er sich, einer Frau Macht über sich zu geben. Wenn man in einer Beziehung seine Schwachstellen offenbarte, nutzte der andere sie früher oder später aus.

Gray ging zum Schrank und nahm seinen dunkelblauen Anzug heraus. Als er gerade die Hose anzog, sah er vor dem Fenster eine Bewegung, und er trat unwillkürlich näher. So rotblondes Haar hatte in dieser Gegend nur eine.

Joy Moorehouse radelte die Auffahrt hinauf, und ihre langen Locken flatterten im Wind. Als sie beim Haus ankam, stieg sie leichtfüßig ab und schob das Fahrrad um die Hausecke in Richtung Dienstboteneingang.

Am liebsten wäre Gray ihr nachgelaufen. Nimm dich zusammen, schalt er sich selbst. Du kennst die Frau ja kaum. Und Gray Bennett ist noch nie einer Frau nachgelaufen.

Doch es nützte alles nichts, denn da war es wieder, dieses Bild, das er seit ein paar Wochen einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam: Joy Moorehouse auf dem Bootssteg des White Caps, mit nichts bekleidet als einem winzigen Bikini.

Seit Jahren kam er im Sommer hierher, und hin und wieder war er ihr in der Stadt über den Weg gelaufen. Sicher, hübsch war sie immer schon gewesen, doch sein besonderes Interesse hatte sie nie geweckt. Das hatte sich dieses Jahr grundlegend geändert.

Sie war eine Schönheit, das war nicht zu übersehen. Aber als er sie im Bikini am See getroffen hatte, war ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass er eine Frau vor sich hatte, nicht den Teenager, an den er sich von früher erinnerte.

Diese perfekten Kurven, die helle Haut, die großen Augen, in denen sich Überraschung spiegelte, als sie ihn sah …

Das Bild hatte sich ihm eingebrannt, und er schämte sich dafür. Denn auch wenn Joy Moorehouse nicht so jung war, wie sie wirkte, schien sie doch gänzlich unverdorben. Sie strahlte eine solche Unschuld und Reinheit aus, dass er sich dagegen schmutzig und alt vorkam. Schmutzig, weil er seine Karriere in Washington tatsächlich ziemlich skrupellos verfolgte. Und alt, weil er außer Zynismus und Ehrgeiz kaum noch Gefühle in sich entdecken konnte.

Fluchend riss sich Gray vom Fenster los und zog sich weiter an. Auf einmal hatte er es so eilig, nach unten zu kommen, dass er beinahe auf das Gefummel mit den Manschettenknöpfen verzichtet hätte. Gleichzeitig ärgerte er sich über sich selbst. Ausgerechnet er ließ sich von einer Frau, die er kaum kannte, so aus der Ruhe bringen? Kein gutes Zeichen, das stand fest …

2. KAPITEL

Joy lehnte ihr Rad an die Hauswand und schaute sich um. Sie war selbst in einem großen Haus aufgewachsen, aber Grays dreistöckiger Familiensitz wirkte dagegen wie ein kleines Schloss. Die cremefarbenen Steinmauern und glänzend schwarz gestrichenen Fensterläden verstärkten diesen Eindruck noch.

„Hurra, da bist du ja!“, rief Frankie ihr aus der Küche entgegen. „Hättest du Lust, die Windbeutel zu füllen?“

Joy drehte ihr Haar zusammen und war dabei, es mit einer Klemme festzustecken, als sie die Küche betrat. „Schon zur Stelle“, sagte sie. „Zeigt mir einfach, wie …“

Der Schlag traf sie so heftig, dass sie rückwärts gegen die Wand taumelte und beinahe das Gleichgewicht verlor. Etwas Feuchtes rann an ihr herab, dann hörte sie ein lautes Scheppern. In der Küche wurde es totenstill.

Aus Tom Reynolds’ Gesicht war alle Farbe gewichen, und er starrte sie entsetzt an. „Hast du dir wehgetan?“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Ich habe dich nicht gesehen. Das tut mir so leid. Ich …“

Joy schaute an sich herunter. Ihre weiße Bluse und schwarze Hose waren von oben bis unten mit Tortellini und Pesto bedeckt. Die grünen Spritzer wirkten wie Blut in einem Film mit Außerirdischen. Joy musste grinsen.

„Mir geht’s gut“, beruhigte sie Tom, der aussah, als würde er gleich zusammenklappen. „Nichts weiter passiert.“

Tom öffnete den Mund, um sich noch einmal zu entschuldigen, aber Nate legte ihm eine Hand in den Nacken und schob ihn zur Seite. „Ganz ruhig, Kleiner. Wer langsam geht, kommt schneller ans Ziel.“

Frankies Verlobter war groß und muskulös und trug auch in der Küche meist Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Doch obwohl er nicht dem typischen Bild eines Sternekochs entsprach, wirkte er am Herd wahre Wunder.

„Alles klar, Engelchen?“, fragte er Joy.

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Bestens. Und wegen der Vampire brauchen wir uns jetzt auch keine Sorgen mehr zu machen. Mit diesem Knoblauchparfum schlage ich problemlos Graf Dracula persönlich in die Flucht.“

Kopfschüttelnd trat Frankie heran. „Tja, so kannst du wohl nicht bleiben. Im Nebenzimmer habe ich vorhin ein paar Personaluniformen gesehen, ich werde mal schauen, ob ich was Passendes finde.“

Nate ging in die Hocke und machte sich daran, die Tortellini vom Boden aufzusammeln. „Jetzt müssen wir uns was einfallen lassen“, sagte er. „Wir haben nicht genug Zeit, um neue zu machen, also brauchen wir was, was schneller geht.“

Auch Tom sank auf die Knie und fing an, die Bescherung zu beseitigen. „Ich brauche diesen Job wirklich“, flüsterte er verzweifelt.

Stirnrunzelnd hob Nate den Kopf. „Hat ja auch keiner gesagt, dass du gefeuert bist“, erklärte er gutmütig. „Wenn du wüsstest, was ich während meiner Ausbildung schon alles hab fallen lassen.“

Joy legte Tom eine Hand auf die Schulter. „Es war doch nur ein Zusammenstoß. Ich hätte auch besser aufpassen sollen, wo ich hinlaufe.“

Der junge Koch wurde rot. „Das ist nett von dir.“

Kurz darauf kam Frankie mit einer Frau zurück, die ein schwarz-weißes Kellnerinnen-Outfit über dem Arm trug. „Ach herrje, Sie Arme“, sagte die ältere Angestellte mitfühlend. „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, wo Sie sich duschen und umziehen können.“

Sie nahm Joy einfach bei der Hand, und Joy ließ sich fortführen.

„Ich bin Libby, die Haushälterin vom alten Mr. Bennett“, erklärte die Frau, als sie eine Hintertreppe hinaufstiegen. „Wenn er hier ist, bin ich auch seine Sekretärin, Empfangsdame und Mädchen für alles.“

Am Ende des Flurs öffnete Libby eine Tür, und sofort sprang ein honigfarbener Golden Retriever heraus. Er leckte Libby kurz die Hände, dann rannte er auf Joy zu und lief schwanzwedelnd um sie herum.

Libby versuchte, den aufgeregten Hund zu beruhigen, aber Joy machte es nichts aus, dass er an ihr hochsprang.

„Ernest mag Sie“, murmelte Libby, während sie versuchte, sein Halsband zu fassen zu bekommen.

Doch Ernest versuchte alles, um Joy die Vorderpfoten auf die Schultern zu legen. Lachend kraulte sie ihm den Hals.

„Ich fürchte, es geht ihm gar nicht um mich“, erwiderte sie. „Ich rieche nach Tortellini mit Pesto, das ist wahrscheinlich unwiderstehlich.“

Tatsächlich fand Ernest in den Falten ihrer Bluse noch eine vergessene Nudel mit Nates leckerer Fleischfüllung und machte sich glücklich darüber her. Joy nutzte die Gelegenheit, um in Libbys Zimmer zu schlüpfen. Es war mit antiken Möbeln eingerichtet und wunderschön dekoriert. In der Mitte des Raums stand ein großes Himmelbett, das mit einem handgenähten Quilt bedeckt war.

„Sie haben es aber hübsch hier“, bemerkte Joy. Unwillkürlich dachte sie an die Zimmer, die ihre Familie in White Caps bewohnten. Sie wirkten gegen dieses hier wie Gefängniszellen.

„Die Bennetts kümmern sich sehr um mich. Ich darf sogar Ernest hier halten. Der junge Mr. Bennett nimmt ihn immer mit, wenn er auf den See rausfährt.“

„Er mag Hunde?“ Wenn der Mann, den sie schon so lange anhimmelte, sich auch noch als Hundefreund erwies, wurde er damit völlig unwiderstehlich.

„Ich weiß nicht, wie es bei anderen Hunden ist, aber meinen liebt er. Wenn er hier ist, bekomme ich Ernest kaum zu Gesicht und …“ Sie unterbrach sich. „Ich stehe hier und erzähle, dabei werden Sie unten gebraucht. Das Bad ist hier. Frische Handtücher finden Sie auf dem Regal, und im Schrank unter dem Waschbecken liegt ein Fön. Macht es Ihnen was aus, wenn Ernest hier bleibt?“

„Nein, natürlich nicht“, sagte Joy lächelnd und kraulte dem Hund die Ohren.

Als Libby gegangen war, setzte sich Ernest vor Joy hin und schob ihr die feuchte Nase in die Hand. Joy ging vor ihm in die Hocke. „Soso, Gray ist also dein Freund“, sagte sie nachdenklich. „Dann kannst du mir ja vielleicht ein paar Geheimnisse über ihn verraten.“

Gray betrat die Küche durch das Butlerzimmer und wurde von Nate mit Handschlag begrüßt. Wie sich bald herausgestellt hatte, kannte er den neuen Küchenchef des White Caps von früher. Er und Nate waren zusammen aufs College gegangen, hatten sich dann aber aus den Augen verloren, weil sie grundverschiedene Berufswege eingeschlagen hatten.

Dennoch freute sich Gray immer, Nate zu sehen. „Es duftet alles herrlich“, bemerkte Gray, während er sich unauffällig in der Küche umsah, Frankie zuwinkte und den jungen Koch, den er noch nicht kannte, mit einem Nicken begrüßte.

Wo war sie nur? Oder hatte er sich nur eingebildet, dass Joy die Einfahrt heraufgekommen war?

„Braucht ihr noch irgendwas?“, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

„Nein, alles bestens. Wir haben die Lage unter Kontrolle“, entgegnete Nate, ohne den Blick von dem Gemüse zu heben, dass er gerade rasend schnell in Stücke schnitt.

Gray wurde bewusst, dass er als Einziger nur herumstand, während alle anderen eifrig arbeiteten. Hinter ihm ging die Tür auf.

„Ach, hier bist du“, hörte er Cassandras Stimme. „Du hast einen Anruf. Libby sucht dich schon im ganzen Haus.“ Als sie merkte, dass alle sie anschauten, lächelte sie. „Tut mir leid, dass ich hier einfach so reinplatze.“

Gray beobachtete Cassandras Gesichtsausdruck und stellte fest, dass sie und Frankie sich nicht zu kennen schienen. Er zögerte kurz, beschloss dann aber, dass das Unvermeidliche wohl nicht länger aufzuschieben war.

Mit einem Räuspern sagte er: „Cassandra, darf ich dir Frankie Moorehouse vorstellen, Alex’ Schwester? Frankie, das ist Cassandra Cutler. Reeses … Witwe.“

Cassandra wurde blass und legte unwillkürlich die Fingerspitzen an den Mund. Auch Frankie schien erschrocken.

Verdammt, vielleicht hätte ich beide vorher diskret warnen sollen, dachte er etwas verspätet. Er war einfach davon ausgegangen, dass die beiden sich schon kannten.

Frankie trat auf Cassandra zu und wischte sich dabei die Hände an einem Küchentuch ab, das in ihrem Hosenbund steckte. „Es tut mir so leid wegen Reese.“

Cassandra legte ihr die Hand auf den Arm. „Und Ihr Bruder – geht es ihm gut? Ich habe gehört, dass er bei dem Bootsunglück verletzt wurde.“

„Ja, es geht ihm etwas besser, aber die Heilung verläuft sehr langsam.“

„Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil er nicht bei der Beerdigung war und auch nicht angerufen hat …“ Cassandras Stimme zitterte. „Er muss Schreckliches durchmachen. Er und Reese waren nicht nur Segelpartner, sie waren wie Brüder. Wo ist Alex denn jetzt?“

„Hier. Zu Hause in White Caps.“

„Ich muss ihn unbedingt sprechen.“

Frankie atmete tief durch. „Sie sind jederzeit herzlich willkommen, aber ich sollte Sie wohl vorwarnen. Alex ist seit dem Unfall sehr verschlossen. Vielleicht können Sie ja zu ihm durchdringen. Mit uns redet er jedenfalls nur das Nötigste, wenn überhaupt.“

Als Gray bemerkte, dass Cassandra zitterte, legte er ihr einen Arm um die Taille, und sie lehnte sich dankbar an ihn. „Ich werde es gerne versuchen“, flüsterte sie. „Ich will auf jeden Fall wissen, was auf dem Boot geschehen ist.“

Es dauerte eine Weile, bis Joy es schaffte, Libbys Zimmer ohne Ernest zu verlassen. Der Hund starrte sie so flehentlich an, dass es ihr schwerfiel, ihn mit dem Fuß vorsichtig zurück in den Raum zu schieben, während sie die Tür von außen schloss. Doch so unschuldig der Golden Retriever auch aussah – eine Tortellini-Katastrophe am Tag reichte.

Als sie in die Küche zurückging, fragte sie sich, wann sie Gray wohl über den Weg laufen würde. Wahrscheinlich ließ er sich erst blicken, wenn die Feier anfing, also blieb ihr noch ungefähr eine Dreiviertelstunde, um sich innerlich darauf vorzubereiten. Nervös strich sie sich über die schwarz-weiße Uniform, die Libby ihr gegeben hatte. Zum Glück saß sie perfekt, auch wenn der Rock kürzer war, als Joy ihn normalerweise getragen hätte.

Sie stieß die Tür zur Küche auf – und blieb überrascht stehen. Neben dem Herd stand Gray Bennett, und er sah noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Das dunkle Haar war zurückgekämmt, sodass seine Gesichtszüge noch markanter wirkten. Er trug einen maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug, der seine breiten Schultern betonte. Das helle Hemd brachte seine Sonnenbräune zur Geltung, die die blauen Augen strahlen ließ.

Das Einzige, was dieses wundervolle Bild störte, war die Tatsache, dass er eine Frau im Arm hielt. Eine Frau, die er so besorgt ansah, als hätte er tiefe Gefühle für sie.

Joys Magen verkrampfte sich. Oh nein!

Am liebsten wäre sie zurück in Libbys Zimmer geflüchtet, aber sie zwang sich, ruhig stehen zu bleiben, um sich nicht lächerlich zu machen. Natürlich lebte ein Mann wie er nicht wie ein Mönch. Schließlich hatte sie oft genug in der Boulevardpresse gelesen, dass er in Washington eigentlich immer mit einer schönen Frau an seiner Seite gesehen wurde. Aber eben immer mit einer anderen – und immer nur in Washington.

Nach Saranac Lake war er bisher allein gekommen, und deshalb hatte Joy ihn noch nie tatsächlich mit einer anderen gesehen. Es traf sie viel härter, als nur darüber zu lesen.

Und natürlich war die Frau eine Schönheit. Kupferrotes, welliges Haar, zarte, durchscheinende Haut, große grüne Augen. Das cremefarbene Kleid, das sie trug, war von eleganter Schlichtheit und wirkte vor allem durch den wunderbaren Stoff und den perfekten Sitz. Bestimmt ein maßgearbeitetes Designerstück.

Die beiden gaben ein wunderbares Paar ab.

Als Joy wieder zu Gray schaute, zuckte sie zusammen. Sein stahlblauer Blick ruhte auf ihr – was sie normalerweise nicht gestört hätte. Doch Gray wirkte unzufrieden, geradezu ärgerlich. Bisher war er ihr immer freundlich begegnet – wieso hatte sie auf einmal das Gefühl, in seinem Haus nicht willkommen zu sein?

„Tom, soll ich dir mit dem Filet helfen?“, fragte sie und ging rasch zu dem Jungkoch hinüber, der gerade Rindfleisch schnitt.

„Das wäre prima.“ Er rückte ein Stück zur Seite und reichte ihr ein Messer.

Erleichtert beugte sich Joy über das Fleisch. Sie war ziemlich durcheinander und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Gray mit einer anderen Frau zu sehen war schon schwer genug, doch daran würde sie sich im Laufe des Abends wohl gewöhnen müssen. Sein finsterer Blick jedoch setzte ihr schwer zu.

Als sie es schließlich wieder wagte, sich über die Schulter nach ihm umzusehen, waren er und die Schönheit gegangen. Stattdessen sah sie Nate, der sich von hinten über Frankie beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Frankie wurde ein wenig rot und lächelte, als er ihr einen schnellen Kuss gab.

„Die beiden sind echt glücklich“, bemerkte Tom.

Natürlich waren sie das. Weil sie eine echte Beziehung hatten und nicht nur davon träumten. Joy dachte an die vielen Nächte, die sie wach gelegen und sich vorgestellt hatte, auf welche Weise sie Gray näher kennenlernen würde. An Fantasie hatte es ihr nie gemangelt. Mal lief er ihr in der Stadt über den Weg und lud sie zu einem Kaffee ein. Mal sonnte sie sich auf dem Bootssteg des White Caps, und er fuhr mit dem Boot vorbei. Es gab romantische Versionen und dramatische, ganz unschuldige und von ihr geschickt eingefädelte. Sie konnte Stunden damit verbringen, alles genau auszuschmücken – welche Kleidung sie trugen, wie das Wetter war, ob jemand sie sah oder sie allein blieben. Aber immer endeten ihre Szenarios damit, dass sie und Gray sich küssten.

Tagträume eben, nichts weiter als kindische Fantasien. Als sie daran dachte, wie zärtlich und liebevoll Nate ihre Schwester anschaute, kamen ihr diese Gedankenspiele plötzlich unendlich albern vor.

„Tom, hättest du Lust, mal mit mir essen zu gehen?“, platzte sie heraus.

Der Jungkoch hätte sich beinah den Finger abgeschnitten, so überrascht war er. Mit offenem Mund schaute er sie an. „Äh, ja, klar“, stotterte er schließlich.

„Fein. Passt dir morgen Abend? Holst du mich um sieben ab?“

„Klar. Ich meine, wahnsinnig gern.“

Joy nickte und machte sich dann wieder an die Arbeit. „Sehr schön.“

Der Abend neigte sich seinem Ende entgegen, und Gray war mit dem Verlauf der Party äußerst zufrieden. Sein Vater strahlte, wie er es seit dem Schlaganfall nicht mehr getan hatte, das Essen war exquisit, und die Gäste hatten sich gut unterhalten.

Trotzdem war er froh, dass es vorbei war. Schon eine ganze Weile wartete er sehnsüchtig darauf, sich endlich zurückziehen zu können – dabei war eine Party mit fünfzig Gästen nicht sonderlich anstrengend. In Washington musste er ganz andere Feiern mit Hunderten von Teilnehmern durchstehen.

Nein, es lag an Joy. Den ganzen Abend hatte er so intensiv nach ihr Ausschau gehalten, dass er davon schon Nackenschmerzen bekam. Wann immer er irgendwo einen Blick auf eine schwarz-weiß gekleidete Frau erhaschte, hatte er sich den Hals verrenkt, um zu sehen, ob es sich um Joy handelte – doch meistens war sie es nicht.

Nur zweimal hatte er kurz einen Blick auf sie werfen können – einmal war sie mit einem Häppchenteller herumgegangen, und einmal hatte sie leere Gläser abgeräumt. Fast konnte man denken, dass sie ihm absichtlich aus dem Weg ging. Und wahrscheinlich sollte er ihr dafür dankbar sein, denn in dieser Kellnerinnentracht sah sie einfach umwerfend aus, sodass sie seine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe stellte.

Gray ging in sein Arbeitszimmer und zog die Anzugjacke aus, die er achtlos aufs Sofa warf. Dann nahm er sorgfältig die Manschettenknöpfe ab, steckte sie in die Tasche und krempelte die Hemdsärmel auf.

Als er sich gerade einen Whiskey eingoss, betrat der Fraktionssprecher des Senats den Raum. Gray nickte ihm zu: „Hallo, Beckin. Wollen Sie auch einen?“

„Ja, aber mit viel Eis bitte.“

Gray schenkte ihm ein und reichte ihm das Glas.

„Danke.“ John Beckin schloss die Tür. „Ich hatte gehofft, Sie allein anzutreffen. Wie geht es Walter wirklich?“

„Jeden Tag besser“, erwiderte Gray. Als erfolgreicher Politiker wusste Beckin genau, wie man Mitgefühl und Verständnis heuchelte. In diesem Fall waren die Gefühle ja vielleicht sogar echt – der grauhaarige Senator mit der Hornbrille und den distinguierten Gesichtszügen hatte früher mal für Walter Bennett gearbeitet, und zwischen den beiden Männern war eine Freundschaft entstanden.

„Bisher habe ich nur E-Mails von ihm bekommen“, sagte Beckin. „Ich war schon etwas erschrocken, mit eigenen Augen zu sehen, wie es um ihn steht. Aber er wirkte heute Abend sehr glücklich, und man konnte sehen, wie stolz er auf Sie ist.“

„Danke.“

„War Belinda heute auch hier?“

Gray leerte das Glas in einem Zug, doch der Alkohol hinterließ beim Gedanken an seine Mutter einen bitteren Nachgeschmack. „Nein.“

Sie würde es nicht wagen, seinem Vater in seinem Beisein unter die Augen zu treten, dafür hatte er gesorgt.

„Ich muss Ihnen etwas erzählen, was ich gehört habe“, fuhr Beckin unvermittelt fort. „Es sind aber keine guten Neuigkeiten.“

Gray hob eine Augenbraue. „Na, dann schießen Sie mal los.“

„Haben Sie diese Artikel über die internen Meinungsverschiedenheiten im Senat gelesen? Von dieser Klatschreporterin Anna Shaw?“

„Ja. Es standen so viele Details drin, dass sich mir der Verdacht aufdrängt, einer der Senatoren selbst hätte aus dem Nähkästchen geplaudert.“

„So ist es leider auch. Und ich weiß, wer es war.“ Beckin schwenkte sein Glas, sodass die Eiswürfel darin klingelten. „Ein Mitglied des Senats hat eine Affäre mit Miss Shaw.“

Gray goss sich noch einen Whiskey ein. „Und woher wissen Sie das?“

„Weil Anna gesehen wurde, wie sie das Hotelzimmer dieses Senators verließ.“

„Na und? Er könnte ihr auch ein Interview gegeben haben.“

„Um vier Uhr morgens? Und wieso würde Miss Shaw nur mit einem Regenmantel bekleidet ein Interview führen? Außerdem war es nicht das erste Mal.“

„Tja, dann kann man den beiden nur zu ihrer Dummheit gratulieren“, bemerkte Gray und setzte das Glas an den Mund.

„Es handelt sich um Senator Adams.“

Gray erstarrte und sah den anderen über das Glas hinweg entsetzt an. „Wie bitte?“

„Roger Adams.“

Allisons Mann? Gray konnte es kaum fassen. „Sind Sie sicher?“

„Glauben Sie, ich erfinde so was?“

„Verdammt.“ Heftig stellte Gray das Glas ab. Allison und Roger Adams waren eins der wenigen Paare in Washington, die eine glückliche Ehe führten. Das hatte er jedenfalls bisher immer gedacht.

„Also, im Grunde geht es mich ja auch nichts an“, fuhr Beckin fort. „Wir wissen beide, dass es im Regierungsbezirk nicht gerade wie im Kloster zugeht. Aber ausgerechnet mit einer Reporterin zu schlafen und dabei auch noch Interna auszuplaudern, das geht dann doch zu weit.“

Gray fixierte den Mann kühl. „Und wieso erzählen Sie mir das alles?“, fragte er. „Was wollen Sie von mir?“

Tatsächlich wurde Beckin rot. „Ich bitte Sie um Hilfe. Sie haben Einfluss in Washington, man hört auf Sie, und ich möchte, dass Sie die anderen Senatoren warnen. Man kann Adams nicht mehr vertrauen. Wenn ich die Katze aus dem Sack lasse, wird es so aussehen, als wolle ich ihn loswerden.“

„Ach, und das ist natürlich keineswegs Ihre Absicht“, sagte Gray ironisch. „Wo er doch bei jedem Gesetzentwurf, den Sie durchbringen wollen, gegen Sie stimmt.“

„Genau das ist der Punkt. So wird jeder denken – aber ich versuche hier nur, meinen Senat zu schützen.“

Seinen Senat? Wo blieben denn da die Wähler? Das Volk? Auf einmal fühlte Gray sich ausgelaugt und müde. Diese ewigen Intrigen und Machtspiele in der Politik fingen an, ihm auf die Nerven zu gehen. In Washington kümmerte es eigentlich niemanden mehr, weshalb er vom Volk gewählt worden war – jeder gierte nur nach seinem eigenen Vorteil.

„Hören Sie, Gray, ich nenne Ihnen meine Quellen, dann können Sie die Sache selbst überprüfen. Bitte sorgen Sie dafür, dass diese unsäglichen Artikel aufhören. Damit verhöhnt eine bloße Klatschreporterin den Senat und die Demokratie.“

Auf einmal ging die Tür auf, und Joy stand im Raum, ein leeres Tablett in der Hand.

„Verzeihung, ich wollte nicht …“

Beckin setzte sofort ein väterliches Lächeln auf, und auch seine Stimme klang auf einmal weich. „Keine Sorge, meine Liebe, jemand wie Sie stört nie.“

„Ich komme besser später noch mal wieder, um die leeren Gläser zu holen“, stotterte Joy etwas verlegen und ließ das Tablett sinken.

„Nein, bleiben Sie, ich wollte sowieso grad gehen.“ Beckin stellte sein Glas ab und lächelte Gray zu. „Wir hören voneinander, ja? Danke für die Einladung heute. Es hat mir viel bedeutet, Walter wiederzusehen. Er hat so viel für mich getan, als ich ganz am Anfang stand.“

Als Beckin hinausging, starrte Joy ihn nachdenklich an, als versuche sie, sich zu erinnern, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte. Dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich zur Tür. „Ich komme später wieder.“

Doch Gray brachte es einfach nicht fertig, sie gehen zu lassen.

„Joy. Warten Sie.“

Sie zögerte und drehte sich zu ihm um, ohne aber den Kopf zu heben. Langsam ging er auf sie zu. Wie schön sie war!

In dem weichen Licht des Kronleuchters schimmerten ihre Haare wie gesponnenes Gold. Mit ihrer hellen Haut und den zarten Gesichtszügen sah sie zerbrechlich aus wie eine Porzellanfigur und sanft wie ein Engel. Dieser Eindruck wurde noch von dem weißen Spitzenkragen ihrer Bluse betont, der in einem dezenten Ausschnitt endete. Aus ihrem wundervollen langen Haar stieg zarter Lavendelduft auf.

Unbändiges Verlangen überfiel ihn.

„Ich möchte Ihnen helfen“, sagte er ein wenig heiser.

Ich möchte dich küssen, dachte er. Nur ein einziges Mal.

Sie blinzelte überrascht, presste dann aber die Lippen aufeinander. „Das ist wirklich nicht nötig.“

Es klang, als wäre ihr seine Anwesenheit unangenehm.

„Ich möchte es aber.“

Er trank sein Glas aus und griff nach dem, das Beckin abgestellt hatte. Abwartend hob er eine Augenbraue. Joy streckte ihm widerstrebend das Tablett hin, sodass er die Gläser daraufstellen konnte.

„Ich brauche keine Hilfe.“

„Ja, das sagten Sie bereits“, erklärte er und nahm ihr das Tablett ab.

3. KAPITEL

Joy unterdrückte ein Stöhnen. Wieso musste sie ausgerechnet jetzt Gray begegnen – wo sie doch gerade beschlossen hatte, diese unselige Schwärmerei aufzugeben? Wenn er ihr so nahe kam, würde sie das nie schaffen!

„Wollen wir?“, fragte er mit dieser tiefen Stimme, die ihr jedes Mal einen wohligen Schauer über den Rücken jagte.

„Haben Sie nichts anderes zu tun?“, fragte sie.

Warum ließ er sie nicht einfach in Ruhe ihre Arbeit machen?

„Nicht dass ich wüsste.“

Mit zusammengebissenen Zähnen verließ Joy den Raum und betrat den nächsten, dicht gefolgt von Gray. Hier hatten sich offenbar mehrere Gäste aufgehalten, denn überall standen leere Gläser. Sie ging herum, sammelte sie ein und stellte sie auf das Tablett, das Gray ihr hinterhertrug. Sie hätte schwören können, dass er sie dabei nicht aus den Augen ließ, und meinte, seine Blicke auf ihrem Körper zu spüren.

Red dir nichts ein, ermahnte sie sich streng. Sie musste sich endlich von diesen albernen Fantasien verabschieden. Gray wollte schließlich nur nett sein.

Als Nächstes kamen sie in die Bibliothek. Hier kam es ihr besonders still vor, und sie ertrug das Schweigen nicht länger.

„Wer war der Mann, mit dem Sie gesprochen haben?“, fragte sie im Plauderton. „Ich habe ihn schon mal gesehen.“

„Nur ein Politiker.“

„Ich kenne ihn aus dem Fernsehen.“

„Kann schon sein.“

„Ich glaube, ich habe eine ganze Reihe der Leute, die heute hier waren, schon mal in den Nachrichten gesehen.“

Als sie an einem der großen Lesetische vorbeiging, bemerkte sie zu spät, dass sie ein Glas übersehen hatte, blieb unvermittelt stehen und beugte sich vor, um danach zu greifen. Im nächsten Moment stieß Gray mit ihr zusammen.

Sie spürte seinen Unterleib an ihrem Po, und der intime Kontakt ließ sie zusammenzucken. Noch viel überraschender allerdings war die Tatsache, dass sie deutlich spürte, wie erregt er war.

Hastig trat er einen Schritt zurück. „Tut mir leid, ich hab nicht aufgepasst.“

Vorsichtshalber nahm sie das Glas mit beiden Händen, damit sie es nicht noch fallen ließ. Als sie es auf das Tablett stellte, schaute sie zu Gray auf.

Sein Blick ruhte auf ihr, und nicht nur das intensive Blau seiner Augen nahm ihr den Atem, sondern auch das unverhohlene Verlangen, das sie darin las.

Jahrelang hatte sie von Grayson Bennett geträumt – und nun stand er vor ihr und begehrte sie!

Eine Frauenstimme zerstörte den einmaligen Moment. „Hier bist du also!“

Die rothaarige Schönheit kam auf sie zu. „Ich gehe jetzt ins Bett“, sagte sie so vertraulich, als wäre sie mit Gray allein – und hatte dann auch noch den Nerv, Joy freundlich anzulächeln.

Joy griff nach dem Tablett und eilte zur Tür, dann weiter zur Treppe. Während sie vor Erregung noch immer zitterte, hielt sie sich gleichzeitig eine Standpauke. Wie dumm konnte man sein? Warum sollte ein Mann wie Gray auch nur einen einzigen Gedanken an einen Dorftrampel wie sie verschwenden, wenn er Frauen wie diese haben konnte?

Hinter ihr erklangen schwere Schritte.

„Joy!“ Grays Stimme klang befehlsgewohnt. „Joy!“

Widerwillig blieb sie stehen – und hasste sowohl ihn als auch sich selbst dafür. Wollte er sich jetzt entschuldigen? Oder sie womöglich bitten, auf ihn zu warten, bis seine Freundin schlief?

Verdammt, sie hatte immer gewusst, dass der Mann eine Nummer zu groß für sie war. Aber sie hatte auch immer angenommen, dass das an seinem Reichtum, seiner Macht und seinen gesellschaftlichen Kreisen lag. Doch nun stellte sich heraus, dass er zu allem Überfluss auch noch ein Playboy war!

„Joy, darf ich dir Cassandra vorstellen?“

Seufzend schloss Joy die Augen und bemühte sich um Fassung, bevor sie sich umdrehte. Wunderbar, jetzt wollte er sie auch noch miteinander bekannt machen.

Die Rothaarige stand neben Gray und lächelte ein wenig amüsiert, als Joy die Schultern straffte.

„Ich bin Reeses Frau“, sagte Cassandra leise.

Joy spürte, wie sie blass wurde. „Oh, ich wusste nicht …“

„Natürlich nicht“, erwiderte Cassandra freundlich. „Sie sind erst in die Küche gekommen, als Gray mich den anderen schon vorgestellt hatte.“

Während Joy ihr Beileid bekundete, legte Gray Cassandra eine Hand auf die Schulter. Es war nicht zu übersehen, welche Art von Beziehung die beiden verband. Zwar wirkte Cassandra traurig, aber Joy hatte keinen Zweifel daran, dass Gray sie über ihren Verlust ganz wunderbar hinwegtröstete.

So schnell wie möglich floh sie mit den Gläsern in die Küche. Dort stellte sie das Tablett neben den Geschirrspüler, der beinahe durchgelaufen war. Die in Profi-Qualität eingerichtete Küche war bereits wieder blitzblank. Als eingespieltes Team hatten Nate, Frankie und Tom auch die Aufräumarbeiten in Rekordzeit erledigt.

„Wir wollen jetzt los, eingepackt ist schon alles“, verkündete Frankie.

„Ich warte noch eben, bis der Geschirrspüler fertig ist, und stelle die restlichen Gläser rein.“

„Soll ich dich dann abholen?“, bot Nate an.

„Danke, nicht nötig. Es ist ja nicht viel Verkehr um diese Jahreszeit, da kann ich gut mit dem Fahrrad fahren.“ Und sie freute sich direkt auf die frische Luft.

Frankie reichte ihr die Kleider, in denen sie gekommen war. „Libby hat in der Zwischenzeit deine Sachen gewaschen. Fahr aber vorsichtig, hörst du?“

„Na klar.“

Die drei verließen die Küche. In der Tür sah sich Tom noch einmal um. „Bis morgen“, sagte er mit schüchternem Lächeln.

Halbherzig hob Joy die Hand. Wenn sie sich doch auch nur so auf dieses Date freuen könnte, wie er es offenbar tat!

Abwesend löste sie die Haarklammer und fuhr sich mit den Fingern durch die langen Strähnen. Der Geschirrspüler begann mit der Trockenphase. Nur noch ein paar Minuten, dann konnte sie los.

Sie stützte das Kinn auf die Hand und schaute aus dem Fenster. Was Gray jetzt wohl gerade machte? Lag er mit der Rothaarigen im Bett und streichelte ihren perfekten Körper?

„Sie sehen müde aus.“

Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie Grays Stimme hörte. Sie schüttelte den Kopf. „Ich warte nur noch, bis der Geschirrspüler fertig ist, dann gehe ich.“

Er trat an eins der Fenster. „Sind Sie nicht mit dem Fahrrad hier?“

„Doch.“

Stirnrunzelnd drehte er sich um. „Aber um diese Zeit können Sie nicht mehr Fahrrad fahren!“

„Doch, natürlich, kein Problem.“

„Kommt nicht infrage.“

„Wie bitte?“ Ungläubig starrte sie ihn an, während sie ihr Haar wieder mit der Klammer hochsteckte.

Wie er so vor ihr stand, die dunklen Brauen zusammengezogen, die blauen Augen durchdringend auf sie gerichtet, wirkte er geradezu einschüchternd. „Ich bringe Sie nach Hause“, erklärte er.

„Nein, danke.“ Joy stand auf, ging zum Geschirrspüler und fing an, ihn auszuräumen, obwohl er noch nicht ganz fertig war. Die Edelstahltöpfe und – pfannen waren noch kochend heiß, doch sie stellte sie trotzdem auf die Ablage, obwohl sie sich die Finger daran verbrannte.

Nach einer Weile wagte sie es, sich wieder umzudrehen. Gray war gegangen.

Ein Glück, dachte sie, und atmete tief durch. Er hat aufgegeben.

Sie beeilte sich, die Gläser einzuräumen und den Geschirrspüler wieder einzuschalten, dann zog sie sich in der Toilette schnell um und legte die geliehenen Sachen über einen Küchenstuhl. Auf dem Weg nach draußen betätigte sie den Lichtschalter neben der Tür, kehrte aber nicht um, als nicht alle der großen Leuchtstoffröhren ausgingen. Sie wollte endlich weg von hier.

Draußen lehnte Gray an der Hauswand – direkt neben ihrem Fahrrad. Die Arme hielt er vor der Brust verschränkt.

Als er sie kommen hörte, hob er das Fahrrad mühelos hoch und sagte: „Gehen wir.“

„Stellen Sie mein Rad wieder hin!“, forderte sie empört.

„Holen Sie es sich doch.“

Haha, sehr witzig. Der Mann war anderthalb Köpfe größer als sie. Wenn sie ihm nicht gerade einen Tritt in die Kniekehle gab – was sie unter den gegebenen Umständen für etwas extrem hielt –, hatte sie keine Chance, ihn aufzuhalten.

„Ich kann Machos nicht leiden“, stieß sie hervor.

„Es ist mir egal, ob Sie mich mögen.“

Autsch. Die Antwort versetzte ihr einen Stich.

Sie sah zu, wie er mit ihrem Fahrrad davonmarschierte, setzte sich aber doch in Bewegung, als sie merkte, dass er in Richtung See ging, nicht zur Garage.

Wollte er das Rad etwa ins Wasser werfen?

„Hey!“, schrie sie und lief ihm nach. „Was fällt Ihnen ein? Sie können doch mein Fahrrad nicht einfach in den …“

Gray wandte sich kurz um. „Es ist einfacher, es auf dem Boot zu transportieren als im Kofferraum des Autos.“

Als sie ihn schließlich einholte, musste sie trotzdem im Laufschritt gehen, um an seiner Seite zu bleiben. Offenbar hatte er es ziemlich eilig, sie endlich loszuwerden. Das sollte ihr nur recht sein.

Gray spürte Joys Blicke wie Dolche im Rücken. Es überraschte ihn, dass sie so aufgebracht war, denn er hätte nie erwartet, dass diese engelhafte Erscheinung heftig reagieren konnte.

Leider machte ihr erstaunlicher Kampfgeist sie nur noch attraktiver. Gray bewunderte jeden, der es wagte, ihm die Stirn zu bieten.

Trotzdem würde er es nie zulassen, dass sie in der Dunkelheit mit dem Fahrrad nach Hause fuhr. Der uralte Drahtesel hatte nicht mal ein Rücklicht! Auch wenn um diese Jahreszeit auf der Seestraße nicht viel Verkehr herrschte, war es dort im Dunkeln viel zu gefährlich. Manchmal kamen im Herbst Schwarzbären an den See, um nach Futter zu suchen.

Gray stieß die Tür zum Bootshaus auf und schaltete das Licht ein, ging an Bord seiner Kleinjacht, stellte das Fahrrad ab und streckte Joy dann die Hand hin, um ihr zu helfen. Sie tat so, als sähe sie die gebotene Rechte nicht, und kletterte selbst hinauf. Immerhin setzte sie sich auf den Platz neben ihn.

Als sie aus dem Bootshaus hinausfuhren, zog er unter einem der Sitze eine Decke hervor und reichte sie Joy. Weil sie ihn nur misstrauisch ansah, bemerkte er trocken: „Es ist kühl auf dem See.“

Widerwillig nahm sie die karierte Kaschmirdecke und legte sie sich um die Schultern. „Und was ist mit Ihnen?“

Er zuckte die Achseln. „Ich werd’s überleben.“ In Wahrheit genoss er die kalte Nachtluft, weil sie dafür sorgte, dass er einen kühlen Kopf behielt. Er hatte zwar den ganzen Abend über nur zwei Gläser Whiskey getrunken, aber mit Joy so dicht neben ihm fühlte er sich trotzdem wie berauscht.

Unruhig rutschte sie auf ihrem Platz herum. „Warum fahren Sie nicht schneller? Das ist ja nicht mal Schritttempo.“

„Der Fahrtwind wird zu stark“, log er geschmeidig. Wenn er sie schon mal auf seinem Boot hatte, wollte er den Moment wenigstens auskosten.

Sie murmelte etwas, das er nicht verstand, und rutschte näher an ihn heran, um ihm ein Ende der Decke über den Schoß zu legen. Dabei berührte sie mit dem Handrücken seinen Bauch.

Gray schloss die Augen und unterdrückte ein Stöhnen. Sofort musste er an ihren Zusammenstoß in der Bibliothek denken. Er war ihr mit dem Tablett gefolgt und hatte sie dabei nicht aus den Augen gelassen. Stundenlang hätte er ihr dabei zusehen können, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen die Gläser einsammelte. Jedes Mal, wenn sie sich über einen der Lesetische gebeugt hatte, war ihr Rock ein Stückchen höher gerutscht und hatte mehr von ihren langen, schlanken Beinen sehen lassen.

Als er mit ihr zusammengeprallt war, hatte er sich gerade vorgestellt, wie er das Tablett abstellte, Joy auf eine Ledercouch setzte und ihre Beine auseinanderschob. In seiner Fantasie kniete er sich vor sie und bedeckte die zarte Innenseite ihrer Schenkel mit Küssen, bis er im Zentrum ihrer Lust anlangte … Er wollte, dass sie die Hände in seinem Haar vergrub und ihn drängte weiterzumachen, bis sie den höchsten Gipfel erreichte.

Dieses heiße Bild hatte er vor Augen gehabt, als er mit ihr zusammenstieß. Sie musste seine Erregung deutlich gespürt haben. Und selbst wenn nicht, spätestens, als sie sich umdrehte und seine Miene sah, wusste sie Bescheid. Es war alles so schnell gegangen – er hatte keine Zeit gehabt, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Sein Verlangen war überdeutlich gewesen. Kein Wunder, dass sie nicht mit ihm allein bleiben wollte.

Vielleicht war auch das ein Grund dafür, dass er darauf bestand, sie nach Hause zu bringen. Er musste ihnen beiden beweisen, dass er ein Gentleman war.

Gray spürte ein leichtes Kitzeln im Gesicht. Eine ihrer Haarsträhnen hatte sich aus dem Knoten gelöst und flatterte im Wind. Er griff danach, doch Joy strich sie hastig hinters Ohr zurück. „Verzeihung.“

Keine Ursache. Er stellte sich vor, wie ihr offenes Haar wie flüssiges Gold über seinen Körper floss.

„Sind Sie okay?“, fragte Joy etwas ungehalten. „Sie sehen aus, als ob Sie frieren oder so.“

Nein, er fror nicht. Ganz im Gegenteil.

„Gray?“

„Alles in Ordnung.“ Trotzdem beschleunigte er das Boot ein wenig. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, diese Fahrt allzu lange auszukosten.

„Ihr Vater hat sich heute Abend gut amüsiert“, bemerkte sie unvermittelt.

„Ja, das stimmt.“

„Er sah auch besser aus als vor vier Wochen, als Sie im White Caps zum Essen waren.“

„Ja, er wird langsam wieder. Aber es war eine harte Zeit für ihn.“

„Für Sie sicher auch. Ich habe gesehen, wie fürsorglich Sie sich heute um ihn gekümmert haben.“

Überrascht sah er sie an, doch Joy schaute aufs Wasser.

„Wie geht es Ihrem Bruder?“, fragte er.

„Er musste vor zwei Wochen wieder operiert werden. Sie haben für das zertrümmerte Schienbein einen Titanstab eingesetzt, sind aber nicht sicher, ob sein Körper ihn annimmt, weil es eine Infektion gab.“

Abwesend flocht sie die Fransen der Decke zu kleinen Zöpfen. „Er ist so tapfer. Er muss wahnsinnige Schmerzen haben, aber er beklagt sich nie. Für uns ist es allerdings trotzdem nicht leicht, denn er ist alles andere als ein einfacher Patient. Er nimmt seine Medikamente nicht regelmäßig, trinkt zu viel und spricht nicht darüber, was überhaupt passiert ist.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte er leise. Am liebsten hätte er ihre Hand genommen.

„Danke.“ Zum ersten Mal, seit sie zusammen auf dem Boot waren, sah sie ihn richtig an.

„Und um Ihre Großmutter kümmern Sie sich auch noch, oder?“, fragte er.

„Ja.“

„Das ist eine große Verantwortung.“

Joy zuckte die Achseln. „Wir finden einfach, dass sie bei uns zu Hause am besten aufgehoben ist, und ich scheine eine beruhigende Wirkung auf sie zu haben. Man darf sie eben nur nie allein lassen, denn wenn sie ihre paranoiden Anfälle hat, setzt sie sich die verrücktesten Dinge in den Kopf. Seit einer Weile bekommt sie ein neues Medikament, das gut anzuschlagen scheint. Seitdem sind die Anfälle zum Glück seltener geworden. Es war immer schrecklich, sie so zu sehen.“

„Sie sind ein guter Mensch, Joy“, sagte er rau.

„Alex und Grand-Em gehören zu meiner Familie“, erklärte sie schlicht. „Natürlich kümmere ich mich um sie.“

„So natürlich ist das nicht.“ Er dachte an seine Mutter, die nie zur Stelle gewesen war, wenn es ihm als Kind schlecht ging. Einmal hatte er mit einer schweren Lungenentzündung zwei Wochen auf der Intensivstation gelegen, und sie hatte ihn nur ein einziges Mal besucht. „Man kann sich glücklich schätzen, wenn man jemanden wie Sie in der Familie hat.“

Joy senkte den Blick, und sie schwiegen wieder, doch die Stimmung kam ihm jetzt weniger angespannt vor.

Als White Caps in Sicht kam, sagte Gray: „Es tut mir leid wegen heute Abend.“

Sie lachte kurz. „Na, so schlimm war die Bootsfahrt nun auch wieder nicht.“

„Nein, ich meinte die Bibliothek.“

Er spürte, wie ihre Anspannung zurückkehrte. „Oh, das.“

„Ich bin froh, dass Cassandra in dem Moment hereinkam“, murmelte er.

„Ja, ich auch.“ Es klang frostig, also durfte er wohl nicht annehmen, dass sein Benehmen ihr geschmeichelt hatte.

„Sie dürfen nicht denken, dass ich jemals eine Frau … gegen ihren Willen …“, stotterte er.

„Keine Sorge“, erwiderte sie trocken.

Als er am Bootssteg von White Caps festmachte, spürte er deutlich, dass sie wieder ärgerlich auf ihn war, doch er bereute die Entschuldigung nicht. Er hob das Fahrrad auf den Steg und wollte noch etwas sagen, doch sie ließ ihm keine Zeit dazu.

„Den Rest schaffe ich selbst“, sagte sie schnell. „Danke fürs Mitnehmen.“

Dann schob sie das Fahrrad eilig zur Wiese, ohne sich noch einmal umzusehen.

Er sah ihr nach, bis sie das Haus erreicht hatte und um die Ecke gebogen war. Am liebsten wäre er ihr nachgelaufen. Aber was dann?

Dann hätte er sie in die Arme gezogen und geküsst, bis sie beide keine Luft mehr bekamen.

Mach das Boot los und fahr nach Hause, Mann, ermahnte er sich selbst. Du bist ja komplett verrückt.

Doch es dauerte noch zehn Minuten, bis er sich wirklich losreißen konnte.

Missmutig stapfte Joy die Wiese zum Haus hinauf, das Fahrrad fest im Griff.

Jetzt hatte er sich auch noch entschuldigt! Noch peinlicher ging es ja wohl nicht. Musste er ihr unbedingt unter die Nase reiben, dass seine offensichtliche Erregung überhaupt nichts mit ihr zu tun hatte? Natürlich war er froh gewesen, Cassandra zu sehen – und bestimmt hatte es ihn sehr gefreut, dass sie auf dem Weg ins Bett war.

Und was war das für ein Schwachsinn, dass er Frauen nicht gegen ihrem Willen nachstieg? Das hatte er ja wohl auch kaum nötig, denn welche Frau würde schon Nein sagen, wenn Grayson Bennett sich für sie interessierte? Sie jedenfalls nicht, das musste sie schweren Herzens zugeben. Wenn Gray in der Bibliothek Anstalten gemacht hätte, sie zu küssen, hätte sie keinen Moment gezögert, obwohl sie genau wusste, dass er an eine andere Frau dachte.

Schlimmer konnte es ja nun wohl nicht mehr kommen. Bisher hatte sich alles in ihrer Fantasie abgespielt, aber jetzt wusste sie aus erster Hand, wie sich sein Körper anfühlte. Na gut, das alles hatte nur eine Sekunde gedauert – aber sie konnte ihn immer noch spüren. Und sich nur zu gut vorstellen, wie es hätte weitergehen können, wenn Cassandra nicht hereingekommen wäre …

Verzweifelt schloss Joy die Augen. Warum machte es ihr nur so viel aus, Gray mit einer anderen Frau zu sehen? Der Mann war für sie doch sowieso völlig unerreichbar! Und selbst wenn nicht – an so unerfahrenen Frauen wie ihr hatte er bestimmt kein Interesse.

Schlimm genug, dass sie mit siebenundzwanzig noch Jungfrau war – aber auch sonst mangelte es ihr eindeutig an Erfahrung. Sicher, sie hatte wie die anderen Mädchen auf der Highschool mit ein paar Jungen rumgeknutscht. Aber schon im College, wo die anderen erste Beziehungserfahrungen sammelten, hatte sie zu viel um die Ohren gehabt, um sich mit Jungs einzulassen. Sie wollte ihr Studium so schnell wie möglich abschließen und gleichzeitig etwas dazuverdienen, um Frankie zu entlasten. Nach ihrem Abschluss war sie direkt nach Hause gekommen, und seitdem kümmerte sie sich um Grand-Em.

Tja, sie war eine alte Jungfer, anders konnte man es wohl kaum ausdrücken. Und sie hätte natürlich von Anfang an wissen sollen, dass nichts Gutes dabei herauskam, wenn sie einen Abend im Haus von Gray Bennett verbrachte.

Einen Vorteil hat die Sache ja, dachte sie, als sie das Fahrrad in den Schuppen stellte. Schlafen kann ich jetzt sowieso nicht, also wird wenigstens Frankies Hochzeitskleid rechtzeitig fertig.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen waren sie gerade bei der Anprobe, als auf dem Hof der alte Truck des Gemüselieferanten zu hören war. Frankie stürzte zur Tür und war schon halb die Treppe hinunter, bevor Joy aufstehen konnte.

„Warte, du kannst doch nicht in dem Kleid …“

„Ich muss unbedingt mit Stu sprechen“, rief Frankie über die Schulter zurück. „Sein Telefon ist kaputt.“

Joy rannte ihr nach und griff nach der Schleppe, bevor Frankie die Küche erreichte. Nate und Spike hielten zwar stets alles peinlichst sauber, aber trotzdem musste der empfindliche Satin nicht unbedingt mit dem Küchenboden in Berührung kommen.

Die Schleppe über dem Arm, trat Joy hinter Frankie auf den Hof. Falls der alte, wettergegerbte Gemüsehändler überrascht war, Frankie im Brautkleid anzutreffen, ließ er sich davon nichts anmerken.

„Nate und Spike brauchen eine Sonderlieferung Steinpilze“, stieß Frankie atemlos hervor. „Gibt’s irgendeine Möglichkeit …“

„Jawoll.“

„Bis Dienstag?“

„Jawoll.“

„Stu, du bist ein Schatz. Danke!“

Als der Gemüsehändler wieder abgefahren war und Joy ihre Schwester gerade überzeugen wollte, zuerst einmal das Kleid auszuziehen, kam ein großer BMW die Auffahrt herauf. Joy erkannte ihn sofort als Grays und ließ vor Überraschung die Schleppe fallen.

Doch dann öffnete sich die Fahrertür, und Cassandra stieg aus.

„Guten Morgen“, grüßte Frankie herzlich.

„Hi.“ Cassandra lächelte, doch ihre Miene wirkte ein wenig angespannt. Dann allerdings fiel ihr Blick auf das Kleid. „Lieber Himmel, das ist ja ein Traum“, hauchte sie.

Frankie drehte sich um die eigene Achse, und der Satinrock bauschte sich elegant. „Ja, nicht wahr?“

„Von wem ist es?“, fragte Cassandra. „Narciso Rodriguez? Nein, warte – es muss ein Michael Kors sein.“

„Es ist von ihr.“ Frankie deutete auf Joy.

„Sie haben das gemacht?“ Aus ihrer Stimme klang Erstaunen.

Joy nickte.

Cassandra ging um Frankie herum und begutachtete fachmännisch die Säume und Abnäher. „Sie haben dieses Kleid wirklich selbst entworfen und genäht?“

„Ja, das ist mein Hobby.“

„Sie sind sehr gut. Haben Sie noch andere?“

„Kleider nicht, aber tonnenweise Entwürfe. Ich könnte das ganze Haus mit meinen Skizzen tapezieren.“

„Sie sind wirklich sehr talentiert“, wiederholte Cassandra. Als ihr Blick wieder auf Frankie fiel, wurde sie ernst. „Ich hätte wohl vorher anrufen sollen“, sagte sie zögernd. „Ich hatte gehofft, dass Alex mit mir sprechen würde.“

Frankie nickte. „Kommen Sie rein. Ich werde ihm sagen, dass Sie hier sind.“

Als sie ins Haus gingen, wandte sich Cassandra wieder an Joy. „Würden Sie mir hinterher vielleicht einige Ihrer Entwürfe zeigen?“

Joy zuckte die Achseln. Vermutlich wollte die andere lediglich höflich sein. „Ich habe heute Morgen ein paar Skizzen überarbeitet, sie liegen noch dort auf dem Tisch.“

Cassandra steuerte sofort darauf zu und betrachtete die Blätter so konzentriert, dass Joy sich plötzlich unwohl in ihrer Haut fühlte. Bisher hatte sie noch niemandem außerhalb der Familie ihre Entwürfe gezeigt. Für jemanden, der einen Escada-Hosenanzug trug, mussten sie stümperhaft wirkten. Krampfhaft unterdrückte Joy den Impuls, Cassandra die Blätter vor der Nase wegzuziehen, doch die stand über den Tisch gebeugt und betrachtete eingehend eine Zeichnung nach der anderen.

Joy folgte ihren Blicken und sah in jedem Entwurf sofort die Fehler, Unzulänglichkeiten und Verbesserungsmöglichkeiten. Aber zweifellos erkannte Cassandra die auch ohne Hilfe, deshalb schwieg Joy nervös.

Als Cassandra schließlich aufblickte, klopfte Joy das Herz bis zum Hals. Bitte sei nett, flehte sie stumm. Sag nichts Vernichtendes.

„Die sind fantastisch“, sagte Cassandra langsam. „Sie haben einen klassischen Stil, besonders bei den Oberteilen, aber der Gesamteffekt ist sehr originell. Die Farbkombinationen wirken ungewöhnlich, und die Schnitte sind meisterhaft.“

In Joys Ohren begann es zu summen.

Cassandra schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Sie sind wirklich sehr gut. Vielleicht sogar mehr als das. Wo haben Sie studiert?“

„An der Universität von Maine.“

„Ich wusste gar nicht, dass es dort einen Studiengang Modedesign gibt.“

„Nein, ich habe einen Abschluss in Betriebswirtschaft.“

„Aber wer hat Ihnen dann das hier beigebracht?“

Joy wurde ein wenig rot. „Nun ja … ich nehme an, ich habe es von den Abendroben meiner Großmutter aus den Fünfzigerjahren gelernt. Sie trug damals natürlich Mainbocher, St. Laurent, Chanel. Ich habe jedes Kleid aufgetrennt und die einzelnen Teile nebeneinandergelegt, um mir die Struktur und Linienführung anzuschauen. Dann habe ich sie von Hand wieder zusammengenäht. Sie trägt die Kleider immer noch, und ich versuche, sie so gut wie möglich für sie zu erhalten. Meine Großmutter leidet an Altersdemenz, und wenn sie ihre gewohnte Kleidung nicht tragen kann, wird es schlimmer. Neue Designerkleidung können wir uns nicht leisten, also habe ich gelernt, die alten Roben immer wieder aufzuarbeiten und zu kopieren. Auf diese Weise habe ich mir wahrscheinlich einiges beigebracht.“

„Das ist außergewöhnlich.“ Cassandras Stimme klang mitfühlend und respektvoll.

Joy war nicht besonders glücklich darüber, dass sich Reeses Witwe als sympathische Person entpuppte. Schlimm genug, sie an Grays Seite zu sehen – aber sie auch noch mögen zu müssen?

Als Frankie wieder in die Küche kam, waren ihre Wangen gerötet, als hätte sie sich aufgeregt.

„Es tut mir leid, Cassandra, er schläft“, erklärte sie.

„Sie meinen, er will mich nicht sehen“, antwortete Cassandra etwas verloren.

„Es tut mir wirklich leid.“

„Wahrscheinlich ist das alles noch zu frisch für ihn“, sagte Cassandra verständnisvoll. „Danke, dass Sie es versucht haben.“

Frankie gab ein kurzes Schnauben von sich. „Er ist einfach so stur und verschlossen“, brach es aus ihr heraus. „Auf niemanden will er hören!“

„Seien Sie nicht böse auf ihn. Er tut bestimmt sein Bestes.“

„Das glaube ich leider nicht. Wie soll er gesund werden, wenn er sich niemandem öffnet?“

„Das ist seine Entscheidung.“ Cassandra atmete tief durch. „Aber ich bin wohl die Letzte, von der Sie Ratschläge hören wollen.“

„Sie sind die Einzige außerhalb der Familie, die das Recht hat, sich einzumischen“, erwiderte Frankie. „Und ein Recht darauf, zu erfahren, was zum Teufel eigentlich passiert ist. Es tut mir so leid.“

„Danke.“ Cassandra schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder und wandte sich dann wieder Joys Entwürfen zu. „Sie sind wirklich wunderbar, Joy. Sie sollten unbedingt etwas mit Ihrem Talent anfangen.“

Nachdem Cassandra sich verabschiedet hatte, ging Joy zum Tisch zurück und betrachtete ihre Zeichnungen mit ganz neuen Augen. „Eine nette Frau“, bemerkte sie.

„Ja, ich mag sie auch“, erwiderte Frankie. „Und deine Skizzen haben ihr gefallen.“

Nachdenklich strich Joy mit den Fingerspitzen über das oberste Blatt.

„Wann holt Tom dich ab?“, fragte Frankie.

„Was? Ach so, um sieben. Und danke, dass du für mich auf Grand-Em aufpasst.“

„Ist doch selbstverständlich. Du bist schon so lange nicht mehr rausgekommen, und Tom ist …“

„Ein wirklich netter Kerl, ich weiß. Das hast du vorher schon mal erwähnt.“

„Brauchst mich ja nicht gleich anzuspringen“, bemerkte Frankie lächelnd. „Was ist denn los, bist du etwa aufgeregt, weil du ein Date hast?“

„Nein, nicht dass ich wüsste. Jetzt lass uns endlich nach oben gehen und das Kleid ausziehen, okay? Sonst sieht Nate es nachher noch vor der Hochzeit.“

„Bist du sicher, dass du nicht doch ein bisschen nervös bist wegen heute Abend? Du hattest schon lange keine Verabredung mehr.“

„Danke, dass du mich dran erinnerst.“ Joy verzog das Gesicht, weil ihr Ton schärfer ausfiel als beabsichtigt. Normalerweise stritt sie sich nie mit Frankie, aber der Gedanke an Tom machte sie gereizt.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sie lieber mit einem anderen ausgegangen wäre und sich deshalb mies vorkam. Und wieso konnte ausgerechnet sie nicht den Mann haben, den sie wirklich wollte?

Aber all das war schließlich nicht Frankies Schuld. „Tut mir leid, Schwesterherz, war nicht so gemeint. Ich bin eben nur ein bisschen nervös“

„Schon gut. Ich wünsche mir nur, dass du so glücklich wirst wie ich.“

Joy nahm ihre Hand. „Nate ist ein toller Mann, und er liebt dich wirklich“, sagte sie warm. „Aber vielleicht bin ich für eine solche Beziehung nicht geschaffen. Und das ist dann auch okay. Mach dir keine Gedanken, ja? Und jetzt raus aus dem Kleid.“

Leider glaubte Joy selbst nicht an das, was sie da behauptete. Trotzdem hatte Frankie recht. Selbst wenn Tom nicht der Richtige für sie war, konnte es nicht schaden, mal wieder aus dem Haus zu kommen.

Als am Abend Toms Pick-up-Truck auf der Einfahrt zu hören war, ging sie hinunter, verabschiedete sich von Frankie und Nate und trat vors Haus. Tom stieg aus und öffnete ihr die Beifahrertür. Er musste gerade geduscht haben, denn sein Haar war noch etwas feucht, und er trug ein frisch gebügeltes Hemd und ebenso faltenfreie Kakihosen. Allerdings merkte man deutlich, dass er sich in den Sachen nicht besonders wohlfühlte.

„Was hältst du davon, in die Stadt zu fahren?“, fragte er beim Losfahren. „Dort findet heute Abend ein Grillfest mit Tanz statt.“

„Das klingt gut.“

Als er auf die Seestraße einbog, warf er Joy einen Seitenblick zu. „Du siehst wirklich hübsch aus.“

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Die Luft im Auto roch nach Tanne, als hätte er den Wagen extra für sie geputzt.

„Danke, Tom“, antwortete sie artig.

Gray parkte den BMW vor einem der Läden an der Hauptstraße. Das Stadtzentrum von Saranac Lake bildete ein großer Rasenplatz, um den herum die Geschäfte gruppiert waren. Heute standen in der Mitte einige weiße Zelte, und im Konzertpavillon spielte eine Swingband Count-Basie-Hits. Auf der eigens aufgebauten Tanzfläche drehten sich bereits einige Paare, während andere an den Biertischen saßen und sich Spareribs und Steaks schmecken ließen, die auf großen Schwenkgrills zubereitet wurden.

„Findest so was hier öfter statt?“, fragte Cassandra, als sie auf den Park zugingen.

„Im Sommer einmal im Monat. Ist bestimmt eins der letzten Male, die Saison ist ja bald zu Ende.“

„Wann fährst du zurück nach Washington?“

„Ziemlich bald. Nächste Woche muss ich erst mal nach New York, und dann werde ich Papas Umzug organisieren. Er kann nicht allein mit Libby hier im Haus bleiben.“

„Unterrichtest du wieder an der Columbia University in New York?“

„Ja, sie haben mich für dieses politische Seminar angefragt.“

„Das ist doch toll, dann können wir mal gemeinsam essen gehen“, sagte Cassandra. „Vielleicht kommen Allison und Roger auch mit.“

„Klingt gut“, erwiderte Gray nicht sehr überzeugt. Er konnte noch immer nicht glauben, dass Roger seine Frau mit einer Reporterin betrog, und hoffte, dass sich die ganze Geschichte als Missverständnis oder glatte Lüge herausstellen würde.

Als sie im Park angekommen waren, blieb Cassandra vor der Tanzfläche stehen und beobachtete die Paare.

„Möchtest du erst was essen oder gleich das Tanzbein schwingen?“, fragte Gray.

Er sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass die Antwort „weder noch“ lautete, nahm sie aber trotzdem bei der Hand und stellte sich mit ihr an einem der Grillstände an.

Seit sie zu Alex Moorehouse gefahren war, um mit ihm zu reden, wirkte Cassandra noch in sich gekehrter. Vermutlich war das Gespräch nicht gut gelaufen. Da sie aber von sich aus nichts erzählte, wollte er nicht weiter in sie dringen.

Während sie warteten, schaute auch Gray den Tänzern zu. Einige Paare auf der Bühne schienen ganz in ihrem Element und zeigten, da es nicht voll war, die ganze Bandbreite der Figuren. Ein Pärchen fiel ihm besonders auf, weil ihr Tanz so harmonisch wirkte. Der Mann schien außergewöhnlich gut zu führen, und es sah aus, als könnte die Frau seine Gedanken lesen, so rasch reagierte sie.

Gray kniff die Augen zusammen. Du lieber Himmel, das war doch Joy!

Bei den letzten Takten des Liedes drehte der Mann sie mehrmals um die eigene Achse und ließ sie dann rückwärts in seinen ausgestreckten Arm sinken. Joy warf den Kopf zurück und lachte atemlos. Ihr langes Haar berührte fast den Boden.

Sie wirkte so jung und unbeschwert. Und war so schön, dass Gray der Atem stockte.

Langsam brachte ihr Tanzpartner sie wieder in die Senkrechte, ließ den Arm aber um sie gelegt. Gray biss die Zähne zusammen. Er spürte den dringenden Impuls, auf die Tanzfläche zu stürmen und dem Kerl ordentlich die Meinung zu sagen. Mit den Fäusten.

Besser, er schaute woandershin. Schließlich hatte Joys Freund jedes Recht, sie anzufassen, wann und wo immer er wollte. Und so glücklich, wie sie ihn angestrahlt hatte, fand sie das offenbar absolut in Ordnung.

Verdammt.

„Gray? Alles okay?“

Cassandras Stimme unterbrach seine düsteren Gedanken. „Wir sind dran“, sagte sie. „Was möchtest du?“

Auf diese Frage wusste er eine klare Antwort, aber die hatte nichts mit Spareribs zu tun.

Kurz darauf trugen sie ihre Pappteller zu einem Holztisch, an dem schon ein Ehepaar mit zwei Kindern saß. Als Gray in die würzigen Rippchen biss, verbrannte er sich die Zunge. Der Schmerz war ihm eine willkommene Ablenkung.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Cassandra.

„Hmmm?“

„Wie lange willst du sie schon?“

Entsetzt starrte er Cassandra an. War er so leicht zu durchschauen? „Wovon redest du überhaupt?“, versuchte er abzulenken.

„Stell dich nicht dumm“, gab sie zurück. „Ich habe gesehen, wie du Joy anschaust. Heute, aber auch schon gestern Abend.“

Gray war der Appetit vergangen, und er stocherte lustlos in seinem Krautsalat herum. „Siehst du den Jungen, der bei ihr ist?“, fragte er.

Cassandra nickte.

„Dann siehst du auch, wie glücklich er sie macht.“

Sie schien nicht überzeugt. „Ich glaube, das Tanzen macht ihr einfach Spaß, aber ich bin nicht sicher, ob es was mit ihm zu tun hat.“

„Das ist Haarspalterei“, wehrte er ab. „Sie strahlt doch geradezu. Glaubst du wirklich, ich könnte sie so glücklich machen?“

„Ja, durchaus.“

„Falsch. Ein Mädchen wie sie will mehr als Sex, und sie verdient es auch.

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