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BIANCA EXKLUSIV BAND 247

JESSICA HART

Ein Heiratsantrag zum Dessert

Ein Geschäftsessen sollte es werden, doch es wird ein romantisches Dinner zu zweit! Das bringt Louisa kurz vor dem Dessert auf die verrückte Idee, ihrem mächtigen Boss Patrick Farr einen gewagten Vorschlag zu machen: Wäre nicht eine Vernunftehe die Lösung aller Probleme – für ihn wie für sie? Doch das Arrangement verliert sehr schnell seine Harmlosigkeit …

INGRID WEAVER

In New York wartet das Glück

New York wird die süße Lizzie sicher so begeistern, dass sie sein Kaufangebot für ihre Werbeagentur freudetrunken annehmen wird! Der smarte Alex Whitmore ist sich seines Plans mehr als gewiss! Doch dann stellt die hübsche Frau aus Wisconsin plötzlich Bedingungen. Die sind für Alex zwar durchaus verführerisch! Aber auch ganz schön brenzlig …

CHARLOTTE MACLAY

Die Hauptrolle in deinem Leben

Mit so viel Widerstand hatte Grady Murdock nicht gerechnet – erst recht nicht mit so betörendem! Dabei soll er doch nur für einen Investor prüfen, ob sich ein Kauf des Städtchens Moraine lohnen würde. Aber die engagierte Jennifer, Leiterin der örtlichen Theatergruppe, stellt sich quer. Und gegen ihre weiblichen Waffen scheint Grady schon bald völlig machtlos …

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Ein Heiratsantrag zum Dessert

1. KAPITEL

Die Aufzugstüren öffneten sich, und heraus trat Louisa Dennison, auf die Minute pünktlich. Wie immer.

Patrick sah ihr entgegen, als sie durch die Hotelhalle auf ihn zuging. Ein schon fast vertrautes Gefühl leichter Gereiztheit beschlich ihn bei ihrem Anblick. Irritiert zog er die Brauen zusammen. Mein Gott, konnte sich diese Frau nicht wenigstens ein Mal um ein paar Sekunden verspäten?

Offenbar nicht! Da war sie, in ihrem adretten klassischen grauen Businesskostüm mit korrektem kniebedeckendem Rocksaum, das dunkle Haar tadellos frisiert, sodass nicht die kleinste lose Strähne eine Chance hatte, das perfekte Bild ihrer eleganten, gepflegten Erscheinung zu stören.

Patrick wusste, dass seine Gefühle irrational waren. Er hätte sich keine kompetentere persönliche Assistentin wünschen können. Mit Louisa Dennison hatte er das große Los gezogen, als er vor einiger Zeit bei Schola Systems eingestiegen und die Geschäftsführung übernommen hatte. Sie war die ideale Chefsekretärin. Tüchtig, gebildet, diskret, pünktlich, zuverlässig … Die Liste der guten Eigenschaften schien endlos. Beängstigend endlos! Nur ihr Rufname, sie wollte Lou genannt werden, deutete an, dass sich hinter der untadeligen, professionellen Haltung möglicherweise doch ein weibliches Wesen mit ganz normalen menschlichen Schwächen verbarg!

Wie auch immer, Patrick hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ohne Lou an seiner Seite hätte er das marode Unternehmen nicht so schnell sanieren können.

Und dennoch … Heimlich wünschte er sich den Tag herbei, an dem er Gelegenheit haben würde, Lou bei einem Fehler oder einer Nachlässigkeit zu ertappen. Ein paar Kratzer an ihrer perfekten Politur hätten ihn mit leiser Schadenfreude erfüllt!

Doch bisher hoffte er vergebens. Lou lieferte ihm einfach keinen Grund zur Klage. Ihre Briefe waren fehlerlos. Sie verlegte keine Akten und führte keine Privatgespräche während der Dienstzeit. Auch gegen die üblichen Missgeschicke schien sie gefeit. Es gab keine Laufmaschen an ihren Strümpfen oder Kaffeeflecken auf den weißen Blusen.

Patrick machte sich nichts vor. Er kannte den Grund seiner Unsicherheit. Lou Dennison brachte es fertig, ihn, Patrick Farr, den Chef des Unternehmens, auf unerklärliche Art einzuschüchtern.

Eine empörende Tatsache! Normalerweise war er es, der Kollegen und Mitarbeiter zum Zittern brachte. In Insiderkreisen galt er als beinharter Verhandlungspartner mit einem Hang zur Rücksichtslosigkeit, wenn er glaubte, seinen Willen durchsetzen zu müssen. Es gab durchaus Leute, die ihn fürchteten.

Nicht so Lou Dennison. Sie blieb ruhig, wenn ihm sein Temperament durchging, blieb sachlich, kühl und schien immun gegen Ausbrüche oder Launen jedweder Art. Nur manchmal entdeckte er in ihren dunklen Augen so etwas wie leisen Spott, der ihn innerlich zur Raserei brachte.

Als Frau war sie nicht sein Typ. Okay, sie war weder hässlich noch unattraktiv, aber sie hatte nichts Besonderes, fand er. Er bevorzugte Frauen mit mädchenhafter, erotischer Ausstrahlung. Verrückt, sexy und jung mussten sie sein, ihn ablenken vom anstrengenden Alltag. Vor allem jung! Das war ihm wichtig. Lou Dennison hingegen hatte die Vierzig überschritten. So viel war sicher.

„Ich bin doch pünktlich, oder?“, unterbrach Lou seine Überlegungen.

„Sicher.“ Patrick zwang sich zu einem verbindlichen Lächeln, während er innerlich die schlechten Wetterbedingungen verfluchte, die eine Rückkehr nach London an diesem Abend vereitelt hatten. Alle Zugverbindungen waren aufgrund einer Sturmwarnung kurzfristig eingestellt worden. Konkret bedeutete das für ihn, dass er seine Assistentin zum Essen einladen und einen Teil des Abends in ihrer Gesellschaft verbringen musste. Keine angenehme Vorstellung.

„Möchten Sie vorher noch einen Drink?“, fragte er lustlos und deutete in Richtung Bar. „Oder wollen Sie gleich ins Restaurant?“

Lou machte sich nichts vor. Patricks angestrengte Haltung sprach Bände. Sie wusste, dass er dem gemeinsamen Essen mit derselben lauwarmen Begeisterung entgegensah wie sie. Sie kannte seine Erwartungen. Er hoffte, dass sie die Einladung in die Bar ablehnte.

Einen Augenblick lang war sie versucht, seinem heimlichen Wunsch zu entsprechen und auf den Barbesuch zu verzichten. Aber dann dachte sie an den langen, anstrengenden Tag, der ­hinter ihr lag.

Der Wecker hatte um fünf geklingelt und sie aus einem zu kurzen Schlaf gerissen. Auch ihre beiden Kinder hatten früher als gewöhnlich aufstehen und zur Schule fahren müssen. Dazu kam die übliche Verspätung der U-Bahn, sodass sie in allerletzter Minute gerade noch den Zug nach Newcastle erreichte, um ihren Chef auf einer Dienstreise zu begleiten. Es ging um einen schwierigen Vertragsabschluss, und Patrick hatte auf ihrer Anwesenheit bei den Verhandlungen bestanden.

Okay, die Reise, der Stress hatten sich gelohnt. Nach zähen Unterredungen war der Vertrag unter Dach und Fach.

Sie hatte sich auf einen ruhigen, entspannten Abend in ihrem Heim gefreut, ohne ihre lebhaften Kinder, die sie ständig mit den unterschiedlichsten Wünschen und Bedürfnissen heranwachsender Jugendlicher auf Trab hielten. Sie hatte ein langes, heißes Bad nehmen wollen und ein Glas Rotwein zum Abschalten, um sich in aller Ruhe von den Strapazen des Tages zu erholen.

Aber das Wetter hatte ihre schönen Pläne zunichte gemacht und sie gezwungen, die Nacht in diesem Hotel zu verbringen. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte sie über den Abend frei verfügen können. Stattdessen hatte Patrick sich verpflichtet gefühlt, sie zum Abendessen einzuladen, was sie ohne triftigen Grund kaum ablehnen konnte. So waren sie beide Opfer ihrer guten Erziehung. Die Aussicht auf ein steifes, anstrengendes, verkrampftes Abendessen gab den Ausschlag, Patricks Vorschlag anzunehmen. Sie konnte wahrlich einen Drink vertragen!

„Ein Drink wäre nett, danke“, sagte sie leichthin.

„Wie Sie wünschen. Probieren wir die Bar aus.“ Patrick presste die Lippen aufeinander, als müsste er sich mit Mühe eine unhöfliche Bemerkung verkneifen.

Lou ignorierte seine schlechte Laune. Sie kannte Patrick Farr seit drei Monaten, und in dieser ganzen Zeit hatte er keinerlei persönliches Interesse an ihrer Person gezeigt. Sie wusste, warum. Sie war ihm nicht jung und nicht hübsch genug. Innerlich zuckte sie die Schultern. Sein Problem, dachte sie, wenn ich schon meine Freizeit mit ihm verbringen muss, kann es nicht nur nach seinen Bedürfnissen gehen. Ich habe Durst und Lust auf einen Drink, nicht zuletzt, um meinen langweiligen Tischgenossen besser ertragen zu können!

„Was möchten Sie trinken?“, fragte Patrick mürrisch und maß seine Umgebung mit missmutigen Blicken. Er war ein anderes Ambiente gewöhnt, aber alle besseren Hotels der Stadt waren belegt, nachdem Straßen und Schienen für den Verkehr gesperrt worden waren.

„Ein Glas Sekt.“ Lou setzte sich und fuhr glättend über den Rocksaum.

Ihr Wunsch überraschte ihn. Er hatte mit einem trockenen Sherry, höchstens mit einem Martini, gerechnet, etwas Solides für eine solide Person. Sekt, das bedeutete prickelnde Spritzigkeit, Temperament; Eigenschaften, die er mit Lou Dennison nicht in Verbindung brachte.

Lou hob fragend die geschwungenen Brauen. „Stimmt etwas nicht? Ich denke, wir haben Grund zum Feiern. Wir haben den Vertrag bekommen. Schon vergessen?“

„Natürlich nicht!“ Patrick winkte den Barkeeper heran. „Eine Flasche Champagner, bitte!“, rief er gereizt und ärgerte sich, dass er nicht selbst auf diese Idee gekommen war. Unter keinen Umständen wollte er aussehen wie ein Geizkragen!

„Natürlich, Sir, kommt sofort, Sir.“ Der Kellner entfernte sich diskret.

Lou lehnte sich bequem zurück und sah sich um. Sie waren die einzigen Gäste in dem schummrigen Raum.

Patrick warf ihr einen heimlichen Blick zu. Sie ist ganz anders als die Frauen, mit denen ich sonst in einer Bar sitze, dachte er. Ariel, zum Beispiel. Sie ist total glücklich, wenn ich mit ihr ausgehe. Sie unterhält mich, lenkt mich ab und versichert mir ständig, dass ich der interessanteste Mann bin, den sie sich vorstellen kann, und dass alle anderen Männer neben mir verblassen.

Lou hingegen saß einfach da, unbeeindruckt von seiner Gesellschaft, nur mit diesem ekelhaften ironischen Glitzern in den Augen! Was müsste man tun, um dieser Frau zu imponieren, überlegte er. Irgendjemand musste es einmal geschafft haben. Sie ist verheiratet, trägt aber keinen Ehering. Vermutlich geschieden. Klar, welcher normale Mann hält es auf Dauer mit einer Perfektionistin aus?

Patrick fühlte sich unwohl. Der Abend würde sich ausdehnen wie Kaugummi. Frustriert begann er nun, mit den Fingern die Tischplatte zu bearbeiten und nervtötende trommelnde Geräusche zu verursachen.

Lou fühlte sich auch nicht besser. Patricks Getrommel war mehr, als sie ertragen konnte! Am liebsten hätte sie ihm auf die Finger geklopft und befohlen, mit dem Krach aufzuhören. Tom hatte dieselbe Angewohnheit. Aber Tom war ihr elfjähriger Sohn, während Patrick Farr Mitte vierzig und ihr Boss war! So blieb ihr nichts anderes übrig, als die Nerven zu behalten und an ihren Job zu denken, den sie unter keinen Umständen aufs Spiel setzen durfte.

Ein Glas Champagner würde jetzt helfen. Wo blieb nur der Kellner? Sie sah sich diskret um. Endlich! Da tauchte er auf, aus der Dämmerung des Raums, das Tablett mit der Flasche und den Gläsern in den Händen. Erleichtert lächelte sie ihm zu wie einem Retter in der Not.

Patricks Getrommel endete abrupt. So sehr überraschte ihn Lous charmantes Lächeln. Er hatte keine Ahnung, dass sie so lächeln konnte!

Ihn hatte sie noch nie so angelächelt. Das Lächeln, das er von ihr kannte, war kurz, kühl und höflich. Es passte exakt zu ihrem Outfit. Zu den klassischen Kostümen, der perfekten Frisur und der stets professionellen Haltung. Es war Lichtjahre entfernt von dem herzlichen, strahlenden Lächeln, das sie dem Barkeeper schenkte, ein Lächeln, das ihr Gesicht veränderte und sie in eine attraktive, begehrenswerte Frau verwandelte, eine Frau, mit der man gern eine Flasche Champagner leerte …

Instinktiv rückte er ein Stück näher heran und betrachtete Lou mit neuem Interesse, während der Barkeeper sich langsam und umständlich mit dem Öffnen der Flasche beschäftigte.

Der Typ will ihr imponieren, dachte er ärgerlich. Dabei hat sie ihn nur angelächelt. Er muss doch sehen, dass sie mindestens doppelt so alt ist wie er. Ein Kellner mit Mutterkomplex. Das hat noch gefehlt!

Der junge Mann ahnte nichts von Patricks Gedanken. Er ließ sich Zeit, füllte die Gläser und stellte die Flasche zurück in den Eiskühler. Ehe er sich zurückzog, lächelte er liebenswürdig und wünschte Lou einen angenehmen Aufenthalt in seiner Bar. Für Patrick hatte er nur ein leichtes, höfliches Kopfnicken übrig.

„Vielen Dank“, sagte Lou und lächelte noch einmal.

Überflüssigerweise, wie Patrick fand. „Endlich! Ich fürchtete schon, dass er vorhatte, Wurzeln zu schlagen“, bemerkte er gereizt.

„Ich fand ihn sehr nett.“ Lou griff nach ihrem Glas.

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie auf kleine Jungs stehen!“

„Das tue ich nicht. Aber wenn es so wäre, würde es Sie nichts angehen.“

Und wieder war Patrick mehr als überrascht. So direkt und offen hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Normalerweise war sie reserviert und zurückhaltend.

„Fänden Sie das nicht selbst etwas unpassend?“, fragte er provozierend.

Lou sah ihn an, während sie an ihrem Glas nippte. „Dass ausgerechnet Sie diese Frage stellen. Sie sind doch auf den Umgang mit jungen Mädchen spezialisiert, oder irre ich mich?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Patrick verwundert.

Sie zuckte die Schultern. „Aus den Klatschspalten der Regenbogenpresse. Ab und zu kann man Sie dort bewundern. Meistens mit einer Blondine am Arm, die gut und gern Ihre Tochter sein könnte.“

Sie hatte recht. Aber Patrick sah keinen Grund, sich zu verteidigen. Im Gegenteil. „Ich liebe schöne Frauen, und was ich noch mehr liebe, sind schöne Frauen, die jung genug sind, ihr Leben zu genießen, anstatt sich auf die Pirsch nach einem Ehemann zu machen.“

Ein Playboy mit Bindungsangst, dachte Lou zynisch. Das passte ins Bild. Den Typ kannte sie zur Genüge. Auch Lawrence war nie scharf auf eine feste Bindung gewesen, aber sein gewinnender Charme hatte vieles aufgewogen. Lawrence hatte nichts von Patricks kühler Arroganz gehabt.

Sie betrachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. Er sieht gut aus, dachte sie, ein attraktiver Mann, um ehrlich zu sein. Groß, breitschultrig, sportliche Figur, männliche Ausstrahlung. Auch sein Gesicht gefiel ihr. Er hatte harmonische Züge, helle grau-grüne Augen, dunkelbraune dichte Haare. Aber er hatte auch etwas, das sie abstieß und das nichts mit seinem Aussehen zu tun hatte. Es war die Art, wie er seine Mitmenschen behandelte. Bei den jungen, willigen Blondinen schien er damit anzukommen. Vielleicht verwechselten sie sogar sein herrisches Auftreten mit weltmännischer Gewandtheit.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie sich so sehr für mein Privatleben interessieren“, unterbrach Patrick Lous Gedanken.

„Sie irren sich. Mich interessiert Ihr Privatleben herzlich ­wenig.“

„Aber Sie wissen eine Menge darüber.“

„Nein. Die Mädels aus der Buchhaltung haben die Zeitungsausschnitte herumgereicht. Wir kennen Sie erst seit drei Monaten und wissen eigentlich nichts über Sie. Aber Ihnen geht ein gewisser Ruf voraus.“

„Berichten Sie mir mehr darüber. Was wissen Sie? Was für einen Ruf habe ich?“

Lou lächelte flüchtig. „Nun …“ Sie stärkte sich mit einem großen Schluck Champagner. Das Getränk tat ihr mehr als gut. Es lockerte auf angenehme Art und Weise die Anspannung des langen Tages. „Man sagt über Sie, dass Sie knallhart und rücksichtslos sein können. Dass Sie erfolgreich sind. Ein Workaholic. Ein Siegertyp. Und man zählt Sie zur Gattung der Playboys. Mehr weiß ich nicht.“ Sie zuckte bedauernd die Schultern. „Sind Sie mit dieser Charakterisierung einverstanden?“

Er runzelte die Stirn. „Ich halte mich schon für erfolgreich, und ich weiß, dass ich hart arbeite. Auch weiß ich, was ich will, und ich bekomme, was ich will. Ja, man kann mich einen Siegertypen nennen. Was ich nicht mag, sind faule Kompromisse oder das Zweitbeste, wenn man das Beste haben kann. Wer das mit Rücksichtslosigkeit verwechselt, versteht meine Motive nicht. Ich sehe das anders.“

„Und das Playboy-Image?“

„Ach das …“ Er leerte sein Glas und stellte es zurück auf die Tischplatte. „Wissen Sie, das sagen die Leute von Männern, die wohlhabend sind und von Ehe und Familie nichts halten. Natürlich bin ich gern in Gesellschaft schöner Frauen, und ich habe zahlreiche Gelegenheiten, schöne Frauen kennenzulernen. Ich werde oft eingeladen. Dinnerpartys, Empfänge und dergleichen mehr. Aber am liebsten ist mir immer noch meine Arbeit. Ich bin nicht der Typ, der auf Segelyachten herumschaukelt oder sich in Spielcasinos das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen lässt. Das tun doch Playboys im Allgemeinen, oder?“

„Okay. Ich werde die Mädels aus der Buchhaltung informieren und ihnen sagen, dass Sie eher ein Langweiler sind.“

„Hey!“ Patrick sah auf, direkt in Lous Augen. Was er entdeckte, war ein freundliches, amüsiertes Lächeln, und zu seinem Erstaunen begriff er, dass sie ihn aufzog!

Das war eine ganz andere Lou Dennison, die er heute Abend kennenlernte. Und er hatte keine Ahnung, wie er mit ihr umgehen sollte. Kannte er doch nur die perfekte, sachliche, effiziente Mrs Dennison aus seinem Vorzimmer. Als Frau hatte er sie bis jetzt nicht wahrgenommen.

Ihm war, als sähe er sie heute Abend zum ersten Mal, den Glanz in ihren dunklen Augen, die vibrierende Lebendigkeit, die von ihr ausging. Sein Interesse war geweckt. Diese Frau war ein Rätsel. Was mochte noch in ihr stecken?

Ihm wurde klar, dass er nichts von ihr wusste. Er hatte nie darüber nachgedacht, was sie nach den Bürostunden tat. Im Grunde genommen hatte er keinen einzigen Gedanken an sie verschwendet. Für ihn hatte sie nur eine einzige Existenzberechtigung gehabt, und das war ihre Funktion als seine persönliche Assistentin.

Er spürte so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Er hätte sich mehr für Lou Dennison interessieren müssen. Er hätte ein Minimum an Interesse zeigen können, sich wenigstens nach ihren Wohn- und Familienverhältnissen erkundigen müssen. Seit drei Monaten saß sie täglich in seinem Vorzimmer und arbeitete für und mit ihm.

Es waren anstrengende Wochen gewesen. Harte Arbeit lag hinter ihnen. Aber sie hatten es geschafft, die Firma aus den roten Zahlen herauszuholen und vor dem drohenden Konkurs zu retten. Da war wenig Zeit für anderes gewesen. Außerdem hatte Lou niemals den leisesten Versuch gemacht, über private Dinge zu sprechen. Ob er zu schroff, zu verbissen in die Arbeit gewesen war, sodass sie nicht wagte, ihn abzulenken?

Patrick wippte nervös mit den Füßen. Er hätte den ersten Schritt machen müssen. Schließlich war sie seine engste Mitarbeiterin. Er hatte es nicht getan, weil Lou Dennison nicht sein Typ war. Mit einer kessen, charmanten Sekretärin, die ihn offen bewundert hätte, wäre er anders in Kontakt gekommen, selbst wenn sie nicht mehr die Jüngste gewesen wäre. Das war die Wahrheit.

Aber noch war es nicht zu spät, das Versäumte nachzuholen. Er räusperte sich. „Okay, kommen wir jetzt zu Ihnen“, begann er mit neuem Schwung. „Auch Sie haben einen Ruf zu verteidigen! Sind Sie so, wie man sagt?“

Lou war überrascht. „Ich habe keinen Ruf“, wehrte sie ab.

„Aber gewiss doch! Man hat mich über alles informiert, bevor ich Schola Systems übernommen habe. Ich hörte unter anderem, dass Sie die Firma geleitet haben, und nicht Bill Sheeran.“

„Unsinn!“ Lou schüttelte heftig den Kopf.

„Ich weiß. Ich habe es auch nicht geglaubt. Wenn Sie die Firma gemanagt hätten, wäre sie nicht untergegangen. Dafür sind Sie viel zu tüchtig.“

Lou verzog das Gesicht. „Tüchtig …? Das klingt ziemlich langweilig.“

„Tüchtig, kompetent, praktisch … Ja, diese Eigenschaften kleben an Ihnen wie ein Label. Sie sind Ihr Markenzeichen.“ Er nahm ihr leeres Glas und füllte es nach.

Lou seufzte. „Man hat nicht allzu viele Möglichkeiten als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.“ Sie griff nach dem Glas und gönnte sich einen großen Schluck. „Da muss man funktionieren. Für Extravaganzen ist kein Platz. Das Leben besteht aus Arbeit, Pflicht und Verantwortung. Das muss man irgendwie hinkriegen. Die Kinder haben ein Recht darauf. Leicht ist es nicht, gelassen und heiter zu bleiben, wenn sich die Rechnungen stapeln, die Miete fällig wird und die Kids morgens nicht einsehen wollen, warum sie in die Schule müssen, obwohl sie noch müde sind.“ Sie zuckte die Schultern. „Ohne straffe Organisation geht gar nichts. Das können Sie mir glauben. Ja, und dazu gehören wohl diese Eigenschaften, die meinen Ruf besiegelt haben.“

Patrick war mehr als überrascht. „Sie haben Kinder?“, fragte er fassungslos. Kinder bedeuteten Chaos, Unruhe, Krankheiten. Zustände, die er nicht mit Lou Dennison in Verbindung brachte.

Lou hob irritiert die Brauen. „Nur zwei. Grace ist vierzehn und Tom elf.“

„Sie haben Ihre Kinder nie erwähnt“, bemerkte Patrick vorwurfsvoll.

„Sie haben mich nie gefragt, abgesehen davon hatte ich nicht den Eindruck, dass Sie sich für mein Privatleben interessieren. Oder irre ich mich?“

„Warum haben Sie die Kids verschwiegen?“, wiederholte Patrick eigensinnig.

„Das habe ich nicht“, verteidigte sich Lou. „Auf meinem Schreibtisch stehen zwei gerahmte Fotos. Wenn Sie wollen, kann ich sie Ihnen morgen zeigen.“

„Ich glaube es Ihnen auch so“, wehrte Patrick rasch ab. Er hatte kein Interesse an Fotos fremder Kinder. „Ich bin nur sehr überrascht. In der Vergangenheit hatte ich immer mal wieder Sekretärinnen mit Kindern. Sie haben ständig gefehlt oder um zusätzliche freie Zeit gebeten. Kids bedeuten Krisen, die sich immer dann einstellen, wenn man sie am wenigsten brauchen kann. Eines Tages hatte ich die Nase voll. Ich schwor, nie wieder eine Mutter als persönliche Assistentin einzustellen.“

„Sehr familienfreundlich“, meinte Lou sarkastisch.

„Ich habe nichts gegen Familien. Das muss jeder selbst wissen. Aber ich sehe nicht ein, warum ich auf diese persönlichen Entscheidungen Rücksicht nehmen und fremder Kinder wegen mein eigenes Leben einschränken soll. Ich könnte Ihnen ein paar eindrucksvolle Geschichten zu diesem Thema liefern.“

Lou schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich weiß auch so, was Sie meinen. Aber manchmal muss man die Kinder vor die Arbeit stellen, insbesondere, wenn sie noch sehr klein sind.“ Sie griff wie Hilfe suchend nach dem Sektglas und stellte fest, dass es schon wieder leer war. „Meine Kids sind glücklicherweise schon größer und selbstständiger, aber wenn sie krank werden oder etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte, dann werde auch ich Sie um freie Zeit bitten müssen.“

Patrick sah aus, als ob er gerade eben gefährlich bedroht worden wäre. „Was erwarten Sie von mir?“

„Ich habe Ihnen nur gesagt, was eventuell einmal eintreten könnte“, erklärte Lou geduldig. „Haben Sie ein Problem damit, dass ich Mutter von zwei Kindern bin?“

„Nicht, solange Sie unsere Arbeit in gewohnter Weise erledigen.“

„Meine Kinder sind keine Störenfriede. Wären sie es, hätten Sie sie längst bemerkt. Aber sie sind Kinder, und niemand weiß, wann und ob sie ihre Mutter brauchen werden. Nur in diesen Fällen würde ich Sie um Verständnis bitten, sollte ich kurzfristig meinen Arbeitsplatz verlassen müssen.“

„Das sind ja tolle Aussichten.“ Patrick konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

„Schola Systems hat immer eine familienfreundliche Politik betrieben“, sagte Lou. „Ich hatte großes Glück mit Bill Sheeran. Er hat mich eingestellt, obwohl die Kids noch klein waren. Ich brauchte den Job. Das hat Bill verstanden. Er war sehr flexibel, was diese Dinge betraf. Die Leute haben es ihm gedankt. Sie haben sich immer sehr loyal verhalten. Daran sollten Sie denken, wenn Sie vorhaben, Änderungen auf diesem Gebiet einzuführen. Es könnte sein, dass Sie dann ohne Belegschaft dastehen.“

Patricks Laune sank. Er hatte keine Lust, weitere Lobeshymnen auf Bill Sheeran anhören zu müssen. Man sieht ja, wohin ihn seine Großzügigkeit gebracht hat, dachte er. In den Ruin. Wäre ich nicht eingesprungen, dann säßen seine treuen Angestellten jetzt arbeitslos zu Hause. Sie hätten zwar alle Zeit der Welt, aber kein ordentliches Gehalt.

„Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn Sie mir von Ihren Kindern erzählt hätten“, sagte er mürrisch.

„Mit nur etwas mehr Interesse an meiner Existenz als Frau und Mensch hätten Sie es gewusst.“

„Ich bin dabei, Versäumtes nachzuholen. Gibt es noch etwas, das ich wissen muss?“

„Gibt es etwas, das Sie wissen wollen?“

„Sie tragen keinen Ehering“, bemerkte Patrick nach einer Weile des Schweigens.

„Ich bin geschieden. Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass Sie damit auch ein Problem haben!“

„Natürlich nicht. Ich bin selbst geschieden.“

„Wirklich?“

„Warum überrascht Sie das? Heutzutage ist eine Scheidung nichts Ungewöhnliches mehr. Das müssen Sie doch auch festgestellt haben.“

„Sie haben recht. Ich denke, ich bin überrascht, weil ich nicht annahm, dass Sie einmal verheiratet waren. Ich hielt Sie eher für einen Singletyp.“

„Da liegen Sie richtig. Und deshalb bin ich auch geschieden. Meine Ehe dauerte nur ein paar Jahre. Wir waren beide noch sehr jung.“ Er zuckte die Schultern. „Wir hatten uns geirrt. Diese Story dürfen Sie den Mädels aus der Buchhaltung gern weitererzählen.“ Er lächelte sarkastisch.

„Das werde ich“, versicherte Lou schlagfertig.

Patrick hielt die Champagnerflasche in die Höhe. „Sie ist leer“, stellte er erstaunt fest. „Wir haben die ganze Flasche konsumiert. Soll ich eine neue bestellen? Ihr junger Verehrer würde begeistert sein.“

Lou verdrehte die Augen. „Ich denke, ich sollte lieber etwas essen“, sagte sie und beschloss, die Bemerkung über den jungen Verehrer zu ignorieren.

Sie fühlte sich ein wenig wie auf Wolken. Ihr war klar, dass sie den Sekt zu schnell getrunken hatte. Ich habe einen kleinen Schwips, dachte sie. Hoffentlich komme ich einigermaßen zivilisiert in den Speisesaal. Was ich jetzt brauche, ist eine Grundlage für meinen Magen.

2. KAPITEL

Sie fühlte sich besser, als sie im Restaurant saß. Der Kellner stellte unaufgefordert Toastbrot, Butter und eine Flasche Mineralwasser auf den Tisch.

Patrick vertiefte sich in die Speisekarte, während sich Lou mit einer Scheibe Brot stärkte, um die Wirkung des ungewohnten Alkoholgenusses abzumildern. Bisher war der Abend ganz anders verlaufen, als sie befürchtet hatte. Patrick war gar nicht so schlimm, wenn man ihn näher kennenlernte. Sicher, er war nicht gerade die Liebenswürdigkeit in Person, eine Spur zu schroff und zu direkt, aber damit konnte sie leben. Auf eine bestimmte Art fand sie ihn fast sympathisch.

Ihr war klar, dass der Champagner den Abend gerettet hatte. Er hatte ihre Zungen gelöst und möglich gemacht, dass sie ihre Berufsgesichter aufgeben konnten. Vielleicht hatte auch die Tatsache, dass sie unverhofft an einem fremden Ort festsaßen, zur Lockerung der Atmosphäre beigetragen. Wie auch immer, etwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Natürlich war es der Champagner … in erster Linie.

Ich darf nichts mehr trinken, dachte Lou besorgt, aber plötzlich stand ein Glas Weißwein vor ihr. Sie nahm sich vor, nur ab und zu daran zu nippen.

„Okay“, begann Patrick, nachdem sie das Menü ausgewählt hatten, „wer kümmert sich heute Abend um Ihre Kids? Sind sie bei ihrem Vater?“

„Nein. Mein Exmann wohnt in Manchester“, erklärte Lou etwas gequält. „Ich wusste, dass ich spät nach Hause kommen würde, auch wenn der Zug gefahren wäre. Deshalb habe ich eine Freundin gebeten, die Kinder über Nacht aufzunehmen.“ Sie lächelte flüchtig. „Sie sind gern bei Marisa. Bei ihr dürfen sie so lange fernsehen, wie sie wollen, und niemand zwingt sie, gesundes Gemüse zu essen, wo doch Pommes mit Ketchup so viel besser schmecken.“

Wahrscheinlich wollte Patrick diese Einzelheiten gar nicht wissen, dachte Lou. Besorgt bemerkte sie, wie locker ihr die Zunge saß. Schwatzhaftigkeit war eine der Eigenschaften, die am allerwenigsten zu ihr passten. Vorsicht mit noch mehr Alkohol, warnte sie sich selber. Lieber noch eine Scheibe Toast mit Butter.

„Haben Sie Kinder?“, fragte sie mit der Absicht, das Gespräch von sich weg auf Patrick zu lenken. Sie fürchtete, dass sie weiter ins Plaudern geraten würde, wenn er in der Rolle des Zuhörers blieb. Am Ende würde sie ihm, ganz stolze Mutter, von Grace und ihren sportlichen Erfolgen berichten oder von Tom erzählen, und wie niedlich er als Baby gewesen war!

„Nein“, rief Patrick heftig und schüttelte sich bei der Vorstellung. „Ich habe nie Kinder gewollt. Meine Ex-Frau Catriona wollte welche. Das war einer der Gründe, warum wir uns schließlich getrennt haben. Sie hörte nicht auf, mir Vorwürfe zu machen, nur weil ich entschlossen war, meinen eigenen Lebensplan zu leben. Für sie war ich am Ende der große Egoist.“

Lou runzelte die Stirn. „Aber man heiratet doch um eines gemeinsamen Lebens willen, nicht wahr? Man heiratet, weil man sein Leben mit einem anderen Menschen teilen will. Sonst würde man doch allein bleiben.“

„Wenn man das vorher so genau wüsste, würde man nicht heiraten. Das ist richtig. Ich habe Catriona vor der Hochzeit klar und deutlich gesagt, dass ich keine Kinder möchte. Sie war einverstanden. Sie erklärte überzeugend, dass auch sie keine Familie gründen wollte. Sie war entschlossen, ihr Leben nur mit mir zu teilen. Ohne Kinder.“

Patrick schwieg, und Lou bemerkte, dass er immer noch etwas frustriert schien. Er musste Catriona sehr geliebt haben und von ihr ebenso enttäuscht gewesen sein wie sie von ihm.

„Ich habe ihr geglaubt“, fuhr Patrick fort. „Ich dachte, dass wir einer Meinung wären. Aber nach einem Jahr Ehe begann meine Frau, ihre Meinung zu ändern. Plötzlich redete sie immer öfter von Kindern. Sie sehnte sich nach einem Baby.“

Lou nickte. „Ich kann sie verstehen. Die meisten Frauen wollen irgendwann ein Kind. Auch wenn sie vorher vom Gegenteil überzeugt waren. Es sind die Hormone. Irgendwann macht sich die biologische Uhr bemerkbar. Erst tickt sie ganz leise und dann immer lauter, bis sich das Ticken nicht mehr ignorieren lässt und der Wunsch nach einem Baby das ganze Leben bestimmt. Mir erging es so, bevor ich Grace bekam.“

„Für mich wurde es unerträglich“, gestand Patrick. „Ich begriff langsam, dass man sich auf Frauen nicht verlassen kann. Sie ändern ständig ihre Meinung. Wenn ich das damals schon gewusst hätte, wäre ich vorsichtiger gewesen. Ich hätte Catriona nicht geglaubt. Aber ich war jung und unerfahren. Für mich war es ein Schock.“

„Sie wird ähnlich empfunden haben“, meinte Lou. „Kann es sein, dass Sie zu den Menschen gehören, die keine Kompromisse eingehen können?“

„Was Kinder betrifft, gibt es keine Kompromisse“, erklärte Patrick heftig. „Entweder du hast Kinder, oder du hast keine Kinder. Entweder du willst Vater oder Mutter werden, oder du willst es nicht. Wenn du es willst, musst du voll und ganz hinter dieser Entscheidung stehen. Alles andere ist unfair, den Kindern und dem Partner gegenüber.“

Lou dachte an Lawrence und was er dazu sagen würde. Für Lawrence war die Sache sehr viel einfacher gewesen. Er war nicht gegen Kinder, aber auch nicht bereit, die Vaterrolle ernst zu nehmen und sein eigenes Leben im Interesse der Kinder zurückzustellen. Lawrence glaubte, dass er ebenso frei und ungebunden weiterleben konnte wie bisher. Er war nur dann für die Kids da, wenn er es wollte. Er kam und ging, wann es ihm passte.

„Viele Väter können sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern“, gab Lou zu bedenken. „Sie sehen ihren Nachwuchs nur am Wochenende oder in den Ferien oder am Abend, wenn sie müde von der Arbeit kommen und die Kinder schon im Bett sind. Das kann klappen, wenn es klappen muss.“

„Nicht mit mir. So ein Vater wollte ich nicht werden“, erklärte Patrick unumwunden. „Ich hasse Halbheiten. Entweder machst du etwas richtig, oder du fängst es gar nicht erst an.“

„Dasselbe gilt für die Ehe“, erklärte Lou.

„Ich weiß. Ich wollte mich auch nicht trennen. Trotz aller Differenzen. Es war Catriona, die es nicht mehr aushielt und schließlich auf der Scheidung bestand.“ Seine Stimme klang schärfer als gewöhnlich, und Lou spürte, dass er immer noch verbittert war.

„Was ist aus ihr geworden?“, fragte sie neugierig.

„Oh, sie hat einen anderen Mann kennengelernt und ihre Wunschkinder bekommen. Drei hintereinander. Aber auch diese Ehe ging in die Brüche. Ihr Mann ist mit seiner Sekretärin durchgebrannt. Eine junge, ungebundene Person. Wahrscheinlich hat er zu spät gemerkt, dass er nicht zum Hauskater geschaffen ist. Jetzt ist sie mit den Kindern allein. Aber glücklich ist sie nicht.“

Er zog die Brauen zusammen und warf Lou einen konspirativen Blick zu, als ginge es darum, ein großes Geheimnis zu lüften. „Sie müssen wissen, dass Catriona ihr Lebensglück von einem Baby abhängig gemacht hat. Als wir noch verheiratet waren, hat sie allen Ernstes behauptet, dass sie niemals wieder unglücklich sein würde, wenn sie ein Kind hätte. Sie war überzeugt, dass die Existenz eines Kindes ein lebenslanger Glückgarant sei.“

Er seufzte. „Jetzt hat sie drei Kids, aber glücklich kommt sie mir nicht vor. Im Gegenteil, sie sieht mitgenommen und erschöpft aus, wenn wir uns sehen, was gelegentlich vorkommt.“

„Ist das ein Wunder? Ihr Mann hat sie mit drei Kindern im Stich gelassen. Es ist unglaublich schwierig, ohne Unterstützung drei Kinder zu versorgen.“

„Sie ist nicht allein. Sie hat Unterstützung. Sie hat das Haus behalten, sie hat eine Putzfrau und ein Kindermädchen. Sie muss nicht arbeiten. Finanziell geht es ihr und den Kindern gut.“ Er zuckte die Schultern. „Sie wollte die Kinder. Sie gehörten zu ihrem Lebensplan.“

Lou schluckte, als sie hörte, wie gut Catriona es trotz allem getroffen hatte. Eine Putzfrau! Ein Kindermädchen! Ein ganzes Haus! Genug Geld, um nicht arbeiten zu müssen!

„Okay, sie hätte es schlechter treffen können“, gab sie zu, „aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anstrengend und aufreibend Kinder sein können.“

Patrick nickte bestätigend. „Genau. Darum will ich auch keine Kinder.“

„Aber sind Sie glücklicher als Catriona?“

„Natürlich bin ich glücklicher!“

Lou warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Ich glaube nicht, dass Catriona wirklich unglücklich ist. Sie hat sich die Kinder gewünscht, und ich bin sicher, dass sie sie um keinen Preis der Welt vermissen wollte. Natürlich gibt es Tage, an denen man mit den Nerven am Ende ist und am liebsten auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde. Ich weiß, wovon ich rede. Aber dann genügen oft ganz kleine Dinge, ein Lachen von Grace, ein spitzbübisches Grinsen von Tom, um mich aus der trüben Stimmung herauszureißen. Plötzlich sind alle Sorgen wie weggeblasen, und ich fühle mich auf wundersame Weise gestärkt. Meine Kinder! Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmt mich, lässt mich dankbar und zufrieden werden. Wissen Sie, was ich meine? Kennen Sie solche Gefühle?“

„Ja, wenn ich meinen Porsche betrachte.“

„Der Porsche wiegt auf, was Sie emotional verloren haben?“, fragte Lou ungläubig.

„Es war ein langsamer Prozess“, gab Patrick zu. „Natürlich war ich frustriert, als Catriona mich verließ. Eine Ehe, die so hoffnungsvoll begann, ist mit der Scheidung nicht vom Tisch. Aber das Leben geht weiter. Also habe ich mich in die Arbeit gestürzt. Ich war erfolgreicher denn je, und mit der Zeit ging es mir immer besser. Ich bin reich geworden, konnte mir Wünsche erfüllen, die vorher nicht möglich gewesen waren. Alles lief bestens. Ich habe mein Leben wieder im Griff, ein gutes Leben, auf das ich nicht mehr verzichten möchte. Ja, der Porsche gehört auch dazu. Es ist nicht irgendein Auto. Für die meisten Männer wird so ein Wagen zeitlebens ein Wunschtraum bleiben.“

Lou zuckte hilflos die Schultern. „Wahrscheinlich kann nur ein Mann Ihre Gefühle nachvollziehen.“ Sie dachte an Lawrence und an Tom und war sicher, dass die beiden es konnten …

„Okay, lassen wir den Porsche beiseite“, lenkte Patrick ein. „Was ich noch mehr schätze, ist meine Freiheit. Sehen Sie, ich kann tun und lassen, was ich will. Das macht mich glücklich.“

„Sie machen wenig Gebrauch von Ihrer Freiheit“, wandte Lou ein. „Wann haben Sie das letzte Mal Urlaub gemacht? Nicht einmal zu Ostern! Seit drei Monaten arbeiten Sie ohne Pause.“

„Ich musste eine Firma vor dem Untergang retten“, erinnerte er sie.

„Ein verlängertes Wochenende hätte die Firma auch ohne Ihre Anwesenheit verkraftet“, konterte Lou. „Kann es sein, dass Sie pausenlos arbeiten, weil Sie ungern in ein leeres Haus kommen?“

Patrick lachte. „Sie wollen wissen, ob ich einsam bin, richtig?“

„Sind Sie einsam?“

„Nein. Ich kenne eine Menge Leute. Auch über einen Mangel an weiblicher Gesellschaft kann ich nicht klagen.“

Das ist nichts Neues, dachte Lou. Erleichtert lächelte sie dem Kellner zu, der endlich das Essen servierte und sie so einer Antwort enthob.

Patrick beobachtete den Mann und stellte fest, dass auch dieser Kellner Lous charmantem Getue offenbar nicht widerstehen konnte. Er tänzelte um sie herum, faltete ihr überflüssigerweise die kunstvoll geknotete Serviette auseinander, erkundigte sich nach weiteren Wünschen und zog eine Schau ab, die Patrick als peinlich empfand.

Was hat sie, das Männer anzieht, überlegte er und setzte heimlich seine Betrachtungen fort. Sie ist weder jung noch auffallend reizvoll. Oder gehört es zum Berufsimage von Barkeepern und Kellnern, ihren weiblichen Gästen zu schmeicheln? Das wäre die plausibelste Erklärung.

Ihre dunklen Augen und das glänzende Haar sind schön, gab er zu. Auch hat sie hat eine gewisse ruhige, gelassene Ausstrahlung, die jungen Frauen fehlt. Vielleicht ist es das, was manche Männer mögen? Er dachte an Ariel, an ihre überschäumende Jugendlichkeit, ihr ungeduldiges Temperament, ihre verrückten Ideen. So mussten seine Frauen sein. Dazu bildhübsch mit langen blonden Haaren und aufregend schönen Beinen …

Lou hatte ihr Jackett ausgezogen. Das schlichte Seidentop und die silberne Halskette waren klassisch-elegant. Ganz anders als Ariels Miniröcke und trägerlosen Oberteile, die mehr zeigten als verhüllten.

Patrick versuchte, sich auf sein Essen zu konzentrieren. Er überlegte, warum ihm bisher Lous schön geschwungener Mund und ihr makelloses Dekolleté entgangen waren. Schließlich hatte er sie die letzten drei Monate fast täglich gesehen.

Er runzelte die Stirn. Es gefiel ihm nicht, dass er sie zum ersten Mal als Frau und nicht als unermüdliche Arbeitsbiene beachtete. Er fühlte sich verunsichert. Irritiert stellte er fest, dass ihm lieber gewesen wäre, sie hätte ihr strenges Jackett anbehalten. Das Seidentop hatte die ärgerliche Angewohnheit, bei jeder Bewegung verführerisch hin und her zu gleiten und seine Fantasie auf beunruhigende Weise anzustacheln. Sie trägt nichts drunter, dachte er und stellte sich vor, wie warm und weich sich ihre Haut, ihre Brüste anfühlen müssten, wenn er mit zärtlichen Händen …

Genug! Er rief sich zur Ordnung und griff wie Hilfe suchend nach dem Weinglas. „Kommen wir zu Ihnen“, sagte er betont munter und versuchte mühsam, das Seidentop aus seinen Gedanken zu verbannen und das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen. „Sind Sie Mrs Happy?“

Auch Lou griff nach ihrem Glas. „Ich bin zufrieden“, sagte sie. „Bin ich glücklich?“ Langsam, nachdenklich stellte sie das Glas zurück. „Ja, auch glücklich. Nicht so überschäumend glücklich wie zu Beginn meiner Ehe und nach den Geburten der Kinder. Aber ich habe ein ausgefülltes, ein reiches Leben. Grace und Tom sind gesund. Ich habe eine sehr liebe, fürsorgliche Tante, ein echter Mutterersatz. Und ein paar gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Der einzige Wermutstropfen ist mein neuer Boss, der nichts auslässt, um mir das Leben schwer zu machen.“

„Wie bitte?“ Patrick hob empört den Kopf.

„Das sollte ein Scherz sein“, erklärte Lou geduldig.

„Oh … Verstehe.“ Er schluckte. „Ha, ha“, machte er pflichtschuldig.

Jetzt war es Lou, die lachte. Es war ein dunkles, wohlklingendes Lachen, kein albernes, schrilles Gekicher. Es machte sie auf unerklärliche Weise jung, interessant und ziemlich sexy! Ob es das gewesen war, was den jungen Barkeeper und den älteren Kellner gleichermaßen verzückt hatte?

Patrick fühlte sich leicht benommen. Schuld ist der Champagner, dachte er und beschloss, den Weißwein stehen zu lassen und bei Mineralwasser zu bleiben. Er fürchtete, dass die Situation außer Kontrolle geriet. Die Situation? Er war es, der dabei war, die Kontrolle zu verlieren! „Sie sind geschieden“, fuhr er etwas mühsam fort, „fühlen Sie sich einsam?“

„Wenn man in einer winzigen Wohnung mit zwei heranwachsenden Kindern lebt, freut man sich über jede Minute, in der man allein sein darf“, erklärte Lou.

„Diese Art Einsamkeit meine ich nicht, und das wissen Sie.“

„Okay.“ Sie nickte. „Ja, manchmal vermisse ich meinen Mann“, gab sie zu, schob den leeren Teller beiseite und stützte den Kopf in die Hände, ohne Rücksicht auf das rutschende Seiden­top und die Auswirkungen, die es auf ihr Gegenüber hatte.

„Es ist nicht leicht, Kinder allein großzuziehen“, fuhr sie fort. „Niemand ist da, mit dem man am Abend reden, mit dem man seine Sorgen und Probleme besprechen, mit dem man die kleinen Erfolge teilen kann.“ Sie lächelte versonnen und versank in die Betrachtung der brennenden Kerze. Sie schien meilenweit entfernt, als hätte sie vergessen, wo sie sich befand.

„Es wäre schön, wenn ab und zu jemand da wäre, der dich unterstützt und aufmuntert, wenn du das Gefühl hast, dass dir die Dinge über den Kopf wachsen“, fuhr sie fort.

„Jemand, der Sie festhält?“

„Jemand, der mich festhält“, bestätigte sie nun. „Ab und zu.“

Für einen flüchtigen Augenblick dachte Patrick an die kompetente, tüchtige Lou Dennison, die heute Abend kühl und sicher durch die Hotelhalle auf ihn zugegangen war. Da war nichts Romantisches, nichts Attraktives von ihr ausgegangen. Fast schockiert stellte er fest, wie weich und anziehend sie jetzt aussah mit ihren dunklen Augen, die im Kerzenschein geheimnisvoll glänzten, dem dunklen Haar, aus dem sich einzelne seidige Strähnen gelöst hatten und ihr locker in die Stirn fielen. Unwillkürlich überlegte er, wie sich die Haarsträhnen anfühlen würden, wenn er sie berührte und durch seine Finger gleiten ließe …

Was war geschehen? Noch vor zwei Stunden hätte er keinen zweiten Blick auf ihr seriöses Kostüm geworfen! Jetzt plötzlich fand er es aufregend und verführerisch. Ob sie unter dem engen Businessrock Seidenstrümpfe trug?

Er schluckte und versuchte, die wilden erotischen Fantasien in den Griff zu bekommen. Sie darf nichts merken, dachte er panisch und konnte dennoch nicht verhindern, dass seine Gedanken erneut abschweiften. Was kann ich dafür, dass ich Strümpfe und Strumpfbänder erotischer finde als praktische, fantasielose Strumpfhosen, dachte er resigniert.

Lou schien von alledem nichts zu bemerken. „Ja, manchmal vermisse ich einen Partner, der für mich da ist“, fuhr sie leise fort. „Nur für mich …“

„Sprechen Sie weiter.“ Patrick räusperte sich und nickte ermutigend. „Heute Abend sind wir nicht im Dienst. Was hier und jetzt gesprochen wird, existiert nur, solange wir hier zusammensitzen. Morgen ist alles vergessen. Also, reden Sie, wie Ihnen zumute ist, sprechen Sie über Ihre Träume und geheimen Fantasien.“

Lou lachte. „Okay, aber dasselbe gilt für Sie!“

„Versprochen.“

Lou fühlte sich seltsam leicht. Sie lächelte und zuckte verlegen die Schultern. „Ach, wissen Sie, mein Wunschtraum ist weder sonderlich romantisch noch aufregend. Ich gebe ehrlich zu, dass ich keine Lust habe, nach einem neuen Partner zu suchen und die altbekannten Hochs und Tiefs der ersten Verliebtheit noch einmal zu erleben. Der Aufwand ist mir zu hoch, die Garantie auf einen Glückstreffer zu gering.“

„Das klingt ziemlich abgeklärt. Wo bleiben Ihre Träume? Sie haben doch welche, nicht? Heraus mit der Sprache!“

„Wenn Sie sie unbedingt hören wollen … Also, ich möchte eines Morgens aufwachen und richtig gut verheiratet sein! Mit einem freundlichen, liebevollen Mann, der mich versteht und für mich da ist, wenn ich allein nicht mehr weiterweiß, ein Mann, mit dem ich lachen und weinen, dem ich vertrauen kann und der mir vertraut. Es muss nicht die große Liebe sein. Respekt und Achtung sind mir wichtiger als Leidenschaft, die doch irgendwann vergeht.“ Sie zuckte verlegen die Schultern. „Ja, eigentlich suche ich einen Freund. Einen Kameraden.“

„Das ist doch ganz in Ordnung“, versicherte Patrick lebhaft. „Dafür müssen Sie sich nicht schämen.“ Ich muss mich schämen, dachte er beklommen, ich kann nur noch an diese verdammten Seidenstrümpfe denken!

„Vielleicht haben Sie recht“, meinte Lou unsicher. „Andererseits erwarte ich von mir selber, auch ohne männliche Stütze zurechtzukommen.“ Was oft sehr schwer ist, dachte sie sorgenvoll.

„Ihr Wunschtraum ist erfüllbar. Ich meine, er gehört nicht ins Land der Utopie. Warum machen Sie sich nicht auf die Suche nach einem … Freund? Sie sind doch eine attraktive Frau.“ Noch vor wenigen Stunden hätte er geschworen, dass dieser letzte Satz nie über seine Lippen gekommen wäre. Jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Lou Dennison!

„Geeignete Singles sind rar gesät. Wer will sich mit einer dreiundvierzigjährigen Frau und deren pubertierendem Nachwuchs belasten? Würden Sie das machen?“

„Nein. Es klingt abschreckend!“

„Alles andere wäre Schönfärberei“, erklärte Lou. „Ich bin seit über sechs Jahren geschieden. Bis jetzt habe ich es allein geschafft. Ich werde mich nicht auf die Suche nach einem Mann machen.“

„Den Satz habe ich schon öfter gehört“, sagte Patrick und gab sich keine Mühe, den Zynismus aus seiner Stimme herauszuhalten. Er dachte an die Frauen, die sich angeblich nur mit ihm hatten vergnügen wollen, aber nach und nach vor jedem Juwelierladen Wurzeln geschlagen und mit offener Begeisterung Eheringe bewundert hatten.

„Wirklich nicht“, unterbrach Lou seine Gedanken. „Ich hätte nicht mal die Zeit dafür. Wenn ich abends nach Hause komme, brauche ich den Rest Energie für meine Kinder. Für eine neue Beziehung ist kein Platz. Weder räumlich noch emotional. Ich habe nicht einmal ein eigenes Schlafzimmer. Ich teile den Raum mit meiner Tochter. Und was meine Gefühle betrifft …“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe lange gebraucht, um Lawrence zu vergessen. Jetzt verläuft unser Leben in einigermaßen ruhigen Bahnen, die ich mir nicht mehr kaputt machen lasse.“

„Durch einen Mann?“

„Ja. Das Risiko ist mir zu hoch.“

„Kein Wagnis, kein Spaß“, erinnerte Patrick.

„Mag sein. Aber vergessen Sie nicht, da sind meine Kinder, auf die ich Rücksicht nehmen muss. Auch für sie war die Scheidung eine schlimme Geschichte. Vielleicht haben sie noch mehr gelitten als ich. Kinder sind immer die Opfer der Erwachsenen. Sie müssen schuldlos für etwas büßen, das sie nicht verursacht haben. Nein, eine Wiederholung wird es nicht geben. Das tue ich meinen Kindern nicht an.“ Sie warf Patrick einen kritischen Blick zu. „Sie haben ja auch keinen zweiten Versuch gemacht, nicht wahr?“

„Richtig. Eine gescheiterte Ehe war genug. Ich eigne mich nicht für die Zweisamkeit mit Amt und Siegel. Die endlosen Diskussionen gingen mir auf die Nerven.“

„So muss es nicht laufen.“ Lou dachte an Lawrence, der niemals lange Diskussionen geführt hatte. Lawrence hatte seinen Willen anders durchgesetzt. Gegen seinen jungenhaften Charme hatte sie keine Chance gehabt. Er war ein Egoist, der einfach nicht begreifen wollte, dass sein Verhalten für andere schädlich sein konnte. Im Grunde genommen war er niemals richtig erwachsen geworden. Die ganze Verantwortung hatte auf ihr gelegen.

„Vielleicht nicht, aber meistens doch“, konterte Patrick. „Jedenfalls habe ich immer wieder diese Erfahrung gemacht. Frauen sind nie zufrieden. Das ist das Problem. Sobald sie etwas bekommen haben, wollen sie mehr.“

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme über der Brust, als müsste er sich schützen. „Anfangs ist alles wie im Bilderbuch. Aber mit der Zeit ändert sich das eine oder andere. Es fängt damit an, dass plötzlich persönliche Gegenstände in deinem Badezimmer auftauchen und dort einen Stammplatz bekommen. Zuerst ist es nur der Föhn neben deinem Rasierapparat, dann ein Bademantel und so weiter und so fort. Spätestens dann solltest du Einhalt gebieten, wenn du dir eine Hausbesetzung ersparen willst.“

Er seufzte. „Aber das ist nicht alles und auch nur der Anfang. Früher oder später kommt die Frage nach der Zukunft. Zuerst sind es Liebesgeständnisse, die sie von dir erpressen, dann der Wunsch nach fester Bindung und einem Baby … Gleichzeitig versuchen sie, dich zu ändern, dein Leben umzukrempeln, als hättest du vorher falsch gelebt. Was sie verlangen, kann kein Mann erfüllen. Du musst alles sein: feuriger Liebhaber, Unterhalter, Freund, Seelentröster, Mutter und Vater zugleich. Auch das Geld spielt keine Nebenrolle. Du solltest spendabel sein und stets zeigen, was sie dir wert sind. Das fängt bei harmlosen Blumensträußen an, aber die Wunschliste ist lang. Im Grunde ist sie endlos. Alles in allem kann ich mir nichts Anstrengenderes vorstellen als eine feste Bindung.“ Patrick sah erschöpft aus und stärkte sich mit einem Schluck Wein.

„Was erwarten Sie von mir? Soll ich in Tränen ausbrechen?“, fragte Lou ungerührt. „Sie haben doch, was Sie wollen. Sex ohne feste Bindung.“

Patrick runzelte die Stirn. „So einfach ist das auch nicht. Ich dachte, dass junge Frauen das Leben unkomplizierter nehmen. Aber da habe ich mich getäuscht. Auch bei ihnen ist es nur eine Frage der Zeit. Irgendwann kommt immer die Rede auf Heirat und andere Scheußlichkeiten!“

„Sie tun mir aufrichtig leid“, versicherte Lou mit falschem Ernst.

Patrick überging ihre spöttische Bemerkung. „Warum sind Frauen so? Was ist so schön daran?“

„Es sind die Gefühle“, erklärte Lou geduldig. „Leider können wir nichts dagegen tun. Es tut uns ja selbst leid, dass wir die armen Männer damit quälen müssen, aber die Natur hat uns so ausgestattet! Wir verlieben uns und haben dabei ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil wir wissen, dass die Männer eigentlich etwas ganz anderes wollen. Es ist tragisch. Für beide Geschlechter!“

„Ich mache keine Witze! Ich meine es ernst. Ich wünsche mir eine Frau, die mit mir das Leben genießen will, ohne Schicksal zu spielen und mich in die Enge zu treiben. Ist das zu viel verlangt?“

„Catriona wollten Sie heiraten, oder?“

„Ja, aber das kann man nicht vergleichen.“

„Warum nicht? Was war anders?“

„Alles.“

„Sie waren beide jung. Gleichaltrig, stimmt’s? Die Frauen, mit denen Sie jetzt ausgehen, könnten Ihre Töchter sein. Vielleicht ist das ein Grund, warum Sie nicht mehr mit ihnen zurechtkommen.“

„Sicher nicht. Aber je älter ich werde, desto wichtiger ist mir meine persönliche Freiheit. Ich mag mein Leben, wie es ist. Meine Lieblingsbeschäftigung ist meine Arbeit. Das verstehen die meisten Frauen nicht. Sie wollen die Nummer eins sein.“

Er warf Lou einen fragenden Blick zu, als wartete er auf ihre Antwort. Dabei kamen ihm wieder die Strumpf-Fantasien in die Quere, die er kurzfristig verdrängt hatte. Heftig schüttelte er den Kopf.

„Ab und zu wäre eine Ehefrau ganz bequem“, fuhr er fort und schob die Frage, ob Lou nun Seidenstrümpfe trug oder nicht, erneut in den Hintergrund. „Immer dann, wenn ein gesellschaftliches Ereignis ansteht, was in meiner Position oft genug vorkommt.“

„Kann das nicht eine Haushälterin erledigen?“, fragte Lou überrascht.

„Im Augenblick übernimmt meine Haushälterin diese Aufgabe. Aber es ist nicht dasselbe.“

„Und Ihre Freundinnen?“

Patrick hob abwehrend die Hände. „Bloß nicht! Dafür eignen sich die Mädels wirklich nicht. Von Geschäften haben sie keine Ahnung, und wenn ich sie tatsächlich aufforderte, an meiner Seite die Dame des Hauses zu spielen, würden sie das sofort mit einem Heiratsantrag verwechseln.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, entgegnete Lou, genervt von der Vehemenz, mit der Patrick alle Frauen in einen Topf warf. Okay, er hatte einiges zu bieten, aber nicht jede Frau würde ihn heiraten wollen.

Ihr Typ war er nicht. Ihrer besten Freundin Marisa hatte sie ihn einmal als eine Mischung aus Clint Eastwood, Tom Cruise und George Clooney beschrieben. Marisa hatte beifällig genickt und ihr zum neuen Chef gratuliert!

Sie war weniger begeistert. Er war das Gegenteil von Lawrence, auch äußerlich. Ihren Ex-Mann konnte man ohne Weiteres einen hübschen Kerl nennen mit seinem hinreißenden Lächeln und der lässig-sorglosen Art. Patrick dagegen hatte harte Gesichtszüge, ein energisches Kinn, das auf Entschlossenheit hindeutete, einen festen Blick, dem man schlecht ausweichen konnte. Er strahlte Sicherheit aus. Ein Mann, der wusste, was er wollte, und sich auf dem Weg zum Ziel durch nichts ablenken ließ. Anders als Lawrence, der viel anfing und nichts beendete.

Okay, er ist keineswegs unattraktiv, sinnierte Lou und wunderte sich, warum ihr Blick plötzlich an seinen Lippen klebte und sie sich fragte, wie es wohl sein würde, wenn er sie küsste! Wenn er lächelte, wurde sein Gesicht weich, und seine Augen strahlten. Das war neu. Das hatte sie vorher nie an ihm bemerkt.

Was ein paar Gläser Sekt ausmachen können, dachte sie verwirrt. „Vergessen Sie die jungen Mädchen, und probieren Sie es mit einer Frau, die selbst etwas zu bieten hat, einer Powerfrau, die ihre eigene Karriere verfolgt und nicht auf der Jagd nach einem Ehemann ist.“

„Das würde ich auf der Stelle tun, aber solche Frauen laufen einem nicht in die Arme. Mit so einer Frau könnte ich mir sogar eine Ehe vorstellen.“

„Wie bitte? Und Ihre kostbare Freiheit?“

Er grinste. „Ich könnte endlich meine Mutter zufriedenstellen. Sie wünscht sich nichts mehr, als mich verheiratet zu sehen. Ebenso meine drei Schwestern.“

„Wünscht sie sich Enkelkinder?“, fragte Lou neugierig.

„Das ist es nicht. Sie hat elf Enkelkinder.“

„Elf? Dann haben Sie ja eine riesengroße Familie im Hintergrund.“

„Allerdings! Ich mag sie alle, aber sie wollen nicht begreifen, warum ich allein glücklicher bin.“ Er runzelte die Stirn, als müsste er angestrengt nachdenken. „Nur manchmal, wenn ich von einem Familientreffen nach Hause komme, fühle ich mich anfangs etwas einsam in meinem großen leeren Haus.“ Er lächelte. „Jetzt kennen Sie mein Geheimnis.“

„Ein Geheimnis, aber nicht Ihren Wunschtraum“, stellte Lou klar. „Den schulden Sie mir noch. Was ist es? Ich bin sehr gespannt!“ Sie fühlte sich auf angenehme Weise entspannt. Es war schön, mit Patrick am Tisch zu sitzen, zu plaudern, Wein zu trinken und die Zeit zu vergessen. Was heute Abend gesagt wurde, hatte morgen keine Gültigkeit mehr. Ein wunderbares Spiel, dachte sie animiert und stellte ihr leeres Glas zurück auf den Tisch.

„Mir können Sie alles beichten“, fuhr sie lächelnd fort. „Ich bin verschwiegen wie ein Grab, und nichts Menschliches ist mir fremd.“ Sie fühlte sich leicht und beschwingt, sorglos, wie lange nicht mehr. Ein wundervoller Abend in Gesellschaft eines Mannes, den sie noch vor wenigen Stunden nicht einmal sympathisch gefunden hatte, geschweige denn attraktiv … Ein Abend, wie sie ihn lange nicht mehr erlebt hatte. Zu Hause würde sie jetzt kochen, Brote schmieren, Schularbeiten kontrollieren oder Wäsche waschen.

Patrick sah sie an und verkniff sich mit Mühe den Wunschtraum des Augenblicks. Am liebsten hätte er Lou auf der Stelle nach oben in sein Zimmer getragen, sie leidenschaftlich gegen die Tür gepresst, sie geküsst und dieses verdammte enge Röckchen hochgeschoben, um endlich, endlich herauszufinden, ob sie wirklich diese erotischen Strümpfe aus seinen Fantasien trug oder nicht. Und wenn es so war, dann hätte er sicher nicht am Strumpfband haltgemacht, sondern …

„Irgendetwas wird Ihnen schon einfallen. Schießen Sie los!“ Lou blieb ganz ruhig. Ihr war nicht entgangen, dass Patricks Blick sich verdunkelte. Sie hatte keine Ahnung, woran er dachte, aber sie war sicher, dass sie rot werden würde, wenn sie es wüsste.

Sie schluckte. Ihr Herz klopfte schneller. Etwas in Patricks Augen hatte sie berührt, erregt. Plötzlich wusste sie, dass sie eifersüchtig sein würde, wenn er ihr seine Gedanken mitteilte. Sie wollte nicht wissen, was er sich wünschte oder vorstellte. Sie wollte nichts von seinen langbeinigen, langmähnigen Blondinen hören!

Sie sollen rot werden, nicht ich“, erklärte sie ungewohnt heftig.

Patrick schluckte. Er war dankbar, dass sie ihn zur Ordnung gerufen hatte. Wenn sie wüsste, was sein momentanes Problem war! Seidenstrümpfe, ja oder nein! Gefährliche Fantasien von leidenschaftlicher Intensität! Das ist Lou Dennison, deine persönliche Assistentin, der Wachhund in deinem Vorzimmer, die perfekte kühle, ältliche Chefsekretärin …

Es nützte wenig. Vor ihm saß eine andere Lou, eine Frau, die er hier und jetzt begehrte! Er stärkte sich mit einem großen Schluck Wein und beschloss, die Sache so anständig wie möglich hinter sich zu bringen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Etwas, das mit Seidenstrümpfen nichts zu tun hatte.

„Okay, ich habe einen Wunschtraum. Und der ist dem Ihren gar nicht so unähnlich. Ich wünsche mir eine Ehe mit den Vorteilen der Ehe, aber ohne ihre Nachteile. In meinen Träumen habe ich eine Frau, die da ist, wenn ich sie brauche. Eine perfekte Gastgeberin, eine tolle Hausfrau, eine Frau, die die Geburtstage meiner Mutter und Schwestern im Kopf hat und die auf mysteriöse Art und Weise unsichtbar wird, wenn ich eine neue hübsche Flamme habe, mit der ich mich ohne Schuldgefühle und Rechtfertigung amüsieren kann.“

Lou verdrehte die Augen. „Verstehe, der uralte Männertraum. Sex ohne Bindung.“

„Richtig! Es ist ein Traum“, erinnerte Patrick. „Die Realität sieht anders aus. Ich werde mich mit meiner Haushälterin und dem Catering-Service zufriedengeben und meine Familie weiterhin enttäuschen.“

Lou betrachtete ihn nachdenklich. „Was Sie wirklich brauchen, ist eine Frau, die bereit ist, Sie Ihres Geldes wegen zu heiraten. Eine Frau, die eine Ehe mit Ihnen wie einen Job betrachtet.“

„Wie unromantisch!“

„Romantik brauchen Sie nicht“, erklärte sie ernsthaft. „Sie brauchen eine Frau, die Ihr Haus führt, mit der Sie repräsentieren können, wenn Sie Gäste haben oder selber einen Termin wahrnehmen müssen, eine Frau, die für Ihr leibliches Wohl sorgt, Ihre soziale Stellung unterstützt und Ihre Affären ignoriert, die nichts von Ihnen erwartet außer den Zugang zu Ihrem Bankkonto.“

Patrick war beeindruckt. „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine solche Frau habe ich mir vorgestellt.“

„Wenn das so ist“, sagte Lou, „dann müssen Sie mich heiraten.“

3. KAPITEL

Patricks Hand fuhr in die Höhe. Dabei stieß er Lous Glas um, und der Wein ergoss sich über das Tischtuch. „Tut mir leid“, stammelte er verwirrt, während er mit der Serviette die Flüssigkeit aufsog. „Ich habe Sie komplett missverstanden. Im ersten Augenblick habe ich tatsächlich geglaubt, dass Sie mir eine Art Heiratsantrag gemacht haben!“

„Sie haben sich nicht verhört“, erklärte Lou ruhig. „Ja, ich habe Ihnen vorgeschlagen, mich zu heiraten.“ Sie zuckte die Schultern. „Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Eine perfektere Ehefrau werden Sie nicht finden.“

„Was Sie nicht sagen!“ Patrick wusste nicht, ob er lachen oder schockiert sein sollte.

„Ich weiß genau, was ich sage.“ Lou nahm ihr Glas und leerte es in einem Zug. „Ich kenne Ihren Job und die damit verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Die Rolle der Dame des Hauses würde mir nicht schwerfallen. Bei Partys oder Empfängen wäre ich an Ihrer Seite. Ich wüsste, wie man die einzelnen Gäste zu behandeln hätte, und würde dafür sorgen, dass jeder auf seine Kosten kommt und später zufrieden nach Hause geht. Doch das Wichtigste ist, dass ich keinerlei Illusionen habe, was Sie betrifft.“

„Das stimmt allerdings.“ Patrick begann langsam, sich für den Plan zu erwärmen.

„Ihre Affären würden mich nicht berühren, ebenso wenig würde ich irgendwelche Aufmerksamkeiten von Ihnen erwarten. Keine Blumensträuße, keine Geständnisse, keine Geschenke oder kleinen Überraschungen.“

„Verstehe.“ Er nickte nachdenklich. Er war sich immer noch nicht sicher, ob Lou sich mit ihm nur einen Scherz erlaubte. „Wenn das so ist, warum wollen Sie mich dann heiraten?“

„Wegen Ihres Geldes natürlich“, erklärte Lou heiter.

„Ich dachte, sie wollen keinen Mann mehr.“

„Richtig, aber ich will finanzielle Sicherheit. Die will ich wirklich. Können Sie sich überhaupt vorstellen, wie schwierig das Leben in einer Stadt wie London ist, wenn man nur über ein Gehalt verfügt, mit dem drei Personen auskommen müssen?“

„Bezahle ich Sie zu schlecht?“

„Nein. Für das, was ich leiste, werde ich gut bezahlt. Ansonsten hätte ich mir längst einen anderen Job gesucht. Für mich allein würde es reichen. Aber da sind die Kids.“

Er nickte. „Ja, ich habe davon gehört. Heutzutage kosten Kinder ein Vermögen, sagt meine Schwester.“

„Sie hat recht. Die Kinder wollen das haben, was ihre Freunde haben. Die modischsten Joggingschuhe, die schicksten Handys, die neuesten Computerspiele und unbedingt eine Digitalkamera, obwohl sie sich nie fürs Fotografieren interessiert haben. Dabei habe ich alles getan, um ihnen die sogenannten inneren Werte schmackhaft zu machen.“ Sie zuckte resigniert die Schultern. „Im Augenblick kann ich damit nicht mehr punkten! Wenn Grace vom Skiurlaub in den Rocky Mountains träumt, dann ist ein Schneespaziergang im Hyde Park einfach keine Alternative, oder?“

„Sicher nicht.“

„Im Großen und Ganzen sind die Kids in Ordnung. Ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie sich an dem orientieren, was sie bei anderen Kindern sehen. Sie wollen dazugehören. Und das kann ich ihnen nicht bieten.“

„Und der Vater der Kinder? Er hat doch sicher finanzielle Verpflichtungen seinem Nachwuchs gegenüber.“

Lou seufzte. „Das ist ein Thema für sich. Gewiss hat Lawrence Verpflichtungen, aber er hat auch jedes Mal eine andere Ausrede, wenn es ans Zahlen geht. Immer sind es irgendwelche dubiosen Geldgeschäfte, todsichere Sachen, in die er investieren muss, mit dem Ziel, uns ein für alle Mal von allen Geldsorgen zu befreien.“

„Und? Hat er Erfolg gehabt?“

„Bis jetzt nicht. Er hat sogar unser Haus in den Sand gesetzt. Das war sein größter Streich.“

„Ein starkes Stück!“ Patrick war durch und durch Geschäftsmann und viel zu vorsichtig, um Wertobjekte wie eine Immobilie waghalsig aufs Spiel zu setzen.

„Ja, das war es“, bestätigte Lou mit schlecht verhohlener Bitterkeit. Sie dachte an den Tag, als Lawrence ihr zerknirscht den Verlust des Hauses gebeichtet hatte.

Außer sich vor Empörung, hatte sie ihn mit Vorwürfen überschüttet, bis er schroff ihren Redeschwall unterbrach und ihr mitteilte, dass er sie noch heute Abend verlassen würde. Er hatte sich neu verliebt in eine junge ungebundene Frau, die in Gelddingen nicht so spießig dachte wie sie. Eine Seelenverwandte sozusagen.

Nach diesen Worten stürzte Lous Welt in sich zusammen. Sie hatte ihren Mann und ihr Heim verloren. Ein paar Minuten hatten ausgereicht, um ihr all das zu nehmen, wofür sie jahrelang gelebt, geliebt und gearbeitet hatte. Geblieben waren ihr zwei vaterlose verstörte kleine Kinder. Was dann folgte, war alles andere als lustig gewesen …

„Dann wäre also eine Geldheirat die Lösung Ihrer Probleme?“, unterbrach Patrick das Schweigen.

„Nun ja, bisher habe ich nie über eine solche Möglichkeit nachgedacht, aber ich muss sagen, die Vorstellung ist mir nicht unangenehm. Ich wäre die ewigen Geldsorgen los. Das hat etwas …“

„Sie sehen in mir eine Art Goldesel, richtig?“

„In meiner Position kann man sich keinen falschen Stolz leisten. Ich bin es leid, ständig am Existenzminimum zu knabbern, mich mit Geldproblemen herumzuschlagen und zu wissen, dass es nicht besser werden kann.“ Sie schluckte. „Wir leben äußerst beengt, weil wir uns keine größere Wohnung leisten können. Die Kinder haben keine eigenen Zimmer. Grace teilt sich das Schlafzimmer mit mir, und Tom hat ein Klappbett im Wohnzimmer. Man kann sich nicht zurückziehen, und selbst im Bad ist man nie ungestört. Irgendeiner hämmert nach kurzer Zeit an die Tür, weil er selbst die Toilette benutzen möchte.“

Sie seufzte. „Es ist stressig. Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven. Unser Leben verliefe harmonischer, wenn wir mehr Platz hätten.“ Sie holte tief Luft. „Sie haben ein großes Haus, nicht wahr?“

„Ich habe drei Häuser.“

„Drei …“ Lou schluckte. „Dann wissen Sie nicht, was Platzmangel heißt. Und vermutlich wissen Sie auch nicht, welche Fernsehprogramme Ihre Nachbarn zur Rechten bevorzugen und ob die Ehekrise Ihrer Nachbarn zur Linken in eine neue Phase getreten ist. Ich könnte ganze Abende mit Geschichten über die Mieter in unserem Haus füllen. Die Wände sind so dünn, dass es schwierig ist, nicht alles mitzubekommen.“

„Ich habe keine Ahnung vom Leben meiner Nachbarn“, gestand Patrick. „Ich höre und sehe nichts von ihnen.“ Er warf Lou einen langen Blick zu. „Was Sie so berichten, klingt nicht eben sehr anheimelnd. Wenn Sie mich heirateten, würde sich auf jeden Fall Ihre Wohnsituation verbessern, stimmt’s?“

„Ja, aber vergessen Sie nicht, dass ich auch Ihr Geld will!“ Sie lächelte aufreizend, hob ihr Glas und prostete ihm zu. „Keine Millionen. Nein, nur so viel, dass ich meinen Kindern das Leben bieten kann, das sie hätten, wäre Lawrence bei uns geblieben und hätten wir unser Haus behalten. Damals ging es uns nicht schlecht. Wir waren nicht reich, aber auch nicht arm. Wir konnten uns einen gewissen Lebensstandard leisten. Jetzt dagegen …“

Sie verzog den Mund. „Ich möchte mehr für meine Kinder tun, möchte sie fördern und ihre Wünsche erfüllen können, anstatt immer nur an ihre Vernunft zu appellieren und sie auf später zu vertrösten. In den Ferien ist es besonders schlimm. Ihre Schulkameraden fahren mit den Eltern nach Amerika oder ans Mittelmeer. Grace war grün vor Neid, als ihre Freundinnen Alice und Harriet eine Woche in New York und eine zweite Woche in Florida waren, während wir die Ferien in Yorkshire Dales bei meiner alten Tante verbrachten.“

„Verständlich“, stimmte Patrick zu. „Warum ziehen Sie nicht aufs Land? Dort sind die Mieten sehr viel niedriger als in London. Sie bekommen ein ganzes Häuschen für dasselbe Geld.“

„Daran habe ich öfter gedacht. Ich liebe das Land und bin sicher, dass ich auch einen Job finden würde. Aber meine Kinder wären todunglücklich. Sie sind echte Großstadtpflanzen und würden London schrecklich vermissen.“

„Aber Sie können doch nicht Ihr ganzes Leben auf die Kinder ausrichten“, bemerkte Patrick vorwurfsvoll.

Lou sah erstaunt auf. „Aber ja! Wenn man Kinder hat, ist das so. Ihre Bedürfnisse gehen vor.“ Sie lächelte. „Ich habe also nur die Wahl zwischen einer Geldheirat oder einem Lottogewinn.“

Patrick nickte. Ihm gefiel das Wortgeplänkel. Natürlich hatte er nicht die leiseste Absicht, Lou Dennison zu heiraten. Aber es war amüsant, unverbindlich darüber zu spekulieren.

„Einmal angenommen, ich würde Sie heiraten“, begann er, „wie würde das aussehen?“

„So, wie ich es vorhin schon angedeutet habe. Es wäre die Erfüllung unserer heimlichen Wünsche mit einer klaren Ausgangsbasis, ganz nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere. Ich bin die Partnerin an Ihrer Seite, die sich um Ihr Haus und die Verwandtschaft kümmert, Sie begleitet, wenn Sie Begleitung wünschen, und ohne Gefühlsduseleien Ihre kleinen Freundinnen toleriert. Sie können kommen und gehen, wann sie wollen, unter der Bedingung, dass Sie mir Ihre Kreditkarte überlassen“, schloss sie übermütig und bekräftigte ihre Ausführungen mit einem Schluck Wein. Ihr war bewusst, dass sie einen Schwips hatte, aber sie fühlte sich großartig dabei!

Für Patrick war es schwieriger. Sein Wunschtraum hatte eigentlich etwas mit Seidenstrümpfen, Strumpfbändern und anderen verführerischen Dessous zu tun, aber davon ahnte Lou nichts. Er riss sich zusammen.

„Okay, die Kreditkarte“, wiederholte er und runzelte angestrengt die Stirn. „Was erwarten Sie sonst noch von mir?“

„Ab und zu eine Schulter zum Ausheulen“, erklärte sie munter, „aber das muss die Ausnahme bleiben. Was ich eigentlich möchte, ist die Sicherheit, ein Heim zu haben, aus dem mich niemand mehr vertreiben kann.“

„Hm … Was ist, wenn das Experiment schiefgeht und es zu einer Scheidung kommt? Müsste ich Ihnen dann mein Haus überlassen?“

„Sie haben drei Häuser. Da wäre es doch möglich, dass Sie sich von einer Immobilie trennen könnten, oder?“ Sie zog die Brauen zusammen. „Nein, das ist nicht fair. Ich habe eine bessere Idee. Wir könnten einen Ehevertrag aufsetzen, der Sie im Falle einer Trennung verpflichtet, mich finanziell mit einer gewissen Summe abzufinden.“

Und wieder brach sie in heiteres Gelächter aus. „Aber warum sollte es zu einer Scheidung kommen? Wir schließen eine Vernunftehe, in der wir beide das bekommen, was uns fehlt. Unsere Probleme wären mit einem Schlag gelöst.“

Patrick grinste. „Klingt gut.“

„Es ist mehr als gut! Es ist ideal. Wir kämen beide auf unsere Kosten. Es könnte wunderbar klappen, da keine emotionalen Verstrickungen zu befürchten sind. Ich habe genug von meiner ersten Ehe, und Ihnen scheint es ebenso zu ergehen.“

Patrick nickte zustimmend. Auch er spürte den Alkohol und ahnte, dass sie beide morgen früh im hellen Tageslicht ihre heiteren Geständnisse bedauern würden. Aber im Augenblick amüsierte er sich so gut, dass er beschloss, den Abend mit Lou einfach zu genießen. Er lehnte sich entspannt zurück. „Sie sind also die ideale Ehefrau für mich, richtig?“

„Unbedingt.“

„Was ist mit dem pubertierenden Nachwuchs, der an Ihren Fersen klebt?“

Lou seufzte. „Ohne die beiden läuft nichts. Grace und Tom gehören zur Mitgift. Aber sie haben ihre Qualitäten. Sie würden dafür sorgen, dass sich ihr leeres, stilles Haus mit Leben füllt.“

„Soll das ein positives Angebot sein?“

„Es wäre schön, wenn Sie es so sehen könnten.“ Sie runzelte die Stirn. „Wie viele Schlafzimmer hat Ihr Haus?“

„Sechs.“

Lou schnappte nach Luft. Ein Haus in Chelsea mit sechs Schlafzimmern musste ein Vermögen kosten!

„Warum haben Sie ein Haus mit so vielen Zimmern für sich allein gekauft?“, fragte sie fassungslos.

„Die großzügigen Parkplätze am Straßenrand haben den Ausschlag gegeben.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort! Aber ist es nicht schade um die vielen leer stehenden Zimmer? Wenn wir einziehen, hätte jeder von uns ein eigenes Schlafzimmer, und wir hätten noch zwei Gästezimmer zur Verfügung.“

„Wir würden nicht in einem Zimmer schlafen?“, fragte Patrick scheinheilig.

„Nicht, solange Sie sich durch andere Betten schlafen“, erklärte Lou und bedachte ihn mit einem langen Blick aus dunklen Augen.

„Sie wären mir ja eine schöne Ehefrau“, beschwerte er sich.

„Sie wollen doch gar nicht mit mir schlafen, und ich will auch nicht mit Ihnen schlafen“, erinnerte Lou streng.

Dahin mit den schönen Fantasien über Seidenstrümpfe, dachte Patrick seufzend. „Okay, Sie haben sich klar ausgedrückt.“

Lou errötete. Seine Stimme hatte verletzt geklungen. „Ich wollte Sie nicht kränken“, begann sie unbeholfen. „Ich meine, Sie sind nicht unattraktiv. Im Gegenteil, ich finde, dass Sie attraktiver sind, als ich dachte.“

Sie schluckte und biss sich auf die Lippen. Sie war betrunken! Sonst hätte sie so einen Unsinn nicht von sich gegeben! Krampfhaft versuchte sie, die Situation zu retten.

„Als ich sagte, dass ich nicht mit Ihnen schlafen wollte, da meinte ich … ich meine, ich dachte … Ich wollte Sie nicht … Was ich eigentlich sagen wollte, war, dass ich nur nicht mit Ihnen …“

Sie unterbrach sich und schüttelte hilflos den Kopf. Es hatte keinen Zweck. Sie bekam keinen vernünftigen Satz zustande, um ihm auf taktvolle Weise klarzumachen …

„Ich habe Sie schon ganz richtig verstanden“, sagte Patrick beruhigend. Ihre Verwirrung, ihre glühend roten Wangen rührten und erregten ihn. „Sie haben völlig recht. Alles in allem wären Sie für mich eine gute Partie, die Kids inklusive, einverstanden?“

„Genau!“ Dankbar griff Lou zum Glas und prostete ihm zu. Vorbei war die Verwirrung. „Denken Sie in Ruhe darüber nach“, empfahl sie lachend.

Patrick betrachtete sie mit Vergnügen. Ihr Haar war durcheinandergeraten und lag in weichen Wellen um ihr gerötetes, erhitztes Gesicht. Er fragte sich, wo die adrette, kühle, propere Miss Dennison aus seinem Vorzimmer geblieben war.

„Vielleicht sollte ich das wirklich tun“, sagte er ruhig.

„Normalerweise pflege ich kaum Alkohol zu trinken“, erklärte Lou und hatte das ungute Gefühl, dass ihre wohl gewählten Worte einen merkwürdig schleppenden Tonfall hatten. Auch war der kurze Weg vom Speisesaal zum Fahrstuhl nicht ganz unproblematisch verlaufen. Patrick hatte sie zweimal stützen müssen, da sie bedenklich schwankte.

„Man merkt Ihnen nichts an“, versicherte er scheinheilig. „Aber vielleicht sollte ich Sie doch bis zu Ihrem Zimmer begleiten.“

Lou überlegte. Bei jedem anderen Mann hätte sie bedenkenlos zugestimmt, sich willig bis zu ihrer Zimmertür führen lassen, und sich mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange für den Abend und das Dinner bedankt. Aber Patrick war nicht irgendein Mann. Auf keinen Fall konnte sie sich vorstellen, ihn zu küssen!

Konnte sie das wirklich nicht? Hilflos musste sie feststellen, dass ihre Gedanken, ihre Fantasien eigene Wege gingen. Die Szene lief ab wie ein Film. Sie sah sich vor ihrer Zimmertür stehen, sah, wie sie den Kopf hob, wie ihre Lippen seine Wangen streiften, wie sie den herben, männlichen Duft seiner Haut einatmete, wie er schließlich den Kopf zur Seite neigte und sich ihre Lippen trafen …

Nein, dachte sie schockiert und schüttelte abwehrend den Kopf. Aber es war zu spät. Gefangen in ihren erotischen Fantasien, sah sie sich seinen muskulösen, athletischen Körper umarmen, seine Hände spüren, die sich unter ihr Seidentop schoben und ihre heiße Haut berührten, während sich ihre Lippen in wilden, leidenschaftlichen Küssen vereinigten …

Aufhören! Stopp! Sie schluckte und presste unbewusst die Hand auf ihr hämmerndes Herz. Ihre Wangen brannten wie Feuer. Der Champagner ist schuld, dachte sie. Nie wieder werde ich einen einzigen Tropfen Alkohol anrühren!

Aber die Reue kam zu spät. Es wurde noch schlimmer, als sie neben Patrick im engen Fahrstuhl stand. Sie war ihm nah wie nie zuvor.

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