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BIANCA EXKLUSIV BAND 289

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Prickelndes Spiel mit der Liebe

PROLOG

„Ich wusste, dass dieses Praktikum eine große Chance für mich ist, aber ich hätte nie gedacht, dass ich hier so viele liebe Freunde finden würde.“ Chaney Sullivan und ihre zwölf Kolleginnen und Kollegen saßen zusammen im Pub und feierten ihre Abschiedsparty. Es fiel ihr schwer, London zu verlassen. Sie hob das Glas. „Ich werde euch alle schrecklich vermissen.“

„Wart’s nur ab, bis wir bei dir aufkreuzen und alle nach Hollywood wollen.“ Gemma, die ihre Wohnung mit Chaney teilte, warf ihre blonde Mähne zurück. „Dann vermisst du uns bestimmt nicht mehr.“

„Hollywood, die Filmstudios, Beverly Hills, Venice Beach.“ Chaney stellte ihr Bierglas ab. „Wenn einer von euch nach Los Angeles kommt, spiele ich gern die Fremdenführerin.“

„Gilt das auch für mich?“, sagte da eine tiefe männliche Stimme hinter ihr.

Bei dem vertrauten walisischen Akzent bekam Chaney sofort Schmetterlinge im Bauch, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Sie stand auf und drehte sich zu Drake Llewelyn um, dem Direktor von Dragon Llewelyn Limited. Sie reichte ihm gerade bis zum Kinn, sodass sie zu ihm aufschauen musste.

Drakes attraktives Aussehen und sein athletischer Körperbau, die jedem männlichen Model zur Ehre gereicht hätten, brachten ihm allgemeine Aufmerksamkeit der Frauen ein. Zudem vermittelte er jedem Mitarbeiter das Gefühl, als wäre er der Schlüssel zum Erfolg der Firma. Das machte ihn bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebt. Doch Chaneys Ansicht nach waren vor allem seine zupackende Art und seine Arbeitsmoral der Grund für seinen Erfolg.

Mit neunundzwanzig – nur sieben Jahre älter als sie selbst – hatte er Dragon Llewelyn zu einem international erfolgreichen Unternehmen im Medien- und Telekommunikationsbereich aufgebaut. Und zwar mit einer Mischung aus harter Arbeit und Know-how. Bewundernd strahlte Chaney ihn an. Sie konnte einfach nicht anders.

Drake sah von Kopf bis Fuß wie ein Erfolgsmensch aus, abgesehen von seinem Haar. Er hatte keinen ordentlichen Kurzhaarschnitt. Seine dunklen Wellen fielen im Nacken bis über den Kragen, wodurch er eher einen verwegenen als einen respektablen Eindruck machte.

Mehr als einmal hatte Chaney sich schon vorgestellt, ihre Finger durch sein Haar gleiten zu lassen. Sie hatte sich viele Dinge mit ihm ausgemalt, die alle nicht das Geringste mit ihren Aufgaben als Praktikantin zu tun hatten.

Er hob die Brauen, da er offensichtlich eine Antwort erwartete.

Drake Llewelyn wartete nicht gern. Das hatte Chaney während ihres viermonatigen Praktikums in der Übernahmeabteilung gelernt. Sie hob den Kopf. „Natürlich, Mr. Llewelyn.“

„Drake“, verbesserte er. „Seit einer Stunde ist Ihr Praktikum beendet. Sie arbeiten nicht mehr für mich.“ Aus seinen warmen braunen Augen mit den goldenen Punkten darin sah er sie an, als wäre sie das nächste Projekt, das er in Angriff nehmen wollte.

Nicht, dass er das tun würde, bei den vielen schönen Frauen, mit denen er sich umgab. Zurzeit hieß es in den Medien, dass er mit einem Supermodel liiert sei.

„Drake“, brachte sie mühsam hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken geworden, und sie fühlte sich wie ein Schulmädchen mit ihrem ersten Schwarm – und nicht wie eine Zweiundzwanzigjährige. Na schön, sie schwärmte tatsächlich für ihn. Genau wie alle anderen Frauen in der Firma.

Dieser Mann war ein echter Fang. Seine markanten Gesichtszüge wollte man am liebsten berühren. Seine vollen Lippen versprachen lange, heiße Küsse. Und sein Bankkonto garantierte ein sorgenfreies Leben. Welche Frau wünschte sich nicht, sein Herz zu erobern?

„Merken Sie sich unsere neue Reiseführerin für Südkalifornien vor, Gemma“, meinte er in dem halb neckenden, halb ernsthaften Ton, den Chaney so an ihm liebte. „Da wir ja jetzt einen Kabelkanal in der Firma haben, könnte es schon sein, dass wir häufiger dort sind.“

Gemma, die ebenfalls von ihm hingerissen war, lächelte entzückt. „Schon geschehen, Sir.“

„Sehr gut.“ Kleine Lachfältchen bildeten sich um seine Augenwinkel.

Chaney unterdrückte einen Seufzer. Seit sie Drake begegnet war, sehnte sie sich nach dem Unerreichbaren.

Gemma schob noch einen Stuhl heran, genau zwischen sich und Chaney.

Drake wies auf den Tisch mit den halb vollen Gläsern und Tellern voller Pommes frites. „Zu einer Abschiedsparty gehört mehr als Bier und Fritten. Bin gleich wieder da.“ Er ging zum Tresen und sprach mit dem Wirt.

Kurz darauf kamen Platten mit Appetithäppchen, Sekt und Sektgläser.

„So, jetzt können wir Chaney stilvoll in die USA zurückschicken“, erklärte Drake zufrieden.

Eine Kellnerin reichte ihr ein Sektglas.

Chaney fühlte sich so leicht und frei wie die Bläschen, die in ihrem Sekt perlten. „Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Sir. Vielen Dank.“

„Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach all der harten Arbeit und den vielen Überstunden, die Sie in den vergangenen Monaten geleistet haben. Vor allem beim Kauf des Kabelkanals.“ Er hob sein Glas. „Auf Chaney, die uns allen fehlen wird.“

Die Kollegen hoben ihre Gläser ebenfalls und stimmten in den Toast mit ein.

Chaney traten Tränen in die Augen. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Mit einem gemurmelten Dank trank sie einen Schluck.

Drake reichte ihr ein weißes Taschentuch. Eins von der Art, wie ihr Großvater sie immer in der Tasche gehabt hatte. Diese ritterliche, altmodische Geste ließ erneut ihre Tränen fließen. Drake Llewelyn war einfach zu gut, um wahr zu sein. Während Chaney sich die Augen abtupfte, stürzten sich ihre Freunde wie hungrige Hyänen auf das köstliche Essen.

„Wollen Sie denn nichts?“, fragte Drake.

„Doch.“ Sie nickte. „Ich überlege nur gerade, was ich zuerst probieren möchte.“

„Ich weiß schon, was ich will.“

„Die Scampi?“

Er beugte sich zu ihr, sodass sie seinen warmen Atem an ihrem Hals spürte. „Zu viel Knoblauch.“

Chaney überlief ein Schauer. Sie war es gewohnt, Drake aus der Ferne anzuhimmeln, nicht so aus der Nähe. Obwohl sie auf derselben Etage gearbeitet hatten, waren sie sich nur bei Meetings oder gelegentlich mal auf dem Flur begegnet. „Und was sagt Ihnen dann zu?“, fragte sie.

„Du.“

Ihr stockte der Atem. Sie glaubte zu träumen. „Ich …“

Drake sah sie über sein Glas hinweg an. „Ich habe dich beobachtet“, sagte er leise. „Du bist intelligent, arbeitest hart und bist unglaublich sexy. Geh nicht zurück nach Amerika, Chaney. Bleib in London, bei mir.“

Ihr Herz raste. Anscheinend hatte er die Beziehung mit dem Supermodel beendet. Chaney empfand Freude und Aufregung zugleich. Die ganze Zeit hatte sie von dem Mann geträumt und keine Ahnung gehabt, dass er in ihr mehr als nur eine seiner Praktikantinnen sah. „Warum haben Sie nie etwas gesagt?“

„Du hast für mich gearbeitet, Liebes. Und ich fange nie etwas mit meinen Angestellten an.“

Keiner ihrer Tagträume war jemals so fantastisch gewesen. In ihrem ganzen Leben hatte Chaney sich noch nie so gut gefühlt. „Sie wollen wirklich, dass ich bleibe?“

„Absolut.“

Oh, wow! Sie holte tief Luft und atmete dann langsam wieder aus. „Wie lange?“

Er zog die Brauen hoch. „Solange wir beide Spaß daran haben.“

Spaß. Drake wollte nichts von Dauer, sondern nur Spaß. Im Klartext hieß das, er wollte Sex. Und sich dann die nächste Frau holen, die ihm gefiel. So wie er es auch in der Zeit getan hatte, als Chaney in der Firma war. Und wie er es mit den Unternehmen machte, die er aufkaufte, neu strukturierte und danach für einen Riesenprofit wieder verkaufte, sobald sein Interesse nachließ.

Chaney war schlagartig ernüchtert. Und enttäuscht. Das Podest, auf das sie Drake gestellt hatte, fiel in sich zusammen. Sie richtete sich kerzengerade auf. Mit ihrer Schwärmerei war es vorbei. Sie war ganz sicher nicht das Spielzeug irgendeines Mannes. Abscheu erfüllte sie. Drake Llewelyn war ein Spieler, sonst nichts.

„Tut mir leid, Mr. Llewelyn.“ Chaney straffte die Schultern. „Sie haben die falsche Frau im Visier. Kurzfristige Kapitalanlagen sind mir zu riskant. Mich interessiert nur eine langfristige Anlagestrategie.“

1. KAPITEL

„Jungfrau in Nöten hier!“ Chaney, die sich mit einer schweren Kiste abmühte, warf einen Blick auf die antiken Rüstungen, die im großen Rittersaal von Abbotsford Castle standen. „Hey, ihr heldenhaften Ritter, könnt ihr mir vielleicht helfen?“

Die glänzenden Rüstungen standen in Reih und Glied, die Waffen zur Hand, doch keine rührte sich.

Die Geschichte ihres Lebens. Chaney lachte.

Okay, sie hatte zwar nicht das Happy End erlebt, das sie sich mal vorgestellt hatte, aber sie konnte sich auch nicht beschweren. Es kam nicht oft vor, dass man auf Spesen nach London fliegen und in einem luxuriösen Schloss wohnen durfte. Doch Chaney arbeitete hier drei Tage lang als Aufnahmeleiterin für eine angesehene Kabelkanal-Show.

Justin, ihr Chef, hatte ihr gesagt, dies wäre genau die Art von praktischer Erfahrung, die sie vorweisen müsste, um eine Chance auf die angestrebte Beförderung zu haben. Deshalb hatte sie Urlaub genommen und war nach England gekommen.

Diese Gelegenheit hatte sie Gemma zu verdanken, ihrer Freundin und früheren Mitbewohnerin. Chaney sollte dafür sorgen, dass die Dreharbeiten zu Tummelplatz der Milliardäre, einer Sendereihe über Urlaubsziele der Superreichen, problemlos verliefen. Vor allem musste sie darauf achten, dass die Zeitvorgaben und das Budget eingehalten wurden.

Die Kiste voller elektrischer Geräte fing in Chaneys schweißnassen Händen an zu rutschen. Ihre Arme schmerzten unter dem Gewicht, und die Brille rutschte ihr über die Nase. Chaney fasste nach, aber das brachte nicht viel.

„Darf ich Ihnen helfen, Mylady?“, fragte da eine Männerstimme hinter ihr.

Der walisische Akzent kam ihr bekannt vor. „Danke.“ Sie stützte die Kiste auf ihrem gebeugten Knie ab. „Ich hätte mir einen Rollwagen nehmen sollen.“

„Sie gestatten?“

Über die Schulter blickte sie ihren Retter an. Ein Mann in Kettenhemd, schwarzem Leder und Plattenharnisch an Schultern, Oberkörper und Beinen ging auf sie zu. Drake Llewelyn. Chaney raubte es den Atem. Er sah aus wie ein Ritter der Tafelrunde von König Artus. Nicht wie ein Milliardär, dessen neuestes Lieblingsprojekt diese Urlaubsshow seines Kabelkanals war, die er teilweise selbst moderierte.

Zugegeben, der Look stand ihm gut. Nur ist Drake Llewelyn leider kein edler Ritter mit nobler Gesinnung, dachte Chaney. Geschmeidig und kraftvoll wie ein Athlet kam er auf sie zu, ohne dass die Rüstung seinen Gang im Geringsten verlangsamte.

O nein, das Kostüm bedeutete offenbar, dass er die jetzige Folge doch selbst moderierte, obwohl ursprünglich jemand anders dafür vorgesehen war.

„Hallo, Chaney.“

Der warme Ton seiner Stimme ging ihr unter die Haut. Drake nahm ihr die Kiste ab, als wäre sie federleicht.

Chaney schob sich die Brille wieder auf der Nase hoch. Wegen ihrer müden und trockenen Augen hatte sie die Kontaktlinsen herausgenommen. „Danke.“

„Vielen Dank, dass Sie so kurzfristig für Gemma eingesprungen sind“, sagte Drake. „Sie sind über die Show auf dem Laufenden?“

„Ja.“

Mit seinen braunen Augen, in denen die wohlbekannten goldenen Pünktchen glitzerten, sah er Chaney tief in die Augen, sodass ihr plötzlich heiß wurde. Sein zerwühltes Haar wirkte, als wäre er gerade von einem Kreuzzug auf sein Schloss zurückgekehrt. Bereit, die erste Frau mit in sein Bett zu nehmen, die ihm gefiel.

Erstaunt betrachtete Chaney ihn genauer. „Sie haben sich einen Bart wachsen lassen.“

„Für den Dreh.“ Drake strich sich über den Bart an seinem Kinn. „Er ist zwar nicht so voll wie gehofft, aber ich dachte, mit Bart würde ich mehr nach Ritter aussehen.“

„Das stimmt auch.“ Normalerweise mochte sie keine Männer mit Bärten. Doch Schnauz- und Kinnbart verliehen ihm ein gefährliches, sexy Aussehen. Ein schwarzer Ritter, der bei Jungfern, Kurtisanen und Königinnen zweifellos gut ankam.

Chaney schluckte nervös.

„Wo soll die Kiste hin?“, fragte Drake.

„Zu den Scheinwerfern.“ Ihre Stimme klang tief, beinahe heiser und völlig unnatürlich.

Als er die Kiste vorsichtig an der Stelle absetzte, wo heute Abend gedreht werden sollte, klirrte sein Kettenhemd. Das Geräusch hallte durch den großen Raum, bis es von den mit Teppichen bedeckten Wänden verschluckt wurde.

Drake richtete sich wieder auf. Er war größer, als Chaney ihn in Erinnerung hatte. Und an seine dichten, langen Wimpern hatte sie sich auch nicht mehr erinnert. Eindringlich musterte er sie.

Chaney verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich gewusst hätte, dass wir uns verkleiden sollen, hätte ich mein Dirndlkleid mitgebracht.“

Er lachte. „Es ist schon viel zu lange her, Chaney.“

Mehr als fünf Jahre. Nach ihrer Ansicht noch nicht lange genug. „Ich bin bloß hier, um Gemma einen Gefallen zu tun.“

„Trotzdem ist es schön, Sie wiederzusehen.“

Auf keinen Fall wollte sie sich von seinem Charme in den Bann ziehen lassen. „Ich glaube kaum, dass Sie mich vermisst haben.“

„Aber ja.“

„Nach der Boulevardpresse zu urteilen, wohl eher nicht.“

Drake richtete einen seiner Kettenärmel so selbstverständlich, als ob Lederhose, Tunika und Rüstung seiner täglichen Kleidung entsprachen. „Sie haben die Presse über mich verfolgt?“

„Eigentlich nicht. Nur, wenn ich beim Einkaufen in der Kassenschlange stehe.“

„Einkaufen? Für Ihre Familie?“

Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. „Nein, für mich.“

„Gemma hat erzählt, dass Sie verlobt sind.“ Drake warf einen Blick auf ihre Hand, an der sich kein Ring befand. „Ich dachte, Sie wären mittlerweile verheiratet.“

„Nein.“

„Lassen Sie mich raten: Die langfristige Anlagestrategie ließ Ihrer Meinung nach etwas zu wünschen übrig.“

„Nein. Seiner Meinung nach.“

Drake streckte die Hand nach ihr aus, doch Chaney wich zurück.

„Ich will kein Mitleid“, erklärte sie abweisend. „Davon hatte ich mehr als genug, als Tyler, mein Verlobter, sich von mir getrennt hat.“

„Ich wollte gar nicht sagen, dass es mir leidtut“, meinte Drake. „Denn es tut mir nicht leid. Der Mann ist ganz offensichtlich ein Idiot.“

Sie unterdrückte ein Lächeln. „Er hat stattdessen meine Schwester geheiratet.“

„Dann ist Ihr Schwager ein Idiot.“

Chaney lachte. „Da haben Sie recht.“

„Aber Sie sind noch viel zu jung, um einen Hausstand zu gründen“, erwiderte Drake.

„Das habe ich in nächster Zeit auch nicht vor.“

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam.“

„Schon zwei Dinge“, sagte sie.

Fragend sah er sie an.

„Unsere gemeinsame Freundin Gemma.“ Chaney nahm ihr Klemmbrett von der Kiste. „Sie haben wir auch gemeinsam.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Das stimmt.“

„Wir sehen uns zwar nur selten, aber zum Glück gibt es ja das Internet. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte.“

„Ich auch nicht.“

Chaney war überrascht über den Nachdruck in Drakes Worten und die Besorgnis in seinen Augen. „Gemma und dem Baby geht es gut. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen. Sie ist sicher, dass ihr nur vorübergehend Bettruhe verordnet wird. Und so, wie Oliver sie verwöhnt, wird sie bestimmt die restlichen Dreharbeiten dieser Saison noch betreuen können.“

„Hoffentlich. Aber bis dahin habe ich ja Sie.“ Ein Lächeln umspielte seinen Mund.

„Nur am Set“, stellte sie klar.

„Natürlich“, meinte er belustigt.

Verlegen hielt sie ihr Klemmbrett fest. „Ich werde darauf achten, dass wir im Zeitplan bleiben, damit Sie Ihren Flug von Heathrow aus noch erreichen. Gemma sagte, das sei wichtig.“

„Immer noch dieselbe fleißige, kompetente Chaney. Das sollte gut funktionieren.“

Sie hob den Kopf. „Das denke ich auch.“

Drake lächelte. „Ich wusste schon immer, dass Sie es weit bringen werden. Aber ich hatte angenommen, Sie als Finanzgenie würden in die Firma Ihres Vaters einsteigen und nicht ins Showbusiness gehen.“

„Nun ja, immerhin haben meine Eltern mich nach Lon Chaney benannt“, gab sie zurück.

„Nach diesem alten Schauspieler?“

„Ja. Sie sind große Horrorfilm-Fans, mochten aber die alten Schwarz-Weiß-Streifen lieber als die neueren, blutrünstigen Filme.“

„Das ist ziemlich schräg“, sagte er.

„Ich weiß. Aber Chaney ist immer noch besser als Karloff oder Lorre. Allerdings habe ich die ersten Erfahrungen beim Fernsehen während meines Praktikums gemacht, als Sie Dragon Network gekauft haben. So bin ich zu dem Filmstudio gekommen, wo ich jetzt arbeite.“

„Erstaunlich, wie ein Praktikum den Berufsweg beeinflussen kann.“

Chaney nickte. Er hatte ja keine Ahnung.

„Und jetzt sind Sie wieder in England und arbeiten für die Show, für die wir damals das Konzept entworfen haben.“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Sie erinnern sich noch?“

„Ihr Name steht im Abspann.“

„Das ist eine nette Geste. Aber es ist nicht die Show, über die wir ursprünglich gesprochen haben“, widersprach sie.

„Mag sein. Trotzdem würde Tummelplatz der Milliardäre ohne dieses Meeting, an dem Sie teilgenommen haben, nicht existieren.“

„Danke.“

„Und? Wie finden Sie’s?“, erkundigte er sich neugierig.

„Cool“, erwiderte Chaney. „Ich weiß noch, als ich die erste Sendung sah, dachte ich: Wow, das ist also aus all unseren Ideen herausgekommen. Aber ich hätte nie gedacht, dass Sie selbst die Rolle des Moderators übernehmen würden.“

„Ich auch nicht“, gab Drake zu. „Aber als die Pilotsendung gedreht wurde, hatte ich gerade ein freies Wochenende. Wir haben niemand Passendes gefunden, und Gemma meinte, ich sollte es machen. Ich hatte Spaß dabei, daher beschloss ich, regelmäßig aufzutreten. Inzwischen nehmen wir aber auch Gastmoderatoren.“

„Gemma hat mir davon erzählt.“

„Haben Sie eine Lieblingsfolge?“

„Ja, die mit dem Kitesurfen an der Küste Grönlands“, sagte Chaney.

„Das waren wirklich aufregende Dreharbeiten. Einige Promis haben dort Urlaub gemacht und uns auf die Idee gebracht.“

„Und wer hatte die Idee mit dem mittelalterlichen Schloss hier?“, wollte sie wissen.

„Gemma, nachdem sie meinen Vorschlag zum Base-Jumping in Norwegen gestrichen hat.“

„Das war eine gute Entscheidung. Eine Vorschau von Ihnen in Ihrem Ritterkostüm wird sehr viel höhere Quoten bringen, als wenn Sie irgendeinen verrückten Stunt hinlegen.“

Drake hob die Brauen. „Sie scheinen sich da ja sehr sicher zu sein.“

„Es ist mein Job, Zuschauerreaktionen einzuschätzen und daraus die Werbeeinnahmen zu kalkulieren“, erklärte Chaney. „Sie müssen sich nur mal in einem der vielen vergoldeten Spiegel hier betrachten. Der Ritter-Look wird bei den Zuschauerinnen absolut einschlagen. Als ‚Sir Dragon Knight‘ könnten Sie eine ganz neue Fangemeinde gewinnen.“

Er lachte. „Und ich dachte immer, die Frauen hätten es bloß auf mein Bankkonto abgesehen.“

„Solche gibt es bestimmt. Aber alle Frauen sind für den Ritter-Typus empfänglich. Auch wenn sie es nie zugeben würden“, setzte sie hinzu.

„Geben Sie es denn zu?“, fragte Drake.

„Als Mädchen hatte ich eine große Schwäche für Ritter. Galahad war mein Held. Aber mittlerweile scheint mir das ganze Märchenthema ein bisschen überholt“, meinte Chaney. „Ich brauche niemanden, der mich rettet. Das kann ich schon selbst.“

„Eine sehr moderne und sehr praktische Lebenseinstellung.“

„Ich bin eben praktisch veranlagt.“ Ihr war nichts anderes übrig geblieben. „Ist irgendetwas verkehrt daran?“

„Überhaupt nicht.“ Der schalkhafte Ausdruck in seinen Augen passte zu seinem jungenhaften Grinsen. „Es würde mich interessieren, wie diese praktische Seite Ihre derzeitige Anlagestrategie beeinflusst. Was ist Ihnen lieber: kurzfristig, langfristig oder Tagesgeschäfte?“

„Nichts davon.“ Entschlossen begegnete sie seinem Blick. „Ich lege gerade eine Investitionspause ein.“

Es war ein Marathon-Dreh an diesem Abend. Drake atmete beinahe dankbar auf, als die Uhr Mitternacht schlug und die Arbeit kurz unterbrochen wurde. Als Produzent und Moderator hätte er natürlich jederzeit abbrechen können. Aber er musste am Sonntagnachmittag unbedingt den Helikopter nach Heathrow nehmen, um einen Flug zu erreichen. Daher wollte er keine Verzögerungen verursachen.

Er stand im heißen Scheinwerferlicht. In der schweren Rüstung floss ihm der Schweiß in Strömen über den Körper. Obwohl es sich nur um ein Kostüm handelte, bestand es aus Metall. Drake brauchte also dringend eine Dusche und vielleicht auch eine Massage, sobald sie endlich fertig waren.

Suchend blickte er sich im Salon nach Chaney um, konnte sie jedoch mit den beiden Kameras vor sich und der Filmcrew im Hintergrund nicht sehen.

Die antike Pendeluhr schlug weiter. Zehn, elf, zwölf. Dann Stille.

„Okay, Leute.“ Milt, der Regisseur, schlug in die Hände. „Nur noch die letzte Szene, und dann machen wir Schluss für heute.“

Das war ganz in Drakes Sinne.

„Sekunde.“ Liz, die Visagistin, lief zu ihm hin. Sie plusterte sein Haar auf, drehte mit den Fingern Locken hinein und verpasste ihm zusätzliches Haarspray. Dann lächelte sie zufrieden. „Viel besser.“

Wenigstens versuchte der Kostümbildner Russell nicht, die Rüstung mit Spucke zu polieren, sondern benutzte dafür ein weißes, weiches Tuch.

„Wir brauchen nur noch die letzte Zeile“, verkündete Milt.

Drake rieb sich den Nacken. „Kein Problem.“

„Das höre ich gern.“ Milt verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich möchte nur, dass Sie eine einzige Sache anders machen. Wenn Sie in die Kamera lächeln, dann bringen Sie die weiblichen Zuschauer zum Dahinschmelzen.“

„Ich bin Geschäftsmann, kein Schauspieler.“

„Heute sind Sie keins von beidem.“ Milt klopfte Drake auf die Schulter. „Sie sind Lancelot, Ritter und sagenhafter Lover. Ihre Königin Guinevere liegt allein und nackt in ihrem Bett und beobachtet Sie. Sorgen Sie dafür, dass sie sich wünscht, Sie wären bei ihr.“

Drake musste sich zurückhalten, um nicht die Augen zu verdrehen und zu lachen. „Okay, Sie sind der Boss. Aber hoffen wir, dass Guinny eine Decke hat. Schlösser können zu dieser Jahreszeit ziemlich zugig sein.“

Alle lachten. Sogar Milt lächelte. Liz kam mit der Wimpernzange auf Drake zu.

„Ist das wirklich notwendig?“, fragte er leicht gereizt.

Sie zwinkerte ihm zu. „O ja, Sir.“

Drake verzog das Gesicht, ließ die Prozedur über sich ergehen und machte sich bereit für die Szene.

Er hielt einen Goldkelch in der behandschuhten Hand und stand vor einem kunstvoll gemeißelten Kamin mit einem reich verzierten Wappen, das von zwei pausbäckigen Engeln gehalten wurde.

„Fertig, Sir Lancelot?“, fragte Milt.

Drake nickte kurz.

Milt sah Tony an, einen der beiden Kameramänner. „Sag Bescheid, wenn du so weit bist.“

„Sind die Mikros an?“, erkundigte Tony sich beim Tontechniker, der die Daumen hochhielt. „Kann losgehen.“

Gleich darauf sah Drake sein Einsatzsignal. Showtime. Sobald diese Zeile im Kasten war, konnte er endlich das tun, was er wollte. Und er wusste genau, was – oder besser wen – er wollte.

Guinevere war kein Vergleich zu Chaney. Ein Bild von ihr mit ihrer sexy Brille schoss ihm durch den Kopf.

Drake hob den Kelch und lächelte in die Kamera. „Und deshalb ist Abbotsford Castle einer meiner Lieblingsorte.“

Dieses luxuriöse und romantische Schloss wäre die ideale Spielwiese für ihn und Chaney. Nach fünf Jahren hatte die hübsche, smarte Amerikanerin nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Ganz im Gegenteil. Noch immer wollte Drake ihre vollen, rosigen Lippen schmecken, die während ihres Praktikums so verführerisch auf ihn gewirkt hatten. Er wollte wissen, ob das süße Grübchen in ihrer linken Wange so tief war, wie es den Anschein hatte. Er wollte ihr die eng anliegenden Jeans abstreifen und sehen, ob sie darunter einen Stringtanga, Boyshorts oder eine andere Art Slip trug.

Vor allem war Drake im Gedächtnis geblieben, wie Chaney ihn damals abserviert hatte. Im Laufe der Jahre hatte er immer wieder daran gedacht. Und jetzt, da er sie wiedergesehen und herausgefunden hatte, dass sie nicht verheiratet war, wollte er eine zweite Chance.

Sein Lächeln wurde noch breiter.

Milt zählte an den Fingern herunter. Fünf, vier, drei, zwei, eins. „Schnitt! Das war’s, Leute.“ Er rückte seine Baseballkappe zurecht. „Perfekt, Drake. Lächeln Sie weiter so; dann kommen Sie dieses Jahr sicher auf die Liste des ‚Sexiest Man Alive‘.“

Drake gab seinen Kelch Jessie, einer Praktikantin, die bei der Show mitarbeitete, und nahm die Flasche Wasser, die sie ihm hinhielt. „Danke, aber ich würde lieber die Liste des ‚Richest Man Alive‘ anführen.“

Während er das Wasser austrank, schleppte die Filmcrew die Ausrüstung an die Stelle, wo morgen gedreht werden sollte. Das Schloss war zwei Tage lang exklusiv für die Show gemietet, sodass sie nicht gestört werden konnten. Das Schlosspersonal hatte Erfahrung mit Filmteams und machte auch keine Probleme.

Drake gab Jessie die leere Flasche zurück, die damit davoneilte. Komisch, er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt selbst einen Mülleimer gesucht hatte. Vor vielen Jahren hatte er notgedrungen für sich und seinen Vater Mülltonnen durchwühlt. Wie die Zeiten sich doch geändert hatten.

Drake ging an den Scheinwerfern und Kameras vorbei, um Chaney zu suchen. Sie stand mit ihrem Klemmbrett in der Hand an der Tür und sprach mit der Produktionsleiterin. Heftiges Verlangen überkam ihn. Chaneys sportliche Figur hatte ihm schon immer gefallen. Doch nun betonte ihre Kleidung die weiblichen Rundungen. Früher hatte sie ihre langen, dunkelblonden Haare meistens zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Aber die neue schulterlange Frisur passte besser zu ihrem Gesicht. Die größte Veränderung war jedoch in ihren grünbraunen Augen zu erkennen. Darin zeigte sich ein Ausdruck von Reife.

Chaney Sullivan war kein junges Mädchen mehr, sondern eine Frau. Eine hart arbeitende, selbstbewusste und intelligente Frau. Gerade ihre Intelligenz hatte Drake schon immer besonders angezogen. Er verlangsamte seine Schritte, bis die Produktionsleiterin weiterging. Mittlerweile war der größte Teil der Crew ebenfalls verschwunden.

„Hallo.“

„Hi.“ Chaney hielt ihr Klemmbrett wie einen Schutzschild vor sich. „Tolle Aufnahme heute Abend.“

„Danke.“

Sie unterdrückte ein Gähnen.

„Hätten Sie Lust auf einen Drink mit mir?“, fragte er.

„Ich dachte, Sie treffen sich nicht mit Mitarbeitern“, entgegnete sie.

„Sie arbeiten ja nicht für mich.“

Chaney wurde wie Gemma von dem Kabelsender bezahlt, nicht von der Konzernzentrale. „Nicht offiziell, aber ich bin …“

„Müde?“

„Völlig erschöpft.“

„Dann muss ich Sie wohl gehen lassen. Aber könnten Sie mir vorher noch einen Gefallen tun?“, bat Drake.

Sofort zückte sie ihren Stift. „Klar. Was brauchen Sie?“

Lächelnd sah er ihr in die Augen. „Sie müssen mir helfen, aus diesem Kostüm rauszukommen.“

2. KAPITEL

Ihn ausziehen? Chaneys Herz fing wie wild an zu pochen. Sie musste sich verhört haben.

„Ich soll Ihnen …“

„… aus meiner Rüstung helfen“, vollendete Drake den Satz. „Ich weiß nicht, wo Russell abgeblieben ist. Sie sind die Einzige, die noch da ist.“

Chaney blickte sich um. Der Salon war leer. Wo waren die anderen denn alle? Vor ein paar Minuten war hier doch noch der Teufel los gewesen.

Erwartungsvoll sah Drake sie an. Gemma hätte sich sicher nichts dabei gedacht, ihm behilflich zu sein. Und das sollte Chaney auch nicht tun. Er hatte eine einfache Bitte geäußert, und sie benahm sich, als hätte er sie auf sein Zimmer gebeten, um mit ihm heißen Sex zu haben.

Sie riss sich zusammen. „Was soll ich tun?“

„Kommen Sie mit.“

Gemeinsam verließen sie den Raum. „Wohin gehen wir?“, fragte Chaney.

„In mein Zimmer.“

Ihr Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Alles okay, dachte sie dann jedoch. Sie hatte mitbekommen, dass Drake im königlichen Schlafgemach wohnte. Dort führte nur eine Treppe hinauf. Vermutlich hatte er keine Lust, die Rüstung hier auszuziehen und dann in sein Zimmer zu schleppen. Verständlich. Es war doch keine große Sache, ihn dorthin zu begleiten. Sobald Chaney ihm aus seinem Kostüm geholfen hatte, würde sie sich endlich zurückziehen können, um ihren dringend benötigten Schlaf nachzuholen.

Sie gähnte. Der Jetlag hatte sie eingeholt. „Dauert das lange?“

„Eigentlich nicht“, antwortete Drake.

Erleichtert trat sie durch einen Torbogen in einen Gang, bei dem Wände, Boden und Decke aus Stein gehauen waren. Elektrische Fackeln erleuchteten eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Chaney fröstelte unwillkürlich.

Drake wies auf die schmalen Stufen. „Nach Ihnen.“

„Danke, aber ich kenne den Weg nicht“, wandte sie ein. „Da mein Flug verspätet war, habe ich die Dreharbeiten in den Gästezimmern heute Morgen verpasst. Stimmt es, dass Heinrich VIII. im königlichen Schlafgemach übernachtet hat?“

„So heißt es zumindest.“ Als Drake die Treppe hinaufstieg, hallte das Klirren der Rüstung und des Kettenhemdes zwischen den Steinmauern wider. „Er scheint sich durch die Betten in ganz England geschlafen zu haben.“

Chaney folgte ihm. „Na ja, immerhin hatte er sechs Frauen.“

„Sechs zu viel.“

„Geschieden, enthauptet, gestorben, geschieden, enthauptet und überlebt“, zählte sie auf. „Mindestens die Hälfte würde Ihnen sicher zustimmen.“

„Das sollten alle tun.“

Die Verachtung in Drakes Stimme wunderte Chaney. „Sie haben also kein Interesse, sich langfristig zu binden oder zu heiraten?“

„Wenn Sie sehen, dass alle diese Ehen durch Enthauptung, Scheidung und Tod endeten, können Sie sich die Antwort denken“, gab er zurück.

„Immerhin ist einer dieser Frauen ein solches Schicksal erspart geblieben.“

„Reiner Zufall.“

Über seine Einstellung zur Ehe war sie irgendwie enttäuscht. Sie wusste selbst nicht, warum. „Haben Sie nie daran gedacht, eine Familie zu gründen?“

Drake zuckte die Achseln. „Ich habe keine Zeit für eine Familie.“

„Und irgendwann später?“

Er ging weiter. „Vielleicht. Aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen.“

„Man weiß nie, was passiert.“ Die Fackeln flackerten wie Kerzen und warfen Schatten im Treppenschacht. Chaney legte eine Hand gegen die Wand, die sich kühl und rau anfühlte. „Es ist fast so, als wäre man in die Vergangenheit zurückversetzt.“

„Nur dass es in diesem Schloss Strom, Heizung, Toiletten und WLAN gibt.“

„So ein Schloss ist genau mein Fall.“

„Meiner auch“, stimmte Drake zu. „Obwohl auch die alte Zeit etwas für sich hatte, als Männer noch Männer waren. Das ist heute nicht immer so.“

„Viele dieser Männer haben noch nicht mal das mittlere Alter erreicht, geschweige denn, dass sie alt geworden wären“, gab sie zurück.

„Stimmt, aber wenigstens gab es Regeln und Gesetze für Kämpfe und Beziehungen. Das hat das Leben sicher vereinfacht.“

„Klingt nicht gerade romantisch.“

„Lassen Sie mich raten“, sagte er in scherzhaftem Ton. „Sie sind eine dieser romantischen Frauen, die Herzchen, Blumen und Geigen mögen.“

„Na ja, Herzchen und Geigen sind nicht unbedingt nach meinem Geschmack, aber Blumen mag ich. Wenn ich deshalb romantisch bin, warum nicht? Ich glaube nun mal an die wahre Liebe.“

„Mag ja sein, dass Liebe tatsächlich existiert“, gab Drake zu. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in der Praxis lange hält.“

„Meine Eltern sind seit zweiunddreißig Jahren verheiratet. Ich bezweifle, dass sie es nur mit Sympathie so weit geschafft hätten.“

„Sympathie macht eine Menge aus, genau wie Gewohnheit.“ Er war oben angelangt. „Aber ich hoffe für Ihre Eltern und auch für Gemma und Oliver, dass ihre Liebe von Dauer ist.“

„Dann sind Sie in dieser Hinsicht also doch kein absoluter Zyniker“, stellte Chaney fest.

Er stand vor einer massiven Holztür und sah dabei ganz wie der Schlossherr aus. „Ich halte mich eher für einen Realisten.“

„Im Augenblick fühle ich mich ziemlich weit von der Realität entfernt.“

Amüsiert drückte Drake die Klinke herunter. „Dann genießen Sie die Fantasievorstellung.“ Er öffnete die Tür.

„Sie schließen nicht ab?“, fragte Chaney erstaunt.

„Das Schloss ist sicher, das Filmteam hervorragend. Und auch die Leute aus dem Ort, die wir engagiert haben, scheinen alle vertrauenswürdig zu sein.“ Drake hielt ihr die Tür auf. „Außerdem besitze ich nichts, was man nicht ersetzen könnte.“

„Das ist wahrscheinlich einer der Vorteile, wenn man reich ist“, meinte sie.

„Für mich schon“, gab er ehrlich zu.

„Ich habe zwar weder wertvollen Schmuck noch teure elektronische Geräte dabei, aber das, was ich habe, würde ich doch gern behalten.“

„Von Ihnen würde ich auch gern behalten werden.“

Chaney wurde rot und ging eilig über die Türschwelle, damit Drake es nicht sah. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendeiner Frau gestatten würde, ihn zu behalten. Und ihr schon gar nicht. „Wow! Jetzt weiß ich, was die Produktionsleiterin meinte, als sie diesen Raum als opulent bezeichnete.“

Bei der Ausstattung dieser Suite hatte man keine Kosten gescheut. Sie bestand aus mehreren Räumen, jeder davon größer als Chaneys gesamtes Zweizimmer-Apartment in Los Angeles. Sie befand sich im Wohnzimmer, wo ein Feuer im Kamin brannte. Die goldenen Flammen wärmten den Raum nicht nur, sondern verliehen ihm zudem eine romantische Atmosphäre.

Rechts fiel Chaneys Blick ins Schlafzimmer. Seidenvorhänge in Gold und Blau umgaben ein großes Himmelbett. Ein Bett, passend für Könige, Staatsoberhäupter oder Wirtschaftsbosse. Durch entsprechende Kissen wirkten zwei dick gepolsterte Sessel, die an dem Bogenfenster standen, noch üppiger als ohnehin schon.

„Diese Suite ist unglaublich“, sagte Chaney beeindruckt.

„Ja, sie hat etwas Majestätisches.“ Drake zog seine Stulpenhandschuhe aus und legte sie auf einen runden Tisch. „Wenn sie Ihnen so gut gefällt, können wir ja tauschen.“

„Danke, aber ich mag mein Zimmer.“ Sie war heilfroh, in England zu sein. Damit hatte sie die ideale Ausrede dafür, nicht an der Einweihungsparty im neuen Haus ihrer Schwester teilzunehmen. Sie musste also niemandem erzählen, dass sie immer noch keinen Freund hatte. Oder dass sie nicht neidisch auf Simone war, die jetzt in einem wunderschönen Haus in Malibu mit herrlicher Aussicht und einem Gästehaus wohnte. Nein, das hier war viel besser. „Sie gehören hierher. Es ist das königliche Schlafgemach.“

Drake verneigte sich. „Ich bin lediglich ein Ritter, mein Dame.“

„Ein König im Gewand eines Ritters.“ Und mit einem königlichen Bett. Chaney hatte gesehen, dass die Decke umgeschlagen worden war. „Sie sollten nirgendwo anders schlafen.“

„Hier ist es ganz bequem.“

„Bequem? Es ist so prachtvoll, dass ich Angst habe, irgendetwas anzufassen.“ Mit dem Klemmbrett wies sie auf eine hohe Bodenvase auf der linken Seite. „Diese Vase ist vermutlich mehr wert, als ich in einem Jahr verdiene.“

„Keine Angst“, beruhigte Drake sie. „Wir mussten für die Nutzung des Schlosses eine hohe Versicherung abschließen. Ihnen kann also nichts passieren.“

Da war Chaney nicht so sicher. Ihr Blick ging zu dem einladenden Bett. Doch ihr eigenes war bestimmt genauso gut. Je eher sie in ihr Zimmer kam, desto besser. „Es ist schon spät.“ Sie legte ihr Klemmbrett ab. „Sehen wir zu, dass wir Sie aus diesem Kostüm befreien, damit wir schlafen gehen können.“

„In meinem oder Ihrem Bett?“

Hitze stieg ihr in die Wangen. „Sie wissen genau, was ich meine.“

„Ich gehe immer lieber auf Nummer sicher“, erklärte Drake. „Das erspart einerseits Missverständnisse, ermöglicht mir aber auch, keine Gelegenheiten zu verpassen.“

„Bei mir verpassen Sie nichts. Ich meine …“

Seine Augen glitzerten belustigt. „Was denn, Chaney?“

So kühl und gelassen, sah er unverschämt attraktiv aus, und das ärgerte sie. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie ihm noch immer übel nahm, was vor fünf Jahren geschehen war. Dass er ihre Illusionen über ihn zerstört hatte. Damals war sie auf der Suche nach ihrem Märchenprinzen gewesen. Sie hatte sich gewünscht, dass es Drake wäre. Stattdessen war sie nach Hause zurückgekehrt und hatte Tyler getroffen, der das genaue Gegenteil von Drake war. Ein Mann, von dem sie geglaubt hatte, dass er sie liebte. Zumindest hatte er das behauptet, bis er Simone begegnet war.

Chaney steckte sich das Haar hinter die Ohren. „Wie öffnet man die Rüstung?“

Drake hob den linken Arm und zeigte mit rechts dorthin. „Da drunter sind Schnallen, die die Einzelteile der Rüstung zusammenhalten. Die müssen Sie aufmachen.“

Das klang nicht allzu schwierig. Chaney ging auf ihn zu, wobei ihr eine Hitzewelle entgegenschlug. Und zwar von Drake, nicht vom Feuer. Sein verschwitzter, moschusartiger Geruch stieg ihr in die Nase.

„Bin ich froh, wenn ich dieses Kostüm endlich los bin und unter die Dusche gehen kann“, sagte er.

Chaney zog die Harnischplatten auseinander, um die Schnallen zu suchen. „Ich will nur noch schlafen.“

„Das Bett da drüben sieht sehr einladend aus. Es liegt sogar Schokolade auf den Kopfkissen.“ Drake blickte auf sie hinunter. „Zwei Stück.“

Sie öffnete eine der Schnallen. „Vielleicht dachte das Personal, dass Sie Gesellschaft haben.“

„Das habe ich ja auch. Interesse?“

Ihre Finger rutschten ab. „Was?“

Er lachte. „An der Schokolade.“

„Ich bin nicht Ihre Gesellschaft.“ Chaney machte eine weitere Schnalle auf und streifte dabei das Kettenhemd darunter. „Wie viele Schichten haben Sie eigentlich an?“

„Mehrere. Aber wenn das Kettenhemd weg ist, schaffe ich den Rest auch allein. Es sei denn, Sie wollen mir dabei helfen.“

Wortlos presste sie die Lippen zusammen und konzentrierte sich auf die Rüstung, nicht auf den Mann, der darin steckte. Sie betrachtete das Kettenhemd, ein wattiertes Hemd, und sein dunkles Brusthaar. Aufregende, verführerische Eindrücke, die sie jedoch entschlossen ignorierte. Dann löste sie die Platten an Brust und Schultern und legte alles in einen Spezialkoffer, der neben ihr stand.

Schließlich kniete sie sich hin, um die untere Hälfte des Kostüms zu öffnen. Sie fasste um Drakes Oberschenkel, sodass ihre Hände zwischen seinen Beinen waren und ihr Kopf viel zu dicht an der Schamkapsel.

„Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Chaney“, meinte Drake so beiläufig, als würde sie ihm die Schuhe zubinden. „Schließlich weiß ich, dass Sie müde sind.“

Sie wandte ihren Blick nicht von der Schnalle ab. „Fast fertig.“

Hastig öffnete sie die Schnalle. Nur leider gab es noch drei weitere, die sie in dieser verfänglichen Stellung aufmachen musste.

„Geschafft.“ Erleichtert legte sie die letzte Beinschiene in den Koffer.

„Danke.“

Chaney drehte sich um, und die Erwiderung blieb ihr im Hals stecken. Drake stand im Kettenhemd vor ihr, das seine muskulösen Schultern, Arme und seinen Oberkörper betonte und ihm bis zur Hüfte reichte.

Sie schluckte. Unwillkürlich wurden ihr die Knie weich.

„Das Kettenhemd ist am Rücken befestigt“, erklärte Drake.

Chaney riss sich zusammen. Nervös versuchte sie den ersten Haken zu öffnen, aber die Finger wollten ihr nicht gehorchen. Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus. Drakes Nackenhaar sah weich aus. Am liebsten hätte sie es berührt, um zu sehen, ob die Haarsträhnen sich um ihre Finger kräuseln würden.

„Probleme?“, erkundigte sich Drake.

„Ich kriege das schon hin.“ Jedenfalls, sobald sie ihren verräterischen Körper und ihre verrücktspielenden Hormone davon überzeugt hatte, dass sie nicht an Drake Llewelyn interessiert war. Denn er konnte ihr nicht das geben, was sie sich wünschte: Liebe für immer und ewig. Abgesehen davon, dass sie gerade eine Beziehungspause machte.

Eine Pause, die schon fast zwei Jahre andauert, sagte eine spöttische innere Stimme.

Sei still!

„Wie bitte?“, sagte Drake.

O nein, wie peinlich, dachte Chaney. „Entschuldigung. Ich habe nur versucht, die Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen.“

„Was sagen die denn?“

„Dass ich längst schlafen sollte. Aber keine Sorge, ich gehe erst, wenn ich hier fertig bin.“

„Ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann.“

Endlich löste sich der Haken. Und langsam, viel zu langsam gelang es ihr, auch alle übrigen Haken zu öffnen. „So, das wär’s.“

„Können Sie mir aus dem Kettenhemd helfen?“, fragte Drake.

„Klar.“

„Das müssen Sie am Rücken öffnen.“

Als sie seine Anweisung befolgte, merkte Chaney erst, welches Gewicht das Kettenhemd besaß. Drake schüttelte es ab, bis es auf seinen Oberarmen hing.

„Jetzt kommen Sie nach vorn“, erklärte er. „Aber Vorsicht, es ist schwer.“

Chaney hielt das Kettenhemd fest, während er erst den einen und dann den anderen Arm herauszog. Er achtete genau darauf, dass sie nie das gesamte Gewicht allein halten musste. Schließlich legte er es ebenfalls in den Koffer.

Das feuchte, wattierte Hemd klebte ihm am Körper. Drake zog die Zipfel aus dem Hosenbund. „Viel besser. Und kühler.“

Für ihn vielleicht. „Ich sollte jetzt gehen“, sagte Chaney.

„Bleiben Sie.“ Nur zwei leise Worte mit dieser verführerischen Stimme.

Ihr stockte der Atem. „Aber wir sind doch fertig.“

Wieder lag dieses amüsierte Funkeln in seinen Augen. „Wir fangen doch gerade erst an, Liebes.“

Er kam auf sie zu. Angezogen von seiner Stärke und seiner Wärme, lehnte Chaney sich zu ihm, den Kopf leicht erhoben.

Mit glühendem Blick sah Drake sie an. Seine Lippen öffneten sich leicht. Chaney war wie gebannt. Dann blieb er vor ihr stehen. Sie konnte kaum atmen, geschweige denn einen klaren Gedanken fassen. Sie blickte zu ihm auf, verwirrt, ängstlich und dennoch unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Drake senkte den Mund auf ihre Lippen.

Er würde sie küssen. Chaney wollte diesen Kuss. Sie sehnte sich danach. Nur …

Schnell duckte sie sich und wich zurück. „Ich hätte es wissen müssen!“ Ihre Stimme klang schrill, doch das war ihr egal.

Drake zog den Kopf zurück. „Wie bitte?“

„Wahrscheinlich sollte ich bei Ihrem Ruf gar nicht fragen. Aber warum machen Sie mich gerade jetzt an, obwohl Sie wissen, dass ich völlig erschöpft bin?“, fauchte sie aufgebracht.

„Ich dachte, Sie wollen, dass ich Sie küsse.“

Chaney stemmte die Hände in die Hüften. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Weil Sie sich zu mir gebeugt haben und diesen typischen Blick hatten.“

Sie fühlte sich zutiefst beschämt. „Es tut mir leid, wenn ich falsche Signale ausgesandt habe.“

„Das braucht Ihnen nicht leidzutun.“ Seinem charmanten Lächeln konnte man kaum widerstehen. „Wir können es ja noch mal versuchen. Ich möchte Ihnen zeigen, was Ihnen vor fünf Jahren entgangen ist.“

Sex. Das war alles, was Drake je von ihr gewollt hatte. Erneut stiegen Wut und Enttäuschung in ihr auf. Chaney sah zum Bett hin und dann wieder zu Drake. „Falls Sie das immer noch nicht gemerkt haben: Ich habe nicht die Absicht, eine weitere Kerbe an Ihrem Bettpfosten zu werden, oder wo Sie sonst Ihre Eroberungen festhalten.“

„Wenn das alles wäre, was ich von Ihnen will, Chaney, dann wäre ich jetzt nicht hier“, entgegnete er.

„Wovon reden Sie?“, fuhr sie ihn erbost an.

„Ich habe mich nur deshalb entschieden, diese Folge zu moderieren, um Sie wiederzusehen.“

Auf einmal schien die Luft im Raum zu knistern. Drake sah eine Mischung aus Ungläubigkeit und Hoffnung in Chaneys Augen. Wenn Hoffnung die Oberhand behielt, hatte er gewonnen.

„Sie dachten, ich wäre verheiratet, und wollten mich trotzdem sehen?“, fragte sie.

„Ja, nur sehen. Sonst nichts.“

„Und wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, für Gemma einzuspringen?“

„Aber Sie haben es getan. Sie sind hier, und Sie sind unverheiratet.“ Er kam näher. „Wir haben eine zweite Chance bekommen, Chaney. Also sollten wir das Beste daraus machen.“

Abwehrend legte sie ihm die Hände auf die Brust. „Setzen Sie sich lieber in Ihre Tafelrunde, und kühlen Sie sich ein bisschen ab.“

Ihr Ärger verwirrte Drake. Damit hatte er nicht gerechnet.

Chaney wandte sich ab. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen das abnehme.“

„Es stimmt aber.“

Sie warf ihm einen ironischen Blick zu. „Ich habe erst vor ein paar Tagen zugesagt, für Gemma einzuspringen. Aber um sich Ihren Bart stehen zu lassen, haben Sie garantiert länger als eine Woche gebraucht.“

Verdammt. Die meisten Frauen hätten sein Spiel einfach mitgespielt, aber Chaney nicht. Er wusste nicht, ob er sich darüber ärgern oder amüsieren sollte. „Vielleicht haben Sie meine Absichten ja missverstanden.“

„O nein. Ihre Absichten sind eindeutig“, gab sie zurück. „Ich will nur sichergehen, dass Sie meine nicht falsch verstehen.“

Die Art, wie sie ihn abservierte, fand Drake mehr als reizvoll.

„Die Sprüche, die Sie normalerweise bei Frauen anwenden, funktionieren bestimmt sehr gut. Sonst wären Sie nicht so von sich überzeugt“, fuhr Chaney fort. „Aber noch mal fürs Protokoll: Hier passiert gar nichts, weder heute Abend noch morgen oder an irgendeinem anderen Tag, an dem wir zufällig am gleichen Ort sind.“

„Würden Sie mir denn glauben, wenn ich sage, dass ich mich Ihretwegen auf dieses Wochenende gefreut habe?“, erwiderte er.

An ihrem klaren Blick erkannte er, dass sie sich weder von schönen Worten noch von achtlosen Komplimenten umstimmen lassen würde. Plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen. „Tut mir leid, dass ich Sie mit hier raufgeschleppt habe.“

Chaney nahm ihr Klemmbrett und ging zur Tür.

„Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer“, bot Drake an.

„Und dann ins Bett?“ Sie kräuselte die Lippen. „Nein, danke.“

„Ich möchte nur nicht, dass Sie sich verlaufen.“

„Ich komme schon allein klar.“

„Sie sagten doch, dass Sie diesen Teil des Schlosses nicht kennen“, wandte er ein.

„Ich werde wohl noch eine beleuchtete Treppe runtergehen können“, entgegnete sie scharf. Ihre entschlossene Miene zeigte ihm, dass sie nicht nachgeben würde.

„Na schön, Sie haben gewonnen.“

Vorerst.

Durch ihre Brillengläser sah Chaney ihn erstaunt an. „Ich wusste nicht, dass das hier ein Wettkampf ist.“

„Das Leben ist ein großer Wettkampf.“

„Nur, wenn man es dazu macht.“ Trotz ihrer Müdigkeit funktionierte ihr Verstand einwandfrei.

Dennoch fand Drake, dass er sie genug beansprucht hatte, und öffnete ihr die Tür. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Schlafen Sie gut.“

Ohne einen einzigen Blick zurück flüchtete Chaney die Stufen hinunter und verschwand in den dunklen Schatten.

Sobald sie außer Sichtweite war, machte Drake die Tür zu. Er war frustriert. Seit Chaneys Abschiedsparty in London war er nicht mehr so außer Form gewesen. Doch nach ihrer Abfuhr damals hatte er nicht solche heftigen Gewissenbisse gehabt wie jetzt.

Er hatte Chaneys hilfsbereite Art missbraucht, um sie in sein Zimmer zu locken. Auch wenn sie nicht zugelassen hatte, dass er die Situation in irgendeiner Weise ausnutzte.

Ihre Abfuhr beim letzten Mal hatte ihm nicht gefallen. Vor allem, weil sie ihm vor fünf Jahren beinahe so etwas wie Heldenverehrung entgegengebracht hatte. Aber Drake hatte Verständnis dafür gehabt, dass sie mehr als nur Sex wollte.

Heute Abend jedoch hatte sie ihn getroffen. Er rieb sich das Kinn. Noch immer hatte er sich nicht an den Bart gewöhnt. Chaney war aufgebracht und zurückweisend gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert. Sie hatte sich verändert.

Ich lege gerade eine Investitionspause ein.

Drake wusste genau, wem er das zu verdanken hatte. Nämlich ihrem blöden Exverlobten, der zu allem Überfluss auch noch ihr Schwager geworden war. Der Kerl musste ihr sehr wehgetan haben. Genau wie ihre Schwester.

Drake verzog das Gesicht. Chaney mochte eine Romantikerin sein. Aber sie war zutiefst verletzt und sollte schnellstens lernen, wieder Spaß am Leben zu haben. Nur deshalb hatte sie so abweisend auf seine Annäherungsversuche reagiert.

Er musste also nur herauszufinden, wie er ihr beibringen konnte, dass sie Spaß brauchte. Dass sie ihn brauchte.

Keine unmögliche Aufgabe.

Drake hatte das schon öfter geschafft. Zum Beispiel bei Firmen, die er aufgekauft hatte, indem er ihnen zeigte, dass er etwas hatte, was sie benötigten. Bei Chaney würde er es genauso machen. Eine Situation, von der sie beide nur profitieren konnte.

Er wusste auch genau, womit er anfangen würde. Drake nahm den Telefonhörer in die Hand und drückte den Knopf für die Rezeption.

„Guten Abend, Mr. Llewelyn“, meldete sich eine höfliche Männerstimme. „Was kann ich für Sie tun?“

„Bitte lassen Sie morgen einen großen Blumenstrauß in Miss Sullivans Zimmer liefern. Gleich morgens, wenn das möglich ist.“

„Rosen?“

„Nein“, antwortete Drake schnell. Rosen würde Chaney sofort missverstehen, und das zu Recht. „Ein gemischter Strauß wäre am besten.“

„Und was soll auf der Karte stehen, Sir?“

Er überlegte einen Moment. „‚Freunde‘ mit einem Fragezeichen.“

Der Mitarbeiter wiederholte es.

„Korrekt“, bestätigte Drake.

„Ich werde mich sofort darum kümmern, Sir.“

„Danke.“ Drake legte auf.

Freundschaft wäre genau das Richtige für einen Anfang mit Chaney. Freunde konnten eine Menge Spaß miteinander haben.

Er blickte auf die Rüstung, die sie so ordentlich in den Koffer gepackt hatte, und lächelte. Falls die Dinge sich so wie geplant entwickelten, würden er und Chaney schon sehr bald mehr als nur Freunde sein.

3. KAPITEL

Chaney stand auf dem gepflegten Rasen vor dem Schloss. Ihre Stiefel sanken in dem feuchten Gras ein. Ein Wetterwechsel stand bevor. Sie achtete nicht auf das Filmteam, das hin und her lief, um alles für die erste Szene heute früh vorzubereiten, denn sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Sie blickte an der Schlossmauer hoch, die in den bedeckten Himmel aufragte. Das alte Gemäuer, kriegs- und wettergeschädigt, war jahrhundertelang unzugänglich und uneinnehmbar geblieben.

Fröstelnd wärmte sie sich die Finger an ihrem Becher Earl Grey-Tee. Sie hatte vergessen, wie kühl es morgens in England sein konnte.

Sie selbst war nie so stark gewesen wie diese Schlossmauern. In der Vergangenheit hatte sie immer nachgegeben. Andere Menschen hatten ihre schwachen Verteidigungsmechanismen durchbrochen und sich einfach alles genommen, was eigentlich ihr gehörte. Was hatte sie nicht alles verloren: ihren Verlobten, eine Jobzusage, den Traum von einem glücklichen Leben. Und Chaney hatte nie ein Wort darüber verloren. Sie war immer die Ruhige, Friedliche gewesen, der sprichwörtliche Fußabtreter. Auf diese Weise machte sie andere Menschen in ihrer Umgebung glücklich.

Aber im Grunde wünschte sie sich, mehr so zu sein wie diese Mauer. Sicher und solide. Das würde sie selbst glücklich machen.

Der Einzige, gegen den sie sich jemals hatte behaupten können, war Drake Llewelyn. Und das auch nur zweimal. Damals vor fünf Jahren und gestern Abend.

Seine Anmache, als wäre sie immer noch seine naive Praktikantin, hatte Chaney empört. Noch wütender war sie jedoch auf sich selbst, weil sie sich in eine Lage gebracht hatte, in der so etwas passieren konnte. Ihr Zorn hatte sie hart gemacht und vor seinem Charme geschützt. Zum Glück.

Weil sie sich ihm widersetzen konnte, hatte sie sich stark gefühlt, und das gefiel ihr. Sie beschloss, während der Dreharbeiten Drake gegenüber absolut immun zu sein.

Es duftete nach Gras.

Chaney dachte an den Blumenstrauß, der heute Morgen nur mit dem Wort ‚Freunde?‘ auf der Karte in ihr Zimmer geliefert worden war. Von Drake waren die Blumen bestimmt nicht. Er wollte nur Freunde, von denen er profitieren konnte. Und Gemma hätte eher etwas Süßes gewählt. Wer hatte ihr dann den Strauß geschickt? Und warum?

Ein leichter Wind raschelte in den Blättern eines Baums in ihrer Nähe. Chaney blickte auf. Die Zweige bewegten sich, und einige Blätter fielen zu Boden, während der Himmel sich am Horizont verdunkelte.

Etwas unbehaglich betrachtete Chaney die schweren Wolken. Hoffentlich fing es nicht an zu regnen. Eine Verzögerung bei den Dreharbeiten würde sie dazu zwingen, noch mehr Zeit mit Drake zu verbringen.

Milt winkte ihr zu, als Zeichen, dass er für die erste Szene bereit war. Die Team-Mitglieder nahmen ihre Plätze ein, und alles wurde ruhig. Eine der Kameras machte eine Landschaftsaufnahme, von dem französischen Garten über die weiten Rasenflächen bis zu einem kleinen Wäldchen. Zwischen den Bäumen in der Ferne war eine Bewegung zu erkennen.

Ein weißes Pferd in vollem Harnisch. Darauf saß Drake in seinem Ritterkostüm. Trotz seines Verhaltens ihr gegenüber gestern Abend stockte Chaney unwillkürlich der Atem. Gestern hatte er schon wie ein echter Ritter gewirkt, aber heute war er Lancelot. Zumindest sah er so aus. Ihr Herz fing an zu pochen.

Ein Helm bedeckte seine Wangen bis zum Kinn, ließ jedoch den größten Teil seines Gesichts frei. Drake saß hoch aufgerichtet im Sattel, die Zügel in der einen Hand, eine Standarte in der anderen. Ein langes Banner flatterte hinter ihm im Wind. Der Schimmel trabte durch die Bäume auf den Rasen zu, Pferd und Reiter im Einklang.

Chaney stand wie gebannt.

Die Luft schien zu knistern. Ob es am bevorstehenden Gewitter lag oder eine Art Zauber war, konnte Chaney nicht sagen. Und wieder kam es ihr vor, als wäre sie in die Vergangenheit zurückversetzt worden. Mit seiner behandschuhten Hand fasste Drake die Zügel straffer. Das Pferd warf den Kopf hoch, sodass seine Rüstung klirrte.

Der Ritter reckte die Standarte, einen schwarzen Drachen auf goldenem Feld, ehe er die Stange in die Erde rammte. Das Banner flatterte im Wind. Den Hals gebogen, tänzelte der Schimmel auf der Stelle. Die gesamte Szene war wie aus einem Film oder einem Märchen, weit weg von Chaneys wahrem Leben.

Dennoch hatte dieser Mann gestern Abend versucht, sie zu küssen, und sie eingeladen, die Nacht mit ihm zu verbringen. Hitze stieg ihr in die Wangen und breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Mit sonorer Stimme zitierte Drake einige Zeilen aus Tennysons Gedicht ‚Sir Galahad‘ und schloss: „Meine Stärke ist die Stärke von zehn, denn mein Herz ist rein.“

Rein, na klar.

Das hier war nicht der Drachenritter, der vor vielen Hundert Jahren gelebt hatte, sondern Drake Llewelyn.

Er hob sein glänzendes Schwert vor der Kamera. Das Lächeln auf seinen Lippen war dasselbe wie gestern im Salon oder dann später in seinem Zimmer, als Chaney mit ihm allein gewesen war. Der Mann war ohnehin schon unglaublich attraktiv, aber jetzt wirkte er einfach überwältigend.

Wie gut, dass er die Rolle des edlen Ritters nur spielte, aber trotzdem spürte Chaney ein erotisches Kribbeln im Magen.

Wie auf Bestellung flog in diesem Augenblick ein Schwarm Vögel über seinen Kopf hinweg, deren dunkle Flügel gegen die grauen Wolken abstachen. Der Schimmel stampfte mit den Vorderhufen.

Milt gab ein Signal, und Drake ließ das Pferd steigen. Beinahe senkrecht auf den Hinterbeinen stehend, sah es kraftvoll und majestätisch aus. Chaney hielt den Atem an. Doch Drake fiel nicht. Er schien sich kaum im Sattel zu bewegen.

Erstaunlich. Chaney war gegen ihren Willen beeindruckt. So wie alle anderen Leute auch.

Das Pferd stellte sich wieder auf alle viere.

„Schnitt!“

Beifall brandete auf. Obwohl Chaney am liebsten ebenfalls geklatscht hätte, hielt sie weiterhin ihren Becher fest. Drake sollte nicht merken, dass sie ihn so intensiv beobachtet hatte. Nicht, dass er womöglich annahm, sie würde sein Angebot von gestern Abend noch einmal überdenken.

Das konnte sie nicht. Chaney war nicht der Typ für schnelle Affären.

Auch wenn Drake eine Beziehung mit ihr gewollt hätte, was jedoch nicht der Fall war, könnte ein Mann wie er ihr das Herz brechen. Das musste sie unter allen Umständen vermeiden. Und sie würde alles dafür tun, dass es nicht passierte.

„Ich habe nie begriffen, was an einem Ritter in glänzender Rüstung so toll sein soll.“ Liz knöpfte ihren langen Wollmantel zu und schlug den Kragen hoch. „Aber ich fürchte, ich habe mich gerade verknallt.“

„Das bin ich schon länger“, gestand Jessie.

„Ich weiß nicht, ob es an der Rüstung oder am Bart liegt.“ Liz schürzte die geglossten Lippen. „Aber ich wäre sofort bereit, mit ihm in den Sonnenuntergang zu reiten.“

Jessie pflichtete ihr murmelnd bei, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von Drake abzuwenden. Dabei kämmte sie sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare.

Chaney, die den beiden zuhörte, fühlte sich an ihr Praktikum erinnert, als sie und Gemma genauso über Drake gesprochen hatten. Sie waren damals ja so jung und naiv gewesen.

„Was ist mit dir, Chaney?“, fragte Liz.

„Die Ritter-Nummer steht ihm wirklich gut. Aber nee, nicht mein Typ.“

„Wer ist denn dann dein Typ?“, wollte Jessie wissen.

„Da bin ich mir nicht mehr so sicher“, gab Chaney zurück. „Der letzte Kerl, bei dem ich dachte, er wäre mein Typ, hat mich auf übelste Weise hintergangen, und ich habe seinetwegen meinen Job verloren.“

Jessie zog die Brauen zusammen. „Das ist ja schrecklich.“

„Zu der Zeit war es das auch.“

Kurz bevor er Chaney einen Heiratsantrag gemacht hatte, hatte Tyler im Unternehmen ihres Vaters angefangen und war schnell die Karriereleiter hochgeklettert. Nach ihrem Examen war Chaney ebenfalls dort eingestiegen. Doch als Tyler und Simone sich verlobt hatten, war ihr von ihren Eltern nahegelegt worden, sich eine andere Stelle zu suchen. Sie war der Bitte nachgekommen, obwohl sie für ihren Vater arbeiten wollte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Und sie hatte ihre Arbeit geliebt.

Sie seufzte. „Aber das ist jetzt schon zwei Jahre her. Ich habe damit abgeschlossen.“

Neugierig sah Liz sie an. „Du hast doch früher mal für Dragon Llewelyn gearbeitet, stimmt’s?“

„Ja, ich habe vor fünf Jahren ein Praktikum dort gemacht.“

„Kann es sein, dass dich der Drachenritter schon gerettet hat?“, fragte Liz im Scherz.

Chaney lachte, denn damals hatte sie sich selbst vor Drake retten müssen. „Nein. Ich bemühe mich, solche Situationen zu vermeiden.“

„Das macht doch gar keinen Spaß.“ Noch immer hatte Jessie ihre blauen Augen unverwandt auf Drake gerichtet. „Vielleicht sollten wir uns ins Gras fallen und von Mr. Llewelyn aufhelfen lassen.“

„Das wäre vielleicht ein bisschen zu offensichtlich“, erwiderte Chaney trocken.

Liz nickte, wobei ihr der lange Pony ins Gesicht fiel. „Wahrscheinlich.“

„Ob er wohl Frauen mag, die sich unnahbar geben?“, überlegte Jessie.

„Manche Männer mögen Herausforderungen“, sagte Chaney.

„Drake nicht“, erklärte Liz. „Jedenfalls nicht bei den Dreharbeiten in der Toskana letztes Jahr. Allerdings war das Ganze eher eine große Party. Hier geht es gesitteter zu. Aber ich wette, dass hier im Schloss auch einige spätabendliche Dates stattfinden.“

Jessie seufzte sehnsüchtig. „Könnt ihr euch das vorstellen?“

O ja, dachte Chaney. Live und in Farbe. Sie hatte jedoch keine Lust darauf und trank ihren Tee aus. „Ich hole mir noch mal neuen.“

„Oh.“ Jessie stellte sich auf die Zehenspitzen. „Er kommt zu uns.“

Liz blickte in seine Richtung. Chaney dagegen starrte auf ihren leeren Becher.

„Hallo, Jessie, Liz, Chaney“, sagte Drake.

Chaney blickte auf.

„Hi.“ Jessie bekam rote Wangen. „Sie waren fantastisch, Mr. Llewelyn. Wirklich toll.“

„Danke, Jessie.“ Er lächelte sie an. „Könnten Sie mir vielleicht einen Tee besorgen?“

„Kommt sofort, Sir.“ Sie eilte zum Cateringwagen, wo es Getränke, Obst und Gebäck für die Crew gab.

Liz half Drake, seinen Helm abzulegen. „Sie haben das wundervoll gemacht, Sir.“

Mit dem verschwitzten Haar sah er noch attraktiver aus als sonst.

„Danke.“

Liz nahm den Helm an sich. „Reiten Sie schon lange?“

„Ein paar Jahre.“ Er sah erst Chaney und dann wieder Liz an. „Würden Sie den Helm bitte zu Russell bringen?“

„Gern.“ Liz ging davon.

Drake wandte sich an Chaney. „Wie fanden Sie die Szene?“

Da sie Gemmas Stelle einnahm, war sie verpflichtet, ihm ein Feedback zu geben. „Ausgezeichnet. Besser hätte man sie kaum machen können.“

„Danke.“ Als er den Kopf neigte, fuhr ihm der Wind durchs Haar, was ihm ein noch verführerischeres Aussehen verlieh.

Doch Chaney ließ sich nicht in Versuchung führen. Damit ihr Haar nicht in alle Richtungen wehte, steckte sie es hinter die Ohren.

„Es hat mir Spaß gemacht, die Ritterszenen zu drehen“, meinte Drake. „Ich finde es beinahe schade, dass das die letzte in voller Rüstung gewesen ist.“

„Bald ist doch Halloween.“ Sie blickte lieber auf die Rüstung, anstatt in sein Gesicht. „In dem Outfit wären Sie der Hit auf jeder Party.“

„Dazu müsste ich aber eine willige Guinevere als Begleitung haben.“

Chaney sah auf, und ihr Mund wurde plötzlich trocken. „Sehen Sie mich nicht so an. Ich habe kein Kostüm.“

Er strich ihr eine Strähne aus der Stirn. Bei dieser intimen Berührung beschleunigte sich augenblicklich ihr Herzschlag.

„Und Sie sind auch nicht willig“, ergänzte Drake. Sein Blick ruhte auf ihr, als wäre sie eine kostbare Statue, die er seiner Sammlung einverleiben wollte.

Dennoch gab er Chaney damit das Gefühl, wichtig und wertvoll zu sein. So hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Aber sie wusste genau, dass sein Interesse nicht lange vorhalten würde.

Sie straffte sich. „Nein, tut mir leid. Suchen Sie sich jemand anders zum Spielen.“ Dann wurde sie feuerrot. „Um Ihre Königin zu spielen, meine ich.“

„Niemand sonst hat die Qualifikationen, die ich suche.“

„Sie meinen, das Kostüm.“

„Für mich war das Kostüm einer Frau schon immer relativ unwichtig. Vor allem beim Spielen.“ Der amüsierte Ausdruck in Drakes Augen verstärkte sich, als Chaneys Wangen noch heißer wurden. „Ich meinte damit, dass keine andere Frau wie Sie ist.“

„Sie kennen mich doch gar nicht.“

Das typische Grinsen, an das sie sich noch von damals so gut erinnerte, erschien auf seinem Gesicht. „Nicht, dass ich’s nicht versucht hätte.“

„Küssen ist keine Art, jemanden kennenzulernen.“

„Aber ein sehr guter Anfang, wenn beide – wie heißt es so schön? – willig sind.“

Dieser verdammte Kerl. Chaney biss die Zähne zusammen. „Momentan möchte ich nicht weiter darauf eingehen.“

„Dann eben später.“

„Gar nicht“, gab sie zurück. „Ich bin bloß hier, um Gemma zu helfen.“

„Schon verstanden“, meinte Drake. „Aber ich fände es trotzdem schön, wenn wir Freunde sein könnten.“

„Freunde?“

Er nickte.

Chaney ließ die Schultern fallen. „Dann haben Sie mir die Blumen heute Morgen geschickt.“

Wieder nickte er.

„Danke, sie sind wunderschön. Aber das wäre nicht nötig gewesen.“

„Ich wollte es aber.“

Freunde zu sein – das klang einigermaßen harmlos. Chaney war froh, dass Drake kein Dutzend langstieliger Rosen geschickt hatte. Dennoch zögerte sie. Denn der Mann war ungefähr so harmlos wie ein menschenfressender Tiger.

Aufmerksam sah er sie an. Interessant. In den vergangenen Jahren schien er etwas geduldiger geworden zu sein.

„Solange Freundschaft bedeutet, dass der Kontakt ausschließlich auf die Arbeit beschränkt bleibt“, antwortete sie schließlich.

„Gut.“

„Okay. Also, Freunde.“ Sie zeigte ihm ihren leeren Becher. „Wenn wir hier fertig sind, würde ich mir gern einen neuen Tee holen.“

„Vorher möchte Milt Sie noch sprechen“, sagte Drake. „Er will einige Veränderungen bei der Bankettszene heute Abend vornehmen.“

Da Chaney für das Budget zuständig war, wurde sie hellhörig. „Wissen Sie, was für Veränderungen er vorhat?“

In Drakes Augen lag ein schalkhaftes Glitzern. „Milt gefällt die historische Atmosphäre dieser Folge. Deshalb will er für das mittelalterliche Festmahl heute Abend noch einige Komparsen in Kostümen haben.“

„Gute Idee“, fand sie. „Für einen allein ist die Tafel wirklich sehr groß. Aber Komparsen kosten Geld.“

„Das ist die Sache wert. Und die Kostüme kann man im Schloss leihen.“ Er sah zum Garten, wo der Kameramann gerade filmte. „Russell kümmert sich darum.“

„Das vereinfacht die Sache natürlich. Dann werde ich jetzt mal zu Milt gehen und fragen, was er von mir will.“

„Er möchte Ihre Kleidergröße wissen.“

„Was?“ Sie erschrak. „Ich kann mich doch nicht verkleiden!“

„Können oder wollen Sie nicht?“, gab Drake zurück.

„Ich arbeite lieber hinter den Kulissen.“

„Milt will Sie mit an der Tafel haben.“

„Nur Milt?“, fragte Chaney.

„Er ist der Regisseur.“

Ihre Augen verengten sich. „Und Sie sind der Produzent.“

„Ja, aber in dem Fall hatte ich nichts zu sagen. Es wird Ihnen Spaß machen“, setzte Drake hinzu.

„Spaß.“ Sie hasste dieses Wort. Vor allem, wenn es von ihm kam. „Das bezweifle ich.“

Sich als mittelalterliches Burgfräulein zu verkleiden und neben einem dunklen, gefährlichen Ritter zu sitzen, das war kein Spaß. Beunruhigt biss sie sich auf die Lippen.

„Ach, kommen Sie“, drängte er. „Stellen Sie sich vor, wie Sie an der Tafel sitzen und ein Festessen genießen, das der Küchenchef zubereitet hat. Und zur Unterhaltung gibt es Musikanten, Troubadoure, Narren, Maskenträger und Jongleure.“

„Klingt ziemlich überfüllt.“

„Wo bleibt Ihr Sinn für Abenteuer?“

„Ich habe keinen Sinn für Abenteuer.“ Chaney dachte daran, dass Tyler sie damals ständig zu jemandem machen wollte, der sie nicht war. Sie hatte sich bemüht, war aber nie gut genug gewesen. „Ich war noch nie eine Abenteurerin.“

Seine Augen funkelten erwartungsvoll. „Dann, liebste Freundin, werden wir das wohl ändern müssen. Und wir fangen gleich heute Abend damit an.“

Genau das hatte sie befürchtet.

Drake saß an der langen Tafel und ließ sich das mittelalterliche Bankett zusammen mit den anderen Crew-Mitgliedern und einigen Komparsen aus dem nächsten Dorf schmecken. Der Duft nach Gewürzen, Fleisch und frisch gebackenem Brot durchzog den Raum. Drake war umgeben von fröhlichen Gesichtern, leichter Unterhaltung und Gelächter.

Diese Art von Dreh mochte er besonders, da man dafür keinen Text auswendig lernen musste. Er hatte nur die Anweisung bekommen, sich wie ein Ritter zu benehmen, der gerade von einer Schlacht zurückgekehrt war.

Dafür brauchte er bloß noch ein schönes Burgfräulein, mit dem er sich vergnügen konnte. Ein ganz bestimmtes Burgfräulein.

Er blickte zum unteren Ende der Tafel. Nicht, dass Drake vorhatte, sich mit Chaney zu vergnügen. Noch immer hatte er ein schlechtes Gewissen wegen gestern Abend. Und nachdem sie sich zu einem freundschaftlichen Verhältnis bereit erklärt hatte, wollte er sie auf keinen Fall bedrängen und damit alles ruinieren. Vor allem, da sie heute Morgen nicht mehr ganz so wütend gewirkt hatte.

Obwohl sie den Kontakt mit ihm auf die Arbeit beschränken wollte, glaubte Drake, dass sie mehr an ihm interessiert war, als sie zugab. Immer wieder ging ihr Blick in seine Richtung.

Ein Musikant spielte eine heitere Melodie auf seiner Laute.

Als Drake Chaney erneut dabei ertappte, wie sie zu ihm herüberschaute, hob er lächelnd seinen Kelch hoch und prostete ihr zu.

Sie wurde rot und senkte die Augen.

Drake konnte sich vorstellen, dass sie nichts mehr von Männern wissen wollte, nachdem ihr Verlobter sich mit ihrer Schwester eingelassen hatte. Chaney hatte sich wahrscheinlich von Männern abgeschottet wie eine gefangene Prinzessin. Sie brauchte nur den richtigen Anreiz, um die Tür aufzuschließen und sich hinauszuwagen. Dabei wollte er ihr helfen. Wieder blickte er zu ihr.

In ihrem grüngoldenen Samtgewand sah sie hinreißend aus. Die Ärmel und das Mieder waren mit Brokatbändern geschmückt. Eine Rubinkette betonte ihren schlanken Hals und lenkte Drakes Blick auf ihre Brüste, deren Ansatz durch das Mieder deutlich zu erkennen war.

Drake nippte an dem Apfelmost in seinem Kelch. Wein und Met wurden erst serviert, nachdem die Kameras ausgeschaltet waren.

Ein Hofnarr überreichte Chaney eine einzelne Blume. Sie bedankte sich leise, nahm die Blüte und steckte sie in den Blätterkranz, den sie im Haar trug. Daraufhin führte der Hofnarr einen verrückten Tanz auf.

Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihren von Lipgloss glänzenden Mund. Doch ihr Grübchen war dabei nicht zu sehen.

Verdammt. Drake ließ seinen Kelch sinken. Er schaffte es nicht einmal, Chaney ein winziges Lächeln zu entlocken. Aber diesen Dorftrottel in seinem bunten Harlekinkostüm mit den Glöckchen am Hut und an den spitzen Schuhen lächelte sie an, als wäre er der lustigste Mensch auf der Welt.

Einer der Komparsen, der als Adeliger gekleidet war, beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Chaney nickte geheimnisvoll, und der Mann grinste selbstgefällig.

Ein bisschen zu selbstgefällig, wie Drake fand.

„Schnitt!“, rief Milt. „Gut gemacht. Zehn Minuten Pause, während die Tafel für den nächsten Gang vorbereitet wird.“

Drake stand auf und zog auch Jessies Stuhl zurück, damit sie aufstehen konnte.

Hingebungsvoll blickte sie zu ihm auf. „Vielen Dank, Mr. Llewelyn.“

„Gehen Sie, und vertreten Sie sich die Beine“, riet er ihr. „Der letzte Teil des Drehs wird wahrscheinlich eine ganze Weile dauern.“

Jessie strahlte. „Ja, Sir.“

Die Praktikantin sah hübsch und frisch aus, aber so unglaublich jung. Vermutlich genauso jung wie Chaney damals, dachte Drake. Aber Chaney hatte reifer gewirkt. Sie war intelligent für ihr Alter, hatte Zusammenhänge immer schnell begriffen und sich nicht gescheut, ihre Meinung zu äußern. Sie hatte ihn so sehr fasziniert, dass er sogar seine eigenen Regeln gebrochen hatte, um sie zum Bleiben zu bewegen. Was ja nicht geklappt hatte. Doch daran wollte er jetzt nicht mehr denken.

Aber jetzt war sie hier. Und nur das zählte.

Die Komparsen schlenderten durch den Raum. Ein Maskenträger übte seine Tanzschritte. Ein Jongleur suchte nach einem seiner Bälle. Das Küchenpersonal räumte die Tafel ab. Liz machte ihre Runde, um Frisuren zu richten und Make-up aufzufrischen. Russell zupfte die Kostüme zurecht.

Drake verlor Chaney in der Menge aus den Augen. Drei männliche Komparsen aus dem Dorf standen in seiner Nähe.

„Diese Kostüme sind wirklich toll“, sagte einer. Er hatte neben Chaney an der Tafel gesessen.

Ein anderer nickte. „Besonders, wenn sie so schön die Brüste zeigen.“

Der Dritte lachte. „Wir bräuchten bloß noch ein kleines Kostüm-Malheur, dann wäre ich happy.“

„Ich will nur etwas von der da.“ Mit dem Kopf wies der Erste quer durch den Raum.

Der Zweite blickte in dieselbe Richtung. „Ich auch.“

„Geht mir genauso“, sagte gleichzeitig der Dritte.

Drake ließ seine Blicke schweifen, um zu sehen, von welcher Frau die Männer sprachen. Er kam näher und sah, dass alle drei Chaney anstarrten. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen leuchteten. Glücklicherweise hatte sie keine Ahnung davon, wie gerade über sie gesprochen wurde. Aufgebracht ballte Drake seine Hände zu Fäusten. Niemand sollte so über sie reden. Sie hatte es sich schließlich nicht ausgesucht, ein derart freizügiges Kleid zu tragen. Das war lediglich ihr Job.

Ihr Job.

Auf einmal fühlte Drake sich zutiefst beschämt. Denn schlagartig wurde ihm klar, wie die Situation gestern Abend für Chaney gewesen sein musste. Er war viel zu sehr daran gewöhnt, dass Frauen sich darum rissen, mit ihm zusammen zu sein. Daher war er einfach davon ausgegangen, er könnte Chaney haben, wenn er seinen Charme spielen ließ.

Idiot.

Sie hatte es verdient, professionell behandelt zu werden. Also höflich und mit Respekt, nicht als Sexobjekt.

Als die drei Männer auf sie zugingen, schnitt Drake ihnen den Weg ab und erreichte Chaney vor ihnen. Die anderen blieben stehen.

„Na, wie läuft’s mit dem Dreh?“, fragte er Chaney.

„Sie hatten recht.“ Mit ihren klaren, grünbraunen Augen sah sie ihn an. „Bis jetzt hat es wirklich Spaß gemacht.“

„Vielleicht sind Sie im Grunde Ihres Herzens ja doch eine Abenteurerin.“

Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. „Ja, vielleicht.“

Als ihre Fingerspitzen seine Haut berührten, erstarrte Drake und konnte kaum mehr atmen. Dann ließ sie die Hände sinken, um sein Lederhemd zu richten. Sein Herz fing an, wie wild zu pochen.

„Sie brauchen mir nicht ständig bei meinen Kostümen behilflich zu sein“, sagte er gepresst. „Das mit gestern Abend war falsch von mir, und wir haben uns ja darauf geeinigt, professionell miteinander umzugehen.“

Chaney zuckte zurück. „Ich wollte nicht …“ Ihre Wangen wurden glühend rot. „Liz und Russell dachten, sie schaffen es nicht, in der Pause alle Leute zu betreuen.“

„Kein Problem“, erwiderte Drake. „Es ist nett von Ihnen, den beiden zur Hand zu gehen.“

„Ich …“

„Zurück auf eure Plätze, Leute“, kommandierte Milt.

Drake merkte, dass Chaney noch etwas sagen wollte. „Wir können ja nachher weiterreden.“

„Nachher?“, fragte sie misstrauisch.

Sie sah so verdammt verletzlich aus, dass er sie am liebsten in die Arme genommen, festgehalten und geküsst hätte. Das war nicht gerade sehr professionell, und auch nicht das, was ein guter Freund tun würde.

Er nickte nur.

Chaneys Züge entspannten sich. „Okay.“

Drake blickte ihr hinterher, als sie wieder an ihren Platz ging. Sie war einfach zu hilfsbereit, zu lieb, zu attraktiv. Wenn er nicht aufpasste …

Aber er passte auf, vor allem in Herzensdingen. Nicht, dass sein Herz jemals beteiligt gewesen wäre. Diesen Fehler würde er mit Sicherheit nicht begehen.

Er nahm seinen Platz neben Jessie ein und konzentrierte sich auf die Leute, die an seinem Ende der Tafel saßen. Das war jedoch nicht leicht, da sein Blick immer wieder zu Chaney abzuschweifen drohte. Aber er ließ es nicht zu.

Alles an ihr brachte Drake heute Abend aus der Fassung. Bei Frauen passierte ihm so etwas nie. Außer bei Chaney Sullivan.

Sie löste unbekannte Empfindungen wie Eifersucht, Beschützerinstinkt und Besitzanspruch in ihm aus. Er war es gewohnt, immer die Kontrolle zu behalten. Mit Chaney war das jedoch ganz anders. Ihr gegenüber fühlte er sich seinen Gefühlen ausgeliefert.

Und das gefiel ihm gar nicht.

Das, was er am liebsten mit Chaney tun würde, sollte er schnellstens vergessen. Ein freundschaftlicher Umgang mit ihr war mehr als genug.

Als er ihr Lachen vom anderen Ende der Tafel hörte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag in den Magen: Vielleicht war sogar Freundschaft schon zu viel.

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