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BIANCA EXKLUSIV BAND 243

STELLA BAGWELL

Plötzlich will ich nur noch ihn

Nichts wünscht sich Nicole sehnlicher, als dass es echte Liebe wäre! Aber es ist nur eine Zweckehe, die sie mit ihrem Stiefbruder für sechs Monate eingegangen ist, um die gemeinsam geerbte Plantage zu halten. Obwohl sie sich früher nicht mochten, verstehen sie sich jetzt immer besser. So gut, dass sich Nicole viel mehr von Logan wünscht.

LAURYN CHANDLER

Nur ein Wort genügt

Seine Freiheit ist dem erfolgreichen Unterwasserfotografen Adam Garrett heilig. Deshalb ist er auch weitgehend immun gegen den anziehenden Charme seiner wundervollen Nachbarin Annabelle. Doch dass die zauberhafte Frau unter der Last ihres Alltags das Lachen verlernt zu haben scheint, schmerzt ihn. Er möchte für sie da sein. Aber wie?

VICTORIA PADE

Zum ersten Mal im Leben

Monate voller Sehnsucht sind seit jener wundervollen Nacht vergangen, in der Paris von dem faszinierenden Unternehmer Ethan die Liebe lernte. Aber weil die junge Malerin an der Aufrichtigkeit des Unternehmers zweifelte, verließ sie ihn. Nun steht Ethan plötzlich wieder vor ihr. Aber was will er? Wirklich sie – oder etwa nur ihr Baby?

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Plötzlich will ich nur noch ihn

1. KAPITEL

Nicole Carrington starrte benommen aus dem Fenster. Ihr Blick wanderte über die von Säulen getragene Veranda die lange Eichenallee entlang. Endlich verschwand der letzte Wagen mit Trauergästen aus ihrem Blickfeld, doch der Kummer über den Verlust ihrer Mutter blieb.

Aus diesem traurigen Anlass saß auch der Mann hinter ihr auf dem mit Brokat bespannten Sofa. Vier Jahre waren vergangen, seit Logan McNally zuletzt seinen Fuß auf die Belle-Rouge-Plantage gesetzt hatte. Damals hatte Nicole ihn schon nicht gemocht, und daran hatte sich seither nichts geändert.

Logan betrachtete ungeniert seine junge Stiefschwester. Sie hatte sich stark verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er war tief beeindruckt.

Sie war nicht mehr die hochgewachsene, unbeholfene Jugendliche, die damals auf der Veranda gestanden und ihm einen zornigen Blick aus braunen Augen zugeworfen hatte. Jetzt besaß sie den schlanken Körper einer jungen Frau mit sinnlichen Rundungen, und sie bewegte sich mit einer Anmut und Selbstsicherheit, die über ihre zweiundzwanzig Jahre hinausgingen.

Unter dem schwarzen Halbschleier des Hutes wirkten ihre Züge zart wie handbemaltes Porzellan. Das rötlich blonde Haar war nicht mehr wild und wirr, sondern schimmerte wie Satin und endete in einer Nackenrolle. Der Stil war dezent und dem traurigen Anlass angepasst. In den zierlichen, perfekt manikürten Händen hielt sie eine weiße Magnolie. An den Fingern trug sie keinen Schmuck.

Hätte Logan nicht gewusst, dass sie eine Carrington war, hätte er sie für eine echte Lady der Südstaaten gehalten. Doch das Äußere konnte die Herkunft nicht ganz verdecken. Die Tochter wie die Mutter, dachte er verdrossen. Irgendein armer Narr würde irgendwann auf ihre Schönheit hereinfallen, aber nicht er. Er wusste genau, wer und was sie war.

Nicole wandte sich schließlich vom Fenster ab und merkte betroffen, wie schwach sie sich plötzlich fühlte. Während des Begräbnisses und auch hinterher war sie stark und gefasst gewesen. Jetzt durfte sie nicht zusammenbrechen, während Logan sie wie ein Kater, der einen Vogel in die Enge getrieben hatte, betrachtete.

Vorsichtig ging sie auf einen Sessel zu, der drei Meter von ihm entfernt stand, doch auf halbem Weg legte jemand den Arm um ihre Taille.

„Alles in Ordnung?“

Beim Klang der tiefen Männerstimme zuckte sie zusammen und blickte in Logans hartes Gesicht hoch. Seit zwei Tagen war er wieder auf Belle Rouge und hatte bisher kein Wort des Mitgefühls über die Lippen gebracht. Es erschien ihr heuchlerisch, dass er jetzt den besorgten Angehörigen spielte.

„Ich muss mich nur setzen“, erwiderte sie knapp. „Mach dir bitte keine Mühe.“

Er richtete die grauen Augen forschend auf ihr blasses Gesicht. „Es könnten noch Besucher kommen, die ihr Beileid aussprechen möchten. Dann würde es ziemlich unpassend wirken, wenn sie dich auf dem Boden liegend vorfänden.“

Nicole betrachtete ihn geringschätzig. Mit dem dunkelbraunen Haar und der dunklen Haut wirkte Logan McNally äußerst attraktiv. Die hellgrauen Augen wurden von dichten Wimpern umgeben, sein Blick war scharf und durchdringend. Das kräftige Kinn mit der Kerbe betonte den perfekt geformten Mund. Als würde dieses sagenhafte Gesicht nicht ausreichen, um die Herzen aller Frauen höher schlagen zu lassen, war er auch noch hoch gewachsen, schlank und breitschultrig.

Doch Nicole war gegen Logans körperliche Attraktivität immun. Sie hatte festgestellt, dass sich unter dieser anziehenden maskulinen Schale ein arroganter Kerl verbarg, der nur an sich selbst dachte.

„Wie ich sehe, legst du unverändert größten Wert auf den äußeren Eindruck“, sagte sie eisig. „Nun, ich versichere dir, dass ich diesen Tag überstehen werde, ohne dich in Verlegenheit zu bringen.“

Er führte sie zum Sessel und drückte sie in die Kissen. „Ich habe mir nicht deshalb Sorgen gemacht.“

„Aber natürlich“, entgegnete sie spöttisch. „Meine Mutter und ich haben dich vom ersten Tag an in Verlegenheit gebracht. Vermutlich ist heute für dich ein Festtag. Wenigstens eine von uns bist du jetzt los. Und wer weiß, vielleicht hast du demnächst noch mehr Glück, und ich laufe vor ein Auto, oder ein Blitz erschlägt mich.“

Seine Miene war verschlossen, als er zurückwich. „Du scheinst im Moment ziemlich hysterisch zu sein.“

Sie zog zwei Hutnadeln aus dem dichten Haarknoten. „Oh ja, das würde dir bestimmt gefallen“, sagte sie kühl. „Du möchtest mich gern in eine Nervenheilanstalt einweisen. Dann trennt dich nichts mehr von Belle Rouge.“

Sie nahm den breitkrempigen Hut ab. In dem teuren schwarzen Kostüm und mit den hohen Absätzen wirkte sie elegant. Sie war eine naive Achtzehnjährige gewesen, als Logan sie das letzte Mal sah. Wodurch hatte sie sich dermaßen verändert? Seit dem Tod seines Vaters vor vier Jahren hatte er keinen Kontakt zu Nicole und ihrer Mutter gehabt, obwohl die beiden Frauen weiterhin auf dem Sitz seiner Familie gewohnt hatten.

Seufzend trat er an einen kleinen Tisch, auf dem eine Karaffe mit Kentucky Bourbon stand. Er schenkte sich ein, nahm einen Schluck und drehte sich wieder um. „Äußerlich bist du erwachsen geworden, Nicole. Dein Denken hat allerdings eindeutig nicht mit deinem Körper Schritt gehalten.“

Sie wurde zornig, zeigte es jedoch nicht. Er sollte nicht merken, dass er sie wie früher ärgern konnte. Sie war jetzt eine erwachsene Frau und keine Jugendliche, die er je nach Laune umgarnen oder beleidigen konnte. Das musste er begreifen. „Vermutlich wirst du mir gleich erklären, dass du dich nicht für Belle Rouge interessierst.“

Er hob das Glas an die Lippen und leerte es. Die Wärme, die sich in seinem Magen ausbreitete, vertrieb jedoch nicht die seltsamen Gefühle, die ihn packten. Er wollte mit dieser jungen Frau kein Mitleid haben. In gewisser Weise hatte sie ihm seinen Vater und sein Zuhause weggenommen. Er wollte nicht an ihre Trauer denken. Es gefiel ihm auch nicht, wie kalt und verbittert sie war.

„Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich mich nicht für Belle Rouge interessiere. Die Plantage befindet sich seit dem achtzehnten Jahrhundert im Besitz der Familie McNally. Und ich habe nicht die Absicht, der Letzte in dieser Reihe zu sein.“

Müde stand sie auf und wollte den Raum verlassen.

„Wohin gehst du?“, rief Logan ihr nach.

„Ich lege mich hin. Du kannst eine Weile den Hausherrn spielen, der du ja gern sein möchtest.“

Bevor er noch etwas sagen konnte, zog Nicole sich hastig in ihr Schlafzimmer im ersten Stock zurück und zog sich aus. Nachdem sie in einen dünnen Bademantel geschlüpft war, legte sie sich auf das Bett und blickte aus dem breiten Fenster auf den Nussbaum-Hain.

Es war der erste April. Frühling war ins Land des Cane River gezogen. Überall blühten herrlich bunte Blumen in den Gärten, und die meisten Zuckerrohrfelder waren schon bepflanzt.

Nicole liebte diese Jahreszeit, war jedoch geistig und körperlich ausgelaugt. Seit dem Schlaganfall ihrer Mutter vor zwei Jahren war ihr Leben schwierig gewesen. Sie hatte versucht, das College abzuschließen und sich gleichzeitig um die einzige nahe Verwandte zu kümmern, die ihr noch auf der Welt geblieben war. Simones Tod nach einem zweiten Schlaganfall war ein Albtraum gewesen, der noch dazu erst enden würde, sobald Logan nach Shreveport zurückkehrte oder sie selbst auszog.

Offenbar war sie irgendwann eingeschlafen. Als sie nämlich die Augen wieder öffnete, war es im Zimmer dunkel, und sie fror. Matt stand sie auf und ging zum Schminktisch. Der Haarknoten hatte sich aufgelöst. Das Haar fiel jetzt in Wellen auf die Schultern. Nicole strich es aus dem Gesicht zurück, beugte sich zum Spiegel und stöhnte auf.

Sie war aschfahl und sah mitgenommen aus. Ihre Mutter wäre betroffen gewesen. Simone war eine schöne Frau gewesen, die ihrer Tochter beigebracht hatte, stets auf ihr Aussehen zu achten. Noch letzte Woche hatte ihre Mutter hier am Schminktisch gesessen, und Nicole hatte ihr Haar frisiert und gestylt.

Nicole ließ sich auf den Hocker sinken, legte die Hände vor das Gesicht und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Sie musste sich damit abfinden, dass Simone nicht mehr lebte und sie nun völlig allein war.

Erst als sich zwei Hände auf ihre Schultern legten, merkte Nicole, dass jemand hereingekommen war.

„Was machst du hier?“ Verzweifelt wischte sie sich über die Augen. Logan sollte keinesfalls denken, dass sie sein Mitleid wecken wollte.

„Ich habe geklopft, aber du hast mich offenbar nicht gehört“, erwiderte er. „Ich habe Sandwiches gemacht. Du willst bestimmt etwas essen.“

Impulsiv wollte sie antworten, dass sie nichts wollte, schon gar nicht von ihm. Doch sie vermied es, noch schwächer zu erscheinen, als sie ohnedies war. Und dass er zu ihr heraufkam, war von seiner Seite die freundlichste Geste, die sie seit Langem erlebt hatte.

„Ich ziehe mich an und komme gleich nach unten“, sagte sie.

Logan kehrte in die Küche zurück, deckte den kleinen Tisch und füllte zwei Gläser mit Eistee. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich auf Belle Rouge wieder heimisch. Und er bedauerte zutiefst, dass ihm erst der Tod von Nicoles Mutter diese Freiheit gegeben hatte. Nicole mochte anderer Meinung sein, aber er hatte nicht gewollt, dass Simone starb. Jahrelang hatte er gehofft, sie würde aus seinem Zuhause und dem Leben seines Vaters verschwinden, aber er hatte weder ihr noch ihrer Tochter etwas Böses gewünscht.

Vermutlich konnte er Nicole nie davon überzeugen. Sie glaubte, er würde sie hassen. Vielleicht hatte er sie tatsächlich einmal ein wenig gehasst. Damals war er noch sehr jung gewesen und hatte seinen Vater gebraucht. Sie war aufgetaucht und hatte Lyles Zuneigung und Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Doch das war lange her. Jetzt wusste Logan einfach nicht, was er für Nicole empfand oder was er mit ihr machen sollte.

Als er ihre Schritte hörte, drehte er sich um. Sie betrat die geräumige Küche in Jeans und einem hellblauen T-Shirt, das vorne geknöpft war. Flüchtig betrachtete er ihre Brüste und richtete den Blick auf ihr Gesicht. Es war blass und hager. Die Augen waren vom Weinen gerötet und verquollen. Die Spuren der Trauer konnten ihrer Schönheit jedoch nichts anhaben.

Er räusperte sich. „Ich habe schon Eistee eingeschenkt. Vielleicht möchtest du aber lieber Limonade oder Kaffee.“

„Ich nehme den Tee“, erwiderte sie und setzte sich.

Er brachte das Tablett mit den Sandwiches an den Tisch und ließ sich ihr gegenüber auf den Stuhl sinken. „Du kannst zwischen Wurst und Schinken wählen.“

Sie griff nach einem Sandwich mit Wurst. „Im Kühlschrank stehen noch Schalen mit Essen und Süßspeisen, die Freunde in den letzten Tagen gebracht haben.“

„Ich weiß, aber ich mag nichts mehr davon.“

Nicole erging es wie ihm. Sie aß am liebsten etwas Einfaches. Noch mehr sehnte sie sich nach einem normalen Tagesablauf. Dabei wusste sie nicht einmal, wo von jetzt an ihr Zuhause war. Der Grund, aus dem sie sich auf der Plantage aufgehalten hatte, existierte nicht mehr.

Minutenlang aßen sie schweigend. Nicole starrte in den Garten hinaus. Zwischen den gepflegten Blumenbeeten stand ein rankenbewachsener Pavillon. Es gab auch einen Goldfischteich und mehrere Vogelbäder, die sich die Vögel mit den zutraulichen Eichhörnchen aus den Nussbäumen teilen mussten. Vor Simones Schlaganfall hatte Nicole zusammen mit ihrer Mutter der Pflege des Gartens viel Zeit gewidmet.

„Wie sehen jetzt deine Pläne aus?“

Logans Frage riss Nicole aus den Erinnerungen. „Pläne? Meine Mutter wurde eben erst begraben, und du fragst nach meinen Plänen?“

„Mir ist klar, Nicole, dass du nicht weiter nachdenken willst, doch es muss sein. Um deinetwillen.“

„Meinst du nicht eher um deinetwillen? Mir brauchst du nichts vorzumachen, Logan. Du fürchtest, ich könnte dir unerwünscht zur Last fallen. Aber beruhige dich. Ich kann für mich selbst sorgen.“

„Und wie willst du das machen? Wirst du heiraten?“

„Heiraten? Ganz sicher nicht! Wir leben zwar im Süden, aber nicht einmal du kannst glauben, dass eine Frau einen Ehemann braucht, um in dieser Welt zu überleben.“

Er richtete die grauen Augen nachdenklich auf ihr Gesicht. „Nein“, bestätigte er. „Aber vielleicht gibt es einen Mann in deinem Leben.“

„Bedaure. Ich war mit dem College und der Pflege meiner Mutter zu sehr beschäftigt, um Beziehungen zu knüpfen.“ Zumindest seit Bryce, dachte sie bitter.

Auch nach zwei Jahren schmerzte die Demütigung, die er ihr zugefügt hatte. Sie war auf seine angebliche Liebe und Bewunderung hereingefallen und hatte ernsthaft geglaubt, er wollte sie heiraten und den Rest seines Lebens mit ihr verbringen. Letztlich hatte sie herausgefunden, dass er nicht an einer Zukunft mit ihr interessiert war. Er hatte lediglich sein Vergnügen gesucht, und als sie ihm nicht entgegenkam, hatte er sie fallen lassen.

„Außerdem“, fügte sie hinzu, „weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt jemals heiraten werde.“

Logan betrachtete sie zweifelnd, sagte jedoch nichts.

Sie schob den letzten Bissen des Sandwiches in den Mund und sah ihn wieder an. „Vermutlich soll ich bald ausziehen.“

Logan lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Während sie schlief, hatte er den dunklen Anzug gegen ein kurzärmeliges Hemd und eine Jeans getauscht. Nicole lenkte den Blick von seinem ausdruckslosen Gesicht zu den nackten muskulösen Armen. Sie waren mit feinen schwarzen Haaren bedeckt. Am linken Handgelenk trug er eine teure Uhr, aber keine Ringe an den Fingern. Das überraschte sie nicht. Er war reich, zeigte es jedoch nicht. Gegen ihren Willen bewunderte sie ihn dafür.

„Wer hat davon gesprochen, dass du ausziehst?“

„Das war nicht nötig“, erwiderte sie überrascht. „Belle Rouge befindet sich jetzt eindeutig in deinen Händen.“ Nervös stand sie auf und trat an die offene Tür zur hinteren Veranda. Die Frösche und Grillen im Garten waren deutlich zu hören.

„Seit dem College hast du die Buchführung der Plantage übernommen, hat man mir erzählt.“

Sie warf ihm einen Blick zu. Er saß noch am Tisch. Hoffentlich blieb er dort. Seine Nähe verunsicherte sie. Außerdem sollte er nicht merken, wie stark er auf sie wirkte.

„Richtig. Warum? Willst du einen Buchprüfer engagieren, um sicher zu sein, dass ich kein Geld auf die Seite gebracht habe?“

„Nein. Ich möchte, dass du weiterhin die Buchführung machst, sofern du nichts anderes vorhast.“

Verblüfft drehte sie sich um. „Wie meinst du das? Diese Plantage …“

„Sie gehört zum Teil dir. Hast du das nicht gewusst?“

„Nein, ich hatte keine Ahnung“, sagte sie betroffen und kehrte zu ihm zurück. „Meinst du das ehrlich, oder ist das ein schlechter Scherz?“

Jetzt war Logan überrascht. Nicole hatte eindeutig nichts von dem Erbe gewusst. „Du hast keine Ahnung vom Testament meines Vaters? Es war nicht versiegelt. Du hättest es nach seinem Tod jederzeit lesen können.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nicht erwartet, dass ich darin erwähnt werde. Ich wusste nur, dass wir hier wohnen durften, solange meine Mutter am Leben war. Abgesehen davon war ich überzeugt, dass die Plantage dir gehört. Du bist das einzige Kind von Lyle McNally. Und seine beiden Ehefrauen leben nicht mehr.“

„Du vergisst, dass du seine Stieftochter warst“, hielt Logan ihr vor.

Nicole trat zu den Schränken und lehnte sich gegen die Theke. „Stiefkinder werden selten besonders bedacht. Außerdem habe ich nichts von Lyle erwartet. Er hatte mir doch schon ein schönes Zuhause und eine gute Ausbildung geboten. Das war viel mehr, als ich bekommen hätte, wären meine Mutter und ich allein geblieben. Das wissen wir beide.“

Ja, er wusste, dass Simone Carrington aus einer armen Familie aus Lafayette stammte. Sein Vater hatte sie in Natchitoches kennengelernt, wo sie in einem Diner als Kellnerin arbeitete.

„Mein Vater wollte, dass du mehr bekommst … oder ich weniger“, erwiderte Logan. „Das kannst du sehen, wie du willst. Jedenfalls gehört dir ein Viertel von Belle Rouge.“

Nicole traute ihren Ohren nicht. Sie wusste auch gar nicht, ob sie das hören wollte. Sie liebte Belle Rouge. Die Plantage war seit ihrem zwölften Lebensjahr ihr Zuhause. Doch ihre Mutter und ihr Stiefvater lebten nicht mehr, und nun fühlte sie sich wie ein Eindringling. In Logans Augen war sie das bestimmt.

Seufzend verließ sie die Küche, überquerte die Veranda und sank auf die schmiedeeiserne Bank, die einige Meter hinter dem Haus unter einer mächtigen Eiche stand.

Belle Rouge gehörte zum Teil ihr! Was sollte sie nun machen?

Nicole war so tief in Gedanken versunken, dass sie Logan erst bemerkte, als er sich zu ihr auf die Bank setzte. Sofort verkrampfte sie sich und wandte sich von ihm ab.

„Weinst du?“, fragte er rau.

„Nein.“ Sie war viel zu verwirrt, um sich ihrer Trauer hinzugeben.

„Was ist dann los?“, fuhr er erleichtert fort. „Willst du Belle Rouge verlassen? Hast du das vielleicht vor?“

„Nein“, sagte sie hastig und biss sich auf die Unterlippe. Sie sollte vor ihm nicht so offen sein. „Ich meine … also, ich habe an meine Mutter gedacht, an sonst nichts.“

Logan verwünschte seinen Vater dafür, dass er ihn in diese Lage gebracht hatte. Er wollte nichts mit Nicole Carrington zu tun haben. Weder finanziell noch gefühlsmäßig. Hielt er sich jedoch nicht an die Verfügungen des Testaments, verlor er womöglich Belle Rouge völlig.

„Bestimmt willst du, dass ich die Plantage verlasse“, fügte Nicole hinzu, bevor er etwas sagen konnte. „Mach dir keine Sorgen. Ich packe morgen. Das ist hoffentlich früh genug.“

Er wusste selbst nicht, wieso ihn der matte Klang ihrer Stimme berührte. Er hatte nie so getan, als würde er sie oder ihre Mutter mögen. Als er von Lyles Vorhaben erfuhr, Simone zu heiraten, war er überzeugt gewesen, dass diese Frau es auf das McNally-Vermögen oder sogar auf die Plantage abgesehen hatte. Um zu verhindern, dass sein Vater einen solchen Fehler beging, war er zu Simone gegangen und hatte ihr einen hohen Geldbetrag geboten, falls sie verschwand und nie wieder auftauchte.

Natürlich hatte Simone sich geweigert. Logan erinnerte sich noch heute daran, wie sie ihm den Scheck zurückgab. Ebenfalls nicht vergessen hatte er Nicole. Sie war unbemerkt in den Raum gekommen. Nie zuvor hatte ihn jemand so hasserfüllt angesehen wie sie.

Damals hatte Logan sich eingeredet, dass es ihm egal war, was die Carrington-Frauen von ihm hielten. Nach Lyles und Simones Heirat war er fortgegangen und nicht zurückgekehrt. Zumindest hatte er nicht mehr auf der Plantage gelebt. Nur um seines Vaters willen hatte er kurze Besuche gemacht, die jedoch stets zu Spannungen geführt hatten. Darum hatte er sich bemüht, seine Bindungen an Belle Rouge zu lösen. Trotzdem hatte er die Plantage und die darauf lebenden Menschen nicht vergessen. Und Nicole gehörte dazu.

„Ich möchte nicht, dass du packst“, erklärte er. „Du wirst hier wohnen. Und ich auch.“

Sie wandte sich ihm ruckartig zu und betrachtete ihn im schwachen Lichtschein. „Das ist nicht dein Ernst! Sag bitte, dass das ein Scherz ist.“

Er schüttelte entschieden den Kopf. „Scherze liegen mir nicht.“

„Nein, vermutlich nicht“, entgegnete sie spöttisch.

„Sieh mal, Nicole“, sagte er seufzend, „ich weiß, dass du dir einredest, ich würde dich verachten. Das stimmt aber nicht. Ich kenne dich nicht einmal richtig.“

„Versuche nicht, etwas zu beschönigen, Logan. Ich war zwar noch sehr jung, als du zu uns kamst und versucht hast, meine Mutter mit Geld abzufinden. Trotzdem erinnere ich mich deutlich. Du hast sie bewusst verletzt und beleidigt, indem du ihr Geld geboten hast, damit sie verschwindet und deinen Vater in Ruhe lässt. Das werde ich nicht vergessen, Logan. Niemals!“

„Ich versuchte nur, meinen Vater und unser Zuhause zu schützen“, entgegnete er.

„Indem du die Frau, die er liebte, vertreibst?“, fragte sie geringschätzig.

Sein Gesicht verschloss sich noch mehr. „Hast du jemals überlegt, wie ich mich gefühlt habe? Mein Vater wollte seine Geliebte heiraten und ihre … ihre …“

„Weiter, sprich es ruhig aus“, forderte sie ihn heraus, stand auf und stützte die Hände in die Hüften. „Du kannst mich gern ein uneheliches Kind nennen. Wenn du glaubst, das würde mich verletzen, irrst du dich gewaltig. Meine Mutter konnte nichts dafür, dass mein Vater ihr die Heirat versprach und sie dann doch verließ.“

Logan hatte nicht die Absicht gehabt, mit Nicole über die traurige Vergangenheit zu sprechen. Niemand konnte daran etwas ändern. Er nahm es allerdings auch nicht hin, dass sie ihn zum Bösewicht stempelte. „Wahrscheinlich hast du in dieser Hinsicht recht“, räumte er ein. „Aber sie hätte sich von meinem Vater fernhalten können. Er war verheiratet. Sie hat sich nicht daran gestört. Sie zerstörte die Ehe meiner Eltern und trieb meine Mutter in den Alkohol.“

„Deine Mutter hat schon lange vor unserem Auftauchen getrunken“, entgegnete Nicole gepresst. „Und dein Vater war das Leid. Deshalb wandte er sich meiner Mutter zu.“

„Das kannst du gar nicht wissen! Du warst damals noch ein Kind!“

„Ich war fast schon eine Jugendliche! Und später hat Lyle oft darüber gesprochen. Clara stammte aus Chicago. Das Leben hier im Süden war ihr zu langweilig. Sie hasste es und wollte wegziehen. Weil Lyle nichts davon wissen wollte, hasste sie ihn schließlich auch.“

„Das hat er dir eingeredet“, erwiderte Logan.

„Was bist du nur für ein Mensch!“, rief sie zornig. „Ich bleibe keinen einzigen Tag bei dir auf der Plantage!“

Damit drehte sie sich um und wollte zum Haus gehen, doch nach zwei Schritten hielt Logan sie am Arm fest.

„In den letzten zwei Tagen hatte ich den Eindruck, du wärst erwachsen geworden“, sagte er gepresst. „Aber das stimmt eindeutig nicht. Du benimmst dich immer noch so albern wie eine pubertäre Jungfrau, die …“

Sie riss sich von ihm los. „Es ist nicht albern, Jungfrau zu sein! Und je länger ich mit dir zusammen bin, desto entschlossener bin ich, mich niemals von einem Mann lieben zu lassen!“

Logan sah sie überrascht an. Er hatte das Wort gar nicht im sexuellen Sinn gemeint, sondern mehr auf ihre geistige Reife angespielt. Er war überzeugt gewesen, dass sie ihre Jungfräulichkeit schon längst aufgegeben hatte. „Nicole, du bist zweiundzwanzig. Du erwartest doch nicht, ich könnte glauben …“ Er unterbrach sich kopfschüttelnd. „Du hattest am College garantiert einen Liebhaber.“

„Du glaubst, ich wollte einen Liebhaber, nachdem meine Mutter in jungen Jahren so viel Schmerz und Erniedrigung erfahren hatte? Nein, vielen Dank“, fuhr sie ihn an. „Aber was deine Meinung von mir angeht, gebe ich dir sogar recht, Logan. Ich bin albern, weil ich meine Zeit damit verschwende, mit einem starrsinnigen und arroganten …“

„Hast du denn nicht gehört, was ich sagte?“, fiel er ihr ins Wort. „Du musst auf Belle Rouge bleiben, sonst …“

„Sonst verliere ich meinen Anteil? Nun, liebster Stiefbruder, ich habe eine Überraschung für dich. So sehr ich Belle Rouge auch liebe, werde ich doch auf mein Erbe verzichten. Bei dir zu leben, wäre nämlich die Sache nicht wert.“

Erneut wollte sie zum Haus gehen, doch Logan hielt sie wieder fest.

Nicole blickte auf seine Hand auf ihrer Schulter. „Ich will nicht, dass du mich berührst!“

„Warum?“, fragte er spöttisch. „Willst du gar nicht, dass ein Mann dich berührt?“

„Nein, und vor allem du nicht.“

Plötzlich vergaß Logan Belle Rouge und den Grund des Streits. Der Anblick von Nicoles schimmernden braunen Augen und feuchten Lippen forderte den Mann in ihm heraus. Ohne zu überlegen, zog er sie zu sich heran.

Sie prallte gegen ihn, und er schob die Hand in ihr Haar. Nicole versuchte vergebens, sich von ihm loszureißen.

„Lass mich los, Logan!“

„Warum? Weil du mich hasst?“

Sein spöttisches Lächeln ärgerte sie noch mehr. „Ja!“ Als er unerwartet lachte, hielt Nicole still, betrachtete sein Gesicht und erschrak darüber, wie gut es ihr gefiel. „Was ist denn so lustig? Lachst du mich aus? Oder denkst du, dass du mit mir spielen kannst?“

Anstatt zu antworten, strich er ihr das Haar aus der Stirn, sah ihr einige Sekunden in die Augen, ließ den Blick dann über ihr Haar, die Wangen und das Kinn wandern und richtete ihn endlich auf ihre Lippen.

„Vorhin wollte ich nicht glauben, du könntest tatsächlich noch Jungfrau sein“, sagte er leise. „Aber jetzt sehe ich, dass du keine Ahnung hast, wie es mit einem Mann ist.“

„Ich habe keine Angst vor dir“, flüsterte sie.

Er lächelte, und beim Anblick seiner blendend weißen Zähne lief ihr ein wohliger Schauer über den Rücken.

„Nein, du hast keine Angst.“ Er beugte sich zu ihr und küsste sie.

Nicole war so geschockt, dass sie nur still dastand und sich nicht wehrte.

Es war kein sonderlich langer Kuss, und doch bebte sie hinterher. Und sie fühlte Logans Lippen noch, nachdem er sich wieder zurückgezogen hatte.

„Zufrieden?“, fragte sie. „Lässt du mich jetzt los?“

Er war alles andere als zufrieden, und er wollte sie auch nicht loslassen. Doch dieses leichte Zittern in der Stimme machte sie so verletzlich, dass er völlig aus dem Gleichgewicht geriet und auf einen zweiten Kuss verzichtete.

Nach einem letzten Blick in ihre Augen löste er die Hand aus ihrem Haar. „Wir reden am Morgen weiter und bringen es zu Ende.“

Nicole begriff nicht, wieso es sich so gut anfühlte, von jemandem berührt und geküsst zu werden, der so schlecht war.

„Es ist zu Ende. Was mich betrifft, kannst du das als Abschiedskuss betrachten. Ich gehe weg. Belle Rouge gehört dir. Ich will nichts, vor allem dich nicht!“

Logan wollte sie tatsächlich in Ruhe lassen, doch diese Herausforderung war einfach zu viel. Als sie sich abwandte, hielt er sie an der Hand fest.

Nicole wehrte sich heftig, doch er drehte sie zu sich herum und nahm sie in die Arme. Seiner Kraft hatte sie nichts entgegenzusetzen.

„Wir sollten herausfinden, ob du das tatsächlich ernst meinst“, sagte er leise.

Sein wilder Blick machte ihr Angst, noch mehr aber ihre eigene Erregung. Als er die Lippen hart auf ihren Mund presste, konnte sie nur noch daran denken, wie sehr sie diesen Mann begehrte.

Logan hatte den Kuss als Strafe gedacht. Er wollte Nicole eine Lektion erteilen. Wenn sie ihn provozierte, spielte sie mit dem Feuer. Doch als ihre Lippen nachgaben und sich öffneten, vergaß er alles andere. Jetzt wurde es ein Kuss voll Verlangen, und Nicole reckte sich, kam ihm entgegen und schlang die Arme um seinen Nacken.

Erst als er Besitz von ihrem Mund nahm und sie leise stöhnte, merkte er, wie sehr sie beide die Beherrschung verloren hatten. Trotzdem kostete es ihn große Mühe, den Kuss abzubrechen.

Nicole schwankte leicht, als er sie von sich schob, und holte tief Atem. Bevor er sie noch einmal packte, ergriff sie die Flucht und lief so schnell wie möglich zum Haus.

Logan hielt sich weder für dumm noch für impulsiv, doch während er Nicole nachblickte, wurde ihm klar, dass er soeben beides gewesen war.

Jetzt musste er überlegen, wie er alles wieder hinbiegen konnte. Sie durfte Belle Rouge nicht verlassen, weder jetzt noch irgendwann.

2. KAPITEL

Als Nicole am nächsten Morgen die Augen öffnete, dämmerte gerade erst der neue Tag. Fahles Licht fiel durch die Blätter der Eichen ins Zimmer herein. Auf der Terrasse hörte sie Darcy, die Haushälterin, ein Lied über einen Mann singen, der eine Frau schlecht behandelt hatte.

Vermutlich gefiel es Logan nicht, schon so zeitig gestört zu werden. Es war ihr jedoch völlig gleichgültig, ob er ausschlafen konnte. Logan ging sie nichts mehr an.

Nicole war jetzt hellwach, stand auf und zog einen blauen Morgenmantel über ihr langes Nachthemd. Danach bürstete sie das Haar und hielt es mit einem weißen Band zusammen.

Direkt vor ihrem Zimmer warf Darcy schmutzige Wäsche in einen Korb. Die Haushälterin war groß und massig, und die grauen Locken fielen ihr meistens ungekämmt ins Gesicht und verdeckten die hellblauen Augen. Heute hatte sie das Haar jedoch auf dem Kopf hochgesteckt.

Die Haushälterin hatte für Lyle McNally schon gearbeitet, als Nicole und ihre Mutter nach Belle Rouge kamen. Darcy wusste alles über die Familie. Nicole hatte sie stets wie eine zweite Mutter geliebt.

„Guten Morgen, Darcy.“

Die Haushälterin lächelte fröhlich. „Nicole! Habe ich dich geweckt? Tut mir leid. Ich bin heute Morgen einfach gut aufgelegt. Da jetzt das Begräbnis vorüber ist, dachte ich, dass in das alte Haus vielleicht wieder Fröhlichkeit einzieht.“

„Ich weiß nicht, ob es hier jemals wieder fröhlich sein wird, Darcy“, erwiderte Nicole. „Aber ich hoffe es für dich.“

„Für dich auch“, erwiderte die Haushälterin. „Ich weiß, wie sehr du deine Mom geliebt hast und sie vermisst. Sie wollte aber bestimmt nicht, dass du nur dasitzt und trauerst.“

„Ich weiß“, erwiderte Nicole düster. „Aber im Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich jemals wieder glücklich sein werde.“

Darcy klopfte ihr auf die Schulter. „Gehen wir in die Küche. Ich mache dir Eier und Haferbrei.“

Nicole schüttelte den Kopf. „Gib dir keine Mühe. Ich bin nicht hungrig.“

Die Haushälterin lächelte geduldig. „Das ist keine Mühe, Schatz. Der Haferbrei ist noch von Mr Logans Frühstück warm.“

„Logan hat schon gefrühstückt?“

Darcy nickte. „Er hat das Haus vor wenigen Minuten verlassen. Er wollte zu den Feldern fahren, ich weiß aber nicht, warum. Im Moment sind sie so schlammig, dass man sie gar nicht betreten kann.“

„Vielleicht will er sich sein Erbe ansehen“, erwiderte Nicole trocken und ging die steile Treppe hinunter. „Ich nehme nur Kaffee und Brötchen. Heute Morgen habe ich viel zu tun.“

„Und was?“ Darcy griff nach dem Wäschekorb und folgte ihr. „Du solltest dich lieber einige Tage ausruhen.“

„Das geht nicht. Ich muss packen und mir eine Wohnung suchen.“

„Wovon sprichst du, Schatz? Du wohnst auf Belle Rouge. So war das, seit ich dich kenne.“

„Stimmt, Darcy, aber seit Mutters Tod hat sich einiges geändert. Die Plantage gehört jetzt Logan. Du weißt, dass ich mit diesem Mann nicht unter einem Dach leben kann.“

In der Küche duftete es nach Kaffee und gebratenem Schinken. Nicole schenkte sich eine Tasse ein und trat an den Herd, auf dem Darcy Buttermilch-Brötchen vorbereitet hatte.

Sie legte zwei Brötchen auf einen Teller und setzte sich an den Tisch, an dem sie am Vorabend mit Logan die Sandwiches gegessen hatte. Während sie die Brötchen mit Butter und Zuckersirup bestrich, versuchte sie, den Vorfall zu verdrängen. Sie hatte völlig gegen ihre Natur gehandelt. Und sie musste darauf achten, dass es nie wieder dazu kam.

„Logan wohnt nicht mehr hier, seit er ein junger Mann war.“ Darcy polierte die ohnedies saubere Arbeitsplatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf der Plantage glücklich wird, nachdem er so lange in Shreveport gelebt hat.“

Nicole seufzte. „Das dachte ich auch, aber gestern Abend sagte er, dass er bleibt. Wahrscheinlich ist ihm die Erbschaft zu Kopf gestiegen.“

Darcy warf den Putzlappen in die Spüle und stemmte die Hände in die breiten Hüften. „Kann schon sein, aber Mr Lyle würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, dass du fort willst.“

Nicole biss in ein Brötchen. „Dann muss er sich eben umdrehen, weil ich einfach nicht mit Logan leben kann.“

Schon gar nicht, nachdem sie ihm in die Arme gesunken war! Was er jetzt wohl von ihr dachte? Wahrscheinlich vermutete er, dass sie ihn aus Geldgier verführen wollte. Seiner Meinung nach hatte ihre Mutter das mit seinem Vater gemacht.

Besorgt setzte Darcy sich zu Nicole. „Schatz, denk noch einmal gründlich nach. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, dass Logan hier ist. Außerdem bleibt er meiner Meinung nach nicht lang. Er hat viel von seiner Mom in sich. Auf Belle Rouge war es ihr zu ruhig, und ihm wird es nicht anders ergehen. Vor allem gibt es hier keine Frauen für ihn.“

„Du stellst ihn geradezu als Frauenhelden hin. Ist er so?“

Darcy zuckte die Schultern. „Eigentlich weiß ich das nicht aus eigener Erfahrung, aber ich habe es gehört. Der Mann ist immerhin vierunddreißig Jahre alt und hat noch nicht geheiratet. Sieht so aus, als hätte er nur Spaß gesucht.“

„Oder er mag Frauen nicht“, entgegnete Nicole.

„Und ich mag keinen Fisch und keine Kartoffelpuffer“, sagte Darcy lachend.

Nicole aß weiter und redete sich ein, dass es ihr völlig gleichgültig war, wie viele Frauen dieser Mann schon gehabt hatte. Ganz sicher wollte sie sich nicht in diese lange Liste einreihen. Er hatte sie gestern Abend in einem kritischen Moment überrumpelt, und sie hatte kurzzeitig den Verstand verloren. Doch dieser Fehler würde sich nie wiederholen.

Nach dem letzten Bissen nahm sie einen Schluck von dem starken Kaffee. „Höchste Zeit zum Packen.“ Als Darcy die Lippen aufeinander presste, griff Nicole nach ihrer Hand. „Mach dir keine Sorgen, Darcy. Du wirst deine Stelle nicht verlieren. Logan weiß, dass niemand so gut wie du auf das Haus aufpasst.“

„Das ist mir gleichgültig“, erwiderte die Haushälterin. „Ich finde immer eine andere Arbeit. Aber dieses alte Haus wäre nicht mehr, was es ist, wenn du nicht hier bist. Wenn du gehst, will ich auch nicht bleiben.“

„Ach, nicht, Darcy! Es ist ohnedies schon schlimm genug!“ Nicole stand rasch auf und verließ die Küche, damit die Haushälterin ihre Tränen nicht sah.

Eine Stunde später hatte Nicole einen Schrank geleert und packte den Inhalt sorgfältig in Kartons. Um nicht völlig in einer Depression zu versinken, summte sie bei der Arbeit.

So ist es besser, sagte sie sich. Nichts bleibt ewig unverändert. Und es bringt nichts, hier zu bleiben und sich an einen Teil von Belle Rouge zu klammern. Logan hätte garantiert dafür gesorgt, dass sie sich nicht wohlfühlte. Nein, es hatte keinen Sinn.

Sie holte soeben die letzten Schuhkartons aus dem Ankleidezimmer, als es an der Schlafzimmertür klopfte.

„Ich bin im Ankleidezimmer, Darcy!“, rief sie. „Hast du noch Kartons gefunden?“

Die Haushälterin antwortete nicht. Nicole dachte schon, sich nur etwas eingebildet zu haben, als sie hinter sich eine Männerstimme hörte.

„Was machst du da?“, fragte Logan. Er stand in der Tür und trug ein verwaschenes rotes T-Shirt zu einer alten Jeans.

Nicole ließ ungewollt den Blick über seinen schlanken Körper wandern, bevor sie so rasch aufstand, dass ihr schwindelig wurde. „Ich …“ Sie stützte sich an der Wand ab. „Ich packe. Was hast du gedacht?“

„Dass du dich zum Narren machst.“

„Behauptest du“, sagte sie gepresst und trat auf ihn zu. „Wenn du erlaubst. Ich habe viel zu tun. Würdest du mich bitte vorbei lassen?“

Er stützte sich links und rechts gegen den Türrahmen. „Nein. Wir sprechen jetzt, du da drinnen und ich hier draußen.“

Es fiel Nicole nicht, dass er sie in die Enge getrieben hatte. Selbst in einem großen Raum fühlte sie sich von ihm bedrängt. In dem kleinen Zimmer bekam sie kaum Luft.

„Wir haben nichts mehr zu besprechen, Logan. Gestern Abend wurde schon alles gesagt.“ Sie konnte ihn nicht direkt ansehen, weil es ihr peinlich war, wie sie ihn geküsst hatte.

„Nein“, wehrte er ab. „Nur du hast viel gesagt, aber du hättest mir zuhören sollen.“

„Ich hätte dir bestimmt zugehört, wäre es die Mühe wert gewesen.“

Er betrachtete ihr zerzaustes Haar und das ungeschminkte Gesicht. „Du hast ein freches Mundwerk, nicht wahr, Mädchen?“, fragte er leise.

„Zu deiner Information – ich bin schon ziemlich lange kein Mädchen mehr.“

Logan lächelte amüsiert. „Wärst du die erwachsene Frau, für die du dich offenbar hältst, würdest du nicht packen.“

Sie lachte abfällig. „Es überrascht mich, dass du nicht eine Flasche Champagner öffnest. Es muss für dich doch wundervoll sein, die Carringtons endlich loszuwerden.“

„Ich habe dir gestern Abend gesagt, dass du bleiben sollst. Und das gilt auch jetzt noch.“ Während er es sagte, fragte er sich bereits, ob er den Verstand verloren hatte. Dabei war ihm das noch nie wegen einer Frau passiert – schon gar nicht nach der Lektion, die Tracie ihm erteilt hatte.

Er lernte die Grundstücksmaklerin kurz nach der Hochzeit seines Vaters kennen. Damals hatte er sich von seiner Familie und von Belle Rouge gelöst. Aus Einsamkeit war er für Tracies sagenhaftes Aussehen und ihre geistreiche Art empfänglich gewesen. Er zog sogar bei ihr ein und ahnte nicht, dass sie verheiratet war und ihr Mann sich außer Landes aufhielt. Das änderte sich erst, als er Tracie bat, ihn zu heiraten.

Bis heute hatte er die Demütigung nicht vergessen. Der Gedanke an Tracie genügte, um seinen Entschluss zu festigen, niemals eine Frau so sehr zu brauchen oder zu begehren, dass seine Welt auf den Kopf gestellt wurde. Trotzdem hatte er gestern Abend unter der Eiche alles vergessen. Er hatte Nicole dermaßen begehrt, dass es ihn noch jetzt verblüffte.

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, Logan, worauf du hinauswillst, aber ich werde dir nie glauben. Du willst mich nicht hier haben.“

„Ich war seit vier Jahren nicht mehr auf der Plantage. Woher willst du mich so genau kennen?“

Sie wünschte sich, er würde die Tür freigeben, damit sie den Raum verlassen konnte. Je länger er redete, desto mehr fühlte sie sich eingeengt. Und wäre er noch näher gekommen, hätte sie nicht ausweichen können.

„Sieh mal, Logan, es hat keinen Sinn, um den heißen Brei zu reden. Du magst mich nicht, und ich mag dich nicht. Mir ist klar, dass dies die Plantage deines Vaters ist. Trotz seines großzügigen Testaments gehört sie rechtmäßig dir. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich verlange nur, dass du mir jetzt aus dem Weg gehst.“

Er betrachtete ihr Gesicht so lange, bis sie rot wurde. „Du überlässt alles mir?“, fragte er. „Nachdem du hier so lange gelebt hast? Das glaube ich nicht.“

„Weil du nicht begreifst, dass ich nicht wie du bin, Logan“, erwiderte sie bedauernd. „Geld ist für mich nicht das Wichtigste im Leben.“

„Denkst du so über mich?“, fragte er neugierig. „Hältst du mich für geldgierig?“

„Ich halte dich für vieles, Logan. Ja, du hattest immer Geld, und es wird für dich auch immer wichtig sein.“

Er war enttäuscht. Es stimmte, dass er Geld mochte. In den letzten zehn Jahren hatte er sogar hart gearbeitet, um viel zu verdienen. Trotzdem ärgerte es ihn, dass sie so über ihn dachte.

„Wenn du nicht auf der Plantage bleibst, wohin willst du dann?“, fragte er. „Hast du denn Geld?“

„Meine finanziellen Angelegenheiten gehen dich nichts an.“

„Doch, tut mir leid.“

„Wie bitte?“, entgegnete sie ungläubig.

„Das Geld, das dir aus dem Gewinn der Plantage zufiel, wurde von deiner Mutter kontrolliert, nicht wahr?“

„Das stimmt, aber Mutter lebt nicht mehr.“

„Wenn du auf deinen Anteil an Belle Rouge verzichtest, verlierst du dieses Einkommen. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, kontrolliere ich jetzt dieses Geld. Dabei bleibt es, bis du heiratest oder fünfundzwanzig wirst.“

Das war für sie ein Schock. „Das kann doch nicht wahr sein! Nur weil Mutter tot ist, hast du nicht das Recht, meine Finanzen zu kontrollieren!“

„Bedaure, du irrst dich. Mein Vater sorgte dafür, dass du einen Beschützer hast, bis du alt genug bist, um finanzielle Entscheidungen selbst zu treffen. Und im Moment bin ich dieser Beschützer.“

Wenn Logan recht hatte, konnte sie nicht ausziehen. Dann musste sie sich zuerst Arbeit suchen und Geld verdienen, um nicht von der Dividende abzuhängen, die sie durch die Plantage bezog. Und das konnte Monate dauern.

„Wieso hast du mir das nicht schon gestern gesagt?“, fragte sie zornig.

„Ich habe es versucht, aber du wolltest mir nicht zuhören.“

Vom gestrigen Abend erinnerte sie sich nur an seine hasserfüllten und herabsetzenden Worte und den Kuss, der sie um den Verstand brachte. „Was wirst du nun machen? Du gestehst mir doch bestimmt genug Geld zu, dass ich mir eine eigene Wohnung nehmen kann.“

Als er den Kopf schüttelte, geriet Nicole in Panik.

„Du brauchst keine eigene Wohnung“, erklärte er. „Dein Zuhause ist hier.“

Sie wollte ihm ihren Zorn entgegenschreien, begriff jedoch schlagartig eines: Es hatte keinen Sinn, mit Logan McNally zu diskutieren. Er ließ sich durch nichts beeinflussen.

„Willst du dir nicht von der Seele reden, was dich bedrückt?“, fragte er, als sie ihn nur stumm ansah.

„Geh bitte zur Seite und lass mich aus der Garderobe.“

Er hatte sich auf Vorwürfe, Drohungen und sogar Tränen eingestellt. Ihre Ruhe überraschte ihn. Vielleicht war Nicole Carrington doch stärker als vermutet.

Nachdem er die Tür freigegeben hatte, ging Nicole an ihm vorbei und packte weiter.

„Was machst du nun?“, fragte Logan.

„Das sage ich dir, sobald ich mit dem Anwalt gesprochen habe.“

„Wie du möchtest“, meinte er lässig. „Du kannst mit Anwälten reden, so viel du willst. Jeder wird dir raten, hier zu bleiben.“

Sie warf einen Stapel T-Shirts in einen Karton mit Jeans. „Ach ja, wirklich?“

Logan sah zu, wie sie hastig Kleidungsstücke zusammenfaltete und wahllos in Kartons warf. Sie arbeitete zielstrebig. Offenbar hatte er sie nicht davon abgebracht, Belle Rouge zu verlassen. Sie wollte unbedingt weg von ihm.

„Nicole, ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten. Auch wenn es schlecht begonnen hat, kann es zwischen uns klappen.“

Sie ließ eine Bluse fallen und drehte sich zu ihm um. Logan blickte in ihre braunen Augen und achtete bewusst nicht auf die rosigen Lippen. Trotzdem hatte er den Kuss nicht vergessen.

„Warum solltest du dein Zuhause mit mir teilen?“, fragte sie. „Worum geht es dir wirklich, Logan? Wir wissen beide, dass du mich nicht im Haus haben willst. Warum drängst du mich zu bleiben? Dabei springt für dich etwas heraus. Es geht dir nicht um mein Wohl.“

Als Professor an der Louisiana State University hatte Logan mit etlichen mächtigen Männern zu tun gehabt, die ihm das Leben hätten schwer machen können. In ihrer Gegenwart hatte er sich nie unsicher gefühlt. In diesem Moment hielt er Nicoles Blick jedoch kaum stand.

„Hältst du mich für ein Ungeheuer, Nicole? Ich will dich nicht auf die Straße werfen!“

„Sicher, du erträgst mich lieber, damit die Leute dich nicht für herzlos halten.“

„Aber du hältst mich für herzlos“, schloss er und unterdrückte den Wunsch, sie zu berühren.

„Ich halte dich nicht dafür, sondern ich weiß, dass du es bist. Sei ehrlich, Logan. Warum soll ich bleiben?“

Wie konnte er zu ihr ehrlich sein? Die halbe Nacht hatte er überlegt, wie er wirklich zu Belle Rouge und Nicole stand. Letztlich war es ihm nicht gelungen, die beiden voneinander zu trennen. Ob es ihm gefiel oder nicht, Nicole gehörte mittlerweile zur Plantage.

Seufzend schob er die Hände in die Hosentaschen und trat ans Fenster. Während er in den Garten blickte, tauchten alte Erinnerungen auf. Der Geruch frisch gepflügter Felder, das Zuckerrohr, das dicht und grün dem Himmel entgegenwuchs, die Nussbäume, deren Äste sich unter der Last der Nüsse bogen, der träge dahinströmende Fluss. In Shreveport hatte er nur selten an sein Zuhause gedacht. Erst auf Belle Rouge merkte er, wie sehr ihm die Plantage gefehlt hatte.

„Hättest du mir gestern Abend zugehört, anstatt zu fauchen und zu kratzen …“

Er warf ihr einen Blick zu, doch Nicole achtete nicht mehr auf ihn, sondern auf eine kleine Spieldose in ihrer Hand.

„Nicole, was ist?“

Sie blickte so verloren und traurig hoch, dass Logan ihr nicht noch mehr Neuigkeiten zumuten konnte. Es ging jedoch nicht anders. Trotz des ungünstigen Zeitpunkts musste sie verstehen, was Lyles Testament für sie beide bedeutete.

„Es … tut mir leid. Ich war … mit den Gedanken woanders“, sagte sie heiser und verstaute die Spieldose behutsam zwischen den Kleidungsstücken.

„Hat die Spieldose für dich eine besondere Bedeutung?“

„Meine Mutter schenkte sie mir zum Geburtstag, kurz nachdem wir hier eingezogen waren. Wie lange das schon her ist.“

Logan hätte Nicole am liebsten in die Arme genommen, um sie zu trösten. Er stand im Ruf, hart zu sein, und er brachte für gefühlsbetonte Leute nur wenig Geduld auf. Doch sie war so einsam und traurig, dass es ihn berührte.

„Der Schmerz über den Verlust wird nachlassen. Warte ab, Nicole.“

Sie sah ihn an, als könnte sie nicht glauben, dass er ihr Mitgefühl zeigte. „Du weißt nicht, was ich empfinde. Simone war nicht nur meine Mutter, sondern auch meine beste Freundin.“

„Du vergisst, dass ich beide Elternteile verloren habe.“

Daran wollte Nicole nicht denken, weil Logan damals Simone den Tod seiner Mutter angelastet hatte. Das war natürlich Unsinn. Clara war betrunken gegen einen Brückenpfeiler gefahren. Trotzdem hatte Logan behauptet, seine Mutter hätte nicht getrunken, hätten Simone und Lyle keine Affäre miteinander gehabt.

„Ja, ich weiß“, sagte sie seufzend und ging zur Garderobe zurück.

Logan hielt sie am Arm fest. „Lass doch das Packen! Du bleibst.“

Sie blickte auf seine Hand und dann in sein hartes Gesicht. Sie wollte ihn für seine Arroganz und den Mangel an Verständnis für ihre Gefühle hassen. Doch gestern Abend hatte sie eine Seite von ihm kennengelernt, die sie nicht vergessen konnte.

„Du hast mir noch immer keinen guten Grund zum Bleiben genannt.“

Er atmete tief durch und ließ den Blick über ihr Gesicht, den Hals und die Lippen wandern.

„Ich habe dir sogar mehrere genannt. Der wichtigste ist, dass Belle Rouge seit Jahren dein Zuhause ist und du deshalb gar nicht fort willst.“

„Du hast recht“, räumte sie ein. „Ich wollte nicht fort, bis ich erfuhr, dass du bleibst.“

„Ich habe gar keine andere Wahl.“

Plötzlich ertrug sie den Blick aus seinen grauen Augen nicht und drehte sich zu den Kartons auf dem Bett um. „Ich habe auch keine andere Wahl. Wenn du bleibst, muss ich gehen.“

„Du hasst mich wirklich.“

Sie wandte sich wieder um und betrachtete sein markant geschnittenes Gesicht. Vielleicht war sie verrückt, aber für einen Moment glaubte sie, Bedauern in seinen Augen zu erkennen. Doch es wäre dumm von ihr gewesen, diesem Mann gegenüber weich zu werden.

„Meine Mutter hat mir beigebracht, niemanden zu hassen. Das schließt dich ein, Logan. Sie wollte, dass ich dir verzeihe und vergesse, was du uns antun wolltest.“

„Sie hat mich einmal angerufen“, erklärte er. „Das war kurz nach der Heirat mit Dad. Sie wollte, dass wir die Vergangenheit vergessen und neu anfangen.“

„Warum hast du das nicht gemacht?“, fragte Nicole.

„Ich dachte, Dad hätte sie zu dem Anruf gedrängt. Ich glaubte nicht, dass sie mir wirklich verziehen hätte. Du hast es jedenfalls nicht getan.“

„Das stimmt allerdings. Ich habe dir nicht verziehen. Und ich ertrage es nicht, mit dir immer wieder darüber zu streiten. Und das würde passieren, falls ich bleibe.“

Er hoffte inständig, dass sie sich irrte, weil er diese feindselige Stimmung nicht ertragen hätte.

„Also gut, Nicole, ich werde es dir erklären. Mein Vater hat dir und mir jeweils ein Viertel der Plantage hinterlassen.“

Ihres Wissens nach hatte Lyle keine anderen Verwandten. „Je ein Viertel? Wer bekommt die andere Hälfte?“

„Unsere Ehepartner.“

„Unsere Ehepartner?“, wiederholte sie betroffen. „Keiner von uns ist verheiratet.“

„Allerdings, aber so hat es mein Vater bestimmt.“

Sie überlegte eine Weile, bevor sie sagte: „Also, ich sehe noch immer kein großes Problem. Ich überschreibe dir einfach meine beiden Viertel.“

Logan schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht.“

„Wieso nicht? Es geht um meinen Anteil. Damit kann ich doch machen, was ich will.“

„Erstens müssen wir beide für die nächsten sechs Monate hier wohnen, sonst fällt die Plantage als historisches Denkmal an den Staat Louisiana.“

Allmählich begriff Nicole, wurde zornig und fühlte sich hintergangen.

„Jetzt endlich kommen wir zum Kern der Sache“, hielt sie ihm vor. „Wenn ich nicht hier wohne, verliere nicht nur ich meinen Anteil an Belle Rouge, sondern du auch den deinen.“

„Tut mir leid, so hat mein Vater nun einmal die Karten verteilt. Mir ist klar, dass du darüber so wenig glücklich bist wie ich.“

„Glücklich?“, rief sie. „Wahrscheinlich werde ich nie wieder glücklich sein. Was hat Lyle sich dabei bloß gedacht? Und wieso ließ meine Mutter überhaupt zu, dass er ein dermaßen unsinniges Testament aufsetzt?“

In den zurückliegenden Jahren hatte Lyle oft darauf gedrängt, dass Logan heimkam. Sie alle sollten eine Familie bilden. Logan hatte sich geweigert, weil er sich als Außenseiter fühlte. „Deine Mutter und mein Vater nahmen vermutlich an, wir würden Frieden schließen, wenn wir unter einem Dach leben müssen.“

„Das ist verrückt.“ Nicole wandte sich ab. „Außerdem hat er nicht mit seinem baldigen Tod gerechnet, als er das Testament schrieb. Und was wäre denn gewesen, wenn jeder von uns bereits verheiratet wäre? Dann könnten wir nicht alle in diesem Haus leben. Lyle hätte das bedenken müssen.“ Nicole trat ans Bett. „Ich glaube, dein Vater war nicht mehr klar bei Verstand!“ Sie sah Logan erwartungsvoll an. „Glaubst du, dass du etwas gegen das Testament unternehmen kannst?“

„Du meinst, weil mein Vater angeblich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, als er es schrieb? Nein, das tue ich ihm nicht an … obwohl es ein verlockender Gedanke ist“, gestand er.

„Ich könnte das auch nicht“, gestand Nicole, schob einen Stapel Kleidung beiseite und setzte sich auf das Bett.

„Was machst du nun?“, fragte er.

Was blieb ihr denn übrig? Logan kontrollierte ihr Geld, und wenn sie nicht blieb, fiel Belle Rouge an den Staat. „Was kann ich schon machen?“

Er zuckte die Schultern, als würde die Entscheidung tatsächlich bei ihr liegen. In Wahrheit hätte er nicht kampflos auf die Plantage verzichtet. Nicole wusste nur nicht, warum er den Besitz haben wollte – ob es um das Geld oder sein Zuhause ging.

„Nicole, ich habe das alles nicht eingefädelt. Sieh mich also nicht an, als wäre ich hinterrücks mit einem Messer auf dich losgegangen.“

„Du bist ein kluger Geschäftsmann, Logan. Du findest bestimmt eine Lösung für unsere Lage.“

Er trat vor sie hin. Als sie zu ihm hochblickte, vergaß er Belle Rouge und kannte nur noch den Wunsch, sie auf das Bett zu drücken und ihr zu zeigen, wie es war, von einem Mann geliebt zu werden. Von ihm.

„Ich kann nichts machen. Und komm gar nicht erst auf die Idee, wir sollten nur so tun, als würden wir auf der Plantage leben. Dads Anwalt wird das überprüfen lassen. Und zwar oft.“

Sie schloss die Augen, als ihr die ganze Tragweite bewusst wurde. „Ich kann nicht glauben, dass Lyle so hinterlistig war.“

„Oder so großzügig“, fügte Logan hinzu. „Vergiss das nicht. Du hast schließlich gedacht, gar nichts zu bekommen.“

Als sie die Augen öffnete, stockte ihr der Atem. Sie sah Logan an, dass er in Gedanken nicht ausschließlich mit Belle Rouge beschäftigt war. Ob er sich an den Kuss erinnerte? Oder war dieser Vorfall für ihn bedeutungslos?

„Ich habe bisher gar nichts bekommen“, erwiderte sie knapp. Selbst wenn er noch an den Kuss dachte, musste sie ihn vergessen.

„Du wirst, sofern du bleibst.“

„Sechs Monate?“ Nicole seufzte. „Bei dir? Das ist unmöglich. Außerdem könnte ich in der Zeit heiraten.“

Logan ließ sich nicht anmerken, wie wenig ihm diese Vorstellung gefiel. „Nicole, ich habe in den letzten Tagen über alles nachgedacht. Und ich habe eine Lösung für unsere Probleme gefunden.“

„Tatsächlich?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Wieso hast du das nicht gleich gesagt?“

„Weil du zuerst alle Bedingungen des Testaments erfahren solltest.“

Als er nicht weitersprach, fragte sie vorsichtig: „Warum?“

„Damit du begreifst, dass mein Vorschlag die einzig logische Schlussfolgerung ist.“

„Irgendwie hört sich das bedrohlich an.“

Logan runzelte die Stirn. „Ich bin überzeugt, dass du es so sehen wirst.“

„Warum?“ Nicole bekam Herzklopfen. „Was sollten wir denn deiner Meinung nach tun?“

„Heiraten.“ Er richtete die grauen Augen kühl auf sie. „Und zwar wir beide.“

3. KAPITEL

Nicole sprang auf. „Hast du den Verstand verloren? Wir hassen uns doch!“

Logan lächelte spöttisch. „Gestern Abend hast du dich nicht aufgeführt, als würdest du mich hassen.“

„Gestern Abend war ich nicht ganz bei mir.“ Sie wollte an ihm vorbeigehen, doch er legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Nicole, eines solltest du wissen. Dieser Vorfall unter der Eiche hatte nichts damit zu tun, dass wir heiraten.“

Sie wich seinem Blick aus. „Ich werde dich auf gar keinen Fall heiraten.“

„Nicht einmal, um Belle Rouge zu retten?“, fragte er leise.

Das Bedauern, das sie in seinem Gesicht fand, verwirrte sie. Es sollte ihr gleichgültig sein, ob er enttäuscht war oder litt. Das war es allerdings nicht.

„Ich kann nicht glauben, dass du dermaßen an der Plantage hängst.“

Logan ließ den Blick über ihr sanftes Gesicht gleiten. „Sie ist mein Zuhause.“

„Du warst seit vier Jahren nicht mehr hier“, erinnerte sie ihn. „Aber hinter deinem Interesse an Belle Rouge steckt ja auch keine Sentimentalität. Es geht nur um Geld.“

„Warum ich Belle Rouge behalten will, ist meine Sache“, entgegnete er gereizt. „Die Plantage ist so viel wert, dass du dumm wärst, darauf zu verzichten, nur weil du mich nicht magst.“

„Geld ist nicht alles.“

„Das stimmt“, erwiderte er und ließ den Blick über sie wandern.

Obwohl sie gleichgültig bleiben wollte, setzte tief in ihr ein Prickeln ein. „Du verlangst, dass ich meinen Körper, meinen Stolz und meine Selbstachtung verkaufe!“

„Ich verlange gar nichts. Es wird sich um eine reine Zweckehe handeln. Nach sechs Monaten lässt du dich von mir scheiden und gehst deiner Wege. Belle Rouge gehört dann mir, und du hast genug Geld zum Leben.“

Das klang so logisch, praktisch und kalt, dass Nicole fröstelte. „Du meinst, wenn ich deine Frau werde, kann ich dir nach sechs Monaten meine zwei Viertel der Plantage rechtmäßig überschreiben?“

„Ja, und ich würde dir dafür den Marktwert deiner Anteile auszahlen. Was ist dagegen einzuwenden?“

Nichts, wäre er nicht Logan gewesen. Doch er hatte ihre Mutter beleidigt und verletzt und war zehn Jahre lang seinem Vater mehr oder weniger ausgewichen. Wie konnte Nicole den Schmerz vergessen, den er den Menschen, die sie liebte, zugefügt hatte? Noch weniger konnte sie den gestrigen Kuss vergessen – und ihre Reaktion darauf.

„Ich kann mich jetzt nicht entscheiden, sondern muss über alles nachdenken.“

Erst in diesem Moment merkte Logan, dass er sie noch immer an der Schulter festhielt. Er zog die Hand jedoch nicht zurück, weil er die Berührung genoss.

„Was gibt es da zu überlegen?“

„Ich kenne deine Einstellung nicht, Logan, aber für mich ist Heirat ein ernster Schritt. Ich weiß nicht, ob wir unter demselben Dach leben können, schon gar nicht, nachdem wir uns so … geküsst haben.“

„Ich sagte doch, dass das nichts mit der Heirat zu tun hatte“, versicherte er. „Du brauchst keine Angst zu haben, es könnte sich wiederholen. Darauf werde ich achten.“

„Willst du das?“

„Ja. Nein. Verdammt“, sagte er leise, und bevor er sich zurückhalten konnte, schob er die Hand in ihren Nacken.

Nicole riss die Augen weit auf, als er sie sachte zu sich heranholte. „Logan …“

Als sie seinen Namen flüsterte, verschwand der gebannte Ausdruck aus seinen Augen. Ruckartig zog er die Hand weg, drehte sich um und ging zur Tür.

„Ich schicke Darcy herauf, damit sie dir hilft, dein Zimmer wieder in Ordnung zu bringen“, sagte er schroff und trat auf den Korridor hinaus, bevor Nicole antworten konnte.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, zitterten ihre Beine, und ihr Herz hämmerte heftig. Logan wollte sie zu seiner Ehefrau machen, wenn auch nur auf dem Papier. Noch vor wenigen Sekunden hätte sie jedoch geschworen, dass er sie in erster Linie lieben wollte.

Was bedeutete das? Auch wenn sie nie eine Familie gebildet hatten, war Logan ihr Stiefbruder. Sie konnte ihn sich nicht als ihren Ehemann vorstellen. Trotzdem konnte sie sich kaum davon abhalten, ihm nachzulaufen und ihn um einen Kuss anzuflehen.

Sie durfte nicht vergessen, dass Logan ein McNally und sie eine Carrington war. Schon einmal hatte eine Verbindung zwischen den beiden Familien zur Katastrophe geführt. Eine zweite Verbindung musste Belle Rouge vernichten – und letztlich auch sie beide.

„Es tut mir leid, Miss Carrington, aber als Lyles Testamentsvollstrecker ist es meine Pflicht, darauf zu achten, dass alles nach seinen Wünschen ausgeführt wird. Ich kann seine Anweisungen nicht ändern, auch wenn ich verstehe, in welch schwierige Situation Sie dadurch geraten.“

Nicole hätte den lächelnden Anwalt am liebsten angeschrien. Der Mann mittleren Alters hatte gar keine Ahnung, in welcher Lage sie sich befand. Vermutlich war es ihm auch völlig gleichgültig, solange er sein Honorar bekam.

„Nun, um ehrlich mit Ihnen zu sein, Mr Thorndyke“, entgegnete sie, „würde Belle Rouge nicht an den Staat fallen, hätte ich schon vor einer Woche die Plantage verlassen.“

Schlagartig hörte er zu lächeln auf. „Bestimmt zählte Lyle auf Ihre Liebe zur Plantage, um sie dort festzuhalten. Und wenn Sie darüber nachdenken, Miss Carrington, ist es nicht zu viel verlangt. Überlegen Sie, was Sie dafür alles bekommen. Allein schon die Gewinne aus dem Verkauf der jährlichen Zuckerrohrernte sind beträchtlich. Das Gleiche gilt für die Nussernte. Das Wohnhaus müsste renoviert werden, aber der Wert ist enorm, sollte es auf dem Immobilienmarkt angeboten werden. Alles in allem sollten Sie die Erbschaft nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Nicole war völlig klar, um wie viel Geld es ging. Trotzdem gab es Dinge, die mehr wert waren – Stolz, Selbstachtung und vor allem innerer Friede.

Seit Logan vor einer Woche eine Heirat als Lösung des Problems vorgeschlagen hatte, war Nicole ihm sorgfältig aus dem Weg gegangen. Sie hatte sich die meiste Zeit in ihrem Zimmer oder im Freien aufgehalten. Trotzdem hatte sie abends mit ihm essen und sich dabei gequält unterhalten müssen. Und ständig hatte sie sich gefragt, wann er auf eine Entscheidung über seinen Antrag drängen würde.

Sie hatte schon genug Zeit in dem Anwaltsbüro verschwendet, griff nach der Handtasche und stand auf. „Glauben Sie mir, Mr Thorndyke, ich nehme nichts auf die leichte Schulter.“

Der Anwalt erhob sich höflich und brachte sie zur Tür. „Freut mich zu hören. Ich würde es bedauern, sollten Sie Ihre Ansprüche an der Plantage verlieren. Und Mr McNally möchte selbstverständlich auch nicht auf seinen Besitz verzichten. Als ich vor einigen Tagen mit ihm sprach, sorgte er sich sehr um Ihre Bedürfnisse.“

Das konnte Nicole sich kaum vorstellen. Logan hatte stets nur an seine eigenen Bedürfnisse gedacht. Alle anderen Menschen waren ihm gleichgültig gewesen.

„Natürlich sorgt er sich um mich“, erwiderte sie. „Er weiß, dass es ihm schlecht ergeht, wenn ich nicht zufrieden bin.“

Der Anwalt räusperte sich. „Nun, wenn ich noch etwas für Sie tun kann, Miss Carrington, rufen Sie mich bitte jederzeit an.“

Er hatte schon klar ausgedrückt, dass er wegen des Testaments nichts unternehmen konnte. Doch er war seit Jahren der Rechtsberater von Belle Rouge und eng mit Lyle befreundet gewesen. Darum wollte Nicole ihn nicht beleidigen.

„Vielen Dank, Mr Thorndyke, dass Sie mir alles erklärt haben. Sollte ich noch Fragen haben, setze ich mich mit Ihnen in Verbindung.“ Sie gab ihm die Hand, verließ das Büro und trat in die schwüle Hitze des Nachmittags hinaus.

Nicole fuhr von der Innenstadt von Natchitoches Richtung Highway 1, der nach Belle Rouge führte, überlegte es sich jedoch anders, steuerte den Fluss an und hielt erst in einer ruhigen Wohnstraße.

Die Temperatur betrug fast vierzig Grad, und die Luft war entsprechend feucht. Nicole war für den Schatten dankbar, den die hundertjährigen Magnolienbäume warfen, als sie zur Tür eines Hauses aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg ging und nach dem schweren Klopfer griff.

Kurz darauf öffnete eine hochgewachsene Brünette Anfang vierzig und stieß einen begeisterten Schrei aus. „Nicole! Was für eine schöne Überraschung! Komm herein!“

Sie zog die schwere Eichentür ganz auf, doch Nicole zögerte. „Bist du beschäftigt, Amelia? Ich will dich nicht stören.“

„Unsinn“, wehrte sie lachend ab. „Du kannst mich gar nicht stören. Außerdem muss ich heute nicht arbeiten und war bisher schrecklich faul.“

Amelia war Physiotherapeutin an einem örtlichen Krankenhaus. Nicole hatte sie vor zwei Jahren kennengelernt, als Simone den ersten Schlaganfall erlitt. Sanft, aber unnachgiebig hatte Amelia dafür gesorgt, dass Nicoles Mutter sich wieder so weit bewegen konnte, dass sie die letzten zwei Jahre ihres Lebens genoss. Seit damals waren Nicole und Amelia gute Freundinnen.

„Ich bleibe nicht lange“, versprach Nicole, betrat das Haus und folgte Amelia durch das Wohnzimmer und einen langen Korridor. „Darcy macht sich Sorgen, wenn ich nicht rechtzeitig zum Essen daheim bin.“

„Du hast aber bestimmt Zeit für einen Eistee“, erwiderte Amelia. „Ich habe gerade welchen gemacht. Gehen wir auf die Veranda“, schlug sie vor.

„Klingt gut“, stimmte Nicole zu. Der Besuch bei Thorndyke hatte sie körperlich und geistig erschöpft. Sie hatte verzweifelt gehofft, der Anwalt wüsste ein Schlupfloch, damit sie und Logan getrennter Wege gehen konnten. Jetzt musste sie sich damit abfinden, ihn mindestens sechs Monate lang zu ertragen.

„Was führt dich in die Stadt?“, fragte Amelia. „Ich habe nicht mit dir gerechnet.“

„Ich habe mit einem Anwalt gesprochen“, erwiderte Nicole niedergeschlagen.

Ihre Freundin holte einen gläsernen Krug aus dem Kühlschrank. „Geht es um den Nachlass deiner Mutter?“

„Nein. Mom hatte nichts weiter als ihren Wagen und ein bescheidenes Sparbuch. Alles andere gehörte Lyle. Ich war wegen … eines Problems bei dem Anwalt.“

„Tut mir leid, dass du Probleme hast, aber ich freue mich, dass du dich nicht auf Belle Rouge vergräbst.“

Belle Rouge ist mein Zuhause, das ich liebe.“ Zumindest war das vor Logans Rückkehr so gewesen.

Amelia stellte die Karaffe mit dem Tee, Gläser und einen Teller mit Plätzchen auf ein Tablett. „Ja, ich weiß, aber ich wünschte …“ Sie unterbrach sich und gab Nicole einen Wink, vor ihr auf die Veranda zu gehen.

„Du wünschst, ich würde in Natchitoches wohnen“, vollendete Nicole den Satz und ließ sich auf eine Chaiselongue sinken.

Amelia setzte sich ebenfalls und schenkte den Tee ein, reichte Nicole ein Glas und sagte: „Ich hätte dich gern in meiner Nähe. Du bist für mich wie eine Tochter. Was dich angeht, solltest du woanders leben als auf der Plantage. Da ist es zu einsam. Du findest dort nicht …“

„Die Gesellschaft, die ich brauche“, vollendete Nicole ein zweites Mal für sie und lächelte. „Du solltest mittlerweile wissen, dass ich lieber zurückgezogen lebe.“

„Dein Leben hat sich um die Sorge um deine Mutter gedreht“, erklärte Amelia. „Hast du schon überlegt, was du jetzt machen wirst?“

Nicole seufzte. „Eigentlich nicht.“

„Wieso nicht? Simone hätte bestimmt nicht gewollt, dass du nur herumsitzt und trauerst.“

Nicole strich geistesabwesend über das kalte blaue Glas in ihrer Hand. „Das weiß ich. Und das mache ich auch nicht.“

Amelia nickte zufrieden. „Gut. Du hast hart gearbeitet, um dein Diplom in Buchhaltung zu bekommen. Jetzt kannst du es endlich nutzen.“

Es stimmte, dass Nicole hart gearbeitet hatte, um das College zu schaffen. Als ihr Traum, Buchhalterin zu werden, zum Greifen nahe war, hatte ihre Mutter den Schlaganfall erlitten. Aus Liebe hatte Nicole sich dafür entschieden, daheimzubleiben und ihre Mutter zu versorgen.

„Vielleicht mache ich das irgendwann“, erklärte sie ihrer Freundin. „Im Moment hängt alles in der Luft.“

„In der Luft?“, fragte Amelia. „Hast du denn keine Leute, die sich um die Plantage kümmern? Was hält dich noch dort?“

Nicole schüttelte seufzend den Kopf. Vielleicht sollte sie Amelia die Lage genauer erklärten.

„Alle Arbeiter sind geblieben. Das ist nicht das Problem. Es hat allerdings seit deinem letzten Besuch einige wesentliche Veränderungen auf Belle Rouge gegeben.“

Amelia lachte laut auf, und Nicole dachte, wie wunderbar es doch war, so heiter und zuversichtlich zu sein. Trotz einer gescheiterten Ehe und der schlechten Behandlung durch einen Mann war Amelia dem anderen Geschlecht gegenüber bei Weitem nicht so misstrauisch wie sie selbst.

„Veränderungen?“, fragte Amelia amüsiert. „Die Plantage wurde Ende des achtzehnten Jahrhundert erbaut, und seither hat sich nur verändert, dass es Badezimmer und Telefon gibt.“

„Nun ja, ich meinte keine äußerlichen Veränderungen“, räumte Nicole ein. „Aber …“ Sie trank Tee und ließ Amelia warten. „Erinnerst du dich daran, dass ich einen Stiefbruder habe?“

„Vage“, entgegnete ihre Freundin. „Du hast einmal erwähnt, dass er in Shreveport wohnt und nie nach Belle Rouge kommt.“

„Das stimmt. Als Mom und ich einzogen, zog Logan aus. Er hat uns abgelehnt. Aber jetzt … jetzt muss ich mit diesem Mann leben!“

Amelia setzte sich überrascht auf. „Mit ihm leben? Du meinst, dein Stiefbruder ist zurück?“

Nicole nickte. „Und er will bleiben. Für immer.“

Amelia warf nur einen Blick in ihr Gesicht und stellte fest: „Du magst ihn offenbar nicht.“

Mögen? Das Wort beschrieb bei Weitem nicht, was sie für diesen Mann empfand. Mit jedem Tag wurde deutlicher, dass sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie ihn liebte, hasste oder umbringen wollte – oder alles zusammen.

„Amelia, er hat meiner Mutter stets die Schuld für das Scheitern der Ehe seiner Eltern gegeben. Er glaubt, seine Mutter wäre gestorben, weil sie wegen meiner Mutter Alkoholikerin wurde.“

„Klingt, als wäre dein Stiefbruder ja ein ganz reizender Kerl. Wie alt ist er?“

„Vierunddreißig.“

„Hat er Frau und Kinder?“

„Nein.“ Vielleicht wäre dann alles anders gewesen. Wenigstens hätte er ihr keinen Heiratsantrag machen können. Und er hätte sie mit Küssen auch nicht um den Verstand gebracht. „Logan hat nie geheiratet. Dafür ist er wahrscheinlich gar nicht der Typ.“

„Wie ist er eigentlich?“, fragte Amelia.

„Groß, schlank, dunkler Typ. Er ist ein attraktiver Mann. Aber das gute Aussehen wird durch sein Wesen aufgehoben, wenn du weißt, was ich meine.“

Amelia lachte wissend. „Oh ja, meine Liebe, ich war mit so einem Typ verheiratet. Mittlerweile ziehe ich einen hässlichen Mann mit einem großen Herzen vor.“

Nicole seufzte erneut. „Zu meiner Überraschung gehört mir jetzt ein Teil von Belle Rouge. Und ich weiß nicht, wie sich das auf meine Pläne auswirkt, als Buchhalterin zu arbeiten.“

„Du liebst Belle Rouge“, erwiderte Amelia. „Ich finde die Plantage auch schön und bedeutungsvoll für die Geschichte unseres Staates. Aber du solltest deinen Anteil an deinen Stiefbruder verkaufen und dir etwas Eigenes suchen, mit jungen Männern ausgehen und das Leben genießen. Bisher hast du nichts weiter getan, als Schulen zu besuchen und deine Mutter zu versorgen.“

„Mehr wollte ich nicht“, wehrte Nicole ab.

„Ich weiß, aber du hättest dir trotz allem mehr Freude gönnen sollen.“

Nicole führte das Teeglas an die Lippen. „Damit ich wie meine Mutter ende? Schwanger und allein gelassen?“

„Das kannst du einfach nicht vergessen, nicht wahr?“

Nicole blickte durch das Fliegengitter zu einem Bogen, der mit roten, weißen und rosa Rosen bewachsen war. Doch sie bewunderte nicht die Blumen, sondern erinnerte sich daran, wie sie als kleines Mädchen auf dem Boden der Küche des Diners saß und mit Puppen spielte, während ihre Mutter vorne im Restaurant bediente. Damals hatte sie sich vorgestellt, ihr Vater würde kommen und sie beide an einen schönen Ort bringen. Das war nie geschehen. Sie hatte diesen Mann kein einziges Mal gesehen. Und nach so langer Zeit wollte sie das gar nicht mehr.

„Ich habe versucht, es zu vergessen, Amelia, aber ich kann es nicht.“ Sie wandte sich wieder an ihre Freundin. „Erst letzte Woche hat Logan mich daran erinnert, dass ich ein uneheliches Kind bin und nicht nach Belle Rouge gehöre.“

Amelia sagte ein sehr undamenhaftes Wort. „Der Kerl wird mir immer sympathischer.“

„Oh, er kann sehr charmant sein, glaube mir.“ Besonders wenn er einen in die Arme nimmt und küsst, bis man keine Luft mehr bekommt … „Aber es geht nicht um Logan. Bisher habe ich einfach keinen Mann kennengelernt, der von mir mehr wollte als Sex.“

Amelia griff nach einem Plätzchen. „Das kommt daher, dass du gar keinen kennenlernen willst. Du lässt die Sache mit diesem … Wie hieß er noch einmal?“

„Bryce. Wie könnte ich das vergessen?“

„Das hättest du aber längst machen sollen“, drängte ihre Freundin. „Glaubst du vielleicht, du wärst die Einzige, die als junges Mädchen von einem Mann mit reizenden Versprechungen eingewickelt wurde? Tausende haben das Gleiche erlebt. Du musst dich auf die Zukunft konzentrieren.“

„Das ist allerdings schwer“, gestand Nicole. „Mir sind für die nächsten sechs Monate die Hände gebunden.“

„Und wieso?“

Nicole wollte nicht darüber sprechen. Amelia wäre garantiert schockiert gewesen. „Weil dann erst mein Anspruch auf einen Teil von Belle Rouge gültig sein wird.“

Amelia betrachtete sie eingehend. „Und das ist dir sehr wichtig. Ich wünschte, es wäre anders. Nun gut, so ist es, und vielleicht hat das ja auch Vorteile. Wahrscheinlich kannst du nur auf Belle Rouge glücklich sein.“

„Ich glaube, du hast recht, Amelia“, bestätigte Nicole. „Und das macht mir am meisten Angst.“

4. KAPITEL

Als Nicoles Wagen durch die Eichenallee zum Haus kam, saß Logan auf der vorderen Veranda und trank Cola mit Kentucky Bourbon. Durch die Trockenheit der letzten Tage war die nicht asphaltierte Straße ausgetrocknet. Eine Staubwolke folgte dem dunkelblauen Wagen, bis das Auto vor dem weißen Gartenzaun hielt.

Es gefiel Logan nicht, wie erleichtert er war, dass Nicole wieder hier war. Als sie ausstieg und langsam die Treppe zur Veranda heraufstieg, fand er sie in dem schlichten geblümten Kleid und mit dem breitkrempigen Strohhut wunderschön.

Nicole wollte schon das Haus betreten, als sie Logan am Ende der Veranda in einem Korbsessel entdeckte. Jeans und Stiefel waren staubig, doch das weiße Hemd wirkte sauber und frisch. Was er wohl den ganzen Tag getan hatte? Der Kleidung nach zu schließen, war er in den Feldern gewesen. Keinesfalls wollte sie fragen. Er sollte bloß nicht glauben, sie würde sich für ihn interessieren.

Nach kurzem Zögern ging sie zu ihm. Sally, ihre Hündin, lag zu seinen Füßen. Nicole bückte sich und streichelte Sally, ehe sie sich an Logan wandte.

„Was machst du hier?“, fragte sie ohne Umschweife.

„Ich warte auf dich.“ Um dir zu sagen, dass du mich heiraten wirst, fügte er in Gedanken hinzu.

„Warum?“

Er sah sie an, als wäre die Frage völlig albern. „Wegen des Essens, warum sonst?“

Sie zeigte ihm nicht, wie überrascht sie war. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass Logan sie in seinen Tagesablauf einbaute. „Du hättest nicht auf mich warten müssen“, sagte sie und stand wieder auf.

„Ich hätte das Essen kaum genossen, während du wer weiß wo herumkurvst“, warf er ihr vor.

Sie nahm den Hut ab und strich sich durch das Haar. Logan betrachtete die seidigen rötlich goldenen Strähnen, die durch ihre Finger glitten und ihren schlanken weißen Hals umspielten. Als sie am Morgen das Haus verließ, hatte er mit Leo, dem Verwalter von Belle Rouge, gesprochen. Logan hatte nicht gewusst, wohin sie gefahren war, und den ganzen Nachmittag hatte er sich gefragt, was sie machte. Und er hatte auf ihre Rückkehr gewartet.

„Darcy wusste, wo ich war. Du hättest sie nur fragen müssen.“

„Warum sollte ich eine bezahlte Angestellte fragen, wohin meine Stiefschwester gefahren ist? Du hättest es mir aus Höflichkeit selbst mitteilen sollen. Du warst den ganzen Tag weg.“

Zornig sah Nicole zu, wie er nach dem Glas griff. „Darcy ist keine bezahlte Angestellte!“

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