Logo weiterlesen.de
Liebe auf den 2. Blick, Band 172

CHRISTINE FLYNN

STILLES GLÜCK UND SANFTE KÜSSE

Gegensätze ziehen sich an. So heißt es zumindest. Ob Emily das auch weiß? Allein mit ihrer kleinen Tochter lebt sie zufrieden auf einer idyllischen Ranch, bis nach einer Autopanne plötzlich Justin bei ihr hereinplatzt: Anwalt aus Chicago, stressgestählt und erfolgsverwöhnt. Ein Mann, der alles bekommt, was er will. Bis er Emily will.

SUZANNE MCMINN

DU MUSST EIN ENGEL SEIN

Geld oder Liebe? Garrett kann sich keinen Reim darauf machen, worum es Lanie geht. Hat es die Witwe seines verstorbenen Cousins wirklich nur auf die üppige Erbschaft abgesehen – oder vielleicht doch auf ihn? Sie erwartet ein Kind und ist allein auf der Welt. Obendrein ist sie bezaubernd. Garretts Entscheidung zwischen Geld und Liebe ist längst gefallen.

MOYRA TARLING

EIN DIAMANT FÜR KATE

Als Teenager waren sie schwer verliebt und unzertrennlich. Bis zu dem Tag, an dem Marsh sie tief verletzte. Als er nach einem Unfall erblindet und Hilfe braucht, zögert Kate trotzdem keine Minute, den Auftrag anzunehmen, ihn zu umsorgen. Zwar kann sie bis heute seine Ungerechtigkeit nicht vergessen – aber ihre Gefühle für ihn auch nicht.

image

Christine Flynn

STILLES GLÜCK UND SANFTE KÜSSE

1. KAPITEL

Justin Sloans Laune war so finster wie die Sturmwolken, die am Himmel von West-Illinois aufgezogen waren. Die Batterie seines Wagens war leer. Und in einem Anflug von Rebellion, den er bereits bedauerte, hatte er sein Handy in seinem Apartment im zweiundfünfzigsten Stock in Chicago gelassen. Da er nicht die Weitsicht gehabt hatte, eine Regenjacke neben seiner Angel und einem zweiten Polohemd einzupacken, würde er bald bis auf die Haut durchnässt sein. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis die Wolken sich entluden.

Der Wind wechselte ständig die Richtung und strich über das hohe Gras und die Wildblumen, während er die schmale Landstraße weiterwanderte. Laut Landkarte lag das Städtchen Hancock ungefähr zehn Meilen von der kleinen Brücke entfernt, die er gerade überquert hatte. Also dreißig Meilen näher als die Freeway-Auffahrt, die er am Morgen benutzt hatte, um zu dem Angelplatz zu gelangen, von dem ein Klient ihm erzählt hatte. Angeln zu gehen war ihm um sechs Uhr morgens, als er schlaflos an seine Decke starrte, als gute Idee erschienen. Fünf Stunden später wünschte er sich jedoch, er hätte sich entschlossen, seine Schlaflosigkeit mit Joggen an den Ufern des Michigan-Sees zu bekämpfen.

Die gleiche innere Unruhe, die ihn dazu veranlasst hatte, die Stadt zu verlassen, quälte ihn immer noch. Aber er hatte rausfahren müssen. Das Bedürfnis, einmal alles hinter sich zu lassen, war einfach zu groß gewesen. Diese Unruhe, dieses seltsame Unbehagen hatte ihn bei dem Abendessen befallen, das zu seinen Ehren gegeben worden war, und war seitdem nie mehr ganz verschwunden.

Die Straße vor ihm führte jetzt eine sanfte Anhöhe hinauf und machte dann eine scharfe Kurve nach rechts. Links von der Straße sah er ein Haus.

Das bescheidene alte Farmhaus lag einige hundert Meter von der Straße entfernt. Es hob sich fast gespenstisch weiß gegen die dunkelgrauen Wolken ab, die sich am Himmel zusammengezogen hatten. Der einzige Schmuck dieses Relikts aus dem letzten Jahrhundert war ein Blumenkasten mit roten Geranien vor einem Fenster. Auf der rechteckigen Veranda mit dem schlichten Holzgeländer war nirgendwo eine Blume oder ein anderer Farbtupfer zu sehen. Dafür wies der Garten, der das Haus umgab, eine unglaubliche Vielzahl von Grünschattierungen auf. Etwas weiter hinten sah er ein Maisfeld und einen großen Gemüsegarten. Eine Windmühle, deren Flügel im Wind klapperten, wachte über einen Schuppen und ein Hühnerhaus.

In der Hoffnung, telefonieren zu können, lief er über die kiesbedeckte Einfahrt auf das Haus zu und entdeckte eine Frau, die gerade in einem Gewächshaus verschwand. Vierzig Meter von dem Haus entfernt blieb er stehen. Die junge Frau war wieder aufgetaucht. Mit ihrem knöchellangen blauen Kleid ging sie auf ein Gestell zu, auf dem Kästen mit Setzlingen standen.

Sie schien schlank und biegsam wie eine Weide, als sie sich vorbeugte, zwei Kästen aufnahm und wieder auf das Gewächshaus zuging. Zarte Strähnen flachsblonden Haares hatten sich aus dem Zopf gelöst, der ihr fast bis zur Taille reichte. Durch den Wind umgaben sie ihren Kopf wie einen Heiligenschein. Aber vor allem erregte die Art und Weise, wie der auflebende Wind ihr Kleid gegen ihren Körper presste, seine Aufmerksamkeit.

Erst der Gedanke, dass sie wahrscheinlich nur halb so alt wie er war, brachte ihn dazu, den Blick von ihren weiblichen Kurven zu nehmen. Was er brauchte, war die Hilfe des Farmers. Die siebzehnjährige Tochter des Mannes mit den Blicken auszuziehen, würde ihm kaum sein Entgegenkommen sichern. Und da jetzt auch noch ein Blitz den immer dunkler werdenden Himmel durchzuckte, würde er die Gastfreundschaft des Mannes nicht aufs Spiel setzen.

„Ist Ihr Dad irgendwo in der Nähe?“, rief er, bevor ein gewaltiger Donnerschlag die Fensterscheiben des Hauses zum Klirren brachten.

Es war schwer zu sagen, ob sie wegen des Donners oder wegen seines unerwarteten Erscheinens den Kopf hochriss und erschrocken eine Hand an den Hals legte. Auf jeden Fall war sie so auf ihre Arbeit konzentriert gewesen, dass sie Justin noch nicht einmal hatte kommen hören.

Aber ihre Pflanzen schienen ihr offensichtlich wichtiger als alles andere zu sein. Denn sie fasste sich rasch wieder und verschwand im Gewächshaus.

„Großartig“, murmelte er und schaute sich nach jemandem um, der ein wenig entgegenkommender war.

Aber es gab nirgendwo auch nur ein Zeichen von einem anderen Menschen. Im Haus brannte kein Licht. Er fragte sich, ob vielleicht noch jemand im Gewächshaus war, und schaute durch ein mit Plastikfolie bedecktes Fenster, die der immer stärker werdende Wind bereits an einigen Stellen losgerissen hatte. Das Knattern des milchigweißen Materials verband sich mit dem Schlagen der schneeweißen Laken, die fast vom Wind von der Leine abgerissen wurden.

Doch er sah nirgendwo ein Zeichen, das die Anwesenheit eines anderen Menschen angezeigt hätte.

Da er nicht in der Stimmung war, zu warten, bis es ihr gefiel, seine Anwesenheit zu registrieren, trat er in das Gewächshaus ein.

„Hören Sie. Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie stören muss, aber leider startet der Motor meines Wagens nicht. Meine Batterie hat mich im Stich gelassen. Er steht nicht weit von hier“, erklärte er, während sie wieder hinauslief, ohne ihm einen Blick zu schenken. „Ist Ihr Vater in der Nähe?“, rief er. „Ich bräuchte einen Wagen zum Überbrücken.“

Sie nahm rasch zwei weitere Kästen mit Setzlingen von dem Gestell. „Mein Vater lebt nicht hier.“

Sie hatte ihn endlich angeschaut, und Justin wusste nicht, was ihn mehr durcheinander brachte, ihre sanfte Stimme, ihr leichter Akzent oder die engelhaften Züge ihres Gesichtes. Ihre Augen waren so blau wie ein Sommerhimmel, und ihre Haut wirkte so zart, dass er sich zusammenreißen musste, um sie nicht zu berühren.

Dann fiel sein Blick auf ihre schönen vollen Lippen. Ihre Sinnlichkeit war so unerwartet wie die Unschuld, die diese junge Frau ausstrahlte.

Genauso wie das Verlangen, das sich jetzt in ihm ausbreitete.

Sie senkte rasch den Blick und griff zu einem weiteren Kasten.

„Was ist mit Ihrem Ehemann?“, fragte er und schaute auf ihre Hand. Sie schien doch älter zu sein, als er zuerst angenommen hatte, und konnte gut verheiratet sein. Allerdings sah er keinen Ring an ihrer Hand. „Kann er mir helfen?“

Sie versuchte einen dritten Kasten, neben den beiden, die sie bereits unter den Armen trug, zu balancieren und warf ihm einen verlegenen Blick zu. „Nein. Das kann er nicht.“

Schließlich gab sie ihren Versuch auf, stellte den dritten Kasten wieder ab und ging mit den anderen beiden auf das Gewächshaus zu.

„Kann ich wenigstens bei Ihnen telefonieren?“

Er ergriff rasch den Kasten, den sie nicht hatte tragen können, und noch einen weiteren und lief ihr nach.

„Hier gibt es kein Telefon“, erklärte sie. „Das nächste befindet sich auf der Clancy-Farm. Sie liegt ein Stückchen weiter die Straße hinauf hinter der Kurve. Aber wahrscheinlich treiben die Clancys gerade ihre Kühe ein. Sie werden bis Hancock laufen müssen, um zu telefonieren.“

„Gibt es denn nichts, was näher liegt? Eine Tankstelle vielleicht?“

„Nur in Hancock.“

„Und wo ist die nächste Nachbarfarm?“ Er könnte bis zu dem Städtchen joggen. Er lief vier Mal in der Woche. Aber zehn Meilen in strömendem Regen zu laufen, war nicht gerade seine Idealvorstellung von einer Freizeitbeschäftigung. „Ich würde nur ungern bis auf die Haut durchnässt werden“, gab er zu. „Dieser Himmel sieht aus, als wenn er schon bald seine Schleusen öffnen würde.“

Er lächelte verlegen. „Ich bin von Chicago zum Angeln hierher gekommen“, erklärte er. Er wollte ihr zu verstehen geben, dass er nicht irgendein Verrückter war, der Farmerfrauen auflauerte. „Ich habe mir diesen Tag extra dafür freigehalten“, bemerkte er und fragte sich, warum sie so in Eile war, die Pflanzen ins Gewächshaus zu bringen. Er hatte immer geglaubt, Regen würde Pflanzen gut tun. „Dann habe ich bemerkt, dass das Wetter sich änderte und wollte nach Hause fahren, aber meine Batterie ist leer. Ich hatte dummerweise das Licht brennen lassen.“

Sie antwortete weder, noch verlangsamte sie den Schritt, als sie das Gewächshaus erreicht hatten. Da er nicht sicher war, ob er ihr folgen sollte – oder ob sie ihm überhaupt zuhörte –, stellte er seine Kästen nur auf dem nahe gelegenen Tisch ab und ging dann wieder zum Ausgang hinüber. Dann sah er zu, wie sie seine Kästen zu den anderen stellte und dann wieder hinauslief.

Er schaute ihr stirnrunzelnd zu und lief ihr dann nach. „Hören Sie, ich sehe, dass Sie sehr beschäftigt sind, aber ich brauche nur eine Überbrückung. Falls es hier ein Fahrzeug gibt …“

„Was ist eine Überbrückung?“

„Durch ein Überbrückungskabel kann ich die Batterie meines Wagens mit Hilfe eines anderen Fahrzeuges aufladen.“

Seine Antwort schien ihr nicht ganz klar zu sein, aber sie forderte auch keine weitere Erklärung. „Es gibt hier kein Fahrzeug“, war alles, was sie sagte.

„Noch nicht einmal einen Traktor?“, rief er ihr hinterher.

Nein, es gab auch keinen Traktor. Das erklärte sie ihm, als die ersten dicken Regentropfen auf sie niederfielen. Ein weiterer Blitz durchzuckte den Himmel, und dann verwandelten sich plötzlich die Tropfen in erbsengroße Hagelstücke. Die Frau, die das Gestell mit den Kästen wieder erreicht hatte, beugte sich über ihre Pflanzen, um sie vor den Eisstückchen zu schützen.

„Diese Clancy-Farm“, sagte er und nahm selbst zwei weitere Kästen auf. „Wie weit ist sie entfernt?“

„Die Straße entlang eine Meile. Wenn Sie quer durchs Sojafeld gehen, können Sie abkürzen.“

„Welches Feld ist das?“

„He“, murmelte er, als sie ihm einen erstaunten Blick zuwarf. „Ich weiß, was ein Kornfeld ist, aber ich komme aus der Großstadt. Sind Sojapflanzen hoch oder niedrig?“

„Alle Pflanzen sind irgendwann niedrig“, erwiderte sie lakonisch. „Ich werde Ihnen den Weg zeigen, aber Sie werden noch bleiben müssen, bis das Unwetter vorbei ist.“

Sie hatte recht. Der Himmel war mit jeder Minute dunkler geworden, und die Luft hatte einen seltsamen gelben Schimmer angenommen.

Sie hatten fast das Gewächshaus erreicht, als plötzlich Todesstille eintrat. Der Hagel hatte aufgehört. Nicht ein einziges Blatt an den Bäumen bewegte sich. Gefahr lag in der Luft. Die Frau musste es auch gespürt haben. Er konnte sehen, wie die Furcht sich im selben Moment auf ihrem Gesicht ausbreitete, in dem der Sturm begann und ihnen die Kästen aus den Händen riss.

Plötzlich lag alles schief. Die Bäume, das Kornfeld. Sie. Ein Laken sauste an ihnen vorbei. Die Flügel der Windmühle drehten sich wie verrückt. Dann erfüllte ein unheimliches, immer lauter werdendes Geräusch die Luft. Es war kein Donner. Eher wie das Summen von einer Million Bienen.

Das Haus lag hundert Meter hinter ihnen. Doch es kam ihm eher wie eine Meile vor, als er das Handgelenk der Frau packte, um sie davon abzuhalten, erneut ins Gewächshaus zu laufen.

„Dort sind Sie nicht sicher. Wir müssen ins Haus.“

Der Sturm riss ihm die Worte von den Lippen. Er konnte kaum das Nein hören, das sie schrie. Aber er konnte es von ihren Lippen ablesen, und er sah auch den Ausdruck puren Horrors auf ihrem Gesicht, als sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

Panik musste ihr den Verstand geraubt haben. Da war er ganz sicher. Sie musste doch wissen, dass das leicht gebaute Gewächshaus keinerlei Schutz bot. Es bestand doch nur aus einem Gerüst und Plastik.

Er fluchte. In der Ferne sah er einen gespenstischen grauen Trichter, der sich auf sie zubewegte. An seiner Basis begann sich eine wirbelnde Wolke von Staub zu formen. „Dieses Ding da kann jede Minute bei uns sein“, schrie er und verstand auf einmal, warum sie es vorhin so eilig gehabt hatte, ihre Pflanzen in Sicherheit zu bringen. „Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber ich habe nicht die Absicht, Dorothy und Toto zu spielen.“

Da sie mit ihrem Widerstand nur kostbare Zeit verschwendeten, entschloss er sich, sie auf den Arm zu nehmen. Dazu musste er für den Bruchteil einer Sekunde den Griff um ihr Handgelenk lösen. Sie nutzte diesen Moment und riss sich frei. Wenige Sekunden später fiel ein Stück Baum, so groß wie ein Volkswagen, auf die Stelle, auf der sie soeben gestanden hatte. Angsterfüllt schob er die Zweige zur Seite, um nach ihr zu sehen, und sah sie davonrennen. Obwohl der Sturm bereits Wolken von Staub um sie herumwirbelte, war sie ins Gewächshaus zurückgelaufen.

Fluchend rannte er ihr nach.

Die dicke Plastikfolie, die die Fensteröffnungen bedeckte, schlug im Wind, als er durch den Eingang sah, wie sie sich unter den Tisch beugte, auf dem die Kästen mit den Pflanzen standen, und eine Babytrage hervorholte.

Er starrte einen Moment regungslos auf die winzigen Beinchen, die unter der Decke hervorlugten, bis ihm klar wurde, dass sie hier ein Baby abgestellt hatte.

Du lieber Himmel, dachte er, als ihm die Gefährlichkeit der Situation bewusst wurde. Sie hatte ein Baby hier draußen.

„In den Keller!“, schrie sie mit angsterfüllten Augen. „Neben der Hintertür.“

Er fragte erst gar nicht, ob er das Kind tragen sollte. Er riss ihr einfach die Trage aus der Hand und schob die Frau aus dem Gewächshaus heraus. Der Wind zerrte an ihnen wie die Klauen eines Drachens, er riss in ihren Haaren, stach in die Augen mit dem Staub, der den Tag in Nacht verwandelt hatte. Ein Schubkarren wurde, wie von Geisterhand bewegt, kopfüber über den Hof gerollt. Die Arme zum Schutz vor die Augen gelegt, rannten sie über das Gras, während hinter ihnen der riesige Trichter sich mit der Geschwindigkeit und dem Lärm eines Güterzuges über das Land hermachte.

Sie erreichte die Tür zum Keller zwei Schritte vor ihm und zog mit beiden Händen an dem Griff, doch die Tür bewegte sich nicht.

Ohne ein Wort zu sagen, schob er ihr die Babytrage in die Arme und riss selbst an der Tür, auf die der Sturm drückte. Schließlich gelang es ihm, sie so weit aufzuziehen, dass er einen Fuß dazwischenstellen und sie schließlich mit einer gewaltigen Anstrengung aufreißen konnte.

Genau in diesem Moment wechselte der Wind, packte die Tür, riss sie aus den Angeln, schleuderte sie hoch, warf sie gegen seine Schulter und schleuderte sie dann über den Hof hinweg in die Felder.

Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr seinen Arm. Er biss die Zähne zusammen, griff erneut nach der Babytrage und schob die Frau vor sich die engen Stufen hinunter. Er hatte kaum das Ende der Treppe erreicht, als die Frau das Baby aus der Trage auf ihren Arm nahm. Als er sah, dass sie das kleine Bündel in den Armen hielt, ließ er die Babytrage fallen und schob die Frau in die Ecke des kleinen Kellers, an dessen Wände Regale standen. Mit dem Rücken zum Eingang, vor dem der Tornado tobte, sah er, wie sie das Baby ängstlich an ihre Brust drückte, und instinktiv schlang er schützend die Arme um beide.

Donner krachte. Der Sturm heulte. Justin hatte keine Ahnung, wie sicher sie hier waren, aber er nahm an, dass sie hier unten im Keller, selbst ohne Tür, besser aufgehoben waren als irgendwo sonst in diesem Haus. Zumindest solange der Sturm nicht zu stark hier hineinblies und die vielen Einweckgläser, die auf den Regalen standen, in gefährliche Geschosse verwandelte.

„Wir müssen von diesen Gläsern weg.“

„Drüben bei der Kartoffelkiste sind keine.“

Er schaute sich um und sah einige Holzkisten und leere Säcke, die wahrscheinlich darauf warteten, mit Zwiebeln gefüllt zu werden. Doch auf dem Regal an der Nebenwand standen so viele Kisten mit leeren Einweckgläsern, dass er es sicherer fand, dort zu bleiben, wo sie waren. Der Sturm könnte leicht das Regal umwerfen.

„Sollen wir rübergehen?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Ich finde, wir sollten hier ausharren. Hoffentlich hat der Tornado sich bald ausgetobt.“

Er brauchte sie nicht anzusehen, um zu wissen, dass sie Angst hatte. Er spürte, wie sie zitterte. Sie hatte den winzigen Kopf des Babys unter ihr Kinn gesteckt und hielt mit einer Hand seinen Hinterkopf.

Ein Blitz erhellte den Keller, während der Donner das Haus über ihnen erbeben ließ. Er spürte, wie sie sich anspannte und dann ihr Gesicht an seiner Schulter verbarg.

„Es ist alles in Ordnung“, murmelte er und hoffte inständig, dass das auch der Wahrheit entsprach. „Halten Sie durch. So lange kann der Tornado doch nicht wüten, oder?“

„Ich weiß es nicht, Mr. … Ich weiß es nicht“, wiederholte sie. Ihr schien erst jetzt bewusst zu werden, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte. „So nah ist noch nie einer gekommen.“

Sie bewegte sich leicht, und ihr Oberschenkel berührte dabei seinen. Angesichts der Situation fand er ihre Förmlichkeit ziemlich unpassend.

„Ich heiße Sloan, Justin Sloan“, stellte er sich rasch vor.

„Justin Sloan. Danke.“

Er wusste nicht, wofür sie ihm dankte, aber es war auch egal. Beim Einatmen sog er unwillkürlich ihren Duft ein. Er war so frisch und unschuldig, dass er sich wunderte, warum er ihn als so erotisch empfand.

Er räusperte sich und schaute zur Decke hinauf, während draußen die Welt unterzugehen schien. Seltsamerweise schien die Überlegung, ob dieser Duft nur von ihrem Haar ausging oder auch auf ihrer Haut haftete, im Moment wichtiger zu sein als die Frage ihrer Sicherheit hier in diesem Keller.

Er schaute sie an. „Und Sie sind …“

„Emily Miller. Meine Tochter heißt Anna“, fügte sie hinzu und zuckte dann zusammen, als sie ein lautes Bersten hörte.

Den Bruchteil einer Sekunde später wurde der riesige Ast eines Baumes durch die Öffnung geschleudert und fiel auf die Kartoffel- und Zwiebelkisten. Gläser rollten durch die Erschütterung zu Boden, und man hörte auch draußen das Splittern von Glas.

Mit gebeugtem Kopf, den Rücken zur Gefahr gewandt, hielt Justin den Atem an. Und die Frau ebenso. Nur das Baby bewegte sich, um dem zu festen Griff seiner Mutter zu entkommen.

„Justin Sloan?“, drang Emilys Stimme leise durch den Lärm über ihren Köpfen zu ihm vor. „Darf ich Sie etwas fragen?“

Er nahm an, dass sie Zuspruch suchte. Da draußen schien die Welt unterzugehen, und es sah gar nicht gut für ihr Haus aus. Er konnte ja noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie diesen Tornado überleben würden. Aber das konnte er ihr natürlich nicht sagen.

„Klar“, sagte er in der Überzeugung, dass diese Situation eine Lüge rechtfertigen würde. Zumindest würde sie sich besser fühlen.

„Wer sind Dorothy und Toto?“

„Was?“, fragte er verwirrt.

„Wer sind Dorothy und Toto?“, wiederholte sie. „Und was meinten Sie, als Sie sagten, Sie hätten keine Absicht, sie zu spielen?“

Er klang so erstaunt, wie er war. „Kennen Sie nicht den Zauberer von Oz? Den Film?“, fragte er. „Kansas wurde von einem Tornado heimgesucht, und das Mädchen und der Hund wurden von dem Wirbelwind aufgesaugt.“

„Haben sie überlebt?“

Normalerweise hätte er angenommen, dass sie ihn aufziehen wollte, aber die Besorgnis auf ihrem Gesicht, war einfach zu echt.

„Ja. Das haben sie.“

„Das ist gut. Ich kenne diesen Zauberer nicht“, gab sie zu, und er musste unwillkürlich auf ihre vollen Lippen schauen, während sie sprach. Ihr Mund wirkte so einladend. Geradezu provozierend. „Aber ich habe schon von Kansas gehört. Es soll sehr flach sein.“

Diese Frau gab ihm Rätsel auf, und sie strapazierte gewaltig seine Nerven. Es war höchst unpassend, sich gerade in diesem Moment zu erinnern, wie lange er schon ohne die Zärtlichkeit einer Frau ausgekommen war. Er musste sich unbedingt auf etwas anderes als auf ihre Nähe konzentrieren.

Er zwang sich, seine Libido unter Kontrolle zu halten, und auf ihre Stimme, auf ihren Akzent zu achten. Eigentlich war er kaum wahrnehmbar, aber es war die Art, wie sie ihre Worte wählte, die ihm verriet, dass sie keine Einheimische sein konnte. Was auch erklärte, warum sie nicht den Film gesehen hatte, den jedes Kind in Amerika kannte.

„Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“

„Nein“, gab sie zu. „Ich komme aus Ohio.“

Emily wusste nicht, warum der große Fremde bei ihrer Antwort die Stirn runzelte. Dieser Ausdruck verstärkte noch die Aura von Autorität, die ihn umgab. So sahen die Könige und Krieger in den Büchern aus, die sie sich aus der Bücherei holte und reihenweise verschlang. Oder die mächtigen Männer, die die Frauenherzen in den Seifenopern stahlen, die Mrs. Clancy sich im Fernsehen anschaute.

Sie hatte ihn offensichtlich mit ihrer Frage irritiert, aber das war ihr egal. Anna galt ihre einzige Sorge. Allerdings stieg immer wieder eine schreckliche Frage in ihr auf. Was wäre passiert, wenn dieser Fremde nicht hier gewesen wäre?

Vor Angst innerlich bebend, schaute sie von dem kleinen roten Polospieler, der sich auf der Brusttasche seines dunkelblauen Polohemdes befand, zu ihrem Baby hinüber und beruhigte Anna, indem sie sanft ihren Nacken massierte. Wenn Justin Sloan nicht gewesen wäre, hätte sie es in diesem Sturm niemals geschafft, den Keller zu erreichen. Während sie sich zur Tür kämpfte, hätte der Wind ihr sicherlich das Baby aus den Händen gerissen, hätte der Tornado ihre Kleine aufgesaugt, wie es mit Dorothy und dem Hund geschehen war. Vielleicht wäre sie auch selbst davongeflogen und hätte ihrem Kind nicht helfen können.

Dieser Gedanke ließ sie erschauern. Sie war diesmal zu nah an dem Albtraum, gegen den sie so oft ankämpfte. Dieses Mal wären ihre Ängste beinahe Wirklichkeit geworden.

Aber glücklicherweise war nichts passiert, erinnerte sie sich. Sie waren in Sicherheit. Zumindest im Moment. Beschützt von diesem Mann, der aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war und seinen starken muskulösen Körper wie ein Schild für sie einsetzte.

Er musste gespürt haben, wie sie zitterte, denn er zog sie jetzt noch näher an sich heran. Sie ließ es willig geschehen, zu überwältigt von ihren Ängsten, um reagieren zu können. Sie wusste, dass der Tornado großen Schaden auf ihrem Grundstück und an ihrem Haus angerichtet haben musste. Und sie wusste auch, dass sie wieder aufbauen musste, was immer die Naturgewalt zerstört hatte. Aber im Moment, für wenige kostbare Sekunden, brauchte sie sich nicht allein allen Verantwortungen zu stellen.

Und dieses Gefühl war so wunderbar, so intensiv, dass es fast schon zur Qual wurde. Sie wusste nicht, ob es richtig war, sich etwas so stark zu wünschen. Sie wusste nur, dass sie wie eine Verdurstende dieses Gefühl in sich aufsog. Das Verlangen, in der Umarmung dieses Fremden zu verharren, war das Stärkste, das sie seit langem – und zwar schon lange vor dem Tod ihres Ehemannes – empfunden hatte.

Der Gedanke, diesen Schutz, diesen sicheren Hafen zu verlassen, war fast unerträglich, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie spürte seinen muskulösen Körper, seine Anspannung und die Wärme, die von ihm ausging.

Sie schaute auf, und ihr Herz machte einen kleinen Satz, als sein Blick für einen Moment auf ihre Lippen fiel, und er ihn dann, als hätte man ihn bei etwas Unrechtem ertappt, rasch senkte.

Dann rückte er so weit von ihr ab, wie es ihm möglich war, ohne die schützende Umarmung zu lösen, und wies mit dem Kopf auf das Baby.

„Ist mit ihr alles in Ordnung?“

Sie hob sanft das kleine Gesicht ihrer Tochter zu sich und sah, wie Anna gähnte und sich missbilligend mit der winzigen Faust das Näschen rieb. Sie lag lieber mit dem Kopf an der Schulter ihrer Mutter, statt an ihre Brust gepresst zu werden.

„Ihr geht es gut“, versicherte Emily ihm.

„Da haben Sie noch einmal Glück gehabt.“

„Ich weiß“, flüsterte sie. „Wenn Sie nicht gewesen wären …“

„Ich rede nicht von mir. Ich meinte Ihr Verhalten.“

Sie schaute ihn verständnislos an. „Was meinen Sie?“

„Sie wussten doch offensichtlich, was sich da zusammenbraute, aber Sie haben trotzdem versucht Ihre Pflanzen zu retten, statt Ihre Tochter in die Sicherheit des Hauses zu bringen.“ Tadel und Unglauben spiegelten sich in seinen faszinierenden grauen Augen wieder. „Warum haben Sie sie überhaupt mit nach draußen genommen? Was hätten Sie gemacht, wenn sie verletzt worden wären?“

Sie straffte unter seiner Anschuldigung unwillkürlich die Schultern an und hob das Kinn. Es ging kein Moment vorbei, an dem sie sich nicht bewusst war, dass sie ganz allein für das Wohlergehen ihrer Tochter verantwortlich war. Ob sie nun die Beete umgrub, pflanzte, Unkraut jätete oder bei den Clancys putzte, ihr Kind war stets in einem Tragetuch an ihrer Brust oder lag ganz in der Nähe an einem geschützten Ort. Ihr Kind war stets in ihren Gedanken.

Noch vor wenigen Momenten hatte sie sich bei dem Mann beschützt und geborgen gefühlt. Doch durch seine Anklage empfand sie die Schwierigkeit ihrer Situation jetzt mit doppelter Stärke, und sie fühlte sich verletzlich und ihrem Schicksal ausgeliefert.

„Sie war dort, weil ich sie immer bei mir habe. Dort ist sie sicherer, als wenn sie allein im Haus wäre. Und mit diesen Pflanzen verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Sie sind mein einziges Einkommen“, informierte sie ihn. „Ich habe bereits durch den Frost viele verloren. Ich habe versucht, diese zu retten, weil ich mir keine Verluste mehr erlauben kann.“

Sie schluckte. Wahrscheinlich war ihre Mühe umsonst gewesen, und sie hatte doch alle verloren. Dann wurde sie sich plötzlich der Stille um sie herum bewusst. Sie schob rasch ihre zwiespältigen Gefühle zur Seite und straffte sich. Sie wusste, dass sie sich den Tatsachen da draußen stellen musste.

Sie schaute auf, vermied es aber, Justin anzusehen. „Der Sturm hat sich gelegt. Ich glaube, der Tornado ist vorbeigezogen.“

Er erwiderte nichts und versuchte auch nicht, weiter in sie zu dringen. Welches Recht hatte er, dieser Frau Vorwürfe zu machen? Er hatte die Resignation bemerkt, die auf ihr blasses Gesicht getreten war, während sie das Kind an ihre Schulter legte und das weiße Hemdchen glatt strich.

Er wandte sich dem riesigen Ast und den zerstörten Kisten zu, stemmte die Hände gegen die Hüften und seufzte. Er war hier nicht in seinem Element. Er wusste nichts übers Landleben und schon gar nicht über Babys. Er bekam ein schlechtes Gewissen, aber nicht nur, weil er ihr ungerechtfertigt Vorwürfe gemacht hatte, sondern auch und vor allem, weil er so empfänglich für ihre weiblichen Reize gewesen war. Dann schob er diese Gedanken energisch zur Seite und sah zu der Treppe hinüber, auf der ein Teil des riesigen Astes lag.

Sie trat hinter ihm vor. „Wenigstens sind die Stufen nicht durchgebrochen.“

„So spricht ein wahrer Optimist.“

„Zumindest versuche ich einer zu sein“, murmelte sie und schaute unsicher durch das Blätterwerk zum Ausgang hoch.

Sie hatte keine Ahnung, was sie draußen vorfinden würde. Als er ihre Unsicherheit sah, stieg auf einmal Mitgefühl für die junge Frau in ihm auf. Entschlossen schob er den dicken Ast zur Seite, der die ersten Stufen blockierte, und hielt ihn mit seinem Rücken zurück. Es würde kein Problem sein, durch die kleineren gesplitterten Äste nach oben zu gelangen. „Ich werde als Erster hinaufgehen und Ihnen dann helfen.“

„Es ist leichter, wenn ich zuerst gehe. Hier“, erklärte sie und hielt ihm das Baby entgegen. „Wenn ich oben angekommen bin, reichen Sie sie mir hoch.“

Justin erstarrte. Trotz des Schmerzes in seiner Schulter hatte er unwillkürlich seine Hände ausgestreckt. Er hätte das Gleiche getan, wenn jemand ihm einen Ball zugeworfen hätte. Allerdings hätte er bei einem Ball gewusst, was er mit ihm anfangen sollte, aber bei diesem winzigen Geschöpf, das ihn gerade mit großen Augen ansah, hatte er nicht die leiseste Ahnung.

Der unglaublich leichte Körper des Babys war kaum länger als sein Unterarm. Die winzige Faust, mit der es leicht herumfuchtelte, bevor es sie in den Rosenknospenmund steckte, war kleiner als die obere Hälfte seines Daumens.

Seine Mom, die noch mit ihren Händen das Baby festhielt, schien seine Bedenken zu spüren. „Haben Sie sie?“

Sein Nicken war zögerlicher, als es Justin recht war. Entschlossen stützte er mit einer Hand den Hinterkopf des Säuglings, während er die andere unter seinem Rücken liegen ließ. „Ja, gehen Sie nur.“

Aber fallen Sie nicht, flehte er innerlich, als Emily sich von ihm und ihrem Kind abwandte und die Babytrage aufhob. Was sollte er mit dem Säugling machen, wenn die Mutter seine Hilfe brauchte? Angesichts dieses kleinen Mädchens fühlte er sich völlig hilflos. Und da er daran gewöhnt war, stets alles im Griff zu haben, gefiel ihm dieses Gefühl überhaupt nicht.

„In Ordnung“, hörte er Emily rufen, als das Rascheln der Blätter verstummt war. „Ich werde sie jetzt nehmen.“

Er hatte sich nicht gerührt. Er hatte nicht einmal den Blick von dem kleinen Gesicht genommen, das so perfekt war. Er schaute auf und sah, wie sich Emilys Silhouette gegen den heller werdenden Himmel abzeichnete. Sie stellte die Babytrage auf den Boden und stieg noch einmal zwei Stufen hinunter, um sich dem Kind entgegenzubeugen.

Er trat auf die unterste Stufe der Treppe und schob das Baby ganz vorsichtig durch die Zweige. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, als das Baby mit den Armen zu fuchteln begann, aber seltsamerweise gab es keinen Laut von sich. Als Emily schließlich das Kind aus seinen Händen nahm, war Justins Seufzer der Erleichterung deutlich zu hören.

2. KAPITEL

Der Regen hat so abrupt aufgehört, wie er begonnen hatte, war Justins erster Gedanke, als er den nassen Rasen betrat.

Sein zweiter Gedanke galt seinem Wagen.

Mit sinkendem Mut lief er an Emily vorbei und schaute zur Straße hinüber. Unter den schweren Wolken konnte er nur schattenhaft die Wipfel der Bäume sehen, die nahe der Brücke standen. Aber sie waren immer noch da, so groß und mächtig, wie sie gewesen waren, als er seinen Wagen darunter geparkt hatte. Dort drüben schien der Tornado keinen Pfad der Verwüstung hinterlassen zu haben. Das Land schien unberührt.

Die leere Batterie war also immer noch sein einziges Problem. Emily Miller hingegen war nicht so gut weggekommen. Er schaute zu ihr hinüber und sah, wie sie den Walnussbaum anstarrte, beziehungsweise den zersplitterten Stumpf, der von ihm übrig geblieben war. Der Stamm war nirgendwo zu sehen. Nur einige Teile der mächtigen Krone lagen herum. Einer davon hatte einen Pfeiler der Veranda zerstört, der andere war bei ihnen im Keller gelandet. Doch glücklicherweise schien das Haus unversehrt, und wie durch ein Wunder stand auch noch das Gewächshaus. Sogar der Windmühle war noch nicht einmal ein Flügel abgebrochen worden.

Er hatte eine viel größere Zerstörung erwartet.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“, fragte er, da sie immer noch wie angewurzelt auf einer Stelle stand. Er ging zu einer Wasserpumpe hinüber und befreite sie von einem Laken, das der Sturm darum gewickelt hatte. Er warf es über die Wäscheleine und betrachtete Emily. „Es tut mir leid um den Baum und um Ihre Veranda“, erklärte er. „Aber es sieht so aus, als ob Sie sonst nichts verloren hätten.“

„Nein“, reagierte Emily auf seine ermunternde Bemerkung. „Nein, ich glaube nicht.“ Doch ihre Stimme hatte bereits die Kraft verloren, die sie beim ersten Wort erzwungen hatte. „Es hätte wirklich schlimmer werden können.“

Sie hauchte einen Kuss auf Annas Köpfchen und schaute zu dem Zweigen- und Blättergewirr vor ihrer Hintertür hinüber. Sie hatte sofort bemerkt, dass ihre Felder und ihr Gewächshaus fast unbeschädigt geblieben waren, aber ihr Atem ging immer noch stockend, als sie sich langsam dem Haus zuwandte.

Es hätte wirklich schlimmer kommen können. Einen Baum zu verlieren und eine Veranda reparieren zu müssen, war nichts im Vergleich zu dem, was der Tornado hätte anrichten können. Es gab immer etwas Gutes, das das Schlechte ausglich, hatten ihre Mutter und ihre Großmutter immer gesagt. So war das Leben. Es spielte keine Rolle, dass ihr eigenes Leben völlig aus dem Gleichgewicht geraten war. Sie sollte erleichtert sein, dass ihr größeres Leid erspart geblieben war. Und vor allem dankbar. Sie sollte mit Würde und Anstand ihren Verlust ertragen.

In diesem Sinne war sie aufgezogen worden. Etwas anderes kannte sie nicht, obwohl sie zugeben musste, dass es ihr nie leicht gefallen war, Schicksalsschläge so demütig zu akzeptieren. Während sie ihr Kind an sich schmiegte, traten ihr Tränen allein bei dem Gedanken in die Augen, wie viele Arbeitsstunden es sie kosten würde, die ganzen Zweige zu zersägen. Aber sie wagte es nicht, zu weinen. Sie hatte viel zu viel Angst, dass dann ihre Tränen nie mehr versiegen würden.

Und sie musste unbedingt nachsehen, wie es ihren Nachbarn ergangen war.

Das Korn hinter ihrem Haus wiegte sich in dem leichten Wind, doch zwei Felder weiter sah sie nur nackte Erde und ein riesiges rot-weißes Teil, das verdächtig nach einem Stück Stalldach aussah.

„Ich muss nachsehen, ob mit den Clancys alles in Ordnung ist“, sagte sie und fühlte sich plötzlich unbehaglich unter dem Blick ihres Retters. „Mrs. Clancy hat gerade erst eine Hüftoperation hinter sich, und ihr Sohn ist mit seiner Familie einige Tage verreist. Wir müssen nachschauen, ob sie Hilfe brauchen.“

Justin hatte die Hände gegen die Hüften gestemmt und sah sie mit gerunzelter Stirn an. Er hat eine sehr direkte und bestimmte Art, mich anzuschauen, dachte sie. Aber dieser Mann schien immer bestimmt zu sein, wenn es um seine Bedürfnisse und Meinungen ging. „Sie wollten doch telefonieren. Kommen Sie mit.“

„Danke, aber ich glaube, ich werde mich gleich zur Stadt aufmachen. So wie es dort drüben aussieht“, bemerkte er und wies mit dem Kopf zu den teilweise zerstörten Feldern hinüber, „wird der Tornado die Telefonleitungen beschädigt haben.“

Sie zuckte mit der Schulter und hoffte, dass diese Bewegung so lässig wirkte, wie sie es beabsichtigt hatte. „Tornados haben eine seltsame Art an sich. Ich habe schon gehört, dass Wände eines Hauses abgerissen worden waren, aber nichts im Inneren zerstört worden war. Ich glaube, das Teil dort drüben gehört zu Mr. Clancys Scheune.“

Sie versuchte ihm zu erklären, dass er Zeit sparen würde, wenn er mit ihr käme, gleichzeitig aber machte seine Anwesenheit sie verlegen. Er sah es an der Art, wie sie es vermied, seinem Blick zu begegnen. Ihr Gesichtsausdruck war angespannt, und er war sicher, dass sie viel mehr unter den Schäden litt, die der Tornado angerichtet hatte, als sie zugeben wollte. Doch so aufgewühlt sie sein musste, nach außen hin verriet sie nichts von ihren Gefühlen. Er musste ihre Selbstbeherrschung bewundern, aber er konnte ihr Verhalten auch nicht ganz verstehen. Er kannte keinen einzigen Menschen, der zuerst an seine Nachbarn denken würde, obwohl er sich selbst in einer Krise befand und Schaden erlitten hatte. Auch die Tatsache, dass sie sich an sein Problem erinnerte, überraschte ihn. Nach den Vorwürfen, die er ihr gemacht hatte, hätte sie ihn genauso gut sich selbst überlassen können.

Sie hatte eine Brusttrage aus Jeansstoff unter der weichen Decke, die auf der Babytrage lag, herausgeholt und steckte nun die Beinchen des Säuglings durch die beiden Beinlöcher. Dann legte sie sich die Tragegurte um.

„Selbst wenn die Telefonleitung tot ist“, sagte er und fragte sich, wie es wohl aussähe, wenn ihr langes blondes Haar offen über ihre Schultern fallen würde, „könnte Ihr Nachbar mir immer noch helfen … meinen Wagen in Gang zu bringen …“

Verärgert über die Richtung, die seine Gedanken nahmen, wandte er rasch die Aufmerksamkeit von ihr ab. „Es sieht so aus, als hätten Sie schon einmal solch ein Unwetter erlebt. Das Gewächshaus …“, sagte er und schaute in seine Richtung. „Es hat nur einige Fenster. Hat ein Sturm die anderen bereits auf dem Gewissen?“

Eine lange Strähne seidigen blonden Haares hatte sich aus ihrem Zopf gelöst. Sie strich sie zurück und steckte ein kleines weißes Tuch unter das Kinn des Babys.

„Das dort sind die einzigen Fenster, die jemals eingebaut wurden. Mein Mann hat das Gewächshaus im letzten Jahr gebaut, aber der Winter kam, bevor er seine Arbeit beenden konnte.“

„Ich habe bereits einen Mann für diese Arbeit angeheuert“, fuhr sie fort, während sie Justin ein Zeichen gab, ihr über die Wiese zu folgen. „Er hat die Fenster eingebaut, die Daniel gerahmt hatte, und ich gab ihm Geld, um die restlichen zu kaufen, aber er hat sie noch nicht gebracht. Da ich nicht genug Plastikfolie habe, um die vom Sturm zerrissene zu ersetzen“, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu ihm, „hoffe ich, dass er bald kommt.“

„Wie lange ist es denn schon her, dass Sie ihm das Geld gegeben haben?“

„Zwei Wochen und zwei Tage. Da er die Fenster zum günstigsten Preis kaufen wollte, meinte er, dass es eine Weile dauern würde.“

Sie waren jetzt auf eine schmale ungeteerte Straße gestoßen, die an beiden Seiten von Kornfeldern gesäumt war.

„Kennen Sie den Mann denn?“, fragte er, während sie den Weg entlanggingen und dabei geschickt den Pfützen auswichen.

„Nein, er ist gekommen und hat gefragt, ob ich Arbeit für ihn hätte. Er sagte aber, dass er bereits bei vielen Leuten in dieser Gegend ausgeholfen hätte.“ Sie legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Ich frage mich, ob er vielleicht auch meine Veranda reparieren würde, wenn er wiederkommt.“

Du solltest die Sache auf sich beruhen lassen, sagte Justin sich. Er sollte sich darauf konzentrieren, wie ruhig es wieder war, obwohl noch vor wenigen Minuten hier draußen die Hölle getobt hatte. Es war so friedlich. Es gab keinen Verkehr. Keine Hupen, keine Sirenen, keine quietschenden Reifen. Er sollte einfach nur diese Stille genießen. Er sollte ihr keine Fragen stellen, auf die sie wahrscheinlich wieder eine selbstverständlich klingende Antwort parat hatte. So wie vorhin auf die Frage, warum sie ihr Kind bei einem aufkommenden Tornado draußen gelassen hatte.

„Er sagte, dass er schon für Leute aus dieser Gegend gearbeitet hätte?“, fragte er trotzdem. Er war einfach zu neugierig, um dieses Thema fallen lassen zu können. „Haben Sie sich denn keine Namen sagen lassen?“

„Ich hätte ja doch keine Zeit gehabt, seine Aussage zu überprüfen. Außerdem hätte ich sofort gesehen, wenn er schlechte Arbeit leistete, nicht wahr?“

Ihr Gedanke war nicht unlogisch, nur leider traf sie ganz und gar nicht den Punkt. Er hätte sein Büro darauf verwettet, dass dieser Mann ein Betrüger war.

„Ich nehme nicht an, dass dieser Mann aus dieser Gegend ist.“

„Er hat nichts davon gesagt.“

Er sah sie von der Seite an. „Kennen Sie seinen Namen?“, fragte er und gab sich Mühe, einen normalen Tonfall beizuhalten. Die Leichtgläubigkeit dieser Frau war einfach unglaublich.

Der Blick, den sie ihm zuwarf, war erstaunlich geduldig. „Natürlich kenne ich den. Der Mann heißt Johnny Smith.“

John Smith. Wie originell.

„Sie haben also diesem Mann, den Sie so gut wie gar nicht kennen, Geld gegeben, damit er Ihnen Fenster kauft, und seit zwei Wochen nichts mehr von ihm gehört.“

„Er sagte, er wollte mir die Fenster für den günstigsten Preis besorgen“, erinnerte sie ihn, wirkte aber auf einmal ein wenig unsicher. „Und er hat mir die anderen Fenster eingebaut. Er hat gute Arbeit geleistet.“

„Darf ich Sie fragen, wie viel Sie ihm dafür bezahlt haben?“

„Zwanzig Dollar.“

„Und was haben Sie ihm für die Fenster gegeben?“

„Ich hatte nur hundert.“

Es lag so viel Unschuld in diesen hübschen Augen. Und Vorsicht. Und Besorgnis, bemerkte Justin, bevor Emily wieder den Blick auf den Weg richtete, damit sie sah, wohin sie trat.

Ja, Johnny Smith hat gute Arbeit geleistet, dachte er ironisch. Er hatte eine nette Frau um ihr Geld betrogen. „Vielleicht wollen Sie diesen Johnny der Polizei melden, Mrs. Miller. Er hat Ihr Geld gestohlen.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Emily und sah Justin fassungslos an. „Nein, das glaube ich keinen Moment. Er war viel zu nett, um so etwas zu tun.“

Auf einmal fand er sie nicht mehr unschuldig, sondern einfach nur naiv. Offensichtlich war sie fest entschlossen, nur das Beste in jedem Mensch zu sehen. Und diesen Zug fand er eher gefährlich als bewundernswert.

„Es gibt bestimmt viele nette Gauner hier in dieser Gegend“, entgegnete er und fragte sich, ob diese Frau jemals ihre Farm verlassen hatte. „Sind Sie denn noch niemals zuvor hereingelegt worden?“

„Hereingelegt?“

„Na ja, betrogen, angeschwindelt? Sind Sie und Ihr Ehemann noch niemals von solchen Typen ausgenutzt worden?“

Sie wandte den Blick ab, und so etwas wie Schuld huschte über ihr fein geschnittenes Gesicht. „Er hat mir nichts genommen, was ich ihm nicht freiwillig gegeben hätte.“

Er wusste nicht, ob ihre Stimme so ausdruckslos war, weil sie ihren Fehler erkannt hatte, oder ob sie diesen Betrüger auch noch in Schutz nahm. Aber eigentlich war es Justin auch egal, er war viel mehr an der Frage interessiert, warum sie nicht auf ihren Ehemann einging.

Die meiste Zeit sprach sie in der Einzahl, und sie machte auch keine Andeutungen darüber, dass ihr Mann etwas mit diesem Ganoven zu tun gehabt hatte. Das Seltsamste aber war, dass sie sich überhaupt keine Sorgen machte, wie es ihrem Mann während dieses Sturms ergangen sein könnte.

Wenn man alle Fakten betrachtete, musste man annehmen, dass sich Mr. Miller nicht mehr in der Nähe befand.

„Hören Sie zu“, sagte er und wusste, dass er sie erneut in Verlegenheit gebracht hatte. Er war an Leute gewohnt, die sich besser verteidigen konnten. An Leute mit Haaren auf den Zähnen. „Ich kann manchmal etwas zu direkt sein, aber ich finde, Sie sollten wirklich dafür sorgen, dass dieser Mann hinter Gittern kommt. Sonst geben Sie ihm nur die Möglichkeit, noch weitere Menschen zu betrügen.“

„Selbst wenn es stimmt, was Sie gesagt haben … was ich nicht glaube“, fügte sie rasch hinzu. „Ich wüsste nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich weiß nichts über Ihr … über das Gesetz.“

„Ich aber. Ich bin Anwalt. Allerdings ist das nicht mein Gebiet“, gab er zu. „Ich meine, das Strafrecht und solche Dinge. Ich übernehme nur geschäftliche Dinge. Aber ich könnte dem Sheriff erklären, was Sie mir gesagt haben. Er könnte dann zu Ihnen rausfahren, und er würde alles in Ruhe mit Ihnen regeln.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das das Herz wärmte, ein Lächeln wie die ersten Sonnenstrahlen, die jetzt durch die Wolken brachen. „Ich danke Ihnen für Ihr Angebot. Das ist wirklich nett von Ihnen. Aber vielleicht kommt er ja doch noch zurück.“ Sie glitt mit dem Blick wieder zum Horizont hinüber. „Und dann hätte ich ihn zu Unrecht beschuldigt. Er wird schon zurückkommen.“ Ihre Stimme wurde noch leiser. „Daran muss ich einfach glauben.“

Für einen Moment sagte Justin gar nichts. Es hatte fast so etwas wie Verzweiflung in ihrer Stimme gelegen. So als wollte sie nicht diese schwache Hoffnung verlieren, als wenn Hoffnung alles wäre, was sie hatte.

Er hatte keine Ahnung, was ihn zu diesem Gedanken veranlasst hatte. Doch sein Instinkt sagte ihm, dass er recht hatte. Er könnte ihr noch länger erklären, wie brillant dieser Gelegenheitsarbeiter sie reingelegt hatte. Er könnte sie darauf hinweisen, dass seine angebliche Suche nach dem günstigsten Preis nur ein Vorwand gewesen war, um ungestört verschwinden zu können. Aber ihr Geld war bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden, und warum sollte er ihr das Leben noch schwerer machen, als es bereits war.

„Wie lange ist Ihr Ehemann schon fort?“, fragte er schließlich und ließ einige Male vorsichtig seinen schmerzenden Arm kreisen.

Emily schaute ihn an und sah dann rasch wieder zu Boden. „Wer hat gesagt, dass er fort ist?“ Das Misstrauen, das Justin gerade in ihr geweckt hatte, gefiel ihr nicht, obwohl auch ihr bereits Zweifel über diesen Johnny Smith gekommen waren. Es gefiel ihr auch nicht, dass dieser Justin Sloan spürte, wie wenig sie noch über Dinge wusste, die sie erst langsam zu lernen begann. Es gab noch so viel, das neu für sie war. So viel, das sie nicht verstand. Und woher wusste dieser Fremde nur, dass Daniel nicht mehr bei ihr war?

„Nein, das haben Sie nicht“, erwiderte er. „Und ich kann auch verstehen, warum Sie wollen, dass kein Fremder erfährt, dass Sie hier allein leben. Aber wenn Sie noch mit Ihrem Ehemann zusammen wären, hätten Sie sich bei diesem Sturm Sorgen um ihn gemacht. Sie aber haben nur Ihre Nachbarn erwähnt.“

Am Wegesrand tauchte jetzt immer öfter dorniges Gestrüpp auf, und er war näher an sie herangerückt. Wie nah, war ihr erst klar geworden, als sie seinen würzigen männlichen Duft wahrnahm. Und auf einmal fiel ihr wieder ein, wie gut es sich anfühlte, seine Arme um sich zu spüren und den Kopf an seine Schulter zu legen.

Er war so gar nicht wie der Gelegenheitsarbeiter, der vor einigen Wochen vor ihrer Tür aufgetaucht war. Der Mann, der sich Johnny Smith nannte, war zu schüchtern gewesen, um ihr direkt in die Augen zu schauen, und hatte nie eine persönliche Bemerkung gemacht. Und niemals hatte sie in seiner Nähe diese prickelnde Wärme in ihrem Bauch gespürt.

Verwirrt über dieses ungewohnte Gefühl senkte sie den Kopf und gab sich große Mühe, es zu verdrängen. „Haben Sie mit Ihren Feststellungen immer recht?“

„Die Liste ist ganz schön beeindruckend.“

Sein Mangel an Bescheidenheit überraschte sie nicht.

„Ich nehme an, dass alle Anwälte gut darin sind. Ich habe bisher noch nie persönlichen Kontakt mit einem gehabt, aber ich habe bereits im Fernsehen einen gesehen, in einer von diesen Serien, die Mrs. Clancy sich immer anschaut. Er hatte das gleiche Verhalten wie Sie.“

„Ist das jetzt gut oder schlecht?“

„Keines von beiden. Aber Sie haben recht, was Daniel betrifft“, fuhr sie fort. „Daniel weilt nicht länger unter uns.“

Überraschung und Mitgefühl spiegelte sich auf seinem Gesicht wider. „Ist er schon lange tot?“

„Er ist erst letzten Frühling gestorben. Er hat für Mr. Clancy gearbeitet“, erklärte sie mit leiser Stimme. „Daniel war auf einer Farm aufgewachsen, aber er hat sich mit diesen großen Maschinen nicht ausgekannt, die man hier benutzt. Er wurde getötet, als er versuchte, ohne Mr. Clancy eine Mähmaschine zu reparieren.“

Sie streichelte den Rücken ihres Babys, eine Bewegung, die ihr ebenso viel Trost zu spenden schien wie dem Kind. „Ich habe das Gerede von Gängen und Schneideblättern nicht verstanden. Auf jeden Fall hatte er vergessen, irgendeine Bremse zu ziehen.“

Es gab Zeiten, da hatte sie das Gefühl, erst gestern die schreckliche Nachricht von Daniels Tod erhalten zu haben. Es gab andere, da konnte sie sich kaum noch an das jungenhafte Gesicht ihres Mannes erinnern. Wenn sie an Daniel dachte, versuchte sie sich ins Gedächtnis zu rufen, wie glücklich sie einst gewesen waren, aber das war zu lange her, als dass sie sich wirklich noch daran erinnern könnte. Viel zu lange. Und manchmal fragte sie sich, ob sie überhaupt jemals glücklich gewesen waren.

„Das tut mir leid“, hörte sie Justin sagen.

„Mir auch. Daniel war ein guter Mann.“

„Wie alt ist Ihr Baby?“

Ein Lächeln nahm etwas von der Anspannung, die auf ihrem Gesicht lag. „Es ist drei Monate alt.“

Es ist jetzt Mitte Juli, dachte Justin. Das bedeutete, dass sie bereits allein gewesen war, als das Baby geboren wurde.

Diese Vorstellung bedrückte ihn. Er hatte nicht erwartet, dass diese hübsche junge Frau eine Witwe war.

Er hatte angenommen, dass ihr Mann sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. Die ganze Geschichte war irgendwie seltsam. Wie konnte es sein, dass ein Mann, der sein ganzes Leben auf einer Farm verbracht hatte, sich nicht mit Maschinen auskannte?

Und da seine Neugierde bereits geweckt war, würde er nicht aufgeben, bis er eine Antwort auf seine Frage bekommen hatte. Allerdings wollte er sie dabei auf keinen Fall verletzen. Mit ihrer schlanken, biegsamen Figur, der zarten Haut und dem glänzenden hellblonden Haar wirkte sie so zerbrechlich wie eine edle Porzellanfigur. Sie hielt sich wirklich tapfer, und in Anbetracht der Umstände war es wirklich erstaunlich, dass sie ihre Haltung noch nicht verloren hatte.

Es gab natürlich auch einen Grund, der dafür sprach, seine Neugierde im Zaum zu halten. Er hasste Tränen. Zugegeben, bisher hatten Frauen bei ihm nur aus Wut geweint, oder ihre Tränen als Mittel zum Zweck eingesetzt. Bei Emily hingegen sah das ganz anders aus. Wenn eine Frau das Recht zu weinen hatte, dann sie, aber er wollte trotzdem nicht riskieren, dass sie die Fassung verlor. Er hatte sich noch nie in der Gesellschaft einer Frau befunden, die wirklich und wahrhaftig Trost und Zuspruch brauchte. Und er war sich nicht sicher, ob er überhaupt wusste, wie er sich dann verhalten sollte.

„Können Sie die Farm der Clancys da oben sehen“, fragte sie, und eine ungeheure Erleichterung durchströmte ihn, als sie die Augen mit einer Hand abschirmte und die Straße hinaufsah. „Oh, gut.“ Sie lächelte. „Der Tornado hat ihr Haus verschont.“

Aber etwas schien er auf seinem Pfad der Verwüstung beschädigt zu haben. Aus der Nähe des Hauses, vom teilweise abgedeckten Stall, drang das verzweifelte Schreien von Kühen zu ihnen herüber.

Obwohl das Farmhaus der Clancys keinerlei architektonischen Reiz besaß, wirkte das graue große Kastenhaus mit seinen Spitzengardinen und den überquellenden Blumenkästen vor den Fenstern doch sehr einladend. Ein großer Aluminiumsilo ragte wie ein silberner Riese in den sich langsam aufklärenden Himmel hinein.

Das Wehklagen wurde lauter, als sie dem Stall näher kamen. Von hier aus konnte man sehen, wie viel Schaden der Tornado auf seinem Weg angerichtet hatte. Zäune waren niedergerissen, Bäume entwurzelt und ein Teil des Stalles zerstört.

„Da ist Mr. Clancy.“ Emily ging auf einen kleinen Mann zu, der lose Bretter zusammensammelte. „Und dort ist seine Frau“, murmelte sie, als sie eine Bewegung neben den Heuballen sahen. „Was sucht sie nur hier draußen?“

„Mrs. Clancy?“, rief sie mit gerunzelter Stirn. „Sie sollten sich nicht hier draußen aufhalten. Sie werden sich noch verletzen.“

„Das habe ich ihr ja die ganze Zeit gesagt“, rief der untersetzte kleine Mann ihnen zu, während er ein weiteres Brett auf einen Stapel warf. „Würden Sie sie bitte für mich zum Haus zurückbringen, Emily? Ich muss das Vieh befreien.“

Die Frau, die ihre Haare auf pinkfarbene Schaumlockenwickler gedreht hatte, stützte sich auf einen Stock und schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab. Ihr Kleid flatterte um ihre Beine, während sie neugierig zu Emily und Justin hinüberschaute.

„Geht es dir gut, Kind?“

„Uns geht es gut. Ich habe nur einen Baum und die Kellertür verloren. Und einen Verandapfosten. Niemand ist verletzt worden.“

„Dann werde ich mich setzen und das Baby nehmen, damit du Sam helfen kannst.“ Ihre wachen haselnussfarbenen Augen schauten zu Justin hinüber, der seinen Schritt verlangsamt hatte. Als Emily neben ihr stand, flüsterte sie: „Wer ist dieser Mann?“

„Ein Anwalt. Er war angeln, und sein Wagen war stehen geblieben. Er möchte fragen, ob er Ihr Telefon benutzen könnte.“

Die Frau, die Mitte fünfzig sein mochte, begutachtete Justin und wanderte mit dem Blick von seinen dunklen kurz geschnittenen Haaren bis zu seinen teuren Wanderstiefeln hinunter.

„Natürlich hätten Sie unser Telefon benutzen können“, versuchte sie, das immer verzweifelnder klingende Blöken zu übertönen, das aus dem beschädigten Stall drang. „Aber leider ist die Leitung tot.“

„Das habe ich mir schon gedacht“, versicherte Justin, der bereits bemerkt hatte, dass einer der Telefonmasten umgestürzt war.

Er schaute zum Stall hinüber, dessen entferntere Seite aussah, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Das Gesicht des Farmers war schneeweiß vor Anstrengung. Keuchend versuchte er, durch das Gewirr von Kabeln und Brettern zu seinen Kühen zu gelangen. Das laute Blöken wurde jetzt noch von einem herzzerreißenden Quieken übertönt.

Justin fluchte leise. Was für einen Verlauf hatte dieser Tag genommen. Er hatte vom Stress seines Alltags flüchten wollen und war mitten im Reich von Oz gelandet. Wenn er vorgehabt hätte, sich Katastrophen zu stellen, hätte er auch an seinem Schreibtisch in Chicago bleiben können. Dort gab es genug davon.

„Sie bleiben hier und passen auf die Lady dort auf“, sagte er schließlich zu Emily. Es blieb ihm keine andere Wahl, als diesem Mann dort zu helfen und dafür zu sorgen, dass alles einen guten Ausgang fand.

„Dort drinnen sind eine Kuh und ihr Kalb gefangen“, erklärte Mrs. Clancy, während das Baby zu wimmern begann. „Weaner ist auch drin.“

„Der Hund?“, fragte er.

Mrs. Clancy zögerte. „Das Schwein“, erwiderte sie. „Hunde hören sich anders an.“

„Ich weiß, wie sich ein Hund anhört. Aber Sie geben einem Schwein den Namen Weaner?“

„Warum nicht? Es war so ein herziges Ferkel.“

Das Baby gab erneut einige frustrierte Laute von sich, und seine Mutter wiegte es sanft. Doch das schien den Säugling nicht zu beruhigen. Er warf heftig den Kopf herum und begann jetzt lautstark zu schreien.

„Ich glaube, sie will gestillt werden“, bemerkte die ältere Frau.

„Ja, sie hat wohl Hunger.“ Sie schaute mitleidig auf ihr Kind. „Du hast den Zeitpunkt schlecht gewählt, meine Kleine. Ich muss doch Mr. Clancy helfen.“

„Ich sagte doch, dass ich Ihrem Nachbarn helfen werde.“ Justin trat einen Schritt zurück. Die Richtung, die die Unterhaltung genommen hatte, rief Unbehagen in ihm hervorrief. Babys und Stillen gehörten einfach nicht zu seinem Ressort. „Sie können sich in aller Ruhe um sie kümmern.“

„Aber es könnte sein, dass die Tiere verletzt sind und …“

„Ich werde schon klarkommen“, beharrte er. „Bleiben Sie hier.“

Emily schaute ihn verwirrt an, aber er sagte kein Wort mehr, sondern drehte sich um und ging entschlossen zu Mr. Clancy hinüber. Selbst wenn ihr Baby sie jetzt nicht brauchte, hätte er Emily nicht in der Nähe des einsturzgefährdeten Stalles haben wollen. Ihm selbst war nicht wohl zumute, dort zu sein. Nicht nur, weil er verletzt werden könnte, sondern vor allem, weil er sich überhaupt nicht mit Tieren auskannte. Bisher hatte sich sein Kontakt mit Kühen und Schweinen, beziehungsweise das mit, was davon übrig war, auf die Kühltruhe im Lebensmittelmarkt beschränkt. Er war davon überzeugt, dass ein in die Enge getriebenes, verängstigtes Tier unberechenbar und gefährlich werden konnte. Genau wie eine zurückgewiesene Frau.

Bei dem Vergleich zog sich sein Magen unangenehm zusammen. Das Letzte, woran er im Moment denken wollte, war die Tochter seines Seniorpartners. Dabei hatte er Cameron Beck noch nicht zurückgewiesen. Noch nicht. Er war glücklicherweise viel zu sehr mit der Arbeit beschäftigt, mit der ihr Vater ihn eindeckte, um viel Zeit zum Ausgehen zu haben. Aber selbst bei den gelegentlichen Abendessen oder Theaterbesuchen hatte sie ihm schon unmissverständlich gezeigt, wie sehr sie an ihm interessiert war. Irgendwann würde er ihr unmissverständlich zu verstehen geben müssen, dass er dem Heiratsmarkt nicht zur Verfügung stand. Und es auch nie tun würde.

Wenn er daran dachte, musste er zugeben, dass die Gefahr, die von den Kühen ausging, kalkulierbarer war.

„Das sieht ganz schön schwer aus“, sagte er zu dem kleinen stämmigen Mann, als er ihn fast erreicht hatte. „Kommen Sie, ich werde Ihnen helfen.“

Der Farmer, der gerade mit seinen schwieligen, abgearbeiteten Händen das Ende eines langen Balkens umfasst hatte, schaute über seine Schultern. Sein Gesicht war von der Sorge um das Vieh gezeichnet.

„Danke. Ich muss diesen Weg hier unbedingt freiräumen“, erklärte er, und da Hilfe mehr als willkommen und Eile geboten war, unterdrückte er seine Neugierde über den Fremden, der plötzlich auf seiner Farm aufgetaucht war. „Ich habe meine Tiere wegen des Sturms in den Stall gebracht, und jetzt ist ein Teil darin gefangen.“ Staub wirbelte auf, als er an dem Balken zog, der sich kaum bewegte.

Justin hielt nach rostigen Nägeln Ausschau, als er nach einer Tür griff, die auf dem anderen Teil des Balkens lag. Eine Mistgabel hatte sich in ihr Holz gebohrt, der Stiel musste während des Sturms abgebrochen sein.

Nein, das hier war nicht Oz, das war viel schlimmer.

Da er die Blicke der beiden Frauen auf sich spürte, riss er sich zusammen. Was war nur mit ihm los? Seit wann verglich er sein Leben mit Kindergeschichten? Er zog die Tür mit Schwung herunter und warf sie zur Seite. Er zuckte zusammen, als er einen stechenden Schmerz in seiner Schulter spürte.

„Du sagtest, er wäre angeln gewesen?“ Mrs. Clancy schaute Emily interessiert an.

„Das hat er gesagt.“

„Er muss einer von diesen Yuppies sein, oder wie sich die erfolgreichen jungen Leute heute nennen. Wer sonst würde ein Designershirt zum Angeln anziehen. Ich wette, dass du aus dem JCPenney-Katalog drei für das Geld bestellen kannst, was er für dieses eine bezahlt hat.“

„Das glaube ich auch.“

„Hat er gesagt, woher er kommt?“

Emily wunderte sich, dass sie es in dieser Stunde der Angst, die sie gerade durchstand, nicht vergessen hatte. „Chicago.“

Mrs. Clancy nickte. „Das habe ich mir gleich gedacht. Er sieht wie ein Großstädter aus.“

Sie hatte mittlerweile auf einem Heuballen Platz genommen, und Emily saß neben ihr und stillte Anna. Ein Baumwolltuch schützte sie vor den Blicken der Männer.

„Ich würde sagen, er ist es gewohnt, seinen Willen durchzusetzen“, bemerkte die ältere Frau, während sie zusah, wie der Betroffene einen schweren Balken schulterte. „Ich frage mich, ob er ein Erstgeborener ist? Ich weiß nicht, ob ich es bei Sally oder Oprah gesehen habe. Aber“, überlegte sie, „bei einer von ihnen war einmal eine Expertin, die über die Bedeutung der Geburtenfolge gesprochen hat. Eine Psychologin, glaube ich. Sie meinte die Erstgeborenen wären die Verantwortlichsten. Sie sind daran gewohnt, das Sagen zu haben.“ Sie senkte die Stimme, als könnte jemand hören, wie sie über Sohn sprach. „Junior ist es“, gestand sie. „Er ist so stur, wie der Tag lang ist. Genau wie sein Vater.“ Mrs. Clancy nickte bestimmt. „Und der dort drüben, dieser Anwalt, ist bestimmt genauso.“

„Ich kenne mich nicht mit diesen Dingen aus“, gab Emily zu. Sie hatte zuvor noch nicht einmal davon gehört, aber Mrs. Clancy schaute sich alle Talk-Shows an und war stets informiert. „Aber er scheint wirklich sehr selbstsicher zu sein. Außer mit Anna“, bemerkte sie und betrachtete seinen breiten Rücken. „Als er sie hielt, wirkte er so unsicher, dass ich Angst hatte, er könnte sie jeden Moment fallen lassen.“

„Warum um alles in der Welt lässt du einen Fremden dein Baby halten?“

„Weil ich nach dem Sturm aus dem Keller steigen musste.“ Ihre Stimme wurde weich, ihr Gesichtsausdruck nachdenklich, als sie das Ärmchen des Kindes streichelte. Der Gedanke, dass sie Anna hätte verlieren können, schnürte ihr die Kehle zusammen, ließ einen Schmerz in ihr aufsteigen, der schlimmer war als alles andere, was sie je zuvor erlebt hatte. Er war zu schlimm, um sich ihn vorstellen zu können. „Er hat uns geholfen, Mrs. Clancy. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn er nicht zufällig vorbeigekommen wäre.“

Für einen Moment sagte die ältere Frau gar nichts. Sie strich Emily einfach nur über den Arm.

„Nun, er ist vorbeigekommen“, sagte Mrs. Clancy und sah aus, als ob sie an den Tag dachte, an dem die Hilfe für Emilys Ehemann zu spät gekommen war. „Und dir und dem Baby geht es gut, also denk einfach nicht mehr dran.“

„Ich habe bemerkt, wie er nervös wurde, als Anna zu schreien begann“, bemerkte sie und wechselte das Thema wieder zu dem Mann, den Emily nun beobachtete. „Es kann sein, dass er noch nicht viel mit Kindern zu tun gehabt hat.“ Dann legte sie den Kopf mit den pinkfarbenen Lockenwicklern schief und runzelte die Stirn. „Ich habe gar keinen Ring an seiner Hand gesehen.“

„Einen Ring? Oh, Sie meinen einen Ehering.“ Emilys Blick fiel auf die hübschen kleinen Diamanten, die an der linken Hand der Frau glitzerten. In ihrer Gemeinde hatte man keine Ringe ausgetauscht. Wenn dort ein Mann heiratete, hatte er sich einen Bart wachsen lassen, den er sich nie mehr abrasierte. Frauen trugen dort niemals Schmuck. „Ich habe auch keinen bemerkt.“

Sie hatte seine Hände nicht gesehen, sie hatte sie nur gespürt. Sie sah zu, wie er ein weiteres Brett aufnahm, und wurde verlegen, als sie daran dachte, wie nahe sie diesem Mann schon gekommen war. Er hatte sich so warm, so fest, so gut angefühlt. Bei diesem Gedanken wurden ihre Wangen heiß, und sie senkte rasch den Blick.

„Aber irgendwas musst du bemerkt haben“, murmelte die Frau, der die aufsteigende Röte in Emilys Gesicht aufgefallen war. „Welche Frau würde solch einen Mann nicht bemerken. Aber weißt du, gerade in der Gegenwart von solchen Männern muss man besonders vorsichtig sein.“

„Erinnerst du dich daran, wie du diesen Anwalt in Die Reichen und Schönen im Fernsehen gesehen hast?“, fuhr sie fort. „Ein gut aussehender Schuft war das. Er hat die junge hübsche Nichte seines Klienten so mit seinem Charme eingewickelt, dass sie ihm willig in sein Bett gefolgt ist. Fünf Episoden lang hat er sie nicht in Ruhe gelassen, bis er sie dann schließlich für die Mutter seines Sekretärs fallen ließ. Ich sage nicht, dass dieser Mann genauso ist, und mir steht es nicht zu, über ihn zu urteilen“, erklärte sie. „Schließlich hat er dir und Sam geholfen und das spricht wirklich für ihn. Aber er ist ein Anwalt. Und er kommt aus der Stadt“, betonte sie, als ob diese beiden Tatsachen allein seine guten Taten bereits minderten.

„Beschützt wie du aufgewachsen bist, bist du solchen Typen bestimmt noch nicht begegnet. Ich meine, solchen eleganten, weltgewandten. Meistens sind sie auch noch arrogant“, murmelte sie, während ihr Gesicht sich verdunkelte. „So arrogant wie diese skrupellosen gerissenen Füchse von SoyCo, die mit Statuten und Klauseln beschäftigt sind, statt unser Kanalisationsproblem zu lösen. Unsere Felder waren wegen ihrer Nachlässigkeit überflutet, und alles, was sie sagen, ist, dass sie Zeit brauchen, um dieses Problem zu lösen. Ich kann ihnen sagen, wo das Problem liegt. Das neue Abwassersystem, das sie verlegt haben, als sie die Eiger-Farm kauften, lässt das Wasser direkt auf unser Land laufen. Alles, was sie tun müssen ist …“

„Mrs. Clancy“, warnte Emily leise. Eine Ader trat deutlich an der Schläfe der älteren Frau hervor. „Denken Sie an Ihren Blutdruck.“

Connie Clancy starrte einen weiteren Moment auf Justins Rücken und stieß dann einen Seufzer aus. „Auf jeden Fall kümmern sich diese hochstudierten Herren einen Dreck um das Leben eines gewöhnlichen Farmers. Hat dieser Sloan gesagt, was für eine Art von Anwalt er ist?“

Das hat er, dachte Emily. Er hatte erwähnt, dass er vor allem für große Gesellschaften arbeitete. Doch sie hatte das Gefühl, dass Mrs. Clancy das nicht unbedingt wissen musste.

„Ein guter“, erklärte sie schließlich. Sie war sicher, dass das nicht gelogen war.

„Das hört sich ganz nach ihm an.“

Emily zog bei dieser abfällig klingenden Bemerkung leicht die Augenbrauen zusammen. Der Gedanke, dass Justin genauso berechnend und hartherzig wie die Männer sein könnte, von denen Mrs. Clancy erzählte hatte, störte sie. Sie wusste, dass sie für eine Vierundzwanzigjährige wenig Lebenserfahrung hatte, trotzdem war sie sicher, dass Justin Sloan kein schlechter Mensch sein konnte. Da sie aber nicht mit Mrs. Clancy über die Qualitäten von Justin diskutieren wollte, entschloss sie sich, das Thema zu wechseln.

„Finden Sie, dass Anna seit letzter Woche zugenommen hat?“, fragte sie, während sie die Windel des Kindes überprüfte.

Der Gesichtsausdruck der älteren Frau hellte sich bei der Erwähnung von Annas Namen auf, aber dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Emily Miller, ich weiß, dass junge Mütter sich Sorgen machen, aber ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich so viel Sorgen macht wie Sie.“

„Aber ich finde, sie wächst gar nicht.“

„Das glauben Sie nur, schließlich sehen Sie sie dauernd. Sie ist erst einige Monate alt. Wie groß kann sie da schon sein?“ Sie schüttelte erneut den Kopf und wirkte ziemlich amüsiert. „Nicht jeder kann so ein Brocken sein wie der Enkel von Paula Fergusons. Aber man braucht sich ja nur die Mutter ansehen, die ist ja auch nicht gerade zierlich.“

Sie holte gerade Luft, um weiterzusprechen, als ein Höllenlärm sie verstummen ließ. Ein Kalb schoss aus seinem Gefängnis heraus und raste wie gehetzt zu dem Kornfeld hinüber, das der Tornado verwüstet hatte. Das Blöken der Mutterkuh, die immer noch gefangen war, wurde noch lauter.

Die Männer waren nirgendwo zu sehen.

Mrs. Clancy presste die Hand gegen die Brust. „Was um alles in der Welt …“

Sie nahm rasch die Windel von Emilys Schulter, warf sie über ihre eigene und griff mit ihren abgearbeiteten Händen nach dem Kind. Emily knöpfte hastig ihr Kleid zu und versuchte die Panik zu unterdrücken, die jetzt in ihr aufstieg. Was war mit Mr. Clancy oder dem Fremden passiert, der noch weniger über die Tücken des Landlebens unterrichtet war als Daniel?

3. KAPITEL

Emilys Panik war glücklicherweise unbegründet und verflog rasch wieder. Justin ging es gut. Das versicherte er ihr, als Emily die beiden Männer vor der eingestürzten Wand fand, die zusammenbrach, als sie die Balken entfernt hatten, hinter der das Kalb gefangen gewesen war. Dann machten sich die Männer daran, den nächsten Stapel Bretter wegzuräumen.

Die beiden waren tatsächlich unverletzt, und Emily war sehr dankbar dafür, aber es war offensichtlich, dass sie Hilfe brauchten. Doch keiner von den beiden wollte sie in diesem Durcheinander von Brettern und Balken dulden, also ließ sie die beiden widerwillig allein und jagte das Kalb zurück, das den Stall im Galopp verlassen hatte. Nachdem sie das Kalb in der Nähe der Heuballen mit einem langen Strick festgebunden hatte, ging sie mit Mrs. Clancy und Anna ins Haus, um den Clancys das Abendessen zuzubereiten. Als Gegenleistung würde sie Mr. Clancys kleine rote Kettensäge und einen Kanister Benzin erhalten.

Sie hatte einen Baum, der zersägt werden musste, und Bohnen, die der Sturm auf den Boden gefegt hatte und die eingeweckt werden mussten. Da die Sonne bereits tief am Horizont stand, hatte sie an diesem Tag nicht mehr viel Zeit zu verschwenden.

„Ich werde sie tragen“, erklärte Justin eine Stunde später auf dem Heimweg und nahm ihr die Kettensäge aus der Hand.

„Clancy wird mich in einer Stunde von Ihrer Farm abholen und mir helfen, meinen Wagen zu starten“, sagte er und schaute auf das Baby, das zufrieden an der Brust der Mutter schlief. „Er sagt, er müsse erst nach seiner Bewässerungsanlage sehen, bevor er Zeit für mich hätte.“

Während sie neben ihm herging, bemerkte sie einen tiefen blutigen Kratzer an seinem Arm. „Ich habe nur auf Sie gewartet, damit ich Ihnen für alles danken kann, was Sie für uns getan haben“, erklärte sie rasch. Er sollte auf jeden Fall wissen, wie sehr sie seine Hilfe schätzte, bevor er ging. „Sie brauchen das nicht für mich zu tragen“, fügte sie hinzu. „Ich komme schon zurecht. Sie können ruhig bei den Clancys warten.“

„Sie brauchen mir nicht zu danken. Und ich trage Ihnen das lieber zurück, als dass ich untätig bei den Clancys herumsitze. Er scheint keine Hilfe mehr zu brauchen. Eigentlich“, sagte er, während sie den Landweg zwischen den Kornfeldern entlangliefen, „wollte er meine Hilfe gar nicht. Am Anfang war alles in Ordnung, aber dann fragte er mich, womit ich meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Als ich ihm sagte, dass ich Anwalt sei, wurde er plötzlich seltsam reserviert und misstrauisch. Er war sicher, dass ich für eine Gesellschaft arbeiten würde, die hier in der Nähe eine Farm gekauft hat, und nahm an, dass ich mir nur ansehen wollte, wie sein Getreide stand. Ich musste schwören, dass ich nur zufällig zum Angeln hier war, damit er mich an der Kuh vorbeiließ.“ Er schüttelte den Kopf und sah aus, als ob er nicht wusste, ob er bestürzt oder gekränkt über das Verhalten des Farmers sein sollte. „Ich habe noch nie etwas von dieser Gesellschaft gehört, von der er geredet hat.“

Seine Stirn lag immer noch in Falten, als er sich die Kettensäge ansah. „Können Sie damit umgehen?“

Wenn der skeptische Blick, mit der er die Säge ansah, ein Indiz war, so schien er selbst nicht sehr vertraut damit zu sein. Aber Emily wunderte sich vor allem, wie leicht er das Misstrauen von Mr. Clancy weggesteckt hatte. Entweder konnte dieser Mann leicht vergeben, oder er besaß eine Haut, so dick wie die eines Elefanten.

Er sah sie von der Seite an und glitt mit seinem Blick über ihr Gesicht, über das kleine Köpfchen an ihrer Brust bis hinunter zu ihren Schuhen. „Ich habe Probleme, Sie mir mit einer Axt vorzustellen.“

„Ich habe auch Probleme, mit der Axt umzugehen“, gab sie zu. „Deswegen habe ich mir ja die Kettensäge ausgeliehen. Die steht bereits auf meiner Wunschliste.“

„Klar“, bemerkte er und stöhnte leise, als er sanft seine Schulter kreisen ließ. „Schließlich steht das auf der Liste einer jeden Frau. Blumen. Diamanten. Eine Kettensäge. Ich werde es mir merken“, erklärte er und spielte mit einer Ähre, die er abgepflückt hatte. „Alle Frauen werden mir zu Füßen liegen.“

Sie spannte sich unwillkürlich an, als sie den Anflug von Sarkasmus in seiner Stimme hörte. Doch als sie das Lächeln auf seinem Gesicht sah, wusste sie, dass er sich nicht über ihre schlichten Wünsche lustig machte, sondern sie nur ein wenig aufzog. Sie bemerkte auch, wie er zusammenzuckte, als er den linken Arm nach hinten schob. Offensichtlich hatte er Schmerzen.

„Sie reden, als ob Sie nicht verheiratet wären“, bemerkte sie und fragte sich, wie er sich verletzt haben könnte.

„Das bin ich auch nicht. Und ich habe es auch nicht vor.“

„Nie?“

Ihre ausdrucksvollen Augen weiteten sich. Unglauben und Erstaunen spiegelten sich in ihnen wider. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der so unverstellt seine Überraschung zeigte.

„Ich kann keinen Vorteil darin sehen“, gab er zu und wunderte sich, warum er so lautstark eine Meinung äußerte, die er sich erst vor wenigen Monaten gebildet hatte. Er sprach normalerweise nie über private Dinge. Aber er verstand auf einmal, warum es manchmal leichter war, mit Fremden über gewisse Dinge zu sprechen. Freunde und Familie hatten ihre eigenen Erwartungen.

„Das Leben ist mit einem Partner einfacher“, sagte sie schlicht. Sie zuckte die Schultern, als würde sie ausdrücken wollen, dass ihr Satz nichts weiter als ein Fakt ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Exklusiv Band 0172" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen