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Liebe auf den 2.Blick, Band 174

DIANA WHITNEY

HILF MIR, DAS GLÜCK ZU FINDEN

Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht: Die warmherzige Dani, die jedem hilft, der Hilfe braucht, und ihr gefühlskalter Nachbar Colby Sinclair. Als der Unternehmer unvermittelt mit einem hilflosen Säugling dasteht, siegt wieder einmal Danis Herz. Rührend kümmert sie sich um das Baby, und langsam taut auch der kühle Colby auf.

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Diana Whitney

HILF MIR, DAS GLÜCK ZU FINDEN

1. KAPITEL

Colby Sinclair hasste Kinder nicht unbedingt, aber sie nervten ihn schnell. Deshalb wohnte er auch in einem Apartmenthaus, in der es kaum welche gab.

Verständlicherweise war er deshalb wenig begeistert davon, dass ausgerechnet seine bei der Wohlfahrt arbeitende Nachbarin dauernd irgendwelche verlorenen Wesen mit nach Hause schleppte, die ihr über den Weg gestolpert waren. Für seinen Geschmack spielten die Kinder zu laut und rannten zu schnell, so dass der ganze Fußboden vibrierte. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, sich am Computer auf die Handelsbilanz seiner Firma zu konzentrieren.

Unruhig klopfte er mit dem goldenen Kugelschreiber auf die Schreibtischkante. Eine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft war das Letzte, was er wollte. Nörgelnde Anteilseigner und Vorstandsvorsitzende, die sich in alles einmischten, entsprachen nicht gerade seiner Vorstellung. Aber die Zahlen waren derzeit nicht ermutigend.

Der Schrei eines Kindes, gefolgt von einem mächtigen Rums gegen die Nachbarwand, störte erneut seine Konzentration. Entsetzt bemerkte er, dass das Computerkabel durch die Erschütterung aus der Steckdose gerutscht war – wodurch ihm die Arbeit mehrerer Stunden verlorengegangen war!

Fassungslos schaute er auf den leeren Bildschirm. Daran war sie schuld! Diese krankhafte Wohltäterin, die ihre Wohnung in eine Absteige für Obdachlose und Asoziale verwandelt hatte!

Wütend ging Colby durch seine elfenbeinfarben ausgelegten, mit Chrom und Glas eingerichteten Zimmer und riss schließlich die Wohnungstür auf.

Da war sie auch schon. Sie kam mit einer Einkaufstüte den Hausflur herunter und fummelte an einem dicken Schlüsselbund herum.

Colby verschränkte die Arme und versperrte ihr den Weg.

Die junge Frau blieb abrupt stehen. Als ein ohrenbetäubendes Kreischen hinter ihrer Wohnungstür erschall, weiteten sich ihre Augen vor Schreck, aber sie lächelte Colby zu. „Hallo! Schöner Nachmittag, nicht?“ Sie zuckte zusammen, als aus ihrer Wohnung ein dumpfer Laut ertönte. „Aber es soll heute noch regnen.“

„Das Wetter interessiert mich wenig, Ms. McCullough …“

„Nennen Sie mich Dani, das tut hier jeder.“

„Was zum Teufel ist …“ Colby wies auf die Wand. „… das da.“

Ihr Lächeln gefror ein wenig. Sie nickte, wobei ihre dichten blonden Locken heftig mitschwangen. „Oh, hört sich an, als seien meine, äh, Gäste ein wenig unruhig. Tut mir leid, wenn Sie gestört wurden.“ Sie räusperte sich. „Schon wieder.“

„Dieser Wohnkomplex ist für Singles konzipiert!“, erinnerte er sie.

Danielle biss sich auf die Lippen und warf ihm einen bittenden Blick zu. Als er nicht weitersprach und nun das wütende Gebrüll eines Babys zu hören war, seufzte sie. „Ich weiß, Sie mögen keine Kinder, Mr. Sinclair, aber es ist ja nur vorübergehend. Morgen sind sie wieder weg.“

„Ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Kinder“, behauptete Colby. Seine junge Nachbarin hatte immer diesen sanften, verständnisvollen Blick … Irgendwie hatte er immer das Gefühl, ihr nicht so ganz gewachsen zu sein, und das fuchste ihn. Schließlich hatte er das Gesetz auf seiner Seite. Er konnte immerhin erwarten, dass seine Nachbarin sich an ihren Mietvertrag hielt!

Wenn sie nur aufhören würde, ihn mit diesen seelenvollen Augen anzuschauen!

Colbys Blick fiel auf ihre Schnürstiefel, die ein Stückchen nackten Beins unter einem bestickten Rüschenrock frei ließen, dazu trug sie ein enges, schwarzes Oberteil. Seltsames Outfit. Er wollte sich davon nicht ablenken lassen, sondern seinem Unmut Luft machen. Aber Ms. McCullough lächelte so freundlich, dass er seine ärgerlichen Worte nicht herausbringen konnte.

„Ich verstehe Ihre Verärgerung“, sagte sie sanft, und ihm fiel auf, wie sinnlich ihre Stimme klang. Heiser und gleichzeitig melodisch. Zum Glück erinnerte ihn das Trampeln kleiner Füße hinter der Wand an sein Anliegen.

„Wie ich schon sagte, ich habe prinzipiell nichts gegen Kinder, aber nur solange sie nicht meine Ruhe stören. Die Wahl Ihrer Freunde geht mich nichts an, Ms. McCullough …“

„Dani.“

„Es sei denn, sie beeinträchtigen meine Lebensqualität. Dieses Chaos …“ Er zuckte zusammen, als das Baby wieder schrie. „… dulde ich nicht.“

„Es tut mir so leid, ich werde mit ihnen reden.“ Ihre goldbraunen Augen verströmten Verständnis.

Kein Zweifel, diese Danielle McCullough war äußerst attraktiv. Deshalb hatte Colby bislang wohl auch nie gemeldet, dass sie mit ihren seltsamen „Gästen“, dauernd gegen die Hausordnung verstieß. Diese Schwäche seinerseits war ihm durchaus bewusst.

Die oberste Geschäftsregel besagte, sich nie etwas anmerken zu lassen, was die Konkurrenz zu ihren Gunsten ausnutzen könnte. Also sagte er kühl: „Ich erwarte, dass Sie das Problem lösen.“

Danis Lächeln war ein bisschen gequält. Das Letzte, was sie brauchen konnte, waren Probleme mit Mr. Riesig-Düster-Schlechtgelaunt. In dem einen Jahr, das sie schon nebeneinanderwohnten, hatte sie ihn noch nie freundlich erlebt. Sie seufzte. „Ja, gleich morgen früh, ich verspreche es.“

Sein Blick war so kalt, dass Dani fürchtete, morgen sei nicht früh genug. Aber dann nickte er kurz, drehte sich um und verschwand.

Dani atmete tief aus. Ihr finsterer Nachbar war arrogant und offenbar völlig herzlos. Deshalb hatte sie noch nie mit ihm gesprochen, weil sie fürchtete, er könnte sich über sie beschweren. Bisher war das vermutlich nur deshalb ausgeblieben, weil er den Kontakt mit Leuten mied.

Was würde ihr Nachbar wohl tun, wenn sie ihr Versprechen nicht hielt? Sie hatte schon den ganzen Tag versucht, die Risvolds woanders unterzubringen, bislang aber vergeblich.

Dani schloss auf … und prompt flog ihr ein Kissen ins Gesicht.

„Hey, Julian, nein!“, rief Marta Risvold und packte den Vierjährigen mit der freien Hand. „Es tut mir so leid, Dani, meine Kleinen sind völlig aufgedreht. Es ist schon lange her, dass sie es warm hatten.“

„Ich verstehe“, murmelte Dani. Ihre Wohnung sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Überall lagen Zeitungen herum, eine Pflanze war umgefallen, die Erde auf dem Teppich verstreut, und Whiskers, ihre Katze, saß hoch oben auf einem Bord und betrachtete vorwurfsvoll das Durcheinander.

Es ist nicht das erste Mal, dass das arme Tier sich da oben hingeflüchtet hatte, dachte Dani. Whiskers schätzte die Gewohnheit ihrer Herrin, Gestrandete bei sich aufzunehmen, offenbar genauso wenig wie ihr missmutiger Nachbar.

„Tut mir leid, Whiskers“, flüsterte sie. Trotz aller Probleme hatte sie es bislang nicht geschafft, sich von Menschen abzuwenden, denen es im Moment schlecht ging. Dafür nahm sie die gelegentlichen Nachteile gern in Kauf.

In ihrer Kindheit hatten sie und ihre fünf Geschwister Armut erlebt, aber auch viel Liebe. Obgleich der Vater behindert war und die Mutter die Familie mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser hielt, hatten die McCulloughs trotz aller Entbehrungen immer zusammengehalten. Die Hilfsbereitschaft anderer hatte gutgetan, sodass Dani wusste, wie wichtig manchmal ein wenig Zuwendung war.

Als sie über ein paar Bücher stieg, entdeckte sie gerade noch den Lockenkopf, der in ihrem Schlafzimmer verschwand. „Vielleicht sollten Sie mal nach Lily schauen, Mrs. Risvold“, sagte sie.

Die ließ ihren zappelnden Sohn herunter, der sogleich in die Küche rannte, während seine genervte Mutter sich nach seiner sechsjährigen Schwester umsah. Baby Val saß derweil im Wohnzimmer auf dem Boden und heulte.

Dani bahnte sich einen Weg in die Küche, stellte die Lebensmittel auf den Tresen und zog Julian von der Schublade mit dem Besteck weg. „Spiel nicht damit, Schätzchen, in ein paar Minuten brauchen wir das zum Essen.“

Julian strahlte. „Will Spaghetti.“

„Hm, na ja, wie wäre es mit Makkaroni und Käse?“

„Will Spaghetti.“

„Na gut, lange, gelbe Spaghetti.“

Julian lächelte triumphierend, während seine Mutter ihre wütende Tochter aus dem Schlafzimmer zerrte. „Benimm dich“, Marta Risvold zog das widerstrebende Mädchen heraus. „Wenn Ms. McCullough nicht wäre, müssten wir heute Nacht im Park schlafen. Sieh mal, wie du dich für ihre Nettigkeit revanchierst, schämst du dich nicht?“

Lily setzte sich auf einen Küchenstuhl, stemmte die runden Arme auf den Kunststofftisch und sah Dani vorwurfsvoll an. Dani hatte festgestellt, dass Kinder Obdachlosigkeit nie als so schrecklich empfanden wie ihre entsetzten Eltern, sondern eher als Abenteuer.

Zumindest eine Woche lang. Danach ließ der Spaß langsam nach. Dani hatte vor, den Risvolds das zu ersparen.

„Gibt Spaghetti“, verkündete Julian, der auf einen Stuhl gegenüber seiner Schwester kletterte.

Lily sah ihn düster an. „Ich mag keine Spaghetti.“

Julian grinste. „Stimmt gar nicht.“

Die grünen Augen des Mädchens verengten sich zu Schlitzen. Bevor es zum Streit kam, holte Dani ihre Geheimwaffe aus der Tüte.

„Waffenstillstand.“ Sie hielt eine Videokassette vor den Kindern hoch. „Wenn ihr beide anständig esst und dann leise wie höfliche kleine Mäuse zum Sofa geht, dürft ihr euch zusammen einen Zeichentrickfilm anschauen.“

Lily wollte schon danach greifen. Marta war nicht in Hörweite, da sie sich um das Baby kümmerte. So beugte Dani sich vor und sagte leise: „Wenn ihr aber weiterhin streitet oder wie stampfende Elefanten durchs Haus tobt, wird euch der böse Mann, der nebenan wohnt, in Stücke zerreißen und euch der Katze vorwerfen.“ Sie lächelte süß. „Haben wir uns verstanden?“

Die Kinder tauschten einen Blick aus, dann nickten sie.

„Gut. Also, je schneller das Wohnzimmer aufgeräumt ist, umso eher könnt ihr den Film ansehen.“

Beide Kinder sprangen von den Stühlen.

„Ganz ruhig“, Dani machte eine Kopfbewegung zur Nachbarwand hin, „wir wollen ja nicht den Nachbarn stören.“

Die Kinder schauten erst zur Wand und dann voller Bedenken zur Katze hinauf, die sie von hoch oben verdrießlich ansah. Julian schluckte. Lily ging vorsichtig an dem Bord vorbei und machte sich still an die Arbeit.

Ihre Mutter, sichtlich überrascht von der plötzlichen Stille, warf Dani einen fragenden Blick zu. „Wie haben Sie denn das hingekriegt?“

„Ich habe nur gefragt, ob sie im Wohnzimmer aufräumen oder die Katze füttern wollen“, behauptete Dani und begann mit der Essensvorbereitung.

„Es ist das dritte Mal in diesem Monat, Mrs. Wilkins.“ Colby klemmte das Handy zwischen Kinn und Schulter, um die seidene Krawatte binden zu können. „Ich verstehe Sie ja, aber meine Mitarbeiter müssen ihren Verpflichtungen nachkommen, und um ein Uhr nachmittags ist die Vorstandssitzung, zu der Sie zu erscheinen haben.“

Colby drückte den Ausknopf und legte das Telefon auf den Marmortisch. Er rückte die Krawatte gerade, glättete sein Haar und warf einen Blick auf die teure Armbanduhr.

Es war genau siebzehn Minuten nach sieben. Colby verließ das Bad, nahm sein Jackett vom Bügel, prüfte kurz den Inhalt seiner Brieftasche, stellte das Diktaphon an und sprach darauf: „Memo an alle Vorstandsmitglieder, Kopie für Mira Wilkins’ Personalakte.“

Colby überlegte. Er konnte natürlich schriftlich ihre Verspätungen beanstanden und sogar ihr Gehalt wegen zu häufiger Abwesenheit kürzen. Andererseits war Mira Wilkins eine der besten Buchhalterinnen, die er kannte, und sie arbeitete oft länger. Zumindest war das so gewesen, bis ihr Au-pair-Mädchen in die Schweiz zurückgegangen war und sie Probleme gehabt hatte, einen Babysitter zu finden.

Colby fand, dass er bislang äußerst nachsichtig gewesen war, aber nun ließ seine Geduld etwas nach. Ein Anruf bei einer der vielen Vermittlungen in Los Angeles würde Mrs. Wilkins’ Problem wohl sofort lösen. Die Wilkins taten allerdings, als sei die Wahl eines Kindermädchens genauso wichtig wie die eines Ministers. Er fand diese Haltung bewundernswert, aber für ihn nicht akzeptabel. Schließlich musste er eine Firma leiten.

Colby schob das Diktaphon wieder ins Etui, nahm seine Tasche und ging zur Tür. Genau sieben Uhr zweiundzwanzig. Die Wilkins-Sache hatte ihn fünf Minuten gekostet.

Er riss die Tür auf und trat in den Flur. Dort stritten sich gerade zwei Kinder um die Morgenzeitung der Nachbarin. Kaum entdeckten sie ihn, stießen sie einen entsetzten Schrei aus, ließen die Zeitung fallen und rannten in die Wohnung zurück. Dani, die gerade gehen wollte, wurde beinahe umgerissen.

„Was zum Teufel …“ Danis Verwirrung verwandelte sich in ein amüsiertes Lächeln, sobald sie Colby sah. „Ach so.“ Nun verstand sie das seltsame Verhalten der Kinder. „Sie sind es.“

Colby blieb wie angewurzelt stehen, während Dani die Tür schloss und ihn mit einem eigenartigen Blick anschaute. Hatte er etwa noch Rasierschaum im Gesicht?

Colby sagte: „Sie sind heute früh dran. Vermutlich auf Wohnungssuche?“

„Ich hatte Ihnen ja versprochen, dass meine Gäste heute verschwinden.“ Sie bemühte sich um ein Lächeln und schob den Lederbeutel, den sie trug, auf der Schulter zurecht. „Schönen Tag noch.“ Damit ging sie.

„Ms. McCullough?“

Dani blieb stehen. „Ja?“

„Ihre Zeitung.“

„Ah, ja.“ Dani hob die zerknüllte Zeitung vom Boden auf, brachte sie zurück in die Wohnung, schloss die Tür aber nicht schnell genug, so dass lautes Babygeschrei im Flur widerhallte. Dann eilte sie zum Ausgang. „Also, schönen Tag noch mal.“

Colby sah sie so intensiv an, dass sie eine Gänsehaut bekam. Irgendetwas an dem Mann irritierte sie, und das lag nicht an seinem hoheitsvollen Gesichtsausdruck, denn Dani war es gewöhnt, unterschätzt zu werden.

Das nutzte sie sogar aus. Sie hatte gelernt, dass man als Frau – besonders wenn man jung und einigermaßen hübsch war – viel mehr erreichte, indem man die anderen glauben ließ, dass sie diejenigen waren, die eine Entscheidung trafen. Es gab ihnen ein Gefühl der Überlegenheit, das sie gelegentlich sogar dazu veranlasste, ihre Spende zu vergrößern oder eine Null an die Schecksumme dranzuhängen.

Dani fand nichts dabei, Wohlhabende ein bisschen zu manipulieren, damit die Bedürftigen davon profitierten. Das war für beide Seiten nützlich. Die einen fühlten sich spendabel, die anderen konnten einen weiteren Tag überleben.

Ihr Nachbar gehörte eindeutig zu den Wohlhabenden. Von den handgearbeiteten Schuhen bis hin zu den eleganten Manschettenknöpfen und der Seidenkrawatte, die vermutlich mehr kostete als das, was Dani pro Woche verdiente, roch Colby Sinclair nach feiner Familie und altem Geld.

Dennoch gab es einen Widerspruch zwischen seinem Verhalten und seinem Blick, in dem trotz seiner Kühle gelegentlich Verständnis aufblitzte.

Mr. Sinclair war eindeutig etwas schwierig. Und sicher nicht durch Small Talk zu beeinflussen. So dankte Dani ihm nur mit einem Lächeln, als er ihr die Glastür aufhielt und sie ins sonnige Los Angeles hinaustrat.

Colby folgte ihr zum Parkplatz. Plötzlich sagte er: „Sie sehen müde aus.“

Dani sah erstaunt auf. In seinen grauen Augen spiegelte sich das Sonnenlicht, und sie entdeckte, dass sein Haar goldene Strähnen hatte. Die Fältchen um seine Augen bewiesen, dass er gelegentlich lachte. Eigentlich sah er richtig gut aus! Komisch, dass ihr das bisher nie aufgefallen war.

Er fügte hinzu: „Ich wollte damit nicht sagen, dass Sie … äh, schlecht aussehen.“

„Ich habe das nicht als Beleidigung empfunden, Mr. Sinclair, ich war nur überrascht, dass es Ihnen aufgefallen ist.“

„Normalerweise wäre es das auch nicht. Ich frage mich nur, ob ich wohl der Einzige bin, der die halbe Nacht wach lag, weil das Baby geschrien hat.“

Dani spannte die Schultern an. „Tut mir leid, die kleine Valerie bekommt gerade Zähne.“

„Das habe ich mir gedacht.“

Das hatte vorwurfsvoll geklungen. Dani schaute Colby direkt an. „Es tut mir aufrichtig leid, dass Sie gestört wurden. Aber wenn ich zwischen dem Wohlbefinden einer obdachlosen Familie und ein paar Stunden Schönheitsschlaf wählen muss, ist mir das Erste wichtiger. Mrs. Risvold ist eine hart arbeitende Frau, die im Augenblick einfach am Ende ihrer Kräfte ist. Erst hat sie ihren Mann verloren, dann ihre Stellung und nun auch noch ihre Wohnung. Sie und die Kinder brauchen Hilfe, und ich brauche nicht erst Ihr Einverständnis dazu, sie ihnen zu gewähren.“

Colby betrachtete Dani nachdenklich, dann nickte er. „Äußerst lobenswert, wenn auch ein bisschen naiv.“ Er schaute auf die Uhr. „Was Ihre unglücklichen Gäste angeht, so erwarte ich, dass sie woanders untergebracht sind, wenn ich heute Abend nach Hause komme. Schönen Tag, Ms. McCullough.“ Damit ging er zu seinem schnittigen Wagen und fuhr davon.

Dani stieg wütend in ihren zehn Jahre alten Kombi und blieb erst mal sitzen.

Im Laufe ihrer Arbeit bei der Fürsorge hatte sie schon Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen getroffen, deren Verhalten von großer Liebenswürdigkeit bis zu offener Feindseligkeit reichte, aber sie war mit allen zurechtgekommen. Bis jetzt.

„Oh, Nancy, ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin.“ Dani hatte das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und notierte etwas in ihrem Kalender. „Die Risvolds bleiben auch nur ein paar Tage, bis nächste Woche das neue Heim eröffnet wird.“

„Schon gut“, sagte Nancy fröhlich, „meine Kinder sind den ganzen Tag in der Schule, da ist es ganz nett, Gesellschaft zu haben.“

„Du bist ein Schatz. Aber sag mal, weißt du auch, dass Marta drei Kinder hat und eins davon noch ein Baby ist?“

„Das macht nichts.“

„Es könnte ein bisschen eng werden …“

„Hör schon auf.“ Nancy lachte. „Wenn es dich nicht gegeben hätte, hätte ich nicht mal ein Dach über dem Kopf! Wann immer du etwas brauchst, sag mir Bescheid, okay? Auf mich kannst du zählen.“

„Ich weiß, Nancy. Ich wollte wirklich, ich könnte sie bei mir behalten.“ Sie seufzte. „Also gut, ich bringe sie so gegen Mittag bei dir vorbei, wenn es dir recht ist.“

Nancy lachte. „Du hast es ja wirklich eilig.“

„Glaub mir, dass es so schnell gehen muss, liegt bestimmt nicht an mir. Aber manche Mieter beschweren sich schon. Na ja, einer.“

„Aha. Ich habe mich schon gefragt, ob die Kinder normal sind oder wandelnde Katastrophen. Es sind doch normale Kinder, oder? Ich muss sie doch nicht anketten oder so?“

„Sag mal, hast du zufällig eine Katze?“

„Ja.“

„Dann werden sie völlig artig sein.“

„Hm?“

„Das erkläre ich dir, wenn wir uns sehen. Ciao.“ Erleichtert legte Dani auf, nahm einen Spendenquittungsblock und eilte zur nächsten Verabredung.

Wie immer kam Colby erst spätabends nach Hause. Seine Mitarbeiter gingen meist schon zwischen sechs und sieben, aber er blieb, bis ihn der Hunger plagte.

Er hängte sein Jackett auf, legte die Manschettenknöpfe in ein Schälchen und überflog die Post. Dann rollte er die Ärmel hoch, machte sich in der Mikrowelle etwas warm und aß, während er am Computer die neuesten Wirtschaftsmeldungen überflog.

Eine Stunde später – er diktierte gerade eine Reihe von Memos – störte erneut das laute Weinen eines Kindes seine geheiligte Ruhe. Wütend stellte er das Diktaphon aus. Nun reichte es aber! Er würde nicht schon wieder eine schlaflose Nacht verbringen, selbst wenn das hieße, die gesamte Risvold-Familie ins Auto zu packen und sie persönlich im nächsten Hotel abzuliefern.

Er ging zur Wohnungstür, riss sie auf und sah sich einer bildschönen, schmuckbehängten Blondine im Nerz gegenüber, die ein quäkendes Baby auf dem Arm trug.

„Colby, mein Lieber.“ Sie klimperte mit den satt getuschten Wimpern und lächelte schelmisch. „Du magst doch Überraschungen?“

2. KAPITEL

Die Blondine verbreitete beim Hereinkommen eine Wolke von Parfümduft. „Küsschen, Küsschen“, sie hielt ihre geschminkten Wangen in Colbys Richtung, setzte das Baby auf den Boden, strich sich das zerdrückte Nerzrevers glatt und schaute sich in Colbys Wohnung um, als betrachte sie einen Heuschober. „Das ist also dein kleines Nest, ja? Wie rustikal. Mutter wäre entsetzt.“

Colby spürte sogleich wieder den vertrauten Druck im Nacken. „Was machst du hier, Olivia?“

„Seit wann brauche ich einen Grund, um meinen Lieblingsbruder zu besuchen?“

Colby gab sich keine Mühe, zu betonen, dass er ihr einziger Bruder war, schloss die Tür und betrachtete seine Schwester. Zuletzt hatte er sie vor sechs Jahren gesehen, als sie bei der Beerdigung ihres Onkels einen Tobsuchtsanfall bekam, weil der alte Herr sie nicht im Testament bedacht hatte.

„Lass den Quatsch, Olivia, du würdest nicht mal den Papst an seinem Totenbett besuchen, es sei denn, es gibt dort etwas für dich zu holen.“

Sie schürzte die roten Lippen vorwurfsvoll. „Sei nicht so uncharmant, mein Lieber, ich dachte, du würdest deine Nichte gern kennenlernen.“

„Nichte?“ Sein erstaunter Blick ging zu dem blondgelockten Bündel, das gerade auf seinen makellosen weißen Teppich sabberte. „Das ist dein Kind?“

„Süß, nicht?“ Sie machte eine Bewegung mit ihrer manikürten Hand. „Megan, Schatzi, sag deinem Onkel Colby guten Tag.“

Megan blinzelte, stopfte eine Faust in ihren feuchten Mund und stieß einen ärgerlichen Laut aus. Das und der Schleim, der aus dem winzigen Näschen rann, minderten Colbys Begeisterung beträchtlich.

Olivia sah sich genervt um. „Der kleine Vielfraß ist vermutlich wieder hungrig.“

Colby konnte es noch immer nicht fassen, dass seine eitle, gierige Schwester sich nun in eine fürsorgliche Mutter verwandelt haben sollte. „Das Kind ist adoptiert, oder? Du hast es doch nicht geboren?“

„Allerdings habe ich das. Es war die ekelhafteste Erfahrung meines Lebens.“ Olivias Nerzmantel ging auf, sodass ein glänzendes rotes Etuikleid sichtbar wurde, das ihre makellosen Kurven betonte. „Meine Figur ist ruiniert, selbst der beste Schönheitschirurg in Brentwood konnte sie nicht wieder hinkriegen.“ Sie betrachtete sich von oben. „Ich sehe noch immer wie eine Bäuerin aus.“

Da Olivia ohnehin nur die eigene Meinung interessierte, zog Colby es vor, nichts zu sagen.

Inzwischen steigerte sich Megans Greinen in ein unmutiges Geheul, das beinahe den Krach im Hausflur übertönte.

Colby wollte sich gerade dem Geräusch widmen, als Olivia ihn am Arm packte und nervös lachte. „Ach, ich Dumme, ich habe etwas für Megan im Wagen vergessen.“ Sie rauschte um ihren Bruder herum zur Tür. „Nein, nein“, sagte sie zu Colby, der ihr folgen wollte, „ich bin gleich wieder zurück. Sei so nett und passe kurz auf das Baby auf, ja? Sie krabbelt schon, weißt du.“

Erschrocken nahm Colby wahr, dass das Kind sich mit alarmierender Geschwindigkeit in Richtung Büro bewegte. Gerade schaffte er es noch, die Tür zu schließen.

Zornig setzte die Kleine sich auf, ihr Gesicht lief rot an, und sie stieß ein durchdringendes Kreischen aus.

„Meine Güte, Olivia, tu doch was! Sie brüllt ja das ganze Haus zusammen! Olivia …?“ Colby starrte in den leeren Flur und brauchte eine Weile, bevor er begriff, dass seine Schwester schon weg war. Nervös beugte er sich zu dem Kind hinunter und sagte: „Hey, hey, ist ja gut, deine, äh, Mutter ist ja gleich wieder da.“

Megan schluchzte noch einmal und rieb sich die Augen.

Vorsichtig tätschelte Colby der Kleinen den Kopf und war ganz überrascht darüber, wie weich sich das Haar anfühlte. Noch nie hatte er ein Baby berührt.

Das Kind schien das Streicheln zu beruhigen. Es schaute auf und hörte auf zu weinen. Ermutigt strich Colby ihm erneut über den Kopf. Die Kleine schluchzte noch einmal kurz, dann lächelte sie. Colby merkte zu seiner eigenen Verwunderung, dass er zurücklächelte.

Nun gab sie einen vergnügten kleinen Laut von sich.

„Na gut“, Colby betrachtete das Kind näher. Es gab tatsächlich so etwas wie eine Familienähnlichkeit. Megan war sehr hübsch, hatte Olivias blaue Augen, nur die Stupsnase war ein wenig runder – und feuchter – als die ihrer Mutter.

„Megan ist ein schöner Name“, sagte Colby in der Hoffnung, dass seine Stimme tröstlich klang. „Er ist irisch“, erklärte er. Na ja, eigentlich griechisch.

Megan schaute Colby einen Moment an, dann krabbelte sie unter den Esstisch. Colby ging auf die Knie und sah gerade noch, wie das gewindelte Hinterteil zwischen den Chrombeinen hindurchwackelte. Er erhob sich schnell, umrundete den Tisch und erreichte das Kind, das nun auf die Küche zukroch.

Colby behielt es im Auge, zögerte aber, es hochzunehmen, da er nicht wusste wie und Angst hatte, dem Kind weh zu tun. Er nahm nur störende Gegenstände aus dem Weg und hoffte, Olivia würde bald wiederkommen.

Fünf Minuten später wartete er noch immer. Die Kleine wurde erneut unruhig.

Es vergingen zehn Minuten.

Inzwischen weinte Megan so herzzerreißend, dass Colby dachte, sie würde gleich ersticken. Gerade wollte er die Polizei rufen, als es an der Tür klopfte. Er eilte hin, um aufzumachen. „Wo zum Teufel warst du so lan…“ Seine Frage blieb in der Luft hängen, als er ins erstaunte Gesicht seiner Nachbarin blickte. „Was wünschen Sie?“

„Ihnen auch einen guten Abend“, sagte sie und spähte an seiner Schulter vorbei, um nach der Ursache des lauten Weinens zu forschen. „Dachte ich mir doch, dass ich mich nicht verhört habe.“

„Äh, ja, Ms. McCullough … Ich bin im Moment ziemlich beschäftigt. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …“

„Natürlich, aber wenn die Leute von der Feuerwehr zufällig all das finden, was im Flur herumsteht …“

„Im Flur?“ Als Colby dort hinsah, fiel er beinahe in Ohnmacht. Neben seiner Tür standen ein tragbares Kinderbett, ein Hochstuhl, eine Karre, eine riesige Einkaufstüte mit Babynahrung und ein Koffer. „Du liebe Güte!“

Dani sah ihn forschend an. „Vielleicht hilft es Ihnen ja, wenn ich Ihnen sage, dass schon so manchen seine Vergangenheit eingeholt hat.“

„Wie bitte?“ Colby sah, wie Klein Megan auf die offene Tür zukrabbelte. „Das ist nicht mein Kind!“

„Das sagen sie alle.“ Dani nahm das Baby hoch, als sei das die normalste Sache der Welt, und wischte mit einem Kleenex aus ihrer Schultertasche dem Kind das klebrige kleine Gesicht ab. „Schon gut, Süße, dein Daddy wollte dich nicht zum Weinen bringen.“

„Das ist doch Unsinn!“, sagte Colby empört.

„Pst“, warnte Dani, „selbst ein Baby kann durch elterliche Zurückweisung traumatisiert werden.“

„Ich bin nicht der Vater dieses Kindes!“

„Ach nein? Sie sieht aber genauso aus wie Sie, bis hin zu dem komischen Grübchen im Kinn.“

Unwillkürlich berührte Colby sein Kinn. Wieso nannte sie sein Grübchen „komisch“? Er ballte die Fäuste. „Natürlich besteht da eine Ähnlichkeit, das Kind ist meine Nichte. Und seine Mutter kommt gleich …“ Er beendete den Satz angesichts der Babyausstattung im Hausflur nicht. Olivia hatte offensichtlich nicht die Absicht, bald wiederzukommen. „Ich bringe sie um“, murmelte er.

Dani merkte, dass er in Panik war. Menschen einzuschätzen, Vorgespieltes von Echtem zu unterscheiden, das gehörte zu ihrem Job. Dieses süße kleine Mädchen war wohl tatsächlich seine Nichte, aber wieso reagierte er nur so abweisend?

Sie setzte sich das Baby auf die Hüfte und schaute ihn nachdenklich an. „Ich verstehe ja, dass Sie nicht gerade begeistert sind, aber ein Mord erscheint mir doch etwas übertrieben.“

Colby warf noch einen Blick in den Flur. „Glauben Sie mir: Das ist es nicht.“

„Na ja, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Einer meiner Brüder hat mal die heißesten Stellen aus meinem Tagebuch gerissen und sie ans Schwarze Brett in der Schule geheftet. Im Vergleich dazu ist doch ein erzwungenes Babysitting ziemlich harmlos.“

„Ich kann darüber aber gar nicht lachen.“

„Es gibt doch sicher eine Erklärung dafür.“ Dani schaute sich um und entdeckte einen weißen Umschlag auf dem Hochstuhl. „Oder einen Hinweis.“

Colby nahm den Brief entgegen. Sein Name stand darauf.

Dani spähte ihm über die Schulter. „Ist das die Handschrift Ihrer Schwester?“ Er nickte, machte aber keine Anstalten, den Umschlag aufzureißen.

Dani seufzte. „Sie möchten Ihre Post sicher lieber allein lesen. Inzwischen nehme ich mal Ihre Nichte … Wie heißt sie denn?“

„Megan“, murmelte er. Er starrte noch immer auf den Brief.

„Megan“, wiederholte Dani und freute sich, als die Kleine lächelte. „Also, Megan, was hältst du davon, wenn wir beide mal reingehen und uns ein bisschen frisch machen?“

Die Kleine strahlte. Als Colby nicht widersprach, nahm Dani ein Paket Windeln und trug das Kind in seine Wohnung. Sie fand sich in einem Wunderland aus Glas, Chrom und Leder wieder.

Die Wohnung hatte den gleichen Grundriss wie ihre, aber damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Bei Dani gab es geblümte Stoffe, warme Holztöne und saftige Grünpflanzen, sie war einfach gemütlich. Die von Colby dagegen war eine Art glänzendes Art-déco-Museum … nichts für klebrige Finger oder Hundepfoten. Dani stellte sich vor, wie schnell der elfenbeinfarbene Teppichboden schmutzig würde …

Die Ledercouch schien ihr zum Windelwechseln am besten geeignet. Vorsichtig legte sie die Kleine darauf. „Es geht doch nichts über eine kleine Säuberung, nicht, Süße?“

Sie nahm einen leichten Zitronengeruch wahr. „Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der sein Ledersofa pflegt“, erzählte sie Klein Megan, die sie neugierig anschaute, „dein Onkel muss eine Haushaltshilfe haben. Männer wollen ja immer nur das wahnsinnigste Auto fahren, sonst können sie nichts.“ Dani legte die einzelnen Windelteile sachlich zusammen. „Aber es macht mich total sauer, wenn sie nicht mal ordentlich abwaschen, so als sei das Frauensache. Ich hasse Hausarbeit und kenne keine Frau, die nicht lieber einen schnittigen Porsche fahren würde, als Scheuerpulver in der Duschkabine zu verteilen.“ Sie schloss das Windelhöschen und strich den kleinen Anzug glatt. „Siehst du, Megan, wir leben in einer sexistischen Welt und haben es schwer.“

Die Kleine kicherte und stopfte die kleine Faust in den Mund.

Danis Herz schmolz dahin. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du die schönsten Augen der Welt hast?“

Das Baby quietschte glücklich – bis seine Aufmerksamkeit durch eine Bewegung im Raum abgelenkt wurde. Colby stand in der Tür und sah aus, als hätte man gerade das Todesurteil über ihn verhängt. Er hatte einen Briefbogen in der Hand.

Dani hob Megan auf. „Was ist denn?“

Colby war aschfahl. Nach einer Weile räusperte er sich. „Neun Monate Mutterschaft waren ihr wohl genug. Meine Schwester hat beschlossen, dass sie eine Pause braucht.“

„Eine Pause?“

„Ja.“ Colby zerknüllte das Papier. „Sie scheint in Urlaub gefahren zu sein und plant, die nächsten Wochen in Venedig mit einem Ex-Gondoliere namens Paolo zu verbringen.“

„Sie machen wohl Witze.“ Dani blieb das Lachen in der Kehle stecken. „Nein, Sie machen keine Witze.“ Sie setzte sich das Baby auf die Hüfte und nahm das Papier, um es zu lesen. Colby ging zum Telefon. „Wohin wollen Sie denn jetzt?“

„Ich rufe die Polizei an.“

„Wie bitte?“ Dani rannte hinter ihm her und riss ihm den Hörer aus der Hand. „Das können Sie doch nicht tun!“

„Allerdings kann ich das. Das arme Kind wurde ausgesetzt!“

„Pscht …“ Dani sah ihn ernst an, setzte Megan im Wohnzimmer auf den Boden und gab ihr das Schlüsselbund zum Spielen. „Also“, begann sie ruhig, „ich finde auch, dass Ihre Schwester sich ziemlich viel herausnimmt, aber ich versichere Ihnen, dass es für Megan alles andere als gut ist, wenn Sie das Jugendamt einschalten.“

Colby sah besorgt drein. „Ich habe doch keine Wahl“, sagte er schließlich.

„Man hat immer eine Wahl.“ Dani nahm ihm den Hörer wieder aus der Hand und legte ihn auf. „Was ist mit dem Rest Ihrer Familie?“

„Familie?“ Er runzelte die Stirn.

„Ja, Familie. Eltern, Brüder, Tanten, Cousinen und so weiter. Es gibt doch bestimmt jemanden, den Sie um Hilfe bitten können?“

Colby massierte sich den Nacken. „Zum Glück gibt außer Colby und Olivia nicht noch mehr von den Sinclairs.“

„Ihre Eltern sind tot?“

„Sozusagen. Sie leben in Brentwood.“

Etwas in seinem Blick ließ Dani erschauern. „Das ist doch nur ein paar Kilometer von hier.“

„Geographisch gesehen.“ Er verschränkte die Arme. „Die beiden würden mit dem hier nichts zu tun haben wollen.“

„Das glaube ich nicht, Megan ist doch ihre Enkelin.“

„Ich bezweifle, dass sie überhaupt etwas von der Existenz des Kindes wissen.“ Colby vermied Danis Blick. „Unsere Familie hat sich auseinandergelebt.“

„Wie das?“

Colby beschäftigte sich mit einem losen Faden an seinem Jackett. „Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Und Olivia auch nicht, soweit ich weiß.“

Wenn Colby Sinclair gerade gestanden hätte, ein Serienkiller zu sein, hätte Dani nicht schockierter sein können. Auch wenn ihre Familie weit verstreut lebte, so waren sie doch alle immer in Verbindung und telefonierten mindestens einmal pro Woche. Dani konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie es ohne die Liebe ihrer Eltern und Geschwister aushalten sollte.

Colby schaute sie mit traurigem Lächeln an. „Das schockiert Sie, nicht?“

„Ja.“ Dani fröstelte. „Die meisten zerbrochenen Familien, die ich kenne, sind Opfer von Armut, Gewalt oder Drogenabhängigkeit. Ich habe immer gedacht, wenn man diese drei Dinge besiegen könnte, würde die Gesellschaft automatisch gesunden. Aber Ihre Familie …“

Colbys Blick war kühl. „Die können Sie wohl nicht ganz einordnen, oder?“

Dani zuckte mit den Achseln.

„Menschen nach ihrem öffentlichen Image oder ihrem wirtschaftlichen Status einzuordnen ist immer unsinnig. Kein Außenseiter kann wirklich wissen, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt.“ Seine grauen Augen wurden dunkel. Dann schien es ihn plötzlich zu überraschen, wie viel er gerade von sich selbst preisgegeben hatte. „Sie brauchen mich gar nicht so mitleidig anzusehen“, sagte er scharf, „meine Schwester und ich haben in den wichtigen Jahren nichts entbehrt. Unsere Eltern waren weder Alkoholiker noch drogenabhängig, sie haben uns weder geschlagen noch sonst wie misshandelt. Wir lebten das typische Vorstadtleben der höheren Gesellschaft.“

Dani wählte ihre Worte sorgfältig. „Aber irgendetwas muss ja geschehen sein, dass Sie und Ihre Schwester annehmen, Ihre Eltern hätten kein Interesse an dem eigenen Enkelkind.“

Colby überlegte, wie viel er ihr eigentlich erzählen wollte. Mit ausdruckslosem Gesicht sagte er schließlich: „Olivia war ein schwieriges Kind. Sie gefiel sich darin, unsere Eltern zur Weißglut zu treiben. Der endgültige Bruch kam, als sie als Siebzehnjährige mit einem tätowierten Typen durchbrannte, dessen Vokabular nur aus Vulgärwörtern und obszönen Gesten bestand. Unsere Eltern waren so entsetzt, wie Olivia es erwartete. Und sie haben ihr nie verziehen.“

„Ihrer eigenen Tochter nicht?“ Das war für Dani undenkbar. „Rufen Sie sie doch zumindest an, und geben Sie ihnen die Möglichkeit, an Megans Leben teilzunehmen.“

Zorn flammte in seinen Augen auf. „Eher würde ich mir den Arm abschneiden, als denen ein hilfloses Kind auszuliefern. Offenbar denkt meine Schwester genauso.“

Die Heftigkeit der Antwort erschreckte Dani. Sie begriff, dass Colbys Beziehung zu seinen Eltern vielschichtiger war, als sie zunächst gedacht hatte. Und nur ein Dummkopf würde seine scharfe Reaktion anders deuten.

Aber sie wollte Megan davor bewahren, in den Händen Fremder zu landen. „Vielleicht sollten wir Megans Vater kontaktieren“, schlug sie vor. Und als Colby eine Grimasse zog, fragte sie: „Sie kennen ihn doch wohl, oder?“

„Olivia war schon vor ihrem dreißigsten Geburtstag dreimal geschieden. Inzwischen gibt es vielleicht noch ein paar weitere Ehemänner. Wir hatten jahrelang keinen Kontakt. Bis vor ein paar Minuten wusste ich nicht mal, dass ich eine Nichte habe.“ Er seufzte tief. „Sie sehen also: Meine Möglichkeiten sind ziemlich beschränkt.“

Als er wieder zum Telefon greifen wollte, packte Dani sein Handgelenk. „Bitte, tun Sie das nicht. Sie scheinen die Konsequenzen nicht zu begreifen.“

„Und Sie verstehen nicht, dass ich keine Wahl habe.“

„Es gibt immer eine Wahl.“

„Es wäre ja nur vorübergehend. Bis ihre Mutter zurückkehrt.“

„Beim Jugendamt ist nichts vorübergehend. Ein Kind auszusetzen gilt als schweres Vergehen.“

Colby schien allmählich zu begreifen. „Meinen Sie damit, dass, wenn ich das Jugendamt anrufe, meine Schwester Gefahr läuft, das Sorgerecht zu verlieren?“

„Genau das, Mr. Sinclair, und ich werde Ihnen auch erklären, was dann kommt. Solange Megan klein und niedlich ist, wird sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht, wo sie, wenn sie Glück hat, gelegentlich noch etwas Zuneigung erfährt. Wenn sie dann älter wird, stehen die Chancen gut, dass sie entweder aufsässig wird und in eine Besserungsanstalt kommt, oder aber sie wird still und depressiv und landet in einem Heim.“

„Das hört sich reichlich übertrieben an“, meinte Colby, obgleich er blass geworden war. „Ich dachte immer, die staatliche Fürsorge gehöre mit zu den besten ihrer Art.“

„Ich weiß nur, dass die Menschen dort zwar gute Absichten haben, aber unzureichende Mittel und viel zu wenig Personal. Ich sehe die Ergebnisse jeden Tag: junge Leute, die sich aufgegeben haben, nur noch menschliche Hüllen sind, leere Schalen. Aber selbst wenn Megan zu den Glücklichen gehört, die in einigermaßen normalen Umständen aufwachsen, wird sie niemals ganz verwinden, dass sie ungewollt war und weggegeben wurde.“

Colby schwieg. Er schaute versonnen zu seiner Nichte hinüber, und sein Blick war gar nicht mehr so arrogant, wie Dani ihn anfangs eingeschätzt hatte. Als er schließlich sprach, rührten seine Worte sie. „Jedes Kind verdient es, geliebt zu werden.“

Eine Stunde später war Megan gefüttert, gebadet und mit einer hübschen Strampelhose bekleidet. Colby hatte aus sicherer Entfernung zugesehen und bewundert, wie routiniert seine junge Nachbarin mit dem Baby umging, das sich bei ihr sichtlich wohl fühlte.

Natürlich traute er sich das auch zu. Ein Mann in seiner Stellung benötigte schließlich, um so erfolgreich zu werden, eine gewisse Flexibilität im Erlernen neuer Dinge. Und die Bedürfnisse von Kindern schienen nicht besonders kompliziert zu sein. Olivia hatte eine genaue Aufstellung von Dingen gemacht, die Megan brauchte oder mochte, inklusive Schlaf- und anderer Gewohnheiten, dazu hatte sie eine Vollmacht ausgestellt für eine vorübergehende Vormundschaft.

Alles in allem war Colby optimistisch, dass es dem Kind gutgehen würde, ohne dass sein eigener Tagesablauf groß darunter leiden musste.

Der Ärger über das Verhalten seiner Schwester war der Verwunderung darüber gewichen, wie problemlos seine Nachbarin diese unmögliche Situation bewältigte.

Colby kam ins Schlafzimmer, als Dani gerade die letzten Knöpfe des Strampelanzugs schloss. „So, mein Schatz, alles frisch und sauber und fertig zum Schlafen.“ Der kleine Blondschopf sah auf dem riesigen Bett winzig aus.

Megan kicherte. „Ummmh, jajajaja.“

„Na, was ist?“ Dani beugte sich über sie, und ihre blonden Locken fielen ihr über die Stirn. „Du möchtest am Bauch gekitzelt werden? Na, ich weiß nicht recht.“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Am Bauch ist man besonders kitzelig, meinst du, du stehst das durch?“

Megan griff mit ihrer kleinen Faust nach Danis Locken.

„Hey, du bist ja ein kleiner Grobian!“ Lachend barg sie das Gesicht auf dem weichen Bauch der Kleinen und brummte laut, sodass Megan vergnügt quietschte.

Colby staunte, wie anders das noch vor einer Stunde so quengelige Kind sich nun verhielt. Danielle McCullough schien ein Händchen für Kinder zu haben. Er war äußerst froh darüber.

„Also gut, du hast gewonnen.“ Dani befreite ihre Locken aus den Fingern des Babys und nahm es in die Arme. „Zeit, heia-heia zu machen.“

„Heia“, wiederholte Megan das Wort.

Dani hob das Kind auf ihre Hüfte und näherte sich Colby. „Und nun geben wir dem Onkel noch einen Gutenachtkuss, ja?“

Bevor der zurückweichen konnte, griff das Kind nach ihm und drückte mit offenem Mund einen feuchten Kuss mitten auf sein Gesicht.

„Braves Mädchen.“ Dani verkniff sich ein Grinsen, als Colby sich die Wange rieb. „Der Onkel mag Baby-Küsse, nicht wahr?“

Megan kicherte und klatschte in ihre dicken Händchen.

Colby warf Dani einen eisigen Blick zu. Aber die trug das Kind ungerührt zum Kinderbettchen, das inzwischen im Schlafzimmer stand, und stopfte die Decke fest. Dann schaute sie zu Colby hin. „Sind Sie sicher, dass sie hier schlafen soll? Kleinkinder können sehr unruhig sein.“

„Genau deshalb sollte ich in der Nähe sein, wenn irgendwas ist, oder?“

Dani schaute ihn kurz verwundert an. Dann murmelte sie noch ein paar zärtliche Gutenachtworte ins Ohr der Kleinen und streichelte sie, bis sie eingeschlafen war.

Colby war beeindruckt. In den geflüsterten Worten lag so viel Liebe, dass das Baby sich sofort geborgen fühlte. Und Dani verhielt sich so, obgleich sie gar nicht die Mutter des Kindes war.

Unwillkürlich dachte er an seine eigene Kindheit.

Der Zweijährige lief durch einen Raum mit vielen Menschen, sah eine Menge fremder Beine. Andere Kinder spielten in der Nähe, aber der kleine Junge war zu schüchtern, sich ihnen anzuschließen. Er schaute fasziniert zu, wie ein weinendes Kleinkind von seiner Mutter auf den Schoß genommen und von ihr getröstet und geküsst wurde.

Der kleine Junge suchte nach seiner eigenen Mutter, die sich mit einem glatzköpfigen Mann im Anzug unterhielt. Kühn wollte er auf ihren Schoß klettern, aber sie stand so brüsk auf, dass er auf den Boden fiel, sah den Jungen kalt an, drehte sich auf dem Absatz um und ging zu den anderen Menschen.

Der Kleine kroch unter den Esstisch und nuckelte zum Trost am Daumen. Er wusste, dass er das nicht sollte. Seine Mutter würde ihn dafür ausschimpfen und ihm eine bittere Flüssigkeit daraufstreichen, von der ihm schlecht würde. Aber das war ihm egal. Sein Daumen blieb, der lief nicht weg. Er war der einzige Freund, den er hatte.

Der einsame Zweijährige hatte seine Lektion gelernt. Der Einzige, auf den er sich je verlassen konnte, war er selbst.

Das hatte er auch als Erwachsener nie vergessen.

3. KAPITEL

Als Dani aufschaute, bemerkte sie Colbys abwesenden Blick. „Mr. Sinclair … Colby?“

Er sah drein, als habe er sie noch nie gesehen. „Ja?“

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Oh, ja, natürlich“, murmelte er und rieb sich die Stirn. Dann schaute er zum Kinderbettchen in der Ecke. „Schläft sie?“

Die Decke senkte sich rhythmisch auf und ab. „Ja. Das arme kleine Ding war völlig erschöpft. Normalerweise braucht so ein Kind mehrere Tage, ehe es sich an eine neue Umgebung gewöhnt hat, aber Megan scheint darin unkompliziert zu sein.“

Ganz kurz hatte Colby einen weichen Gesichtsausdruck. „Gut. Das macht es für sie einfacher.“

Dani knipste das Licht aus und folgte ihm ins Wohnzimmer, wo er in seiner Aktentasche herumwühlte. „Ich weiß Ihre Hilfe sehr zu schätzen, Ms. McCullough …“

„Dani.“

„Aber Sie haben schon genug Zeit geopfert.“ Er entnahm der Tasche ein Dokument, das offensichtlich eine geschäftliche Aufstellung war, und begann darin herumzublättern. „Gute Nacht, Ms. McCullough.“

Die plötzliche Verabschiedung ärgerte Dani. Sie folgte ihm in sein Büro. „Wieso meinen Sie, dass Megans Unkompliziertheit für sie alles einfacher machen wird?“

Colby legte das Dokument auf seinen Schreibtisch, stellte den Computer an und schaute auf den Bildschirm. „Die Fähigkeit, sich veränderten Umständen anzupassen, ist eine Tugend.“

Dani wurde das Herz schwer. „Sie wollen Megan wieder wegschicken, nicht wahr?“

„Ich werde nicht das Jugendamt anrufen, falls Sie das meinen, aber dafür sorgen, dass es ihr gutgeht.“

„Bei wem, wenn ich fragen darf?“

„Ich bin sicher, dass es eine Reihe guter Unterbringungsmöglichkeiten für die Wochentage gibt.“

„Unterbringungsmöglichkeiten? Megan ist ein Kind, kein Hund!“

„Das ist mir klar.“

„Sie können ein Kind doch nicht in einen Käfig setzen und es am Wochenende wiederholen.“

Colby runzelte die Stirn. „Ich war auch in einem Internat, Ms. McCullough, und ich versichere Ihnen, dass ich nicht in einem Käfig gehalten wurde.“

Dani war zu empört, um das lustig zu finden. „Eine Schule ist eine Sache, aber Megan ist ein Kleinkind, das man nicht in einem Internat unterbringen kann.“

„Nicht?“, fragte er etwas ratlos. „An wen soll man sich dann wenden? Ich muss schließlich eine Firma leiten.“

„Vielleicht sollten Sie Ihrer Haushaltshilfe ein Extrahonorar dafür zahlen, damit sie sich um das Kind kümmert.“

„Ich habe keine Haushaltshilfe.“

Das überraschte Dani. „Und wer hält Ihre Wohnung sauber?“

„Das mache ich selbst. Ich mag es nicht, wenn Fremde meine Sachen berühren und darin herumschnüffeln.“

„Sie haben Ihr Ledersofa selbst eingecremt?“ Dani verkniff sich ein Grinsen. „Na gut, also keine Haushaltshilfe, aber es gibt eine Reihe guter Kindertagesstätten in dieser Gegend.“

„Kindertagesstätten?“

„Ja. Geöffnet bis in den frühen Abend.“

Er überlegte. „Nein, kommt nicht in Frage.“

„Wieso nicht?“

„Sie scheinen vergessen zu haben, dass in diesem Wohnkomplex keine Kinder geduldet werden, Ms. McCullough.“

„Du liebe Güte, müssen Sie denn so stur sein?“ Dani seufzte. „Sehen Sie, von diesem Flur aus gehen nur vier Wohnungen ab. Ich werde mich sicher nicht beschweren, meine Nachbarn zur Rechten sind nette Leute, die, wenn Sie Ihnen die Situation erklären, garantiert Verständnis aufbringen, und die ältere Frau zu Ihrer Linken ist halb taub, die würde es nicht mal hören, wenn in Ihrem Wohnzimmer eine Jazzband proben würde.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum denn sonst??“

„Ein Vertrag ist ein Vertrag, und der hiesige Mietvertrag enthält keine Klausel, laut der nach Belieben gegen die Regeln verstoßen werden darf.“ Colby brachte Dani ins Wohnzimmer zurück. „Ich weiß Ihre Meinung trotzdem zu schätzen und werde sie in Betracht ziehen.“

Als Dani schon halb im Treppenhaus war, fragte sie noch: „Aber was ist mit …“

„Gute Nacht, Ms. McCullough. Vielen Dank noch mal für Ihre Hilfe.“ Er reichte ihr ihre Tasche und schloss die Tür.

Dani stand empört da. Sie ging in ihre Wohnung, lehnte sich von innen gegen die Tür und schaute Whiskers an, der, nachdem die Risvolds weg waren, seinen Hochsitz verlassen und es sich auf der Sofalehne bequem gemacht hatte.

„Der Mann ist unmöglich“, erzählte sie der Katze. „Einen Moment dachte ich schon, er hätte etwas Menschliches.“ Sie warf ihren Lederbeutel auf einen Stuhl, verschränkte die Arme und lief auf und ab. „Aber ich habe mich geirrt. Colby Sinclair ist der aufgeblasenste, arroganteste, unsensibelste Typ, der mir je begegnet ist!“

Whiskers gähnte.

„Er ist völlig herzlos. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, bevor ich noch mal einen Fuß in die Wohnung dieses Kerls setze!“ Sie schüttelte drohend einen Finger vor der Katze. „Niemals, hörst du? Niemals.“

Um zwei Uhr morgens ging das Kamel durch das Nadelöhr.

Dani wurde durch lautes Klopfen an der Tür wach, zog verschlafen ihren Morgenmantel an und stolperte zum Eingang. Durch den Spion sah sie Colbys genervtes Gesicht. Er stand im Bademantel auf der Matte.

„Was ist?“

„Megan hört nicht auf zu weinen.“

„Haben Sie versucht, ihr die Flasche zu geben?“

„Jaja.“ Er fuhr sich durchs Haar und schaute nervös zu seiner offenen Wohnungstür zurück, von wo man das Schreien der Kleinen hörte. „Sie hat nur kurz am Schnuller gekaut, ihn dann ausgespuckt und wieder geschrien.“ Er rang die Hände. „Ihr Gesicht ist schon ganz rot, ich glaube, sie erstickt.“

Dani schnürte den Gürtel zu und eilte an ihm vorbei.

Colby folgte ihr auf dem Fuße. „Ich habe sie hochgenommen, sie hin und her getragen, ihr sogar eine Geschichte vorgelesen.“

„Davon war sie bestimmt beeindruckt“, murmelte Dani. Auf der Schwelle der Schlafzimmertür blieb sie kurz stehen. Megan hatte sich aufgesetzt, hielt sich am Gitter fest, war rot wie eine Tomate und weinte herzzerreißend. „Ach, meine Süße“, sagte Dani mitleidig und hob das Kind hoch. „Ist ja schon gut, meine Kleine, alles wird wieder gut.“

Megans Kinn zitterte, ihre Brust hob und senkte sich mit den Schluchzern. Sie stopfte die Fäuste gegen ihren Mund und kaute verzweifelt an den Fingern. „Hm, lass mich mal nachsehen, was da ist, tut’s dir im Mund weh?“

Dani trug Megan zu einer Lampe und drängte ihre Händchen herunter, um hineinschauen zu können. „Aha.“

Colby blickte ihr über die Schulter. „Hat sie irgendwas verschluckt? Was Giftiges? Ich wusste es doch! An der Grand Avenue ist eine Klinik, ich hole den Wagen.“

„Vergessen Sie es, wir werden es mal mit Eis versuchen.“

„Mit Eis? Hat sie Fieber? Ach, du liebe Zeit, ja, sie fühlte sich ganz heiß an. Das ist sicher schlimm, wie?“

„Meine Güte, Colby, nun beruhigen Sie sich doch. Wir brauchen kein Krankenhaus, nur ein bisschen Eis. Megan bekommt Zähne.“

„Zähne? Aber sie hat doch schon welche.“

„Ein paar.“ Dani lächelte. „Aber sie bekommt noch mehr, nicht wahr, meine Kleine?“ Das Gesicht des Kindes war noch immer krebsrot.

Dani gab ihr einen Kuss auf die Wange, sprach beruhigende Worte, die zu Colbys Überraschung ihre Wirkung taten. Megan schluchzte noch ein paarmal auf, drückte dann einen nassen Finger in den Mund, lächelte aber schon wieder zaghaft.

Colby staunte. „Wie haben Sie das nur gemacht?“ Er folgte Dani in die Küche.

Dani, mit Megan auf der Hüfte, nahm etwas Eis aus dem Eisbereiter. „Was denn?“, fragte sie über die Schulter.

„Das Kind hat etwa eine Stunde lang gebrüllt. Fünf Sekunden mit Ihnen, und es fühlt sich wohl wie eine Venusmuschel im Schlamm. Ich möchte wissen, wieso.“

„Übrigens: Venusmuscheln mögen nicht unbedingt Schlamm, auch wenn man das behauptet. Sie ziehen Sand vor.“

„Ms. McCullough …“

„Dani.“

„Also gut. Dani. Das beeindruckt mich ja, so ein Wissen über Schalentiere …“

„Venusmuscheln sind keine Schalentiere, sondern Weichtiere.“ Sie drängte der Kleinen das Eis zwischen die Lippen. „Krabben sind Schalentiere. Da, ist das gut? Das fühlt sich besser an, was?“

Die Diskussion über Meerestiere endete abrupt, als die tüchtige junge Frau mit dem Eis über Megans geschwollenes Zahnfleisch strich. Colby schaute fasziniert zu. „Sind Sie sicher, dass das nicht weh tut?“

„Man muss es ganz vorsichtig tun, nicht drücken, sehen Sie?“

Dani ging näher an Colby heran, sodass er den Duft von Babypuder wahrnehmen konnte. Colby sah aufmerksam zu, wie Dani es machte. Dem Kind schien die Prozedur zu gefallen.

Plötzlich ertappte er sich dabei, dass er seine Nachbarin in ihrem dicken Bademantel sehr intensiv betrachtete. Ihr Anblick kam ihm regelrecht intim vor.

Bei dem Gedanken wurde ihm ganz unbehaglich. Colby hatte noch nie zu so später Stunde Besuch gehabt. Sein Privatbereich war ihm heilig, und er duldete normalerweise niemanden über Nacht. Er liebte die Freiheit, immer das zu tun, was ihm gerade einfiel. Sein Leben war voller Regeln und hoher Ansprüche an sich selbst. Zu Hause konnte er sich ganz so geben, wie er wollte, und er war nicht bereit, darauf zu verzichten.

„Manche benutzen auch Brandy.“

„Wie bitte?“

„Ich finde die Idee, ein Baby mit Alkohol in Berührung zu bringen, nicht so gut, aber meine Mutter schwor darauf.“ Als Dani aufschaute, fiel ihm auf, dass ihre Augen haselnussbraun waren und dass sie goldene Wimpern hatte. So golden wie der Glanz ihres Haars. „Ich würde Ihnen raten, in der Apotheke ein Mittel fürs Zahnen zu besorgen. Bei Mrs. Risvolds Baby scheint es geholfen zu haben.“

„Gut, das hole ich morgen.“

Dani legte den schmelzenden Eisklumpen in die Spüle und nahm einen Schnuller, den sie bei Megans Sachen gefunden hatte, aus dem Kühlschrank. „Meine Mutter hat den immer gekühlt, deshalb habe ich es auch gemacht. Na, Süße, bist du müde? Bereit, heia zu machen?“

„Heia“, sagte Megan glücklich und stopfte den Schnuller in den Mund.

Colby sah staunend, wie Dani das Kind mit derselben Routine ins Bett legte, die er schon vorher an ihr beobachtet hatte. Als Megans Atem gleichmäßig wurde, knipste sie das Licht aus, und beide verließen das Zimmer.

Dani ging zur Tür. „Diesmal gehe ich von allein, Sie brauchen mich also nicht rauszuwerfen.“

Colby war die Erinnerung daran peinlich. „Ich weiß, ich bin manchmal etwas schroff. Tut mir leid. Sie haben mir sehr geholfen.“ Dani schaute ihn an, als erwarte sie noch etwas anderes. Er lächelte steif. „Vielen Dank noch mal.“

„Gern geschehen.“

„Ms. McCullough, äh, Dani?“ Colby fummelte nervös an seinem Bademantel herum. „Dieses Zahnen, äh, das ist doch nichts Schlimmes? Ich meine, wenn das Immunsystem geschwächt ist, könnte das Kind sich eine Entzündung …“

Dani legte eine Hand auf seinen Arm und lächelte. „Ihrer Nichte geht es gut, keine Sorge.“

Erleichtert ließ er die Schultern sinken. „Gott sei Dank.“ Dann schwieg er verlegen. Normalerweise zeigte er keine Gefühle. So etwas konnten andere zu ihrem Vorteil nutzen.

Dani schaute ihn forschend an. „Nun, Mr. Sinclair“, ihre Augen blitzten schelmisch, „sollte dieser kühle Mann tatsächlich so etwas wie ein Herz haben?“

„Bitte behalten Sie es für sich, sonst ist mein Ruf ruiniert.“

„Ihr Geheimnis ist sicher bei mir aufgehoben.“ Dani öffnete die Tür. „Übrigens, unsere Organisation hängt von der Großzügigkeit von Sponsoren ab. Darüber sollten wir mal sprechen, ich werde Sie im Büro anrufen.“

Noch bevor Colby antworten konnte, war Dani in ihrer Wohnung verschwunden.

Diese Frau hatte ihm nicht nur die Kontrolle über das Gespräch abgenommen, sondern sogar noch das letzte Wort gehabt! Unerhört. Der ganze Tag war ein Chaos gewesen!

Im Beruf konnte er mit derartigen Dingen umgehen, dort liebte er so ein Durcheinander sogar! Er überdachte eine schwierige Situation aus allen Perspektiven, und dann suchte er eine passende Lösung.

Aber privat war es ganz anders. Er hatte ein Multimillionen-Dollar-Geschäft ohne allzu viel Schweiß aufgebaut, konnte mit knallharten Bankern umgehen und regelte die Firmenpolitik mit einem Federstrich, aber nun kam er auf einmal durch ein winziges, zahnendes Bündel aus dem Takt! Zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben fühlte er sich hilflos.

Den Rest der Nacht verbrachte er neben dem Kinderbett und prüfte bei jedem Aufwachen, ob das Baby auch atmete. Seiner Schwester schwor er bittere Rache.

„Heute sind sie ja früh dran“, murmelte Dani, die beobachtete, wie die Leute in großen Mengen die Fürsorgestelle betraten.

Madeline Rodriguez, eine ehrenamtliche Kollegin mittleren Alters und Danis beste Freundin, sah von ihrem Klemmbrett auf, auf dem sie notiert hatte, wer alles am Ernährungsprogramm teilnahm. „Wir haben seit gestern keinen Zucker und kein Maismehl mehr, nur noch eine Zweitagesration Mehl und kaum genug Brot, auch nur die Hälfte der Leute zu ernähren, die schon jetzt da sind.“

„Zu Mittag bekommen wir drei Paletten Backwaren von gestern, außerdem fünfzig Pfund Zucker, die umgepackt werden und morgen früh zur Freigabe bereitstehen.“

„Spenden oder zu bezahlen?“

„Die Backwaren sind Spenden.“

Madeline seufzte. „Das heißt, für den Zucker kommt eine Rechnung.“

„Ja, aber erst nächste Woche.“ Dani beschattete im grellen Morgenlicht die Augen mit der Hand, als ein Station Wagon hinter dem Zaun einparkte. Zwei Erwachsene stiegen aus und vier ärmlich gekleidete Kinder, die von ihren Eltern in eine Reihe gestellt wurden. Die dünnen Pullover wurden glattgezogen, Schuhbänder zugebunden, zerzaustes Haar geglättet und die kleinen Gesichter auf Sauberkeit überprüft.

So machten sie es jedes Mal, aber es rührte Dani noch immer. Frank Lonnigan und seine Familie waren seit drei Monaten regelmäßige Gäste beim Obdachlosen-Essen, seitdem die Dichtungsfabrik in Figueroa geschlossen war und dreihundert Leute arbeitslos wurden.

Die Lonnigans waren eine stolze Familie. Genauso wie die Cruzes, die Herndens, die Archibalds, die Monaldos und all die anderen, die verzweifelt ums Überleben kämpften. Die waren nicht arbeitsscheu. Viele von ihnen hatten schlechtbezahlte oder Gelegenheitsjobs, die ihnen gerade ein Dach über dem Kopf bescherten. Manchmal mussten sie sich zwischen einer Unterkunft oder etwas zu essen entscheiden.

Dani wusste selbst, was es hieß, hungrig zu sein.

Als die Außentore geöffnet wurden und die Lebensmittelpakete sichtbar wurden, die zur Verteilung bereitlagen, drängte die Menge heran. Kräftigere Leute stellten sich mit ihren Berechtigungsscheinen bereit und reichten Kartons weiter, die sogleich deutlich erleichtert wurden.

Alles verlief ruhig, organisiert und durch die Leute selbst überwacht, die trotz der Angst in ihren Augen, nichts abzubekommen, strikten Verhaltensregeln folgten.

Es war diese Angst, die Dani antrieb, die Händler um weitere Lieferungen zu bitten, bei der Stadtverwaltung immer wieder um eine Erhöhung der Zuwendungen zu betteln, damit noch mehr Leute ernährt und gekleidet werden konnten.

Die Schlange bewegte sich schnell vorwärts. Die Lonnigans standen mit ernsten Gesichtern da, die Kinder hatten sich an den Händen gefasst. Ängstlich sahen sie zu, wie die Kartons verteilt wurden. Ob das, was übrig war, auch noch für sie reichen würde?

Und es kamen noch immer neue Leute. Einige versuchten, sich nach vorne zu drängen. Einer der Mitarbeiter ging dazwischen, beruhigte sie und ordnete die Reihe, die sich bis hin zum müllübersäten Parkplatz zog, wo einige übernachtet hatten, um morgens so weit vorne wie möglich zu stehen.

Heute waren es einfach zu viele. Wieder würden einige mit leeren Händen gehen müssen. Es brach Dani beinahe das Herz.

„Kennst du das Mädchen?“, fragte Madeline.

Dani folgte ihrem Blick und sah einen mageren Teenager mit strähnigem blondem Haar, der außerhalb des Gitters stand.

„Nein.“

„Sie war vor ein paar Tagen schon mal hier, aber Jonas hat sie weggeschickt, weil sie keinen Berechtigungsschein hatte.“

„Wieso bin ich nicht informiert worden? Ich hätte das doch arrangieren können …“

„Sie verschwand, bevor wir dich erreichen konnten“, sagte Madeline. „Ich glaube, sie ist von zu Hause weggelaufen.“

„Hm“, Dani betrachtete das Mädchen in seiner zerrissenen Kleidung, „ich werde mal mit ihr reden.“

„Sie kommt nicht herein“, warnte Madeline, „hat neulich einen der Packer mit einem Messer bedroht.“

„Das heißt nur, sie ist schon so lange auf der Straße, dass sie schon völlig verängstigt und misstrauisch ist.“

Dani stellte gegen die Kälte den Kragen hoch und ging die Treppe hinunter. Sie erreichte gerade den Verteilungsplatz, als die Lonnigans mit ihrer kostbaren Lebensmittellast auf den Parkplatz kamen. Der magere Teenager schaute sich um und folgte ihnen.

Dani ging schneller, aber noch bevor sie den Ausgang erreicht hatte, hatte sich das Mädchen einen Laib Brot aus dem Karton der Lonnigans geschnappt, rannte über den Parkplatz und kletterte über den Zaun. Einer der Lonnigan-Jungen verfolgte sie, wurde aber vom Vater zurückgerufen. Die Familie stieg in den alten Wagen und fuhr davon.

Dani hatte nicht gehört, was Frank Lonnigan gesagt hatte, vermutlich das, was ihr eigener Vater gesagt hätte. Er hätte seine Kinder daran erinnert, dass jemand, der Essen stahl, es noch dringender brauchte als sie. Das Mädchen war offensichtlich in großer Not.

„Sie kommt wieder“, meinte Madeline zu Dani.

„Ich weiß, aber das heißt, dass sie noch eine Nacht auf der Straße schlafen muss.“

Madeline zuckte mit den Schultern. „Man kann nicht alle retten, Dani, sei dankbar, dass wir einigen helfen konnten.“

„Was heißt hier ‚konnten‘?“

„Es geht das Gerücht, dass die Obdachlosentafel geschlossen wird. Deshalb sind die Leute auch so wild hinterher, noch ein paar Vorräte zu ergattern.“

Dani deprimierte diese Nachricht. „Wir schließen nicht“, sagte sie entschlossen. „In letzter Zeit war es ziemlich eng, aber nächste Woche ist der vierteljährliche Zuschuss von der Stadt fällig.“

„Hast du heute schon die Post durchgesehen?“

„Nein, wieso?“

„Der Behördenausschuss teilt mit, dass diese Woche über die Schließung der Obdachlosentafel debattiert wird.“ Madeline hatte Tränen in den Augen. „Damit ist es wohl vorbei, Dani.“

„Ich bin Colby Sinclair, Ms. Glickman, wir haben miteinander telefoniert.“

„Natürlich, Mr. Sinclair, und das muss Klein Megan sein.“ Lächelnd breitete die kleine Frau die Arme aus. „Komm her, Liebling, ich werde dich mit deinen Spielkameraden bekannt machen.“

Megan, auf Colbys Arm, klammerte sich am Hemd ihres Onkels fest und barg das Gesicht an seinem Hals.

Die Frau lachte. Sie standen auf einer frisch gestrichenen, mit Gänsen und Häschen dekorierten Veranda. „Ah, eine kleine Schüchterne, wie? Na, das werden wir bald haben, damit kommt sie in der Happy-Home-Tageskrippe nicht weit.“

Colby hielt das Kind beschützend auf dem Arm. „Ich würde mir gern erst mal das Haus ansehen.“

„Ja, natürlich“, sagte sie lächelnd. „Ich weiß, wie schwer der erste Tag sein kann, aber ich glaube, Sie und ich und meine Mitarbeiter werden unser Bestes tun, um es für Sie und Ihre zauberhafte Nichte so schmerzlos wie möglich zu machen.“ Sie trat zur Seite und hielt die Fliegengittertür auf. „Kommen Sie herein.“

Colby betrat einen langen Flur, in dem an vielen Haken kleine Jacken, Pullover und andere Kindersachen hingen. Dazwischen befanden sich bemalte Kästen für Schuhe, Spielzeug und Essensbehälter. Zur Linken hörte man Kindergeschrei, das aus einem großen Raum tönte und Megan veranlasste, sich mit ihren kleinen Fingern fester an ihren Onkel zu klammern.

„Hier ist die Garderobe“, erklärte Ms. Glickman, die gegen den Lärm ihre Stimme erhob. „Jedes Kind hat seinen Haken und sein Kästchen für persönliche Dinge. Wie Sie sehen, bringen manche ihr eigenes Mittagessen mit, aber die meisten nehmen an unserem Gemeinschaftsessen teil, das nur wenig kostet. Aber wie ich sehe, sind Sie mehr am Spielzimmer interessiert.“

Colby folgte ihr in einen großen Bereich, in dem es äußerst laut zuging. Überaktive Kinder von drei oder vier Jahren jagten einander quer durch den Raum. Erschrockene Kleinkinder weinten. An der Wand waren Babys in Bettchen untergebracht, von denen einige schliefen, andere in die Gegend starrten oder sich die Faust in den Mund stopften. In der Ecke hing ein Fernseher, auf dem ein Kinderprogramm lief.

Ms. Glickman trat strahlend zur Seite. „Unser Spielzimmer ist nur mit dem besten, fachlich getesteten Spielzeug ausgerüstet. Der Spielplatz im Garten ist so angelegt, dass er die Kreativität und den Bewegungsdrang der Kleinen herausfordert.“

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, als ein wildes Vorschulkind ein Kleinkind umschubste, sodass es erschrocken zu Boden fiel. Einer der Mitarbeiter stürzte sogleich herbei, um das schluchzende Kleinkind zu trösten.

Colby hielt Megan, die ängstlich das Chaos beobachtete und zu weinen begann, weiterhin fest auf dem Arm.

„Wie Sie sehen“, erklärte Ms. Glickman stolz, „sind unsere Mitarbeiter sehr um das seelische und körperliche Wohl aller Happy-Home-Kinder bemüht.“ Sie schob Colby wieder in den Flur und führte ihn in einen leeren Raum, der mit bunten Plastiktischen und kleinen Stühlen ausgestattet war. „Das hier ist unser Leseraum, und wenn die älteren Kinder aus der Schule kommen, machen sie hier Schularbeiten.“

„Meine Güte, es sind ja schon jetzt mindestens dreißig Kinder hier!“, entfuhr es Colby. „Und da kommen noch mehr?“

„Von drei bis sechs Uhr ist es am vollsten, aber wir tragen Vorsorge, dass unsere Kleinkinder nicht zu kurz kommen.“ Sie öffnete eine weitere Tür und trat mit zufriedenem Lächeln zurück. „Am späten Nachmittag schlafen die Kleinen, ungestört vom, äh, Temperament der Größeren, und sind dann ausgeruht, wenn ihre Eltern sie abholen.“

Colby hörte gar nicht mehr zu, er starrte nur in das Zimmer, in dem ein Kinderbett neben dem anderen aufgereiht war.

„Das ist unser Schlafraum“, sagte Ms. Glickman stolz. „Die Farben sind sorgfältig nach ihrer beruhigenden Wirkung ausgesucht.“

„Das ist ja wie ein Hundezwinger für Menschen!“, entfuhr es Colby.

„Wie bitte?“

„Wie Käfige!“ Er eilte in den Flur zurück, war wütend auf sich, auf Olivia und auf die erschrockene Kinderkrippenleiterin, die ihm nacheilte.

„Unsere Betten sind ziemlich sicher“, betonte Ms. Glickman. „Das Design wurde von der Verbraucherzentrale für gut befunden und …“

„Auch ein sicherer Käfig ist ein Käfig.“ Colby schob mit der Schulter die Tür auf. „Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit gewidmet haben, aber ich werde mich anderweitig bemühen.“

Doch auf dem Heimweg kam ihm der beunruhigende Gedanke, dass er gar keine Ahnung hatte, wo er sich wohl anderweitig bemühen sollte.

4. KAPITEL

Kurz nach Mittag kam Dani nach Hause. Sie blieb vor Colbys Wohnung stehen. Die Tür stand offen, drinnen klingelte ein Telefon und ein Handy piepte. Es war eine Männerstimme zu hören.

Vorsichtig spähte Dani hinein. Die sonst so elegante Wohnung sah aus wie ein Schlachtfeld, auf dem Boden lagen zerknüllte Zeitschriften, Holzlöffel und Plastikschälchen.

Sie ging weiter hinein, in Richtung Telefon. Inzwischen war der Anrufbeantworter angesprungen.

Aus der Küche erklang Colbys missmutige Stimme. „Die Vorstandssitzung ist um drei, außerdem ist um halb fünf ein Treffen mit der Golf-Pro-Manufaktur. Sagen Sie die um halb fünf ab, ich versuche, die Sitzung um drei mitzubekommen. Wenn ich es nicht schaffe, müssen wir es per Konferenzschaltung hinkriegen.“

Dani begriff, dass Colby das Wandtelefon in der Küche benutzte, er schien mit seiner Firma zu telefonieren. Gott sei Dank, sie hatte schon gedacht, es seien Einbrecher da.

Gerade wollte sie sich unauffällig zurückziehen, als plötzlich jemand laut an die Tür pochte und rief: „Warenlieferung!“

In dem Moment kam Megan aus der Küche gekrabbelt und schlug Dani mit einem Holzlöffel fröhlich auf die Schuhe.

Colby rief aus der Küche: „Stellen Sie den Karton einfach hin! Auf dem Couchtisch liegen zwanzig Dollar!“

Die Tür flog auf, der Lieferant eilte pfeifend an Dani vorbei und drückte Dani mit der Tür an die Wand. Er stellte den Karton samt Rechnung ab, nahm das Geld und verschwand.

Colby war noch immer in der Küche. „Die Verträge sind gerade gekommen“, sagte er ins Telefon. „Geben Sie die Kostenaufstellung ein, ich schaue sie mir dann hier an.“

Sobald er aufgelegt hatte, stürmte er aus der Küche, packte Megan, als sei sie ein Fußball, und eilte ins Büro. Eine Sekunde später erschien er wieder und starrte Dani an, die sich gerade aus ihrem Versteck herausbewegte.

Sie lächelte gequält. „Äh, Ihre Tür stand offen …“

„Ach, und damit fühlen Sie sich gleich eingeladen?“

„Nein, ich …“

„Gut.“ Er reichte Dani das Baby. „Das Essen steht auf dem Tresen.“

„Warten Sie …“

Colby verschwand in seinem Büro.

„… eine Minute!“ Dani seufzte und schob sich das Baby auf dem Arm zurecht. „Na ja, Süße, ich habe wohl einen Auftrag.“

Megan, die sich sichtlich freute, zupfte an Danis Wangen herum und gab ihr einen feuchten Kuss.

Dani musste lachen und drückte die Kleine zärtlich. „Wie kann ich nein sagen, wenn du mich so lieb bittest? Mal sehen, was dein Onkel für dich gekocht hat.“

Auf dem Weg zur Küche sah sie, wie Colby im Büro am Computer saß. Hinter ihm klickerte das Faxgerät. Er reagierte nicht auf das piepsende Handy, nahm das Tischtelefon und wählte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

Offenbar war er in seinem Element. Darin war er selbstbewusst, entscheidungsfroh, kraftvoll und autoritär. Das faszinierte Dani, so wirkte er kompetent und aufregend.

Aber Megan brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Dani setzte das Mädchen in der Küche auf den Hochstuhl und legte ihr als Lätzchenersatz ein Stück Haushaltspapier um den kleinen Hals. Sie entdeckte einen Kinderteller, der schon mit Babynahrung aus dem Glas gefüllt war. „Apfelmus, Püree und ein bisschen Fleisch. Na ja, scheint das Richtige zu sein.“

Gerade hatte Dani den leeren Teller in die Spüle gestellt, als Colby in der Tür erschien. „Gutes Timing“, lobte sie ihn, „das Mittagessen ist geschafft.“

Stirnrunzelnd fragte er: „Wie haben Sie das nur hinbekommen?“

„Was?“

„Megan dabei so sauber zu halten. Bei jeder Mahlzeit ist sie bekleckert, ich muss sie dauernd waschen und umziehen.“

„Sie haben den Brei wohl aufs Tablett des Hochstuhls gestellt? Na ja, wenn man Kinder mit den Fingern durchs Essen fahren lässt, fördert das immerhin die Kreativität.“ Sie wischte Megan den Mund mit einer Papierserviette ab, hob sie vom Stuhl und reichte sie Colby. „Tut mir leid, aber ich muss weg.“

„Ich könnte Ihnen dafür wenigstens ein Mittagessen bieten“, sagte er freundlich.

„Sie brauchen offenbar einen Babysitter.“

„Nur für ein paar Stunden“, bat er. „Ich bezahle Sie dafür natürlich.“

„Tut mir leid.“ Dani ging zur Tür.

„Tun Sie mir doch den Gefallen, ich habe heute Nachmittag einen Termin.“

„Ich ebenfalls.“

„Aber meiner ist äußerst wichtig.“

Dani schaute Colby ernst an. „Bei meinem geht es um Leben oder Tod, Mr. Sinclair. Und ich finde, es gibt nichts Wichtigeres als das.“

„Mr. Sinclair?“ Die Frau schob Colby eine Visitenkarte in die Hand, kam herein und wirkte wie ein Hai, der Blut witterte. „Ich arbeite weder am Wochenende noch an Feiertagen. Als ausgebildetes Kindermädchen erwarte ich, dass jemand anders sich ums Kochen kümmert.“ Sie reichte ihm die Unterlagen. „Das hier ist mein Ernährungsplan.“

Colby legte Karte und Papiere auf den Esstisch. „Sie wissen doch, dass diese Stellung nur vorübergehend ist?“

„Genauer gesagt arbeite ich von neun bis fünf. Falls ich länger bleiben soll, erwarte ich, dass der Stundenlohn verdoppelt wird und verdreifacht, wenn ich das Abendessen des Kindes überwachen soll.“

„Überwachen?“

Die Frau warf ihm einen pikierten Blick zu. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, Mr. Sinclair, ich bin keine Köchin.“

Colby atmete hörbar aus. „Vielen Danks fürs Kommen. Ich werde mich melden.“

„Na klar, ich mag Kinder und so, darum bin ich ja Kindermädchen, auch um ein paar Mark extra zu verdienen. Das College ist verdammt teuer, verstehen Sie?“ Die junge Frau fuhr sich durch die Locken und ließ das Kaugummi knallen. „Na ja, ich kann auch mal länger bleiben, ja? Aber für das Taxi danach müssten Sie schon zahlen.“

Colby seufzte. „Danke, auf Wiedersehen.“

„Das Kind ist verzogen. Sehen Sie mal, wie es sich an Ihr Bein klammert und wie ein Tier schnüffelt. Disziplin ist das Schlüsselwort, Mr. Sinclair. Sie werden Ihre Nichte nicht wiedererkennen, wenn sie erst durch meine Erziehung geprägt ist.“
Colby öffnete die Tür. „Schönen Tag noch.“

„Donnerwetter, Sie haben ja einen großen Fernseher, das finde ich wirklich toll. Ich kann nicht ohne arbeiten, denn Melissa und Melvin werden bald ein Baby bekommen, aber sie wissen noch nicht, dass Melissas böse Zwillingsschwester Melody sich in den Kreißsaal schleichen wird, um … hey!“

Colby warf die Eingangstür zu und hätte am liebsten die Stirn dagegengeknallt. Aber er wollte Megan kein schlechtes Beispiel geben.

Die Kleine brabbelte fröhlich vor sich hin. „Jajajaja.“

„Du hast recht“, murmelte er und hob das Kind hoch. Er schwenkte es herum, bis es jauchzte, dann trug er es zu den Plastikrührschüsseln, die es so gern mochte. Das Kind quietschte vergnügt und schleuderte die Schüsseln quer durchs Zimmer.

Colby ließ sich aufs Sofa fallen und dachte über die vergangenen zwei Tage nach. Eine einzige von einem Dutzend Bewerberinnen hatte einigermaßen normal gewirkt. Die Frau war mittleren Alters, ruhig und freundlich, konnte sich ausdrücken und schien mehr an dem Baby als am Geld interessiert. Sogar Megan wirkte angetan. Als Colby aber kurzfristig zum Telefon musste, entdeckte er beim Zurückkommen, dass die Dame sich gerade aus einem silbernen Flachmann bediente.

Es schien hoffnungslos. Colbys Verständnis für Mrs. Wilkins, seine genervte Buchhalterin, war derart gewachsen, dass er erwog, in der Firma eine eigene Kindertagesstätte einzurichten. Bedachte man, wie viel wertvolle Arbeitskraft und Zeit auf der Suche nach geeigneter Kinderbetreuung verlorenging, konnte ein solches Vorhaben äußerst sinnvoll sein.

Er schaute auf die Uhr. In der Firma war seit einer Stunde Feierabend. Es war schon wieder Essenszeit für Megan. Er seufzte. Ihm kam es so vor, als habe er gerade erst die Unordnung vom Mittagessen beseitigt, außerdem war er todmüde. Wer hätte gedacht, dass es anstrengender war, die vielen Bedürfnisse eines kleinen Menschenwesens zu befriedigen, als den Sechzehnstundentag eines Vorstandsmitgliedes zu bewältigen?

Kein Wunder, dass Olivia eine Pause ...

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