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BIANCA EXKLUSIV BAND 300

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Scherben bringen Glück und Liebe

1. KAPITEL

Wumm!

Lauren Russel zuckte zusammen. Gerade war irgendetwas direkt neben ihr von außen gegen die Hauswand geprallt. So heftig, dass sie vor Schreck gegen die Schreibtischplatte gestoßen war und sich der heiße Tee über den Stapel mit dem frisch ausgedruckten Informationsmaterial aus dem Internet ergossen hatte.

„Verdammt!“ Sie sprang auf, griff nach ihrer Leinenserviette und tupfte damit notdürftig die Pfütze auf. Dann rettete sie noch schnell ihre teure Funkmaus und rannte zum Fenster. Was war da bloß passiert?

Gerade eben bekam sie noch mit, dass ein kleiner Junge einen Baseball aus ihrem Garten aufhob und ihn über die Hecke einem Mädchen auf dem Nachbargrundstück zuwarf. Dann verschwand er wieder nach nebenan.

Aha, die kleinen Monster schon wieder. Das hätte ich mir denken können.

Sofort fühlte Lauren sich schuldig. Eigentlich mochte sie Kinder ja. Wobei die Betonung wohl auf dem Wort „eigentlich“ lag: Die Nachbarskinder trieben sie nämlich langsam in den Wahnsinn.

Sie ging wieder an den Schreibtisch und wischte die restliche Flüssigkeit auf. Die feuchten Ausdrucke nahm sie vorsichtig hoch und trug sie ins Bad, um sie dort mit dem Föhn zu bearbeiten. Am Ende war das Papier zwar wellig und braun, aber die Schrift ließ sich zum Glück noch gut lesen. Schön sahen sie nicht gerade aus, und das gefiel ihr ganz und gar nicht … aber sie hatte jetzt nicht die Zeit, alles noch mal aus dem Internet herauszusuchen und neu auszudrucken.

Schließlich setzte sie sich wieder an ihren Schreibtisch, um weiterzuarbeiten. Gar nicht so leicht, dabei das fröhliche Gekreische von nebenan auszublenden. Es klang, als würden gerade zwei Grundschulklassen durch den Nachbargarten toben. Immer wieder schlug etwas gegen ihre Hauswand – offenbar der Baseball. Und jedes Mal zuckte Lauren zusammen. Wie konnten drei Kinder bloß so einen Krach machen?

Da soll sich noch mal jemand darüber beschweren, dass die Kleinen heutzutage nur im Haus herumhängen und Computerspiele spielen …

Egal, darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Immerhin musste sie ihren Artikel, für den sie bis eben recherchiert hatte, bis zwölf Uhr mittags abgeschickt haben. Unbedingt. Und jetzt, wo sie wusste, was der ganze Krach zu bedeuten hatte, konnte sie ihn vielleicht umso besser ausblenden und sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Obwohl sie die Kinder am liebsten ermahnt hätte, doch bitte etwas leiser zu spielen. Aber sie hatte gestern schon mit den dreien geschimpft, als sie einfach durch ihre perfekt gepflegten Blumenbeete getrampelt waren. Und letzte Woche hatte sie ihnen einen kleinen Vortrag darüber gehalten, dass sich Frisbees nicht gerade optimal mit Tomatenstauden vertrugen.

Auf gar keinen Fall wollte sie wie eine verbitterte alte Hexe wirken, die über jede Kleinigkeit meckerte und spielenden Kindern den ganzen Spaß verdarb. Andererseits befand sich ihr Arbeitszimmer ausgerechnet auf der Seite der Krachmacher-Nachbarn.

Warum waren die Garrisons bloß ausgezogen? So ein nettes und vor allen Dingen ruhiges älteres Ehepaar! Gut, die beiden hatten in der Nähe ihrer ältesten Tochter und deren Familie wohnen wollen, und die lebte nun mal in Arizona, nicht hier in Huntsville, Alabama. Also hatten die Garrisons ihr Haus ausgerechnet an eine Familie mit drei Kindern verkauft. Zumindest hatte Lauren bisher drei Kinder zu Gesicht bekommen: zwei Jungen und ein Mädchen. Bitte mach, dass es nicht noch mehr sind! dachte sie.

Sie starrte auf den Monitor und versuchte, sich voll und ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das ging natürlich nach hinten los: Jetzt nahm sie jedes Geräusch nur noch deutlicher wahr. Da, ein spitzer Schrei! Jemand machte eine höhnische Bemerkung. Dann Gelächter.

In zwei Stunden musste der Artikel für die Lokalzeitung fertig sein. Und gleich danach warteten schon die Änderungsvorschläge, die ihre Lektorin zu ihrem Buch gemacht hatte. Es war eine Sammlung von Rezepten und Haushaltstipps; die meisten hatte sie schon einmal im Rahmen ihrer wöchentlichen Serie im Lokalblatt veröffentlicht.

In drei Tagen sollte die überarbeitete Fassung beim Verlag sein. Eigentlich hatte sie gehofft, heute damit fertig zu werden, um das überarbeitete Manuskript schon morgen abschicken zu können. Immerhin war es ihr erstes Buch, und sie hoffte, dass noch weitere folgen würde. Wenn sie jetzt den Abgabetermin überzog, machte sie sich bei ihrer Lektorin nicht gerade beliebt.

Außerdem war es für Lauren sowieso unerträglich, einen Termin nicht einhalten zu können. Das fand sie fast genauso schlimm wie die Unpünktlichkeit anderer Leute. Das war eben eine ihrer … na ja, Macken eben. Und jeder hatte doch das Recht auf eine kleine Macke, oder?

Lauren atmete tief durch und machte sich bereit dafür, in ihr Reich der tiefen inneren Stille einzutauchen … da riss sie ein ohrenbetäubender Krach abrupt in die Gegenwart zurück. Glasscherben verteilten sich auf dem Orientteppich und dem Beistelltischchen ihrer Großmutter. Laurens Herz machte einen Riesensatz, und sie schrie auf. Dann erst wurde ihr klar, wie still es auf einmal geworden war. Das Kreischen und Lachen auf dem Nachbargrundstück war schlagartig verstummt.

Als sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, stand sie auf und ging vorsichtig über die Scherben in Richtung Fenster. Immerhin war sie heute nicht barfuß, wie sonst oft in diesem heißen Sommer! Ein paar Meter von der zersplitterten Scheibe lag die Wurzel allen Übels: ein Baseball. Der kleine, dreckige Ball thronte zwischen den ehemals makellosen, ordentlich sortierten Manuskriptseiten ihres Buches, die jetzt mit den Änderungsvorschlägen ihrer Lektorin versehen waren. Von „makellos“ und „ordentlich sortiert“ konnte allerdings keine Rede mehr sein: Die obersten Seiten waren verschmiert, und der gesamte Stapel hatte sich über den Boden verteilt.

Immer wieder hatte Lauren die Beschreibung gehört, dass jemand „vor Wut kochte“. In diesem Augenblick hatte sie erstmalig eine Vorstellung davon, wie sich so etwas anfühlte. Sie blickte vom dreckigen Baseball zu ihren ruinierten Manuskriptseiten und schließlich zur zerbrochenen Fensterscheibe. Mir langt’s, dachte sie. Ich kann nicht mehr.

Entschlossen griff sie nach dem Ball, ging mit energischen Schritten zur Hintertür und sah sich draußen auf dem steinernen Treppenabsatz um. Nicht zum ersten Mal fiel ihr Blick auf ihre zertretenen Blumen und die abgeknickte Tomatenstaude. Außerdem lag seit heute ein leerer Getränkekarton auf dem zertrampelten Rasen. Bin ich etwa der städtische Müllabladeplatz? dachte Lauren. Bis vor Kurzem hatte sie noch einen wunderschönen, perfekt gepflegten Hintergarten gehabt. Und ein schönes, ordentliches Arbeitszimmer. Aber dann waren ihre neuen Nachbarn eingezogen und hatten alles kaputtgemacht. Auch das Trampolin und das Fußballtor, das sie aufgestellt hatten, störten das einheitliche Gesamtbild in dieser gepflegten Wohngegend enorm.

Die Kinder waren nirgends zu sehen, nur das Zischen des Rasensprengers durchbrach die Stille. Lauren ging zwischen den beiden Häusern hindurch nach vorn zur Straßenseite.

Mit aller Kraft wummerte Lauren gegen die Haustür ihrer neuen Nachbarn – so fest, dass ihr die Fingerknöchel wehtaten. Sie hätte zwar auch klingeln können, aber das hätte ihre derzeitige Stimmung nicht angemessen zum Ausdruck gebracht.

Dann schüttelte sie ihre schmerzende Hand und wartete. Dabei ließ sie den Blick über das Chaos auf der Veranda schweifen: ein Baseballhandschuh, mehrere Frisbees, dazu eine einbeinige Barbiepuppe mit sehr individuellem Haarschnitt … und ein Skateboard. Wahrscheinlich sah es im Hausinneren nicht besser aus.

Schade, dachte Lauren. Man könnte es sich hier so hübsch machen: ein paar weiße Korbstühle aufstellen und ein paar Blumenampeln aufhängen zum Beispiel.

Als niemand auf ihr Klopfen reagierte, drückte sie doch auf den Klingelknopf. Und dann noch einmal. Sie hörte, dass im Haus geflüstert wurde. Offenbar ignorierten diese Vandalen sie einfach. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Die Kinder waren doch bestimmt nicht völlig allein zu Hause!

Jetzt war es wieder still, Lauren hörte nicht mal jemanden flüstern. Also drückte sie zum dritten Mal auf den Klingelknopf. Als auch dann niemand reagierte, beschloss sie, noch ein weiteres Mal anzuklopfen. Gerade hatte sie die Hand gehoben, da schwang die Tür auf. Vor ihr stand ein großer, breitschultriger Mann, der sich ein Handy ans Ohr hielt. Irritiert wirkte er, und nicht gerade gut gelaunt. Er hob einen Finger, um ihr zu bedeuten, dass er noch eine Minute Zeit brauchte.

Aha, das war also der Vater dieser drei Vandalen. Dem müsste auch mal jemand anständiges Benehmen beibringen, genau wie seinen Kindern. Am liebsten hätte sie ihm jetzt das Mobiltelefon aus der Hand gerissen. Dann hätte sie bestimmt sofort seine volle Aufmerksamkeit gehabt.

Aber so etwas würde sie natürlich nie tun. Außerdem war Lauren inzwischen längst nicht mehr so entschlossen, ihren Nachbarn kräftig zusammenzufalten. Sie hatte sich noch nie besonders wohl in ihrer Haut gefühlt, wenn sie mit einem Mann aneinandergeriet. Erst recht nicht, wenn er auch noch so unverschämt gut aussah wie dieser.

Dass Lauren gerade mal eins sechzig groß war und ihr neuer Nachbar deutlich über eins achtzig, trug auch nicht dazu bei, dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlte. Das machte es nicht gerade leicht, sich mit ihm von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten.

Sie musterte ihn aufmerksam. Offenbar hatte er sich in den letzten ein, zwei Tagen nicht rasiert. Es sah auch so aus, als wäre er schon länger nicht mehr beim Friseur gewesen. Seine Haare waren zwar nicht direkt lang, hingen ihm aber etwas zottelig ins markante Gesicht. Besonders seine perfekt geschnittene Nase fiel Lauren auf; sie hatte eine Schwäche für schöne Nasen. Und obwohl er bloß Jeans und ein verwaschenes graues T-Shirt trug, strahlte er trotzdem eine unglaubliche Autorität aus.

Na super, dachte Lauren. Vielleicht hätte ich ihm doch lieber einen bösen Brief schreiben sollen.

„Du, ich ruf dich später noch mal an, ja?“, sprach der Mann in den Hörer. Dann sah er ihr das erste Mal in die Augen. Und lächelte. „Vor meiner Haustür steht gerade eine Frau in Schlafanzug und Häschenpuschen, und sie hat einen Baseball in der Hand. Ich glaube, es geht um etwas Wichtiges, sie sieht nämlich aus, als hätte ihr jemand in die Cornflakes gespuckt.“

Lauren versuchte, möglichst unauffällig an sich herabzusehen. Ja, sie war tatsächlich noch im Schlafanzug: Zu einer langen, weichen Baumwollhose trug sie ein ärmelloses, ziemlich eng anliegendes Oberteil. Und keinen BH darunter. Zum Glück füllte sie das Top nicht besonders stark aus.

Trotzdem war es ihr inzwischen unangenehm, in diesem Aufzug zu ihrem neuen Nachbarn herübergerauscht zu sein. Nicht nur unangenehm, sondern sogar hochnotpeinlich.

Außerdem hatte sie immer noch den blöden Baseball in der Hand.

In diesem Augenblick klappte der Mann sein Telefon zu und sah sie direkt an. Lauren erschauerte. Seine Augen waren blau. Und das nicht nur ein bisschen: Sie leuchteten so intensiv wie ein klarer Frühlingshimmel, an dem hier und dort Eiskristalle aufblitzten. Schnell ließ Lauren den Blick sinken, um stattdessen sein Kinn zu betrachten. Das war im Gegensatz zu seiner Nase und seinen Augen völlig durchschnittlich – zum Glück.

Sie reichte ihm den Baseball, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust, weil ihr inzwischen bewusst war, dass sich unter ihrem dünnen Oberteil viel zu viel abzeichnete. Dummerweise hatte ihr Nachbar das inzwischen wohl auch mitbekommen.

Wie sollte sie ihm da noch einigermaßen gefasst all die Dinge sagen, die sie sich eben durch den Kopf hatte gehen lassen? Dazu fehlten ihr eindeutig die Nerven. „Dürfte ich bitte mit Ihrer Frau sprechen?“, sagte sie.

Gerade hatte sich Cole noch über den Auftritt seiner Nachbarin amüsiert, jetzt wurde er schlagartig ernst. Inzwischen müsste er sich eigentlich an diese Fragen gewöhnt haben, aber sie erwischten ihn jedes Mal eiskalt. Immerhin hatte er beim Antworten eine gewisse Routine entwickelt. „Meine Frau ist tot“, erwiderte er knapp. „Sie müssen leider mit mir reden.“

Die junge Frau, die eben noch ziemlich verärgert gewirkt hatte, betrachtete ihn mitfühlend. Diese Reaktion kannte er schon.

„Ich … ich wollte Ihnen nicht … Das tut mir leid“, stammelte sie, dann runzelte sie die Stirn. „Als Sie hier eingezogen sind, habe ich auch eine Frau gesehen, die einen Koffer ins Haus getragen hat. Da dachte ich …“

„Das war meine Schwägerin“, gab er zurück. „Sie hat uns beim Umzug geholfen.“ Er musterte seine Nachbarin. Ja, jetzt erkannte er sie, er hatte sie schon ein paarmal im Garten erblickt oder war ihr begegnet, wenn sie gerade nach der Post sahen.

Dass sie ganz hübsch anzuschauen war, hatte er schon von Weitem festgestellt. Jetzt, aus der Nähe betrachtet, bemerkte er, dass „ganz hübsch“ weit untertrieben war. Sie war zwar keine klassische Schönheit, hatte aber so ein gewisses Etwas. Sie war zierlich, hatte grünbraune Augen, schön geschwungene Lippen und goldblondes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug.

Cole konnte sich gleich denken, warum sie ihm den schmutzigen Baseball mitgebracht hatte: Er war entweder in ihrem Garten gelandet oder – schlimmer noch – in ihrem Haus. Und hatte dabei eine Fensterscheibe zerschlagen.

Kein Wunder, dass die Kinder eben hereingestürmt und in ihren Zimmern verschwunden waren, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Die Frau vor seiner Haustür trat einen Schritt zurück. „Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht stören. Ich gehe dann einfach wieder und …“

Cole wandte sich um. „Hey, ihr drei, kommt ihr mal ganz schnell hierher!“, brüllte er.

Einige Sekunden lang war es totenstill, dann erschienen seine Kinder. Sie waren noch völlig durchnässt vom Rasensprenger und machten allesamt ziemlich betretene Gesichter. „Was ist eigentlich passiert?“, erkundigte sich Cole ruhig.

Einen Moment lang schwiegen die drei – was selten genug vorkam –, dann fingen alle gleichzeitig an zu reden. Einer lauter und aufgeregter als die andere. Angestrengt hörte er zu und versuchte, die Satzfetzen zu einer zusammenhängenden Geschichte zusammenzusetzen: Justin hatte den Ball geworfen, Hank hatte ihn nicht gefangen, und Meredith hatte ihre kleinen Brüder einfach machen lassen. Obwohl sie die Älteste von den dreien war und ihnen das Baseballspiel im Garten hätte verbieten sollen.

Cole versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er gerade ziemlich stolz auf seinen jüngsten Sohn war: Immerhin war Justin erst fünf. Wenn sein Wurf ein Fenster zerschmettert hatte, musste er der richtig kraftvoll gewesen sein. Aber dazu konnte er den Kleinen jetzt schlecht beglückwünschen.

„Hört mal, Ihr entschuldigt euch gefälligst alle bei …“, begann er stattdessen und wies mit dem Kopf auf seine hübsche Nachbarin. „Es tut mir leid, aber ich weiß nicht mal, wie Sie heißen“, sagte er.

„Lauren Russell“, erwiderte sie.

Er reichte ihr die Hand. „Freut mich, ich bin Cole Donovan. Und die drei Rotznasen hier heißen Meredith, Hank und Justin.“

Kurz spürte er den festen Druck ihrer Finger, dann ließ sie auch schon wieder los und verschränke erneut die Arme vor dem Oberkörper. Offenbar wollte sie damit ihre Brüste verbergen, aber in Wirklichkeit schob sie sie damit sogar noch ein Stück hoch und betonte sie nur noch mehr. Aber wo guckte er da eigentlich gerade hin? „So, ihr drei. Jetzt entschuldigt ihr euch bitte bei Ms. Russell. Und dann geht ihr sofort in eure Zimmer. Ich will erst mal keinen Piep mehr von euch hören, habt ihr das verstanden?“

Besonders reumütig klangen die Entschuldigungen der Kinder nicht. Dann beschwerten sie sich lautstark über ihre Strafe.

Cole betrachtete sie streng. „Das müsst ihr eben hinnehmen“, sagte er. „Hat mir etwa einer von euch Bescheid gesagt, dass das Fenster kaputtgegangen ist? So etwas kann ja durchaus mal passieren … aber dann muss man auch dafür geradestehen und darf sich nicht einfach aus dem Staub machen.“

„Soll ich dir einen Kaffee kochen, Dad?“, erkundigte sich Meredith mit zuckersüßer Stimme. Seine Tochter war inzwischen fast dreizehn, und das war irgendwie beängstigend. Außerdem war sie ein jüngeres Abbild ihrer Mutter, mit ihren langen, blonden Haaren, den dunkelbraunen Augen, den hohen Wangenknochen und den langen Beinen. Warum konnte sie nicht einfach für immer zwölf Jahre alt bleiben und nie erwachsen werden? Jedenfalls nicht so schnell.

Er begegnete ihrem Blick mit strenger Miene. „Damit kriegst du mich auch nicht weichgekocht“, sagte er.

Betreten zogen sich die Kinder in ihre Zimmer zurück. Lange wollte er den Hausarrest nicht andauern lassen – die drei sollten bloß merken, dass sie sich falsch verhalten hatten. Er wandte sich an Lauren Russell. „Ich kümmere mich um Ihr Fenster.“

Sie war praktisch schon im Gehen begriffen. „Nein, schon gut, machen Sie sich keine Gedanken.“

„Natürlich kümmere ich mich darum“, rief er ihr nach. „Das ist eindeutig meine Aufgabe, meine Kinder haben die Scheibe ja kaputtgemacht.“

„Wie Sie meinen.“ Sie winkte ihm noch einmal zu, allerdings ohne sich umzudrehen. Schade, also konnte er keinen letzten Blick mehr auf ihre kleinen festen Brüste in dem knappen Top werfen. Andererseits: Von hinten sah diese Lauren Russell auch nicht gerade schlecht aus. Außerdem hatte sie einen sehr weiblichen Hüftschwung.

Dabei hatte er weder die Zeit noch die Gelassenheit, sich näher mit einer Frau auseinanderzusetzen.

„Hey, warten Sie mal kurz!“, rief er und lief ihr hinterher. Sie blieb stehen, dann drehte sie sich langsam zu ihm um und sah ihn herausfordernd an. Ihre Augen funkelten. Am liebsten hätte er sich noch einmal in Ruhe mit ihr unterhalten. Immerhin waren sie jetzt Nachbarn, und ihr erstes Zusammentreffen war alles andere als glücklich verlaufen. Aber so, wie sie ihn gerade ansah … war das vielleicht keine so gute Idee.

„Ja, bitte?“, hakte sie nach, nachdem er sie sekundenlang schweigend angeschaut hatte – wie ein Volltrottel.

„Es tut mir leid, dass wir uns ausgerechnet unter so blöden Umständen kennengelernt haben“, begann er und überlegte verzweifelt, wie er das Gespräch fortsetzen sollte. Sollte er sie vielleicht nach den besten Einkaufsmöglichkeiten in der Gegend fragen? Nach dem nächsten Kino? Oder danach, wie sie mit den anderen Nachbarn zurechtkam?

Aber offenbar wollte die Frau im Moment am liebsten in Ruhe gelassen werden. Und das konnte er durchaus verstehen. „Ich … passe von jetzt an auf, dass meine Kinder Sie nicht mehr stören.“

Ihre Miene entspannte sich. „Es tut mir leid, wenn ich vorhin etwas heftig geworden bin.“ Schon wieder versuchte sie, unauffällig ihre Brüste zu bedecken. „Es sind ja noch Kinder, und ich weiß, dass sie das Fenster nicht mit Absicht kaputtgemacht haben.“

Cole schob die Hände in die Hosentaschen. Warum bin ich ihr bloß nachgelaufen? fragte er sich. Eigentlich lag die Antwort auf der Hand: Lauren Russell war eine attraktive, interessante junge Frau, außerdem hatte er sich schon seit Tagen nicht mehr mit einem erwachsenen Menschen unterhalten. Zum Glück hatte er inzwischen Routine darin, sich aus unangenehmen Situationen wieder herauszuwinden. „Dann weiß ich ja, an wen ich mich wenden kann, wenn ich mal einen Babysitter brauche“, erwiderte er.

Lauren Russell starrte ihn so entsetzt an, dass er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte. „Hey, das war doch bloß ein Scherz.“

Sie senkte den Kopf, verabschiedete sich höflich und lief dann zu ihrem Haus. Diesmal ließ er sie einfach gehen.

Lauren beugte sich über ihren Bildschirm. Gerade gab ihr Magen ihr hörbar zu verstehen, dass es Zeit fürs Mittagessen war. Zum Glück hatte sie noch einen Rest Gemüselasagne von gestern im Kühlschrank – eines ihrer Lieblingsgerichte. Inzwischen hatte sie auch ihren Artikel fertiggeschrieben und an die Zeitung gemailt, die Glasscherben vom Fußboden gesammelt und alle kleineren Splitter weggesaugt. Außerdem hatte sie ein Stück Karton vor das große Loch in der Scheibe geklebt.

Bevor sie sich die Lasagne aus dem Kühlschrank aufwärmte, wollte sie noch ein bisschen im Internet surfen. Das Internet war wirklich eine tolle Sache. Zahlreiche Leute, die nach einem Rezept suchten, landeten beim Googeln auf Laurens Website. Das war aber noch nicht alles: Die Suchmaschine eignete sich auch hervorragend dafür, neue Nachbarn auszuspionieren.

Da weder „Cole“ noch „Donovan“ besonders außergewöhnliche Namen waren, hatte Lauren nicht damit gerechnet, ihn so leicht zu finden. Aber zu ihrer Überraschung war gleich ihr erstes Suchergebnis ein Treffer. Ja, das war eindeutig ihr neuer Nachbar auf dem Bild neben dem Artikel!

Wenn sie sich selbst auch nur ein bisschen für Baseball interessierte, hätte sie ihn wahrscheinlich längst erkannt: Offenbar war Cole Donovan nämlich vor ein paar Jahren noch ein echter Star auf dem Gebiet gewesen. Lauren musste sich erst durch ein paar weitere Links klicken, um herauszufinden, warum er sich so plötzlich von seiner vielversprechenden Karriere verabschiedet hatte.

Als sie den entscheidenden Artikel las, schluckte sie. Ihr Nachbar hatte ja schon erwähnt, dass seine Frau gestorben war, jetzt erfuhr Lauren Genaueres: Mary Donovan war urplötzlich im Supermarkt tot umgefallen. Offenbar war sie mit einem schweren Herzfehler geboren worden, von dem sie aber nichts gewusst hatte. Als Lauren die Geschichte las, lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Unfassbar – wie ein Mensch eben noch am Leben sein konnte und dann auf einmal … tot. Es gab auch niemanden, den man für diesen Tod verantwortlich machen konnte: keinen angetrunkenen Fahrer und keinen Arzt, der eine Fehldiagnose erstellt hätte. Die junge Frau war damals neunundzwanzig Jahre alt gewesen, genau wie ihr Mann. Die beiden hatten sich an der Highschool ineinander verliebt.

Lauren las weiter. Nach dem Tod seiner Frau hatte Cole beschlossen, als alleinerziehender Vater ganz für seine Kinder da zu sein – statt die drei bei Verwandten unterzubringen oder eine Nanny einzustellen. Er hatte lieber seine lukrative Baseball-Karriere an den Nagel gehängt.

Jetzt fühlte sich Lauren sogar noch weniger wohl in ihrer Haut. Ihr wurde richtig schlecht, wenn sie sich daran erinnerte, wie sie mit dem schmutzigen Baseball aufs Nachbargrundstück gelaufen war. Wie sie empört gegen die Haustür geschlagen hatte. Als hätte die kleine Familie nicht schon genug Sorgen! Wahrscheinlich würde dieser schreckliche Schicksalsschlag sie alle bis an ihr Lebensende verfolgen.

Lauren betrachtete noch mal die Zeitangaben in dem Internet-Artikel und rechnete nach: Mary Donovan war vor ungefähr fünf Jahren gestorben. Zu dem Zeitpunkt musste der jüngste Sohn, Justin, noch ein Baby gewesen sein.

Und sie? Verlor völlig die Fassung, bloß weil die Kinder beim Spielen ein bisschen Krach gemacht hatten und ihre Scheibe dabei zu Bruch gegangen war …

Inzwischen war es ihr auch ein bisschen peinlich, dass sie Cole Donovan im Internet nachspioniert hatte. Manche Dinge gingen sie einfach nichts an. Andererseits: Wenn sie irgendwann darüber sprechen würden, konnte sie nicht so tun, als wüsste sie von nichts.

Als sie in der Küche die Reste ihrer Gemüselasagne aus dem Kühlschrank holte, kam ihr eine Idee. Sie könnte ihren neuen Nachbarn ja etwas Schönes kochen – sozusagen als Friedensangebot. Vielleicht eine deftige Lasagne mit Bolognesesauce? Und danach ein gebackenes Dessert mit frischen Pfirsichen? Mochten Kinder so etwas wohl? Lauren konnte das nicht beurteilen, es gab so wenige Kinder in ihrem Umfeld. Sie hatte weder Nichten noch Neffen, und die Kinder ihrer Freundinnen sah sie nur selten.

Andererseits: Lasagne mochte doch eigentlich jeder, oder? Und ihr Spezialrezept mit den frischen Pfirsichen hatten bisher all ihre Gäste über den grünen Klee gelobt. Sie bereitete es nach einem alten Rezept ihrer Großmutter zu.

Während sich der Teller mit der Gemüselasagne in der Mikrowelle drehte, schenkte Lauren sich ein Glas Eistee ein. Dann rückte sie die anderen Behälter mit den Einpersonen-Portionen im Kühlschrank zurecht. Genau wie in ihren Küchenschränken hatten auch hier die Dinge ihren festen Platz. Und alles blitzte und blinkte. In einer sauberen Umgebung fühlte sie sich nun mal am wohlsten.

Lauren setzte sich mit ihrer aufgewärmten Lasagne in die Essnische und betrachtete stolz ihren perfekt gepflegten Hintergarten. Dann ging sie im Geiste ihre Planung für den restlichen Tag durch. Zuerst wollte sie die Anmerkungen ihrer Lektorin zu ihrem Buchmanuskript einarbeiten, sich eine halbe Stunde lang auf den Hometrainer setzen und anschließend duschen. Um sechs Uhr war sie mit ihrer Großmutter zum Dinner verabredet, danach wollte sie ein paar Dinge aus dem Supermarkt besorgen. Morgen würde sie dann die Lasagne und das Pfirsichdessert für ihre Nachbarn machen – gleich nachdem sie das überarbeitete Manuskript weggebracht hatte.

Lauren atmete tief durch. Im Moment war es nebenan genauso ruhig wie bei ihr, außerdem hatte sie ihre nächsten beiden Tage komplett durchgeplant. Also war alles erst mal in bester Ordnung.

2. KAPITEL

Komisch, dachte Cole. Die Kinder haben jetzt schon seit einer halben Stunde keinen Mucks mehr von sich gegeben. Wahrscheinlich macht ihnen das kaputte Fenster schwer zu schaffen.

Aber worauf auch immer die plötzliche Ruhe im Haus zurückzuführen war – er beschloss, sie für sich zu nutzen. Zuerst erledigte er einige Telefonate und rief unter anderem einen Glasereibetrieb an, der das zerbrochene Fenster seiner Nachbarin ersetzen sollte. Anschließend setzte er sich an den Computer. Hank, sein mittlerer Sohn, hatte ihn zuletzt in Betrieb gehabt und offenbar sein liebstes Onlinespiel gespielt. Das Fenster war noch geöffnet – eine harmlose Seite für Kinder, die Cole persönlich getestet und zur Benutzung freigegeben hatte.

Als Nächstes startete er Google und tippte den Namen seiner Nachbarin in das Suchfenster: „Lauren Russell“. Eigentlich hatte er sich von dieser Recherche nicht viel versprochen. Aber jetzt beförderte sie ganz erstaunliche Ergebnisse zutage. Da war zunächst einmal das wenig schmeichelhafte Foto auf ihrer Homepage: Sie hatte ihr Haar viel zu streng zurückgekämmt und lächelte künstlich in die Kamera, als würde sie gerade „Cheese“ sagen. Außerdem ließ das kalte, harte Blitzlicht sie blass aussehen. Aber sie war durchaus wiederzuerkennen.

Viel besser gefiel sie ihm allerdings, wenn sie völlig aufgebracht im Schlafanzug vor seiner Haustür stand. Mit Pony und losem Pferdeschwanz, aus dem sich schon zahlreiche Strähnen gelöst hatten, die ihr in das erhitzte Gesicht fielen. Wenn das Sonnenlicht auf ihr hübsches, ungeschminktes Gesicht fiel und sie ihn mit ihren grünbraunen Augen wütend anfunkelte.

Schritt für Schritt klickte sich Cole durch den Internetauftritt seiner Nachbarin. Wenn er nicht nach Lauren Russell gegoogelt hätte, wäre er bestimmt nie auf diesen Seiten gelandet: Hier drehte sich alles um Rezepte, Deko-Ideen und die richtigen Umgangsformen. In seinem Haus kamen meistens Fischstäbchen oder Dosenspaghetti auf den Tisch, die Deko-Ideen lieferten seine Kinder in Form selbstgemalter Bilder und sonstiger Basteleien. Und was die Umgangsformen umging … da beschränkten sie sich auf die gemeinschaftliche Übereinkunft, nicht die Füße auf den Tisch zu legen. Jedenfalls nicht, solange jemand daran aß.

Als sie noch etwa hundert Meilen weiter südlich in Birmingham, Alabama, gewohnt hatten, hatte seine Schwägerin Janet oft dafür gesorgt, dass sie etwas Anständiges zu essen im Haus hatten. Jedes Wochenende war sie mit selbstgekochten Gerichten vorbeigekommen. Trotzdem hatte Cole sich nicht vollkommen auf diesen „Lieferservice“ verlassen und zugesehen, dass er selbst ein einfaches Essen zubereiten konnte.

Seit etwa einem Jahr brachte Meredith sich nach und nach das Kochen bei: An zwei bis drei Tagen in der Woche bestand sie darauf, im Alleingang das Abendessen für die ganze Familie zuzubereiten. Cole stand dem zwiegespalten gegenüber: Einerseits wollte er nicht, dass sie schon so früh so viel Verantwortung übernahm und ihre Kindheit dadurch womöglich nicht richtig auslebte. Andererseits fand er, dass es ihr nicht schaden konnte, ein bisschen kochen zu lernen. Und ihr Kaffee war schon mal ganz hervorragend.

Neugierig stöberte er weiter auf der Website seiner attraktiven Nachbarin und fand eine Anleitung, wie man mit Zwiebelschalen Ostereier färbte oder aufwendige Valentinskarten bastelte. Außerdem hatte sie zahlreiche Rezepte veröffentlicht: Darin erklärte sie, wie man Brathähnchen, Plätzchen, Maisbrot und verschiedene Sorten Gemüse zubereitete. Es gab sogar Rezepte für selbstgemachte Schokoriegel und Eiscreme – als ob man nicht beides problemlos im Supermarkt bekäme! Unglaublich, diese Frau. Und irgendwie faszinierend … Zu faszinierend.

Cole schloss die Seite und fuhr den Computer herunter. Eigentlich war es völlig gleich, wie attraktiv oder interessant er diese Lauren Russell oder irgendeine andere Frau fand. Nicht etwa, weil er Marys Tod vor fünf Jahren immer noch nicht verarbeitet hätte. Er hatte sie weder zur Heiligen erklärt, noch verglich er jede neue Frauenbekanntschaft automatisch mit ihr. Sein Problem war ein ganz anderes: Er hatte einfach keine Zeit für eine Frau in seinem Leben.

Ein paarmal hatte er sich seit Marys Tod schon verabredet. Gute Freunde hatten nach einigen Jahren immer wieder versucht, ihn mit dieser oder jener Bekannten zusammenzubringen. Die meisten waren zwar hübsch, aber strohdumm oder völlig oberflächlich gewesen. Die Kinder hatte er dann bei Janet untergebracht oder er hatte einen Babysitter engagiert. Aber irgendetwas war immer schiefgegangen. Ständig hatte ihn der Babysitter oder Meredith auf dem Handy angerufen, weil zu Hause gerade ein Notfall eingetreten war.

Als er nach einem dieser Notfall-Anrufe mit seiner Bekanntschaft nach Hause gefahren war, hatte Justin besagter Frau einmal quer über das Kleid gespuckt. Hank hatte dann ihre Nachfolgerin verschreckt – indem er sich mit dem Zipfel ihres Seidenkleides den Marmeladenmund abwischte. Mit den anderen Frauen war es auch nicht besser gelaufen, also hatte Cole die ganze Sache bald aufgegeben.

Vielleicht starte ich noch mal einen Versuch, wenn die Kinder erwachsen sind, sagte er sich. Solange ich bis dahin nicht vergessen habe, wie man sich einer Frau gegenüber verhält …

Im Moment mussten sich die Kinder allerdings voll und ganz auf ihn verlassen können: Sie brauchten ihn, und er wollte alles für sie tun. Das forderte ihn schon genug, für eine Frau hatte er weder Zeit noch Energie übrig.

Außerdem musste er sich jetzt auf seinen neuen Job einstellen. Und obwohl ihm das einiges abverlangen würde, freute er sich auch darauf, demnächst endlich wieder arbeiten zu gehen: als Geschichtslehrer und Baseballcoach an der Highschool. Das hatte zwar mit seiner Karriere als Baseballprofi nicht allzu viel zu tun, aber er liebte Geschichte – und Baseball sowieso. Außerdem kam er erfahrungsgemäß gut mit Kindern und Jugendlichen zurecht. Also hatte er fleißig Uniseminare besucht und sich damit für die Lehrtätigkeit qualifiziert.

Die Stelle an der Highschool war ein richtiger Fulltimejob, den er nur deswegen annehmen konnte, weil Justin im August eingeschult wurde und dann tagsüber versorgt war. Trotzdem – wenn Cole nach Hause kam, erwarteten ihn dort immer noch seine Verpflichtungen als alleinerziehender Vater. Da blieb ihm kaum Zeit für ein Privatleben, das über die eine oder andere familientaugliche DVD mit den Kindern hinausging.

Außerdem wären die drei bestimmt erschüttert, wenn er sich tatsächlich einmal neu verliebte. Immerhin hatten sie bereits ihre Mutter verloren. Da wäre es umso schmerzhafter, wenn sie ihren Dad noch weniger sehen oder ihn mit jemandem teilen müssten.

Finanziell hatte Cole die Tätigkeit als Lehrer und Coach eigentlich gar nicht nötig. Wenn er sein Geld nur entsprechend intelligent anlegte, hätte er für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Aber um das Geld allein ging es ihm nicht: Er brauchte dringend einen richtigen Job, für den er das Haus verlassen musste, mit anderen Menschen in Kontakt kam, für den er bezahlt wurde … Kurz: Es war an der Zeit, dass er wieder am „Leben da draußen“ teilnahm.

Überrascht musterte Cole seine Nachbarin, die gerade bei ihm geklingelt hatte. Schon wieder. „Hallo“, sagte sie. Es klang zurückhaltend, aber freundlich.

Er seufzte. „Was haben sie jetzt schon wieder angestellt?“

Lauren lächelte. Da erst fiel ihm auf, dass sie einen großen Weidenkorb im Arm trug. Darüber hatte sie ein rot-weiß-kariertes Handtuch gebreitet, das so aussah, als hätte sie damit noch nie Traubensaft oder Ketchup aufgewischt. Bei ihrem Anblick musste er unwillkürlich an Rotkäppchen denken … und daran, dass sie einfach zum Anbeißen aussah. Hieß das etwa, dass er der große böse Wolf war?

Sie wies auf den Korb. „Es ist alles in bester Ordnung“, erwiderte sie. „Ich wollte Ihnen nur kurz etwas vorbeibringen. Als kleine Aufmerksamkeit zur Begrüßung und als Dankeschön dafür, dass Sie sich so schnell um mein kaputtes Fenster gekümmert haben.“

Für Cole war das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Immerhin hatten seine Kinder den Schaden verursacht, und er konnte Lauren schlecht in einem ungeschützten Haus übernachten lassen. Sie wohnten zwar in einer ruhigen, sicheren Gegend, aber man wusste ja nie.

Trotzdem wollte er sie mit ihrem Korb nicht wieder wegschicken, das kam ihm ziemlich unhöflich vor. Also ließ er sie ins Haus.

Im Wohnzimmer ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Cole wusste selbst zu gut, wie es hier aussah: Auf dem Sofa legte er gerade die Wäsche zusammen, auf dem Tisch lag ein halbfertiges Puzzle. Außerdem war überall Justins Spielzeug verteilt. Hätte Cole mit Laurens Besuch gerechnet, hätte er vorher ein bisschen aufgeräumt, aber diese Möglichkeit hatte sie ihm ja nicht gegeben.

Lauren verlagerte den Weidenkorb von einem Arm in den anderen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Korb ganz schön schwer sein musste, und nahm ihn ihr ab.

„Ich habe Ihnen Lasagne und ein gebackenes Pfirsichdessert mitgebracht“, sagte sie. „Das Dessert hält sich auch bei Zimmertemperatur, aber die Lasagne sollten Sie bald in den Kühlschrank stellen.“ Sie erklärte ihm, wie er das Gericht am besten aufwärmte, dann ging sie zur Tür.

„Warten Sie doch mal!“ Er wandte sich um und rief nach den Kindern. Kurz darauf kamen sie angerannt – so fröhlich und lebhaft, wie sie meistens eben waren. Als sie allerdings ihre Nachbarin erblickten, wurden alle drei abrupt ernst und ruhig.

„Wir haben überhaupt nichts getan!“, protestierte Justin.

„Genau“, stimmte Hank ihm zu. „Wir haben nämlich die ganze Zeit Videospiele gespielt. Und Meredith liest gerade irgend so ein doofes Buch.“

Das Mädchen äußerte sich nicht dazu und kniff bloß die Augen zusammen.

Cole ließ die drei noch ein bisschen schmoren, dann klärte er sie auf: „Wisst ihr, was? Ms. Russell hat uns allen etwas zu essen vorbeigebracht. Obwohl ihr ihr das Fenster eingeworfen und ihren halben Garten zertrampelt habt. Sie hat uns eine leckere Lasagne gemacht und einen Pfirsichauflauf gebacken. Wie findet ihr das?“

„Ich mag keine Lasagne!“, erwiderte Justin heftig. „Igitt!“

Hank blickte zu Boden und trat von einem Fuß auf den anderen. Meredith verdrehte die Augen, wie es pubertierende junge Mädchen gern taten. Seine Tochter war zwar erst zwölf, aber er erkannte jetzt schon die Züge der jungen Frau in ihr, die sie einmal werden würde. Lange würde das nicht mehr dauern … und diese Vorstellung machte ihm eine Heidenangst. Er wollte sich noch nicht damit abfinden, dass seine Tochter sich bald für Jungen interessieren, kurze Röcke und Make-up tragen würde. Aber daran führte wohl kein Weg vorbei.

„Ich wollte uns aber heute Hähnchen-Nuggets machen“, sagte Meredith.

Als ob Hähnchen-Nuggets aus dem Gefrierschrank auch nur im Entferntesten mit selbstgemachter Lasagne mithalten könnten! Aber das wollte er lieber nicht laut sagen. „Die können wir doch morgen essen“, entgegnete er stattdessen. „Und jetzt bedankt ihr euch bitte alle bei Ms. Russell.“ Er warf ihnen einen ausgesprochen strengen Blick zu, von dem Lauren Russell nichts mitbekommen konnte, weil er ihr dabei den Rücken zuwandte. So sah er seine Kinder nur selten an. Und wenn doch, dann wussten sie, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Er hatte die drei schon viel zu lange verwöhnt, hatte ihnen jeden Wunsch von den Augen abgelesen, um dadurch wettzumachen, dass sie ihre Mutter verloren hatten. Erst letztes Jahr war ihm bewusst geworden, was er damit angerichtet hatte und dass er den Kindern nicht gerade einen Gefallen tat.

Meredith reagierte als Erste. „Vielen Dank, Ms. Russell.“ Die Worte klangen zwar höflich, aber ihr Blick wirkte alles andere als freundlich.

Hank zappelte immer noch herum. Sein mittlerer Sohn war nie völlig ruhig – es sei denn, er schlief. „Also, ich mag Lasagne“, sagte er und blickte kurz vom Boden hoch, um der neuen Nachbarin ein zahnloses, aber ziemlich charmantes Lächeln zu schenken. „Und ich kann Merediths Hähnchen-Nuggets schon nicht mehr sehen. Danke.“

Justin tat sich am schwersten von allen. Schließlich seufzte er. „Danke, Ms. Russell. Für den Pfirsichauflauf.“ Wenn es nach ihm ginge, würde er sich wohl ausschließlich von Hähnchen-Nuggets mit Honig-und-Senf-Sauce ernähren.

Sie sah Justin in die Augen. „Das ist ja wirklich schade, dass du keine Lasagne magst“, sagte sie. „Was isst du denn gern, verrätst du mir das?“

Diese Frage beantwortete Justin geradeheraus: „Ich esse gern Hähnchen-Nuggets, Hotdogs, Schokokekse und Eiscreme.“ Er hob einen kurzen Finger. „Aber nicht die mit Pekannüssen“, ergänzte er. „Die schmeckt sogar noch ekliger als Lasagne. Igitt.“

Offenbar versuchte Lauren gerade, sich ein Lächeln zu verkneifen. Sie hatte die Lippen mit den Zähnen zusammengeheftet, aber Cole bemerkte, dass ihre Augen funkelten. Es sah ziemlich verführerisch aus. „Okay, ich werd’s mir merken“, sagte sie.

Da nun alles geklärt war, schickte Cole die Kinder wieder weg. Jetzt war er ganz allein mit Lauren. Sie ging einen Schritt in Richtung Haustür. Dabei kam es ihm vor, als würde sie die ganze Zeit seinem Blick ausweichen.

„Vielen Dank noch mal“, sagte er. „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber jetzt haben wir ein tolles Abendessen.“

Sie nickte und vermied es nach wie vor, ihn anzusehen. Hatte er sie etwa verärgert? Irgendwie verunsichert? Er konnte sich an keinen bestimmten Zwischenfall erinnern; trotzdem wirkte sie gerade ziemlich unentspannt. Als er ihr die Tür geöffnet hatte, war doch noch alles in Ordnung gewesen. Als die Kinder dabei gewesen waren, auch.

„Sie können mir die Schüsseln einfach auf die Veranda stellen, wenn Sie sie nicht mehr brauchen“, schlug sie vor. „Aber keine Hektik. Ich habe genug Kochgeschirr in meiner Küche.“

Erneut schaute Cole zu ihr hinüber, und diesmal erwiderte sie seinen Blick. Sie sah ihm tief in die Augen und wirkte dabei einen schmerzhaften Moment lang vollkommen verwirrt und verloren. Diesen Gesichtsausdruck kannte er nur zu gut: Er begegnete ihm jeden Morgen, wenn er nach dem Aufstehen in den Spiegel schaute.

So gut wie heute Abend hatten Cole und seine Kinder schon lange nicht mehr gegessen. Nicht, seit sie aus Birmingham weggezogen waren, wo Janet sie immer regelmäßig bekocht hatte. Und obwohl er seiner Schwägerin immer wieder gesagt hatte, dass das absolut nicht nötig sei, hatte er sich doch darüber gefreut.

Er hatte zwar auch versucht, sich ein paar Handgriffe anzueignen, dabei aber schnell gemerkt, dass ihm zum Kochen jedes Talent fehlte. Meredith kannte sich inzwischen schon besser in der Küche aus als er.

Justin hatte zwar immer wieder betont, dass er absolut keine Lasagne mochte, aber als seine Geschwister davon schwärmten, wie lecker der überbackene Nudelteig schmeckte, hatte er sie schließlich doch probiert. Und mit einem einzigen Bissen waren seine Vorurteile aus der Welt geschaffen: Was die neue Nachbarin da für sie zubereitet hatte, schmeckte nämlich ganz anders als die gefrorene Fertiglasagne aus dem Supermarkt, die sie sonst manchmal hatten.

Hank kratzte den letzten Rest vom Teller und schob ihn sich in den Mund. „Frag sie doch mal, ob sie Lust auf ein Date hat“, sagte er.

Automatisch ermahnte Cole seinen Sohn, nicht mit vollem Mund zu sprechen. „Ich möchte aber kein Date“, erwiderte er dann.

„Was ist denn das? Ein Date?“, wollte Justin wissen.

Meredith erklärte es ihm: „Das ist, wenn ein Junge und ein Mädchen oder ein Mann und eine Frau zusammen essen und ins Kino gehen. Manchmal gehen sie auch tanzen oder bowlen, je nachdem.“ Keine Sekunde lang löste sie den Blick von ihrem Teller.

„Ja“, bestätigte Hank. „Und danach küssen sie sich.“

„Ich will auch ein Date!“, sagte Justin. „Aber ohne küssen, das finde ich eklig. Vielleicht geht unsere Nachbarin ja mit mir in diesen neuen Film mit den sprechenden Hamstern. Und danach holen wir uns noch ein Eis. Das ist doch ein gutes Date, oder?“

Meredith holte ungeduldig Luft. „Du bist viel zu jung für unsere Nachbarin“, erwiderte sie unterkühlt. „Außerdem will sie sich gar nicht mit dir treffen, sondern mit Dad. Darum hat sie uns auch die Lasagne und das Pfirsichdessert vorbeigebracht und ihn angestarrt, als wäre er Justin Bieber oder so. Ihr bildet euch doch wohl nicht ein, dass sie das ganze Essen für uns Kinder gemacht hat? In Wirklichkeit will sie damit nur angeben und Dad zeigen, wie toll sie kochen kann und wie schön sie aussieht. Wenn wir nicht da gewesen wären, hätte sie sich wahrscheinlich gleich auf ihn gestürzt und ihn abgeknutscht …“

„Meredith!“, rief Cole. „Jetzt reicht’s aber!“

Dass Hank gerade laute Schmatzgeräusche von sich gab, machte die Sache auch nicht besser. Cole warf ihm einen ermahnenden Blick zu, und er verstummte.

Meredith wiederum gab sich nicht so schnell geschlagen. „Erst müssen wir von Tante Janet und unseren ganzen Freunden wegziehen“, beschwerte sie sich. „Und jetzt wohnen wir neben dieser Lauren Russell, die auch schon wieder alles verändern will. Aber wenn Justin ihr übers Kleid spuckt, läuft sie bestimmt auch heulend weg. Genau wie diese andere Frau damals.“

Gerade wollte Cole wieder mit seiner Tochter schimpfen, da fiel ihm auf, dass dem Mädchen eine dicke Träne über die Wange lief. „Das ist doch schon so lange her, Meredith“, sagte er leise. „Inzwischen habe ich gar kein Interesse mehr an irgendwelchen Dates. Weiß eigentlich jemand, wie spät es ist?“ Er hatte weder Zeit noch Nerven für ein Privatleben, das seine Kinder nicht mit einschloss.

„Hier soll sich überhaupt nichts verändern“, sagte er mit fester Stimme. „Wir sind gerade umgezogen, ich fange bald wieder an zu arbeiten, und wir müssen uns hier in Huntsville alle erst mal einleben … das reicht doch an Veränderungen.“ Er wusste nur zu gut, wovor Meredith solche Angst hatte: Von den drei Kindern war sie die Einzige, die sich noch an ihre Mutter erinnern konnte. Ihr war sehr bewusst, wie unendlich sie unter ihrem Verlust gelitten hatte. Hank und Justin waren noch so klein gewesen, als Mary gestorben war.

„Wir sind eine Familie, und wir halten zusammen“, sagte er entschlossen. „Uns kann nichts und niemand auseinanderreißen. Nur damit ihr’s wisst.“

„Wir sind die vier Musketiere!“, rief Hank aus, sprang zur Bekräftigung auf einen Stuhl und riss seine Gabel in die Höhe, als wäre sie ein Schwert.

Das war mal wieder typisch Hank: Der Junge lebte in einer Fantasiewelt, in der die Menschen Umhänge und weite Mäntel trugen und mit Schwertern und Zauberstäben für Recht und Ordnung sorgten.

„Wir brauchen keine Lauren Russell“, flüsterte Meredith. „Wir brauchen überhaupt niemanden.“

„Nein“, bestätigte Cole. Aber während er die Worte aussprach, spürte er einen Anflug von Enttäuschung. Denn eigentlich hatte er nicht vorgehabt, den Rest seines Lebens als Single zu verbringen, und er wollte auch nicht wie ein Mönch leben.

Außerdem fühlte er sich auf eine unerklärliche Weise zu seiner Nachbarin hingezogen … Sie sprach ihn irgendwie an. So, wie ihn schon lange keine Frau mehr angesprochen hatte. Natürlich kannte er sie kaum. Aber seit sie in Schlafanzug und völlig außer sich vor seiner Haustür gestanden hatte, musste er zu seiner Überraschung immer wieder an sie denken. Kein Wunder: Sie war klug, hübsch anzusehen, konnte kochen und hatte einen knackigen Po. Außerdem brachte sie ihn mit ihrer Art zum Lachen. Trotzdem – im Moment hatte er andere Sorgen.

„Nein, wir brauchen niemanden. Wir haben ja uns“, sagte er also und wies Hank an, sich wieder richtig hinzusetzen. „Die vier Musketiere haben Aufnahmestopp.“

3. KAPITEL

Seit Lauren vor drei Jahren in ihr Haus gezogen war, hatte sie noch kein einziges Mal die Nachbarschafts-Gartenparty am vierten Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, verpasst. Als Neuzugang war Cole Donovan mit seiner Familie diesmal die Hauptattraktion. Den meisten Männern und einigen Frauen war er durchaus ein Begriff. Es interessierten sich offenbar viel mehr Menschen für Baseball, als sie für möglich gehalten hätte. So sehr, dass sie ihn sofort erkannten – ohne vorher im Internet recherchiert zu haben.

Im Moment war er von einer nicht gerade kleinen Gruppe Männer umgeben und beantwortete geduldig deren Fragen. Dabei schaute er hin und wieder zum Swimmingpool hinüber, wo Meredith, Hank und Justin mit ein paar anderen Kindern badeten. Hier in der Nachbarschaft gab es einige Kinder, aber die meisten wohnten ein Stück weiter weg als die Donovans, und Lauren bekam nicht so viel von ihnen mit.

Sie selbst unterhielt sich gerade mit einigen Frauen und versuchte dabei, nicht allzu oft zu Cole hinüberzusehen. Anfangs schien es ihm unangenehm zu sein, so im Mittelpunkt zu stehen. Aber jetzt, wo er die Männer ein bisschen kennengelernt hatte, entspannte er sich merklich.

Lauren lächelte den Frauen um sie herum zu und machte hier und da eine Bemerkung. Cole schien sie gar nicht weiter zu beachten. Insgeheim wurmte sie das ganz schön – mehr, als ihr lieb war.

Natürlich hatte sie sich nicht seinetwegen die weißen Shorts mit den passenden Sandaletten und dem nagelneuen türkisfarbenen Spaghetti-Top angezogen. Sonst trug sie auf solchen Festen meistens ausgeleierte Jeansshorts und ein XL-T-Shirt, aber diesmal hatte sie aus irgendeinem Grund das Bedürfnis gehabt, sich etwas schicker anzuziehen. Aus dem gleichen Grund trug sie heute auch das Haar offen, statt es wie sonst zu einem praktischen Pferdeschwanz zu binden. Aber das hatte alles rein gar nichts mit ihrem neuen Nachbarn zu tun. Auf keinen Fall.

Gerade kümmerten sich einige Männer um den Grill, zahlreiche Kinder verschiedenen Alters tobten um den Pool herum. Die Donovan-Kinder konnte Lauren heraushören, ohne hinzugucken. Die drei waren deutlich lauter als die anderen, gleichzeitig waren ihr die Stimmen schon seltsam vertraut.

Summer Schuler, die ein paar Häuser weiter auf der anderen Straßenseite wohnte, stellte sich neben Lauren. Lächelnd beugte sie sich zu ihr herüber. „Dein neuer Nachbar ist ja ein echtes Sahneschnittchen.“

„Wirklich?“, erwiderte Lauren übertrieben gelassen. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“

Summer lachte, dann trank sie einen großen Schluck Eistee aus einem roten Plastikbecher. „Ach, komm schon, Lauren, du bist doch nicht blind. Außerdem bist du eine ganz schön schlechte Lügnerin. So, wie’s aussieht, ist er noch zu haben. Genau wie du.“

„Ja, dazu hat er drei Kinder, die keine Sekunde halblang machen.“

Summer lachte erneut und legte Lauren eine Hand auf den Arm. „Tja, kein Mann ist perfekt.“

Als wüsste Lauren das nicht selbst viel zu gut …

Summer senkte die Stimme. „Mir ist ja bewusst, dass er nicht all deinen Ansprüchen gerecht wird, aber insgesamt ist er schon mal gar nicht so schlecht, oder?“

„Ach was. Er hat drei Kinder, ist sportbesessen und außerdem viel zu groß für mich. Da kriege ich ja jedes Mal Nackenstarre, wenn ich mich mit ihm unterhalten will.“

Summer hob die Augenbrauen. „Kauf dir einfach Schuhe mit richtig hohen Absätzen, dann passt das schon.“

Eine Trittleiter wäre wahrscheinlich angemessener, dachte Lauren, überlegte sich aber gleichzeitig, ob sie auf High Heels einigermaßen laufen könnte.

Unbeirrt sprach Summer weiter: „Ich finde, dass du dich von diesen ganzen Ansprüchen verabschieden solltest, die du an deinen Zukünftigen stellst. Du tust ja so, als könntest du dir den richtigen Ehemann backen wie einen deiner tollen Kuchen: Man nehme hundert Gramm Humor, höchstens hundertachtzig Zentimeter Körpergröße … Aber so funktioniert das nicht!“

Lauren runzelte die Stirn. Im Geiste war sie immer noch mit dem Thema High Heels beschäftigt. Was redete Summer da eigentlich? Hatte sie etwa gerade das Wort Ehemann in den Mund genommen?

In diesem Augenblick ertönte ein markerschütternder Schrei. Abrupt fuhr sie zum Pool herum, wo der Schrei hergekommen war. Alle anderen Partygäste blickten in die gleiche Richtung. Es war totenstill.

Selbst die Kinder gaben keinen Ton mehr von sich. Sie standen entweder am Beckenrand oder schwammen auf der Stelle. Nur eines von ihnen lag reglos neben der gefliesten Treppe, die ins Wasser führte.

Meredith! dachte Lauren. Meredith hat eben geschrien! Automatisch setzte sich Lauren in Bewegung.

In diesem Moment löste Cole sich von der Männergruppe und rannte los, in Richtung Pool. Andere Partygäste folgten ihm. Lauren wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte: Cole Donovan hatte sie schon den ganzen Nachmittag lang ignoriert, hatte ihr nicht mal kurz zugenickt. Da wollte er jetzt bestimmt nicht ausgerechnet sie an seiner Seite haben.

Trotzdem lief Lauren weiter auf den Pool zu. Sie musste unbedingt wissen, was passiert war. Also schob sie den stämmigen Mann zur Seite, der letztes Jahr ans Ende der Straße gezogen war, und drückte sich an einem schwarz gekleideten Teenager vorbei. Am Schwimmbecken fiel ihr Blick gleich auf Hank und Meredith – und dann auf Justin, der immer noch am Boden lag. Justin, der Kleinste von allen. Der Junge, der keine Lasagne mochte. Und sie, Lauren, mochte er auch nicht.

Cole ging neben seinem jüngsten Sohn in die Hocke und untersuchte ihn vorsichtig. Offenbar hatte er eine stark blutende Platzwunde am Kopf. Schnell zog Cole sich das T-Shirt aus und drückte es ihm gegen die Schläfe. Dann hob er den Jungen hoch. Das Blut lief Justin immer noch in Strömen über das Gesicht, aber immerhin war er bei Bewusstsein und außerdem ansprechbar. Lauren konnte nicht hören, was er seinem Vater gerade erzählte. Sie bekam nur mit, dass er weinte, dabei aber relativ ruhig wirkte.

Cole dagegen war weiß wie eine Wand und bebte am ganzen Körper. Einige Nachbarn boten ihm ihre Hilfe an, aber er stieß sie nur ungeduldig zur Seite. Dann rannte er mit seinem Sohn auf dem Arm durch den Garten, in Richtung Straße. Meredith und Hank folgten ihm. Das Mädchen weinte ebenfalls und erklärte mit bebender Stimme, sie habe Justin mehrfach ermahnt, nicht über die nassen Fliesen zu laufen, aber er habe einfach nicht auf sie gehört und war ausgerutscht.

Unbeirrt ging Cole weiter. Und Lauren blieb einen Moment lang reglos stehen. Am besten, ich halte mich da heraus, sagte sie sich.

Offensichtlich wollte Cole keine Hilfe annehmen. Weder von ihr noch von sonst jemandem. Wahrscheinlich brauchte er auch keine: Dass eine Kopfwunde stark blutete, war völlig normal. Immerhin war der Junge noch bei Bewusstsein, und das war definitiv ein gutes Zeichen. Oder etwa nicht?

Sie seufzte. Was sie sich da gerade selbst sagte, stimmte zwar alles … aber trotzdem kam es für sie nicht infrage, ihren Nachbarn so aufgewühlt, wie er jetzt war, ins Auto steigen zu lassen.

„Tut mir leid, ich muss jetzt weg!“, rief sie ihrer Freundin Summer kurz zu, dann rannte sie los. Vielleicht konnte sie Cole Donovan und seine Familie ja noch einholen.

Es ist nur eine harmlose Platzwunde, sagte Cole sich. Nichts Lebensbedrohliches.

Warum hämmerte dann sein Herz so wild gegen seinen Brustkorb, dass er nicht mehr richtig denken konnte?

Der Anblick war natürlich kein schöner: Justins Gesicht war blutüberströmt, und das T-Shirt, das er gegen seine Schläfe gepresst hatte, an einer Stelle ganz durchtränkt. Wenn seinem Jungen etwas Schlimmes passiert sein sollte, würde er sich das nie verzeihen. Sollte Janet etwa recht behalten? War er wirklich nicht in der Lage, seine drei Kinder allein großzuziehen?

Wie würde sie wohl reagieren, wenn sie herausfand, was passiert war? Würde sie dann versuchen, ihm die drei wegzunehmen? Manchmal kam es ihm so vor, als hätte sie genau das vor. Sie war wütend gewesen, als er einfach aus Birmingham weggezogen war, in eine Stadt, die zwei ganze Autostunden von ihrem Wohnort entfernt lag. Darüber, dass er ihr alles weggenommen hatte, was ihr noch von ihrer verstorbenen Schwester geblieben war.

Jetzt hatte er schreckliche Angst. Vielleicht war er wirklich kein guter Vater.

Er riss die Hintertür seines Minivans auf und legte Justin vorsichtig auf den Rücksitz. Es fiel ihm schwer, den Jungen loszulassen. Sonst war Justin immer so ein Temperamentsbündel. Jetzt wirkte er nur noch klein und schwach und schrecklich einsam.

Auf der anderen Seite des Wagens ging die Tür auf, und Meredith setzte sich neben ihren Bruder.

Jetzt aber los! Gerade hatte Cole die Fahrertür aufgerissen, da hörte er jemanden nach ihm rufen. Eine Frauenstimme: „Mr. Donovan! Warten Sie!“

Er erstarrte. Und drehte sich um. Seine Nachbarin Lauren Russell rannte auf den Wagen zu. Ohne sich bei ihm zu erkundigen, ob ihm das überhaupt recht war, rief sie den Kindern ihre Anweisungen zu: „Meredith und Hank, lauft schnell ins Haus und zieht euch ein paar trockene Sachen über! Und dann bringt eurem Vater bitte noch ein frisches Hemd mit, ja? Im Krankenhaus läuft den ganzen Sommer lang die Klimaanlage, da holt ihr euch in euren Schwimmsachen eine fette Erkältung!“

Die Kinder stürzten los. Die Haustür hatte Cole gar nicht erst abgeschlossen, weil die Party gleich auf der anderen Straßenseite stattfand. „Bringt bitte auch ein frisches Handtuch mit!“, rief Lauren noch. „Und eine Decke für Justin!“ Dann öffnete sie die Wagentür und betrachtete den Jungen.

Er hob den Kopf und funkelte die Nachbarin wütend an. Die Platzwunde schien inzwischen nicht mehr so stark zu bluten. „Sie wollen doch nur ein Date mit meinem Dad“, sagte er. „Küssen Sie ihn jetzt auch?“

Lauren wirkte ein bisschen perplex. Sie runzelte die Stirn und kniff die Lippen zusammen. Dann erwiderte sie: „Also, erstens ist das hier kein Date, sondern wir fahren nur zusammen ins Krankenhaus. Und zweitens habe ich keinerlei Interesse an einem Date. Ganz grundsätzlich nicht.“ Die Sache mit dem Kuss überging sie einfach.

„Und warum nicht?“, hakte Justin nach.

Ja, genau, dachte Cole. Warum eigentlich nicht?

„Weil ich unheimlich viel zu tun habe“, erklärte Lauren. „Da habe ich keine Zeit, mich mit Männern zu verabreden.“

„Ach so.“ Justin wirkte erleichtert. „Dad hat auch keine Zeit für so was.“

Wenige Minuten später kamen Meredith und Hank schon wieder aus dem Haus gerannt. Sie trugen beide khakifarbene Shorts und schlichte T-Shirts, außerdem hatte Meredith ein Handtuch, ein Männer-T-Shirt und eine alte Decke im Arm.

„Ich habe die Haustür abgeschlossen“, rief das Mädchen.

Dann übernahm Lauren das Kommando. Sie nahm Meredith das Handtuch ab, löste sanft das blutdurchtränkte T-Shirt von Justins Schläfe und presste stattdessen das Handtuch dagegen. Mit der anderen Hand langte sie nach vorn und riss Cole blitzschnell den Autoschlüssel aus den Fingern. „Tut mir leid, aber so können Sie nicht fahren. Sie zittern ja am ganzen Körper.“

Cole wollte ihr widersprechen, überlegte es sich aber anders. Sie hatte ja recht.

„Außerdem ist da momentan diese Baustelle auf dem Weg zum Krankenhaus. Aber ich kenne eine Abkürzung zur Notaufnahme.“

Cole setzte sich zu Justin und Hank auf die Rückbank, und Meredith kletterte neben Lauren auf den Beifahrersitz. Dann zog sich Cole das frische T-Shirt über und stützte Justins Kopf, während er das Handtuch weiter sanft gegen die Wunde drückte. Einerseits war er froh darüber, dass er jetzt für seinen Sohn da sein konnte, während Lauren Russell sie alle zur Notaufnahme fuhr. Andererseits schrillten bei ihm gerade sämtliche Alarmglocken.

Ich kriege das allein hin, sagte er sich immer wieder. Ich brauche niemanden außer meinen Kindern. Schon gar nicht meine hübsche Nachbarin.

Lauren erschauerte im Luftzug der Klimaanlage und rieb sich die kalten Arme. Selbst schuld, schließlich hatte sie genau gewusst, wie kalt es im Krankenhaus sein würde. Warum hatte sie sich keinen Pulli mitgenommen?

Die Antwort war einfach: Wenn sie noch mal in ihr Haus gelaufen wäre, wäre Cole einfach ohne sie losgefahren. Mit nacktem Oberkörper. Wahrscheinlich hätte sie auf so etwas nicht achten dürfen, aber ohne T-Shirt sah er einfach umwerfend aus: Er hatte Muskeln wie eine griechische Statue, breite Schultern und eine leicht behaarte Brust. Dazu einen absolut flachen, durchtrainierten Bauch. Unglaublich, dass sie das alles bemerkt hatte, während sie sich eigentlich auf seinen verletzten Sohn hätte konzentrieren müssen. Na ja, im Großen und Ganzen hatte sie das auch getan.

Trotzdem hatte sie parallel darüber nachgedacht, dass diese beachtlichen Muskeln bestimmt nicht vom Wäschezusammenlegen stammten. Wahrscheinlich trainierte er also noch regelmäßig. Auch die kleine Tätowierung auf seiner Schulter war ihr aufgefallen: ein Baseball, aus dem Flammen schossen, als hätte er eine Art Raketenantrieb.

Cole und Justin waren längst in der Notaufnahme. Also saß Lauren mit der schmollenden Meredith und dem verängstigten Hank im Warteraum. Die Zwölfjährige war so weit von Lauren abgerückt, wie sie nur konnte. Wahrscheinlich hätte sie sich nie im Leben neben sie gesetzt, aber ein anderer Platz war nun mal nicht frei gewesen.

Hank hingegen verhielt sich genau anders herum. Er hatte den Kopf an Laurens Arm geschmiegt und drückte ihre Hand. Gleichzeitig rutschte er die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Schließlich hob er den Kopf und sah sie mit seinen unglaublich großen blauen Augen an, die er eindeutig von seinem Vater geerbt hatte. Er und Justin waren Cole wie aus dem Gesicht geschnitten. „Justin muss doch nicht sterben, oder?“, flüsterte er ihr zu.

Lauren zog sich das Herz zusammen. „Nein, auf keinen Fall, mein Schatz. Es geht ihm bald wieder gut.“ Sie schluckte. Das hätte sie den Kindern schon viel früher sagen sollen. Aber sie war nicht auf die Idee gekommen, dass zumindest Hank die Lage so ernst einschätzte. „Es kann sein, dass er danach noch ein bisschen Kopfschmerzen hat … und eben ein kleines Aua. Aber das ist alles nicht so schlimm.“

Meredith verzog das Gesicht. „Wie bitte? Ein kleines Aua?“, wiederholte sie abfällig.

Lauren ging einfach nicht auf sie ein.

„Meine Mutter ist nämlich auch schon tot“, sagte Hank. „Ich weiß gar nicht mehr, wie sie aussieht, aber Dad hat mir Fotos von ihr gezeigt und mir erzählt, wie sie war.“

Auf einmal kam es Lauren vor, als würde ihr etwas den Brustkorb zusammendrücken. Sie fühlte sich völlig hilflos. Wusste nicht, wie sie ein Kind trösten sollte, das schon sehr viel mehr über den Tod erfahren hatte, als man es in seinem Alter eigentlich sollte. „Ich weiß“, raunte sie ihm leise zu.

„Dad hat uns gesagt, dass wir nicht über die nassen Fliesen am Swimmingpool rennen sollen“, erklärte Hank und entspannte sich merklich. „Aber dann wollte eines von den anderen Kindern Justin fangen, und da ist er …“

„Das interessiert sie doch alles gar nicht, Hank“, unterbrach Meredith ihn kühl. „Hör auf, ihr ein Ohr abzukauen.“

Ohne Hanks Hand loszulassen, wandte sich Lauren zu Meredith zu, um dem Mädchen ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Wahrscheinlich kam sie äußerlich eher nach ihrer Mutter, mit Cole hatte sie nämlich nicht viel gemeinsam. Höchstens die Nase, auch ihr Mund sah seinem ähnlich. Aber im Gegensatz zu ihm hatte sie blonde Haare und dunkelbraune Augen. Sie war wirklich ein hübsches Mädchen. Im Moment spiegelten ihre zarten Züge allerdings Wut und Verzweiflung wider. „Das stimmt nicht, mich interessiert das sehr wohl“, sagte Lauren ruhig.

„Sie wollen sich doch bloß bei unserem Vater einschleimen.“ Demonstrativ wandte Meredith den Kopf ab. „Er ist berühmt, und Sie sind nicht verheiratet und haben auch keinen Freund. Darum sind Sie so nett zu uns.“

„Das stimmt nicht ganz, Meredith“, erwiderte Lauren. „Gut, dein Vater war vor ein paar Jahren ein bekannter Mann. Aber ich möchte ihn nicht heiraten, ich wünsche mir auch keine Beziehung. Und ich bin deswegen so nett zu euch, weil ihr meine Nachbarn seid und ich euch gern unterstützen will, wenn ich das kann. Das hätte ich übrigens für jeden getan. Mit Einschleimen hat das nichts zu tun.“

„Dad ist immer noch berühmt, es gibt sogar Baseball-Sammelkarten mit seinem Foto“, flüsterte Meredith.

„Das kann schon sein, aber ich sammele keine Baseballkarten. Das liegt daran, dass ich mich für den Sport nicht weiter interessiere. Ehrlich gesagt, finde ich Baseball ziemlich langweilig.“

„Das müssen Sie mir jetzt schwören“, sagte Meredith trotzig.

„Was genau soll ich dir schwören?“

„Dass Sie nicht nur deswegen so nett zu uns sind, weil Sie sich an unseren Dad ranmachen wollen.“

Lauren seufzte. Zugegeben: Cole Donovan war wirklich der bestaussehende Mann, der ihr seit Jahren über den Weg gelaufen war. Und sie müsste lügen, wenn sie behaupten wollte, dass sie sich nicht körperlich zu ihm hingezogen fühlte. Aber das lag wahrscheinlich in erster Linie daran, dass sie schon so lange keinem Mann mehr nahgekommen war. Aber inzwischen war sie keine Siebzehn mehr, sondern fast dreißig, und hatte ihre Hormone durchaus unter Kontrolle!

„Gut, ich schwöre es dir“, sagte sie also. „Und … darf ich dir mal etwas verraten, so von Frau zu Frau? Du fängst ja bestimmt auch bald an, dich mit Jungs zu verabreden. Wenn du dich für einen bestimmten Typen interessierst, bringt es überhaupt nichts, dich seinetwegen zu verstellen. Du solltest immer du selbst bleiben. Was hast du auch davon, wenn jemand nicht wirklich dich mag, sondern bloß die Person, die du ihm vorspielst?“

Sie seufzte. Es fiel ihr nicht leicht, für das, was sie sagen wollte, die richtigen Worte zu finden. „Jedenfalls ist es am allerwichtigsten, dass du einfach du selbst bist. Und dass du dich genau so magst. Und wenn dir irgendein Junge erzählt, dass du seinetwegen anders sein sollst, dann nimmst du am besten beide Beine in die Hand. Verstehst du, was ich meine?“

Inzwischen wirkte Merediths Gesichtsausdruck schon lange nicht mehr so abweisend. „Ja, so ein bisschen. Aber Dad hat gesagt, dass ich nie einen Freund haben darf.“

Lauren lächelte. „Das war bestimmt ein Missverständnis. Wie alt bist du eigentlich?“

„Zwölf. Na ja, zwölfeinhalb. Eigentlich fast dreizehn.“

„Das ist noch etwas früh für eine Beziehung, aber es dauert bestimmt nicht mehr lange.“

Meredith rutschte unruhig hin und her, schließlich rückte sie den Stuhl ein kleines Stück näher an Lauren heran. In diesem Moment legte Hank ihr den Kopf in den Schoß und schloss die Augen. Inzwischen war er ganz ruhig.

„Darf ich Sie mal was fragen?“, sagte Meredith leise.

Lauren nickte.

„Sie meinten doch eben im Auto, dass Sie grundsätzlich keine Dates haben wollen. Warum eigentlich nicht?“

Wie sollte Lauren dem Mädchen das bloß erklären? Dass sie schon zu viele unglückliche Erfahrungen mit den falschen Männern gemacht hatte und darum ihrem Instinkt nicht mehr traute, wollte sie ihr nicht sagen. „Meine Arbeit ist mir eben sehr wichtig, und ich habe immer viel zu tun“, antwortete sie also. „Da habe ich keine Zeit für Dates.“

Minutenlang saßen sie einfach schweigend nebeneinander. Hank schlief schnell ein, bald hörte sie seine gleichmäßigen Atemzüge. Meredith entspannte sich merklich, inzwischen wirkte sie lange nicht mehr so feindselig wie anfangs.

Plötzlich meldete sie sich wieder zu Wort. „Wo wir gerade über so Frauenkrams und Jungs und Männer geredet haben …“, begann sie. „Würden Sie mir vielleicht mal zeigen, wie man sich richtig schminkt? Also, nicht jetzt sofort, aber irgendwann mal, wenn Sie gerade nichts anderes vorhaben.“

„Aber du hast so ein wunderschönes Gesicht, da brauchst du doch kein …“ Lauren unterbrach sich. Sie klang ja schon wie ihre Großmutter! „Gut, wenn dein Vater damit einverstanden ist, können wir uns gern mal zusammensetzen und ein paar Dinge durchprobieren. Die ganze Kunst besteht darin, so wenig davon aufzutragen, dass es anderen Leuten nicht groß auffällt. Dann siehst du immer noch aus wie du selbst, nur besser.“

Zum ersten Mal sah Lauren das Mädchen lächeln. Aha, das hat sie also von ihrem Vater geerbt, dachte Lauren: sein Lächeln. Auf einmal wurde es ihr warm ums Herz. Als Nächstes lehnte sich Meredith ebenfalls gegen ihren Arm und schloss die Augen. Die kühle Luft der Klimaanlage spürte Lauren schon gar nicht mehr.

„Und wie Sie diese Lasagne gemacht haben – das würde ich auch gern wissen“, murmelte Meredith. „Die war nämlich richtig lecker.“

„Du fängst aber früh mit dem Kochen an“, erwiderte Lauren. „In deinem Alter konnte ich gerade mal mit Anleitung Haferkekse backen oder Spaghetti.“

„Na ja, Dad kocht eben nicht besonders gern und auch nicht gerade gut. Da helfe ich ihm ein bisschen.“

Lauren konnte sich Cole auch nur schwer in der Küche vorstellen. Er wirkte einfach nicht wie ein besonders „häuslicher“ Typ. „Das finde ich wirklich lieb von dir, Meredith.“

Das Mädchen umfasste Laurens Oberarm und entspannte sich. Dann schloss sie die Augen.

Genau so saßen die drei immer noch da, als Cole und Justin wenig später zu ihnen ins Wartezimmer kamen. Cole war nach wie vor ziemlich blass, zitterte aber nicht mehr. Justin hatte einen dicken Verband um den Kopf, wirkte ansonsten aber recht fröhlich. Einen kurzen Augenblick lang begegneten sich Laurens und Coles Blicke, und sie erschauerte. Es fühlte sich an, als spürte sie so etwas wie eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen.

Cole blieb abrupt stehen und starrte sie verwirrt an. Hatte er etwas das Gleiche gespürt?

Also gut. Sie fühlten sich zueinander hingezogen. Spürten, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Dass es Möglichkeiten gab …

Und gleichzeitig bestand nicht die geringste Chance, aus diesen Möglichkeiten Realität werden zu lassen.

Lauren atmete tief durch, dann bog sie in ihre Wohnstraße ein. Von Weitem sah sie schon das warme Licht der Eingangsbeleuchtung.

Was für ein langer, seltsamer Tag, dachte sie.

Jetzt wollte sie nur noch einen Tee trinken, schön warm duschen und sich sofort ins Bett kuscheln. Sie fuhr Coles Wagen die Auffahrt der Donovans hoch. Im Auto war es ganz still. Alle Kinder waren auf der Heimfahrt eingeschlafen, und Cole hatte nicht mehr mit ihr gesprochen, seit sie vom Krankenhausparkplatz gefahren war.

„Danke“, sagte er jetzt leise, als sie den Motor abstellte. „Ich weiß nicht, wie wir das ohne dich hätten schaffen sollen.“

„Gern geschehen.“ Sie stieg aus und wollte am liebsten sofort in ihrem Haus verschwinden, um ihr Programm mit Tee, Dusche und Bett durchzuziehen. Im Wagen wurden gerade die Kinder wach.

„Lauren?“ Das war Hank. „Bringst du mich heute ins Bett?“

„Lauren hatte heute schon genug um die Ohren“, gab Cole zurück. Es klang ein bisschen schroff. Aber vielleicht lag das einfach daran, dass er auch ganz schön erschöpft war.

„Ach, bitte!“ Hank zog das Wort in die Länge, bis ihm die Luft ausging. Als würde sie ihm damit einen Herzenswunsch erfüllen. Und den konnte ihm Lauren einfach nicht abschlagen.

„Das wäre mir sozusagen eine Ehre“, sagte sie also lächelnd und half dem Jungen vom Rücksitz, während Cole Justin ins Haus trug. Meredith gähnte und folgte den beiden, Lauren und Hank gingen hinterher. Plötzlich legte der Junge seine kleine, weiche Hand in ihre. Die vertrauensvolle Geste berührte Lauren tief.

Meredith gähnte erneut, wünschte allen eine gute Nacht und verschwand in ihr Zimmer. Justin wurde gerade mal lange genug wach, um seinen Vater zu fragen, ob er heute bei ihm schlafen dürfte. Cole war einverstanden.

Lauren begleitete Hank in sein Zimmer. Es sah ziemlich chaotisch aus, aber es war durchaus sauber. Überall standen Action-Figuren in den Regalen, an einer Wand stand eine Spielzeugkiste mit Wasserpistolen, Plastikdrachen und Bällen in den unterschiedlichsten Größen. Über dem Bett hing ein Aquarellbild, auf dem irgendein Fabelwesen zu sehen war. Ansonsten lag kaum schmutzige Wäsche herum, außerdem hatte jemand das Bett gemacht. Zwar nicht besonders gut, aber immerhin.

„Ich finde dich richtig toll“, murmelte Hank schläfrig, zog eine Schublade auf und holte einen Schlafanzug heraus. Hose und Oberteil passten ganz offensichtlich nicht zusammen. „Du kannst doch auch Kinder kriegen, dann habe ich jemanden zum Spielen.“

„Aber du hast doch schon einen Bruder und eine Schwester.“

„Ja, aber die wollen meistens andere Sachen spielen als ich. Meredith steht auf diesen ganzen Mädchenkram.“

„Sie ist ja auch ein Mädchen“, erklärte Lauren.

Hank zog sich nach und nach die Sachen aus und warf sie in Richtung Wäschekorb. Sie wandte ihm dem Rücken zu, damit er sich nicht von ihr beobachtet fühlte, aber anscheinend war ihm das egal.

„Oder magst du keine Kinder?“

„Doch, sehr gern sogar.“

„Das hab ich mir gedacht. Ich glaube, du wärst eine ganz tolle Mom.“

Wenn sie daran denken musste, dass dieser kleine Junge schon im Alter von zwei Jahren seine Mutter verloren hatte, zog sich Lauren das Herz zusammen. „Vielleicht kriege ich ja irgendwann mal Kinder“, erwiderte sie.

Als sie das Quietschen der Bettfedern hörte, wandte sie sich wieder zu Hank um. Er schlüpfte gerade unter die Decke. „Musst du dir nicht noch die Zähne putzen?“

„Nein“, gab er mit fester Stimme zurück. „Wir fahren hier das Mindestprogramm, sagt Dad immer.“

„Wie bitte?“

„Das Mindestprogramm“, wiederholte Hank. „Einmal täglich Zähneputzen reicht.“

„Das stimmt aber nicht.“ Lauren setzte sich auf die Bettkante. „Man muss sich die Zähne wenigstens einmal nach jeder Mahlzeit putzen. Das ist das Mindestprogramm.“

„Quatsch“, murmelte Hank. Ihm fielen schon die Augen zu.

„Kein Quatsch.“

„Ich hab doch sowieso noch nicht so viele Zähne zum Putzen“, sagte Hank, und dann war er auch schon ins Reich der Träume übergewechselt.

Lauren deckte ihn zu und schlich sich aus dem Zimmer – was gar nicht nötig gewesen wäre: Hank schlief offenbar so tief und fest, dass nicht mal ein Presslufthammer ihn aufgeweckt hätte.

Jetzt aber, dachte sie. Erst der Tee, dann die Dusche und schließlich das Bett!

Lauren schloss die Tür, drehte sich um … und stieß dabei fast mit Cole zusammen. Oder vielmehr: mit seinem Oberkörper, der sich auf ihrer Augenhöhe befand.

Sie nuschelte eine Entschuldigung und wich einen Schritt zurück. Er hingegen blieb einfach an Ort und Stelle stehen.

„Hast du Hunger?“, erkundigte er sich.

Erst der Tee, dann die Dusche und schließlich das Bett, wiederholte sie in Gedanken. Genau so hatte sie das eigentlich vorgehabt. Also war es sinnvoll, sein Angebot höflich abzulehnen.

Stattdessen antwortete sie ihm ganz automatisch: „Und wie!“

Coles Kühlschrank gab nicht besonders viel her – immerhin hatte er noch frischen Thunfischsalat und etwas Brot. Dazu öffnete er eine Tüte Chips und stellte einen Krug Wasser auf den Tisch.

Jetzt, da er wusste, womit Lauren ihr Geld verdiente, rechnete er fest damit, dass sie über das schlichte Abendessen die Nase rümpfen würde. Aber nichts dergleichen: Es schien ihr genauso gut zu schmecken, wie ihm ihre köstliche Lasagne geschmeckt hatte. Aber Hunger war schließlich der beste Koch.

„Vielen, vielen Dank noch mal für alles, was du heute getan hast“, sagt er. „Es tut mir leid, dass ich so ein Weichei bin, wenn mal ein bisschen Blut fließt.“

„Aber das ist doch absolut verständlich“, erwiderte Lauren. „Wenn mein Kind sich verletzt hätte, wäre ich auch völlig neben der Spur. Nicht, dass ich da aus Erfahrung sprechen könnte“, fügte sie hinzu. „Jedenfalls noch nicht.“

Cole betrachtete sie nachdenklich. Keine der Frauen, mit denen er sich in den letzten Jahren verabredet hatte, hatte ihn irgendwie seelisch berührt. Die Dates waren ausnahmslos in Katastrophen geendet. Mit Lauren fühlte es sich auf einmal ganz anders an. Aber konnte er es wirklich riskieren, sich näher auf sie einzulassen? Herauszufinden, ob mehr aus ihrer zarten Bekanntschaft werden konnte? „Warst du eigentlich schon mal verheiratet?“

Lauren schüttelte den Kopf und griff in die Chipstüte. „Nein, ich war bloß mal verlobt, aber daraus ist nichts geworden.

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