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BIANCA EXKLUSIV BAND 228

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In einer stürmischen Sommernacht

1. KAPITEL

Colin McCarthy war nach Hopetown zurückgekehrt!

Abby Hopewell glaubte, sie würde den Boden unter den Füßen verlieren. Es hatte sie so viel Mühe gekostet, ihr Leben neu zu ordnen – und jetzt das!

Da stand er nun im Cliff Walk, mitten im frisch renovierten Hotelfoyer. Das Regenwasser tropfte von seinem Mantel auf ihren schönen Holzfußboden. Und er sah noch genauso umwerfend aus wie damals, als er die Stadt verlassen hatte.

Dasselbe dichte mahagonifarbene Haar, dieselben verwegenen blauen Augen. Und sofort verspürte Abby wieder ein erregendes Kribbeln und wollte sich in seine Arme schmiegen.

Unter dem Tresen ballte sie die Fäuste. Dies war der Mann, in den sie einmal unsterblich verliebt gewesen war und der sich binnen Sekunden in einen kaltherzigen Fremden verwandeln konnte.

„Abby!“ Colin starrte sie an, während sich auf seinem Gesicht die unterschiedlichsten Empfindungen spiegelten. Zuerst blickten seine Augen liebevoll, dann sah sie darin heißes Verlangen, so wie damals … Und plötzlich presste er die Lippen zusammen und musterte sie eiskalt. „Was macht denn eine Hopewell in einem zweitklassigen Provinzhotel hinter dem Tresen?“

Der abrupte Wandel in seinem Verhalten verstörte sie heute genauso wie früher. Und seine Stimme traf sie mitten ins Herz und erinnerte sie an die schmerzlichste Phase ihres Lebens.

Nachdem sie ihm damals ihre Liebe gestanden und ihm alles gegeben hatte, war er plötzlich vollkommen verändert gewesen. Noch ganz erfüllt von seiner Zärtlichkeit, war sie ihm aus seinem Schlafzimmer in die Küche gefolgt, in der er sich mit einem Freund unterhalten hatte. Sein herablassender Blick und seine verletzenden Bemerkungen hatten sie völlig unvorbereitet getroffen.

Seither hatte sie sich oft vorgestellt, wie es wäre, ihn wiederzusehen. Allerdings hätte sie nie im Leben damit gerechnet, dass er unverhofft in ihrem Hotel aufkreuzen würde. Trotz ihrer Verwirrung gelang es ihr, Haltung zu bewahren.

In reserviertem Ton erwiderte sie: „Das Cliff Walk ist ein angesehenes und sehr gut gehendes Hotel. Da ich zufällig Geschäftsführerin und Teilhaberin bin“, fuhr sie etwas schärfer fort, „habe ich das Recht, dich aus meinem Hotel zu verweisen. Gute Nacht.“

Zwar waren die Hopewells nicht mehr so wohlhabend wie zu Lebzeiten ihres Vaters: Durch den Prozess nach seinem Tod hätten sie beinahe Bankrott anmelden müssen. Dennoch konnte Abby es sich durchaus leisten, einen unangenehmen Gast abzuweisen.

Ärgerlich seufzend wandte sie sich ihrem Stapel Quittungen zu. Durch den Luftzug, den Colin hereingebracht hatte, war alles durcheinandergewirbelt worden. Während sie die Belege von Neuem sortierte, ignorierte sie Colin ganz einfach. Sie hoffte nur, dass er ihre zitternden Hände nicht bemerkte.

Plötzlich drang ein zartes Stimmchen an ihr Ohr: „Oh, Daddy! Das ist ja wirklich ein Schloss. Und das da ist Schneewittchen.“

Als Abby aufsah, entdeckte sie ein süßes kleines Mädchen von etwa vier Jahren, das unter Colins tropfendem Regenmantel hervorlugte. Sogleich lief das Kind los und sauste quer durch das Foyer auf den alten viktorianischen Tresen zu, hinter dem Abby wie erstarrt auf ihrem Stuhl saß.

Genau wie Abby hatte die Kleine rabenschwarzes schulterlanges Haar, aber ihres hatte anscheinend seit einer Woche keinen Kamm mehr gesehen. Im Gegensatz zu Abbys zarter, heller Haut hatte sie einen sanft olivfarbenen Teint, und ihr Gesicht war mit undefinierbaren Essensresten beschmiert. Ihre Sachen waren zerknittert, regennass und passten eher zu einem Jungen als zu einem Mädchen. Mit ihren großen dunklen Augen starrte die Kleine Abby ehrfurchtsvoll an.

Abby war hingerissen.

Dies könnte ihr Kind sein, wenn Colin sich damals nicht wie ein Schuft benommen hätte. Neun Jahre waren seit jener verhängnisvollen Nacht nach ihrem Highschoolabschluss vergangen – und noch heute konnte Abby den Juni kaum ertragen.

„Wohnst du in dem Schloss?“, fragte Colins Tochter. Sie schien Abby wirklich für Schneewittchen zu halten.

Colin trat neben sie und legte schützend die Hand auf ihre Schulter. „Jessie, die Dame arbeitet nur in diesem Hotel. Sie wohnt in einem großen vornehmen Haus am Fluss.“

„Nein, ich lebe tatsächlich hier“, sagte Abby zu dem Mädchen und freute sich, dass sie Colin widersprechen konnte. „So bin ich immer da, falls ein Gast mich braucht. Das Haus, von dem dein Vater gesprochen hat, heißt Hopewell Manor. Dort bin ich aufgewachsen. Es liegt etwa eine halbe Meile von eurem Haus, Torthúil, entfernt. Wir sind also Nachbarn.“

Die Kleine verschränkte die Arme. „Daddy sagt immer Torhool. Das ist ein irisches Wort, stimmt’s, Daddy?“

Colin nickte.

Abby fand die kleine Jessie bezaubernd. Plötzlich verspürte sie jedoch einen Stich. Sicher gab es auch eine Mutter zu dem Kind. Eine Ehefrau? Sie schaute zur Tür, aber niemand war den beiden gefolgt.

„Torthúil bedeutet ‚fruchtbar‘“, erklärte Jessie und zog damit wieder Abbys Aufmerksamkeit auf sich.

„Ja, als es noch eine Farm war, ist es das auch gewesen“, stimmte Abby zu. „Früher habe ich oft Erdbeeren von deinen Großeltern gekauft. Und Brombeeren. Manchmal habe ich einen saftigen Apfel oder einen Pfirsich geschenkt bekommen, den ich dann auf dem Nachhauseweg gegessen habe.“ Mit einem Mal kamen die Erinnerungen zurück. Den langen Weg hatte sie damals nur deshalb auf sich genommen, um Colin zu sehen …

Und in jener Juninacht hatte sie ihm das alles erzählt.

„Mir gefällt’s da nicht“, meinte Jessie. „Da ist es gruselig. Ich will hierbleiben. Dann kann ich Prinzessin sein, so wie du.“

„Aber ich bin gar keine Prinzessin“, gab Abby zurück.

„Das habe ich ganz anders in Erinnerung“, murmelte Colin.

Abby blickte ihn an. Offenbar glaubte er allen Ernstes, sie wäre diejenige, die sich damals falsch verhalten hatte. Dabei hatte er sie nicht nur gedemütigt. Außerdem war er auch schuld daran, dass ihre Freundschaft zu seiner Schwester Tracy zerbrochen war.

Colins Eltern hatten irgendwie herausgefunden, was in der Nacht passiert war. Vielleicht hatten sie zufällig mitgehört, als Colin seinem Freund Harley Bryant erklärt hatte, Abby habe sich ihm an den Hals geworfen. Wie auch immer: Sie hatten ihrer Tochter jedenfalls verboten, sich jemals wieder mit Abby zu treffen.

Offenbar hatte Tracy genauso darunter gelitten, dass sie ihre beste Freundin verloren hatte: Danach war es mit ihr stetig bergab gegangen, und ein Jahr später war sie tödlich verunglückt. Colin war nicht zur Beerdigung gekommen – sonst hätte Abby ihm an den Kopf geworfen, dass er für den Tod seiner Schwester verantwortlich sei.

Am liebsten hätte sie ihm auf der Stelle gesagt, was sie von ihm hielt, aber sie wollte seine süße Tochter nicht verschrecken. Außerdem sollte er nicht wissen, wie sehr die Vergangenheit sie noch beschäftigte.

Colin ging in die Knie, um auf Augenhöhe mit seiner Tochter zu sein. „Kleines, willst du dir nicht inzwischen das Zimmer da anschauen?“ Er zeigte auf den angrenzenden Salon. „Aber nichts anfassen, hörst du?“

„Okay“, sagte die Kleine und hüpfte davon.

Colin sah ihr nach, dann drehte er sich Abby zu. „Mir war nicht klar, wie baufällig unser Haus ist, sonst hätte ich mir rechtzeitig eine Unterkunft besorgt.“

Abby hatte Colins Vater gemocht und wollte wenigstens ihr Bedauern über seinen Tod ausdrücken. „Es tut mir sehr leid, dass dein Vater gestorben ist. Er war ein großartiger Mensch.“

Er nickte. „Dass dein Vater gestorben ist, tut mir ebenfalls leid. Der Tod meines Vaters ist der Grund, weshalb ich zurückgekommen bin. Ich habe Torthúil geerbt und möchte gern dort wohnen. Aber so wie es im Moment aussieht, kann ich unmöglich mit Jessie dort einziehen. Wir könnten natürlich in die Stadt gehen …“

Ein tagheller Blitz erleuchtete das Foyer, gefolgt von einem lauten Donnerschlag. Jessie schrie auf und lief schnell zu ihrem Vater zurück, der sie auf den Arm nahm und an sich drückte. „Keine Angst, Jess. Dir passiert nichts“, beruhigte er die Kleine.

Unwillkürlich musste Abby daran denken, wie Colin sie auf eine ganz andere Weise im Arm gehalten hatte. Rasch schaute sie weg, als Colin sie ansah.

Sie seufzte. „Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Da kann ich unmöglich ein Ehepaar mit Kind wegschicken. Ist deine Frau im Auto?“

Abbys Frage überraschte Colin. Seine Familie und seine Freunde kannten natürlich die Geschichte von seiner gescheiterten Ehe. Er und Jessie lebten schon so lange alleine. Oft kam es ihm gar nicht in den Sinn, dass jemand nach der Mutter des Kindes fragen könnte.

„Nein, ich bin mit Jessie alleine. Wir sind Partner, nicht wahr, mein Schatz? McCarthy und Tochter.“ Liebevoll drückte er das Kind an sich.

Jessie gab ihm einen Kuss auf die Wange und blickte Abby strahlend an. „Ja, Daddy und ich sind Partner. Wir machen alles zusammen.“

Nach kurzem Schweigen nickte Abby. „Ich habe ein Zimmer mit einem großen Bett.“ Sie lächelte Jessie an. „Ich nehme an, Jessie möchte in einer solchen Nacht nicht von ihrem Partner getrennt sein.“

Für einen Moment dachte Colin nach. „Kannst du uns das Zimmer zeigen? Dann bringe ich Jessie ins Bett und hole anschließend unsere Sachen aus dem Auto.“

„Willst du sie etwa ganz allein auf dem Zimmer lassen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Geh ruhig gleich zum Auto. Ich passe inzwischen auf sie auf.“

Obwohl Jessie sich sofort aus seinem Arm befreien wollte, zögerte Colin. Er war nicht sicher, ob es ihm recht war, wenn Abby mit seiner Tochter allein blieb.

Abby seufzte. „Nun geh schon. Sie ist absolut sicher bei mir.“

„Na gut. Es dauert nicht lange.“ Er stellte Jessie auf die Füße und ging nach draußen. Ein weiterer Blitz erhellte den Himmel. Er blinzelte ungläubig. Im kurzen Licht hätte er geschworen, ein toskanisches Dorf gesehen zu haben. Als es wieder blitzte, konnte er deutlich Weinberge erkennen.

Was war mit diesem Ort geschehen?

Erst der heftige Donnerschlag erinnerte ihn daran, dass er die Sachen aus dem Auto holen wollte. Er zog den Mantel über den Kopf und lief in den prasselnden Regen. Eilig holte er das Gepäck aus dem Kofferraum, als ihm einfiel, dass Jessies Spielsachen und ihr geliebter Stoffhund noch hinten im Auto lagen. Lächelnd nahm er das Plüschtier an sich und blieb einen Moment auf der Rückbank sitzen.

Jessie war gerade elf Monate alt gewesen, als eine seiner Schwestern ihr das Stofftier zu Weihnachten geschickt hatte. „Wauwau“, hatte Jessie gesagt, ihr erstes Wort außer „da-da“. Seitdem trug sie den Hund ständig bei sich und hing sehr daran. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ihre Mutter sie etwa zur selben Zeit verlassen hatte. Fehlte seiner Tochter etwas, das er ihr nicht geben konnte?

Nachdem Angelina ungeplant schwanger geworden war, hatte er sie geheiratet. Sie war ziemlich erbost darüber gewesen, weil sie deshalb ihre Schauspielerkarriere unterbrechen musste. Zum Glück hatte er sie davon überzeugen können, das Baby auszutragen.

Angelina hatte ihn nur wegen der Absicherung geheiratet – sie hatten nie zusammengelebt. Ein Jahr lang hatte sie ihre Tochter hin und wieder besucht, war dann aber nach Brasilien zurückgekehrt: In ihrem Heimatland hatte man ihr ein Engagement in einer TV-Serie angeboten.

Seit dem Tag, an dem Colin Jessie vom Krankenhaus abgeholt hatte, waren sie beide unzertrennlich. Er lachte leise, weil er an die Blicke seiner Handwerker denken musste, als er am nächsten Tag auf der Baustelle aufgetaucht war. Jessie hatte mit ihrem Babysitter im Wagen gesessen, und auch sein Pick-up hatte Aufsehen erregt: Daran war ein Anhänger angeschlossen gewesen, den er zu einem Kinderzimmer auf Rädern umgebaut hatte – mit allem, was notwendig war.

Die Jungs hatten ihn angestarrt, als ob er den Verstand verloren hätte. Allerdings hatten sie sich schnell an die neue Situation gewöhnt. Von da an waren Jess und der Anhänger nämlich überall dabei gewesen, wo er gearbeitet hatte. Bis letzte Woche war das rollende Kinderzimmer ihr zweites Zuhause gewesen. Und sämtliche Leute aus seinem Team waren Jessies Ersatzonkel und – tanten geworden.

Aber eine wirkliche Mutter hatte sie nie gehabt.

Ein neuerlicher Blitz ließ ihn zusammenfahren. Immerhin hatte die Kleine einen Vater. Den sie bestimmt schon vermisste. Er verstaute Wauwau unter dem Regenmantel und griff nach dem Gepäck: einer alten Sporttasche und einem nagelneuen Rollkoffer mit einem Bild von Schneewittchen darauf.

Schneewittchen, dachte er, presste die Lippen zusammen und lief ins Haus. Er hatte denselben Gedanken gehabt, als ihm das kleine Mädchen zum ersten Mal aufgefallen war, das auf dem Anwesen oberhalb von Torthúil wohnte. Damals hatte Abby mit ihrer Familie am Fluss gepicknickt und war plötzlich mit ihrem Schwimmreifen von der Strömung abgetrieben worden. Schnell war er am Ufer entlanggelaufen und hatte sie weiter unten aus dem Wasser gefischt. Sie hatte gar keine Angst gehabt und fröhlich gelacht.

Nachdem sie zum Teenager herangewachsen war, hatte sie wie eine echte Märchenfee ausgesehen. Bald hatte er gemerkt, dass aus der Zuneigung zur Freundin seiner Schwester Tracy mehr geworden war. Viel mehr. Doch ihm war klar geworden, dass sie zu jung für ihn war. Um Abstand zu ihr zu bekommen, hatte er sich direkt nach der Highschool zum Militärdienst gemeldet.

Als er zu Tracys Highschoolabschluss nach Hause gekommen war, hatte er Abby wiedergesehen. Und sofort war ihm bewusst geworden, dass seine Liebe in den vier Jahren der Abwesenheit gewachsen war. Abby hatte ebenfalls gerade die Schule beendet. Er hatte geglaubt, sie sei so unschuldig wie die Märchenfigur, der sie glich. Aber er hatte sich getäuscht. In der Zwischenzeit hatte sie sich zu einer Verführerin entwickelt.

Colin betrat nun das Foyer und blieb überrascht am Eingang stehen. Jessie saß auf einer Treppenstufe unterhalb von Abby und ließ sich von ihr kämmen. Was an ein Wunder grenzte: Bei ihm beschwerte sie sich immer, dass es ziepte. Aber sie wollte das Haar auch nicht abschneiden, und er hatte ihr ihren Willen gelassen.

„So, jetzt flechte ich dir einen Zopf“, sagte Abby. „Wenn du damit ins Bett gehst, ist dein Haar morgen früh nicht so zerzaust. Ein Satinbezug hilft auch. Ich gebe deinem Dad nachher einen, den er über dein Kopfkissen ziehen kann. Und wenn du dir das Haar waschen willst: Im Badezimmer steht eine Cremespülung. Damit wird es weicher und lässt sich leichter kämmen.“

Als sie Sekunden später mit dem Zopf fertig war, erklärte Abby: „So, Haare gekämmt, Hände und Gesicht gewaschen. Jetzt brauchst du nur noch deinen Pyjama anzuziehen und die Zähne zu putzen. Und danach kriegst du einen Gutenacht-Keks.“

„Ich bekomme sogar einen Keks?“, fragte Jessie mit verträumter Stimme. „Ist das wirklich kein Schloss? Was hast du denn für Kekse?“

Dass Abigail Hopewell sich so liebevoll um seine Tochter kümmerte, rührte Colin zutiefst. Jessies leibliche Mutter hatte sich nie so unbefangen und gefühlvoll gezeigt. Bei Abby schien es eine natürliche Gabe zu sein. Doch sofort fiel ihm wieder ein, was diese Frau ihm angetan hatte. Wäre Torthúil nicht so baufällig, würde er mit Jessie keine Minute hierbleiben.

„Na, mal sehen“, erwiderte Abby. „Ich glaube, Genevieve hat Butterkekse gebacken. Und wir haben immer frische Milch.“

„Jessie hat eine Milchallergie“, sagte Colin schroff.

Mit zusammengezogenen Brauen schaute Jessie ihren Vater an. Einen solchen Ton kannte sie von ihm nicht.

„Tut mir leid, meine Kleine, das wusste ich nicht“, meinte Abby. „Wir haben auch Sojamilch. Magst du die?“

„Mhm, ja. Darf ich welche haben, Daddy?“

Erwartungsvoll betrachtete Jessie ihn. Sie war anscheinend so froh, dass Abby sich um sie kümmerte, dass er sich plötzlich ausgeschlossen fühlte. Zwar fand er es engstirnig, so zu denken. Doch er war nun mal Jessies Held, und das wollte er auch bleiben. „Klar, Partner“, antwortete er so gut gelaunt, wie er nur konnte. „Aber hier ist jemand, der draußen im Auto ganz schön Angst gehabt hat.“ Er zog ihren Stoffhund unter dem Mantel hervor. „Ich wette, der will in den Arm genommen werden.“

„Wauwau!“, rief Jessie und lief freudestrahlend auf ihn zu, was sein Herz wieder besänftigte.

Mit ausdrucksloser Miene stand Abby da. In kühlem Ton sagte sie schließlich: „Ich bringe die Milch und die Kekse für Jessie auf euer Zimmer. Falls es dir nichts ausmacht, ohne mich hochzugehen: Das Zimmer befindet sich im ersten Stock links von der Treppe. Nummer zehn.“

Als sie ihm den Schlüssel reichte, berührten sich kurz ihre Hände. Sofort spürte er das vertraute erregende Prickeln. All die Jahre war es ihm nicht aus dem Sinn gegangen. Und so wie Abby ihn ansah, spürte sie es offenbar auch.

Rasch zog er die Hand zurück. „Kein Problem. Das Zimmer finden wir schon allein.“ Scharf fügte er hinzu: „Was den kleinen Imbiss angeht: Wir wollen deine Gastfreundschaft nicht überstrapazieren. Ich bin sicher, du betätigst dich normalerweise nicht als Zimmerkellnerin.“

Erstaunt hob Abby eine ihrer schön geformten Brauen und musterte ihn kalt mit ihren smaragdgrünen Augen. „Falsch gedacht. Ich bringe meinen Gästen oft etwas aufs Zimmer. Das gehört zu meinem Job, und ich tue es gerne. In ein paar Minuten bringe ich Jessie den kleinen Imbiss hoch.“

Als sie in der Küche verschwand, hätte Colin ihr am liebsten hinter dem Rücken die Zunge herausgestreckt. Er fuhr sich durchs Haar. Seit er dieses Hotel betreten hatte, kam er sich mehr und mehr wie ein kleiner Junge vor. Warum ließ er sich bloß von dieser Frau so beeinflussen?

Weil sie dich schon immer um den Finger gewickelt hat. Damit hatte das ganze Desaster ja angefangen. Er hatte ihr immer alles gegeben.

„Weißt du, sie ist gar nicht Schneewittchen“, meinte Jessie ehrfurchtsvoll. „Aber ich finde sie sooo schön.“

Colin widersprach seiner Tochter nicht. „Komm, lass uns hochgehen, damit du ins Bett kommst.“

Später würde er darüber nachdenken, wie er sich ein für alle Mal von Abbys Anziehungskraft befreien konnte.

Abby stellte ein Glas Sojamilch mit Vanillegeschmack und einen Teller Kekse auf ein Tablett. Daneben setzte sie eine kleine Vase mit der Rose, die sie vorhin im Garten gepflückt hatte, um sie vor dem Sturm zu retten. Sie wollte, dass Jessie sich wohlfühlte, nachdem Torthúil so enttäuschend für sie gewesen war. Außerdem war sie der Meinung, dass sich jedes kleine Mädchen wenigstens einmal im Leben wie eine Prinzessin vorkommen sollte.

Lächelnd erinnerte sie sich daran, wie ihre Schwestern und sie in diesem Alter gewesen waren. All diese Schlafrituale – mit Gebäck und Geschichten, Küssen und Kuscheltieren. Neben ihrer Mutter hatte sich auch ihre treue Haushälterin Hannah Canton rührend um die Kinder gekümmert. Jessie hingegen hatte offenbar nur ihren Vater, der es noch nicht einmal schaffte, seinem Kind die Haare zu kämmen.

Als sie am Wäscheschrank vorbeiging, fiel ihr ein, dass sie Jessie ein Satinkissen versprochen hatte. Sie klemmte sich den Kissenbezug unter den Arm und marschierte auf die Nummer zehn zu. Obwohl sie immer noch ärgerlich auf Colin war, fing ihr Herz wild an zu hämmern und zeigte ihr, dass seine Anziehungskraft auf sie kein bisschen nachgelassen hatte. Auch wenn er sie damals in Gegenwart seines Freundes so grausam zurückgestoßen hatte.

Abby hatte gehofft, er würde auf Hopewell Manor vorbeikommen und die Sache klären. Vielleicht hatte er nur ihren Ruf schützen wollen, damit Harley nicht irgendwelche Gerüchte in die Welt setzte. Doch dann hatte sie erfahren müssen, dass er vorzeitig die Stadt verlassen hatte.

Seit jener schrecklichen Nacht hatte sie nur zwei Männer näher kennengelernt. Einer war Politikstudent gewesen, der andere ein Hotelmanager, der sich ein paar Tage im Cliff Walk aufgehalten hatte.

Zwar hatte sie beide Männer attraktiv gefunden und auch versucht, sich mit ihnen einzulassen. Aber sobald es intimer geworden war, hatte sie einen Rückzieher gemacht. Sie hatte ihr Verhalten damit entschuldigt, dass sie noch Zeit bräuchte. Beide Männer hatten das jedoch nicht verstanden und sich zurückgezogen.

Bei jeder neuen Begegnung mit einem Mann hatte sie Angst gehabt, den gleichen Fehler zu begehen wie mit Colin. Und schließlich hatte sie sich entschieden, ganz die Finger von Männern zu lassen. Leidenschaft war eine gefährliche Sache, und sie wollte nicht riskieren, dass ihr das Herz erneut gebrochen wurde. Bestimmt dachten viele, dass ihr im Leben etwas fehlte, oder sie fanden sie kaltherzig. Sollten sie doch. Ihr ging es auf jeden Fall besser damit.

Sie atmete tief durch und klopfte beherzt an die Tür. Zum Glück öffnete Jessie. „Hi“, begrüßte die Kleine sie. „Daddy ist gerade im Bad, weil er sich abtrocknen muss. Er ist nämlich ganz nass geworden. Ist das mein Snack?“

„J … ja“, stammelte Abby und schob das innere Bild von Colins nacktem Körper beiseite. „Und hier ist der Kissenbezug, den ich dir versprochen habe.“

Erstaunt und dankbar nahm Jessie den Bezug und strich sich damit über die Wange. „Oh, Abby, wie weich der ist!“

Abby lächelte. „Ja, und das ist gut für dein Haar. Morgen früh ist es bestimmt ganz glatt.“

Überschwänglich schlang Jessie die Arme um Abby, und im selben Moment ging die Badezimmertür auf. Abby gelang es eben noch, das Tablett nicht fallen zu lassen. „Jessie, wo ist …?“, begann Colin und stockte.

Abby hatte Mühe, sich von seinem Anblick loszureißen. Er trug nur Jeans, seine breite Brust war nackt. Noch immer hatte er denselben fantastischen Körper.

Lässig kam er auf sie und nahm ihr das Tablett ab. Als sich ihre Hände erneut berührten, zuckte Abby so zusammen, dass sie beinahe das Glas umstieß. „I… ich hoffe, es schmeckt dir, Jessie“, stotterte sie und wich zurück. „Frühstück ist um neun. Einen schönen Aufenthalt im Cliff Walk.“

Nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte sie sich draußen mit klopfendem Herzen gegen die Wand. Sie musste wieder zur Vernunft kommen. Sie durfte nicht zulassen, dass seine bloße Gegenwart sie so durcheinanderbrachte.

Mit großen Schritten lief sie nach unten und schloss die Eingangstür ab, dann ging sie hoch in ihre Privaträume im Turm des Hauses. Am Treppenende blieb sie stehen und wartete auf das Gefühl der Entspannung, das sie an diesem Ort jedes Mal überkam. Stattdessen erfüllte sie jedoch eine beklemmende Einsamkeit. Alle, die sie kannte, hatten einen Lebensgefährten – nur sie nicht. Wann immer es ihr nicht gut ging, flüchtete sie sich allerdings lieber in ein Zimmer als zu einem Menschen.

Aber so hatte sie es gewollt, und so sollte es auch bleiben. Energisch knöpfte sie ihre Bluse auf und trat vor den Kleiderschrank. Bestimmt war es das stürmische Wetter, das ihr zusetzte. Und natürlich auch der Schock, Colin wiederzusehen.

Oder vielleicht auch Jessies Umarmung. Oder die Berührung von Colins Hand.

Es erschien ihr sinnlos, darüber nachzudenken. Also schlüpfte sie in ihre Sportsachen und legte sich auf die Yogamatte vor dem großen Fenster. Nachdem sie tief eingeatmet hatte, nahm sie die erste Position ein und kam allmählich zur Ruhe. Währenddessen ging draußen das Gewitter unvermindert weiter.

Als sie eine Stunde später frisch geduscht im Bett lag, musste sie sich eingestehen, dass sie nicht von der Vergangenheit loskam. Als Kind war sie unbefangen und glücklich gewesen. Der ganze Ärger und das Gefühlschaos hatten erst begonnen, als sie nach der Abschlussfeier bei Tracy übernachten wollte.

Hundertmal hatte sie sich diese Nacht schon vergegenwärtigt. Nach dem Ende der Party hatte sie in der Küche abgewaschen und gerade das Licht ausgemacht, als sie von der Hintertür des Farmhauses der McCarthys Colins Stimme gehört hatte. Seit Jahren schon war sie heimlich in ihn verliebt gewesen und war es allmählich leid, von ihm ständig wie ein kleines Mädchen behandelt zu werden.

Also hatte sie einen Plan gefasst: Sie wollte sich ihm gegenüber ein wenig sexy geben, damit er merkte, dass sie in seiner Abwesenheit erwachsener geworden war. Mit einer Stimme wie Marilyn Monroe rief sie seinen Namen. Als er kurz darauf hereinkam, wirkte er ganz aufgeregt. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und brachte ihre Lippen ganz nah an seine.

Zuerst hatte er tief Luft geholt, hatte sich nicht auf ihren Annäherungsversuch einlassen wollen. Doch sie war entschlossen gewesen, sich nicht abwimmeln zu lassen. Als sie angefangen hatte, seine Brust zu streicheln, war die Leidenschaft zwischen ihnen entflammt …

Schweißgebadet sprang Abby nun aus dem Bett. Sie hatte sich geschworen, nie mehr an diese Ereignisse zu denken – und jetzt hatte sie sich doch dazu hinreißen lassen.

Und das alles, weil Colin McCarthy unter ihrem Dach wohnte.

Aus dem Sessel vor dem Fenster betrachtete Colin die schlafende Jessie. Er selbst konnte leider nicht einschlafen. Das Wiedersehen mit Abby hatte all die schmerzlichen Erinnerungen in ihm wachgerufen, die seinem Leben eine entscheidende Wende gegeben hatten.

Und was war mit ihrem Leben?

Sie kam ihm sehr verändert vor, obwohl sie mit Jessie genauso liebevoll umging wie früher mit seinen kleinen Schwestern. Ihr Lächeln und das Strahlen in ihren Augen hatten ihn jedes Mal von Neuem bezaubert, wenn sie im Haus der McCarthys zu Besuch gewesen war. Und das war ziemlich häufig der Fall gewesen.

Jetzt hatte sie einen kühlen Blick, den er gar nicht von ihr kannte. Das letzte Mal hatte er Tränen in ihren Augen schimmern sehen. Er versuchte, nicht über die Ursache und die Folgen dieser Tränen nachzudenken. Aber er spürte, dass seine Vermeidungsstrategie nicht mehr funktionierte: Es führte kein Weg daran vorbei, sich über seinen eigenen Anteil an dem Desaster klar zu werden.

Damals bei Tracys Abschlussfest hatte er zu viel Bier getrunken und Abbys Verführungskünsten nicht widerstehen können. Doch kaum war er wieder nüchtern gewesen, hatte ihn die Tragweite dessen, was sie getan hatten, überfallen. Abby war noch Jungfrau gewesen, und sie hatten nicht verhütet. Bestimmt hatte sie sich gar nicht klargemacht, auf was sie sich da eingelassen hatte. Was, wenn sie schwanger wurde? Sie hatten doch beide noch ihr Studium vor sich gehabt.

Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren, hatte er Geräusche aus der Küche gehört und war in Panik geraten. Nicht auszudenken, wenn jemand sie gehört hatte. Sein Zimmer besaß eine Verbindungstür zur Küche.

Schnell war er aus dem Bett gesprungen und in seine Jeans geschlüpft. Abby hatte er gedrängt, sich ebenfalls anzuziehen. Dann war er in die Küche gegangen und hatte die Tür hinter sich zugezogen in der Hoffnung, Abby würde in seinem Zimmer bleiben. In der Küche hatte er Harley angetroffen, das größte Schandmaul weit und breit.

Dummerweise war Abby ihm in die Küche nachgekommen, und natürlich hatte Harley sofort begriffen, was passiert war. Damit Abby und er nicht am nächsten Tag zum Stadtgespräch wurden, hatte er versucht, sich herauszureden. Er hatte Harley erzählt, dass Abby sich an ihn herangemacht hätte, dass sie aber noch viel zu jung sei und dass er sie sowieso nicht ernst nehmen würde. Dann hatte er Abby herablassend angeblickt und zu ihr gesagt, sie solle ihn in Ruhe lassen.

Was war er doch für ein mieser Typ gewesen. Er hätte sich wirklich etwas Besseres einfallen lassen können, um die Situation zu retten. Mit dem Versuch, sie vor dem Gerede der Leute zu schützen, hatte er sie mehr verletzt, als es der größte Tratsch vermocht hätte.

Ein greller Blitz erhellte nun den Himmel, gefolgt von einem so krachenden Donner, dass die Fensterscheiben klirrten. Schreiend fuhr Jessie aus dem Bett hoch, und Colin lief schnell zu ihr. „Keine Angst, Kleines. Daddy ist bei dir.“ Er setzte sich neben sie aufs Bett und nahm sie in den Arm.

Als es wieder donnerte, hielt Jessie sich die Ohren zu. „Das ist so laut. Ich mag das nicht.“

„Du musst immer daran denken, dass der Donner gar nicht schlimm ist. Das ist nur das Geräusch, wenn die Wolken zusammenkrachen.“

Jessie gähnte ausgiebig. „Dann sollen die Wolken sofort damit aufhören.“

„Das tun sie bestimmt bald. Und morgen fahren wir zu unserem Haus. Wenn es renoviert ist, darfst du mir helfen, die Farben auszusuchen.“ Er lächelte. „Es wird dir hier bestimmt gefallen. Du wirst sehen.“

Erneut gähnte Jessie. „Das Haus soll so braun sein wie mein Zauberstein“, meinte sie schläfrig, als ihr bereits die Augen zufielen.

Schade, dass dein Stein nicht alle Probleme wegzaubern kann, dachte Colin traurig.

Den Stein hatte er in Torthúil gefunden, kurz bevor er Hals über Kopf die Stadt verlassen hatte – James Hopewell hatte ihn dazu gezwungen zu gehen. Damals hatte er nicht gewusst, ob er jemals zurückkehren würde. Der Stein hatte ihn an das erinnern sollen, was er verloren hatte. Außerdem hatte er ihn dazu anspornen sollen, genauso reich und mächtig zu werden wie James Hopewell.

Nachdem ihm Torthúil zugesprochen worden war, hatte er den Stein Jessie gegeben, um ihr ein wenig die Angst vor dem Umzug nach Pennsylvania zu nehmen.

Während er jetzt auf dem Bett saß und sein Kind im Arm hielt, sah er die Ereignisse von damals in neuem Licht. Teilweise konnte er James Hopewells Wut sogar verstehen. Bestimmt würde er später ebenfalls alles tun, um seine Tochter zu beschützen.

Allerdings konnte er Hopewell nicht verzeihen, dass er seiner Familie gedroht hatte: Er hätte den Kredit der McCarthys bei der Bank gesperrt, falls Colin seine Anordnung nicht befolgt hätte. Das wäre das Aus für die Farm seiner Eltern gewesen.

Doch wofür er Hopewell regelrecht hasste, war die Tatsache, dass dieser ihm verboten hatte, zu Tracys Beerdigung zu kommen.

Ein Zyniker würde vielleicht sagen, dass er diesem Mann seinen Erfolg zu verdanken hatte. Denn Colin hatte seine Karriere vor allem deshalb so zielstrebig verfolgt, weil er es Hopewell heimzahlen wollte.

Abby wiederum konnte er einfach nicht vergeben, dass sie ihrem Vater verraten hatte, was zwischen ihnen passiert war. Nie hätte er das von ihr gedacht. Hopewell hatte damals behauptet, Abby sei weinend nach Hause gekommen, er habe sie getröstet und dabei die Wahrheit aus ihr herausgelockt.

Aus heutiger Sicht musste Colin ihr zugutehalten, dass sie sehr jung gewesen war. Doch außerdem waren da noch der rätselhafte Tod seiner Schwester und sein heimlicher Verdacht, dass Abby daran eine Mitschuld trug. Wie sonst hätte Tracy den reichen Typen kennenlernen sollen, der in betrunkenem Zustand das Boot gelenkt hatte, in dem sie umgekommen war? Nur jemand aus dem Umkreis der Hopewells konnte sich ein solches Boot leisten.

James Hopewell lebte nicht mehr, und Colin hatte niemanden mehr, gegen den er seine Wut richten konnte. Darüber hinaus stand er vor dem Problem, dass er sich ausgerechnet zur Tochter dieses Mannes unwiderstehlich hingezogen fühlte.

2. KAPITEL

Abby lugte durch die offene Küchentür in den Speiseraum des Cliff Walk. Ihre Küchenfee Genevieve hatte allen bereits das Frühstück serviert, das jeder Gast am Abend zuvor bestellt hatte. Nur Colin hatte nichts verlangt: Abby hatte vollkommen vergessen ihn zu fragen, so durcheinander war sie gewesen.

„So, alles fertig“, sagte Genevieve neben ihr.

Abby schrak derart zusammen, dass ihre Köchin beinahe das Tablett fallen ließ. „Himmel, Genevieve!“, japste sie. „Musst du dich unbedingt so anschleichen?“

Genevieve blickte an ihrer üppigen Figur herunter. „Bei meinem Umfang kann von Anschleichen wohl keine Rede sein.“

„Na ja, wahrscheinlich war ich mit meinen Gedanken woanders“, räumte Abby ein und fühlte sich ertappt.

„Ja, den Eindruck habe ich auch“, meinte Genevieve. „Und ich vermute, das hat was mit dem gut aussehenden jungen Mann da draußen zu tun. Sonst gehst du immer zu den Gästen und plauderst mit ihnen. Was ist denn heute los?“

„Was soll los sein? Der Typ interessiert mich nicht die Bohne.“ Auf Genevieves Bemerkung, dass sie ihre Gäste vernachlässige, wollte sie lieber nicht eingehen. Ihre Köchin musterte sie ohnehin schon wie ein Insekt unter dem Mikroskop.

„Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall. Wenn du meine Meinung hören willst: Es tut dir nicht gut, dass du nur an das Hotel denkst und dich nie amüsierst. Und jetzt geh mir aus dem Weg. Ich habe was Besseres zu tun, als dir dabei zuzusehen, wie du dich vor dem Leben versteckst.“

„Tu ich doch gar nicht“, protestierte Abby. „Ich habe ein sehr ausgefülltes Leben. Außerdem, was hast du noch zu tun? Die Gäste sind alle versorgt.“

„Ich muss das Abendessen vorbereiten. Heute haben nämlich alle beschlossen, hier zu essen. Es gibt frische Pasta.“

„Alle? Etwa auch Colin und seine Tochter?“

„Ja, selbst die. Du gewöhnst dich besser an den Gedanken, dass sie eine Weile bei uns bleiben“, erklärte Genevieve und grinste.

Abby verzog das Gesicht. „Ich dachte, er reist heute wieder ab. Eigentlich war es klar, dass ich ihn nicht hier haben will, und er will sowieso nicht bleiben.“

„Seit wann vergraulst du einen zahlenden Gast? Und wieso will er nicht hierbleiben? Weit und breit gibt es kein netteres Hotel.“ Spitz fügte die Köchin hinzu: „Irgendwie habe ich das Gefühl, da steckt eine alte Geschichte dahinter.“

„Colin McCarthy ist ein Ekel. Das muss dir als Antwort genügen.“

Genevieve wohnte noch nicht sehr lange in der Gegend. Das einzige Familienmitglied der McCarthys, das sie kannte, war Colins jüngste Schwester Erin. Diese hatte im Frühjahr auf dem Rückweg vom College im Hotel übernachtet.

Damit Genevieve endlich mit ihrer Fragerei aufhörte, wechselte Abby das Thema: „Das Rührei von dem kleinen Mädchen wird kalt.“ Sie hielt der Köchin die Tür auf.

Dann ging sie selbst in den Speiseraum. Kaum hörte sie Colins sonore Stimme, bekam sie weiche Knie und war mit einem Mal völlig verwirrt. „Lass dir dein Frühstück schmecken, Jessie“, brachte sie heraus und steuerte schnell ihr Büro an, um möglichst viel Abstand zu Colin zu gewinnen. Schließlich fragte sie in die Runde: „Haben alle schon Pläne für heute?“ Zu ihrer Erleichterung nickten alle.

Mr. Kane, ein älterer Gast, meinte: „Ja, wir wollen uns die Stadt ansehen. Wissen Sie, ob die Straße nach dem Unwetter gestern frei geräumt ist?“

Abby schüttelte den Kopf. „Ich habe vorhin bei der Stadt angerufen. Mir wurde gesagt, dass sie es vor drei Uhr am Nachmittag nicht schaffen, das niedergegangene Geröll wegzuräumen. Aber Sie können trotzdem in die Stadt fahren.“ Damit beschrieb sie den Gästen den Weg über New Jersey.

Anschließend betrat sie ihr Büro. Sie war froh, es hierhergeschafft zu haben, ohne Colin anzusehen. Allerdings lag auf ihrem Schreibtisch noch ein Stapel Broschüren mit Ausflugszielen in der Gegend, die sie den Gästen zeigen wollte.

Als sie zurück in den Speiseraum kam, sah sie unwillkürlich zu Colin, der sich gerade mit Mr. Kane unterhielt. Dummerweise drehte er in derselben Sekunde den Kopf in ihre Richtung. Er hielt inne. Ein unsicheres Flackern trat in seine Augen, dann blickte er schnell weg und setzte sein Gespräch fort.

Abby überreichte einem der Gäste die Broschüren und bat ihn, diese an die anderen weiterzugeben. Wieder schaute Colin auf, und einen erregenden Moment lang sahen sie sich in die Augen.

„Du siehst heute hübsch aus, Abby. Wie eine Prinzessin“, meinte Jessie plötzlich.

Abby freute sich über das Kompliment, aber gleichzeitig wunderte sie sich, denn ihre Kleider waren eher altmodisch. Zumindest war das die Meinung ihrer ältesten Schwester Caroline, die sehr modebewusst war.

Caro fand Abbys wadenlange weite Röcke und Rüschenblusen matronenhaft. Aber Abby war es egal, was die Leute dachten: Ihr gab diese Art von Kleidung ein Gefühl der Sicherheit. In den Rockfalten konnte sie ihre Figur verstecken. Nein, wie eine Prinzessin fühlte sie sich nicht. Allenfalls wie eine Eisprinzessin, die nie wieder ihr Herz verlieren wollte.

„Ja, fehlt nur noch die Krone“, sagte Colin mit sanfter, leicht spöttischer Stimme. Einige lachten leise und blickten verwundert zwischen Abby und Colin hin und her. Anscheinend fassten sie Colins Worte als Flirt auf. Abby hingegen wusste genau, dass er auf ihre hohe Herkunft anspielen wollte.

Doch selbst wenn es als Flirt gemeint gewesen wäre: Da die Bemerkung von Colin McCarthy kam, hatte sie bei ihr nicht den geringsten Effekt. Nicht den geringsten. Sie zwang sich zu einem Lächeln. Nein, sie würde nicht zulassen, dass er ihr ruhiges Leben durcheinanderbrachte und den Leuten womöglich Anlass für Klatsch und Tratsch gab.

Sie lächelte Colins Tochter an. „Danke, Jessie.“ Dann wandte sie sich an die anderen: „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, ich habe noch einiges zu erledigen.“ Damit verschwand sie in ihrem Büro und schloss die Tür hinter sich.

In Colins Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was mochte sie wohl zu tun haben? Ob sie auch Betten machte und Staub wischte? Das Töchterchen aus reichem Hause, das er von früher kannte, hatte sich anscheinend ziemlich verändert.

Aber das konnte ihm ja völlig egal sein.

Sein Teller war noch halb voll, aber er war viel zu aufgeregt zum Essen. Als Abby vorhin in den Speiseraum gekommen war, hatte er die Augen nicht von ihr lassen können. Er musste sich eingestehen, dass er noch genauso fasziniert von ihr war wie früher, und das verunsicherte ihn zutiefst.

Nachdem Jessie aufgegessen hatte, gingen sie zusammen zu seinem Wagen. Zum ersten Mal betrachtete Colin die viktorianische Fassade bei Tageslicht. Das Haus wirkte perfekt bis ins kleinste Detail. Außer Abby hatte er bisher keine Frau kennengelernt, die wie er eine Vorliebe für die Restaurierung alter Gebäude hatte.

Jessie hüpfte im Hof hin und her. „Guck mal, die vielen Büsche, Daddy. Und was sind das für Häuser da drüben?“

„Die sind mir gestern Abend auch aufgefallen. Ich glaube, es sind die Kelteranlagen vom Weingut. Und die Büsche sind Rebstöcke.“

„Alles ist so schön hier, aber am besten gefällt mir Abbys Schloss.“

„Es ist ein Hotel, Kleines, kein Schloss.“

„Doch, es ist ihr Schloss. Sie wohnt sogar im Turm wie Rapunzel. Und die Häuser da drüben sind ihre Stadt.“

Als Colin zum Hotel zurückblickte, bemerkte er, dass Abby mit nachdenklicher Miene am Fenster stand und sie beobachtete. „Das werden wir bestimmt noch alles herausfinden“, sagte er.

„Die Häuser sehen ein bisschen aus wie unser altes Haus in L.A.“, meinte Jessie mit verwunderter Stimme.

„Mir kommt es eher wie ein Weingut in der Toskana vor. Als ich in der Armee war, habe ich mal so eins besichtigt. Mrs. Hopewell kommt von dort.“

Irritiert zog Jessie die Brauen zusammen. „Hier sind so viele neue Leute, Daddy. Wer ist denn Mrs. Hopewell?“

Colin lächelte. „Das ist Abbys Mutter. Komm, wir fahren jetzt nach Torthúil.“

„Muss ich wieder auf der Veranda bleiben?“

„Das ist doch immer so, wenn ich mit einem neuen Haus anfange. Zuerst muss ich alles begutachten, damit ich weiß, dass es sicher für dich ist.“

„Aber wir haben den Wohnwagen nicht mehr. Du hast gesagt, diesmal …“

„Ich habe mich geirrt, Partner. Auch Daddys können Fehler machen.“ Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sich das Haus in einem derart katastrophalen Zustand befand. „Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal hier war“, fuhr er fort, während sie an den Weinbergen entlangfuhren. „Irgendwie habe ich angenommen, dass alles genauso aussieht wie früher.“

Jessie seufzte. „Na, dann gucken wir uns das Haus eben mal an. Warum hat Grandma das Dach nicht repariert, wenn es undicht war?“

„Seit Jahren hat niemand mehr in dem Haus gewohnt. Und die kleine Farm von Grandma in Florida wirft nicht genug ab, um Torthúil zu renovieren. Und mir hat niemand gesagt, dass das Dach erneuert werden muss.“

„Sieh mal, was für ein großer Hund!“, rief Jessie plötzlich.

Groß? Er war riesig. Die Hopewells besaßen einen Hund? Die Dinge hatten sich definitiv verändert. „Bist du sicher, dass es ein Hund ist? Der sieht eher wie ein Pferd aus.“

Jessie kicherte und streckte sich, um besser sehen zu können. Der Hund jagte gerade einem Ball hinterher, den ein großer blonder Junge von etwa zehn Jahren ihm zuwarf. Colin parkte auf dem kiesbestreuten Besucherparkplatz und löste Jessies Gurt. Sofort wollte die Kleine zu dem Hund hinlaufen.

Obwohl das Tier einen friedlichen Eindruck machte, hielt Colin seine Tochter an der Hand fest. Er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen: Der Hund kam angesprungen und legte sich vor Colins Füße.

„Darf ich ihn streicheln?“, bettelte Jessie.

Insgeheim schwor Colin sich, ihr einen kleinen Hund zu schenken, sobald sie eingezogen waren. Den wünschte sie sich, seit sie drei war.

„Klar darfst du“, schaltete sich der blonde Junge ein. „Du kannst ihn auch als Kopfkissen benutzen. Das mache ich immer.“

Als Jessie den Hund kraulte, legte er den Kopf zurück und ließ ein wohliges Knurren hören. „Der ist lustig“, kicherte Jessie.

„Mein Dad sagt immer, er hätte Charakter“, sagte der Junge. „Mein Onkel Nic hat ihn für mich gekauft, als meine kleine Cousine auf die Welt gekommen ist.“

„Eigentlich hat er ihn für deine Cousine gekauft“, warf eine Frau hinter ihm ein. „Ein Glück für dich, dass Thunder ein bisschen zu groß für ein Neugeborenes ist.“

„Nie hätte ich gedacht, dass auf Hopewell Manor irgendwann Hunde erlaubt wären“, bemerkte Colin, während er überlegte, ob Juliana Hopewell ihn erkannte.

Als sie ihn mit zusammengekniffenen Augen musterte, machte er sich innerlich auf einen kalten Blick aus ihren smaragdgrünen Augen gefasst. Stattdessen breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus. „Colin McCarthy? Meine Güte, du erinnerst mich total an Tracy! Thunder ist hier übrigens nur zu Besuch. Und das ist Jamie, Carolines Sohn. Sie haben sich ein neues Haus da drüben gebaut.“ Sie deutete in Richtung der Kelteranlagen.

„Thunder gehört eigentlich Samanthas Baby“, fuhr Juliana fort. „Sams Tochter Nikki hat kaum fünf Pfund gewogen, als sie auf die Welt kam. Ihr Vater Nic war so glücklich, als sie endlich nach Hause durfte, dass er ihr den Hund gekauft hat.“ Sie lachte. „Wie geht’s dir, Colin – abgesehen davon, dass du eine süße kleine Tochter hast? Was treibt dich nach so vielen Jahren hierher?“

Offenbar hatte James Hopewell seiner Frau nichts davon erzählt, was zwischen ihm und Abby vorgefallen war. Und für Colin gab es keinen Grund, unfreundlich zu Juliana zu sein, nur weil er ihren früheren Mann hasste. Er wusste, dass sie selbst unter Hopewells Strenge gelitten hatte.

„Ich will wieder in Torthúil leben. Aber das Haus ist in einem viel schlimmeren Zustand, als ich angenommen habe. Bis es renoviert ist, wohnen Jessie und ich im Cliff Walk. Wir sind gestern Abend mitten in dem Unwetter angekommen. Da war es schon dunkel. Erst heute Morgen habe ich gesehen, was ihr hier alles verändert habt.“ Er blickte zu dem Platz, der an eine italienische Piazza erinnerte und von vier Gebäuden eingegrenzt wurde. Eine Seite öffnete sich zu den Weinbergen, auf denen sich die Rebstöcke auf immer niedrigeren Terrassen bis zu den Klippen erstreckten.

„Die drei Mädels und ich haben nach dem Tod ihres Vaters damit angefangen. Das Haus hier ist das Verwaltungsgebäude des Weinguts.“ Sie zeigte nach rechts. „Das da ist die Kelterei mit den Weinpressen. Darin befinden sich auch der Laden und die Probierstube. Die Weinkeller darunter haben wir direkt in den Felsen gesprengt. Und da drüben steht unsere Bella Villa, in der wir größere Feste ausrichten.“

„Das ist alles ganz neu für mich. Ich war schon so überrascht, gestern Abend im Cliff Walk Abby anzutreffen.“

„Oh, da fällt mir ein, ich muss mal nach ihr sehen. Weißt du, Tracys Tod hat sie damals sehr mitgenommen, obwohl die beiden sich im Sommer zuvor entzweit hatten. Bestimmt wird durch dein Kommen jetzt alles wieder aufgewühlt. Aber wahrscheinlich geht es dir genauso, nachdem du so lange fort gewesen bist. Wir fanden es furchtbar gemein von deinem Kommandanten, dass er dir verboten hat, zum Begräbnis deiner Schwester zu kommen.“ Sie griff nach seiner Hand. „Es tut mir so leid, dass du deine Schwester und kürzlich auch noch deinen Vater verloren hast.“

Nach einer kurzen Pause runzelte sie die Stirn und fragte: „War Abby sehr verstört, als sie dich wiedergesehen hat?“

„Wenn sie das war, hat sie sich nichts anmerken lassen“, erwiderte Colin, während es in seinem Kopf arbeitete. Abby und Tracy hatten sich zerstritten? Dabei waren sie jahrelang geradezu unzertrennlich gewesen. Was mochte damals zwischen ihnen vorgefallen sein? Er wünschte sich, er hätte seinen Eltern nicht verboten, Abby jemals wieder zu erwähnen.

„Seit dem Tod deiner Schwester und meiner Scheidung von ihrem Vater ist Abby nicht mehr dieselbe.“ Nachdenklich schaute Juliana zum Cliff Walk hinüber. Dann blinzelte sie, als hätte sie plötzlich gemerkt, dass sie zu viel gesagt hatte. Sie räusperte sich. „Wie wär’s mit der Zwei-Dollar-Tour? Wenn wir wieder Nachbarn werden, solltest du wissen, was hier auf dem Plateau vor sich geht.“

Juliana Hopewell konnte nicht ahnen, wie gern Colin herausfinden wollte, was während seiner Abwesenheit passiert war. „Mit Vergnügen“, antwortete er.

Als er sah, dass seine Tochter mit dem Jungen und seinem Hund die Weinbergterrassen hinunterlief, rief er: „Jessie, komm zurück!“ Die Klippen am Rand waren ihm viel zu gefährlich. Jessie war ein solcher Wildfang – sie würde garantiert versuchen, in den Felsen herumzuklettern.

Als die Kleine zu ihm kam, nahm er sie an die Hand und erklärte: „Mrs. Hopewell möchte uns gern das Weingut zeigen.“

Jessie blickte schmollend zu ihm hoch. „Kann ich nicht hierbleiben und mit dem Hund spielen?“

„Jamie, du kommst auch mit“, schlug Juliana ihrem Enkel vor. „Einen Teil der Tour kann Thunder mitmachen.“ Sie wandte sich an Colin. „Übrigens: Wenn du dir einen Hund anschaffen willst, kann ich dir das Tierheim in Hopetown empfehlen.“

„Ein Tierheim in Hopetown? Wer hätte das gedacht?“

Juliana Hopewell zog eine ihrer elegant geschwungenen Brauen hoch. Mit Mitte fünfzig war sie noch immer eine sehr schöne Frau. „Tja, hier hat sich eine Menge verändert. Das wirst du schon noch merken.“ Sie zeigte auf die Weinberge und fing mit ihrer Führung an. „Zu Anfang haben wir fünfzigtausend junge Rebstöcke aus den besten europäischen Lagen gepflanzt.“

Colin, die beiden Kinder und der Hund folgten ihr in die Weinkelterei. Jessie war genauso fasziniert wie er von den großen Kesseln und Pressen und der langen Reihe von Fässern in den Kellern. Die Weine, die er probierte, schmeckten ihm ausgezeichnet. Offensichtlich stellten die Hopewells erstklassige Tropfen her. Colin war sich sicher: James Hopewell würde sich im Grab herumdrehen, wenn er sehen könnte, was seine Exfrau und seine Töchter aus dem kostbaren Familienbesitz gemacht hatten.

Juliana führte die Geschäfte des Weingutes, Caroline war für die Weinkeller verantwortlich sowie für das Catering in der Bella Villa. Samantha kümmerte sich um die Weinberge, und Abby war Geschäftsführerin des Cliff Walk und außerdem PR-Frau für das Hotel und das Gut.

Nach der Tour verbrachte Colin den Rest des Tages in Torthúil. Er entfernte den beschädigten Stuck von den Decken und Wänden und machte nebenbei Skizzen, wie er alles umbauen wollte. Auf alle Fälle wollte er die Grundstruktur des Farmhauses erhalten, das sein Urgroßvater im Kolonialstil errichtet hatte.

Trotz der anstrengenden Arbeit ging Abby ihm nicht aus dem Sinn. Immer wieder fielen ihm Szenen aus der Vergangenheit ein. Er erinnerte sich an das fröhliche, abenteuerlustige Mädchen, das er aus dem Fluss gefischt hatte und das danach ständig bei ihnen ein- und ausgegangen war. Und an jene Sommerferien, als er nach längerer Zeit nach Hause zurückgekehrt war, und Abby zum Teenager herangewachsen war. Der Atem hatte ihm gestockt, als er sie im Badeanzug und mit ihren langen schwarzen Locken zufällig beim Baden beobachtet hatte. Als er nach seiner Armeezeit schließlich zu Tracys Highschoolabschluss hergekommen war, hatte Abby sich zu einer atemberaubend schönen jungen Frau entwickelt. Er hatte ihren Verführungskünsten einfach nicht widerstehen können.

Was wohl zwischen ihr und Tracy vorgefallen war? Falls sie sich wirklich entzweit hatten, traf Abby keine Mitschuld am Tod seiner Schwester.

Es gab so viele Fragen, doch er war nicht sicher, ob ihm die Antworten gefallen würden.

Am Abend und am folgenden Tag machte Abby einen Bogen um Colin.

Ohnehin hatte sie so viel zu tun, dass sie gar nicht dazu kam, über die Vergangenheit nachzugrübeln. Vor allem musste sie sich auf die am Abend stattfindende Gemeinderatssitzung vorbereiten. Sie war gespannt, wie Harley Bryant auf ihre Kandidatur zur Bürgermeisterin der Stadt Hopetown reagieren würde. Im November sollten die Wahlen stattfinden.

Nach dem Abendessen zog Abby sich um. Sie wählte ein leichtes Sommerkostüm und steckte ihr Haar hoch, um möglichst seriös und kompetent zu wirken. Nie hätte sie für ein öffentliches Amt kandidiert – doch hierbei ging es darum, Harley Bryant das Handwerk zu legen, bevor er die Stadt in Grund und Boden wirtschaftete. Mehr als einmal hatte der amtierende Bürgermeister seine Position schamlos für eigene Zwecke ausgenutzt.

Die Handelskammer und einige besorgte Einwohner hatten sie zur Kandidatur gedrängt. Da sie nun aufgestellt war, wollte sie auch gewinnen. Sie musste diesen Mann davon abhalten, noch mehr Schaden anzurichten. Seine miesen Machenschaften sollte er in Zukunft gefälligst auf seine eigene Bank, die Bryant Savings and Loan, konzentrieren – sofern es überhaupt Leute gab, die sich darauf einließen.

Für die Fahrt in die Stadt wollte Abby den kleinen Mercedes nehmen, den sie sich mit ihrer Familie teilte. Ihr blieb noch etwas Zeit. Wenn Juliana den Wagen vorbeibrachte, würde sie ihre Mutter am Weingut absetzen und von dort die gewundene Straße hinunter nach Hopetown fahren. Leicht nervös setzte sie sich in einen der großen Korbstühle auf der Veranda und wartete.

Eigentlich gab es keinen Grund, nervös zu ein: Sie war gut vorbereitet. Während sie auf die Weinterrassen mit den allmählich heranreifenden Trauben schaute, ließ sie ihre Gedanken wandern. Ehe sie sich versah, dachte sie wieder an Colin. Plötzlich knarrte die Tür hinter ihr.

Erschrocken drehte sie sich um. Colin trat auf die Veranda – als ob sie ihn mit ihren Gedanken herbeigezaubert hätte. Anscheinend war er genauso überrascht wie sie von dem unvorhergesehenen Zusammentreffen.

„Ich wusste nicht, dass du hier bist“, sagte er.

„Immerhin wohne ich hier“, erwiderte sie trocken und versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

Belustigt lächelte er sie an. „Ja, das habe ich gehört, aber noch nicht so richtig gemerkt. Schneewittchen macht sich ziemlich rar. Jessie will ständig von mir wissen, wo du bist. Versteckst du dich etwa vor uns, Abby?“

Abby stand auf, um zu gehen. Er brauchte nicht zu wissen, dass sie sich nur vor ihm versteckte, nicht vor seiner Tochter. Doch er hielt sie am Arm fest, und sofort schlug ihr Herz heftiger. Sie sah zu seiner Hand auf ihrem Arm, dann in sein Gesicht.

Eine Weile blickten sie sich wortlos und wie gebannt in die Augen. Zu ihrer Erleichterung rief plötzlich eine fröhliche Kinderstimme: „Abby! Da bist du ja! Daddy hat dich gefunden.“

Colin nahm so schnell die Hand von ihrem Arm, als hätte er sich verbrannt. „Ja, sie ist hier. Wir haben ein wenig über alte Zeiten geplaudert“, schwindelte er mit rauer Stimme. Er räusperte sich und fuhr fort: „Als ich noch in Torthúil gewohnt habe, musste ich Abby nie lange suchen. Ständig war sie bei uns, denn sie ist die beste Freundin deiner Tante Tracy gewesen.“

„Tante Tracy ist doch gestorben, oder?“

„Ja. Als sie achtzehn war“, erwiderte er knapp. Offenbar berührte ihn die Erinnerung sehr. Gleichzeitig lag ein verärgerter Ausdruck in seinen Augen. Abby war sicher, dass er nicht nur an Tracys Tod dachte, sondern auch daran, dass er nicht zur Beerdigung gedurft hatte.

Was Tracys Tod anging, trug sie selbst eine Menge Wut in sich. Allerdings richtete sich ihr Zorn gegen Colin. Denn wenn Tracy noch ihre Freundin gewesen wäre, hätte Abby sie vor Kiel Laughlin warnen können. Dann wäre Tracy diesem Angeber bestimmt nicht nachgelaufen.

Doch Tracy hatte unbedingt reich werden wollen und in Kiel ihren Märchenprinzen gesehen. Dabei war er ein verzogener, rücksichtsloser Typ gewesen. Eines Tages war er mit Tracy und anderen jungen Leuten im Boot seines Vaters den Fluss hinuntergefahren. Kiel hatte die ganze Zeit Bier getrunken und nicht auf das Schiff geachtet. Tracy hatte vorne am Bug gestanden, als sie plötzlich auf Grund gelaufen waren. Die Wucht hatte Tracy herausgeschleudert – sie hatte sich das Genick gebrochen. Anschließend war Kiel wegen Totschlags vor Gericht gekommen. Da jedoch niemand gegen ihn aussagen wollte, war er aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden.

Bloß wegen seines Geldes war Tracy mit Kiel zusammen gewesen. Sie hatte nicht begriffen, dass nur eine Ehe wie die ihrer Eltern wahren Reichtum bedeutete. Die McCarthys hatten wenig Geld, aber dafür viele schöne Zeiten miteinander gehabt.

Ganz anders als bei den Hopewells. Abbys Mutter war durch ihre Heirat zwar wohlhabend geworden, aber nicht glücklich. Nachdem ihre Töchter erwachsen waren, hatte sie sich ein paar Monate nach Tracys Tod scheiden lassen.

Jener Sommer hatte allen Unglück gebracht. Damals hatte Abby beschlossen, sich auf keinen Mann mehr einzulassen, um nie wieder einen solchen Liebeskummer erleiden zu müssen. In Zukunft hatte sie ihre impulsive und leidenschaftliche Natur, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, im Zaum halten wollen. Auf keinen Fall hatte sie so enden wollen wie ihr Vater.

James Hopewell war nach dem College durch Europa gereist. In der Toskana hatte er Juliana kennengelernt und sich in die siebzehnjährige Tochter eines Weinbauern verliebt. Trotz der Einwände von Julianas Vater hatten sie geheiratet und waren zusammen nach Amerika gegangen.

Nach ein paar Jahren hatte James angefangen, seine Frau zu betrügen. Als Juliana ihn einmal in flagranti erwischt hatte, war es zum öffentlichen Skandal gekommen. In der Folge hatte sich auch noch Carolines damaliger Verlobter von ihr getrennt. Aus all diesen Geschehnissen zog Abby den Schluss, dass es immer die Männer waren, die den Frauen das Herz brachen.

„… und deshalb“, hörte sie jetzt wie aus weiter Ferne Colins Stimme, „war Abby immer dort zu finden, wo Tracy gewesen ist.“

Noch immer schnürte ihr der Schmerz über die verlorene Freundin die Kehle zu. Doch sie wollte nicht ständig in der Vergangenheit wühlen. „Wenn ihr mich bitte entschuldigen wollt, ich treffe mich gleich mit meiner Mutter.“ Schnell lief sie die Verandatreppe hinunter. Sie würde Juliana entgegengehen – selbst auf die Gefahr hin, dass auf dem holprigen Feldweg die Absätze ihrer Stöckelschuhe abbrachen.

Um zwei Minuten vor sieben betrat Abby den Gemeindesaal und hielt als Erstes nach ihren Mitstreitern Ausschau. Natürlich saßen sie alle schon mit angriffslustigen Mienen in der ersten Reihe. Jean Anne, die Mitinhaberin des Hopetown Hotels und des Blue Moon Restaurants, winkte ihr zu und deutete auf den Platz neben sich. Ihr Mann Jerry war nicht anwesend. Wahrscheinlich war er heute mit Kinderhüten dran.

Als Abby durch den Mittelgang ging, stand Harry Clark auf und schaute sie stirnrunzelnd an. Der Inhaber des Fahrradladens sah immer aus wie einer, dem man nicht im dunklen Park begegnen wollte. Tatsächlich war er ein herzensguter Mensch.

„Was ist los?“, fragte sie, als sie auch Muriel Havershams sorgenvolle Miene bemerkte.

Muriel gehörte einer der hübschen Antikläden, von denen es mehrere in der Stadt gab. Normalerweise war sie gut gelaunt und energiegeladen – anders als heute. Niedergeschlagen erklärte Muriel: „Harley hat die Tagesordnung geändert. Die Diskussion um die öffentlichen Fördergelder wird vertagt.“

Verärgert zog Abby die Brauen zusammen. „Aber das ist das wichtigste Thema! Sollen wir etwa auf eine neue Überschwemmung warten, bis endlich was getan wird? Sind drei Hochwasserkatastrophen innerhalb von anderthalb Jahren nicht genug?“ Sie warf einen Blick auf das Blatt auf ihrem Stuhl. „Hier steht nur was von Weiterentwicklung.“

„Diese Geheimnistuerei geht mir gehörig gegen den Strich“, knurrte Harry. „Wahrscheinlich will er wieder die Weinberge für die Überschwemmung verantwortlich machen.“

„Keine Sorge“, beruhigte Abby ihn. „Ich werde nicht zulassen, dass Harley Bryant sich aufspielt und irgendwelche Ablenkungsmanöver veranstaltet. Wir haben unsere Entwässerungsanlage überprüfen lassen, und sie funktioniert einwandfrei.“

„Wir vertrauen dir, Kind“, sagte der Schmied Albert Canter mit rauer Stimme. Obwohl er schon fünfundsiebzig war, zeigte er den Touristen immer noch seine Schmiedekunst und verkaufte seine handgearbeiteten Waren.

Nachdem Abby Platz genommen hatte, strömten weitere interessierte Einwohner in den Saal. Abby hätte sich gewünscht, dass auch andere Geschäftsinhaber gegen Harley Partei ergreifen würden, aber anscheinend wollten sie sich lieber gut mit ihm stellen. Einige hatten Ehepartner oder Kinder, die in Harleys Bank arbeiteten, andere mochten seine schüchterne, liebenswerte Frau Shirley. Wieso sie ausgerechnet Harley geheiratet hatte, verstand niemand.

Es dauerte nicht lange, bis Harley auf dem Podium erschien und gegen das Mikrofon klopfte. „Darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten?“

Im selben Moment ging die Tür des Gemeindesaals auf, und alle drehten die Köpfe. Herein kam Colin McCarthy. Selbstbewusst marschierte er durch den Mittelgang zur ersten Reihe. Er nickte Abby lächelnd zu und setzte sich.

Der macht sich in Hopetown breit, als wäre er nie weg gewesen, dachte Abby bissig. Sie straffte die Schultern, um nicht zu zeigen, dass seine Anwesenheit sie ziemlich verwirrte.

Harley fuhr fort: „Vermutlich fragt ihr euch, wieso ich die Diskussion um die Fördergelder vertagt habe. Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist das Wasserproblem im Moment nicht so dringend, zweitens habe ich noch nicht von allen die notwendigen Zahlen, und drittens gibt es ein viel interessanteres Thema. Die meisten von euch erinnern sich sicher an meinen alten Freund Colin McCarthy. Colin, komm doch bitte mal nach vorne.“

Colin stand auf und betrat das Podium, als Harley hinzufügte: „Als vielfach ausgezeichneter Architekt hat Colin an etlichen renommierten Bauwerken mitgearbeitet. Nun will er sich wieder in Hopetown niederlassen und hier sein nächstes Vorhaben angehen. Und zwar plant er auf dem Gelände von Torthúil eine Eigentumswohnanlage. Das wird ein Riesending, mit dem wir unseren Finanzhaushalt auf einen Schlag sanieren können. Daher will ich heute den Antrag an das Baudezernat stellen, das Gelände als Bauland auszuweisen. Nur so kann Colin unverzüglich mit seinem Projekt beginnen. Colin, willst du uns kurz deine Pläne vorstellen?“

„Danke, Harley“, sagte Colin und trat selbstsicher ans Mikrofon. Das Unmutsgemurmel im Publikum schien ihn nicht zu stören. „Ich möchte das Land, das seit Generationen im Besitz meiner Familie ist, wieder nutzbringend bewirtschaften. Wie Harley schon sagte, möchte ich auf dem Gelände von Torthúil eine Reihenhaussiedlung und einen Apartmentkomplex errichten.“

Abby glaubte, sich verhört zu haben. Unten am Fluss wollte er bauen? War er denn vollkommen verrückt geworden? Und Harley ebenso?

„Zusätzlich sollen dort ein Klubhaus, ein Schwimmbad und ein Fitnesscenter entstehen“, erklärte Colin weiter. „Diese Einrichtungen sollen allen Einwohnern von Hopetown zugutekommen.“ Als das Gemurmel lauter wurde, hob Colin beschwichtigend die Hand. „Bisher ist es nur eine Idee. In ein paar Wochen werde ich detaillierte Pläne und Zeichnungen vorlegen.“

Harley trat wieder ans Mikrofon. „Meine Bank ist bereit, die Finanzierung von Colins Projekt zu übernehmen. Die zu erwartenden Steuereinnahmen übertreffen bei Weitem jede staatliche Förderung.“

Abby hielt es nicht länger auf ihrem Sitz. „Falls ihr das Vorhaben umsetzt, könnt ihr gleich noch extra Fördergelder beantragen, um die zusätzlichen Abwässer zu entsorgen.“ Von überall aus dem Saal kamen Beifallsrufe.

„Harley, wie kannst du nach der letzten Überschwemmung über so etwas auch nur nachdenken?“, fuhr sie fort. „Ach, Moment mal. Natürlich profitiert deine Bank ganz gehörig von der Finanzierung. Ich frage mich bloß, wie es mit den Steuereinnahmen aussieht, wenn von der Stadt nichts mehr übrig ist.“

Sie wandte sich an die Mitglieder des Bauausschusses. Mit den meisten von ihnen hatte ihre Familie bereits unliebsame Erfahrungen gemacht. „Ihr solltet bitte nicht vergessen, dass unsere Stadt mehr wert ist als ihre Steuereinkünfte. Es ist unsere Pflicht als Einwohner von Hopetown, die historischen Wahrzeichen zu schützen. Ich beantrage hiermit, diese Diskussion für heute abzubrechen, damit alle den Plan noch einmal gründlich überdenken können.“

„Außerdem“, fuhr sie fort, „möchte ich euch daran erinnern, dass Harley Bryant meiner Familie beim Bau des Weinguts jede Menge Steine in den Weg legen wollte. Dabei liegt unser Anwesen viel höher als Torthúil. Das Gelände, auf dem sich unsere Weinberge befinden, war schon immer als Farmland ausgewiesen. Das Entwässerungssystem funktioniert so gut, dass keinerlei Abwässer in den Fluss gelangen. Ihr habt alle die Analysen einsehen können, die wir vorgelegt haben.“

Abby schaute zu Colin, der sie mit zusammengepressten Lippen anstarrte. Dann blickte sie wieder zu den Leuten vom Bauausschuss, die sich gerade berieten. Nach ein paar Minuten teilten sie ihren Beschluss mit: Colin durfte sein Farmhaus ausbauen, aber alle anderen Vorhaben wurden bis August zurückgestellt. Bis dahin sollte Colin konkrete Pläne vorlegen.

Diese Runde hatte Colin verloren – und er würde auch die nächste und übernächste verlieren, wenn es nach Abby ging. Mit allen Mitteln würde sie die Stadt verteidigen, die ihr Vorfahre Josiah Hopewell gegründet und nach seinem Namen benannt hatte. Seit 1689 lag Hopetown am Ufer des Delaware, und kein geldgieriger Baulöwe würde es schaffen, die Stadt von der Landkarte zu wischen.

Drei Flutkatastrophen hatte es in letzter Zeit gegeben, und der Grund dafür war, dass immer mehr Flächen bebaut wurden. Bei starken Regenfällen konnte das Wasser nicht mehr im Erdreich versickern, also trat der Fluss über die Ufer.

Noch galt der Name Hopewell etwas in der Stadt. Sie würde ihren Einfluss nutzen und jede Möglichkeit ausschöpfen, die sich ihr bot. Fürs Erste hatte sie Colin McCarthy geschlagen und seinen Traum zerstört.

Genau wie er ihren zerstört hatte.

3. KAPITEL

Colin stand im Schatten einer der riesigen Eichen, die den alten Teil der Hauptstraße säumten, und wartete darauf, dass Abby den Gemeindesaal verließ. Seit zehn Minuten versuchte er schon, seine Erregung zu bekämpfen, die ihn im Zusammenhang mit Abby ständig überfiel.

Vorhin auf der Terrasse hatte er absichtlich Tracy erwähnt, um ihre Reaktion zu beobachten. Juliana Hopewell hatte recht gehabt. Abby trauerte noch immer um seine kleine Schwester.

Um die Ereignisse der Vergangenheit besser zu verstehen, hatte er gleich darauf seine Mutter angerufen. Sie hatte ihm bestätigt, dass sein Vater Tracy damals den Kontakt zu Abby verboten hatte – denn James Hopewell hatte ihm gedroht, ihn andernfalls finanziell zu ruinieren.

Jetzt war Colin klar, warum die Freundschaft zwischen Tracy und Abby zerbrochen war. Abby hatte also nicht das Geringste mit Tracys Tod zu tun. Und demnach hatte er keinen Grund mehr, wütend auf sie zu sein.

Allerdings war Abby noch wütend auf ihn. Und so wie er sie damals behandelt hatte, konnte er ihr das nicht verdenken. Außerdem machte sie ihn aus unerfindlichen Gründen für Tracys Tod verantwortlich, obwohl das vollkommener Unsinn war. Schließlich hatte sie in ihrer Verzweiflung ihrem Vater alles erzählt und damit das ganze Desaster in Gang gesetzt.

Und jetzt versuchte sie auch noch, sein Projekt zu torpedieren. Offenbar zählte der Name Hopewell in der Stadt mehr als alles andere. Dabei hatte Harley deutlich gemacht, wie sehr Hopetown auf die Steuereinnahmen durch den Bau angewiesen war. Und für Torthúil war der Plan lebensnotwendig: Anders war der alte Familienbesitz nicht zu erhalten.

Sein Vater war nach Tracys tragischem Tod ein gebrochener Mann gewesen. Von da an war es mit der Farm bergab gegangen. Um das Schreckliche zu vergessen, hatte Liam McCarthy sämtliche Landwirtschaftsmaschinen verkauft und war mit seiner Frau nach Florida gezogen.

Vor einiger Zeit war er gestorben und hatte Colin die wertlose Farm hinterlassen. Deshalb hatte Colin sein florierendes Architekturbüro in Kalifornien aufgegeben, um sich in Hopetown niederzulassen. Er wollte ein paar Hektar des Landes um das Farmhaus landwirtschaftlich nutzen, wie es der Wunsch seines Vaters gewesen wäre. Auf dem übrigen Gelände sollte die neue Anlage Torthúil Gardens entstehen.

Von seinem Schattenplatz aus sah er, wie Abby sich von einer Gruppe von Leuten verabschiedete und zu ihrem Wagen ging.

Plötzlich trat Harley von der anderen Straßenseite auf sie zu.

„Na, da ist ja unsere Eisprinzessin“, stichelte der Bürgermeister.

Abby verschränkte die Arme vor der Brust. „Was willst du, Harley?“

„Denkst du wirklich, du wirst gewählt, wenn du die Stadt finanziell ruinierst? Der Großteil der Leute ist auf meiner Seite, nicht auf deiner.“

„Ja, die Leute, die sowieso woanders arbeiten und nicht sonderlich an der Stadt hängen. Hopetown steht und fällt mit seiner malerischen Altstadt, und dazu gehören auch die Häuser am Fluss, die auf alle Fälle geschützt werden müssen.“

„Ja, und eins davon gehört den vornehmen Hopewells. Fragt sich, wer von uns beiden aus Eigeninteresse handelt. Glaub mir, ich werde dich bei der Wahl vernichtend schlagen. Schreib dir das hinter die Ohren.“ Als er ihren Arm ergriff, schrie Abby auf. Harley zischte: „Im Gegensatz zu dir kenne ich Mittel und Wege, um mein Ziel zu erreichen.“

„Hey Harley, was ist los?“, rief Colin und trat aus dem Schatten.

Blitzschnell ließ Harley Abbys Arm los und drehte ihr den Rücken zu, als wäre nichts gewesen. Anscheinend war er noch derselbe Feigling wie früher.

Colin bemerkte, wie Abby sich den Arm rieb. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

Schweigend nickte sie.

Harley lächelte verschlagen. „Ich wollte deine Gegnerin nur zur Vernunft bringen.“

„Ach, so nennt man das?“, erwiderte Colin spöttisch. „Harley, ich kann selbst für meine Sache kämpfen. Das habe ich schon immer getan.“

„Hör zu, du brauchst dir überhaupt keine Sorgen zu machen. Es spielt absolut keine Rolle, dass sie gegen das Projekt ist. Nur weil sie Hopewell heißt, ist sie noch lange nichts Besseres.“

„Das habe ich nie behauptet“, entgegnete Abby. „Allerdings stehen die Hopewells für die Tradition von Hopetown, aber davon verstehst du ja sowieso nichts.“

„O doch“, gab Harley zurück. „Und ich verstehe auch, was dir gerade im Kopf herumspukt. Du willst Colin eins auswischen.“

„Darum geht es mir ganz bestimmt nicht. Ich habe allein das Wohl der Stadt im Sinn.“

Harley winkte ab. „Den Unsinn kannst du jemand anderem erzählen. Du hast ihn verführt, und er hat dich im Regen stehen lassen. Das trägst du ihm seitdem nach.“

Bestürzt blickte Abby zu Harley, dann zu ihm. Doch Colin war genauso schockiert.

Unbeeindruckt fuhr Harley in seinem Redeschwall fort: „Und deine Schwestern sind auch nicht besser. Die Leute wissen sehr wohl, dass Caroline und Samantha ihre Männer nur geheiratet haben, damit euer Weingut aus den roten Zahlen kommt. Sie haben sich kaufen lassen.“ Er wandte sich an Colin. „Stimmt’s, alter Kumpel?“

Die vertrauliche Anrede behagte Colin ganz und gar nicht. „Du verrennst dich da vollkommen. Sei lieber still, Harley.“

Abby schien seine Worte nicht gehört zu haben. Mit eiskaltem Blick und geballten Fäusten ging sie auf Harley los. „Meine Schwestern haben aus Liebe geheiratet, du widerlicher Schwachkopf. Und ihre Männer hätten keinen Cent in das Weingut stecken müssen, wenn du uns nicht ständig Steine in den Weg gelegt hättest. Zuerst hast du meiner Mutter einen Kredit gewährt, und dann hast du beim Amt dafür gesorgt, dass sie sich mit der Baugenehmigung Zeit lassen. Das Ganze hätte uns beinahe ruiniert. Das ist es, was die Leute wissen. Und falls es irgendwer noch nicht weiß, werde ich alle über deine schmutzigen Geschäfte informieren.“ Damit ließ sie Harley einfach stehen, stieg in ihr Auto und fuhr davon.

Mittlerweile hatten sich etliche Neugierige auf dem Platz versammelt. Colin hoffte, dass keiner Harleys Bemerkung über die Affäre zwischen ihm und Abby gehört hatte.

Als Harley sich zum Gehen wandte, schloss Colin sich ihm an und lief schweigend neben ihm her. Alles, was er bisher geglaubt hatte, stimmte plötzlich nicht mehr. Dass Abby ihrem Vater alles gebeichtet haben sollte, kam ihm immer unwahrscheinlicher vor. Er dachte an seine eigenen fünf Schwestern. Nie im Leben hätten sie ihrem Vater erzählt, dass sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatten. Wieso hätte ausgerechnet Abby das tun sollen?

War es möglich, dass jemand anders James Hopewell alles verraten hatte? Misstrauisch betrachtete er Harley von der Seite. Früher in der Highschool hatten sie viel Spaß gehabt. Harley war immer lustig und zu allen möglichen Streichen aufgelegt gewesen. Aber schon beim letzten Wiedersehen war Colin aufgefallen, dass von Harleys früherem Charme nicht allzu viel übrig geblieben war.

Und so wie er gerade Abby behandelt hatte, wollte Colin eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Früher hatte er bereits geahnt, dass er Harley nicht trauen konnte, und Harley hatte sich offenbar nicht zum Besseren verändert.

Vor dem Hopetown Hotel blieb Harley stehen und rieb sich den Nacken. Dabei blickte er verstohlen zur Hotelbar hoch. „Ich könnte einen Drink vertragen. Wie ist es mit dir?“ Er seufzte. „Ich weiß nicht, warum ich mir von dieser schnippischen Zicke so viel gefallen lasse. Die kann mir überhaupt nicht das Wasser reichen. Lass nur erst die Wahl auf uns zukommen: Dann zeig ich ihr, wo der Hammer hängt.“

Während Colin ihm die Stufen zum Blue Moon hinauf folgte, fragte er sich, ob vielleicht Harley damals James Hopewell alles verraten hatte.

Der Hotelbesitzer Jerry Mooney stand selbst hinter der Bar und redete mit Colin eine Weile über alte Zeiten. Es war deutlich zu spüren, dass Jerry Harley nicht ausstehen konnte. Er äußerte sich besorgt über die Baupläne und das Hochwasserproblem, von dem Abby gesprochen hatte.

Als Harley nach etlichen Whiskys anfing zu lallen und lauter zu reden, wies Jerry den neu ankommenden Gästen gleich einen Tisch zu. Spöttisch erklärte er Colin, er wolle verhindern, dass der betrunkene Bürgermeister die Touristen belästigte.

Inzwischen war Colin bei seinem zweiten Bier und überlegte, wie er aus Harley ein Geständnis herauslocken könnte. Ein paarmal hatte er versucht, die Unterhaltung auf Abby und frühere Zeiten zu lenken. Sobald es um die bewusste Nacht gegangen war, hatte Harley jedoch einen Rückzieher gemacht und das Thema gewechselt.

Colin wurde allmählich ungeduldig. Da verplemperte er hier seine Zeit, statt nach Jessie zu sehen. Allerdings hatte Abbys Köchin sich heute bereit erklärt, auf die Kleine aufzupassen. Und so schnell wollte er nicht aufgeben. Nachdem er sich telefonisch bei Genevieve vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, entschloss er sich zum direkten Angriff. Inzwischen waren Harley und er die einzigen Gäste an der Theke. So beiläufig wie möglich fragte Colin: „Du hast gewusst, dass ich damals mit Abby zusammen war, oder?“

„Und ob“, brummte Harley.

„Und das hat dich geärgert?“, erkundigte sich Colin in unverfänglichem Ton.

Dennoch brachte die Frage Harley offenbar in Rage. „Ich bin zum alten Hopewell gegangen, du Blödmann. Hab ihm erzählt, dass sein Prinzesschen die Nacht zuvor ein ganz böses Mädchen war.“

„Aber warum? Hat Abby dir jemals etwas getan?“

„Nein, aber ich hatte spezielle Wünsche. Und die konnte mir nur Hopewell mit seinem Einfluss erfüllen.“ Harley hatte Mühe, die Worte deutlich hervorzubringen. „Er wollte den Namen des Jungen, mit dem sie zusammen gewesen ist. Als Gegenleistung habe ich von Hopewell verlangt, dass er mir einen Job bei einer großen Investmentfirma besorgt.

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