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BIANCA EXKLUSIV BAND 239

JEN SAFREY

Hab Vertrauen, Liebste

Nie wieder wird Cassidy ihrer großen Liebe Eric unter die Augen treten können! Dabei wollte sie nach dem Studium mit ihrem wundervollen Freund aus Kindertagen ein gemeinsames Leben beginnen. Doch dann tut sie etwas, für das sie sich so sehr schämt, dass sie flieht! Erst Jahre später trifft sie ihren Traummann wieder. Aber ist da nicht längst alles zu spät?

MARTHA SHIELDS

Blitzhochzeit in Vegas

Fahrstuhl ins Glück? Als der Aufzug ausfällt, ist Claire plötzlich allein mit Jake Anderson, einem der reichsten Männer Denvers. In einem nächtlichen Gespräch gibt der faszinierende Mann ihrem Leben endlich einen Sinn. Claire möchte Jubeln vor Glück und gibt ihm spontan das Jawort. Auf ein Zeichen seiner Liebe wartet sie allerdings vergeblich …

ELIZABETH HARBISON

Wie erobere ich den Richtigen?

Sie gibt sich kühl und vernünftig, und doch weiß Dalton Price, dass in Bonnie ein Vulkan brodelt. Schon einmal ist die anziehende Frau, die vorgibt, nur an ihre Karriere zu denken, unter seinen Händen dahingeschmolzen. Und nun erlebt er wieder ein Feuerwerk der Leidenschaft. Dabei hat Bonnie doch eigentlich vor, ihren langweiligen Chef zu heiraten …

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Hab Vertrauen, Liebste

 

 

 

Lieber Eric,

ich wünsche, ich wäre stark genug, um dir gegenüberzutreten.

Du wärst furchtbar enttäuscht, wenn du wüsstest, was ich getan habe. Ich will und wollte dir niemals wehtun, denn du bedeutest mir mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Aber ich schaffe es nicht, mich mit dir zu treffen. Wenn ich dir bloß diesen Brief schicken könnte – aber dann wäre es noch schwieriger wegzugehen.

Eigentlich solltest du wissen, dass du der einzige Mann bist, den ich je lieben werde. Vielleicht bin ich eines Tages in der Lage, dir das zu sagen.

Deine Cassidy

PROLOG

New Jersey, Juli 1983

Die Hitze hatte die Stadt fest im Griff. Es war Samstag, und die Sonne brannte bereits seit den frühen Morgenstunden unerbittlich. Die meisten Gärten lagen wie ausgestorben da – bei diesen Temperaturen zogen sich viele Familien in ihre Häuser zurück. Wer Glück hatte, konnte eine Klimaanlage sein Eigen nennen.

Doch der kleinen Cassidy Maxwell schien die Hitze nichts auszumachen. Schon seit zwei Stunden war sie im Garten und übte, ein Rad zu schlagen.

Sie war so eifrig bei der Sache, dass sie nicht einmal bemerkte, dass Eric Barnes gekommen war. Später wollten die Familien gemeinsam essen, und Eric hatte eine Schüssel Kartoffelsalat vorbeigebracht, den seine Mutter zubereitet hatte. Gemeinsam mit Cassidys Mutter stand er am Küchenfenster und beobachtete das Mädchen, seine Freundin.

Sie reckte die Hände mit gespreizten Fingern in die Luft. Dann bückte sie sich und warf das Gewicht ihres zierlichen Körpers auf die Hände, wobei ihre Haare den Boden berührten. Zuletzt hob sie die Beine an, doch sie hatte nicht genügend Schwung, und Cassidy fiel hin. Als sie wieder aufstand, bemerkte Eric, dass ihre Knie voller Schrammen und Grasflecken waren.

Als ob sie Erics Blick spüren würde, drehte Cassidy sich zu ihm um und lächelte. Und schon versuchte sie erneut, ein Rad zu schlagen. Diesmal gelang es ihr etwas besser.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Cassidys Mutter. Eric nickte, und sie gab ihm zwei Gläser mit Eistee. „Bring Cassidy bitte auch ein Glas. Ich sage ihr schon die ganze Zeit, dass sie etwas trinken soll, weil es viel zu heiß zum Turnen ist. Leider hört sie nicht auf mich. Du bist der Einzige, der ihr etwas sagen darf.“

„Okay“, erwiderte er und nahm die beiden Gläser entgegen.

„Auf dem Weg zum Supermarkt sah Cassidy heute Morgen ein kleines Mädchen, das auf dem Spielplatz ein Rad schlug“, erklärte Mrs Maxwell. „Jetzt will sie das unbedingt auch können. Ich weiß nicht, ob dieser Ehrgeiz gesund ist.“

Eric hatte das Gefühl, als spräche Mrs Maxwell eher mit sich selbst als mit ihm.

Sie blickte zu ihrer Tochter. „Erst sieben Jahre alt, und sie macht nichts halbherzig. Wer weiß, wie das erst wird, wenn sie älter ist. Entschuldige, Eric, ich plappere nur so vor mich hin. Die Hitze bringt mein Gehirn zum Schmelzen. Geh ruhig zu ihr.“

Er ging in den Garten, und Cassidy kam strahlend auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch.

„Vorsicht“, bat Eric, „die Gläser sind randvoll. Da, trink erst mal etwas.“

Cassidy nahm das Glas und trank es in einem Zug leer. Erwartungsvoll sah sie ihn an.

„Ich muss gleich wieder los“, sagte Eric, „Sam und Brian haben mich gefragt, ob ich mit ihnen spielen will.“

Jetzt schien Cassidy enttäuscht zu sein.

„Wir sehen uns doch nachher zum Essen“, erinnerte Eric sie. „Ich komme mit Mom und Dad zu euch.“

Cassidy nickte langsam, doch die Enttäuschung war ihr anzumerken, auch wenn sie nichts sagte. Aber sie redete sowieso nie viel. Ihre Mutter meinte, dass sich das bestimmt noch ändern würde. Eric war sich da nicht so sicher. Cassidy war kein Mädchen, das große Worte machte.

„Sam und Brian sind echt nett“, versuchte er zu erklären. „Außerdem sind sie in meinem Alter, und manchmal muss ich eben auch mit meinen anderen Freunden spielen, denn sonst steh ich ganz alleine da, wenn ich nächstes Jahr in die siebte Klasse komme. Verstehst du das?“

Cassidy stand schweigend vor ihm und hielt ihr leeres Glas fest.

„Hey, jetzt sei nicht beleidigt. Außerdem würde dir sowieso nicht gefallen, was wir machen. Üb doch lieber noch ein bisschen Radschlagen. Dann kannst du mir später was vorführen, okay?“

Scheinbar zufrieden stellte Cassidy ihr Glas vorsichtig auf den Boden. Dann rannte sie los und schlug ein weiteres Rad, ihr schlechtestes bisher. Sie landete auf dem Po und lachte. Auch Eric musste lachen.

Als Eric kurz darauf bei Sam klingelte, erfuhr er, dass Sam Besuch von seinen jüngeren Cousins hatte, die unbedingt mitspielen wollten. Sofort dachte er an Cassidy und sagte Sam, er würde sie kurz holen, denn es sei doch nett, wenn die Jüngeren auch eine Spielkameradin in ihrem Alter hätten.

Natürlich war das eine Ausrede. Obwohl Eric es seinen Freunden gegenüber nie zugeben würde, er war mit niemandem so gern zusammen wie mit Cassidy. Die Maxwells waren im vergangenen Sommer hierhergezogen, hatten sich mit Erics Familie angefreundet und die Kinder ermutigt, miteinander zu spielen. Mrs Maxwell war immer wieder überrascht, wie gut es Eric gelang, die scheue ernste Cassidy aus ihrem Schneckenhaus zu locken. Anderen gegenüber tat er öfter so, als sei Cassidy seine fünf Jahre jüngere Schwester. Er genoss es, wenn sie ihm treu überallhin folgte.

Manchmal fand er es sehr anstrengend, mit seinen anderen Freunden zusammen zu sein, denn sie erwarteten von ihm, dass er wie sie handelte, die gleiche Kleidung trug und über die gleichen Witze lachte. Ständig musste er aufpassen, dass er nichts sagte oder tat, was uncool war. Ganz anders die Stunden, die er mit Cassidy verbrachte. Irgendwie machte es einfach mehr Spaß, mit ihr zusammen zu sein.

Natürlich würde er das nur Cassidy gegenüber zugeben. Wenn die Jungs nach Cassidy fragten, stöhnte er theatralisch und murmelte was von Babysitten, zu dem ihn seine Eltern verdonnert hätten.

Sams Cousins wollten unbedingt Verstecken spielen. Gesagt, getan, und mittlerweile lief das muntere Spiel schon seit zwei Stunden. Zeit, eine Pause einzulegen, und alle waren daher dankbar, als die Mütter zum Essen riefen.

Die Kinder verabschiedeten sich und gingen in ihre Häuser. Nur Cassidy war nicht zu sehen.

„Sie versteckt sich immer noch“, sagte Eric leise zu sich. „Cassidy! Cassidy! Komm raus! Das Spiel ist vorbei! Wir essen gleich!“

Keine Spur von kastanienbraunem Haar. Kein Wind, der den Löwenzahn bewegte. Nichts.

Eric machte sich nun Sorgen und begann, Cassidy ernsthaft zu suchen. „Komm heraus, Cassidy!“

Wo steckte sie nur? Er ging in die offene Garage eines Nachbarn, wo ein Auto parkte, das unter einer großen Plane verborgen war. „Cassidy?“ Er zog die Plane ein Stück zurück. Bingo! Da war sie. Ein kleines Bündel auf dem Rücksitz. Ihre Schultern bebten leicht, und sie verbarg das Gesicht mit ihren kleinen Händen. Eric öffnete die Tür und setzte sich neben Cassidy. Sie nahm die Hände vom Gesicht und schaute ihn an. Sie hatte geweint.

„Dachtest du, ich hätte dich vergessen?“, fragte Eric.

Wortlos nickte Cassidy.

„Dummerchen, ich vergesse dich doch nicht.“

Cassidy wischte die Nase an ihrem nackten Arm ab.

„Aber wenn du willst, dass man dich findet, dann darfst du dich nicht so gut verstecken. Du hattest das beste Versteck von allen.“

Nun lächelte Cassidy ein wenig.

Was würde ein großer Bruder jetzt tun? fragte sich Eric.

Da packte er sie und kitzelte sie heftig. Cassidy lachte und trat um sich. Er legte einen Arm um ihre Taille und zog sie aus dem Wagen. Auf diese Weise trug er Cassidy, die sich hin und her wand und laut lachte.

„Da seid ihr ja“, bemerkte Mrs Maxwell, als sie zwei Minuten später ins Haus kamen. „Cassidy, sag bitte Mr und Mrs Barnes guten Tag.“

Cassidy, die immer noch von Eric festgehalten wurde, lächelte seine Eltern an, und sie lächelten zurück. „Sei vorsichtig, Eric“, bat seine Mutter. „Lass sie nicht fallen.“

„Vielleicht mache ich das“, meinte Eric und tat so, als wolle er seine Freundin fallen lassen. Glücklich kreischte sie.

„Keine Sorge“, sagte Mrs Maxwell lachend zu seiner Mutter. „Sie ist heute schon ungefähr fünfzig Mal auf den Kopf gefallen. Ein Mal mehr würde keinen Schaden mehr anrichten.“

Endlich setzte Eric Cassidy auf dem Rasen ab. „Bitte denke immer daran, dass du einfach nur warten musst, selbst wenn es etwas länger dauert“, flüsterte er ihr zu. „Egal, wo du bist, ich werde dich immer finden.“

Cassidy zog an seinen Händen, bis ihre Gesichter sich fast berührten. Dann stieß sie zweimal mit ihrer Stirn gegen seine.

Danach sprang sie auf, lief ein paar Schritte von ihm weg und schlug ein perfektes Rad.

1. KAPITEL

Oktober 2006

Eines ist am Fliegen merkwürdig, dachte Eric, als er an seinem Orangensaft nippte und aus dem kleinen Fenster schaute. Der Himmel scheint immer gleich weit entfernt, egal, ob man im Flugzeug sitzt oder auf dem Boden ist. Die Wolken sind vielleicht näher, aber der blaue Himmel ist außer Reichweite.

Genau wie Cassidy.

Eigentlich passten solche poetischen Anwandlungen überhaupt nicht zu ihm. Nicht mehr. Früher war das anders gewesen. Früher, als er ein junger Mann gewesen war, mit dem Kopf in den Wolken, der von einer glücklichen Zukunft mit einer Frau mit kastanienbraunem Haar träumte. Einer Frau, die immer schon zu ihm zu gehören schien. Aber als diese Frau verschwand, veränderte sich der Mann von damals und wurde ein nüchterner Wirtschaftsexperte, der sich mit Zahlen und Fakten beschäftigte.

Nur ein Mann, der sein Herz verloren hat, weiß, was Risiko ist, hatte er neulich irgendwo gelesen. Wie wahr.

Eric lehnte den Kopf zurück und seufzte. Er hätte etwas Stärkeres als Orangensaft bestellen sollen, etwas, das ihn für die sieben Stunden Flug von Boston nach London von seinen Gedanken ablenkte.

„Reisen Sie geschäftlich nach London?“, hörte er eine weibliche Stimme in der Reihe hinter ihm fragen.

Ein Mann antwortete, aber Eric verstand die genauen Worte nicht. „Es ist ein ziemlich langer Flug, und ich dachte, Sie würden vielleicht gern etwas reden“, meinte nun die Frau wieder.

Der Mann bejahte in einem Tonfall, der Eric zu verstehen gab, dass die Frau attraktiv war und der Mann überrascht war, dass sie sich mit ihm unterhalten wollte. Wieder seufzte Eric. Das Letzte, wozu er jetzt Lust hatte, war, einem fröhlichen Geplauder zuzuhören.

Andererseits hatte er den Film, der gerade im Bordkino lief, schon vor einigen Monaten gesehen. Vielleicht verging die Zeit schneller, wenn er dem Gespräch der beiden Passagiere hinter ihm lauschte. Und vielleicht würde ihn das ablenken davon, ständig an Cassidy Maxwell zu denken.

„Also reisen Sie geschäftlich nach London?“, wiederholte die Frau.

Ihre Stimme war im Flugzeug besser zu hören als die des Mannes, und als Eric dessen Antwort nicht verstand, antwortete er im Stillen für sich. Ja, sagte er schweigend. Ich bin geschäftlich in London. Unerledigte Geschäfte.

„Bestimmt eine Lady, nicht wahr?“, sagte die Frau, und Eric zuckte zusammen. Konnte sie Gedanken lesen?

„Ich bin Psychologin“, erklärte die Frau ihrem Sitznachbarn. „Ich erkenne sofort, wenn ein Mann den Ozean wegen einer Frau überquert. Ist sie Ihre Frau oder Ihre Freundin?“

Weder noch, antwortete Eric. Er trank von seinem Saft.

„War sie Ihre Frau oder Freundin?“

Weder noch, dachte Eric. Cassidy war nie seine Freundin gewesen. Aber sie hatten sich einander … versprochen. Er würde niemals jene Nacht vergessen, als sie auf dem Campus der Saunders-University unter dieser alten Eiche saßen. An jenem Abend hatten sie sich das erste Mal ihre Gefühle gestanden. Und beschlossen, aufeinander zu warten, bis Cassidy ihr Examen hatte. Auf diesen Moment hatte er sich vier lange Jahre gefreut.

Und dieser Moment war nie gekommen.

„Wie heißt sie?“, drängte die Psychologin hinter ihm. „Nur ihr Vorname.“

„Cassidy“, antwortete Eric, und als er merkte, dass er laut gesprochen hatte, blickte er zu seinem Nachbarn. Der schnarchte.

„Wie lange kennen Sie sie schon?“

Ich traf sie, als sie sechs und ich elf Jahre alt war.

„Und jetzt sind Sie …?“

Fünfunddreißig. Eine lange Zeit, ich weiß.

Cassidy war nicht zu ihrer Examensfeier erschienen. Etwas musste passiert sein. Etwas musste sie dazu gebracht haben, vor Eric und ihrer gemeinsamen Zukunft Reißaus zu nehmen. Ohne ein Wort, ohne eine Erklärung.

Sie verschwand vor zehn Jahren, aber schon vorher war sie mir fremd geworden, erzählte er im Stillen.

Eric stellte sich vor, dass die Psychologin hinter ihm aufmunternd nickte, und fuhr fort. Sie war wie eine kleine Schwester, die mir überallhin folgte. Als ich auf das College in Massachusetts ging und dann zur Saunders-University, schrieben wir uns Briefe, Cassidy war damals ja noch zu Hause auf der Junior Highschool. Die Briefe waren … sehen Sie, Cassidy redete nie viel. Während der Zeit, in der wir uns kannten, haben wir fast nie telefoniert. Sie war ein ruhiger Typ, aber ich wusste immer, was sie fühlte oder dachte. Ich konnte in ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch.

Nun stellte Eric sich vor, dass die Psychologin sich Notizen machte.

Aber diese Briefe – Cassidy war klug für ihr Alter, humorvoll und verständnisvoll. Immer wieder las ich ihre Briefe und bemerkte, dass sie zu jemandem heranwuchs, der … Auf dem College habe ich viele Frauen getroffen, aber was sie mir sagten, war nichts im Vergleich zu dem, was Cassidy mir schrieb.

Nun wackelte das Flugzeug, und Eric griff nach einer Serviette, falls sein Getränk verschüttet würde. Als Vielflieger wusste er routiniert mit Turbulenzen umzugehen.

„Haben Sie sich erschreckt?“, hörte Eric die Frau fragen.

Sicher machte mir die ganze Situation ein wenig Angst. Immerhin war Cassidy noch ein Kind und ich schon erwachsen. Ich versuchte, mich zurückzuziehen und antwortete seltener auf ihre Briefe. Das fiel ihr bestimmt auf, dennoch lud sie mich zu ihrem sechzehnten Geburtstag ein. Ich war damals im letzten Studienjahr und stand kurz vor dem Examen.

„Aha“, sagte die Frau hinter ihm. Sie versteht ihre Kunst, dachte Eric. Sicher verlangt sie ein horrendes Honorar für ihren Rat. Gut, dass ich sie nicht bezahlen muss.

Eigentlich wollte ich nicht auf der Party erscheinen, aber ihre Mutter rief mich an und bat mich zu kommen, weil es Cassidy so viel bedeutete. Ich hatte das Gefühl, dass Cassidy ihrer Mutter gesagt hatte, dass ich ihr die kalte Schulter zeigte, und ich fühlte mich schuldig, weil unsere Eltern so gut befreundet waren. Also sagte ich zu und ging hin. Und …

„Ja“, sagte die Psychologin. Eric schloss die Augen.

An jenem Abend hatte Cassidy ihm die Tür geöffnet. Hinter ihr hörte man die Gäste plaudern und lachen. Sie trug ein schulterfreies schwarzes T-Shirt und eine eng anliegende schwarze Hose. Eric hatte erst gar nicht registriert, dass diese wunderschöne junge Frau, die da vor ihm stand, Cassidy war. Er hatte immer noch ein kleines Mädchen im Kopf. Erst nach ein paar Sekunden hatte er realisiert, dass sie es war. Cassidy ganz in Schwarz. Und leicht geschminkt. Ihr glänzendes Haar fiel ihr bis auf die Schultern, auf denen er Sommersprossen entdeckte. Ob sie wohl weiter unten auch Sommersprossen …? Da schaute sie ihm in die Augen, und er erkannte, dass sie wusste, welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Einige Stunden später hatte sie ihn von ihren Freunden weggezogen und im Flur …

Tut mir leid, sagte Eric in Gedanken und öffnete die Augen. Es gibt genau drei Augenblicke in meinem Leben, an die ich mich bewusst nicht erinnern möchte. Ich weiß, dass es sie gab, aber ich darf mich nicht in die Situation zurückversetzen, weil es zu sehr schmerzt. Dies ist der erste dieser drei Momente.

„Schon in Ordnung“, sagte die Psychologin.

Eric war damals geflohen, bevor die Party zu Ende gewesen war. Er war zum Bahnhof gelaufen und nach Saunders zurückgefahren, wo er versuchte, Cassidy für den Rest des Jahres zu vergessen.

„Konnten Sie das denn?“, fragte die Psychologin.

Nein, ich konnte es nicht.

Nachdem Cassidy ihren Abschluss gemacht hatte – sie war die Beste ihres Jahrgangs –, erschien sie mit ihren Koffern an der Saunders-University und belegte Politologie als Hauptfach. Genau wie Eric. Er hatte inzwischen sein Examen gemacht und wollte eine Dozentenlaufbahn einschlagen. Wie gut traf es sich da, dass Gilbert Harrison, Professor in Saunders, ihm von einer freien Stelle berichtete und ihm half, sie zu bekommen. Pünktlich zu Beginn des neuen Semesters stand Eric im Hörsaal vor den Studenten, und Cassidy saß in der ersten Reihe.

„Das war sicher eine schwierige Situation“, stellte die Psychologin fest.

Das können Sie laut sagen! Es hatte viel Disziplin erfordert, Cassidy jeden Tag zu sehen und sie nur wie eine Studentin unter vielen zu behandeln. Die Signale seines Körpers zu ignorieren. Sie, die früher kaum zwei Sätze gesprochen hatte, meldete sich und diskutierte engagiert über jedes politische Thema. Bei den anderen Studenten war sie beliebt, und viele wollten mit ihr befreundet sein.

Aber Cassidys Lächeln war reserviert für den einen Menschen, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Und das hatte Eric die Kraft gegeben zu warten. Sie wollte ihn und wusste, dass er sie wollte. Der Rest war eine Frage der Zeit.

„Was geschah dann?“, fragte die Psychologin.

Cassidy respektierte, dass Eric eine gewisse Distanz hielt. Beide wussten, dass sie sich nur als Dozent und Studentin begegnen durften. Dass alles andere nicht gestattet war. Dennoch sahen sie sich häufig auch außerhalb des Hörsaals. Bei diesen unverfänglichen Treffen aber verfiel Cassidy oft in Schweigen. Was sollte sie dem Mann, den sie liebte, auch sagen? Und ihm ging es nicht anders. In einem Jazz Club berührten sie sich an den Händen. Er atmete ihren Duft ein, als er ihr im Café einen Stuhl zurechtrückte. Und einmal saß er morgens um vier mit Cassidy unter einer großen Eiche …

Was wir damals sagten und uns versprachen, das ist der zweite Moment, an den ich mich nicht erinnern will.

„Kein Problem“, meinte die Psychologin.

Cassidys Versprechen hielt ihn lebendig und half ihm auf in schlechten Momenten. Bis Cassidy ins letzte Semester kam. Dann … sie hatte starke Zahnschmerzen, die ärztlich behandelt werden mussten. Es war eine größere Sache, und sie verpasste einige Vorlesungen. Eric wollte ihr helfen, den versäumten Stoff nachzuholen, doch Cassidy war stur und wollte das alles allein schaffen. Er sah sie immer seltener, und wenn er sie per Zufall traf, war sie blass, dünn und hatte Ringe unter den Augen. Das letzte Mal sah er sie zwei Tage vor ihrer Examensfeier. Sie saß in der Bibliothek und war in ein Buch vertieft. Eric berührte sie nur leicht an der Schulter, doch sie zuckte zusammen und sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an. In ihrem Blick lag etwas Panisches. Sie stürzte aus der Bibliothek, nachdem sie so etwas wie eine Entschuldigung gemurmelt hatte.

Und dann war der Tag der Abschlussfeier gekommen. Die festlich gekleideten Absolventen waren nach der kleinen Zeremonie die Treppe des Hauptgebäudes hinuntergerannt und hatten gejubelt. Mit klopfendem Herzen wartete Eric an der Stelle, an der Cassidy und er sich damals verabredet hatten. Er hielt einen goldenen Anhänger in der Hand, den er ihr als Symbol für ihre gemeinsame Zukunft schenken wollte. Nachdem alle Studenten verschwunden waren, stand er noch lange allein da …

„Ich verstehe“, hörte er die Frau sagen.

Dieser dritte Augenblick, den Eric sich nicht mehr in Erinnerung rufen durfte, war der schwerste, denn seit zehn Jahren hatte er keine Erklärung dafür, warum Cassidy ihn hatte sitzen lassen.

Er zerdrückte den Plastikbecher in der Hand, und plötzlich stand eine lächelnde Flugbegleiterin vor ihm. Er warf den Becher in die Tüte, die sie ihm hinhielt, und lehnte sich in seinen Sitz zurück.

Er wusste nicht mehr, wie er die ersten Tage nach der Examensfeier überstanden hatte. Er wusste nur, dass er zu stolz war, um ihr nachzurennen. Cassidy hatte ihre Entscheidung getroffen, und er akzeptierte das. Aber jetzt war eine neue Situation eingetreten. Professor Harrison brauchte die Unterstützung seiner früheren Studenten, um seinen Job zu behalten, und jeder wusste, dass die zuverlässige Cassidy Maxwell alles für ihren Professor von damals tun würde. Und Eric ging es nicht anders. Deshalb war er auf dem Weg nach Europa, um die einzige Frau, die jemals einen Platz in seinem Herzen gehabt hatte, nach Saunders zurückzubringen.

Die Hauptlichter in der Kabine gingen aus. Die Passagiere holten Kopfhörer und Kissen hervor und verstellten ihre Sitze nach hinten.

„Ich lasse Sie nun schlafen. Viel Glück für Ihre Reise“, wünschte die Psychologin.

Eric wusste, dass die guten Wünsche nicht ihm galten, aber er wollte sich eine kleine Portion davon mitnehmen, denn Glück konnte er wahrlich gebrauchen.

Alles, was er je gewollt hatte, war zu unterrichten. Deshalb war er Professor geworden. Er wollte junge Leute lehren, sie lenken und ihnen Entscheidungshilfen mit auf den Weg geben, die sie für den Rest ihres Lebens gebrauchen konnten.

Nun konnte Gilbert Harrison einer Person leider nicht helfen, und diese Person war er selbst.

Harrison legte den Kopf auf seinen überladenen Schreibtisch. Er schloss die Augen und lauschte auf die Stille. Es war fast Mitternacht, aber er schaffte es nicht, nach Hause zu gehen. Zurzeit fiel es ihm schwer, sein Büro zu verlassen. Denn jedes Mal, wenn er ging, musste er sich fragen, ob es vielleicht das letzte Mal war.

So viele Jahre lang hatte er in diesem Büro so viel für die Studenten getan.

Die Untersuchung des Verwaltungsrates, der von Alex Broad­street geleitet wurde, war einfach nur erniedrigend für ihn. Inzwischen hatte man seinen Namen durch den Schmutz gezogen, und er war gezwungen, ehemalige Studenten zu bitten, nach Saunders zu kommen, um gegenüber dem Verwaltungsrat ein gutes Wort für ihn einzulegen. Die Ironie lag darin, dass sie noch nicht einmal ahnten, was er tatsächlich für jeden Einzelnen von ihnen getan hatte. Doch das war auch nicht nötig. Viele seiner ehemaligen Schützlinge hatten einen zu wichtigen Platz in der Gesellschaft eingenommen, als dass es sich der Verwaltungsrat leisten könnte, sie nicht anzuhören. Und obwohl jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, hoffte Harrison, dass ein bisschen von dem Erfolg, den seine Ehemaligen hatten, auch auf ihn zurückzuführen war. Er wollte sich bestimmt nicht in falschem Glanz sonnen, aber er war zu verzweifelt, um nicht nach jedem Strohhalm zu greifen. Wenn der Verwaltungsrat nicht honorierte, dass Harrison eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Absolventen vorzuweisen hatte, dann wusste er auch nicht mehr, womit er seine Stelle noch retten konnte.

Gerade als er einen Hoffnungsschimmer zu sehen glaubte, wurde dieser jäh zerstört, als er Eric Barnes’ Anruf entgegennahm. Eric hatte vom Logan International Airport angerufen, von wo aus er nach London fliegen wollte, um Cassidy Maxwell nach Saunders zu holen.

„Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?“, hatte Harrison verblüfft gefragt.

„Letzte Woche war ich mit Ella Gardner beim Essen“, antwortete Eric. „Sie hat mir von Ihren Schwierigkeiten in Saunders erzählt. Wie kommen Sie denn zurecht?“

„Ich halte noch durch“, hatte Harrison ehrlich geantwortet.

„Sie wissen doch, dass Sie der beliebteste Professor sind. Ich habe nachgedacht, und ich weiß, dass sie Ihnen helfen würde, wenn sie könnte. Ich fliege nach London, um sie zu fragen.“

Er bringt ja kaum ihren Namen über die Lippen, dachte Harrison. Eric hatte genauso viel Angst davor, Cassidy wieder zu treffen, wie er, jedoch waren die Gründe andere. „Das halte ich nicht für nötig“, sagte Harrison vorsichtig. „Sie ist die persönliche Assistentin von Botschafter Alan Cole. Sicher hat sie viel zu tun und sollte nicht mit meinen Problemen belästigt werden.“

„Sie kennen sie, Professor. Wenn sie später davon erfährt, wird sie verärgert sein, weil ihr niemand etwas gesagt hat.“

„Das stimmt“, musste Harrison zugeben. „Warum rufen wir sie nicht einfach an oder schicken eine E-Mail?“

„Wahrscheinlich kommt sie eher zurück, wenn sie persönlich gebeten wird. Außerdem …“ Nun schwieg er, und Harrison wartete einen Moment, bevor Eric fortfuhr. „Anrufe und E-Mails kann man leicht ignorieren, und in den letzten Jahren hat sie das erfolgreich getan. Ihretwegen muss ich persönlich mit ihr reden.“

„Meinetwegen, ja?“

An dem Schweigen konnte Harrison erkennen, dass ein Jahrzehnt noch nicht ausreichte, ein gebrochenes Herz zu heilen. „Sind Sie wirklich bereit dafür?“

„Es wird langsam Zeit“, erwiderte Eric.

„Und wenn sie nicht …“

„Ich habe nicht vor, sie an den Haaren hierherzuziehen. Sie wird von mir erfahren, was los ist, und ich überlasse ihr die Entscheidung.“

Harrison hatte geseufzt. Eric wusste, dass sein alter Professor sich in einer ernsten Notlage befand. Wenn er noch mehr protestierte, würde Eric misstrauisch, und das durfte er nicht zulassen. Er wünschte seinem ehemaligen Studenten Glück und legte auf.

Danach hatte er stundenlang regungslos auf seinem Stuhl gesessen.

Er hob den Kopf und schaute aus dem winzigen Fenster neben seinem Schreibtisch, aber er sah nur sein Spiegelbild. Das war das Letzte, was er sehen wollte: Gilbert Harrison, der in sich hineinschaute. Schnell schaltete er die kleine Schreibtischlampe aus und saß im Dunkeln.

In den letzten Wochen hatte die Vergangenheit ihn eingeholt: David und Sandra Westport, die schon seit der Studienzeit ein Paar waren, der Spitzenanwalt Nate Williams, die immer noch schöne Kathryn Price, die hochintelligente Jane Jackson und ein veränderter Dr. Jacob Weber. Es hatte ihn gefreut, ihnen noch einmal zu begegnen. Stolz erfüllte ihn, als er in ihre älteren veränderten Gesichter schaute und ihren Geschichten zuhörte.

Aber Cassidy Maxwell könnte auch zurückkehren.

Ihre früheren Kommilitonen hatten erfahren, dass sie vielleicht kommen würde, und sie freuten sich schon, sie wiederzusehen. Sie war das beliebteste Mädchen auf dem Campus gewesen, eine hervorragende Studentin, eine hilfsbereite Tutorin, die viele Freunde hatte. Die Ehemaligen waren überzeugt, dass sie Harrison helfen konnte, seine Stelle an der Saunders University zu behalten.

„Bestimmt wird es schön, sie wieder zu treffen“, meinten alle. „Es ist schon so lange her. Ist es nicht toll, dass sie vielleicht zurückkehrt?“

Niemand würde erraten, dass Harrison die untadelige Cassidy so weit wie möglich von der Universität fernhalten würde, wenn er das Sagen hätte.

Käme Cassidy zurück, dann würde sie auch sein dunkelstes Geheimnis zurückbringen, das sie vor langer Zeit zufällig entdeckt hatte und von dem niemand etwas ahnte.

Dieses Geheimnis könnte nicht nur seine Karriere zerstören, sondern auch sein Leben und das von anderen.

Wieder legte er den Kopf in die Hände. Es tut mir so leid, Eric, dachte er beschämt. Niemals zuvor wünschte ich einem meiner Studenten einen Misserfolg.

Aber ich hoffe, dass du scheitern wirst.

2. KAPITEL

„Wieso bekommen wir denn keinen Château Clinet?“, wollte Cassidy wissen.

Sie hielt den Hörer von ihrem Ohr weg, während der Weinlieferant eine wortreiche Erklärung abgab, warum er den bestellten Wein für den Empfang des Botschafters nicht liefern konnte.

„Gut“, unterbrach Cassidy. „Können Sie uns dann wenigstens einen Château Clos Fourtet liefern?“ Der Weinhändler bat sie um einen Moment Geduld, und als er wieder ans Telefon kam, teilte er mit, dass er die geforderte Menge des Château Clos Fourtet am Nachmittag zur Residenz des Botschafters liefern könne. Cassidy war erleichtert. Heute Abend wollte Botschafter Alan Cole in Winfield House einen Empfang für seinen guten Freund, den künstlerischen Direktor einer berühmten Balletttruppe aus Chicago, geben, der sich gerade wegen eines Projektes mit dem Royal Ballet in London befand. Der Botschafter freute sich schon lange auf den Besuch des Freundes, und Cassidy wollte, dass der Abend perfekt wurde.

Cassidy bedankte sich bei dem Weinhändler und legte auf, als ihr Mobiltelefon klingelte. „Maxwell“, meldete sie sich. Die Empfangssekretärin informierte sie, dass der Installateur gekommen war.

„Bin schon unterwegs“, meldete Cassidy. Sie eilte durch das vordere Büro, wo mehrere Angestellte am PC saßen, Faxe verschickten und Anrufe entgegennahmen. Charles, ein weiterer jüngerer Mitarbeiter, eilte zu ihr. Die Leute in der Botschaft mussten ständig laufen, um mit Cassidy Schritt zu halten.

„Die Abgeordnete Violet Ashton möchte schnellstmöglich einen Termin mit dem Botschafter bekommen“, erklärte er. „Sir Neville Pritchard aus dem House of Lords möchte den Botschafter ebenfalls treffen.“

„Geht es Mrs Ashton um die Friedensinitiative des Botschafters in Nordirland?“

„Richtig.“

„Gut, dann bestellen Sie sie für morgen. Egal, um welche Uhrzeit. Und Sir Pritchard teilen Sie mit, dass er nächste Woche am Mittwoch oder Donnerstagnachmittag vorbeikommen soll.“

„In Ordnung.“

Cassidy verließ das geräumige Büro und ging über mehrere lange Flure. Am Haupteingang begrüßte sie den Handwerker und begleitete ihn zum dritten Stock. Mit mehreren Schlüsseln öffnete Cassidy die Tür zu einem kleinen unscheinbaren Zimmer. Sie lehnte sich an einen Tisch und wartete, während der Installateur die feuchte Stelle untersuchte, die Cassidy in der vergangenen Woche entdeckt hatte. Sie musste bei ihm bleiben, bis er fertig war, denn in diesem Raum wurden geheime Akten aufbewahrt.

Sie schaute auf die Uhr. Vor zwei Uhr wollte sie noch die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit informieren, und um drei gab es dieses Meeting …

Cassidy schlug die Beine übereinander und bemerkte Flecken auf ihren Schuhen. Mit einem Taschentuch wischte sie sie weg. Im Morgengrauen war sie mit Bodyguards auf dem Heathrow Airport gewesen, um einen Mitarbeiter des Außenministers zu empfangen, und obwohl sie unter einem Schirm gestanden hatte, hatte der berüchtigte Londoner Regen ihre Füße und den Saum ihrer Hose durchnässt. Mit einem Lächeln hatte sie die nassen Füße ignoriert und den Gast zu seinem Frühstück mit dem Botschafter begleitet.

Wenigstens schien die Sonne wieder, aber Cassidy ärgerte sich, weil sie überhaupt an das Wetter dachte. Sie war so an die Arbeit gewöhnt, dass sie es kaum ertrug, fünf Minuten mal nichts zu tun.

Dann kam sie nur auf dumme Gedanken. Schon vor langer Zeit hatte Cassidy sich darin geübt, nicht herumzusitzen und nachzudenken. Beweg dich, befahl sie sich vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Bleib in Bewegung und halte nicht inne.

Aus ihrer schwarzen Jacke holte sie einen kleinen Block und einen Stift und schrieb Dinge auf, die sie in der nächsten Stunde erledigen musste.

Als der Installateur sagte, dass er zwar fertig sei, aber noch in einer Toilette im Stockwerk über dem Zimmer nachschauen müsse, gingen sie aus dem Raum. Cassidy schloss die Tür ab und rief Charles an, damit er den Handwerker begleitete. Danach kehrte sie in das Büro zurück und war für mehrere Stunden beschäftigt.

Um drei Uhr begleitete sie fünf Männer und eine Frau zu einem Konferenzraum. Sie waren Vertreter einer amerikanischen Wäschefirma, die eine Niederlassung in London eröffnen wollte, und man hoffte auf die Unterstützung des Botschafters.

Botschafter Cole war jedoch noch nicht von seinen Terminen zurückgekehrt. Cassidy seufzte, und während sie zwanglos mit den Geschäftsleuten plauderte, klingelte ihr Handy. Sie ging ein bisschen zur Seite, bevor sie sich meldete.

„Maxwell.“

„Cassidy, ich bin es“, sagte Botschafter Cole, dessen Stimme sehr weit entfernt klang.

„Ich kann Sie kaum verstehen.“

„Die Verbindung ist schlecht, ja. Wir stecken im Stau. Ich verspäte mich also.“

„Schon wieder ein Stau?“ Cassidy konnte sich nicht bremsen.

„Das Gleiche habe ich gestern schon gesagt, nicht wahr?“ Der Botschafter lächelte. „Cassidy, Sie werden die Stellung für mich halten.“ Es handelte sich nicht um eine Frage, sondern um eine vertrauensvolle Feststellung.

„Ja.“

„Vielleicht schaffen wir es, in einer halben Stunde da zu sein, aber ich will es nicht versprechen. Vor uns fährt ein Doppeldecker-Bus, und wir sehen absolut nichts.“

„Keine Sorge, wir werden hier schon alles erledigen.“

„Da bin ich mir sicher. Danke, Cassidy.“

Er legte auf, und Cassidy betrachtete die kleine Gruppe, bevor sie sich wieder zu ihr gesellte. „Das war der Botschafter. Leider verspätet er sich ein wenig, aber wenn Sie mehr als zwei Tage in London verbringen, dann werden Sie merken, dass ein Stau in der City nichts Ungewöhnliches ist.“

Die Gäste lächelten.

„Gut“, fuhr Cassidy fort. „Dann lasse ich Tee bringen, während wir auf den Botschafter warten, und Sie können mich gern alles fragen, was Sie über London wissen möchten. Da ich schon zehn Jahre hier arbeite, kann ich Ihnen sicher einige Fragen beantworten.“

Zehn Minuten später tranken Cassidys Landsleute zufrieden ihren Tee. Und auch Cassidy schien für einen Moment zu entspannen. Sie erinnerte sich an ihre Anfangszeit in London, als ihr das Teetrinken wie eine elegante Ruheinsel im hektischen Tagesgeschehen erschienen war. Heute war sie froh, wenn sie auf dem Weg zu einer Besprechung einen Schluck aus der Thermoskanne nehmen konnte.

Die Amerikaner stellten Cassidy viele Fragen zu allen möglichen Themen, und sie schienen mit ihren klaren intelligenten Antworten zufrieden zu sein.

Obwohl Cassidy ihre Arbeit liebte, fand sie Momente wie diese, wo sie viel reden musste, sehr anstrengend. Als Kind und als Teenager hatte sie das Leben immer lieber beobachtet und anderen zugehört, als selbst viel zu sagen. Und daran hatte sich eigentlich nichts geändert.

An der Botschaft musste sie ihre Kommunikationsfähigkeit natürlich ständig unter Beweis stellen, und sie glaubte, dass ihr das auch gut gelang, aber manchmal sehnte sie sich danach, einfach auch mal nichts sagen zu müssen und trotzdem verstanden zu werden. Der Mensch, der sie immer so verstanden hatte, war …

Nicht mehr Teil ihres Lebens.

Cassidy schüttelte leicht den Kopf und plauderte weiter über die neuesten Theateraufführungen in London, damit sie nicht an ihn oder an irgendetwas denken musste. Seit zehn Jahren war sie Expertin darin, unerwünschte Gedanken zu verdrängen.

„Ms Maxwell“, begann nun einer der Männer. Er schien der Jüngste in der Gruppe zu sein und war eifrig bemüht, seinen Vorgesetzten zu zeigen, dass er seine Arbeit ernst nahm. Er zog aus einer großen Aktenmappe das Poster eines spärlich bekleideten Paares in leidenschaftlicher Umarmung heraus. „Sie kennen London und seine Bewohner so gut, dass ich Sie gern einmal nach Ihrer persönlichen Meinung fragen möchte. Was hält man wohl hier davon, wenn dieses Poster auf einer großen Reklametafel am Piccadilly Circus zu sehen ist?“

Cassidy blickte zu dem Poster, aber eine Bewegung hinter dem Mann erregte ihre Aufmerksamkeit. Durch die Glaswand des Konferenzraumes konnte sie in die Lobby der Botschaft schauen.

Direkt in ein Paar schwarze Augen.

Cassidy zog so scharf die Luft ein, dass sie sich fast verschluckte.

Sie erinnerte sich daran, dass sie als Kind, Teenager und verliebte junge Frau alles tun wollte, damit sie aus diesen Augen angeschaut wurde. Doch nachdem sie diese … Fehler gemacht hatte, befürchtete sie, nie mehr in diese Augen schauen zu können. Deshalb war sie weggelaufen.

Jetzt konnte sie nicht fliehen.

Jegliche Erinnerung, die sie in den tiefsten Winkeln ihres Verstandes verborgen hatte, kam nun zurück. Der einzige Mann, den sie je geliebt hatte, war hier, und es gab kein Entkommen.

Eric lächelte nicht, noch winkte oder nickte er. Er hielt ihrem Blick nur stand, das war alles.

„Ms Maxwell?“, hörte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Poster. „Was werden die Londoner von dieser Werbung halten?“

„Sie werden verblüfft sein“, murmelte sie. Sie schaute dem Mann über die Schulter. Eric hatte sich nicht von der Stelle bewegt. „Schockiert“, flüsterte sie.

Ein unbehagliches Rascheln aus der Gruppe erinnerte sie daran, was von ihr erwartet wurde. „Entschuldigen Sie“, meinte nun die Frau. „Ich dachte, die Europäer seien nicht so prüde wie die Amerikaner.“

„Das Bild soll sexy wirken. Aber es soll niemanden schockieren“, fügte ein Mann aus der Gruppe betroffen hinzu.

„Oh …“, erwiderte Cassidy und bemühte sich um Konzentration. Tu so, als sei er nicht da, sagte sie zu sich. Wahrscheinlich ist er gar nicht da, und ich leide vor lauter Hunger an Halluzinationen.

„Was ich sagen wollte, war …“, begann Cassidy.

Er kann es gar nicht sein. Sicher gibt es noch mehr große, dunkelhaarige, attraktive Männer auf der Welt. Wahrscheinlich ein Doppelgänger.

„Was ich sagen wollte“, wiederholte Cassidy und riss sich zusammen, „ist, dass die Europäer verblüfft sein werden, weil das Plakat nicht noch gewagter ist.“ Sie zwang sich zu lachen.

Glücklicherweise lachten die Gäste auch und ließen Cassidy dann mit diesem Thema in Ruhe.

Wie komme ich nur aus dem Zimmer? fragte sie sich. Gegen ihren Willen schaute sie noch einmal durch die Glaswand.

Eric Barnes stand immer noch an der gleichen Stelle, und Cassidy wusste genau, wie geduldig er sein konnte.

Wieder schaute sie weg. Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben, befahl sie sich.

Ihr Telefon klingelte. „Maxwell“, antwortete sie und hoffte, dass ihre Stimme nicht zu unsicher wirkte. Sie drehte sich um und schaute die Wand hinter sich an.

Es war die Empfangsdame. „Ein gewisser Eric Barnes will Sie unbedingt sprechen. Er meint, dass er Sie persönlich kennt. Ich habe ihm geantwortet, dass Sie sehr beschäftigt sind und ich sehen würde, was ich tun könnte.“

Weglaufen, war ihr erster Instinkt. Durch die Hintertür. Immer weiter weg …

Cassidy seufzte und rieb ihre linke Schläfe. Sie musste hier ausharren. Einer der am meisten respektierten Politiker in Europa baute auf sie. Weglaufen stand nicht zur Debatte.

„Ich weiß nicht, wann ich hier fertig sein werde“, erklärte sie. „Ich warte noch auf den Botschafter. Aber sagen Sie Mr Barnes, dass er warten kann, wenn er möchte.“

Sie legte auf und fühlte sich entsetzlich.

Nun wandte sie sich wieder der Gruppe zu und versuchte, den Mann in der Lobby zu vergessen. Als der Botschafter endlich kam und die Gäste begrüßte, war Cassidy völlig verschwitzt.

„Bitte entschuldigen Sie die Verspätung“, bat der Botschafter. „Sicher hat Cassidy Sie alle so auf Trab gehalten wie mich sonst immer.“

Als die Besucher Cassidys Hilfsbereitschaft lobten, lächelte ihr Chef sie an. Sie wollte sein Lächeln erwidern, aber brachte nur ein verzerrtes Grinsen zustande. Bevor der Botschafter noch etwas sagen konnte, verließ sie hastig den Raum, atmete tief ein und ging zur Lobby.

Inzwischen hatte Eric sich gesetzt, aber er stand sofort auf, als Cassidy kam. Sie ging auf ihn zu und wies mit dem Kopf auf die Ausgangstür. Er folgte ihr nach draußen, und als sie stehen blieb und sich umdrehte, stand er so nahe hinter ihr, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzuschauen.

Sie entdeckte eine tiefe Falte zwischen seinen dichten dunklen Augenbrauen. Diese Falte war früher nicht einmal ansatzweise da gewesen. Auch sein Haar wirkte anders, und sie stellte fest, dass es von grauen Strähnen durchzogen war. Wann hatte er die bekommen? Eigentlich hatten doch nur ältere Männer, die schon einiges erlebt hatten, graue Haare, aber woher wollte sie wissen, was Eric schon erlebt hatte?

Schweigend stand er vor ihr, sodass sie zuerst reden musste.

Fragen über Fragen drängten sich Cassidy auf. Warum bist du hier? Warum nach der langen Zeit? Warum konntest du nicht alles beim Alten lassen?

Schließlich flüsterte sie nur ein einziges Wort. „Warum?“

Eric wirkte überrascht, und das wunderte Cassidy, denn früher schien keine ihrer Worte oder Taten ihn überrascht zu haben.

„Warum?“, wiederholte er mit einer Stimme, die tiefer und rauer klang als früher. „Hast du mich gerade nach dem Warum gefragt? Warum zum Teufel fragst du mich? Ich sollte dich das fragen. Warum, Cassidy?“

Als sie ihren Namen aus seinem Mund hörte, wäre sie fast in Tränen ausgebrochen. Aber sie hatte schon lange gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken.

Glaubte er wirklich, sie würde ihm antworten? Erkannte er nicht, dass sie nicht weggelaufen wäre, wenn es ihr möglich gewesen wäre, darüber zu reden? Konnte er nicht ahnen, dass das, was sie verbarg, mehr war, als er ertragen konnte?

Und noch während sie in ihrem Kopf verzweifelt nach einer Antwort suchte, noch während sie überlegte, ob nun vielleicht der Zeitpunkt war, ihm endlich alles zu erzählen, zog Eric sie an sich und küsste sie.

So musste es sich anfühlen, wenn man zehn Jahre unschuldig eingesperrt war und zum ersten Mal wieder die Sonne spürte.

Eric schloss die Augen und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Er spürte ihre weiche Haut und streichelte die kleinen Ohrläppchen.

Langsam schien sie sich zu entspannen, und die Lippen wurden weicher. Ganz sanft knabberte er an ihnen, und als sie die Lippen öffnete, berührte er ihre Zungenspitze mit seiner. Ein Stöhnen war zu hören, aber Eric konnte nicht sagen, von wem es kam. Er wusste nur, dass er sein Leben lang darauf gewartet hatte, diese Lippen zu küssen.

Sanft drückte er Cassidy gegen die Wand und presste seinen Unterleib an ihren.

Und dann war es vorbei. Abrupt stieß Cassidy ihn von sich, er ließ sie los und stolperte zurück.

Cassidys Gesicht war hochrot, sie atmete schwer.

Was war nur in ihn gefahren?

Eine andere Frau hätte sich wahrscheinlich lautstark gewehrt, nicht aber Cassidy. Sie stand vor ihm, schweigend, und doch wusste er, was sie fühlte. Es stand in ihrem Gesicht geschrieben.

Denn er hatte diesen Gesichtsausdruck schon einmal an ihr gesehen. Und obwohl er sich doch aus Gründen des Selbstschutzes geschworen hatte, sich nie wieder daran zu erinnern, war er wieder da, jener zauberhafte Moment damals auf ihrer Geburtstagsparty …

Cassidy strahlte. Sie lockte ihn weg von den kichernden Freundinnen in den Flur. „Es ist zwar mein Geburtstag, aber ich habe ein Geschenk für dich“, meinte sie. „Herzlichen Glückwunsch.“ Dann küsste sie ihn. Es war ein ungeübter, ein sehr mädchenhafter Kuss. Zuerst. Sie legte die Arme um seine Schultern, berührte seinen Nacken, und Eric spürte, dass ihre Finger zitterten. Nach einer kleinen Ewigkeit hatten sie den Kuss beendet.

Ihr erster und letzter Kuss.

Bis jetzt. Er spürte immer noch ihre Lippen auf seinen.

„Cassidy“, begann er. „Ich …“

Sie wandte sich ab.

„Bitte, Cassidy“, fuhr Eric fort. „Ich hatte das nicht vor, es tut mir leid. Ich habe dich nur gesehen, und … es ist geschehen. Ich bin nicht nach London gekommen, um … Entschuldige.“

Sie blickte ihm überrascht ins Gesicht.

„Ich bin wegen Professor Harrison hier.“

Nun sah Cassidy wirklich verwirrt aus. Wahrscheinlich hatte sie diesen Namen schon zehn Jahre nicht mehr gehört. Sicher hatte sie nicht nur ihn, sondern jeden aus der Vergangenheit zurückgelassen.

„Ich weiß, dass du arbeiten musst, und es tut mir leid, dass ich dich hier aufgesucht habe. Aber ich habe keine Ahnung, wo du wohnst, und ich musste dich unbedingt finden. Hast du vielleicht nach Feierabend ein bisschen Zeit? Ich muss dir einiges erzählen.“

Cassidy sah so aus, als würde sie am liebsten den Kopf schütteln.

„Bitte“, sagte Eric. „Ich hätte die weite Reise nicht gemacht, wenn es nicht wichtig wäre. Harrison braucht wirklich deine Hilfe. Er hat ein paar deiner früheren Freunde angerufen, die auch wollen, dass du hilfst.“

„Mich hat er aber nicht angerufen.“

„Nein“, gab Eric zu. Er hatte sich schon gefragt, warum Harrison Cassidy nicht angerufen hatte. Schließlich hatte sie damals als wissenschaftliche Hilfskraft für ihn gearbeitet, viel Zeit mit ihm verbracht und ihn sehr bewundert. Harrison hatte am Telefon gesagt, dass er nicht wollte, dass Cassidy die lange Reise machte, nur um ihm beizustehen. Andererseits waren einige ehemalige Absolventen der Saunders-University, besonders Ella Gardner, fest davon überzeugt, dass Cassidy alles stehen und liegen lassen und zurückkehren würde. Eric hatte Ella kürzlich in Boston getroffen, und sie hatte ihm von Harrisons Problem mit dem Verwaltungsrat berichtet und ihm vorgeschlagen, Cassidy zu holen. Sie hatte ihn auch daran erinnert, dass er früher von Cassidy geschwärmt hatte. Geschwärmt? Eric hätte über diese Untertreibung am liebsten gelacht, wenn es sich nicht um seine eigene Tragödie gehandelt hätte.

„Nein“, wiederholte er. „Aber deine Freunde bestanden darauf, dich zu suchen, und ich musste dem einfach zustimmen.“

Cassidy schaute nach hinten. Entweder war sie nervös, weil sie dringend weiterarbeiten musste, oder sie suchte einen Fluchtweg.

„Wann bist du hier fertig?“

„Um sieben.“

„Okay, dann treffen wir uns um sieben hier.“

Sie nickte.

Ein Teil von ihm wollte einfach ihre Schönheit bewundern. Das Mädchen, an das er sich erinnerte, war noch nicht annähernd so schön gewesen.

Der andere Teil von ihm, der ihn damals Wochen und Monate wach gehalten hatte und der verletzt, misstrauisch war, ließ ihn anders reagieren. „Du wirst um sieben nicht hier sein, nicht wahr? Du wirst mich dazu bringen, hinter dir her zu hecheln, was das Einzige ist, wovon mein Stolz mich bisher abgehalten hat.“

Langsam blinzelte Cassidy. Dann drehte sie sich um, zog an der schweren Tür und verschwand im Gebäude.

Eric blickte auf die Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatte. Der Duft eines unbekannten Parfums war noch zu erahnen, ein Duft, den er jetzt schon vermisste.

„Das lief prima“, sagte er zu der Wand.

3. KAPITEL

„Herr Botschafter?“

Alan Cole schaute freundlich lächelnd von seinem Schreibtisch auf. Ein Lächeln, das ihm leichtfiel, obwohl er heute noch länger auf den Beinen war als Cassidy. „Ja?“

Cassidy reichte ihm die Ausdrucke von einigen E-Mails. „Vielleicht möchten Sie die noch anschauen. Ich gehe jetzt, deshalb …“

Der Botschafter warf einen Blick auf seine goldene Uhr und runzelte die Stirn. „Da bin ich mir aber nicht sicher …“

„Wenn Sie mich noch brauchen, dann bleibe ich natürlich.“

„Sicher. Nach meinen Berechnungen haben Sie erst dreizehn Stunden gearbeitet.“

Cassidy steckte noch immer der Schreck in den Knochen, sodass sie den Witz nicht sofort bemerkte. Sie war fast schon aus der Tür, bevor sie verstand, dass der Botschafter gescherzt hatte. Als sie sich umdrehte, sah er sie durchdringend an.

„In der Tat befehle ich Ihnen, jetzt zu gehen. Ihr Arbeitstag begann heute schon im Morgengrauen. Jeder andere wäre längst zu Hause.“ Er lächelte wieder. „Jeder außer der fleißigen Ms Maxwell.“

Nun entspannte Cassidy sich ein wenig.

Der Botschafter war ein bewundernswerter Mann, nicht nur auf politischem Gebiet. Vor sieben Jahren war seine Frau an Brustkrebs gestorben, und Cassidy, die damals noch an anderer Stelle in der Botschaft gearbeitet hatte, hatte es bewundert, wie offen er mit seiner Trauer umgegangen war. Statt den harten Mann zu mimen, hatte er eingestanden, das Wichtigste in seinem Leben verloren zu haben. Erst vor ein paar Monaten hatte er Cassidy gestanden, dass er auch deshalb so hart arbeitete, weil er sonst zu sehr ins Grübeln geriet. Sie konnte das nur zu gut verstehen.

Alan Cole hatte kurzes braunes Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war. Um den Mund und die Augen zeigten sich viele Lachfältchen, denn er lächelte häufig. Durch Sport hielt er sich körperlich fit, und seine Anzüge, die die besten Herrenausstatter der Stadt anfertigten, saßen ausgezeichnet.

Er war einer der begehrtesten Junggesellen von London. Obwohl er schon Mitte fünfzig war, schauten sich viele junge Frauen die Nachrichten auf BBC an, nur um Cole im Fernsehen zu sehen.

Der beredte und überzeugende Botschafter beeindruckte wichtige Staatsmänner und Wirtschaftsbosse gleichermaßen, und nachdem Cassidy ihn schon jahrelang bewundert hatte, erschien es ihr wie ein wahr gewordener Traum, als er sie zu seiner persönlichen Assistentin beförderte. Seinen Respekt zu erlangen war einer der größten Erfolge in ihrer beruflichen Laufbahn, und es gefiel ihr, dass er sie wie ein Familienmitglied behandelte.

Und deshalb wusste sie auch, dass Cole seit ein paar Wochen nicht mehr Junggeselle war. Er hatte eine reizende Malerin, die in Brighton in der Nähe der Sommerresidenz des Botschafters wohnte, kennengelernt und sich in sie verliebt. Doch sie trug dieses Wissen wie ein Staatsgeheimnis mit sich herum.

„Wenn ich mich nicht irre“, fuhr der Botschafter fort, „dann habe ich schon öfter gesagt, dass Sie zu einer vernünftigen Zeit nach Hause gehen sollen. Nicht, dass Sie jemals auf mich gehört hätten. Deshalb war ich vorhin ein wenig verwirrt, als Sie sagten, Sie gingen jetzt. Für Ihre Begriffe ist der frühe Abend doch mitten am Tag.“

Cassidy wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Schlimm genug, dass Eric Barnes nach zehn Jahren aufgetaucht war und sie im Eingang der US-Botschaft geküsst hatte. Noch mehr Aufmerksamkeit wollte sie gar nicht erregen. Sie wusste, dass sie Cole nicht durch irgendeine fadenscheinige Ausrede täuschen könnte.

„Sicher wollen Sie sich noch ein bisschen auf die Party heute Abend vorbereiten“, stellte er fest.

Natürlich, heute Abend war ja der Empfang für Coles Freund. Fast hätte sie das vergessen. „Ja, ich möchte zum Friseur gehen.“

„Schön, und lassen Sie sich bitte Zeit. Manchmal mache ich mir Sorgen um Sie. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind eine meiner besten Mitarbeiterinnen, und das möchte ich auch gar nicht anders haben, aber manchmal wirken Sie wie ein … Workaholic.“

Nun musste Cassidy lachen. „Sie nennen mich einen Work­aholic?“

„Schon gut. Ein Esel nennt den anderen Langohr. Aber manchmal frage ich mich, ob Sie etwas beweisen wollen. Hoffentlich nicht mir gegenüber. Sie wissen, dass ich vollstes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten habe.“

„Das weiß ich, und ich schätze es sehr …“

Er unterbrach sie. „Das brauchen Sie gar nicht. Sie haben es sich verdient. Aber …“ Er zögerte und wartete, ob sie ihn unterbrechen wollte. Doch Cassidy schwieg, und daher fuhr er fort: „Vielleicht wollen Sie sich ja selbst etwas beweisen.“

Cassidy schwieg immer noch.

„Ich kenne das“, meinte der Botschafter. „Als Natalie starb, habe ich mich ständig angetrieben, um mir zu beweisen, dass ich weiterleben kann. Dass ich weiterleben muss. Wissen Sie was? Ich hatte recht gehabt. Ich konnte weiterleben. Aber als ich das herausgefunden hatte, merkte ich plötzlich, dass ein Leben in Hast und Eile nicht wirklich ein Leben ist.“

Noch immer schwieg Cassidy.

„Sie können immer mit mir reden. Wenn Sie etwas brauchen, einen Tag oder eine Woche frei haben wollen, dann sagen Sie es mir. Ohne Sie würde hier sicher nicht alles so reibungslos funktionieren, aber wir würden schon zurechtkommen.“

„Nein, nein, ich brauche nichts, Mr Cole. Es geht mir wirklich gut“, erwiderte Cassidy langsam und erkannte, dass genau das Gegenteil der Fall war.

„Ich weiß nicht, Ms Maxwell, ich mache mir Sorgen um Sie. Sie haben manchmal so einen … verbissenen Gesichtsausdruck. Heute zum Beispiel, ihr Gesicht ist wie Stein. Bitte entspannen Sie sich und sagen Sie dem Friseur, er soll sich viel Zeit lassen. Und heute Abend auf dem Empfang sind Sie Gast, nicht Mitarbeiterin. Das ist ein Befehl!“

Cassidy nickte.

„Es ist mein Ernst. Sprechen Sie nicht mit dem Küchenpersonal über die Menüfolge, sorgen Sie sich nicht, ob alle Tabletts voll sind, und schauen sie nicht im Bad nach, ob noch genügend Toilettenpapier vorhanden ist.“

Cassidy musste wider Willen grinsen.

„Ich kenne Sie besser, als Sie ahnen.“ Der Botschafter grinste ebenfalls. „Wenn Sie sich heute Abend nicht amüsieren, dann sind Sie entlassen. Und jetzt raus mit Ihnen!“

Zum ersten Mal seit den letzten Stunden kam Cassidys Lächeln von Herzen. Sie wusste, dass die Gedanken des Botschafters um ernste Themen kreisten, nicht zuletzt um seine Friedensinitiative für Nordirland, und trotzdem sorgte er sich um sie. Leider wusste sie nicht, wie sie seinen Wunsch erfüllen sollte. Wenn sie an Eric dachte, dann war eine rauschende Party das Letzte, was sie im Sinn hatte.

„Ja, Sir“, antwortete sie und wandte sich ab.

„Cassidy?“

Sie hielt inne.

„Geht es Ihnen wirklich gut?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Schnell senkte sie den Kopf. „Mir geht es genauso gut wie gestern.“

Da er nicht antwortete, musste sie noch etwas hinzufügen. „Es ist nett, dass Sie sich um mich sorgen. Wir sehen uns dann heute Abend“, sagte sie betont fröhlich.

„Auf Wiedersehen, Cassidy.“

Und schnell wie der Wind verließ sie sein Büro, damit der Botschafter nicht auf die Idee kam, sie weiter nach ihrer Befindlichkeit zu fragen. Denn sie wusste nicht, wie lange sie diese fröhliche Miene noch aufrechterhalten könnte.

Cassidy öffnete die Haupttür und ging zügig aus der Botschaft. Am liebsten hätte sie ihre Stöckelschuhe ausgezogen und auch ihre schwere Aktentasche von sich geworfen. Nur so schnell wie möglich weg von hier. Das Gespräch mit dem Botschafter hatte sie aufgehalten. Sie wollte nicht, dass Eric zu früh kam und sehen musste, dass sie schon wieder vor ihm flüchtete.

Nein, sie ging zügig, aber unauffällig und schaute nur einmal kurz hinter sich, um zu sehen, ob ihr jemand folgte.

Ihr Herz klopfte. Eric war in der Stadt, und die Mauern, die sie um sich herum errichtet hatte, zeigten bereits erste Risse. Zitternd schaute sie wieder nach vorn. Sie warf einen Blick auf den Grosvenor Square und streifte das Denkmal von Franklin D. Roosevelt mit einem flüchtigen Blick, bevor sie in die Oxford Street einbog.

Eric. Sie sah ihn vor ihrem inneren Auge, doch zum ersten Mal nicht als Student, sondern als jungen Dozenten, der seinen Studenten eine mitreißende Vorlesung hielt und Cassidy einen Blick zuwarf, der nur für sie bestimmt war.

Die ganzen Jahre über hatte sie dieses Bild von Eric verdrängt. Sie hatte immer nur den jungen Eric gesehen, den Studenten, der noch nicht auf den Sandboden ihrer Liebe gebaut hatte. Doch nun hatte die Realität sie eingeholt. Eric war ein Mann, der schon graue Haare hatte und dessen Herz von der Frau, die er liebte, gebrochen worden war.

Nein! Cassidy knirschte mit den Zähnen. An etwas anderes denken. Zum Beispiel an Franklin D. Roosevelt. Sie versuchte sich an historische Fakten zu erinnern, um das traurige Bild zu vertreiben. Roosevelt war geboren am … Sie konnte nicht glauben, dass sie die Daten nicht mehr im Kopf hatte. Normalerweise wies ihr Gedächtnis keine Lücken auf. Roosevelt hatte Bären gejagt. Oder? Ach nein. Das war Teddy Roosevelt. Deshalb der Spitzname Teddybär. Richtig?

Cassidy ging nach links an dem berühmten Kaufhaus Selfridges vorbei. Auf der Oxford Street bewegten sich wieder unzählige Touristen, die Pläne der U-Bahn in den Händen hielten. In dieser Menge würde niemand eine Frau mit einer Aktentasche bemerken. Sie holte einen weißen Schal aus der Manteltasche und legte ihn um ihr auffälliges Haar.

Warum, Cassidy? Erics Stimme hallte in ihrem Kopf.

Warum, Cassidy, hörte sie erneut, und diesmal war die Stimme lüstern und triumphierend. Randall Greene. Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut bist, wie du aussiehst. Jungfrauen sind das meistens nicht.

Cassidy unterdrückte ein Schluchzen und zwang sich, schneller zu gehen.

„Geh weg, Eric“, sagte Cassidy laut, und es störte sie nicht, dass einige Fußgänger sie merkwürdig anschauten. Die U-Bahn-Station Bond Street war nur noch einen Häuserblock entfernt. Im Rhythmus ihrer Schritte sprach sie weiter. „Geh weg, geh weg, geh weg.“

London war ihre Stadt. Sie gehörte hierher. Eric musste wieder abreisen.

Sie blickte auf das Straßenschild vor sich und hielt inne. Jemand stieß mit ihr zusammen und fluchte.

Mit großen Augen starrte Cassidy auf das Schild. Gilbert Street. Hatte sie dieses Schild schon jemals gesehen? Hatte sie niemals dabei an ihren alten Professor und Freund gedacht?

Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten, denn sie ärgerte sich, dass ihre Stadt nicht mehr länger ein sicherer Hafen war.

Sie begann zu laufen, bis sie die U-Bahn-Station erreicht hatte.

Als Cassidy loslief, fluchte Eric und ging so schnell es die vielen Menschen erlaubten. Die Schlange vor dem Ticketschalter der U-Bahn war endlos lang, und Cassidy eilte durch ein Drehkreuz. Doch Eric hatte sich vorhin bereits ein paar Fahrscheine gekauft, für den Fall der Fälle. Behände schlüpfte auch er durch das Drehkreuz und erreichte den Bahnsteig genau in dem Moment, als die U-Bahn einfuhr. Es gelang ihm, hinter Cassidy einzusteigen, ohne dass sie ihn bemerkte. Sie wirkte nervös.

Geschieht ihr recht, dachte Eric. Schließlich hatte er lange gelitten. Wenn er es geschafft hatte, die Frau, die er geliebt hatte, nervös zu machen, dann war das wenigstens eine milde Rache.

So sehr war er in Gedanken, dass er ihr fast nicht gefolgt wäre, als sie drei Stationen später ausstieg. In letzter Sekunde sprang er aus dem Wagen und lief Cassidy hinterher.

Als sie wieder ans Tageslicht kamen, war der frühe Abend angebrochen. Hier waren die Straßen leerer, und Eric ließ sich etwas zurückfallen, damit Cassidy ihn nicht bemerkte. Die Häuser in diesem Stadtteil erinnerten ihn an Boston.

Boston. Eigentlich sollte er jetzt dort sein und arbeiten, anstatt hier den zweitklassigen Privatdetektiv zu mimen und Cassidy zu verfolgen.

Plötzlich änderte sie die Richtung und ging die Stufen eines Eckhauses hoch. Eric trat schnell in den Eingang eines kleinen Cafés und beobachtete, wie sie diverse Schlüssel aus ihrer Tasche holte und einen Blick über die Schulter warf, bevor sie die Tür öffnete.

Eric ging in das Café hinein und bestellte einen Cappuccino zum Mitnehmen. Danach ging er mit dem Getränk nach draußen und blickte ab und zu auf den Stadtplan, den er am Flughafen erworben hatte. Laut der Karte befand er sich gerade in Bloomsbury. Im Geiste zeichnete er den Rückweg zum Hotel ein. Er schlenderte die hübsche Straße noch ein wenig entlang und ging dann nach ungefähr zwanzig Minuten zu dem Gebäude, in das Cassidy gegangen war. Er setzte sich auf die oberste Treppenstufe. Und wartete.

Sie hatte ziemlich deutlich gemacht, dass sie nicht vorhatte, ihre Verabredung um sieben einzuhalten. Es war auch klar, dass Eric so lange wie nötig vor der Botschaft warten würde, wenn Cassidy länger arbeiten musste. Das musste er ihr lassen. Es war ein guter Schachzug von ihr gewesen, dermaßen früh zu gehen.

Als Cassidy ihn damals sitzen gelassen hatte, hatte sie ihn in einem schwachen Moment erwischt. Im Moment der verliebten Vorfreude, in dem alles möglich schien, nur nicht ein Verrat. Heute war das anders. Eric konnte mit ihr Schritt halten, weil er keinerlei Illusionen mehr hatte. Noch einmal würde sie nicht vor ihm davonrennen. Zumindest nicht ohne eine Erklärung.

Er war nicht nur Harrisons wegen nach London gekommen. Eric wollte auch, dass Cassidy ihm endlich erklärte, warum sie damals geflohen war. Doch war es richtig, die Vergangenheit anzusprechen? Konnte es nicht sein, dass sie sich dann weigerte, mit ihm zu kommen, um dem Professor zu helfen?

Durfte Eric so egoistisch sein? Harrison war nicht nur ihm, sondern vielen Studenten ein vertrauenswürdiger Mentor gewesen. Sie mussten alles tun, damit er seine Stelle behielt. Hieß das auch, dass Eric die Vergangenheit ruhen lassen und so tun sollte, als sei nie was geschehen?

Auf der kalten Treppenstufe beschloss er, Cassidy nur von Harrisons Notlage zu unterrichten. Sie brauchte noch nicht einmal etwas antworten. Sie müsste nur einen Koffer packen, und er könnte sie zurück nach Saunders begleiten. Dann würde er sie in Ruhe lassen.

Eric schaute zu den Namensschildern an der Tür und wollte gerade nach Cassidys Namen suchen, als sein Herz plötzlich raste.

Vielleicht lebte Cassidy ja gar nicht allein? Hatte ein Mann auf sie gewartet? Ein Mann, mit dem sie das Essen zubereitete und dem sie von ihrem Tag berichtete, aber das Treffen mit ihrem alten Freund verschwieg.

Küsste sie diesen Mann, so kurz nachdem …?

Eric biss die Zähne zusammen. Was machte es schon? Außerdem war er nicht wegen einer Herzensangelegenheit hier, auch wenn genau dieses Herz sich gerade überhaupt nicht … kooperativ verhielt.

Verdammt. Er sprang auf und schaute sich die Namensschilder an. An oberster Stelle entdeckte er die Klingel von C. Maxwell. Kein weiterer Name stand daneben. Natürlich hieß das nicht, dass sie nicht doch einen Freund hatte, der woanders wohnte.

Wieder setzte er sich auf die kalte Stufe. Er wusste nichts über Cassidys Liebesleben, und er würde auch sicher nichts erfahren.

Warum hatte er sie bloß geküsst? Durch diesen törichten Gefühlsausbruch hatte er sich die Chance verbaut, sie sachlich zu fragen, warum sie ihn damals verlassen hatte.

Aber wie hätte er sie nicht küssen können?

Und hatte es ihr nicht auch … gefallen?

Es gelang ihm einfach nicht, von ihr loszukommen.

Als Cassidy ein paar Stunden später aus dem Haus kam, saß Eric immer noch auf der Treppe. Sie bemerkte ihn jedoch erst nicht, da sie rückwärts aus der Tür kam und mit dem Schlüssel beschäftigt war. Ein schwarzer Trenchcoat lag über ihrem Arm, was bedeuten konnte, dass sie sehr in Eile war.

Sie öffnete eine kleine Tasche und legte den Schlüssel hinein. Genau in dem Moment, als Eric aufstand, drehte sie sich um. Nervös und verärgert blickte sie ihn an und legte die Hand auf den Türgriff.

„Nein, Cassidy“, bat Eric. „Ich muss mit dir reden, und ich wusste, dass du mich nicht treffen würdest.“

Sie schaute ihn wütend an, aber Eric konnte nichts sagen, denn das Kleid, das sie trug, machte ihn einfach nur … sprachlos. Zwei schmale Träger hielten das enge Oberteil, das ihre Brüste betonte. Die nackte Haut ihrer Schultern und Arme schimmerte, so kam es ihm zumindest vor. Ein enger Rock, der asymmetrisch geschnitten war, umschmiegte ihre Hüfte und ließ eine schlanke Wade frei. Dazu goldene Sandaletten, die auch eine römische Göttin hätte tragen können. Die Zehennägel waren rot lackiert.

Wie benommen blickte Eric nun wieder in Cassidys Gesicht, das von glänzenden Wellen umgeben war. Es spiegelte sich Überraschung auf diesem perfekten Gesicht. Wieso? Warum schien Cassidy denn überrascht, dass ihre frauliche Schönheit ihn völlig faszinierte, wenn er sie schon als Kind geliebt hatte?

„Ich bin den ganzen Weg gekommen“, sagte er in flehendem Tonfall.

„Das sehe ich.“

„Ich meine, dass ich nach London gekommen bin. Ich stehe nur hier vor deiner Wohnung, um mit dir über Harrison zu sprechen. Ich stelle dir nicht nach.“

Cassidy zögerte, und sie wirkte ängstlich. Zitternd zog sie sich den Mantel an.

Als sie die Treppe hinunterging, hielt Eric sie leicht am Handgelenk fest.

„Hast du nicht wenigstens eine Minute Zeit für mich?“

Cassidy überlegte kurz.

„Gut, ich bin dir gefolgt, aber ich muss wirklich mit dir reden. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, denn du stehst nicht im Telefonbuch, und bei der Botschaft sagte mir natürlich auch keiner, wie deine Privatadresse lautet.“

Sein Griff um ihr Handgelenk wurde ein wenig fester. „Hör mir doch einfach zu. Du musst gar nicht …“

Er unterbrach sich. Sie schaute ihn misstrauisch an. Und abwartend. Eric ließ ihre Hand los und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Du musst gar nichts sagen, okay? Ich habe mich vorhin vor der Botschaft falsch verhalten. Es war nicht richtig, alte Geschichten aufzuwärmen. Es war falsch, dich zu küssen.“

Sie antwortete nicht, aber Eric hatte auch nicht damit gerechnet.

„Unsere Vergangenheit ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Ich möchte Gilbert Harrison helfen. Können wir irgendwohin gehen? Ich verspreche, dass es nicht lange dauert. Die Geschichte ist wirklich schnell erzählt. Zwanzig Minuten, okay? Es sei denn, du wirst gleich von jemandem abgeholt.“

Als Cassidy leicht den Kopf schüttelte, konnte Eric besser durchatmen.

„Gut. Sollen wir irgendwo etwas trinken?“

Kurz überlegte sie und wies dann mit dem Kopf auf die andere Straßenseite.

„Nach dir“, sagte Eric.

Cassidy nickte wie eine Königin und ging vorsichtig auf ihren hohen Absätzen die Treppe hinunter. Da sie etwas unsicher wirkte, nahm Eric sie leicht am Arm und hoffte, dass sie ihn nicht abwehrte.

Wortlos nahm sie seine Hilfe an.

Sie überquerten die Straße und gingen in den Pub „The Black Horse“. Als Eric die Tür öffnete, hörte man lärmende Fußballfans, die vor dem Fernseher saßen.

Während Cassidy in ihrem offenen Mantel durch die Tür ging, schwiegen die Männer vor dem Bildschirm. Dann pfiffen sie anerkennend. Cassidy schien von all dem nichts zu bemerken. Sie ging an den Männern vorbei und führte Eric zu einem Tisch in der hinteren Ecke. Sobald sie aus dem Blickfeld der Männer waren, schauten diese wieder gebannt auf den Fernseher, und der Lärmpegel stieg erneut.

Neben Cassidys Missmutigkeit wirkte die Fröhlichkeit der Kellnerin fast deplatziert. Nachdem sie ihr Bier bekommen hatten, wischte Eric Cassidys Seite des Tisches mit seiner Serviette ab, damit ihr schönes Kleid keine Flecken bekam. Cassidy beobachtete ihn und trank erst dann aus ihrem Glas, als er es auch tat.

Als sie mit dem Finger über ihr Glas strich, presste Eric die Zähne zusammen. Wie viel würde er darum geben, jetzt dieses Glas zu sein! Einmal von Cassidys Fingern berührt zu werden. O Gott, wenn er so weitermachte, war er auf dem besten Weg, seinen Verstand zu verlieren. Er räusperte sich.

„Harrison steht kurz davor, seinen Job zu verlieren“, begann er.

Was auch immer sie erwartet hatte, damit hatte sie nicht gerechnet. „Wa… warum?“, fragte sie verblüfft.

„Der neue Präsident des Verwaltungsrates, Alex Broadstreet, hat es auf ihn abgesehen, und wie es scheint, hat er die übrigen Mitglieder von seiner Meinung überzeugt. Jetzt glauben sie plötzlich alle, dass Harrison zu … altmodisch ist. Es gefällt ihnen nicht, dass die Studenten immer ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm hatten. Sie möchten, dass er sich distanzierter verhält, und weil er das nicht einsieht, wollen sie ihn ersetzen.“

Cassidy trank noch einen Schluck Bier. „Man kann doch niemanden entlassen, nur weil er freundlich ist. Da steckt mehr dahinter.“

Uff, wenigstens redete sie endlich mit ihm!

„Das stimmt“, erwiderte er. „Der Verwaltungsrat hat angeblich Wind von irgendwelchen“, mit den Fingern zeichnete er Anführungszeichen in die Luft, „Machenschaften bekommen. Sobald sie die nötigen Beweise haben, wollen sie den Prof feuern.“

„Machenschaften?“, fragte Cassidy erstaunt.

„Harrison soll Noten nach oben verändert haben, um Studenten zu einem Stipendium zu verhelfen, die andernfalls …“

„Das glaube ich nicht“, unterbrach Cassidy ihn, und Eric atmete im Innern auf. Früher hatte Cassidy jemanden nur dann unterbrochen, wenn sie in Aufruhr war. Vielleicht war das ein gutes Zeichen. Wenn sie empört genug war, würde sie vielleicht mit ihm nach Boston fliegen.

„Wie es scheint, will der Verwaltungsrat ihn unehrenhaft entlassen“, setzte er noch eins drauf.

Fassungslos schüttelte Cassidy den Kopf.

„Das Einzige, was bislang herauskam, ist, dass es einen anonymen … Wohltäter gab. Es handelt sich um eine reiche großzügige Person, die begabten Studenten, die sich ein Studium in Saunders nicht leisten konnten, helfen wollte. Harrison hat diesem Wohltäter anscheinend die Namen einiger Studenten genannt, die daraufhin Stipendien bekamen. Keiner weiß, wer dieser Wohltäter ist, und auch Harrison schweigt sich aus. Auch ist nicht ganz klar, wer alles so ein Stipendium erhielt. Da entstehen natürlich eine Menge Gerüchte, wie du dir denken kannst. Harrison könnte diesen Gerüchten so leicht ein Ende setzen, wenn er endlich sagen würde, wie es sich mit diesem Wohltäter tatsächlich verhielt, wer er ist und so weiter. Aber er will davon nichts wissen und setzt eher auf ehemalige Studenten, die es zu was gebracht haben. Er hat sie angerufen und gebeten, beim Verwaltungsrat ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er hofft, dass es für ihn spricht, so erfolgreiche Absolventen hervorgebracht zu haben.“

„Mich hat er nicht angerufen“, sagte Cassidy zum zweiten Mal an diesem Tag.

„Nein“, stimmte Eric zu, „aber er sagte mir, dass er dir die lange Reise nicht zumuten wolle.“

Lange schwieg Cassidy, lange selbst für ihre Verhältnisse.

Eric war ein wenig verunsichert, aber er zeigte es nicht. Der heutige Tag war schon in vielerlei Hinsicht verwirrend gewesen. „In Boston, wo ich arbeite, habe ich Ella Gardner getroffen.“ Ihm fiel ein, dass Cassidy gar nichts mehr von ihm wusste, und das stimmte ihn traurig. „Ich arbeite als Wirtschafts- und politischer Berater.“

Cassidy nickte und schien nicht überrascht. Schließlich war er studierter Politologe.

„Als ich Ella traf, erzählte sie mir, was derzeit in Saunders los ist und dass deine früheren Kommilitonen alle der Meinung sind, dass du den Verwaltungsrat dazu bringen könntest, Harrison nicht zu kündigen. Ich persönlich glaube darüber hinaus, dass du es mit deinem scharfen Verstand schaffen könntest, endlich das Geheimnis um diesen Wohltäter zu lüften.“

Noch bevor er zu Ende geredet hatte, schüttelte sie den Kopf.

„Was?“, fragte er. „Sag nicht, dass du nicht helfen wirst. Du warst Harrisons studentische Hilfskraft und hast viel Zeit in seinem Büro verbracht. Du hast gemerkt, dass die Studenten ihn liebten und verehrten. Du sahst …“

„Ich weiß, was ich gesehen habe“, unterbrach Cassidy ihn wieder. Sie schien mit etwas zu kämpfen.

„Seine Frau ist vor Kurzem gestorben, und sein Job bedeutet ihm alles. Er braucht Unterstützung, er braucht dich.“ Ich brauchte dich auch, dachte er, aber das spielt ja keine Rolle.

Cassidy warf einen Blick auf die Fußballfans. Eric schwieg.

Nach etlichen Minuten sagte sie schließlich: „Ich schreibe einen Brief.“

„Wie bitte?“

„Einen Brief. An den Vorsitzenden des Verwaltungsrates.“

„Super Engagement. Damit wirst du sicher wahnsinnig viel erreichen“, erwiderte er sarkastisch. Er spürte, wie seine Nerven langsam blank lagen.

„Aber …“

Nun unterbrach Eric sie. „Dieser Broadstreet will Harrison eins auswischen, warum auch immer. Der Mann ist herzlos und geht über Leichen. Du kannst sicher einen wunderbaren Brief schreiben, den wird er dann in den Papierkorb schmeißen, und das war’s. Wenn du hingegen persönlich erscheinst, du, die Assistentin des US-Botschafters in London, ist das ein anderes Kaliber. Vielleicht kannst du Broadstreet nicht erweichen, aber die restlichen Mitglieder des Verwaltungsrates werden vor dir einknicken wie dürre Äste.“

„Das kann ich nicht.“

„Was kannst du nicht?“

Cassidy schloss den Mund.

„Du kommst nicht von der Arbeit weg? Dann nimm dir wenigstens ein langes Wochenende Zeit, von Freitag bis Montag.“

Wieder schüttelte sie den Kopf, und er versuchte es erneut. „Ich zahle das Ticket.“ Noch heftiger schüttelte sie den Kopf.

„Nein, ich kehre nicht zurück.“

„Wohin? Zur Universität?“

Sie antwortete nicht, schüttelte aber auch nicht den Kopf. Was so viel hieß wie Ja. „Aber warum denn nicht? Du hast die Saunders-University doch geliebt. Du gingst ganz in deinem Studium auf, hattest eine Unmenge von Freunden, warst Tutorin, hast Tennis gespielt. Du warst so voller Lebensfreude dort und hattest stets ein glückliches Lächeln …“

„Stopp.“ Sie hielt sich die Ohren zu, wie sie es schon als Kind getan hatte. „Ich. Kehre. Nicht. Zurück“, verkündete sie, während sie auf den Tisch blickte.

Eric starrte sie an.

Sie war eine Vorzeigestudentin gewesen, die in jedem Fach hervorragend abgeschnitten hatte, und sie fühlte sich der Universität sehr verbunden. Wenn immer Eric mit ihr über den Campus geschlendert war, wurde Cassidy von allen Seiten gegrüßt. Sie hatte gewinkt und mit allen gelacht …

Warum nur in aller Welt wollte sie nicht dorthin zurückkehren?

Hatte es vielleicht etwas damit zu tun, was am Ende ihrer Studienzeit passiert war? Denn irgendwas war passiert. Eric hatte ihr die Ausreden, sie müsse so viel lernen und müsse sich deshalb so einigeln, nie abgenommen. Aber es war ihm auch nicht gelungen, den wahren Grund dafür herauszufinden, warum er sie am Ende nur noch per Zufall gesehen hatte. Und warum sie ihm plötzlich so ausgelaugt und todmüde erschienen war. Er hatte immer Angst gehabt, dass sie einfach das Interesse an ihm verloren hatte. Nun, in diesem Londonder Pub, kam es ihm zum ersten Mal in den Sinn, dass es vielleicht überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte.

„Cassidy“, begann er, aber sie hielt sich immer noch die Ohren zu.

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