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BIANCA EXKLUSIV BAND 246

LIZ IRELAND

Hilfe, ich bin verheiratet!

Einen glücklichen Sohn samt Schwiegertochter und Enkelkind – das hat sich Ross kranker Vater immer gewünscht! Deshalb verschafft der erfolgreiche Hotelier ihm die süße Illusion, bucht ein Kind und eine Frau und inszeniert eine Traumhochzeit. Doch dann verliebt er sich tatsächlich in die hübsche Alison. Allerdings scheint die ihn nicht zu wollen …

DEBBI RAWLINS

Schau mich an und sag dann Ja!

Eine einzige Nacht verbrachte die hübsche Lexy vor Jahren mit Matt. Dann verschwand er und machte Karriere. Vergessen hat sie ihn nie! Zumal Lexy damals eine Scheinehe mit ihm einging. Weil diese bis heute nicht aufgelöst ist, steht er auf einmal wieder vor ihr: Genauso anziehend wie damals – aber ahnungslos, welches Geheimnis sie seit damals verbindet …

WENDY WARREN

Liebling, ich muss dir ein Geständnis machen

Die vier Kinder seiner verstorbenen Cousine und ein riesiger Haushalt: Max Lotorto droht alles über den Kopf zu wachsen. Erst recht, als ihn das Kindermädchen verlässt. Was nun? Wie ein Geschenk des Himmels kommt da die wundervolle D.J. daher. Spontan stellt er sie ein – und verliert schon bald sein Herz an sie! Er ahnt ja nicht, wer D.J. wirklich ist …

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Hilfe, ich bin verheiratet!

1. KAPITEL

Alison Bennett floh vor einer Nonne.

Als sie in den Vorraum der Modelagentur Little Angels stürmte, zuckte Dee Kirk, ihre Empfangsdame, erschrocken zusammen. „Sie sollten doch erst nächste Woche zurückkommen!“, rief sie, während Alison ihr Büro ansteuerte.

Alison hielt sich nicht mit Erklärungen auf und achtete auch nicht auf die kleinen Kinder und deren liebevoll oder streng dreinsehenden Eltern. Wenn sie nur schnell genug lief, merkte hoffentlich niemand, dass sie eine schlecht sitzende Nonnentracht trug und von einer Nonne mit Laufschuhen verfolgt wurde.

Aus Angst, Schwester Joan könnte sie einholen, blickte sie nicht zurück. In ihrem Büro angekommen, glaubte sie sich in Sicherheit, doch die Nonne mit Felicitys Kinderwagen hatte sie nicht abgeschüttelt.

„Lieber Himmel!“, rief Schwester Joan, die von der Verfolgungsjagd nicht im Geringsten außer Atem war. „Sie haben es aber eilig, wieder an die Arbeit zu kommen!“

Das war eine glatte Untertreibung!

Bevor Schwester Joan sie überredet hatte, sich für eine Woche ins Kloster St. Felicity’s zurückzuziehen, war Alison völlig ausgelaugt gewesen. Ihre Firma lief hervorragend, doch sie hatte seit fünf Jahren keinen richtigen Urlaub mehr gemacht.

Immer mehr Leute mieteten Kinder bei der Modelagentur Little Angels. Trotzdem konnte Alison nicht alle vermitteln, die sich jeden Tag im Warteraum drängten, und es fiel ihr schwer, so viele Kinder abweisen zu müssen.

Zu allem Überfluss rief ihre Mutter täglich an und erkundigte sich, ob sie für den Rest ihres Lebens allein bleiben wollte. Mutter stellte es geradezu so hin, als wäre Alison selbst daran schuld und nur zu stur, um etwas daran zu ändern.

Ach ja – in dieser Woche jährte sich außerdem der Tag, an dem Alison von Mr Wesley Westerbrook vor dem Altar stehen gelassen worden war. Und dafür machte ihre Mutter sie tatsächlich noch immer verantwortlich. Das hatte sicher zum angeschlagenen Zustand ihrer Nerven beigetragen.

Alison musste also unbedingt abschalten. Auf Schwester Joans Drängen entschied sie sich für eine Woche im Kloster St. Felicity’s und hoffte, dort Ruhe und Frieden zu finden. Sie sah sich schon allein in einer spartanisch, aber behaglich eingerichteten kleinen Zelle mit einer flackernden Kerze. Vögel sangen vor dem Fenster, während Alison über die Freuden des Alleinseins nachdachte.

Eine Woche lang wollte sie wie Audrey Hepburn in Geschichte einer Nonne das Klosterleben ausprobieren – ohne Telefon, ohne enttäuschte Klienten, ohne Mutter, die ihr vorhielt, dass sie Wes hatte ziehen lassen. Nach sieben Tagen wollte sie die Klostermauern körperlich erholt und seelisch gestärkt verlassen.

Das hatte sie sich ausgemalt. Anstelle einer Woche voll Ruhe und Frieden hatte sie sich fünf Tage in einem katholischen Arbeitslager wiedergefunden. Und die Aufseherin war keine andere als Schwester Joan gewesen.

„Der Aufenthalt bei Ihnen hat mich von sämtlichen Problemen befreit“, versicherte Alison. „Im Vergleich zu den Erfahrungen im Kloster ist es ein wahrer Genuss, Hunderten kleiner Models zu einer Karriere zu verhelfen.“

Alison blickte sich in dem großen Büro um und hätte am liebsten vor Freude geweint. Wieso hatte sie jemals all diesen Luxus für selbstverständlich angesehen? Wieso hatte sie gedacht, die Leitung einer Modelagentur für Kinder wäre anstrengend? Wieso hatte sie die Lektion vergessen, die sie in zwölf scheinbar endlosen Jahren in einer katholischen Schule gelernt hatte?

„Ach, übertreiben Sie nicht“, meinte Schwester Joan lachend.

Alison warf der Schwester einen energischen Blick zu. „In Ihrem Kloster erhält das Wort Sklavenarbeit eine völlig neue Bedeutung. In fünf Tagen habe ich mehr geschuftet als in meinem ganzen bisherigen Leben. Und habe ich dafür vielleicht Ankernennung erhalten?“

„Sie können Schwester Catherine nicht vorwerfen, dass sie leicht verstimmt war“, wehrte Schwester Joan ab. „Schließlich haben Sie alle ihre preisgekrönten Obststräucher umgehackt.“

„Woher sollte ich denn Bescheid wissen? Für mich haben sie wie Unkraut ausgesehen.“ Allein schon bei der Erinnerung an Schwester Catherine, die Mutter Oberin in St. Felicity’s, schauderte Alison. Dabei hatte sie doch nur mit der Heckenschere etwas zu viel weggeschnitten. Wie demütigend, als erster Mensch aus dem Kloster hinausgeworfen zu werden! „Ich gehöre eben nicht nach St. Felicity’s.“

„Aber Sie konnten mit den Kindern so wundervoll umgehen!“

Bei dem Gedanken an das Kinderheim im Kloster stöhnte Alison. Bestimmt wurde sie noch jahrelang von Albträumen geplagt. Nach der Katastrophe im Garten hatte Schwester Catherine sie ins Kinderheim gesteckt. Immerhin hatte Alison beruflich mit Kindern zu tun. Nach vier Tagen Arbeit in der Tagesstätte von St. Felicity’s schätzte Alison sich glücklich, normalerweise nur indirekt mit Kindern zu arbeiten, die von ihren Eltern beaufsichtigt wurden.

Am Ende der Woche besaß sie kein einziges Kleidungsstück mehr, das nicht zerrissen war, Spuren von Fingerfarbe aufwies oder mit Mageninhalt in Berührung gekommen war. Nachdem die süße kleine Felicity heute Traubensaft auf Alisons Lieblingskleid gespuckt hatte, musste sie Ersatzkleidung von Schwester Joan anziehen. Der graue Pullover und die weiße Bluse waren so eng, dass Alison jetzt wusste, wie sich das Opfer einer Boa constrictor fühlte.

Zu allem Überfluss reichte Schwester Joan der Rock zwar züchtig bis zu den Knien, endete bei Alison jedoch am halben Schenkel. Dadurch sah sie weniger wie eine Novizin des Klosters, sondern eher wie eine Novizin der Straße aus.

Am liebsten hätte sie nie wieder im Leben ein Baby angesehen. Leider waren die meisten ihrer Klienten jünger als zehn Jahre, und ihre widerspenstigste und am schwersten zu bändigende Klientin saß jetzt direkt vor ihr und zog einen beeindruckenden Schmollmund.

Schwester Joan klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Teppichboden. Zu Pullover und weißer Bluse trugen die Schwestern von St. Felicity’s kleine Schleier und weiße Strümpfe. Für die Fußbekleidung gab es offenbar keine Vorschriften. Schwester Joan hatte sich mit gutem Grund für Laufschuhe entschieden. Sie brauchte schließlich Schuhwerk, das mit ihrem Tempo mithalten konnte.

„Also, Alison, gibt es diese Woche für die kleine Felicity Arbeit?“

Alison betrachtete Felicitys Mündchen, das von dem Zwischenfall mit dem Traubensaft noch bläulich verfärbt war, und schüttelte grimmig den Kopf. „Nehmen Sie es mir nicht übel, Schwester Joan, aber ich glaube nicht, dass Felicity …“

„In der Windelreklame war sie doch großartig. Das haben Sie selbst gesagt!“

Baby Felicity, das die Nonnen auf den Stufen von St. Felicity’s gefunden hatten, konnte auf einen einzigen Triumph in einer kurzen Karriere zurückblicken. Die Kleine hatte in einer Windelreklame ein weinendes Baby in einer tropfenden Windel gespielt. Diese Rolle hatte sie perfekt ausgefüllt. Leider hatte sie nicht zu weinen aufgehört, als sie ein glückliches Baby in einer trockenen Windel darstellen sollte. Ein anderes Kind musste an ihrer Stelle eingesetzt werden.

Es war kaum zu glauben, aber die Welt der Kindermodels war eine Haifischbranche, und ein solcher Vorfall verschaffte einem Baby sofort einen schlechten Ruf. Felicity war jetzt als launenhaft verschrien. Niemand wollte mehr mit diesem Kind arbeiten.

„Es tut mir leid, Schwester.“

Daraufhin versuchte Schwester Joan etwas anderes und setzte auf schlechtes Gewissen. Zuerst seufzte sie tief und dramatisch, ehe sie erklärte: „Vielleicht konnte die arme kleine Felicity nicht zu weinen aufhören, weil ihr bewusst wurde, dass sie ganz allein auf der Welt ist und ihr nur einige mittellose Nonnen helfen.“

Alison wappnete sich. „Schwester Joan …“

„Sie glauben gar nicht, wie begeistert die Leute von ihr sind. Seit das D Magazine über ihren Auftritt in dem Reklamespot berichtet hat, sind die Spenden für St. Felicity’s um dreißig Prozent gestiegen.“

Damit erreichte Schwester Joan ihren Zweck. Prompt bekam Alison ein schlechtes Gewissen. Verschaffte sie Felicity nämlich keine Arbeit, war das, als würde sie den Nonnen und Babys das Essen vom Teller nehmen.

„Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass sie aufgrund des öffentlichen Aufsehens beinahe adoptiert worden wäre?“

„Wie schön!“

„Aber nur beinahe“, betonte die Nonne. „Das Paar hat es sich doch anders überlegt.“

Wieder um eine Hoffnung ärmer. Felicitys Adoption wäre die ideale Lösung gewesen, weil dann das Kind zu Leuten gekommen wäre, die nicht unbedingt Spendengelder auftreiben wollten.

Immerhin hatte Felicitys Gage bereits ausgereicht, um einen Treuhandfond für Waisenkinder anzulegen. In dem Artikel war ein Foto von Felicity erschienen, ein wunderhübsches Kind umgeben von lächelnden Nonnen. Seither waren so viele Spenden eingetroffen, dass in St. Felicity’s der Grundstein für eine neue Tagesstätte gelegt werden sollte.

Alison kam sich wie eine Verbrecherin vor, wenn sie Felicity keine Arbeit verschaffte. Und es machte ihr auch Angst. Bestimmt gab es im Jenseits einen besonders unangenehmen Ort für Leute, die Nonnen und Waisenkindern die Möglichkeit raubten, Geld zu verdienen.

Schwester Joan tat, als würde sie nicht merken, wie unwohl Alison sich in ihrer Haut fühlte. „Vielleicht will eine andere Familie die kleine Felicity bei sich aufnehmen, wenn sie noch einmal in einer Reklame zu sehen ist.“

Im Vorraum entstand Unruhe. Offenbar waren der Vater eines Kindermodels und Dee aneinandergeraten.

„Also wirklich“, meinte Schwester Joan geringschätzig. „Manche Leute sind unglaublich hartnäckig!“

Das musste ausgerechnet sie sagen! Alison seufzte.

„Wir sollen nächste Woche den Morning News ein Interview geben. Den Morning News“, wiederholte Schwester Joan. „Ich glaube aber nicht, dass eine der größten Tageszeitungen einen Artikel über ein Babymodel bringt, wenn herauskommt, dass die Karriere dieses Babys im Keller gelandet ist.“

Alison schüttelte bedauernd den Kopf. Es war eine Tatsache, dass es heute für Felicity keine Arbeit gab. Daran hätte sich nicht einmal etwas geändert, hätte die Kleine nicht nur das Gesicht, sondern auch das Wesen eines Engelchens gehabt.

Schon wollte Alison der Schwester das unmissverständlich klarmachen, als die Tür aufflog. Dee versuchte, den größten, attraktivsten und arrogantesten Kerl aufzuhalten, den Alison jemals gesehen hatte.

Zuerst konnte sie ihn nur anstarren. Bisher war sie ein einziges Mal dermaßen sprachlos gewesen. Das war, als sie Wes traf. Dieser Mann besaß die gleiche arrogante Ausstrahlung.

„Sind Sie hier die Chefin?“, fragte er mit einer tiefen Stimme.

Alison hoffte, dass man ihr nicht ansah, dass sie genauso atemlos wie Dee war. Der Mann mit dem rötlich schimmernden dunkelblonden Haar und sagenhaften blauen Augen war faszinierend. Diese tiefe Bräune bekam man nur in sehr exklusiven tropischen Urlaubsgebieten. Es entging Alison auch nicht, dass sich unter dem teuren Anzug ein Körper wie von einem griechischen Gott verbarg.

Das alles gab ihm jedoch nicht das Recht, einfach hereinzustürmen. „Ja, ich bin die Chefin, wie Sie sehen, und ich bin beschäftigt“, erwiderte Alison möglichst kühl. „Wenn Sie also bitte mit Ihrem Kind draußen warten, bis …“

„Mein Name ist Ross Templeton“, unterbrach er sie. „Und ich habe kein Kind.“

„Dann tut es mir sehr leid. Diese Agentur vermittelt nur Kinder. Wenn Sie Arbeit suchen …“

„Ich bin kein Model“, unterbrach er sie erneut, „sondern Hotelier.“

„Nun, Mr Templeton, wenn Sie ein Kind in der Werbung einsetzen wollen, sind Sie am richtigen Ort. Im Moment aber …“

Wieder ließ er sie nicht aussprechen, als wäre seine Zeit dafür zu kostbar. „Ich brauche ein Baby, aber nicht für Werbung, sondern für ein Wochenende.“

„Wollen Sie am Wochenende eine Werbekampagne starten?“, fragte Alison.

Er zögerte kurz, ehe er antwortete: „Nicht direkt.“

„Mr Templeton.“ Ihre Geduld ging allmählich zu Ende. „Das ist hier eine Modelagentur, keine Verleihfirma.“

„Nun, man könnte durchaus sagen, dass das Baby eine Rolle spielen soll.“

Das kam ihr merkwürdig vor. „Sie haben bereits gesagt, dass es sich nicht um Werbung handelt. Was für eine Rolle meinen Sie denn?“

Zum ersten Mal wirkte er unsicher. „Das ist … eine Privatangelegenheit.“

Der Mann mochte teuer gekleidet sein und selbstsicher auftreten, aber er musste verrückt sein. Eine Privatangelegenheit? Auf keinen Fall wollte Alison ihm eines ihrer Models überlassen.

Schwester Joan betrachtete den Mann missbilligend, und Dee wirkte zerknirscht, weil sie Mr Templeton nicht zurückgehalten hatte.

Ross Templeton merkte, dass er ohne genauere Erklärung nicht vorankam, und räusperte sich. „Also, ich brauche ein Baby, um es als mein Kind auszugeben.“

Verdammt, ich hätte einfach in einem Einkaufszentrum einer Frau ein Bündel Banknoten in die Hand drücken und ihr Kind mieten sollen, dachte Ross verärgert. Aber nein, er hatte geglaubt, über eine Agentur wäre es leichter. Er schätzte schriftliche Verträge. Und er war eigens nach Dallas gefahren, weil er im Haus seines Vaters diese Agentur in den Gelben Seiten gefunden hatte.

Jetzt starrten ihn diese Leute an, als wäre er ein Schwerverbrecher. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, mit Nonnen verhandeln zu müssen. Allerdings war es logisch. Die Agentur hieß Little Angels – Kleine Engel.

Die eine Nonne war eine kleine, ältere Frau mit grauem Haar unter dem kurzen weißen Schleier. Die andere Nonne, die Chefin … Also, eine solche Nonne hatte er noch nie getroffen. Sie sah umwerfend aus. Das schulterlange braune Haar war so dunkel, dass es fast schon schwarz schimmerte. Zudem hatte sie eine zarte Haut, ein schönes Gesicht und große braune Augen.

Während sie ihn entsetzt anstarrte, dachte er, wie schade es doch war, dass eine so tolle Frau Nonne geworden war.

Sicher, ihm konnte das gleichgültig sein. Er brauchte nur ein Kind.

Es war ihm unangenehm zu gestehen, warum er ein Baby mieten musste. Die Verachtung der Nonnen konnte ihn jedoch nicht härter treffen als die Enttäuschung in den Augen seines Vaters.

Sein Dad lag auf der Intensivstation, als er seinen baldigen Tod ankündigte. „Ich bedaure nur, dass ich kein Enkelkind mehr sehen kann, Ross“, sagte Henry. „Ich dachte immer, du hättest dich ausgetobt und würdest endlich zur Ruhe kommen.“

„Ich bin zur Ruhe gekommen, Dad“, erwiderte Ross. „Ich arbeite.“

„Du widmest dich aber nicht der wichtigsten Arbeit überhaupt“, tadelte sein Vater. „Der Familie. Keine andere Aufgabe ist so schwierig und gleichzeitig so lohnend.“

Eine Familie! Ross hatte mit Cara eine gründen wollen. Eine tolle Mutter wäre diese Frau geworden, die ihre Karriere an die erste Stelle setzte! Wahrscheinlich wäre er allerdings auch kein besonders guter Vater gewesen. Die Idee mit dem gemieteten Kind war vermutlich die allerbeste. Im Gegensatz zu anderen Männern sehnte er sich nicht nach Häuslichkeit. Ehe und Kinder waren in seinen Augen eine Falle.

Es war nicht sonderlich fein, ein falsches Enkelkind vorzuzeigen, doch Ross hatte sich stets bemüht, ein guter Sohn zu sein. Er wollte nicht, dass sein Vater von ihm enttäuscht war, wenn er starb.

„Damit ich das richtig verstehe“, sagte die jüngere Nonne. „Sie wollen ein Baby mieten und als Ihren Sohn ausgehen?“

„Oder als meine Tochter“, stellte fest klar. „Ich bin nicht wählerisch.“

„Offenbar nicht“, bemerkte die Frau, mit der er im Vorzimmer Krach bekommen hatte. Wieso hatte eigentlich eine Mitarbeiterin einer religiösen Organisation zehn Ohrringe und eine gepiercte Augenbraue? Vermutlich war das ein sehr liberaler Orden.

Die jüngere Nonne betrachtete ihn misstrauisch. „Ich frage nur ungern, Mr Templeton, aber warum wollen Sie das machen?“

Normalerweise hätte Ross gewusst, wie er mit dieser Frau umgehen musste. Sie war hübsch, und anfangs hatte sie ihn sogar interessiert betrachtet. Er hätte mit ihr flirten können, bis sie seine Wünsche erfüllte. So machte er das, seit er den Unterschied zwischen kleinen Jungs und kleinen Mädchen kannte.

Aber mit einer Nonne flirten? Das kam wohl nicht infrage, auch wenn die Schwesterntracht ihre gute Figur stark betonte. Die schwarzen Pumps lenkten die Blicke auf die schönen Beine. Darüber hinaus bedeckte sie nicht den Kopf, sondern ließ das herrliche Haar offen fallen. Er hatte auch noch nie eine Nonne mit Make-up gesehen.

Ross beschloss, auf Gefühl zu setzen. Immerhin war sie eine Frau, und die meisten Frauen reagierten gefühlsbetont. Das war ihre Schwäche.

„Ich mache das für meinen Vater“, erklärte er. „Er hatte einen Herzinfarkt und wird wahrscheinlich nicht mehr lange leben. Er ist schon sehr alt, und ich liebe ihn, aber leider habe ich ihn in einer Hinsicht enttäuscht. Er würde wesentlich friedlicher sterben, hätte er ein Enkelkind.“

Es dauerte eine ganze Weile, ehe die jüngere Nonne Worte fand. „Etwas so Verrücktes habe ich noch nie gehört.“

Mit Gefühl erreichte er also nichts. „Dann werden Sie mir nicht helfen?“

Sie stützte die Hände in die Hüften. „Nein! Und ich würde am liebsten die Polizei rufen.“

„Die Polizei?“

„Die Moralpolizei, wenn es das gäbe“, erklärte sie empört. „Sie sollten sich schämen, Ihren Vater dermaßen zu betrügen!“

Sie sah vielleicht nicht wie eine Nonne aus, aber sie sprach ganz sicher wie eine.

Die Reaktion der beiden anderen Frauen machte ihm wieder Mut. Die ältere Nonne wischte sich mit einem blütenweißen Taschentuch über die Augen, und die Empfangsdame himmelte ihn an, als wäre er ein Filmstar.

„Ich bin bereit, viel zu zahlen“, sagte er.

„Das glaube ich gern“, entgegnete die dunkelhaarige Nonne verächtlich. „Ein Mann, der seinen Vater dermaßen belügen will, glaubt auch, dass er so einfach in einer Agentur ein Kind mieten kann.“

„Ich zahle sehr viel“, betonte er.

„Das interessiert mich nicht“, wehrte sie ab. „Ihr Plan ist abscheulich.“

„Wie Sie meinen“, erwiderte er. „Bestimmt finde ich jemanden, der gern zwanzigtausend Dollar verdient.“

Tiefe Stille senkte sich über das Büro. Als Ross sich umdrehen und hinausgehen wollte, packte ihn die ältere Nonne am Arm.

„Zwanzigtausend Dollar?“, fragte die zierliche Frau.

Er nickte.

„Mr Templeton“, erklärte sie daraufhin, „Sie haben ein Baby.“

Ross lächelte.

Erst jetzt entdeckte er ein weiteres Augenpaar. So blaue Augen hatte er noch nie gesehen. Die Nonnen hatten ihn dermaßen abgelenkt, dass ihm das Baby im Kinderwagen nicht aufgefallen war. Zu den blauen Augen gehörten ein süßes Gesichtchen mit zarter Haut, Pausbacken und flaumig weiches braunes Haar. Sogar der Schmollmund wirkte süß. Es war das niedlichste Kind, das Ross jemals gesehen hatte. Im letzten Moment unterdrückte er sanft gurgelnde Laute, die er ganz automatisch ausstoßen wollte.

„Ist das Ihr Kind?“, fragte er zweifelnd die Nonne.

„Dieses Mädchen ist ein Findelkind aus dem Kloster St. Felicity’s“, erklärte die jüngere Nonne.

Gut, dachte Ross. Keine Eltern, mit denen er sich herumschlagen musste.

„Wir freuen uns, wenn Sie die Kleine nehmen“, versicherte die ältere Nonne mit einem strahlenden Lächeln.

„Schwester Joan!“, rief die Jüngere entgeistert. „Wie können Sie nur? Wir kennen diesen Mann doch gar nicht.“

„Nein“, bestätigte Ross, „aber Sie haben vielleicht schon einmal in einem Templeton Inn gewohnt.“

„Sie sind der Templeton?“, fragte die Empfangsdame mit den vielen Ringen beeindruckt.

Ross fand sie immer sympathischer. „Ich bin sein Sohn.“

„Kein Wunder, dass Sie so einfach zwanzigtausend Dollar zum Fenster hinauswerfen können, nur um ein Baby zu mieten.“

„Wir vermieten keine Babys!“, rief die junge Nonne.

„Warum nicht?“

„Was Sie planen …“

Er wollte schon sagen, dass es einen Sterbenden glücklich machte, doch die ältere Nonne kam ihm zuvor.

„Er will nur seinem Vater am Lebensende etwas Glück bescheren“, meinte Schwester Joan. „Das können Sie nicht schlecht finden, Alison. Das würde nicht einmal die Mutter Oberin … vor allem nicht, wenn ich ihr das von den zwanzigtausend Dollar erzähle.“

„Was er vorhat, ist scheußlich!“, rief diese Schwester Alison trotzdem. „Es ist eine Lüge!“

Schwester Joan überlegte und schüttelte dann den Kopf. „Nur eine kleine Notlüge.“

Während die Nonnen noch über Moral diskutierten, holte Ross das Scheckbuch hervor. Alle drei Frauen blickten bei dem laut ratschenden Geräusch, das beim Herausreißen des Schecks entstand, zu ihm.

„Ich wusste nicht, auf wen ich ihn ausstellen soll“, sagte er zu Schwester Joan und reichte ihr den Scheck.

„Zehntausend Dollar“, flüsterte sie ehrfürchtig.

„Der Rest folgt, wenn das Kind seine Aufgabe erfüllt hat.“

„Jetzt warten Sie doch!“, rief Schwester Alison.

Allmählich ärgerte ihn diese Frau. „Was ist nun wieder los?“

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und wandte sich an Schwester Joan. „Das können Sie nicht machen.“

„Ach, ich glaube schon“, erwiderte die Nonne. „Wie ich bereits sagte, würde das auch Schwester Catherine bestimmt verstehen.“

Schwester Alison verdrehte die Augen, als Ross sich mit dem Baby anzufreunden versuchte.

„Hallo, Kleine.“ Er blickte zu Schwester Joan. „Wie heißt sie?“

„Felicity.“

„Ein reizender Name für ein so goldiges Zuckerstück.“

„Zuckerstück?“, rief Schwester Alison ungläubig und warf ihm einen Blick zu, als würde sie ihren Ohren nicht trauen.

Besorgt zog Ross sich daraufhin zurück und betrachtete das kleine Mädchen genauer. Aber nein, es wirkte niedlich und absolut gesund. „Ich erwarte Felicity heute Abend um Punkt halb sieben in meinem Hotel. Wir haben einen weiten Weg vor uns.“

„Wohin denn?“, fragte Schwester Joan.

„Auf die Ranch meines Vaters in West Texas. Mit dem Flugzeug ist es allerdings nur eine Stunde. Das Baby kann doch fliegen, oder?“

„Ja, natürlich, aber …“

Er hatte schon mit einem Haken gerechnet.

Die arme Frau sah ihn beschwörend an. „Ich kann nicht zulassen, dass Sie Felicity so einfach mitnehmen. Jemand muss sie begleiten und sich um sie kümmern.“

Dummerweise hatte er daran noch gar nicht gedacht, aber sie hatte natürlich recht. „Ich könnte jemanden engagieren, der sie begleitet. Eine Frau.“

Schwester Joan geriet allmählich in Panik. „Ich möchte sie nicht gern einer Fremden überlassen.“

„Also, ich brauche ohnedies eine Frau“, erklärte Ross. „Mein Vater wird sich schließlich fragen, wie dieses Baby zustande gekommen ist.“

„Das kann ich mir vorstellen“, bemerkte Schwester Alison.

Ross störte sich nicht an ihrem Spott. „Ich brauche eine Frau, die als ihre Mutter auftritt.“

„Schwester Joan, könnten Sie nicht das Baby begleiten?“, fragte die Empfangsdame.

Alle wandten sich erwartungsvoll an Schwester Joan, doch ein Blick auf die zierliche kleine Frau in der Nonnentracht zeigte, dass sie kaum die Rolle einer ledigen Mutter übernehmen konnte.

„Damit wäre Schwester Catherine sicher nicht einverstanden“, wehrte die Nonne entsetzt ab.

„Dann muss ich eine andere suchen“, entschied Ross.

„Dafür müssen Sie sich an eine Modelagentur für Erwachsene wenden und dort jemanden bestechen“, bemerkte Schwester Alison. „Hier sind die Klientinnen eindeutig zu jung.“

„Ich übergebe dieses Kind keiner Fremden“, erklärte Schwester Joan entschieden. „Es muss eine Frau sein, die ich kenne und der ich vertraue.“

„Aber wer?“, fragte die Empfangsdame.

Ross betrachtete sie genauer. Abgesehen von dem Problem mit den Ohrringen war sie Anfang Zwanzig und hübsch, auch wenn sie wie so viele junge Frauen in der heutigen Zeit halb verhungert aussah.

„Dee wäre perfekt!“, rief Schwester Joan.

Ross nickte. „Ich bin einverstanden.“

„Aber ich … das kann ich nicht“, wandte die Empfangsdame ein. „Ich meine, es ist ausgeschlossen. Morgen heiratet meine Schwester, und ich bin die Ehrenjungfer.“

Ross unterdrückte einen Seufzer. Es lief absolut nicht wie gewünscht. Er wandte sich an Schwester Alison. Nein, die bloß nicht!

Wegen der Krankheit seines Vaters hatten seine Nerven bereits gelitten. Eine pingelige, gegen ihn eingestellte Nonne hätte alles noch schlimmer gemacht. Dazu kam, dass sie das Gesicht eines Engels und den Körper eines Fernsehstars hatte. Darüber hinaus besaß sie tolle Beine und genau die richtigen Kurven, die ein Mann sich wünschte. Dabei war sie gar nicht sein Typ. Normalerweise mochte er sportliche Blondinen, aber für eine Brünette …

Sie riss die Augen weit auf, und ihm wurde bewusst, dass er sie wie ein Jugendlicher mit zu vielen Hormonen angestarrt hatte. Eine Nonne! Lieber Himmel!

Nein, Schwester Alison konnte er auf keinen Fall mitnehmen, aber was blieb ihm anderes übrig? Von Babys verstand er nichts. Und vielleicht war es gar nicht schlecht, dass sie Nonne war. Dann kam er wenigstens nicht in Versuchung. Im Moment konnte er keine Probleme mit Frauen brauchen. Jetzt zählte nur sein Vater.

Die Empfangsdame wandte sich an die Leiterin der Agentur. „Ich habe die Lösung! Könnten Sie das nicht machen?“

Schwester Alison wehrte entsetzt ab. „Auf keinen Fall!“

Ross suchte Hilfe bei Schwester Joan. „Wäre Schwester Catherine denn dagegen, dass sie mich begleitet?“

Drei Augenpaare warfen ihm verwirrte Blicke zu.

Schwester Joan fing sich rasch. „Nein, nein! Schwester Catherine hat erst heute Morgen zu mir gesagt, dass Alison das Kloster verlassen sollte.“

„Sehr gut“, entschied er. Schwester Alison schüttelte zwar noch immer den Kopf, aber für zwanzigtausend Dollar würde die Mutter Oberin sie schon zur Ordnung rufen. „Warten Sie heute Abend um halb sieben in der Halle des Melrose auf mich.“

Die Mutter seines unehelichen Kindes durfte allerdings nicht wie eine Nonne aussehen, obwohl sie ihn sogar in ihrer Tracht reizte.

Ross zuckte zusammen. Sie reizte ihn? Eine Nonne? Offenbar hatten seine Nerven unter der Krankheit seines Vaters stärker gelitten, als er dachte.

Er wandte sich noch einmal an Schwester Alison und versuchte, nicht auf ihren aufreizenden Mund zu blicken. „Packen Sie für die Reise normale Kleidung ein“, verlangte er. „Und denken Sie daran, dass Sie eine ganz normale Frau darstellen sollen.“

„Du lieber Himmel, arbeitet der Mann schnell!“, stellte Schwester Joan fasziniert fest, während Dee Mr Templeton hinausbegleitete.

„Pure Arroganz“, erwiderte Alison geringschätzig. „Für ihn ist alles selbstverständlich.“

„Sollten Sie nicht heimfahren und packen?“, fragte die Nonne.

„Wofür packen?“

„Na, für Ihre Reise.“

Alison zuckte die Schultern. „Ich habe nicht zugestimmt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich sogar laut und deutlich abgelehnt.“

„Sie müssen es machen!“, rief Schwester Joan entsetzt. „Der arme Mann rechnet mit Ihnen. Sein lieber Vater …“

„Der Mann ist reicher als Rockefeller“, wehrte Alison kühl ab. „Und sein Vater sollte nun wirklich nicht belogen werden.“

„Aber die zwanzigtausend Dollar!“

Alison wappnete sich dagegen, dass die Nonne ihr wieder ein schlechtes Gewissen eingeben wollte. „Warum begleiten Sie ihn nicht, Schwester Joan?“

„Er wollte mich nicht.“

„Sie könnten sich etwas anderes anziehen. Immerhin hat der Mann angenommen, ich wäre eine Nonne – und Sie haben ihn in dem Glauben gelassen. Wenn Sie sich umziehen, könnten wir Sie als normale Frau ausgeben, wie Mr Templeton sich ausgedrückt hat.“

„Sie wissen, dass das nicht klappt“, behauptete Schwester Joan.

Alison gab nicht nach. „Ich mache es jedenfalls nicht.“

Schwester Joan hob flehend die Hände. „Schwester Catherine wird sicher sehr dankbar sein, wenn Sie hört, was Sie für uns tun. Wer weiß, vielleicht wird sie die neue Tagesstätte sogar Alison-Bennett-Tagesstätte nennen.“

Alison holte tief Atem. Schwester Joan war noch hartnäckiger, als sie gefürchtet hatte. „Ich kann das nicht.“

Die zierliche Nonne schaffte es, gleichzeitig verzweifelt und vorwurfsvoll dreinzusehen. „Ich verstehe. Sie wissen natürlich, dass ohne Mr Templetons Geld dieses Gebäude wahrscheinlich nie gebaut werden kann.“

Das traf schmerzhaft. „Er kann sich eine andere suchen.“

„Oh ja“, bestätigte Schwester Joan. „Er kann sich auch ein anderes Baby suchen. Wir werden gar kein Geld bekommen.“

„Schwester Joan, bitte!“

„Es ist schon gut, Alison.“ Schwester Joan winkte ab, hakte jedoch gnadenlos nach. „Wahrscheinlich hätte ich Sie jetzt das letzte Mal wegen Felicity bemühen müssen. Und ich müsste auch nicht mehr versuchen, Geld aufzutreiben.“

„Hören Sie auf!“

Die Schwester dachte gar nicht daran. „Aber Sie werden mich wahrscheinlich ohnedies nicht mehr wiedersehen. Wenn der Mutter Oberin zu Ohren kommt, dass ich zwanzigtausend Dollar praktisch schon in Händen hielt und das Geld wieder verloren habe …“ Bedauernd betrachtete sie den Scheck und tat, als wollte sie ihn zerreißen.

Alison griff nach der Handtasche. „Also schön“, lenkte sie ein, weil sie das schlechte Gewissen nicht mehr ertrug. Unglaublich, was sie alles für dieses Kloster tat!

Schwester Joan lächelte triumphierend. „Es ist schließlich für eine gute Sache.“

„Ich hatte am Wochenende schon etwas vor!“

Das beeindruckte Schwester Joan nicht. Nachdem sie ihren Willen durchgesetzt hatte, wirkte sie unbekümmert wie ein kleines Kätzchen. „Was könnten Sie schon vorhaben, das wichtiger als zwanzigtausend Dollar ist?“

„Erstens wollte ich mich ausruhen“, entgegnete Alison heftig. „Nach einer Woche im Kloster St. Felicity’s brauche ich Erholung von der Erholung.“

„Dann kommt das doch wie gerufen“, behauptete Schwester Joan lachend. „Sie werden ein schönes, erholsames Wochenende mit Mr Templeton verbringen.“

Alison stöhnte. „Mit diesem aufgeblasenen Kerl? Er ist arrogant wie alle steinreichen Männer. Er ist exakt wie Wes, und Sie wissen genau, dass ich diesen Typ unbedingt vergessen möchte.“

Sie verschwieg, dass sie Ross Templeton noch attraktiver als Wes fand. Vor einem Jahr hatte sie reichen und gut aussehenden Männern abgeschworen. Leider hatte sie vergessen, ihre Hormone über diese Entscheidung zu unterrichten.

Seufzend griff sie nach ihren Sachen. Einen Vorteil hatte das Ganze. Nach diesem Wochenende verfügte sie über einen ausreichenden Vorrat an guten Taten.

Sie hängte die Tasche über die Schulter und ging an Schwester Joan vorbei zur Tür. „Bringen Sie das Baby später zu mir“, bat sie, um die Verantwortung für das Kind so weit wie möglich hinauszuschieben.

Das Wochenende mit der kleinen Felicity konnte die reinste Qual werden. Ihre mitgenommene Garderobe war der Beweis dafür. Aus Erfahrung wusste Alison, dass dieses Würmchen bei Proben großartig war, jedoch unglaublich unleidlich wurde, wenn die eigentliche Vorstellung begann.

Ein letzter Gedanke ließ sie endlich lächeln. Ross Templeton ahnte noch nicht, welchen Ärger er sich für seine zwanzigtausend Dollar eingehandelt hatte.

2. KAPITEL

Was packt eine Frau ein, die so tut, als wäre sie eine Nonne, die so tut, als wäre sie eine ledige Mutter?

Als Alison dieses Problem endlich gelöst und so ganz nebenbei von Ross Templeton geträumt hatte, klingelte es an der Tür.

Schwester Joan mit Felicity im Kinderwagen stand vor Alison und betrachtete sie missbilligend. „Noch im Bademantel? Bin ich zu früh dran?“

„Nein, nein“, wehrte Alison verlegen ab. „Ich bin fast fertig.“

Schwester Joan kam herein. „Dann nehme ich mir eine Tasse Kaffee oder vielleicht eine Cola. Haben Sie Cola im Kühlschrank?“

Alison nickte und folgte der Nonne, die instinktiv den Weg zur Küche fand.

„Vergessen Sie Felicity nicht!“, rief die Schwester.

Alison drehte sich zu der Kleinen um, die noch im Kinderwagen saß und sich sichtlich nicht darüber freute, nicht beachtet zu werden. Alison fürchtete schon, ihr gemeinsames Wochenende könnte schlecht beginnen, und wartete auf empörtes Geschrei. Alles blieb jedoch friedlich.

Alison blickte von Felicity zur Küche, in der sie Schwester Joan rumoren hörte. „Ich weiß nicht, welcher von euch beiden ich mehr Misstrauen sollte“, murmelte sie.

Felicity gurgelte.

„Was haben Sie gesagt, meine Liebe?“, rief Schwester Joan.

Alison schob den Kinderwagen in die Küche. „Ich habe Felicity erklärt, dass ich mich rasch anziehen sollte.“

„Ja, beeilen Sie sich.“ Die Laufschuhe quietschten auf dem Küchenboden, während Schwester Joan den Inhalt der Küchenschränke inspizierte. „Ich komme gut mit ihr zurecht. Ach, Schokoknusperflocken!“ Sie klatschte begeistert in die Hände. „So etwas bekommen wir im Kloster nie, aber das wissen Sie vermutlich.“

Alison musste nicht extra an den klumpigen Haferbrei erinnert werden, den sie an fünf Morgen hinuntergewürgt hatte.

„Bedienen Sie sich“, bot sie überflüssigerweise an. Schwester Joan hatte bereits Schalen und Löffel gefunden. Barfuß verschwand Alison im Schlafzimmer und zog sich rasch an.

Kurz darauf erschien Schwester Joan in der offenen Tür und starrte sie so entsetzt an, dass Alison schon fürchtete, sie könnte die Schale mit den Flocken fallen lassen. „Sie wollen doch nicht so gehen!“

Alison betrachtete Kostüm, Strumpfhose und Pumps in gedeckten Farben. „Das ziehe ich immer an.“

„Genau das ist ja Ihr Fehler.“ Schwester Joan stürzte sich auf die Kleidertasche, öffnete den Reißverschluss und betrachtete die anderen Kostüme, die Alison eingepackt hatte. „Grundgütiger Himmel, nicht noch mehr von der Sorte! Schlafen Sie vielleicht auch in diesem Aufzug?“

„Wenn Sie genauer hinsehen, wird Ihnen ein Nachthemd auffallen.“

Prompt zerrte die Schwester das hochgeschlossene baumwollene Kleidungsstück aus der Tasche. „Das soll ein Nachthemd sein?“, rief sie abfällig.

„Falls Sie es schon vergessen haben – ich stelle eine Nonne dar.“

Die Schwester hielt das Ding auf Armeslänge von sich. „Solche Abscheulichkeiten sind schuld daran, wenn wir Nonnen in Verruf geraten.“

Das steife Nachthemd wirkte starr wie eine Ritterrüstung. Verlegen nahm Alison es der Schwester weg. „Ich habe es gekauft und eingepackt, weil es bequem ist.“

Bevor sie ihre Wahl ausführlicher verteidigen konnte, stürzte Schwester Joan sich schon auf die Kommode, wühlte in den Schubladen herum und warf alle möglichen Dinge auf das Bett. Jeans, T-Shirts und Seidendessous flogen durch die Luft und hüllten die Nonne wie eine Wolke ein.

„Sie werden mir noch dafür danken!“, rief Schwester Joan und störte sich nicht an Alisons Protest. Das ordentlich aufgeräumte Schlafzimmer sah plötzlich aus, als hätte ein Wirbelwind hindurchgefegt. Nur die wenigsten Sachen landeten auf dem Bett. Kleidungsstücke hingen auf Lampen und lagen auf Stühlen und Fußboden herum. Schwester Joan hob einige Sachen wieder auf und leerte die Reisetasche aus.

„Bitte!“, flehte Alison. „Ich habe sehr sorgfältig gepackt.“

„Ha!“

„Warten Sie!“ Alison zog verlegen ein seidiges rotes Shirty wieder aus der Tasche. Bisher hatte sie noch nie den Mut gefunden, es anzuziehen. „Das passt nun wirklich nicht, und ich werde es auch nicht brauchen und …“

„Haben Sie Felicity schon wieder vergessen?“, fiel Schwester Joan ihr ins Wort.

„Felicity?“, fragte Alison verwirrt.

„Sie haben die Kleine in der Küche abgestellt, meine Liebe“, hielt die Nonne ihr vor. „Sie sollten sie aber nicht so lange allein lassen. Und beeilen Sie sich, damit Sie pünktlich bei Mr Templeton sind!“, rief sie, während Alison schon hinauslief. „Er legt großen Wert auf Pünktlichkeit. Der arme Mann hat es ja so eilig, zu seinem lieben Vater zurückzukehren!“

Felicity strampelte ungeduldig im Kinderwagen, als Alison in die Küche stürmte.

„Ach, was für eine Unordnung!“, rief Schwester Joan im Schlafzimmer. „Sie müssen unbedingt aufräumen, bevor Sie das Haus verlassen!“

Alison wollte sie darauf aufmerksam machen, wer diese Unordnung verursacht hatte, als aus dem Kinderwagen ein schriller Schrei gellte. Alison blickte betroffen auf Felicity hinunter, deren Gesicht rot wie ein Stoppschild angelaufen war. Sofort bückte sie sich und wollte die Kleine aus dem Wagen heben. Felicity verkrampfte sich jedoch und fuchtelte wütend mit den Ärmchen durch die Luft.

„Was ist los, Baby?“, fragte Alison beruhigend, musste sich jedoch ziemlich anstrengen, um das Geschrei zu übertönen.

„Ach, du liebe Güte!“ Schwester Joan erschien in der Küchentür.

„Was ist?“, fragte Alison alarmiert.

„Ach, sicher nichts“, beteuerte die Nonne hastig.

„Was ist los?“, drängte Alison.

„Nun ja …“ Schwester Joan seufzte. „Als Felicity das letzte Mal so dreingesehen hat, dauerte es drei Tage, bis sie sich wieder beruhigte.“

Ross sah ungeduldig auf die Uhr. Wo blieb die Nonne mit dem Baby? Schwester Alison hatte eigentlich einen zuverlässigen Eindruck gemacht.

In diesem Moment hörte er die schrillen Schreie eines Babys. Schwester Alison kam auf ihn zu, die im Gesicht rot angelaufene Felicity in den Armen. Ein Träger schleppte einen kleinen Koffer, eine Kleidertasche, einen Kindersitz und eine riesige rosa Schultertasche für Kinderartikel.

Die Nonne trug ein dunkelblaues Geschäftskostüm und Pumps in der gleichen Farbe. Wahrscheinlich musste er noch viel über moderne Orden lernen. Er selbst hatte sich schon für das Wochenende umgezogen – Jeans, Stiefel und ein langärmeliges Polohemd.

Er sah ihr in die Augen und erkannte im selben Moment seinen Fehler, als er sich zu ihr hingezogen fühlte. Bloß nicht! Er musste sich in den Griff kriegen. Das war am leichtesten, wenn er sich auf seinen Plan und somit auf das Baby konzentrierte. Er betrachtete das verkniffene, rot angelaufene Gesicht, das von einer weichen Decke mit lila Häschen umgeben war. Das sollte das entzückende kleine Mädchen sein, das er am Nachmittag entdeckt hatte?

„Was haben Sie mit ihr gemacht?“

„Ich habe gar nichts gemacht“, wehrte die Nonne gereizt ab. „Sie haben sich dieses Baby für Ihren Betrug aufschwatzen lassen.“

Er hätte wissen müssen, dass sie einander sofort an die Kehle gehen würden, sobald sie zusammentrafen. „Wir haben eine lange Reise vor uns, Schwester, und es wäre hilfreich, wenn Sie sich nicht in meine Angelegenheiten einmischen. Noch vor wenigen Stunden war dieses Mädchen ganz zauberhaft. Was ist mit ihr los?“

„Sie weint“, entgegnete Alison gepresst.

„Das sehe ich. Haben Sie versucht, den Grund festzustellen?“

„Ich habe sie gefragt, aber sie wollte mir einfach nicht antworten.“

Eine sagenhaft aussehende Nonne mit frechem Mundwerk. Na, großartig. Das Wochenende begann vielversprechend.

„Haben Sie die Windel gewechselt? Manchmal …“

„Ja, habe ich.“ Alison legte sich das Baby an die andere Schulter und tätschelte sanft den Rücken. „Allmählich glaube ich, dass es für so viele Tränen nur eine einzige Erklärung gibt.“

„Und die wäre?“

„Dieses Baby ist äußerst schlecht gelaunt.“

„Das ist unmöglich“, behauptete er ungeduldig. „So ein kleines Ding? Ich dachte … ich meine, Babys haben nicht …“

„Ja, Dr. Spock?“, fragte sie, als er nicht weiter wusste.

„Ach, verdammt“, murmelte er. „Geben Sie schon her!“ Er nahm das Baby und sagte unsicher: „Hallo, kleines Mädchen!“

Felicity schnappte nach Luft, betrachtete das neue Gesicht und hörte endlich zu weinen auf.

„Sehen Sie?“, fragte Ross. „Man muss nur ein wenig mit ihr reden.“

„Ist das so?“ Schwester Alison verschränkte die Arme.

„Na, sicher.“ Sein Selbstvertrauen wuchs, als das ursprünglich rote Gesicht rosig wurde. Er schaukelte sanft das Kind. „Die kleine Felicity braucht nur etwas Zuwendung.“

Felicity stieß auf und öffnete den Mund, und ein Schrei quoll wie Lava daraus hervor. Ihr rotes Gesicht erinnerte ihn ebenfalls an Lava.

Schwester Alison betrachtete Ross nachsichtig. „Wie war das mit etwas Zuwendung?“

„Würden Sie sie bitte wieder nehmen?“, sagte er und hielt ihr die Kleine hin.

Doch Alison lächelte nur kühl und schüttelte den Kopf. „Ach, Sie machen das mindestens so gut wie ich. Und da Sie dermaßen darauf versessen sind, Daddy zu spielen, ist das eine gute Übung für Sie.“

Verlegen sah er sich um. Alle in der normalerweise sehr stillen Hotelhalle starrten zu ihnen herüber. „Kommen Sie“, drängte er, drückte das Baby mit einer Hand an sich und griff mit der anderen nach der Aktentasche. „Mein Wagen steht draußen“, sagte er zu dem Gepäckträger, ging los und blieb so plötzlich stehen, dass seine beiden Begleiter beinahe gegen ihn geprallt wären. „Ich habe hier eine Liste“, erklärte er und fasste in die Brusttasche, „was wir vorher besorgen müssen, damit wir unterwegs nicht anhalten …“

Schwester Alison winkte ab. „Lassen Sie die Liste stecken, Mr Templeton. Sie ist gut für Geschäftsleute, die in Hotels absteigen. Aber eines habe ich bei der Arbeit mit Kindern gelernt. Man muss immer unterwegs anhalten.“

Zögernd ging er weiter, Schwester Alison und der Träger folgten ihm, und Felicity brüllte wie am Spieß.

Die Nonne blieb neben dem dunkelgrünen Jaguar stehen, den ein Angestellter vorgefahren hatte. „Hübscher Schlitten.“

„Es ist nur ein Mietwagen“, erklärte Ross, nahm von dem Angestellten die Schlüssel entgegen und suchte unbeholfen in der Tasche nach einem Trinkgeld.

„Offenbar nicht von der Firma Rent-a-Wrack.“

Vermutlich sollte das eine bissige Bemerkung über seinen Lebensstil sein. „Ich werde mich nicht für meine Schwäche für schnelle Wagen entschuldigen.“

Sie lächelte ihn über den blank polierten Sportwagen hinweg an, und obwohl er sich über sie und das Baby und überhaupt alles ärgerte, fand er sie schön und gar nicht nonnenhaft.

„Sollten Sie als Familienvater nicht kürzertreten?“

Er erwiderte das Lächeln. „Falls ich mich zum Kürzertreten entschließe, werde ich es mit Stil machen.“

Zu seiner Erleichterung beugte Schwester Alison sich vom Beifahrersitz aus nach hinten und half ihm, den Kindersitz zu befestigen und Felicity anzuschnallen. Erschöpft sank er endlich in seinen Sitz. Felicity weinte noch immer, und sein Kopf brummte allmählich von dem ständigen Lärm.

„Wahrscheinlich wäre es von ihr zu viel verlangt, eine angenehme Mitreisende zu sein.“

Schwester Alison nickte. „Viel zu viel.“

Felicity brüllte zur Bestätigung erneut los.

Im Wagen nervte das Geschrei noch mehr. Ross holte tief Atem. Schwester Alison seufzte.

„Ich wollte Sie warnen“, behauptete sie, beugte sich nach hinten und bot der Kleinen einen Schnuller an. Wie Ross schon vermutet hatte, nahm sie ihn nicht.

„Ich erinnere mich nur, dass Sie meinen Plan unanständig fanden.“ Er startete den Motor, und Felicity brüllte bei dem neuen Geräusch wie am Spieß. „Von einem drohenden Schaden für meine Ohren oder meine Nerven haben Sie nichts gesagt.“

„Hätten Sie mir Zeit zu einer Erklärung gegeben, hätte ich Sie auf den Haken bei der Geschichte aufmerksam gemacht. Sie wollten aber nicht auf mich hören. Übrigens wäre es nicht schlecht, wenn wir uns daran gewöhnen, uns gegenseitig wie ein Liebespaar anzusprechen. Ich soll immerhin die Mutter dieses kleinen Engels darstellen.“

„Also gut, Alison.“ Es kam ihm geradezu wie Blasphemie vor, vertraulich mit ihr umzugehen. „Dann solltest du mich ab sofort Ross nennen.“

„Einverstanden.“ Sie zuckte die Schultern. „Auf jeden Fall streiten wir sehr glaubwürdig.“

„Das stimmt“, bestätigte er. „Wir hören uns mehr wie ein altes Ehepaar und nicht wie Verliebte an.“

„Waffenstillstand“, schlug sie lächelnd vor.

Er betrachtete ihren roten Mund so lange, dass er den Jaguar beinahe in den Straßengraben gesteuert hätte.

Völlig verwirrt nahm er die Auffahrt zum Freeway. Vielleicht schlief Felicity ein, wenn der Wagen gleichmäßiger fuhr. Als er in den fünften Gang schaltete, streifte er Alisons Schenkel. Sie zuckten beide heftig zusammen, und Alison bekam rote Flecken auf den Wangen.

Großartig! Er hätte gern geglaubt, dass sie nur wegen des weinenden Babys nervös waren. Die Gefühle, die tief in ihm einsetzten, zerstörten jedoch diese Hoffnung. Alison, die Nonne, war einfach erregend.

Ross hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet. Seit Cara hatte er sich nicht mehr regelmäßig mit Frauen getroffen. Vielleicht war das ein Fehler gewesen. Wenn ein Mann schon anfing, nach Nonnen zu lechzen, war es höchste Zeit, dass er sich aus der Isolation löste.

„Wohin fährst du?“

Er wandte sich an Alison, die sich verkrampft an den Armstützen festhielt. „Wie bitte?“

„Das ist nicht die Straße zum Flughafen.“

„Das weiß ich.“

„Wohin fahren wir dann?“, fragte sie.

„Nach West Texas.“

Sie sah ihn äußerst missbilligend an. „Wir fahren zur Ranch deines Vaters?“

„Richtig.“

„Du hast gesagt, wir würden fliegen!“

„Der Jet hat ein Problem mit dem Triebwerk. Darum habe ich meinen Plan geändert. Hat Schwester Joan dir nichts gesagt?“

„Nein.“ Sie blickte aus dem Fenster und fügte leise hinzu: „Natürlich nicht.“

„Ich habe dich heute Nachmittag nicht in deinem Büro erreicht. Darum habe ich in St. Felicity’s angerufen und sie über die Änderung informiert.“

„Das ist Schwester Joan!“, meinte sie kopfschüttelnd. „Warum fliegen wir nicht mit einer Linienmaschine? Damit würden wir doch Zeit sparen.“

„Nein. Die Ranch ist sehr abgelegen, und es gibt nur selten Flüge zum nächsten kleinen Flugplatz – bei Schlechtwetter gar keine.“

Alison warf einen Blick zu den dunklen Wolken. „Aber das ergibt doch keinen Sinn. Mit dem Auto …“

„Sind wir schneller“, beendete er für sie den Satz.

„Ich verlange, dass du sofort anhältst!“, überschrie sie das Baby.

„Auf keinen Fall.“

„Aber ich weiß gar nichts über dich – nicht einmal, ob du einen gültigen Führerschein besitzt.“

Lachend holte er die Brieftasche hervor. „Hier“, sagte er und warf ihr den Führerschein zu.

Sie betrachtete das Dokument so eingehend, als wollte sie um jeden Preis einen Fehler finden. „Bist du wirklich fünfunddreißig?“, fragte sie zuletzt.

Er nickte. „Stört dich das?“

„Auf mich wirkst du viel jünger.“

„Fünfunddreißig ist noch nicht jenseits von Gut und Böse.“

„Nein, aber …“

„Was aber?“

„Nun, bisher weiß ich von dir nur, dass du wie ein verwöhnter Junge deinen Kopf durchsetzen willst. Und du magst so teure Wagen, dass von dem Geld eine fünfköpfige Familie leben könnte. Meiner Meinung nach sind das Anzeichen für mangelnde Reife.“

Er schaffte es, den Jaguar in der Spur zu halten, obwohl er sich maßlos ärgerte. „Ich würde eher sagen, dass ich im Herzen jung geblieben bin, Schwester.“

Sie ärgerte sich darüber, dass er sich offenbar nicht ärgerte, und warf ihm den Führerschein zu. „Ich heiße Alison. Schon vergessen?“

„Nein. Und wir sollten miteinander auskommen. Schon vergessen?“

Prompt ärgerte sie sich über seine Ermahnung, die von erneutem Gebrüll von den Rücksitzen begleitet wurde. Dieses Kind war stimmgewaltiger als Pavarotti.

„Entschuldige, wenn es mich nervös macht, dass ich in diesem Wagen gefangen bin“, sagte sie. „Mir wäre es am liebsten, du würdest umkehren und diese verrückte Idee vergessen.“

„Kommt nicht infrage“, wehrte Ross ab. „Tut mir leid, wenn mein Plan deinen moralischen Vorstellungen nicht entspricht, aber gegen mein Geld hast du nichts einzuwenden gehabt.“

„Das habe ich nur für das Kloster getan. Armes Baby“, fügte Alison hinzu und drehte sich zu dem weinenden Kind um. „Was machen wir sechs Stunden lang mit dir?“

„Wie wäre es mit Musik?“, schlug Ross vor. Er wollte endlich etwas anderes als Kindergeschrei und Schwester Alisons Belehrungen hören. „Was magst du denn?“

„Ach, am liebsten Oldies. Die Stones, Van Morrison, Dylan …“

„Dylan?“, fragte Ross überrascht.

„Ja, warum?“

„Ich meine, sind diese Sänger nicht ziemlich … unorthodox?“

Alison wurde blass. „Ach … also … mit Oldies meinte ich sehr alte Oldies – klassische Musik. Bach, Beethoven. Die mag ich wirklich.“

Ross lachte, weil er ihr kein Wort glaubte. „Ich habe soeben Schwester Alisons geheime Leidenschaft entdeckt.“ Ein Sender mit klassischer Musik kam nicht gut herein, dafür aber einer mit Oldies. Kurz darauf rauschte der Jaguar zu den Klängen von Satisfaction der Rolling Stones über den Interstate. „Einverstanden?“, fragte Ross.

„In Ordnung“, meinte Alison.

Auch wenn sie sich desinteressiert gab, klopfte sie doch den Rhythmus mit. Sie mochte eine Nonne sein, aber er entdeckte bei ihr Widersprüche. Als eine langsame Ballade von Barbra Streisand einsetzte, brach er das Schweigen. „Hör mal, Alison …“

Keine Antwort. Ihr Kopf war zur Seite gerollt, und sie schlief tief und friedlich. Im Wagen herrschte himmlische Stille. Ein Wunder war geschehen.

Das Baby war ebenfalls eingeschlafen!

Er hatte nicht genau mitbekommen, wann das passierte, vermutlich zwischen Satisfaction und I Heard It through the Grapevine. Von Felicity war nur noch ein zufriedenes Gurgeln zu hören, und Alison schnarchte leise.

Ross lehnte sich zurück und entspannte sich zum ersten Mal, seit er die schlimme Neuigkeit über seinen Vater erfahren hatte.

Dad! Ross hatte zwar regelmäßig im Krankenhaus nachgefragt, ansonsten aber nur wenig an seinen kranken Vaters gedacht. Eine Welt ohne Henry Templeton erschien ihm einfach zu schmerzhaft. Stattdessen hatte er sich damit beschäftigt, wie er dieses Baby als sein Kind ausgeben konnte.

Was wollte er Alison vorhin fragen? Ross zerbrach sich den Kopf, während Barbra Evergreen sang. Dann fiel ihm die Frage wieder ein.

Wie viele Nonnen im Kloster St. Felicity’s hatten knallrote Fingernägel?

3. KAPITEL

„Alison! Aufwachen, Alison! Wir sind da!“

Noch im Halbschlaf lächelte Alison und streckte sich, als eine tiefe Stimme ihren Namen rief. Langsam öffnete sie die Augen – und hörte schlagartig zu lächeln auf.

Draußen war es dunkel, aber im Schein der Innenbeleuchtung des Wagens erkannte sie zwei Gesichter. Das eine gehörte Ross, der sie interessiert betrachtete. Er hielt Felicity auf dem Schoss. Das Baby sah sie ungeduldig an. Alison wartete darauf, dass Gebrüll die geradezu unheimliche Stille durchbrach.

„Wie lange ist sie schon so?“, fragte sie zögernd.

Ross lächelte. „Seit du vor ungefähr dreieinhalb Stunden eingeschlafen bist.“

„Dreieinhalb Stunden!“ Verwirrt setzte sie sich auf. Ross hatte erwähnt, dass man zur Ranch seines Vaters sechs Stunden fuhr.

An einem kleinen ebenerdigen Gebäude hing ein Schild. Darla’s Dinner Bell – Gute Küche. Ringsherum war nur Weideland zu sehen. Der leere Highway reichte in beiden Richtungen bis zum Horizont. Auf dem Parkplatz stand nur ein einiges Fahrzeug, ein Pick-up, der vermutlich Darla gehörte.

„Ich würde gern etwas essen“, sagte Ross, „und uns allen wird es gut tun, wenn wir aussteigen.“

Felicity schwenkte ein Fäustchen in der Luft, als wollte sie ihm recht geben. Alison knurrte der Magen, doch sie wollte den Wagen erst verlassen, wenn sie wusste, was Ross angestellt hatte.

„Einen Moment.“ Sie deutete auf Felicity. „Ich will sofort wissen, mit welchem Zauber du dieses Kind belegt hast.“

„Da waren keine übernatürlichen Kräfte nötig“, versicherte er lächelnd. „Felicity, du und ich haben etwas gemeinsam.“

„Und das wäre?“

„Die Liebe zu den Golden Oldies. Ihr seid beide bei Marvin Gaye eingeschlafen.“

Noch war Alison nicht restlos überzeugt und summte vorsichtshalber einige Takte von Van Morrisons Brown-Eyed Girl.

Zuerst öffnete Felicity das Mündchen, lauschte und begann dann zu kichern.

„Es funktioniert“, stellte Alison verwundert fest.

Ross sah so zufrieden drein, als hätte er das Rätsel der Sphinx gelöst. „Wie ich schon sagte.“

Dank dieser weltbewegenden Entdeckung und der längsten Ruhepause seit fünf Tagen fühlte Alison sich jetzt schon viel besser. „Dann wollen wir essen gehen“, entschied sie und stieg aus.

Ross trug Felicity und die Windeltasche ins Restaurant. Drinnen war es sauber und duftete nach Hackbraten.

Alison setzte sich an einen Tisch. „Willst du sie wirklich füttern?“, fragte sie, als Ross den Kindersitz neben sich auf die Bank stellte und Felicity auf den Arm nahm, sie schaukelte und dazu einen Song von Creedence Clearwater Revival summte.

„Sicher. Nachdem ich die richtige Musik für ein sechs Monate altes Baby gefunden habe, ist mein Selbstbewusstsein grenzenlos.“

„Es könnte aber schwieriger sein, als einen Rundfunksender einzustellen.“

Unbeeindruckt holte er ein Fläschchen, das Schwester Joan eingepackt hatte, hervor. „Lass du dir das Essen schmecken, Alison. Frauen besitzen kein Monopol auf das Füttern von Kindern.“

„In Ordnung, aber behaupte hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Auf der Speisekarte standen nur die üblichen Gerichte für diese Art von Raststätten. Da Alison jedoch seit dem klumpigen Haferbrei am Morgen im Kloster nichts gegessen hatte, war sie nicht wählerisch.

Eine Frau in Jeans, Laufschuhen, einer orangefarbenen Mütze, einer gleichfarbigen Schürze und mit blond gefärbtem Haar kam zu ihnen, warf einen Blick aus dem Fenster und stieß einen Pfiff aus. „Das ist vielleicht ein toller Wagen, Mister. Was sind Sie? Ein Ölmagnat?“

„Nein, nur ein Hotelmagnat“, scherzte Alison.

„Im Ernst?“ Die Kellnerin wandte sich an Ross. „Meinem Bruder Earl gehört ein Hotel hier an der Straße. Earl’s Motel. Wir haben die beiden einzigen Geschäftsbetriebe in der Stadt.“

Alison und Ross sahen einander erstaunt an. „Wo ist die Stadt?“, fragte er.

„Ihr kommt bestimmt von Osten“, sagte Darla. „Sonst hättet ihr das Schild beim Hotel gesehen. Hier seid ihr in Woodard. Ich heiße Darla Woodard, und meine Familie hat die Stadt gegründet. Seit der Wirtschaftskrise ist sie allerdings geschrumpft.“

„Sie meinen die Krise Ende der achtziger Jahre?“, fragte Ross.

„Nein, ich meine die in den zwanziger Jahren“, erklärte Darla vergnügt. „Habt ihr was gefunden, das eure Geschmacksknospen reizt?“

„Ich nehme einen Cheeseburger“, entschied Alison.

„Ich auch“, fügte Ross hinzu.

„Und was ist hier mit der kleinen Freundin?“ Darla beugte sich herunter und legte einen Finger unter Felicitys Kinn. „Du bist vielleicht niedlich! So was wie du sollte ins Showgeschäft.“

„Sie bekommt Babynahrung“, erwiderte Alison und nahm sich vor, wenigstens zwei Tage lang nicht an Babys und ihre Karrieren zu denken. „Allerdings braucht sie einige Servietten.“

Darla schüttelte den Kopf. „Bei so gut aussehenden Eltern muss aus einem Kind einfach was werden, nicht wahr?“

Im ersten Moment wusste Alison nicht, was sie sagen sollte, und wurde rot. „Oh nein, ich meine … wir sind nicht …“

„Die beiden Cheeseburger kommen sofort.“ Darla drehte sich um und verschwand in der Küche.

Ross lachte. „Ein verzeihlicher Fehler. Schließlich sind wir ein Paar mit einem Baby.“

„Ich weiß, aber wir sind nicht …“

Er ließ sie nicht aussprechen. „Ich bin froh, dass sie sich täuschen ließ. Wenn mein Vater auch so reagiert, ist alles gut.“

„Dein Vater braucht von sich aus gar keine Schlussfolgerungen zu ziehen, da du ihn schlicht und einfach belügen wirst“, sagte Alison bissig.

„Offenbar hat dich der Schlaf nicht so weit beruhigt, dass du meinem Plan zustimmst.“

„Nicht im Geringsten. Ich fühle mich sogar immer schuldiger. Am liebsten würde ich deinem Vater die Wahrheit sagen.“

Ross kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Wenn du das tust, sieht das Kloster keinen einzigen Dollar. Dann lasse ich den Scheck sperren. Wir haben eine Abmachung getroffen. Falls du dich nicht daran halten willst, sag es jetzt.“

Sie seufzte. Das war glatte Erpressung. „Natürlich halte ich mich daran, aber ich muss nicht vortäuschen, dass ich dich wunderbar finde, oder?“

„Wieso vortäuschen?“, fragte er. „Nein, das wird ganz von allein kommen.“

„Sehr witzig.“ Alison schüttelte den Kopf. War der Kerl eingebildet! Wahrscheinlich war er daran gewöhnt, dass ihm alle Frauen zu Füßen lagen. Um sich zu beruhigen, nahm sie einen Schluck Wasser. Dabei betrachtete er sie seltsam. „Was ist?“, fragte sie. Ob der Lippenstift verschmiert war?

„Nichts“, versicherte er hastig.

„Nein, du hast mich komisch angesehen. Was ist los?“

„Na schön“, gestand er, „wenn du es unbedingt wissen willst … Ich habe gedacht, dass du sehr hübsch bist.“

„Was?“, rief sie.

Er legte warnend den Zeigefinger an die Lippen. „Du wirst Felicity stören.“

Da Felicity selig am Fläschchen nuckelte, senkte Alison vorsichtshalber die Stimme. „Wie kommst du bloß auf einen solchen Gedanken?“

„Soll das heißen, dass du keine Komplimente magst?“

Ob sie Komplimente mochte? Sie sog sie förmlich auf, obwohl sie sich ein Jahr lang bemüht hatte, nicht auf so etwas hereinzufallen.

Ich bin eine Nonne, rief sie sich ins Gedächtnis.

Lieber hätte sie eine Kröte verschluckt, als Ross Templeton zu zeigen, wie gut das Kompliment wirkte. In seinem Blick fand sie die gleiche Arroganz, die ihr bei Wes nicht aufgefallen war – die Überzeugung, dass er unwiderstehlich war.

Darla kam zu ihnen und stellte die Teller auf den Tisch. „Kann ich euch noch etwas bringen?“

„Ich nehme ein Bier“, sagte Alison, weil sie sich unbedingt abkühlen musste.

„Kommt sofort“, erwiderte Darla und wandte sich ab.

Ross beobachtete Alison, bis Darla das Bier brachte und Alison den ersten langen Schluck nahm.

„Ah, hat das gut getan“, sagte sie und fühlte sich unter seinem forschenden Blick allmählich unbehaglich. „Stimmt was nicht?“

„Bier?“

Weil Darla gleich hinter der Schwingtür zur Küche stand, flüsterte Alison: „Ich bin eine Nonne, keine Heilige.“ Allmählich bekam sie Übung im Lügen. Noch einige Tage, und sie konnte sich selbst einreden, Nonne zu sein.

„Das sehe ich.“ Sein aufreizender Blick sollte verboten sein. Mit der einen Hand aß er einen Cheeseburger und fütterte mit der anderen ein Baby.

„Was soll das denn heißen?“, fragte Alison unbehaglich.

„Nur, dass du die ungewöhnlichste Nonne bist, der ich jemals begegnet bin.“

„Bist du denn vielen begegnet?“

„Eigentlich gar keiner“, erwiderte er lachend. „Ich stamme von Methodisten ab. Über Klöster weiß ich nur aus Filmen Bescheid. The Sound of Music und dieser Streifen mit Audrey Hepburn.“

Gereizt dachte Alison, dass sie sich auch von dem letztgenannten Film hatte täuschen lassen. „Man darf Filmen nicht glauben“, versicherte sie aus bitterer Erfahrung. „Die heutigen Nonnen müssen in der realen Welt leben.“

Er blickte auf ihre Hand. „Dazu gehört auch Nagellack?“

Alison überlegte angestrengt und vergeblich, wie sie eine so ausgefallene Farbe bei einer Nonne erklären sollte.

„Ich kenne dein Geheimnis, Alison“, erklärte Ross.

Er kannte es! Wann war er bloß dahintergekommen? Und wie sollte sie ein Wochenende mit diesem Mann verbringen, wenn sie sich nicht hinter der Tarnung als Nonne verstecken konnte?

„Ge… Geheimnis?“, fragte sie heiser.

„Du tanzt aus der Reihe. Das habe ich schon daran gemerkt, wie Schwester Joan über dich gesprochen hat. Diese Obernonne von St. Felicity’s … Wie heißt sie?“

„Schwester Catherine.“ Alison schob sich erleichtert eine Fritte in den Mund. Sie war entsetzlich fettig und schmeckte großartig.

„Ich glaube, die Mutter Oberin findet, dass dich das Klosterleben beengt.“

„Jeder Mensch muss sich im Leben einschränken, und ich habe viel mehr Freiheit als die meisten Nonnen.“

„Aber willst du nicht mehr?“, fragte er. „Mich würde es verrückt machen, wenn man mir alles vorschreibt.“

Alison dachte an die knappe Woche im Kloster, in der sie fast durchgedreht hatte. „Man lernt, Gehorsam an erste Stelle zu setzen“, behauptete sie gelassen.

„Das würde ich Schwester Joan abnehmen.“

„Warum mir nicht?“

„Weil du jung bist und so … so normal. Du magst Musik, Make-up und Cheeseburger.“

„Das mögen viele Nonnen.“

„Ich kann mich nicht völlig irren.“ Er suchte nach Worten. „Ich meine, wie du mich manchmal ansiehst …“

Alison lief im Gesicht rot an und schob sich hastig drei Fritten in den Mund.

„Fehlt dir denn nicht …“ Er sah sie an und wandte den Blick ab.

Alison schluckte. „Weiter“, drängte sie und hoffte inständig, er würde das Thema fallen lassen.

Ross richtete die blauen Augen wieder auf sie. „Fehlt dir nicht … Sex?“

Sie bekam solches Herzklopfen, dass sie glaubte, ohnmächtig zu werden. Ich bin eine Nonne, ich bin eine Nonne … leierte sie im Geiste herunter. Außerdem hatte sie Männern wie Ross abgeschworen.

Er sah drein, als wollte er im Boden versinken. „Es tut mir leid“, beteuerte er. „Ich wollte nicht … ich meine … ich weiß, du musst eine … du bist eine …“

Beinahe hätte sie laut gelacht, so verlegen war er. „Eine was?“, fragte sie unschuldig.

„Nun ja …“ Jetzt lief er im Gesicht rot an – und sah trotzdem attraktiv aus. „Eine Jungfrau.“

Endlich bekam sie die Oberhand. „Ich bin nicht im Kloster aufgewachsen.“

„Du meinst, du bist keine …“

Sie holte tief Atem, dachte an Wes und gestand: „Um die Wahrheit zu sagen, waren meine Erfahrungen mit der Liebe nicht sonderlich erfreulich.“

„Wirklich nicht?“, erkundigte er sich neugierig.

Alison mochte Männer, die gern redeten. Manche bekamen den Mund nicht auf und wussten daher auch nichts über ihre besten Freunde oder sogar ihre Geliebten. Wes war so. Und er war noch schweigsamer, wenn es um ihn ging. Das erklärte, wieso Alison völlig fassungslos gewesen war, als er sie mit einem verwelkenden Brautstrauß vor dem Altar stehen ließ. Vielleicht wagte Ross, so offen zu sprechen, weil Schwester Alison über den Dingen stand.

„Ich hätte beinahe geheiratet“, erzählte sie. „Aber ich war nicht verliebt – nicht wirklich. Außerdem entpuppte der Kerl sich als Ratte. Das alles hat mich nicht gerade ermutigt, Liebe zu suchen.“

„Ausgenommen jene Liebe, die du durch die Kirche findest.“

„Nun … ja.“ Diese Erklärung erschien ihr allerdings zu oberflächlich. Wäre jede Frau mit schlechten Erfahrungen in der Liebe ins Kloster gegangen, wäre die Weltbevölkerung bald auf Null gesunken. „Natürlich fühlte ich auch eine Berufung. Wes war nur noch …“

„Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt?“

Sie nickte. Ließ dieser Mann eigentlich jemals jemanden aussprechen?

Ross schob den letzten Bissen in den Mund und drückte Felicity fester an sich. „Was ist, wenn du einen anderen findest?“

„Ich suche nicht.“

„Wenn du aber nun zufällig mit einem Mann eine Zeit lang zusammen bist, was dann?“, fragte er herausfordernd.

Sie schluckte heftig. Ich bin eine Nonne! Lieber Himmel, ich bin eine Nonne … sagte sie sich streng. „Ich betrachte Menschen jetzt mit anderen Augen.“

„Trotzdem bist du selbst noch immer ein Mensch. Falls du eine Gelegenheit mit einem Mann verstreichen lässt, würdest du dich dann nicht immer fragen, wie es hätte sein können?“

„Möglich“, entgegnete sie gereizt. „Wie du gesagt hast, bin ich ein Mensch. Ich suche aber kein Liebesabenteuer. Daher ist dieses ganze Gespräch völlig sinnlos.“

Energisch schob sie sich so viele Fritten in den Mund, dass sie wie ein Backenhörnchen aussah. Der scharfe Ton in ihrer Stimme gefiel ihr selbst nicht, aber sie konnte über Liebesdinge keinesfalls mit dem letzten Mann auf Erden sprechen, in den sie sich jemals verlieben würde.

Zum Glück kam Darla wieder an den Tisch und fragte, ob sie Dessert wollten.

„Nur die Rechnung“, erwiderte Ross.

Darla legte sie ihm vor, und Ross balancierte die unglücklich dreinsehende Felicity auf einem Knie, während er die Brieftasche hervorholte.

„Du solltest sie nicht so halten“, warnte Felicity.

Ross legte einige Geldscheine auf den Tisch. „Ich lasse sie schon nicht fallen.“

„Das meine ich nicht. Sie wird …“

Bevor Alison aussprechen konnte, landete Felicitys Abendessen auf Ross’ Hemd.

„Oh nein!“, rief er, ließ die Kleine allerdings wirklich nicht fallen. Felicity begann zu schreien, und Ross sah Alison an, als wäre alles ihre Schuld. „Was mache ich jetzt?“

Alison unterdrückte ein Lächeln. „Erst einmal das Hemd wechseln.“

„Sehr witzig!“

„Ich nehme sie“, bot sie an.

Er reichte ihr vorsichtig das Baby und stand auf. „Ich muss ein Hemd aus dem Wagen holen.“

„Ich warte mit Felicity hier auf dich.“

Er nickte knapp und stürmte hinaus. Wieso war er denn so gereizt? Für einen so reichen Mann bedeutete ein Hemd doch nichts.

Oder hatte seine schlechte Stimmung vielleicht nicht mit Felicity zu tun, sondern damit, dass sie, Alison, kein Interesse am anderen Geschlecht zeigte? War Ross enttäuscht?

Warum? Weil eine Nonne sich nicht von ihm verführen ließ?

Wenigstens konnte man ihm nicht vorwerfen, dass er seinen Charme unterschätzte.

Allmählich begriff Ross, wieso viele Leute behaupteten, dass Kinder mit beiden Elternteilen aufwachsen sollten. Das Gesetz schrieb Kindersitze vor. Und um ein strampelndes und sich windendes Baby festzuschnallen, brauchte man eigentlich zwei Leute. Sobald es Ross endlich gelungen war, Felicity zu bändigen, war das Baby wieder übel gelaunt. Alison, die im Waschraum verschwunden war, nachdem er das Hemd gewechselt hatte, war nirgendwo zu sehen.

Was machte sie denn da drinnen? Schrieb sie den großen amerikanischen Roman auf Toilettenpapier?

Er lehnte sich gegen den Jaguar. Natürlich wusste er, wieso sie zögerte, zu ihm zurückzukehren. Mit dem Gerede über Liebe hatte er sie verschreckt, als wäre er das personifizierte Ebolavirus.

Seit Cara vermied er Beziehungen. Wieso interessierte er sich jetzt ausgerechnet für eine Nonne? War er vielleicht Masochist?

Endlich erschien Alison. Sie hatte die Kostümjacke ausgezogen und trug zu dem knielangen Rock nur noch die ärmellose Seidenbluse. Es war ein sehr beunruhigender Anblick.

„Bist du sicher, dass du Nonne bist?“, fragte er grimmig.

Sie starrte ihn geschockt an. „Wie bitte?“

„Schon gut“, wehrte er ab und hätte sich am liebsten geohrfeigt. „Ich frage mich nur, wieso ich nicht an einen Orden geraten bin, in dem Nonnen noch lange Kutten und Schleier tragen“, murmelte er, stieg zusammen mit ihr ein und drehte den Zündschlüssel. „Nichts wie nach Hause.“

Der Jaguar gab keinen Ton von sich.

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte er und versuchte immer wieder zu starten. Nichts! Und das um elf Uhr nachts in einer nicht vorhandenen Stadt in West Texas! „Wir müssen jemanden finden, der den Wagen repariert.“

Sie ließen die Blicke durch die dunkle, völlig leere Gegend wandern und verloren jegliche Hoffnung.

„Ja, mit dem Wagen haben Sie ein Problem“, erklärte Earl Woodard.

„Earl weiß alles über Autos“, versicherte Darla zum zehnten Mal in den zehn Minuten, die Earl nun schon den Kopf unter die Motorhaube des Jaguars steckte.

Ross seufzte.

„Ich habe doch gleich gesagt, wir hätten fliegen sollen“, bemerkte Alison.

Seit Kathy Robichaux in der zweiten Klasse hatte Ross kein weibliches Wesen mehr vermöbelt, aber jetzt geriet er gewaltig in Versuchung. Vielleicht hätte er es sogar getan, hätte Alison ihn nicht auf eine Idee gebracht. „Gibt es in der Nähe einen Flugplatz?“, fragte er Earl.

„Sie wollen fliegen?“ Earl blickte zum dunklen Himmel hinauf, als könnte er sich nicht vorstellen, wie das überhaupt möglich war.

„Es gibt ungefähr fünfzig Kilometer von hier eine Piste“, sagte Darla. „Wenn Sie aber eine Maschine mieten wollen, müssen Sie vorbestellen.“

Also waren sie gestrandet. Ob sie es noch rechtzeitig zu seinem Vater schafften?

„Es tut mir leid, Ross“, versicherte Alison.

„Schon gut.“

„An Ihrer Stelle würde ich den Wagen in Millers Werkstatt schleppen lassen“, riet Earl. „Jim Miller ist ein Cousin von mir. Er weiß alles über Autos.“

„Wo ist diese Werkstatt?“

„In der Stadt.“

„Bei Ihrem Hotel?“

„Nein, in einer anderen Stadt, in Brody. Morgen früh kann ich Sie abschleppen.“

Ross geriet allmählich in Panik. So lange konnte er nicht von seinem Vater fernbleiben. „Es handelt sich um einen Notfall. Kann man denn hier irgendwo ein Auto mieten?“

„Sicher“, meinte Earl. „Bei meinem Cousin Dwayne drüben in Brody.“

„Gut!“, sagte Ross erleichtert. „Könnten Sie …“

„Dwayne öffnet morgen früh um acht.“

Ross betrachtete neiderfüllt Earls heruntergekommenen weißen Pick-up. Andererseits brachte ihn diese Karre vermutlich nicht einmal nach Brody, geschweige denn zur Ranch seines Vaters.

„Earl hat viel Platz im Motel“, bot Darla an. „Und anständige Preise.“

Als ob Geld ein Problem wäre, dachte Ross und sah, dass das Handy im Wagen blinkte. „Entschuldigung“, sagte er und zog sich in den Wagen zurück. Felicity gab auf den Rücksitzen sanfte Geräusche von sich.

Während er die Nummer des Krankenhauses eintippte, summte er einige Takte von Jumpin’ Jack Flash. Die Schwester auf der Intensivstation wollte ihm jedoch nicht mehr sagen, als dass sein Vater schlief.

Danach wählte er die Nummer der Ranch. Nach dem dritten Klingeln meldete sich Hannah, die Haushälterin seines Vaters, die er offenbar geweckt hatte. Die Ärzte hatten bei seinem Vater eine Angioplastie vorgenommen. Die Ergebnisse sollten morgen früh vorliegen. Außerdem hatten die Ärzte seinem Vater schmerzstillende Mittel gegeben. Im Moment schlief er friedlich.

Als Ross das Funktelefon abschaltete und ausstieg, war er etwas beruhigter. „Sie können uns für heute Nacht ein Zimmer geben?“, fragte er Earl.

4. KAPITEL

Drei Erwachsene und ein Baby waren zu viel für die Sitzbank in Earls Pick-up. Noch dazu bestand Alison darauf, Felicity trotz der kurzen Strecke in der Mitte im Kindersitz festzuschnallen. Danach versuchten sie und Ross das Unmögliche. Sie wollten sich den keinesfalls ausreichenden Platz teilen.

„Da kannst du dich gleich auf meinen Schoss setzen“, meinte Ross.

Sie sah ihn fassungslos an.

„Also schön“, lenkte er ein. „Ich könnte frische Luft vertragen.“

Earl setzte sich ans Steuer, und Ross kletterte hinten auf die Ladefläche. Dort kauerte er windzerzaust in einer Ecke. Felicity war auch nicht glücklich und weinte. Einmal schlug sie Earl sogar gegen den Arm.

„Die ist vielleicht niedlich“, sagte er lachend. „Ich wette, dass sie ein richtiger Satansbraten wird.“

Dem konnte Alison nicht widersprechen. Sie streichelte das seidige Haar des Babys und war froh, nichts mit Felicitys Zukunft zu tun zu haben.

„Kann man denn dieses Kind gar nicht zur Ruhe bringen?“, fragte Earl.

„Mit Musik“, erwiderte Alison. „Haben Sie ein Autoradio?“

„Nein. Das ist schon vor fünfzehn Jahren kaputtgegangen. Aber Sie haben Glück“, fügte er lächelnd hinzu. „Ich singe gern. Und ich habe eine gute Stimme, wie meine Ehefrauen immer bestätigt haben.“

Bevor Alison fragen konnte, wie viele Ehefrauen er denn gehabt hatte, stimmte Earl den alten Eagles-Song Desperado an. Der Text stimmte, aber die Melodie hätte Alison niemals erkannt. Der Gesang hörte sich an, als würde man mit einer Harke über die rostige Kühlerhaube des Wagens kratzen.

Felicity starrte Earl mit weit aufgerissenen blauen Augen an und bekam den Mund nicht zu. So etwas hatte sie in ihrem kurzen Leben bisher wohl noch nie gehört.

Alison unterdrückte ein Lächeln und drehte sich zu Ross um. Er sah amüsiert und gequält zum Heckfenster herein. Auf dem Parkplatz von Earl’s Motel stieg Alison so schnell wie möglich aus.

„Die Kleine ist wirklich musikalisch“, bemerkte Earl, als er sie in das kleine Büro führte, und beugte sich über das Gästebuch. „Mal sehen.“ Auf dem Parkplatz standen keine Wagen. Vermutlich gab es keine anderen Gäste. Trotzdem tat er, als müsste er erst ein Zimmer suchen. „Ich gebe Ihnen Nummer sechs. Das wird Ihnen gefallen. Da gibt es auch einen Fernseher.“

„Wir werden keine Zeit zum Fernsehen haben“, entgegnete Ross. „Wir müssen zeitig aufstehen und den Wagen nach Brody schleppen lassen.“

„Richtig“, meinte Earl. „Keine Sorge. Ich stehe noch vor den Flöhen auf und rufe meinen Cousin an. Jim bringt das im Handumdrehen in Ordnung.“ Er warf Alison den Zimmerschlüssel zu.

Sie fing ihn auf und wurde im selben Moment rot, als ihr etwas bewusst wurde. Ein Zimmer für drei Personen!

„Wir brauchen noch ein Zimmer“, sagte sie.

Ross warf ihr einen warnenden Blick zu, doch sie störte sich nicht daran. Er bezahlte die Nonnen von St. Felicity’s zwar fürstlich, aber deshalb schlief sie noch lange nicht mit einem Mann, den sie kaum kannte, im selben Raum.

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