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BIANCA EXKLUSIV BAND 282

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Nie mehr einsam?

1. KAPITEL

Die beiden jungen Frauen sahen nicht wie Schwestern aus, und erst recht nicht wie Zwillinge, obwohl ein DNA-Test ihre gleiche Abstammung bewiesen hatte. Sie ähnelten einander weder äußerlich noch vom Charakter her, und sie waren in unterschiedlichen Familien aufgewachsen.

Jaicey Craddock, die zwei Minuten ältere Schwester, hatte blaue Augen und gewelltes blondes Haar, das durch die texanische Sonne noch hellere Strähnen bekommen hatte. Ihre gebräunte Haut bildete einen reizvollen Kontrast zu ihrem Haar. Sie war eine fröhliche, selbstbewusste Frau. Ihre zuversichtliche Art hatte sie zum einen sicher ihrer Adoptivfamilie und zum anderen einem angeborenen Optimismus zu verdanken. Sie fand schnell Kontakt zu anderen Menschen.

Ihre Schwester Marla Norris war etwas kleiner als sie und viel zurückhaltender. Das kräftige braune Haar fiel ihr glatt auf die Schultern. Der fransige Pony betonte die braunen Augen mehr, als sie ahnte. Jahrelang hatte sie ihre wahren Gefühle unterdrückt. Ihr distanzierter Blick gab ihr etwas Geheimnisvolles. Sie wirkte älter und nachdenklicher als ihre Zwillingsschwester.

Marla war durch ihre harte und entbehrungsreiche Kindheit genauso geprägt worden wie Jaicey durch ihre glückliche Jugend. Im Gegensatz zu Jaicey hatte Marla ihre Adoptiveltern im Alter von acht Jahren verloren. Damals war ihre unbeschwerte Kindheit zu Ende, denn durch den Schock und die Trauer wurde sie zunehmend misstrauischer und verschlossener.

Anschließend war sie in mehreren Pflegefamilien untergebracht worden, wo man sie lieblos behandelte und sich niemand richtig um sie kümmerte. Niemals hatte es in ihrem Leben einen Menschen gegeben, dem sie sich anvertrauen konnte, der sie respektierte, geschweige denn liebte. Wie oft hatte sie sich unsagbar hilflos und allein gefühlt.

Allmählich lernte sie, die Einsamkeit zu ertragen, ohne vollkommen zu verzweifeln, und auf eigenen Füßen zu stehen.

Irgendwann hatte sie es geschafft, und dafür hatte sie hart gearbeitet. Nach ihrem High-School-Abschluss war Marla selbständig und unabhängig geworden, weil sie nie mehr im Leben auf andere Menschen angewiesen sein wollte. Sie gab sich nicht der Illusion hin, eines Tages „gerettet“ zu werden, wie das manche verlassene Kinder taten. Oder wie viele Frauen, die davon träumten, dass irgendwann ein Märchenprinz kommen und sie ins Paradies auf Erden entführen würde.

Nein, Marla glaubte nur an sich selbst. Wenn sie anderen Menschen nicht zu sehr vertraute und auf deren Hilfe hoffte, würde sie keine Enttäuschungen erleben. Und wenn sie sich von vornherein abschottete und niemanden näher an sich heranließ, konnte sie auch nicht verlassen werden. Der einzige Preis, den sie für diese Haltung zahlen musste, war der, dass sie sich manchmal einsam und unzufrieden fühlte.

Aber dann war wie aus heiterem Himmel ihre Schwester Jaicey aufgetaucht, von der sie nicht einmal zu träumen gewagt hatte, und ihr ganzes Leben hatte sich verändert.

„Tut es dir leid, dass ich dich überredet habe, nach Texas zu ziehen?“

Jaiceys Frage unterbrach das friedliche Schweigen in der Küche, wo die Schwestern Fotos in Alben einsortierten. Fast jeden Abend in dieser Woche hatten sie daran gearbeitet. Sie hatten zusätzliche Abzüge von Schulfotos eingeklebt und von Bildern, die sie selbst im Laufe der Jahre gemacht hatten.

Sie wollten sich gegenseitig einen Überblick über die ersten vierundzwanzig Jahre ihres Lebens verschaffen, die sie getrennt voneinander aufgewachsen waren. Außerdem hatten sie sich vor einem Monat gemeinsam fotografieren lassen und wollten die kleineren Abzüge einkleben.

Marla sah Jaicey nachdenklich an und stellte fest, dass sie besorgt wirkte. „Überhaupt nicht“, erwiderte sie voller Überzeugung. Sie staunte immer noch, dass sie vor drei Monaten ihre gesamte Habe eingepackt hatte und von Illinois nach Coulter City, Texas, gezogen war. Aber bisher hatte sie diesen Schritt keine Minute bereut.

Jaicey war trotzdem noch nicht beruhigt. „Stört es dich auch nicht, dass wir das große Geheimnis noch eine Weile für uns behalten müssen?“

„Wenn ich Bedenken hätte, wäre ich gar nicht erst umgezogen.“

„Würdest du denn am Wochenende auf die Ranch kommen, wenn ich dich darum bitte?“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“

Jaicey lachte kurz auf. „Bist du immer noch nervös bei dem Gedanken an meinen großen Bruder, hm?“, vermutete sie. „So etwas nennt man körperliche Anziehungskraft, kleine Schwester.“

Marla wurde ganz warm. Niemand außer Jaicey konnte ihre Gefühle so schnell erraten und auf den Punkt bringen, und darauf war sie immer noch nicht vorbereitet. „Vielleicht“, räumte sie ein, „aber je mehr Zeit ich mit deiner Familie verbringe, desto größer ist die Gefahr, dass wir unser Geheimnis verraten.“

„Und du magst ihren Fragen nicht ausweichen.“ Jaicey runzelte die Stirn. „Das kann ich gut verstehen. Ich habe auch keine große Lust auf Heimlichtuereien.“

„Das kommt noch dazu“, bestätigte Marla.

Vor allem Jaiceys älterer Bruder Jake Craddock stellte besonders bohrende Fragen. Egal, welche Antworten Marla ihm gab, sie schienen ihn eher noch misstrauischer zu machen.

Kaum hatte Jaicey sie den Craddocks vorgestellt, spürte Marla schon, dass Jake ihr nicht traute. Judd hatte sie freundlich begrüßt, aber Jake hatte sie streng und durchdringend gemustert, bevor er sich zu einem Lächeln und einer knappen Begrüßung durchgerungen hatte. Sie hatte es kaum abwarten können, von ihm wegzukommen.

Seitdem fielen ihm ständig neue Fragen ein, mit denen er Marla konfrontierte, auch wenn sie ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Wenn Jaicey ihn nicht abgelenkt oder ihm vorgeworfen hätte, dass er zu viele Fragen stellte, dann hätte Marla kaum vernünftige Antworten finden können, ohne dabei zu lügen.

Sie hasste Lügen, aber Jake war äußerst geschickt darin, gerade die Themen anzuschneiden, über die sie nicht reden wollte – oder auf Jaiceys Wunsch hin nicht reden sollte. Für Marla war es eine echte Herausforderung, wahrheitsgemäß zu antworten, oder gerade so viel von der Wahrheit preiszugeben, wie sie konnte. Nach ihrer ersten Begegnung hatte sie sich zu Hause alle möglichen Fragen ausgedacht, die Jake ihr eventuell stellen könnte, und sie versuchte, unverfängliche Antworten zu finden.

Immer wenn Marla zur Craddock-Ranch kam, riskierte sie, Jake versehentlich einen Hinweis zu geben und ihr Geheimnis zu lüften, bevor Jaicey den Zeitpunkt für gekommen hielt.

Vielleicht erreichte Jake sogar, dass sie sich verplapperte, denn er schien ihre Gefühle und ihren Verstand durcheinanderzubringen. Deshalb versuchte Marla ihm so weit wie möglich auszuweichen. Vor allem hatte sie Angst, mit ihm allein zu sein. Sie wollte schließlich nicht diejenige sein, die die Wahrheit ans Licht brachte.

Jaicey hatte Angst, Jake und seinem Vater unumwunden zu gestehen, dass sie nach ihrer leiblichen Familie geforscht und dabei herausgefunden hatte, dass sie eine Schwester besaß. Für Judd und Jake war Loyalität innerhalb der Familie sehr wichtig, und sie hätten sich möglicherweise zurückgestoßen fühlen oder Jaicey für undankbar halten können.

Immerhin hatten Judd und seine verstorbene Frau Nona Jaicey alles gegeben, was ein kleines Mädchen sich nur wünschen konnte, ganz besonders viel Liebe, und Jaicey wollte nicht, dass Judd das Gefühl haben könnte, er hätte nicht genug für sie getan.

Viele Adoptiveltern fühlten sich verletzt, wenn ihre Kinder nach den leiblichen Eltern suchten, und Marla konnte gut nachvollziehen, dass sie zumindest eine Zeit lang verunsichert sein könnten.

Außerdem war Judd Craddock in den vergangenen Jahren nicht der Gesündeste gewesen, und Jaicey wollte ihn nicht unnötig aufregen.

Deshalb hatte sie sich vorgenommen, eine günstige Gelegenheit abzuwarten und dann ganz behutsam und schonend die Wahrheit vorzubringen. Bis dahin sollte ihre Familie Marla besser kennenlernen. Sie glaubte fest, dass sie ihr Geständnis besser aufnehmen würden, wenn ihr Vater und Jake ihre neue „beste Freundin“ mochten.

Marla war sich dessen nicht so sicher. An Jaiceys Stelle hätte sie anders gehandelt, und sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht intensiver über die Folgen des Planes nachgedacht hatte. Vielleicht wäre es doch vernünftiger gewesen, in Chicago wohnen zu bleiben, bis mit den Craddocks alles geregelt wäre. Aber nachdem Jaicey sie immer wieder gedrängt hatte, nach Texas zu ziehen, hatte sie sich nicht länger weigern können.

Marla wohnte jetzt seit einigen Wochen hier und fühlte sich äußerst wohl. Sie bedauerte nur, dass sie niemandem verraten durfte, dass sie Jaiceys Schwester war.

Ich hätte mich besser nicht von Jaicey überreden lassen sollen, die Ranch zu besuchen, dachte sie. Aber andererseits war sie auch neugierig auf die Craddocks und wollte alles über das Leben ihrer Schwester erfahren.

Und Jaicey wollte die Familie zusammenbringen. Schon vor Wochen hätten sie den Craddocks die Wahrheit sagen sollen. Ihr Vater und ihr Bruder würden sicher verärgert sein, wenn sie es erst so spät erführen. Aber wahrscheinlich würden sie ihren Ärger dabei sowieso nicht an Jaicey auslassen, sondern eher Marla die Schuld geben. Sicher würden sie davon ausgehen, dass Marla das Geheimnis für sich behalten wollte.

Vielleicht würden sie Marla sogar unterstellen, einen schlechten Einfluss auf Jaicey ausgeübt zu haben, als es darum ging, die Wahrheit zu offenbaren. Für die Craddocks war es undenkbar, dass jemand aus der Familie Geheimnisse voreinander hatte.

Schlimmstenfalls würden die Craddocks Jaicey nicht mehr vertrauen, wenn sie ihnen nichts verriet, und das wollte Marla auf keinen Fall.

Die Craddocks waren in Texas als wohlhabend bekannt. Marla hatte von ihrer Schwester erfahren, dass sich schon einige Erbschleicher und Mitgiftjäger an sie herangemacht hatten. Obwohl Marla bei dem Gedanken ärgerlich wurde, dass jemand sie für geldgierig halten könnte, konnte sie verstehen, dass manche Menschen Fremden gegenüber argwöhnisch waren.

Vielleicht misstraute Jake deshalb auch ihrer Freundschaft mit seiner Schwester. Jaicey war eine reiche Erbin, und Marla hatte nur wenige tausend Dollar auf dem Sparkonto. Wenn Jake das herausfand, würde er vielleicht glauben, dass Marla sich weniger für Jaicey interessierte, sondern es vielmehr auf das Geld der Craddocks abgesehen hatte.

Aber Jake würde schnell merken, dass er sich irrte, denn Marla hätte in den letzten Monaten schon Gelegenheit genug gehabt, um Jaiceys Großzügigkeit auszunutzen.

Marla war von Anfang an vorsichtig, besonders, nachdem sie Probleme mit ihrem Auto hatte und ihre Schwester ihr angeboten hatte, ihr ein neues zu kaufen. Sie hatte sich strikt geweigert und auch andere Geschenke abgelehnt, sodass Jaicey den Schmuck und die Kleidung, die sie schon für Marla gekauft hatte, wieder zurückgeben musste.

Jaicey war nicht glücklich über Marlas Reaktion, aber sie verstand schließlich, dass Marla wirklich keine Geschenke von ihr annehmen wollte.

Marla hatte sogar eine Höchstgrenze an Ausgaben für Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke festgesetzt, über die Jaicey sich immer noch beklagte.

Das einzige, was sie von Jaicey angenommen hatte, war eine persönliche Empfehlung für einen Job als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei in Coulter City. Sicher würden die Craddocks daran nichts aussetzen können.

Jetzt stand Jaicey auf und griff nach der Aktentasche, die sie auf einen Stuhl gestellt hatte. „Es wäre wirklich schön, wenn du am Wochenende auf die Ranch kommen könntest. Ich habe das Gefühl, dass sich zwischen dir und Jake dann einiges ändert.“

Marla war nicht gerade begeistert von der Idee. Am liebsten würde sie Jake ganz aus dem Weg gehen, aber das behielt sie für sich.

Jaicey steckte ihr Fotoalbum in die Aktentasche, und Marla schob die Schnipsel zusammen, die sie von den Fotos abgeschnitten hatten, um sie später wegzuwerfen. „Übrigens wird er keine neugierigen Fragen mehr stellen.“

Marla blickte zu ihrer Schwester, die selbstzufrieden grinste. „Wieso nicht? Was hast du getan?“

„Ich habe Jake gesagt, dass er dich nicht mehr ausfragen soll. Er hatte schon immer eine Schwäche für geheimnisvolle Frauen, die ihm nicht sofort um den Hals fallen, und genau daran habe ich ihn erinnert.“

Marla war entsetzt. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“

Jaicey kommentierte diese Bemerkung nur mit einer lässigen Handbewegung und fuhr dann fort: „Wenn er sich also bei dir entschuldigen wird, dann akzeptierst du das hoffentlich. Er will dich für das Wochenende einladen. Wir wollen gemeinsam campen, denn das hast du sicher noch nicht gemacht, oder?“

Jetzt wurde Marla noch nervöser. Sie wusste schon, dass die Craddocks Ranchbesitzer waren und draußen arbeiteten, jagten und angelten und auch die Wochenenden gern in freier Natur verbrachten, aber sie selbst hatte noch nie gecampt.

Das Angebot klang äußerst verlockend, wenn bloß nicht Jake mitkommen würde. Auf Jakes Anwesenheit würde Marla liebend gern verzichten. Es war ihr schon peinlich gewesen, dass sie reiten lernen musste, und sie könnte Jake sicher kaum entfliehen, wenn sie irgendwo in der weiten Landschaft Zelte aufgebaut hätten.

„Komm schon, Marlie“, forderte Jaicey sie auf. „Es wird dir gefallen. Jake meinte, dass es dir Freude machen könnte, nach Pfeilspitzen unserer Vorfahren zu suchen. Da müssen Dutzende herumliegen, die noch niemand aufgehoben hat. Vielleicht finden wir auch einige Tonscherben, wenn wir Glück haben. Außerdem glaubt er, dass es in der Nähe wieder einen Puma gibt. Wir können nach Spuren suchen.“

Obwohl sie nicht gern zur Ranch gehen wollte, waren Marlas Neugier und Interesse geweckt. Sie hatte sich immer schon für Archäologie interessiert, aber keine praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet, sondern ihr Wissen nur durch Bücher, Zeitschriften und Fernsehsendungen erworben. Pfeilspitzen und Tonscherben waren sicher nichts Besonderes, aber Marla fand die Vorstellung aufregend, nach Gegenständen zu suchen, die Menschen gehört hatten, die vor Jahrtausenden gelebt hatten. Natürlich war es auch spannend, nach Spuren eines Pumas zu suchen. Ob man ihn auch zu Gesicht bekommen konnte? „Ich … werde es mir überlegen“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Ich habe aber keine Campingausrüstung.“

„Wir haben die nötige Ausrüstung und Schlafsäcke“, versicherte Jaicey. „Du brauchst nur Reitkleidung, Stiefel und deinen Stetson, Sonnenschutz und Haargummis. Ich kann dir Handschuhe leihen. Make-up brauchst du nicht, sondern nur die notwendigsten Toilettenartikel, und bring bloß keinen Fön mit, denn damit kannst du nichts anfangen.“

Marla lächelte säuerlich. „Für wie dumm hältst du mich eigentlich? Das weiß ich auch, dass man beim Campen in der Wildnis keinen Strom hat.“

„Ich wollte mich nur vergewissern“, behauptete Jaicey und schloss die Aktentasche. „Wenn ich alles richtig geplant habe, dann kann ich Jake gleich die Tür aufmachen, sobald ich unten im Flur bin.“

Marla wollte schon vor ihrer Schwester ins Wohnzimmer gehen, als sie sich bei Jaiceys Worten umdrehte. „Jetzt gleich?“

Jaicey ignorierte ihre Bestürzung und lächelte. „Ja, er muss doch heute Abend kommen, denn morgen haben wir schon Freitag.“ Sie wies auf den Tisch. „Du solltest das Fotoalbum lieber noch wegräumen.“

Eine Sekunde danach lächelte sie nicht mehr. Sie stellte die Aktentasche ab und umarmte Marla kräftig.

Marla erwiderte die Umarmung, etwas, was sie selten getan hatte, bevor es durch Jaicey zu einer Selbstverständlichkeit geworden war. Jaiceys Worte erzeugten bei ihr eine Gänsehaut. „Ich habe das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft, Marlie. Schon vor Jahren hätte ich dich finden sollen. Ich weiß, dass ich alles zu schnell vorantreibe, aber ich kann nicht anders.“

Schon wieder schien Jaicey es besonders eilig zu haben, die verlorene Zeit mit ihrer Schwester aufzuholen. Häufig sprach sie von der fehlenden Zeit, und Marla beunruhigte das, denn sie empfand genauso.

Sie umarmten sich fest, bevor Jaicey sich zurückzog und blinzelte, um die Tränen aus den Augen zu vertreiben.

Marla versuchte, dasselbe zu tun, aber sie konnte ihre Stimmung nicht so schnell ändern. Die Liebe einer Familie und Zuneigung waren noch zu neu für sie, und da sie so gut wie keine glücklichen Erinnerungen an ihre Kindheit hatte, hielt sie länger als andere Menschen an Glücksmomenten fest.

Mit den Tränen ihrer Schwester konnte sie noch weniger umgehen. Sie wunderte sich nach wie vor, dass Jaicey sie liebte, und es bestand kein Zweifel daran, dass sie selbst diese Liebe erwiderte.

„Außerdem hätte ich nichts dagegen, wenn du dich in Jake verlieben könntest“, sagte Jaicey. „Durch eine Hochzeit wären wir dann alle miteinander verwandt.“

Diese Worte berührten Marla sehr, und sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe das Gefühl, als sei ich gerade überrumpelt worden.“

Jaicey lachte. „Habe ich dir noch nicht erzählt, dass ich schon häufiger Menschen zusammengebracht habe? Sobald ich Daddy dazu bewegt habe, die Witwe Connie Lane zu heiraten, kann ich mich auch darum kümmern, eine passende Frau für Jake zu finden. Wenn es mir gelingt, dich mit Jake zu verkuppeln, bringe ich euch drei alle gleichzeitig unter einen Hut. Und danach kann ich endlich Bobby Kelsey heiraten.“

Verwundert schüttelte Marla wieder den Kopf. Jaicey glich einem Wirbelwind, der den ganzen Tag wehte und auf seinem Weg vieles mit Schwung und Energie bewegte.

Marla hatte bis vor kurzem nicht einmal geahnt, dass sie eine Schwester hatte. Aber sie hatte sich immer eine gewünscht. Und wenn sie sich früher die ideale Schwester in ihren Träumen vorgestellt hatte, dann war sie genau wie Jaicey gewesen. Jaicey war nicht nur das genaue Gegenteil von Marla, sondern auch eine der mitfühlendsten und liebenswertesten Frauen, die sie kannte. Wann hatte sie sich je so glücklich gefühlt?

Zufrieden lächelte sie. „Niemand wird dir jemals vorwerfen können, keine Ziele zu haben“, bemerkte Marla ungewohnt fröhlich. „Aber versuch bitte nicht, mich mit deinem Bruder zu verkuppeln. Wir würden gar nicht zusammenpassen“, fügte sie hinzu und hoffte, dass das Thema damit beendet war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Jake Craddock eine Frau wie sie heiraten würde – oder sie jemanden wie ihn!

„Hast du eine Ahnung! Mein Bruder hat eine Vorliebe für Brünette, also bürste dein wundervolles Haar und schmink dich etwas, damit du nicht aussiehst, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen. Außerdem ist Jake in Wirklichkeit nicht halb so unausstehlich, wie er tut.“

Dann griff der blonde Wirbelwind nach der Aktentasche und ging durch das Wohnzimmer aus dem Apartment. Bevor sie die Tür schloss, drehte sie sich noch einmal um. „Ich habe dich lieb, Marlie.“

„Ich dich auch“, sagte Marla verwundert, als Jaicey die Tür hinter sich zuzog. Sie starrte noch einen Moment auf die Tür, bevor sie tief Luft holte. Jake Craddock könnte jeden Moment kommen. Deshalb ging sie schnell in die Küche, wo das Fotoalbum lag.

Dort bekam sie plötzlich Angst. Erst dachte sie, es läge daran, weil sie bald mit Jake allein sein würde, aber dann wusste sie, dass er nichts mit dieser Vorahnung zu tun hatte.

Mit zitternden Händen öffnete Marla das Album, und ihre Besorgnis wurde noch größer, als sie die Bilder betrachtete, bis sie die fand, die ihr am besten gefielen: die Fotos, die ein Fotograf von ihr und Jaicey gemeinsam gemacht hatte. Die ersten Familienfotos, auf denen sie beide zu sehen war.

Ihr Lieblingsfoto hatte sie schon gerahmt, aber es war in ihrem Schlafzimmer. Bevor die Craddocks nicht alles wussten, wollte sie das Bild nicht im Wohnzimmer aufhängen, wo jeder es sehen könnte. Da Jake heute vorbeikommen wollte, war sie froh, dass sie so vorsichtig gewesen war.

Der Trost, den sie erhofft hatte, als sie sich die Fotos anschaute, stellte sich nicht ein. Deshalb brachte sie das Album ins Schlafzimmer und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Zumindest konnte sie sich mit der weißen Bluse und den Jeans einigermaßen sehen lassen. Sollte sie Schuhe anziehen, oder waren die Socken okay?

Sie legte das Album auf den Nachttisch, überprüfte ihr dezentes Make-up und bürstete sich die Haare. Dann betrachtete sie sich im großen Schrankspiegel. Ihre Kleidung wirkte auf eine kultivierte Weise leger, und Marla sah wesentlich entspannter aus, als sie in Wirklichkeit war. Danach ging sie ins Wohnzimmer und war fest entschlossen, sich ihre Befangenheit nicht anmerken zu lassen.

Sicher würde Jake nur wenige Minuten bleiben. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Pflichtbesuch, zum dem Jaicey ihn gedrängt hatte, und er hatte vermutlich nur zugestimmt, weil sie ihm auf die Nerven gegangen war.

Nicht einen Moment lang glaubte Marla, dass Jake Craddock sich entschuldigen würde, und sie ging davon aus, dass er seine Einladung – wenn sie überhaupt erfolgte – kurz und knapp vorbringen würde. Wahrscheinlich würde die ganze Angelegenheit nicht länger als zehn Minuten dauern, und die würde sie auch noch überstehen.

Während sie im Wohnzimmer ein Sofakissen aufschüttelte und für dezentes Licht sorgte, versuchte sie an etwas anderes als an ihre Angstgefühle zu denken. Natürlich fragte sie sich zuerst, wie Jake auf die Bemühungen seiner Schwester reagierte, ihn dazu zu bringen, dass er Marla akzeptierte und sie nicht weiterhin mit seinen bohrenden Fragen löcherte.

Ihre Schwester. Niemals hatte sie damit gerechnet, eine Schwester – und schon gar nicht eine Zwillingsschwester – zu haben, bevor Jaicey sich mit ihr in Verbindung gesetzt hatte. Aber leider musste sie ihre Schwester mit Jake Craddock teilen, und daran konnte sie sich nur schlecht gewöhnen.

Jaicey hielt viel von ihrem großen Bruder, und Marla hätte das vielleicht verstehen können, wenn er ihr gegenüber nicht so misstrauisch gewesen wäre. Auf der anderen Seite hatte sie bisher kaum Männer kennengelernt, die so fürsorglich wie Jake waren, und insgeheim würde sie von diesem Beschützerinstinkt gern profitieren. Sie hatte also ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Jake.

Marla hatte schon immer ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Beständigkeit gehabt. Aber da ihr das bisher niemand geben konnte, hatte sie diese Gefühle ständig unterdrückt.

Sie dachte an Jake. Er war ein Familienmensch und offenbar ein Mann, auf den man sich verlassen konnte, und der Sicherheit und Beständigkeit ausstrahlte. Aber er traute ihr nicht recht über den Weg.

Sich Jaicey zu öffnen, hatte Marla eine neue Welt erschlossen. Früher war sie immer reserviert und verschlossen gewesen, und jetzt taute sie allmählich anderen Menschen gegenüber auf. Das machte sie wiederum auch verletzlicher. Sie musste vorsichtig sein.

Sie hatte schon manchmal Schwierigkeiten, sich auf die temperamentvolle Jaicey einzustellen. Bei Jake fiel es ihr noch schwerer. Obwohl er sie nicht gerade herzlich begrüßt hatte und Männer wie er sie sowieso einschüchterten, musste sie zugeben, dass er völlig anders war als die wenigen Männer aus der Stadt, die sie von früher kannte. Er wirkte natürlicher, selbstbewusster, erdverbundener und kraftvoller. Deshalb musste sie viel mehr an Jake denken, als sie eigentlich wollte.

Er war Anfang dreißig, war über eins achtzig groß, hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange kräftige Beine. Seine Armmuskeln waren stark ausgeprägt und zeichneten sich deutlich unter seinen Hemden ab. An den großen Händen hatte er Schwielen und Narben, die Männer aus der Stadt normalerweise nicht hatten.

Marla hatte ihn beim Reiten und bei der Arbeit mit dem Vieh beobachtet, und es schien nichts zu geben, was er nicht bewältigen konnte, sei es im Umgang mit Tieren oder mit Menschen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er vor irgendetwas Angst hatte, und sie war sicher, dass niemand ihn unterschätzte.

Mit seiner jüngeren Schwester ging er fürsorglich und liebevoll um. Es war offensichtlich, dass er sie liebte, und er war immer der ideale große Bruder gewesen.

Auch mit seinem Vater verstand er sich ausgezeichnet und wandte sich bei wichtigen Entscheidungen an ihn. Sie und Jaicey bildeten eine harmonische Familie, der nur die Mutter fehlte, an die sich alle liebevoll und wehmütig erinnerten.

Wenn Marla ehrlich war, dann hatte sie sich beinahe in die Familie ihrer Schwester verliebt, und sie sehnte sich danach, dazuzugehören. Als Jaicey erklärt hatte, dass sie durch sie mit den Craddocks verwandt sei, hatte Marla zu hoffen begonnen, Teil dieser Familie zu werden.

Sie durfte nicht mehr daran denken. Warum konnte sie sich nicht entspannen? Immer noch spürte sie diese Angst, für die es eigentlich keinen Grund gab, und sie musste sie überwinden.

Marla ging durch das Wohnzimmer in der Hoffnung, dass ihre Nerven sich beruhigten, bevor Jake kam.

Sie hatte doch noch Zeit, oder? Schließlich hatte sie kein Klingeln gehört, das ihr Jakes Ankunft ankündigte.

Aber als sie zufällig einen Blick auf die gläserne Schiebetür warf, die in ihren kleinen Innenhof führte, sah sie den großen Cowboy, der geduldig vor der Tür wartete.

2. KAPITEL

Marla wurde ganz heiß, als sie Jake Craddock ansah. Der Gedanke, dass Jaicey sie und Jake zusammenbringen wollte, war mehr als nur ein bisschen erschreckend. Ja, sie fühlte sich zu diesem Mann hingezogen, aber sie war nicht sicher, ob sie es aushalten würde, wenn sich aus dieser Anziehungskraft mehr entwickeln würde.

Im schlimmsten Fall waren Gefühle gefährlich, im Idealfall unberechenbar. Sie hatte Jaicey ihr Herz geöffnet, weil sie davon überzeugt war, dass Jaicey es ernst meinte und ihre Blutsverwandtschaft keine Illusion war.

Der Mann an der Tür verkörperte die schlimmste Art der Illusion: die romantische Liebe. Marla hatte schon einige schmerzhafte Erfahrungen in der Liebe gemacht, und sie hatte keine Lust, diese zu wiederholen, egal, wie groß die Versuchung auch sein mochte.

Durch Jakes Größe kam sie sich klein und hilflos vor, besonders jetzt, da er im Türrahmen ihrer kleinen Wohnung stand. Vorher hatte sie ihn nur im großen Ranchhaus oder draußen in der Natur gesehen. In dieser Umgebung schien er in seinem Element, aber hier wirkte er wie ein Riese, der in ein Puppenhaus eindringen wollte.

Jake trug ein blaues Hemd, das so aussah, als wäre es für seinen muskulösen Körper maßgeschneidert worden. Wenn man davon ausging, dass er genug Geld hatte, um sich alles leisten zu können, war das wahrscheinlich sogar der Fall. Die dunkelblauen Jeans umschlossen seine schmalen Hüften und kräftigen Beine wie eine zweite Haut. Die schwarzen Stiefel waren poliert, und er trug einen schwarzen Stetson.

Marla merkte, dass sie Jake zu lange angestarrt hatte, und sie bewegte sich auf die Schiebetür zu. Dabei lächelte sie unverbindlich. Schon seit Jahren verschanzte sie sich hinter diesem Lächeln, wenn sie unsicher war, aber heute strengte es sie an.

Jake lächelte nicht, aber das war auch nicht überraschend. Sein gebräuntes und markantes Gesicht ließ ihn älter aussehen, als er tatsächlich war. Aber er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens draußen, und die Lachfältchen an seinen Augen und am Mund gefielen Marla. Anscheinend lachte er auch schon mal jemanden an, aber eben nicht sie.

Er war ein gestandener Mann, der sicher über jede Menge Erfahrung im Umgang mit Frauen verfügte. Dieser Eindruck trug nicht gerade dazu bei, dass Marla sich in Jakes Gegenwart wohlfühlen konnte. Trotzdem fand sie ihn attraktiv, und das beunruhigte sie etwas. Als sie die Kette von der Tür entfernte und aufschloss, zitterten ihre Finger. Sie zog die Tür auf und sah ihm endlich ins Gesicht.

Seine Augen wirkten wie schwarze Kohlen, in denen für einen Moment etwas Glut aufloderte. Sein Blick drückte auch Neugier und Zynismus aus, was Marla nicht entging.

Sie nahm an, dass er nicht gekommen war, weil seine Schwester ihn dazu gedrängt hatte. Wahrscheinlich hatte er es mehr oder weniger freiwillig getan, um sich zu entschuldigen und sie auf die Ranch einzuladen. In erster Linie wollte er keinen Streit mit einem Menschen, der Jaicey viel bedeutete.

Er würde die richtigen Worte sagen, weil er damit einen bestimmten Zweck verfolgte. Bei den anderen Malen, bei denen Marla auf der Ranch gewesen war, hatte sie nicht viel Kontakt mit Jake gehabt. Wenn sie jedoch mit Jake und Jaicey übers Wochenende campten, hätte sie weniger Ablenkungen, und sie wäre sicher wesentlich länger mit Jake zusammen. Würde er ihr dann eine Falle stellen? Würde er aus einer Bemerkung von ihr Schlüsse ziehen?

Vielleicht hatte er aber auch schon alles über sie herausgefunden. Schließlich könnte er einen Privatdetektiv beauftragt haben. Wenn er Einzelheiten über ihr früheres Leben erfuhr, dann könnte er sich den Rest leicht zusammenreimen. Falls er Jaicey noch nichts über seine Information gesagt hatte, dann lag das vielleicht daran, dass er Marla für jemanden hielt, der es auf das Geld der Craddocks abgesehen hatte.

Andererseits schien Jake Craddock eher jemand zu sein, der sich die gewünschten Informationen selbst beschaffte. Er wirkte wie ein Mann, der gern jagte, und Marla musste einen Weg finden, um sich vor ihm zu schützen.

Sicher wäre es egoistisch, wenn sie Jaicey überredete, zumindest Jake in ihr Geheimnis einzuweihen, aber es reizte sie schon. Sie hatte keine Lust mehr, ständig auf ihre Worte achten zu müssen, besonders nicht, wenn Jake sie so wie ein Habicht seine Beute fixierte.

„Hallo, Mr. Craddock“, grüßte sie ihn und zwang sich, freundlich zu klingen. „Möchten Sie nicht hereinkommen?“

Sie trat zurück und wartete, bis er in ihrem Wohnzimmer stand. Dort nahm er den Stetson ab, schloss die Schiebetür und legte die Kette wieder vor. Dann blickte er sich um.

„Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? Oder vielleicht einen Kaffee? Ich könnte schnell einen kochen.“

Schweigend sah er sich um. Marla wusste, dass ihr Apartment längst nicht so luxuriös wie das Zuhause der Craddocks war, aber es war geschmackvoll eingerichtet, mit schönen Einzelstücken, die sie bei Auktionen oder Flohmärkten erstanden und liebevoll restauriert hatte.

„Möchten Sie sich nicht setzen?“, fragte sie, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Jake drehte sich wieder zu ihr. „Ich dachte, wir könnten irgendwo Kaffee trinken. Einige Häuserblocks von hier entfernt gibt es ein kleines Café, in dem man leckere Kuchen und Torten essen kann. Was halten Sie davon?“

Marla wurde rot. Damit hatte sie nicht gerechnet, und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Zynismus war aus seinem Blick verschwunden, und jetzt sah Jake sie nur noch neugierig und interessiert an. Wie ein Mann eben, der eine Frau ins Café einlud, um sie näher kennenzulernen.

Vielleicht hatte sie die Beweggründe für seinen Besuch doch falsch eingeschätzt, und er wollte wirklich Frieden zwischen ihnen, nicht nur Jaicey zu Gefallen. Hatte er erkannt, dass Marla seine Schwester nicht ausnutzen wollte? Oder fand er sie etwa attraktiv? Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Sie redete sich ein, dass sie nur ihrer Schwester zuliebe zustimmte. „Ja, danke, das wäre schön.“ In Wirklichkeit jedoch wollte sie einmal erleben, wie Jake sich verhielt, wenn sie allein waren, bevor sie ein Wochenende in seiner Nähe verbrachte. Und auch das war nicht der alleinige Grund.

Auf ihre Antwort verzog er die Lippen zu einem angedeuteten Lächeln, was Marla ausgesprochen sexy fand. Das war der Grund, aus dem sie mit ihm ausgehen würde – er wirkte plötzlich viel sympathischer.

„Ich muss nur meine Schuhe und Handtasche holen“, sagte sie und ging schnell in ihr Schlafzimmer, während sie versuchte, ruhig zu bleiben.

Jake Craddock hatte von Anfang an Eindruck auf sie gemacht, aber der Jake, der jetzt in ihrem Wohnzimmer saß, konnte ihr gefährlich werden. Ihr war schon heiß geworden, als sie ihn gesehen hatte, doch bei seinem Lächeln war ihre Temperatur noch gestiegen. Damit hatte sie nicht gerechnet, und sie musste sich in Acht nehmen. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich zu einer Dummheit hinreißen ließ, als dass von Jake eine Bedrohung ausging.

Als Marla endlich die Schuhe gefunden hatte, die sie anziehen wollte, stellte sie fest, dass ihr früheres Angstgefühl fast verschwunden war. Stattdessen war sie jetzt nervös und aufgeregt, und das beunruhigte sie.

Vielleicht würde Jake sich in dem Lokal unmöglich benehmen, und dann würden sich ihre Gefühle für ihn ändern, oder sie würde bald herausfinden, dass er auch nicht anders als alle anderen Männer war, und dass sie ihn deshalb schnell wieder vergessen konnte.

Bei diesem Gedanken verdüsterte sich Marlas Stimmung, worüber sie ziemlich verwirrt war. Sie nahm ihre Handtasche und ging wieder ins Wohnzimmer.

Inzwischen hatte Jake sich ans Ende des Sofas gesetzt und seine langen Beine ausgestreckt. Obwohl das Sofa das größte Möbelstück war, wirkte es jetzt ziemlich klein. Jake hatte seinen Hut auf den Tisch vor dem Sofa gelegt und ein Kissen in die Hand genommen. Es war eines von zwei Samtkissen, die sie selbst aus Stoffresten genäht hatte.

Jake fuhr mit den Knöcheln einer Hand über den weichen Stoff, bevor er die Stiche betrachtete, mit denen Marla die Säume eingefasst hatte. Er schien fasziniert zu sein, und Marla bebte innerlich, als sie beobachtete, wie sanft seine Finger über das weiche Kissen strichen.

„Haben Sie das selbst gemacht?“, fragte er, ohne aufzuschauen.

Marla freute sich über sein Interesse, aber es war ihr peinlich, dass er wusste, dass sie ihn beobachtet hatte. War seine Frage harmlos? Würde er ihr jetzt weitere, insistierendere Fragen stellen? Trotz Jaiceys Beteuerungen fühlte sie sich wieder alarmiert. „Ich habe schon einige Kissen genäht“, antwortete sie ruhig.

Interessiert sah er sie an. „Sie machen das verdammt gut.“

Während sie sich leise bedankte, senkte sie den Blick. Das Glücksgefühl, das sein Kompliment in ihr ausgelöst hatte, gefiel ihr nicht, und sie traute diesem Gefühl auch nicht. Was wusste ein Cowboy schon über die Qualität einer Handarbeit? Nimm dich zusammen, ermahnte sie sich. „Wir können aufbrechen“, wechselte sie das Thema.

Jake legte das Kissen zur Seite und stand auf. „Vorher muss ich noch etwas sagen.“

Marlas Magen krampfte sich zusammen. „Ja?“

Beinahe hätte sie sich auf die Lippe gebissen. Sie sollte nicht so tun, als wüsste sie nicht, dass er sich entschuldigen wollte, aber plötzlich hoffte sie, er würde es sein lassen. Erstens war er nicht bösartig gewesen, als er ihr Fragen gestellt hatte. Und zweitens wäre es besser für ihr Herz, wenn er sich nicht entschuldigte. Sie brauchte plötzlich eine Schranke zwischen ihnen.

„Sicher wissen Sie, wie viel ich von meiner Schwester halte“, begann er, und Marla nickte zustimmend. Sein Gesichtsausdruck war ernst, und er sah sie aus seinen dunklen Augen an, als wolle er ihre Gedanken lesen. „Jaicey hat unzählige Freunde, aber sie hat noch nie mit jemandem so schnell Freundschaft geschlossen wie mit Ihnen.“

Noch intensiver musterte er sie, als wolle er einen Hinweis suchen, der sein Misstrauen bestätigen würde. „Das kam mir zunächst etwas merkwürdig vor. Aber Jaicey hat für Ihren guten Charakter gebürgt, und deshalb möchte ich … mich für meine vielen Fragen entschuldigen.“

Aus seinen Worten klang heraus, dass er sich Jaicey zuliebe entschuldigt hatte – und nicht aus innerer Überzeugung. Das konnte Marla ihm nicht einmal übel nehmen. Ihr war ja ständig bewusst, was für wichtige Informationen sie und Jaicey ihm vorenthielten, und selbst seine halbherzige Entschuldigung führte dazu, dass Marla ein schlechtes Gewissen bekam.

„Danke. Ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, dass Sie sich Gedanken um Jaicey machen.“ Sie wollte das Thema wechseln. Leider fiel ihr so schnell nichts Geistreiches ein. „Wir sollten vielleicht mit zwei Wagen fahren. Ich muss später noch einiges auf dem Markt einkaufen, und dann brauchen Sie mich nicht mehr hierher zurückzubringen.“

Besonders sinnvoll klang das nicht, und Marla wurde unter Jakes Blick ziemlich verlegen. Konnte er erkennen, wie schuldig sie sich fühlte, oder vielmehr, wie schuldig sie war?

Er verzog den Mund zu einem weiteren unwiderstehlichen Lächeln. „Es sind doch nur einige Blocks, Miss Marlie. Ich kann Sie zum Einkaufen und danach nach Hause bringen.“

Jetzt wurde sie noch nervöser, aber sie zwang sich zu einem Lächeln. „Einverstanden.“

Jake nahm seinen Stetson vom Tisch, bevor er einen Schritt auf Marla zuging. „Ich dachte, wir beide könnten heute Abend von vorne anfangen.“

Seine tiefe Stimme klang rauchig und verführerisch.

„Das wäre schön“, stimmte sie zu und wünschte im gleichen Moment, Jake eine etwas weniger ermutigende Antwort gegeben zu haben.

Verwirrt ging sie zur Tür. Sie spürte Jakes Blick auf ihrem Rücken, und seine Nähe brachte ihre Haut zum Prickeln, besonders als sie im Flur waren und Jake sie am Ellenbogen fasste, um sie zum Ausgang zu begleiten.

Es war nur eine leichte Berührung, die ihr Herz jedoch zum Rasen brachte und sie spüren ließ, dass sie eine Frau mit körperlichen Bedürfnissen war.

Bei einem Mann wie Jake war sie verloren. Er war zu dynamisch, zu sexy und zu sehr Macho, und er brachte sie dazu, Sehnsüchte zu empfinden, die sie noch bei keinem Mann gehabt hatte. Das einzige, was sie verband, war Jaicey, ansonsten hatten sie nichts gemeinsam. Außerdem hatte er sicher viel mehr sexuelle Erfahrung, als Marla je haben würde.

Jake war ein Mann, der die Gefühle einer Frau in Aufruhr brachte, aber der ihr auch das Herz brechen würde, sobald die anfängliche Anziehungskraft nachgelassen hatte. Sie hatte das schon bei anderen Menschen beobachtet, und sie wollte lieber für den Rest ihres Lebens allein bleiben, als unter Liebeskummer leiden und mit einer schweren Enttäuschung fertig werden zu müssen.

Egal, welche naiven Vorstellungen Jaicey auch hatte, ein erfahrener und wohlhabender Mann wie Jake würde niemals mit Marla eine Affäre anfangen. Trotzdem musste sie vorsichtig sein. Es gab nichts Schlimmeres, als sich nach einem Mann zu verzehren, den man entweder nicht haben konnte, oder dem man in einer Beziehung nicht gewachsen war. Auf Jake Craddock traf sicher beides zu.

Es schien ewig zu dauern, bis sie aus dem Apartmenthaus kamen und zu Jakes Pick-up auf der anderen Straßenseite gingen. Endlich öffnete er die Beifahrertür und half ihr beim Einsteigen. Als er die Tür schloss, atmete Marla erleichtert aus.

Bevor sie nach Texas kam, hatte Marla noch nie in einem Pick-up gesessen, aber solche geländegängigen Wagen gefielen ihr gut. Jake ging zur Fahrerseite. Ihr eigener Wagen war klein, und sie genoss es, in Jakes Pick-up höher zu sitzen und einen guten Überblick zu haben.

Außerdem bot der Pick-up mehr Platz als ihr Kleinwagen, und da sie von Jakes kraftvoller Erscheinung ziemlich überwältigt war, fand sie es nur angenehm, nicht zu dicht neben ihm zu sitzen. Wenigstens im Moment. Vielleicht würde sie sich ja irgendwann an ihn gewöhnen und wäre sich nicht mehr jeder seiner Bewegungen bewusst. Dann würde ihr Körper sicher auch nicht mehr so heftig auf seine Berührungen reagieren.

Die Zeit, die Marla mit Jake verbrachte, führte aber keineswegs dazu, dass sie sich in seiner Nähe entspannen konnte. Im Gegenteil, sie reagierte noch empfindlicher auf ihn.

Er benahm sich wie ein vollendeter Gentleman und informierte sie über die Geschichte von Coulter City und der näheren Umgebung, erwähnte Orte, die sie besichtigen sollte und bot ihr an, sie am übernächsten Wochenende herumzuführen.

Weil sie von diesem veränderten Jake angetan war, achtete Marla kaum darauf, wie ihr Nusskuchen schmeckte. Sie war fast überrascht, als die Kellnerin kam, um die leeren Teller abzuräumen.

Während sie noch eine Tasse Kaffee tranken, lud Jake sie offiziell ein, das Wochenende auf der Ranch zu verbringen.

„Ich habe noch nie gecampt“, gab Marla zu. „Schlaft ihr in Zelten?“ Da sie sich in Jakes Gesellschaft wohlfühlte, war sie unbewusst zum vertrauten Du übergegangen, was ihn jedoch nicht zu stören schien.

Sie war nicht sicher, ob sie unter freiem Himmel schlafen könnte, und eigentlich sollte sie gar nicht daran denken, zur Ranch zu fahren, aber Jake gefiel ihr immer besser.

„Mein Vater und ich schlafen normalerweise unter freiem Himmel, aber du und Jaicey, ihr werdet im Zelt schlafen. Ihr könnt auch Feldbetten haben, wenn ihr wollt. Jaicey kocht am Lagerfeuer. Das ist übrigens der einzige Ort, wo sie gern kocht.“

„Was macht ihr noch, außer draußen oder im Zelt zu schlafen und am Lagerfeuer zu kochen?“, fragte sie, aber er konnte nicht antworten, weil sein Handy klingelte.

Marla blickte in ihre Tasse, als er den Anruf entgegennahm, weil sie ihm so etwas wie Privatsphäre geben wollte. Da spürte sie seine innere Anspannung und sah in sein Gesicht.

Seiner Miene konnte sie nichts entnehmen, aber er sah sehr ernst aus. Plötzlich wirkte er schockiert, und dieses Zeichen von Verletzlichkeit erschreckte Marla. Dann sprang er von seinem Stuhl auf und wühlte in einer Hosentasche nach Geld. „Ich bin sofort da“, sagte er ins Telefon und beendete das Gespräch.

Marla griff nach ihrer Handtasche und stand ebenfalls auf.

Jake warf einen Geldschein auf den Tisch und steckte das Telefon in seine Jeans.

„Ein Notfall in der Familie. Ich muss dich nach Hause bringen.“

Marla bekam Angst. „Dann fahr schon los. Ich komme auch allein nach Hause.“

„Nein, ich bringe dich zurück“, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, nahm sie am Arm und ging mit ihr zur Tür.

Marla musste beinahe laufen, um mit ihm Schritt zu halten.

Als sie in den Pick-up stiegen, wollte sie unbedingt wissen, ob irgendetwas mit Judd oder Jaicey passiert war. Sie hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil sie insgeheim hoffte, dass es Judd war, aber sie konnte nicht dafür.

Jake ließ den Motor an und beobachtete den Verkehr, bevor er losfuhr.

„Ist es dein Vater?“, fragte sie, als er beschleunigte.

Sein ungeduldiges Kopfschütteln machte ihr noch mehr Angst. „Es geht um Jaicey. Sie hatte einen Autounfall.“

Alles um Marla herum schien sich plötzlich zu drehen, und sie legte eine Hand an die Schläfe, als wolle sie sich stützen. Ihr Adoptivvater war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und das war der Anfang vom Ende ihrer kleinen Familie gewesen.

„Weiß man schon Näheres über ihren Zustand?“, erkundigte sie sich, obwohl sie die Antwort zu kennen glaubte. Jakes Stimme war nur noch ein leises Knurren. „Es sieht schlecht aus.“

Einige Sekunden setzte ihr Verstand aus, während sie sich verzweifelt dagegen wehrte, in Ohnmacht zu fallen.

3. KAPITEL

Marla blickte verwirrt nach vorn. Sie hatte plötzlich furchtbare Verlustängste. Als der Pick-up langsamer wurde, merkte sie, dass sie in ihre Straße einbogen. Am liebsten hätte sie Jake gebeten, schnell weiterzufahren.

„Du brauchst mich nicht nach Hause zu bringen“, sagte sie. „Bitte, fahr gleich ins Krankenhaus.“

„Ich möchte mir aber keine Sorgen machen müssen, wie du nach Hause kommst“, erwiderte er.

Seine Stimme klang barsch, und Marla fühlte sich verletzt. Sie hätte besser nichts sagen sollen. Offensichtlich war Jake ziemlich mitgenommen, und sie hatte nur an sich gedacht. Natürlich würde er jetzt nicht gern einen Außenstehenden an seiner Seite haben.

Es schmerzte Marla, dass sie zu Hause bleiben sollte, während Jaiceys Leben in Gefahr war. Sie konnte Jake nicht einmal in ihrem eigenen Wagen hinterherfahren, denn sie merkte, dass er sie gar nicht im Krankenhaus dabeihaben wollte.

Warum sollte er auch? Schließlich kannten sein Vater und er sie kaum, und sie schämte sich, wenn es so aussehen sollte, als wolle sie sich aufdrängen. Vielleicht war Jake auch immer noch nicht mit ihrer Freundschaft zu Jaicey einverstanden, obwohl sie einige schöne Stunden miteinander erlebt hatten und sich etwas nähergekommen waren.

Gerade eben hatte sie noch gedacht, dass sie wirklich einen sehr angenehmen Abend verbracht hatte, obwohl gerade sie sich nicht täuschen lassen sollte.

Jaicey könnte sterben …

Diese schreckliche Vorstellung beherrschte ihre Gedanken, und ihr Magen war völlig verkrampft. Als Jake vor ihrem Haus anhielt, stieg sie sofort aus. Sie wollte zur Eingangstür laufen, aber sie stand zu wacklig auf den Beinen.

Ihr war übel, und ihre Arme und Beine fühlten sich schlapp an. In ihrer Wohnung wurde ihr so schlecht, dass sie es kaum bis noch ins Badezimmer schaffte. In der nächsten Stunde saß sie auf der Kommode im Bad, wusch sich ständig Gesicht und Hals mit kaltem Wasser und betete wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Wenn sie ihr Leben für Jaiceys geben könnte, würde sie das ohne zu zögern tun. Es war nicht fair, dass die hübsche, lebensfrohe Jaicey schwer verletzt war und so jung sterben könnte. Ihr Leben bedeutete vielen Menschen etwas, besonders ihrer Familie. Jaicey hatte noch so viel vor sich, für das es sich zu leben lohnte.

Es war so ungerecht, dass Jaicey um ihr Leben kämpfen musste, während Marla nutzlos in ihrem Bad saß und sich schuldig fühlte, weil es ihr gut ging.

Sie hatte niemanden außer Jaicey und im Gegensatz zu ihr auch weder größere Ziele noch bedeutende Zukunftspläne. Wenn schon eine von ihnen sterben sollte, warum dann nicht sie?

Bitte, Gott …

Und was war mit Judd? Er war sicher völlig mit den Nerven am Ende. Jaicey hatte Angst gehabt, ihm ihr Geheimnis mitzuteilen, aber dieser Unfall war tausendmal schlimmer als irgendein Geständnis.

Vielleicht war Jaicey ja doch nicht so schwer verletzt, wie Jake zuerst geglaubt hatte. Möglicherweise stellte er im Krankenhaus fest, dass ihr Zustand nicht besorgniserregend war. Marla war sich jedoch nicht sicher und dachte wieder an Judd.

Bitte, Gott, er ist so ein liebenswerter Mann.

Schließlich hatte sie sich so weit erholt, dass sie ins Wohnzimmer gehen und sich auf das Sofa setzen konnte. Sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, Näheres über den Unfall zu erfahren.

Bei einem lokalen Nachrichtensender verkündete ein Sprecher die Meldungen mit ernster Stimme: „Ein schwerer Unfall kostete drei Menschen das Leben, eine vierte Person schwebt noch in Lebensgefahr.“

Marlas Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie sah eine Straßenkreuzung gleich hinter der Autobahnausfahrt in Coulter City, wo zwei Autos in einen Sattelschlepper gefahren waren.

Nach Zeugenaussagen hatte der LKW an der Ampel gehalten, der Wagen hinter ihm ebenfalls. Ein zweites Fahrzeug war von der Ausfahrt auf den ersten Wagen aufgefahren, der wiederum in den Sattelschlepper geschoben wurde. Die Geschwindigkeit des Aufpralls war so hoch, dass der erste Wagen völlig und der zweite Wagen bis zum Lenkrad zusammengeschoben wurden.

Man konnte nicht mehr erkennen, ob eines der Autos Jaiceys gehörte, dazu waren sie zu beschädigt. Wie hätte jemand in diesen Wracks überleben können?

Marla merkte gar nicht, dass sie eines ihrer Kissen nahm und gegen ihre Brust presste. Sie starrte wie gebannt auf den Bildschirm und konnte kaum atmen, bis die Nachrichten vorüber waren.

„Die Namen der Opfer wurden noch nicht bekannt gegeben, da erst die Familien informiert werden … Ein tragischer Abend in Coulter City …“

Marla wurde sehr traurig. Sie versuchte sich einzureden, dass Jaicey nicht in diesen Unfall verwickelt gewesen war, aber insgeheim wusste sie, dass es doch der Fall war. Die Vorstellung, dass Jaicey irgendwo in einem dieser Wracks gesteckt hatte, war mehr, als sie ertragen konnte.

Wenn die Bilder in den Nachrichten ihr schon so zugesetzt hatten, wie mochte es dann erst Jake und Judd gehen? Ihre Augen brannten, und ihre Kehle war ausgetrocknet. Der Kummer schien sie fast zu ersticken, aber sie konnte nichts dagegen tun. Zum Weinen war sie zu schockiert.

Ich habe das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft, Marlie.

Das waren Jaiceys Worte gewesen, und Marla hatte genauso empfunden – seit dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten. Marla begann zu zittern.

Judds Gesicht war ganz grau. Jake beobachtete seinen Vater aufmerksam, während sie im Wartezimmer saßen. Connie Lane war auch bei ihnen. Nachdem er die pensionierte Kinderfrau um Hilfe gebeten hatte, machte Jake sich nicht mehr ganz so viele Sorgen um seinen Vater. Connie hatte viel Erfahrung mit Notfällen in der Familie, und es gab niemanden, der einen so beruhigenden Einfluss auf Judd ausübte.

Jaicey war immer noch im OP, und sie würde wohl fast die ganze Nacht hindurch operiert werden. Sie hatte eine Kopfverletzung, innere Blutungen, Knochenbrüche und einen Lungenkollaps. Bei dem Unfall hatte sie viel Blut verloren, aber Connie wies darauf hin, dass Jaicey jung und stark war und um ihr Leben kämpfen würde. Jake betete, dass Connie recht hatte.

Bevor sein Vater gekommen war, hatte Jake noch mit dem Polizeibeamten gesprochen, der im Krankenhaus mit ihnen reden wollte. Sie waren in ein leeres Wartezimmer gegangen, um verschiedene Dinge zu klären.

Nach dem Bericht des Polizisten waren drei betrunkene Jugendliche über die Autobahn gerast, und die Polizei wollte gerade die Verfolgung aufnehmen, als der Wagen vier Spuren überquerte und förmlich in die Ausfahrt schoss.

Der Unfall geschah, kurz bevor der Polizeiwagen die Ausfahrt erreichte, sodass der Beamte nur noch Feuerwehr und Krankenwagen anfordern konnte. Ein anderer Polizist hatte die Ausfahrt gesperrt, während die Feuerwehrleute Jaicey mit einer Hydraulikschere aus ihrem Wagen befreiten.

„Sie kann von Glück sagen, dass sie noch lebt“, hatte der Polizist gemeint. Die drei jungen Männer waren entweder sofort beim Aufprall oder kurz danach ums Leben gekommen.

Nachdem der Polizist eine Karte mit den Unfalldaten abgegeben hatte und weggegangen war, hatte Jake eine Zeit lang in dem leeren Wartezimmer gesessen. Er schaltete den Fernseher ein, wo gerade die Nachrichten gesendet wurden.

Wie der Polizist schon erklärt hatte, war ein Filmteam zum Unfallort gekommen, nachdem die Feuerwehr mit den Rettungsarbeiten angefangen hatte. In den Nachrichten hatte man nur den Unfallort gezeigt. Jaiceys Fahrzeug war unter den Sattelschlepper geschoben worden. Dass sie überlebt hatte, war schon ein Wunder, aber jetzt wurden noch weitere Wunder benötigt …

Inzwischen waren mehrere Stunden verstrichen, nachdem Jake wieder zu seinem Vater und Connie gegangen war. Jake blickte erst seinen Vater und dann die Wanduhr an, die vier Uhr zeigte.

Er fühlte sich hilflos und so traurig wie noch nie in seinem Leben. Ruhelos stand er auf, um sich bei den Krankenschwestern nach Jaiceys aktuellem Zustand zu erkundigen. Wahrscheinlich würde er nur eine geduldige, neutrale Antwort erhalten, aber er musste irgendetwas unternehmen.

Jake wartete ab, bis er Blickkontakt mit Connie hatte. Sie schien seine Gedanken zu lesen und nickte ihm kurz zu, während sie Judd über die Schultern strich.

Judd starrte vor sich hin, und er sah plötzlich zwanzig Jahre älter aus. Der große starke Mann, der unbezwingbar zu sein schien, selbst wenn er krank war, wirkte nun gefährlich schwach.

Seine Tochter, die die große Freude seines Lebens war, kämpfte um ihr Leben und hatte noch einen langen Weg der Genesung vor sich, selbst wenn sie überlebte. Jake wusste genau, dass sein Vater es nie verwinden würde, wenn er Jaicey verlöre.

Seine Hilflosigkeit wurde noch schlimmer. Das tatenlose Herumsitzen brachte ihn noch um den Verstand. Er musste unbedingt etwas tun. Als er zum Schwesternzimmer ging, sah er kurz Marlas betroffenen Gesichtsausdruck vor sich, als er von einem Notfall gesprochen hatte, aber danach dachte er nicht mehr an sie.

Erst nach halb sechs konnte Marla einschlafen, aber als sie beim Aufwachen einen Blick auf die antike Holzuhr warf, die sie selbst aufgearbeitet hatte, sah sie, dass sie gerade mal zwanzig Minuten geschlafen hatte.

Immer noch müde stand sie vom Sofa auf und bewegte die Arme, damit ihr warm wurde. Schon vor Stunden hätte sie die Klimaanlage herunterstellen müssen. Sie hätte eine Decke nehmen oder sich ins Bett legen sollen.

Inzwischen hätte sie längst etwas über Jaicey hören müssen. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zur Schwester zurück. War Jaicey stark genug, um eine Operation zu überstehen? Oder war es zu spät, sie zu retten? Hatte sie die Nacht überlebt? Oder war es denkbar, dass Jaiceys Verletzungen gar nicht so schwer waren, wie man ursprünglich angenommen hatte?

Egal, wie sich die Dinge mit Jaicey entwickelt hatten, Jake würde Marla wahrscheinlich nicht anrufen. Gestern Abend hatte sie gemerkt, dass er immer noch nicht ganz damit einverstanden war, dass sie Kontakt zu seiner Familie hatte, auch wenn er vor dem Anruf sehr freundlich gewesen war.

Vielleicht schätzte sie ihn auch vollkommen falsch ein, und er konnte schlecht mit Menschen umgehen, wenn er unter Schock stand. Möglicherweise wurde er doch nicht mit allem fertig, wie sie zuerst angenommen hatte. Andererseits hatte er mit ihr darüber gesprochen, das Wochenende auf der Ranch zu verbringen, so als habe er sie als Freundin der Familie akzeptiert.

Wenn sie eine von Jaiceys Freundinnen gewesen wäre, mit denen Jake einverstanden war, dann hätte er vielleicht Zeit für einen kurzen Anruf gefunden, oder jemanden gebeten, sie zu benachrichtigen. Aber er hatte nichts dergleichen getan. Als ob Marla ihm nicht wichtig genug sei … Diese Gedanken waren schmerzlich, aber sie konnte trotzdem nicht schlecht von ihm denken. Er wusste überhaupt nicht, wie sie zu Jaicey stand, und offensichtlich waren die Ähnlichkeiten zwischen ihr und ihrer Schwester so gering, dass er bisher keinen Verdacht geschöpft hatte.

Marla zwang sich zu duschen, trocknete sich geistesabwesend die Haare ab, putzte die Zähne und schminkte sich ein bisschen. Sie wählte eine pinkfarbene Bluse zu einem schwarzen Rock mit kleinen pinkfarbenen Blumen aus, um ihre Stimmung zu heben. Danach schlüpfte sie in Pumps, nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zur Arbeit.

Heute war sie an der Reihe, beim Bäcker die Bestellung für das Büro abzuholen. Als besonderes Extra für den Freitagmorgen besorgte sie noch Sahne und Kakao. In der Kanzlei brachte sie ihre Pakete in den Pausenraum, sah kurz in die Zeitung und las den Artikel über den Unfall. Jaiceys Name wurde erwähnt, aber es gab keinerlei Informationen über ihren Zustand. Wahrscheinlich hatte man vor Redaktionsschluss noch keine weiteren Neuigkeiten gehabt.

Marla wollte unbedingt glauben, dass Jaicey noch lebte. Es fiel ihr schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und sich normal zu verhalten. Sie wusste nicht, wie ihr beides gelingen sollte, aber niemand kritisierte sie heute, sodass sie wohl alles richtig gemacht hatte.

Sie musste sich zusammenreißen, um nicht auf der Ranch anzurufen und sich nach Jaiceys Zustand zu erkunden. Am liebsten wäre sie dort hingefahren. Aber da sie ihre Stelle noch nicht lange genug hatte, konnte sie es sich nicht erlauben, früher zu gehen, selbst wenn sie noch so schlechte Nachrichten erhielt. Natürlich wäre es anders, wenn sie ihrem Arbeitgeber erklären könnte, dass sie Jaiceys Schwester war. Da Marla jedoch nichts sagen durfte, musste sie bis zum Feierabend um fünf Uhr warten.

Die Anspannung ließ die Stunden unsäglich langsam vergehen, und Marla konnte sich kaum konzentrieren. Sie arbeitete die Mittagspause durch und ging erst um halb sieben aus dem Büro.

Vollkommen erschöpft fuhr sie nach Hause, und nur die Hoffnung auf eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hielt sie wach. Nachdem sie in der letzten Nacht fast nicht geschlafen hatte, konnte sie sich jetzt kaum noch auf den Beinen halten. Als sie endlich einen Parkplatz vor ihrer Wohnung gefunden hatte, blieb sie zunächst sitzen und atmete tief durch.

Dann stieg sie langsam aus ihrem Wagen und ging zum Hintereingang des Wohngebäudes. Die Bewegung tat ihr gut, und sie wurde etwas wacher.

In ihrer Wohnung ging sie sofort zum Anrufbeantworter. Leider hatte niemand eine Nachricht für sie hinterlassen. Deshalb wählte sie die Nummer der Craddock-Ranch.

Beim dritten Versuch ging die Haushälterin Miss Jenny ans Telefon. Ihre Stimme war so ruhig wie immer, und Marlas Aufregung legte sich etwas.

„Hallo, Miss Jenny“, begann sie. „Hier ist Marla Norris. Ich war mit Mr. Craddock zusammen im Café, als er vom Unfall erfuhr. Jetzt hätte ich gern gewusst, wie es Jaicey geht.“ Vor Sorge um die Schwester wurde ihr Mund ganz trocken. Angespannt wartete sie auf die Antwort.

„Jaicey hat die Operation gut überstanden“, antwortete die Haushälterin schnell, als wolle sie Marla nicht länger auf die Folter spannen. „Soviel ich weiß, hält sie sich gut. Der Arzt sagt, dass wir in den nächsten achtundvierzig Stunden mehr wissen werden. Es tut mir leid, dass ich Sie noch nicht früher informiert habe, aber das Telefon klingelt den ganzen Tag. Außerdem wollte ich Sie selbst sprechen und nicht bloß eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.“

Marlas Knie wurden weich, und sie musste sich auf die Bettkante setzen. Sie war froh, dass Jaicey noch lebte, aber sie machte sich gleichzeitig große Sorgen, weil noch nicht sicher war, ob ihre Schwester überleben würde.

„Ist ihr Zustand so … schlecht?“ Bei diesen Worten wurde ihr übel.

Miss Jenny sprach nun leiser. „Ziemlich schlecht, meine Liebe“, erwiderte sie. „Aber wir geben nicht auf. Mr. Jake und Mr. Judd sind entweder im Krankenhaus oder in der Stadt, sodass zumindest immer einer von ihnen in ihrer Nähe ist. Heute Abend werde ich sicher etwas Neues von ihnen hören. In der Zwischenzeit sollten wir viel beten, denn das ist das einzige, was wir jetzt für Jaicey tun können.“

Davon war Marla nicht ganz so überzeugt, aber sie wollte kein Mittel unversucht lassen. „Ja, das ist wohl das Beste“, meinte sie schließlich, um ihre Zweifel zu bekämpfen und sich selbst davon zu überzeugen, dass ein Gebet wirklich helfen konnte.

„Ich glaube, dass noch mehr Freunde anrufen werden“, fuhr Jenny fort. „Lassen Sie uns jetzt lieber Schluss machen, aber ich rufe Sie sofort an, wenn ich etwas Neues weiß. Ist das für Sie in Ordnung? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte Sie keinesfalls abwimmeln.“

„Ja, danke, Miss Jenny, vielen Dank. Sie können mich jederzeit anrufen, ganz egal, wie spät oder wie früh es ist.“ Sie verabschiedeten sich voneinander, und Marla legte auf.

Dann zog sie die Schuhe aus und blieb einen Moment sitzen. Solange Jaicey lebte, gab es noch Hoffnung.

Sie zwang sich aufzustehen und ging in die Küche, um etwas zu essen vorzubereiten, obwohl sie überhaupt keinen Appetit hatte. Noch immer trug sie ihre Bürokleidung. Sie ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, um die Spätnachrichten zu sehen.

Eigentlich hätte sie sofort duschen sollen, aber stattdessen setzte sie sich in einen Sessel. Sie sank in die weichen Kissen und entspannte sich. Schon bald fielen ihr die Augen zu, und die Nachrichten waren nur noch ein leises Murmeln im Hintergrund.

Jake wollte nichts anderes tun, als mit dem Pick-up bei geöffnetem Fenster durch Coulter City zu fahren. Fast vierundzwanzig Stunden hatte er im Krankenhaus verbracht, genau wie sein Vater. Connie hatte Judd endlich überredet, sich ins Bett zu legen, aber er hatte sich geweigert, das Krankenhaus ohne Jake zu verlassen. Schließlich waren sie alle zu ihrem Haus gefahren.

Jake hatte dort kurz geduscht und frische Sachen angezogen, die er aus dem Koffer geholt hatte, den Miss Jenny ihm in die Stadt geschickt hatte. Trotzdem konnte er es in Connies Haus nicht aushalten. Zur Ranch wollte er auch nicht fahren, da sie zu weit vom Krankenhaus entfernt lag. Außerdem hatte er zu lange in geschlossenen Räumen verbracht. Nun brauchte er unbedingt frische Luft.

Er hatte gehofft, beim Fahren auf andere Gedanken zu kommen. Vergeblich. Ständig musste er an seine schwer verletzte Schwester denken. Aber sie kämpfte um ihr Leben – war schon immer eine Kämpferin gewesen – und das gab ihm Hoffnung.

Es war nach elf, als er merkte, in welche Straße er eingebogen war. Als ob sein Pick-up einen eigenen Willen hätte, bog er in die Einfahrt zu Marlas Apartmenthaus und fuhr auf den hinteren Parkplatz.

Ganz unwillkürlich fiel sein Blick auf Marlas Tür. Die Vorhänge waren geöffnet, und der Fernseher lief. Jake hielt den Wagen an. Es gab ihm einen Stich, als er sah, dass sie in einem Sessel saß, der zur Tür zeigte. Wie auf dem Präsentierteller. Alle Leute konnten sie so sehen, besonders die aufregenden Beine, die durch das Licht des Fernsehers in der Dunkelheit besonders hervorgehoben wurden. Schützten die Frauen aus der Stadt ihre Privatsphäre nicht besser?

Er hatte natürlich absolut keinen Grund, sich über Marla zu ärgern, aber er konnte nichts dagegen tun. Außerdem hatte er ein schlechtes Gewissen. Was auch immer er von ihrer Freundschaft mit Jaicey hielt, er hätte sie heute anrufen müssen. Marla schien wirklich freundschaftliche Gefühle für seine Schwester zu haben – jedenfalls war Jaicey davon überzeugt – aber niemand kannte sie richtig gut.

Jake glaubte nicht, dass sie von Chicago in eine kleine Stadt in Texas gezogen war, um ihrer Familie näher zu sein. Er hatte noch nichts von einem Mitglied der Familie Norris gehört, das zu einem Besuch nach Coulter City gekommen war, und er war sich ziemlich sicher, dass Marla auch niemanden besucht hatte.

Niemand von den Norris’ in der Stadt kannte sie, und Jaicey hatte ebenso ungenaue Angaben über den Wohnort der Familie gemacht wie Marla selbst. Könnte sie vor jemanden aus dem Norden geflohen sein? Und hatte sie gleich am ersten Tag in der Stadt Kontakt zu Jaicey bekommen?

Marla Norris war überaus vorsichtig, und sie mochte keine Fragen. Sie war aber auch keine gute Lügnerin. Denn sie errötete, wenn sie sich um eine klare Antwort wand. Sie schien sie sich für ihre vagen und vielleicht unwahren Äußerungen zu schämen. Offenbar hatte sie viel zu verbergen. Deshalb vermutete Jake, dass sie vor irgendetwas auf der Flucht war.

Warum war er dann hier? Weshalb beobachtete er sie jetzt? Fast schien es, als würde er nach einem Vorwand suchen, um an ihre Tür zu klopfen. Gereizt fuhr er um das Haus herum, bevor er seinen Wagen auf die Straße lenkte.

Er hatte vor, weiterzufahren und Marla Norris zu vergessen, aber aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht begriff, stellte er seinen Wagen auf einem freien Parkplatz ab.

4. KAPITEL

Das laute Klingeln weckte Marla. Hektisch griff sie nach dem Telefon. Es dauerte eine Weile, bevor sie merkte, dass nicht das Telefon geklingelt hatte, sondern die Türglocke. Als sie auflegte, sah sie auf die Uhr. Zwanzig nach elf. Wieder klingelte es, und sie ging zur Sprechanlage.

„Ja?“

Eine männliche Stimme antwortete: „Jake Craddock. Lässt du mich noch hinein, oder ist es schon zu spät?“

Erst schlug Marlas Herz vor Freude schneller, aber dann erschrak sie. Warum stand Jake um diese Zeit vor ihrer Tür? Die Angst um Jaicey wurde wieder stärker. „Nein, es ist noch nicht zu spät“, erwiderte sie hastig und betätigte den Türöffner, um Jake ins Haus zu lassen.

Marla war jetzt viel zu nervös, um auf Jakes Klopfen zu warten. Sie öffnete die Wohnungstür und warf einen Blick in den Flur, als Jake auch schon kam. Gespannt versuchte sie, in seinem Gesichtsausdruck einen Hinweis auf Jaiceys Zustand zu erkennen, aber ihr fiel nur auf, wie erschöpft Jake aussah. Der große und sonst so unerschütterliche Texaner machte einen niedergeschlagen Eindruck, und das berührte sie sehr.

Als er näher kam, wurde sie noch nervöser, denn sein Blick wirkte trostlos. Diese Ungewissheit quälte sie. Sie hielt es keinen Moment mehr aus. Was war mit Jaicey? „Jake – wird sie durchkommen?“

Er nahm sie sanft am Arm und ging mit ihr in die Wohnung. Diese Geste zeigte, dass er Körperkontakt brauchte, und Marla fühlte sich wie eine vertraute Freundin.

„Ihr Zustand ist stabil.“

„Gott sei Dank“, atmete Marla auf. „Als ich gerade dein Gesicht sah …“ Sie unterbrach sich.

Verwirrt durch die Nähe und durch die Berührung von Jakes warmen Fingern auf ihrem Arm, wich sie einen Schritt zurück, als Jake die Tür hinter ihnen schloss und seinen Hut abnahm. Selbst ohne den Stetson war er noch viel größer als sie, und seine Ausstrahlung war so stark, dass Marla für einen Moment sogar ihre Sorgen um Jaicey vergaß. Aber nur für einen Moment. „Stabil … das ist doch gut, oder?“

„Besser“, räumte er ein, als er seinen Hut auf dem kleinen Tisch ablegte.

„War sie in den Unfall verwickelt, der gestern in den Nachrichten gezeigt wurde?“

„Leider ja.“

„Was hat sie für Verletzungen? Gehirnerschütterung? Knochenbrüche?“

Da sie endlich mit jemandem reden konnte, der mit den Ärzten gesprochen und Jaicey mit eigenen Augen gesehen hatte, musste Marla alle möglichen Fragen loswerden. Und zwar sofort. Sie kam gar nicht auf die Idee, Jake ins Wohnzimmer zu bitten. Neuigkeiten von Jaicey waren jetzt wichtiger als gute Manieren.

„Ja, alles. Und schwere innere Verletzungen. Am schlimmsten ist die Kopfverletzung.“

„Hast du deine Schwester gesehen?“, wollte Marla wissen. „Ist sie bei Bewusstsein?“

Jake schüttelte leicht den Kopf und fuhr sich mit einer Hand durch das dunkle Haar. Wahrscheinlich war das ein Zeichen seiner inneren Unruhe.

„Ja, ich habe sie gesehen“, antwortete er, wobei er den direkten Blickkontakt mit Marla vermied. „Vielleicht wird sie tage- oder wochenlang im Koma bleiben. Es kann Monate dauern, bis es ihr wieder besser geht, falls …“

Er brach ab, um die Worte „falls sie überlebt“ nicht auszusprechen, aber Marla schien es so, als habe er sie tatsächlich gesagt, und sie bekam wieder Angst um ihre Schwester.

„Aber ihr Zustand ist doch stabil“, platzte sie heraus. „Das hast du doch gerade gesagt.“ Sie merkte gar nicht, dass sie Jake am Arm gepackt hatte, bis sie seine Körperwärme unter ihren Händen spürte.

Er bedeckte ihre Hand mit seiner und drückte ihre Finger. „Richtig“, betonte er. „Ihr Zustand ist stabil.“ Jetzt sah er Marla in die Augen, und es schien ihr fast so, als wolle er sich selbst Mut machen. „Zum Glück ist Jaicey kräftig und willensstark, und sie liebt das Leben zu sehr, als dass sie einfach aufgibt.“

Das klang doch recht zuversichtlich, und Marla schöpfte neue Hoffnung. „Außerdem liebt das Leben sie. Sie darf uns noch nicht verlassen, bevor sie nicht mindestens neunzig Jahre alt geworden ist.“

„Sagen wir hundert.“

Während beide intensiv an Jaicey dachten, hielten sie sich immer noch fest an den Händen.

Marla konnte ihre Gefühle dabei gar nicht benennen – wagte es auch nicht –, aber sie war sich sicher, dass Jake die starke Verbindung zwischen ihnen auch spürte. Ihr wurde ganz schwach in den Knien, und sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden oder seine Hand loslassen. Es schien, als könne er in ihr Herz sehen, und sie kam sich sehr verletzlich und schutzlos vor.

Endlich konnte sie den Blickkontakt unterbrechen, aber als sie die Hand wegziehen wollte, presste Jake sie an sich. Mit der anderen Hand umfasste er ihre Taille.

Die Luft zwischen ihnen schien plötzlich zu vibrieren, und Marla konnte kaum atmen. Die Wärme, die von Jakes kräftigem Körper ausging, durchdrang ihre Kleidung, und ihr wurde ganz heiß. Als sie zu ihm aufblickte, spürte sie einen angenehmen Schauer, und sie sehnte sich danach, Jake ganz nahe zu kommen.

Weil Marla so erschöpft und es schon spät geworden war, wirkte dieser magische Augenblick auf sie unwirklich, und sie wurde plötzlich wieder in die Gegenwart zurückgeholt.

Jakes Blick war feurig und intensiv, und Marla bemerkte sein heftiges Verlangen.

Hatten sie denn beide den Verstand verloren? Oder war sie so müde, dass sie alles nur träumte?

Abrupt zog Marla sich zurück und war entsetzt über das, was hier auf einmal zwischen ihnen passierte, während Jaicey im Krankenhaus auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfte.

Eine tolle Schwester war sie! „Ich bin müde“, brachte sie heraus und kam sich dumm vor. „Es tut mir leid, aber ich war kurz vor dem Einschlafen.“

Was für eine idiotische Bemerkung – und auch noch gelogen. Aber sie brauchte jetzt unbedingt Abstand zu Jake Craddock. Da kam ihr ein unangenehmer Gedanke. Hatte sie sich vielleicht nur etwas eingebildet? Oder falsch gedeutet? Sie wusste doch, dass Jake bisher nicht viel für sie übrig gehabt hatte. Nein, sie musste sich getäuscht haben.

Vor Verlegenheit wurde sie rot. Jake war nur gekommen, um ihr über Jaiceys Zustand zu berichten, und dafür sollte sie ihm danken und sich so schnell wie möglich von ihm verabschieden. Das wäre vernünftig.

„Sicher bist du auch völlig erschöpft“, fuhr sie fort. „Deshalb halte ich dich jetzt nicht länger auf. Vielen Dank, dass du mich informiert hast.“

Für einen kurzen Moment verzog sich Jakes Mund zu einem Lächeln. „Du willst mich wohl loswerden“, stellte er fest, und Marla wurde noch heißer. Seine Stimme klang rau. „Aber du hast recht, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

Er ließ sie los und griff nach seinem Stetson, während sie über seine Bemerkung nachdachte. Es war nicht der richtige Zeitpunkt … wofür?

Jake öffnete die Wohnungstür und sah Marla noch einmal ernst an. „Vergiss nicht, die Vorhänge zuzuziehen, wenn es dunkel wird. Man weiß nie, wer dich beobachten und auf dumme Gedanken kommen könnte.“

Einen Moment lang war sie überrascht und sah ihn fragend an.

„Mach einfach die verdammten Vorhänge zu“, fügte er barsch hinzu, bevor er hinausging und Marla verwirrt zurückließ.

Sie hatte das Gefühl, dass sie ihre Muttersprache nicht mehr beherrschte. Oder hatte sie Jake missverstanden? Und wie war es zu dem plötzlichen Stimmungswechsel gekommen?

Während sie die Vorhänge zuzog und den Fernseher ausschaltete, versuchte sie zu analysieren, was in den letzten Minuten geschehen war. Sie wunderte sich, dass der Fernseher die ganze Zeit lief, während Jake bei ihr gewesen war, und das beunruhigte sie. Kaum war er in ihrer Wohnung, da wollte sie bloß wissen, wie es Jaicey ging, und als sie das erfahren hatte, hatte sie nur noch Augen für Jake. Alles, was um sie herum geschah, hatte sie nicht mehr registriert.

Marla war froh, dass Jaicey noch lebte und ihr Zustand offenbar so stabil war, dass Jake das Krankenhaus verlassen konnte, um Marla persönlich zu informieren.

Sie war zu müde, um noch zu duschen, und zog nur schnell einen Schlafanzug an, legte sich ins Bett und machte das Licht aus. Vor dem Einschlafen dachte sie noch einmal an jedes Wort von Jake und versuchte zu verstehen, was er gesagt hatte. Und wie er sie dabei angesehen hatte … da wurde ihr jetzt noch heiß.

Die Vorstellung, dass Jake Craddock sich zu ihr hingezogen fühlte, beunruhigte sie. Aber bevor sie länger darüber und über mögliche Folgen nachdenken konnte, war sie schon vor Erschöpfung eingeschlafen.

Am nächsten Tag war Samstag, aber Marla wachte trotzdem nur einige Minuten später auf als an einem Arbeitstag. Sie hatte tief geschlafen und war jetzt richtig ausgeruht, als sie mit der Hausarbeit begann. Sie stellte die Waschmaschine an und schrieb eine Einkaufsliste, bevor sie das Haus verließ.

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