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BIANCA EXKLUSIV BAND 286

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Die Antwort kennt nur dein Herz!

1. KAPITEL

Sie standen gerade in der Küche des großen alten Hauses, als Leyne spürte, dass ihre Nichte sie ansah. Sofort nahm sie den Blick von der Schuluniform, die sie bügelte, und drehte sich zu Pip um.

„Was ist denn?“, fragte sie.

Pip starrte sie noch einige Sekunden lang an, dann wurde sie rot. „Leyne, weißt du, wer mein Vater ist?“, platzte sie unvermittelt heraus.

Die Frage kam so unerwartet, dass Leyne fast die Luft wegblieb. Pip hatte sich noch nie für ihren Vater interessiert. Warum musste sie sich ausgerechnet jetzt, da ihre Mutter im Ausland war, nach dem Mann erkundigen?

„Nein, Liebes, das weiß ich nicht“, antwortete Leyne ehrlich.

„Hmm.“ Pip schien sich damit abzufinden und stellte die nächste Frage. Es ging um das Geschichtsprojekt, an dem sie gerade arbeitete und das sie am nächsten Morgen in der Schule präsentieren musste.

Leyne konnte nur hoffen, dass Pips plötzliches Interesse an ihrem Vater eher beiläufig und nicht von Dauer war. Doch als sie an diesem Abend im Bett lag, musste sie immer wieder daran denken, wie forschend die elfeinhalb Jahre alte Tochter ihrer Halbschwester sie angesehen hatte.

Normalerweise war Pip ein unkompliziertes, liebenswertes Kind, aber hin und wieder trat ein sehr nachdenklicher Ausdruck in ihre hübschen grünen Augen, und dann konnte sie äußerst hartnäckig sein. Und wenn die Antwort auf ihre Frage, warum oder wer oder was auch immer, sie nicht zufriedenstellte, ließ sie nicht locker, bevor sie erfuhr, was sie wissen wollte.

Als Leyne ihre Nichte und deren Freundin Alice Gardner am nächsten Morgen an der Schule absetzte, hoffte sie noch immer, dass Pip das heikle Thema nicht wieder anschneiden würde. Danach, bei der Arbeit, fiel es ihr schwer, sich so auf die Zahlen zu konzentrieren, wie man es von einer Buchhalterin erwarten konnte.

Pips Mutter Maxine war vor einer Woche zu einer längeren Auslandsreise aufgebrochen. „Bist du sicher, dass du mit Pip zurechtkommst?“, hatte Maxine erst gestern bei ihrem Anruf vom Flughafen in Madrid gefragt.

Zunächst hatte Maxine Ben Turnbulls fantastisches Angebot abgelehnt. Turnbull war einer der bekanntesten Fotografen der Welt. Nach einem Autounfall hatte er sich entscheiden müssen, ob er einen Assistenten engagierte oder die sechsmonatige Reise absagte. Offenbar hatte er sich den lukrativen Auftrag nicht entgehen lassen wollen, selbst wenn er dazu zwei Mitarbeiter mitnehmen musste.

Mit fünfunddreißig und obwohl sie alleinerziehende Mutter war, hatte Maxine sich selbst einen Namen als Fotografin gemacht. Ben Turnbull hatte von ihr gehört und an „Max Nicholson“ geschrieben. Ohne vorher mit ihr gesprochen zu haben, bot er ihr einen Job an, von dem jeder Fotograf nur träumen konnte.

Leyne erinnerte sich daran, wie Maxines Augen geleuchtet hatten. Kein Wunder, dachte sie. Sechs Monate, vielleicht sogar länger, auf einer Reise um die Welt, bei vollem Gehalt, mit der Chance, Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, Wildblumen und einheimische Stammesvölker zu fotografieren – Maxine hatte ihr Glück kaum fassen können.

Doch dann wurde ihr rasch klar, dass sie leider ablehnen musste. „Nein“, entschied sie sich, als die harte Realität den schönen Traum verdrängte. „Es geht einfach nicht.“

„Warum denn nicht?“, fragte Leyne und fühlte die Enttäuschung ihrer Halbschwester, als wäre es ihre eigene.

„Das fragst du noch?“, entgegnete Maxine, während ihr Blick zu dem schwarzweißen Porträt wanderte, das sie einige Monate zuvor von ihrer Tochter Philippa gemacht hatte.

„Du … würdest mir Pip nicht anvertrauen?“

„Natürlich würde ich das! Du hast ja mehr mit ihr zu tun als ich! Vor allem wenn ich mal wieder auf Reisen bin.“

„Ich habe mich schon oft um Pip gekümmert“, sagte Leyne. „Und du weißt auch, dass ich notfalls zu Hause arbeiten werde. Solange die Firma nicht umziehen kann, ist mein Chef froh über jeden freien Schreibtisch und dankbar, wenn ich meinen mal zeitweilig räume. Könntest du diesen Auftrag nicht wie jeden anderen ansehen?“

Entgeistert starrte Maxine sie an. „Aber ich habe noch nie einen übernommen, der sechs Monate gedauert hat“, protestierte sie.

„So eine Chance bekommst du vielleicht nie wieder“, antwortete Leyne und dachte an das Leuchten in Maxines Augen, als sie den Brief das erste Mal überflogen hatte. „Außerdem würde dein Name danach noch bekannter werden.“

„Könnte ich doch nur Pip mitnehmen!“, stieß ihre Halbschwester inbrünstig hervor.

„Wenn du das tust, werde ich dir nie verzeihen“, sagte Leyne leise.

Maxine lächelte. „Du bist für sie wie eine zweite Mutter.“

„Ich wünschte, ich hätte eine Tochter wie sie“, erwiderte Leyne nur und schwieg einen Moment. Kurz nachdem Leynes Vater gestorben war, war Pip auf die Welt gekommen. Sie war ein süßes Baby, und für Leyne war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Damals war Leyne so alt wie Pip jetzt, nämlich elfeinhalb, und Leyne vergötterte das Baby geradezu. Wenn Pip Bauchweh hatte, litt Leyne mit ihr. Es war, als wäre die winzige Miss Philippa Nicholson ein Geschenk des Himmels, das ihrer jungen Tante half, den Tod des über alles geliebten Vaters zu verkraften.

„Pip fühlt sich inzwischen in der neuen Schule wohl.“ Maxine ging die Pluspunkte durch. Ihre Tochter war im letzten April elf geworden und vor einem Monat auf eine weiterführende Schule gewechselt. „Und ihr Asthma scheint sich zu legen. Aber … ich weiß nicht, Leyne. Es kommt mir so egoistisch vor, sie bei dir zu lassen, während ich um den Globus reise. Ganz zu schweigen davon, wie sehr ich sie vermissen werde, wie sehr ich euch beide vermissen werde.“

Leyne sah ihrer Halbschwester an, wie hin und her gerissen sie war. Das Leben war für Maxine nicht einfach gewesen. Obwohl Leyne und ihre gemeinsame Mutter sie nach Kräften unterstützt hatten, hatte die Verantwortung für Pip allein auf Maxines Schultern gelastet.

„Was würde dieser Auftrag für deine Karriere bedeuten?“

Maxine brauchte nicht lange zu überlegen. „Nun ja, mal abgesehen von der wertvollen Erfahrung ist es gut für meinen Ruf, wenn ich später darauf verweisen kann, dass ich ein paar Monate am Stück mit jemandem wie Ben Turnbull gearbeitet habe. Und wenn ich mitfahre, kann ich ziemlich selbstständig arbeiten und an Orten fotografieren, von denen ich bisher nur träumen konnte. Und …“

Ihre Augen begannen wieder zu leuchten, bis sie sich zwang, praktisch zu denken. „Und es dürfte sich auch finanziell lohnen.“

Beim Kaffee unterhielten sie sich weiter darüber, und für Leyne wurde es immer offensichtlicher, dass ihre Schwester sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen durfte. „Warum erwähnst du die Reise nicht beiläufig und stellst fest, wie Pip darauf reagiert?“, schlug sie schließlich vor.

„Ich will nicht, dass du fährst“, lautete Pips erste Reaktion, doch dann dachte sie auch an ihre Mutter. „Aber ich will erst recht nicht, dass du meinetwegen nicht fährst.“

„Du bist die beste Tochter, die man sich wünschen kann“, sagte Maxine gerührt.

Pip lächelte. „Ich würde ja mitkommen, aber jemand muss zu Hause bleiben und auf Leyne aufpassen.“

Damit war die Entscheidung so gut wie gefallen. „Bist du ganz sicher, dass ich Pip bei dir lassen kann?“, fragte Maxine, als die Schwestern zum letzten Mal zusammensaßen.

„Hör auf, dir Sorgen zu machen. Wir beide werden es schon schaffen.“

Doch als Leyne jetzt vor dem Firmengebäude von Paget and Company parkte, fragte sie sich, ob sie tatsächlich mit allem fertig werden konnte, und hoffte inständig, dass Pips plötzliches Interesse an ihrem Vater wirklich nur eine vorübergehende Laune gewesen war. Die Eltern von Pips Freundin waren geschieden, und Alice hatte das letzte Wochenende bei ihrem Vater verbracht – vielleicht hatten die Mädchen darüber gesprochen.

Kaum saß sie in ihrem Büro, erschien Keith Collins, einer ihrer Kollegen in der Buchhaltung von Paget and Company. Er hatte vor einigen Monaten in der Firma angefangen, und seit ein paar Wochen traf Leyne sich hin und wieder mit ihm.

„Hast du Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?“, fragte er.

Leyne hätte gern Ja gesagt, aber sie wollte Pip nicht bei Dianne Gardner lassen. Das Mädchen musste morgen in die Schule und brauchte seinen Schlaf.

„Große Lust sogar, aber leider habe ich keine Zeit“, antwortete sie so freundlich wie möglich. „Doch du könntest zu uns kommen und mit Pip und mir essen, wenn du möchtest.“

Keith mochte nicht.

„Sein Pech“, meinte Pip, als Leyne an diesem Abend erwähnte, dass sie Keith Collins eingeladen, er jedoch abgelehnt hatte.

Beruhigt ging Leyne zu Bett. Maxine war von Madrid nach Brasilien geflogen und musste inzwischen in Rio de Janeiro gelandet sein. Und Pip hatte nicht wieder nach ihrem Vater gefragt.

Am Abend darauf rief Maxine an. Alles sei in Ordnung, verkündete sie, und Ben Turnbull und sie würden einander ertragen.

„Ertragen?“, wiederholte Leyne besorgt und erfuhr erst jetzt, dass Ben Turnbull einen Max Nicholson erwartet und die weibliche Maxine Nicholson nur akzeptiert hatte, weil er auf die Schnelle keinen Ersatz mit allen notwendigen Impfungen finden würde.

Maxine war natürlich nicht erfreut, beschloss jedoch, Turnbull zu beweisen, dass sie ihre Arbeit so gut wie jeder Mann machen konnte, auch wenn sie die schwere Ausrüstung tragen musste. Sie mochte Turnbull nicht besonders, doch das änderte nichts an ihrer Begeisterung für den Auftrag.

Leyne gab Pip den Hörer, voller Zuversicht, dass Maxine ihre Tochter nicht mit ihren Problemen belasten würde.

Aber ihr Optimismus hielt nicht lange an. Am nächsten Abend holte sie Pip auf dem Heimweg von der Arbeit bei Dianne Gardner ab, und kaum waren sie zu Hause, schnitt ihre Nichte erneut das Thema an, vor dem Leyne am meisten graute.

„Weißt du, warum mein Vater mich noch nie besucht hat?“

O, mein Liebling, dachte Leyne voller Mitgefühl. „Nein, das weiß ich leider nicht, Pip. Vielleicht haben deine Mutter und er sich auf unschöne Weise getrennt.“

Pips nächste Frage beunruhigte Leyne noch mehr. „Leyne, wenn du wirklich nicht weißt, wer mein Vater ist … meinst du, du könntest es herausfinden?“

Ach, du meine Güte – was sollte sie jetzt sagen? Leyne sah Pip in die hübschen grünen Augen. „Es ist dir … wichtig, ja? Glaubst du, du könntest warten, bis deine Mum zurück ist?“

Dieses Mal überlegte das Mädchen nicht lange. „Nein, ich glaube nicht. Ich will es schon eine ganze Weile wissen, aber … na ja, Mum war immer so beschäftigt, und irgendwie war es mir unangenehm, sie zu fragen.“

Leyne betrachtete das nachdenkliche kleine Gesicht und umarmte Pip spontan. „Es könnte eine Weile dauernd“, begann sie vorsichtig. „Überlass es doch einfach mir, und ich werde sehen, was ich tun kann. Einverstanden?“

„Ich wusste, dass du mir hilfst“, erwiderte Pip dankbar, und es brach Leyne fast das Herz. Wie lange quälte das Kind sich schon damit herum?

Aber was sollte sie jetzt unternehmen? Sie hatte keine Ahnung, wann Maxine sich wieder melden würde. Sollte sie versuchen, ihre Schwester auf dem Handy zu erreichen? Schließlich war Maxine der einzige Mensch, der ihr sagen konnte, wer Pips Vater war. Und wie sie mit dieser Situation umgehen sollte.

Nachdem sie Pip zu Bett gebracht hatte, wartete Leyne etwa eine Stunde, bevor sie zum Hörer griff. In Brasilien musste es ungefähr sieben Uhr abends sein, als sie schließlich Maxines Nummer wählte.

Ihre Befürchtung, dass sie Maxine bei etwas Wichtigem störte, erwies sich als unnötig, denn sie erreichte nur die Mailbox. Maxine musste ihr Handy ausgeschaltet haben.

Während der nächsten Tage warf Pip ihr immer wieder fragende Blicke zu, und Leyne versuchte mehrfach, ihre Schwester zu erreichen, doch nie war das Handy in Betrieb.

Sie überlegte, ob sie die Nummer anrufen sollte, die Maxine für Notfälle hinterlassen hatte. Aber würden ihre Schwester oder der offenbar ziemlich mürrische Ben Turnbull begeistert sein, wenn irgendein Bote sie mitten im Dschungel aufspürte, nur weil Leyne wissen wollte, wer der Vater ihrer Nichte war?

Das Dilemma bereitete ihr einige schlaflose Nächte.

Am Freitag blieb Keith vor ihrem Schreibtisch stehen. „Du hast wohl morgen keine Zeit?“

Pip würde morgen bei ihrer Freundin Alice Gardner übernachten. „Das kommt darauf an“, erwiderte Leyne lächelnd.

„Ich dachte mir, wir gehen schön essen – und trinken danach bei mir einen Kaffee.“

Essen wäre schön, aber was den Kaffee anging, war Leyne da nicht so sicher. Sie bezweifelte nicht, dass Keith welchen kochen konnte, doch die Frage, woran er sonst noch dachte, beunruhigte sie irgendwie. Sie mochte Keith, aber sie kannte ihn noch nicht sehr lange.

„Essen klingt herrlich“, erwiderte sie.

„Ich hole dich um sieben ab“, antwortete er mit einem vielsagenden Lächeln und ging weiter.

Insgeheim hoffte Leyne auch jetzt noch, dass Pip nicht ernsthaft wissen wollte, wer ihr Vater war. Doch als sie ihre Nichte nach der Arbeit bei den Gardners abholte, merkte sie schnell, dass Pip das Thema nicht ruhen lassen wollte.

„Du hast wohl noch keine Neuigkeit für mich, was?“, fragte das Mädchen keine fünf Minuten später.

„Dazu ist es noch zu früh, Liebes. Es wird vielleicht Wochen dauern.“ Da Maxine nicht zu erreichen war, hatte sie keine Ahnung, wo sie beginnen sollte. Und angenommen, sie fand es heraus. Hatte sie das Recht, es Pip zu erzählen? Oder das Recht, es ihr zu verschweigen? „Ich werde versuchen, es möglichst schnell herauszufinden.“

„Das weiß ich“, sagte Pip voller Vertrauen und Zuversicht, und Leyne schwor sich, das Mädchen nicht zu enttäuschen.

Wo sollte sie mit den Nachforschungen beginnen? An diesem Abend lag Pip im Bett und schlief, als Leyne den ersten Schritt unternahm. Dabei kam sie sich vor wie eine Kleinkriminelle, als sie in Maxines verwaistes Schlafzimmer schlich, um nach Pips Geburtsurkunde zu suchen.

Ihre Hoffnung, darauf den Namen des Vaters zu finden, war nicht besonders groß. Schließlich hieß ihre Nichte wie Maxine Nicholson. Trotzdem starrte sie enttäuscht auf den Strich in der entsprechenden Spalte. Ganz offenbar wollte Maxine nicht, dass jemand erfuhr, von wem sie ihre Tochter bekommen hatte.

Maxine hatte ihn nie erwähnt. Leyne hatte ihre natürliche Neugier gezügelt und sie nie nach ihm gefragt.

Sie legte Pips Geburtsurkunde wieder weg. Maxines Handy schien dauernd ausgeschaltet zu sein, denn bisher waren sämtliche Versuche, sie in Brasilien zu erreichen, vergeblich gewesen. Leyne spielte kurz mit dem Gedanken, die Notfallnummer zu wählen und Maxine aufspüren zu lassen, verwarf ihn jedoch.

Sie hatte ihr versichert, dass sie mit jeder Situation fertig werden würde, und wollte nicht schon bei der ersten Schwierigkeit das Handtuch werfen.

Leyne wusste noch, wie glücklich Maxine nach Pips Geburt gewesen war. Pip mit ihrem pechschwarzen Haar. Damals hatte Maxine noch zu Hause gelebt, also …

Plötzlich sah Leyne Licht am Ende des Tunnels. Warum fiel es ihr erst jetzt ein? Maxine war viel zu wählerisch gewesen, um ein Kind aus einer flüchtigen Affäre zu bekommen. Wenn sie also damals einen festen Freund gehabt hatte, musste er sie doch mal abgeholt haben. Was bedeutete, dass ihre Mutter ihn kennen musste! Bestimmt wusste sie alles über den Mann.

Leyne wusste, dass Maxine im Umgang mit Männern sehr kritisch und wählerisch gewesen war. Sie hätte nicht mit jemandem geschlafen, den sie nicht gut kannte.

Hin und wieder brachte Leyne am Samstagvormittag Pip und Alice ins Schwimmbad, und das würde sie auch heute tun. Danach würde sie warten, bis Pip bei ihrer Freundin war, um dort zu übernachten. Anschließend würde sie ihre Mutter in St. Albans anrufen und sie fragen, ob ihr ein Besuch recht wäre.

Gerade hatte sie sich dazu durchgerungen, da meldete sich Dianne Gardner und verkündete, dass sie zu einer Tante müsse, die plötzlich erkrankt war.

„Würde es dir sehr viel ausmachen, wenn wir Pips Übernachtung bei uns auf den nächsten Samstag verschieben?“, fragte Alice’ Mutter.

„Natürlich nicht“, erwiderte Leyne. „Wenn es dir hilft, kann Alice bei uns schlafen, bis du zurück bist. Kein Problem.“

Sie trank einen Kaffee und sah gerade zu, wie Pip und Alice um die Wette schwammen, als ihr viel zu spät einfiel, dass sie an diesem Abend mit Keith Collins verabredet war.

Oje! Hastig holte sie das Handy heraus und wählte. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn versetzen musste.

„Hallo, Keith“, begrüßte sie ihn atemlos. „Hier ist Leyne Rowberry.“

„Ich werde es dir nie verzeihen, wenn du absagst!“, erwiderte er, und es klang nicht wie ein Scherz.

„Nicht im Traum“, antwortete sie fröhlich. „Ich habe mir nur überlegt … dass wir den Kaffee auch bei mir trinken könnten. Und ich verspreche dir, dass es vorher ein leckeres Essen gibt“, fügte sie hastig hinzu, damit er nicht auf falsche Gedanken kam.

„Also versetzt du mich doch!“, entgegnete er gekränkt, und eine Sekunde lang fragte sich Leyne, ob sie den Mann überhaupt mochte.

„Ich biete dir eine Alternative an“, sagte sie und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was ihr an ihm gefallen hatte.

„Leider kommt dein Vorschlag für mich zu spät, um mir etwas anderes vorzunehmen“, knurrte er – als müsste sie froh sein, dass er ihre Einladung annahm!

„Wie du willst.“ Wenn er sich ein anderes Date suchen wollte, viel Glück!

Der Abend verlief nicht besonders erfolgreich. Das Essen war nicht opulent, schmeckte jedoch gut. Aber da die Mädchen geholfen hatten, den Nachtisch zuzubereiten, fand Leyne es nur gerecht, die beiden aufbleiben und mit am Tisch sitzen zu lassen.

Keith gab sich Mühe, nett zu den beiden zu sein, war allerdings keineswegs enttäuscht, als die Mädchen nach dem Essen zu Bett gingen.

Leyne verschwand in der Küche, um Kaffee zu machen. Als sie damit ins Wohnzimmer zurückkehrte, nahm Keith neben ihr auf der Couch Platz.

„Zucker?“, fragte sie und war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass er unnötig nahe an sie heranrückte. Sie schenkte ihm eine Tasse ein und nutzte den Griff nach dem Zucker, um wieder auf Abstand zu Keith zu gehen.

„Du hast wirklich ungewöhnlich schönes Haar“, murmelte er und starrte bewundernd auf ihre hellbraunen Strähnen, in die sich blonde Highlights mischten – keine Frage, der Zucker interessierte ihn momentan nicht sonderlich.

Leyne ignorierte das Kompliment. „Milch oder Sahne?“

„Sahne“, erwiderte er und schaute in ihre blauen Augen. „Es passt zu deinem hübschen Teint“, fuhr er fort, während er ihr den Kaffee abnahm und ihn auf dem flachen Tisch abstellte. Dann drehte er sich zu ihr, als würde er sie gleich an sich ziehen wollen.

„Leyne, wunderschöne Leyne …“

Weiter kam er nicht, denn plötzlich drang lautes Lachen durch die Zimmerdecke.

„Ach, verdammt!“, rief er verärgert. „Können die Mädchen nicht mal still sein?“

„Nicht länger als fünf Minuten, schätze ich“, erwiderte sie gelassen.

„Wie lange wird das noch so weitergehen?“, fragte er und klang hoffnungsvoll und verstimmt zugleich.

„Es würde mich sehr wundern, wenn sie vor Mitternacht zur Ruhe kommen“, antwortete Leyne. „Pips Freundin übernachtet nämlich hier“, fügte sie erklärend hinzu. Er tat ihr leid, auch wenn seine Vorstellungen vom Ablauf des Abends absolut nicht mit ihren übereinstimmten.

Als er wenig später aufbrach, war sie ziemlich sicher, dass er sie nie wieder einladen würde, mit ihm auszugehen. Das war schade, denn sie mochte ihn. Meistens jedenfalls. Dass ihre Beziehung endete, bevor sie richtig begonnen hatte, brach ihr allerdings nicht gerade das Herz.

Am nächsten Vormittag holte Dianne Gardner ihre Tochter ab, und zehn Minuten später rief Leyne ihre Mutter an und informierte sie, dass sie und Pip sie besuchen würden.

Catherine Webb hatte vor vier Jahren wieder geheiratet und ihren Töchtern und ihrer Enkelin ihr altes Haus überlassen, nachdem sie mit ihrem Mann nach Hertfordshire gezogen war.

„Ich freue mich auf euch“, antwortete Catherine herzlich. „Roland hat sich zwar eine schwere Erkältung eingefangen, aber sie ist nicht mehr ansteckend.“

„Fühlt er sich kräftig genug, um Besuch zu bekommen?“, fragte Leyne besorgt. Roland tat ihr zwar leid, aber sie wollte nicht riskieren, dass ihre Nichte sich erkältete, auch wenn Pip schon lange keinen Asthmaanfall mehr gehabt hatte.

„Wahrscheinlich werdet ihr ihn gar nicht zu Gesicht bekommen. Du weißt ja, wie es ist – wir Frauen haben Schnupfen, bei Männern ist es immer gleich eine Grippe. Er wird nur kurz Hallo sagen und sich wieder hinlegen.“

„Hast du Lust, Grandma zu besuchen?“, fragte Leyne das Mädchen.

Pip strahlte. „Es ist eine Ewigkeit her, dass ich Suzie gesehen habe!“ Offenbar freute Pip sich mehr auf Roland Webbs Labrador als auf ihre Großmutter.

2. KAPITEL

Während Pip im großen Garten hinter dem Haus mit der Hündin spielte, konnte Leyne sich ungestört mit ihrer Mutter unterhalten. Roland hatte sich dazu aufgerafft, sie beide zu begrüßen, sich jedoch gleich wieder hingelegt.

„Ich habe ein Problem, Mum“, begann Leyne, nachdem sie ein paar Minuten lang überlegt hatte, wie sie das heikle Thema ansprechen sollte.

„Das klingt ernst“, erwiderte Catherine. Leynes Nervosität war ihr nicht entgangen.

Leyne sah ihre auch mit fünfundsechzig noch attraktive Mutter an, atmete tief durch und kam sofort zur Sache. „Pip will wissen, wer ihr Vater ist“, sagte sie.

„Maxine wird es ihr erzählen, sobald sie alt genug ist.“

„Aber Maxine ist nicht hier“, erinnerte Leyne sie sanft. „Ich habe mehrfach versucht, sie zu erreichen, aber ihr Handy ist ausgeschaltet. Ich habe zwar eine Nummer für Notfälle …“

„Als Notfall würde ich das hier nicht bezeichnen!“, unterbrach ihre Mutter sie hastig. „Dann wird Pip eben warten müssen.“

„Ich glaube nicht, dass sie noch länger warten kann. Die Ungewissheit belastet sie sehr, das spüre ich.“ Leyne versuchte es anders. „Du musst ihrem Vater doch mal begegnet sein.“

„Nein. Das bin ich nicht.“

Leyne wusste, dass ihre Mutter sie nicht anlog. „Du hast ihn nie …“ Sie brach ab. Etwas in Catherines Blick verriet ihr, dass ihre Mutter mehr wusste, als sie zugab. „Aber du weißt, wer er ist?“

„Er kam nie zu Besuch. Und es war nur eine kurze Affäre – fast wieder vorbei, noch bevor sie begonnen hatte.“

„Aber lange genug für Maxine, um sich in ihn zu verlieben?“

Catherines Miene entspannte sich ein wenig. „Oh ja. Sie hat ihn geliebt.“ Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber dann kam sie eines Abends nach Hause und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Als ich sie am nächsten Morgen fragte, was los sei … sie hatte geweint, das konnte ich sehen … da sagte sie mir, dass sie ihn nicht wiedersehen würde. Und das hat sie auch nicht. Sie hat seinen Namen nie wieder in den Mund genommen.“

„Aber du weißt, wer er ist?“

Ihre Mutter seufzte. Sie rang mit sich. Nach einem Moment gab sie nach. „Sein Name ist John Dangerfield.“

John Dangerfield. Stumm wiederholte Leyne den Namen. Sie hatte ihn noch nie gehört. „Kannst du mir mehr über ihn erzählen?“

„Ich weiß nur wenig über ihn. Wie gesagt, ich bin ihm nie begegnet. Er hat Maxine nur selten abgeholt, und wenn, dann wartete sie am Fenster und rannte hinaus, sobald sie seinen Wagen sah. Aber …“ Ihre Mutter zögerte. „Ich erwarte von dir, dass du mit der Information vorsichtig umgehst. Pip ist in einem sehr verletzlichen Alter.“

„Ich weiß. Deshalb werde ich mit allem, was du mir erzählst, äußerst behutsam umgehen“, versprach Leyne. „Aber je länger ich Pip hinhalte, desto neugieriger wird sie werden. Und du weißt ja selbst, dass jede Aufregung einen Asthmaanfall auslösen kann. Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden.“

Catherine schaute aus dem Fenster und dorthin, wo Pip auf einer Gartenbank saß und leise mit Suzie sprach. „Armes Kind“, flüsterte sie. „Viel mehr als seinen Namen kenne ich wirklich nicht. Aber sie hat ein Recht, zu erfahren, wer ihr Vater ist. John Dangerfield hat eine Konstruktionsfirma. Sie heißt J. Dangerfield, Engineers.“

J. Dangerfield, Engineers? Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor – als hätte sie erst kürzlich von der Firma gelesen oder gehört.

„Vielleicht solltest du Pip nicht gleich damit überfallen, sondern dich erst mit ihm in Verbindung setzen“, schlug ihre Mutter vor.

„Ich hatte gar nicht vor, Kontakt mit ihm aufzunehmen!“

„Dann solltest du es tun, finde ich. Pip ist ein liebenswertes Kind, aber wir wissen beide, dass sie manchmal sehr trotzig sein kann.“

„Du …“ Leyne erstarrte. „Du meinst doch nicht etwa … sie wird ihn treffen wollen?“

„Meinst du nicht?“

Leyne dachte darüber nach und gestand sich ein, dass auch sie sich nicht mit dem Namen begnügen würde. Aber … mischte sie sich nicht zu sehr ein? Mutete sie sich zu viel zu? Vielleicht sollte sie warten, bis Maxine wieder zu Hause war. Doch dann beging sie einen Fehler und schaute nach draußen – direkt in Pips fragende Augen.

Und in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie alles tun würde, um dem kleinen Mädchen den Seelenfrieden zu verschaffen, nach dem es sich so sehr sehnte. „Du hast recht“, sagte sie leise.

„Dann solltest du ihn anrufen, bevor du Pip sagst, wer er ist.“

„Warum?“

„Weil es durchaus sein kann, dass er die Vaterschaft leugnet. Schließlich hat er noch keinen Penny zu Pips Unterhalt beigetragen. Nicht, dass Maxine ihn jemals darum bitten würde. Dazu ist sie viel zu stolz!“, fügte sie mit Nachdruck hinzu, und spätestens jetzt wusste Leyne, von wem ihre Schwester und sie ihren Stolz geerbt hatten.

Sie waren auf der Heimfahrt nach Surrey, als Pip wieder einmal bewies, wie gescheit sie war. „Du und Grandma, ihr habt euch lange unterhalten“, begann sie wie beiläufig. „Habt ihr über mich gesprochen?“

Leyne sah keinen Grund, es Pip zu verheimlichen. „Ich dachte mir, sie kann mir vielleicht etwas über deinen Vater erzählen, und …“

„Konnte sie?“, unterbrach Pip sie aufgeregt. „Hat sie dir …“

„Du musst geduldig sein. Ich weiß, es fällt dir schwer, aber es kann noch eine ganze Weile dauern.“

Leyne fand es schrecklich, dass sie ihrer Nichte nicht erzählen durfte, was sie heute erfahren hatte. Und hätte ihre Mutter nicht darauf bestanden, dass sie sich vorher mit dem Vorstandschef von J. Dangerfield, Engineers in Verbindung setzte, hätte sie Pip wenigstens den Namen ihres Vaters genannt.

Aber Leyne wusste, dass ihre Mutter recht hatte – Pip würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn sie ihn kennengelernt hatte.

Also wartete Leyne, bis das Mädchen im Bett lag, und ging die Zeitungen durch, die sich im Lauf der Woche im Altpapier angesammelt hatten. Sie war ziemlich sicher, dass sie vor kurzer Zeit etwas über die Firma gelesen hatte.

Die ersten drei Zeitungen enthielten nichts, erst in der vierten – und zwar nicht im Wirtschaftsteil – fand sie, was ihr im Gedächtnis haften geblieben war.

Es war das Foto eines sehr gut aussehenden, selbstsicher wirkenden Mannes auf einer Wohltätigkeitsgala. Nur eine gute Freundin? So lautete die Unterschrift, und sie bezog sich eindeutig auf die attraktive Brünette an seinem Arm.

Jack Dangerfield, Vorstandschef von J. Dangerfield, Engineers, mit seiner hübschen Begleiterin. Wird Gina Sansome bei dem eingefleischten Junggesellen mehr Glück haben als ihre Vorgängerinnen?

Mit klopfendem Herzen starrte Leyne auf den hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann. John Dangerfield, den alle Welt – mit Ausnahme ihrer Mutter – offenbar als Jack kannte.

Er sah gut aus. Viel zu gut, fand Leyne. Und er war unverheiratet. Genau das ärgerte sie – der Mann schien das Leben zu genießen und sich keinerlei Zügel anzulegen, während Maxine ein Opfer nach dem anderen gebracht hatte, damit es ihrer Tochter an nichts fehlte.

Sie las weiter. Er schien in Maxines Alter zu sein, vielleicht ein oder zwei Jahre älter. Also jung für den Chef einer Ingenieurfirma, die – so stand es im Artikel – international tätig war und einen ausgezeichneten Ruf genoss. Nun ja, dachte Leyne, vielleicht löst er nicht nur technische Probleme in Übersee, sondern kann mir auch helfen, eines zu bewältigen, das ganz in seiner Nähe aufgetreten ist.

Der Mann musste äußerst ehrgeizig gewesen sein, wenn er mit Mitte dreißig schon eine so angesehene Firma leitete. Wahrscheinlich war das auch der Grund dafür, dass er und Maxine sich getrennt hatten. Nachdenklich griff Leyne nach dem Telefonbuch.

J. Dangerfield, Engineers war mit mehreren Nummern verzeichnet, aber da sie nicht wusste, wo er wohnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Mann an seinem Arbeitsplatz anzurufen.

Das war leichter gesagt als getan, fand Leyne am nächsten Morgen heraus. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte die zweite Person, mit der sie sprach.

„Es ist … eine persönliche Angelegenheit.“

„Einen Augenblick bitte.“

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte sich eine dritte Stimme im Hörer.

„Ich muss mit Mr. Dangerfield sprechen. Eine Privatangelegenheit“, fügte sie schnell hinzu, bevor sie abgewimmelt werden konnte.

„Mr. Dangerfield wird fast die ganze Woche außer Haus sein. Könnten Sie ihm vielleicht schreiben?“, schlug Nummer drei vor.

Leyne war so frustriert, dass sie sich beherrschen musste, um höflich zu bleiben. „Danke, das werde ich tun“, sagte sie und stellte nach dem erfolglosen Anruf fest, dass sie mindestens so beharrlich sein konnte wie die anderen Frauen in ihrer Familie.

Sie schrieb den Brief sofort.

Lieber Mr. Dangerfield,

ich muss Sie in einer dringenden Familienangelegenheit sprechen.

Leyne war versucht, noch etwas hinzufügen – dass er endlich aufwachen und aufhören solle, mit attraktiven Begleiterinnen auf Prominentenpartys in die Kameras zu lächeln, anstatt sich um seine Tochter zu kümmern. Aber zuerst wollte sie ihn kennenlernen und erfahren, ob er trotz seiner freundlichen Miene auf dem Foto ein Mensch war, mit dem Pip lieber keinen Kontakt aufnehmen sollte. Also beschränkte sie sich auf die kurze Nachricht und schloss mit „freundlichen Grüßen“.

Eine ganze Woche verging, ohne dass Mr. Dangerfield sich bei ihr meldete.

Wieder einmal hatte Pip einen leichten Asthmaanfall erlitten. Er war schnell vorübergegangen, doch Leyne machte sich trotzdem Sorgen und fragte sich, ob das sensible Mädchen vielleicht auf die Ungewissheit wegen ihres Vaters reagierte.

Am Montagmorgen musterte sie ihre Nichte gründlich, bevor sie entschied, dass sie zur Schule gehen konnte.

Danach wartete sie bis zehn Uhr und rief von ihrem Arbeitsplatz aus bei J. Dangerfield, Engineers an. „Mr. Dangerfield, bitte“, sagte sie so geschäftsmäßig wie möglich – und wurde mit Stimme Nummer zwei verbunden. Leyne war fest entschlossen, sich nicht wieder vertrösten zu lassen. „Mr. Dangerfield ist doch im Haus, ja?“, fragte sie höflich, aber mit Nachdruck.

„Das ist er. Aber er ist sehr beschäftigt. Wenn ich Ihnen …“

Mehr brauchte Leyne nicht zu wissen. „Danke“, unterbrach sie Nummer zwei freundlich und legte auf. Dann rief sie Dianne Gardner an. „Ich habe ein kleines Problem“, begann sie. „Es kann sein, dass ich Pip heute Abend etwas später als sonst abhole“, erklärte sie und hoffte, dass Dianne glauben würde, dass sie Überstunden machte. „Könnte sie bei dir bleiben, bis ich komme?“

„Natürlich. Lass dir ruhig Zeit. Sie kann mit uns essen“, bot Dianne an. Die beiden Frauen konnten sich aufeinander verlassen.

Nach der Mittagspause ging Leyne zu ihrem Vorgesetzten. „Ich muss nach Hause. Wäre es dir recht, wenn ich von dort aus arbeite?“

Tad Ingleman seufzte dramatisch. „Ohne dich wird es ein trüber Nachmittag“, erwiderte er und ließ den Blick anerkennend über ihr zartes Gesicht und das schimmernde Haar wandern. „Könntest du vorher deinen Schreibtisch abräumen? Dann können wir uns ein bisschen ausbreiten“, bat er, denn der Umzug in größere Räume war einmal mehr verschoben worden.

„Ich bin morgen wieder da“, versprach sie und ging mit einem Stapel Unterlagen, die sie am Abend aufarbeiten wollte, zum Parkplatz. Doch sie fuhr nicht nach Hause, sondern zum Firmensitz von J. Dangerfield.

Mr. Dangerfield war beschäftigt, aber wenigstens war er da. Sie lächelte.

Froh, dass es ein trockener Oktobertag war, parkte sie den Wagen und wartete. Ohne Zweifel hielten Vorstandschefs sich nicht an die üblichen Arbeitszeiten. Wenn er länger im Büro blieb, würde sie eben noch mal bei Dianne anrufen. Leyne hatte sich darauf eingestellt, notfalls bis Mitternacht hier auszuharren.

Doch sie hatte Glück. Um halb fünf ging die Haupttür von J. Dangerfield, Engineers auf, und sie erkannte den Mann, der mit einem Aktenkoffer in der Hand herauskam, sofort.

Er ging schnell und hatte die Treppe schon hinter sich, als sie sich endlich in Bewegung setzte. Er kam in ihre Richtung.

„Mr. Dangerfield!“, rief sie und stellte sich ihm in den Weg.

Sein Blick glitt über ihren anmutigen Körper, bis er auf dem hübschen Gesicht und den ausdrucksvollen blauen Augen ruhte. „Sie scheinen mich zu kennen, ich Sie leider nicht“, sagte er mit einem charmanten Lächeln.

„Leyne Rowberry“, erwiderte sie und suchte in seinem Blick nach einem Anzeichen dafür, dass der Name etwas in ihm auslöste. Sie fand keines, trotzdem stockte ihr kurz der Atem. Du meine Güte, was für Augen! Keine Frage, woher Pip das leuchtende Grün in ihren hatte. Und das pechschwarze Haar. Leyne gab sich einen Ruck. „Ich … habe Ihnen geschrieben.“

„So?“ Er schaute auf die Uhr, ganz der Mann, der es eilig hatte.

„Sie haben mir nicht geantwortet.“

„Und was haben Sie mir geschrieben, Miss Rowberry?“, erkundigte er sich, und seine Haltung verriet, dass ihr noch etwa fünf Sekunden blieben, bevor er sie einfach stehen ließ.

„Es handelt sich um eine Familienangelegenheit.“

Es schien ihm nicht zu gefallen. Sein attraktives Gesicht wurde frostig. Offenbar war seine Familie für Außenstehende tabu. Er setzte sich wieder in Bewegung.

„Genauer gesagt, um Ihre Tochter!“

Abrupt blieb er stehen. „Meine was?“, fragte er und starrte Leyne so verblüfft an, dass ihr ein Verdacht kam. Wusste er etwa nicht, dass er eine Tochter hatte?

Sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Das konnte nicht sein – oder doch?

„Es geht um Ihre Tochter“, wiederholte Leyne mit fester Stimme, während sein Blick immer misstrauischer wurde.

Doch die maßlose Verblüffung, mit der er sie zuvor angesehen hatte, verunsicherte Leyne und verstärkte in ihr den Verdacht, dass dieser Mann vollkommen ahnungslos war. Wusste Mr. Dangerfield gar nicht, dass Maxine sein Kind zur Welt gebracht hatte?

„Sie wissen doch, dass Sie eine Tochter haben?“, fragte sie. Wenn er tatsächlich nichts von Pip gewusst hatte, hatte sie gerade eine Bombe platzen lassen.

Doch nach einem Moment wich ihre Verlegenheit der Empörung über seine völlig unpassende Reaktion.

„Sie sind eine attraktive Frau, Miss Rowberry“, sagte er gelassen. „Um nicht zu sagen, eine sehr attraktive. Daher bin ich absolut sicher, dass ich mich an Sie erinnern würde, falls ich das Vergnügen gehabt hätte.“

Leyne spürte, wie ihre Wangen sich erhitzten. „Ihre Tochter will wissen, wer Sie sind. Ihren Namen!“, fauchte sie. „Und wenn …“

„Unsinn!“, unterbrach er sie. Sein Blick war jetzt kühl. „Sie haben eine Tochter, die alt genug ist, um danach zu fragen?“

„Ich bin dreiundzwanzig“, begann Leyne, wütend auf ihn und sich selbst. „Pip, Phillippa, ist elfeinhalb, wird im nächsten April zwölf. Sie …“

„Also sind Sie nicht ihre Mutter“, folgerte er.

„Ich bin ihre Tante. Maxine, Pips Mutter, ist meine Schwester.“

„Maxine Rowberry.“ Er ließ den Namen auf der Zunge zergehen. „Ich habe noch nie von ihr gehört. Das heißt, ich bin der Lady noch nie begegnet.“

„Ihr Name ist nicht Rowberry, sondern Nicholson.“

„Das ändert nichts“, erwiderte er, ohne lange überlegen zu müssen. „Warum hat sie dem Kind bisher verschwiegen, wer der Vater ist?“

„Maxine hat es immer vorgehabt, aber …“

„Warum hat sie mir nicht geschrieben?“, fiel er ihr ins Wort.

„Meine Schwester ist beruflich im Ausland. Für sechs Monate. In ihrer Abwesenheit bin ich für ihre Tochter verantwortlich.“

„Hmm!“ Wieder warf Jack Dangerfield einen Blick auf die Uhr. Offenbar hatte er alle Informationen, die er brauchte. „Ich komme zu spät zu meinem Termin“, knurrte er und schien weitergehen zu wollen.

„Mr. Dangerfield!“, hielt sie ihn auf. „Dabei kann ich es nicht einfach bewenden lassen! Ich …“

„Ich fürchte, das werden Sie müssen. Wenn Sie mir geschrieben haben, ist der Brief in den Unterlagen“, sagte er über die Schulter. „Meine Assistentin wird sich bei Ihnen melden.“

„Aber …“ Leynes hilfloser Protest war sinnlos. Er war schon fort, und sie sprach mit sich selbst.

Enttäuscht kehrte sie zu ihrem Wagen zurück und fuhr nach Hause. Sie bezweifelte, dass sie jemals wieder von Jack Dangerfield hören würde. Oder von seiner Assistentin.

Erst als sie sich etwas beruhigt hatte, rief sie Dianne Gardner an und versprach, Pip in Kürze abzuholen.

„Das brauchst du nicht, wenn du noch arbeiten musst“, wehrte Dianne ab. „Den Mädchen geht es gut, und ich freue mich immer, wenn Pip hier ist. Sie hat einen positiven Einfluss auf Alice.“

Von Maxine wusste Leyne, dass Diannes Tochter gerade eine schwierige Phase durchmachte. Sie dankte ihr, legte auf und betrachtete die Akten, die sie bis morgen früh durcharbeiten wollte.

Nach einem Moment schob sie den Stapel zur Seite und dachte noch einmal an ihr Zusammentreffen mit Jack Dangerfield. Nun ja, ein Zusammentreffen war es eigentlich nicht gewesen, denn sie hatte ihm buchstäblich aufgelauert und sich ihm in den Weg gestellt, um ihn mit der Nachricht von seiner Vaterschaft zu überfallen.

Leyne schämte sich nicht dafür. Er war derjenige, der sich schämen sollte. Wie konnte er es wagen, Pip zu verleugnen? Sie hatten beide das gleiche schwarze Haar, und ein einziger Blick in ihre grünen Augen reichte aus, um die Ähnlichkeit zu erkennen.

Was fiel ihm ein, die Tante seiner Tochter auf der Straße stehen zu lassen? Einfach so! Vielleicht hatte er wirklich keine Ahnung von Pips Existenz gehabt, aber sich so rücksichtslos und herablassend zu verhalten war wirklich unverzeihlich.

Leyne würde ihm ein paar Tage, höchstens eine Woche Zeit geben, und wenn sie am kommenden Montag noch nichts von ihm gehört hatte, würde sie ihn wieder vor seiner Firma abfangen.

Ihre Entschlossenheit wuchs noch, als sie Pip abholte und sich für die Verzögerung entschuldigte.

„Warum konntest du nicht früher kommen?“, wollte Pip wissen. „Hat es mit meinem Vater zu tun?“

„Ich habe … ein paar Nachforschungen angestellt.“

„Und?“

Sie hätte sich denken können, dass Pip nachfragen würde. „Es tut mir leid, mein Schatz, du wirst noch eine Weile warten müssen.“

„Aber du hast schon mehr herausgefunden?“

„Ja“, gab Leyne zu und fühlte sich schuldig, als ihre Nichte sie freudig anstrahlte.

„Und wenn du weißt, wer mein Vater ist, kann ich ihn dann treffen?“

Pips Großmutter hatte recht – das Mädchen wollte den Mann, nach dem es sich schon so lange sehnte, endlich kennenlernen. Leyne musste Pip auf die bittere Tatsache vorbereiten, dass der Mann seine Vaterschaft bestritt. Sie umarmte sie tröstend. „Du musst auf eine Enttäuschung vorbereitet sein.“

„Wieso?“, fragte Pip verwirrt.

„So hübsch du auch bist, mein Schatz, es kann sein, dass er dich gar nicht sehen will.“

Zu Leynes Erstaunen lächelte ihre Nichte nur. „Doch, das wird er“, verkündete sie voller Zuversicht. „Ich weiß es. Ich … fühle … es … einfach!“ Sie strahlte. „Soll ich dir einen Kaffee kochen?“

Wie konnte das Kind nur so sicher sein? Pip war jetzt elf, und ihr Vater hatte sich noch nie die Mühe gemacht, sie zu besuchen. Sie durfte nicht erfahren, dass der Mann – bis heute – gar nicht gewusst hatte, dass er eine Tochter hatte. Und erst recht nicht, dass er leugnete, ihre Mutter auch nur zu kennen.

Nicht zum ersten Mal wünschte Leyne, ihre Schwester wäre hier. Dann könnte Maxine selbst entscheiden, wie sie es ihrer Tochter beibringen sollte.

Als würde sie spüren, wie kritisch die Situation daheim war, rief Maxine an diesem Abend an. Davon erfuhr Leyne jedoch erst, nachdem Pip aufgelegt hatte.

Sie saß gerade am Computer in ihrem Arbeitszimmer, in eine komplizierte Angelegenheit vertieft, als das Telefon läutete. Gedankenverloren streckte sie die Hand nach dem Hörer aus, doch Pip kam ihr zuvor. „Ich gehe ran!“, rief das Mädchen.

Leyne lächelte. Ihre Nichte war schon beim Zubettgehen und hatte erst vor einer Stunde mit Alice telefoniert, aber die Mädchen hatten sich offenbar viel zu erzählen.

Meistens dauerten die Anrufe länger, doch dieses Mal kam Pip schon wenige Minuten später ins Arbeitszimmer. „Das war Mummy“, sagte sie fröhlich.

Leyne griff nach dem Hörer. „Sie ist nicht mehr dran“, fuhr Pip fort. „Mum hatte es eilig, also hat sie sich nur kurz übers Festnetz gemeldet, bevor sie weitermusste. Sie weiß nicht, wann sie sich wieder melden kann. Es tut ihr leid, dass sie nicht früher angerufen hat, aber ihr Handy liegt in einem Fluss. Ich soll dich herzlich grüßen und dir sagen, dass das Biest etwas zahmer geworden ist, aber ziemlich sauer darüber war, dass sie ein paar von seinen Sachen ins Wasser befördert hat.“

Bei dem „Biest“ handelte es sich also um Ben Turnbull. Es gab so viel, was Leyne ihre Schwester fragen wollte, aber es war zu spät. „Freust du dich, Schatz?“

Pip nickte. „Ich wollte Mum nach meinem Vater fragen, aber ich konnte es nicht. Und dann musste Mum wieder los und erzählte etwas von Indianerstämmen und dem Amazonas und dass sie nur meine Stimme hören wollte, bevor sie und ihr Ritter in rostiger Rüstung sich wieder ins Abenteuer stürzen.“

Erleichtert ging Pip zu Bett. Sie konnte nicht wissen, dass ihre Tante in dieser Nacht sehr schlecht schlief.

Warum hatte Maxine nicht zehn Minuten später angerufen? Dann hätte Pip schon im Bett gelegen, und Leyne hätte ungestört mit ihrer Schwester reden und sie fragen können, wie sie mit Pips widerspenstigem Vater umgehen sollte.

Unwillkürlich dachte sie an den Mann, der Vater geworden war, ohne es zu wissen. Sie hatte keine Ahnung, was zwischen Maxine und Jack Dangerfield falsch gelaufen war, aber vielleicht log er auch nur. Irgendwie bezweifelte Leyne das. Seine Verblüffung hatte echt gewirkt. Er schien wirklich nicht gewusst zu haben, dass aus seiner kurzen Beziehung mit Maxine eine Tochter hervorgegangen war.

Eine Tochter, deren Existenz er zu leugnen versuchte. Aber nicht mehr lange! Es war an der Zeit, dass er sich seiner Verantwortung stellte. Dass er als Chef eines so erfolgreichen Unternehmens wie J. Dangerfield, Engineers ein pflichtbewusster Mensch war, spielte keine Rolle. In seinem Privatleben galten für ihn offensichtlich andere Wertmaßstäbe!

3. KAPITEL

Dianne Gardner musste am nächsten Morgen beruflich für einige Tage fort. Leyne versicherte ihr, es sei überhaupt kein Problem, Alice solange bei ihr und Pip wohnen zu lassen.

Am Dienstag setzte Leyne die Mädchen an der Schule ab und fuhr ins Büro. Dort lieferte sie die fertig bearbeiteten Unterlagen ab und schob genügend Aufträge in ihre Aktentasche, um zwei Tage lang beschäftigt zu sein.

Im Moment passte es ihr hervorragend, zu Hause arbeiten zu können. Sollte Jack Dangerfields Assistentin sich melden, würde sie den Anruf nicht verpassen.

Doch der Anruf kam nicht, und am Donnerstag verlor Leyne endgültig die Geduld. Erst am Abend zuvor hatte sie den Kopf gehoben und direkt in Pips Augen geschaut. Auch ohne Worte war die Frage deutlich gewesen: Gibt es schon etwas Neues?

Als Leyne wieder ins Büro fuhr, beschloss sie, nicht länger untätig zu bleiben. Sie konnte sich vorstellen, dass das Warten für ihre Nichte weitaus schlimmer war.

Sobald sie das Zimmer für sich hatte, rief sie bei J. Dangerfield, Engineers an und ließ die übliche Prozedur über sich ergehen.

Doch als sie dieses Mal zur dritten Stimme durchgestellt wurde, ging sie anders vor. „Mein Name ist Leyne Rowberry“, sagte sie energisch. „Ich möchte Mr. Dangerfield sprechen.“

„Einen Moment, Miss Rowberry. Ich werde nachsehen, ob er frei ist“, antwortete die Frau zu ihrer großen Überraschung.

Leyne wartete und rechnete damit, gleich zu hören, dass Mr. Dangerfield sich gerade in Timbuktu oder wo auch immer aufhielt. Doch die Überraschungen nahmen heute kein Ende. Er meldete sich selbst.

„Miss Rowberry.“

„Mr. Dangerfield.“ Vermutlich hatte sie gerade mit seiner Assistentin gesprochen, und die junge Frau wusste wahrscheinlich genug über ihr Anliegen, um sie sofort mit ihrem Chef zu verbinden. „Sie wollten sich bei mir melden!“, sagte sie vorwurfsvoll. „Ich bin für eine sehr verletzliche Elfjährige verantwortlich, die jeden Tag aufs Neue hofft, dass ich ihr endlich sagen kann, wer ihr Vater ist!“

Es gab eine Pause, als würde Jack Dangerfield ihre Antwort erst verarbeiten müssen. Danach klang er etwas versöhnlicher. „Miss Rowberry, ich habe Ihnen in aller Deutlichkeit erklärt, dass ich nicht der Vater des Kindes bin. Warum sind Sie davon überzeugt, dass ich es doch bin?“

„Ich habe meine Mutter gefragt.“

„Aber nicht die Mutter des Kindes?“

„Das Kind hat einen Namen und heißt Philippa! Wir nennen sie Pip!“, fuhr Leyne ihn an. „Und ich habe Ihnen bereits erklärt, dass ihre Mutter im Ausland ist und noch eine ganze Weile dort bleiben wird. Deshalb habe ich meine Mutter gefragt.“

„Offenbar waren Sie noch zu jung, als ich … mir die Hörner abgestoßen habe, aber Sie …“

„Jetzt hören Sie mir mal zu!“, unterbrach sie ihn. „Meine Schwester ist kein … Flittchen. Sie ist eine verantwortungsbewusste, liebevolle Frau. Und sie hätte sich niemals mit Ihnen auf ein … billiges Abenteuer eingelassen. Sie müssen ihr etwas bedeutet haben, und ich lasse nicht zu, dass Sie reden, als wäre …“

„Also hat sie Ihrer Mutter erzählt, dass ich der Vater bin?“

Leyne zählte bis zehn. „Das brauchte sie nicht. Sie waren der einzige Mann, mit dem sie damals zusammen war!“

„Ich verstehe“, sagte er langsam. „Dann sollte ich vielleicht mit Ihrer Mutter reden.“

„Wozu?“, fragte Leyne alarmiert. „Meine Mutter lebt nicht bei uns.“

Seine Frage traf sie vollkommen unvorbereitet. „Mit wem leben Sie zusammen?“

„Mit …“ Sie konnte ihm nicht folgen.

„Sie haben gesagt, Sie leben nicht bei Ihrer Mutter“, wiederholte er geduldig – als wäre sie die Elfjährige, über die sie sprachen. „Leben Sie mit jemandem – einem Mann zusammen?“

„Nein!“, entfuhr es ihr lauter, als sie wollte. „Wir sind nur zu dritt, Pip und ich und Maxine, wenn sie zu Hause ist. Wir wohnen im Haus der Familie. Sie wollte nicht, dass wir umziehen müssen, als sie vor vier Jahren wieder geheiratet hat.“ Zum Glück brauchten sie keine Miete zu zahlen, daher kamen sie finanziell meistens gut über die Runden. „Aber das hier führt zu nichts, und …“

„Und ich bin ein viel beschäftigter Mann.“

Glaubte er etwa, sie würde sich dafür entschuldigen, dass sie ihn gestört hatte? Da konnte er lange warten! „Ich habe auch viel zu tun!“, fauchte Leyne.

„Sie arbeiten und kümmern sich um … um Philippa?“

„Es ist keine Mühe, und ich kann notfalls auch zu Hause arbeiten“, sagte sie. Und dann kam ihr ein entsetzlicher Gedanke. „Ich bin nicht hinter Ihrem Geld her!“, beteuerte sie hastig. „Das dürfen Sie nicht denken, keine Sekunde lang! Pip hat alles, was sie braucht, das versichere ich Ihnen. Es ist nur so, dass …“

Sie senkte die Stimme und ließ sie etwas milder klingen. „… dass sie jetzt in ein Alter kommt, in dem sie mehr Fragen stellt. Und vor allem will sie wissen, wer ihr Vater ist.“ Sie seufzte schwer. „Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sie sich dafür nicht aussuchen können.“

„Ja, das finde ich auch“, meinte Jack Dangerfield und hörte sich an, als würde er sie wirklich verstehen.

So sehr, dass Leyne ihm noch mehr verriet. „Nicht nur das, Pip will ihn auch noch kennenlernen.“

Schlagartig kühlte sein Tonfall sich ab. „Das können Sie vergessen!“, knurrte er.

„Glauben Sie mir, ich müsste schon wesentlich mehr über Sie wissen, bevor ich Sie in Pips Nähe lasse!“

„Gut!“, sagte er scharf. „Also, was wollen Sie von mir, Miss Rowberry?“

„Ich will meiner Nichte den Namen ihres Vaters nennen können.“

„Können Sie ihr nicht einfach sagen, er sei gestorben? Er sei von einer Klippe gestürzt oder so etwas?“

„Bei so etwas würde ich niemals lügen!“, protestierte Leyne empört. Doch dann ging ihr auf, dass er das vermutlich längst wusste und sie nur provozieren wollte. „Sie nehmen diese Sache nicht ernst, stimmt’s?“, warf sie ihm vor und wurde immer wütender auf den Mann.

„Ja, es fällt mir zunehmend schwer, das hier besonders ernst zu nehmen“, gab er ebenso zornig zurück. „Sagen Sie mal, wo ist Ihre Schwester … ich verbessere mich, Ihre Halbschwester … jetzt?“

„Im Ausland. Sie ist Fotografin. Es ist keine Vergnügungsreise.“

„Reist sie oft ins Ausland?“

„Nein. Dies hier ist ihre große Chance. Als sie gefragt wurde, ob sie Ben Turnbull begleiten will, hat Maxine …“

„Sie ist mit Ben Turnbull unterwegs? Dann muss sie begabt sein.“ Ganz offenbar hatte Jack Dangerfield von dem Mann gehört.

„Das ist sie. Zuerst wollte sie absagen, aber Pip und ich bestanden darauf, dass sie mitfährt.“

„Und das hat sie getan – und Ihnen ihr Kind überlassen.“

„So ist es nicht!“, brauste Leyne auf. Es klang, als hätte Maxine sich vor ihrer Verantwortung gedrückt. „Ich lebe seit ihrer Geburt mit Pip zusammen und habe oft genug auf sie aufgepasst. Sie gehört nicht weniger zu mir als zu meiner Schwester. Mich um sie zu kümmern ist für mich überhaupt kein Problem.“

„Klingt aber, als hätten Sie gerade eins.“

Leyne biss sich auf die Lippe. „Wir haben nur nicht erwartet, dass Pip ausgerechnet jetzt wissen will …“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, wird das Kind … wird Pip sich nicht mit irgendeinem x-beliebigen Männernamen begnügen, den Sie aus dem Hut ziehen.“

„Es geht um Sie, Mr. Dangerfield! Es ist Ihr Name, nicht der eines x-beliebigen Mannes!“

Er ignorierte ihre Lautstärke. „Mir scheint, Sie sollten Ihre Schwester kontaktieren und sie bitten, Ihnen die ganze Wahrheit über ihre Vergangenheit zu erzählen. Ich denke …“

„Was sind Sie bloß für ein Mensch?“, explodierte Leyne. „Wenn Sie auch nur einen Funken Anstand hätten, würden Sie …“

„Gerade weil ich anständig bin, spreche ich jetzt mit Ihnen, obwohl noch andere Anrufer in der Leitung warten“, unterbrach er sie. „Ich finde, ich habe dieser … Angelegenheit schon mehr Zeit gewidmet, als man von mir erwarten kann. Wenn Sie mich also jetzt entschuldigen, werde ich …“

„Wagen Sie es nicht, einfach aufzulegen! Ich habe keine Ahnung, was zwischen Ihnen und Maxine schiefgelaufen ist und warum Sie die Vaterschaft abstreiten, und will es auch gar nicht wissen, aber …“

„Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Miss Rowberry. Ich werde Sie anrufen und mich mit Ihnen treffen, wenn ich mehr Zeit habe.“

„Nein, das werden Sie nicht!“, rief Leyne panisch.

„Ich werde Sie vorher anrufen“, wiederholte er und beendete das Gespräch.

Minutenlang bedachte Leyne Jack Dangerfield mit jedem Schimpfwort, das ihr einfiel. Doch als ihr Zorn sich schließlich legte, fragte sie sich, ob er Wort halten und sie wirklich aufsuchen würde.

Angst stieg in ihr auf. Würde er Pip begegnen, ohne dass das Mädchen darauf vorbereitet war? Doch dann begriff sie. Er hatte versprochen, vorher anzurufen. Jack Dangerfield wollte sicherstellen, dass Pip nicht da war, wenn er auftauchte.

Frustriert fragte sich Leyne, was sie von dem Telefonat erwartet hatte. Sie war noch nicht bereit, ein Treffen zwischen ihm und Pip zuzulassen. Aber er hätte wenigstens zugeben können, dass er der Vater war und dass er Maxine gekannt hatte. Außerdem hatte sie wohl nach dem vergeblichen Warten etwas Dampf ablassen wollen.

Keith Collins betrat ihr Büro und lud sie ein, mit ihm auszugehen. Dankbar für die Ablenkung stellte sie fest, dass er sich heute von seiner charmantesten Seite zeigte und sie daran erinnerte, warum sie ihn mochte. „Ich dachte schon, du hättest genug von mir“, antwortete sie lächelnd.

„Noch lange nicht“, erwiderte er und setzte eine übertrieben lüsterne Miene auf.

Leyne musste lachen. „Morgen Abend habe ich Zeit“, sagte sie und rief später Dianne an, um zu fragen, ob Pip solange bei ihr bleiben konnte.

Dianne war sofort einverstanden, und Leyne freute sich auf den Abend mit Keith. Da Pip am Tag darauf nicht zur Schule musste, konnte sie ruhig länger aufbleiben.

Zu Hause galt ihr erster Blick dem Anrufbeantworter, doch niemand hatte eine Nachricht hinterlassen, und Jack Dangerfield rief auch nicht mehr an.

Am Morgen, auf dem Weg zur Schule mit Pip und Alice, musste Leyne sich sehr beherrschen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie wütend sie über seine Hinhaltetaktik war.

Auch an diesem Abend blinkte der Anrufbeantworter nicht, doch dafür trat ein kämpferisches Leuchten in ihre Augen. Leider kannte sie weder Jack Dangerfields Privatnummer noch seine Adresse, also konnte sie vor Montag nichts unternehmen.

Keith Collins reagierte alles andere als begeistert darauf, dass sein Abend mit ihr weit vor Mitternacht enden sollte. Doch er schien sich damit abgefunden zu haben, dass sie die vorläufigen Grenzen ihrer Beziehung bestimmte. Sie brachten ihre Nichte bei Dianne vorbei und fuhren zu dem Restaurant, das er ausgesucht hatte.

Leyne ließ sich das Essen schmecken und genoss seine Gesellschaft. Da sie Pip bald bei Dianne abholen würden, genoss sie auch den Kuss, den er ihr auf dem Parkplatz gab.

„Du hast wirklich keine Zeit mehr, bei mir noch einen Kaffee zu trinken?“, fragte er heiser.

„Wirklich nicht“, erwiderte sie und ging zu seinem Wagen.

Am nächsten Morgen stand sie früh auf. Pip suchte ihre Schwimmsachen zwar immer selbst zusammen, aber …

Gerade hatte sie den Wagen aus der Garage geholt und das Tor geschlossen, da kam Pip angerannt und verkündete, Alice’ Mutter sei am Telefon. Leyne kehrte ins Haus zurück und sprach mit Dianne.

„Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich heute mit den Mädchen ins Schwimmbad fahre?“, fragte ihre Freundin und senkte die Stimme. „Alice will mir unbedingt zeigen, wie viele Bahnen sie schon schafft, und ich glaube, es wäre herzlos von mir, ihr den Wunsch abzuschlagen.“

Es machte Leyne nichts aus. Sie winkte Pip nach, holte den Staubsauger heraus und machte sich an eine Arbeit, zu der sie keine große Lust hatte. Aber auch die musste erledigt werden, wenn sie nicht in einem unordentlichen Haus wohnen wollte.

Gerade hatte sie das Gerät wieder ausgeschaltet, da läutete das Telefon. War es Maxine? Leyne eilte hinüber. „Jack Dangerfield“, meldete sich eine Stimme, die ihr immer vertrauter wurde. Eine Sekunde lang wusste sie nicht, ob sie sich freuen oder ärgern sollte.

„Gut, dass Sie anrufen“, sagte sie nicht besonders freundlich.

„Das habe ich doch versprochen“, erwiderte er liebenswürdig. „Ich könnte kurzfristig zu Ihnen kommen, wenn es passt.“

Fast hätte sie ihm erklärt, dass er Glück hatte, sie zu Hause zu erreichen, doch sie zügelte sich. Schließlich wollte sie etwas von ihm, nicht umgekehrt. „Pip wird bis etwa halb eins unterwegs sein“, informierte sie ihn. Mehr brauchte sie nicht zu sagen, denn er legte sofort auf.

Das wurmte sie. Was verstand er unter „kurzfristig“? Durch ihren Brief wusste er, wo sie wohnte, hatte jedoch nicht nach dem Weg gefragt.

Aber anders als bei ihrem klapprigen Gefährt gehörte bei seiner Luxuskarosse vermutlich ein ultramodernes Navigationsgerät zur Grundausstattung. Unsinn, ging es ihr durch den Kopf. Er kannte ihre Adresse! Schließlich war er vor zwölf Jahren schon mal hier gewesen – um Maxine abzuholen!

Dass ihr Verdacht richtig war, zeigte sich fünf Minuten später. Ihr blieb kaum Zeit, den Staubsauger wegzustellen, bevor ein schnittiger schwarzer Wagen in der Einfahrt hielt. Unwillkürlich schlug ihr Herz schneller.

Nervös warf Leyne einen Blick in den Spiegel. Sie hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und tastete nach dem Band. Du meine Güte! Was war los mit ihr? Sie musste dem Mann nicht gefallen. Er klingelte, und sie ließ das Haar, wie es war.

„Sie haben uns gefunden“, murmelte sie und bat ihn ins Haus. „Kommen Sie ins Wohnzimmer“, sagte sie, noch immer höflich. „Möchten Sie einen Kaffee?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte vor halb eins wieder weg sein.“

Kein Problem. Sie würde schon dafür sorgen, dass Pip ihm nicht über den Weg lief. Leyne setzte sich in einen Sessel und entspannte sich, als Jack Dangerfield ebenfalls Platz nahm. Doch er war groß, und selbst im Sitzen wirkte er dominierend.

„Ihre Nichte ist unterwegs, sagten Sie?“

„Sie und ihre Freundin Alice gehen am Samstagvormittag oft schwimmen“, erklärte sie. „Alice’ Mutter Dianne ist mit ihnen hingefahren“, fügte sie hinzu, damit er gar nicht erst auf die Idee kam, dass seine Tochter vernachlässigt wurde.

Sie hätte sich die Mühe sparen können – er wirkte kein bisschen interessiert. „Sie bestehen noch immer darauf, dass ich der Vater des Kindes bin?“

Das gleiche schwarze Haar! Die gleichen grünen Augen! Und dann noch das, was ihre Mutter erzählt hatte. „Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“

Jack Dangerfield warf ihr einen verärgerten Blick zu. Offenbar legte er keinen Wert auf eine Tochter, erst recht nicht auf eine, von der er nichts gewusst hatte. „Ihre Mutter ist im Ausland?“

Das hatte sie ihm doch erzählt! „In Südamerika.“

„Haben Sie nicht gesagt, sie sei in Australien?“

Leyne blinzelte – wie kam er denn darauf? „Nein, das habe ich nicht“, entgegnete sie scharf.

Er wirkte nicht überzeugt. „Aber sie war schon mal in Australien?“

„Maxine war noch nie in Australien“, versicherte sie ihm.

Er zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich habe ich an jemand anderen gedacht.“

„Wahrscheinlich.“ Bestimmt hatte er jede Menge Exfreundinnen in aller Welt.

„Ich muss Ihnen sagen, Miss Rowberry …“ Er zögerte und sah sie so ernst an, dass sie unwillkürlich die Luft anhielt. „… dass ich jetzt doch einen Kaffee möchte.“

Leyne ging in die Küche und fragte sich, warum sie enttäuscht war. Was hatte sie erwartet? Er schien entschlossen zu sein, Pip nicht als seine Tochter anzuerkennen, und sie wusste nicht, wie sie ihn dazu bringen sollte.

„Hätte Maxine doch nur nicht ihr Handy verloren!“, rief sie unvermittelt, als sie mit dem Kaffee ins Wohnzimmer zurückkehrte. Sie gab ihm seine Tasse und setzte sich mit ihrer in den Sessel.

„Handy?“, wiederholte er höflich.

„Ich kann sie nicht erreichen – es sei denn, es handelt sich um einen echten Notfall. Maxine musste so viel an Ausrüstung tragen, dass ihr das Handy aus der Tasche gerutscht und in einen Fluss gefallen ist“, erklärte sie.

„Sonst würden Sie sie anrufen und fragen, wer der Vater ist?“

Leyne schnalzte mit der Zunge. „Ich weiß, dass Sie Pips Vater sind. Lassen Sie mich ganz offen zu Ihnen sein. Ich kann mir zwar vorstellen, dass ein Mann mal eben mit einer Frau ins Bett geht und sie dann aus dem Gedächtnis streicht …“

„Sehr freundlich“, sagte er kühl.

„Aber Maxine ist einfach nicht so“, fuhr Leyne fort. „Meine Schwester ist nicht flatterhaft und war es auch nie.“

„Und deshalb behaupten Sie so einfach, dass ich der Vater bin?“

„Ich behaupte es nicht, ich weiß es. Meine Mutter …“

„Sie wollen einen konkreten Beweis?“, unterbrach er sie. „Den kann ich Ihnen liefern.“

„Wie denn?“, fragte sie misstrauisch.

„Es gibt eine ganz simple Methode, um zu beweisen, dass ich nicht der Vater bin.“

„Und die wäre?“

Er wich ihrem skeptischen Blick nicht aus. „Egal, was ich sage, Sie werden mir nicht glauben. Aber selbst Sie würden doch wohl einem DNA-Test glauben.“

Sie traute ihren Ohren nicht. Er war bereit, sich einem Vaterschaftstest zu unterziehen? Aber sie musste an Pip denken.

„Nein!“, sagte sie mit Nachdruck.

„Sie würden einem DNA-Test nicht trauen?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Doch, das würde ich. Aber zu dem Mittel möchte ich nicht greifen.“

„Sie glauben mir also? Dass ich nicht der …“

„Das habe ich nicht gesagt!“, widersprach Leyne.

„Dann wird es höchste Zeit, dass Sie entsprechend handeln. Selbstverständlich würde ich für sämtliche Kosten aufkommen. Entweder wir klären diese Sache ein für alle Mal, und zwar mit einem Gentest, oder …“

„Das werde ich Pip nicht zumuten!“

„Sie haben ihr noch nicht gesagt, dass ich ihr Vater bin?“, entgegnete er scharf.

„Natürlich nicht!“, gab sie aufgebracht zurück.

„Also wissen Sie schon jetzt, was der Test ergeben wird – dass ich es nicht bin.“

„Nein, das weiß ich keineswegs! Pip ist eine sehr empfindsame Elfjährige, die noch dazu unter Asthmaanfällen leidet. Ich will nicht, dass sie in diese schäbige Geschichte hineingezogen wird.“

„Schäbig?“, wiederholte er leise.

„Pip ist sehr intelligent. Wenn sie sich einem Bluttest unterziehen muss, wird sie den Grund dafür wissen wollen.“

Jack Dangerfield schwieg, und plötzlich wurde seine Miene sanft.

„Es muss kein Bluttest sein“, sagte er nach einem Moment.

„Auch ein Speicheltest würde sie dazu bringen, Fragen zu stellen.“

Er warf ihr einen Blick zu, den sie so gut kannte. Ihre Nichte sah sie genauso forschend an. Keine Zweifel – er war Pips Vater.

Aber jetzt verhärtete sich sein Gesicht wieder, und seine Stimme klang herablassend. „Ich höre, Miss Rowberry.“

„Nun ja“, gab Leyne widerwillig nach. Der Mann zwang sie zu etwas, das ihr zutiefst unangenehm war. „Ich nehme an, ich könnte mir ihre Haarbürste vornehmen. Vielleicht findet sich dort genug Material, um zu beweisen, was für mich längst als Tatsache feststeht.“ Wenn Jack Dangerfield so hartnäckig leugnete, blieb ihr nichts anderes übrig.

Sie fühlte sich nicht wohl dabei, aber waren ihre Skrupel wichtiger als die Ungewissheit, die ihre Nichte quälen musste? Nein. Die Sache musste geklärt werden. So schnell wie möglich.

„Zum Glück ist Pip in einem Alter, in dem sie gern mit ihrem langen Haar experimentiert und die verschiedensten Frisuren ausprobiert.“ Leyne atmete tief durch und stand auf. „Wenn Sie mich kurz entschuldigen“, sagte sie förmlich und ging hinaus.

Im Zimmer ihrer Nichte stellte sie erleichtert fest, dass Pips Bürste genügend Haare lieferte, um einen DNA-Spezialisten zufriedenzustellen. Vorsichtig zog sie sie heraus, denn sie hatte irgendwo gelesen, dass man für den Test die Haarwurzeln brauchte.

Um auf Nummer sicher zu gehen, eilte sie ins Badezimmer und tauschte Pips benutzte Zahnbürste gegen eine neue aus. Das tat sie oft, also würde es nicht auffallen. In der Küche nahm sie zwei Plastikbeutel aus einer Schublade und verstaute ihre Funde darin.

„Ich habe auch noch ihre Zahnbürste mitgebracht“, verkündete sie, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Ich weiß nicht, ob die DNA abgespült ist – vermutlich. Aber man kann nie wissen.“

Sie reichte Jack Dangerfield die Beutel. Er stand bereits, nahm sie ihr ab, öffnete jedoch keinen davon. Schade, dachte Leyne. Sonst hätte er gesehen, dass das Haar darin exakt seinem glich.

„Ich melde mich“, sagte er und war schon auf halbem Weg zur Haustür, als draußen ein Wagen hielt.

Leyne ging ans Fenster. Sie kannte das Auto. Es gehörte Dianne Gardner! Obwohl zwei Wagen in der Einfahrt standen, setzte sie Pip nicht einfach ab, sondern schaute zum Haus hinüber. Dann drehte sie sich zu Pip um und sagte etwas. Das Mädchen stieg aus.

„Oh nein!“, sagte Leyne leise, als Dianne davonfuhr.

Ihre Nichte rannte die Einfahrt entlang, die Tasche mit den Schwimmsachen über der Schulter, das schwarze Haar im Wind flatternd.

„Sie ist zu früh“, flüsterte sie entsetzt.

„Philippa?“, fragte der Mann neben ihr.

„Philippa“, bestätigte Leyne. „Pip.“

4. KAPITEL

Leyne hatte sich noch nicht von dem Schreck erholt, als Jack Dangerfield unauffällig die beiden Plastikbeutel einsteckte, die sie ihm gegeben hatte. Pip hatte den fremden Wagen in der Einfahrt bemerkt und gefolgert, dass ihre Tante Besuch hatte. Neugierig betrat sie das Haus.

„Du kommst früh“, sagte Leyne.

„Alice hatte einen Unfall“, berichtete Pip und starrte den Besucher fasziniert an.

„Was ist passiert?“, fragte Leyne, während der Mann neben ihr das schwarzhaarige Kind interessiert betrachtete. „Hat Alice sich sehr wehgetan?“

„Sie hat einen Kopfsprung gemacht und sich das Handgelenk verstaucht, aber sie war sehr, sehr tapfer“, erzählte ihre Nichte. „Ihre Mum hat mit ihr geschimpft, weil am flachen Ende des Beckens das Springen vom Rand verboten ist“, erklärte sie, ohne den Blick von dem Fremden zu nehmen. „Mrs. Gardner hat mich auf dem Weg zum Krankenhaus hier abgesetzt. Alice’ Handgelenk muss geröntgt werden. Hallo“, schloss sie schüchtern.

Leyne gab sich einen Ruck. „Das hier ist Mr. Dangerfield.“

Jack Dangerfield war offensichtlich nicht entgangen, dass das Mädchen seine Haar- und Augenfarbe hatte. Doch seine Stimme verriet nicht, was er dachte. „Du musst Philippa sein“, sagte er nur.

„Alle nennen mich Pip“, erwiderte sie ernst und errötete leicht. Wie hypnotisiert sah sie ihn an. „Meine Mutter ist Fotografin“, platzte sie heraus. „Kennen Sie sie?“

Leyne hielt den Atem an. Pip hatte die Ähnlichkeit bemerkt. Unwillkürlich streckte Leyne einen Arm nach ihr aus und zog sie behutsam an sich.

„Nein, Pip, ich bin ihr nie begegnet“, antwortete Jack Dangerfield, und Leyne wusste nicht, ob sie sich darüber freuen oder ärgern sollte. „Aber es ist schön, dass ich ihre Tochter kennenlerne“, fügte er mit einem gewinnenden Lächeln hinzu.

Pip errötete wieder, schwieg jedoch. Aus Enttäuschung oder Schüchternheit?

„Ich bringe Sie hinaus“, sagte Leyne zu dem Mann, der ihrer Nichte gerade die Hoffnung genommen hatte.

„Danke für den Kaffee“, erwiderte er ebenso höflich. „Bis dann“, sagte er zu dem Mädchen.

„Bis dann“, brachte Pip heraus.

Leyne folgte ihm in den Flur.

„Sie ist gescheit“, murmelte er, als Pip sie nicht mehr hören konnte.

„Das habe ich Ihnen doch gesagt.“

Er öffnete die Haustür. „Ich melde mich“, versprach er und wartete Leynes Antwort nicht ab. Sie sah ihm nicht nach, als er zu seinem Wagen ging, sondern schloss die Tür und eilte ins Wohnzimmer.

„Ich dachte, er ist es!“, gestand Pip betrübt. Ihre Tante bekam nicht oft Männerbesuch, und sie hatte gespürt, dass es ein ganz besonderer Gast war.

„Oh Liebling, ich weiß, es ist schwer für dich. Aber du musst dich noch eine Weile gedulden“, sagte Leyne sanft und umarmte sie tröstend. „Ich … arbeite noch daran. Also, erzähl mal. Was ist Alice genau passiert?“

Erst als ihre Nichte im Bett lag, fand sie die Ruhe, über die Ereignisse des Tages nachzudenken. Dianne Gardner war auf dem Heimweg vom Krankenhaus vorbeigekommen. Anders als befürchtet, hatte Alice sich nichts gebrochen, sondern nur eine Verstauchung davongetragen.

Um Pip abzulenken, bot Leyne an, mit den beiden Mädchen ins Einkaufszentrum zu fahren. „Pip braucht neue Schuhe, und …“

„Oh ja!“, riefen beide Mädchen begeistert, und die Frauen lächelten verständnisvoll.

Keith rief an und fragte, ob Leyne am Abend Zeit habe. Sie hatte keine, denn ihr gingen Jack Dangerfields Worte nicht aus dem Kopf. Er hatte zwar behauptet, Pips Mutter nicht zu kennen, aber hinzugefügt, er freue sich, ihre Tochter kennengelernt zu haben – als hätte er gespürt, wie weh seine Antwort Pip tat.

Leyne hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis die Resultate des DNA-Tests vorlagen. Eine Woche, schätzte sie und versuchte, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen.

Doch drei Wochen vergingen, ohne dass er sich meldete. Aus Beunruhigung wurde erst Enttäuschung, dann Wut. Er hatte es leicht, er war nicht jeden Tag den fragenden, hoffnungsvollen Blicken einer Elfjährigen ausgesetzt, die endlich wissen wollte, wer ihr Vater war!

Leyne war mehrmals mit Keith Collins ausgegangen, hatte es jedoch jedes Mal eilig gehabt, nach Hause zu kommen und zum Anrufbeantworter zu sehen. Auch heute war sie mit Keith verabredet, doch ihre Gedanken kreisten um einen anderen Mann, einen mit schwarzen Haaren und grünen Augen, als sie Pip am Samstag zu Alice brachte.

Sie hatte lange genug gewartet.

Am Montagmorgen – sobald sein Büro besetzt war – würde sie ihn anrufen. Und wenn er nicht mit ihr sprechen wollte, würde sie persönlich in seiner Firma erscheinen und ihn zur Rede stellen. Notfalls würde sie selbst einen DNA-Test machen lassen – und wenn sie ihm dazu eigenhändig ein Büschel Haare ausreißen musste!

Als sie nach Hause zurückkehrte, übte sie bereits Formulierungen ein, die sie ihm an den Kopf werfen wollte. Sie fauchte gerade ein besonders saftiges Schimpfwort, als das Telefon läutete. „Hallo?“ Ihr Herz klopfte. War es Maxine? Oder Jack Dangerfield?

„Leyne?“

Leyne! Was war aus Miss Rowberry geworden? Sie beschwerte sich nicht. Und sie fauchte ihn auch nicht an – es gab Wichtigeres als ihren Stolz.

„Jack?“ Sie hatte keine Ahnung, wie genau die verwandtschaftliche Beziehung zum Vater ihrer Nichte aussah, aber sie durfte nicht unfreundlich zu ihm sein – Pips wegen.

„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte er sich charmant.

Wie es ihr ging? Nicht gerade blendend, wenn er es unbedingt wissen musste! „Haben Sie die Testergebnisse schon erhalten?“, fragte sie ohne lange Vorrede.

Er zögerte einen Moment. „Ich denke, wir sollten uns treffen.“

Leyne lächelte erleichtert. Das war ein gutes Zeichen. Offenbar leugnete er die Vaterschaft nicht länger. Ihr Lächeln verblasste. Nicht so schnell, dachte sie. Vielleicht wollte er die erschütternde Nachricht nur hübsch verpacken.

„Wozu?“, fragte sie feindseliger, als sie vorhatte. „Warum können Sie nicht …“

„Wo ist Pip?“, unterbrach er sie.

„Sie können offen sprechen. Pip ist nicht zu Hause.“

„Sie ist unterwegs?“

Als ihr Vater hatte er wohl ein Recht, es zu erfahren. „Sie übernachtet bei einer Freundin.“

„Bei Alice?“

„Ja.“

Eine Sekunde lang schwieg er. „Dann haben Sie frei?“, fragte er. „Und können mit mir zu Abend essen?“

Erstaunt riss sie die Augen auf. „Ob Sie es glauben oder nicht, aber heute Abend bin ich verabredet.“

Es schien ihn nicht zu stören. „Ich hole Sie in einer Stunde ab“, verkündete er – und legte einfach auf.

Leyne starrte den Hörer an. „Ich hole Sie ab“, murmelte sie empört. Obwohl sie ein Date hatte! Sollte er doch … Sie brach den Gedanken ab. Er hatte sie nicht zu einem Date eingeladen.

Wir sollten uns treffen, hatte er gesagt, also wollte er ihr etwas erzählen. Aber er wusste doch, dass Pip nicht da war, also hätte er es ihr doch unbesorgt am Telefon sagen können. Es gibt einen konkreten Beweis dafür, dass ich Pips Vater bin. Mehr hätte er nicht sagen müssen.

Na ja, wahrscheinlich sollte sie mit Jack Dangerfield besprechen, wie er Pip behutsam gestehen sollte, dass er ihre Mutter doch kannte – und zwar ziemlich gut. Leyne wählte Keith’ Nummer.

„Keith …“, begann sie, als er abnahm. Fünf Minuten später legte sie auf. Keith war alles andere als erfreut gewesen.

Aber warum soll ich mit Jack Dangerfield essen gehen? Ich hätte doch hier etwas für uns zubereiten können, dachte sie, als sie nach oben ging, um zu duschen und sich umzuziehen.

Andererseits war es zu Hause viel zu … intim. Vielleicht zog er einen neutralen Ort vor. Warum? Ihre Mutter war keine verwirrte alte Lady, sondern erst fünfundsechzig und bei vollem Verstand, und Leyne hatte aus ihrem Mund noch keine einzige Lüge vernommen. Wenn sie behauptete, dass John Dangerfield, Vorstandschef von J. Dangerfield, Engineers, der Vater ihrer Enkelin war, dann war er es. Und so leicht war Leyne nicht vom Gegenteil zu überzeugen.

Mit einer hübschen Hose und einem sehr femininen Georgette-Top bekleidet, brauchte Leyne nicht lange zu warten, bis Jack Dangerfield in die Einfahrt einbog. Auf dem Weg zur Tür straffte sie innerlich die Schultern. Sollte er die Vaterschaft ruhig bestreiten! Dann würde sie darauf bestehen, sich die Ergebnisse des DNA-Tests selbst anzusehen.

„Sie sind ja schon fertig!“ Er schien überrascht zu sein.

Gut. Er sollte nicht denken, dass sie sich seinetwegen besondere Mühe gegeben hatte. „Ja“, erwiderte sie, als wäre es vollkommen selbstverständlich, und ging mit ihm zum Wagen.

„Haben Sie Ihre Verabredung absagen können?“

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