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Ein Millionär zum Verlieben, Band 169

MARTHA SHIELDS

GIB MEINEM HERZEN EIN ZUHAUSE

Er ist berühmt, reich und begehrt: der breitschultrige, attraktive Rodeoreiter Travis. Aber er ist einsam, und sein Herz sucht ein Zuhause. Als er die hinreißend schöne Rebecca, seine Freundin aus Kindertagen, wiedersieht,scheinter am Ziel seiner Träume zu sein. Doch im Überschwang der Gefühle macht er einen großen Fehler …

VALERIE PARV

DAS WICHTIGSTE IN MEINEM LEBEN

Mit aller Macht versucht Zoe, ihre brennende Sehnsucht zu ignorieren. James Langford, der attraktive Besitzer eines luxuriösen Anwesens in Australien, ist der Mann ihrer Träume. Doch sie muss ihre Gefühle für ihn vergessen, denn sie befürchtet, dass es James nur um eins geht: Er will das Sorgerecht für die kleine Genie, die seit Monaten bei Zoe lebt …

ANNE HAVEN

EINE NACHT MIT FOLGEN

Er ist der beeindruckendste Mann auf der Party: der Milliardär Graham Richards. Wange an Wange tanzt Serena mit ihm durch die Nacht, bis sie in seinem Hotelzimmer das Glück der Liebe erlebt. Wochen später erinnert sie sich an seine Worte: „Ich will niemals eine Familie“. Traurig entschließt sie sich, ihm zu verschweigen, dass sie sein Baby erwartet …

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Martha Shields

GIB MEINEM HERZEN EIN ZUHAUSE

1. KAPITEL

Nationale Rodeo-Meisterschaften
Mittwoch, nahe Las Vegas

 

Es war früher Nachmittag. In der Ferne entdeckte Travis Eden eine weiße Rauchsäule. Als er über den nächsten Hügel hinweggefahren war, sah er, dass sie von einem alten Truck stammte, der am Straßenrand stand.

Sein Teampartner Chance Morgan rief: „Hey, sieh mal, Trav, es ist die ‚Eiskönigin‘ persönlich! Wer hätte gedacht, dass Rebecca Larson weiß, wie man einem Truck einheizt. Sie kann ja nicht mal einem Cowboy einheizen.“

„Rebecca Larson?“ Bei dem Namen überfielen Travis die unterschiedlichsten Gefühle. Er kannte Rebecca seit ihrer Geburt. Die ersten elf Jahre ihres Lebens war sie ihm wie ein Hündchen gefolgt, aber nach dem Tod ihres Vaters waren sie und ihre Mutter gezwungen gewesen, die Circle E Ranch zu verlassen. Nun gehörten ihnen die fünfhundert Hektar Land, die Travis seit zehn Jahren kaufen wollte, erneut.

„Was macht die denn hier?“

„Sie nimmt auch am Rodeo-Finale teil, weißt du das nicht?“

„Beim Tonnen-Rennen?“

Chance lachte. „Tja, Cheryl Ann ist auch dabei.“

„Wie schön für sie“, sagte Travis und blinkte rechts.

„Hey, hältst du etwa an?“

„Ich habe noch nie eine ‚Dame in Not‘ links liegen lassen“, erklärte Travis und fuhr auf den Seitenstreifen.

„Was hast du davon? Rebecca wird sich nicht gerade dafür bedanken. Wusstest du, dass die Hälfte der Verbands-Cowboys seit über einem Jahr darauf Wetten abschließt, wer es schafft, die ‚Eiskönigin‘ zum Schmelzen zu bringen?“

Travis stellte die Warnblinkanlage an und sagte: „Die ist doch noch ein halbes Kind!“

„Kind! So ’n Quatsch, sie ist sechsundzwanzig!“

„Klein-Rebecca ist schon sechsundzwanzig?“, staunte Travis. „Na ja, das muss hinkommen, sie ist etwas jünger als Claire.“

„Du kennst die Eiskönigin?“

Chance Morgan war der beste Rodeo-Partner, den Travis kannte. Wenn es um Frauen ging, hatte er allerdings die Manieren eines Trampeltiers. „Ich kenne sie gut genug, um sie nicht in der Wildnis stranden zu lassen. Hat dir deine Mutter denn keinen Benimm beigebracht?“

„Hey, Trav, du verstehst aber auch gar keinen Spaß mehr!“

Den Vorwurf hatte Travis im vergangenen Jahr öfter gehört. Er hatte sich verändert. Seit einiger Zeit war er es leid, immer zu Rodeos zu fahren, Stürze zu erleiden, Schmerzen zu haben, ewig in Hotels abzusteigen, von Groupies verfolgt zu werden, sein „Millionen-Dollar-Lächeln“ für die Medien, die Sponsoren und die Rodeo-Fans anzuknipsen. Er war es leid, wie der Ansager es zu formulieren pflegte, der „Michael Jordan des Rodeo“ zu sein. Er wollte seine Ruhe haben, endlich aufhören und nur der sein, der er wirklich war. Dieses Finale würde das letzte sein und dieses Jahr das letzte Jahr im Rodeo-Stadion.

Aber wie konnte er ein neues Leben führen, wenn der einzige Ort, an dem er seinen Frieden finden würde – die Ranch Circle E –, ihm vor fünf Monaten von diesem sommersprossigen Gör vor der Nase weggeschnappt worden war, dem er nun zu Hilfe eilte?

Seine Stiefel waren auf dem Asphalt zu hören. Mit langen Schritten erreichte er das Ende seines Pferdetransporters. Neben ihm rauschte der Verkehr in Richtung Las Vegas vorbei. Plötzlich blieb er stehen. Vor sich sah er ein Paar lange Beine in Jeans und Lederstiefeln, die in ein knackiges Hinterteil mündeten. Die Frau, der diese Beine gehörten, hatte die Kühlerhaube des alten Trucks geöffnete und inspizierte gerade das Innenleben. Hm, was für ein Anblick …

Das war Rebecca Larson? Travis erinnerte sich an ein mageres Mädchen mit kupferrotem Pferdeschwanz und Sommersprossen. „Donnerwetter“, murmelte er.

Dass er das laut gesagt hatte, begriff er erst, als Chance darauf reagierte: „Ein Anblick, der Tote wieder lebendig werden lässt, wie?“

Travis näherte sich der Klapperkiste, die man nur großzügig einen Truck nennen konnte. „Hallo, brauchst du Hilfe?“

„Au!“ Rebecca hatte sich den Kopf an der Kühlerhaube gestoßen und fuhr mit der ölverschmierten Hand an die schmerzende Stelle. Dann drehte sie sich um. „Travis?“, fragte sie erstaunt.

Ihr ehemals rundes Gesicht war nun herzförmig mit hohen Wangenknochen, ihr kupferfarbenes Haar dunkler als früher … es erinnerte an die Glut schwelenden Feuers. Statt des Pferdeschwanzes trug sie eine dichte, lockige Mähne. Travis erinnerte sich daran, dass Mrs. Larson sich früher oft bei seiner Mutter darüber beklagte, wie schwer es sei, Rebeccas Haar zu kämmen, besonders wenn es nass war.

„Du kennst mich noch?“, fragte er. „Dich hätte ich in tausend Jahren nicht mehr wiedererkannt, Äffchen.“ So hatte Travis Rebecca vor zwanzig Jahren genannt, als kleines Mädchen. Damals war er noch kein Rodeo-Star gewesen und hatte sich in ihrer Bewunderung gesonnt.

Rebecca schien die Erwähnung des alten Spitznamens zu berühren. „Natürlich habe ich dich wiedererkannt. Das würde jedem so gehen, der diese Jeanswerbung schon mal gesehen hat! Die Sportzeitungen sind ja voll mit deinen Fotos.“

Travis runzelte die Stirn. Sie sah ihn also auch als den Rodeo-Star. So wie jeder andere. Er hatte gehofft …

Was? Dass er endlich eine Frau getroffen hatte, die den wirklichen Travis Eden kannte? Die den Menschen in ihm sah und nicht den Star? Keine Chance, das hatte er bereits auf die harte Tour gelernt.

Er schluckte die Enttäuschung hinunter und lächelte das Lächeln, das ihn berühmt gemacht hatte. „Tut mir leid, das mit deinem Kopf. Wir haben nur angehalten, um zu sehen, ob wir helfen können.“

„Alles in Ordnung“, sagte sie und stellte wieder einen Fuß auf die Stoßstange.

Das hatte ziemlich kühl geklungen. „In Ordnung? Dein Truck qualmt wie ein Ofen!“

„Ach was“, sie stieg wieder auf die Stoßstange, „damit werde ich schon fertig.“

Chance meinte: „Komm mit, Trav, ich hab’ dir doch gleich gesagt, dass sie sich nicht helfen lässt.“

Travis schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht …“

„Hallo, Jungs, vielen Dank, dass ihr angehalten habt!“

„Joy?“

Rebeccas Mutter kam um den Truck herum. Ihr verändertes Aussehen schockierte Travis. Die vergangenen fünfzehn Jahre hatten es mit ihr nicht gut gemeint.

Die früher blonde Mrs. Larson war nun ergraut, und ihre vielen Falten gaben ihr ein zerknittertes, verhärmtes Aussehen.

Travis empfand Mitleid mit ihr. Mrs. Larson hatte ihm nach dem frühen Tod seiner Eltern sehr geholfen.

Sie lächelte zaghaft. „Travis Eden, bist du inzwischen ein zu großer Star, um eine alte Freundin zu umarmen?“

„Oh, nein!“ Travis nahm die zerbrechliche Gestalt liebevoll in die Arme. Das letzte Mal, dass er das getan hatte, war an dem Tag gewesen, als ihre Ranch, hoch verschuldet, unter den Hammer gekommen war, sechs Monate nach dem Tod von Mr. Larson. Travis war gerade siebzehn und unfähig, der kleinen Familie zu helfen. Dann waren sie weggezogen.

Ein Jahr später war er Profigeworden. Eigentlich hatte er weiter Kontakt halten wollen, aber die Jahre vergingen, und irgendwann waren die Larsons nur noch eine blasse Erinnerung.

„Schön, dich wiederzusehen“, Mrs. Larson klopfte ihm auf die Schulter. Dann wendete sie sich an Chance. „Ich glaube, ich hatte noch nicht das Vergnügen …“

„Chance Morgan“, stellte Travis ihn vor. „Wir sind seit einigen Monaten Partner.“

„Du hast dich neben dem Bullenreiten auch fürs Finale im Team-Lassowerfen qualifiziert, nicht, Travis?“, fragte Mrs. Larson.

„Ja, genau.“

Mrs. Larson schien seine Karriere verfolgt zu haben.

„Hast du das gehört, Rebecca? Travis hat sich gleich für zwei Disziplinen qualifiziert.“

„Ich weiß, Mama“, murmelte Rebecca aus den Tiefen des Motors.

„Meine Güte, dann hast du ja ein ausgefülltes Jahr gehabt. Ich wollte schon nach deiner Familie fragen, aber ich habe sie vermutlich öfter gesehen als du. Weißt du, dass wir wieder Nachbarn sind?“

„Ja. Wie habt ihr es nur geschafft, dass der alte Duggan euch die Circle E überlassen hat?“

„Ach, ich glaube, er war ganz froh, sie loszuwerden“, sagte Mrs. Larson. „Wir mussten nur fragen.“

Travis’ Gesichtsausdruck versteinerte sich. Obgleich er Duggan in den vergangenen zehn Jahren zahllose Angebote gemacht hatte, hatte der alte Mann sich geweigert, ihm auch nur einen Stein auf dem Grundstück zu verkaufen. Duggan gab Travis die Schuld am Tod seines Sohnes bei einem Highschool-Rodeo. Er meinte, Travis hätte Ray daran hindern müssen, den wilden Jungbullen zu reiten, den er sich ausgesucht hatte.

Mrs. Larson zog ihre Strickjacke in der kühlen Dezemberluft enger um sich. „Also, nochmals vielen Dank, dass ihr angehalten habt. Ich sage Rebecca seit Wochen, dass wir …“

„Die beiden interessieren sich nicht für unsere Probleme, Mama“, rief Rebecca über die Schulter zurück.

Mrs. Larson machte eine vage Handbewegung, eine Geste, an die Travis sich gut erinnerte. „Ich verstehe nichts von Motoren, aber ich glaube, dieser pfeift aus dem letzten Loch. Wir sind schon so viele Meilen damit gefahren, dass wir sie nicht mehr zählen können. Ich weiß nur nicht, was wir nun tun sollen.“

Rebecca sagte leicht ungeduldig: „Wir werden die beiden Herren jetzt weiterfahren lassen, nicht wahr, Mama?“

„Aber Liebes, nun da Travis sich schon mal die Mühe gemacht hat anzuhalten, könntest du ihn doch mal einen Blick aufs Getriebe werfen lassen.“

Rebecca glitt von der Stoßstange herunter. „Wieso? Weil er Rodeo-Reiter ist? Du meinst, wen könnte man besser fragen als jemanden, der sein Leben auf der Straße verbringt? Na ja, vielleicht hast du recht, aber niemand kennt diesen Motor so gut wie ich, denn ich habe ihn in den letzten acht Jahren repariert.“

Travis meinte spöttisch: „Sieht nicht so aus, als seist du damit sehr erfolgreich.“

„Er muss nur abkühlen.“

„Komm schon, Travis, lass uns gehen!“, drängelte Chance.

Travis reagierte nicht, sondern steckte den Kopf unter die Kühlerhaube.

„Ich schaffe es schon allein, Travis“, sagte Rebecca, „schließlich bin ich kein kleines Mädchen mehr.“

Er schaute sie bedeutungsvoll an. „Ja, das habe ich schon bemerkt.“

Rebeccas Nasenflügel bebten.

Travis sagte: „Der weiße Dampf deutet aufs Kühlungssystem.“

„Ja, da ist ein winziges Loch.“ Sie wedelte eine Rauchfahne zur Seite. „Siehst du, er ist fast schon wieder abgekühlt.“

Travis beugte sich vor, um besser sehen zu können. „Ein winziges Loch, sagst du? Es ist ungefähr so groß wie Texas!“

„Ach, Unsinn!“ Rebecca wedelte eifriger und schaute ebenfalls genauer hin. „Es ist … oh, verdammt, es ist wirklich ziemlich groß, was? Ich konnte es wegen des Qualms vorher nicht richtig sehen.“

„Ich schätze, es ist kein Wasser und kein Kühlmittel mehr drin“, sagte Travis. „Wie gut, dass wir angehalten haben.“

Rebecca hatte an ihrer Wange eine Schmierspur, die Travis ihr gern weggewischt hätte. Ob ihre Haut sich wohl warm anfühlen würde?

„Ja, ich glaube, wir können tatsächlich deine Hilfe gebrauchen“, sagte Rebecca. Sie seufzte. „Manches scheint sich nie zu ändern.“

Travis lächelte. Rebecca erinnerte sich offenbar daran, wie er immer Holz für ihren Herd geschlagen hatte, nach der Schule ihre kleine Herde auf die Frühlingsweide getrieben oder mal ein Stück Fleisch vorbeigebracht hatte … Er richtete sich auf – und stieß sich prompt ebenfalls den Kopf an der Kühlerhaube. „Au!“ Er rieb sich die schmerzende Stelle.

Rebecca lachte leise. Dabei wurden kleine Grübchen an der Wange sichtbar. Verlegen sagte sie: „Oh, tut mir leid.“

Travis verzog kurz das Gesicht. „Wir könnten euch ja mit nach Las Vegas nehmen, damit ihr …“

Rebecca unterbrach ihn. „Was? Mit dem Trailer? Las Vegas ist sechzig Meilen entfernt!“

„Na ja, aber da wollt ihr doch hin, oder?“

Rebecca sprang von der Stoßstange. „Ja, natürlich. Aber wir können den Truck nicht hier stehen lassen, ich habe meine Stute dabei.“

Travis wies auf seinen Trailer. „Da drin ist Platz genug für dein Pferd. Vielleicht findest du ja jemanden, der bereit ist, den ganzen Weg zurückzufahren, um deinen Truck abzuschleppen.“

Sie zog die Brauen zusammen. „Wie viel würde das denn kosten?“

„Wie viel? Na, mindestens hundert Dollar, würde ich sagen.“

Chance schüttelte den Kopf. „Eher an die zweihundert.“

Rebecca atmete hörbar aus. „Zweihundert Dollar, nur um ihn abschleppen zu lassen? Und dann muss er auch noch repariert werden? Oje. Und was könnte ich sonst tun?“

„In Glendale wohnt Rube Pruitt. Dem gehört eine Tankstelle, etwa zehn Meilen von hier. Ein guter Mechaniker. Der könnte dir den Truck für einen fairen Preis reparieren.“

„Noch heute?“

Travis zuckte die Achseln. „Du kannst ihn ja fragen.“

„Ich muss heute Abend unbedingt zur Rodeo-Eröffnung“, sagte Rebecca.

„Na klar“, sagte Travis, „das geht uns allen so.“

„Aber ich kann den Truck doch nicht in Glendale lassen, das ist fünfzig Meilen von Las Vegas entfernt. Wie soll ich dann ins Stadion kommen, und wo soll ich schlafen?“

„Wieso?“

Rebecca wies auf den Schlafbereich im hinteren Teil ihres Trucks. „Wir haben auf dem Campingplatz am Boulder-Highway reserviert.“

„Campingplatz? Weißt du nicht, wie kalt die Wüste nachts ist?“

„Wir sind daran gewöhnt“, sagte Mrs. Larson.

„Na ja, heute müsst ihr wohl im Hotel übernachten. Wenn ihr überhaupt eins findet. Während der Meisterschaften ist Las Vegas knallvoll, außerdem finden dort noch etliche Tagungen statt.“

„Und was ist, wenn wir kein Zimmer bekommen?“

„Das sehen wir dann. Chance, statt herumzustehen, könntest du mal meinen Anhänger aufmachen.“

„Können wir uns denn ein Hotelzimmer leisten?“, fragte Mrs. Larson ihre Tochter.

„Natürlich nicht, Mama.“

Travis, der am Trailer der Larsons stand, fuhr herum. „Was soll das heißen, ob ihr euch das leisten könnt? Du gehörst doch zu den Weltbesten im Barrel-Racing, sonst wärst du gar nicht hier!“

„Das heißt noch lange nicht, dass wir Geld haben“, erklärte Rebecca. „Ich bin nämlich nicht siebenfache Weltmeisterin mit dicken Sponsorverträgen. Außerdem muss ich jeden Dollar sparen, weil wir …“ Rebecca hielt inne.

„Weil ihr was?“, fragte Travis.

Rebecca wirkte auf einmal niedergeschlagen. „Schon gut.“

Eilig schob Travis den Riegel ihres Anhängers zurück. Seine Hilfsbereitschaft war wohl noch ein Überbleibsel aus früherer Zeit, als er noch brüderliche Gefühle für die kleine Rebecca hatte. Nein, Unsinn, er war nicht ihr Bruder! „Nimm dich zusammen“, sagte er leise zu sich selbst.

„Wie bitte?“

Travis verdrängte die alten Empfindungen. Immerhin hatte Rebecca Larson ihm seine Ranch vor der Nase weggeschnappt!

„Für Teilnehmer des Finales gibt es in den Hotels Sondertarife. Das schafft ihr schon.“

„Glaubst du“, murmelte sie.

„Wie bitte?“

„Nichts, schon gut.“

Travis verstand das nicht. Wieso hatten sie die Circle E gekauft, wenn sie es sich nicht leisten konnten?

Er ließ die Rampe herunter und löste die Kette.

Vielleicht ließen sich die Larsons ja nach einer Weile dazu überreden, ihm die Ranch zu überlassen. Von seinem Bruder Hank wusste er, dass Rebecca erst seit etwa einem Jahr am Barrel-Racing teilnahm. Beim Barrel-Racing ging es darum, so schnell und geschickt wie möglich um Tonnen herum zu reiten. Wahrscheinlich konnte Rebecca noch gar nicht einschätzen, wie viel Zeit diese Wettbewerbe auf Dauer in Anspruch nahmen. Wenn sie erst einmal feststellte, wie schwierig es ist, sich nebenbei auch noch um eine Ranch zu kümmern, würde sie ihm den Betrieb vielleicht später verkaufen.

Aber zunächst einmal musste er das Vertrauen der Larsons gewinnen. Da dies ihre erste Reise nach Las Vegas war, würde er ihnen die Stadt zeigen und ihnen auch sonst behilflich sein – als alter Freund der Familie sozusagen. Er hatte also zehn Tage Zeit, seinen Charme spielen zu lassen und die Larsons davon zu überzeugen, dass er die fünfhundert Hektar an der Grenze seines eigenen Anwesens dringender brauchte als sie.

Travis zögerte. Es beunruhigte ihn, wie attraktiv er Rebecca plötzlich fand. Auf keinen Fall durfte er sich auf eine Affäre mit ihr einlassen! Bei dieser Frau würde es vermutlich um alles oder nichts gehen, und zu einer Partnerschaft war er noch lange nicht bereit. Also versuchte er, sich zu beruhigen: Dass ich Rebecca so aufregend finde, liegt bestimmt nur daran, dass sie inzwischen erwachsen ist und nicht mehr das niedliche Mädchen von damals, sagte er sich.

Dann stieg er in den Anhänger der Larsons. Obgleich er von außen ziemlich schäbig war, war innen alles makellos. Die Stute stand mit Kopfschutz, Decke und sorgfältig umwickelten Beinen in der linken Hälfte, Heu, Sattel und Zaumzeug befanden sich rechts. Der hölzerne Boden schien neu zu sein, die Gummimatten darauf waren blitzsauber.

Hank sagte immer, dass es eine Menge über einen Menschen aussagte, wie er mit Tieren umging. Travis’ Respekt für Rebecca wuchs. Auf ihren eigenen Komfort legte sie offenbar nicht so viel Wert, aber ihr Pferd reiste sicher und sauber.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie besorgt.

„Doch, doch“, sagte Travis. Er löste die Leine der Stute Cocoa und sprach beruhigend auf das Tier ein, während er es die Rampe hinunterführte.

Sobald Cocoa im Freien war, holte Rebecca das Zaumzeug.

Travis sagte: „Sie ist wegen des Verkehrs etwas nervös, ich bringe sie in meinen Trailer. Holt ihr eure Sachen. Ihr habt wohl keine andere Wahl, als mit uns zusammen nach Vegas zu fahren.“

Liebevoll strich Rebecca der Stute über die Mähne. „Mama packt unsere Sachen.“

Dann führte Travis Cocoa zu seinem Anhänger, und alle stiegen in den Wagen.

Rebecca drückte sich zur Seite, um Chance nicht berühren zu müssen. Auf dem engen Rücksitz fühlte sie sich wie eine Sardine in der Dose.

„Tschuldigung“, murmelte er.

Rebecca mochte Chance Morgan nicht. Er hatte sie im vergangenen Winter in Toledo hinter den Rinderboxen einmal sehr bedrängt. Damals hatte sie sich zwar losmachen können, den Zwischenfall aber nicht vergessen.

Sie lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Es war schon seltsam. Wer hätte gedacht, dass sie mit dem berühmtesten aller Rodeo-Cowboys nach Las Vegas fahren würde …

Ihr war zwar bewusst gewesen, dass Travis ebenfalls im Finale mitritt, sie dachte aber, dass er sie ignorieren würde – so wie im letzten Jahr bei den wenigen Rodeos, an denen sie beide teilgenommen hatten. Bei den ersten Malen hatte sie noch den Versuch gemacht, mit ihm zu sprechen, aber er war dauernd von Leuten umgeben. Obgleich er meistens lächelte, ahnte sie, dass er den Trubel eigentlich nicht mochte, und darum wollte sie ihn nicht auch noch belästigen. Sie nahm an, dass er sie ohnehin längst vergessen hatte und ein viel zu großer Star war, um das anhängliche kleine Mädchen wiederzuerkennen, das so für ihn geschwärmt hatte.

Als Travis ihre Mutter etwas fragte und sie seine tiefe Stimme wahrnahm, erfasste sie ein leichter Schauer. Das war nicht mehr die Bewunderung, die sie als Kind empfunden hatte. Früher war ihr beim Klang seiner Stimme noch nicht heiß und kalt geworden …

Die Situation erinnerte sie daran, dass Travis ihnen schon auf der Circle E oft geholfen hatte. Dass die Edens immer für sie da gewesen waren, war ihr allerdings erst Jahre später bewusst geworden. Auch nach dem Tod seiner Eltern war Travis immer noch gekommen und hatte Claire zum Spielen mitgebracht.

Rebecca hatte in den vergangenen zehn Jahren so hart gearbeitet, dass sie keine Hilfe gebraucht hatte. Aber nun war sie wieder in Bedrängnis. Und wieder war es ausgerechnet Travis, der ihnen half.

Die Autopanne hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können. Schließlich ging es hier nicht um ein gewöhnliches Rodeo, sondern um das wichtige Finale, das sie unbedingt gewinnen musste. Wenn sie auch nur einen der zehn Abende verpatzte, konnte sie das jedoch vergessen. Und wenn sie nicht siegte, würde sie die Circle E wieder verlieren, so wie damals, als ihr Vater starb. Sie brauchte jeden Pfennig, um den Kredit an Ote Duggan abzuzahlen, den sie nach dem Tod seines Onkels vor zwei Monaten aufgenommen hatte.

Und nun musste sie auch noch ihr schwer verdientes Geld für die Reparatur des Trucks ausgeben, für ein Hotelzimmer, Mahlzeiten in Restaurants, Trinkgelder und wer weiß was noch. Camping war viel billiger! Außerdem konnten sie dort ihr eigenes Essen kochen.

Über das sanfte Brummen des Motors hinweg hörte Rebecca, wie ihre Mutter mit Travis darüber sprach, dass sie nach Wyoming zurückziehen würden. Es bedeutete Joy Larson so viel, dass sie die Familienranch wiederbekommen hatten! Sie war dort geboren, und dort wollte sie auch sterben.

Tränen traten in Rebeccas Augen, als sie an den Hirntumor dachte, der ihre Mutter langsam umbrachte.

„Macht euch keine Sorgen um den Truck, Rube Pruitt wird sich schon um ihn kümmern“, sagte Travis gerade und schreckte Rebecca damit aus ihren Gedanken hoch.

Im Rückspiegel schaute sie ihn an. Sein Gesicht war durch Veröffentlichungen und Werbekampagnen landesweit bekannt geworden. Die Frauen liebten seine stahlblauen Augen, die kantigen Züge, die hohen Wangenknochen und die breite Stirn.

Rebecca hob das Kinn. Sie selbst hatte gar keine Zeit, für einen Helden zu schwärmen, schon gar nicht für einen Rodeo-Cowboy. Und Travis Eden war der perfekte Rodeo-Cowboy. Aber über die Jahre hatte Rebecca gelernt, dass diese Jungs nicht viel wert waren. Sie hatten flüchtige Affären, dann zogen sie ihrer Wege. Von Rebeccas Vater, der ebenfalls Jungbullen geritten hatte, bis zu dem charmanten Stallburschen in Texas, in den sie sich beinahe verliebt hätte, waren sie alle gleich, und Rebecca wollte mit solchen Leuten nichts zu tun haben! Und Travis war einer von ihnen – sosehr sie ihn damals, als sie noch klein war, auch bewundert hatte.

Wenn sie sich jetzt auf ihn verließ, dann nur, weil sie keine andere Wahl hatte.

2. KAPITEL

Mittwoch, Diamond Spurs Hotel

„Oje, oje!“, rief Mrs. Larson, als sie das Hotel betraten. „Wie elegant!“

„Pscht, Mama“, zischte Rebecca ihr zu. „Sei still, sonst denken die Leute, du warst noch nie in einem Hotel.“

Travis hatte erst beim Stadion angehalten, wo das Finale stattfinden würde. Nachdem sie die Pferde dort in den Boxen untergebracht hatten, war er hierher gefahren.

„Aber in so einem Hotel war ich auch noch nie“, erklärte Mrs. Larson.

Die Lobby des Diamond Spurs samt dazugehörigem Kasino prächtig zu nennen wäre untertrieben gewesen. Auf dickem Teppichboden konnte man direkt zu zahllosen Münzautomaten und Spieltischen gelangen. Üppige Kristall-Lüster verbreiteten gedämpftes Licht. Frauen in Westernkostümen brachten den Hotelgästen Getränke. Der Lärm der „einarmigen Banditen“, die alle in einer Reihe standen, war ohrenbetäubend.

Als Rebecca durchs Kasino zum Hotelempfang ging, entdeckte sie an einem solchen Automaten Cheryl Ann Barnes aus Oklahoma, ihre größte Konkurrentin beim Barrel-Racing.

Cheryl Ann erwiderte den Gruß kühl. Als sie jedoch Travis entdeckte, rief sie laut seinen Namen, schob Rebeccas Mutter beiseite und drängte sich zu ihm. „Da bist du ja!“ Sie schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Travis sah bei dem Überfall nicht allzu glücklich aus und versuchte, sich loszumachen. Rebecca wunderte das, denn sie hatte bei verschiedenen Rodeo-Veranstaltungen gehört, dass Cheryl Ann und Travis verlobt gewesen waren. Laut Cheryl Ann hatte sie die Verlobung zwei Monate vor der Hochzeit gelöst und damit Travis das Herz gebrochen. Sie bräuchte aber nur mit den Fingern zu schnippen, dann würde er ihr wieder die Füße küssen, behauptete sie.

Als Rebecca damals von der Verlobung erfuhr, hörte sie auf, sich um Travis’ Aufmerksamkeit zu bemühen. Jemand, der sich für so eine egoistische, verwöhnte Person wie Cheryl Ann begeisterte, interessierte sie nicht.

Skeptisch beobachtete sie das Paar, und es kostete sie eine gewisse Anstrengung, den Blick von den beiden abzuwenden. „Komm, Mama, wir erkundigen uns nach einem Zimmer“, sagte sie schließlich zu ihrer Mutter.

Rebecca stellte sich in die Schlange am Empfangspult. An dessen Ende stand ein lebensgroßes Pappbild von Travis mit der Aufschrift „Besonderer Auftritt des Millionen-Dollar-Cowboys“.

„Gefällt dir der Anblick?“, raunte ihr das dazugehörige Original plötzlich ins Ohr, so dass sie eine Gänsehaut bekam.

„Nicht besonders.“ Rebecca verdrängte die Gedanken an Cheryl Ann und bemerkte erstaunt, dass Travis allein war. „Wo ist denn Cheryl Ann? Es sah doch eben ganz so aus, als wolltet ihr die guten alten Zeiten wieder aufleben lassen.“

Travis lächelte gequält. „Ich aber nicht.“ Er schob Rebecca sanft weiter zur Mitte des Empfangspults. Kurz darauf kam auch Chance dazu.

„Was macht denn Cheryl Ann hier?“, fragte Travis ihn. „Sind die Barrel-Racer nicht in einem anderen Hotel?“

„Ja, im Las Vegas Club.“ Chance klopfte auf seine Brusttasche. „Ich habe jetzt ihre Nummer. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich es mal versuche?“

„Tu, was du nicht lassen kannst.“

In diesem Moment kam eine Gruppe Teenager herbei und bat Travis um ein Autogramm. Er tat ihnen den Gefallen. Rebecca war froh, dass die beiden Männer aufhörten, über Cheryl Ann Barnes zu reden.

Einige Minuten später betete sie allerdings, dass sie weiterreden würden, denn nachdem Travis die jungen Mädchen los war, stand er direkt hinter ihr, und zwar so dicht, dass sie seinen Atem spürte.

Entsetzt stellte sie fest, dass sie sich von ihm angezogen fühlte. Um Himmels willen, wie kommt denn das, fragte sie sich. Travis Eden ist schließlich ein Rodeo-Cowboy der schlimmsten Sorte!

Was sollte sie nur tun?

Ihm ausweichen, das war’s. Aus den Augen, aus dem Sinn, das hatte auch bei Bud Sager funktioniert.

Endlich waren sie an der Reihe, und die Empfangsdame hinter dem Tresen nickte ihnen kurz zu.

Rebecca wollte gerade etwas sagen, da drängelte Travis sich vor. „Ich möchte nur sichergehen, dass ihr nicht abgewiesen werdet“, erklärte er. Rebecca sah ihn empört an und sagte zu der Angestellten: „Wir hätten gern ein Zimmer.“

Die Frau wirkte genervt. „Unter welchem Namen haben Sie reserviert?“

„Wir haben gar nicht reserviert, weil wir eigentlich auf den Campingplatz wollten. Aber als unser Truck kaputtging …“

Die Empfangsdame schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, wir sind seit einem Monat ausgebucht. Ich habe erst ab dem nächsten Mittwoch wieder Zimmer frei.“

„Aber wir …“

„Tut mir leid, Ma’am, ich kann nichts für Sie tun.“

Rebecca spürte auf einmal, wie müde sie war. „Vielleicht sollten wir es woanders versuchen.“

Die Angestellte sagte: „Hier im Randbezirk werden Sie wahrscheinlich nichts finden, und im Zentrum ist es noch schlimmer. Im Moment gibt es mehrere Kongresse in der Stadt. Sie könnten es allenfalls weiter draußen versuchen.“

„Aber wie sollen wir dorthin kommen? Und von da aus jeden Tag ins Stadion! Unser Truck ist kaputt, und wir …“

„Tut mir leid, Ma’am, dann müssen Sie sich eben ein Taxi nehmen“, sagte die Angestellte mitleidlos.

Rebecca erschrak. Zwei Taxifahrten pro Tag würden ein Riesenloch in ihr Portemonnaie reißen. „Aber ich …“

Travis drängte sich vor. „Mein Name ist Travis Eden.“

„Haben Sie eine Reservierung?“

„Ja, Ma’am, die hab’ ich.“

„Dann kann ich Ihnen behilflich sein.“ Sie wendete sich an Rebecca: „Tut mir leid, aber bitte gehen Sie doch etwas zur Seite, damit der Herr die Anmeldung ausfüllen kann, ja?“

„Sie müssen uns aber helfen!“, rief Rebecca.

Travis wollte die Larsons nicht im Stich lassen. „Bringen Sie sie in meiner Suite unter.“

Entsetzt schaute Rebecca ihn an: „Wie bitte?“

„Wir können dir doch nicht deine Unterkunft wegnehmen, wohin solltest du denn dann?“, frage Mrs. Larson.

„Ich kann ja auch darin wohnen, mit euch zusammen.“

„Moment mal, das …“

„Ich habe vier Räume“, unterbrach Travis sie. „Mein Bruder Hank, Alex und die Kinder nehmen zwei, und wir nehmen die beiden anderen.“

Rebecca schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Wir können uns nicht mal ein Viertel von dem leisten, was so eine Suite kostet.“

„Sie ist kostenlos, das gehört zu meinem Auftrittsvertrag. Einer der Vorteile, der Millionen-Dollar-Cowboy zu sein.“

Die Idee, den Larsons so nahe zu sein, gefiel Travis gar nicht so schlecht. Vielleicht konnte er sie auf die Weise davon überzeugen, dass er die Circle E dringender brauchte als sie. „Ich sagte doch schon, wir brauchen gar nicht so viel Platz für uns. Und Hank und Alex haben sicher nichts dagegen.“

Joy Larson legte die Hand auf den Arm ihrer Tochter. „Dadurch würden wir eine Menge Geld sparen, Liebes. Du weißt ja, wir brauchen jeden Penny, wenn wir …“

„Ich weiß, Mama“, entgegnete Rebecca schnell. „Aber wie sieht denn das aus, wenn wir bei Travis mit einziehen? Einige Leute könnten glatt auf komische Gedanken kommen.“

Travis zog eine Braue hoch. „Wieso?“

„Zwei Frauen in einer Suite zusammen mit einem notorischen Junggesellen.“

Er grinste. „Notorisch?“

„Na, schließlich bist du doch Rodeo-Cowboy, nicht?“

„Aha, du hältst uns also ausnahmslos für Casanovas?“

Damit hatte er Rebecca eindeutig bei einem Vorurteil erwischt.

„Aber ihr braucht keine Angst um euren Ruf zu haben“, fuhr er fort. „Hank und Alex sind ja da, um dich und deine Mutter vor dem bösen Wolf zu schützen.“

Rebecca schaute hilfesuchend zu Joy Larson herüber.

„Hast du einen besseren Vorschlag?“, fragte Travis.

„Nein, aber … Ich frage mich, was du als Gegenleistung verlangst.“

„Rebecca!“, rief ihre Mutter entsetzt.

Travis musste auf einmal daran denken, wie Mrs. Larson ihnen immer vorgelesen hatte, als sie noch klein waren. „Nun hört mal zu, ihr beiden. Ich hätte tatsächlich gern so etwas wie eine Gegenleistung von euch. Und zwar habe ich da auch schon einen konkreten Vorschlag.“

Rebecca fragte misstrauisch: „Was für einen?“

„Ich habe Hank und Alex versprochen, gelegentlich auf ihre Kinder aufzupassen. Ich möchte den beiden mal Zeit geben, für sich allein zu sein. Ihr könntet mir also beim Babysitten helfen, dann sind wir quitt.“

„Das könnten wir doch machen, Rebecca, oder?“, fand Mrs. Larson.

Rebecca zögerte noch. „Na ja, aber …“

„Du bist ein wirklicher Gentleman, Travis.“ Joy Larson lächelte. „Wenn du sicher bist, dass wir dir keine Last sind, würden wir uns sehr freuen, bei dir einzuziehen.“

Rebecca resignierte.

„Es ist mir ein Vergnügen, Joy.“ Travis tippte an seinen Hut und lächelte. „Dann werde ich also mit dem Hotelmanager sprechen und alles klarmachen. Ihr könnt ja schon mal hinaufgehen.“

„Einverstanden.“

„Aber es wird wohl eine Weile dauern, bis ich nachkomme.“

„Wir nehmen dann deine Tasche mit hoch“, schlug Rebecca vor.

Das war ihre erste nette Geste Travis gegenüber. Er winkte einem Hotelpagen und reichte ihm Schlüsselkarte und Trinkgeld. „Zeigen Sie den Damen bitte ihr Zimmer. Und stellen Sie meine Tasche in das Zimmer mit dem großen Bett.“

„Ja, Sir.“

Damit drehte Travis sich um und ging.

Der Page stellte das Gepäck in die einzelnen Zimmer. Die Larsons standen in der Mitte der Suite und staunten.

„Hast du schon mal so was …“ Joy Larson sprach nicht zu Ende.

Auch Rebecca hatte so etwas noch nie in ihrem Leben gesehen. Für sie war bereits eine Nacht im Motel eine Art Luxus.

Die Suite befand sich im 25. Stockwerk. Der Hauptraum war so groß wie drei normale Zimmer, verfügte über Polstersessel, drei dicke Sofas und deckenhohe Fenster mit Flügeltüren, die auf einen Balkon führten. Von dort aus konnte man die ganze Gegend überblicken. Außerdem gab es eine Mini-Küche sowie einen Fernseher mit riesigem Bildschirm.

„Haben Sie noch einen Wunsch?“, fragte der Page.

„Nein, danke.“ Rebecca suchte nach Trinkgeld.

„Mr. Eden hat das schon erledigt, Ma’am.“ Er reichte ihr die Karte, die als Hotelschlüssel diente. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

„Vielen Dank“, murmelte Rebecca.

„Ich mag hier gar nichts anfassen“, sagte Mrs. Larson, sobald der Page gegangen war.

„Lass uns mal unser Zimmer anschauen“, schlug Rebecca vor.

Sie gingen in den Raum, dessen Tür der Page für sie geöffnet hatte. Er war nicht ganz so elegant wie das Wohnzimmer, verfügte aber neben zwei Betten ebenfalls über eine Couch und einen Fernseher, außerdem über ein eigenes Bad.

Rebecca knipste die Beleuchtung an. An der Wand befanden sich ein bodenlanger Spiegel und eine Schminkkommode. Gegenüber waren zwei Waschbecken, Toilette und Dusche.

„Hm, und wo kann ich hier meine schmerzenden Muskeln entspannen?“, scherzte Rebecca.

Joy Larson betrat den nächsten Raum und sagte: „Hier, sieh mal.“

Rebecca trat zu ihr. „Donnerwetter!“

Drei Stufen führten zu einer großen Wanne, die Platz für zwei hatte. Rundherum gab es Spiegel an der Wand und Dekorationen mit üppigen Seidenblumen.

Joy staunte: „Ein Whirlpool! Darin kannst du dich ausgiebig entspannen. Das Ganze ist wie für Filmstars. Was meinst du, was das kostet?“

„Daran möchte ich nicht mal denken“, sagte Rebecca entschieden.

Plötzlich ging irgendwo ein Telefon. Das Klingeln kam offensichtlich aus dem Raum, den Travis bewohnen würde.

„Sollen wir rangehen?“, fragte Joy. „Vielleicht ist er froh, wenn wir eine Nachricht für ihn entgegennehmen.“

Rebecca öffnete die Tür zu Travis’ Zimmer. Es hatte die gleiche Größe wie ihres, besaß aber ein Kingsize-Bett und einen Balkon.

Das Telefon klingelte erneut, Rebecca meldete sich. „Hallo?“

Schweigen am anderen Ende.

„Hallo? Ist da jemand?“

„Bin ich richtig verbunden mit dem Zimmer von Travis Eden?“, fragte eine Frauenstimme, die Rebecca irgendwie bekannt vorkam.

„Ja, richtig. Aber Travis ist im Augenblick nicht da. Er hat gerade eine Besprechung.“

Wieder eine Pause. „Wer sind Sie denn?“

Rebecca fragte zurück: „Und wer sind Sie?“

„Ich bin Alex Eden, Travis ist mein Schwager.“

„Ach so, Alex! Tut mir leid, ich habe deine Stimme nicht wiedererkannt. Ich dachte, du wärest … Na ja, du kannst dir schon denken, für wen ich dich gehalten habe. Ich bin Rebecca Larson.“

„Rebecca? Ach so! Was …“

Rebecca lachte leise. Sie hatte Alex, als sie sie kennenlernte, vom ersten Augenblick an gemocht. „Was ich in Travis’ Suite zu suchen habe? Das frage ich mich selbst.“ Rebecca erklärte nun, wieso sie derzeit in denselben Räumlichkeiten wohnten.

„Hört sich ganz nach Travis an“, sagte Alex lächelnd. „Sarah, nein! Fass das nicht an, es ist heiß! Entschuldige, Rebecca, aber sie geht an alles heran.“

„Ich erinnere mich noch gut an Sarah, sie ist sehr niedlich. Übrigens werden meine Mutter und ich eure Kinder diese Woche ein paar Mal betreuen, wenn es euch recht ist. Travis schlug das als Gegenleistung dafür vor, dass wir hier wohnen dürfen.“

Alex lachte. „Ob es uns recht ist? Ich liebe meine Kinder, aber jede Unterbrechung ist uns willkommen. Dafür, dass Travis daran gedacht hat, verdient er einen Extrakuss. Da wir gerade von ihm sprechen … könntest du ihm etwas ausrichten? Er erwartet uns am Sonntag, aber wir schaffen es erst am Montag. Eines der Pferde, die Hank mitbringt, lahmt seit heute früh.“

„Oje. Ich hoffe, ihr müsst es deswegen nicht zurücklassen.“

„Nein, nein, der Hufschmied war gestern da und hat offenbar irgendwas zu hektisch gemacht. Hank konnte einen Nagel herausziehen und meint, es würde bald wieder in Ordnung sein. Aber er wollte lieber noch etwas warten, bevor wir das Pferd sechshundert Meilen weit transportieren. Travis will auf der Whitehead-Ranch auf uns warten, um beim Abladen zu helfen, und wir wollten ihm lieber rechtzeitig Bescheid geben, dass wir später kommen. Sagst du ihm das bitte?“

„Natürlich“, versicherte Rebecca.

Alex seufzte erleichtert. „Vielen Dank. Ich habe schon den ganzen Nachmittag versucht, ihn zu erreichen. Hank dachte, er würde gegen Mittag im Hotel sein.“

„Er hat angehalten, um uns wegen einer Panne zu helfen“, erklärte Rebecca.

„Ach so. Na ja. Nächste Woche werden wir mal mit euch beiden zum Mittagessen gehen. Bis bald also!“

Rebecca legte auf und ging in ihr Zimmer zurück.

„Wer war das, Liebes?“

„Alex Eden.“ Rebecca hob die schwere Tasche ihrer Mutter aufs Bett. „Sie kommen erst Montag. Es gibt ein Problem mit einem der Pferde, die sie verkaufen wollen.“

„Dann haben wir die Suite also eine Weile für uns allein.“ Joy wollte gerade Unterwäsche in eine Kommode legen, aber sie schaffte es nicht. „Oje.“

„Mama!“, rief Rebecca und nahm ihre Mutter bei den Schultern. Ihr fiel auf, dass ihre Lippen zusammengepresst waren. Ihren seltsam entfernten Blick fürchtete Rebecca besonders.

„Hast du wieder Kopfweh, Mama?“

Joy sah kläglich drein. „Tut mir leid, Rebecca, ich weiß, wie viel dir das hier alles bedeutet. Ich wollte so gern diese Woche heil überstehen.“

Rebecca umarmte sie. „Ach, Mama, du kannst doch nichts dafür.“

„Ich wollte dir so gern bei den Auftritten zuschauen.“

„Schon gut, Mama, es dauert ja zehn Tage. Dein Kopfweh hält doch meist nur eine kurze Zeit an.“ Dabei hatten die Schmerzen in den letzten Monaten länger und länger gedauert … „Außerdem sind wir hauptsächlich deswegen hier, um genug Geld für die Abzahlung zu verdienen. Dann können wir nach Hause fahren.“

Damit ihre Mutter dort sterben konnte …

Keine von ihnen hatte es ausgesprochen, aber sie wussten beide, was es für Joy Larson bedeutete. Vor zwei Jahren hatten ihr die Ärzte wegen des Hirntumors noch ein Jahr gegeben und sich geweigert zu operieren, weil das Risiko zu groß war, dass Mrs. Larson die Operation nicht überleben würde.

Mit zitternden Händen umschmiegte Joy das Gesicht ihrer Tochter. „Du hast so hart gearbeitet. Ich weiß, dass du es für mich getan hast, damit ich meine letzten Tage auf der Ranch verbringen kann.“

„Pscht, Mama“, sagte Rebecca.

Joy schloss kurz die Augen. „Ich möchte dir unbedingt sagen, wie dankbar ich dir bin. Falls wir die Circle E erneut verlieren …“

„Das tun wir schon nicht“, unterbrach Rebecca sie. „Ich gewinne bestimmt!“

„Ich hab’ dich sehr lieb, Rebecca. Niemand könnte sich eine bessere Tochter wünschen.“

Ein tiefer Schmerz erfasste Rebecca. Ihre Mutter war alles, was sie hatte. Was würde sie nur ohne sie machen …

Als sie merkte, dass ihre Mutter zitterte, nahm sie sich zusammen. Sie wollte tun, was getan werden musste. So wie immer.

Also schob sie Joy zum Bett und drängte sie, sich niederzulegen. Dann schloss sie die Vorhänge, knipste ein Lämpchen an, half ihrer Mutter beim Ausziehen und der Einnahme eines starken Schmerzmittels.

Rebecca hielt Joys schmale Hand, bis sie eingeschlafen war. Über ihr Gesicht liefen Tränen.

3. KAPITEL

Mittwoch, Eröffnung der Spiele

Travis schaute sich in dem überfüllten Ballsaal des Riviera-Hotels um. Wo mochten die Larsons sein? Die Teilnehmer waren schon auf die Bühne gegangen, hatten Hände geschüttelt, Rückennummern und Verbandskleidung bekommen. Anfangs hatte Travis Rebecca noch gesehen, aber dann war ein Fan mit Autogrammwunsch gekommen, und er hatte sie aus den Augen verloren.

Vielleicht waren sie schon auf dem Weg zurück ins Hotel.

Unwillkürlich dachte er an Rebeccas schönes Gesicht …

„Travis Eden! Ich habe dich schon gesucht!“

Er drehte sich um, aber es war nicht wie erwartet ein Reporter, sondern Ote Duggan, der Neffe von Sam Duggan. Ote war nach der Highschool von Dubois weggezogen und nun Banker in Riverton. Anders als sein Onkel, machte er Travis nicht für den Tod seines Cousins verantwortlich.

Travis schüttelte Otes Hand. „Hey, was machst du denn hier?“

„Mein Sohn wollte unbedingt herkommen. Er nimmt am Nachwuchs-Wettbewerb teil.“

„Ach, wirklich? Wo ist er denn?“

„Er läuft herum und versucht, Autogramme zu bekommen. Zu dir kommt er auch noch, keine Sorge.“

„Und du, willst du hier alle zehn Runden mitmachen?“

„Nein, wir bleiben nur bis Montag. Meine Frau will nicht, dass Marty die Schule versäumt.“

„Na ja, war nett, dich zu sehen.“

„Hör mal, ich hatte schon gehofft, dich hier zu treffen“, sagte Ote. „Ich habe schon vor zwei Wochen versucht, dich zu erreichen, aber Hank sagte, du seist unterwegs.“

Travis nickte. Was wollte Ote wohl von ihm? Seitdem Travis berühmt war, wollten alle etwas von ihm: Spenden, Auftritte bei Rodeos, Eröffnungen von Geschäften. Er tat, was er konnte, aber allmählich wurde es ihm zu viel.

„Ich möchte dir nämlich einen Vorschlag machen, der dich vielleicht interessiert“, sagte Ote. „Du erinnerst dich doch an die alte Ranch, die mein Onkel vor fünfzehn Jahren zurückgekauft hat. Die Leute waren bankrott, der Besitzer war so ein rothaariger Typ namens Hoyt Larson.“

Travis wurde aufmerksam. „Die Circle E.“

„Genau die. Ich bin neulich die Papiere meines Onkels durchgegangen und fand einen Brief von dir, den du ihm vor Jahren geschrieben hattest. Darin stand, dass du sie gern kaufen wolltest. Bist du noch interessiert?“

„Oh, ja, daran bin ich noch immer interessiert. Aber was ist mit den Larsons? Dein Onkel hat ihnen die Circle E doch vergangenen Sommer zurückverkauft.“

„Rebecca ist die Einzige, die in den Papieren genannt wird, aber sie hat keinen richtigen Kredit bekommen, mein Onkel hat den Deal vorfinanziert. Da ich Banker bin und ihn beerben werde, habe ich mir die Unterlagen einmal genauer angesehen.“ Ote seufzte. „Miss Larson hat neben einer hübschen kleinen Stute und einem uralten Truck keinerlei Sicherheiten zu bieten. Also macht das Ganze geschäftlich keinen Sinn, und ich habe alles storniert.“

Travis klopfte das Herz. Das war die Chance, endlich das Land zu bekommen, das er seit seiner Kindheit haben wollte und um das er sich in den vergangenen Jahren vergeblich bemüht hatte!

Heiße Freude erfüllte ihn. Er wusste schon genau, wo er das Wohnhaus bauen wollte: südlich des Berges Yellow Jack, wo es geschützt liegen würde und man zugleich einen schönen Ausblick hätte. Es gab sogar schon einen Entwurf für das Haus, den er vor Jahren gemacht hatte, als er noch glaubte, Sam Duggan irgendwann überreden zu können. Und nun auf einmal …

Plötzlich wurden ihm Otes letzte Worte bewusst: „Ich habe alles storniert.“ Die Larsons würden die Circle E also erneut verlieren!

Travis musste daran denken, wie Mrs. Larson damals erfuhr, dass ihr Land unter den Hammer kommen würde. Er war siebzehn gewesen und fast jeden Tag bei ihnen. Eines Tages traf er auf Mrs. Larson, die noch mit dem Hörer in der Hand dastand, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

Travis, erschrocken darüber, wie schnell jemand sein Zuhause verlieren konnte, hatte versucht, etwas zu tun, und mit allen möglichen Leuten in der Stadt gesprochen. Aber die Bewohner des Wind River Valley hatten alle ihre eigenen Probleme, und die Banker hörten einem Siebzehnjährigen nicht zu. Travis schaffte es zwar, ein paar hundert Dollar zusammenzubekommen, aber das reichte nicht.

Er war an dem Tag, als der Larson-Besitz versteigert wurde, schon fast ein Mann, aber ohne die Mittel, einer Familie die Lebensgrundlage zu erhalten. Sowohl Joy als auch Rebecca waren auf der Circle E geboren, Travis’ eigener Großvater hatte sie vor sechsundvierzig Jahren dem Vater von Mrs. Larson verkauft, und nun wurde sie ihnen mit einem Federstrich weggenommen.

„Was sagst du dazu?“, fragte Ote. „Wollen wir das per Handschlag abmachen?“

Auf einmal war er Travis richtig zuwider. Wie konnte er das Leben anderer Menschen einfach so zerstören? Ihnen alles wegnehmen?

Tja, und was war mit ihm selbst?

Er dachte an seinen Plan, Rebecca und ihre Mutter dazu zu überreden, ihm die Circle E zu überlassen. Aber das war etwas anderes, er wollte ihnen einen fairen Handel vorschlagen. Das hier jedoch …

Otes Augen wurden schmal. „Ich dachte, du hättest noch Interesse. Falls nicht, gibt es andere, die gern einsteigen würden.“

„Wen denn?“, fragte Travis. „Dein Onkel hat doch all die Jahre kein weiteres Angebot bekommen. Dazu ist das Land viel zu abgelegen. Er hat es nur noch zur Jagd benutzt.“

Ote schürzte die Lippen. „Es gibt einen ausländischen Interessenten. Ich brauche das Geld, Travis. Das Bankgeschäft läuft nicht mehr so gut wie früher. Jedenfalls nicht in dieser Gegend.“

„Wie viel schulden euch die Larsons denn?“

Ote nannte eine Summe.

Travis runzelte die Stirn. „Rebecca müsste das Finale im Barrel-Racing gewinnen, um so viel Geld zu bekommen.“

„Ja, kann sein. Ich habe ihr eine Frist bis zum 31. Dezember gesetzt, in der sie den Kredit abzahlen kann. Sie kämpft zum ersten Mal um so einen Titel, aber wie viele bekommen den schon? Ich habe bislang nur von zwei Frauen gehört.“ Ote schüttelte den Kopf. „Die Circle E ist so gut wie deine, wenn du willst.“

Travis ließ den Blick über den Ballsaal schweifen. Ja, er wollte die Circle E! Aber nicht auf diese Art und Weise!

Andererseits … wenn er Otes Angebot nicht annahm, würde es jemand anders tun. Ganz ähnlich wie damals, als die Edens beinahe ihre eigene Ranch, The Garden, an ausländische Investoren verloren. Er hatte damals darum gekämpft, The Garden behalten zu können, und nun würde er alles tun, was möglich war, um das Land, das früher zur Ranch gehört hatte, zu retten! Daran führte kein Weg vorbei.

Wobei das vermutlich niemand mit gesundem Menschenverstand nachvollziehen konnte. Es war auch mehr eine fixe Idee von ihm, die er über die vergangenen Jahre entwickelt hatte: dass er sich nämlich erst dann wieder als vollständiger Mensch fühlen konnte, wenn er die Circle E kaufte und wieder an seinen alten Familienbesitz anschloss.

Schon seit vier oder fünf Jahren dachte er daran, sich aus dem Wettbewerbssport zurückzuziehen. Er hatte es satt, jede Nacht woanders zu schlafen, war es leid, immer wieder aufzutreten. Er war schon so lange Rodeo-Star, dass er sich fragte, ob man je wieder etwas von dem wirklichen Travis Eden hören würde. Und manchmal fragte er sich sogar, ob er selbst noch wusste, wer er eigentlich war.

Das Problem war nur, dass der einzige Ort, an den er sich zurückziehen könnte, die Familienranch The Garden war. Er liebte Hank und seine Familie, aber wenn er mit ihnen zusammen war, wurde ihm immer bewusst, dass er selbst niemanden hatte, dem er „die Sterne vom Himmel holen“ konnte, wie Hank das für Alex tat. Travis wünschte sich ein eigenes Zuhause, einen Ort, an dem er allein sein und zu sich selbst finden könnte. Vielleicht würde er dann auch jemanden kennenlernen, mit dem er sein Leben teilen wollte, jemanden, der Travis Eden als Menschen sah und nicht bloß als Rodeo-Star.

Ja, er würde eine Menge dafür tun, die Circle E wieder in seinen Besitz zu bringen. Nicht nur weil sie einmal zum Garden gehört hatte, sondern auch, weil er von dort aus Hank beim Züchten von Rodeo-Pferden helfen, sich aber auch zurückziehen könnte, wenn er wollte.

In diesem Moment entdeckte er Rebecca, die gerade mit Chance sprach und nicht gerade glücklich darüber zu sein schien. Was würde sie erst sagen, wenn sie wüsste, dass sie drauf und dran war, ihre Ranch ein zweites Mal zu verlieren?

Aber wenn Ote sie ohnehin anderweitig anbot, wäre es doch besser, Travis würde das Land kaufen!

Zögernd streckte er Ote die Hand hin. „Die Situation gefällt mir zwar nicht, aber ich werde nicht zulassen, dass irgendein Fremder die Circle E erwirbt.“

Breit lächelnd schüttelte Ote ihm die Hand. „Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Travis wollte inzwischen nur noch weg, um nachzudenken. Er drehte sich zu Rebecca um und bemerkte, dass sich noch zwei Cowboys zu ihr und Chance gesellt hatten. Das waren offenbar die Männer, die mit Chance darum wetteiferten, die „Eiskönigin“ zum Schmelzen zu bringen. Für Travis’ Geschmack kamen sie ihr viel zu nah.

Allein wenn er sich vorstellte, wie ihre gierigen Pranken Rebeccas zarte Haut berührten, wurde ihm übel. Verwundert hielt er inne, als ihm das bewusst wurde. Er würde nicht zulassen, dass ihr jemand wehtat!

Eilig bahnte er sich einen Weg durch die Menge.

„Hey, du gehst in die falsche Richtung“, sagte Chance und hielt Rebecca am Arm fest.

Sie wedelte die Bierfahne weg. „Chance Morgan, du hast getrunken.“

„Nur ein paar Bierchen.“ Er schlang den Arm um ihre Taille. „Aber ich könnte noch eins vertragen. Komm mit, ich lade dich ein.“

Rebecca stemmte die Hände gegen seine Brust und versuchte ihn wegzuschieben. „Ich suche Travis.“

„Wozu denn? Mit dem hat man doch keinen Spaß. Mit mir dagegen …“

„Mit dir? Du hast mir zu viele Hände.“ Rebecca wollte ihn erneut abwehren. „Weißt du, wo Travis ist?“

„Er ist da drüben und redet mit jemandem“, sagte Kevin. Er war kaum größer als Rebecca und hatte ein plattes Gesicht mit kleinen Schweinsaugen.

Rebecca spähte in die Richtung und entdeckte Travis, der gerade einem vierschrötigen Mann mit grauem Hut die Hand schüttelte. War das nicht Ote Duggan? Was tat denn der hier?

Sie wollte zu Travis, um ihm Alex’ Nachricht zu übermitteln, aber plötzlich hielt Wade sie am Jackenärmel fest.

„Woh’n willstu?“, fragte er mit whiskyschwerem Atem.

Rebecca schob seine Hand weg. „Zu Travis.“

Kevin versperrte ihr den Weg. „Der ist noch nicht bettreif.“

Rebecca ahnte, dass die Leute so etwas dachten, sobald sie hörten, dass sie eine Suite mit Travis teilte. Das hatte sich offenbar schon herumgesprochen. „Lass mich durch, Kevin …“

„Hallo, Jungs!“

Die tiefe Stimme übertönte den Lärm im Raum. Travis war hinter Kevin aufgetaucht. „Ihr leistet also meiner Freundin Gesellschaft?“

Travis hielt Rebecca die Hand hin, ihr Blick weitete sich. Seiner Freundin?

Streng musterte er die drei Cowboys, dann sah er Rebecca an. Was er ihr mit seinem ernsten Blick sagen wollte, war klar: Er rettete sie. Mal wieder.

Rebecca, die sich unwohl in der Gesellschaft der aufdringlichen Cowboys fühlte, reichte Travis die Hand. Er zog sie an seine Seite. „Ich habe schon auf dich gewartet, Liebling, wo warst du denn so lange?“

Liebling? Rebecca schaute ihn an, er lächelte. „Ich … äh, ich konnte dich nicht finden.“

„Ich sagte dir doch, dass wir uns nach der Feier am Osteingang treffen wollten. Bist du etwa in die falsche Richtung gegangen?“

Chance, Kevin und Wade verfolgten interessiert Travis’ Vorstellung. Also improvisierte Rebecca schnell. „Ja, da hat mich wohl mein Orientierungssinn im Stich gelassen.“

„Na ja, macht nichts, wir haben uns ja gefunden, nur das zählt. Bist du fertig zum Gehen?“

„Ja.“

Travis blickte noch einmal in die Runde. Diese drei angetrunkenen Cowboys hatten sich also auf die Wette eingelassen, die „Eiskönigin“ zu schmelzen. Ob das wohl noch Schwierigkeiten geben würde?

Travis, der wegen des Handels, den er gerade mit Ote abgeschlossen hatte, ziemlich nervös war, hatte nicht übel Lust, irgendjemanden niederzuschlagen.

Höhnisch meinte Chance: „Du lässt ja nichts anbrennen. Wie ich höre, wohnt sie schon bei dir auf dem Zimmer.“

Rebecca zuckte zusammen.

Travis gefiel sein Teampartner im Augenblick nicht besonders, aber wenn sie sich Hoffnung auf einen Sieg machen wollten, durften sie sich jetzt nicht entzweien. „Ja, Rebecca und ihre Mutter wohnen bei Hank, Alex, den Kindern und mir. Was dagegen?“

Chance senkte den Blick und sagte: „Nee, wieso?“

„Also gut, wir sehen uns später.“ Travis zog Rebecca zur Tür.

„Was sollte denn das?“, wollte Rebecca wissen.

Travis schob sich geschickt zwischen der Menschenmenge hindurch. Eigentlich wollte er ihr lieber nichts von der Wette sagen, andererseits auch nicht lügen. „Es sah so aus, als bräuchtest du Hilfe“, sagte er.

Rebecca versuchte, sich von seiner Hand loszumachen. „Also gut, du hast mich gerettet. Aber jetzt kannst du mich loslassen und wieder in die Kameras lächeln.“

Travis blieb stehen, hielt Rebecca aber noch fest. „Für heute Abend habe ich genug von Kameras. Ich dachte, wir besorgen uns etwas zu essen und gehen ins Hotel zurück. Wo ist deine Mutter?“

Rebecca sagte vage: „Nicht hier.“

„Das ist dein erstes Finale, und sie kommt nicht zur Eröffnung? Das hört sich gar nicht nach Joy Larson an. Sie war doch früher auf jede Kleinigkeit stolz, die du vollbracht hast.“

„Mama hat Kopfweh.“ Diese Untertreibung kam Rebecca ganz leicht über die Lippen. Da sie beide es hassten, bemitleidet zu werden, hatten sie und ihre Mutter beschlossen, niemandem etwas über Joys Zustand zu sagen. „Außerdem hast du uns seit fünfzehn Jahren nicht gesehen und kennst uns gar nicht richtig.“

„Hast du dich denn so verändert, Äffchen?“, fragte er.

Da waren sie also wieder beim „Äffchen“. Wenn Travis den Spitznamen mit weicher Stimme aussprach, wirkte er beinahe zärtlicher als „Liebling“. Sein Tonfall erinnerte Rebecca unwillkürlich an ihren Vater. Den hatte sie so lange geliebt, bis sie begriff, wie sehr sein Rodeo-Engagement sie alle ruinierte.

„Ja, wir haben uns verändert. Du dich auch.“

Travis lächelte. „Ich freue mich schon darauf, euch ganz neu kennenzulernen.“

Rebecca runzelte die Stirn. Wenn Travis daran dachte, ihre alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen, gab es gleich mehrere Dinge zu bedenken. Auf einen Rodeo-Cowboy wollte sie sich jedenfalls nicht einlassen! „Das brauchst du nicht, Travis. Ich weiß, dass du sehr beschäftigt bist. Wir danken dir sehr für das Zimmer, aber wir kommen schon allein zurecht.“

Sein Lächeln erstarb. „Ich möchte doch nur …“

„Travis Eden! Endlich! Hier entlang, Leute!“

Hinter ihnen war Unruhe, und irgendjemand hielt Travis ein Mikrofon vors Gesicht. Neben einer Kamera flammte ein Scheinwerfer auf. Gleich daneben stand eine stark geschminkte kleine Brünette in rotem Kostüm.

Ohne Einleitung begann die Reporterin: „Travis, Sie sind nicht nur der Cowboy des Jahres, sondern werden auch noch um weitere Goldabzeichen im Bullenreiten sowie im Team-Lassowerfen kämpfen. Halten Sie einen Gesamtsieg für möglich?“

Travis überlegte nicht lange. „Na ja, Linda, alles ist möglich. Vieles hängt von den Tieren ab, die ich erwische.“ Er lächelte. „Und davon, ob die vierzehn anderen Cowboys kooperieren, indem sie zehn schlechte Tage haben.“

Die Reporterin strahlte. „Sie schreiben allein schon damit Rodeo-Geschichte, dass Sie gleich um mehrere Goldabzeichen kämpfen. Außerdem haben Sie in den vergangenen zwölf Jahren siebenmal das Bullenreiten gewonnen und jetzt die Chance, es zum achten Mal zu gewinnen. Damit würden Sie Don Gays Weltrekord überbieten. Meinen Sie, Sie schaffen es?“

Während Travis die Fragen auf die selbstbewusste, etwas ironische Art beantwortete, für die er bekannt war, wirkte er wieder wie der Star-Cowboy. Rebecca versuchte erneut, sich loszumachen, aber er ließ ihre Hand nicht los.

Sie beobachtete, wie er gekonnt vor der Kamera posierte. Seine Mimik und sein Lächeln wirkten allerdings etwas aufgesetzt. Wie eine Maske. Verbarg sich dahinter vielleicht noch etwas von dem jungen Mann, den sie einmal so bewundert hatte? Oder war er nun – wie sie insgeheim befürchtete – nur noch ein gewöhnlicher Rodeo-Cowboy?

Eins hatte sich bei ihm offenbar nicht geändert: sein Bedürfnis, anderen zu helfen. Aber hatte er auch seine anderen Qualitäten durch die Jahre beim Rodeo-Sport erhalten?

Rebecca dachte an früher. Als sie ein kleines Mädchen war, kam Travis fast täglich zur Circle E herüber. Damals wusste sie noch nicht, wie wertvoll die Hilfe war, die er ihrer Mutter bot, da die sich keinen Mitarbeiter leisten konnten. Erst jetzt wusste Rebecca das so richtig zu schätzen. Genau wie sein derzeitiges Angebot. Allein das Hotelzimmer hätte Hunderte von Dollars gekostet. Wie könnten sie sich nur je revanchieren!

Rebecca hasste es, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Dass sie das Gefühl nur allzu gut kannte, lag an den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie und ihre Mutter lebten, nachdem sie die Ranch verloren hatten. Rebecca war elf Jahre alt gewesen, als die Circle E unter den Hammer kam, alt genug zu verstehen, dass die Blicke, die sie auffingen, mitleidig waren und dass ihre Mutter verzweifelt war. Als sie auch das Barrel-Racing-Pferd weggeben mussten, das ihr Vater gekauft hatte, war das die bitterste Konfrontation mit der Wirklichkeit gewesen. Seitdem kämpften sie darum, wieder Fuß zu fassen. Aber es schien, als würden ihnen immer, wenn es ein Stück vorwärts ging, wieder neue Steine in den Weg gelegt.

„… dass Sie Travis schon lange kennen?“

Jemand hielt Rebecca ein Mikrofon vors Gesicht. Erschrocken konzentrierte sie sich auf die Gegenwart. Plötzlich war die Kamera auf sie gerichtet, und alle um sie herum starrten sie an. „Entschuldigen Sie, könnten Sie die Frage noch einmal wiederholen?“

Die Reporterin zog ein Gesicht. „Travis hat uns berichtet, er habe Sie auf Ihr erstes Barrel-Racing-Pferd gesetzt und kenne Sie schon seit ewigen Zeiten. Können Sie uns sagen, wieso Sie dann erst Ende letzten Jahres bei den Verbands-Rodeos aufgetaucht sind?“

Rebecca drehte sich zu Travis und bemerkte, dass er lächelte. Er hatte sie also ins Scheinwerferlicht gerückt! Na ja, wenn sie ihren Plan verwirklichen und tatsächlich eine Barrel-Racing-Schule aufmachen wollte, konnte etwas Publicity nicht schaden.

Sie wendete sich wieder der Reporterin zu. Was sollte sie sagen? Bestimmt nicht, dass sie Rodeos hasste, seitdem die Leidenschaft ihres Vaters sie in den Ruin getrieben hatte. Auch nicht, dass sie mit dem Barrel-Racing gerade erst wieder angefangen hatte und dass sie dem Rodeo-Verband nur beigetreten war, weil sie dann an den bestbezahlten Veranstaltungen teilnehmen konnte. Am besten wäre es also, nur einen Teil der Wahrheit zu erzählen.

„Ich habe vor einiger Zeit mein Pferd verloren und habe lange nach geeignetem Ersatz suchen müssen. Dann endlich habe ich Cocoa gefunden. Sie ist die beste Barrel-Racing-Stute, die ich je erlebt habe.“

„Haben Sie sie selbst trainiert?“, fragte die Reporterin.

„Ja, vom Tage ihrer Geburt an.“

Als die Reporterin sich schließlich abwendete, atmete Rebecca auf. Travis drückte ihr heimlich die Hand, während er weiter Rede und Antwort stand.

Die schlichte Geste rührte sie. Es war lange her, dass jemand – außer ihrer Mutter – ihre Nervosität bemerkte und sie daraufhin ermutigte. Seit fünf Jahren konzentrierte sich alles nur auf Joy und ihre Krankheit, und Rebecca musste immer die Starke sein.

Sie hatte schon ganz vergessen, wie gut ihr Zuspruch und Interesse taten.

Travis schlug die Decke zurück und ging nackt, wie er war, zur Fensterbank. Um Viertel vor zwei Uhr morgens war der Las Vegas Strip noch hell erleuchtet, und es wimmelte von Menschen und Autos.

Travis sehnte sich danach zu schlafen. Er hatte am folgenden Tag etliche Auftritte vor sich. Aber sobald er die Augen schloss, nagten Schuldgefühle an ihm.

Was sollte er nur mit den Larsons machen? Er konnte ihnen doch nicht zuvorkommen und die Ranch einfach kaufen! Das kam ihm auf einmal ganz hinterhältig vor. Auch Hank und Alex würden es nicht gutheißen.

Das Einfachste wäre, den Larsons das Geld zu leihen, so dass sie den Kredit bezahlen konnten. Später könnte er sie vielleicht dazu bringen, ihm die Ranch weiterzuverkaufen.

Aber Rebecca würde niemals Geld von ihm annehmen, selbst wenn er ihr dafür Zinsen berechnete! Sie stellte sich ja schon an, wenn er sie nur mal zum Drink einlud. Sie tat, als erwartete er ständig eine Gegenleistung.

Wie konnte er ihr nur helfen, den Kredit abzuzahlen?

Blicklos starrte er aufs Lichtermeer, aber ihm fiel keine Lösung ein. Rebecca musste das Geld gewinnen, denn von einem anderen würde sie es nicht annehmen. Wenn sie nicht gewann, würde sie die Ranch verlieren. Aber dass eine Anfängerin wie sie siegte, war höchst unwahrscheinlich. Vielleicht konnte er ihr dabei helfen zu gewinnen.

Vom Barrel-Racing kannte er nur die Grundlagen. Andererseits hatte er Kontakt zu Leuten, die mit dieser Sportart gründlich vertraut waren. Die könnte er vielleicht bitten, Rebecca zu beobachten und ihr ein paar Tipps zu geben.

Gleich fühlte er sich besser und ging wieder zu Bett.

Irgendwie muss ich Rebecca zum Sieg verhelfen, dachte er. Und sie später davon überzeugen, dass ich die Ranch mehr brauche als sie. Dass sie in den nächsten zehn Tagen viel Zeit miteinander verbringen würden, war sicher nützlich.

Wenn er erst mal Rebeccas Zurückhaltung besiegt hätte, würden sie vielleicht viel Spaß miteinander haben. Wie in alten Zeiten.

Allerdings musste er vorsichtig sein. Eine gefühlsmäßige Bindung wollte er auf keinen Fall! Er brauchte zunächst Zeit für sich allein, bevor er sich einem anderen Menschen wirklich zuwenden könnte.

4. KAPITEL

Donnerstag

Die Fahrstuhltür öffnete sich.

„Travis, Schatz! Wird ja Zeit, dass du endlich kommst!“

„Cheryl Ann, was machst du denn hier?“

Travis trat in den Raum mit den einarmigen Banditen.

Cheryl Ann gelang es, sich bei ihm einzuhaken. „Ich möchte mit dir sprechen, Schatz. Allein!“

„Ich habe in fünf Minuten einen Auftritt.“

„Ich weiß. Darum habe ich hier auch gewartet.“ Sie zog ihn zu einem leeren Black-Jack-Tisch und schaute ihn verführerisch an. „Können wir uns später irgendwo treffen? Ich habe ein Zimmer im Las Vegas Club.“

„Nein, Cheryl Ann, ich bin nicht daran interessiert, irgendetwas mit dir zu besprechen.“ Travis machte sich los und eilte weiter.

Aber Cheryl Ann ließ sich nicht abwimmeln. „Schatz, das meinst du doch bestimmt nicht so“, rief sie über den Lärm eines Geldautomaten hinweg, der gerade laut klimpernd Münzen ausspuckte.

„Allerdings meine ich es so. Es ist vorbei, Cheryl Ann, such dir jemand anders. Es gibt hier bestimmt einen oder zwei Cowboys, mit denen du noch nicht geschlafen hast.“

Cheryl Ann warf melodramatisch die Arme in die Luft. „Aber ich liebe dich doch, Travis!“

Er blieb genervt stehen. „Du liebst nichts und niemanden außer dir selbst. Das habe ich auf die harte Tour gelernt, dafür vergesse ich es aber so schnell nicht wieder. Viel Glück beim Finale und für dein weiteres Leben. Und nun lass mich endlich in Ruhe!“

Cheryl Anns Gesichtsausdruck versteinerte sich. „Es ist wegen Rebecca Larson, nicht? Die hat dich mir weggenommen.“

„Mich hat niemand weggenommen. Verdammt noch mal, Cheryl Ann, ich habe dich in flagranti erwischt!“

„Du hattest mir damals gesagt, dass du nicht in Oklahoma City antreten würdest.“

„Na und? Wir waren schließlich verlobt!“

In ihre whiskybraunen Augen stahlen sich Tränen. „Ich weiß, und es tut mir leid, Travis. Ich verspreche dir, dass es nie wieder vorkommt.“

„Es ist mir egal, was du tust.“ Damit verschwand er endgültig.

„Ich werde dich nicht aufgeben!“, rief sie ihm noch nach.

Travis zog den Hut tiefer in die Stirn und ging schneller.
Freitag, 1. Runde

Leise schloss Rebecca die Schlafzimmertür. Nach einem Tag voller Schmerzen und der doppelten Tablettendosis war ihre Mutter endlich eingeschlafen.

Nach zwei Tagen Krankenpflege fühlte Rebecca sich genauso erschöpft wie Joy. Aber für sie war an Schlaf nicht zu denken. Es ging darum, die erste Runde zu gewinnen!

„Bist du abfahrbereit?“

„Travis! Ich habe gar nicht gehört, dass du gekommen bist. Ist es schon Zeit zu gehen?“

Er knöpfte sein Hemd auf, und Rebecca starrte unwillkürlich auf seine dunkel behaarte Brust.

„Der Einmarsch findet um 18.45 Uhr statt, und die Pferde müssen sich noch warm laufen.“

Rebecca schaute auf die feine Haarlinie, die sich über seinem flachen Bauch in den engen Jeans verlor.

„Bist du nervös?“, fragte er.

Rebecca war tatsächlich nervös – weil Travis sich gerade vor ihren Augen auszog! „Ein bisschen schon, glaube ich.“

„Das brauchst du nicht. Die Zuschauermenge ist nicht größer als bei anderen Rodeos. Wo wir gerade davon sprechen – wie kommt es, dass ich dich noch nicht in Cheyenne oder in Fort Worth oder bei einem der anderen Events gesehen habe?“

Rebecca hatte keine Lust, zu erklären, wieso sie ihn damals nicht angesprochen hatte. Besonders dann nicht, wenn sie gerade vom Anblick seiner sonnengebräunten Haut abgelenkt war … „Vermutlich hatten wir unsere Auftritte an verschiedenen Tagen. Und ihr Stars bleibt ja nicht die ganze Zeit da.“

Travis zog den zweiten Hemdärmel vom Arm.

„Sag mal, wieso ziehst du dich eigentlich vor meinen Augen aus?“

Travis war überrascht. „Ich will nur schnell das Hemd anziehen, das mir beim ersten Auftritt Glück gebracht hat. Ist deine Mutter fertig?“

„Mama kommt nicht mit.“

„Sie kommt nicht mit, um sich deinen ersten Auftritt anzuschauen?“

„Nein, ihr tut der Kopf zu weh.“

„Sie ist nun schon seit zwei Tagen krank. Kann ich irgendetwas für sie tun?“

Wie lange war es nun schon her, dass jemand ihnen Hilfe angeboten hatte? Travis’ Angebot war ehrlich gemeint, aber Rebecca mochte keine Abhängigkeit von anderen, außerdem hatte er selbst genug um die Ohren.

Sie schüttelte den Kopf. „Mama schläft jetzt.“

„War sie schon mal beim Arzt?“

„Ja, natürlich. Bei Migräneanfällen kann man nicht viel tun, außer zu schlafen, bis sie vorüber sind.“ Unter Migräne konnte sich jeder etwas vorstellen, deshalb benutzte Rebecca diese Ausrede.

Travis nickte verständnisvoll.

Mit nacktem Oberkörper ging er in sein Zimmer. „Ich zieh’ mich eben um, dann komme ich mit.“

Rebecca schaute ihm nach. „Vielleicht sollte ich einen Bus nehmen … oder ein Taxi oder so was.“

„Ach, Unsinn, wir fahren gemeinsam zum Stadion. Ich habe die meisten Werbeauftritte schon absolviert, von jetzt an also mehr Zeit für dich.“

Mehr Zeit für sie? Das war das Letzte, was Rebecca wollte. „Ich kann mir auch ein Taxi nehmen.“

„Schon, aber bei mir kostet es nichts.“

Das war natürlich ein Argument. Sie durfte nicht unvernünftig handeln, nur weil Travis Eden wieder in ihrem Leben aufgetaucht war.

„Na gut, wenn du meinst …“

Rebecca führte ihre Stute Cocoa in dem großen Zelt, das neben dem Stadion zum Aufwärmen der Pferde aufgestellt worden war, langsam herum.

„Na, hattest du einen schönen Abend?“, fragte Kevin Chapman Travis anzüglich.

Der schaute zu Rebecca hinüber. Er und Chance hatten den ersten Platz im Team-Lassowerfen gewonnen. Nun wartete er noch auf seinen Auftritt beim Bullenreiten, der letzten Disziplin. „Was soll die Frage, Kev?“

Kevin spuckte Kautabaksaft in den Sand. „Ach, nichts, Trav. Aber du gehörst nicht zu unserem Wett-Team.“

„Nein, und du solltest eigentlich auch nicht dazugehören.“ Travis hatte Kevin gemocht, als der den ersten Schritt ins Profi-Leben gewagt hatte. Ohne die Ratschläge, die Travis ihm in den ersten Jahren gegeben hatte, wäre Kevin vermutlich jetzt nicht dort, wo er war.

„Mir scheint, ihr Jungs habt zu viel Zeit. Diese Wette ist richtig mies, kann ich nur sagen.“

„Ach, das ist doch nur Spaß.“

„Vielleicht aus eurer Sicht. Aber habt ihr das mal von Rebeccas Standpunkt aus betrachtet?“

Kevin wich seinem Blick aus. „Es war ja nicht meine Idee. Hey, es ist doch nur ein Jux.“

„Ihr setzt hundert Dollar auf einen bloßen Jux?“

Kevin zuckte die Achseln. „Ich war betrunken, Mann, wir waren alle betrunken. Chance hatte die Idee. Wieso sagst du es ihm nicht?“

„Glaub nicht, dass ich das nicht schon gemacht habe. Ich wollte nur hören, was du dazu meinst.“

„Was hast du überhaupt damit zu tun?“, fragte Kevin angriffslustig.

Travis zögerte. „Rebecca ist ein nettes Mädchen.“

Kevin kicherte. „Rich Ivey meint, wir würden ihr einen Gefallen tun.“

„Und was ist mit deinem Vater, dem Reverend? Meinst du, der ist stolz darauf, dass sein Sohn versucht, eine unschuldige junge Frau reinzulegen?“

Kevin schob den Tabakpfriem von einer Ecke des Mundes in die andere. „Dem sagst du das doch nicht, Trav? Hey, du sitzt ja selbst im Glashaus.“

Travis schaute wieder zu Rebecca hin, die sich gerade an ihre Stute lehnte. Ihre Wangen waren in der kühlen Luft rosig gefärbt.

Was konnte er dagegen sagen? In den elf Jahren seiner Profikarriere hatte er wirklich genug Frauen gehabt. Auf den Rodeos, an denen er teilgenommen hatte, hatten ihn viele geradezu verfolgt, und Travis hatte sich nicht gerade gewehrt. Am Ende einer jeden Veranstaltung hatte er nur hinter den Rinderboxen warten müssen und sich das hübscheste Mädchen heraussuchen können.

In den letzten Jahren hatte ihn das allerdings immer weniger gereizt. Jede Nacht ein anderes Mädchen – das befriedigte ihn einfach nicht mehr. Und länger als eine Nacht konnte er schon gar keine ertragen.

„Du bist doch nicht etwa scharf auf Rebecca?“, unterbrach Kevin seine Gedanken. „Chance sagte, du spielst den Gentleman, bist an Rebecca aber nicht mehr interessiert als an Cheryl Ann.“

„Und was hat mein Kumpel noch so gesagt?“, fragte Travis.

„Dass du es spätestens in ein paar Tagen satthaben würdest, dich mit Rebecca Larson abzugeben. So wie bei jeder anderen Frau.“

Travis hätte Kevin am liebsten gesagt, dass das einzige Interesse, das er an Rebecca Larson hatte, fünfhundert Hektar Land in den Bergen von Wyoming waren. Aber das würde nur die Cowboys der Wettgemeinschaft dazu verleiten, sie erst recht zu bedrängen, und das in einer Zeit, in der Rebecca sich aufs Finale konzentrieren musste.

Was könnte die Jungs davon abbringen? Travis musste an Kevins Bemerkung denken. Falls er selbst Rebecca für sich beanspruchte, würde kein Verbands-Cowboy es noch wagen, sie auch nur zu berühren. Die Vorstellung war ihm nicht unangenehm, aber wohin würde das führen? Wenn er erst damit anfinge, Rebecca im Arm zu halten, könnte es ja sein, dass ihm das gefiele …

Andererseits wären seine Gefühle für Rebecca vermutlich genauso wenig von Dauer wie bei den anderen Frauen vor ihr. Wahrscheinlich dachte er überhaupt nur über sie nach, weil er sich einredete, dass er sie nicht bekommen konnte.

Vielleicht würde es reichen, wenn sie beide in der Öffentlichkeit so taten, als seien sie ein Paar. Dann konnte nichts aus dem Ruder laufen.

Je mehr er darüber nachdachte, umso besser gefiel ihm die Idee. Dann würden nicht nur die Cowboys Rebecca in Ruhe lassen, sondern vielleicht Cheryl Ann auch ihn!

„Was wäre, wenn ich dir sagte, dass ich scharf auf Rebecca bin?“, sagte Travis. „Würdest du trotzdem versuchen, die Wette zu gewinnen?“

Kevin sah Travis forschend an. „Hört sich nicht unbedingt an, als meintest du es ernst, Trav. Aber wenn doch, würde ich wohl aussteigen. Ich schulde dir zu viel, als dass ich versuchen würde, dir deine Lady streitig zu machen.“

„Gut zu wissen, dass du noch einen Rest Gewissen hast.“

„Aber solange Rebecca nicht an deinem Arm hängt, ist sie noch im Spiel.“

Travis fluchte innerlich. Für diesen Plan brauchte er Rebeccas Mitarbeit, und er fragte sich, wie er sie davon überzeugen konnte. Er wollte ihr nichts von der Wette sagen, und sie hatte deutlich gemacht, dass sie weder von ihm noch von anderen Rodeo-Cowboys etwas wissen wollte. Seitdem sie sich im Aufwärmzelt befand, schaute sie nicht mal mehr zu ihm herüber. Wie sollte er ihr wohl klarmachen, dass sie so tun sollte, als sei sie in ihn verliebt?

Rebecca stieg von der Bühne herab in den Tanzsaal des Gold-Coast-Hotels, in der Hand die Schachtel, die ihre Erstrunden-Siegerschnalle enthielt. Obgleich es beinahe Mitternacht war, war sie kein bisschen müde. Der Sieg hatte sie aufgemuntert. Sie wünschte, ihre Mutter hätte sie auf der Bühne gesehen und die Lobeshymnen der Ansager gehört.

Travis schaute ihr nach, wie sie sich durch die Menge im Saal einen Weg bahnte.

Obgleich Rebecca es nicht wahrhaben wollte, bedeutete ihr die Goldschnalle doch mehr als ein erster Schritt auf dem Weg zur Meisterschaft. Die erste Runde zu gewinnen gab ihr ein gutes Gefühl, auch wenn sie nur um sechs Hundertstel besser als die anderen gewesen war. Der Sieg hieß schließlich, zu den Besten der Welt zu gehören. Zur absoluten Elite!

Travis lobte sie: „Du hast dich da oben prächtig gemacht.“

„Danke.“ Rebecca lächelte. Travis hatte ja schon Routine beim Entgegennehmen von Preisen. „Du ebenfalls.“

Und wieder wurde sein Name genannt, diesmal fürs Bullenreiten. „Und noch einmal.“ Er betrat erneut die Bühne, und die Ansager kommentierten ausgiebig seinen zweiten Sieg des Abends.

Rebecca beobachtete Travis unauffällig. Sein kantiges Gesicht gefiel ihr, und sein Körper wirkte noch kraftvoller als der der anderen Rodeo-Cowboys, die durchweg gut proportioniert waren. Wer hätte gedacht, wie attraktiv der magere Junge von damals mal sein würde! Und wer hätte gedacht, dass sie sich für ihn interessieren würde!

Der Gedanke erschreckte sie. Für einen Rodeo-Cowboy? Nie im Leben!

Kaum war er von der Bühne herunter, warf Cheryl Ann sich in Travis’ Arme. Aber der schien nicht gerade erfreut zu sein. Höflich, aber energisch schob er sie zur Seite.

Rebecca wunderte sich. Hatte sie gerade so etwas wie Eifersucht empfunden? Es konnte ihr doch ganz egal sein, wer sich an Travis Eden klammerte! Er war doch nichts als ein Rodeo-Cowboy …

Sekunden später war er wieder an ihrer Seite. Die Moderatoren beendeten die Vorstellung, die Menge begann sich zu zerstreuen. Einige bewegten sich zum Ausgang, andere zur Bar.

Travis legte Rebecca eine Hand an die Taille. „Es ist schon fast Mitternacht. Wollen wir ins Hotel zurückfahren?“

Rebecca empfand seine warme Hand an ihrem Rücken als angenehm. Sie nickte.

Es dauerte lange, bis sie sich den Weg durch die Menge gebahnt hatten. Alle paar Minuten wurden sie von Fans oder Kollegen angehalten, die Travis gratulierten. Dass jemand gleich in zwei Disziplinen auf einmal gewann, geschah auch nicht alle Tage.

Rebecca wurde in die Glückwünsche mit einbezogen. Auch sie kannte schon eine Menge Rodeo-Leute, aber nicht annähernd so viele wie Travis. Er sprach mit allen, als wenn sie zur Familie gehörten. Er hatte das Rodeo ja auch im Blut, genau wie damals ihr Vater.

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