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BIANCA EXKLUSIV BAND 285

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Tausendmal berührt ...

1. KAPITEL

Fassungslos sank Kimberly in ihrem leeren Apartment auf die Knie. Der Schock warf sie einfach um. „Das kann doch nicht wahr sein. Er ist nicht weg! Ich dachte …“

Sie hatte eindeutig falsch gedacht. Ihr Freund, mit dem sie seit zwei Jahren zusammengelebt hatte, der Mann, den sie für den Richtigen hielt, war klammheimlich ausgezogen. Mit der kompletten Wohnungseinrichtung.

Nein, falsch. Er hatte ihr etwas dagelassen. In der Ecke ihres kahlen Ex-Wohnzimmers sah Kim jetzt den säuberlich gestapelten Haufen. Da lag alles, was sie Perry in den letzten zwei Jahren jemals geschenkt hatte: T-Shirts, halb leere Rasierwasserflaschen, sogar die seidenen Boxershorts mit den roten Herzchen, die sie ihm aus Spaß zum Valentinstag gekauft hatte.

Mit einem Auge registrierte sie, dass auch die beiden bunten Landschaftsposter noch an der Wand hingen. Die hatte sie irgendwann einmal mitgebracht.

Benommen starrte sie auf den verlassenen Haufen. Da entdeckte sie den gefalteten Zettel, der aus der Mitte herausragte.

„Falls du mir mitteilen willst, dass du weg bist, ist das Papierverschwendung. Die Botschaft ist angekommen“, murmelte sie. Dann schluckte sie den Kloß im Hals hinunter und betete inständig, der Zettel würde eine geniale Erklärung für das Ganze enthalten. Zum Beispiel: Schatz, sie haben mich nach Paris versetzt. Konnte Dich nicht erreichen. Komm nach, so schnell Du kannst! Love, Perry. Und sicher gab es auch noch ein P.S.: Hatte für diese Kostbarkeiten keinen Platz mehr im Koffer. Bitte bring sie mir mit.

Mühsam erhob Kim sich aus ihrem unbequemen Sitz und ignorierte das höllische Kribbeln, als das aufgestaute Blut sich wieder in den Beinen verteilte. Sie humpelte zu dem Haufen, zog den Zettel heraus und faltete ihn im Zeitlupentempo auseinander. Ihre Finger zitterten. Vielleicht lieber erst noch ein bisschen weiterträumen … Sie wollte gar nicht schwarz auf weiß sehen, was da stand.

Sie war so glücklich von ihrem Kurztrip nach Hause gekommen, voll mit prima Neuigkeiten und großen Plänen, die man feiern musste. Ihre Karriere als Event-Managerin kam gerade richtig in Gang und hatte heute einen Riesensprung gemacht. Die Heilpraktikerkonferenz in Las Vegas, die sie organisiert hatte, war ein voller Erfolg geworden. Und jetzt hatte sie schon den nächsten dicken Fisch an Land gezogen: Der Besitzer einer Baumarktkette hatte sie für das Jahrestreffen seiner Filialen nächsten Januar angeheuert. Das hieß, es blieb sogar noch Zeit für einen wohlverdienten Urlaub.

Heute Abend wollte sie eigentlich richtig feiern, mit einem Dinner für zwei, mit Kerzenlicht, edlem Rotwein und Liebe auf dem weichen Teppich vor dem knisternden Kaminfeuer.

Kim starrte in den kalten, rußigen Kamin und unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Kein Feuer, kein Teppich. Nur nackter Fußboden. Sie schluckte wieder und zwang sich, endlich einen Blick auf Perrys Nachricht zu werfen.

Du wirst mich dafür hassen, dass ich es auf diese Art getan habe. Aber Du dürftest nicht überrascht sein. Wir hatten das Thema oft genug. Sieh den Tatsachen ins Auge, Kim, Du hast eine Beziehungsphobie. Ich wollte Dich heiraten, aber zwei Jahre lang hast Du es mir ausgeredet. Das war genug. Ich habe jemanden gefunden, der keine Angst hat, eine echte Bindung einzugehen. Viel Glück für alles.

Unterschrieben einfach mit: Perry. Dann gab es noch ein hastig hingekritzeltes P.S.: Außerdem werde ich sowieso nie an ihn heranreichen.

Verwirrt und unglücklich murmelte Kim: „Nie an ihn heranreichen? Was soll das denn heißen?“ Ihre Stimme klang zittrig, während ihr jetzt doch die Tränen übers Gesicht liefen. „Heranreichen? An was denn? An wen?“

Sie starrte auf den geheimnisvollen Satz. Das große Nichts um sie her machte mit einem Schlag deutlich, wie wenig sie, zumindest materiell, in ihr gemeinsames Leben eingebracht hatte. Perry hatte einfach nur alles mitgenommen, was ihm gehörte.

„Aber … aber du warst mir doch wichtig!“ Kim griff nach dem Parfum, das sie an Perry immer am liebsten gehabt hatte, zerstäubte es in der Luft und sog den Duft ein. Sofort erschien ihr Perry, wie er leibte und lebte – groß, blond, athletisch, mit diesem breiten, unverschämten Grinsen. Nicht zu fassen, wie so ein Duft mit ein paar chemischen Molekülen einen ganzen Menschen heraufbeschwören konnte!

Hastig versuchte Kim, das Bild zu vertreiben. Sie wedelte mit der Hand durch die Wolke, um sie aus der Wohnung zu scheuchen, aber am Ende hing der Duft ihr nur an den Fingern. „Diese Marke werde ich nie mehr riechen können“, murmelte sie und wischte die Hand verzweifelt an ihrem kurzen Rock ab. „Perry, du stinkst!“, rief sie wütend. „Du mieser Feigling!“

Sie wollte nicht glauben, dass sein Brief auch nur einen Funken Wahrheit enthielt. Beziehungsphobie? Keine Spur! Es stimmte, sie hatten ein paarmal über Heirat diskutiert. Immer hatte sie ihm dann geduldig erklärt, warum es dafür noch zu früh war. Sie hatten sich nie richtig deswegen gestritten, aber jedes Mal hatte Kim sich ein Stückchen weiter zurückgezogen.

Hätten sie nicht einfach alles so lassen können, wie es war? Sie passten eben gut zusammen, mochten die gleichen Filme, die gleiche Musik, das gleiche China-Restaurant. Das war doch etwas! Warum wollte Perry daran rütteln? Und er wusste, dass sie Meinungsverschiedenheiten nicht ausstehen konnte!

Streit machte alles kaputt. Das hatte sie zur Genüge bei ihrer Mutter erlebt, die gleich serienweise geheiratet hatte, als Kim klein war. Fünf Möchtegern-Väter hatten nacheinander das kleine Reihenhaus bevölkert, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte, nicht gerechnet die Gastspiele von einigen flüchtigen Bekanntschaften.

Jede Beziehung ihrer Mutter war eine Zeit lang glücklich gewesen und dann bald schwierig und nervig geworden. Am Ende gab es immer Streit und Tränen. Seither hasste Kim jede Art von Auseinandersetzung. Und je mehr Perry sie bedrängte, desto unbeugsamer war sie in puncto Heirat geworden.

Kim atmete tief durch, bekam wieder eine Ladung von Perrys Duft in die Nase und schnitt eine Grimasse. Dann starrte sie noch einmal auf dieses P.S.

„An ihn heranreichen?“, flüsterte sie ratlos. Draußen wurde es langsam dunkel. Als Kim so dasaß, die Arme um die Knie geschlungen, tauchte vor ihrem inneren Auge ein anderes Bild auf. Damals, wenn es zu Hause so unerträglich wurde, hatte sie sich immer ins Nachbarhaus zu ihrem besten Freund geflüchtet: Jaxon Gideon.

Er war drei Jahre älter als sie. Da sie nie auf einen echten Vater zählen konnte, lief sie zu Jax, um sich trösten zu lassen, wenn sie hingefallen war. Später, in der Highschool, richtete Jax sie wieder auf, wenn ein Freund sie sitzen gelassen hatte. Oder sogar, wenn sie selbst Schluss gemacht hatte und sich nur elend und einsam fühlte.

Mit Jax konnte sie auch ihre Erfolge feiern, wenn sie einmal die beste Note der Klasse bekommen hatte. Oder als sie eines Tages mit Foto in der Zeitung stand, weil sie Siegerin im großen Aufsatzwettbewerb „Was ich an unserer Stadt liebe“ geworden war.

Ihre Mutter war zu der Zeit so mit ihrem neuesten Ehemann beschäftigt, dass sie das gar nicht mitbekam. Nur Jax freute sich aufrichtig mit ihr, obwohl er selbst auch teilgenommen hatte. Allerdings war Jax, im absoluten Gegensatz zu Kim, ein Mathe- und Physikgenie, und so gab es in ihrer Freundschaft nie irgendeine Konkurrenz.

Kindheitserinnerungen an Jax zogen an Kims innerem Auge vorbei, und sie spürte, wie es in ihrem verlassenen, kalten Herzen gleich ein bisschen wärmer wurde. Komisch, Jax nahm so einen besonderen Platz in ihrem Leben ein, dass schon der Gedanke an ihn etwas Tröstliches hatte. Warum hatten sie eigentlich in den letzten zehn Jahren fast keinen Kontakt mehr gehabt? Zehn Jahre! War das schon so lange her?

Auf jeden Fall war es Jax’ Schuld. Sie selbst wohnte immer noch in St. Louis, aber Jax war zum Studium nach Chicago gezogen und nie mehr zurückgekommen. Natürlich waren sie beide inzwischen erwachsen, er hatte sein Leben, und sie hatte ihres. Zwangsläufig mussten ihre Wege sich trennen. Aber schade war es trotzdem. Jetzt könnte sie ihren Jax nebenan gut gebrauchen.

Auf der Highschool hatte sie damals irgendwann gemerkt, dass er in sie verliebt war. Ein paarmal gingen sie auch zusammen aus, aber da hielt sie ihn immer auf Distanz. Sie hatte Angst, Jax zur Kategorie „Boyfriend“ zu zählen. Mit so einem konnte nämlich eines Tages Schluss sein, und Jax war der einzige sichere Freund und Vertraute in ihrem Leben. Das Beziehungs-Chaos ihrer Mutter war ihr eine Lehre.

Kim hasste Veränderungen, und Jax war ihr Fels in der Brandung, ihr Trost und ihr Halt. Deshalb wich sie den üblichen Dates mit ihm aus. Sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass aus ihrer Freundschaft etwas anderes, Unberechenbares wurde.

Was er jetzt wohl macht? überlegte Kim. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, studierte er noch, und sie ging auf das Junior College in St. Louis. Damals war gerade ihre Verlobung mit Bradley geplatzt, und sie hatte sich völlig verzweifelt zu Jax geflüchtet. Wie immer hatte er sie getröstet und wieder auf die Beine gebracht: Der Jax-Zauber funktionierte. Sie weinte sich eine Woche lang an seiner breiten Schulter aus und flog dann nach St. Louis in ihren chaotischen Alltag zurück.

Jetzt schluckte Kim, sah sich in der gähnenden Leere um und wischte die nächste Tränenwelle weg. Aus der Trauer wurde wieder Wut, und nach einem tiefen Seufzer schrie sie den trostlosen Haufen an: „Wie konntest du bloß, Perry? Wie konntest du dich einfach wie ein Dieb davonschleichen?“

Und da hatte sie eine Eingebung. Der Schock über Perrys heimlichen Auszug war sicher das größte Desaster ihres bisherigen Lebens. Wenn sie Jax jemals brauchte, dann jetzt! Sie würde sich nicht nur besser fühlen, wenn sie mit Jax redete, er würde sich auch mit ihr über ihre Erfolge im Beruf freuen. Sie konnten lachen und reden und … es würde einfach sein wie in der guten alten Zeit!

Ohne weiter nachzudenken, hatte sie schon das Handy herausgezogen und die Nummernauskunft gewählt. Sie räusperte sich und versuchte, sich ihren leicht hysterischen Zustand nicht anhören zu lassen. „Hallo …“ Dummerweise flatterte ihre Stimme, als stünde sie mitten in einem Tornado. Energisch räusperte sie sich wieder. „Ich … ich hätte gern die Telefonnummer von Jaxon Gideon in Chicago.“

Schnell tippte sie die Ziffern ein. Es klingelte ein Mal, zwei Mal, drei Mal, dann sprang ein Anrufbeantworter an: „Jaxon Gideon ist nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine kurze Nachricht nach dem ‚Piep‘, dann ruft er Sie zurück.“

Kim musste lächeln bei dem vertrauten Klang seiner warmen Stimme. Die Nachricht war kurz und direkt, typisch für ihn. Bei Jax gab es nie großes Trara. Jetzt musste sie nur ihre Nachricht loswerden, ohne dabei in Tränen auszubrechen.

„Hi, Jax“, begann sie. Es kam eher als Flüstern heraus. „Rate, wer!“ Sie schüttelte den Kopf. Gott, wie kindisch! Sie lachte verlegen. Es klang komisch in ihren eigenen Ohren, mehr wie ein Wimmern. „Sorry. Du musst nicht raten. Es ist viel zu lange her“, sagte sie gefasst. „Hier ist Kim. Also, ich …“

Sie brach ab, weil sie merkte, dass ihre Stimme sie im Stich ließ. „Ehrlich gesagt, könnte ich gerade einen guten Freund gebrauchen.“ Sie schnitt eine Grimasse, als ihr plötzlich klar wurde, dass ein Telefongespräch einfach nicht ausreichen würde. Und dann sagte sie spontan in den Hörer: „Weißt du was, ich komme dich besuchen. Ich musste viel zu lange ohne meinen Jax-Zauber auskommen.“ Sie lächelte und wunderte sich selbst darüber. Es war schon der Gedanke an Jax, der das fertigbrachte. „Bis bald!“

Jetzt ging alles ganz schnell. Sie lief hinaus ins Vorzimmer, wo sie ihren Koffer stehen gelassen hatte, dann machte sie noch einmal kehrt und schnappte sich den Haufen verlassener T-Shirts. Mit Schwung schleuderte sie alles in den leeren Kamin. „Guter Brennstoff für mein nächstes Kaminfeuer“, murmelte sie. Wieder draußen, packte sie den schweren Koffer, den sie vor so kurzer Zeit erst hereingeschleppt hatte. Und dann zum nächsten Flug nach Chicago!

Jaxon Gideon war hundemüde, als er von dem endlosen Abendessen mit seinem Kunden heimkam. Manchmal konnte Unternehmensberatung sehr befriedigend sein, finanziell und gefühlsmäßig. Aber dann wieder, wie heute Abend, war es furchtbar nervig. Den ganzen Abend hatte er einen Firmenchef davon zu überzeugen versucht, was er tun musste, damit seine Geschäfte besser liefen. Dieser Kunde war eine harte Nuss, misstrauisch gegen alle und viel zu sehr von sich selbst überzeugt.

„Er will meinen Rat, aber er will mir nicht zuhören.“ Seufzend streifte Jax sein Jackett ab und warf es auf das dunkelgrüne Wildledersofa. Dann stieg er die Treppe zu seinem Schlafzimmer hoch. Während er die Krawatte lockerte, stach ihm das blinkende Lämpchen an seinem Anrufbeantworter ins Auge. Merkwürdig. Alle Welt hatte seine Handynummer. Er wusste nicht mal, warum er diesen vorsintflutlichen Anrufbeantworter mit dem Festnetzanschluss noch besaß. Aus Faulheit, vermutlich.

Obwohl es eigentlich nur Telefonmarketing oder die Stadtwerke sein konnten, drückte er den Knopf, um die Nachricht zu hören. Im nächsten Moment erstarrte er. Seine Hand mit der Krawatte blieb in der Luft hängen.

Es war Kim.

Nach all diesen Jahren, in denen er von ihr nur ein paar hingekritzelte Karten zu Weihnachten und zum Geburtstag bekommen hatte. Kim. Ihre Stimme war so vertraut, dass sie ein Teil von ihm geworden war. Den er gleichzeitig liebte und hasste. Als die Nachricht zu Ende war, trat er mechanisch ein paar Schritte rückwärts und sackte auf sein Bett. Verdammt.

In Jax’ Leben hatte es nur eine große Leidenschaft gegeben – Kimberly Norman. Er war als Kind ein versponnener Einzelgänger gewesen, viel zu nachdenklich und in sich gekehrt. Aber Kim schien seine schwachen Seiten nie zu bemerken. Sie war seine Freundin gewesen und hatte über jeden seiner albernen Witze gelacht.

Nie schien sie sich in seiner Gesellschaft zu langweilen, auch wenn er ihr endlose Vorträge über Kabel und Schaltkreisläufe hielt. Sie half ihm eifrig bei all seinen technischen Basteleien, obwohl sie nie begriff, was er damit vorhatte. Es war ihr nämlich völlig egal. Dafür hatte er sie geliebt.

Und er war froh, wenn er sie um sich hatte. Kim, die sommersprossige Kleine von nebenan, die auch seine trübste Stimmung aufheitern konnte. Wahrscheinlich war ihr nie bewusst geworden, wie hinreißend sie war. Und was ihr Lächeln ihm bedeutete.

Auf der Highschool hatte er sie im Stillen angebetet und jahrelang gehofft, dass aus ihrer Freundschaft mehr werden könnte. Nach der freundlichen, aber endgültigen Abfuhr fand er sich notgedrungen damit ab, dass Kim ihn als Vertrauten brauchte. Jedenfalls brauchte sie ihn nicht als Verehrer, an denen kein Mangel herrschte, als sie siebzehn war. Ihre karottenroten Rattenschwänze waren zu einer leuchtenden, sexy Lockenmähne geworden, und die von ihr so gehassten Sommersprossen machten ihr hübsches Gesicht nur noch anziehender.

Wenn sie nach ihren verschiedenen gescheiterten Beziehungen zu ihm gelaufen kam, tröstete er sie jedes Mal und war wenigstens für diese Rolle in ihrem Leben dankbar. Aber es fraß ihn auf, in ihrer Nähe zu sein und zu wissen, dass sie ihn gernhatte, nur nicht genug. Nicht als Mann.

Leider änderten sich seine Gefühle für sie in all den Jahren nie. Irgendwann hielt er es einfach nicht mehr aus und zog weg aus St. Louis. Nach dem Studium hatte er sich mit Unternehmensberatung befasst und war damit inzwischen ziemlich erfolgreich. Er hoffte immer noch, Kim eines Tages zu vergessen und eine andere zu finden, die diese Leere in seinem Herzen ausfüllte.

Leider war das bis jetzt nicht passiert. Er starrte auf den Anrufbeantworter. Das Lämpchen blinkte nicht mehr. Warum, zum Teufel, war es kein Telefonmarketing?

Achtlos ließ Jax die Krawatte auf den Teppich fallen.

„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass deine kleinen ‚Jax-Zauber‘-Aktionen ein Problem für mich sein könnten?“, flüsterte er.

Er begann, sein Hemd aufzuknöpfen, dann brach er ab und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Gerade war er noch müde und gelangweilt gewesen, jetzt brannte er in einer verrückten Mischung aus Bitterkeit und Sehnsucht. Was sollte er tun? „Ich bin nicht da“, sagte er laut. „Ich sage ihr, dass ich wegmuss. Geschäftlich.“

Seufzend stand er auf und ging wieder zum Telefon. „Oder noch besser, ich bin im Ausland. Für … für einen Monat.“

Er nahm den Hörer ab und begann die Ziffern einzutippen. Dabei geschah etwas Seltsames. Mit jedem Knopf, den er drückte, wurde er langsamer. Bei der letzten Zahl stoppte sein Finger über der Taste. „Was ist los mit dir, Mann?“, murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Mach schon! Bevor sie losfliegt!“

Bei dem Gedanken zuckte Jax zusammen. Er sah auf dem Display nach, wann sie angerufen hatte: halb sechs. Seine Armbanduhr zeigte Viertel vor elf, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenschlag. Er atmete tief durch und legte den Hörer auf. Wenn er Kimberly auch nur ein bisschen kannte – und er kannte sie wirklich gut –, dann war sie schon längst auf dem Weg zu ihm.

In diesem Moment schallte die Türklingel durch seine Wohnung wie die Posaunen von Jericho. Jax fuhr hoch, und er spürte, wie sein Herz raste.

„Verflucht, Kim!“, stieß er aus, frustriert, wütend und erregt gleichzeitig. „Ich weigere mich, dein Seelentröster zu sein. Wenn du nicht mit mir leben kannst, dann bleib aus meinem Leben draußen!“

Auf dem Weg zur Wohnungstür hämmerte er sich bei jedem Schritt den Vorsatz ein: Er würde ihr widerstehen. Schaffte er es diesmal? Natürlich schaffst du es, sei kein Idiot!

Trotzdem krampfte sich ihm der Magen zusammen, und er hatte einen dicken Kloß im Hals.

2. KAPITEL

Im selben Moment, als Jax die Tür öffnete, flog Kim ihm in die Arme. Mit jeder Nervenfaser spürte er ihre weiblichen Kurven an seinem Körper. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und überschüttete ihn mit federleichten Küssen. Hilflos schloss er die Augen. Sein Widerstand begann schon jetzt zu bröckeln.

Jax atmete tief durch und sog dabei unweigerlich ihren Duft ein. Mit einem heimlichen Stöhnen versuchte er, sich auf das zu konzentrieren, was sie zwischen ihren Küssen zu ihm sagte. Dann erwiderte er zögernd ihre Umarmung.

„O Jax“, seufzte Kim, und ihr Atem kitzelte ihn am Kinn. „Es ist so lange her.“

Sie hielt sich immer noch an ihm fest, während sie weiterredete. „Ich habe dich so vermisst.“ Sie brach ab und lächelte. Ihre grünen Augen glitzerten verräterisch, als hätte sie geweint. Aber für Jax war es trotzdem der atemberaubendste Anblick seit … seit er das letzte Mal in diese Augen gesehen hatte. Sein Widerstand brach endgültig zusammen, und er lächelte zurück. Er hasste sich dafür, aber seine tiefen Gefühle für sie setzten ihn einfach außer Gefecht.

„Hi, Kim.“ Er drückte sie beruhigend an sich und kämpfte dabei gegen den Drang, diese vollen Lippen zu küssen und ihr zu zeigen, nach welcher Art von Begrüßung er sich in Wahrheit sehnte. Wenn sie ahnen könnte, wie übermenschlich er sich gerade beherrschte, würde sie sicher so rot wie ihr herrliches Haar im Licht der Straßenlaterne.

„Schön, dich zu sehen“, sagte er an ihrer Schläfe und spürte, dass er es wirklich so meinte. Verflucht.

„O Jax“, sagte Kim melancholisch. Jax straffte sich innerlich. Er kannte diesen Tonfall: Ein anderer hatte ihr das Herz gebrochen. „Ich hoffe, ich störe dich nicht, aber ich brauche dich jetzt wirklich.“

Ja, dachte Jax, du brauchst mich jetzt. Und ich brauche dich jeden verfluchten Tag und jede verfluchte Minute. Statt es laut zu sagen, spielte er treu seine Rolle als Freund und Vertrauter und fragte: „Was ist los?“

Kim löste sich von seinen Schultern und trat zurück, um ihm ins Gesicht zu sehen. Ihr zögerndes, zittriges Lächeln warf ihn um.

„Könnten wir reingehen? Ich … würde lieber …“ Kim überblickte die Veranda. Die war geräumig und tief, mit zwei Korbsesseln und einem kleinen Tisch. Aber Ende September konnte es in Chicago sehr kühl sein, und Kim trug keinen Mantel.

„Klar, komm rein“, sagte Jax. Na großartig. Tu genau, was du vermeiden wolltest, Idiot. „Warte, ich nehme deinen Koffer.“

„Danke.“ Kim betrat vor ihm sein dreistöckiges Apartment. Drinnen nahm sie ihn bei der Hand. Die Berührung durchfuhr Jax so heftig, dass er seine Hand sofort löste und zur Treppe wies, die zu den Schlafzimmern führte. „Ich bringe den Koffer ins Gästezimmer. Du willst dich vielleicht frisch machen.“

Kim sah sich in dem luxuriösen Apartment um, musterte den offenen Kamin aus dunklem Granit, die warmen Braun- und Grüntöne, die geschmackvollen Massivholz-Möbel in dem großen, offenen Wohnbereich. „Du hast eine schöne Wohnung.“ Sie lächelte ihm zu. „Schick und doch männlich.“

Er zuckte die Achseln. „Die Möbel waren schon drin.“

Kim sah ihn an und griff wieder nach seiner Hand. „Jedenfalls hat es Stil. Du auch, übrigens. Mit diesen dunklen Anzughosen und dem offenen Hemd. Ich würde sagen, der locker-elegante Look.“ Sie lachte ein bisschen. „Hast du dich für mich in Schale geworfen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kam gerade nach Hause und wollte mich umziehen, als ich deine Nachricht hörte. Fast wäre ich schon sehr viel lockerer und viel weniger elegant gewesen.“

Kim lachte. Der helle Klang traf Jax mitten ins Herz. „Du meinst, du bekamst meine Nachricht, eine Minute ehe ich vor der Tür stand?“

Er nickte und löste wie nebenbei seine Finger wieder von ihren. Dann betrachtete er Kim seinerseits und ließ dabei nur einen winzigen Bruchteil von dem erkennen, was er wirklich dachte. „Du siehst auch nicht schlecht aus.“ Himmel, wie gnadenlos untertrieben.

Kim tastete nach dem Kragen ihres pinkfarbenen Leinenkostüms. „Das hier? Ich war heute Morgen noch in Las Vegas. Als ich heimkam …“ Sie unterbrach sich und schluckte. „Na, jedenfalls bin ich gleich weitergeflogen, hierher. Wenn ich nicht aussehe wie ein verschrumpeltes Wrack, ist es ein Wunder.“

In Jax’ Augen sah sie aus wie direkt einem Hochglanzmagazin entstiegen. Er lächelte sie an. „Keiner von uns hat sich also für den anderen fein gemacht, und unsere Egos haben es verkraftet. Der Punkt wäre geklärt. Willst du dich erst erfrischen oder erst reden?“

Kim schien kurz zu überlegen. Als ihr Blick zur Treppe wanderte, wusste Jax schon, was sie sagen würde. „Ich glaube, ich steige schnell in die Wanne und ziehe mich um.“ Hoffnungsvoll sah sie ihn an. „Bist du dann noch da?“

Was konnte er sagen? Er wollte schlafen. Er sollte schlafen. Eigentlich war er hundemüde, aber auch wenn er sie allein hier sitzen ließ und ins Bett ging, würde er heute Nacht kein Auge zutun. Nicht mit Kim im Nebenzimmer.

„Wann war ich mal nicht da, wenn du reden wolltest?“, bemerkte er. Und warum bist du es immer noch? Masochist! Aber Jax hörte nicht auf seinen Verstand. Er hing an Kims schönen Augen.

Kim strahlte. „Das stimmt! In einer halben Stunde bin ich fertig.“

„Möchtest du noch etwas essen?“

„Ich sterbe für ein paar von deinen Zauber-Pfannkuchen.“

„Okay, also Pfannkuchen.“

Er ging mit dem Koffer hinter Kim die Treppe hinauf. Ihre langen, schlanken Beine, ihr leichter Hüftschwung, die wippende Lockenmähne vor ihm waren reine Folter. Er unterdrückte den x-ten Fluch und setzte den Koffer vor dem Gästezimmer ab. „Bis … dann“, bemerkte er leise.

„Bis dann, Jax.“ Wieder umarmte sie ihn und pflanzte ihm einen Kuss fast – aber nicht ganz – auf den Mund. Bevor er wieder Luft bekam, war sie mit ihrem Koffer verschwunden.

Mit weichen Knien stieg er die Treppe wieder hinunter. Jax, du bist nicht zu retten, Weltmeister der Idioten aller Klassen.

Kim lag in der dampfenden Wanne, das Haar auf dem Kopf hochgetürmt. Unterwasserdüsen massierten sie von allen Seiten. Was für ein Luxus! Jax hatte es weit gebracht seit damals, als er in dem kleinen Reihenhaus nebenan wohnte. Sie war begeistert von diesem Badezimmer. Alles voll Spiegeln und Marmor, und der begehbare Kleiderschrank war riesig. Riesig und leer – so lange, bis sie ihre ganzen Kleider hineingehängt hatte.

Kim seufzte und schnupperte. Sie roch Jax’ Rasierwasser. Komisch. Vielleicht hatte sie es im Haar. Sie griff nach oben, zog eine Strähne herunter und roch daran. „Ah“, murmelte sie mit einem Seufzer. Sein Duft hing in ihrem Haar. „Du riechst so gut.“ Sie atmete noch einmal tief ein und steckte die Strähne wieder hoch.

Sie schloss die Augen und dachte an Jax. Wie toll er aussah. Hatte sie ihn schon jemals im Anzug gesehen? Sie konnte sich gar nicht erinnern. Auch ohne Jackett und Krawatte sah er toll aus, so nobel. Und sie mochte sein Haar. Sie hatte ganz vergessen, wie glänzend, weich und tiefschwarz es war. Leicht gelockt.

Wenn es etwas verwuschelt war und ihm eine widerspenstige Locke ins Gesicht hing, hatte er etwas von einem Abenteurer. Ein Pirat. Für einen versponnenen Naturwissenschaftler völlig gegen den Typ, aber sehr attraktiv. Heute Abend zum Beispiel fiel ihm dauernd diese Locke in die Stirn. Eine Sexy-Bad-Boy-Locke.

Kim kicherte über ihre absurden Vorstellungen: Jax, der Eigenbrötler, der Physik-Wettbewerbe gewann, die Abschlussrede für seine Klasse hielt und immer seine Hausaufgaben hatte! Ein Bad Boy!

„Sehr witzig“, sagte sie laut. Das „Sexy“ hatte sie gleich unter den Tisch fallen lassen, denn schon vor Urzeiten hatte sie Jax in eine Kategorie gesteckt, in der es für sexy und Sex mit allen Komplikationen keinen Platz gab.

Plötzlich war es mit ihrer Ruhe vorbei. Sie hatte lange genug gebadet, außerdem ahnte sie den Duft von Pfannkuchen. Wann hatte sie eigentlich zuletzt etwas gegessen? Heute Morgen am Flughafen, einen kalten Muffin mit einem Becher bitterem Kaffee! Sie drehte die Massagedüsen aus und stieg aus der Wanne. Wenigstens körperlich fühlte sie sich schon viel besser.

„Jax“, sagte sie, während sie sich in das dickste, weichste Frotteetuch wickelte, das sie je gesehen hatte. „Du bist meine Rettungsinsel. Ich liebe dich.“ Hier unterbrach sie sich, verzog das Gesicht und zuckte dann die Achseln. „Natürlich liebe ich ihn. Er ist der beste Freund der Welt. Da kann ich wohl sagen ‚Ich liebe ihn‘. Ohne Hintergedanken.“ Als sie sich abgetrocknet hatte, hängte sie das Handtuch über eine der glänzenden Chromstangen und ging hinüber in das edle Gästezimmer.

„Natürlich sage ich ihm das so lieber nicht.“ Warum eigentlich nicht? Sie hatte das Gefühl, es würde zu weit gehen. Jeder Mann, zu dem sie diese drei Worte gesagt hatte, war früher oder später aus ihrem Leben verschwunden. „Nein“, sagte sie laut. „Das darf mit Jax und mir nie passieren.“

Kurz darauf stieg sie in einem bequemen, dunkelblauen Jogginganzug und dicken Tennissocken die Treppe hinunter. „Es riecht herrlich hier“, rief sie. „Wo bist du, Jax?“

„Im Mondmobil, klar zur Landung. Was glaubst du, wo?“

Kim lachte froh. Ach, es ging ihr wirklich schon viel besser. „Okay, ich komme.“

Sie durchquerte den offenen Wohnbereich, kam an einem modernen Esstisch vorbei und entdeckte dahinter eine offene Tür. In der Küche stand ein runder Eichentisch mit vier passenden Stühlen in einer Nische vor einem riesigen Panoramafenster.

Draußen glitzerten die Lichter der Hochhäuser von Downtown-Chicago. Auf dem Tisch war für eine Person gedeckt, und Kim sah fragend zu Jax hinüber. Er stand mit aufgerollten Ärmeln vor einer Bratpfanne. Neben dem Gasherd türmten sich schon Unmengen Pfannkuchen auf einem großen Teller.

„Jax, was glaubst du denn, wie viele ich davon essen kann?“, rief Kim lachend.

Jax drehte sich zu ihr um. „Du meinst, ich kann jetzt aufhören?“

„Etwa zwölf weniger hätten schon gereicht.“ Sie konnte ihren Blick nicht von ihm lösen. Jax war so ein wunderbarer Mensch, und inzwischen war er ein extrem gut aussehender Mann geworden.

Er hatte ihr wieder den Rücken zugekehrt und goss die letzte Kelle mit Teig in die Pfanne. Kim trat von hinten zu ihm, schlang Jax die Arme um den Bauch und schmiegte sich an ihn. Er fühlte sich so stark an. Mein guter, starker Jax. Sie atmete tief ein. Mein guter, starker, wunderbar riechender Jax.

„Ist das nicht komisch? Wir können so lange getrennt sein, und wenn wir uns dann wiedersehen, ist es, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich nie weg gewesen.“

Jax antwortete nicht gleich. „Ja“, brummte er dann. Es klang leicht heiser. Im selben Moment löste er sich sanft aus ihrer Umarmung. „‚Komisch‘ ist vielleicht nicht das richtige Wort.“ Er schaltete das Gas aus und ging zum Kühlschrank. „Willst du Butter, Sirup, Sahne oder alles zusammen?“

Kim hatte das Gefühl, sie sollte auch etwas tun, also nahm sie den Teller mit den Pfannkuchen und trug ihn zum Tisch. Dabei sagte sie: „Sirup und Butter.“ Als sie vor ihrem Teller saß, bemerkte sie: „Hast du vielleicht fettfreie Butter?“

Jax verzog ironisch die Mundwinkel. „Ja, sicher.“

„Oh, gut. Wie soll ich nämlich sonst meine Linie halten, wenn du mich fütterst wie einen Zwölf-Tonner-Fernfahrer?“

„Deine Reservierung kam ziemlich last minute. Sogar ich brauche Zeit, um für solche Details wie fettfreie Butter zu sorgen. Falls etwas Derartiges existiert.“

„Okay, in Ordnung.“ Als Jax ihr den Sirup hinstellte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Isst du nicht mit?“

„Ich habe schon gegessen“, antwortete Jax und setzte sich neben sie. Dabei streifte er ihr Knie, und sie zog es nicht zurück. Als er jedoch seinerseits unmerklich abrückte, versetzte ihr das einen leichten Stich. Sie wusste nicht genau, woran es lag, aber Jax wirkte irgendwie anders. Als würde er sich nicht wirklich freuen, dass sie da war. Ach, Quatsch. Du bist zurzeit bloß überempfindlich.

„Ich bin da, um zuzuhören, hast du das vergessen?“, bemerkte Jax jetzt ruhig.

Das brachte sie wieder zu sich. Sie nickte. Die Erinnerung daran, weshalb sie gekommen war, traf sie mit voller Wucht und trieb ihr sofort die Tränen in die Augen. Sie starrte auf den Pfannkuchenturm, um sich wieder in den Griff zu bekommen, dann nahm sie ihre Gabel, spießte gleich mehrere Pfannkuchen auf und verfrachtete sie auf ihren Teller.

Sorgfältig verteilte sie die Butter auf dem obersten und goss noch Sirup darüber. Mit einem raschen, dankbaren Lächeln in Jax’ Richtung steckte sie den ersten Bissen in den Mund. Köstlich. Jax’ Pfannkuchen waren so leicht und luftig, dass sie auf der Zunge zergingen. Als sie den Mund wieder frei hatte, sagte sie: „Mister Gideon, Sie sollten ins Gefängnis.“

„Was?“ Jax runzelte verwirrt die Stirn. „Warum?“ Er sah dabei so süß aus, dass es Kim kurz im Magen kribbelte.

„Weil es ein Verbrechen ist, dass du nicht ins Pfannkuchengeschäft eingestiegen bist. Darum.“

Jetzt legte Jax die gefalteten Hände auf den Tisch und lehnte sich vor. „Ich glaube, du versuchst auszuweichen.“ Sein Gesichtsausdruck war sanft und freundlich, und er sah sie mit seinen braunen Augen direkt an. „Schieß los. Was ist passiert, dass du hier auftauchst und mich mitten in der Nacht ins Gefängnis stecken willst?“

„Es ist nicht mitten in der Nacht!“, bemerkte Kim trotzig. Jax hatte recht, sie versuchte auszuweichen. Aber sie hatte nicht die Absicht, das zuzugeben, deshalb sah sie schnell zur Küchenuhr und erklärte: „Es ist noch nicht mal Mitternacht.“

Sie aß noch ein paar Bissen. Aber das Schlucken fiel ihr immer schwerer. Perrys Verrat schob sich wieder hartnäckig in den Vordergrund, und der Gedanke an die leere Wohnung und den Haufen zurückgewiesener Geschenke tat weh.

Plötzlich verschwamm der Teller vor ihr, und Kim musste mit Macht gegen die Tränen anblinzeln. Ohne Jax anzusehen, legte sie die Gabel weg. „Okay. Also, ich dachte, ich hätte den Richtigen gefunden. Aber als ich heute von einer Geschäftsreise zurückkam, war unsere Wohnung leer, bis auf ein paar T-Shirts und andere Sachen, die ich ihm geschenkt hatte. Nur ein übler Haufen auf dem nackten Boden.“

Sie erzählte die Geschichte schnell, ohne zu viele schmerzhafte Einzelheiten. „Er hat einen Brief dagelassen. Behauptet, ich hätte eine Beziehungsphobie und … und …“ Sie unterdrückte ein Schluchzen. Wenn sie die Geschichte zu Ende bringen wollte, ohne zu weinen, dann musste sie schnell machen. „Es kam aus völlig heiterem Himmel, und sein angeblicher Grund, mich zu verlassen, ist absolut falsch. Nur weil ich nicht heiraten wollte, heißt das doch nicht, dass unser Zusammenleben mir nicht wichtig war!“

Tränenblind starrte sie vor sich auf die Pfannkuchen, die langsam kalt wurden, und wartete auf Jax’ Reaktion. Seine Meinung war ihr immer wichtig gewesen. Jax sagte eine Zeit lang gar nichts. So lange, dass sie ihm irgendwann einen vorsichtigen Blick zuwarf. Er saß da mit gerunzelter Stirn. Was hieß das? War er nachdenklich? Mitfühlend? Zweifelnd? Sie hatte keine Ahnung, was in ihm vorging.

„Uff, danke, Jax. Jetzt ist mir schon besser“, rief sie, und es klang reichlich gekünstelt. Sie wollte ihn nur dazu bringen, endlich zu erklären, was sich hinter seiner finsteren Miene verbarg.

„Deine Sachen hat er auch mitgenommen?“, fragte Jax jetzt.

„Meine Sachen?“

Er nickte. „Deine Möbel, Teppiche und so weiter.“

„Oh.“ Warum musste er gerade an diesem kleinen Punkt einhaken, der nicht so ganz ins Bild passte. „Zählt mein Herz auch?“, fragte sie, um ihm klarzumachen, was hier wichtig war und was nicht.

Jax verzog das Gesicht. „Natürlich. Aber ich meine, hat er deine Sachen gestohlen?“

„Nein, das nicht. Meine Kleider, die beiden Poster und das Regal meiner Mutter hat er dagelassen.“

„Das war alles, was in eurer Wohnung von dir kam?“

Kim gefiel die Wendung, die ihr Gespräch nahm, gar nicht. „Na und? Was bedeuten schon Gegenstände? In einer Beziehung zählen die Gefühle, und mit meinen Gefühlen habe ich mich absolut … eingebracht.“

Warum stolperte sie über das letzte Wort? Sie hatte wirklich ein Leben und eine gemeinsame Zukunft mit Perry gewollt!

„Hm.“ Jax nickte. „Du wolltest ihn nur nicht heiraten.“

„Bist du jetzt ein Staatsanwalt, oder was?“, fragte sie und versuchte, witzig zu klingen. Sie wollte nicht gekränkt sein. Sie wollte nicht böse werden auf Jax. „Es ist doch wohl kein Verbrechen, einen Heiratsantrag abzulehnen.“

Aber Jax lächelte nicht.

„Komm schon, Jax. Sag mir einfach, dass alles gut wird, nimm mich in die Arme, und hilf mir die Wunden heilen. Wie immer.“

Er sah sie nachdenklich an. „Also, du bist für eine Umarmung hergekommen?“

Sie wandte den Blick ab, weil sie plötzlich verlegen wurde. Sie wusste gar nicht, warum. Nervös griff sie wieder zu ihrer Gabel und zeichnete Linien und Kreise durch den Butter-Sirup-See auf ihrem Pfannkuchen, von einem Ende zum anderen.

Als sie den Blick wieder zu Jax hob, war sie ganz ernst. „Du kennst die Geschichte meiner Mutter. Heirat garantiert einem gar nichts. Ich dachte, es gehe uns gut so, wie es war. Warum alles durcheinanderbringen mit wertlosen Verträgen und offiziellen Versprechen?“

„Für ihn war es anscheinend nicht wertlos.“

„Seit wann bist du sein Verteidiger?“, fragte Kim ärgerlich. Sie war doch nicht hergekommen, um unangenehme Fragen zu hören! „Ich brauche einen Freund, eine Umarmung, kein Kreuzverhör.“

Zum Nachdruck schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang auf. „Wenn du nicht verstehst, dass er unrecht hat, dann hätte ich lieber nicht herkommen sollen. Ich dachte, du bist mein Freund.“

„Das bin ich auch. Ich versuche nur, mir ein Bild von dem Ganzen zu machen.“

„Das Bild sieht so aus: Ich bin tief verletzt und brauche dich auf meiner Seite. Sei mein Freund. Sag mir, er ist ein Schwein, und gut, dass ich ihn los bin.“

„Okay, er ist ein Schwein, und gut, dass du ihn los bist“, sagte Jax, ohne eine Miene zu verziehen.

Kim verschränkte die Arme und funkelte ihn an. „Guter Anfang. Jetzt könntest du noch versuchen, es echt klingen zu lassen.“

Jax erwiderte stumm ihren Blick, dann sagte er: „Ich bin dein Freund, Kim. Aber Freunde sagen einem die Wahrheit. Wenn du einen Ja-Sager willst, dann musst du einen engagieren. Von mir bekommst du Ehrlichkeit.“

„Ach ja?“, rief sie. „Gut, wie viel verlangst du, um mein Ja-Sager zu sein?“

„Hör auf, Witze zu machen.“

„Ich meine es ernst.“ Sie beherrschte sich mit Mühe, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich so aufregte. Das ganze schöne Entspannungsbad war umsonst gewesen angesichts der Möglichkeit, dass Jax sie kritisieren könnte. Der Gedanke, dass Jax etwas an ihr missbilligte, machte ihr Angst.

„Leider habe ich kein Geld hier, aber könnte ich für zehn Dollar ein ‚Perry ist ein Mistkerl, und alles wird wieder gut‘ von dir kriegen?“, rief sie verzweifelt.

„Perry …“

„Was?“

Jax schien für einen Moment ganz woanders zu sein, dann sah er sie wieder an. „Nichts.“

Etwas arbeitete in ihm, und Kim fragte sich, was es wohl war.

Jetzt wies Jax auf ihren Teller. „Iss erst mal, und schlaf dich dann aus. Wir können morgen weiterreden.“ Und er stand auf. „Vielleicht ist es am besten, ich lasse dich eine Weile in Ruhe.“

Kim war so überrascht und erschrocken über seinen plötzlichen Aufbruch, dass sie wie gelähmt dastand und kein Wort mehr herausbrachte. Sie wollte nicht, dass er ging. Der ganze Sinn ihrer Reise bestand ja darin, mit ihm zusammen zu sein. Als sie endlich den Mund aufmachte, um ihm das zu sagen, unterbrach er sie, packte sie am Arm und führte sie zurück zu ihrem Stuhl. „Setz dich.“ Mit beiden Händen drückte er sie sanft auf den Sitz. „Iss.“

„Aber …“

„Du bist müde und ich auch“, sagte Jax, bevor sie weiterreden konnte. „Ich verstehe, dass du jetzt nicht vernünftig sein kannst.“

„Vernünftig!“ Sie wollte wieder aufspringen, aber er legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Sitz“, sagte er ruhig. „Bleib.“

Sie schnitt eine Grimasse. „Ich bin nicht dein Hund!“

Jax seufzte schwer, wandte sich ab und murmelte im Weggehen etwas wie: „Ein Hund wäre liebevoller und unkomplizierter.“

„Was?“

Er drehte sich nicht um, sondern schüttelte nur den Kopf. „Ich sagte, lass das Geschirr stehen und mach das Licht aus, wenn du ins Bett gehst.“

„So klang es aber gar nicht.“

„Gute Nacht, Kim“, rief Jax noch, ehe er aus ihrem Blickfeld verschwand.

Kim starrte ihm fassungslos hinterher. Aber schnell erkannte sie, dass er wohl recht hatte. Sie brauchte Abstand von diesem Nachmittag, um Perrys Verschwinden vernünftig analysieren zu können. Jax war Spezialist für vernünftige Analysen. Denn außer wunderbar war Jax immer eines gewesen: vernünftig.

Sie hörte ihn die Treppe hocheilen, immer zwei Stufen auf einmal. Er ging wirklich. „He“, rief Kim. „Was ist mit meiner Umarmung?“

Irgendwo oben schlug eine Tür zu.

3. KAPITEL

Für Jax wurde die Nacht eine einzige Achterbahnfahrt. Er fand keine Ruhe, wälzte sich herum, stand auf, ging hin und her, starrte aus dem Fenster, legte sich wieder hin, warf sich umher. Er hielt es nicht aus, dass Kim so nah war, mit ihrem Duft, der ihn um den Verstand brachte, ihrem weichen, glänzenden Haar, das danach drängte, gestreichelt zu werden. Und dieser dauernd geäußerte Wunsch nach einer Umarmung, mit diesen Freundschaftsküsschen auf seine Wangen und sein Kinn!

Ahnte sie wirklich nicht, was sie ihm damit antat? Oder brauchte sie es vielleicht für ihr Ego, ihn zu quälen?

Er fluchte leise. Natürlich hatte sie keine Ahnung! Sein Frust und seine Müdigkeit brachten ihn auf so böse Gedanken. Er stand gerade wieder am Fenster, erschöpft und gleichzeitig hellwach, und warf einen Blick auf die Uhr. Im ersten fahlen Morgenlicht las er: 5:33. Mit einem Seufzer beschloss er, dass er auch gleich zur Arbeit fahren konnte.

Aus dem Gästezimmer drang kein Laut, also ging er leise hinunter. In der Küche war alles blitzblank. Kim hatte das Geschirr nicht stehen gelassen. „Vielen Dank, immerhin“, murmelte Jax. „Du raubst mir den Schlaf, ich will dich und kann dich niemals kriegen, aber das Geschirr ist sauber.“ Er lachte leise und ziemlich bitter.

Mechanisch kochte er sich seinen üblichen Kaffee fürs Büro und füllte ihn in die Thermoskanne. Bevor er ging, schrieb er Kim noch einen Zettel, dass er gegen sechs abends zurückkam und sie es sich solange gemütlich machen sollte. Und er kündigte an, die Zutaten für ihr Lieblingsessen mitzubringen: Taco-Salat.

Ein Lieblingsessen war immer ein guter Auftakt für ein offenes Gespräch. Vielleicht war sie ja sogar bereit, ihre Bindungsangst einzugestehen. Vielleicht konnte er ihr helfen zu erkennen, dass sie sich zuerst einmal damit auseinandersetzen musste. Dann konnte Kim am Ende doch noch mit einem Mann auf Dauer glücklich werden.

Mit irgendeinem verdammten anderen Mann.

Jax ließ vorsichtig die Wohnungstür zuschnappen, lief zur Garage und startete sein Jaguar-Coupé. „Was für ein schlechter Witz!“, sagte er laut zu seinem Lenkrad. „Die einzig dauerhafte Beziehung ihres Lebens ist unsere! Und sie ist so platonisch, dass es mich umbringt.“

Um halb sieben erreichte er das Hochhaus mit dem Büro von Gideon & Ross, Unternehmensberatung. Als er die Räume betrat, saß seine Partnerin, Tracy Ross, schon da. Das war keine besondere Überraschung, denn Tracy lebte praktisch in ihrem Büro. Ihre Tür stand offen, sodass er gleich durch ihr Blickfeld musste.

„Hey“, rief sie prompt. „Ich habe dich frühestens in einer Stunde erwartet. Was ist los? Gibt’s ein Problem?“

Jax hatte keine Lust, sein „Problem“ mit Tracy zu erörtern, aber er kannte sie nur zu gut. Wenn er nicht offen zu ihr war, würde sie so lange sticheln und stochern, bis er kapitulierte. Tracy war eine geniale Geschäftsfrau und großartige Partnerin, aber auch eine genauso geniale Schnüfflerin mit einem unfehlbaren Riecher.

Er warf ihr einen düsteren Blick zu. „Ist es illegal, früh im Büro zu erscheinen?“

Sie grinste ihm von ihrem glänzenden Chrom-Plexiglas-Tisch aus entgegen. Tracy war eine sehr attraktive Frau mit platinblonder Igelfrisur und markanten Gesichtszügen. Eine kleine Designer-Lesebrille saß ihr auf der edel gebogenen Nase. In Stöckelschuhen war sie fast so groß wie er, was einschüchternde einsfünfundachtzig bedeutete. Ihre ganze Erscheinung hatte Klasse und Stil, und in Geschäftsdingen machte ihr keiner etwas vor.

In ihrem Privatleben gab es keine festen Bindungen, und für das starke Geschlecht interessierte sie sich nicht im Geringsten. Daher hatten Jax und sie eine reine Arbeitsbeziehung, unbelastet von sexuellen Komplikationen. Sie wussten, dass viele Kunden sie für ein Paar hielten, und amüsierten sich manchmal darüber. In Wahrheit waren sie eine gut geölte Maschine. Sie waren erfolgreich, professionell und hatten einen guten Ruf. Jax hatte Hochachtung vor Tracy und war froh über ihr fachliches Können. Er fühlte sich wohl mit ihr – außer in Situationen wie jetzt, wo ein männlicher Partner ein privates Problem einfach ignoriert oder gar nicht erst mitbekommen hätte.

„Frühes Erscheinen ist nicht illegal, Jax-Man.“ Tracy nahm die Brille ab und legte sie vor sich auf den riesigen Notizblock. „Sonst hätte ich schon lebenslänglich.“ Sie winkte ihn zu sich herein. „Ich habe Muffins mitgebracht.“

Jax musste lächeln. Trotz all ihrer kühlen Effizienz erinnerte sie ihn manchmal an seine Großmutter. „Selbst gemacht?“

„Natürlich.“ Sie schob eine offene Dose in seine Richtung. „Diese hier sind nicht nur köstlich, sie werden dein Leben auch um zehn Jahre verlängern.“

Als Jax vor ihr stand, verschwand Tracys Lächeln. „Jax, du siehst nicht gut aus.“

„Ist das alles?“ Er grinste schief. Jetzt kam es.

„Ich wollte nur nett sein. Du siehst fürchterlich aus. Katastrophal. Wie ausgekotzt.“

Sie schüttelte den Kopf und schob ihm wieder nachdrücklich die Keksdose hin. „Ich wette, du hast nicht gefrühstückt.“

„Falsch.“ Jax hielt ihr seine Thermoskanne vors Gesicht.

Tracy rümpfte die Nase. Koffein war in ihren Augen pures Gift. „Du brauchst einen Muffin. Hast du dich nicht mal rasiert?“

Verwirrt griff Jax sich ans Kinn. Er konnte sich gar nicht erinnern. Aber statt glatter Haut fühlte er definitive Stoppeln.

„Ich habe dich noch nie mit Morgenstoppeln gesehen.“ Tracy musterte ihn eingehend und wortlos.

Er nahm endlich einen Muffin und biss hinein. Für eines von Tracys Gesundheitsrezepten schmeckte es hervorragend.

„Also, was treibt dich im Morgengrauen zu uns Workaholics? Oder kommst du direkt von einer Nachtschicht? Vielleicht hast du diese Nacht im Knast verbracht, weil du mit deinem Jaguar-Spielzeugauto herumgerast bist? Nein, warte, hat dir etwa der Kunde gestern Abend etwas ins Dessert gekippt und sich dann im Park über dich hergemacht?“

Jax war nicht in der Stimmung für Witze, dazu war er viel zu müde und frustriert. „Sehr witzig.“

Tracy lehnte sich in ihrem hellgrünen Ledersessel zurück und verschränkte die Arme. „Gut, dann sag du mir, warum du zu dieser Stunde wie ein verwirrtes Überfallopfer hier reinschleichst.“

Jax zuckte zusammen. Tracy ahnte nicht, wie gut ihr Vergleich getroffen hatte. Kims Beziehung zu ihm war eine Serie von Überfällen. Jedes Mal raubte sie ihm sein Herz und machte sich wieder aus dem Staub.

Er setzte sich halb auf Tracys Tischkante und starrte zum Fenster hinaus. Sein Blick wanderte über die grüne Parklandschaft zum Lake Michigan, der in der Morgensonne glitzerte wie ein friedlicher Ozean.

„Kim ist hier“, sagte er einfach.

Es war totenstill im Raum. Tracy schwieg ungewöhnlich lange. Obwohl sie beide erst nach Kims letztem Besuch Partner geworden waren, wusste Tracy von Kim. Sie wusste, dass Kim Jax akzeptiert hatte, als die anderen ihn komisch fanden. Dass ihre Großzügigkeit, ihre Wärme und ihr Lachen den muffigsten Träumer aufheitern konnten.

Kim war für Jax so etwas wie Zuhause. Aber mit jeder anderen Frau, die er kennenlernte, versuchte er, ein bisschen mehr von Kim aus seinem Herzen zu vertreiben. Kim hatte sein Leben mit Wärme erfüllt. Und er kämpfte immer noch darum, ohne sie auszukommen.

Tracy seufzte. „Oh“, meinte sie schließlich nur mitfühlend.

Jax wünschte, er hätte ihr nie von Kim erzählt. Das Mitleid in ihrer Stimme war schwer auszuhalten.

Dann fragte Tracy: „Warum gerade jetzt? Nach dieser ganzen Zeit, wo du schon fast …“ Sie brach ab, aber er wusste, was sie sagen wollte: wo er sich schon fast von ihr gelöst hatte.

Jax sah Tracy an und antwortete achselzuckend: „Das Übliche. Jemand hat ihr das Herz gebrochen.“

„Und du sollst es wieder heil machen“, sagte Tracy.

Er lachte bitter. „Wenn sie sagt, sie braucht ihren Jax-Zauber, meint sie normalerweise eine Seelenmassage.“

„Heiliger Himmel!“ Tracy kippte plötzlich in ihrem Sessel nach vorn und fiel theatralisch vornüber auf das lederne Notizbuch. So blieb sie liegen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wenn ich das höre, möchte ich gleich aus dem Fenster springen.“

Jax sah wieder aus dem Fenster und dann zurück zu seiner Partnerin mit ihrer dramatischen Reaktion. „Sie braucht es“, sagte er leise.

„Und was brauchst du, Jax?“ Tracy setzte sich wieder richtig hin und sah ihn forschend an. „Ich weiß, dass es dich umbringt, in ihrer Nähe zu sein. Aber … ohne sie …“

Jax war ihr dankbar, dass sie nicht weiterredete, und legte ihr die Hand auf den Arm. „Du bist eine echte Freundin, Tracy. Es ist hart, aber …“ Wie sollte er den Horror erklären, der ihn bei der Vorstellung packte, Kim nie wiederzusehen. Er litt wie ein Hund, wenn er mit ihr zusammen war. Aber die Jahre ohne sie waren noch schlimmer. Hilflos zuckte er die Achseln. „Es ist nicht so einfach.“

Tracy schnaubte verächtlich. „Würde ich jedes Mal einen Dollar kriegen, wenn ich von jemandem in einer einseitigen Beziehung diesen Satz höre, dann könnte ich schon ganz Frankreich für mich arbeiten lassen.“

Jax drückte ihren Arm kurz und erhob sich. „Ich gehe mich rasieren.“

„Gute Idee, denn so, wie du aussiehst, verschreckst du uns die Kunden.“ Sie warf einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. „Übrigens werden ein paar frühe Geister schon bald hier auf der Matte stehen.“

Er nickte.

Als er hinausging, bemerkte Tracy: „Ich fürchte, sie benutzt dich.“

„Keine Angst, Trace“, antwortete er.

Er wünschte von Herzen, Tracys nüchterne Fehleinschätzung wäre zutreffend. Wenn Kim wirklich nur so egoistisch wäre, hätte er sich längst von ihr befreien können. Aber das war sie nicht, und Tracy wusste es auch. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er mit falschen Freunden normalerweise kurzen Prozess machte.

Kim war einer der großzügigsten und sensibelsten Menschen, die ihm je begegnet waren. Sie hielt die Nähe zwischen ihnen nur einfach für selbstverständlich. Wenn hier einer schuld war, dann er. Kim konnte nichts dafür, dass er nie den Mut aufgebracht hatte, ihr zu sagen, was sie mit ihren Besuchen bei ihm anrichtete.

Kim hörte das Garagentor – Jax war zurück! Heute Morgen war er zu ihrer Enttäuschung schon weg gewesen, als sie aufstand. Sie hatte eigentlich gehofft, sie könnten beim Frühstück ein bisschen reden.

Gestern Abend hatte sie noch in seinen Küchenschränken gestöbert und für heute ein großes Frühstück mit Gemüse-Omelett, Vollkornmuffins und ihren berühmten Erdbeer-Bananen-Milchshakes geplant. Aber vielleicht konnte sie ihn ja morgen überreden, länger zu bleiben. Dann konnte sie ihm ein anständiges Frühstück servieren, denn heute hatte er anscheinend bloß einen Kaffee getrunken. Sie wusste, dass er viel beschäftigt war, und sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Dass sie gerade viel freie Zeit und ein gebrochenes Herz hatte, war keine Entschuldigung.

Jetzt kam er jedenfalls heim, und sie wollte sich nützlich machen. Sie warf einen Blick in den Spiegel über der Anrichte und zupfte schnell noch an dem Kragen ihrer Seidenbluse. Sie war fast so aufgeregt, Jax zu sehen, wie früher bei Perry. Aus anderen Gründen, natürlich. Jax war nicht ihr Lover. Er war wichtiger als ein Lover. Er war … eben Jax.

Als Jax in die Küche kam, stand sie schon am Küchentisch und streckte ihm sofort die Arme entgegen. „Her mit den Zutaten, Jax! Ich sterbe vor Hunger. Ich mache uns gleich die Taco-Salate.“

Jax hielt in jedem Arm eine große braune Papiertüte. „Hallo, Kim“, sagte er mit einem schiefen Lächeln.

Kim stemmte die Hände in die Hüften. „Ja, natürlich, hallo, Jax.“ Sie nahm ihm eine der Tüten ab und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Mm, du riechst gut. Was ist das?“

Jax trat an den Tisch und setzte die andere Tüte ab. „Ich glaube, es heißt Badboy.“

Kim stellte ihre Tüte neben seine. „Badboy?“ War das nicht verrückt? Sie dachte an ihre Gedankenspielchen von gestern Abend und bemerkte im gleichen Moment auch die wilde Locke, die ihm wieder ins Gesicht hing. „Badboy passt sehr gut.“

Jax hatte angefangen, die Einkäufe auszupacken, und warf ihr jetzt einen komischen Blick zu. „Ach ja?“

Sie lachte über seinen zweifelnden Tonfall. Er hatte sich eindeutig selbst nie als Badboy gesehen. Sie streckte die Hand aus und fuhr ihm über das Haar in der Stirn. „Das hier ist die Badboy-Locke, die ich so mag, siehst du. Sie macht dich so …“ Fast hätte sie gesagt: sexy, aber sie unterbrach sich gerade noch und suchte ein Ersatzwort.

„So – was?“

Verlegen nahm sie ihre Hand weg und steckte ihre Nase in die Einkaufstüten. „So, ach, ich weiß nicht. Gangstermäßig.“

„Gangstermäßig?“ Er klang skeptisch. „Wie: Mafiaboss?“

Sie musste lachen und sah ihn wieder an. „Na ja, vielleicht Mafiaboss-Buchhalter.“

Jax verdrehte die Augen. Konnte sie ihm das verübeln? Aber sie konnte ihm nicht sagen, dass er aussah wie ein sexy Pirat. So eine Bemerkung war ein offener Flirt, und das … war nicht, wofür sie hergekommen war.

Er fuhr sich jetzt mit den Fingern durch die Locken und bemerkte: „Wenn wir mit meinem Haar fertig sind, kannst du vielleicht das hier alles einräumen, und ich gehe mich umziehen.“

„Klar.“ Sie wich seinem Blick aus. „Lass dir Zeit. Ich mache die Salate, du ruhst dich aus.“

„Nein, ich habe gesagt, ich helfe dir. Bin gleich wieder da.“

„Sei nicht blöd.“

Jax blieb stehen. „Ich habe eine geheime Zutat“, bemerkte er. „Daher kannst du es nicht allein machen.“

„Oh, wirklich?“, neckte sie ihn.

Er nickte ernst. „Reib einfach diesen Käse. Verstanden, Mädchen?“

Kim presste die Lippen zusammen und verkniff sich das Lachen. Als sie wieder reden konnte, ohne zu kichern, sagte sie: „Was für ein Despot du geworden bist!“

Er wies auf den Cheddar-Käse auf dem Tisch. „Käse reiben! Ich bin gleich wieder da.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich glaube, das mit dem Mafiaboss-Buchhalter ist dir zu Kopf gestiegen.“

Jax war schon an der Tür. „Gesagt ist gesagt, Süße“, knurrte er im perfekten Tonfall eines alten Hollywood-Filmgangsters.

„Hilfe, Erbarmen!“, rief Kim lachend. „Ich habe ein Monster geschaffen.“

„Nein, einen Mafiaboss-Buchhalter“, antwortete er mit derselben Gangsterstimme.

Als er fort war, nahm Kim den Käse und fing an, ihn zu reiben. Dabei musste sie die ganze Zeit lächeln. Jax konnte so süß sein. Komisch. Sie hatte einen grässlichen Tag hinter sich, mit Weinkrämpfen und Anfällen von Selbstmitleid, dann tauchte Jax auf, und schon fühlte sie sich leicht und froh.

Nach dem Essen bestand Kim darauf, sich später allein um das Geschirr zu kümmern. Jetzt nahm sie Jax erst mal bei der Hand und zog ihn ins Wohnzimmer zum Kaffeetrinken. Sie drückte ihn sanft auf das Sofa und kauerte sich am anderen Ende gemütlich zusammen, die Füße hochgezogen.

Jax war merkwürdig abwesend – oder war es abweisend? Unsinn, sagte Kim sich. Aber es gelang ihr nicht wie früher, ihn zum Lachen zu bringen. Im Gegenteil, sie fing ein paar merkwürdige Blicke von ihm auf, während sie versuchte, über dies und das zu plaudern. Er trug jetzt Jeans und einen weichen, hellen Pullover, der perfekt seinen muskulösen Oberkörper und den flachen Bauch betonte. Kim konnte den Blick gar nicht abwenden. Er sah einfach umwerfend aus.

„Du gehst ins Fitness-Center, oder?“, entfuhr es ihr, kaum war ihr der Gedanke gekommen. Wie peinlich! Konnte sie nicht einmal mehr etwas denken, ohne gleich damit herauszuplatzen? Sie war wohl immer noch reichlich durch den Wind.

Jax stellte seine Tasse auf den niedrigen, dunklen Holztisch, warf ihr wieder so einen komischen Blick zu und nickte wortlos.

„Das sieht man“, bemerkte sie leichthin. Das machte es auch nicht viel besser.

Jax runzelte die Stirn, als wüsste er nicht, wie er mit der Bemerkung umgehen sollte. „Danke“, brummte er.

„Du darfst ruhig lächeln, Jax. Das war ein Kompliment.“

Aber er lächelte nicht.

Kim richtete sich auf und rutschte näher zu ihm hin. „Was ist los? Habe ich dich irgendwie geärgert? Ich weiß, ich bin hier einfach hereingeplatzt und habe dabei nur an mich gedacht. Dauernd rede ich von Perry und meiner Arbeit, immer nur von mir, und du warst so lieb und hast die ganze Zeit zugehört und …“ Sie verstummte, als ihr plötzlich ein beunruhigender Gedanke kam. „Oje, es ist eine Frau, stimmt’s?“

„Was?“

Ihre Frage hatte Jax eindeutig völlig überrumpelt. Er starrte sie nur an.

„Du hast eine Freundin, und du denkst, du musst sie vernachlässigen, um hier mein Babysitter zu sein.“

Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände. „Das ist es, oder? Nicht nötig! Ich würde sie gern kennenlernen. Ich will dein Leben nicht durcheinanderbringen. Aber genau das tue ich, was? Du möchtest eigentlich bei ihr sein, und stattdessen sitzt du hier mit mir.“ Sie fühlte sich furchtbar schuldig. „Ich bin so egoistisch …“

„Nein“, unterbrach Jax sie fast schroff. „Hör auf. Da ist keine andere Frau, mit der ich …“ Seine Stimme klang belegt. Er brach ab und räusperte sich. „Es gibt zurzeit niemand Ernstes in meinem Leben, also hör auf, dich grundlos zu beschuldigen. Du kennst mich doch. Wenn ich dich nicht hierhaben wollte, dann würde ich …“ Wieder brach er ab, als dächte er an irgendetwas.

„… es mir sagen?“, erriet Kim.

Jax starrte in seine Tasse, nahm sie, trank einen tiefen Schluck und stellte sie ziemlich heftig wieder ab. „Ja. Genau.“

Kim kniff zweifelnd die Augen zusammen. „Ich weiß nicht, Jax. Ich kann mich nicht erinnern, dass du mich als Kind jemals weggeschickt hast. Obwohl ich sicher oft eine schreckliche Nervensäge war. Eine Zwölfjährige, die sich an einen Fünfzehnjährigen hängt.“ Sie kuschelte sich an ihn und schob ihren Arm unter seinen. „Nie, nie hast du mich weggeschickt. Also wie soll ich wissen, ob du es jetzt tun würdest?“

„Ich habe dich niemals weggeschickt?“

Sie lächelte. „Nie. Das wüsste ich, dann wäre ich nämlich am Boden zerstört gewesen.“

Jax sah zum Fenster hinaus. „Offenbar habe ich eine hohe Toleranzschwelle für Nervensägen.“

„Dann ist es okay für dich, dass ich hier bin?“

Jax antwortete nicht gleich.

„Jax?“, fragte sie stockend. „Ist es für dich okay, dass ich hier bin?“

„Klar“, sagte er ruhig. Jetzt sah er sie an. „Ja“, sagte er noch einmal. Sein flüchtiges Lächeln wärmte Kim wie Sommersonne.

„Gott sei Dank.“ Dankbar lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Sie war restlos erschöpft von dem Auf und Ab ihrer Gefühle in den letzten Tagen, und Jax’ Nähe war so tröstlich. Unmerklich driftete sie ab und merkte schon nicht mehr, wie sie einfach einschlief.

Jax saß reglos da und wagte kaum zu atmen. Kims Atemzüge umschwebten ihn wie flüchtige Luftgeister, die seine Menschenseele mit ihrer unschuldigen, unfassbaren Grausamkeit zu ewiger Einsamkeit verdammten. Mit jeder Faser spürte er Kims Körper an seinem. Eine Welle von Begehren durchflutete ihn.

Als er merkte, dass sie tief und fest schlief, löste er sich vorsichtig von ihr und schob ihr ein Kissen unter den Kopf. Er deckte sie mit einer Cashmere-Decke zu und knipste die Lampe aus. Einen Moment lang stand er noch da und starrte auf ihr glitzerndes Haar im hellen Mondlicht. Eine Strähne fiel ihr ins Gesicht.

Da konnte Jax nicht mehr widerstehen. Er beugte sich zu ihr, strich die Locke sanft fort und küsste sie auf die sommersprossige Wange.

Kim regte sich und seufzte, und der kleine Laut fuhr ihm mitten durchs Herz. Abrupt richtete er sich auf und griff nach den beiden Kaffeetassen. Er hatte die Wahl. Er konnte jetzt entweder die Küche aufräumen oder über diese Frau herfallen, die er so verzweifelt begehrte und die er sich so gern aus dem Herzen reißen wollte.

Mit einem hilflosen Fluch verließ er das Wohnzimmer, bevor er noch etwas Idiotisches tat.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen im Büro sagte Tracy Jax auf den Kopf zu, dass er schon bessere Tage gesehen hatte. Natürlich hatte sie recht. Auch letzte Nacht hatte er fast kein Auge zugetan. Und wie es Tracys Art war, zog sie ihm im Lauf des Vormittags jedes Detail seiner Leiden aus der Nase. Nur den Teil mit dem Kuss und seinem Drang, die wehrlose, schlafende Frau in seine Arme zu reißen, behielt er für sich.

„Also, Kim ist Event-Managerin?“, sagte Tracy jetzt zu ihm.

Sie aßen zusammen Lunch in Jax’ Büro. Die Gesundheitsfanatikerin Tracy hatte Gemüsesandwiches organisiert. Nichts hielt sie jedoch davon ab, beim Essen weiter über die Arbeit zu reden.

„Das könnten wir ausnutzen“, bemerkte sie und nippte an ihrem Kräutertee.

Jax sah sie verständnislos an.

„Ich meine, wir könnten deinen störenden kleinen Gast für uns arbeiten lassen. Sie könnte Hostess für die Japaner spielen, die wir auf deinen Landsitz eingeladen haben.“

Jax schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass …“

„Du brauchst nicht zu denken, Jax-Man, denn seit du heute Morgen ihren Beruf erwähnt hast, habe ich schon alle Denkarbeit erledigt.“ Sie schob das letzte Stück Sandwich zur Seite. „Dieses Meeting mit den Japanern liegt mir schon die ganze Zeit im Magen, und ich glaube, Kim ist dir gerade zur rechten Zeit in den Schoß gefallen.“

„Es liegt dir im Magen?“ Das war völlig ungewöhnlich für seine taffe Partnerin. „Wieso denn? Warum wusste ich nichts davon?“

„Nun …“ Tracy zögerte ganz untypisch. „Du findest das vielleicht lächerlich, aber erinnerst du dich an letzten Sommer, als wir die Firmenchefs aus dem ganzen Land dahatten?“

Jax nickte.

„Weißt du noch, wie ich mich bei dir beschwert habe, dass ein paar von ihnen mir ihre Mäntel überreichten und mit den Fingern nach mir schnippsten, wenn sie noch Kaffee wollten? Erinnerst du dich, wie alle Fragen an dich gingen und ich weitgehend ignoriert wurde?“

Jax runzelte die Stirn. „Übertreibst du da nicht?“

„Nein.“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ich würde sagen, ein gutes Drittel von denen sah mich als Bedienung, Garderobenfrau, Sekretärin, sogar Babysitterin – und du weißt, wie ich über Kinder denke. Jedenfalls sahen sie mich nicht als deine Partnerin.“ Tracy stöhnte theatralisch und verdrehte die Augen. „Ich habe nicht vor, so etwas noch mal mitzumachen.“

„Japaner sind doch sehr fortschrittlich. Ich bin sicher …“

„Vielleicht hast du recht, aber ich will es nicht darauf ankommen lassen.“ Sie fixierte ihn entschlossen. „Hast du schon jemals einem Baby mit Durchfall die Windeln gewechselt? Das ist kein Spaß, Jax. Klar? Diese Männer letztes Jahr, die mit den Fingern schnippsten, als wäre ich ein gut dressierter Hund – das war total demütigend. Der Gedanke, dass ich für diese Japaner Hostess spielen soll, hat mir schon ein Magengeschwür eingebracht.“

Sie hieb mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt, Jax, ich bin keine Empfangsdame, und ich will nicht, dass diese Geschäftsleute nächste Woche denken, ich wäre nur da, um mich um ihre mitgereisten Frauen zu kümmern.“

Sie schwieg kurz und mit grimmiger Miene. „Ich habe nicht die Absicht, herumzustehen, Tee und Gebäck zu reichen und Small Talk über Kinder oder Ehemänner zu machen. Abgesehen davon, dass diese beliebten Themen nicht im Entferntesten in meine Interessengebiete fallen. Ich werde nicht Babysitter für diese Frauen spielen. Das steht nicht in meiner Job-Beschreibung.“

Sie lehnte sich zurück und stieß einen langen, dramatischen Seufzer aus. „So, jetzt ist es draußen.“ Dann sah sie ihm direkt in die Augen. „Und sag mir bitte nicht, ich sei albern, denn dann … dann …“ Sie richtete sich angriffslustig auf. „Dann gehe ich.“

Jax traute seinen Ohren kaum. Noch nie hatte er bei Tracy einen solchen Gefühlsausbruch erlebt. Diese Erfahrung letzten Sommer musste ein echtes Trauma gewesen sein. Er legte seine Hand auf ihre geballte Faust. „Ich kann es gar nicht glauben. Anscheinend war ich so mit der Arbeit beschäftigt, dass ich es nicht mal gemerkt habe.“

Sie lächelte schwach. „Das hat mich auch ziemlich getroffen.“

„Warum hast du denn nichts gesagt?“

Unter seiner beruhigenden Berührung entspannte sie sich. Sie legte ihre freie Hand auf seine. „Du kennst mein Motto: Gestehe niemals Furcht oder Niederlagen ein.“

Er nickte. „Ja, aber mach von jetzt an eine Ausnahme, wenn es um uns geht. Und sag nie mehr etwas von Weggehen.“

Tracy runzelte die Stirn. „Okay. Wo du nun meine geheimsten, dunkelsten Ängste kennst, hör dir an, was ich denke. Wenn wir Kim ins Boot nehmen, können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie bekommt ihren Jax-Zauber, kann ihr launisches Herz kurieren und noch etwas Geld verdienen, indem sie die traditionelle Hostess spielt. Und damit bin ich frei, als deine gleichberechtigte Partnerin aufzutreten. Sag, was du willst: Die Lösung ist genial.“

Jax’ erster Impuls war, es abzulehnen. Aber was konnte er gegenüber Tracys extremer Reaktion tun? „Kein schlechter Plan“, bemerkte er zögernd. „Nur wäre Kim dann noch länger hier.“

„Stimmt.“ Tracy nickte. „Aber hat sie erwähnt, dass sie in nächster Zeit abzureisen gedenkt?“

Jax biss sich auf die Lippen. „Nein“, gab er zu.

„Wie lange bleibt sie denn gewöhnlich für ihre Seelenmassagen?“

Er starrte abwesend aus dem Fenster. Der Anblick des Lake Michigan in der Sonne verdrängte das Bild von Kim gestern Abend, schlafend auf seinem Sofa. „Eine Woche. Oder zwei.“ Bei dem Gedanken zuckte er zusammen. Mit Kim um sich wie gestern Abend im Mondlicht, scheinbar hingegeben und zärtlich, in Wahrheit aber gleichgültig und fern, würden die nächsten zwei Wochen für ihn wie Barfußwandern durch ein Glasscherbenfeld.

„Das ist doch perfekt!“ Tracys Begeisterung riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. „Ihr bleibt eine Woche für die Planung, das ist knapp, zugegeben. Aber Essen und Unterbringung sind ja schon geregelt. Sie muss eigentlich nur da sein und sich um die Frauen kümmern, während wir übers Geschäft reden. Das ist ein Klacks für einen Profi wie deine Kim.“

Jax trommelte abwesend mit den Fingern auf den Tisch. Ja, damit wurde Tracy ihre dunkelsten Ängste los – und er musste mit seinen klarkommen. Noch zwei endlose Wochen lang, falls er Tracy nachgab.

„Oh, schüttel nicht den Kopf!“, bemerkte Tracy.

Er sah sie an. Hatte er den Kopf geschüttelt?

„Hör zu“, sagte sie jetzt sanft. „Ich weiß, es ist hart für dich, in ihrer Nähe zu sein, aber warum sollen wir sie nicht nutzen, wenn sie nun schon mal da ist? Sie kriegt ihren Jax, du kriegst eine Event-Managerin, und ich bin für niemanden mehr die kleine Kaffeemaus.“

Obwohl ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute war, musste Jax bei der Vorstellung lächeln. „Ich würde gern sehen, wie jemand dich als kleine Maus behandelt.“

„Ach ja?“, sagte Tracy. „Nun, der nächste Mann, der das tut, verliert ein ganz spezielles Körperteil.“

Aber Jax war schon wieder in Gedanken bei Kim. Er wusste, dass sie so lange bleiben würde, wie es ihr guttat. Doch das hieß ja nicht, dass er immer nur geben musste. Vielleicht konnte er sie zum Ausgleich auch einmal benutzen. Er würde von ihren Fähigkeiten profitieren. Und wenn er sie dann aus seinem Leben forthaben wollte, musste auch Schluss sein mit dem Titel „Freund“. Am Ende musste er ihr das klarmachen, so traurig es war.

Die nächsten zehn Tage würde er seine Rolle in Kims Leben noch weiterspielen, egal, was es ihn kostete. Aber es würden die zehn letzten sein!

„Okay“, erklärte er und sah Tracy wieder an. „Dir zuliebe werde ich Kim bitten, unsere offizielle Hostess zu sein. Geht es dir jetzt besser?“

Tracy stand auf, kam um den Tisch herum, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Jax-Man, du bist mein Traumprinz.“

Als sie weg war, saß er noch eine Weile da und fühlte sich hundeelend.

„Es tut mir leid, Kim“, murmelte er. „Dein guter alter Jax wird dich jetzt fürs Geschäft engagieren und dir dann Lebewohl sagen. Es ist so weit.“ Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Du wirst mich hassen, aber dich wegzuschicken kann nicht so schlimm sein wie meine Privathölle jetzt.“

Kim konnte es kaum glauben. Jax bat sie um Hilfe!

„Machst du Witze?“, fragte sie begeistert. „Du fragst mich, ob ich mich um deine Kunden kümmern kann?“

Dabei stand Jax vor ihr und sah so ernst aus, als ob er seine Bitte für eine Zumutung hielt.

Sie fiel ihm um den Hals. „Ich mache das mit Freuden! Du hast so viel für mich getan, lässt mich bei dir wohnen … Es ist mir ein Vergnügen, eine Ehre!“ Sie ließ ihn los und ergriff seine Hand. „Das ist genau meine Kragenweite. Also, was muss ich tun? Das Catering bestellen? Ausflüge für die Frauen organisieren? Sag es mir, und es wird erledigt.“

„Danke“, sagte Jax. Komischerweise sah er dabei so elend aus, als hätte sie ihn mit seiner Bitte zum Teufel geschickt.

Sie ließ seine Hand los. „Machst du dir Sorgen wegen dieses Meetings?“, fragte sie. „Ich weiß, dass dich sonst nichts so leicht aus der Fassung bringt! Ist es so wichtig?“

„Tracy und ich wollen nach Übersee expandieren.“

„Ah.“ Das verstand sie. „Eine Gelegenheit, das Geschäft auszuweiten.“

„Ja, und Tracy hat schlechte Erfahrungen mit manchen Kunden gemacht, was die Rolle von Männern und Frauen angeht. Sie will nicht auf eine dienende Rolle reduziert werden, und …“

„Alles klar“, unterbrach Kim ihn. „Ich werde eure dienende Hostess sein.“ Sie ahmte seinen Tonfall nach, denn sie selbst sah die Rolle der Hostess überhaupt nicht so.

„Tut mir leid, ich meinte nicht …“

„Hör auf, Jax.“ Sie lachte ihn an. Dann kam ihr ein anderer Gedanke. „Ich wusste gar nicht, dass du eine Frau als Partner hast.“

„Habe ich das nicht erwähnt?“, fragte er.

Kim schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“ Das war interessant. Eine Partnerin. Tausend Szenarios tauchten vor ihrem inneren Auge auf, aber sie schob sie rasch weg. Sie hatte jetzt etwas zu tun, und ihr blieben nur ein paar Tage, um das Programm zu organisieren. „Wie viele Ehepaare kommen?“

„Fünf.“

„Sprechen sie alle Englisch, oder muss ich Dolmetscher organisieren? Und gib mir eine Liste mit Namen und Telefonnummern. Ich kümmere mich um alles.“

Das war genau, was sie brauchte, um Perry endlich aus dem Kopf zu bekommen. Und es war die perfekte Gelegenheit, Jax für all seine Freundlichkeit zu entschädigen.

„Natürlich bezahle ich dich“, sagte Jax.

Kim nahm ihn beim Arm und zog ihn in die Küche, wo schon das Roastbeef brutzelte, das sie zum Dinner gemacht hatte.

„Komm nicht auf die Idee, mir Geld zu geben, sonst trete ich dir ans Schienbein.“ Sie stieß ihm neckend den Ellenbogen in die Rippen. „Du weißt, dass ich das tue.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu und sah, wie er die Augenbrauen hochzog. Jetzt dachte er an die schmerzhaften Tritte, die sie ihm als Kind verpasst hatte, wenn er sie ärgerte.

„Die Narben trage ich immer noch“, sagte Jax, ohne eine Miene zu verziehen.

Kim lachte ihn an. „Also denk dran.“

Er musterte ihre Füße in den eleganten, spitzen Pumps. „Okay, wenn das so ist: Ich zahle dir keinen müden Cent. Zufrieden?“

„Ich bin froh, dass wir uns verstehen.“ Sie wies auf den Küchenschrank. „Deck den Tisch. Das Essen ist fertig.“

„Tyrannin“, neckte er sie, fast wie in alten Zeiten.

„Bad Boy.“

Er blieb stehen und sah sie an. Sie griff hinauf und strich ihm die wilde Locke aus der Stirn. „Böse Locke“, sagte sie zu der Haarsträhne.

Jax sah nach oben, als versuchte er einen Blick auf die ungezogene Locke zu erhaschen. „Du scheinst ein Problem mit meinem Haar zu haben.“

Sein leicht angespannter Ton verwirrte Kim. „Sei nicht albern. Es sieht … es sieht … sehr nett aus.“

Er presste die Lippen zusammen, und ein Kiefermuskel zuckte. Wieder schien ihr Kompliment ihn mehr zu stören als zu freuen. Sie fragte sich, mit was sie ihn vielleicht verärgert hatte. „Jax, bist du böse auf mich?“

„Warum sollte ich böse sein?“, fragte er nervtötend höflich.

Kim holte tief Luft. „Ich weiß nicht. Du wirkst einfach, als würdest du dich über mich ärgern.“

„Wie könnte ich mich über dich ärgern?“ Abwesend fuhr er sich mit der Hand durchs Haar.

„Das frage ich dich ja gerade!“ Kim begann sich aufzuregen. Warum war er so ausweichend? „Störe ich dich vielleicht? Wenn ja, dann sag es mir bitte, Jax! Ich will dir auf keinen Fall auf die Nerven gehen. Du … du bist mein bester Freund“, sagte sie etwas zittrig. Es klang unsicher und verletzt. „Ich liebe dich.“

Oje, sie hatte es laut gesagt! Der Schock dauerte nur eine Sekunde, dann beruhigte sie sich, dass daran ja nichts Schlimmes war. Natürlich wusste er, dass sie ihn liebte – auf ihre rein platonische Weise, als Freundin.

Er stand da, ohne sich zu rühren, und musterte sie lange. Seine braunen Augen sahen sie direkt und etwas müde an.

„Ich weiß, was du für mich empfindest“, sagte er tonlos. Dann wandte er sich ab, und begann sich an der Spüle die Hände zu waschen. „Ich liebe dich auch.“

Wie er das sagte, leise und freudlos, klang es so traurig, als wäre ihm das eine Last. Als wäre ihre Beziehung eine Last für ihn. „Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes.“

Er zuckte nur die Achseln, und sein ganzer Rücken wirkte eindeutig abweisend. Da musste etwas anderes dahinterstecken. Etwas ganz Simples, Kopfweh zum Beispiel, das ihn so miesepetrig machte.

Sie musste nur herausfinden, was es war. Sie trat zu ihm, schlang ihm die Arme um den Bauch und presste ihre Wange an seinen Rücken. Sie hörte sein Herz schlagen, stark und zuverlässig, wie der ganze Jax.

„Was kann ich für dich tun, Jax?“, fragte sie. Einen Moment lang war Jax erstarrt, als sie die Arme um ihn schlang, aber gleich darauf seifte er sich weiter die Hände ein. Kim fühlte, wie sich seine Muskeln bewegten, als er sich die Hände abspülte und dann abtrocknete. „Ich möchte, dass du froh bist, Jax. Ich will so gern dein Lächeln sehen, dein altes Lachen hören.“

„Sagen wir, ich bin nervös … wegen nächster Woche.“ Er entwand sich ihr vorsichtig und ging zum Schrank mit dem Geschirr hinüber. „Belassen wir es dabei, okay?“

Kim sah ihm zu, wie er zwei Teller aus dem Schrank holte. Im gleichen Moment merkte sie, dass ihre Arme ausgestreckt waren, als hielte sie Jax immer noch fest. Sie ließ die Arme sinken. „Das ist neu, oder?“

„Was?“

„Dass du nervös bist“, sagte sie. Irgendwie war sie unzufrieden mit dieser Erklärung. „Du warst doch nie ein nervöser Typ.“

„Menschen ändern sich.“

„Ja, wahrscheinlich. Aber sie werden doch nicht von Grund auf anders.“ Sie holte das Roastbeef aus dem Ofen, setzte es auf eine Platte und starrte es nachdenklich an. Sie nahm Jax seine Erklärung einfach nicht ab. „Du warst immer so sicher in allem. Ich habe nie erlebt, dass du etwas nicht geschafft hast, was du wolltest. Sag mir nicht, dass du dich so sehr geändert hast. Unmöglich.“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und wandte sich wieder ab.

Kim schüttelte den Kopf. Es musste Kopfweh oder so sein. Sie hatte ihn sonst immer zum Lächeln bringen können.

Dann fiel ihr plötzlich etwas ganz anderes ein. Die seltsame Bemerkung in Perrys Abschiedsbrief. Darüber, dass er nie an ihn heranreichen würde. Konnte er Jax gemeint haben? Hatten ihre gelegentlichen Bemerkungen über Jax Perry vielleicht eingeschüchtert?

Jax war so gut in vielen Dingen, aber nie hatte sie die Absicht gehabt, Perry – oder andere Männer in ihrem Leben – zu entmutigen. Flüchtige Bemerkungen wie „Jax konnte immer die besten Witze erzählen“ oder „Jax war ein Genie mit Computern“ oder „Jax hat ein fotografisches Gedächtnis“. Warum sollte sie nicht stolz auf ihn sein?

Und jetzt erklärte Jax, er sei wegen eines Business-Meetings so nervös, dass er nicht mal ein Lächeln für seine älteste, beste ...

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