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Ein Millionär zum Verlieben, Band 175

Christine Flynn, Karen Toller Whittenburg, Karen Sandler

Ein Millionär zum Verlieben, Band 175

CHRISTINE FLYNN

DARF ICH DIR VERTRAUEN?

Finger weg von dem millionenschweren Playboy, ermahnt die junge Imbissverkäuferin Madison sich streng. Denn zwischen ihr und Cord Kendrick liegen Welten! Aber dann hilft sie bei einem seiner Empfänge aus. Und kaum ist der letzte Gast gegangen, küsst Cord sie mit so viel zärtlicher Leidenschaft, dass Madison ihrem Vorsatz untreu wird …

KAREN TOLLER WHITTENBURG

KATIE – EINFACH SÜSS

Der Milliardär Adam Braddock hat mit Heirat nichts im Sinn – bis er der schönen erfolgreichen Geschäftsfrau Katie Canton begegnet. Ihre fröhliche Art bezaubert auf Anhieb sein vorsichtiges Herz.Wenn er bloß wüsste, wo er sie schon mal gesehen hat! Vielleicht in einem Restaurant? Adam ahnt nicht,wie recht er hat. In Wirklichkeit ist Katie Kellnerin …

KAREN SANDLER

JA, ICH WILL DICH

Die vorsichtige Allie setzt zum ersten Mal alles auf eine Karte: Sie nimmt Lucas Taylors Heiratsantrag an! Denn schon lange ist sie heimlich in ihren gut aussehenden Boss, Unternehmer und Selfmade-Millionär, verliebt. Zwar glaubt sie, dass er nur eine Vernunftehe will. Aber vielleicht gelingt es ihr in der romantischen Hochzeitsnacht, Lucas zu erobern?

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Christine Flynn

DARF ICH DIR VERTRAUEN?

1. KAPITEL

„Madison O’Malley, das hier ist das Netteste, was jemand in dieser Woche für mich getan hat.“ Der stämmige Bauarbeiter strahlte wie ein kleiner Junge, schob sich den Schutzhelm in den Nacken und nahm sich mit dem Finger etwas vom Zuckerguss auf dem Kuchen in seiner Hand. Die Flamme der Kerze, die mitten im lockeren Schokoladenteig steckte, tanzte im Wind. „Ich kann nicht glauben, dass Sie daran gedacht haben.“

„Sie denkt an jeden Geburtstag“, sagte der schlaksige Schweißer neben ihm. „Auf meinem Kuchen waren sogar Streusel.“

„Ach ja? Hat sie auch deinen Namen draufgeschrieben wie bei meinem hier?“

Der kleinere Mann zeigte mit dem Kinn dorthin, wo mit Zuckerguss Tiny geschrieben stand.

„Sicher. Nicht wahr, Madison?“

„Das habe ich, Jake.“ Madison lächelte, und das Funkeln in ihren braunen Augen verriet, wie gern sie ihren Kunden eine Freude bereitete. „Ich wusste nur nicht, ob Sie Schokolade oder Karotte lieber mögen. Wenn Sie es mir sagen, merke ich es mir für das nächste Jahr.“

Tiny erwiderte, dass sein Kuchen genau richtig sei, und ging davon.

Der Schweißer, den sie nur als Jake kannte, nahm sich einen in Folie gewickelten Muffin vom Verkaufswagen und reichte ihr einen Dollar.

„Morgen, Madison.“ Ein anderer der etwa vierzig Kunden, die sich um den Wagen drängten, gab ihr einen Fünfer. „Ich nehme zwei, einmal Mohn, einmal Banane.“

„Ich möchte einen Kaffee und ein Brötchen mit Schinken und Käse.“

„Ich auch.“ Ein Arbeiter, den sie nicht kannte, nahm Jakes Platz ein und hielt ihr zwei Fünf-Dollar-Scheine hin. „Für mich und Sid dort hinten.“

Madison warf einen Blick auf seinen Helm.

„Danke, Buzz.“

Der Neue lächelte erfreut, trat zurück und wurde von der Menge verschluckt, die keine Minute ihrer Frühstückspause verschenken wollte.

„He, Madison! Haben Sie heute Karottenmuffins?“

„Die macht sie nur dienstags und freitags“, antwortete jemand für sie. „Heute gibt’s Zucchini und Mohn.“ Eine andere schmutzige Hand tauchte mit Dollarscheinen zwischen den staubigen Jeans und Arbeitshemden auf. „Ich habe mir von jeder Sorte einen genommen.“

Ein Maschinist mit Schmierfett an der Wange hielt einen Zehner hoch. „Für mich auch. Und Orangensaft.“

Madison nahm die Scheine entgegen und holte das Wechselgeld aus der schwarzen Gürteltasche. Die Muffins und Brötchen, die sie heute Morgen gebacken hatte, wurden schnell weniger, genau wie Saft, Milch und Kaffee.

Die schmutzigen Hände der Männer störten sie nicht. Die meisten Arbeiter auf dieser Baustelle gehörten, genau wie die Schauerleute, die sie als Nächstes versorgen würde, zum Salz der Erde. Sie waren wie die Menschen des Viertels, in dem sie zur Welt gekommen war, noch immer lebte und vermutlich auch sterben würde. Manche kamen sogar von dort – aus Ridge, wie die Einheimischen Bayridge, Virginia, nannten. Sie gehörte zu ihnen, denn sie arbeitete hart. Tagaus, tagein. Sie konnte sich kein anderes Leben vorstellen.

„He, Madison“, ertönte neben ihr eine tiefe, verlegene Stimme. „Was machen Sie heute Abend?“

Sie lächelte dem strammen Arbeiter zu, der ihr diese Frage seit drei Wochen stellte. Eddie Zwickie war groß, süß und höchstens zwei Jahre jünger als sie mit achtundzwanzig. „Früh zu Bett gehen. Ich muss morgen früh einkaufen und den Wagen sauber machen, damit ich in der nächsten Woche wieder für euch da sein kann.“

„Gehen Sie denn nie aus?“

„Nicht mit meinen Kunden“, sagte sie freundlich. Sie ging mit niemandem aus. Dazu hatte sie gar keine Zeit. „Aber wissen Sie was?“, fragte sie. „Ich glaube, Sie würden sich gut mit Tina Deluca verstehen. Ich habe ihr von Ihnen erzählt. Sie ist Kindergärtnerin. Wollen Sie ihre Nummer?“

„Kann sie kochen?“

„Die Haferkekse, die Sie so gern essen, backe ich nach einem Rezept ihrer Mutter.“

„Ja, aber kann sie die auch backen?“

Der Typ war schnell. „Sie lernt es.“

Plötzlich verstummten alle Gespräche, und die Menge teilte sich.

„Morgen, Mr. Callaway“, sagte jemand.

„Morgen, Sir.“

„He, Mr. Callaway.“

„Hi, Leute“, kam die herzliche Antwort.

Madison erkannte den Neuankömmling sofort. Ihm gehörte das Unternehmen, das die riesige York Port Mall errichtete.

Er war nicht allein.

Der Mann neben ihm war genauso groß und eine noch eindrucksvollere Erscheinung. Sein Name war Cord Kendrick, und die Umstehenden musterten ihn neugierig.

Madison war ihm nie begegnet, aber wie alle anderen hatte sie Fotos von ihm gesehen. In People, Newsweek, Entertainment Tonight und in den Boulevardblättern, die ihre Grandma Nona Rissini verschlang. Er war einer der bekanntesten Playboys des Landes. Selbst Leute, die sich nicht für die Reichen und Schönen interessierten, kannten ihn. Seine Mutter stammte aus einem Königshaus. Jedenfalls hatte Madison das irgendwo gehört.

Sie konnte sich nur nicht mehr erinnern, ob es bei Cords letztem Skandal um eine Vaterschaftsklage oder einen Autounfall gegangen war.

„Morgen, Mr. Callaway“, begrüßte sie den Bauunternehmer lächelnd. „Wie immer?“

Ihr fiel ein, dass auch er jetzt berühmt war. Seine Heirat mit der ältesten Kendrick-Tochter hatte alle überrascht, denn niemand hatte gewusst, dass Ashley Kendrick überhaupt mit einem Mann ausging. Vor zwei Monaten hatte auch die Geburt ihrer Tochter Schlagzeilen gemacht. Seitdem lauerten am Drahtzaun, der die riesige Baustelle umgab, Paparazzi auf die Chance, ein Foto von ihm zu machen.

„Wie immer“, wiederholte Matt. „Ich wusste nicht, dass ich so vorhersehbar bin.“

„Dann also lieber Zucchini? Oder Banane-Nuss?“

„Überraschen Sie mich.“

Sie gab ihm ein Zucchini-Muffin und einen leeren Becher, damit er sich selbst einen Kaffee nehmen konnte.

„Und für Sie?“, fragte sie seinen Schwager. Sie hatte gehört, dass das Shoppingcenter, das hier errichtet wurde, der Kendrick-Familie gehörte. Das allein erklärte, wie Matt Callaway Cords Schwester kennengelernt hatte. Und warum Cord Kendrick heute hier war.

Grandma Nona würde begeistert sein. Aber das Einzige, was Madison beeindruckte, war die Tatsache, dass der silberfarbene Schutzhelm irgendwie zu Matt Callaway passte, während der Mann mit den blauen Augen wie ein Model für GQ, das Lifestyle-Magazin Gentleman’s Quarterly, aussah. Sein Designer-Sakko saß perfekt und war vermutlich italienisch. Der Pullover darunter musste aus Kaschmir sein.

„Ich nehme das, was er sonst immer nimmt.“

„Mohn und Kaffee?“, fragte sie und versuchte zu ignorieren, was er in ihr auslöste.

Er musterte sie nicht unauffällig, sondern unverhohlen und gründlich. Offenbar gefiel ihm, was er sah, während sein Blick über die langen, in Denim gehüllten Beine und den kastanienbraunen Rollkragenpullover zu ihrem dunklen, von einem Clip gehaltenen Haar wanderte.

Sein attraktiver Mund verzog sich zu einem Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ.

Schon auf den Fotos sah er hinreißend aus, aber Auge in Auge war sein Charme nahezu unwiderstehlich.

„Sahne. Kein Zucker.“

„Die Sahne steht beim Kaffee.“

Er gab ihr fünf Dollar und zeigte auf die Fahrertür, auf der Mama O’Malleys Catering stand. „Wer ist Mama?“, fragte er.

An seinem Arm vorbei lächelte sie einem Arbeiter zu, der sich ein Muffin nahm und es bezahlte. „Das bin ich.“

Cord Kendrick zog eine Augenbraue hoch. „Sie?“

„Richtig.“

Er beobachtete, wie die große Brünette mit dem langen, schlanken Körper und einem Gesicht wie ein Engel dem Mann hinter ihm ein Käsebrötchen reichte. Sie war nicht kühl oder gar unhöflich zu ihm. Sie sprach so freundlich mit ihm wie mit allen anderen. Sie schenkte ihm nur nicht das strahlende Lächeln, das bisher jeder von ihnen bekommen hatte.

Und sie schien an einer Unterhaltung mit ihm nicht interessiert zu sein.

Er brachte eine Frau immer zum Reden. Egal, wer und wie alt sie war.

„Sie sehen nicht so aus, wie ich mir eine Mama O’Malley vorstelle“, sagte er und schüttelte langsam den Kopf. Sie hatte unglaubliche Augen, zarte Haut und einen Mund, der geradezu danach verlangte, geküsst zu werden. Und dann die Beine. Sie waren endlos. „Warum nennen Sie Ihr Geschäft so?“

„Weil mein Nachname O’Malley ist und mir der Klang gefällt. Hi, Bob.“ Da war das Lächeln wieder. Die ganzen fünfhundert Watt. Aber es galt nicht ihm, sondern dem Typen mit Bierbauch und hochgeschobener Schweißermaske. „Was kann ich für Sie tun?“

„Komm schon.“ Matt stieß Cord an. „Wir müssen wieder an die Arbeit.“

Cord trat zurück. „Danke“, sagte er zu ihr.

„Gern geschehen“, erwiderte sie höflich und wandte sich den anderen Männern zu.

Seine Stirn legte sich in Falten, als er sich umdrehte und davonging. Wenn sie lächelte, schienen ihre Augen für jeden aufzuleuchten. Nur nicht für ihn.

Er warf einen Blick über die Schulter. Sie nahm gerade Wechselgeld aus der Tasche an ihrer schmalen Taille. Er fragte sich, ob er ihr schon mal begegnet war. Ob er sie vielleicht in einem der örtlichen Nachtklubs gekränkt hatte, ohne es zu wollen. Er achtete sorgsam darauf, nie eine Frau zu verletzen, denn er hatte erfahren müssen, dass die Rache nicht nur unangenehm und peinlich sein, sondern ihn auch viel Geld kosten konnte.

Aber an die Frau, die alle Madison nannten, hätte er sich erinnert. An den Namen. Und vor allem an das Lächeln. Es verlieh ihrem hübschen Gesicht eine einladende Wärme.

„Kommt sie jeden Tag her?“

„Wer?“ Matt sah nach hinten. „Das Mädchen mit dem Snack-Wagen?“

„Ja.“

„Auf der Baustelle kommen täglich mehrere vorbei. Ich glaube, sie ist ziemlich oft hier.“ Ein Viertel des Muffins verschwand in seinem Mund. „Warum?“, fragte Matt kauend.

Cord zuckte mit den Schultern. „Nur so“, sagte er und biss in etwas, das nach süßer Butter und Zitrone und so himmlisch schmeckte, dass er vor Genuss die Augen schloss.

Madison sah den beiden Männern mit den silberfarbenen Schutzhelmen nach, die ihre Muffins aßen und an einem riesigen Stapel Stahlträger und einem stillstehenden Kran vorbeigingen, dessen Führer Kaffee trank und eine Zigarette rauchte. Die Pause dauerte nur fünfzehn Minuten. Nach den ersten fünf hatte sie etwa ein Drittel ihrer Snacks verkauft. Also blieben ihr zehn, um aus dem Kühlraum Nachschub zu holen und frischen Kaffee zu kochen, damit alles bereit war, wenn sie zwanzig Minuten später im Hafen ankam. Dort hielt sie an zwei Orten, steuerte anschließend eine kleine Fabrik an und fuhr nach Hause, um die Sandwichs und Süßigkeiten für die Mittagsrunde um Viertel nach elf einzuladen.

Männerlachen drang in den Wagen, als sie die leere Kiste wegstellte und die Kaffeemaschine einschaltete. Sie widerstand der Versuchung, sich umzudrehen und nach Cord Kendrick Ausschau zu halten. Denn sie wollte nicht, dass er sie dabei ertappte und sich einbildete, er habe Eindruck auf sie gemacht. Das hatte er nämlich nicht. Nicht wirklich. Nicht so, dass es wichtig wäre.

Noch nie war sie einem Mann begegnet, der in einer Welt lebte, die so wenig mit ihrer zu tun hatte. Aber er war nur die Luxusausgabe eines Männertyps, den es auch in Bayridge gab – attraktiv, verantwortungslos und nur daran interessiert, eine Frau ins Bett zu kriegen und vor dem Frühstück zu verschwinden. Sie hatte genügend davon gesehen, denn sie wohnte genau über dem Pub ihres Freunds Mike und nutzte regelmäßig seine Küche. Und selbst wenn sie reich und berühmt waren, hatte sie nicht vor, an solche Männer einen zweiten Gedanken zu verschwenden.

Das tat Madison auch nicht. Sie hatte sogar vergessen, ihrer Grandma zu erzählen, dass sie Cord Kendrick begegnet war.

Und als sie am Tag darauf auf der Baustelle stand und die Klappe ihres Verkaufswagens schloss, dachte sie nur deshalb an ihn, weil Matt Callaways Sekretärin sie auf dem Handy angerufen und sechs große Becher Kaffee und ein Dutzend Muffins wie das bestellt hatte, das sie Cord gestern gegeben hatte. Sie sollte sie ins Büro der Bauleitung bringen.

„Es tut mir leid, Ma’am“, erwiderte Madison. „Ich habe einen festen Fahrplan und kann keine Bestellungen ausliefern. Aber wenn Sie jemanden herschicken, werde ich alles bereithaben. Ich fahre erst in zwei Minuten weiter.“

Die gehetzt klingende Frau bat sie, am Apparat zu bleiben, und Madison tat es, während sie sechs leere Becher und Deckel hervorholte und einen Karton öffnete, um sie hineinzustellen. Mit einem lauten Rumpeln sprang der Motor des riesigen Krans an. Die Pause war vorüber.

Aus dem Handy kam ein Rascheln.

„Sie liefern also nicht aus.“

Die Stimme am anderen Ende war viel tiefer und klangvoller und hatte einen herausfordernden Unterton. Madison erkannte sie sofort. Das ärgerte sie. Sie wollte nicht, dass er einen Eindruck bei ihr hinterließ. Und erst recht wollte sie nicht, dass irgendetwas an dem Mann sich auf ihre Herzfrequenz auswirkte.

Wäre es wieder die Sekretärin gewesen, hätte sie nachgegeben und die Bestellung ins Büro gebracht. Die Frau hörte sich an, als könnte sie eine Pause gebrauchen. Aber da es Cord war, blieb sie hart. „Ich muss an meinen Fahrplan denken.“

„Sie machen keine Ausnahmen?“

„Das kann ich nicht“, sagte sie und war ziemlich sicher, dass Cord Kendrick nicht sehr oft etwas von einem Imbisswagen aß. Sonst wüsste er, wie wichtig es für sie war, pünktlich zu sein. „Es gibt Leute, die sich darauf verlassen, dass ich sie in ihrer Pause versorge.“

„Was ist mit den Leuten hier?“, fragte er mit der Lässigkeit eines Mannes, der genau wusste, welche Knöpfe er drücken musste. „Wir brauchen auch eine Pause. Aber wir sind in einer Besprechung, niemand kann weg, und wir brauchen wirklich Kaffee. Und die Muffins.“

„Gibt es im Büro keine Kaffeemaschine?“

„Die ist kaputt. Hören Sie, ich gebe Ihnen fünfzig Dollar Trinkgeld. Bringen Sie uns einfach die Bestellung. So lange wird es nicht dauern. Okay?“

Madison spürte, wie sie immer ärgerlicher wurde, als sie den Karton abstellte und zu dem langen weißen Bauwagen hinüberschaute. Was immer Cord Kendrick gerade tat, er hielt es für wichtiger als ihren Fahrplan. Und er schien zu glauben, dass er für sein Geld alles bekam, wozu seine Überzeugungskraft nicht ausreichte.

Einen Moment lang war sie versucht, ihm zu sagen, dass er heute auf seinen Kaffee verzichten musste. Aber dann dachte sie daran, dass sie ihr Geschäft ausweiten wollte. Davon träumte sie, seit sie es angefangen hatte. Sie wollte Partys ausstatten. Große. Kleine. Vielleicht sogar Hochzeiten. Sie hatte sogar schon ein paar Events betreut. Nicht, dass man die Geburtstagsfeier für die neunjährige Tochter der McGuires als Event bezeichnen konnte, aber die Verlobungsparty für die älteste Tochter der Lombardis war ein Erfolg gewesen. Sie brauchte dringend eine eigene Ausrüstung, denn die Miete fraß den gesamten Profit auf. Und fünfzig Dollar würden ihr helfen, das doppelte Rechaud zu kaufen, auf das sie ein Auge geworfen hatte.

Und wenn sie auf der Gloucester eine grüne Welle erwischte, würde sie ein paar Minuten gewinnen.

„Ich werde mindestens fünf Minuten brauchen“, sagte sie schließlich.

„Wenn Sie fahren, höchstens eine.“

„Ich muss den Wagen schließen und um den abgesperrten Bereich herumfahren.“

„Das brauchen Sie nicht. Parken Sie einfach an dem Stapel Träger. Ignorieren Sie das Schild.“

„Welches Schild?“

„Das Warnschild. Und tun Sie in einen der Kaffees …“

„Sahne“, unterbrach sie ihn und wünschte, sie hätte es nicht getan. „Nimmt sonst noch jemand etwas in seinen Kaffee?“

Sie hörte ihn in die Runde fragen. Dann sagte er ihr, dass die anderen Zucker und Weißer nahmen, bedankte sich und legte auf.

Sie wusste nicht, warum sein Dank sie überraschte. Vielleicht, weil er an diesem Morgen ein wenig ungeduldig wirkte. Vielleicht aber auch, weil er erwartete, dass man seine Wünsche einfach erfüllte.

Wütend darüber, dass sie genau das tat, füllte sie die Becher und legte Muffins in den Karton, bevor sie die Seitenklappe schloss und langsam über die Baustelle fuhr.

Als sie eine Minute später vor der Tür der Bauleitung stand, ging sie auf, bevor sie klopfen konnte.

Zum Vorschein kam Cord Kendricks große Gestalt. Aus italienischem Designer-Outfit war amerikanisches Designer-Outfit geworden. Ihr Blick wanderte von dem Ralph-Lauren-Label an seinem Pullover nach oben. Sie hatte keine Ahnung, ob sein Lächeln ihr oder dem Karton in ihren Händen galt, aber er sah müde und so aus, als hätte er das Koffein dringend nötig.

„Bin ich froh, Sie zu sehen“, murmelte er und nahm ihr die Bestellung ab. „Kommen Sie herein.“

Er kehrte ihr den breiten Rücken zu, und sie zögerte einen Moment, bevor sie eintrat. Matt Callaway erhob sich von einem langen, mit Bauplänen bedeckten Tisch, an dem drei andere Männer saßen. Alle schienen gleichzeitig zu sprechen. Eine Frau mittleren Alters hatte sich einen Telefonhörer ans Ohr geklemmt, zog Faxe aus dem Gerät und fütterte den Kopierer damit. Sie lächelte Madison dankbar zu.

Während einer der Männer die Kopien verteilte, nahm Matt seine Brieftasche heraus. „Danke, dass Sie es uns hergebracht haben“, sagte er. „Dies ist kein guter Morgen für eine kaputte Kaffeemaschine.“ Er nickte dorthin, wo Cord und die anderen die Becher aus dem Karton nahmen. „Wir haben ein kleines Problem, und niemand kann weg. Und manche von uns haben eine lange Nacht hinter sich und leiden unter Koffeinentzug.“

„He, ich war pünktlich hier“, rief Cord und stellte der Sekretärin einen Becher hin, bevor er in seine eigene Tasche griff. „Lass mich das machen. Ich bin ihr ein Trinkgeld schuldig.“

Er kam herüber und hielt ihr einen Hundert-Dollar-Schein hin. „Behalten Sie den Rest.“

Matt war schon an den Tisch zurückgekehrt und beugte sich über die Pläne. Die anderen nahmen die Deckel von ihren Bechern. Zahlen und Fachausdrücke, die Madison noch nie gehört hatte, flogen hin und her.

Gegen ihren Willen stieg ihr der Duft von Seife und Aftershave in die Nase. Zwei winzige Kratzer an seinem Unterkiefer verrieten, wie hastig er sich rasiert hatte.

„Sie haben fünfzig gesagt“, erinnerte sie ihn. Vermutlich hatte er gestern Abend ein Date gehabt und deshalb noch nicht gefrühstückt. „Mit Muffins und Kaffee macht das nur einundsiebzig Dollar.“

In seinen blauen Augen waren silbrige Punkte. Auch das wollte sie nicht bemerken.

Ein Handy läutete. Das Faxgerät piepte. „Betrachten Sie es als Liefergebühr.“

Sie senkte die Stimme. „Das ist sehr großzügig.“

„Ich bin sehr dankbar“, sagte er, während sie den Schein einsteckte. „Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mich nach diesen Muffins gesehnt habe.“

Sein Lächeln war noch gefährlicher als gestern, denn es wirkte erschöpft und hätte bei jeder anderen Frau Mitgefühl geweckt. Aber sie war immun gegen seinen Charme. Sie hatte zu viel darüber gehört. Und dass sie zusammenzuckte, lag nicht daran.

Ein lauter Knall ließ den Bauwagen von der Decke bis zu den Rädern erzittern. Scheiben klirrten. Stimmen verstummten. Draußen knirschte Metall, und ganz in der Nähe prallte etwas Schweres zu Boden. Eine panische Sekunde lang fragte Madison sich, ob es ein Erdbeben war.

Die Männer sprachen durcheinander. Zwei von ihnen eilten an die Fenster. Der Rest ging zur Tür.

Cord war als Erster dort und riss sie auf. Matt folgte ihm und reichte ihm seinen Schutzhelm.

Madison wurde zur Tür geschoben. Sie eilte die Stufen hinunter und ging rasch zur Seite, um nicht umgerannt zu werden, als die Leute hinter ihr ins Freie stürzten. Sie starrte dorthin, wo die Männer sich um das Gewirr der Stahlträger drängten. Der Kran hatte seine tonnenschwere Last verloren.

Und sie war direkt auf ihrem Imbisswagen gelandet.

2. KAPITEL

Ungläubig, mit offenem Mund und zu entsetzt, um ein Wort herauszubekommen, stand Madison da und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Stahlträger, die gerade ihren Imbisswagen unter sich begraben hatten. Außer einem vollkommen zertrümmerten Teil des Führerhauses und den glitzernden Scherben, die eben noch Fenster und Scheinwerfer gewesen waren, war davon nichts zu sehen.

„Mein Wagen!“, schrie sie und rannte los. Ihr erster Gedanke war, dass sie ihre Snacks retten musste. Der zweite, dass sie Benzin roch.

Der Tank, dachte sie wie benommen, als sie sich zwischen den Männern hindurchdrängte.

„He, Lady! Bleiben Sie zurück!“

„Haltet sie auf!“

Sie hatte keine Ahnung, wer sie angeschrien hatte. „Das ist mein Wagen!“, wiederholte sie, als sich etwas Hartes um ihren Arm legte.

Der eiserne Griff hielt sie fest.

Sie wirbelte herum und sah, dass es Cord war.

„Was soll das?“, schrie sie und versuchte, sich zu befreien.

„Ich rette Ihren Hals! Der Haken ist noch dort oben, und die Träger liegen nicht fest. Wenn einer Sie trifft, bricht er Ihnen jeden zweiten Knochen.“

Noch während er sprach, rutschte ein Träger von der Spitze des Stapels und prallte auf der Erde auf. Die Männer sprangen zurück. „Zigarette aus!“, schrie jemand einen anderen an. Über ihnen pendelte der riesige schwarze Haken.

Madisons Blick kehrte zu dem zurück, was von ihrem Wagen übrig geblieben war. Und zu der dunklen Pfütze, die sich darunter bildete. Sie fröstelte, als ihr klar wurde, dass ein einziger Funke das Ganze in einen großen Scheiterhaufen verwandeln konnte.

„Sie können von Glück sagen, dass Sie uns den Kaffee gebracht haben“, murmelte Cord über ihr. „Wenn Sie im Wagen gesessen hätten, wären Sie jetzt Geschichte.“

Fassungslos starrte sie ihn an.

„Sie glauben, es hat mich gerettet, dass ich Ihnen Frühstück gebracht habe?“ Adrenalin durchströmte sie, als ihre Blicke sich trafen. „Soll das ein Witz sein? Wenn ich die Bestellung nicht ausgeliefert hätte, wäre ich jetzt auf halbem Weg zu meinem nächsten Standplatz. Der ist im Hafen, meilenweit von dem … dem … Ding entfernt.“ Sie zeigte auf den Kran.

„He“, sagte er. „Beruhigen Sie sich.“

„Wie denn?“, entgegnete sie empört. „Mein Wagen ist auf die Größe eines Kanaldeckels geschrumpft, und das Essen, für das ich um drei Uhr aufgestanden bin, ist nur noch Brei. Ich lebe von dem Wagen, Kendrick, und meine Kunden verlassen sich darauf, dass ich pünktlich bin.“

Ihr ausgestreckter Arm erinnerte sie daran, dass er den anderen noch umklammert hielt. Mit einem Ruck befreite sie sich. Aber vielleicht ließ er sie auch los. Die Vorstellung, dass er in irgendeiner Form Macht über sie hatte, gefiel ihr nicht. Sie fuhr wieder herum. Glaubte er allen Ernstes, er habe ihr geholfen?

„Ich hätte nicht auf Sie hören dürfen“, sagte sie mit vor Zorn bebender Stimme. „Ich hätte mich an meinen Fahrplan halten und nicht auf Sie hören sollen. Sie haben mir gesagt, dass ich dort parken soll. Genau dort.“ Sie zeigte auf die Stahlträger. „Also wagen Sie nicht, so zu tun, als hätten Sie mir einen Gefallen getan.“

Sie war wütend. Sie war fassungslos. Sie gab ihm und nur ihm die Schuld an dem, was passiert war.

Außerdem sah sie aus, als würde sie ihm gleich an die Kehle gehen. Cord ignorierte den gerade einsetzenden, vom Schlafmangel kommenden Kopfschmerz und streckte eine Hand nach ihr aus.

Sie wich zurück.

„Sie bekommen einen anderen Wagen“, versicherte er. „Ich kaufe Ihnen einen, dann können Sie Ihr Geschäft wieder aufmachen.“

Ihre Augen blitzten. „Ich muss jetzt im Geschäft sein“, sagte sie und zeigte auf das Wrack ihres Wagens. „Dass Sie mit Ihrem Geld um sich werfen, hilft mir nicht. Einen solchen Wagen kann man nicht wie ein normales Auto ersetzen. So etwas muss bestellt werden.“

„Dann bestelle ich einen.“

„Es hat drei Monate gedauert, bis ich den dort hatte! Was soll ich bis dahin tun?“

Cord öffnete den Mund. Aber um nichts Falsches zu sagen und kein Öl ins Feuer zu gießen, schloss er ihn wieder. Also schob er die Hände in die Taschen und sah ihr nach, als sie davonging. Selbst in dieser Situation bewegte sie sich mit einer Anmut, vom schlanken Rücken über die schmale Taille bis zu den endlos langen Beinen. Baumwolle und Denim standen ihr besser als Kaschmir und Seide den meisten Frauen. Ganz sicher besser als denen, die er im Laufe der Jahre getroffen hatte. Einschließlich der Models.

Mit ihren strahlenden Augen und dem unglaublichen Mund war Madison O’Malley die reine Versuchung. Oder sie wäre es, wenn sie ihn nicht für den Zustand ihres Imbisswagens verantwortlich machen würde.

Er ahnte, dass ihm das hier keine positiven Schlagzeilen bescheren würde. Hastig folgte er ihr, vorbei an zwei Ingenieuren, die laut überlegten, wie sie die sich auftürmenden Träger entfernen sollten. Er wollte Kaffee. Er wollte Essen. Er wollte die Besprechung hinter sich bringen, sich auf die Segelregatta in Annapolis vorbereiten und die Frau vergessen, die gerade mit dem Bauleiter diskutierte.

Doch was er wollte, war unmöglich.

Madison diskutierte nicht.

Sie bettelte förmlich.

„Lassen Sie mich nachsehen, ob ich die Tür zum Kühlraum öffnen kann. Bitte“, flehte sie den Mann an, der ihr den Weg verstellte. „Ich will doch nur meine Vorräte retten.“

„Ich sage Ihnen doch, es ist zu gefährlich, Ma’am.“ Er winkte dem Fahrer eines Gabelstaplers zu und war offenkundig mehr mit seinen Problemen als mit ihren beschäftigt. Auf diesem Teil der gewaltigen Baustelle war die Arbeit zum Erliegen gekommen. „Sie haben den Träger gesehen, der gerade nach unten gerutscht ist. Der da könnte der nächste sein.“ Er zeigte auf einen, der sich in Augenhöhe befand. „Lassen Sie uns das hier wegräumen, dann können Sie tun, was Sie tun müssen. Ohne Schutzhelm haben Sie hier sowieso nichts verloren.“

Er sah an ihr vorbei. „Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht hier sein darf, Mr. Kendrick“, rief er. „Aber sie hört nicht auf mich.“

„Ist schon gut“, rief Cord zurück und kam auf sie zu, als würde ihm alles gehören – was es vermutlich auch tat. „Ich kümmere mich darum.“

Erleichtert zog sich der Bauleiter zurück. Madison fand sich damit ab, dass man sie vorläufig nicht zu ihrem Wagen lassen würde, und konzentrierte sich auf das nächste Problem. Sie brauchte eine Transportmöglichkeit, um ihre Route abzufahren und den Kunden zu sagen, dass …

Was? Sie wandte sich ab, als Cord näher kam. Dass sie ihnen heute nichts zu essen bringen konnte? Auch morgen, in der nächsten Woche, den ganzen Monat hindurch nicht?

Nur einmal hatte sie eine Verpflichtung nicht eingehalten. Das war Jahre her, aber sie lebte noch immer mit den Folgen. Seitdem hatte sie sich nicht das geringste Versäumnis erlaubt.

Sie brauchte ein Fahrzeug. Etwas Großes. Sie fragte sich gerade, von wem sie es sich leihen konnte, da wurde ihr klar, dass ihre Gedanken sich im Kreis drehten. Entmutigt ließ sich auf einen Stapel Zementblöcke sinken, stützte die Ellbogen auf die Knie und nahm das Gesicht zwischen die Hände.

Sie konnte nicht im Hafen anrufen. Es gab niemanden, den sie informieren konnte. Ihr Standplatz lag irgendwo zwischen Pier 23 und 24. Sobald sie ankam, sammelten sich die Arbeiter um den Wagen. Natürlich gab es noch andere Imbisswagen. Aber jeder hatte seinen eigenen Standort und eigene Stammkunden. Ihre warteten bereits auf sie.

Eine große Hand legte sich auf ihre Schulter.

„He“, murmelte Cord. „Sind Sie okay?“

Er fühlte, wie sie erstarrte, und wusste, dass sie nicht okay war. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht weinen würde. Wenn eine Frau das tat, wusste er nie, wie er reagieren sollte. Er nahm die Hand von ihrer Schulter. Er könnte ihr sagen, dass sie für den Zustand ihres Wagens ebenso verantwortlich war wie er. Schließlich hatte sie den Auftrag, die Bestellung auszuliefern, angenommen. Und sie hatte den Wagen selbst geparkt.

Er könnte hinzufügen, dass der wahre Schuldige der Kran oder sein Führer war, und beide gehörten zu Callaway Construction. Aber er bezweifelte, dass sie im Moment logisch denken würde. Ihm selbst ging es vor allem darum, nicht in die Schlagzeilen zu kommen. Und er musste verhindern, dass noch eine Frau ihn verklagte. Sein Vater würde ihn enterben.

„Hier.“ Er ging vor ihr in die Hocke und sah erleichtert, wie sie den Kopf hob. Ihre goldbraunen Augen waren klar. Keine Träne in Sicht. Doch als er seinen Schutzhelm abnahm und sich mit den Fingern durchs Haar fuhr, fand er, dass sie schrecklich blass aussah. Kein Wunder. Ihr Wagen war Schrott. „Sie müssen den hier tragen.“

Vorsichtig setzte er ihr den Helm auf. „Sonst lässt Matt Sie nicht hierbleiben.“

„Und Sie?“

Er zuckte mit den Schultern. Regeln zu befolgen war nie seine Stärke gewesen.

„Hören Sie.“ Er verschränkte die Hände zwischen den gespreizten Knien. „Wir finden eine Lösung. Ich sorge dafür, dass alles wieder in Ordnung kommt. Okay?“

Sie sagte nichts, sondern starrte ihn nur an, als würde er eine Sprache sprechen, die sie nicht verstand. Sie schien nicht der Typ von Frau zu sein, der sich auf das Wort eines Mannes verließ. Jedenfalls nicht auf seins.

„Was für einen Wagen haben Sie?“, fragte sie.

„Wagen?“

„Was fahren Sie?“

Er zeigte hinüber. „Den Lamborghini dort drüben.“

Madison warf einen Blick auf den schnittigen Sportwagen. So flach, wie er war, sah er aus, als wäre auch auf ihm etwas Schweres gelandet. „Natürlich“, murmelte sie.

Dann holte sie tief Luft und schüttelte den Kopf. „Ich brauche etwas Größeres.“ Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Helm. „Meine Vorräte für die Mittagsrunde sind im Pub. Wenn ich einen Lieferwagen und ein paar Kühlboxen bekomme, kann ich meine Kunden versorgen und ihnen sagen, dass ich morgen nicht komme.“

„Einen Lieferwagen“, wiederholte er.

„Ihre Versicherung müsste die Kosten übernehmen. Meine kann ich nicht in Anspruch nehmen.“ Sie hatte schon zwei kleine Blechschäden gehabt. „Meine Prämien sind auch so schon hoch genug.“

„Ihre Versicherung wird keinen Cent bezahlen müssen“, sagte er. Er musste die Versicherungen aus dieser Geschichte heraushalten. Ihre, die von Callaway Construction und vor allem die von Kendrick Investments. Denn wenn in der Schadensanzeige auftauchte, dass er ihr gesagt hatte, wo sie den Wagen parken sollte, würde es nach draußen durchsickern, und die Presse würde sich mal wieder auf ihn stürzen.

Er sah die Schlagzeilen schon vor sich.

Playboy-Prinz zerstört Existenz einer jungen Geschäftsfrau.

Es gab Zeiten, in denen man dem Schicksal ausgeliefert war. Er hatte nur frühstücken wollen.

„Sagen Sie mir einfach, was Sie brauchen, und ich besorge es. Wie viele Kühlboxen?“

„Genug für zweihundert Sandwichs, hundert Getränkedosen und zweihundert Kartons mit Milch und Saft.“

„Wann brauchen Sie sie?“

Vor zehn Minuten, dachte sie. „In anderthalb Stunden.“

Sie war sicher, dass der Mann vor ihr jetzt sagen würde, dass das unmöglich war. Dass allein der Papierkram so lange dauern würde.

Er erhob sich und reichte ihr die Hand. Als sie sich nicht bewegte, ergriff er ihre und zog sie hoch. Als sie stand, ließ er sie sofort los. „In anderthalb Stunden“, wiederholte er und nickte. „Wohin soll der Wagen gebracht werden?“

Sie konnte nicht glauben, dass er ihr half. Und dass er ein solches Wunder zustande bringen würde. „Mike’s Pub an der Ecke Lexington und Hancock in Bayridge“, antwortete sie und fragte sich, ob Mike Shannahan ihr seinen Pick-up leihen würde. Mike liebte seinen Wagen. Er polierte und pflegte ihn, als hätte er eine Seele. Vielleicht würde er ihn ihr geben, wenn sie versprach, einen Monat lang für ihn das Abendessen zu kochen. „Das ist etwa fünf Meilen von hier“, fügte sie nur für den unwahrscheinlichen Fall hinzu, dass es wirklich Wunder gab.

Cord hielt ihr einen Zwanzig-Dollar-Schein hin. „Suzanne kann Ihnen vom Büro aus ein Taxi rufen“, sagte er, während sie auf das Geld starrte.

„Was ist mit meinem Wagen?“

„Überlassen Sie den mir. Kümmern Sie sich um den Lieferwagen. He, Matt“, rief er, und als er davonging, schaute sie auf den Abdruck, den der Helm an seinem Hinterkopf hinterlassen hatte.

Es dauerte fast eine Stunde, bis das Taxi kam. Madison ging vor dem Baustellenbüro auf und ab und versuchte, Mike über ihr Handy zu erreichen. Mike war in der Schule vier Klassen über ihr gewesen, und eigentlich hatte sie seine Schwestern besser gekannt, aber er war für sie immer wie ein großer Bruder gewesen. Seit sie über dem Pub wohnte, war er auch ihr Vermieter.

Sie erreichte ihn nicht. Der Pub öffnete erst mittags, und zu Hause nahm er nicht ab.

Madison fragte sich gerade, woher sie Kühlboxen bekommen sollte, als das Taxi vor Mike’s Pub hielt. Er lag an einer schmalen Straße im ältesten Teil von Bayridge. Hier gab es kein Haus oder Geschäft, das nicht schon immer dort gewesen war. Neben dem Pub befand sich Corolli’s Deli, daneben der Frisiersalon, der für die Haltbarkeit seiner Dauerwellen bekannt war. Auf der anderen Straßenseite verkauften die Reilly-Brüder Obst und Gemüse. Zwischen ihnen und dem Buchladen lagen die Apotheke und die italienische Bäckerei, die die Balduccis seit drei Generationen betrieben.

Um sie alle herum war das Viertel von Alleen, schmucken Häusern, rissigen Bürgersteigen und Fahrrädern auf gepflegtem Rasen geprägt. Aber das Einzige, was Madison beim Aussteigen sah, war der weiße Lieferwagen, der in der Nähe des Briefkastens stand.

Ein junger Mann in blauem Overall kam ihr entgegen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sie Madison O’Malley war, übergab er ihr die Schlüssel, erzählte ihr, dass im Laderaum Kühlboxen standen, und stieg in einen Geländewagen, der ihn offenbar zum Autoverleiher zurückbringen sollte.

Madison starrte auf die Schlüssel in ihrer Hand. Cord hatte seine Zusage eingehalten. Und das so schnell, dass ihr noch Zeit blieb.

Einige Stunden später hatte Madison sogar noch mehr Zeit.

Gewöhnlich war sie um zwölf Uhr vierzig mit der Mittagsrunde fertig und kehrte gegen sechzehn Uhr in den Pub zurück. Heute jedoch war sie schon eine Stunde früher dort, weil sie keinen Imbisswagen mehr hatte, den sie betanken und sauber machen musste. Keine Reste, die sie im Seniorenheim vorbeibringen konnte. Und keine Ahnung, wie sie ihr kleines Geschäft retten sollte.

Als sie hinter dem silberfarbenen Lamborghini hielt, fragte sie sich, was das Schicksal sich dabei gedacht hatte, als es ihr ausgerechnet Cord Kendrick über den Weg laufen ließ.

Drei kleine Jungs standen um den Sportwagen herum. Nur einer von ihnen schaffte es, sich eine Sekunde lang von all den Pferdestärken loszureißen, als sie an ihnen vorbeiging.

„Ist der nicht cool, Madison? Der fährt bestimmt Hunderte Meilen in der Stunde!“, rief Sean Bower, den Blick schon wieder auf den breiten Reifen.

„Richtig cool, Sean“, erwiderte sie und musste lächeln. In Ridge fiel ein Wagen auf, der mehr kostete als die meisten Häuser. Sie persönlich fand noch immer, dass er irgendwie platt gedrückt aussah.

Sie sah zu den zehnjährigen Balducci-Zwillingen hinüber. „Ihr lasst die Hände von dem Wagen. Okay?“

Hätte Cord seinen Wagen ein paar Meilen südlich geparkt, hätte er sich um die Radkappen Sorgen machen müssen. Aber in diesem Viertel wusste jeder, wer man war, wo man wohnte, wer deine Eltern und wer dein Lehrer war. Da musste ein Kind oder Jugendlicher schon sehr einfallsreich sein, um ungestraft etwas Verbotenes zu tun.

Als sie den Pub betrat, übertönte die Stimme eines Sportmoderators die der Jungs. Abgesehen von dem Fernseher über der Bar, der Neonreklame und einem neuen Spiegel hinter dem Tresen hatte Mike’s Pub sich vermutlich kaum verändert, seit Michael Patrick Shannahan ihn vor hundert Jahren aufgemacht hatte. Vier Generationen und vier Michael Patricks später hingen noch immer Spitzengardinen an den Fenstern. Nischen aus dunklem Holz säumten die Wände, ein Dutzend alter Barhocker den langen Tresen mit der Messingstange, an dem die Gäste nicht nur ihr frisch gezapftes Bier, sondern auch das Verständnis des Barmanns für ihre Probleme bekamen.

Madisons Augen hatten sich noch nicht an das Halbdunkel gewöhnt, als die Männer an der Bar sich zu ihr umdrehten. Wenn sie sonst zurückkehrte, wimmelte es im Pub von Hafenarbeitern, die Frühschicht gehabt hatten und sich auf dem Heimweg ein kühles Bier gönnten. Da sie heute früher kam, waren nur Ernie Jackson und Tom Farrell da.

„Hi, Madison.“ Ernie schenkte ihr ein zahnloses Lächeln. „Bist früh dran.“

„Wie geht’s, Ernie?“, erwiderte sie automatisch.

„Kann nicht klagen“, sagte er und wandte sich wieder seinem Glas zu, vor dem er vermutlich seit dem Mittag saß.

Tom, der vor Kurzem in Rente gegangen war, prostete ihr mit seinem Kaffeebecher zu. Wahrscheinlich war er vor seiner Frau hierhergeflüchtet. Von Grandma Nona wusste Madison, dass Mrs. Farrell, mit der er seit dreiundvierzig Jahren verheiratet war, ihn am Abend seines letzten Arbeitstages mit einer meilenlangen Liste von Aufgaben begrüßt hatte.

Mike stand hinter dem Tresen und zeigte mit einer Kopfbewegung auf eine Nische in der Nähe des Eingangs. Mit rotbraunem Haar, grünen Augen und seinem ansteckenden Lächeln war Michael Patrick V durch und durch irisch. Heute jedoch lächelte er nicht, und in seinem breiten Gesicht spiegelte sich nichts als Neugier.

„Da wartet jemand auf dich“, sagte er.

„Danke“, murmelte sie und warf einen Blick über die Schulter.

Hätte sie Cords Wagen nicht gesehen, wäre sie über die Außentreppe in ihre Wohnung gegangen, um allein mit der Zukunftsangst fertig zu werden. Aber so straffte sie die Schultern und ging zu dem Mann, der sich von seiner Bank erhob.

Unter anderen Umständen hätten seine guten Manieren ihr vielleicht imponiert. Im Moment war sie zu aufgebracht, um es zu registrieren. Cord Kendrick wirkte in dieser Arbeiterkneipe so deplatziert wie sein Wagen auf der Straße davor. Sie wünschte, sie wäre ihm nie begegnet. Ihr ganzes Leben drehte sich um ihr Geschäft. Sechzehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Bei der Vorstellung, es aufgeben zu müssen, wurde ihr fast übel.

Sie hielt ihm die Schlüssel des Lieferwagens hin. „Danke.“

„Hat es mit dem Lieferwagen geklappt?“, fragte er, anstatt sie zu nehmen.

„Ich habe meine Runde geschafft.“

„Dann behalten Sie ihn, bis der neue Imbisswagen geliefert wird. Darüber wollte ich mit Ihnen reden“, sagte er und lud sie mit einer Handbewegung ein, sich zu ihm zu setzen. „Ich habe keine Ahnung, was für einen Sie wollen, also sollten Sie ihn selbst ordern.“

Madison spürte die Blicke der Männer an der Bar und ließ sich auf den grünen Kunststoffbezug sinken. Als Cord ihr gegenüber Platz nahm, stießen seine Knie gegen ihre.

„Entschuldigung“, murmelte er mit einem verlegenen Lächeln, das die Herzen der meisten Frauen zum Schmelzen gebracht hätte.

Sie erwiderte es nicht, sondern beobachtete, wie er sein Bierglas zur Seite schob. Er hatte noch nicht daraus getrunken.

„Was soll ich tun?“

„Sagen Sie mir, wo Sie den Wagen bestellen wollen.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Ich werde dem Händler schreiben. Außerdem muss ich Ihnen die verlorenen Vorräte und die entgangenen Einnahmen ersetzen. Ihr Wagen steht auf einem Schrottplatz ein paar Meilen von hier. Ich habe dem Betreiber gesagt, dass er nichts damit machen soll, bevor Sie mit ihm gesprochen haben. Ich weiß nicht, ob Sie noch etwas daraus bergen wollen. Ich habe nur das hier herausholen können.“

Er nahm ihre Sonnenbrille aus der Innentasche seiner wunderschön geschnittenen Lederjacke. Zusammen mit seinem Scheckbuch. Und der Kugelschreiber sah verdächtig nach echtem Gold aus.

„Danke.“ Sie nahm die Brille. Dass sie noch heil war, erstaunte sie. Genau wie der Mann vor ihr. Noch vor ein paar Stunden hätte sie gewettet, dass er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, im Stich lassen würde. Jetzt musste sie zugeben, dass er alles tat, um ihr zu helfen.

„Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen“, sagte sie so ruhig wie möglich. „Aber ich werde mehr als die heutigen Einnahmen einbüßen. Für Geschäfte wie meins gibt es behördliche Auflagen. Mit dem Lieferwagen verstoße ich dagegen, und ich darf nicht riskieren, meine Lizenz für die Zubereitung und den Verkauf von frischen Lebensmitteln zu verlieren. Ich werde nur Backwaren, Obst und Getränke anbieten können. Ich kann nicht mal Kaffee verkaufen, weil ich nicht genug Thermoskannen habe und sie unterwegs auch gar nicht füllen könnte. Das ist ein Drittel meines Umsatzes.“

„Kaffee?“

„Backwaren und kalte Getränke.“

Er zuckte mit den Schultern. „Dann zahle ich Ihnen die anderen zwei Drittel, bis Sie wieder einen richtigen Wagen haben.“

Offenbar sah er nicht das geringste Problem. Außerdem schien er zu glauben, dass er nur sein Scheckbuch zücken musste und schon war ihre kleine Krise vorüber.

Sie fragte sich, ob das Leben für ihn immer so einfach war. Vermutlich. „Es geht nicht nur um Geld. Geld können meine Kunden nicht essen. Und es gibt mir meine Arbeit nicht zurück“, erklärte sie. „Ich stehe um drei Uhr morgens auf, um zu backen und Sandwichs zu machen. Um zwanzig nach acht belade ich den Wagen und fahre zum ersten Standort. Nach der Frühstückstour komme ich zurück, um Nachschub zu holen, und beginne die Mittagsrunde. Die ist gegen zwanzig vor eins zu Ende. Dann tanke ich, bringe die Reste ins Seniorenheim, fahre am Markt vorbei und komme wieder her, damit ich den Wagen sauber machen, die Spender auffüllen und die Backzutaten für den nächsten Morgen zusammenstellen kann.“

Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, wie anders der morgige Tag verlaufen würde. „Jetzt brauche ich nicht so viele Kekse zu backen und überhaupt keine Sandwichs zu machen. Die Mittagstour fällt aus, und ich brauche mich nicht um den Wagen zu kümmern, also werde ich viel weniger zu tun haben, wenn ich am Nachmittag nach Hause komme.“

Betrübt schüttelte sie den Kopf. „Wenn ich nicht so scharf auf die fünfzig Dollar für das dämliche Rechaud gewesen wäre, wäre jetzt alles wie immer.“

Cord beobachtete, wie die hübsche schwarzhaarige Frau auf der anderen Seite des Tischs sich die Stirn rieb. Ihre kurzen, gepflegten Nägel waren nicht lackiert, die schmalen Finger ohne Ring, das schimmernde Haar nach hinten gebürstet, wo es locker von einem Clip gehalten wurde. Der volle Mund trug weder Lippenstift noch Gloss. Madison O’Malley strahlte eine Frische aus, die er kaum kannte. Man sah ihr an, dass sie ihre freien Stunden nicht wie andere Frauen – einschließlich seiner Mutter und Schwestern – damit verbrachte, sich maniküren, pediküren, frisieren, schminken und massieren zu lassen. Andererseits hatte sie wohl auch nicht die Zeit dazu. Nach dem, was er gerade gehört hatte, gab es für sie Arbeit und herzlich wenig Schlaf.

„Dieses Rechaud“, sagte er und legte den Kopf schräg, um ihr in die Augen zu schauen. „Ist das etwas, das sie für Ihr Geschäft brauchen?“

„Es ist eins von vielen Dingen.“ Sie zog eine Serviette aus dem Halter und sah ihn an. „Ich würde mein Geschäft um einen Partyservice erweitern, aber mir fehlen die Ausrüstung und das Geschirr, das ich für Partys brauche. Wenn ich zwei gute Doppelrechauds hätte, hätte ich letzte Woche Suzie Donatellis Hochzeit ausrichten können. Nicht, dass sie mich gefragt hat“, gab sie zu und klang, als würde sie ein Selbstgespräch führen, während sie mit der Serviette spielte. „Aber das hätte sie, wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich es schaffe.“

Sie lächelte wehmütig. „Deshalb habe ich den Kaffee und die Muffins ins Baubüro gebracht. Die zwanzig Dollar allein wären es nicht wert gewesen, von meinem Fahrplan abzuweichen, aber ein Trinkgeld von fünfzig Dollar war einfach nicht zu verachten. Und mit dem, was Sie mir dann gegeben haben, hätte ich das verdammte Ding fast kaufen können. Aber jetzt hat es mich meinen Wagen gekostet.“

Einen Moment lang sagte Cord nichts.

„Okay“, begann er schließlich. Wenn er diese Frau richtig verstanden hatte, war sie vor allem deshalb so aufgebracht, weil sie nicht mehr so viel zu tun hatte. Sie hatte sogar noch mehr als bisher arbeiten wollen, konnte es jedoch nicht, weil ihr die Mittel dazu fehlten.

„Würde es helfen, wenn ich Ihnen die Ausrüstung und Aufträge besorge?“

Madison öffnete den Mund, blinzelte und schloss ihn wieder.

„Ich kann alles kaufen, was Sie brauchen“, fuhr er fort. Das Geld dafür wäre wenig verglichen mit dem, was es ihn kosten würde, wenn es ihm nicht gelang, sie von den Versicherungen und Anwälten fernzuhalten. „Und ich kenne viele Leute, die Partys geben. Sie können sich darauf konzentrieren, bis der neue Wagen kommt.“

Als sie die Augenbrauen zusammenzog, tat er es auch.

„Was ist?“, fragte er.

„Es ist nicht nur die Ausrüstung, die mir fehlt“, gab sie zu. „Es ist auch die Erfahrung. Ich habe ein paar kleine Partys betreut. Aber noch nichts, wo es mehr als Häppchen gegeben hat.“ Sie wurde noch leiser. „Ich bin gewissermaßen noch in der Planungsphase.“

Cord atmete tief ein. Er hatte gehofft, ein paar Schecks ausschreiben, ihr einen noch besseren Imbisswagen als ihren alten kaufen und die ganze Sache vergessen zu können. Dann war da noch die Unterschrift, mit der sie auf Schadensersatzansprüche gegen Callaway Construction verzichtete, aber Matts Anwälte mussten erst etwas aufsetzen.

„Sie können an mir üben“, sagte er, als ihm nichts Überzeugenderes einfiel. „Ich habe am Wochenende Gäste. Samstagabend. Nichts Förmliches“, versicherte er. „Ich bin kein förmlicher Typ.“ Das überließ er seiner Familie. Er konnte eine Weinkarte lesen und hatte durchaus Sinn für die Feinheiten des Lebens. Er hatte nur keine Lust, einen Smoking zu tragen, während er sie genoss. „Eigentlich wollte ich mir etwas von einem Restaurant liefern lassen, aber wenn Sie wollen, haben Sie den Job.“

Wenn Madison aufgeregt, nervös oder unsicher war, musste sie sich bewegen. Sie stand auf, machte einen Schritt von der Nische weg und drehte sich wieder um.

„Sie wollen mich engagieren?“, fragte sie ungläubig.

„Wenn Sie sich engagieren lassen.“

Madison ging auf und ab. Drei Schritte nach vorn, drei zurück. Cord Kendrick bewegte sich in Kreisen, zu denen sie allein niemals Zutritt bekäme. Sie brauchte nur Ja zu sagen.

Seine Mutter stammte aus einem Königshaus.

Sein älterer Bruder war Gouverneur.

Sein Vater war mit den Carnegies oder Mellons verwandt. Vielleicht auch mit den Vanderbilts. Sie wusste nur, dass er aus altem Geld noch mehr Geld gemacht hatte.

Zugegeben, die Kendrick-Familie hatte mit Cord nicht viel zu tun, aber die Leute, mit denen er sich abgab, waren auch nicht gerade arm. Formel-1-Rennfahrer, Supermodels, Grammy-Gewinner. Eigentümer von Baukonzernen.

„Ich weiß nicht“, murmelte sie. „Eigentlich wollte ich erst mehr an meinen Freunden üben.“ Bei denen wusste sie, was sie wollten. Aber beim Catering kam es auf Empfehlungen an. „Was, wenn Ihr Abendessen eine Katastrophe wird? Meine Karriere wäre zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat.“

Weil sie sich immer wieder abwandte, hatte Cord Mühe, sie zu verstehen. Er stand auf und holte sie zwei leere Nischen weiter ein.

„Sie werden es schaffen“, sagte er.

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich habe Ihre Kochkünste erlebt.“

„Sie hatten ein Muffin“, erinnerte sie ihn, während in einem Werbespot für Motoröl Rennwagen aufheulten. „Das ist nicht gerade Hühnchen auf Florentiner Art.“

„Können Sie Hühnchen auf Florentiner Art zubereiten?“, fragte er, als sie weiterging.

„Ich kann viele Gerichte zubereiten.“ Sie probierte alle möglichen Rezepte an ihrer Familie aus. „Aber einige habe ich noch nie für mehr als vier Personen gemacht.“

„Es werden nur sieben oder acht sein. Und Florentiner Art wäre großartig. Dazu Pasta, einen Salat und etwas zum Dessert, und schon sind Sie mit allem durch.“

Sie machte kehrt. „Was für Pasta?“

Er zuckte mit den Schultern. Eine katastrophale Dinnerparty wäre für ihn nicht das Ende der Welt. Aber wenn sie keine Katastrophe wurde und er ihr ein paar Anschlussaufträge besorgen konnte, hätte er einiges wiedergutgemacht. „Etwas aus Norditalien. Weiße Sauce, keine rote.“

Sie entfernte sich wieder. Er hielt sie am Arm fest. „Würden Sie endlich stehen bleiben?“

„Ich kann besser nachdenken, wenn ich mich bewege.“

„Das mag ja sein, aber Sie machen mich schwindlig.“

„He, Madison. Alles okay dort drüben?“

Sie am Arm zu packen war keine gute Idee gewesen. Cord ließ ihn los. Als er sich umdrehte, sah er, dass der kräftige Barkeeper mit gerunzelter Stirn zu ihnen herüberschaute. Die beiden Männer auf den Hockern sahen auch nicht gerade freundlich aus.

„Alles in Ordnung“, versicherte Madison ihnen.

„Sicher?“

„Absolut.“

Mike warf Cord einen warnenden Blick zu, bevor er sie wieder ansah. „Lass mich einfach nur wissen, wenn du etwas brauchst.“

„Ehrlich, Mike. Es ist alles okay.“ Ein Lächeln, das sie den beiden anderen Männern zuwarf, nahm ihren zarten Zügen etwas von der Anspannung. „Danke, Jungs.“

Cord sah, wie die Gäste sich wieder zum Spiegel drehten, in dem sie Madison und ihn im Auge behalten konnten. Der Typ, den sie Mike genannt hatte, beobachtete sie auch weiterhin. Jedenfalls, bis das Telefon läutete und er sich melden musste.

Die Sorge der drei Männer um sie war ihm fast brüderlich erschienen. Es war, als ob sie zu ihrer … Familie gehörte. Denselben Eindruck hatte er auch bei einigen der Arbeiter gehabt, die sich auf der Baustelle um ihren Wagen gedrängt hatten.

Das war etwas, mit dem Cord wenig Erfahrung hatte. Aber er besaß Freunde. Mehr, als er zählen konnte. Es gab nur nicht viele, denen er wirklich vertraute, und keiner davon war weiblich.

Er hatte schon vor langer Zeit entdeckt, dass Frauen von ihm nur zwei Dinge wollten: Spaß und sein Geld. Gegen Spaß hatte er noch nie etwas gehabt, und solange die Frau sich an seine Regeln hielt und der Presse gegenüber den Mund hielt, teilte er ihn gern mit ihr. Aber diese Frau war anders als jede, der er bisher begegnet war. Auf ihrer Stirn stand Workaholic, und an seinem Geld war sie ganz offenbar nicht interessiert. Jedenfalls nicht an mehr als dem, was ihr neuer Imbisswagen kosten würde.

Die Angst vor neugierigen Reportern ließ ihn zurück zu ihrer Nische eilen. Er nahm den Stift, schrieb einen Scheck aus und notierte seine Adresse auf der Serviette.

„Die Privatnummer und die meines Handys stehen auch drauf“, sagte er, während er ihr den Scheck und die Serviette reichte. „Der Scheck ist für das Essen, das Sie für das Abendessen kaufen müssen. Über Ihre Arbeitszeit können Sie mir später eine Rechnung geben. Ich muss jetzt los, aber es gibt da etwas, um das ich Sie bitten muss“, fuhr er fort und schaute von seiner Uhr auf ihr verwirrtes Gesicht.

Matt wartete auf ihn. Das nächste Projekt von Callaway Construction hing von den Plänen ab, die er lesen und abzeichnen sollte.

Drei weitere Gäste betraten den Pub. Ihre ölverschmierten Overalls ließen erkennen, dass sie von der Arbeit kamen. Sie beachteten Madison und ihn gar nicht. Dazu waren sie viel zu sehr damit beschäftigt, über den Lamborghini zu sprechen und laut zu überlegen, wem er wohl gehörte. Aber Cord war klar, dass ihn bald jemand erkennen würde, und je weniger Leute das taten, desto besser.

Er senkte die Stimme. „Ich möchte, dass Sie jedes Gespräch zwischen uns für sich behalten.“ Er würde sich darauf verlassen, dass sie exakt so war, wie sie wirkte. Eine Frau, die nur ihr Geschäft zurückwollte. Sie hatte nichts gesagt oder getan, das ihn vermuten ließ, dass sie hinter einer schnellen Million her war. Und sie ließ keinen Zweifel daran, dass ihr an einer näheren Beziehung auch nur das Geringste lag.

Das tat sogar ein wenig weh.

Er steckte das Scheckbuch ein, bevor die Neuankömmlinge mehr als sein Profil zu sehen bekamen. „Ich habe ein echtes Talent dafür, schlechte Schlagzeilen anzuziehen. Es wird für uns beide viel einfacher sein, wenn Sie meinen Namen gegenüber niemandem erwähnen. Sagen Sie Ihren Freunden einfach, dass ich mich im Auftrag von Callaway Construction um alles kümmere.“ Er streckte die Hand aus. „Okay?“

Madison blickte von seiner Hand zu den Augen, die sie fast eindringlich anschauten. Trotz seines beiläufigen Tons schien ihre Zustimmung ihm mehr zu bedeuten als alles andere, worüber sie gesprochen hatten.

„Okay“, sagte sie und nahm seine Hand. „Es bleibt alles unter uns.“

Sein Griff wurde fester. „Danke.“

Als er erleichtert lächelte, spürte sie ein ungewohntes Herzklopfen. Unsicher, wie sie es deuten sollte, zog sie ihre Hand langsam aus seiner.

„Sie haben meine Nummer. Rufen Sie mich an. Dann können Sie mir den Namen des Händlers nennen, und wir besprechen, wann Sie am Samstag zu mir kommen. Ich möchte gegen acht essen.“

Er nickte ihr zu, und sie sah ihm nach, als er zur Tür ging und sie aufhielt, damit zwei weitere Gäste den Pub betreten konnten, bevor er ihn verließ. Erst danach ging ihr auf, dass sie sich noch gar nicht bereit erklärt hatte, seine Party zu betreuen.

„He, Madison“, rief Mike, als sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zur Hintertür eilte. „Wer war der Typ? Er kommt mir bekannt vor.“

„Nur jemand, der mir hilft, einen neuen Wagen zu bekommen“, antwortete sie.

Sie nahm die Gürteltasche ab und holte den Wohnungsschlüssel heraus. Sie wollte mit Mike nicht über Einzelheiten reden, aber so konnte sie ihn nicht abspeisen. „Der alte hat auf einer Baustelle einen Totalschaden erlitten.“

Ein Dutzend Gesichter drehten sich zu ihr. „Bist du okay, Mädchen?“, fragte der alte Tom.

„Oh, es geht mir gut“, versicherte sie ihm und öffnete die Tür zur Küche. „Ich war nicht in der Nähe, als es passierte. Jetzt muss ich mir eben einen neuen Wagen bestellen.“

Mike stellte das Glas, das er gerade abgetrocknet hatte, in das Regal hinter ihm. „Was ist mit deiner Tour?“

„Ich habe einen Lieferwagen fürs Frühstück. Ich erzähle dir mehr, wenn ich nach unten komme, um den Teig zu machen.“

Erst musste sie den Lieferwagen ausräumen und ausfegen und sich einfallen lassen, wie sie ihre Kunden auch weiterhin mit Kaffee versorgen konnte. Sie war froh, etwas zu tun zu haben. Es hielt sie davon ab, an Dinge zu denken, an die sie nicht denken wollte. Zum Beispiel an den Mann, der ihr diesen Tag mehr als nur verdorben hatte.

Leider hielt die Ablenkung nicht lange an. Das traurige Schicksal ihres Imbisswagens hatte sich bereits herumgesprochen.

3. KAPITEL

Die Nachricht von Madisons Missgeschick verbreitete sich in Bayridge mit Lichtgeschwindigkeit. Als sie am nächsten Morgen zu ihrer Tour aufbrach, hatten sie bereits ein halbes Dutzend Menschen darauf angesprochen – einschließlich ihrer Mutter, die fand, dass sie Callaway Construction, den Kranführer, den Hersteller des Krans und jeden anderen verklagen sollte, der einem guten Anwalt einfiel. Schließlich hätte sie auch im Wagen sitzen können. Und vor Gericht war seelisches Leid ein Vermögen wert.

Einer der Donatelli-Söhne, der mit dem Abschluss in Jura, bot ihr seine Dienste an. Seine Nachricht war auf dem Anrufbeantworter, als sie am Nachmittag nach Hause kam.

Ein paar Stunden später brach der Strom der Ratschläge jäh ab. Genau wie der Spaß, den jeder dabei hatte, für sie die immer gigantischer werdende Schadensersatzsumme auszugeben. Denn sie erzählte ihrer Großmutter, die es Mavis Reilly erzählte, die es allen anderen erzählte, dass sie niemanden verklagen würde, weil sie dort geparkt hatte, wo sie nicht hätte parken dürfen. Und weil sie ein Warnschild gesehen und es einfach ignoriert hatte.

Sie erzählte nicht, wer ihr gesagt hatte, dass sie dort parken sollte. Abgesehen davon, dass sie Cord versprochen hatte, seinen Namen nicht zu erwähnen, war sie inzwischen ruhig genug, um sich daran zu erinnern, dass sie beim Parken ein ungutes Gefühl gehabt hatte. Da sie es trotzdem getan hatte, war sie mitschuldig. Als allen klar wurde, dass sie nicht nur ein Opfer war und noch dazu einen neuen Wagen bekommen würde, verlor der Klatsch an Dramatik – und sie war nicht länger das Thema des Tages.

Madison war darüber sehr erleichtert, denn sie zog es vor, selbst für ihr Leben verantwortlich zu sein. Mit ihrer Arbeit und ihrer Familie hatte sie sich eine kleine Nische geschaffen, in der sie sich wohlfühlte. Und solange ihre Tage ausgefüllt waren und sie sich um die Menschen kümmern konnte, die ihr wichtig waren, hatte sie keinen Grund zur Klage.

Aber sie hielt es nicht aus, nichts zu tun. Ohne Cords Dinnerparty hätte sie jetzt ein echtes Problem gehabt. Wenn sie sich irgendwo sicher fühlte, dann war es in der Küche. Jedenfalls war das bisher so gewesen. Aber sie wollte Cords Gäste mit ihren Kochkünsten beeindrucken und verbrachte deshalb drei lange Nachmittage damit, Rezepte auszuprobieren. Doch als der Samstag kam, war sie noch immer nicht davon überzeugt, dass sie die perfekten Gerichte ausgewählt hatte.

Der Wunsch, sich auch Cords Respekt zu erwerben, machte sie noch nervöser, als sie zwanzig Minuten zu früh in seiner Einfahrt hielt. Obwohl die Sekretärin von Callaway Construction ihr den Weg genau beschrieben hatte, war sie gleich zweimal an dem modernen Bungalow vorbeigefahren, weil er verborgen zwischen den Bäumen und Büschen am Ufer der Chesapeake Bay lag. Zum Glück hatte sie für die Suche eine halbe Stunde eingeplant.

Vorsichtshalber überprüfte sie, ob der Sicherheitsgurt die weiße Bluse und schwarze Hose nicht zerknittert hatte, bevor sie die Kühlbox mit den Zutaten für die Vorspeisen und den Hauptgang auslud. Sie stellte sie an der Haustür ab und kehrte zum Wagen zurück, um die Kiste mit den Küchengeräten zu holen. Dann folgten die frischen Gewürze, die sie heute Morgen gekauft hatte, und die Desserts, die erst beim dritten Versuch so ausgesehen hatten wie auf dem Foto in Cuisine.

Mit der Tasche auf einem Arm und der Mousse aus Schokolade und Himbeeren auf dem anderen, drückte sie mit dem Ellbogen auf die Klingel und atmete tief ein.

Dreißig Sekunden später stieß sie die Luft wieder aus und läutete erneut.

Nach einer Minute fragte sie sich, ob Cord überhaupt da war.

In den vier Tagen seit dem traurigen Ende ihres Wagens hatte sie nicht mit ihm persönlich gesprochen. Bei ihrem ersten Anruf war er nicht zu Hause gewesen, also hatte sie den Namen des Händlers auf Band gesprochen. Keine zwei Stunden später hörte sie auf ihrem eigenen Anrufbeantworter, dass er außerhalb unterwegs war und Matt Callaways Sekretärin sich für ihn um alles kümmern würde. Am nächsten Morgen rief der Händler an und bat sie, sich aus seinem Angebot einen – bereits bezahlten – Wagen auszusuchen.

Auch als sie Cord zum zweiten Mal anrief, um ihm zu danken und über das Abendessen zu sprechen, erreichte sie nur seinen Anrufbeantworter. Zurück von ihrer Tour, hörte sie ihren ab. Er war mit dem einverstanden, was sie besprochen hatten, und erwartete sie um sechs.

Hinter dem Milchglas in der Tür bewegte sich noch immer nichts. Madison wich zurück.

Sie hatte zwei Schritte gemacht, als die Tür weit aufging und ihr Herz gegen den Brustkorb schlug.

Cord füllte den Türrahmen aus. Er hatte eine Hand auf dem Griff. Mit der anderen hielt er ein schwarzes Handtuch fest, das er sich um die Hüften geschlungen hatte. Ein zweites hing ihm um den Hals.

Sie schluckte und öffnete den Mund, aber anstatt zu sprechen, schnappte sie nur nach Luft. Seine breiten Schultern, die Brust und die Arme waren noch feucht, und an den kräftigen Waden glänzten Tropfen, die er beim hastigen Abtrocknen vergessen hatte.

Als sie merkte, dass sie ihn anstarrte, zuckte ihr Blick zum frisch rasierten Gesicht.

„Sie sind früh“, sagte er, als wäre es ihm vollkommen gleichgültig, dass er fast nackt vor ihr stand. Er schaute auf ihre Last. „Geben Sie mir die.“

Er trat über die Schwelle und nahm sie ihr ab. Als er nach der Tasche auf ihrem Arm griff, streifte sein Handrücken ihre Brust. Die andere Hand berührte ihre Seite, und der saubere Duft von Seife, Shampoo und Zahnpasta stieg ihr in die Nase.

„Hab sie“, sagte er, das Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Dann trat er zurück und zeigte mit dem Kopf auf die offene Tür. „Kommen Sie herein.“

Die Kiste mit ihren Utensilien stand auf der Kühlbox. Um sich ihre Reaktion auf ihn nicht anmerken zu lassen, ignorierte sie das Kribbeln, das seine Berührungen hinterlassen hatten, und packte die Box an den Griffen. Sie folgte ihm in ein großes Foyer, das in ein großes Wohnzimmer überging, durch dessen vom Boden bis zur Decke reichendes Fenster man auf die Bucht schaute.

„Wo sind Sie?“, rief sie.

„Rechts von Ihnen.“

Um die Kiste herum fiel ihr Blick auf riesige abstrakte Gemälde an den hohen Wänden, bequem aussehende Ledermöbel, lackierte Tische und perfekt platzierte Marmorskulpturen. Und hinter allem war der endlose Blick aufs Wasser.

Sie schaute gerade zu einer Segeljacht hinüber, die am Rand der Aussicht festgemacht war, als sie das leise Geräusch nackter Füße auf dem Parkett hörte.

Der Kiste verschwand vor ihren Augen. „Die Küche ist hier“, sagte er und ging voraus.

„Haben Sie den neuen Wagen bestellt?“, fragte er und stellte die Kiste auf einen langen Tresen aus schwarzem Granit. Der eingebaute Kühlschrank war aus Edelstahl, genau wie der darin eingelassene ultramoderne Herd. Dahinter erstreckten sich der Wohnbereich und die Bucht.

„Gestern“, erwiderte sie und überlegte, wo sie die Box abstellen sollte. Sie wagte kaum, etwas zu berühren. Eine solche Küche – und ein solches Haus – hatte sie bisher nur in Zeitschriften gesehen. „Sie haben einen gebrauchten, in den sie eine Kaffeemaschine und Kühlschränke einbauen können. Ich kann ihn in drei oder vier Wochen bekommen.“

Cord lehnte sich gegen den Tresen und beobachtete, wie sie die Box an der Tür der Speisekammer abstellte. Er hatte vergessen, wie hübsch sie war. Oder es lag an dem Make-up, das sie heute trug. Es ließ ihre dunklen Augen verführerisch und den Mund noch einladender als sonst erscheinen. In der weißen Bluse und schwarzen Hose und mit dem hochgesteckten Haar strahlte sie eine natürliche Eleganz aus, die ihm bisher nicht aufgefallen war.

Ebenso wenig wie der Hauch von Unschuld. An der Tür war ihm gewesen, als hätte sein Anblick sie erröten lassen.

Als sie Pfannen und andere Gerätschaften aus der Kiste nahm, fragte er sich, ob die Farbe ihrer Wangen eher etwas mit der Eile zu tun hatte, in der sie offenbar war.

„Bestellen Sie einen neuen“, sagte er.

„Das würde länger dauern.“

„Dann mieten Sie den umgebauten, bis der neue kommt.“

„Die Träger sind nicht auf einem neuen Wagen gelandet“, übertönte sie das dumpfe Klappern einer gusseisernen Pfanne auf Granit. „Der, den ich ausgesucht habe, reicht mir. Es ist das Modell, das ich hatte, und er ist genauso alt.“

Offenbar wollte sie von ihm keinen Cent mehr, als ihr zustand. Sie holte eine strahlend weiße Schürze hervor und drehte sich zu ihm um. „Haben Sie ein Schneidbrett?“, fragte sie, während sie sie sich über den Kopf streifte und um die schmale Taille band.

„Keine Ahnung“, gab er zu und war noch nicht bereit, das Thema zu wechseln. Möglichst bald wieder ihre alten Touren fahren zu können war ihr wichtig. Das wusste er. Aber er kannte keinen anderen Menschen, der ein solches Angebot ausgeschlagen hätte.

Sie hob den Kopf und warf einen Blick in seine Richtung. „Ein Schneidbrett?“, murmelte sie.

„Ich habe keine Ahnung“, wiederholte er und wischte sich einen Wassertropfen vom Hals. „Abgesehen vom Wichtigsten weiß ich nicht, was in dieser Küche ist. Die Innenarchitektin hat alles eingerichtet.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Sie kennen sich in Ihrem eigenen Haus nicht aus?“

„Ich bin selten hier. Ich habe es im letzten Jahr gekauft, damit ich einen Liegeplatz für mein Boot habe, während wir das Shoppingcenter bauen. Meistens lebe ich in Annapolis oder Manhattan.“ Dort war er allerdings auch nicht oft. Die Wohnungen am York River und am Central Park waren ganz praktisch, um sich zwischen den Herausforderungen auszuruhen, zu denen seine Rastlosigkeit ihn immer wieder trieb. Es gab keinen Ort, den er als sein Zuhause bezeichnen würde. Nun ja, vielleicht das Anwesen seiner Familie in Camelot. Aber auch in dem riesigen Haus mit eigenem See, Tennisplätzen und Reitstall hatte er sich nie heimisch gefühlt.

Er schob den beunruhigenden Gedanken beiseite und stieß sich vom Tresen ab.

„Wissen Sie was?“, begann er. „Nehmen Sie einfach, was immer Sie finden. Da das Wetter gut ist, dachte ich mir, wir servieren die Vorspeise auf der unteren und den Hauptgang auf der oberen Terrasse. Die Haushälterin hat die Bar aufgebaut und das Geschirr herausgeholt, bevor sie gegangen ist. Aber vielleicht wollen Sie nachsehen, ob alles da ist. Ich ziehe mich an.“

Madison konnte nur nicken, bevor er das Handtuch vom Hals nahm und sich im Davongehen das Haar abtrocknete. Sie starrte auf die Muskeln an seinem nackten Rücken. Heilfroh, dass das Handtuch an seinen Hüften nicht verrutscht war, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus.

Sie wusste nicht, was sie nervöser machte. Der Versuch, seinen Anblick zu ignorieren, während sie mit ihm sprach. Oder der Verdacht, dass er genau wusste, wie er auf sie wirkte.

Natürlich hatte sie schon Männerkörper gesehen. In Anzeigen für Unterwäsche. Und am Strand. Aber noch nie war sie einem, der nichts als ein Handtuch und ein Lächeln trug, so nahe gewesen. Und schon gar nicht einem, dessen Berührung sie aus der Fassung brachte, obwohl sie nur einen Sekundenbruchteil gedauert hatte.

Mit den Männern, die sie kannte, hatte sie kein Problem. Sie lachte und scherzte mit ihnen. Mehr nicht. Was körperliche Kontakte anging, hatte es für sie bisher nur brüderliche Umarmungen und ein paar weniger denkwürdige Küsse mit Tommy Webster unter der Tribüne des High-School-Sportplatzes gegeben.

Sie war achtundzwanzig Jahre alt, konnte auf mehr Theorie als Praxis zurückblicken und klammerte sich an die Vorstellung, dass sie nur dann mit einem Mann schlafen würde, wenn sie hoffnungslos in ihn verliebt war. Dass ein Mann mit dem Ruf eines streunenden Katers ihr Herz zum Klopfen brachte, war eine Laune des Schicksals, die sie geflissentlich übersehen würde. Sie war hier, um einen Job zu erledigen. Und auf den würde sie sich ab jetzt konzentrieren, denn in etwas über einer Stunde würden seine Gäste eintreffen.

Rastlos drehte sie sich zu den wunderschönen Schränken und Regalen aus Kirschholz um. Noch nie im Leben hatte sie in einer so luxuriösen Küche gestanden, geschweige denn gekocht. Doch als sie sich auf die Suche nach einem Schneidbrett machte, war sie mit den Gedanken nicht bei der Einrichtung, sondern bei dem, was Cord über dieses Haus gesagt hatte.

Es war eins, von dem die meisten Menschen nur träumen konnten, aber er hatte es nur gekauft, um sein Boot irgendwo parken zu können.

Vermutlich meinte er damit die Segeljacht, die hinter der mehrere Ebenen umfassenden Terrasse im Wasser dümpelte. An Bord der langen, einmastigen Slup konnte sie eine Taucherausrüstung erkennen. Auf dem Steg daneben lag ein umgedrehtes Kanu.

Madison wusste, dass ihr Auftraggeber nicht nur segelte und tauchte, sondern auch ein eigenes Flugzeug besaß und schnelle Wagen liebte. Er gewann und verlor kleine Vermögen in Kasinos auf der ganzen Welt. Er setzte sein Leben aufs Spiel, wenn er Berge mit Namen wie McKinley und Everest bestieg.

Er muss das haben, was mir fehlt, dachte sie, während sie das bereitgestellte Geschirr und die Bestecke überprüfte. Nerven wie Drahtseile und Mut zum Abenteuer. Sie selbst war ein Gewohnheitstier. Sie genoss die Routine und brauchte Stabilität wie die Luft zum Atmen.

„Hat sie etwas vergessen?“

Madison wandte sich von der blau gekachelten Fläche neben dem eingebauten Grillkamin ab. Cord stand in der Tür, eine Schulter am Rahmen, die Hände in den Taschen der beigefarbenen Hose. Der blaue Pullover gab seinen Augen die Farbe eines kristallklaren Meeres.

„Sie?“, fragte sie.

„Meine Haushälterin.“

„Nein. Nein“, wiederholte Madison. Silberbestecke waren in burgunderrote Stoffservietten gewickelt und mit Messingringen gesichert. Ein Stapel blauer Teller stand neben kleineren für das Dessert. „Ich werde die Vorspeisen an der Bar arrangieren, bevor die Gäste eintreffen.“ Sie sah auf die Uhr und verzog das Gesicht. „Während sie dort unten die Drinks nehmen, baue ich das Büfett auf.“ Sie ging an ihm vorbei, um den Ofen einzuschalten, damit er für die mit Shrimps gefüllten Pilze bereit war. „Möchten Sie, dass ich danach noch bleibe, um aufzuräumen?“

„Das wird Irene tun“, erwiderte er und folgte ihr.

In der Küche öffnete er die Glastür des Weinschranks.

„Irene?“

„Die Haushälterin. Sie kommt einmal in der Woche und wann immer ich sie brauche.“ Er wählte einen Wein aus und nahm einen Korkenzieher aus einer Schublade. Auf dem Tresen wartete schon ein großer Korb mit hübsch arrangiertem Brot. Daneben war ein großes Stück Roquefort-Käse von gezuckerten Pecan-Nüssen und gelber und orangefarbener Brunnenkresse umgeben.

Angesichts ihrer bisherigen Kundschaft hatte Cord mit etwas gerechnet, das zwar gut schmeckte, aber eher in Richtung Hausmannskost ging. Beeindruckt davon, wie ansprechend alles arrangiert war, schnitt er sich ein Stück des butterweichen, von feinen blauen Adern durchzogenen Käses ab, legte es auf eine Nuss und schob es sich in den Mund.

Es schmeckte so hervorragend, wie es aussah.

„Wie ist es?“, fragte sie.

„Gut. Sehr gut“, lobte er und war überrascht, wie nervös sie klang.

Er drehte sich zu ihr um, aber sie hatte sich schon abgewandt. Wenn er in ihrem Profil etwas erkennen konnte, dann war es Erleichterung.

Er zog den Korken aus der Flasche, goss zwei Gläser ein und reichte ihr eins, als sie vom Ofen zurückkehrte. Sie nahm es und gab ihm dafür eine Knoblauchzwiebel, bevor sie auf dem Weg zur Spüle am Wein schnupperte und anerkennend nickte. „Danke“, murmelte sie und stellte das Glas ab. „Ich werde ihn für die Sauce nehmen. Würden Sie eine Knoblauchzehe vorbereiten, während ich den Rest der Füllung mache? Danach brauche ich eine Julienne von der Jicama.“

Cord sah von der kleinen Zwiebel in seiner Hand dorthin, wo Madison Wasser über ein mit großen Shrimps gefülltes Sieb laufen ließ. „Was brauchen Sie?“

„Eine Julienne von der Jicama“, wiederholte sie, während sie den Hahn zudrehte und das Sieb schüttelte. Sie ging zum Herd, drehte die Gasflamme unter ihrer großen Sautierpfanne auf, tat ein Stück Butter hinein und zeigte mit einer Kopfbewegung auf ein großes, ziemlich gefährlich aussehendes Messer. Es lag auf dem Schneidbrett, das sie nach kurzer Suche gefunden hatte. „Damit können Sie den Knoblauch schälen.“

Er wusste, was Jicama war. Er hatte die Wurzel mit weißem Fleisch schon in Salaten gegessen. Er wusste auch, dass das J darin wie ein H ausgesprochen wurde. Nur das mit der Julienne machte ihn ein wenig ratlos, als er sein Glas abstellte und den Knoblauch aufs Schneidbrett legte.

Er wusste auch nicht genau, was er mit der Zwiebel anfangen sollte.

Noch nie im Leben hatte er etwas zubereitet, bei dem er mehr tun musste, als es zu erhitzen oder auf dem Grill zu wenden. Als Kind war er von der Köchin seiner Familie immer aus der Küche gejagt worden. Als Erwachsener hatte er jedes Interesse an dem verloren, was darin vor sich ging.

„Ich habe mir einen Zeitplan gemacht“, fuhr Madison fort und wischte sich die Hände an der Schürze ab, bevor sie in die Box an der Tür zur Speisekammer griff. Mit Gläsern voller Gewürze und einem Plastikbeutel mit Brotkrumen drehte sie sich wieder um. „Aber jetzt brauche ich etwas mehr Zeit für die Appetizer. Die Füllung für die Pilze schmeckt besser, wenn sie frisch zubereitet wird.“

Da er bisher nicht mehr getan hatte, als den Knoblauch mit gerunzelter Stirn anzustarren, griff sie an ihm vorbei, um die Zwiebel selbst zu schälen.

„Ich bin es gewohnt, alles zu Hause vorzubereiten und einfach nur abzuliefern“, fuhr sie fort, während sie die blitzschnell zerkleinerte Zehe mit dem Messer zur Butter in der Pfanne gab. „Vor Ort zu kochen ist für mich völlig neu. Es wäre schön, wenn Sie mir helfen könnten, damit alles rechtzeitig fertig ist.“

Das Hauptgericht, mit gewürztem Spinat gefüllte Hühnerbrüste, wartete in der Kühlbox darauf, in den vorgeheizten Ofen geschoben zu werden. Die Zutaten für ihre Fettuccine und die Himbeer-Vinaigrette für den Salat aus Jicama, Rauke und Birnen lagen ebenfalls bereit. Sie brauchte sich nur noch um die Vorspeise zu kümmern.

Die Pilze waren schon gesäubert und die Schalotten gewaschen. Sie nahm Letztere und hatte sie Sekunden später gehackt.

Aus Sorge, sie könnte sich schneiden, wenn sie in dem Höllentempo weitermachte, legte Cord seine Hand auf ihre. Er fühlte, wie sie erstarrte.

„Entspannen Sie sich, okay? Sie füttern sieben meiner Freunde. Nicht meine Großmutter. Es wird niemanden stören, wenn nicht alles fertig ist, wenn sie eintreffen.“

Madison wollte ihm sagen, dass es sie selbst stören würde.

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