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BIANCA EXKLUSIV BAND 266

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Ein neues Leben – an deiner Seite

1. KAPITEL

Ein eisiger Wind fegte über die Landstraße.

Breena Quinlan presste die Tüte mit Lebensmitteln an ihre dünne Jacke. Hinter ihr näherte sich ein LKW, seine Scheinwerfer leuchteten auf.

Denk an irgendetwas, und achte nicht darauf, dass der LKW langsamer wird!

Sie beugte den Kopf, um sich vor dem kalten Wind zu schützen.

Bremsen quietschten, und der LKW hielt an.

Geh weiter!

„Ist das Ihr Fahrzeug da hinten?“, hörte sie eine männliche Stimme.

Breena ging schneller.

Der LKW setzte sich wieder in Bewegung.

„Ma’am, ich weiß, was Sie jetzt denken.“ Der Fahrer beugte sich aus dem Fenster seines Wagens. „Vor mir brauchen Sie keine Angst zu haben. Ich bin Seth Tucker. Mir gehört die Baufirma Tucker Contracting Limited hier in Misty River.“ Er wies auf die Tür. „Falls Sie mir nicht glauben, schauen Sie sich die Aufschrift an.“

Breena warf einen Blick auf die Tür, aber sie konnte nichts erkennen. Außerdem bedeutete es gar nichts, denn er konnte ja auch ein angestellter Fahrer sein.

„Ich bin auf dem Weg zu einer Baustelle, um meinen Lieferwagen zu holen. Soll ich einen Abschleppdienst anrufen? Dann können Sie zu Ihrem Fahrzeug zurückgehen und sind vor dem Wind geschützt.“

„Mir geht es gut“, brachte sie hervor.

„Sie frieren doch“, entgegnete er. „Was machen Sie, wenn hier wirklich ein zwielichtiger Typ vorbeikommt?“

Das saß. Ihr war eiskalt, und es war ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch bewegen konnte.

„Gut“, meinte der Unbekannte. „Dann fahre ich eben neben Ihnen her, bis Sie Ihr Ziel erreicht haben.“

Breena hielt an, der LKW ebenfalls. Sie überlegte kurz, was sie tun sollte. Das Angebot annehmen, um dem eisigen Wind zu entkommen?

„Kennen Sie Earth’s Goodness?“, fragte sie den Mann.

„Ja, das Geschäft liegt ungefähr achthundert Meter von hier.“ Nun betrachtete er sie eingehend. „Macht der Laden nicht um fünf Uhr zu?“

„Ich wohne dort.“

„Ah, Sie müssen die Verwandte von Paige Quinlan sein.“

Also hatte er schon von ihr gehört. Nun, das war der Vorteil einer Kleinstadt. „Sie ist meine Großtante.“ Mehr wollte Breena nicht sagen, denn Ihre Familie ging ihn nichts an.

„Ist es in Ihrem Wagen warm?“, fragte sie spontan.

„Ja, angenehm warm.“

Sie biss die Zähne zusammen. Was würde sie nicht alles für einen heißen Kaffee geben? Trotzdem hatte sie noch Bedenken.

„Würde es Sie beruhigen, wenn ich Ihnen sage, dass mein Bruder der hiesige Polizeichef ist? Vielleicht haben Sie ihn schon gesehen. Ein schwarzhaariger Riese.“

„Jon Tucker?“

„Richtig.“

„Er ist Ihr Bruder?“

„So ist es. Rufen Sie ihn von meinem Handy aus an, wenn Sie möchten. Oder rufen Sie Ihre Tante an, sie kennt mich.“

„Nein, ist schon gut.“ Breena traute den Worten des Mannes. Welcher Psychopath würde schon sein Opfer bitten, die Polizei anzurufen? Sie ging näher zu dem LKW.

Der Fahrer öffnete die Tür und stieg aus. Er war groß, vielleicht nicht ganz so groß wie sein Bruder. Seine Schultern waren breit, und im Licht des LKWs konnte Breena dunkles Haar und ein gebräuntes Gesicht erkennen.

„Seth Tucker, Ma’am“, stellte er sich vor.

Er zeigte ein schiefes Lächeln und streckte ihr die Hand hin. Gleich darauf spürte Breena seine Wärme.

„Breena Quinlan.“

Er beugte kurz den Kopf. „Am besten steigen Sie ein, Miss Quinlan, bevor Sie noch zum Eiszapfen werden.“

„Breena“, erwiderte sie und zog ihre Hand zurück, doch sofort vermisste sie die Wärme.

Hilfsbereit nahm er ihr die Einkaufstasche ab und führte Breena zur Beifahrerseite. Er öffnete die Tür und stellte die Lebensmittel im Fußraum ab. „Halten Sie sich am Griff fest“, riet er. „Vorsicht, es gibt zwei Stufen.“

Mit seiner Hilfe gelangte sie in den wunderbar warmen Wagen. Dann schwang Seth sich auf den Fahrersitz, legte den Gang ein, schaute in beide Seitenspiegel und fuhr los.

„Reiben Sie Ihre Hände und Arme, damit Ihnen schneller warm wird.“

Tatsächlich wurde ihr allmählich wärmer. „Ist das Wetter normal für Oregon?“

Wieder huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. „Für Oktober schon. Sie haben Glück, dass es nicht regnet. Woher kommen Sie?“

„Aus San Francisco.“

„Zu Besuch hier?“

„So ungefähr.“ Die Entscheidung, nach Oregon zu kommen, war ihr vor drei Wochen noch vernünftig erschienen. Aber sich in das Geschäft ihrer Tante Paige einzukaufen schien mittlerweile ziemlich unüberlegt. Woher sollte Breena wissen, wie man einen kleinen Geschenkeladen führte?

Sie kannte sich mit Krankengeschichten aus. Drogensucht und Kindesmissbrauch. Ausreißer. Zerstörte Familien. Sie hatte versucht, schiefe Lebenswege wieder zu begradigen. So war es jedenfalls gewesen, bis Leo sie betrogen hatte.

Aber sie würde lernen. Als sie damals ihren Doktor gemacht hatte, musste sie auch hart arbeiten.

Und wenn du Schiffbruch erleidest? ging es ihr durch den Kopf. Dann würde sie wieder als Familientherapeutin in San Francisco arbeiten. Selbst wenn es ihr schwer fallen würde, in der gleichen Stadt wie Leo und Lizbeth zu leben. Auch jetzt, nach sieben Monaten, erinnerte sich Breena noch immer an den Schock, als sie ihren Mann und ihre Schwester sah, die sich küssten und streichelten. Sieben Jahre Ehe ließen sich leider nicht so schnell vergessen.

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“ Der Mann neben ihr schaute konzentriert auf die Straße, mit seinen großen Händen umfasste er entspannt das Lenkrad.

Sie lehnte sich zurück und faltete die Hände im Schoß. „Ja, mir geht es gut.“

„Hatten Sie keinen Sprit mehr im Tank?“, erkundigte er sich.

„Doch, aber ich habe das Gefühl, dass mit dem Motor etwas nicht in Ordnung ist. Im Auto hat es ziemlich geklappert.“ Sie schaute auf die vielen Anzeigen im Armaturenbrett. „Für mich ist es völlig neu, mit so einem riesigen Truck zu fahren.“

Er lächelte. „Auch Neues kann sicher sein.“

Meinte er den Wagen oder sich selbst?

„In San Francisco konnte ich nicht bleiben“, hörte sie sich sagen. „Und ich weiß nicht, ob ich zurückgehen kann.“

„Manchmal ist es besser, wenn man ganz wegzieht.“

Im Licht des Mondes sah sie Bäume am Straßenrand, und einige Häuser tauchten auf. „In Misty River scheint man angenehm leben zu können“, bemerkte sie leise.

„Ja, hier ist es ganz in Ordnung. Hier kennt jeder jeden. Das kann ein Segen oder auch ein Fluch sein. Aber bald werden Sie sich nicht mehr fremd fühlen.“

Schon sah man das Holzschild vor dem Geschäft, das vom Licht der Straßenlaternen angestrahlt wurde. Seth fuhr langsam in die von Ulmen gesäumte Straße, die in den älteren Teil der Stadt führte.

„Lassen Sie mich an der Ecke heraus“, bat Breena. „Den Rest kann ich zu Fuß gehen.“ Sie wollte nicht, dass er vor dem Laden parkte, denn ihr neugieriger Nachbar Delwood Owens sollte nicht sehen, dass Seth Tucker sie hier absetzte. Außerdem sollte Seth nicht mitbekommen, dass sie nicht im Haus von Tante Paige wohnte, sondern in einem Hinterzimmer des Geschäftes.

Offensichtlich störte Seth Tucker sich nicht an den Nachbarn. Er hielt am Straßenrand an, stieg aus, ging zur Beifahrerseite und nahm Breena die Einkaufstasche ab, damit sie aussteigen konnte. Er schlug die Tür zu und begleitete Breena durch das kleine Tor über die schräge, mit Löchern übersäte Einfahrt zum Haus, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Vielleicht waren Frauen an Seth Tuckers Seite nichts Ungewöhnliches?

Diese Vorstellung missfiel Breena irgendwie. Sie wollte nicht, dass dieser Fremde ein Weiberheld wie Leo war. Aber warum interessierte sie das überhaupt?

Seth blieb vor dem Geschäft stehen. „Welche Tür? Diese oder die hintere?“

„Die hintere.“ Das Licht der Straßenlaternen warf Schatten, im Hinterhof herrschte völlige Dunkelheit. Der Wind fuhr durch Breenas Jacke und zerzauste ihr Haar. Seth trug keinen Mantel. Ob ihm auch kalt war?

An der Hintertür angekommen, holte sie den Schlüssel aus der Handtasche und nahm ihre Einkaufstüte entgegen. „Noch mal vielen Dank. Sie waren sehr nett.“ Während sie lächelte, hoffte sie, dass er nicht erwartete, hineingebeten zu werden.

„Ich rufe Bill an und bitte ihn, einen Abschleppwagen zu Ihrem Fahrzeug zu schicken“, sagte Seth.

„Bill?“

„Aus der Werkstatt The Garage Center. Er braucht allerdings Ihre Schlüssel.“

Breena schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich kümmere mich selbst um den Wagen.“ Sie schloss die Hintertür auf und schaltete das Licht ein. „Sie haben schon genug getan, und ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen.“

„Das tun Sie auch nicht. Ich kenne Bill schon von klein an. Er kümmert sich um Ihren Wagen.“

„In Ordnung. Möchten Sie hereinkommen, um das Telefon zu benutzen?“

„Ich nehme mein Handy.“ Seth holte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. „Gehen Sie rein, sonst wird Ihnen kalt.“

Sie reichte ihm die Autoschlüssel. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, Seth.“

„Keine Ursache.“

Breena schaute Seth noch kurz hinterher, dann machte sie die Tür zu. Sie lehnte die Stirn gegen das Holz, atmete tief aus und schloss die Augen.

Zum ersten Mal seit Monaten war es nicht Leos Gesicht, das sie vor sich sah.

Seth fuhr mit dem Lieferwagen vor die Garage und schaltete Motor und Licht aus. Einige Augenblicke blieb er noch sitzen und dachte an die Frau, die er in der Kälte aufgegabelt hatte. Sie schien auf der Flucht zu sein. Ob vor einem Ehemann oder vor einem Geliebten, das wusste er nicht.

Vergiss es, sagte er sich, ich habe schon genug Sorgen. Seth schaute auf die große Scheune, die er in eine Werkstatt verwandelt hatte. Er liebte das Gelände, das er vor zwei Jahren gekauft hatte. Eines Tages würde es Hallie gehören, die dann darüber frei verfügen könnte. Seth machte sich keine Illusionen darüber, dass sie irgendwann dort leben würde. Wahrscheinlich würde sie alles verkaufen und den Erlös in die Erfüllung ihrer Träume investieren.

Schon bekam er Schuldgefühle, denn er wusste praktisch nichts über ihre Träume und über das, was ihr am Herzen lag. Welcher Vater kannte sein eigenes Kind nicht?

Die monatlichen Unterhaltszahlungen an seine geschiedene Frau leistete er regelmäßig. Vor zehn Jahren hatte er auch einen College-Fonds für seine Tochter eingerichtet. Aber wollte sie überhaupt aufs College? Vielleicht würde sie lieber in einer Band spielen oder im australischen Busch leben. Oder vielleicht wünschte sie sich nichts mehr als eine intakte Familie.

Nun öffnete Seth die Tür und spürte eine kalte, feuchte Schnauze an seiner Hand. „He, Roach, alter Junge“, murmelte er und kraulte den Hund hinter den Ohren. „Hast mich wohl vermisst, was?“

Ein fast fünfzig Kilo schwerer Hund mit braunem Fell tollte um Seth herum, bevor er in die Dunkelheit rannte.

„Sitz“, befahl eine junge weibliche Stimme.

Seth blieb stehen. „Hallie?“ Er ging auf die kleine Gestalt zu, die auf der Treppe saß. „Was machst du denn hier?“ Es war Freitagabend, zwei Tage vor seinem Besuchstermin.

„Ich habe mich mit Mom gestritten.“

Schon wieder!

Aus der Nähe sah er, dass Hallie sich an das Ungetüm kuschelte, das ihn im letzten Winter adoptiert hatte. Sie streichelte sein dichtes Fell und schaute Seth nicht an.

„Wie bist du hergekommen?“

„Zu Fuß.“

Ihm wurde kalt. Er lebte zwei Meilen von der Stadt entfernt, in einer einsamen Straße. „Es ist stockdunkel“, stellte er überflüssigerweise fest.

„Das weiß ich, aber ich konnte es nicht mehr aushalten. Und ich wollte zu dir kommen.“ Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. Ihr Gesicht war nur undeutlich zu erkennen.

Am liebsten hätte Seth seine Tochter hochgehoben, wie er das vor zehn Jahren getan hatte. Aber die Scheidung und die Jahre der räumlichen Trennung standen zwischen ihnen. Er streckte die Hand aus. „Komm, lass uns ins Haus gehen.“

Ohne die Hand zu ergreifen, stand sie auf, und Seth versuchte, den Stich in seinem Herzen zu ignorieren. Im Haus eilte der Hund sofort zum Napf und trank Wasser. Seth stellte die Brotdose auf die Anrichte in der Küche. „Hast du deiner Mutter gesagt, wohin du gehst?“

Hallie zog die Stirn in Falten. „Nein.“

Mit dem Kopf wies er auf das Büro am Ende des Flurs. „Ruf sie an.“

„Ihr ist es egal, wo ich bin.“

„Mir nicht, also ruf sie an.“

Das Mädchen nahm den Rucksack von den Schultern und ließ ihn auf den Boden fallen. „Sie wollte mit diesem Blödmann Roy-Dean ausgehen.“

„Dann sprich auf den Anrufbeantworter.“

Damals war er verrückt gewesen und hatte sich nicht von seinem Hirn, sondern von anderen Körperteilen steuern lassen. Melody Owens hatte sich außerdem wie ein hungriger Puma auf ihn gestürzt. Er war zweiundzwanzig gewesen, Melody erst achtzehn und somit in den USA noch minderjährig. Allerdings hatte sie viel älter gewirkt. Sie hatte nicht nur die Türsteher vor den Discotheken über ihr Alter hinweggetäuscht, sondern auch ihn.

Seth atmete verächtlich aus. Damals war sie die heißeste Braut gewesen, die er je gesehen hatte. Drei Monate Spaß. Drei Monate Sex. Eines Morgens stand sie dann vor seiner Tür und verkündete, dass sie schwanger sei. Er fühlte sich wie ein riesiger Trottel, denn nur ein einziges Mal hatte er nicht für Schutz gesorgt.

Fünf Minuten auf dem Rücksitz seiner alten Klapperkiste hatten sich in sechzehn schmerzvolle Jahre verwandelt.

Natürlich hatte er sich nicht vor der Verantwortung gedrückt. Nein. Nach dem anfänglichen Schock war er hingerissen gewesen von seiner Tochter Hallie und hatte bald von einem glücklichen Familienleben geträumt.

Leider wurden diese Träume im Laufe der Ehe zerstört, denn als Bauarbeiter war er für Melody und ihren Vater nicht gut genug gewesen. Da Melody jedoch seine süße Hallie geboren hatte, war er für immer an sie gebunden.

Unvermittelt dachte er an Breena, die Frau aus dem Geschenkeladen. Er erinnerte sich an ihre ruhige, angenehme Stimme, an ihren Duft nach Seife, das lange schwarze Haar. Völlig anders als Melody.

Seth ging zur Spüle, um sich die Hände zu waschen. An Frauen sollte er jetzt nicht mehr denken, denn er musste sich auf Hallie konzentrieren. Im Kühlschrank fand er Gemüse und einen Rest Braten, legte das Essen auf einen Teller und stellte alles in die Mikrowelle.

Hallie kehrte zurück, und sie wirkte enttäuscht. „Sie ist nicht da.“

Weil er nicht wusste, was er dazu sagen sollte, schwieg er, deckte den Tisch und holte den Teller aus der Mikrowelle. Gemeinsam aßen sie, und nachdem sie fertig waren, brachte Seth das Geschirr in die Spüle und ließ Wasser einlaufen.

Hallie stellte sich zu ihm und nahm ein Handtuch, das an der Backofentür hing. „Kann ich heute bei dir bleiben?“

Ihm wurde ganz warm ums Herz. Wie oft hatte er sich gewünscht, dass sie freiwillig bei ihm bliebe. „Du brauchst nicht zu fragen, Hallie. Hier ist auch dein Zuhause.“

Sie trocknete die Teller ab und stellte sie auf den Tisch.

„Mom bleibt sowieso bei Roy-Dean.“

„Lässt sie dich öfter allein?“

„Erst seit sie mit ihm zusammen ist.“

Also seit letztem August, als Melody von Eugene nach Misty River gezogen war. Aber warum hatte Hallie ihm noch nichts davon gesagt?

Roy-Dean Lunn war acht Jahre jünger als Melody. Ein hübscher Junge, mit dem sie sich stolz in der Stadt sehen ließ. Lunn arbeitete im Straßenbau, im Winter räumte er Schnee in Washington und Idaho. Er verpulverte sein Geld für Frauen und Alkohol. Im Moment gab er alles für Melody aus, die versuchte, sich jeglicher Verantwortung für Hallie zu entziehen.

Damals hatte Seth hart um seine Tochter gekämpft – zumindest so hart, wie es seine spärlichen Mittel vor zehn Jahren zuließen. Melody jedoch stammte aus einer wohlhabenden, einflussreichen Familie, und Seth stand vor einer Richterin, die nicht gerade auf Seiten der Männer war. Deshalb hatte er das Verfahren verloren.

Als sie erfuhr, dass sie das Sorgerecht für ihre Tochter bekommen hatte, war Melody im Gericht in Tränen ausgebrochen, und Seth konnte sich der richterlichen Entscheidung nur beugen. Hallie war damals fünf Jahre alt gewesen, und er wusste, dass seine Arbeitszeit mit der Erziehung eines Kindergartenkindes nicht besonders gut zu vereinbaren war. Seine kleine Tochter brauchte die Mutter, dem konnte er nichts entgegensetzen.

Schließlich erhielt er Besuchsrecht für jeden Sonntag und das gemeinsame Sorgerecht für die Tochter, welches ihm ein Mitspracherecht bei allen wichtigen Fragen gewährte.

Vor fünf Jahren war Melody dann nach Eugene in die Nähe ihres Bruders gezogen. Drei Stunden Fahrt entfernt. Auf Grund der langen Anreise und der Hotelkosten nahm Seth sein Besuchsrecht nicht immer wahr, und Hallie verlor ihr Vertrauen zu ihm. Selbst seine Anrufe hatten die Distanz zwischen ihm und seiner Tochter nicht überbrücken können.

Die Vergangenheit konnte er nicht ändern, aber bezüglich Roy-Dean Lunn konnte er durchaus etwas unternehmen. „Wenn er wieder auftaucht“, meinte Seth, „dann ruf mich an, und ich hole dich.“

„Schon okay. Ich kann bei Susanne oder Grandma Owens übernachten, wenn er kommt. Heute … Mom hatte nicht mit ihm gerechnet, das ist alles.“

Seth ließ das Spülwasser ablaufen. „Ich möchte, dass du hierher kommst, Hallie. Du brauchst nicht zu deiner Großmutter oder zu deiner Freundin zu gehen.“

„Ist schon okay, Dad.“

„Nein, das ist es nicht. Du kannst mich anrufen oder bei Wanda im Büro eine Nachricht hinterlassen. Worum ging es denn bei dem Streit?“

„Nichts Besonderes.“

„Aber du bist doch nicht umsonst hier.“

„Ich war einfach sauer.“

Seth nahm ihr das Handtuch ab. „Willst du mir nicht sagen, warum?“

Ihre Lippen waren zusammengepresst.

Okay, er würde nicht drängen. Sie würde ihm schon alles erzählen, wenn sie es für richtig hielt. Er räumte die Teller in den Schrank und das Besteck in die Schublade.

Hallie sah ihn an. „Wie, du fragst jetzt nicht weiter?“

„Nein.“

„Mom bedrängt mich immer, wenn ich ihr nichts sage.“

Seth lehnte sich gegen den Küchenschrank. „Willst du fernsehen oder eine Partie Schach spielen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Egal.“

Er entschied sich für Schach. Sie spielten im Wohnzimmer, das vom Feuer im Kaminofen gewärmt wurde, und Hallie schlug ihren Vater zwei Mal in drei Partien.

Nach der letzten Partie räumte Hallie das Spiel in die Schachtel, stand auf und nahm alles mit in das Schlafzimmer, in dem sie immer übernachtete, wenn Besuchstag war.

Seth hockte sich vor den Kamin und legte Holz nach. Fichtenduft erfüllte den Raum.

„Dad?“

„Ja, mein Schatz?“

Hallie stand neben dem Tisch, eine kleine, zarte Gestalt, die Hände in einem weiten Jeansoverall versteckt. „Mom möchte nicht, dass ich mich verabrede.“

Der Streit.

„Verstehe.“

„Es ist einfach nicht fair. Sie hatte doch schon mit dreizehn einen Freund, und ich, ich bin schon fünfzehn.“

„Erst seit vier Monaten, Hal.“

„Trotzdem fünfzehn“, beharrte sie. „Ich bin älter und reifer als viele meiner Freundinnen, und die treffen sich schon mit Jungs, seit sie zwölf sind.“

Seth stand auf. „Möchtest du einen heißen Kakao?“

„Nein, ich möchte mit dir reden.“

Natürlich wollte er seiner Tochter gern helfen. Aber wie? „Wir können uns ja unterhalten, während die Milch heiß wird“, erwiderte er, ging in die Küche zurück und stellte einen Topf auf den Herd.

Als die Milch heiß war, ging Seth in die Vorratskammer und holte eine Tüte Marshmallows. Er legte sie auf den alten Eichentisch und setzte sich. Hallie kam zu ihm. „Mit welchem Jungen willst du dich denn verabreden?“, wollte er wissen.

„Von einem Jungen habe ich noch gar nichts gesagt.“

Seth hob die Brauen.

„Okay“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln. „Es gibt da jemanden … Tristan.“ Sie gab einige Marshmallows in ihre Tasse. „Er ist ganz niedlich und möchte morgen mit mir ins Kino gehen. Es ist gar nichts Besonderes, aber Mom will auch mitgehen.“ Hallie hob den Kopf. „Kannst du dir vorstellen, was dann alle denken?“

Das konnte Seth. Alle Jugendlichen würden tuscheln, wenn Hallie Tucker von ihrer Mutter – ihrer sprunghaften, wilden Mutter – nachmittags ins Kino begleitet wurde. Klar, auch er selbst war nicht begeistert, dass Hallie sich mit einem Jungen treffen wollte, aber die Vorstellung, dass Melody dabei war, gefiel ihm noch weniger.

In einem Superminirock. Mit knallrot geschminktem Schmollmund. Auf Stöckelschuhen.

„Sie hört mir nicht mal zu“, fuhr Hallie fort. „Sie sagt nur die ganze Zeit, dass sie auch mal ein Teenager war. Als wäre sie die Expertin für Pubertät oder so.“

„Soll ich mal mit ihr reden?“

„Sie wird dir nicht zuhören. Sie hört auf niemanden.“

„Vielleicht tut sie es dieses Mal.“

„Glaube ich nicht, es muss nämlich immer alles nach ihrem Willen gehen.“ Hallie betrachtete ihr Spiegelbild im Fenster. „Ich hasse sie.“

„Das meinst du doch nicht wirklich, Süße.“

„Doch. Sie wird so komisch. Wenn sie zur Schule kommt, lachen alle über sie. Über ihr Verhalten, ihre Frisur, ihre Kleidung. Seit sie die Implantate im letzten Frühjahr bekommen hat, kauft sie nur noch Tops, die zeigen …“

„Hallie!“

„Es stimmt! Sie ist ja so scharf und sexy.“

„Hallie!“

„Mir doch egal.“ Sie drehte sich weg, aber Seth erkannte die Verzweiflung seiner Tochter. „Es ist fast so, als wären wir Konkurrentinnen in einem Schönheitswettbewerb. Völlig bescheuert.“

„Sie ist immer noch deine Mutter.“

„Ich wünschte, sie wäre es nicht. Die Männer sehen sie an, als wäre sie ein … ein Flittchen.“ Hallies Unterlippe bebte.

Seth war äußerst unwohl zu Mute. Er konnte nichts mehr sagen, denn er wusste, dass sie recht hatte. „Trink deinen Kakao“, bat er sie.

2. KAPITEL

Breena stand auf der Veranda vor dem Geschäft. Es war halb neun, und der Wind hatte sich gelegt. Die Luft roch nach Herbst. Breena vermisste die Großstadt nicht. Weder den starken Verkehr noch den Smog, noch ihre lieblose Ehe.

Beim Geräusch eines Motors drehte sie sich um. Ihr Wagen wurde vor dem Geschäft geparkt, und ein junger Mann stieg aus. „Morgen!“, rief sie.

Er winkte kurz und kam Breena bis zum Tor entgegen.

„Sie arbeiten aber schnell“, sagte sie.

„Jawohl.“ Der junge Mann trug eine Baseballkappe und konnte nicht älter als achtzehn sein. Er grinste Breena an. „Bill öffnet schon um sieben.“

Breena schaute zu ihrem Fahrzeug. „Bringt er die Wagen immer zu den Kunden?“

„Das gehört zum Service“, erklärte der Mann stolz, „wenn wir dem Eigentümer keinen Werkstattwagen zur Verfügung stellen können.“

Wahrscheinlich gehörte das eher zum Service von Seth Tucker, aber sie wollte das jetzt nicht erwähnen. „Wo lag denn das Problem?“, erkundigte sie sich.

„Gerissener Keilriemen.“

Sie schaute sich die Gesamtsumme auf der Rechnung an, die der junge Mann ihr gab. Sie war überrascht. In San Francisco hätte allein das Abschleppen das Dreifache gekostet. „Hat Mr Tucker etwas damit zu tun?“

„Hm … welcher Mr Tucker?“

„Seth Tucker.“ Breena zeigte dem Mann die Summe auf dem Rechnungsformular. „Geht das auf seine Kappe?“

„Das glaube ich nicht, Ma’am“, erwiderte er und zog die Stirn kraus. „Bill hat die Rechnung geschrieben. Stimmt etwas nicht?“

„So eine angenehme Überraschung habe ich lange nicht mehr erlebt.“

„Schön, dass Sie zufrieden sind.“

„Möchten Sie hereinkommen, während ich Ihnen den Scheck ausstelle?“

„Ja, gern.“

Im Haus bot sie ihm Kaffee an, den er ablehnte. Gerne nahm er sich jedoch einen ihrer selbst gebackenen Kekse, die in einem Korb lagen.

„Kann ich Sie zur Werkstatt zurückfahren?“, bot Breena an, als sie den Scheck geholt hatte.

„Nein, wir sind ja gleich um die Ecke. Ich gehe zu Fuß.“

Gleich um die Ecke. Hier in dieser Stadt musste man keine großen Entfernungen bewältigen, und jeder kannte jeden.

„Schön Sie kennen zu lernen, Miss …“

„Hallo, Tristan!“

Der junge Mann drehte sich um, und sein Lächeln erstarb. „Hallo, Mr Owens.“

Den dicken Bauch vorgeschoben, kam Delwood Owens über die Straße. „Der Wagen ist repariert, wie ich sehe.“ Er spitzte die Lippen und betrachtete das Fahrzeug. Dann richtete er den Blick auf Breena. „Ich habe gesehen, dass Seth Sie gestern Abend nach Hause gebracht hat.“

„Ja, das stimmt“, erwiderte sie.

„Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.“

Breena biss die Zähne zusammen.

„Ein anständiger Bürger und ein verdammt harter Arbeiter ist Seth. Hat übrigens auch eine Frau. Die Leute sollen doch keinen falschen Eindruck bekommen, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Nein, Mr Owens, ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Er wusste, dass sie im Geschäft wohnte, und hatte sie nun schon seit drei Wochen beobachtet. Wenn er aus ihr die Bordsteinschwalbe von Misty River machen wollte, dann würde sie damit fertig werden. Aber er hatte kein Recht, Seths Namen in den Schmutz zu ziehen. „Mein Auto hatte eine Panne, und Mr Tucker hat mich netterweise nach Hause gebracht. Das ist alles.“

„Sie sollten nur die Verhältnisse kennen“, erwiderte Owens.

Lügner. Bestimmt hast du gedacht, du könntest mich mit deinen Informationen schockieren.

„Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss das Geschäft öffnen. Machen Sie’s gut, Tristan.“ Breena ging zum Laden zurück.

„Miss!“ Hinter ihr quietschte das Tor. „Sie haben die Schlüssel vergessen.“ Tristan kam hinter ihr hergelaufen.

„Oh.“

Owens ging um ihren Wagen herum, während Tristan den Mann finster anschaute. „Kümmern Sie sich nicht um ihn, Ma’am“, murmelte er. „Er war Seths Schwiegervater. Wahrscheinlich denkt er, dass er ihm noch immer was zu sagen hat.“

Aha, er war also sein Schwiegervater, dachte Breena und sagte: „Danke, Tristan. Seth scheint ein ehrenwerter Mann zu sein. Meinetwegen sollen keine Gerüchte über ihn verbreitet werden.“

Der Junge riss die Augen auf. „Über Sie wird nichts Schlimmes gesagt, Ma’am. Sie sind wie … Sie sind eine Lady.“ Er wurde rot. „Und die Gerüchte, na ja, es gibt hier schon so ein bisschen Gerede. Aber das liegt daran, dass … Sie neu hier sind und … ziemlich heiß. Für eine ältere Frau, meine ich …“ Er errötete noch mehr. „Entschuldigung!“

„Eine heiße Alte, hm?“

„Tut mir leid, ich rede Unsinn.“

„Nein“, antwortete Breena und lächelte amüsiert. „Mir gefällt es.“

„Echt?“

„Klar, ich bin lieber eine heiße Alte als eine alte Hexe.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Hat mich gefreut, Tristan.“

„Ebenso, Miss Quinlan.“ Er setzte sich die Kappe wieder richtig auf, nickte und ging.

Fröhlich summend stieg sie die Treppe hoch. Der Morgen fing eigentlich doch ganz gut an.

Das kleine Haus, das Delwood Owens seiner Tochter gekauft hatte, als sie Seth heiratete, schien unverändert. Ein winziger Garten, wild wuchernde Sträucher, Blumen, die gegen den Winter geschützt werden mussten. Melody interessierte sich nicht für Gartenarbeit, und in den Anfangsjahren ihrer Ehe hatte sie Seth diese Aufgabe gern überlassen.

„Deine Mutter scheint zu Hause zu sein“, sagte er zu Hallie, als er am Samstagmorgen mit dem Lieferwagen in die Einfahrt fuhr. Unter dem Ahorn links vorm Haus hatte Melody ihren silberfarbenen Mazda geparkt. Wenn seine Tochter einen neuen Wagen wollte, scheute Delwood keine Kosten. Schade, dass er ihr nicht auch einen Gärtner besorgt hatte.

Hallie stöhnte. „Wenn sie mit Roy-Dean zusammen ist, kommt sie normalerweise erst am nächsten Tag vor dem Mittagessen nach Hause.“

Die Wut verschlug ihm den Atem. Melody hielt Hallie für alt genug, um eine Nacht und einen halben Tag allein zu Hause zu bleiben, gleichzeitig aber für zu jung, um mit einem Freund in ihrem Alter ins Kino zu gehen.

Er stieg aus dem Wagen. „Soll ich mit reinkommen?“

Überrascht drehte Hallie sich um. Es war lange her, dass er das letzte Mal im Haus gewesen war. Kurz nach ihrer Scheidung hatte Melody sich beklagt, dass mit dem Fernseher etwas nicht stimmte, und Seth hatte sich darum gekümmert.

Hallie rutschte von ihrem Sitz. „Ich komme alleine klar.“

Das glaubte Seth durchaus. Seit ihrem fünften Lebensjahr „kam sie damit klar“, dass er ausgezogen war und dass Melody mit ihr nach Eugene gezogen war. Seine Wut verrauchte und wich schmerzhaften Schuldgefühlen.

„Du gehst jetzt wohl besser, Dad“, meinte Hallie. „Mom ist bestimmt nervös, weil ich ohne ihre Erlaubnis weggegangen bin.“

Nervös? Eigentlich wollte er fragen, was das bedeutete, aber Hallie war schon um das Haus herumgelaufen.

Einen Moment lang überlegte er, ob er ihr folgen sollte. An den Besuchstagen hielt er normalerweise nur kurz an der Straße, um Hallie abzuholen oder zurückzubringen. Gestern hatte sie die Routine jedoch verändert. Der gestrige Besuchstag war nicht vom Gericht zugewiesen worden. Hallie war aus eigenem Antrieb gekommen.

Als Seth sich auf dem Gelände umschaute, sah er, dass sein früheres Zuhause ungepflegt und vernachlässigt wirkte. Enttäuscht wandte er sich ab und ging auf seinen Wagen zu.

In diesem Moment knarrte die Hintertür. Barfuß kam Melody aus dem Haus. Ein verblasster roter Morgenmantel, der farblich zu ihrer Haarfarbe passte, bedeckte nur knapp ihr Hinterteil. Unwillkürlich fragte Seth sich, ob sie wohl Unterwäsche trug. Da er seine Exfrau kannte, vermutete er, dass das nicht der Fall war. Und wo steckte dann der Wunderknabe Roy-Dean?

Melody holte Feuerzeug und eine Zigarette aus der Tasche des Mantels. War das etwa Lunns Einfluss? „Schau mal, wen die Kleine uns vorbeigebracht hat. Willst du schon wieder gehen?“, fragte sie, während sie Rauch in die Luft blies.

„Hallo, Mel.“

„Was willst du?“

Er dachte an Breena Quinlan. Freundlich und nett anzusehen. Das Gegenteil von der Frau, mit der er mal verheiratet gewesen war. Melody war knallhart, und diese Eigenschaft hatte Hallie in den letzten Jahren geradezu erstickt. „Seit wann rauchst du?“

„Schon seit einiger Zeit, aber dich geht das gar nichts an.“

„Was mit meiner Tochter zu tun hat, geht mich schon etwas an.“

„Keine Sorge, das Kind lässt mich nicht im Haus rauchen. Also, was willst du nun?“, wiederholte sie.

„Mache ich dich nervös, Mel?“, fragte er und nahm damit Hallies Aussage auf.

„Du?“ Sie lachte, aber ihre Hand zitterte, als sie die Zigarette zum Mund führte. „Warum sollte ich nervös sein?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Seth langsam. „Vielleicht, weil du letzten Winter vergessen hattest, Hallie das Essensgeld für eine Woche mitzugeben. Ich habe übrigens auch gemeint, was ich gesagt habe.“

Verächtlich verzog Melody das Gesicht. „Natürlich. Du würdest mich vor Gericht bringen, um das Sorgerecht zu beantragen, auf das du vor zehn Jahren verzichtet hast.“

„Nicht freiwillig.“

„Wie auch immer.“

„Inzwischen würde die Geschichte anders aussehen, Mel, ich nage nämlich nicht mehr am Hungertuch.“

„Nein, aber du arbeitest immer noch den ganzen Tag. Das Gericht würde Hallie eher zu Pflegeeltern als zu dir geben.“

Pflegefamilien. Dort hatte er selbst drei lange einsame Jahre verbracht, nachdem sein Vater durch Verschulden der Mutter in der Scheune hinter dem Elternhaus verbrannt war. Von Pflegefamilien und Sozialarbeitern hatte er für sein Leben lang genug.

„Du weißt verdammt gut, dass es ihr bei mir besser als bei diesen Leuten geht“, meinte seine Ex.

Natürlich wusste Seth das, aber ihm war auch klar, dass Melody viel redete, wenn der Tag lang war. Wenn Hallie überhaupt irgendwohin zog, dann in sein Haus. Dafür würde er schon sorgen.

„Hätte Hallie mir damals Bescheid gesagt, hätte ich ihr das Geld natürlich gegeben“, fuhr Melody fort.

„Ich weiß nur eins: Es ist falsch, unsere Tochter über Nacht allein zu lassen. Sie ist noch nicht erwachsen. Wenn du nicht für sie da sein kannst, dann kann sie zu mir kommen.“

„Großes Geschwätz von einem Kerl, der den ganzen Tag unterwegs ist. Ich arbeite wenigstens nur von neun bis fünf.“

Nur weil dein Daddy dir den Friseursalon gekauft hat, dachte Seth bei sich, ignorierte aber seinen schnellen Puls und kam zum Punkt. „Hallie möchte heute Nachmittag ins Kino gehen. Ich sehe da kein Problem.“

„Natürlich nicht. Du bist ein Mann. Männer denken ….“

„Meine Güte, Mel. Der Film wird am hellen Tag gezeigt. Was kann da schon passieren?“

Melody schnipste Asche in das Blumenbeet. „Es kann viel passieren, wenn dieser Junge sie begrapscht.“

„Niemand wird sie begrapschen. Sie gehen ins Kino, sehen sich den Film an, und sie kommt wieder nach Hause. Punkt.“

„Auch ich war mal fünfzehn. Ich weiß, was auf den hinteren Plätzen passiert.“

„Du darfst nicht von dir ausgehen.“

„Oh, jetzt sind wir aber anständig. Als ob du nie im Kino geknutscht hättest!“

Jedenfalls nicht mit fünfzehn. Seth war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, nachmittags zu lernen, damit er gute Noten bekam. Er stützte die Hände in die Hüften und atmete tief aus. „Sei doch nicht so streng, Mel. Hallie ist ein braves Mädchen. Im Kino wird sie schon nicht in Schwierigkeiten geraten.“

Melody hielt den Kopf schräg. „Hat sie dir eigentlich gesagt, wie alt der Typ ist?“ Als Seth schwieg, lächelte sie selbstgefällig. „Das habe ich mir gedacht. Er ist schon siebzehn und ein MacAllister.“ Als ob damit alles gesagt wäre.

„Er arbeitet stundenweise im Garage Center“, fuhr Melody fort. „Willst du immer noch, dass sie mit ihm ausgeht?“

„Warum lässt du sie nicht gehen, wenn sie dir verspricht, spätestens eine halbe Stunde nach Ende des Films wieder zu Hause zu sein? Das sind ungefähr drei Stunden, Mel. Du kannst ihr doch für drei Stunden vertrauen, oder nicht?“

„Im Kino ist es aber dunkel, und sie ist mit einem Mann dort. Mit achtzehn war ich …“

Schwanger, und das hatte sie ihm nie verziehen. Dass er ihr Leben „versaut“ hatte, denn sie hatte von einer Karriere als Model geträumt.

„Was hältst du davon, wenn ich mir den Jungen mal ansehe?“

„Würdest du das tun?“

„Warum nicht?“

„Fein.“ Melody drehte sich um. „Hallie, komm raus“, brüllte sie.

Das Mädchen hatte offensichtlich an der Tür gewartet, denn sie kam sofort.

„Dein Vater soll sich diesen Tristan mal genauer anschauen. Danach entscheide ich, ob du ins Kino gehst.“ Sie wandte sich an Seth. „Kannst du um …“ Ein Blick zu Hallie. „Wann beginnt der Film, um halb zwei?“

Hallie starrte Seth entgeistert an. „Du überprüfst Tristan, als sei er eine … Maschine? Das ist doch total bescheuert! Okay, dann gehe ich eben nicht.“ Schon fiel die Tür mit einem Knall ins Schloss.

Melody seufzte. „Wir scheinen das Problem gelöst zu haben.“

Am liebsten wäre Seth seiner Tochter hinterhergelaufen, um sie zu trösten. Sie war zu ihm gekommen, weil sie seine Hilfe und sein Vertrauen gesucht hatte, und er hatte es vermasselt.

„Es gab nie ein Problem“, sagte er zu Melody.

„Nein?“

„Nein.“

Sie schnaubte und warf den Rest der Zigarette in die Einfahrt. „Das zeigt, wie viel du von deiner Tochter weißt und wie sehr du dich um sie kümmerst.“

„Vielleicht kenne ich sie nicht so wie du, aber ich interessiere mich für sie. Mehr, als du dir vorstellen kannst.“ Mit diesen Worten ging Seth weg.

„Warte einen Augenblick.“ Sie lief hinter ihm her. „Was mache ich denn, wenn der Junge hier auftaucht?“

„Dir fällt schon etwas ein.“

„Das ist doch mal wieder typisch“, rief Melody aus. „Du verschwindest immer dann, wenn es hart auf hart kommt.“

Die Hand schon am Türgriff seines Wagens, drehte Seth sich um. „Hart? Du weißt doch gar nicht, was dieses Wort bedeutet. Ich habe damals alles getan, um ein Zuhause für dich zu schaffen. Was hatte ich davon? Zehn Jahre die reinste Hölle. Zehn Jahre, in denen ich meine Tochter vor dem Haus abgeholt habe, um sie am nächsten Tag wieder abzugeben. Es wird sich einiges ändern, Mel. Hallie ist jetzt alt genug, um selbst Entscheidungen zu treffen, und ich bin nicht mehr der arme Schlucker, von dem du dich hast scheiden lassen.“

Sie verzog den Mund. „Du Mistkerl. Die Sache ist noch lange nicht beendet, darauf kannst du Gift nehmen.“

„Das ist sie sehr wohl. Alles hat an dem Tag aufgehört, als unsere Tochter geboren wurde und du und dein Daddy beschlossen hattet, dass ein Bauarbeiter nicht gut genug für die Familie wäre.“

In Gedanken bei Hallie, kletterte Seth in seinen Wagen, während seine spärlich bekleidete Exfrau hinter ihm herstarrte.

Hallie kuschelte sich in ihr Bett und umarmte Sunny, ihren geliebten Stoffbären. Als sie geboren wurde, hatte ihr Dad ihr das Stofftier geschenkt, und inzwischen war er reichlich abgewetzt. Im Moment verbarg er ihre Tränen und dämpfte ihre Schluchzer. Wenn sie das Fenster nicht geöffnet hätte, weil sie die Stimme ihres Vaters noch mal hören wollte …

Er hatte früher hier gelebt, gelacht, sie geneckt und am Pferdeschwanz gezogen. Sie war auf seinen Schultern geritten, bevor er sie vor seinem Truck absetzte, wenn er zur Arbeit fuhr. Dann war er in ein anderes Haus gezogen.

Nachts hatte sie sich in den Schlaf geweint und sich Vorwürfe gemacht, weil sie geglaubt hatte, etwas Falsches getan zu haben.

Nun kannte sie den Grund, warum seine Besuche nach Eugene immer weniger geworden waren. Damals hatte sie gedacht, es hätte an seiner Arbeit und der langen Anfahrt gelegen. Alles hat an dem Tag aufgehört, als unsere Tochter geboren wurde …

Nun war Hallie verwirrt. Sie hatte alles versucht, um eine gute Tochter zu sein und ihre Eltern glücklich zu machen. Ihr Dad hatte außerdem gesagt, dass er stolz auf sie war. Auch ihre Mutter war irgendwie stolz, wenn Hallie das Haus putzte, den Rasen mähte, sich um die Wäsche kümmerte und einkaufen ging. Von diesen Aufgaben wusste ihr Dad jedoch nichts. Hallie glaubte nicht, dass er sich so darüber freuen würde wie Mom.

Was war eigentlich mit Mom los? Sie war ja schon immer ein wenig auffällig gewesen, aber seit sie wieder in Misty River wohnten, benahm sie sich alberner als manche Mädchen aus der neunten Klasse.

Alles wäre halb so schlimm für Hallie, wenn ihre Mutter sie nicht ständig ausfragen würde, aber sie fühlte sich einsamer als je zuvor. Und nun sagte Dad, dass mit ihrer Geburt alles vorbei gewesen war …

Sie verbarg das Gesicht in Sunnys Fell. Ihr Dad hatte sich um sie gekümmert. Gestern Abend und vor vielen Jahren.

Sie zitterte unter dem zugigen Fenster. „Daddy“, schluchzte sie leise.

Seth fuhr direkt zum Garage Center, wo er Bill begrüßte und nach Tristan fragte. Ein paar Minuten später kam ein großer blonder Teenager durch die Tür.

„Bist du Tristan?“, fragte Seth.

„Ja“, antwortete der Junge vorsichtig.

„Lass uns einen Moment nach draußen gehen.“ Seth ging durch die Tür zur Rückseite seines Lieferwagens. Dort blieb er stehen und betrachtete den jungen Mann, der einen grünen Overall trug. „Ich bin Seth Tucker. Und ich habe gehört, dass du mit meiner Tochter ins Kino gehen willst.“

Tristan hielt etwas Abstand zu Seth. Gut. Es zeigte, dass er nicht dumm war.

„Ich weiß, wer Sie sind, Mr Tucker. Und ich würde Hallie gerne mit ins Kino nehmen.“

„Wie alt bist du?“

„Fast achtzehn.“

„Sie ist gerade mal fünfzehn.“

„Ich würde ihr niemals wehtun.“

„Das sagen sie alle.“

„Mr Tucker, ich …“

Seth trat einen Schritt zur Seite. „Eine halbe Stunde nach Ende des Filmes hat sie zu Hause zu sein.“

Sichtlich erleichtert nickte der junge Mann. „Jawohl, Sir.“

„Ihre Mutter soll sich schließlich nicht aufregen.“

„Oder Sie, Sir.“

Tristan war nicht auf den Mund gefallen. „Oder ich“, stimmte Seth ihm zu und ging zur Fahrertür seines Wagens. Tristan hatte sich nicht von der Stelle gerührt. „Jetzt mach dich besser wieder ans Werk, bevor Bill dir unser Plauderstündchen vom Lohn abzieht.“

Pfeifend fuhr Seth zur Arbeit.

„Wenn eine Frau in ihre Tasse starrt, ohne einen Schluck zu trinken, dann steckt wahrscheinlich ein Mann dahinter.“

Breena hob den Kopf und lächelte die Besitzerin von Kat’s Kafé an. „Hallo, Kat.“

Die ältere Frau goss Breena frischen Kaffee ein. „Wenn es Sie tröstet, dann kann ich nur sagen, dass ich auch schon Probleme mit Männern hatte.“

„Sie? Aber Sie sind …“

„Eine Großmutter? In meinem Alter hat man schon viel erlebt. Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“

„Ja, einen Bauunternehmer.“

„Was wollen Sie denn bauen?“

Breena schob ihren Toast zur Seite. „Ich versuche, Tante Paige zu überreden, die Zufahrt zum Geschäft reparieren zu lassen.“

„Völlig richtig“, stimmte Kat zu. „Seit fünf Jahren erinnere ich sie ständig daran. Einige in dieser Stadt sähen es gerne, wenn der Laden abgerissen würde“, flüsterte sie. „Man hält ihn für ein Brandrisiko.“

Delwood Owens. Breena hatte schon gehört, dass er Paige aufgefordert hatte, sich zur Ruhe zu setzen und das Haus an einen „echten Bewohner“ zu verkaufen. Das alte Ekel. Mal abwarten, was er sagte, wenn er von Breenas Beteiligung am Laden erfuhr. Trotzdem war die Einfahrt eine Gefahrenstelle, und tatsächlich könnte sich jemand verletzen.

„Der Laden wird nicht verkauft, Kat. Wenn Sie also einen guten Bauunternehmer kennen, der Paige nicht über den Tisch zieht, dann wäre ich Ihnen dankbar.“

„Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“

„Dafür bin ich da.“ Sie klopfte Breena auf die Schulter und ging weg.

Während sie an ihrem Kaffee nippte, schaute Breena aus dem Fenster. Die verschlafene Kleinstadt tat ihr gut, hier konnte sie sich von Leos Verrat erholen. Er hatte sie nicht nur betrogen, sondern auch eine große Summe von ihrem Konto abgehoben, nachdem sie ihn vor die Tür gesetzt hatte.

Sieben Jahre lang hatte sie ihn geliebt. Und sieben Monate lang gehasst. Heute schämte sie sich, weil sie nicht erkannt hatte, dass sie nebeneinanderher gelebt hatten. Sie kümmerte sich um die Probleme anderer Leute, aber erkannte nicht, dass ihre Ehe zerrüttet war.

Dr. Breena Quinlan, die wunderbare Therapeutin.

Glücklicherweise hatte ihr Vater an ihrem achtzehnten Geburtstag Geld für sie angelegt, und im Laufe der Jahre hatte sie selbst in diesen Fonds weiter eingezahlt.

Leo kam an dieses Geld nicht heran. Dreiundvierzigtausend Dollar. Damit konnte sie in ein Geschäft investieren und vielleicht in ihren Traum von wilden Rosen an einer Veranda, frisch gebackenem Brot oder selbst angebautem Gemüse.

Den Traum von einem liebevollen Mann und niedlichen Kindern hatte Breena schon lange ausgeträumt. Vier Jahre hatten sie und Leo es versucht. Und danach?

Danach hatte sich Leo ihrer Schwester zugewandt. Lizbeth, die aus einer früheren Beziehung schon ein Kind hatte. Die spontan, witzig, schön, ungebunden und fruchtbar war.

Ein schlechtes Gewissen schien sie nicht zu haben. „Er liebt dich nicht, Bree“, hatte sie einen Monat nach der schrecklichen Nacht am Telefon gesagt. „Lass ihn gehen. Gönn ihm sein Glück.“

Typisch. Lizbeth bekam alles, was sie wollte, und wenn es der Ehemann ihrer Schwester war. Wenn Breena an ihre Unfruchtbarkeit dachte und an ihre nicht gerade überwältigende Wirkung auf Männer, dann gab es für sie keine zweite Chance mehr.

„Ich habe Ihren Bauunternehmer.“

Breena drehte sich um. „Was?“

„Die Einfahrt, Mädel“, erinnerte Kat sie.

„Oh!“ Nun setzte sie sich gerade hin.

„Ein wenig träumen kann nicht schaden. Augenblick mal.“ Kat ging zu einem Tisch, an dem sich drei Männer befanden. Ein Polizist und ein Mann im Anzug saßen ihr gegenüber. Ein breitschultriger Mann in kariertem Hemd saß mit dem Rücken zu ihr. War das nicht Seth Tucker?

Ausgerechnet heute trug Breena ein graues Kapuzenshirt, eine blaue Jogginghose und Turnschuhe. Dazu war sie noch ohne Make-up. Na, wunderbar!

Der Handwerker stand auf und folgte Kat.

„Breena Quinlan. Seth Tucker“, stellte Kat sie vor. „Im Sandkasten hat er schon Häuser gebaut, und heute hat er sein eigenes Bauunternehmen.“

„Aber Kat“, meinte er lächelnd.

„Komm schon, Seth.“ Sie tätschelte seinen Arm und ging weg.

„So sieht man sich wieder“, meinte er mit seiner tiefen Stimme, als er und Breena allein waren.

„Ja, richtig.“

Er setzte sich zu ihr und legte seine Weste auf einen Stuhl. Breena nahm den Duft von After Shave wahr. Er erinnerte sie an Herbstluft. Seth schaute erst aus dem Fenster, bevor er Breena ansah.

Er ist schüchtern, dachte sie. Der Mann, der Riesenfahrzeuge lenkte, war schüchtern. Leo war niemals verlegen gewesen.

Plötzlich sprachen beide gleichzeitig.

„Ihr Wagen …“

„Haben Sie …“

„Sie zuerst“, schlug Breena vor.

„Ihr Wagen scheint wieder zu funktionieren.“

„Ja, die Werkstatt hat gute Arbeit geleistet. Danke für die Empfehlung.“

Kat kehrte mit einer Kanne Kaffee zurück. Nachdem sie wieder gegangen war, griff Seth nach der Tasse. „Kat sagt, dass Sie eine Baufirma suchen.“

„Das stimmt. Die Einfahrt zum Geschäft und die hintere Treppe müssen erneuert werden.“

„Ebenso die Mauer vorne“, fügte Seth hinzu.

Natürlich. Ein Mann vom Fach würde selbst im Dunkeln alle möglichen Mängel erkennen. „Die muss noch bis zum Frühjahr warten. Können Sie auch eine vernünftige Beleuchtung anbringen?“

„Natürlich. Am liebsten schon morgen, oder?“

Er neckte sie, und sie schaute weg. „Ich wollte damit nicht sagen …“

„Ich könnte mich zwischen anderen Jobs um Ihre Angelegenheiten kümmern.“

Seth hatte ganz besondere blaue Augen. Breena lächelte ihn an. „Danke. Ich hatte Sie übrigens für einen LKW-Fahrer und nicht für einen Bauunternehmer gehalten.“

Während er sie beobachtete, trank er einen Schluck Kaffee. „Ich habe ein Transportunternehmen, aber ich erledige auch andere Dinge.“

„Verstehe. Könnten Sie mir die ungefähren Kosten nennen?“

Er nannte eine Zahl, und sie war zufrieden, denn sie würde mit ihrem Ersparten auskommen. Hier zahlte man nicht so viel wie in der Großstadt. Wenn sie eine Zukunft in Misty River suchte, dann musste sie finanziell auf sicheren Beinen stehen. „Klingt vernünftig“, erwiderte sie. „Sie haben den Auftrag.“

„Die Mauer kann ich auch gleich reparieren. Für einen kleinen Betrag.“

Würde er das tun? „Mr Tucker …“

„Seth.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen“, dankte Breena ihm.

„Wann brauchen Sie mich?“

„Am Montag?“

„Montag ist in Ordnung.“

Mit einem Finger fuhr er um den Rand der Tasse. „Wie kommt es, dass Sie sich für Paige um Handwerker bemühen? Ist sie krank?“

„Ihr geht es gut.“ Breena dachte kurz nach und entschied, ihm die Wahrheit zu sagen. „Ich bin an dem Geschäft beteiligt. Paige überlegt, sich im Januar zur Ruhe zu setzen. Sie bleibt stille Teilhaberin, aber im Moment ist alles noch vertraulich.“

„Haben Sie denn vor, hier zu bleiben?“

„Vielleicht.“

„Was haben Sie in San Francisco gemacht?“

„Ich war Familientherapeutin und Eheberaterin. Verrückt, nicht wahr? Die Probleme in meiner eigenen Ehe habe ich erst erkannt, als es zu spät war.“

Seth schien wie erstarrt. „Sie sind Sozialarbeiterin?“

„Psychologin.“

„Aber Sie haben mit den Behörden zusammengearbeitet?“

„Manchmal schon.“ Nun schaute sie ihn an. Er wirkte jetzt nicht mehr freundlich und warmherzig, sondern kühl und vorsichtig. „Mögen Sie Therapeuten nicht?“

„Gut erkannt.“

Diese Antwort war mehr als deutlich. Offenbar hatte er schlechte Erfahrungen gemacht. „Vielleicht möchten Sie lieber doch nicht für uns arbeiten“, bemerkte sie freundlich.

„Doch, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

„Ich bin nicht hier, um irgendjemanden zu beraten, Mr Tucker. Wir müssen uns nur über die Kosten einigen.“ Sie lächelte, während sie innerlich zitterte. „Hier ist jetzt mein Zuhause. Vielleicht gehe ich nie mehr zurück nach San Francisco. Ich weiß nicht, ob ich damit fertig würde, wenn ich …“ Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Seth würde sie nicht verstehen. Wie sollte er auch, wenn sie selbst noch immer nicht fassen konnte, was ihr passiert war?

Ruhig schaute er sie an. „Wenn Sie ihm und ihr begegnen würden?“

Zum ersten Mal seit Monaten verstand sie jemand. Sie schluckte. „Ja, das ist es. Ich stelle mir immer vor, wie es wäre, wenn ich ihnen zufällig über den Weg liefe …“

„Sind Sie geschieden?“

„Ja.“ Lange schauten sie sich an, bis Breena merkte, dass sie die Hände ganz verkrampft im Schoß hielt.

„Es tut mir leid, dass ich wegen Ihres Berufes so überreagiert habe.“ Seths Wimpern waren dunkel und dicht. „Es hat Dinge gegeben … Aber egal. Es wird Ihnen sicher gut tun, in einer anderen Stadt zu leben und beruflich einen ganz anderen Weg einzuschlagen.“

„Wenn nicht, bekomme ich allerdings Probleme. Jetzt aber Schluss mit den Sentimentalitäten. Wann kann ich am Montag mit Ihnen rechnen?“

„Gegen sechs gucke ich vorbei.“

Sie nickte und war froh, dass er sich von ihrem Gerede nicht hatte vertreiben lassen. „Müssen wir noch etwas erledigen, bevor Sie kommen?“

„Nein, ich muss nur einiges abmessen. Passt Ihnen morgen um sechs?“

„Ich werde da sein.“ Schließlich ging es um ihren Laden, und wenn sich das Geschäft unter ihrer Leitung gut entwickelte, wäre sie vielleicht in der Lage, Paige im nächsten September auszuzahlen. „Wo befindet sich Ihr Büro?“, erkundigte Breena sich.

„Nur einige Häuserblocks von hier entfernt.“ Seth wies mit dem Kopf in die Richtung.

„Ich würde gerne noch über die Arbeiten reden.“

Er schob seine Tasse zur Seite. „Wir können gleich damit anfangen.“

„Zuerst sollte ich mit Tante Paige sprechen.“

„Sicher. Wir könnten uns ja hier zum Mittagessen treffen.“

„Was halten Sie von einem Treffen um fünf in Ihrem Büro?“

„Einverstanden.“ Da Breena sich nicht so gut in der Stadt auskannte, zeichnete Seth ihr den Weg auf. Er schob ihr die Serviette mit der Zeichnung zu, und ihre Finger berührten sich kurz. Zwischen ihnen herrschte fast so etwas wie eine elektrische Spannung.

Während sie den Plan in ihre Einkaufstasche steckte, lächelte sie. Sie würde das Büro problemlos finden. Misty River war eine Stadt, die einfach und unkompliziert war – so, wie sie auch ihr Leben führen wollte. Sie streckte eine Hand aus. „Danke, Seth.“ Seine Handfläche war warm und voller Schwielen. Sie fühlte sich vertraut an.

„Dann sehen wir uns also um fünf“, erwiderte er. Er nahm seine Weste und stand auf.

„Ja“, sagte Breena leise und versuchte vergeblich, ihr Herzklopfen zu ignorieren.

Seth ging vom Café zu seinem Lieferwagen. Er stellte nun die Thermoskanne neben die Lunchbox auf den Beifahrersitz und stieg dann ein.

Er konnte Breena durch die Scheibe des Cafés sehen, sie bezahlte gerade die Rechnung. Erst war sie eine Fremde in seinem LKW gewesen, jetzt war sie seine Auftraggeberin.

Er griff nach dem Auftragsbuch, um zu sehen, was für den Tag geplant war. Warum träumte er von einer Frau, die aus einer schlechten Ehe geflohen war? Wieso fuhr er nicht endlich los, statt zu spionieren? Hatte sie ihren Mann verlassen oder umgekehrt? Was war mit Kindern? War sie geschieden?

Oh, ja. Das hatte er an ihren Augen gelesen. Hatte er nicht auch an seine eigene Situation gedacht?

Er hoffte ehrlich, dass sie in Misty River zurechtkam. Natürlich war sie ein Stadtmensch. Vielleicht aus einer wohlhabenden Familie. Beste Ausbildung. Familientherapeutin. Der Blick aus ihren wunderschönen Augen war ehrlich, und sie hatte ein sympathisches Lächeln.

Aber sie hatte mit dem Jugendamt zusammengearbeitet.

„Such dir eine andere Frau, von der du träumen kannst, Seth“, ermahnte er sich und warf sein Auftragsbuch zur Seite. „Eine Frau von hier wie …“

Kein Name fiel ihm ein.

Als jemand an das Fenster klopfte, wandte er sich ruckartig zur Seite. Ein schwarzhaariger Mann schaute durch das Glas. Seth kurbelte das Fenster hinunter.

„Bleib du besser beim LKW-Fahren, Kumpel“, riet sein Bruder. „Als Spion bist du nicht geeignet. Sie erkennt dich, sobald sie aus dem Haus kommt.“

„Verschwinde.“

Jon warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals.

„Blödmann“, murmelte Seth, ohne beleidigt zu sein, als sein Bruder über den Bürgersteig ging. Seth musste lächeln. Sein Bruder konnte sich glücklich schätzen, denn er hatte eine verdammt nette Frau erwischt.

Während er das Fenster wieder nach oben kurbelte, schaute er noch mal in das Café und sah, dass Kat und Breena Quinlan lachten. Aus Gründen, die er gar nicht genau beleuchten wollte, wusste er, dass er Breenas Gesicht nicht so leicht vergessen würde.

Als er den Rückwärtsgang einlegte, kam sie aus dem Café. Ihr blauschwarzes Haar glänzte in der Sonne. Seth beobachtete, wie sie die Rechnung in die Gürteltasche steckte. Als sie aufschaute, sah sie ihn und lächelte.

Sein Herz schien Purzelbäume zu schlagen. Oh, Mann! Er neigte leicht den Kopf. Dann floh er so schnell, wie es die Straßenverkehrsordnung zuließ.

3. KAPITEL

„Meine Güte, Kind“, dröhnte Breenas Vater in das Telefon. „Ich habe mir furchtbare Sorgen gemacht. Du verschwindest aus der Stadt, ohne zu sagen, wohin du gehst. In deinem Büro sagte man mir, dass du freigenommen hättest.“

„Mir geht es gut, Daddy. Wirklich.“ Sie sank auf ihr Bett und zog die Sportschuhe aus. Vier Stunden war sie unterwegs gewesen und hatte sich Wohnungen angesehen. Sie entschied sich für die Wahrheit. „Ich brauchte etwas Zeit für mich.“

Ein Seufzer war durch die Leitung zu hören. „Verstehe, also, wo steckst du?“

„In Misty River.“

„Das gibt’s doch gar nicht. Warum denn gerade dort, Süße?“

Weil das der einzige Ort ist, an dem wir eine richtige Familie waren, antwortete sie stumm. „Ich hatte mich an die Ochsenfrösche erinnert“, erwiderte sie laut.

„Die Ochsenfrösche.“ Ihr Vater grinste offensichtlich. „Sie konnten ein ordentliches Getöse veranstalten, nicht wahr? Hast du Tante Paige schon gesehen?“, erkundigte er sich.

„Ja.“

„Wie geht’s dem alten Mädchen? Sie muss doch schon auf die neunzig zugehen.“

„Vierundachtzig ist sie.“

Der Bruder, den Paige vor fünfundzwanzig Jahren verloren hatte, war Arthurs Dad gewesen. Als der Großvater gestorben war, hatten Breena, Arthur und Lizbeth fünf Tage lang in seinem Haus gewohnt. Zwischen Kondolenzbesuchen und Kochen hatte Paige sich um Breena und Lizbeth gekümmert, hatte Plätzchen gebacken und ihren eigenen Schmerz verborgen. Leider hatte Paige in den fünfundzwanzig Jahren darauf keinen Besuch mehr von der Familie bekommen.

„Konnte sie sich an dich erinnern?“, fragte Arthur und unterbrach Breenas Gedanken.

„Ich hatte sie in den letzten Jahren immer mal wieder angerufen.“

„Wirklich? Warum hast du nichts davon gesagt?“

„Ich glaube nicht, dass es dich interessiert hätte, Daddy.“

„Oh, Bree … Wie hat sie auf dich reagiert?“

„Erst hat sie mich angestarrt, dann aber herzlich umarmt.“

„Was verkauft sie eigentlich heute?“, wollte Arthur wissen.

„Einige Antiquitäten. Hauptsächlich Nippes, Kränze, Kerzen, solche Dinge.“

„Auch Kunstgewerbe?“

„Tontöpfe, Tabakbeutel, Vogelhäuser.“

„Ich hatte mehr an Bilder gedacht.“

Breena wusste, was ihr Vater meinte. „Ja, es gibt einige Ölbilder, aber keine Aquarelle.“

„Dann stell doch deine Bilder aus.“

„Vielleicht später mal.“ Sie betrachtete eine Stickerei, die sie mit ins Schlafzimmer genommen hatte. Dann atmete sie tief ein. „Dad, ich bin Teilhaberin ihres Ladens.“

„Warum denn das?“

Breena hielt den Hörer auf Abstand. „Ich brauche eine Veränderung.“

„Veränderung? Breena! Was ist mit deiner Praxis?“

„Ich weiß nicht, ob ich je wieder als Therapeutin arbeiten will. Mein Herz ist nicht mehr bei der Sache.“

„Damit gibst du klein bei, weißt du das?“

„Es geht nicht um gewinnen oder verlieren, es geht um Glück. In diesem Laden hier bin ich glücklich, Daddy.“

„Soll das heißen, dass du dort wohnen bleibst?“

„Möglicherweise.“

„Ach, Bree.“ Er klang traurig.

„Mir geht es wirklich gut hier. Tante Paige ist eine wunderbare Frau. Heute Abend esse ich bei ihr.“

„Wenigstens hast du Familie um dich. Wenn ich könnte, würde ich vorbeikommen.“

„Das weiß ich“, sagte sie, wusste aber, dass er nicht kommen würde, denn er liebte sein Haus und den Garten viel zu sehr.

„Hier fehlt es mir an nichts.“

„Habe ich richtig verstanden, dass du nicht bei Paige wohnst?“

„Im Moment wohne ich in einem Hinterzimmer des Geschäfts, aber ich suche eine Wohnung.“ Als Arthur schwieg, fuhr sie fort: „Ich musste einfach so handeln, Dad. Ich brauche den Abstand zu …“

„Verwandten.“

„Richtig, aber das ist nicht negativ gemeint, sondern ich möchte die Breena Quinlan von früher wieder finden.“

„Leo wird dafür bezahlen, davon kannst du ausgehen.“

„Lass ihn nur, Dad. Er ist es nicht wert.“

„Dann ist sie eben dran. Sie war schon immer hinter den Jungs her.“

„Zu einer Beziehung gehören immer zwei.“

„Du bist eine gute, liebevolle Ehefrau. Ein wunderbarer Mensch. Der Kerl ist ein Armleuchter, ich habe das früher nur nie erkannt.“

Nun kamen Breena die Tränen. „So redet ein Vater“, sagte sie leise. „Aber immerhin war ich mit Leo verheiratet.“

Arthur räusperte sich. „Am liebsten würde ich den Kerl umbringen.“

Verdammte Tränen. „Es ist auch Lizbeths Schuld.“ Und meine auch, dachte sie bei sich, weil mir die Blicke und Gesten nicht aufgefallen sind. Ich wollte es nicht wahrhaben.

Traurig seufzte ihr Vater. „Da hast du recht. Dieses verflixte Weib. Wenn deine Mutter noch leben würde …“

Das hatte Breena schon früher gehört, aber ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben.

„Wann kommst du nach Hause?“

„Wahrscheinlich im Dezember.“

„Zu Weihnachten?“

„Das kann ich doch noch nicht sagen.“ Sie wischte sich über die Wange.

„Rufst du wieder an?“

„Ja“, versprach sie.

„Schätzchen, mach dir bitte keine Vorwürfe“, sagte Arthur.

Wieder flossen die Tränen. „Ich hab dich lieb, Daddy.“ Breena legte den Hörer auf und ließ sich auf das Bett fallen. Wie sollte sie sich keine Vorwürfe machen, wenn sie in sieben Jahren Ehe nicht bemerkt hatte, was in ihrem Mann vorging?

Leo De Laurent hatte sich für Lizbeth Quinlan interessiert. Ihre einundvierzigjährige Schwester.

Breena legte einen Arm über die Augen, als wolle sie die Erinnerung an jene Nacht abwehren, in der sie ihren Mann zur Rede gestellt hatte.

Nun hörte sie ihre eigene Stimme. „Du warst mit ihr am Ocean Beach, wo ich immer laufe.“

„Ich schwöre, dass nichts passiert ist.“

„Du hast sie aber verdammt lange geküsst.“

Breena sprang aus dem Bett. Genug! Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und blieb zitternd stehen. Ganz langsam beruhigte sich ihr Atem.

Sie sollte froh sein, dass sie nach Misty River gefahren war. Zum kleinen Traumhaus von Tante Paige.

Lizbeth konnte Leo haben.

Am Montag verzichtete Breena auf das Mittagessen. Um eins würde Seth kommen und mit den Bauarbeiten beginnen. Warum schlug ihr Herz bloß schneller, wenn sie an ihn dachte? Hatte sie bei Leo auch so ein Drängen gespürt?

In diesem Moment klingelten die Glocken über der Ladentür. Eine Schwangere mit kastanienbraunem Haar kam herein. „Guten Tag, Paige“, grüßte sie die ältere Frau, die hinter der Theke saß und ein Sandwich aß.

„Rianne, was macht das Baby?“

„Es macht mir Rückenschmerzen.“

„Da kann ich dir helfen.“ Paige stand auf und humpelte zu einem Korb mit kleinen bestickten Kissen. „Wenn du sitzt, dann musst du das Kissen genau an diese Stelle legen.“ Sie hielt es gegen Riannes Rücken. „Es ist ein Wärmekissen, und ich versichere dir, dass es die Schmerzen lindert. Ich habe selbst eins zu Hause.“

Rianne lachte fröhlich. „Schon überredet, ich nehme es.“

„Für dich zum halben Preis.“

Die Frau umarmte Paige. „Du bist lieb, vielen Dank.“

„Keine Ursache. Hast du schon meine Großnichte kennen gelernt? Breena, ich möchte dir Rianne Tucker vorstellen.“

Breena stellte eine Vase zur Seite und ging durch den Laden. „Breena Quinlan“, stellte sie sich ihrerseits vor und streckte eine Hand aus.

„Ah, Seth hat neulich von Ihnen gesprochen.“

„Tatsächlich?“

„Er ist mein Schwager.“

„Ihr Mann ist der Polizeichef“, erklärte Paige. „Entschuldigt mich. Ich esse jetzt weiter. Willst du nichts, Bree?“

„Nein danke, Tante Paige.“

Rianne schaute sich in dem gemütlichen Raum um. „In den letzten zwei Jahren war ich mindestens ein Dutzend Mal hier, und ich bin immer wieder überrascht.“

„Kann ich Ihnen noch etwas zeigen?“

„Ich suche etwas für das Baby …“ Sie blickte in die drei offenen Kisten, die Breena gerade auspackte und holte eine gelbe Schüssel heraus, auf der Pu der Bär zu sehen war. „Ich könnte einen kleinen Teddy hineinlegen und sie auf die Fensterbank im Kinderzimmer stellen. Was halten Sie davon?“

„Eine nette Idee“, meinte Breena. „Ist es Ihr erstes Kind?“

Verträumt lächelte die Frau. „Unser erstes, aber mein drittes. Und Jon hat schon eine Tochter aus einer früheren Ehe, sodass wir jetzt vier Kinder haben.“

Vier. Überall bekamen die Leute Kinder, selbst in Misty River.

Rianne seufzte. „Leider werde ich viel auf dem Laufband trainieren müssen, wenn ich das Baby nicht mehr stille. Schließlich will ich meine frühere Form zurückgewinnen.“

Trotz ihres Bauches hatte Rianne Tucker eine gute Figur. „Sie sehen toll aus“, sagte Breena.

„Ich bin eine dicke Glucke, aber trotzdem vielen Dank. Sie haben mich etwas aufgebaut.“

Zwanzig Minuten später hielt Breena der schwangeren Frau die Tür auf. Die Oktobersonne ließ die gelben und roten Blätter leuchten und verjagte die kühle Luft.

Rianne hielt sich die Einkaufstüte gegen den Bauch. „Es ist gut, dass Paige Seth den Auftrag gegeben hat. Er ist der beste Bauunternehmer am Ort.“

„Wie lange hat er seine Firma schon?“

„Siebzehn Jahre. Und er kommt mit der Arbeit gar nicht hinterher. Alle Leute fragen nach ihm.“ Sie blickte auf den Hof und die holperige Einfahrt. „Er arbeitet sehr gewissenhaft und hat sogar die Wege in unserem Park auf eigene Kosten ausgebessert.“

„Ein echter Held“, bemerkte Breena leise.

„Richtig, das ist er“, erwiderte Rianne.

„Ich habe gehört, dass er geschieden ist.“

Aber Rianne starrte über die Straße, wo das Monstrum stand, das Delwood Owen sein Zuhause nannte. „Seth war doch mit Melody Owens verheiratet“, sagte sie leise. „Sie bringt nichts als Ärger, besonders für Hallie.“

„Hallie?“

„Ihre fünfzehnjährige Tochter.“

Selbst Seth Tucker hatte ein Kind!

Breena half Rianne über den unebenen Weg bis zu ihrem Toyota. Zurück im Geschäft, fragte sie sich, ob Hallie wohl die gleichen blauen Augen hatte wie ihr Vater.

Viertel nach eins. Jetzt hörte Breena den Lastwagen.

Wieso brachte Melody Owens Seths Tochter nur Ärger? Was unternahm er dagegen? Machten sie eine Therapie? Hatte er deshalb etwas gegen Breenas Beruf? Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie schon wieder wie eine Therapeutin dachte, aber Seth und seine Familie gingen ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf.

Zum Geschäftsschluss verdrängte sie Seths Privatleben aus ihren Gedanken und räumte den Laden auf.

„Und, mein Kind, hast du den Tag gut überstanden?“, fragte Tante Paige, als sie das Geld zählte. Sie sah aus dem Fenster in die einbrechende Dunkelheit hinaus. „Seth macht offenbar auch gerade Schluss.“

Breena schaute ihrer Tante über die Schulter. Seth hatte ein beleuchtetes Baustellenschild an der Stelle aufgestellt, wo das Tor gewesen war. Die Einfahrt war verschwunden, das alte Geländer der Veranda und die Treppe waren abgerissen. Jetzt hatten sie anstelle eines Hofes einen kleinen Steinbruch vor der Eingangstür.

„Breena?“, fragte Paige.

„Entschuldige, ich habe mir gerade den früheren Hof angesehen.“

Ihre Tante hielt sich am Schreibtisch fest und zog sich hoch. „Ich hätte schon lange etwas unternehmen müssen, aber ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen.“

Breena stützte die alte Dame. „Du hast nur auf mich gewartet, das ist alles.“

„Richtig, und Misty River wird dir gut tun, Liebes. Warte nur ab. Natürlich ist nicht alles perfekt, aber hier ist es sehr friedlich, und das brauchst du doch, oder?“

Breena war leicht zu durchschauen, und das hatte Leo nie gefallen.

Paige berührte die Hand ihrer Nichte. „Wenn du über deinen früheren Mann reden willst, dann bin ich für dich da. Großartige Ratschläge kann ich dir nicht geben, aber ich bin eine gute Zuhörerin.“

„Danke, Tante Paige.“ Breena beugte sich zu ihrer Tante und küsste sie auf die Stirn. „Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch, Kind. Wenn es dir nichts ausmacht, werde ich jetzt nach Hause gehen und meine alten Füße in eine Schüssel mit warmem Wasser stellen.“ Sie gab Breena die Tasche mit den Einnahmen. „Kannst du das noch zur Bank bringen? In ungefähr einer Stunde habe ich das Essen fertig.“

„Gut, dann sehen wir uns später.“

Nachdem ihre Tante durch den Hintereingang verschwunden war, ordnete Breena die Waren in den Regalen und räumte Verpackungsmaterial weg. Als sie gerade die letzten Reste in einen großen Müllsack stopfte, klingelte die Türglocke.

„Wir haben geschlossen“, rief sie fröhlich und hob ein Stück Papier auf. Keine Antwort.

Sie blickte hoch … und hielt den Atem an.

Seth Tucker stand schweigend in der Tür und beobachtete sie. Sein braunes Haar wurde durch eine alte Kappe aus der Stirn gehalten. Breenas Blick fiel auf schmutzige Jeans, schlammige Stiefel und diese wahnsinnig blauen Augen! Für Lizbeth wäre er ein gefundenes Fressen, das sie sofort vernaschen würde.

Seth betrat den Laden, putzte sich aber vorher die Stiefel an der Fußmatte ab. „Paige schon zu Hause?“

„Ja. Brauchen Sie noch etwas?“

Vorsichtig ging er durch das Geschäft, um nichts umzuwerfen. Als er nach hinten durchgegangen war, warf er einen Blick in Breenas Schlafzimmer. Dort gab es allerhand zu sehen: Kleidungsstücke auf einem improvisierten Ständer, Toilettenartikel und Lotionen auf einer umgedrehten Kiste und eine geöffnete Schachtel mit Tampons am Fuß ihres Bettes.

Nun blickte er wieder zu Breena. „Kleines Zimmer.“

„Es genügt mir.“

„Hier ist die Materialliste“, sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier.

„Danke, ich sehe sie mir später an. Es war ein langer Tag, und im Moment sehne ich mich nach einem Bad und einem guten Buch.“

Jetzt betrachtete er ihr Bett.

Ihr Pulsschlag beschleunigte sich.

„Die Fenster müssen abgedichtet werden, sonst frieren Sie bald“, bemerkte er kritisch.

„Ich habe einen Heizofen.“

„Der wird nicht viel helfen. Vor fünfzehn Jahren war hier noch eine Veranda, und deshalb kann es gar nicht richtig warm werden.“ Jetzt schaute er sie an. „Keine Wohnungsanzeigen in der Misty River Times?“

„Leider habe ich noch nichts Vernünftiges gefunden. Hier habe ich zwar nicht viel Platz, aber es ist wenigstens sauber und warm.“

Seth rieb sich den Nacken. „Wenn es kälter wird, können Sie hier aber nicht mehr wohnen. Außerdem können Sie auf dem Campingkocher nur einen Eintopf aufwärmen.“

„Gemüseeintopf ist gesund. Was haben Sie denn heute Mittag gegessen?“

Um seine Lippen zuckte es. „Weingummi. Meine Tochter hat eine Tüte bei mir im Haus gelassen.“

„Wenn man Energie braucht, gibt es nichts Besseres als Weingummi.“

Nun lächelte er. „Vielleicht sind noch einige im Wagen.“

Plötzlich war es im Haus ganz still. Seth zog ein Paar abgetragene Lederhandschuhe aus seiner Hosentasche und schlug sie leicht gegen seine Handfläche. „Ich wollte Sie nicht beleidigen. Wegen des Zimmers, meine ich.“

„Schon in Ordnung.“

Sie blickten sich an, und Breenas Herz schlug schneller.

Wieder sah Seth in ihr Schlafzimmer. „Über meiner Werkstatt gibt es eine Wohnung, das ist ein früherer Heuboden, den ich ausgebaut habe. Vor einigen Jahren hat ein junges Ehepaar dort gewohnt.“

„Aber ich kann mich doch nicht …“ Aufdrängen. „Ich war nicht …“

„Im Moment herrscht dort ein heilloses Durcheinander.“

„Meinen Sie das ernst?“

„Ja, Ma’am, die Wohnung muss gründlich aufgeräumt und geputzt werden.“

„Nein, ich meine, ob Sie wirklich vermieten wollen.“

„Würde ich es sonst anbieten? Aber vielleicht gefällt es Ihnen ja gar nicht.“

„Vor Arbeit habe ich keine Angst.“

„Das habe ich auch nicht gedacht.“ Seth trat einen Schritt zurück. „Dann wäre das also geregelt.“

Geregelt? Er ging davon aus, dass sie seine Wohnung mietete? Aber wollte Breena das denn nicht? Ein eigenes Heim, in dem sie wieder zu sich finden konnte?

„Ich würde mir die Wohnung gerne mal ansehen“, sagte sie, als sie Seth zur Tür brachte. „Wann passt es Ihnen?“

„Wenn Sie wollen, können Sie in einer Stunde kommen.“

Warum eigentlich nicht? Am Abend hatte sie nichts vor, und Tante Paige hatte sicher nichts dagegen, wenn Breena etwas später zum Essen kam. Schließlich gefiel es Paige gar nicht, dass Breena im Geschäft wohnte.

„Gut.“ Sie schaltete das Licht aus, zog ihren Mantel an und griff nach der Geldtasche. Draußen war es bereits dunkel, und der Mond stand blass am Himmel.

Seth nahm sie am Ellenbogen. „Vorsicht.“

Das Licht über der Eingangstür beleuchtete Erdhügel und Steine. Seth führte sie über den unebenen Weg. Als sie über einen Stein stolperte, umfasste Seth ihre Taille. Sein Körper war muskulös und stark. Ein Wall gegen jeden Sturm.

„Kann ich Sie bis zur Bank mitnehmen?“, bot er an, als sie an seinem grünen Lieferwagen angekommen waren.

„Danke, ich kann selbst fahren.“

Er schaute auf die verlassene, von Bäumen gesäumte Straße. „Heute haben Sie Rianne getroffen.“

„Das stimmt.“

„Sie meinte, Sie seien freundlich und hilfsbereit gewesen.“

„Ich habe nur meine Arbeit erledigt.“

„Lob scheint Sie verlegen zu machen.“

„Rianne hat mir erzählt, welche Arbeiten Sie schon zum Wohl der Stadt ausgeführt haben.“

„Das ist doch nicht der Rede wert. Haben Sie Hunger, Miss Quinlan?“

„Hunger?“

„Ja, wollen Sie etwas essen? Abendessen zum Beispiel.“

Er neckte sie. Schon wieder. Ihr Herz schlug Purzelbäume. Bat er sie um eine Verabredung? „Tante Paige hat mich schon zum Abendessen eingeladen.“

„Gut, dann ein anderes Mal.“

„Ich könnte sie ja anrufen.“ Plötzlich sprach Breena, ohne nachzudenken. „Einen Augenblick.“ Sie wollte zurückgehen.

„Nehmen Sie mein Handy.“ Seth holte das Telefon aus der Gürteltasche.

Breena nahm das Gerät und wählte Paiges Nummer.

Ihre Tante gab ihren Segen und bemerkte am Rande, dass Seth Tucker der begehrteste Mann von Misty River sei.

Dankbar, dass die Dunkelheit ihre erhitzten Wangen verbarg, gab Breena Seth das Telefon zurück. „Was halten Sie von Kat’s Kafé in zwanzig Minuten? Dann …“

„Breena?“

„Ja?“

Er öffnete die Beifahrertür seines Lieferwagens. „Warum steigen Sie nicht ein, und wir reden, während ich Sie zur Bank fahre?“ Bevor sie antworten konnte, nahm er ihren Arm und half ihr in den Wagen.

„Wir fahren nicht zu Kat’s“, meinte er und setzte sich hinter das Lenkrad. Er legte den Rückwärtsgang ein und sah nach hinten. „Mögen Sie Chili?“

„Sehr gern, aber ich habe es lange nicht mehr gegessen.“ Leo hatte sich nichts daraus gemacht.

„Ich weiß, wo wir das beste Chili in der ganzen Gegend bekommen.“

„Es ist nur ein Abendessen, richtig?“ Ihr schreckliches Mundwerk!

„Möchten Sie mehr?“

„Nein! Ich weiß nicht. Ich halte jetzt wohl besser den Mund.“

Seth lachte leise. „Lassen Sie uns langsam vorgehen. Sobald sich einer von uns unwohl fühlt, sagt er Bescheid.“

Damit war Breena einverstanden, und sie entspannte sich ein wenig.

4. KAPITEL

Kochen war noch nie Seths Stärke gewesen. Mehr als Fleisch und Kartoffeln konnte er nicht zubereiten. Chili war jedoch eine Ausnahme.

Natürlich hätte er ihr nach der Fahrt zur Bank sagen sollen, dass der „Ort“, wo sie essen würden, seine Küche war.

Als er den Wagen in die Einfahrt fuhr und ihr leises „Wow“ hörte, war er ganz stolz. Siebzehn Jahre harte Arbeit hatten ihm dieses Paradies ermöglicht. Er warf Breena einen Blick zu. Würde sein Heim ihr gefallen und ihrem Standard entsprechen?

„Mein Zuhause“, erklärte er kurz angebunden.

Roach bellte zur Begrüßung, während Seth bis zur Garage fuhr.

„Ich habe Ihnen das beste Chili der Gegend versprochen, und das werden Sie bekommen.“

„Essen wir hier?“

Seth zögerte. „Wir können auch in die Stadt zurückfahren, wenn Ihnen das lieber ist.“

Wieder schaute sie sich um. „Hier ist es perfekt.“ Sie lächelte, und ihm fiel das Atmen wieder leichter.

„Lassen Sie mich erst den Hund wegbringen. Er ist manchmal nicht zu bändigen.“ Er befahl Roach, sich zu benehmen, und schloss ihn dann in der Garage ein.

„Muss er wirklich dort bleiben?“ Breena kam um den Wagen herum.

„Er wird sich gleich beruhigen“, meinte Seth.

„Ich möchte Ihren Hund gern kennenlernen.“

„Wie?“

„Bitte. Er ist jetzt traurig, weil er Sie den ganzen Tag vermisst hat und Sie gar nicht richtig begrüßen konnte.“ Flehend sah Breena ihn an. „Ich mag Hunde.“

„Er ist potthässlich.“

„Egal, was Sie sagen, er liebt Sie trotzdem.“

„Was ist das denn für eine Logik?“ Innerlich lächelte Seth jedoch.

„Lassen Sie ihn raus, Seth.“

„Na gut.“ Er ging zur Garage und öffnete die Seitentür. Roach stürzte heraus und steuerte auf Breena zu. „Vorsicht, er wird … Verdammt! Roach, geh sofort runter!“

Der große Hund legte beide Vorderpfoten auf Breenas Brust und versuchte, ihr Gesicht abzulecken. Lächelnd umfasste sie seinen riesigen Schädel. Sie brauchte all ihre Kraft, um sich den Hund vom Leib zu halten.

Da packte Seth das Tier im Nacken. „Sitz!“, befahl er. Der Hund gehorchte, und er fegte den Boden mit seinem Schwanz.

„Entschuldigung, er ist nicht gerade gut erzogen.“

„Mir gefällt er.“ Sie bückte sich und kraulte den Hund unter dem Maul. „Warum Roach?“

„Eines Tages tauchte er bei mir auf und versteckte sich zwei Wochen lang unter der Veranda wie eine Küchenschabe. Er wollte nicht ans Licht kommen.“

„Vielleicht wurde er misshandelt.“

„Könnte sein, seine linke Hüfte war gebrochen.“

„Ach, du armer Kerl.“ Breena streichelte Roachs Rücken, und der Hund schloss die Augen und genoss die Aufmerksamkeit. „Du kannst jeden Tag zu mir kommen, okay?“

Seth grinste, als er sie beobachtete. Dann sah er zwei Schmutzflecken auf ihrem Oberteil. Seth holte mehrere Geldscheine aus der Tasche.

„Bringen Sie die Jacke in die Reinigung“, bat er sie und hielt ihr das Geld hin. „Wolle ist empfindlich.“

Sie richtete sich auf. „Behalten Sie Ihr Geld. Schließlich wollte ich, dass Sie den Hund herauslassen.“ Breena blickte zur Werkstatt. „Ist da die Wohnung?“

Das Thema Reinigung war also abgeschlossen. Seth biss die Zähne zusammen. Diese Frau war verdammt stur, aber sie mochte seinen Hund. „Kommen Sie“, forderte er sie auf, „ich zeigen Ihnen alles.“

Auf der Rückseite der Werkstatt führte eine steile Treppe nach oben. Seth ging vor, während Breena ihm folgte.

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