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BIANCA EXKLUSIV BAND 250

CHRISTINE FLYNN

Große Liebe in einer kleinen Stadt

Lange hat keine Frau den Undercover-Agenten Sam MacInnes so fasziniert wie Kelsey. Seit er zum Urlaub in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist, genießt er jede Minute mit seiner früheren Schulfreundin. Doch seiner heißen Affäre mit der inzwischen hinreißenden Frau droht das baldige Ende. Er muss wieder fort – die kleine Stadt ist kein Ort für seinen Job …

MARIE FERRARELLA

Sinnliche Erwartung

Es ist nur ein Job für den attraktiven Bodyguard Ian Russell. Zwei Wochen lang soll er die bezaubernde Talkshow-Moderatorin Dakota Delany in ihrem Haus vor laufenden Kameras bewachen. Kein Problem, denkt er und spürt doch bald, wie heiße Leidenschaft für diese Frau in ihm erwacht. Und tatsächlich scheint eine Affäre mit ihr möglich. Doch Ian will viel mehr …

CAROL STEPHENSON

Noras Stolz

Aus dem verwegenen Rebellen ihrer romantischen Mädchenträume ist ein erfolgreicher Mann geworden. Das erkennt die schöne Anwältin Nora sofort, als sie Connor Devlin nach Jahren wiedersieht und trotz aller Enttäuschungen gleich wieder Leidenschaft zwischen ihnen entbrennt. Nur von dem Geheimnis, das sie beide seit Jahren verbindet, soll er bitte nie erfahren!

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Große Liebe in einer kleinen Stadt

1. KAPITEL

„Lass die Pfannkuchen nicht anbrennen, Liebes!“

Kelsey Schaeffer zuckte zusammen, als ihre Mutter in die Küche des kleinen Familienrestaurants kam, und beeilte sich, die goldgelben Eierkuchen zu wenden. Ihre ganze Aufmerksamkeit hatte der Unterhaltung gegolten, die zwei Gäste auf der anderen Seite der Durchreiche führten, und selbst jetzt, als ihre Mutter weitere Bestellungen bei ihr aufgab, fiel es ihr schwer, sich auf ihre Arbeit als Aushilfsköchin zu konzentrieren.

Sam MacInnes war nach Maple Mountain zurückgekehrt. Das an sich war nichts Ungewöhnliches. Auch Kelsey selbst war erst seit zwölf Stunden wieder hier, um ihrer Mutter Dora, die seit zwei Tagen den Arm in Gips trug, im „Dora’s Diner“ zu helfen.

Was Kelsey in Panik versetzte, war der Rest der Unterhaltung, mit der sich die beiden rüstigen Senioren Amos Calder und Charlie Moorhouse die Wartezeit auf ihr Frühstück vertrieben: Sams Schwester Megan hatte offenbar das alte Baker-Haus gekauft, und Sam half ihr, es zu renovieren – indem er zum Beispiel die Wände im Obergeschoss herausriss.

In einer dieser Wände steckte Kelseys altes Tagebuch, das sie in der Highschool geführt hatte. Es trug ihren Namen in Glitzerschrift auf dem Einband – und ausgerechnet Sams Name tauchte im Innern gleich auf jeder Seite mehrmals auf. Zusammen mit gewagten und äußerst ausführlichen Tagträumen, bei denen Kelsey, wenn sie auch nur daran dachte, knallrot wurde. Nicht auszudenken, wenn Sam das Tagebuch fand!

Dass es überhaupt im Baker-Haus lag, verdankte Kelsey einer Verkettung von Umständen, die – wäre ihr die Sache nicht so peinlich gewesen – komisch hätten sein können. Als Collegestudent hatte Sam in den Semesterferien auf dem Hof seines Onkels ausgeholfen, und sie war mit sechzehn unsterblich in den gut aussehenden jungen Mann verliebt gewesen. Ihre wilden Fantasien hatte sie ihrem Tagebuch anvertraut.

Aus Angst, ihre Mutter könnte es zu Hause finden, hatte sie es zunächst in der alten Mühle aufbewahrt, bis sie herausfand, dass auch dieses Versteck nicht sicher genug war. Also hatte sie es zu ihrer besten Freundin Michelle Baker getragen, die ihr verständnisvoll einen Platz in ihrem eigenen Geheimversteck angeboten hatte: ein schmales Bord hinter einem losen Wandbrett in ihrem Zimmer.

Allerdings war Kelseys kostbares Tagebuch nicht auf dem Bord liegen geblieben, sondern dahinter zu Boden gerutscht, und sosehr die Mädchen sich auch mühten, es war nicht wieder herauszubekommen. Somit hatte Michelle zumindest ihr Versprechen gehalten, dass niemand das Tagebuch je zu sehen bekommen würde. Und auch Kelsey hatte es vollkommen vergessen. Bis jetzt.

Die Aussicht, dass ausgerechnet Sam MacInnes, die Hauptperson ihrer Mädchenfantasien, es nun womöglich schon in den Händen hielt, ließ Kelsey die Haare zu Berge stehen.

„Kelsey? Die Pfannkuchen?“ Dora goss frische Milch in ein Glas und trug es in Richtung Schwingtür. Mit ihrem zu einem geflochtenen Knoten aufgesteckten silberblonden Haar, ihren freundlichen Zügen und der Servierschürze um die füllige Taille wirkte Dora so effizient und geschäftig wie sonst auch, und selbst der Gipsarm hinderte sie nicht daran, ihren Restaurantbetrieb in Schwung zu halten.

Selbst als sie beim Aufhängen der Girlanden für den Nationalfeiertag von der Leiter gefallen war, hatte sie noch darauf bestanden, die bereits befestigte Dekoration wieder abzunehmen, damit sie nicht halbfertig hängen blieb, bevor sie quer über die Straße zur Arztpraxis marschierte, um sich den Arm richten zu lassen. Halbe Sachen mochte Dora eben nicht.

Die Tüchtigkeit hatte Kelsey von ihr geerbt, und normalerweise fiel es ihr nicht schwer, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Im Augenblick allerdings richtete sich ihre ganze Aufmerksamkeit noch immer auf das Gespräch der beiden alten Männer. Verärgert darüber, dass sie sich von einer solchen Kleinigkeit so aus dem Tritt bringen ließ, legte sie die Pfannkuchen auf zwei Teller und ergänzte sie mit Rührei, Würstchen und gebratenem Speck, während Dora das Milchglas zu einem Kurierfahrer an einen der Tische trug und dann zur Durchreiche zurückkehrte. Die beiden Alten saßen am Tresen des Restaurants, und so hatte Dora keinen weiten Weg zurückzulegen, um ihnen die beiden vollen Teller zu bringen.

„Ich frage mich, wo er bleibt“, hörte Kelsey Amos sagen.

„Wer?“, fragte Dora, als sie die Pfannkuchen servierte.

„Sam.“ Amos runzelte die Stirn. „Normalerweise kommt er um diese Zeit.“

Kelsey hielt den Atem an, als Charlie kritisch sein Rührei beäugte und dann bemerkte: „Vielleicht ist er nach St. Johnsbury gefahren. Ich hab ihm gestern schon gesagt, dass er hier nicht in der Großstadt ist, wo es an jeder Ecke einen Baumarkt gibt. Er muss lernen, sich Listen zu machen, damit er alles auf einmal einkauft und nicht ständig hin und her fährt.“

Amos blickte seinen Freund über seine Brille hinweg an. „Meinst du nicht, dass er so was schon von seiner Arbeit her kennt?“

„Was hat denn Listen machen damit zu tun, dass er Polizist ist?“

„Er ist kein Polizist, sondern Kriminalbeamter. Den Unterschied kennt man doch aus den Serien im Fernsehen. Man sollte meinen, dass ein Mann, der Indizien sucht und Leute verhört, sich Listen darüber macht, was er schon weiß und was nicht.“

„Ich glaube nicht, dass er ohne Frühstück nach St. Johnsbury gefahren ist“, mischte Dora sich ein. „Er kommt seit zwei Wochen jeden Morgen hierher.“

Es war eins der Dinge, die Kelsey an ihrem Heimatort so liebte: dass man aufeinander achtgab und sich umeinander kümmerte. Wenn man von jemandem eine Weile nichts gehört hatte, fragte man sich, wo er steckte, und versicherte sich, dass es ihm gut ging. Der Nachteil lag darin, dass man in Maple Mountain so gut wie kein Privatleben hatte. Doch Kelsey gefiel das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Wann immer sie nach Maple Mountain zurückkam, manchmal nach einem Jahr, manchmal erst nach zweien, wurde sie stets von allen herzlich aufgenommen.

Als sich jetzt jedoch die Tür öffnete und viele der Gäste den Kopf wandten, um zu sehen, wer der Neuankömmling war, fühlte sie sich äußerst unbehaglich.

Seit sie Sam MacInnes vor über zwölf Jahren das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie kaum mehr an ihn gedacht. Damals hatte sie ihn für den attraktivsten Mann der Welt gehalten. Nun lebte sie schon etliche Jahre in Großstädten, ihr Horizont hatte sich beträchtlich erweitert, und sie war längst nicht mehr so leicht zu beeindrucken.

Dennoch musste sie schlucken, als der eins achtzig große muskulöse Mann in einem ausgeblichenen T-Shirt der New Yorker Polizei und verwaschenen Jeans den Raum betrat.

Obwohl er sich unauffällig verhielt und die Anwesenden freundlich grüßte, hatte man sofort das Gefühl, dass er die kleine Gaststube völlig beherrschte.

Kelsey konnte sich nicht daran erinnern, ob sein Haar immer schon so dunkel gewesen war. Im Licht der Lampen wirkte es fast schwarz, was einen faszinierenden Kontrast zu seinen silbergrauen Augen bildete. Damals hatte sie ganze Seiten über seinen offenen, verwegenen Blick gefüllt, doch jetzt strahlte er eher eine stille Wachsamkeit aus. Am meisten fiel ihr jedoch auf, wie sich sein damals lediglich attraktives Gesicht im Laufe der Zeit verändert hatte und nun Reife und Beherrschung verriet.

Sie blickte ihm nur ganz kurz in die Augen und wandte sich dann hastig ab, um sich um die nächsten Bestellungen zu kümmern. Am Herd war sie zwar durch die Durchreiche nicht zu sehen, doch sie hörte, wie ihre Mutter Sam begrüßte und ihm frischen Kaffee eingoss.

„Die beiden hier haben sich schon Sorgen um dich gemacht“, bemerkte Dora gut gelaunt. „Aber ich wusste doch, dass du zum Frühstück auftauchen würdest.“

Sams Lachen klang tief und angenehm. „Sie kennen mich einfach zu gut, Dora. Danke“, fuhr er offenbar angesichts des Kaffees fort.

„Und was brauchst du diesmal aus dem Baumarkt?“, fragte Dora im Plauderton.

„Auf jeden Fall mehr Balken. Aber ich fahre erst nach St. Johnsbury, wenn ich die Wände oben alle herausgerissen habe und weiß, wie viel genau ich noch holen muss. Das Holz ist im Obergeschoss viel verrotteter als unten.“

„Das liegt daran, dass das Dach undicht war“, bemerkte Amos. „Die Bakers haben es vor dem Verkauf repariert, aber vorher lief das Wasser nur so durch.“

„Sie haben Megan den Wasserschaden auch beschrieben“, sagte Sam, „aber es war ihr egal. Sie und die Jungs haben sich auf den ersten Blick in den alten Kasten verliebt.“

„Na ja, die Lage ist ja auch einmalig, mit dem Bach und dem großen Grundstück“, sagte Dora. „Und wenn es erst einmal renoviert ist, wird es ein Schmuckstück. Kelsey war früher mit Michelle Baker befreundet und oft dort. Apropos …“, fuhr Dora so beiläufig fort, dass selbst Kelsey auf den kommenden Themenwechsel nicht gefasst war. „Kelsey ist auch hier. Sie ist letzte Nacht mit dem Flugzeug in Montpellier angekommen. Kelsey? Wo bist du denn? Ich wollte dich jemandem vorstellen.“

Dankbar, dass die Wand sie verbarg, gab Kelsey keine Antwort, sondern schüttelte nur den Kopf und blickte zur Decke. Für ihre Mutter gab es keine Fremden. Selbst von Touristen, die sich mehr als ein Mal in ihr Restaurant verirrten, behielt sie alle Details, und die Einheimischen kannte sie im Umkreis von fünfzig Kilometern mit Namen, Familienstand und besonderen persönlichen Umständen. Was man ihr nicht freiwillig anvertraute, hörte sie als Gerücht oder fand es selbst heraus.

Die einzige Person, von der Dora Schaeffer nicht so viel wusste, wie sie dachte, war ihre eigene Tochter.

Das hatte durchaus seine Vorteile. Kelsey wurde bewusst, dass ihre Mutter nicht den leisesten Schimmer hatte, wie verliebt sie damals in Sam gewesen war. Offenbar glaubte Dora sogar, dass sie ihn gar nicht kannte.

Widerwillig trat sie an die Durchreiche.

„Kelsey, das hier ist Tom und Janelle Colliers Neffe, Sam. Er hat sich Urlaub genommen, um das alte Baker-Haus für seine Schwester zu renovieren.“ Dora runzelte die Stirn. „Ich hab dir doch erzählt, dass die Bakers das Haus verkauft haben, nachdem Jenny Baker Dr. Reid geheiratet hat, oder? Na, jedenfalls“, fuhr sie eifrig fort und wandte sich wieder Sam zu, „hilft Kelsey mir hier über die Feiertage aus. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde. Heute geht’s ja noch, da sind wir unter uns, aber zum Unabhängigkeitstag stehen hier die Touristen Stoßstange an Stoßstange. Und sie haben alle Hunger.“

Sam hatte große Hände, bemerkte Kelsey, als er seinen Becher hochhob. Und ein nettes Lächeln. Ein wenig zurückhaltend. Aber ziemlich sexy.

Als ihr klar wurde, dass sein Lächeln ihr galt, wandte sie ihre Aufmerksamkeit hastig Amos zu, der seine Pfannkuchen mit Ahornsirup beträufelte.

„Na ja, bis das überstanden ist, habe ich mich hoffentlich an dieses Ding hier gewöhnt“, fuhr Dora fort und strich stirnrunzelnd über ihren Gips. „Kelsey backt schon auf Vorrat, damit ich im Notfall ein paar Kuchen in der Truhe habe.“

Ihre Miene hellte sich auf, als sie an Sam gewandt fortfuhr: „Du hast auch schon hier gegessen, als Kelsey noch auf der Highschool war. Sie hat in der Küche gearbeitet, aber auch serviert. Vielleicht erinnerst du dich sogar an sie.“

Kelsey unterdrückte ein Stöhnen. Ihre Mutter dachte sich einfach nichts dabei. Das kleine Restaurant lag im Erdgeschoss des zweistöckigen Hauses, in dem Kelsey aufgewachsen war. Nach dem Tod ihres Mannes hatte Dora vor zwanzig Jahren ihr Wohnzimmer in eine Gaststube verwandelt, und so behandelte sie ihre Gäste eben auch – wie Freunde des Hauses.

Zum Glück schien sich Sam überhaupt nicht an sie zu erinnern. „Ja, ich glaube schon“, sagte er in dem vagen Ton von Leuten, die nicht unhöflich sein wollen, indem sie zugeben, dass jemand ihnen vollkommen unbekannt ist. „Ihre Mutter hat erzählt, dass Sie jetzt in Scottsdale leben und als Gourmetköchin arbeiten“, wandte er sich an Kelsey.

„Konditorin“, stellte Kelsey richtig, weil ihr nichts Besseres einfiel.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich könnte von Apfelkuchen leben. Ob Sie mir wohl einen backen, während Sie hier sind?“

„Vielleicht.“

Er betrachtete sie über den Rand seiner Tasse und hob eine dunkle Augenbraue. „Und wie steht es mit Pfannkuchen?“

Es fiel ihr schwer, ihm in die Augen zu blicken. Wenn sie sich recht erinnerte, ging es in vielen der damaligen Tagebucheinträge um seinen herrlichen muskulösen Körper. Auch jetzt zeichneten sich wohlgeformte Muskeln unter dem dünnen T-Shirt deutlich ab, was dummerweise ähnliche Gefühle wie früher in ihr hervorrief.

„Lässt sich machen“, erwiderte sie.

„Er nimmt immer sechs Stück, dazu vier Spiegeleier, Vollkorntoast und zwei Portionen gebratenen Speck“, zählte Dora auf und geleitete dann ein Touristenpärchen mit ihren beiden Kindern zu einem Tisch. „Heute Buttermilch- oder Blaubeerpfannkuchen?“, fragte sie Sam über die Schulter.

Wieder erschien dieses zurückhaltende Lächeln um Sams Mundwinkel. „Ich lasse mich von ihr überraschen“, sagte er mit einem Augenzwinkern in Kelseys Richtung.

Kelsey wurde klar, dass sie auf seinen Mund starrte, und betete, dass er es nicht bemerkt hatte. Hastig wandte sie sich ab. Früher hatte sie vor dem Spiegel geübt, diesen sinnlichen Mund zu küssen.

Die Erinnerung trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht. Froh, dass die Gäste sie am Herd nicht mehr sehen konnten, griff sie nach einer Edelstahlschüssel, um neuen Pfannkuchenteig anzurühren.

Unglaublich, wie nervös er sie machte. Immerhin war sie neunundzwanzig, keine sechzehn mehr. Seit sie vor elf Jahren Maple Mountain verlassen hatte, um zur Kochschule zu gehen, hatte sie sich von einer Hilfsköchin in Boston zur Konditorin in Viersternerestaurants in San Diego und Scottsdale, Arizona, hochgearbeitet.

Sie hatte es mit den Launen von herrischen Sterneköchen aufgenommen, die sich für Halbgötter hielten, und in den letzten fünf Jahren bei jedem Dessertwettbewerb, an dem sie teilnahm, einen der ersten drei Plätze belegt. Bis vor ein paar Minuten war ihre größte Sorge der ungünstige Zeitpunkt gewesen, zu dem ihre Mutter sie brauchte.

Gerade war ihr die Stelle als Chefkonditorin im Carlton-Hotel angeboten worden, wo sie bereits jetzt arbeitete. Die gleiche Position war ihr in einem neuen Restaurant des begnadeten Doug Westland in Aussicht gestellt worden, der als der innovativste und erfolgreichste Gastronom der Westküste galt. Diese Stelle bedeutete die Chance, seine Geschäftspartnerin zu werden – und seine Geliebte.

Mit dem zweiten Teil des Angebots hatte sie gewisse Schwierigkeiten, doch auch das war im Augenblick nicht das Problem. Das Problem war, dass sie beherrscht, diszipliniert und nicht leicht aus der Ruhe zu bringen war. Normalerweise.

Immerhin erleichterte es Kelsey ungemein, dass Sam sich offenbar nicht an sie erinnerte. Auch deutete nichts in seinem Verhalten darauf hin, dass er das Tagebuch mit ihren gewagten Einträgen gefunden hatte. Soviel sie wusste, war sie die einzige Kelsey in Maple Mountain, und ihr Name stand schließlich in Schönschrift auf dem Einband. Hätte er das verflixte Ding bereits in der Hand gehabt, hätte die Erwähnung ihres Namens ihn sicherlich zu irgendeiner Reaktion verleitet.

Mit geübten Bewegungen schlug sie vier Eier in die riesige Pfanne und legte die Speckscheiben daneben. Wahrscheinlich brauchte er ein so großes Frühstück, um seine Muskelmassen mit genügend Proteinen zu versorgen. Als sie sich dabei ertappte, dass sie schon wieder über seinen Körperbau fantasierte, ermahnte sie sich, dass sie dringende Dinge zu bedenken hatte. Zum Beispiel, wie sie vor ihm an das Tagebuch herankam.

Noch immer ohne eine bahnbrechende Idee, stellte sie schließlich die Teller mit Sams Frühstück in die Durchreiche und lächelte dabei Amos zu, der ihr wiederholt zuzwinkerte, um ihr zu zeigen, dass er mit seinem Frühstück sehr zufrieden gewesen war. Danach wandte sie sich wieder dem Herd zu, um die Omeletts für die Touristen zuzubereiten.

Sam bemerkte Amos Zwinkern und Kelseys Reaktion darauf. Während er sich hungrig über das Essen hermachte, dachte er darüber nach, ob er es ebenfalls loben sollte. Doch die attraktive Blondine hinter dem Tresen hatte mit keiner Geste angedeutet, dass sie an überhaupt irgendetwas interessiert war, was er sagte.

Als Amos ihn zu einer Partie Dame am Abend einlud, sagte er zu, obwohl Gesellschaftsspiele sonst nicht sein Fall waren. Doch er mochte die beiden alten Herren, die fest davon überzeugt waren, dass in der guten alten Zeit alles besser gewesen war, sich nach außen hin mürrisch gaben und dabei ein Herz aus Gold hatten.

Ganz abgesehen davon, war er froh, einen Zeitvertreib zu haben, denn eigentlich saß er in Maple Mountain nur den Urlaub ab, der ihm von der Polizeipsychologin aufgezwungen worden war.

Er selbst hielt die Arbeitspause immer noch für unnötig und hätte sie sofort abgebrochen, wenn die Polizeibehörde ihn gelassen hätte. Während er stirnrunzelnd seinen Kaffee austrank, musste er allerdings zugeben, dass die Psychologin in einem Punkt vielleicht doch recht gehabt hatte: dass er im Polizeidienst den Umgang mit normalen Menschen verlernt hatte.

Woran sonst sollte es liegen, dass er der gut aussehenden und zu den anderen Gästen ausnehmend freundlichen Kelsey nicht einmal ein Lächeln hatte entlocken können? Von einem Gespräch ganz zu schweigen …

Er erinnerte sich nur dunkel an sie, da er damals hin und wieder bei „Dora’s Diner“ gegessen hatte. Doch je länger er über sie nachdachte, desto mehr kam es ihm so vor, als hätte es schon damals eine süße, langbeinige Blondine gegeben, nach der er Ausschau hielt, wenn er hier einkehrte. Allerdings war ihm klar gewesen, dass sie erst sechzehn und somit noch minderjährig war, und hatte daher die Finger von ihr gelassen.

Heute sah die Sache anders aus. Außerdem war aus dem süßen Teenager eine zauberhafte Frau mit einer faszinierenden Ausstrahlung geworden. Sie hatte das weißblonde Haar ihrer Mutter geerbt, das bei ihr allerdings mit goldenen und champagnerfarbenen Strähnen durchwoben war. Sie trug es im Nacken zum Pferdeschwanz gebunden, und darüber eine weiße Kochmütze, die ihre großen dunkelbraunen Augen betonte. Zusammen mit ihren fein geschnittenen Gesichtszügen, ihrer makellosen Haut und dem weichen roten Mund eine Kombination, die ihn absolut nicht kaltließ.

In ihrer weißen Kochjacke mit dem hohen Kragen, die sie wahrscheinlich mitgebracht hatte, wirkte sie in der Küche wie der Profi, der sie war, hatte zu den anderen Gästen allerdings offenbar ein vertrautes und freundschaftliches Verhältnis.

Warum sie mit jedem anderen lachte und scherzte und ihm die kalte Schulter zeigte, war ihm ein Rätsel. Immerhin war es sein Spezialgebiet, Menschen aus der Reserve zu locken. Jedenfalls Menschen, die sich in einem gewissen kriminellen Milieu bewegten.

Mit dem letzten Schluck Kaffee beschloss er, dass es nicht lohnte, darüber weiter nachzudenken, ließ sich von Dora zwei riesige Blaubeermuffins für später einpacken und machte sich auf den Weg zu dem Trailer, den er im Moment sein Zuhause nannte.

Er hatte ganz andere Probleme als die Tatsache, dass er es offenbar verlernt hatte, mit einer attraktiven Frau zu flirten. Die Polizeipsychologin hatte gesagt, er hätte den Bezug zur Normalität verloren – was immer das bedeuten mochte – und würde seinen Nutzen für den Polizeidienst verlieren, wenn er ihn nicht wiederfand.

Das hatte den Ausschlag gegeben. Seine Arbeit war mehr als ein Job für ihn. Seine Vorgesetzten, Kollegen und die Behörde zu enttäuschen kam für ihn nicht infrage. Er würde tun, was nötig war, um das zu verhindern, auch wenn es ihm schwer fiel.

Es war nun drei Wochen her, dass er den Fall abgeschlossen hatte, für den er über ein Jahr lang verdeckt ermittelt hatte. Vierzehn Monate lang hatte er unter falschem Namen und falscher Identität gelebt, um in die Kreise einzudringen, die er überwachen sollte. Um seine Deckung nicht zu gefährden, hatte er auch nicht an der Beerdigung seines Schwagers teilnehmen können, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Nun war seine Schwester Megan Witwe, seine beiden Neffen Halbwaisen.

Die Psychologin hatte angeordnet, dass er drei Monate lang beurlaubt wurde, um in einen normalen Alltag zurückzufinden, wieder Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen und sich auf kreative Weise zu entspannen.

Bei der Renovierung des Hauses konnte er dieser Anordnung folgen, ohne dabei vor Langeweile verrückt zu werden. Im Moment allerdings fiel es ihm in der Tat schwer, in die sogenannte „Normalität“ zurückzufinden, nachdem er so lange in der New Yorker Unterwelt mit Dealern, Zuhältern und Prostituierten verbracht hatte.

Deshalb überraschte es ihn auch, dass die attraktive Blondine, die ihm am Morgen so auffallend die kalte Schulter gezeigt hatte, am Nachmittag plötzlich mit einem strahlenden Lächeln und einem frisch gebackenen Apfelkuchen vor der Tür stand. Normal war das jedenfalls nicht.

2. KAPITEL

Kelsey war zu dem Schluss gekommen, dass es nur zwei Möglichkeiten gab, das Tagebuch unbemerkt aus dem Haus zu schmuggeln: Entweder versuchte sie, allein ins Obergeschoss zu kommen und es in ihrer Handtasche verschwinden zu lassen, oder sie ließ sich von Sam herumführen und kam zurück, wenn er nicht da war. Alles hing natürlich davon ab, welche Wände er schon abgerissen hatte.

Ihr Magen verkrampfte sich nervös, als er auf ihren am Flughafen gemieteten Kleinwagen zukam. Sie stieg aus, ließ die Handtasche über einer Schulter baumeln, griff nach der rosafarbenen Kuchenschachtel auf dem Beifahrersitz und ging ihm dann entgegen.

Alte Küchenschränke, verrottete Fußbodenbretter und ein verrostetes Waschbecken waren am Ende der Auffahrt zu einem großen Haufen aufgeschichtet. Daneben stapelte sich neues Holz vor der vom Alter gezeichneten Veranda.

Kelsey hatte gehört, dass Sam in dem langen weißen Trailer lebte, den er am Bachufer auf dem hinteren Teil des Grundstücks aufgestellt hatte. Laut Dora war das Aufbocken dieses Trailers in Maple Mountain ein halbes Volksfest gewesen, zu dem nicht nur Charlie und Amos erschienen waren, die mit Hand angelegt hatten, sondern auch zahlreiche Zuschauer. Zum Beispiel Lorna Bagley, eine alleinerziehende Mutter, die in „Dora’s Diner“ als Serviererin arbeitete. Lorna hatte Kelsey allerdings anvertraut, dass sie weniger an dem Wohnwagen interessiert war als an seinem Bewohner. So attraktive Männer wie Sam verirrten sich eben selten nach Maple Mountain.

Von Lorna hatte Kelsey auch erfahren, dass Sam jahrelang als Kriminalbeamter gearbeitet hatte und fast ebenso lange geschieden war. Trotz der wie immer gut funktionierenden Gerüchteküche schien jedoch niemand zu wissen, woran die Ehe gescheitert war, und auch über seinen Beruf gab es lediglich Vermutungen. Es hieß, dass er im Morddezernat arbeitete, aber niemand wusste Genaueres. Offenbar sprach er nicht viel über seine Arbeit.

Außerdem interessierte es die Einwohner von Maple Mountain nicht sonderlich, was jemand außerhalb ihres kleinen Ortes tat. Sam war gekommen, um seiner Schwester zu helfen, und das war etwas, was jeder hier schätzte.

Zwei Meter vor ihr blieb Sam stehen, und Kelsey hatte das unbehagliche Gefühl, dass er sie von Kopf bis Fuß musterte, obwohl er ihr die ganze Zeit in die Augen blickte.

„Wenn ich nicht wüsste, dass Sie die Gegend hier viel besser kennen als ich, würde ich fragen, ob Sie sich verirrt haben“, sagte er.

Offenbar erinnerte er sich also an ihre Begegnung am Morgen – und wie wortkarg sie sich verhalten hatte. Kein Wunder, dass er sich nun fragte, was sie hier tat.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, erwiderte sie. Außerdem hoffte sie, dass er nicht allzu beleidigt über ihr früheres Verhalten war, aber das behielt sie für sich.

„Ich habe gerade nichts zu tun, was nicht warten könnte.“

Sie nickte und hielt ihm die Schachtel mit dem Kuchen hin, einen von mehreren, die sie am Vormittag gebacken hatte. „Sie sagten doch, dass Sie Apfelkuchen mögen.“

Erstaunt hob er die Augenbrauen und nahm die Schachtel entgegen. „Und wofür bekomme ich den?“

„Weil ich mich gerne einmal im Haus umsehen würde“, gestand sie, bemüht, nicht ständig mit dem Blick an seinen muskulösen Oberarmen hängen zu bleiben, von denen sie damals so geschwärmt hatte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das zweistöckige Haus vor ihr. „Ich habe gehört, dass Sie Wände herausreißen und alles umbauen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich es gerne noch einmal sehen, bevor es sich total verändert hat.“ Sie zögerte und versuchte, ihrer Stimme einen beiläufigen Klang zu geben. „Wie weit sind Sie denn? Mit den Wänden, meine ich.“

Noch immer wirkte er überrascht über ihren Besuch, doch im Augenblick galt seine Aufmerksamkeit eher der Kuchenschachtel als ihr. Neugierig hob er den Deckel an.

„Ich habe oben erst die Hälfte der Wände geschafft“, erwiderte er, eindeutig von der Schachtel abgelenkt, die er jetzt an seine Nase hob, um zu schnuppern. „Sie nehmen Zimt.“

„Es ist ganz normaler Apfelkuchen.“

„Ich bin ja auch ein ganz normaler Mann.“

Da war es wieder, dieses zurückhaltende Lächeln.

„Also …“ Kelsey schluckte. „Dürfte ich mich ein wenig umsehen? Das Haus gehörte der Großmutter meiner besten Freundin, und ich war oft zu Besuch. In den Sommerferien durften wir hier auch zusammen übernachten. Es ist nur wegen der Erinnerungen, wissen Sie?“, fuhr sie fort, als er lediglich die Stirn runzelte. „Ich dachte immer, in dieser Stadt würde sich nie etwas verändern.“ Das stimmte sogar. Selbst ohne das verflixte Tagebuch wäre es ihr wichtig gewesen, das alte Haus, mit dem sie so viele Kindheitserinnerungen verknüpfte, noch einmal zu sehen. Sie hatte Sommertage hier verbracht, die sie nie vergessen würde.

„Es hat mir immer viel bedeutet, hier zu sein“, erklärte sie. „Ich würde meine Erinnerung gerne noch einmal etwas auffrischen, bevor sich alles zu sehr verändert hat. Ich weiß nicht, ob es für Sie auch solche Orte gibt, die Sie an die Kindheit erinnern? Es ist wirklich wichtig für mich.“

Vor lauter Nervosität plapperte sie wie ein Wasserfall, und als ihr das klar wurde, unterbrach sie sich hastig. Auf keinen Fall durfte er merken, dass sie ihn anschwindelte.

Denn obwohl sie gern im Baker-Haus gewesen war, hatte ihr damals die alte verlassene Mühle am anderen Flussufer weitaus mehr bedeutet. Stundenlang war sie in den dämmrigen Räumen umhergestreift und hatte sich ausgemalt, welches Leben die Menschen vor hundert Jahren hier geführt hatten. Oder sie hatte bei dem sich langsam drehenden Mühlrad gesessen und sich ihre eigene Zukunft ausgemalt, in der dummerweise in jenem speziellen Sommer ausgerechnet Sam die Hauptrolle spielte …

Offenbar hatte sie sich zu spät unterbrochen, denn Sams Blick drückte nun nicht mehr bloße Neugier, sondern einen Hauch von Misstrauen aus.

Kelsey fühlte sich ertappt und senkte den Kopf. Wahrscheinlich war es sicherer, jetzt zu schweigen, denn als Kriminalbeamter konnte er eine Lüge sicherlich schon von weitem erkennen.

Sam war noch viel besser, als sie dachte. Ihm entging es selten, wenn jemand die Unwahrheit sagte, und auch jetzt war ihm vollkommen klar, dass es der Frau vor ihm um noch etwas anderes ging als um Kindheitserinnerungen.

Sie wollte ins Haus, und das offenbar ziemlich dringend, da sie ja sogar mit dem Apfelkuchen einen Bestechungsversuch unternommen hatte.

Prüfend ließ er den Blick vom verräterischen Zwinkern ihrer dunklen Wimpern bis hinunter zu den langen Beinen wandern. Sein analytischer Verstand, der normalerweise in solchen Situationen sofort auf Hochtouren arbeitete, wurde ein wenig von seinem männlichen Ego getrübt, das ihren unerwarteten und geheimnisvollen Besuch durchaus genoss. Es würde Spaß machen, den wahren Grund ihres Kommens herauszufinden.

Kelsey Schaeffer war das genaue Gegenteil des Typs Frau, dem er im letzten Jahr bei seiner verdeckten Ermittlungsarbeit begegnet war. Die Halbweltdamen, mit denen er zu tun gehabt hatte, stellten ihre Reize demonstrativ zur Schau und versuchten, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen, wenn sie nicht sowieso ihren Körper verkauften. Kelsey dagegen schien sich ihrer Attraktivität entweder nicht bewusst zu sein oder sie ganz gezielt nicht hervorzuheben.

So trug sie zum Beispiel einen schlichten himmelblauen Pullover und weiße Caprihosen – geradezu eine Wohltat nach dem Leder, Latex und tief ausgeschnittenen Bustiers, deren Anblick er so lange ausgesetzt gewesen war. Ihr Make-up war in dezenten Farben gehalten, und sie strahlte eine natürliche Sinnlichkeit aus. Seit langem war sie die erste Frau, die in ihm überhaupt Interesse aufkeimen ließ, auch wenn er ihre kleinen Brüste und die schlanke Taille unter dem weiten Pullover mit dem geraden Ausschnitt nur erahnen konnte. Umso wohlgeformter wirkten ihre langen Beine in den lässigen Caprihosen.

Er spürte ein heißes Ziehen in der Lendengegend und den Anflug von Gelüsten, die nichts mit dem Duft von Zimt und Äpfeln aus der Kuchenschachtel zu tun hatten. Nun gut, beschloss er, aus reiner Neugier würde er sich diesmal bestechen lassen.

„Es sieht schon jetzt nicht mehr so aus, wie Sie es in Erinnerung haben“, warnte er Kelsey. „Ich habe bereits ziemlich viel abgerissen.“

Ihr in der Sonne in warmen Goldtönen schimmerndes Haar trug sie noch immer im Nacken zusammengefasst. Jetzt strich sie sich eine lose Strähne aus dem Gesicht und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Das ist schon in Ordnung. Ich werde mich nur schnell einmal umsehen, während Sie den Kuchen verstauen.“

„Ich werde Sie besser herumführen. Wie gesagt, es ist eine Baustelle und nicht ganz ungefährlich.“

„Ich möchte Sie aber auf keinen Fall länger aufhalten.“

„Kein Problem.“

Kelsey wollte gerade widersprechen und darauf bestehen, dass sie sehr gut alleine zurechtkam, als sie sah, wie er eine Augenbraue hob, und den Mund wieder schloss. „Das ist aber nett, dass Sie sich die Zeit nehmen“, murmelte sie stattdessen und ging in Richtung seiner einladend ausgestreckten Hand auf das Haus zu. Sie brauchte ja nur ein paar Minuten allein im Obergeschoss, um das Tagebuch zu finden, aber natürlich durfte sie Sam nicht merken lassen, dass seine Anwesenheit ihr Vorhaben erheblich erschwerte.

Als er die Kuchenschachtel auf der Veranda abstellte, wurde ihr klar, dass sie nun wirklich die komplette Führung mitmachen musste und keine Chance haben würde, das Obergeschoss allein zu durchsuchen.

Die eingesunkenen Verandastufen ächzten unter seinem Gewicht, als er die Haustür öffnete und ihr mit einer Geste bedeutete vorauszugehen.

„Danke“, murmelte sie und trat vor ihm in das leere Wohnzimmer. Die gemütliche Einrichtung aus viktorianischen Möbeln und rosenbedruckter Tapete war längst Vergangenheit. Die wenigen Streifen, die noch hingen, waren vergilbt und unansehnlich. Die geschnitzten Deckenabschlussleisten allerdings lagen sorgfältig aufgereiht an der hinteren Wand.

„Lassen Sie sich ruhig Zeit“, sagte er.

Kelsey meinte zu spüren, wie sich Sams Blick in ihren Rücken bohrte, als sie ein wenig zu spät bemerkte, dass ihre ganze Aufmerksamkeit der schmalen Tür am hinteren Ende des Raums galt. Die Tür, die zum Treppenaufgang führte.

„Wir haben oft alle zusammen in der Küche gesessen“, bemerkte sie hastig.

Sam hob eine Hand und deutete nach links.

Mit einem Lächeln, das ihr selbst wenig überzeugend vorkam, ging sie an ihm vorbei in die Küche, die ebenfalls völlig ausgeräumt worden war.

„Sie sagten, dass das Haus der Großmutter Ihrer Freundin gehörte?“

„Ja, Michelle Baker war meine beste Freundin“, erklärte sie. Klang er wirklich misstrauisch, oder war es ihr schlechtes Gewissen, das sich meldete? „Jetzt heißt sie Michelle Hansen und lebt in Maine.“

„Meine Schwester sagte, dass Mrs Bakers Enkelin den hiesigen Arzt geheiratet hat und in Maple Mountain wohnt.“

„Das ist Jenny, Michelles kleine Schwester. Ja, die lebt jetzt wieder hier.“

Kelsey drehte sich in der Mitte des Raumes einmal um die eigene Achse. Die gemütliche Wohnküche war überhaupt nicht wiederzuerkennen. Sämtliche Schränke waren entfernt worden, ebenso das abgetretene Linoleum. Auch der altmodische Holzofen und der rundlich geformte Kühlschrank waren verschwunden. Nur die mintgrüne Farbe an den Stellen, wo die Schränke gehangen hatten, kam ihr bekannt vor, der Rest des Raumes war irgendwann einmal sonnengelb gestrichen worden. Doch schon jetzt zeigten weiße Spachtelflecken, dass auch dieser Anstrich bald erneuert werden würde.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Sam sich an den Türrahmen lehnte und sie abschätzend beobachtete.

Von allen Gegenständen in der Küche vermisste Kelsey den alten Holzofen am meisten.

„Und Sie waren hier oft zu Besuch?“, fragte er.

„Michelles Großmutter war Witwe, also kümmerte sich ständig jemand aus der Familie um sie.“ Kelsey schloss die Tür der Speisekammer wieder, als sie sah, dass auch hier die Regale fehlten. „Manchmal kam ich nach der Schule mit Michelle hierher. Und im Winter, wenn wir alle auf dem Mühlteich Schlittschuh liefen, haben wir immer reingeschaut.“ Sie deutete auf das nun abgedeckte Loch in der Wand, wo sich der Schornstein befand. „Wir haben uns am Holzofen die Hände gewärmt, während Grandma B. uns Kakao kochte.“

„Grandma B.?“

„Großmutter Baker. Sie sagte immer, dass wir alle wie Enkel für sie wären, deshalb nannten wir sie so. So ist das eben hier in der Gegend.“ Kelsey lächelte, als sie daran dachte, wie lieb die alte Dame mit ihr und ihren Freundinnen umgegangen war. „Auch Nachbarn gehören zur Familie.“

Sie ging zur hinteren Verandatür, um zu sehen, was sich dort verändert hatte. Die Tür selbst war bereits ausgetauscht worden und wie die neuen Fenster aus Aluminium. Die breiten Stufen, auf denen sie mit Michelle oft in der Sonne gesessen hatte, gab es immer noch, doch das Holz war neu.

„Am besten gefielen mir immer die Mitternachtspartys im Sommer. Carrie Rogers und ich durften hier mit Michelle übernachten. Wir haben im Wald Beeren gepflückt und sind im Teich geschwommen, und dann haben wir hier draußen gesessen und Popcorn gegessen, bis Grandma B. uns ins Bett scheuchte. Aber eingeschlafen sind wir trotzdem erst, wenn die Sonne schon wieder aufging.“

Damals hatten sie es „die Nacht besiegen“ genannt, und Kelsey schüttelte den Kopf über ihre Ideen als Teenager und strich nachdenklich mit der Hand über die neue Holzfensterbank. Wenn sie heute eine schlaflose Nacht verbrachte, dann deshalb, weil sie ein großes Bankett vorbereiten musste oder versuchte, mit einem knappen Budget ein ordentliches Dessertmenü zusammenzustellen. In letzter Zeit war es vor allem der Gedanke an die seltsame neue Entwicklung ihrer Karriere, die sie wach hielt.

Sam betrachtete vom Türrahmen aus, wie sie seine Handwerkskunst prüfte, und staunte darüber, wie eine simple Kindheitserinnerung die Augen eines Menschen so zum Strahlen bringen konnte. Kelseys ganzes Gesicht hatte sich dabei verändert, und ihre Lippen waren ihm auf einmal noch rosiger erschienen. Er selbst konnte sich an seine Kindheit kaum erinnern. Er hatte nicht gelitten oder so, aber ihm fiel auch nichts ein, was einen ähnlichen Effekt auf ihn gehabt hätte wie gerade auf Kelsey.

Als Kelsey in den Raum zurückgeschlendert kam, fragte sie betont beiläufig: „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich auch oben umsehe?“

Noch immer neugierig, worauf sie wohl aus war, genoss Sam die Abwechslung in seinem seit zwei Wochen gleichmäßigen Tagesablauf. Lässig löste er sich vom Türrahmen und bedeutete ihr vorauszugehen.

Als sie an ihm vorbeikam, stieg ihm der Duft von Zimt in die Nase, gemischt mit einem frischen Aroma, das er nicht deuten konnte. Ihr Shampoo vielleicht oder die Seife, die sie benutzte.

Auf dem Weg zum Treppenaufgang blieb sie vor dem offenen Kamin stehen und legte die Hand auf den geschnitzten Aufsatz. Er hatte einen ganzen Tag gebraucht, um die aufwendigen Schnitzereien abzuschleifen und die Risse im Holz zu reparieren. Nun musste er das Holz nur noch in dem Kirschton beizen, den seine Schwester sich ausgesucht hatte, und ein paar Mal überlackieren.

„Machen Sie das alles selbst?“, fragte Kelsey.

„Mein Onkel hat mir geholfen, die alten Sachen aus der Küche und dem Bad herauszureißen, und er oder einer seiner Arbeiter fasst mit an, wenn die neuen eingebaut werden. Aber ansonsten – ja, alles andere mache ich selbst.“

„Das hier fühlt sich an wie Seide.“ Beinahe ehrfürchtig strich Kelsey mit den Fingerspitzen über die Holzoberfläche. „Ich dachte, Sie arbeiten bei der Polizei.“

„Tue ich ja auch.“

„Woher wissen Sie dann, wie man ein Haus renoviert?“

Sam zuckte die Achseln. „Als ich klein war, haben wir nie einen Handwerker gerufen. Mein Vater führte alle Reparaturen selbst aus, auch die Klempner- und Elektrikerarbeiten. Und ich habe zugeschaut.“

„Und ihm geholfen“, schloss sie. „Und zwar häufig, würde ich schätzen.“

Überrascht stellte er fest, dass sie recht hatte. Er selbst hatte die vielen Stunden fast vergessen, die er an der Seite seines Vaters zugebracht hatte, wenn der aus Holzleisten Bilderrahmen fertigte oder Puppenstubenmöbel, die er an seine Nichten und die Kinder in der Nachbarschaft verschenkte.

Pete MacInnes war ebenfalls Polizist und würde bald in Ruhestand gehen. Holzarbeiten waren sein Ausgleich zum Job, und es hatte ihm wohl Freude gemacht, dieses Hobby an seinen Sohn weiterzugeben. Gesagt hatte er das zwar nie, denn sein Vater war kein Freund von großen Worten, doch Sam erinnerte sich daran, wie stolz er gewesen war, wenn er einen anerkennenden Schlag auf die Schulter erhielt.

„Ja“, murmelte er schließlich als Antwort auf Kelseys Vermutung. Er wollte nicht an seinen Vater denken, und schon gar nicht daran, was der über seinen Zwangsurlaub gesagt hatte.

Nimm dir noch ein wenig mehr Zeit als geplant, mein Sohn. Vielleicht solltest du auch eine Therapie machen. Oder in den Innendienst wechseln. Deine Mutter kann vor Sorge nicht schlafen, wenn du verdeckt ermittelst.

Natürlich machte sich seine Mutter Sorgen – das war sozusagen ihr Hobby. Und das Letzte, was Sam wollte, war eine Beförderung in den Innendienst, wo er die Ermittlungen vom Schreibtisch aus koordinieren würde, statt selbst dabei zu sein.

„Das ist wirklich ein Meisterstück.“ Kelsey ließ die Hand ein letztes Mal über das Holz gleiten, überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen ihr und Sam gab. Als Witwe war Dora darauf angewiesen gewesen, die meisten anfallenden Arbeiten im Haus und Restaurant selbst auszuführen, und Kelsey hatte ihr stets dabei geholfen. So war sie die wahrscheinlich erste Studentin an der Bostoner Akademie für Gastronomie gewesen, die einen Küchenabfluss auseinandergenommen und wieder zusammengebaut hatte, weil einer Kommilitonin beim Topfschrubben der Verlobungsring in den Ausguss gerutscht war.

Sie wollte Sam gerade davon erzählen, als ihr die schmale weiße Narbe an seinem Kinn auffiel. Eine weitere entdeckte sie am Ausschnitt seines T-Shirts. Sie begann am Schlüsselbein und verschwand dann unter dem Stoff.

Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass sie ihn angestarrt hatte und er auf sie wartete. Eilig wollte sie an ihm vorbeigehen, doch als sie neben ihm war, hielt er sie am Arm fest.

„Seien Sie vorsichtig“, warnte er. „Die dritte und fünfte Stufe sind locker.“

Sams Hand umschloss ihren Oberarm, und sie spürte die Wärme seiner großen Hand durch den Stoff ihres Pullovers. Das Gefühl irritierte sie, denn es schien sich in ihrem ganzen Körper auszubreiten. Sie bemühte sich, es zu ignorieren. „Ist gut.“

„Und achten Sie da oben darauf, wo Sie hintreten.“

Diesmal nickte sie nur, und er ließ sie los. Die Wärme jedoch blieb, ebenso wie sein prüfender Blick, den sie noch immer im Rücken spürte. Vorsichtig stieg sie die Stufen hinauf, auf denen Schachteln mit Nägeln und Metallklammern standen. Das Geländer fehlte, und überall lag Sägemehl, doch der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit galt dem Mann, der ihr in geringem Abstand folgte.

Oben blieb sie stehen und blickte sich um. Viele der Innenwände waren bereits entfernt worden, und die alten Holzplatten lagen in dicken Stapeln herum. Zum größten Teil bestand das Obergeschoss nur noch aus senkrechten Balken und herumhängenden Leitungen. In der Mitte standen Sägeböcke, und an den Stellen, wo die Decke nicht ganz fehlte, hingen nackte Glühbirnen herunter.

Der einzige Raum, der sie interessierte, lag allerdings ganz am Ende des ehemaligen Flurs und war noch halbwegs intakt. Zum Flur hin fehlten die Wände zwar bereits, sodass sie hineinsehen konnte, doch die Wand zum angrenzenden Zimmer stand noch, und das war genau die Wand, um die es ging.

Sam warf im Vorbeigehen ein halb gelöstes Brett zu den anderen auf den Haufen. „Wie gesagt, hier gibt es nicht mehr viel zu sehen.“

Kelsey umklammerte die extragroße Handtasche, die sie mitgebracht hatte. Je kleiner der Abstand zwischen ihm und dem Tagebuch wurde, desto unbehaglicher fühlte sie sich. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass das Schiebefenster in Michelles Zimmer ebenso wie die anderen im Obergeschoss offen stand, um ein Verlängerungskabel von draußen durchzulassen.

Bevor er wegen ihres Interesses Verdacht schöpfen konnte, bemerkte sie: „Ohne Möbel und Wände fühlt es sich hier oben ganz anders an. Irgendwie …“

„Unfertig?“, schlug er vor.

„Ich dachte mehr an … einsam.“

Hier oben hatten die Wände immer von ihrem Gelächter widergehallt. Nun ja, tröstete sie sich, wenn erst Megans Jungs hier wohnten, würde es wieder so sein. Beiläufig deutete sie auf Michelles ehemaliges Zimmer mit der bewussten Wand. In seinem Beisein würde sie das Tagebuch niemals unbemerkt herausfischen können.

„Bleibt das Zimmer, wie es ist, oder reißen Sie die Wände auch heraus?“

„Die kommen auch noch weg.“

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Oh.“

„Meine Schwester will sowieso größere Zimmer für die Kids.“ Er machte eine Handbewegung, die das halbe Dachgeschoss umfasste. „Dieser Teil hier soll ganz offen bleiben als Spielzimmer.“

Da die Flurwand bereits fehlte, fragte sich Kelsey, ob sie vielleicht zwischen die Holzbretter der Seitenwand schauen und das Tagebuch entdecken konnte. Sie näherte sich der Wand rückwärts, wobei sie aus dem Augenwinkel die Werkzeugkiste neben den Sägeböcken registrierte.

„Habe ich Sie beim Sägen der neuen Balken unterbrochen?“

Sein Blick kam ihr nun noch eine Spur misstrauischer vor. „Nein, ich war gerade dabei, den Türstock herauszunehmen, mit dem Sie gleich zusammenstoßen. Die ganze Wand kommt raus.“

Kelsey lächelte verlegen. „Dann sollte ich Sie nicht länger aufhalten. Ich muss auch dringend wieder los, sonst glaubt meine Mutter noch, ich hätte sie im Stich gelassen.“ Über die knarrenden Bohlen ging sie zurück zur Treppe. „Es war wirklich sehr freundlich von Ihnen, dass ich mich umsehen durfte.“

Ohne den Blick von ihr zu lösen, erwiderte er: „Gern geschehen.“

„Danke.“ Froh, der peinlichen Situation endlich zu entkommen, hielt sie vor der obersten Stufe noch einmal inne. „Vergessen Sie Ihren Kuchen nicht.“

„Darauf können Sie Gift nehmen.“

Seine enthusiastische Antwort entlockte ihr ein Lächeln, das er jedoch nur für einen Sekundenbruchteil sah, weil sie bereits die Treppe hinuntereilte. Für Sam jedoch lange genug, dass ihm die verräterische Anspannung darin auffiel. Als sie am Morgen den anderen Gästen zugelächelt hatte, hatte ihr Lächeln anders ausgesehen.

Er blieb im Obergeschoss stehen und hörte, wie sie eilig das Wohnzimmer durchquerte. Noch ein wenig schneller, und sie wäre gerannt. Erst als er hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel, folgte er ihr, beobachtete dann aus dem Wohnzimmerfenster, wie sie zu ihrem Wagen ging. Bevor sie einstieg, betrachtete sie das Haus noch einmal, dann fuhr sie davon.

Schon allein ihre Körpersprache war so eindeutig gewesen, dass er seine Dienstmarke darauf verwettet hätte, dass sie etwas vor ihm verbarg. Oder hatte die Polizeipsychologin vielleicht wirklich recht, und es gelang ihm einfach nicht mehr, von der Arbeit auf den normalen Alltag umzuschalten? Schließlich war Kelseys Erklärung für den Besuch durchaus plausibel, und sie hatte nichts getan, was darauf hindeutete, dass sie etwas anderes wollte, als Kindheitserinnerungen auffrischen.

Vielleicht übertrieb er es ja etwas mit seinem Misstrauen?

Kelsey konnte selbst kaum fassen, was sie tat. Es war zwei Uhr früh, und sie war mit einer alten Skimütze, einem dunkelblauen Langarm-T-Shirt und Jeans gekleidet wie ein Einbrecher. Schlimmer noch, sie verhielt sich auch wie einer, denn sie war dabei, durch das Fenster eines Hauses einzusteigen, das ihr nicht gehörte.

Vor zehn Minuten hatte sie den Mietwagen bei der alten Mühle geparkt und war zu Fuß über die kleine Brücke zur Rückseite des Baker-Hauses gelaufen. Als sie das Grundstück erreichte, wagte sie kaum mehr zu atmen. Sams Trailer leuchtete im Licht des Halbmonds wie ein weißer Fremdkörper, daneben stand sein dunkler Pick-up.

Zum Glück war die Rückseite des Hauses vom Trailer aus nicht einsehbar. Deshalb war es relativ leicht gewesen, die Leiter von der hinteren Veranda zu holen und an die Hauswand zu stellen, sodass sie durch das Fenster neben Michelles ehemaligem Zimmer einsteigen konnte. Am Nachmittag hatten die zwei altmodischen Schiebefenster offen gestanden, jetzt waren sie geschlossen. Doch Kelsey hatte sich gemerkt, dass der Verschlussriegel bei einem der beiden abgebrochen war.

Nun stand sie also auf der vorletzten Sprosse, hoffte inständig, dass sie nicht wie ihre Mutter von der Leiter fallen würde, und mühte sich ab, das betreffende Fenster aufzuhebeln, was schwieriger war als erwartet.

Alte Farbschichten und das aufgequollene verrottete Holz ließen es klemmen, und da es außen keinen Griff gab und sie kein Werkzeug dabeihatte, blieb ihr nur, die Handflächen auf die untere Scheibe zu legen und zu versuchen, sie mit reinem Geschick und Muskelkraft nach oben zu schieben. Als der Spalt groß genug war, die Finger hindurchzustecken, gelang es ihr schließlich, es ganz zu öffnen.

Als Einbrecher wäre ich eine Niete, dachte sie, als sie im Mondlicht sah, dass sie nicht nur den Abdruck ihrer Handflächen auf dem Glas hinterlassen hatte, sondern auch zehn perfekte Fingerabdrücke.

Sich am Fensterbrett festklammernd, kletterte sie hinein und atmete auf, als sie schließlich in dem dunklen Raum stand. Der Mond erhellte nur einen schmalen Streifen hinter dem Fenster, und sie war froh, dass sie an eine Taschenlampe gedacht hatte.

Zum Glück stand das nächste Haus fast einen Kilometer entfernt, sodass keinem Nachbarn der nächtliche Lichtschein auffallen würde.

Kelseys Plan war ganz einfach. Sie würde mit einem Schraubenzieher aus Sams Werkzeugkiste das Brett lösen, hinter dem ihr Tagebuch lag, ihr Eigentum an sich nehmen und das Brett so gut wie möglich an seinem Platz befestigen. Das Risiko, Sam zu wecken, indem sie es wieder annagelte, erschien ihr allerdings zu hoch. Es würde lose sein, wenn er die Wand abriss, aber mit etwas Glück würde er das gar nicht bemerken.

Sie hatte schon das halbe Obergeschoss durchquert – den Strahl der Taschenlampe immer dicht vor sich auf den Boden gerichtet, um nicht über einen Stapel Holz zu stolpern –, als sie feststellen musste, dass der Lichtstrahl an einer Außenwand endete.

Michelles Zimmer existierte nicht mehr.

Kelseys Herz klopfte heftig, als sie mit aufsteigender Panik die Stelle absuchte, wo die Wand gestanden haben musste. Nur senkrechte Balken zeugten noch davon, die in regelmäßigen Abständen von Querbalken gestützt wurden. Einer dieser Querbalken hatte das Bord gebildet, auf dem Michelle ihre Schätze verbarg, und darunter hätte Kelseys Tagebuch liegen müssen.

Fassungslos starrte Kelsey auf die Stelle und ging langsam darauf zu, als sie hinter sich Holz knarren hörte. Als sie stehen blieb, regte sich nichts mehr, und sie tat es als eins der typischen Geräusche ab, die alte Gebäude eben von sich gaben.

Ihre einzige Sorge war das Tagebuch, und sie leuchtete mit der Taschenlampe umher, um einen besseren Blick auf den Raum hinter den Balken zu haben.

In diesem Augenblick stellten sich ihre Nackenhärchen auf. Bevor sie darauf reagieren konnte, schloss sich etwas Hartes um ihr Handgelenk. Sie hatte kaum Zeit aufzuschreien, als ihr schon die Skimütze vom Kopf gerissen wurde. Wie eine Puppe wurde sie herumgeschleudert und gegen einen der Stützbalken gepresst, dann drückte ihr etwas, was sich wie ein Stahlrohr anfühlte, die Kehle zu.

Offenbar war ihr auch die Taschenlampe abgenommen worden, denn jetzt richtete sich der Strahl auf ihr Gesicht und blendete sie. Kelsey öffnete den Mund, um zu schreien, als ihr klar wurde, dass sie keine Luft mehr bekam.

3. KAPITEL

Sam konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Nach vierzehn Monaten ohne Tiefschlaf, immer in Angst, dass jemand seine wahre Identität herausfand und ihn umbringen würde, sobald er ein Auge zutat, weckte ihn schon das kleinste Geräusch auf.

Jede Nacht wachte er mindestens ein Dutzend Mal auf, und immer war sein erster Gedanke, dass er aufgeflogen war und jemand in ihm den Polizisten erkannt hatte.

Es dauerte stets einige Sekunden, bis er sich daran erinnerte, dass er nicht mehr die Rolle eines heruntergekommenen Bar­keepers spielte, der in einer Bar im verrufensten Viertel der Stadt arbeitete. Die Mitglieder des Drogenrings, den er gesprengt hatte, waren entweder tot oder im Gefängnis. Er befand sich im verschlafenen Maple Mountain, einem der sichersten Orte, die er kannte.

Dennoch sagte ihm sein Instinkt in dieser Nacht, dass draußen beim Haus etwas nicht stimmte. Er stand lautlos auf und öffnete ein Fenster des Trailers. Das leise Geräusch von Metall, das auf Holz stieß, sagte ihm alles, was er wissen musste.

Er schlüpfte in seine Jeans, steckte die Waffe, die er unter dem Kopfkissen aufbewahrte, in den hinteren Hosenbund und schlich nach draußen.

Die jahrelange Erfahrung, wie skrupellos und rachedurstig Menschen sein konnten, ließen ihn stets automatisch das Schlimmste annehmen. So war er wenigstens auf jede Eventualität vorbereitet. Wenn sich herausstellte, dass die Bedrohung geringer war als angenommen, konnte er immer noch einen Gang zurückschalten. Viel gefährlicher war es, leichtsinnig und unvorbereitet in eine Situation zu geraten, die sich als haariger herausstellte als angenommen. Dieser Philosophie folgte seines Wissens nach jeder Polizist, der sich ein langes Leben wünschte.

Deshalb konnte er sich nur zwei Gründe vorstellen, warum die dunkel gekleidete Gestalt, die er auf der Rückseite des Hauses auf der Leiter sah, ins Haus einstieg: weil sie Werkzeug stehlen wollte, um es gegen Drogen zu verschachern, oder weil sie auf einem persönlichen Rachefeldzug war. Bei seiner Arbeit konnte es immer vorkommen, dass jemand der Verhaftung entkam und ihn loswerden wollte oder dass ein Verurteilter einen Kumpel losschickte, es ihm heimzuzahlen.

Als er allerdings im grellen Schein der Taschenlampe feststellte, dass es sich bei dem Einbrecher um Kelsey handelte und dass sie vollkommen verängstigt war, schaltete sein Überlebensinstinkt von einem Moment auf den anderen ab. Stattdessen wurde ihm klar, dass er ihr die Luftröhre zudrückte, dass er ihr wehtat und dass er kurz davor stand, sie wirklich zu verletzen.

Mit einem Fluch riss er den Arm zurück, wobei die Waffe in seiner Hand im Lichtschein aufleuchtete. Wieder fluchte er, als er den Taschenlampenstrahl zu Boden richtete, damit sie wieder sehen konnte.

„Lieber Gott, Kelsey“, rief er wütend und entsetzt zugleich. Er hätte ihr das Genick brechen können. „Was zum Teufel machen Sie hier?“

Kelsey blinzelte, weil noch immer Lichtreflexe vor ihren Augen tanzten, ließ sich aber erleichtert gegen den Balken sinken, als sie Sams Stimme erkannte. Reflexartig legte sie ihre zitternde Hand an die Kehle. „Ich …“

„Haben Sie eine Vorstellung davon, was ich Ihnen hätte antun können?“ Wütend über ihren Einbruch, aber gleichzeitig entsetzt bei dem Gedanken, wie er mit ihr umgesprungen war, stellte er die Taschenlampe heftig auf einem der Sägeböcke ab, sodass das Licht zur Decke strahlte. „Sich an einen Polizisten heranzuschleichen ist lebensgefährlich, begreifen Sie das? Was um alles in der Welt haben Sie sich dabei gedacht?“

Kelseys Herz schlug heftig, und sie schluckte. Wenn er doch bloß aufhören würde, sie anzubrüllen! Er hatte sich direkt vor ihr aufgebaut, und sie spürte nur allzu deutlich seine Anspannung.

„Ich habe mich nicht an Sie herangeschlichen“, protestierte sie dennoch tapferer, als sie sich fühlte. Eigentlich war ihr eher übel, und ihre Knie zitterten. Trotzig hob sie das Kinn. „Es war genau umgekehrt.“

„Aber Sie sind hier eingebrochen und …“

„Bin ich nicht! Das Fenster war nicht verriegelt.“

„So lautet aber der Tatbestand“, grollte er, stemmte die Hände in die Hüften und blickte von oben finster auf sie herab. „Immerhin befinden Sie sich in einem fremden Haus, und Sie sind durch ein Fenster im zweiten Stock gestiegen, um hineinzukommen. Laut Gesetz ist das Einbruch. Und jetzt würde ich gerne wissen, warum.“

Und ich würde alles lieber tun, als dir den wahren Grund zu beichten. Kelseys Blick blieb an dem Grübchen in seinem Kinn hängen.

„Ich habe nur nach etwas gesucht, was ich hiergelassen hatte.“

„Heute Nachmittag?“

„Nein, schon früher.“

Kelsey zuckte zusammen, als er sich unvermittelt abwandte und einige Schritte von ihr entfernte. Ein paar Sekunden später flammte eine der nackten Glühbirnen auf, und er kam zurück.

Im Licht der Taschenlampe hatte sie ihn als dunkle Silhouette mit einem durchdringenden Blick wahrgenommen. Nun sah sie nicht nur seinen grimmigen Gesichtsausdruck, sondern auch seinen durchtrainierten – nackten – Oberkörper und die lange Narbe, die quer darüber verlief.

Sie senkte den Kopf, nur um hastig wieder aufzublicken, als sie feststellte, dass er in der Eile seine Jeans nicht geschlossen hatte. Dabei bemerkte sie eine fünfmarkstückgroße, runde, rosafarbene Narbe auf seinem linken Oberarm.

Auf Kelsey wirkte schon der Anblick seines narbenübersäten, halb nackten Körpers verstörend, doch die Waffe in seinem Hosenbund ließ erneut Panik in ihr aufsteigen, als ihr klar wurde, dass er diese vor ein paar Minuten auf sie gerichtet hatte.

Allerdings zeigte sein Gesichtsausdruck, dass er sie nicht länger als Bedrohung ansah. Offenbar war er dabei, sich zu beruhigen. Seine impulsive Wut war verraucht und hatte verständlichem Ärger Platz gemacht.

„Und was ist das?“

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, schüttelte sie den Kopf. „Was ist was?“

„Was Sie hiergelassen haben.“

Inzwischen war ihre Verlegenheit größer als ihre Panik. „Es ist einfach etwas, das mir gehört.“

„Wenn es Ihnen gehört, wieso ist es dann hier?“

„Es war ja nicht immer hier“, erklärte sie und rieb sich abwesend die Beule am Hinterkopf, wo sie bei seinem Angriff mit einem der Querbalken zusammengestoßen war. „Ich habe es in der alten Mühle aufbewahrt, bis ich hörte, dass ein paar Jungs aus der Schule sich auch immer dort trafen. Weil ich Angst hatte, dass sie es finden könnten, bat ich Michelle, es in ihrem Geheimversteck in ihrem Zimmer zu verwahren.“

Sie ließ die Hand wieder sinken und strich sich dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich wollte es eigentlich nur vorübergehend dort verstecken, aber es fiel hinter den Querbalken, und wir kriegten es nicht wieder heraus.“

Sam schwieg und betrachtete ihr blasses Gesicht. Der Knoten, zu dem sie ihr Haar aufgesteckt hatte, hatte sich gelöst, und ihr langes Haar fiel ihr bis über die Schultern.

Er unterdrückte den Impuls, es zurückzustreichen, weil er nicht sicher war, ob er sie beruhigen oder doch lieber an den Schultern packen und schütteln wollte. Dass sie sich zu so einer Eskapade hatte hinreißen lassen, um etwas zurückzubekommen, wonach sie ihn einfach hätte fragen können, erschien ihm unbegreiflich, und er ging zu der Stelle, wo er es abgelegt hatte.

Das Tagebuch hatte er am Nachmittag kurz nach ihrem Besuch in einer der Wände gefunden, zusammen mit einem alten Lippenstift und einem Haufen Schokoladenpapier. Da er auf dem Einband den verblassten Namen Kelsey entdeckt hatte, hatte er es nicht zusammen mit dem Rest weggeworfen, sondern zur Seite gelegt. Zu dem Zeitpunkt hatte ihn das Problem beschäftigt, wie er die Kabel neu verlegen konnte, und er hatte sich vorgenommen, es irgendwann mal Kelsey zu zeigen, falls es ihres war.

„Suchen Sie das hier?“, fragte er und hielt das Tagebuch hoch.

Kelseys Augen weiteten sich. „Das ist es!“, rief sie und lief auf ihn zu, die Hand nach dem Büchlein ausgestreckt.

„Nicht so schnell.“ Sam hielt das Tagebuch hoch, sodass sie es nicht erreichen konnte. „Ich möchte schon gerne wissen, was Ihnen hieran so wichtig ist, dass Sie dafür einen Einbruch riskieren.“

Da war er wieder, der Albtraum, den sie die ganze Zeit gefürchtet hatte. „Es ist nur ein Tagebuch, das ich in der Highschool geführt habe“, log sie, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um es ihm abzunehmen.

Doch er hielt es noch höher. Sie stand jetzt so dicht vor ihm, dass sie fast seine nackte Brust berührte. Offenbar hatte er vor dem Zubettgehen geduscht, denn ihr stieg der angenehme Duft eines würzigen und verstörend männlichen Duschgels in die Nase.

Kelsey schluckte und trat einen Schritt zurück, da sie sich nicht mehr sicher war, ob die Hitze, die sie spürte, von ihm oder von ihr ausging. „Es steht nur unwichtiges Zeug drin, wirklich. Lauter kindische Sachen.“

„Bei Ihnen kann man sich den Lügendetektor wirklich sparen.“

Unentschlossen, ob sie ihn nun lieb bitten oder versuchen sollte, ihm das Tagebuch wegzuschnappen, das er nun wieder in Reichweite hielt, blieb sie in sicherem Abstand stehen. Ihm noch einmal so nahe zu kommen, erschien ihr keine gute Idee, ganz abgesehen davon, dass er sicherlich blitzschnelle Reflexe hatte.

Doch als er zu seiner Werkzeugkiste trat, einen dünnen Draht herausholte und mit wenigen Handgriffen das Schloss knackte, das die Seiten eigentlich vor fremden Augen schützen sollte, geriet sie erneut in Panik.

„Was machen Sie denn da?“

„Ich glaube einfach nicht, dass es so harmlos ist, wie Sie sagen. Irgendetwas Wichtiges steht hier drin. Und da Sie mich mit Ihrem Einbruch mindestens zehn Jahre meines Lebens gekostet haben, will ich wenigstens wissen, um was es sich handelt.“

„Nein!“

Aus Angst vor der bevorstehenden Peinlichkeit griff sie wieder nach dem Buch. Prompt hielt er es erneut in die Höhe. Sie konnte ihre Bewegung nicht mehr bremsen und landete an seinem muskulösen Körper, den Arm neben seinem hochgereckt, ihre Brüste an seinen Oberkörper gedrückt, den Bauch an seinem geöffneten Reißverschluss.

Als er das Buch weiter nach hinten hielt, trafen sich ihre Blicke, und er hob eine Augenbraue. Seine Augen funkelten herausfordernd.

Kelsey erstarrte, als sie spürte, wie sich angesichts des vollen Körperkontakts in ihrer Mitte Hitze ausbreitete, gefolgt von einem verräterischen, lustvollen Ziehen. Hastig trat sie einen Schritt zurück.

Von dem Zwischenfall und ihrer offensichtlichen Verzweiflung völlig unbeeindruckt, wandte sich Sam ab, um mit dem Buch unter die Glühbirne zu treten. Er öffnete es und überflog die in rundlicher Handschrift eng gefüllten Seiten.

Bis vor Kelseys Einbruch hatten ihn sein Fund und die dazugehörige Frau nur beiläufig interessiert. Das war nun anders, und nicht nur wegen des Tagebuchs. Das Gefühl, wie sich ihr verführerischer Körper an seinen schmiegte, hatte eindeutig seit langem sträflich vernachlässigte Teile seiner Anatomie geweckt. Bevor er sich eingehender damit befasste, wollte er allerdings erst das Geheimnis des unschuldig wirkenden Tagebuchs aufdecken. Er schlug eine der vorderen Seiten auf und begann zu lesen. Als Datum war der 23. April eingetragen.

Der Mathetest war schrecklich,

hatte sie geschrieben.

Ich hoffe, ich habe ihn bestanden, aber es half nicht sehr, dass Tommy M. ständig versuchte, bei mir abzuschreiben. Er ist so ein Blödmann.

Ich habe Mom im Restaurant geholfen. Bertie Buell war da und hat wieder Moms Kokosnusskuchen bestellt. Mom sagt, dass Bertie unbedingt das Rezept herausfinden will und sauer ist, weil Mom es ihr nicht verrät. Ich habe ihr gesagt, dass Mrs Buell immer sauer ist. Ich habe gehört, wie Carries Mom sagte, das läge daran, dass sie keinen Sex hat.

Bis jetzt kam Sam nichts daran so schrecklich vor, dass man dafür einbrechen musste. Er blätterte zur Mitte vor.

Carrie hat Hausarrest, weil sie sich wieder davongeschlichen hat, um sich mit Rob zu treffen, und Michelle muss auf ihre kleine Schwester aufpassen, also bin ich in der Mühle. Ich wünschte, ich könnte hier wohnen. Ich würde den Wohntrakt restaurieren und die Blumenkästen bepflanzen. Die Mühle kommt mir traurig vor, weil sie so nutzlos hier herumsteht. Es ist, als ob sie nur schläft und darauf wartet, dass jemand sie aufweckt und wieder ihre Arbeit tun lässt.

Er hätte niemals von einem Gebäude gedacht, dass es traurig wirkte – oder einsam, wie sie am Nachmittag über das Baker-Haus gesagt hatte. Wie sie auf solche Dinge kam, war ihm schleierhaft. Wahrscheinlich ein Hang zur Sentimentalität, der ihm völlig fremd, aber kein Grund war, sich so anzustellen. Oder den Atem anzuhalten, wie sie es jetzt tat, als er weiterblätterte.

Ein paar Seiten weiter stieß er auf ein Blatt, das über und über mit seinem eigenen Namen bedeckt war, in unzähligen Varianten.

Sam. Sam MacInnes. Samuel MacInnes. KEL + SAM. Mr und Mrs Sam MacInnes. Kelsey MacInnes.

Stirnrunzelnd hob er den Kopf und hielt ihr das Tagebuch hin, sodass sie es sehen, aber nicht erreichen konnte. „Was soll das denn hier?“

Kelsey spürte, wie ihr heiß wurde. „Ach, das ist etwas, womit sich junge Mädchen beschäftigen. Es hat nichts zu bedeuten“, sagte sie und griff erneut nach dem Buch, das er ebenso prompt wieder wegzog.

Wieder überblätterte er ein paar Seiten.

„Ich habe wieder von Sam geträumt“, las er laut vor, blickte erstaunt auf und las dann langsamer weiter. „Es war genau wie in Herzen im Sturm, wo Jack Angela küsste und sie ins Schlafzimmer drängte. Als ich aufwachte, hat mein Herz wie wild geklopft, und ich hatte ein ganz komisches Gefühl im Magen. So, wie wenn er in meiner Nähe ist. Ich würde alles für einen Kuss von ihm geben. Einen richtigen Kuss natürlich. So, wie Jack Angela geküsst hat.“

Die Sache fing an, ihm Spaß zu machen, und so blätterte Sam ein paar Seiten zurück, um zu sehen, ob er nicht etwas verpasst hatte, überflog einen Eintrag, der mit den Worten jetzt habe ich Sam schon vier Tage lang nicht gesehen begann und las dann laut weiter, als sein Name das nächste Mal auftauchte.

„Carrie hat mich gefragt, was mir an Sam am besten gefällt, und ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich mag sein Lächeln und wie er den Mund verzieht, wenn er über etwas nachdenkt. Ich liebe seine Augen und seine muskulösen Arme und …“

Kelsey schloss die Augen, als er sich unterbrach und den Rest des Satzes im Stillen weiterlas. Als sie sie wieder öffnete, grinste er sie auf eine Weise an, die ihr Magenkribbeln verursacht hätte, wäre sie nicht vor Scham am liebsten im Erdboden versunken.

„Sie fanden meinen Hintern sexy?“

Mit Vergnügen beobachtete Sam, wie sie die Fingerspitzen an die Stirn legte und den Kopf schüttelte. Ihre Wangen waren nun flammend rot, und er konnte sich vorstellen, dass sie sich in Grund und Boden schämte.

Eigentlich hätte er ihr das Tagebuch zurückgeben und sie erlösen sollen, was angesichts ihrer Qual das einzig Anständige gewesen wäre. Aber er war noch nicht so weit, zumal ihn diese Sache von dem Gedanken ablenkte, was er beinahe mit ihr angestellt hätte.

Außerdem hatte er sich schon lange nicht mehr so prächtig amüsiert. Vor allem, als er kurz darauf auf weitere Einträge stieß, in denen er das Objekt ihrer Begierde und die Hauptperson ihrer Fantasien war. Ziemlich erotischer Fantasien sogar.

„Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum Sie das zurückhaben wollen“, sagte er schließlich.

„Kann ich es dann jetzt haben? Bitte?“

Sie wusste nicht mehr genau, was noch alles kam, aber sie erinnerte sich an einige delikate Stellen, die von den Liebesromanen inspiriert worden waren, die sie und ihre Freundinnen verschlungen hatten. So wie er beim Lesen die Augenbrauen gehoben und dann anerkennend genickt hatte, hatte er sie wohl gefunden.

Allerdings kam er ihr auch wesentlich entspannter vor als noch vor wenigen Augenblicken. Er wirkte sogar geradezu gut gelaunt, als er sie anlächelte.

„Haben Sie immer noch erotische Fantasien?“

„Nein“, erklärte sie rundheraus, entschlossen, ihm nicht noch mehr Einblick in ihr Gefühlsleben zu geben. „Das sind doch nur die romantischen Vorstellungen eines Teenagers, der zu viele Seifenopern gesehen hat.“

„Also sind Sie jetzt prüde?“, fragte er mit unverschämtem Grinsen.

Sie ahnte, was kam, aber was sollte sie machen? „Ich bin nicht prüde.“

„Dann haben Sie also noch immer Fantasien?“

Kelsey fand langsam, dass er sich genug auf ihre Kosten amüsiert hatte. „Natürlich“, sagte sie kühl. „Im Augenblick träume ich gerade davon, dass der Boden sich unter mir öffnet. Oder unter Ihnen.“

„Hey, haben Sie diese Dinge geschrieben oder ich?“

„Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass jemand sie liest.“

„Ich habe nichts dagegen, dass Sie mich in Ihre Geheimnisse eingeweiht haben.“

„Eingeweiht? Sie haben das Schloss geknackt!“

„Ach, seien Sie doch nicht so spitzfindig“, meinte er und hielt ihr grinsend das Tagebuch hin.

Sie riss es ihm beinahe aus der Hand.

„Danke“, murmelte sie. Jetzt wollte sie nur noch weg von hier, am liebsten sogar gleich ganz zurück nach Scottsdale, wo sie diesen ganzen Tag einfach aus ihrem Gedächtnis streichen konnte.

So unsensibel er sich vorher verhalten hatte, für ihren Wunsch, so schnell wie möglich zu verschwinden, schien er Verständnis zu haben. Er ging zu dem Fenster, durch das sie hereingeklettert war, und schloss es.

„Vielleicht nehmen Sie beim Rausgehen lieber die Tür“, sagte er. „Nicht, dass Sie mir noch von der Leiter fallen.“

Er schaltete die Flurbeleuchtung ein und die Glühbirne oben aus.

„Danke“, wiederholte sie und lief so schnell die Treppe hinunter, dass sie schon im Wohnzimmer war, als er sie einholte.

„Die Hintertür ist nicht abgeschlossen“, erklärte er.

Als sie in Richtung Küche ging, streifte sie ein Lichtstrahl. „Vergessen Sie Ihre Taschenlampe nicht. Und die Skimütze.“

Diesmal dankte sie ihm nicht, sondern nahm ihm die Skimütze einfach ab und folgte dem Lichtstrahl durch die Küche bis zur Hintertür. Als sie die Verandastufen schon hinter sich hatte, hielt er sie noch einmal auf.

„Wo haben Sie denn Ihren Wagen?“

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn die Verandatreppe herunterkommen. Im fahlen Licht des Mondes wirkte er mit seinem muskulösen Körperbau und den Narben wie die Bronzestatur eines Kriegers.

„Bei der alten Mühle. Ich bin zu Fuß hier.“

„Es ist stockfinster. Ich werde Sie begleiten.“

Sein galantes Angebot überraschte sie. Ein Krieger und Gentleman? Die Kombination ließ sie nicht ganz kalt. „Das ist nicht nötig“, erklärte sie dennoch. „Ich kenne den Weg sehr gut.“

Schweigend beobachtete er, wie sie sich rückwärts wieder in Bewegung setzte, nur um so schnell wie möglich von ihm wegzukommen.

„Seien Sie aber vorsichtig“, mahnte er schließlich.

„Mach ich“, versicherte sie, drehte sich um und verschwand so schnell und leise wie ein Reh zwischen den ersten Bäumen.

Sam blickte ihr nach und wartete, bis er hörte, wie in der Ferne ein Wagen angelassen wurde. Erst dann räumte er die Leiter weg und kehrte lächelnd zurück zu seinem Trailer und seinem Bett.

Kaum war Kelsey wieder zu Hause, verstaute sie das Tagebuch ganz unten in ihrer Reisetasche, schloss sie ab und legte den Schlüssel in ihre Handtasche. Noch immer wurde sie jedes Mal rot, wenn sie daran dachte, wie Sam laut daraus vorgelesen hatte, und das unendlich peinliche Gefühl riss sie immer wieder aus dem Schlaf. Jedenfalls fühlte sie sich wie gerädert, als ihre Mutter um fünf Uhr früh vor der Tür ihres alten Kinderzimmers laut „Oh What a Beautiful Morning“ zu summen begann, ihre übliche Art, die Tochter zu wecken.

Während Kelsey kurz darauf in der Restaurantküche Pfannkuchenteig anrührte, konnte sie an nichts anderes denken, als dass Sam jeden Moment zum Frühstück kommen und sie dann vor Scham im Boden versinken würde. Wie sie gestern gehört hatte, war halb acht seine übliche Zeit, doch heute ließ er zu allem Überfluss auch noch auf sich warten.

Das gab ihr ausreichend Gelegenheit, sich Gedanken darüber zu machen, was für ein Bild er nun wohl von ihr hatte. Schließlich hatte es sich damals bei ihren detaillierten Beschreibungen um reine Fantasien gehandelt, die sie nie in die Tat umgesetzt hatte. Eigentlich bis heute nicht.

Tatsächlich hatte sie niemals wieder so für einen Mann geschwärmt wie damals für Sam, geschweige denn ganze Tagebuchseiten über ihn gefüllt.

Gegen zehn war Sam immer noch nicht aufgetaucht, und Kelsey hoffte, dass er beschlossen hatte, ihr aus dem Weg zu gehen, auch wenn das ebenfalls nicht gerade schmeichelhaft für sie war. Die meisten Frühstücksgäste waren gegangen, und sie begann, Äpfel für die Kuchen zu schälen.

Als das Telefon klingelte, ging Dora ran, deren Hände gerade sauber waren. Der altmodische Apparat hing neben dem riesigen Kühlschrank, und als Dora den Kopf hob, um sie zu rufen, sah sich Kelsey gleich mit einem weiteren Grund konfrontiert, sich unbehaglich zu fühlen.

„Es ist für dich“, sagte Dora. „Doug Westland.“

Doug wollte endlich eine Entscheidung von ihr, dabei war sie vor lauter Sorge um das verflixte Tagebuch noch gar nicht zum Nachdenken über ihre weitere Karriere gekommen. „Sag ihm bitte, dass ich zurückrufe, ja?“

Ihre Mutter runzelte die Stirn. „Das ist schon das zweite Mal, dass er anruft, seit du hier bist. Du solltest mit ihm reden, er klingt sehr nett.“

Dabei hatte Kelsey bereits mit ihm gesprochen, am Vortag, nach ihrem Besuch bei Sam. Doug wollte sichergehen, dass sie die Beförderung im Carlton-Hotel noch nicht angenommen hatte, denn er hatte vor, ihr sein Angebot und den dazugehörigen Vertrag per Kurier zustellen zu lassen, anstatt auf ihre Rückkehr zu warten.

Das hatte sie Dora auch erzählt. Ausgelassen hatte sie allerdings den Teil, wo Doug davon sprach, welch wunderbare Partnerschaft er sich mit ihr vorstellen konnte.

Sie wissen ja gar nicht, wie leidenschaftlich ich werden kann, wenn ich etwas wirklich will, Kelsey. Und im Augenblick will ich Sie.

So hatte er sich zumindest bei ihrem ersten Treffen in der Bar seines extrem erfolgreichen Restaurants ausgedrückt. Sein neues Projekt würde allerdings nach Meinung der Restaurantkritiker alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Außerhalb der Öffnungszeiten hatte er ihr am späten Vormittag bei einer Tasse Kaffee und Unmengen von Tabellenkalkulationen erklärt, wie er sich ihre Partnerschaft vorstellte.

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