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BIANCA EXKLUSIV BAND 241

JACQUELINE BAIRD

Ich kämpfe um dich

Amber ist überglücklich, glaubt sie doch, dass ihr Geliebter Lukas Karadines sie nun bald auch offiziell zu seiner Frau machen wird. Doch dann folgt der Schock: Sie erfährt, dass der charmante Hotelier nicht sie, sondern die junge Griechin Christina heiraten soll. Muss Amber ihren Traum begraben, oder kann sie um Lukas’ Herz kämpfen?

CRYSTAL GREEN

Schenk mir dein Herz, Rachel

Heimlich träumt die schöne Witwe Rachel schon bald von einem neuen Glück mit dem weltmännischen Reporter Ian Beck, ihrem starken Mitstreiter bei der Aufdeckung eines Society-Skandals. Doch trotz all seiner liebevollen Aufmerksamkeiten weiß Rachel nicht: Schenkt Ian sein Herz nur ihr – oder öffnet er es beim nächsten Auftrag wieder einer anderen?

REBECCA WINTERS

Verlobt mit einer anderen?

Diane oder Rainey? Der Milliardär Payne Sterling weiß nicht mehr, welche der beiden Frauen die Richtige ist. Seine Verlobte Diane ist schon lange an seiner Seite, mit ihr hat er viel erlebt. Aber mit der Künstlerin Rainey verbindet ihn etwas ganz Besonderes. In ihrer Nähe spürt er eine Sehnsucht nach tieferen Gefühlen – Gefühlen, die Diane nicht in ihm weckt …

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Ich kämpfe um dich

1. KAPITEL

Lukas Karadines stand vor dem großen Panoramafenster seines New Yorker Büros und ließ den Blick über Manhattans Skyline schweifen – wobei seine dunklen Augen eigentlich nicht wahrnahmen, was sie sahen. Während er sich durchs pechschwarze Haar fuhr, umspielte ein diebisches Lächeln seine Lippen, und in seinen Augen glitzerte es triumphierend.

Der Deal zwischen der Karadines-Hotelkette und der „Aristides Luxusliner“-Corporation war unter Dach und Fach! Morgen Nachmittag würde der entsprechende Vertrag im Hotel Karadines in London unterschrieben und damit einer der größten Tourismuskonzerne der Welt geschaffen. Bei diesem denkwürdigen Ereignis wäre nicht nur er, Lukas, selbst zugegen, sondern auch sein Vater Theo sowie Alex Aristides, seines Zeichens Eigner und Vorstandsvorsitzender der Aristides-Corporation.

Alex Aristides war wie Lukas’ Vater gesundheitlich angeschlagen, hatte aber anders als dieser keinen Sohn, der das Familienunternehmen – eine der ältesten Firmen Griechenlands – weiterführen konnte. Deshalb hatte er sich dazu durchgerungen, seine Reederei zu verkaufen. Morgen Abend nach Vertragsunterzeichnung in London sollte eine Party stattfinden, bei der die beiden Familien, die beteiligten Rechtsanwälte und einige Freunde den Geschäftsabschluss feiern würden.

Als Lukas sich jetzt zum Schreibtisch umwandte, fiel sein Blick aufs Telefon, was ihn auch an den Rest des Abkommens erinnerte und unwillkürlich die Stirn runzeln ließ: Er musste Amber Bescheid sagen. Während er auf seine goldene Rolex sah, dachte er: Notfalls kann ich heute Abend noch nach London fliegen. Amber hätte nichts dagegen, wenn er mitten in der Nacht ankam – Hauptsache, er kam überhaupt.

Nachdenklich blickte er wieder aus dem Fenster. Amber mit ihrer goldbraunen Mähne und den langen Beinen, die sich nachts um seine schlangen, als wären sie dafür gemacht, war die geborene Lustgöttin. Lukas hatte noch nie eine sinnlichere Frau erlebt. Sobald er an sie dachte, fühlte er sonst immer ein wohlbekanntes Ziehen – und jetzt auch so etwas wie Bedauern. Aber nein! dachte er dann, und hart gegen sich selbst, verdrängte er dieses Gefühl.

Das Leben hatte mehr zu bieten als wilden heißen Sex. Und selbst darauf hatte er letztes Mal lange warten müssen. Er war einen Tag früher als ursprünglich geplant nach London zurückgekehrt, und Amber hatte noch gearbeitet. Als sie schließlich ins gemeinsame Apartment kam, konnte sie nur eine halbe Stunde bleiben, weil sie noch an einem Geschäftsessen teilnehmen musste. Lukas und sie feierten zwar später richtig Wiedersehen, aber er war nicht der Mann, der auf eine Frau wartete oder die zweite Geige spielte, weil seine Auserwählte glaubte, Karriere machen zu müssen. Mehrmals hatte er Amber schon vorgeschlagen, doch ihren Job an den Nagel zu hängen und ihn, Lukas, auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten. Aber sie hatte jedes Mal abgelehnt.

Nein, sein Entschluss stand fest. Eigentlich war die Entscheidung schon vor Wochen gefallen. Damals hatte er erst am Anfang der Verhandlungen mit der Aristides-Corporation gestanden und war der Tochter des Firmeneigners vorgestellt worden. Dabei hatte das Schicksal wohl die Hand im Spiel gehabt. Denn Christina – die süße, unschuldige Christina – bot alles, was er sich von einer Ehefrau nur wünschen konnte. Sie war ganz anders als Amber, hatte absolut kein Interesse an einer Karriere und sah ihr Lebensziel darin, Kinder zu bekommen. Sie war wie er in Griechenland geboren, hatte dadurch den gleichen kulturellen Hintergrund und himmelte ihn an. Niemals würde sie auch nur wagen, ihm zu widersprechen. Christina war die ideale Ehefrau für ihn und würde eine hervorragende Mutter abgeben.

Selbst das Timing konnte nicht besser sein. Sein Vater hatte ihm nach seiner letzten Herzattacke zu verstehen gegeben, er würde es begrüßen, ihn so bald wie möglich glücklich verheiratet zu sehen. Theo musste Lukas nicht drängen, der Aristides-Erbin einen Antrag zu machen. Lukas wollte selbst eine Familie gründen. Sein Vater war begeistert von dem Geschäftsabschluss, und die Aussicht auf eine Ehe zwischen Lukas und Christina stellte für ihn den krönenden Abschluss der Vertragsverhandlungen dar.

Lukas, an sich unehelich geboren, verdankte seinem Vater alles. Seine Mutter hatte vor ihrem Tod einen Brief bei dessen Anwälten hinterlassen, der bewies, dass Lukas Theo Karadines’ Sohn war. Daraufhin hatte sein Vater ihn ausfindig gemacht und zu sich genommen, wofür Lukas ihm auf ewig dankbar war. Damals mit dreizehn Jahren hatte er auf den Straßen Athens gebettelt, um zu überleben. Theo adoptierte ihn, ließ ihm eine hervorragende Ausbildung zukommen und formte ihn nach seinen Vorstellungen. Lukas hatte gerade seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, als sein wesentlich älterer Halbbruder und dessen Frau bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Ohne zu zögern, ernannte Theo Lukas daraufhin zum Geschäftsführer seines Freizeitimperiums – eine Entscheidung, die er sicher nie bereut hatte. Denn seitdem war das Firmenkapital mehr als verdoppelt worden.

Jetzt wandte sich Lukas endgültig wieder dem Schreibtisch zu und wählte Ambers Nummer. Während sich auf seinem markanten Gesicht grimmige Entschlossenheit abzeichnete, spannte er unter dem dunkelblauen Maßanzug die breiten Schultern und schob die freie Hand scheinbar lässig in die Hosentasche.

Amber Jackson kehrte soeben in ihr Büro zurück, und auf ihrem hübschen Gesicht lag ein beinah entrücktes Lächeln. Sie war mit Sir David Janson, dem Vorstandsvorsitzenden der Handelsbank gleichen Namens, beim Mittagessen gewesen, und was er ihr dabei eröffnet hatte, klang wie ein Traum. Das Klingeln des Telefons holte sie allerdings schlagartig in die Wirklichkeit zurück. Es könnte Lukas sein, schoss es ihr durch den Kopf, und sofort eilte sie zum Schreibtisch.

„Brentford’s Investment House, Amber Jackson am Apparat, was kann ich für Sie tun?“

„Amber …“

Sie brauchte nur Lukas’ sonore Stimme zu hören, schon schlug ihr das Herz höher, und ihr wurde einmal mehr bewusst, wie schrecklich sie ihn vermisste.

„… wie gut, dass ich dich erreiche. Es tut mir leid, aber ich kann morgen noch nicht bei dir sein. Die Pflicht ruft! Es wird wohl Samstag, bevor wir uns wiedersehen.“

Das glückliche Strahlen in Ambers Augen verschwand, und sie runzelte enttäuscht die Stirn. Trotzdem sagte sie: „Ja, ich verstehe.“ Was blieb ihr auch anderes übrig? Lukas war Geschäftsführer einer großen Touristikfirma und verbrachte viel Zeit damit, zwischen den Hauptniederlassungen des Unternehmens in Athen und New York und den verschiedenen Freizeitoasen weltweit hin- und herzujetten. Als Amber ihn vor einem Jahr kennengelernt hatte, musste sie sich schon bald damit abfinden, dass er nicht immer bei ihr sein konnte. Doch sie brachte durchaus Verständnis dafür auf. Denn als Broker der angesehenen Investmentfirma Brentford’s verfügte sie selbst über einen Job, der ihr viel abverlangte, und wusste nur zu gut, dass es Situationen gab, in denen die Arbeit nun einmal vorging.

„Aber ich bin nicht sehr glücklich darüber“, fügte sie jetzt heiser hinzu. „Es ist schon fast zwei Monate her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, und ich hatte mich so auf morgen gefreut. Da ist doch unser Einjähriges. Außerdem habe ich eine wundervolle Neuigkeit für dich. Du glaubst ja nicht, was passiert ist!“

„Ich habe dir auch etwas zu erzählen“, sagte Lukas langsam, „aber das wird wohl bis Samstag warten müssen.“

Amber gefiel die Antwort nicht, doch in den vergangenen Wochen waren Lukas’ Anrufe oft ein wenig sonderbar ausgefallen und dazu angetan gewesen, ihr Vertrauen in seine Liebe ins Wanken zu bringen. Sie hatte sich dann zwar immer gesagt, das sei lächerlich, und Lukas würde sie ganz sicher lieben. Aber noch gut erinnerte sie sich, wie mürrisch er reagiert hatte, weil sie bei seinem letzten, überraschend frühen Besuch nicht sofort alles stehen und liegen ließ, um ihn zu treffen. Sie hatte einfach ihren beruflichen Verpflichtungen nachkommen müssen.

Als sie und Lukas sich an jenem Tag spätabends noch einmal in ihrem gemeinsamen Apartment trafen, hatte er wieder vorgeschlagen, sie solle doch ihren Job aufgeben. Schließlich würde er mit seinem Einkommen keine berufstätige Frau brauchen. Amber hatte versucht, das Ganze ins Scherzhafte zu ziehen, indem sie antwortete: „Ich höre gern auf zu arbeiten, wenn ich einmal verheiratet und schwanger bin.“ Insgeheim hoffte sie dabei, Lukas würde den Wink verstehen und sie bitten, seine Frau zu werden. Aber das tat er nicht.

Als sie sich am darauffolgenden Montag fürs Büro fertig machte, setzte Lukas sie wie nebenbei davon in Kenntnis, dass er von nun an einige Zeit in New York beschäftigt sei. Amber ging damals von drei, vier Wochen aus, aber inzwischen waren daraus zwei Monate geworden, und sie konnte es kaum noch erwarten, Lukas wiederzusehen.

Den morgigen Tag hatte sie sich extra freigenommen, um sich diesmal ganz auf Lukas konzentrieren zu können. Und nun kam er erst am Samstag! Vor Enttäuschung hätte sie weinen mögen. Aber sie wollte nicht, dass ihr Wiedersehen im Vorfeld von einem Gefühlsausbruch ihrerseits überschattet wurde, und gab sich am Telefon deshalb betont gut gelaunt. „In Ordnung, aber ich vermisse dich. Wir haben uns doch schon so lange nicht mehr gesehen, und ich leide furchtbar unter Entzugserscheinungen.“ Mit einem lustvollen Seufzer fügte sie hinzu: „Ich erwarte, dass du mich am Samstag auf der Stelle davon kurierst.“

„Tut mir leid, dass es morgen nicht klappt, Amber. Aber es ist doch nur noch ein Tag länger. Es könnte allerdings Montag werden, wenn du mich nicht auflegen lässt, damit ich weiterarbeiten kann, Darling.“

Die Benutzung des Kosenamens und Lukas’ Entschuldigung ließen ihr Lächeln zurückkehren. Außerdem hatte sie jetzt schon so lange gewartet, dass es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht ankam. Die Vorstellung allerdings, dass sich ihr Wiedersehen mit Lukas noch weiter hinauszögerte, war Grund genug für Amber, die Unterhaltung binnen kürzester Zeit zu beenden. Darüber vergaß sie ganz, Lukas noch ein bisschen mehr von ihrer Neuigkeit zu erzählen.

Als Amber sechs Stunden später das klassizistische Gebäude verließ, in dem die Brentford’s-Investmentfirma untergebracht war, bemerkte sie die bewundernden Blicke der aus den umliegenden Bürogebäuden drängenden Männer nicht. Sie war ein erhebender Anblick mit ihren eins vierundsiebzig, dem schlanken, aber doch weiblichen Körper, dem dunkelblauen Kostüm mit kurzem Rock und dem auf Figur geschnittenen Blazer, der ihre schmale Taille und die Rundungen ihrer Brüste besonders gut zur Geltung brachte. Dabei verfügte sie über klassische Gesichtszüge, eine schma­le gerade Nase und einen großen Mund. Sie bewegte sich mit natürlicher Anmut, und ihr hellbraunes hüftlanges Haar, das sie im Nacken mit einer Spange zusammengenommen hatte, schimmerte wie poliertes Mahagoni. Aber am beeindruckendsten waren ihre großen bernsteinfarbenen Augen.

Unter einem Arm hielt Amber ein in buntes Geschenkpapier gewickeltes Päckchen und winkte mit der freien Hand ein Taxi heran. Dabei dachte sie noch einmal an das Telefonat mit Lukas und seufzte. Sie hielt ihre Neuigkeit für etwas ganz Besonderes. Aber würde er das auch so sehen? So gut kannte sie ihn dann doch nicht.

Von heute auf morgen war er in ihr Leben getreten, und sie hatte sich quasi über Nacht von der etwas schüchternen jungen Angestellten in eine weltgewandte, elegante Geschäftsfrau verwandelt. Aber manchmal, wenn sie in den Spiegel sah, erkannte sie sich selbst kaum wieder.

„Wo soll’s denn hingehen, Miss?“, fragte jetzt der Taxifahrer, und Amber gab ihm die Adresse ihrer Freunde Tim und Spiro, während sie auf der Rückbank Platz nahm. Zehn Minuten später hielt der Wagen vor einem kleinen Haus mit Terrasse im Stadtteil Pimlico. Amber bezahlte, stieg aus und blickte an der weißen Fassade hinauf. Kaum zu glauben, dass es schon fünf Jahre her war, dass Tim sie das erste Mal mit hierhergenommen hatte. Sie stammten beide aus demselben Städtchen Nordenglands und waren von klein auf Freunde gewesen. Zufällig begannen sie auch gleichzeitig in London zu studieren – er an der Kunstakademie und sie an der Wirtschaftshochschule. Kurz darauf starb Ambers Mutter, und Tim war Amber in ihrer Trauer ein großer Trost gewesen.

Schließlich schlug er ihr vor, doch in das leer stehende Zimmer der Wohngemeinschaft zu ziehen, in der er untergekommen war. Das Haus gehörte Spiro Karadines, einem jungen Griechen, der zunächst Englisch studierte, um dann im Londoner Luxushotel seiner Familie das Hotelfach von der Pike auf zu erlernen. Spiro hatte damals zwei Zimmer vermietet, damit er den Unterhalt des Hauses selbst bestreiten und so den Kontakt zu seinem Onkel, der sein Erbe verwaltete, auf ein Mindestmaß beschränken konnte.

Als Amber jetzt klingelte, dachte sie: Es würde Lukas nicht gefallen, wenn er wüsste, dass ich seinen Neffen besuche. Aber egal, was Lukas von ihm halten mochte, Spiro war ihr immer ein guter Freund gewesen.

Heute war es exakt ein Jahr her, dass sie Lukas kennengelernt hatte. Er erschien damals unverhofft auf der Geburtstagsparty seines Neffen und ließ sich nach einem heftigen Streit mit diesem überreden, doch noch ein Glas zu trinken. In dem Pulk nachlässig gekleideter Studenten fiel er nicht nur wegen seines klassischen Anzugs auf. Er war auch mit Abstand der attraktivste Mann, den Amber jemals gesehen hatte, und sie konnte den Blick nicht von ihm wenden. Schnell wurde offensichtlich, dass er in der Runde völlig fehl am Platz war. Die meisten anderen Männer hatten homosexuelle Neigungen, und vielleicht steigerte das die faszinierende Anziehungskraft noch, die Lukas auf Amber ausübte. Als sein Blick aus dunklen Augen schließlich an ihr hängen blieb, lächelte er und kam gleich darauf zu ihr. Sie unterhielten sich ein bisschen, und dann fragte er ganz locker, ob sie nicht am nächsten Abend mit ihm essen gehen wolle. Da sie ihm schon zu diesem Zeitpunkt kaum noch widerstehen konnte, nahm sie die Einladung bereitwillig an.

Spiro versuchte danach, ihr die Sache auszureden. Lukas sei schon fünfunddreißig und damit viel zu alt für sie. Spiro behauptete auch, sein Onkel sei ein Casanova ersten Ranges und würde ein junges Mädchen wie sie zum Frühstück vernaschen. Außerdem würde er sich normalerweise nur mit cleveren, weltgewandten Frauen abgeben, die wussten, was Sache war. Als Amber antwortete, sie sei clever, erklärte Spiro lachend: „Ja, das stimmt, aber du ziehst dich an wie … wie eine ‚Internatsschülerin‘ sagt man wohl auf Englisch.“

Amber knuffte ihn freundschaftlich, schlug seine Warnung aber in den Wind und traf sich mit Lukas.

Es wurde ein zauberhafter Abend, an dem Amber Lukas bereitwillig von ihren Zukunftsplänen erzählte. Sie wolle eine erfolgreiche Investmentberaterin werden, sagte sie, und sei auch auf dem besten Weg dahin. Gerade habe sie ihr erstes Jahr der Berufstätigkeit hinter sich gebracht und eine außergewöhnlich hohe Prämie erhalten. Amber vertraute Lukas sogar an, dass sie keinen Vater habe und ganz allein bei ihrer Mutter aufgewachsen sei. Als Lukas sie schließlich noch bis an die Haustür begleitete, schlug er ihr vor, doch über Ostern mit ihm, Spiro und Tim auf die Privatinsel der Karadines in die Ägäis zu kommen. Auch diesmal nahm Amber seine Einladung freudig an.

Am nächsten Tag horchte Amber Spiro über seinen Onkel aus und verwendete dann mehrere Tausend Pfund ihres Jahresbonusses darauf, sich einen Schrank voll Designerklamotten zu kaufen und einer Beautyfarm einen ausgiebigen Besuch abzustatten. Dadurch hoffte sie, sich in die elegante Geschäftsfrau zu verwandeln, die Lukas gefallen würde.

Auf der Insel in der Ägäis lernte Amber dann auch den alten Mr Karadines kennen. Und am Ende des gemeinsamen Osterurlaubs sah Lukas in ihr nicht mehr nur die Mitbewohnerin seines schwulen Neffen, sondern auch eine attraktive junge Frau. Aber bevor ihre Beziehung über einen Gutenachtkuss – der zugegebenermaßen jedes Mal leidenschaftlicher ausfiel – hinausging, führte Lukas Amber wenigstens noch ein halbes Dutzend Mal aus. Dann flog er für einige Zeit nach New York, und Amber dachte schon, er hätte sie vergessen. Doch zwei Wochen später kam er zurück, und nach dem nächsten gemeinsamen Abendessen nahm er sie mit in seine Hotelsuite.

Lukas war Ambers erster und bisher einziger Liebhaber, und sie konnte ihn mit niemandem vergleichen. Aber danach stand ihr auch nicht der Sinn. Sie wusste, dass sie in ihm einen Seelenverwandten gefunden hatte. Er brauchte sie nur anzusehen, und schon tanzten ihr Schmetterlinge im Bauch. Wenn er sie berührte, brannte sie lichterloh und empfand eine Leidenschaft, die sie niemals für möglich gehalten hätte.

Amber wusste noch genau, wie er sich damals mit seinem herrlich nackten Körper und den breiten Schultern zum ersten Mal über sie gebeugt hatte. Danach führte er sie in die Freuden der Liebe ein, die nur zwei Menschen teilen konnten, die sich wirklich zugetan waren. Innerhalb einer Woche zog Amber dann in das Apartment mit Themseblick, das Lukas für sie beide gekauft hatte. Seitdem brauchte sie nur an ihn zu denken, und auf ihrem Gesicht breitete sich ein entrücktes Lächeln aus. So auch jetzt.

„Warum siehst du denn so glücklich aus?“, holte sie da Tim aus ihren Tagträumen.

„Weil ich an etwas Schönes gedacht habe.“ Im Vorbeigehen gab sie ihrem besten Freund einen Kuss auf die Wange. „Wo ist das Geburtstagskind? Ich will mein Geschenk loswerden.“

„Im Wohnzimmer.“

Ganz unbefangen, als würde sie noch in dem Haus wohnen, schlenderte Amber in den kleinen Salon. „Herzlichen Glückwunsch, Spiro.“ Lächelnd ging sie auf den schlanken dunkelhaarigen Mann zu, der sich anmutig auf der mittelblauen Chaiselongue rekelte, und ließ ihm vorsichtig ihr Geschenk in den Schoß fallen. Dann zog sie ihre Schuhe aus und setzte sich auf das Zweisitzersofa gegenüber.

„Was für eine Ehre, dich hier zu haben, Amber! Hat mein geschätzter Onkel dir tatsächlich erlaubt, uns zu besuchen? Es ist bestimmt schon ein halbes Jahr her, dass du das letzte Mal bei uns warst.“ Mit fragend hochgezogener Augenbraue sah Spiro zu seinem Lebenspartner. „Oder etwa nicht, Tim?“

„Lass die Sticheleien, Spiro! Amber ist unsere Freundin, auch wenn wir ihren Männergeschmack abscheulich finden.“

„Ja, was Lukas betrifft, sind wir nun einmal unterschiedlicher Meinung“, erklärte Amber, die derartige Kommentare über Lukas gewohnt war. „Also, pack lieber dein Geschenk aus, Spiro, denn ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, um genau das Richtige zu finden.“

„Ent…schul…dige, Amber“, sagte Spiro jetzt gespielt tuntig. „Ich bin heute irgendwie schlecht ge…launt. Das muss an meinem Al…ter liegen. Ich spü…re schon, dass ich nun nicht mehr der Jüngs…te bin.“

„Mit dreiundzwanzig!“, rief Amber. „Dass ich nicht lache!“

„Lach du ruhig, Amber.“ Plötzlich war Spiro ganz ernst. „Du verdienst es, glücklich zu sein.“

„Das bin ich doch auch. So, und jetzt mach endlich das Päckchen auf!“

Zwei Minuten später stand Spiro auf und bedankte sich mit einem Kuss bei ihr. „Es ist großartig, meine Liebe“, sagte er und sah wieder auf die kleine Studie zweier, nur mit einem Lendenschurz bekleideter junger Männer, die sich herausfordernd ansahen. „Aber das muss dich doch ein Vermögen gekostet haben. Es ist ein Original aus dem neunzehnten Jahrhundert, nicht wahr?“

„Natürlich, einem Kunstkenner wie dir würde ich niemals eine Kopie unterjubeln“, antwortete sie, und alle drei lachten. Spiro wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Galerie zu eröffnen, und verabscheute es, für das Familienunternehmen zu arbeiten. Dummerweise verwaltete Lukas seinen Firmenanteil, über den Spiro erst mit fünfundzwanzig würde frei verfügen können. Es sei denn, er heiratete vorher. Aber das kam bei seinen sexuellen Vorlieben selbstverständlich nicht infrage.

Eine Woche, nachdem Amber mit Lukas zusammengezogen war, hatte sie versucht, für Spiro Partei zu ergreifen. Doch Lukas verbarrikadierte sich hinter einer undurchdringlichen Mauer, blieb kalt und unnachgiebig und erklärte schließlich kurz angebunden, die Familienangelegenheiten der Karadines gingen sie nichts an. „Außerdem“, fügte er dann noch hinzu, „wäre mir lieber, du würdest dich von meinem Neffen fernhalten.“

Amber versuchte, ihm zu widersprechen, aber Lukas schnitt ihr einfach das Wort ab. Betroffen stellte sie dabei fest, wie schnell sich Lukas wieder in einen Fremden verwandeln konnte, den ihre Gedanken und Meinungen nicht interessierten. Leider trübte die Sache auch die Freundschaft zu ihren ehemaligen WG-Mitbewohnern. Mit Tim telefonierte sie zwar wenigstens einmal pro Woche, aber Spiro hatte recht: Es war bestimmt Monate her, dass sie die beiden besucht hatte.

„Ich wette, mein Onkel weiß nicht, dass du ein Vermögen für mich ausgegeben hast!“, sagte Spiro jetzt und stellte die gerahmte Studie auf den gusseisernen Kaminsims.

„Das muss er auch nicht. Schließlich habe ich das Bild von meinem Gehalt gekauft. Vor zwei Wochen war bei uns Geschäftsjahresabschluss – am fünften März, um genau zu sein. Und stellt euch vor, wie groß meine Prämie ausgefallen ist, Jungs!“ Mit strahlendem Lächeln fuhr sie fort: „Sie beläuft sich auf eine Viertel­million.“

„Super gemacht, Amber, Schätzchen!“, rief Tim begeistert. „Ich wusste immer, dass du’s drauf hast!“

„Da haben wir ja doppelten Grund, zu feiern!“ Auch Spiro gratulierte Amber und sagte dann: „Mach das Blubberwasser auf, Tim, und lass uns anstoßen. Die drei Musketiere sind wieder in Aktion.“

„Die drei Musketiere!“ So waren sie früher immer von ihren Freunden genannt worden. Zwar hatte sich inzwischen vieles verändert, und die sorgenfreien Tage von damals lagen schon lange hinter ihnen, waren aber längst nicht vergessen.

Tim holte den Champagner, ließ den Korken knallen, und die drei stießen nacheinander auf Spiro, Amber, Tim und das Leben an und auf was ihnen sonst noch so einfiel. Zwei Stunden später war es tatsächlich wieder wie in alten Zeiten, und Amber hatte es sich auf dem Sofa richtig gemütlich gemacht, den Blazer ausgezogen und die Spange aus dem Haar genommen. Sie schenkte sich gerade noch ein Glas Champagner ein, als Spiro die Bombe platzen ließ.

„Ich habe mich gestern mit meinem Großvater getroffen. Er bewohnt eine Suite in unserem Londoner Hotel, während er sich hier gesundheitlich durchchecken lässt, und ist ganz begeistert von der Neuigkeit, dass Lukas heiraten will.“

„Unglaublich!“, rief Amber glücklich und dachte: Lukas hat seinem Vater davon erzählt. Ihre Bemerkung, dass sie ihren Job aufgeben würde, wenn sie verheiratet und schwanger sei, hatte also doch Wirkung gezeigt.

Plötzlich sah sie alles rosarot und konnte es nun überhaupt nicht mehr erwarten, dass Lukas nach Hause kam. Natürlich würde sie so tun, als wüsste sie von nichts, wenn er ihr einen Antrag machte.

Zu ihren Freunden sagte sie jetzt: „Ich habe heute Nachmittag mit Lukas telefoniert und war enttäuscht, weil er erst am Samstag nach London zurückkehren kann.“ Ihre bernsteinfarbenen Augen glänzten, und ihre Wangen waren vor Aufregung leicht gerötet. „Aber er hat auch gesagt, er habe Neuigkeiten für mich.“

„Meinem Großvater nach zu urteilen, hat Lukas tatsächlich Neuigkeiten für dich, aber …“

„Sei still!“, unterbrach ihn da Tim. „Amber hat ein Recht, die Sache aus erster Hand zu erfahren.“

Doch Amber ließ nicht locker: „Bitte, Spiro, erzähl mir, was dein Großvater gesagt hat. Ich habe ihn ja nur das eine Mal getroffen, als wir alle in Griechenland waren. Aber da hatte ich den Eindruck, er mag mich.“

Spiro lachte rau. „Oh ja, das tut er, aber aus anderen Gründen, als du dir vorstellen kannst.“

„Spiro, das geht dich nichts an!“, mischte sich nun wieder Tim ein. „Außerdem wollen wir uns doch den schönen Abend nicht verderben – also lass es!“

„Aber warum darf ich Amber denn nicht reinen Wein einschenken? Als unsere Freundin hat sie ein Recht auf die Wahrheit. Oder willst du sie ins offene Messer laufen lassen?“

Amber, die nicht nur vom Champagner, sondern auch von der Aussicht auf eine Heirat mit Lukas ganz berauscht war, dämmerte allmählich, dass die jungen Männer miteinander stritten. „Worum geht’s denn?“, fragte sie jetzt und blickte zwischen den beiden hin und her. „Kommt schon, Jungs, was meint ihr mit: ‚Ich soll nicht ins offene Messer laufen‘?“

Wieder blickte Spiro mit hochgezogener Braue zu seinem Lebensgefährten, und schließlich nickte Tim. „In Ordnung, sie hat etwas Besseres verdient.“

„Besser als was?“

„Besser als meinen Bastard von Onkel.“

„Oh, bitte, Spiro, fang nicht schon wieder damit an! Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass Lukas und ich uns lieben? Wir akzeptieren ja auch, dass du mit Tim zusammen bist. Aber du musst ständig betonen, dass dein Onkel unehelich – ein Bastard – sei! Ein bisschen Toleranz ist doch wohl nicht zu viel verlangt.“

Als Amber Tim und Spiro vor einem Jahr erzählt hatte, dass sie mit Lukas zusammenziehen wolle, hatte Spiro alles versucht, um ihr das auszureden. Schließlich hatte er ihr sogar wütend offenbart, dass Lukas nur das uneheliche Kind seines Großvaters und Lukas’ Mutter eine bessere Prostituierte gewesen sei. Außerdem, hatte er noch hinzugefügt, falle bei Lukas der Apfel nicht weit vom Stamm.

Damals wollte Amber nichts davon hören, und das war auch jetzt nicht anders. „Falls du es vergessen haben solltest, Spiro, auch ich habe meinen Vater nie gekannt. Würdest du mich deshalb ebenfalls als Bastard bezeichnen?“

Spiros Ärger war inzwischen abgeflaut, und er sah sie bedauernd an. „Ich meinte es ja nicht wörtlich, Amber, sondern nur im übertragenen Sinn. Lukas ist ein Bastard – ein Mistkerl –, weil er in dir nicht die Partnerin sieht, sondern die Mätresse. Für ihn bist du austauschbar.“

Amber war ganz blass geworden und erwiderte jetzt aufgebracht: „Man muss schon verheiratet sein, um eine Mätresse zu haben! Außerdem weißt du doch gar nichts von meiner Beziehung zu Lukas.“ Sie stand auf und sah fragend zu ihrem alten Freund Tim.

Doch aus dessen Blick sprach nur Mitleid, und das schmerzte sie noch mehr. Eigentlich war sie sich sicher gewesen, auf Tims Unterstützung zählen zu können. Aber jetzt erklärte er: „Hör lieber auf Spiro, Amber. Er meint es nur gut mit dir.“

„Lukas ist gut für mich, und er liebt mich! Mehr brauche ich nicht zu wissen.“ Amber zog sich die Schuhe an und nahm ihre Handtasche.

„Bitte warte noch einen Augenblick, Amber.“ Auch Spiro war aufgestanden und hielt sie jetzt am Arm fest. „Du bist ein hübsches, intelligentes Mädchen und ein Genie, was Kapitalmärkte betrifft, aber sobald es um Männer geht, bist du hoffnungslos naiv. Schließlich ist Lukas der Einzige, den du jemals richtig kennengelernt hast.“

„Er ist vor allem der Einzige, den ich kennenlernen wollte! Und jetzt lass mich los!“

Zögerlich kam Spiro ihrer Aufforderung nach. „Nur eins noch, Amber: Ich weiß, wen Lukas heiratet, und dabei handelt es sich nicht um …“

„Ich will nichts mehr davon hören!“, fiel Amber ihm ins Wort. Eine unerklärliche Furcht hatte sie ergriffen. Dabei versuchte sie, sich einzureden, dass Spiro nur so gemeine Sachen sagte, weil er angeheitert war und seinem Onkel eins auswischen wollte. „Du lügst, und ich weiß auch, warum. Du erträgst es nicht, Lukas und mich glücklich zu sehen. Du willst deinem Onkel wehtun, indem du uns auseinanderbringst. Und das nur, weil er sich weigert, dir dein Erbteil vorzeitig auszuzahlen. Du meinst, du müsstest die Leute, die mit dir zu tun haben, beherrschen. Vielleicht lässt Tim sich das gefallen, aber Lukas eben nicht, und das ärgert dich.“

„Wie kann man nur so blind sein!“ Spiro schüttelte den Kopf. „Du willst die Wahrheit einfach nicht sehen, Amber, was?“ Er versuchte, sich mit Blicken bei Tim rückzuversichern. Dabei sah man ihm an, dass ihm das Ganze sehr nahe ging. „Was soll ich jetzt machen, Tim?“

Sein Freund schnitt ein Gesicht. „Gib’s auf Spiro, Amber glaubt dir sowieso nicht.“

„Na gut“, hilflos hob Spiro die Hände, „denk, was du willst, Amber, aber tu mir einen Gefallen, und komm morgen Abend mit ins Hotel zu meinem Großvater. Er gibt eine kleine Party, um irgendeinen Geschäftsabschluss zu feiern – und seine hoffentlich baldige Genesung. Er hat mich gebeten, dich mitzubringen. Und da Lukas, wie du sagst, nicht vor Samstag zurück sein wird, hält dich doch nichts davon ab, die Einladung anzunehmen, oder?“

Amber war hin und her gerissen. Eigentlich wollte sie Spiro im Augenblick nirgendwohin begleiten, aber andererseits … „Hat mich dein Großvater wirklich eingeladen?“

„Ja, er war sehr nachdrücklich.“

„Nun, in diesem Fall komme ich gern“, sagte Amber schon wieder beschwichtigt und dachte: Wie nett von dem alten Mann! Er musste wissen, dass Lukas nicht rechtzeitig nach London kommen konnte, und hatte deshalb seinen Enkel gebeten, sie zu begleiten.

„Wunderbar, ich hole dich dann morgen Abend um acht bei dir zu Hause ab.“

Amber verabschiedete sich von ihren Freunden, bemerkte dabei aber nicht das entschlossene Funkeln in Spiros Augen, das sie sonst sicher an seinen Onkel erinnert hätte.

Viel später an diesem Abend, nachdem Amber längst ihr Satinnachthemd angezogen hatte, ging sie immer noch ruhelos in dem großen Schlafzimmer auf und ab, das sie sich mit Lukas teilte. Spiros Bemerkung hatte ihr doch mehr zugesetzt, als sie zugeben wollte. Schließlich öffnete sie eine der Wandschranktüren und ließ die Hand über den feinen Stoff von Lukas’ Maßanzügen gleiten. Dabei stieg ihr ein leichter Duft seines Aftershaves in die Nase, und irgendwie beruhigte und tröstete sie das. Lukas liebte sie ganz bestimmt! Mit diesem Gedanken schlüpfte sie schließlich unter die Decke des Kingsize-Bettes und schlief sofort ein.

Ein letztes Mal betrachtete sich Amber im Spiegel. Sie sah gut aus – verdammt gut. Aber vielleicht sollte sie zu dem kleinen Schwarzen doch eine andere Halskette tragen. In diesem Augenblick klingelte es bereits an der Tür, und sie konnte sich keine weiteren Gedanken darüber machen.

Zwei Minuten später saß sie mit Spiro auf der Rückbank des Taxis, das sie zum Londoner Hotel der Karadines bringen sollte. Spiro war sehr elegant gekleidet, und nur die außergewöhnlich bunte Fliege ließ auf seine homosexuellen Neigungen schließen.

„Du siehst toll aus“, sagte Amber.

„Und du, meine Liebe, einfach hinreißend“, erklärte Spiro lächelnd. Aber seine Augen blickten ernst, als er gleich darauf Ambers Hände nahm.

„Kann’s losgehen?“, fragte der Taxifahrer.

Spiro antwortete: „Warten Sie bitte noch einen Augenblick.“ Dann wandte er sich Amber wieder zu. „Ich muss dir vorher noch etwas sagen. Tim hat mir das Versprechen abgenommen, dir reinen Wein bezüglich der Veranstaltung heute Abend einzuschenken. Damit du, falls du mich dann nicht mehr begleiten willst, noch die Möglichkeit hast abzuspringen. Also, Amber …es tut mir wirklich leid, aber Lukas wird auch auf der Party sein.“

Ambers Hände zuckten, doch Spiro hielt sie fest. Dabei sah er ihr betrübt in die Augen. „Heute Nachmittag habe ich Lukas in Begleitung von Alex Aristides und dessen Tochter Christina im Hotel ankommen sehen. Sie sind in die Suite meines Großvaters gegangen, und zehn Minuten später trafen unsere Familienanwälte ein, die ich ebenfalls dorthin geführt habe.“

„Dann war es bestimmt etwas Geschäftliches. Lukas sagte, er werde noch wegen einer Sache aufgehalten“, erklärte Amber. Heftig fügte sie hinzu: „Er würde mich niemals belügen!“ Gleichzeitig dachte sie: Er sagte doch, er habe noch in New York zu tun …

„Amber, du musst der Wahrheit ins Auge sehen!“ Spiro drückte ihr die Hände. „Es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Christina Aristides ist achtzehn Jahre alt und nimmt garantiert an keiner Geschäftsbesprechung teil, wenn sie nicht Teil des Abkommens ist.“

„Nein, nein, nein, Spiro. Lukas würde mir das niemals antun“, erklärte Amber bestimmt, aber langsam begann auch sie zu zweifeln.

„Amber, mein Großvater hat alles darangesetzt, dieses Geschäft abzuschließen. Eine Heirat mit der Tochter von Alex Aristides besiegelt die Sache. Die meisten Griechen denken noch sehr traditionell, und Lukas tut es letztlich auch. Für ihn hat alles irgendwie mit Geschäft zu tun. Er wird dieses Mädchen heiraten, und du, Amber, hast keine Chance. Und glaub mir, die hast du auch nie gehabt.“

„Du kennst Lukas nicht so gut wie ich. Vielleicht hat er dem Mädchen nur den Hof gemacht, damit das Geschäft schneller zum Abschluss kommt, und …“ Amber verstummte, als sie bemerkte, wie verzweifelt sie sich anhörte. Jetzt war sie schon so weit, Lukas lieber als völlig skrupellosen Geschäftsmann hinzustellen, anstatt die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass er sie verlassen könnte.

„Nun, vielleicht hat er dadurch wirklich nur das Geschäft vorantreiben wollen …“ Spiro zuckte die Schultern. „… wenn du das glauben möchtest, können wir jetzt auch fahren.“

„Du hast doch gesagt, Tim habe dir das Versprechen abgenommen, mir davon zu erzählen.“ Ambers Blick war eisig. „Aber ich glaube dir nicht. Tim wäre nie so grausam.“

„Da hast du natürlich recht. Tim ist viel zu nett. Deshalb musste ich ihm auch versprechen, dir die Sachlage vorher zu erklären. Ich wäre mit dir ohne Vorwarnung in den Saal marschiert, in der Hoffnung, dass du Lukas vor meinem Großvater eine Szene machst. Dann hätte sich endlich einmal das teuflische Gesicht meines Onkels gezeigt. Aber Tim hat mich nicht gelassen.“

„Glaubst du eigentlich den ganzen Quatsch, den du mir da erzählst?“, flüsterte Amber, der erst jetzt richtig bewusst wurde, was es für sie bedeutete, wenn Spiro die Wahrheit sagte.

„Du brauchst mir ja nicht zu glauben, gehst jetzt wieder in deine Wohnung und steckst noch eine Nacht den Kopf in den Sand. Oder du kommst mit und siehst selbst.“ Herausfordernd blickte Spiro sie an. „Wenn du den Schneid dazu hast, meine ich.“

In ihrem ganzen Leben war Amber noch keiner Herausforderung aus dem Weg gegangen, und damit wollte sie jetzt nicht anfangen. Abgesehen davon ließ ihr Herz nicht zu, dass sie Spiro glaubte.

2. KAPITEL

Nachdem Spiro und Amber die Hotellobby hinter sich gelassen hatten, sagte er: „Hak dich bei mir ein!“ Doch Amber war viel zu aufgeregt, um darauf zu reagieren, und so nahm Spiro ihre bebende Hand und legte sie sich in die Armbeuge, während sie den Festsaal betraten.

Lukas wurde auf Amber aufmerksam, noch bevor sie die Schwelle überschritten hatte, und für einen Augenblick war er vor Schreck wie gelähmt. Dann wandte er schnell den Blick ab und dachte: Verdammt, dass Spiro mir in die Quere kommen könnte, habe ich ja ganz vergessen! Und bestimmt steckte sein unmöglicher Neffe dahinter. Beinah hätte Lukas laut aufgestöhnt und wusste zum ersten Mal in seinem Leben nicht, wie er reagieren sollte. Eigentlich war ihm die ganze Zeit bewusst gewesen, dass er rechtzeitig einen Schlussstrich unter das Verhältnis mit Amber ziehen sollte. Aber irgendwie hatte er gezögert.

Was, zum Teufel, machte sie auch hier?

Während Lukas darüber nachgrübelte, zupfte ihn Christina sanft am Ärmel, und er sah zärtlich in ihr unschuldiges Gesichtchen. Dabei dachte er: Glücklicherweise wird unsere Verlobung erst nächste Woche bekannt gegeben. So blieb ihm wenigstens Zeit genug, Amber alles zu erklären. Denn um nichts in der Welt wollte er ihr mehr wehtun als unbedingt notwendig.

Plötzlich hatte er wieder Ambers nackten Körper vor Augen, obwohl sein Blick nach wie vor auf Christinas rundlichem Gesicht ruhte. Doch schließlich lächelte er seiner Verlobten aufmunternd zu und legte ihr einen Arm um die Schultern.

Amber hatte den Blick durch den Raum schweifen lassen und im Stillen gehofft, den Mann, nach dem sie Ausschau hielt, nicht zu entdecken. Aber dann sah sie ihn doch. Lukas stand mit seinem Vater, einem älteren Mann und einem jungen Mädchen am gegenüberliegenden Ende des Festsaals. Zwei lange, einsame Monate war es nun her, dass sie Lukas nicht mehr gesehen hatte, und unwillkürlich schlug ihr das Herz höher. Während sie den Blick über seine große, elegante Erscheinung gleiten ließ, war ihr plötzlich egal, dass er behauptet hatte, heute noch in New York zu tun zu haben. Jetzt war er hier, und nur das zählte. Bestimmt würde er sich ihr gleich zuwenden und ihr entzückt über das unverhoffte Wiedersehen zulächeln.

Aber da irrte sie sich. Lukas bemerkte sie überhaupt nicht. Noch schlimmer – jetzt legte er dem Mädchen neben sich einen Arm um die Schultern.

Wie in Trance ließ sich Amber von Spiro durch den Saal führen. Es waren bereits zahlreiche Gäste anwesend, doch Amber hatte nur Augen für Lukas. Er hatte den Kopf leicht geneigt und lächelte jetzt wieder zu diesem Mädchen hinunter. Dabei sprach so viel Zärtlichkeit aus seinem Blick, dass Amber regelrecht Panik ergriff. Das ist alles nur etwas Geschäftliches, versuchte sie sich dabei einzureden und spürte vage, wie Spiro ihr die Hand drückte.

„Tut mir leid, Amber, dass du es so erfährst, aber ich habe dir ja gleich gesagt …“ Sie warf ihm einen bösen Blick zu, und Spiro verstummte, bevor er fortfuhr: „Kopf hoch, Amber, lass dich von diesem Mistkerl nicht runterziehen!“

„Lukas ist kein Mistkerl“, verteidigte sie ihn, aber ohne wie sonst wirklich davon überzeugt zu sein. Dann blickte sie wieder zu der kleinen Gruppe und sah sich das junge Mädchen genauer an. Es war untersetzt, aber trotzdem ganz hübsch, hatte einen dunklen Teint und langes schwarzes Haar, das es zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. Sein Kleid war bestimmt sündhaft teuer gewesen – ein Kleinmädchentraum aus rosa Satin und Seidenblumen –, ließ es aber noch unförmiger erscheinen. Die junge Griechin hatte Lukas eine Hand auf den Arm gelegt, und die andere ruhte auf seiner Brust. Allein diese Geste sprach für sich, aber außerdem blickte die Kleine träumerisch zu ihm auf.

„Ist das Mädchen da Christina Aristides?“, fragte Amber Spiro. „Die Reedertochter?“

„Ja.“

„Dann irrst du dich. Lukas steht nicht auf Kleinkinder, und diese Christina ist jung genug, um seine Tochter zu sein.“ Verzweifelt sah Amber zu ihrem Geliebten, der in diesem Augenblick den Kopf hob.

Lukas’ Blick traf sich mit ihrem. Dabei entging Lukas allerdings nicht, dass Spiro neben ihr hämisch grinste, und Lukas dachte: Warum gibt sie sich eigentlich immer noch mit diesem Kerl ab? Er, Lukas, hatte ihr doch ans Herz gelegt, sich von seinem Neffen fernzuhalten. Doch das war wieder einmal typisch Amber! Sie machte sich einen Spaß daraus, ihn herauszufordern. Ein Charakterzug, den er tolerierte, solange es sich um seine Geliebte handelte, aber bei seiner Ehefrau konnte er gut darauf verzichten. Ohne Amber auch nur zuzunicken, wandte er sich jetzt wieder seiner Verlobten zu, nahm sie bei der Hand und führte sie durch die Menge. Dabei blieben sie immer wieder stehen, um ein, zwei Sätze mit jemandem zu wechseln.

Amber beobachtete die beiden und dachte: Ich brauche jetzt unbedingt etwas zu trinken – egal, was. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so gedemütigt worden. Dabei kam sie sich vor wie in einem Albtraum, aus dem sie einfach nicht erwachen wollte. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, und so nahm sie begierig das Glas, das Spiro ihr reichte. Danach blickte sie sich beinah panisch im Raum um und war erstaunt, dass keiner der anderen Gäste bemerkt zu haben schien, was da soeben Entsetzliches geschehen war: Lukas hatte sie angesehen, als würde sie ihn nicht mehr interessieren als der Straßenstaub an seinen Schuhen.

Aber vielleicht hat er mich aus irgendeinem Grund nicht richtig erkannt, schoss es ihr da durch den Kopf. Es konnte sich doch nur um einen Irrtum handeln! Einen Augenblick spielte Amber mit dem Gedanken, zu ihm zu eilen und dem Mädchen seine Hand zu entreißen.

„Jetzt nimm dich zusammen, Amber“, sagte da Spiro, „wir sind gleich bei ihnen.“ Er hatte sich zu ihr hinuntergebeugt, und sein Kopf verdeckte ihr Gesicht. „Lass ihn nicht sehen, dass er dich verletzt hat. Diesen Triumph darfst du ihm nicht gönnen.“

Ich bin nicht „verletzt“, dachte Amber, denn dieses Wort beschrieb nicht annähernd, wie sie sich fühlte. „Verwundet“ käme dem Ganzen schon näher. Außerdem spürte sie immer mehr Wut in sich aufsteigen. Es hatte wie ein Funke in der Magengegend begonnen und breitete sich nun einem Lauffeuer gleich über ihren ganzen Körper aus. Um sich wieder zu beruhigen, atmete sie mehrmals tief durch und machte schließlich gute Miene zum bösen Spiel.

„So ist es richtig!“, sagte Spiro, als Lukas und Christina auch schon vor ihnen stehen blieben.

„Schön, dass du kommen konntest, Spiro, und du auch, Amber“, sagte Lukas, als wäre es ganz normal, sie hier zu treffen. Dann stellte er ihnen seine Begleiterin vor. „Das ist Christina Aristides. Ich habe gerade die Reederei ihres Vaters erworben, und heute Abend feiern wir diesen Geschäftsabschluss.“

Amber hätte ihm am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst und ihn vor allen Leuten gefragt, warum er sie belogen hatte. Aber das war weder der richtige Zeitpunkt für eine derartige Auseinandersetzung noch der richtige Ort. Stattdessen hob sie tapfer das Kinn, rang sich ein Lächeln ab und gab dem jungen Mädchen die Hand. Schließlich konnte die Kleine nichts dafür, dass Lukas ein mieser Kerl war.

Unterdessen wandte sich Lukas an Spiro. „Ich wusste ja gar nicht, dass Amber und du euch noch seht.“

„Aber natürlich treffen wir uns noch, Lukas! Amber gehört nicht zu den Menschen, die eine Freundschaft einfach so aufgeben.“ Alle bis auf Christina wussten, dass er damit auf das Verhalten seines Onkels anspielte. „Nicht wahr, Amber, Darling?“, sagte Spiro noch, zog sie an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

Amber ließ es geschehen, war sogar froh über seine Zuneigungsbekundung, auch wenn Spiro nur den liebenden Gefährten mimte. Dabei fragte sie sich die ganze Zeit, wie Lukas es wagen konnte, Christina gegenüber so zu tun, als wäre sie, Amber, nur irgendeine Bekannte seines Neffen. Immerhin hatte Lukas fast ein Jahr lang das Bett mit ihr geteilt!

Beinah ohne es zu wollen, hob Amber jetzt ihr Glas, in dem sich noch etwas Wein befand. Spiro ahnte, was sie vorhatte, fasste sie sanft am Handgelenk und erklärte locker: „Ich bin am Verhungern, Amber, und du brauchst noch etwas zu trinken.“ Zu Lukas und Christina gewandt, sagte er: „Wenn ihr uns bitte entschuldigen würdet …“, bevor er Amber zum Büfett führte.

Als Amber nicht mehr in Lukas’ unmittelbarer Nähe war, wurde ihr klar, dass sie ihm tatsächlich beinah vor allen Leuten zu verstehen gegeben hätte, was sie von ihm hielt. „Gut, dass du mich da weggelotst hast, Spiro!“ Amber rang sich ein Lächeln ab. „Da hat deine Vernunft wohl doch überwogen, hm? Vorhin im Taxi sagtest du noch, dir würde gefallen, wenn ich hier eine Szene machte, und ich hielt es für einen Scherz. Aber jetzt würde ich am liebsten vor allen Leuten in Tränen ausbrechen.“ Sie ließ den Kopf hängen.

„Tim hatte recht und ich unrecht. Ich hätte dich niemals mit hierhernehmen sollen.“ Spiro legte ihr zwei Finger unters Kinn und hob es an, sodass Amber gezwungen war, ihn anzusehen. „Ich muss meinen Großvater noch begrüßen. Das dauert höchstens zehn Minuten, und dann bringe ich dich sofort nach Hause. Glaubst du, du hältst es solange aus?“

Amber standen Tränen in den Augen, doch bevor sie antworten konnte, gesellte sich der alte Mr Karadines in Begleitung eines deutlich jüngeren Mannes zu ihnen. Spiros Großvater umarmte seinen Enkel und sagte etwas auf Griechisch, bevor er sich Amber mit den Worten zuwandte: „Sie waren doch Ostern vor einem Jahr bei uns auf der Insel, nicht wahr? ‚Amber‘, wenn ich mich nicht irre. Schön, Sie endlich mal wiederzusehen.“

„Ganz meinerseits.“ Es fiel Amber schwer, sich zusammenzureißen, aber irgendwie gelang es ihr.

„Freut mich, dass Sie meinem Enkel immer noch die Treue halten. Er braucht jemanden, der ihn ein bisschen zur Ordnung anhält.“

„Ich gebe mir alle Mühe!“ Inzwischen fühlte sich Amber wie betäubt und hatte beinah den Eindruck, nur noch unbeteiligte Beobachterin zu sein. Aber ihr war trotzdem bewusst, dass der Schmerz auf sie wartete.

„Schön, schön. Darf ich Sie mit meinem Freund und Finanzberater Clive bekannt machen, Amber? Clive Thompson – Amber Jackson, die Freundin meines Enkels.“

Amber hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, warum Mr Karadines sie als Spiros Freundin präsentierte, da ihr in diesem Augenblick aufging, dass es sich bei Clive Thompson um den zweitwichtigsten Mann des großen Investmenthauses Janson’s handelte. Er war zwar erst vierzig Jahre alt, sein Ruf als findiges Finanzgenie aber in der Londoner City und weit darüber hinaus legendär.

Irgendwie spürte Amber plötzlich, dass sich Lukas und Christina auf sie zubewegten. Doch sie wagte nicht, sich umzudrehen. Clive Thompson hielt nach wie vor ihre Hand, und Amber war ihm dafür sehr dankbar. Irgendwie gab ihr das die Kraft, nicht zu zittern, als Lukas sich mit seiner alles überragenden Größe ganz dicht hinter sie stellte.

„Ich wollte Sie unbedingt persönlich kennenlernen“, sagte Clive jetzt, „nachdem Theo mir mitgeteilt hat, Sie seien die Amber Jackson von Brentford’s. Darf ich Ihnen sagen, dass Sie genauso schön wie brillant in Finanzdingen sind. Eine faszinierende Kombination!“ Er lächelte charmant und gab ihr einen Handkuss.

„Oh, wie galant, Mr Thompson!“, rief da Christina mit ihrer nicht ganz akzentfreien Stimme.

Clive nickte der kleinen Griechin zu und sagte zu Amber: „Brentford’s kann sich glücklich schätzen, Sie zu seinen Mitarbeitern zu zählen.“

„Vielmehr ist das Glück auf meiner Seite.“

„Ich denke, jeder ist seines Glückes Schmied, Amber – ich darf Sie doch beim Vornamen nennen?“

„Natürlich“, antwortete Amber und glaubte, Lukas hinter sich aufstöhnen zu hören. Doch bevor sie sich darüber klar werden konnte, berührte er mit dem Oberschenkel ihren Po. Das hatte er bestimmt absichtlich gemacht! Amber konnte sich zwar nicht erklären, warum, aber es schien Lukas zu ärgern, dass sie hier so locker mit dem eleganten englischen Geschäftsmann plauderte.

Doch sie ließ sich durch Lukas’ Berührung nicht aus dem Konzept bringen und stellte sich einfach näher zu Spiro.

„Hier ist meine Karte, Amber“, sagte Clive jetzt, „falls Sie jemals den Wunsch hegen sollten, die Firma zu wechseln.“

„Das käme wohl auf das Angebot an, das Sie ihr machen“, mischte sich da doch tatsächlich Lukas ein.

„Ich bin sicher, Amber und ich kämen zu einem für beide Seiten befriedigenden Ergebnis.“

Irgendwie war auf einmal klar, dass Clive damit nicht nur eine mögliche Anstellung Ambers bei Janson’s meinte. Doch bevor die Situation aus dem Ruder lief, sagte Christina: „Ich bin sicher, Amber will nicht den ganzen Abend über Geschäftliches reden. Ich dachte, das hier soll eine Party sein, auf der man sich amüsiert.“ Mit schalkhaftem Lächeln fügte sie hinzu: „Wollen wir uns nicht ein wenig frisch machen, Amber, dann können wir uns auch besser unterhalten. Ich wüsste zu gern, wo Sie Ihr wunderbares Kleid und den Schmuck herhaben.“

Die direkte Art, mit der Christina das Thema wechselte, unterband die Unterhaltung, und Lukas warf Amber einen warnenden Blick zu, den sie tapfer erwiderte.

Natürlich wollte Lukas nicht, dass sie Christina erzählte, wer ihr den Schmuck geschenkt hatte. Doch zum ersten Mal an diesem Abend hatte Amber den Eindruck, alles im Griff zu haben, und erklärte mit einem Lächeln: „Kleid und Schmuck waren ein Geburtstags- und ein Weihnachtsgeschenk.“ Dann hakte sie sich bei der kleinen Griechin unter und fügte hinzu: „Ich komme gern mit Ihnen.“ Sollte Lukas ruhig schwitzen, während er sich Gedanken darüber machte, ob sie seiner unschuldigen Freundin die Wahrheit bezüglich des großzügigen Schenkers sagte.

„Gut, dass wir da raus sind!“, erklärte Christina, sobald sie im Waschraum angekommen waren. „Eine Stunde in der Gesellschaft meines Vaters und seiner Freunde, und ich könnte glatt die Wände hochgehen.“ Im Spiegel sah sie Amber an. „Sie haben Glück, dass Spiro noch jung ist und sich nicht so wichtig nimmt. Sie machen sich ja keine Vorstellung, wie langweilig Lukas sein kann!“

Erschrocken sah Amber zu Christina, die gerade mürrisch ihre rosa Korsage zurechtzupfte.

„Sagen Sie mir, Amber, würden Sie freiwillig so etwas tragen?“

„Nun …“ Amber wollte nicht unhöflich sein. „… bestimmt gefällt es Ihnen.“

Christina lachte. „Sie machen wohl Witze? Ich finde es furchtbar! Aber da Sie Engländerin sind, verstehen Sie bestimmt nicht, warum ich es trotzdem anziehe.“ Plötzlich wirkte Christina viel älter und erfahrener.

„Und warum tragen Sie ein Kleid, das Sie nicht ausstehen können?“

„Weil mein Vater mich gern als sein unschuldiges Töchterchen sieht. Und natürlich will Lukas, dass seine Verlobte jungfräulich wirkt.“

„Sie sind verlobt!“

„Ja, hat Spiro Ihnen denn nichts davon erzählt?“ Christina wartete Ambers Antwort erst gar nicht ab, sondern fuhr fort: „Nächstes Wochenende richtet mein Vater in unserem Haus in Athen eine große Party aus, bei der meine Verlobung mit Lukas bekannt gegeben wird, und drei Wochen später heiraten wir. Mein Vater hätte es ja schon heute verkündet. Aber selbst für einen Griechen wirkt es zu offensichtlich, den Verkauf seiner Firma am selben Abend zu feiern wie die Verlobung seiner Tochter.“

Also stimmte es doch, dass Lukas eine andere Frau heiratete. Spiro hatte nicht gelogen. Darüber war Amber so entsetzt, dass sich ihre Gedanken überschlugen. Doch sie riss sich zusammen, blickte ihre Rivalin an und stellte die Frage, die ihr auf der Zunge lag. „Lieben Sie Lukas denn?“

Christina lachte. „Nein, aber er liebt mich – das sagt er zumindest –, und eigentlich ist es auch egal. Ich will nur so schnell wie möglich heiraten.“ Dabei hantierte sie nervös mit ihrem rosa Abendtäschchen herum. „Bin ich erst einmal verheiratet, bekomme ich das Geld, das mir meine Mutter hinterlassen hat. Und da Lukas der Ruf vorauseilt, ein fähiges Finanzgenie zu sein, bezweifle ich nicht, dass er den Reichtum der Reederei vermehren wird – und damit auch meinen.“ Lachend fügte sie hinzu: „Machen Sie doch nicht so ein Gesicht! Unsere Heirat ist ein typisch griechisches Abkommen.“

„Aber … aber …“ Amber fehlten die Worte. „Sie … Sie sind doch noch so jung und … unerfahren.“

„Ich bin gerade erst mit der Schule fertig geworden, das stimmt. Doch das letzte Jahr habe ich auf einem Schweizer Internat verbracht, und die Skilehrer dort sind nicht zu verachten. Also bin ich längst nicht mehr so unerfahren, wie meine achtzehn Jahre vermuten lassen.“

„Aber das ist doch nichts gegen Lukas’ Erfahrung!“

„Ich weiß, was Sie mir damit sagen wollen, Amber. Spiro hat heute Nachmittag auch so etwas angedeutet. Ich glaube, er hat versucht, mich zu warnen, aber in Wirklichkeit bin ich froh, dass sein Onkel nebenbei noch eine Freundin hat.“

„Und das würde Ihnen gar nichts ausmachen?“ Amber konnte nicht glauben, wie gefühllos Christina von ihrer Beziehung zu Lukas sprach.

„Dann behelligt er mich schon nicht so oft. Ich brauche keinen Mann, um glücklich zu sein!“ Es war ihr schließlich gelungen, die Handtasche zu öffnen, der sie jetzt ein Päckchen Zigarettentabak entnahm. „Möchten Sie auch eine?“

„Nein, ich rauche nicht“, sagte Amber und überlegte, warum Christina trotz ihres Reichtums wohl selbst drehte.

„Schade!“ Christina legte Amber eine Hand auf den Arm. „Bitte tun Sie mir einen Gefallen, und sagen Sie Lukas, dass ich noch fünf Minuten brauche.“ Kichernd fügte sie hinzu: „Er weiß nichts von meinem kleinen Laster.“

Plötzlich fand sich Amber auf dem Gang wieder. Und während sie noch überlegte, wie sie so schnell dorthin gekommen war, baute sich auch schon Lukas vor ihr auf. Ganz aufrecht stand er da, sodass er noch größer wirkte als sonst, und wartete … aber nicht auf sie. „Wo ist Christina?“, fragte er aufrichtig besorgt.

„Sie lässt sich noch für fünf Minuten entschuldigen. Sie hat auch behauptet, sie sei deine Verlobte. Aber das ist doch unmöglich! Du bist doch mit mir zusammen.“ Amber war zu aufgeregt, um sich nicht anmerken zu lassen, wie verletzt sie war.

Aber dadurch wurde Lukas’ Blick noch unnachgiebiger. „Tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Schließlich konnte ich nicht wissen, dass du dich immer noch mit meinem Neffen herumtreibst.“

Amber wollte schon etwas darauf erwidern, aber ihr kam kein Ton über die Lippen. Wie konnte Lukas nur so arrogant sein! Da hätte er ja genauso gut sagen können, es sei Spiros Schuld, dass er, Lukas, sie hintergangen habe.

„Amber …“ Er legte ihr seine große Hand auf den Arm, die sie aber aufgebracht abschüttelte. „… wir müssen uns mal unterhalten.“

„Dafür ist es jetzt wohl ein bisschen spät, findest du nicht?“, rief Amber, woraufhin Lukas die breiten Schultern anspannte und ihr ärgerlich befahl, nicht so laut zu sprechen. Als Amber das vor Wut gerötete Gesicht abwandte, fuhr Lukas fort: „Ich komme morgen früh wie besprochen vorbei und erkläre dir alles.“

„Das sollte also meine Überraschung werden“, flüsterte Amber jetzt. „Deine Verlobung mit Christina!“

In diesem Augenblick schlenderte die kleine Griechin aus der Damentoilette. „Spricht da jemand über mich?“ Ihre dunklen Augen glänzten beinah fiebrig, und sofort legte Lukas ihr beschützend einen Arm um die Schultern.

„Amber und ich haben gerade über die Verlobungsfeier gesprochen, Christina. Eigentlich sollte es doch eine Überraschung werden. Es war sehr ungezogen von dir, es schon vorher auszuplaudern“, ergänzte er lächelnd, und Amber machte ganz krank, wie er mit dem Mädchen redete.

Glücklicherweise kam in diesem Augenblick Spiro auf sie zu und legte Amber einen Arm um die Taille. „Was ist denn hier los? Werden jetzt schon Geheimabsprachen auf dem Flur getroffen?“ Amber hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen, und klammerte sich dankbar an ihn. Schließlich konnte ein Mensch nur ein bestimmtes Maß an Grausamkeit ertragen.

Spiro spürte ihre Verzweiflung und verstärkte seinen Griff um ihre Taille. Dabei tat er so, als würde er interessiert Christinas unermüdlichem Geplauder über die nächste Woche stattfindende Verlobungsparty lauschen, zu der sie schließlich auch Amber einlud.

Als Christina verstummte, um Atem zu schöpfen, nutzte Spiro die Gelegenheit, ihr und seinem Onkel zu gratulieren. „Wir wünschen euch, dass ihr bekommt, was ihr verdient“, fügte er noch hinzu, genau wissend, dass nur Lukas die Zweideutigkeit dieser Aussage verstand. „Jetzt müsst ihr uns aber entschuldigen, Amber und ich haben heute Abend noch eine andere Verabredung.“

Und innerhalb weniger Minuten fand sich Amber in der Hotellobby wieder.

„Es tut mir leid, Amber, ehrlich. Ich hätte dich niemals mit hierhernehmen sollen.“

Aber Amber hörte ihm gar nicht zu. Die letzte Stunde hatte sie so unter Schock gestanden, dass sie lediglich ihre Wut über Lukas’ Verhalten aufrechterhalten hatte. Jetzt fühlte sie sich wie leer gepumpt und sagte: „Bring mich nach Hause, Spiro!“

Während sie gemeinsam im Taxi saßen, stellte Amber völlig perplex fest: „Ich verstehe das alles nicht, Spiro! Du hast doch gesagt, dein Großvater hätte mich eingeladen. Aber warum? Er wusste doch, dass Lukas und ich einmal zusammen …“ Sie konnte nicht weitersprechen und versuchte, die Tränen wegzublinzeln.

„Du verstehst das Ganze immer noch nicht, was?“, fragte Spiro wehmütig. „Wie auch? Ich bin dem Thema einfach zu lange ausgewichen. Aber bisher schien es mir eine unbedeutende Notlüge zu sein.“ Verständnislos sah Amber ihn an. „Erinnerst du dich noch, als du Lukas das erste Mal gesehen hast. Auf meiner Geburtstagsfeier vor einem Jahr? Da war er doch am Anfang so wütend.“ Amber nickte. „Nun, ich hatte ihm gerade eröffnet, dass ich beabsichtigen würde, Tim über Ostern mit nach Griechenland zu nehmen und meinem Großvater bei der Gelegenheit meine sexuellen Neigungen zu gestehen. Lukas hat versucht, mir das auszureden, weil er der Ansicht war, eine derartige Nachricht würde den alten Mann umbringen. Immerhin bin ich sein einziger Enkel! Also einigten Lukas und ich uns darauf, dass ich Tim zwar mitbringen könnte, unser Verhältnis aber geheim halten sollte. Deshalb hat dich Lukas auch am gleichen Abend noch gefragt, ob du mit ihm essen gehen wolltest, weil er da schon beabsichtigt hat, dich als Tarnung mit auf unsere Insel einzuladen. Lukas schreckt vor nichts zurück, wenn es darum geht, seinen Vater zu schonen. Durch dich konnte er meinen Großvater glauben machen, du und Tim wäret so etwas wie Bruder und Schwester, aber wir beide hätten ein wesentlich engeres Verhältnis. Schließlich hattest du damals schon vier Jahre bei mir gewohnt.“

„Willst du damit sagen, dein Großvater hat die ganze Zeit gedacht, wir beiden seien ein Paar? Aber das ist doch unmöglich!“ War es das wirklich?

Wenn sie so darüber nachdachte, hatte sich Lukas ihr erst in England genähert. Jetzt erinnerte sie sich auch, wie sie das erste Mal mit ihm essen gegangen war. Damals lud er sie ein, doch mit nach Griechenland zu kommen, und bat sie gleichzeitig, ihm einen Gefallen zu tun. Er wusste, dass sie sehr gut mit Tim und Spiro stand, und wollte, dass sie ihren Einfluss auf die beiden dahin gehend geltend machte, dass sie sich im Beisein seines Vaters ein wenig unauffälliger verhielten. Erklärend hatte er hinzugefügt, der alte Mann sei, was Homosexualität betreffe, ziemlich altmodisch eingestellt.

Im Nachhinein gaben all die kleinen Merkwürdigkeiten einen schrecklichen Sinn. Spiro hatte recht: Lukas würde für seinen Vater alles tun – auch ein reiches griechisches Mädchen heiraten, das er nicht liebte.

„Und dann denk mal über eure Beziehung nach, Amber“, fuhr Spiro jetzt fort. „Hat sich Lukas jemals irgendwo in der Öffentlichkeit mit dir gezeigt, wo Gefahr bestand, dass man meinem Großvater mitteilen könnte, dich in Lukas’ Begleitung gesehen zu haben? Nein. Während du dachtest, du würdest dir eine Beziehung zu einem modern denkenden Mann aufbauen und mit ihm ein Heim gründen, ging es Lukas nur um sein Vergnügen.“

Ausdruckslos starrte Amber vor sich hin, und während Spiro weitererzählte, legte sich ein bitterer Zug um ihren schönen Mund. Sie versuchte, etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton heraus, so bebten ihr die Lippen. Dabei dachte sie unablässig: Wie konnte ich nur so blind und dumm sein?

3. KAPITEL

In ihrem Apartment angekommen, trat sich Amber die Sandaletten von den Füßen und ging barfuß die Wendeltreppe hinauf zum Schlafzimmer. Dabei umklammerte sie das Geländer wie eine alte Frau. Spiro hatte sie aufgefordert, doch bei ihm zu übernachten. Aber Amber war der Meinung gewesen, dass er ihr für einen Abend schon genug geholfen hatte. Außerdem wollte sie sich vor ihm nicht komplett zur Närrin machen. Denn wenn ihr erst einmal die erste Träne über die Wange gerollt war, könnte sie mit dem Weinen bestimmt nicht mehr aufhören.

Mechanisch zog sie sich aus und ging in das luxuriös ausgestattete Badezimmer. Dabei fiel ihr Blick unweigerlich auf die große, in den Marmorfußboden eingelassene Wanne. Dadurch wurden Erinnerungen geweckt, die viel zu schmerzlich waren, sodass Amber den Gedanken verwarf, zur Beruhigung ein Bad zu nehmen. Lieber ging sie in die Duschkabine, drehte das Wasser auf und stellte sich unter den kräftigen Strahl.

Dabei musste sie allerdings daran denken, wie oft Lukas in der Dusche vor ihr gekniet und sie eingeseift hatte. Kein Zentimeter ihres Körpers war unberührt geblieben, was sie damals als Zeichen seiner völligen Hingabe gewertet hatte. Welch ein Hohn!

Darüber verlor Amber endgültig die Beherrschung. Ohnehin hatte es keinen Sinn mehr, gegen das Gefühl der Traurigkeit anzukämpfen, und Amber ließ endlich zu, dass ihr die Tränen unter den Lidern hervorquollen und sich mit den Wassertropfen mischten.

Schließlich bekam sie einen richtigen Weinkrampf, sank in die Knie und umfing sich mit den Armen. Erst als sie am ganzen Körper zitterte, öffnete sie wieder die Augen. Sie hatte sich in der Duschwanne zusammengerollt und fühlte den inzwischen eiskalten Wasserstrahl auf ihren nackten Körper prasseln. Wann das warme Wasser zur Neige gegangen war, konnte sie nicht sagen. Ihre Arme und Beine spürte sie kaum noch, und es gelang ihr nur mit Mühe, aufzustehen und den Hahn zuzudrehen. Wie in Trance nahm sie ein Handtuch vom Halter und verließ das Badezimmer. Gleich darauf warf sie sich aufs Bett und barg das Gesicht in den Kissen, wobei sie von einem neuerlichen Weinkrampf geschüttelt wurde.

Danach fühlte sie sich merkwürdigerweise viel besser, beinah gelassen. Aber natürlich war sie trotz allem viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Sie schlüpfte in ihren Jogginganzug und die Fellhausschuhe und ging nach unten, um fernzusehen. Was, war ihr egal. Sie starrte ohnehin nur blicklos auf die Mattscheibe … und wartete.

Unbemerkt von ihr wurde es hell, und irgendwann hörte Amber, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, stand auf und wandte sich langsam der Tür zu.

Auf Lukas wirkte sie gefasst – und wunderschön. „Amber! Da bin ich aber froh, dich hier anzutreffen. Ich habe schon befürchtet, nach gestern Abend wärst du mit Spiro nach Hause gefahren.“

Weil Samstag war, trug Lukas Freizeitkleidung: Jeans, einen beigefarbenen Rollkragenpullover und eine dunkle Lederjacke. Sein schwarzes Haar hatte der Wind zerzaust, und er war Amber nie attraktiver vorgekommen – oder unerreichbarer. Sie versuchte, sich nicht von seiner Anziehungskraft beeindrucken zu lassen, und fragte kühl: „Warum sollte ich denn bei Spiro übernachten, Lukas, schließlich ist das hier doch mein Zuhause, oder etwa nicht?“ Inzwischen war ihre Trauer einer lähmenden Wut gewichen.

„Gut, ich habe gehofft, du würdest vernünftig sein.“ Lukas blieb direkt vor ihr stehen und musterte sie von Kopf bis Fuß. Dabei verweilte sein Blick einen Augenblick zu lang auf ihren Brüsten, deren Knospen sich unter dem Sweatshirt abzeichneten.

Amber sah Lukas an, dass er sich zusammenreißen musste, um sie nicht anzufassen. Dabei dachte sie: Immerhin reagiert er noch auf meine weiblichen Reize. Doch das ärgerte sie noch mehr, und sie platzte heraus: „Als ‚vernünftig‘ würde ich meinen Gemütszustand nicht bezeichnen. Nach gestern Abend komme ich mir kein bisschen vernünftig vor. Ganz im Gegenteil, ich bin total außer mir und verlange eine Erklärung!“ Als sie in sein maskenhaft starres Gesicht blickte, wurde sie noch wütender und schrie außer sich: „Ich dachte, du wärst mein Freund. Immerhin leben wir seit einem Jahr zusammen!“

Unvermittelt trat Lukas einen Schritt zurück, und Amber beobachtete genüsslich, wie sich sein Gesicht vor Ärger – oder war es Scham? – dunkel verfärbte. Ihm gefiel ganz und gar nicht, dass er Rechenschaft für sein Verhalten ablegen sollte. Deshalb sagte er jetzt auch nur: „Ich entschuldige mich für gestern Abend. Das hätte nicht passieren dürfen. Du hättest nicht von Christina erfahren sollen, dass ich mich nächste Woche verlobe. Aber andererseits hattest du ja auch nichts auf der Party verloren. Bedank dich bei Spiro für dieses Fiasko!“

„Oh nein, das kannst du deinem Neffen nicht in die Schuhe schieben! Schließlich hat nicht er mich belogen, sondern du. Du hast behauptet, nicht vor Samstag aus New York zurück zu sein.“ Wütend funkelte sie ihn an, aber als er ihren Blick erwiderte, erschauerte sie.

„Ich habe nicht gelogen, sondern nur gesagt, ich könnte dich noch nicht treffen, weil ich am Freitag einer anderen Verpflichtung nachkommen müsse.“

„Eine andere Verpflichtung für Freitag – dass ich nicht lache! Eine für den Rest deines Lebens käme der Wahrheit wohl näher. Noch nie bin ich so gedemütigt worden, und ich wüsste gern, warum, Lukas? Zumindest schuldest du mir eine Erklärung!“ Ambers Stimme drohte sich zu überschlagen.

Daraufhin packte Lukas Amber bei den Schultern und sagte böse: „Beruhige dich wieder, und hör mir zu!“ Eiskalt sah er ihr dabei ins hübsche Gesicht. „Ich wollte dir eigentlich rechtzeitig erzählen, dass unsere Affäre vorbei ist. Denn es gehört zu meinen Prinzipien, die eine Geschichte zu beenden, bevor ich eine neue anfange. Aber am Telefon …“

„Wie ehrenhaft von dir!“, spottete Amber. „Soll ich mich deshalb besser fühlen, weil du mir rechtzeitig sagst, dass du mich fallen lässt?“

„So würde ich das nicht nennen.“ Lukas schnitt ein Gesicht. „Unsere Beziehung hat sich einfach überlebt, und ich hoffe, wir können uns als Freunde trennen.“

Das passiert mir nicht wirklich, dachte Amber. So gefühllos und gemein konnte doch keiner sein! Wollte Lukas wirklich, dass sie Freunde blieben? Wusste er denn nicht, dass er ihr das Herz gebrochen hatte, ihre Träume zerstört, ihr Leben? Aber als sie wieder zu ihm aufblickte, sah sie es in seinem Gesicht nur ungeduldig zucken und fragte: „Was ist mit deinen Gefühlen für mich geschehen?“ Dabei war sie selbst erstaunt, dass sich ihre Stimme nicht überschlug.

„Amber, wir haben wirklich eine tolle Zeit miteinander verlebt, aber jetzt ist es vorbei. Inzwischen bin ich in einem Alter, wo …“ Er begann, im Raum auf und ab zu gehen. „… wo es Zeit wird, eine Familie zu gründen. Ich will eine Ehefrau und ein Zuhause, und Christina ermöglicht mir all das.“ Unvermittelt blieb er stehen und ging wieder zu Amber. „Du bist unheimlich intelligent und ehrgeizig. Ich weiß, dass du eine brillante Zukunft vor dir hast. Aber für mich ist Christina die Zukunft, verstehst du das?“

Die Benommenheit, die Amber die vergangenen Stunden umfangen hatte, verschwand schlagartig. Mit jedem seiner Worte riss Lukas ihr das Herz noch mehr in Stücke. „Nein“, sagte sie jetzt, „ich verstehe nicht, dass du deine Zukunft in Christina siehst.“ Diesmal hielt sie seinem Blick stand. „Ich dachte, wir seien ein Paar und dieses Apartment sei unser Zuhause.“

Spöttisch sah sich Lukas im Raum um, bevor er wieder zu Amber blickte. „Jetzt hör schon auf, die Naive zu spielen. Das passt nicht zu dir. Das Apartment hier sollte nie ein Zuhause sein. Es ist doch nur ein großer Wohnbereich mit einer offenen Galerie, auf der sich ein laszives Schlafzimmer mit angrenzendem Luxusbad befindet. Kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich hier meine Familie empfange?“ Spöttisch zog er eine Augenbraue hoch. „Also ich nicht.“

Das war zu viel für Amber, und sie holte aus, zog Lukas die Hand übers Gesicht und schrie: „Das hätte ich schon gestern Abend tun sollen, du arroganter, eingebildeter Mistkerl!“

Lukas rieb sich die Wange. „Vielleicht habe ich die Ohrfeige ja verdient, also lass ich sie dir noch einmal durchgehen. Aber nur dieses eine Mal, Amber.“ Grimmig fuhr er fort: „Find dich einfach damit ab, dass es zwischen uns aus ist. Ich habe es jedenfalls getan.“

Als Amber sah, wie sich auf Lukas’ Wange ein flammend roter Fleck bildete, bedauerte sie sofort, ihn geschlagen zu haben, und hob unwillkürlich die Hand. Diesmal allerdings, um ihm zärtlich über die Wange zu streichen. Aber da umklammerte Lukas ihr Handgelenk. „Lass das!“

Beschwichtigend legte ihm Amber die freie Hand auf die Brust und flüsterte: „Es tut mir leid.“ Die Berührung mit seinem muskulösen Oberkörper jagte ihr lustvolle Schauer über den Rücken. Und da wurde ihr wieder bewusst, dass sie diesen Mann von ganzem Herzen liebte. Sie ließ den Kopf zurücksinken und blickte in Lukas’ attraktiv gebräuntes Gesicht. „Bitte“, sagte sie dann, als sie spürte, wie er erstarrte, „lass mich dich noch einmal berühren.“ Sie legte ihm die Arme um den Nacken und flüsterte: „Wir passen doch so gut zusammen, Lukas, und das weißt du.“

Sie sah die Veränderung in seinen Augen, als ihre Brüste mit seinem Oberkörper in Kontakt kamen. Dabei schob sie ihm automatisch die Hand ins Haar, zog ihn zärtlich zu sich herunter und öffnete leicht die Lippen. Zwei Monate war es jetzt her, dass sie miteinander geschlafen hatten, und Amber verzehrte sich geradezu nach ihm. Plötzlich war sie bereit, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln um ihn zu kämpfen, und sagte: „Küss mich, Lukas, du willst es doch auch!“

Als Amber die Zungenspitze über Lukas’ Lippen gleiten ließ, packte er sie mit seinen großen Händen bei den Schultern, als wollte er sie von sich stoßen. Aber plötzlich hielt er den Atem an, und ihre Lippen verschmolzen miteinander. Amber gab sich ganz der Leidenschaft des Kusses hin, doch dann stieß Lukas sie tatsächlich von sich und hielt sie auf Armeslänge von sich ab.

Es gefiel ihm ganz und gar nicht, was Ambers Berührung in ihm auslöste. War er etwa auch sexbesessen wie seine Mutter? Ihr Leben lang hatte sie einen Liebhaber nach dem anderen gehabt. Und während Lukas daran dachte, wie ihn der letzte als Dreizehnjährigen auf die Straße gejagt hatte, verging ihm die Lust auf Amber. „Du bist eine sehr sinnliche Frau, Amber, und ich mag ein Mistkerl sein, aber ich bin doch nicht so schlimm, um auf dein Angebot einzugehen. Zwischen uns ist es ein für alle Mal vorbei.“

„Aber wenn du unbedingt heiraten willst, Lukas, warum dann nicht mich? Ich liebe dich und dachte, du würdest meine Gefühle erwidern.“ Mit zittrigen Fingern strich sie ihm eine Strähne aus der Stirn. „Du könntest doch auch mit mir Kinder haben, ich würde dir alles geben, was du von mir verlangst.“ Jetzt legte sie ihm ihr Herz zu Füßen, ihr Leben, bettelte, nur damit er bei ihr blieb. Ihren Stolz hatte sie längst verloren, und auch die Verärgerung war verschwunden. Flehentlich sah sie Lukas in die dunklen Augen und glaubte, so etwas wie Wankelmut darin zu entdecken.

Aber da hatte sie sich wohl geirrt, denn gleich darauf sagte Lukas entschieden: „Nein, Amber! Ich habe dich niemals belogen und tue es auch jetzt nicht. Ich muss eine Frau schon lieben, um sie heiraten zu können. Und hast du jemals das Wort ‚Liebe‘ von mir gehört?“

Amber schloss die Augen und dachte nach. Lukas hatte recht. Niemals hatte er mit Worten ausgedrückt, dass er sie liebe. Als er jetzt ihre Schultern losließ, spürte sie, wie er sich auch gefühlsmäßig von ihr zurückzog.

„Du bist ein nettes Mädchen, Amber, aber nun einmal nicht der Hausfrau- und Muttertyp.“ Er atmete schwer, doch aus seinen dunklen Augen sprach eiserner Wille. „Du bist eine Karrierefrau und bewegst dich in einer von Männern beherrschten Branche. Du bist mindestens so gut wie deine Kollegen – wenn nicht besser. Du liebst deine Arbeit und würdest dich zu Hause innerhalb weniger Wochen zu Tode langweilen. Also, bitte, mach dir nichts vor! Du eignest dich nun einmal nur zur Geliebten.“

Mit wachsendem Schrecken hatte Amber ihm zugehört und fragte jetzt: „Hast du mich während dieser ganzen Monate wirklich nur als Lustobjekt gesehen?“

Er zuckte die breiten Schultern.

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