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Bianca Exklusiv Band 0148

Lucy Gordon

Willkommen, Liebe!

1. Kapitel

 

Luke hatte diesen Raum als Schlafzimmer gewählt, weil er Aussicht auf die goldene kalifornische Küste bot, auf das schimmernde Wasser und den Manhattan Beach Pier. Er hatte dieses Haus am Strand tatsächlich wegen des herrlichen Ausblicks gekauft, und er genoss ihn jeden Morgen aufs Neue.

Heute Morgen, wie sonst auch, sprang er nackt aus dem Bett, und sein erster Gang war der zum Fenster. Er wollte das Rollo gerade hochziehen, als er innehielt und einen liebevollen Blick über die Schulter zum Bett hin warf, wo er einen Schopf blonder Locken auf dem Kissen ausgebreitet sehen konnte.

Dominique war ein echter Schatz, aber sie war ein Morgenmuffel. Und nach der verrückten Nacht, die sie zusammen gehabt hatten, verdiente sie ihren Schlaf. Ihren Schönheitsschlaf, wie sie es nannte. Obwohl er es absolut nicht verstehen konnte, dass ausgerechnet sie mit ihrem unglaublichen Gesicht und der unglaublichsten Figur in ganz Los Angeles – vielleicht sogar in der ganzen Welt, wie er großzügig hinzufügte – einen Schönheitsschlaf brauchte.

Er ließ das Rollo geschlossen, zog eine Badehose an und ging hinunter in die riesige Küche. Aus dem Kühlschrank holte er das Glas mit Orangensaft heraus, den er am Abend zuvor ausgepresst hatte, und trank ihn in kleinen Schlucken, um den leicht süß-sauren Geschmack so richtig genießen zu können.

Danach lief er über den Sandstrand zum Wasser und tauchte mit einem Hechtsprung in den kalten Pazifik ein. Das vertrieb den letzten Rest von Schlaf und machte ihn bereit für einen neuen Tag in seinem Leben. Ein Leben, das er in jeder Hinsicht gut fand.

Luke Danton, vierunddreißig Jahre alt, bekannt, gut aussehend, erfolgreich. Solange er sich erinnern konnte, fielen ihm die Freuden des Lebens spielerisch zu … wenn auch nicht ganz ohne Mühe, wie er sich eingestehen musste. Aber er hatte nichts gegen harte Arbeit. Er verstand es zuzupacken, umso mehr, da er wusste, dass die Anstrengung sich für ihn immer lohnte.

Er tobte eine ganze Stunde in der Brandung herum, nahm die Herausforderung der Wellen an, stemmte sich gegen sie, tauchte unter, übersprang sie. Schließlich watete er aus dem Wasser, blieb kurz stehen, um das Panorama zu genießen – den Strand und die Häuser dahinter. Liebevoll blickte er auf sein eigenes Heim, sein Stolz und seine Freude. Angesichts des Kaufpreises hatte er schlucken müssen, aber das Haus war jeden Cent wert.

Als Kind hatte er an diesem Strand gespielt. Als Heranwachsender hatte er hier rumgegammelt, bis seine Mutter ihn dafür anschrie. Aber wenn sie nicht gerade böse auf ihn war, brachte sie ihm das Kochen bei, und darin hatte er seine wirkliche Begabung gefunden. Er war Meisterkoch von Beruf und mittlerweile zum Starkoch aufgestiegen. Als gestandener Mann war er nun vor kurzem hierher zurückgekehrt, um sich ein Haus nur zwei Blocks vom Manhattan Pier entfernt zu kaufen.

Er eilte zurück ins Haus, um sich für den Tag fertig zu machen. Dominique schlief noch immer, und er schloss die Badezimmertür hinter sich, um sie mit seinem lauten Gesang unter der Dusche nicht zu wecken.

Sein schlanker Körper war muskulös, obwohl er sich niemals mit Fitness abgab. Seine unwahrscheinliche Energie, die harte Arbeit sowie das Schwimmen und Surfen im Pazifik hielten ihn in Form. Seine Beine waren lang und sehnig, seine Hüften straff und seine Schultern breit.

Sein Gesicht, dem man ansehen konnte, dass er ständig Unfug im Kopf hatte, wirkte jünger, als er tatsächlich war. Die dunklen Augen und das schwarze Haar könnten auf einen entfernten spanischen Vorfahren zurückzuführen sein. Aber den stets lachenden Mund hatte er einwandfrei von seinem Vater. Mac Danton hatte es in seinem Leben nie wirklich zu etwas gebracht, und das war auch heute nicht anders, fand die Frau, die ihn immer noch liebte und ihm seine Kinder geboren hatte.

"Und du bist genauso schlimm", hatte sie Luke oft vorgehalten. "Es wird Zeit, dass du dir einen anständigen Beruf suchst."

Dass er Besitzer von zwei Restaurants war und eine eigene Sendung im Kabelfernsehen hatte, betrachtete sie immer noch nicht als anständigen Beruf. Luke grinste einfach in sich hinein, wenn sie anfing, ihn zu kritisieren.

Nachdem er geduscht hatte, zog er eine Hose an und ging hinunter in die Küche. Dominique war inzwischen ebenfalls da. Sie trug einen seiner besten Morgenmäntel aus Seide, und Luke beeilte sich, ihr zuvorzukommen. Er hasste es, jemanden in der Küche zu haben, der ihm zur Hand gehen wollte.

"Wie spät ist es?" fragte sie und gähnte.

"Kurz vor zwölf. Wie konnten wir nur so lange schlafen?"

"Es war doch nicht lange. Wir haben den Nachtklub erst gegen vier Uhr verlassen", erinnerte sie ihn und schmiegte sich mit geschlossenen Augen an seine Brust. "Und dann, als wir hier waren …"

Er grinste. "Ja", sagte er langsam, und beide lachten.

"Wo finde ich den Kaffee?" fragte sie. "Ich vergesse es immer wieder."

"Ich mache den Kaffee schon", entgegnete er schnell und führte sie zu einem Stuhl. "Du bleibst hier sitzen, und ich bediene dich."

Sie lächelte ihn schläfrig an. "Nicht zu viel Sahne, bitte."

"Als ob ich mittlerweile nicht wüsste, was für deine Figur schlecht ist", erwiderte er, während er den Kaffee mahlte.

Sie öffnete weit seinen Morgenmantel und gab Luke einen großzügigen Blick auf ihren perfekten Körper. "Man muss schon einiges tun, um in Form zu bleiben", bemerkte sie.

Er grinste. "Bedeck dich. Ich bin immer noch völlig erschöpft von letzter Nacht."

"Nein, das bist du nicht. Du bist nie erschöpft, Luke." Sie stellte sich hinter ihn und legte die Arme um seine Taille, dabei presste sie sich so dicht an ihn, dass ihm fast der Kaffeefilter aus der Hand fiel. "Und ich bin auch nicht erschöpft – zumindest nicht von dir."

"Das ist mir nicht verborgen geblieben", bemerkte er und lächelte bei der Erinnerung an einige der aufreizenden Momente der vergangenen Nacht.

"Wir sind so gut zusammen – in jeder Beziehung." Als Luke nicht antwortete, schloss Dominique die Arme noch enger um ihn. "Findest du nicht auch?" beharrte sie.

Luke war froh, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Sein ganzes Leben hatte er sich vor Verpflichtungen gedrückt. Mit der Zeit hatte er sich eine Art Antenne erworben, deren Fühler sofort Alarm schlugen, wenn ihm die Gefahr drohte, gefangen zu werden. Und im Augenblick glühten die Fühler, warnten ihn, dass sich in den nächsten wenigen Momenten entscheiden würde, ob sein Leben weiterhin angenehm bleiben würde.

"Ich weiß, dass wir in einer Beziehung perfekt zusammen sind", entgegnete er leichthin. Er drehte sich um und küsste sie auf die Nasenspitze. "Und was will man mehr?"

Dominique zog einen Flunsch. "Früher oder später braucht jeder mehr."

Oh, Himmel, sie lässt nicht locker!

"Nicht dieses Thema, Baby", bat Luke. Er küsste sie wieder, dieses Mal auf die Lippen. "Lass uns eine schöne Freundschaft nicht verderben."

Sie gab nach, für jetzt, wie er wusste. Er kannte Dominiques ausgesprochene Willenskraft, mit der sie es geschafft hatte, von der besten Model-Agentur in Los Angeles vermittelt zu werden und an Bombenjobs heranzukommen … und zwar durch Methoden, die – wie Luke vermutete – lieber nicht genauer untersucht werden sollten. Was Dominique wollte, bekam sie. Und jetzt schien es, dass Dominique ihn in Fesseln legen wollte.

Er erzitterte bei dem Gedanken an die nicht zu umgehende Auseinandersetzung. Er hatte keine Angst, dass er den Kürzeren ziehen würde. Wenn es um sein Überleben ging, konnte er nämlich ganz schön dickköpfig sein, was die Leute immer erstaunte, die nur seine aufgekratzte Freundlichkeit und sein Lachen kannten. Aber sich zu streiten schien ihm eine solche Verschwendung, wenn sie beide doch angenehmere Dinge tun konnten.

Streiten? Verdammt, nein. Er stritt nie mit Frauen. Es gab andere Wege, sie wissen zu lassen, wo er stand. Subtilere Wege, die sie nach einer genussreichen Nacht freundlich stimmten.

Luke mochte Frauen, und er liebte sie über alles, nicht unbedingt ihres Körpers wegen, sondern wegen ihrer sehr eigenen Art. Er war bezaubert von ihrem Wesen, von ihren seltsamen kleinen Geheimnissen, in die sie ihn unbewusst einweihten, was ihm wiederum großen Vorteil bei anderen Frauen brachte.

Keine Einzige seiner Geliebten hätte ihn nicht mit Freude wieder in ihr Bett aufgenommen. Er bildete sich darauf nichts ein. Er war nur zutiefst dankbar für ihre Großzügigkeit. Und er wollte, dass es auch so blieb. Welcher Mann wollte schon angekettet werden?

Er musste mit Zartgefühl vorgehen. Das war es!

"Mein armer Liebling", sagte er und küsste Dominique zärtlich. "Nimm deine Kaffeetasse, und leg dich wieder ins Bett. Ich zaubere dir etwas ganz Besonderes zum Lunch."

"Was meinst du mit 'armer Liebling'? Und ich möchte nicht ins Bett."

"Nein? Du siehst immer noch ein wenig schläfrig aus."

"Ich sehe müde aus?" schrie sie entsetzt auf.

"Nein, nein, nur schläfrig", besänftigte Luke sie. "Und das ist ja auch kein Wunder nach der letzten Nacht. Du bist einfach großartig gewesen."

"Nun, ich weiß, was du magst", gurrte Dominique und fuhr mit den Händen über seinen nackten Oberkörper.

"Tu das nicht", flehte er und spielte gekonnt die Rolle eines Mannes, der fürchtete, körperlich erregt zu werden. Dabei war genau das Gegenteil der Fall. Jetzt, wo er um ihre Absicht wusste, schienen seine sinnlichen Regungen abgestorben zu sein, wie immer, wenn er Hochzeitsglocken hörte. Aber es wäre nicht nett von ihm, Dominique das spüren zu lassen. Und Luke versuchte immer, nett zu sein.

Sanft, wenn auch entschieden führte er sie die Treppe hinauf. "Komm, kuschel dich ins Bett, Liebling, und lass mich dich verwöhnen", murmelte er.

Er wusste, dass keine Frau ein solches Angebot zurückweisen würde. Und er würde ein wenig Zeit gewinnen.

Vielleicht eine Stunde … wenn er Glück hatte.

Nachdem Luke Dominique beschwatzt hatte, sich wieder ins Bett zu legen, trat er auf den Balkon und atmete tief durch. Hoffentlich ließen die Engel, die dafür zuständig waren, Junggesellen zu beschützen, ihn nicht im Stich.

Weit weg konnte er das schwache Motorengeräusch eines Flugzeugs hören, das zur Landung auf dem Flughafen von Los Angeles ansetzte. Warum er plötzlich auf den Gedanken kam, dass sein guter Engel sich an Bord befand, wusste er wirklich nicht.

 

"Ladys und Gentlemen, der British Airways Flug 279 von London nach Los Angeles wird in zwanzig Minuten landen. Es ist 12 Uhr 10 Ortszeit, die Temperatur beträgt 23 Grad Celsius …"

Die zehnjährige Josie drehte sich halb vom Fenster ab, aus dem sie fasziniert auf das beginnende Häusermeer unter ihr geblickt hatte. "Mommy, wir sind heute Morgen um halb zehn gestartet und sind elf Stunden geflogen. Wie können wir um halb eins mittags landen?"

Pippa gähnte und streckte sich, soweit die Umstände es zuließen. "Los Angeles liegt in der Zeit acht Stunden vor London, Liebling. Ich habe dir das doch schon erklärt, als wir uns den Atlas beguckten."

"Ja, aber in Wirklichkeit ist es anders."

"Das stimmt." Im Stillen rechnete Pippa sich aus, wie lange sie noch auf eine gute Tasse Tee warten musste.

Josie nahm ihre eigenen Berechnungen vor. Jedenfalls kam sie zu einer befriedigenden Antwort. "Wir sind rückwärts geflogen", rief sie stolz.

"Das wird wohl so sein."

"Siehst du, es gibt doch eine Zeitreise."

Es war tatsächlich eine Art Zeitreise – eine Reise in die Zeit zurück. Der Zeitunterschied betrug allerdings nicht acht Stunden, sondern elf Jahre. Es war eine Reise in die Zeit zurück, als ein naives Mädchen von achtzehn Jahren ihren Verstand vom Herzen hatte leiten lassen und einen Mann liebte, obwohl es klar war, dass seine Liebe nur flüchtig bleiben würde.

Auf ihrer Reise in die Zeit zurück erinnerte Pippa sich an den Augenblick, kurz bevor sie Luke Danton begegnet war. Sie stand ein wenig verwirrt im Korridor des Kellers des Ritz Hotels und war sich nicht schlüssig, welche Richtung sie nehmen sollte. Also öffnete sie die erste Tür, die sie sah, und fand sich in der Hotelküche. Und da war er – der gut aussehende, lachende junge Mann, der sie am Arm ergriff, sie wie einen Eindringling hinausbugsierte und ihr praktisch befahl, sich später mit ihm zu treffen.

Mach schnell, dass du an der Tür vorbeikommst, solange es noch geht. Renne zum Ende des Durchgangs, zum Treppenaufgang hin. Vergiss, dass es ihn gibt. Dreh die Zeit vor, und du bist in Sicherheit.

Sicherheit. Kein Luke. Keine sinnlichen vier Monate. Keine qualvolle Einsamkeit. Keine herrlichen Erinnerungen. Keine wunderbare Josie.

Sie stieß die Tür auf. Und da war er …

 

Es war für Luke eine äußerst kritische Situation.

Natürlich konnte er immer noch schonungslos offen sein: Keine Hochzeit! Auf keinen Fall! Und leb wohl! Aber Luke hasste es, jemandem wehzutun, und er mochte Dominique. Er wollte sie nur nicht heiraten.

Er vermutete, dass es eine Verbindung gab zwischen dieser Situation und einer Krise, die sie kürzlich durchgemacht hatte. Nach sechs Jahren als Topmodel hatte es Dominique fassungslos gemacht, dass ihr ein Job, den sie wirklich gewollt hatte, abgeschlagen wurde.

Zu Gunsten einer Jüngeren.

Dominique war umwerfend schön, aber sie war mit vierundzwanzig eine alte Lady in ihrem Job, und die Stunde hatte geschlagen.

Sie hatte Luke nichts von dieser Sache erzählt, aber er hatte es durch die Medien erfahren. Kein Wunder also, dass er keinen Augenblick daran zweifelte, worum es hier wirklich ging und dass sein persönlicher Charme nichts damit zu tun hatte. Er verübelte es Dominique nicht. Sie lebten in einer rauen Welt. Und er sagte sich, dass sogar eine hinreißende Frau in seinem Bett so manchen Trick anwenden könnte. Luke hatte das selbst einige Male getan. Also nahm er die ganze Angelegenheit gelassen hin.

Doch nachgeben … Nein, das war nicht drin.

Es hatte in seinem Leben – abgesehen von seinen Eltern – einen Menschen gegeben, der von ihm nichts verlangt hatte. Der sogar seinen schuldbewussten Heiratsantrag abgelehnt hatte.

Pippa … Er würde ihr dafür immer dankbar sein. Witzige, überdrehte kleine Pippa, so verrückt wie er selbst, die seine Monate in London verzaubert hatte und ihn dann mit einem Lächeln und einem Winken hatte gehen lassen.

Er war ihr erster Liebhaber gewesen, und er erinnerte sich immer noch gern, wie sie es genossen hatte, mit ihm Sex zu haben, so als ob Sex eine Schachtel Pralinen wäre, die sie mit ihm vernaschen wollte. Mit einem Jauchzen war sie ins Bett gesprungen, ungehemmt in ihrer Freude, warmherzig und großzügig, erpicht darauf, Lust zu geben und Lust zu empfangen. Er hoffte, ja, er hoffte es tatsächlich, dass sie einen Mann gefunden hatte, der sie so befriedigen konnte, wie er es getan hatte.

Oder machte er sich da etwas vor?

Pippa war sogar cool geblieben, als sie entdeckt hatte, dass sie schwanger war. Er war zu dem Zeitpunkt bereits wieder zurück in Los Angeles gewesen, aber sie hatte ihm geschrieben. Er hatte sie angerufen und ihr pflichtbewusst angeboten, sie zu heiraten. Pippa hatte das sehr lustig gefunden, wie er sich erinnerte. Deswegen heiratete man doch heutzutage nicht. Natürlich wollte sie das Baby, aber wer brauchte schon Luke?

Er war nicht gerade erfreut gewesen, so wie sie es ausgedrückt hatte, aber es hatte ihm die Freiheit bewahrt und dazu auch noch ein reines Gewissen. Er hatte schon mal daran gedacht, nach Europa zu fliegen, um sie zu besuchen. Aber die Flüge waren teuer, und es war vernünftiger, ihr das Geld zu schicken. Und das hatte er getan. Regelmäßig.

In seiner Erinnerung war sie das verrückte Mädchen geblieben, ein Spaßvogel, dem der Schalk aus den Augen guckte. Sie hatte ihm Fotos von sich geschickt, aber irgendwie blieben sie unwirklich, passten nicht zu den lebhaften Erinnerungen an sie.

Luke ertappte sich dabei, dass er lächelte bei der Erinnerung an dieses närrische, streitsüchtige, bezaubernde weibliche Wesen. Alles, was Pippa unternahm, tat sie absolut impulsiv und begeistert. Nur mit ihr zusammen zu sein war schon erschöpfend. Ob es ihre Träume waren oder nur das Essen, es war Grund genug, es ungestüm anzugehen. Sogar der banalste Streit. Und wie sie streiten konnte! Er hatte sie küssen müssen, um ihr den Mund zu verschließen. Doch auch damit hatte er sie nur zum Schweigen bringen können, wenn er ihren reizvollen Körper zu erkunden begann … um dann herauszufinden, dass sie sich auch dabei leidenschaftlich verhielt.

 

Pippa wusste, dass sie falsch gehandelt hatte. Es war verrückt, sich von einer Minute zur anderen für den Flug nach Los Angeles zu entscheiden.

Jetzt war sie hier, müde von der langen Reise, mit einer inneren Uhr, die ihr sagte, dass es kurz vor Mitternacht war, und mit einem Tag vor ihr, der hier gerade begonnen hatte und der hart werden würde.

Oh, warum hatte sie nicht zuerst nachgedacht, statt so impulsiv zu handeln?

Es war allein Jakes Schuld. Und Harrys und Pauls und Dereks. Die hätten sie aufhalten sollten, vor allem Jake, der eigentlich als der Vernünftigste von den vieren galt. Stattdessen rückte er mit dem Namen eines Freundes heraus, der bei einer Fluggesellschaft arbeitete und ihr zwei Tickets weit unter dem üblichen Preis besorgen konnte.

Paul und Derek hatten sorgfältig ihre Medikamente nachgeprüft und ihr eine Liste gegeben mit Richtlinien, wie sie sich verhalten sollte. Harry hatte sie und Josie in seinem alten Wagen zum Flughafen gefahren. Und die anderen drei waren mitgekommen, weil sie Pippa und ihre Tochter nicht ohne Winken auf die weite Reise hatten lassen können.

Wenn doch nur ihre Koffer auf dem Förderband bald erschienen! Pippa war, als ob sie hier bereits eine Ewigkeit wartete! Sie seufzte erschöpft. Josie dagegen hüpfte vor Aufregung auf und ab, sie wollte unbedingt als Erste die Koffer entdecken.

"Dort, Mommy, da sind sie! Guck mal!"

"Lass sie herankommen." Pippa hielt ihre Tochter zurück, damit sie nicht auf die andere Seite des Laufbandes stürmte und die für sie viel zu schweren Koffer vom Band zerrte. "Warte, bis sie hier sind."

Josie schüttelte den Kopf, sodass ihre langen rotbraunen Haare hin und her schwangen. "Ich hasse es zu warten. Ich will alles sofort haben."

"Dann bleibt nichts für später übrig, und was würdest du dann tun?" neckte Pippa sie.

"Ich mache, dass es später geschieht. Ich kann alles, was ich will, geschehen machen."

Es versetzte Pippa immer einen Stich, wenn ihre Tochter so redete. Sie erinnerte sich dann nur zu gut an jemanden, der geglaubt hatte, dass er das Leben nach seinem Belieben formen könnte. Und dieser Jemand hatte damit Recht gehabt.

Als Pippa sich umschaute, wurde ihr bewusst, wie weit sie gereist war, seit sie England verlassen hatte. Dies hier war ein anderer Kontinent, ja, eine andere Welt.

Alle sahen so gut aus. Wo waren die schlecht gekleideten, schäbigen, schlampig aussehenden Leute, die es in jeder anderen Bevölkerung gab? Wo waren die Übergewichtigen, die Farblosen? Die Menschen hier konnten doch sicherlich nicht alle Möchtegernfilmstars sein?

Was hatte Luke mal gesagt?

"Eine Auswahl von denen, die zum Film wollten, kamen hierher in den Westen, und wenn sie es nicht schafften, dann blieben sie hier und heirateten einander. Was du auf den Straßen siehst, ist die dritte Generation."

So viel Schönheit machte nervös, geradezu, als ob man sich selbst in einer Folge von Star Trek befände, wo keiner in die Mannschaft des Raumschiffes aufgenommen werden konnte, der nicht gut genug aussah, um ultrakurze Röcke oder hautenge Anzüge zu tragen.

Sie hatte Jeans und Pullover für den langen Flug gewählt, das war ihr vernünftig erschienen. Nun kam es ihr geradezu unmöglich vor.

Mit neunundzwanzig war Pippa noch jugendlich schlank. Ihr rötlich braunes, schulterlanges Haar umspielte das herzförmige Gesicht in weichen Wellen. Sie hatte große, leuchtende Augen und einen hübsch geformten Mund, der sich immer leicht zum Lachen verzogen hatte. Ihr Charme lag in ihrem Lachen, vor allem, wenn es sich in ihren Augen andeutete, noch bevor sie in Lachen ausbrach.

Seit einiger Zeit lachte sie jedoch nicht mehr so oft. Nicht mehr, seit ihr Arzt gesagt hatte: "Pippa, ich muss ehrlich zu Ihnen sein …"

Und gerade in diesem Moment hatte sie das Gefühl, dass sie überhaupt nie wieder lachen würde.

Endlich hatten sie ihr Gepäck, und die üblichen Formalitäten bei der Einwanderungsstelle und dem Zoll waren erledigt. Nun konnten sie sich auf den Weg zum Airport Hotel machen.

"Warum können wir nicht einfach bei Daddy wohnen?" wollte Josie wissen, während sie ihre Sachen im Hotel auspackten.

"Weil er nicht weiß, dass wir kommen, und sich deshalb nicht auf uns eingestellt hat."

Sie hatten schnell alles in Schubladen und im Schrank verstaut, und Josie wollte gleich aufbrechen. Sie nahmen ein Taxi, und Pippa gab dem Fahrer Lukes Adresse. "Ist es weit von hier?"

"Höchstens zehn Minuten", gab der Taxifahrer Auskunft.

Nur zehn Minuten, und sie hatte sich noch immer nicht entschieden, was sie Luke sagen sollte, wenn er die Tür öffnete und sie mit Josie sehen würde. Warum hatte sie ihr Kommen nicht angekündigt?

Weil er sich womöglich verdrückt hätte, antwortete ihr eine innere Stimme trocken.

Der Luke, den sie vor elf Jahren gekannt hatte, war wunderbar gewesen. Es war eine Freude gewesen, mit ihm zusammen zu sein. Aber die Worte ernsthaft und verantwortungsvoll gehörten nicht zu seinem Vokabular. Eher nett. Auch charmant und großzügig. Und nicht zu vergessen amüsant und warmherzig. Doch das Wort Bindung war für ihn nicht erfunden worden, obwohl es ihm nicht unbekannt war.

Ein Beweis dafür war, dass Luke zwar großzügig für den Unterhalt seiner Tochter gezahlt hatte, niemals jedoch auf die Idee gekommen war, sie zu besuchen. Und das war auch der Grund, warum Pippa mit Josie den Atlantik überquert hatte. Pippa war entschlossen, dass Luke sein Kind kennen lernen sollte, bevor … Hier unterbrach sie ihre Gedanken. Sie wusste, dass man über diesen Punkt hinaus nicht dachte. Bevor Josie zu schnell erwachsen wurde, ergänzte sie schnell.

Sie hatte die Entscheidung getroffen und sofort gehandelt, ohne sich die Zeit zum Überlegen zu geben. Oder ihre Nerven zu verlieren, wie sie sich selbst gegenüber zugab. Und nun waren sie hier, fast bei Lukes Haus. Plötzlich ging ihr auf, wie ungeheuer das war, was sie hier vorhatte.

Wenn es Pippa möglich gewesen wäre, umzukehren und geradewegs nach London zurückzufliegen, sie hätte es getan. Doch das Taxi fuhr langsam an die Bordsteinkante vor einem Haus …

 

Der absolute Mittelpunkt seines Hauses war die Küche. Ein großartiger Arbeitsplatz, den Luke selbst entworfen hatte und der sich über die ganze Länge des Hauses erstreckte. Leute, die Luke nur oberflächlich kannten, waren immer überrascht von der fast pedantischen Sorgfalt der Ausstattung. Er selbst sah eher wie gerade aus dem Bett gestiegen aus mit dem ständig zerzausten Haar und der nachlässig-lässigen Kleidung. Und was seine persönlichen Verwicklungen anging, so könnte man sie, wenn man taktvoll sein wollte, nur als unordentlich bezeichnen. Die Küche jedoch, seine Arbeitsstätte, war ein Wunder an Organisation.

In einer Ecke stand ein Schreibtisch mit einem Computer. Luke stellte ihn gerade an und bekam online das Restaurant Luke's Place, das er vor fünf Jahren voller Stolz eröffnet hatte. Der Code öffnete ihm den Kontostand, und er stellte fest, dass die Einnahmen am Abend zuvor ganz hübsch nach oben gegangen waren. Ein Blick auf den Umsatz im anderen Restaurant – Luke's Other Place –, das er vor einem Jahr eröffnet hatte, führte ein ebenso befriedigendes Resultat auf.

Seine Website zeigte eine erfreuliche Anzahl von Zugriffen, nachdem am Tag zuvor seine Kabelshow – Luke's feine Küche – ausgestrahlt worden war. Seit der ersten Show vor anderthalb Jahren waren die Einschaltquoten hochgeschnellt. Die Show wurde zwei Mal die Woche gesendet, und seine Website war Stunden danach überflutet.

Er ging kurz die E-Mail durch, fand nichts, was ihn beunruhigen konnte, aber vieles, was ihn erfreute. Dann bemerkte er etwas, was ihn stutzig machte.

Die E-Mail, die er gestern Abend an Josie geschickt hatte, war unbeachtet geblieben. Und das war für Josie ungewöhnlich, die normalerweise wie wild seine Post las und ihm sofort antwortete.

Seltsamerweise kannte Luke Josie sehr gut, obwohl er ihr nie begegnet war. Er zahlte großzügig für ihren Unterhalt. Er hatte ein Konto bei dem besten Spielwarenladen in London, und vor den Weihnachtsfesten und an Josies Geburtstagen rief er an und suchte mit Hilfe einer freundlichen Verkäuferin etwas Passendes für Josies Alter, was ihr dann zugestellt wurde.

Mehrmals im Jahr bekam er einen Brief von Pippa, die ihm für die Geschenke dankte und ihm Neuigkeiten von Josie berichtete. Manchmal lag ein Foto dabei. Er konnte auf diese Weise verfolgen, wie seine Tochter heranwuchs und ihrer Mutter immer ähnlicher wurde. Aber sie war ihm irgendwie fremd geblieben, bis zu dem Tag vor einem Jahr, als er die E-Mails öffnete, die über die Website gekommen waren, und eine E-Mail fand, in der einfach stand:

 

Ich bin Josie. Ich bin neun Jahre alt. Bist du mein Pop? Mummy sagt, dass du es bist. Josie.

 

Dass Josie Mummy in der englischen Schreibweise geschrieben hatte, statt Mommy, wie es im Amerikanischen üblich war, hatte ihm plötzlich das Gefühl gegeben, dass es seine Tochter wirklich gab. Nachdem er sich von dem Schock erholt hatte, hatte er: Ja, ich bin es geantwortet. Und dann hatte er gewartet. Die Antwort kam schnell.

Hallo, Pop. Danke für das Fahrrad.

Gern geschehen. Wie hast du mich gefunden?

Ich habe gesurft und deine Website gefunden.

Ganz allein?

Ja. Mummy hat zwei linke Hände.

Luke freute sich sehr über Josies Unternehmungslust und ihren Wagemut. Es war genau das, was er in ihrem Alter auch getan hätte, wenn es damals Internet gegeben hätte. Damit fingen sie einen völlig unkomplizierten und fröhlichen Austausch von elektronischer Post an, bis zu dem Moment, wo er sie bat: Bitte, hör auf, mich Pop zu nennen. Es hört sich an wie ein Außenbordmotor.

Entschuldigung, Papa!

Wie wär's mit 'Dad', du kleiner Schlingel?

Schließlich hatte auch Pippa sich an dem Austausch beteiligt. Merkwürdig, aber er fand es schwerer, mit ihr per E-Mail umzugehen. In seiner Erinnerung war sie noch immer das verrückte, bezaubernde Mädchen. Die Frau, zu der sie geworden war, war ihm fremd. Aber er nahm es hin. Sie war die Mutter seines Kindes, und er achtete Pippa allein dafür. Ihr Austausch war herzlich, doch Luke war glücklicher mit Josie.

Erst kürzlich hatte er eine größere Fotografie erhalten, auf der Mutter und Tochter zusammen zu sehen waren. Sie saßen nebeneinander und lächelten ihm entgegen. Josie war ein sehr hübsches Kind.

Spontan zog er die Schublade auf, wo er das eingerahmte Foto liegen hatte, und nahm es heraus. Quer über den unteren Teil stand geschrieben: Für Daddy … in Liebe! Pippa und Josie.

Luke wollte das Foto wieder in die Schublade zurücklegen, als ihn irgendetwas zurückhielt. Er betrachtete noch einmal die Gesichter und das Geschriebene. Und ihm kam ein Gedanke …

Gemein, dachte er mit schlechtem Gewissen.

Doch er war bereits dabei, das Foto so zu platzieren, das man es nicht übersehen konnte. Nein, nicht auffallend genug. Er rückte es ein Stück vor … dann wieder zurück.

Gemein. Ja, eindeutig gemein. Aber garantiert wirksam.

Gut gelaunt machte Luke sich an die Arbeit, um einem Model ein perfektes spätes Frühstück zuzubereiten. Es war ein neues Rezept, das er für seine Restaurants ersonnen hatte. Was könnte es Besseres geben, als zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, sagte er sich.

Zwiebel, roter Weinessig, Kopfsalat, Stücke von Früchten, jede Menge Erdbeeren, Luzernensprossen. Er legte alles auf die Arbeitsplatte, dann fing er an, das Dressing für den Salat zu machen. Es würde ein Kunstwerk werden.

Er hörte gedämpfte Geräusche von oben. Dominique musste aufgestanden sein, dann das Rauschen der Dusche. Er stellte die Kaffeemaschine an und deckte den Küchentresen mit dem Frühstücksgeschirr. Auch darin war er ein Meister.

Dominiques Augen strahlten, als sie sah, wie viel Mühe er sich gegeben hatte.

"Darling-Luke, du bist so süß …"

"Warte nur, bis du siehst, was ich für dich zubereitet habe", sagte er und zog für sie einen Barhocker hervor, ließ sie sich setzen und stellte den hübsch angerichteten Teller vor sie hin. "Weniger als zweihundert Kalorien, aber schmackhaft wie bei vollem Nährwert."

"Mm! Sieht köstlich aus." Dominique nahm eine Gabel voll in den Mund und schloss verzückt die Augen. "Himmlisch! Und du hast das für mich ausgedacht?"

Und für die Besucher meiner Restaurants, die fünfundzwanzig Dollar für so ein Gericht zahlen. Und natürlich für einige hunderttausend Zuschauer, die Dienstag und Freitag mein Programm einschalten, fügte er in Gedanken hinzu.

"Genau das, was ein hart arbeitendes Model braucht", versicherte Luke ihr. "Nur drei Gramm Fett. Ich habe persönlich jedes Gramm abgemessen."

"Und wie steht's mit den Kalorien?"

"Auf genau 197 Kalorien dosiert."

Dominique lachte. "Oh, Luke, Darling, du bist ein Spinner. Genau deshalb liebe ich dich auch über alles. Und du liebst mich auch, nicht wahr? Würdest du sonst dies alles für mich tun?"

Die Unterhaltung geriet in ein ganz gefährliches Fahrwasser, so viel war klar. Schnell füllte er ihre Tasse mit Kaffee und küsste Dominique auf die Nasenspitze.

Aber Dominique ließ sich nicht ablenken. "Wie ich bereits gesagt habe, passen wir so perfekt zusammen, dass mir scheint …" Gerade im rechten Moment fiel ihr Blick auf das Foto, und Luke atmete erleichtert auf.

"Das hab ich nie zuvor gesehen", bemerkte Dominique mit gerunzelter Stirn.

"Was? … Aah, das? Ich hab's grad vorhin aus der Schublade geholt, als ich etwas darin suchte", antwortete Luke schnell und tat, als ob er sich beeilte, das Foto vom Küchentresen zu nehmen. In Wirklichkeit überließ er es nur allzu gern ihren ausgestreckten Händen.

"Daddy?" rief Dominique beim Lesen der Widmung. "Du verschweigst mir etwas, Luke … Ist das deine Frau?"

"Nein, Pippa und ich waren nie verheiratet. Wir sind befreundet gewesen … in London, wo ich vor elf Jahren gearbeitet habe. Sie lebt noch immer dort."

"Das Mädchen sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Wie willst du wissen, dass es dein Kind ist?"

"Weil Pippa nicht gesagt hätte, es ist meins, wenn es nicht meins wäre. Außerdem unterhalten Josie und ich uns über das Internet."

Der ganze Schwachsinn seiner Bemerkung wurde Luke erst klar, nachdem es zu spät war. Dominique stellte das Foto auf seinen Platz zurück und betrachtete ihn sehr, sehr freundlich.

"Du unterhältst dich mit ihr über das Internet, und deshalb soll sie deine leibliche Tochter sein? Ich nehme an, das übertrifft jede DNA-Untersuchung."

"Ich habe es nicht so gemeint, wie es sich anhörte", beeilte er sich zu sagen.

"Darling, ich bin kein Dummkopf."

Nein. Es war ein großer Fehler. Dominiques Augen hatten einen durchdringenden Blick. So blickte sie immer drein, wenn sie berechnend war, ging ihm plötzlich auf.

"Josie ist mein Kind", wiederholte Luke fest. "Wir haben eine sehr gute Beziehung."

"Über das Internet? Junge, Junge, du bist wirklich ein fürsorglicher Vater, nicht wahr?"

"Vergiss nicht, sie lebt in Europa. Ich bin tatsächlich ein sehr fürsorglicher Vater", verteidigte er sich. Ihr Vorwurf saß.

"Luke, mal ganz ehrlich … dafür ist wirklich kein Bedarf."

"Wie meinst du das?"

"Ich meine, dieses Kind ist nicht mehr deine Tochter, als ich es bin. Wahrscheinlich bist du ihrer Mutter nicht einmal begegnet. Ich denke mir, dass du dieses Foto in irgendeinem Trödelladen aufgesammelt und die Widmung selbst geschrieben hast. Es war ein cleverer Einfall von dir, 'und Josie' in einer Kinderhandschrift hinzukritzeln, aber du hast schon immer Wert auf Details gelegt."

Luke holte tief Luft. Er war nervös. Die ganze Sache hier lief entschieden falsch. Er fasste nach ihrer Hand.

"Dominique – Sweetheart …"

"Luke, es ist schon gut. Ich verstehe."

"Wirklich?"

"Es ist nur natürlich, dass du ein wenig Angst hast. Aber das legt sich. Du bist bis jetzt jeder Bindung ausgewichen, und nun, da sich die Dinge ändern … Na ja, ich denke, da ist dir alles fremd. Aber du hast es mir unzählige Male bewiesen, was ich dir bedeute. Auch wenn du es nicht aussprichst, weiß ich, was du mir sagen willst."

Luke schluckte. Eins war deutlich: Er steckte in Schwierigkeiten.

"Dominique, ich schwöre, dass dieses Bild echt ist. Josie ist meine Tochter, und Pippa ist die wunderbare Frau, die sie geboren hat …"

"Psst!" Dominique legte einen perfekt manikürten Finger über seine Lippen. "Darling, gib auf. Du musst mir nichts vortäuschen."

Luke hatte es regelrecht die Sprache verschlagen. Er konnte nichts sagen. Jetzt wusste er, wie ein Ertrinkender sich fühlen musste.

In dieser brenzligen Situation erschien plötzlich ein Schatten hinter dem Milchglas der Hintertür. Der Moment konnte für Luke nicht günstiger sein. Er wartete das Klopfen gar nicht erst ab, sondern riss die Tür auf.

Pippa stand da mit Josie. Und Josie warf sich mit einem Aufschrei in seine Arme. "Daddy!"

2. Kapitel

 

Die ersten Worte, die Luke Danton vor Jahren zu Pippa gesprochen hatte, waren "Nichts als raus hier! Aber schnell!" gewesen, nachdem sie in die Küche des Ritz' in London reingeplatzt war.

Er hatte sie beim Ellbogen ergriffen und sie unsanft hinausbugsiert.

"Hey!" hatte sie protestiert.

"Ich wollte nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst, und das wärst du. Die Küche ist tabu für dich."

"Wie kommst du darauf?"

"Weil du ein Zimmermädchen bist. Ich habe dich in der Uniform gesehen, und ich habe mich nach dir erkundigt."

"Oh", hatte Pippa nur gesagt.

"Wann machst du Schluss?"

"In einer Stunde."

"Ich auch. Wir treffen uns im Park gleich hinter dem Hotel. Sei pünktlich." Luke war weg, bevor Pippa ihm eine Antwort hatte geben können.

Sie war entrüstet zu ihrer Arbeit zurückgeflitzt. Und wenn sie ihn nun nicht im Park treffen wollte? So frech wie dieser Luke war. Aber er hatte auch lachende Augen, und er war groß und sah gut aus. Eigentlich hatte sie nichts dagegen, dass er sie nach einer Verabredung gefragt hatte. Gefragt? Ha!

Nach der Arbeit zog sie schnell ihre Uniform aus und wechselte in ihre normale Kleidung. Zumindest, was sie so als "normal" bezeichnete. Sie war jung und ein wenig verrückt, und es machte ihr gar nichts aus, dass sie damit auffiel. Die engen orangefarbenen Jeans stachen schrill von den purpurroten Cowboystiefeln ab. Der große Hut mit der weichen Krempe war blau, und der farbenfrohe Pullover passte fast zu allem oder genau genommen zu gar nichts. Sie war achtzehn und völlig locker.

Sie überprüfte ihr Aussehen im Spiegel und schob schnell noch eine rotbraune Haarlocke unter den Hut. Und dann rannte sie den ganzen Weg zum Green Park, der riesigen Grasfläche, die von Bäumen umstanden war und sich hinter dem Hotel weit ausstreckte. Es ärgerte Pippa, als ihr klar wurde, wie sehr sie sich beeilte, so als ob sie ihn nicht verpassen wollte.

Farbenprächtig wie ein Papagei saß sie dann auf einer Bank, von der aus sie einen guten Blick auf den Weg hatte, den Luke nehmen müsste, und wartete.

Und wartete.

Sie lehnte sich zurück, legte den einen bestiefelten Fußknöchel elegant über das andere Knie und gab so das Bild einer lässig dasitzenden Göre ab. Nach einer Weile wechselte sie die Beine.

Und wartete.

Nach einer Stunde war Pippa wütend. Nicht über Luke, sondern über sich selbst, weil sie noch immer hier saß. Sie sprang zornig auf und ging entschlossen in Richtung Buckingham Palast. Sie konnte es jedoch nicht lassen, noch einen prüfenden Blick zurückzuwerfen. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie er auf dem Weg herangerast kam, als ob sein Leben davon abhinge. Sein Haar war zerzaust und sein Gesichtsausdruck verzweifelt. Für Pippa war das der erfreulichste Anblick seit Jahren.

"Oh nein!" schrie Luke, als er die leere Bank sah. Er warf die Arme in die Luft. "Nein, nein, nein!"

"Hmm", machte sie, kam hinter einem Baum hervor und stellte sich vor ihn.

Er machte einen regelrechten Freudensprung. "Du hast gewartet!"

"Natürlich habe ich nicht gewartet. Ich bin nach fünf Minuten gegangen. Zufällig kam ich diesen Weg wieder zurück."

"Tatsächlich?"

"Tatsächlich. Ich hoffe, dass du eine richtig gute Entschuldigung hast."

"Wenn ich ganz ehrlich sein soll …", erwiderte Luke leichthin, "… muss ich zugeben, dass ich unser Treffen völlig vergessen habe."

"So? Danach sah es mir aber nicht aus."

"Na ja, ich dachte, dass es besser wäre, nachzusehen, ob du nicht vielleicht noch immer auf mich wartest."

Mit den Händen in den Hüften starrte Pippa ihn böse an. Das war nicht so leicht, denn mit ihren ein Meter siebzig musste sie den Kopf nach hinten beugen, um zu seinen eins neunzig hochzugucken. Doch sie tat ihr Bestes.

"Oh ja?" forderte sie ihn heraus.

"Oh ja!" entgegnete Luke.

"Ooh jaa?"

"Ooh jaa!"

"Oooh jaaa?"

"Oooh jaaa!"

Beide fingen an zu lachen. Luke nahm Pippa fest bei der Hand und sagte: "Im letzten Moment gab es in der Küche einen Engpass, und ich konnte nicht wegkommen. Ich bin fast verrückt geworden, weil ich wusste, dass du warten würdest – ganz gleich, wie lange. Das wusste ich nämlich wirklich."

"Am liebsten wäre ich in die Küche gestürmt und hätte dir eine geknallt."

"Na toll. Das hätte ich erleben wollen. Und jetzt lass uns was finden, wo wir essen können."

Pippa dachte, er meinte einen Burger-Imbiss, aber als sie ihm einen nannte, blickte Luke sie verwundert an. "Burger?" Und das sagte er in einem Ton, dass sie in ihm sofort einen Gleichgesinnten sah.

Er nahm sie mit in die Pension, wo er untergekommen war und wo ihm die Miete teilweise erlassen wurde, weil er zwei Mal die Woche das Abendessen zubereitete. Ansonsten hatte er in der Küche freie Hand, um seine eigenen Kochversuche anzustellen. Pippa sah ihm bewundernd dabei zu, wie er einen köstlichen Salat bereitete. So etwas hatte sie vorher noch nicht gegessen.

"Ich zeige dir, was richtiges Essen ist", verkündete Luke mit schamloser Überheblichkeit. "Burger! Ausgerechnet mir!"

"Hey, ich bin auch Koch – ein weiblicher natürlich. Und ich mag auch keine Burger", protestierte Pippa.

"Warum hast du es mir dann vorgeschlagen?"

"Na ja, du hast einen amerikanischen Akzent."

Luke warf ihr einen entrüsteten Blick zu.

"Entschuldigung", entgegnete Pippa hastig.

"Ich bin Amerikaner, und deshalb habe ich die Geschmacksnerven und das Feingefühl eines Ochsen", höhnte er gereizt.

"Tut mir Leid, dass ich das gesagt habe."

"Das sollte dir auch Leid tun!" Er grinste allerdings. "Ich dachte, Vorurteile gegen Ausländer seien in diesem Land verpönt."

"Das sind sie auch, aber bei Amerikanern weiß man ja schon, wo man dran ist. Denk nur an die scheußlichen Dinge, die sie mit unserer Sprache anstellen."

"Nun komm, lass uns nach oben gehen und essen."

Seine Zimmereinrichtung bestand aus einem Bett, einem Tisch, zwei Stühlen und zwei Regalen, die mit Kochbüchern voll gestellt waren. In dieser schäbigen Umgebung zog Luke galant einen Stuhl für sie zurecht und servierte das Essen mit einem solch eleganten Schwung, als ob sie sich im Restaurant des Ritz' befinden würden.

"Was hast du im Keller überhaupt zu suchen gehabt?" wollte Luke wissen.

"Ich wollte mir nur die Küche ansehen, um zu wissen, was mich erwartet."

"Und das wäre?"

"Ich bin in Wirklichkeit kein Zimmermädchen", vertraute Pippa ihm an. "Ich bin eigentlich die beste Köchin der Welt, nur weiß es keiner. Nun ja, ich werde es jedenfalls sein, sobald ich ausgelernt habe. Ich werde eine so großartige Köchin sein, dass das Ritz mich eines Tages anflehen wird zurückzukehren, um deren Küche zu leiten. Und man wird von weit her kommen, um meine Kreationen zu kosten."

Luke war ein guter Zuhörer, und bald hatte Pippa ihm alles erzählt, vor allem über ihre Mutter, ihre kostbarste Erinnerung.

"Sie war eine fantastische Köchin. Sie wäre gern Küchenchefin geworden, stattdessen hat sie früh geheiratet. Frauen blieb ja zu der Zeit nichts anderes übrig." Pippa sagte das so, als ob es ein Menschenalter her wäre, statt gerade mal zwanzig Jahre. "Und alles, was mein Dad wollte, war Fisch und Chips, Eier und Chips, Bohnen und Chips."

"Chips? Oh, du meinst Fritten."

"Ich meine Chips", entgegnete Pippa fest und versuchte, nicht auf sein Grinsen zu reagieren.

"Wenn meine Mom Dad etwas vorsetzte, was sie sich ausgedacht hatte, dann sagte er: 'Was soll der Mist?', und weg war er zum nächsten Pub. Also hat sie mir beigebracht, wie man gut kocht. Ich glaube, das war ihre einzige Freude im Leben. Wir haben davon gesprochen, dass ich die Kochschule am College besuche. Sie hatte einen Job angenommen, um das Geld dafür zu sparen. Aber sie hatte sich übernommen. Wir wussten nicht, dass mit ihrem Herz etwas nicht stimmte. Mitralstenose sagte der Doktor. Daran ist sie gestorben."

Einen Augenblick war Pippas zartes Gesicht traurig, aber sie fing sich wieder.

"Das ist hart", meinte Luke mitleidsvoll. Es waren nur die üblichen Worte, aber Pippa hörte sein echtes Mitgefühl heraus.

"Ja. Und es dauerte nicht lange, da hat Dad wieder geheiratet, und ich bekam eine Stiefmutter mit dem Namen Clarice, die mich nicht ausstehen konnte."

"So eine richtige Aschenbrödel-Geschichte."

"Um fair zu sein, war ich auch nicht gerade nett zu ihr. Sie rief mich Phillippa", setzte Pippa voller Abscheu hinzu. "Nicht genug, dass ich niemals dazu kam, meine Schularbeiten zu machen, weil sie jedes Mal, wenn abgestaubt werden musste, Kopfweh bekam, musste sie mich auch noch Phillippa nennen."

"Eine schwere Beleidigung."

"Und ob!"

"Irgendwelche gemeinen Stiefschwestern?"

"Ein Stiefbruder. Harry. Der unordentlichste Mensch, den ich kannte, und er erwartete, dass ich seine Sklavin war. Wenn ich mal erwähnte, dass ich gern zum College gehen würde, dann starrte Clarice mich wütend an und sagte: 'Und wer soll das bezahlen? Du hast vielleicht großartige Ideen. Meinst wohl, dass du etwas Besseres bist.' Ich habe dagegen Einwände gemacht, habe ihr gesagt, dass heutzutage fast alle zum College gingen. Sie aber hat nur die Nase gerümpft und gesagt: 'Nicht Harry'. Und ich habe gesagt, da Harry schwachsinnig sei, würde mich das nicht wundern, und sie hat mir gesagt, dass ich eine dumme Kuh sei, und ich habe gesagt … Na ja, du wirst es dir schon denken können."

Luke lachte in sich hinein. "Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Ich wette, dass du verdammt gut streiten kannst."

"Das kann ich", gab Pippa ungeniert zu.

"Was war mit dem Ersparten deiner Mom?"

"Dad hat es an sich genommen. Ich kann mich erinnern, wie er auf das Sparbuch guckte und sagte: 'Wusste ich doch, dass das Miststück Geld vor mir versteckt hat!' Ich nehme an, er hat das meiste davon auf der Hochzeitsreise mit Clarice durchgebracht."

"Gab es denn niemanden, der sich für dich einsetzte?"

"Frank, der jüngere Bruder meiner Mutter, hat es versucht. Aber Dad hat ihm nur gesagt, er solle sich um seine eigenen Sachen kümmern. Was konnte Frank schon tun? Ich hab's ausgehalten, bis ich die Schule beendet habe, dann bin ich auf und davon."

"Unter dem Beifall der grässlichen Stiefmutter?"

"Nein, sie war zornig. Sie hatte schon alles für mich geplant. Ich sollte im Lebensmittelladen ihres Bruders für einen Sklavenlohn arbeiten und auch weiterhin die Hausarbeit machen." Pippas Augen blitzten entschlossen. "Ich habe ihr gesagt, wohin sie sich diese Idee stecken sollte." Diese Worte kamen mit so viel Behagen heraus, dass Luke laut lachen musste.

"Das kann ich mir gut vorstellen", erwiderte er bewundernd.

"Sie sagte, dass sie noch nie eine solch widerliche Sprache gehört habe, und ich warnte sie, dass sie es wieder hören würde, wenn sie mir nicht aus dem Wege ginge. Sie schrie mich an, während ich packte, und sie schrie noch immer, als ich die Treppe hinunter und durch die Haustür ging. Sie schrie bis zum Busbahnhof. Sie sagte, dass es mit mir ein schlimmes Ende in London nehmen werde und dass ich spätestens in einer Woche wieder zurückgekrochen käme. Ich schrie zurück, dass ich lieber vor Hunger sterben wollte. Ich stieg in den Bus und beobachtete, wie Clarice kleiner und kleiner wurde, bis sie aus meinem Leben verschwand und ich aus ihrem. Ich habe den Staub von meinen Füßen geschüttelt, und seit ich aus Encaster weg bin, hab ich es noch nicht bereut."

"Encaster? Ich glaube nicht, dass ich je von dem Ort gehört habe."

"Niemand hat je von dem Ort gehört – bis auf die Leute, die dort wohnen, und die meisten wünschen sich, dass sie dort nicht wohnen müssten. Es liegt etwa dreißig Meilen nördlich von London, ist sehr klein und sehr trübselig."

"Wollte dein Dad dich denn nicht zu Hause behalten?"

"Ich habe ihn einmal bei seiner Arbeitsstelle angerufen, um ihn wissen zu lassen, dass es mir gut geht. Er sagte mir, dass ich aufhören sollte, ein solcher Idiot zu sein, und dass ich zurückkommen sollte, weil Clarice ihm meinetwegen ganz schön zusetzte. Es ging ihm allein darum. Wenn er auch nur ein klein wenig um mich besorgt gewesen wäre, hätte ich ihm meine Adresse gegeben. Aber er war nicht besorgt. Also ließ ich es sein. Es war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe. Ich stehe noch immer in Verbindung mit Frank, aber er und Dad haben keinen Kontakt. Frank würde mich außerdem nie verraten."

"Also bist du nach London gekommen, um dein Glück zu versuchen, ja? Mit sechzehn? Finde ich gut, Mensch! Und? Sind die Straßen nun mit Gold gepflastert?"

"Eines Tages werden sie es sein. Ich nehme Kochkurse an der Abendschule, und wenn ich so weit bin, dass ich ein Diplom bekomme, dann finde ich einen Job als Köchin. Dann besuche ich noch mehr Kurse, finde einen besseren Job und so weiter und so fort, bis die Gourmets vor meinem Restaurant Schlange stehen."

"Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Ma'am, aber es ist mein Restaurant, vor dem sie Schlange stehen werden."

"Ich finde, da ist genug Raum für uns beide", gestand Pippa ihm großzügig zu.

"Du meinst, für uns drei, nicht wahr?" fragte er mit einem frechen Grinsen. "Du und ich und dein kolossales Ego."

"Hey, und was ist mit dir? Na ja, man weiß ja, wie die Amerikaner sind … und außerdem können sie nicht kochen."

"Sie können nicht …? Ich weiß nicht, ob ich dir das verzeihen kann. Gerade du, die du zu einer Nation gehörst, die Fritten isst …"

"Chips!"

"… zu allem, was sonst noch auf den Tisch kommt. Eine Nation, die glaubt, das Essen wäre nicht gekocht, wenn es nicht im Fett schwimmt, und keinen anständigen Kaffee zu Stande bringt."

"Schon gut, schon gut, ich gebe auf." Pippa hob die Hände, als ob sie sich ergeben wollte, dann zeigte sie auf ihren Teller. "Ich muss allerdings zugeben, das schmeckt wirklich lecker."

"Habe ich mir selbst ausgedacht. Wenn ich es perfekt hinkriege, dann überrasche ich den Chefkoch damit."

"Na toll! Jetzt bin ich auch noch ein Versuchskaninchen. Wenn ich nicht tot umfalle, nachdem ich das hier gegessen habe, dann weißt du, dass es sicher ist, es dem Sultan von Dingsda und dem Grafen von Sonstwiestein anzubieten … ist das so?"

"Na, so ungefähr", gab Luke mit einem Grinsen zu.

Pippa bemerkte, wie er ihre Kleidung musterte. "Hübsch, nicht?"

"Ich mag es. Und dieses purpurrote Ding hast du auch getragen, als ich dich vorgestern gesehen habe."

Pippa lachte. "Die Leiterin der Hauswirtschaft fiel fast in Ohnmacht. Sie konnte mich nicht schnell genug aus dem hier heraus und in die Uniform hinein haben. Ich mag es nicht, wenn Leute mich übersehen."

"Nun, da besteht keine Gefahr. Wie kannst du dir solch modischen Firlefanz leisten und gleichzeitig für die Kurse zahlen?"

"Ich trage nur, was andere Leute ablegen. Die Jeans habe ich von einem Flohmarkt, der Preis für die Stiefel wurde mehrmals runtergesetzt, weil die Farbe Leute erschreckt. Den Hut habe ich in einem Billigladen erstanden, und den Pullover habe ich aus Wollresten selbst gestrickt."

Luke war von ihr bezaubert.

Seine Geschichte zu hören, machte Pippa Spaß. Er war, wie sie bereits vermutet hatte, Amerikaner aus Los Angeles, und sein Leben dort kreiste anscheinend um Sonne, Sand und See. Seine Leidenschaft gehörte dem Kochen, und die einzigen Bücher, die er jemals geöffnet hatte, waren Rezeptbücher. Darüber hinaus gab es für ihn nur schwimmen, surfen, essen, trinken und es sich im Allgemeinen gut gehen lassen. In Pippas Leben hatte es so wenig Anlass zum Fröhlichsein gegeben, dass dieser junge Mann, der Heiterkeit geradezu zu einer Weltanschauung machte, sie in eine traumhafte Welt einführte. Eine Welt, in der das Licht immer golden war, in der die Gefühle immer vergnüglich waren und die Jugend für ewig zu bestehen schien.

Und auf seine Art war er ehrgeizig.

"Ich möchte nicht nur ein Koch sein, davon gibt es mehr als genug", erklärte Luke. "Ich möchte ein Star unter ihnen sein, möchte mich von den anderen abheben. Ich habe alles Geld, das ich auftreiben konnte, zusammengekratzt, um in Europa in einigen der namhaftesten Hotels zu arbeiten. Ich bin ein halbes Jahr lang im Danieli in Venedig gewesen, ein halbes Jahr im George V in Paris, und nun bin ich hier im Ritz in London. Wenn meine Arbeitserlaubnis abgelaufen ist, dann kehre ich als 'Luke vom Ritz' nach Los Angeles zurück. Hey, hast du dich verschluckt?" Pippa krümmte sich, ihr war offensichtlich etwas in die falsche Kehle geraten.

"Das kannst du nicht tun", sprudelte es aus ihr heraus, als sie wieder sprechen konnte. "'Luke vom Ritz'? Vor Lachen wird man nicht essen können."

"Oh", murmelte Luke ernüchtert. "Du glaubst nicht, dass es Eindruck machen würde?"

"Ich denke, die werden mit Tomaten nach dir schmeißen."

Er fing ebenfalls an zu lachen. Je mehr er lachte, desto mehr lachte Pippa, und es wurde komischer und komischer.

Wenn das eine romantische Komödie wäre, dachte sie, dann würden sie lachen, bis sie einander in die Arme fielen. Sie verspürte ein erwartungsvolles Prickeln.

Aber Luke sagte mit noch halb erstickter Stimme: "Es ist spät. Ich sollte dich nach Hause bringen."

"Es ist nicht zu spät", protestierte Pippa.

"Doch, das ist es, wenn ich um sechs Uhr wieder starten muss. Komm!"

Von einem der Mitbewohner lieh er sich ein zerbeultes Auto und fuhr sie die kurze Strecke zu ihrem Wohnheim. Als er den Wagen an die Bordsteinkante lenkte, erwartete Pippa, dass er die Arme um ihre Schultern legen und sie dicht an sich ziehen würde.

"Da sind wir", sagte er, hielt an und öffnete die Beifahrertür.

Zögernd stieg Pippa aus.

Er begleitete sie zur Eingangstür. "Wir sehen uns morgen", sagte Luke dann und drückte ihr einen kleinen Kuss auf die Wange. Im nächsten Moment bereits verschwanden die Rücklichter um die Ecke.

Pippa stand verlassen da und murmelte einige sehr undamenhafte Worte vor sich hin.

 

Pippa war stolz, zu den modernen jungen Frauen zu gehören, die frei waren von Vorurteilen und Zwängen einer, wie sie meinte, überlebten Moral. Sie wollte so ungebunden leben, wie es bis vor wenigen Jahrzehnten nur Männern möglich gewesen war. Das war die Theorie.

Die Praxis sah ein wenig anders aus. Frauen, die wie ein Schlot rauchten, stanken wie Aschenbecher. Also vermied sie das Rauchen. Alkohol verursachte ihr Magenbeschwerden. Also vermied sie das Trinken. Drogen jagten ihr Angst ein. Sie hatte in London zu viele der von Drogen abhängigen jämmerlichen Gestalten gesehen. Also wich sie dieser Szene aus.

Blieb noch Sex übrig. Und auch das stellte sich als Riesenenttäuschung heraus.

Naiv, wie sie war, hatte sie sich vorgestellt, dass London voll wäre von attraktiven jungen Männern, die begierig darauf aus waren, eine emanzipierte junge Frau zu treffen. Eine deprimierend große Anzahl der jungen Männer stellte sich als stinklangweilig heraus. Und der Rest war auf Karriere aus, war verheiratet oder homosexuell. Sie redeten zu viel. Oder zu wenig. Oder über uninteressante Dinge. Es war gar nicht viel anders als in Encaster.

Dabei hatte Pippa einiges zu bieten. Sie war eine junge Frau mit lachenden Augen, mit Sinn für Humor und mit einer ausnehmend guten Figur. Ihre Beine waren bemerkenswert lang und wohlgeformt, und sie zog die Blicke der Männer durchaus auf sich.

Dennoch war Pippa auch nach zwei Jahren in London noch unberührt. So wie es um sie stand, könnte sie gut ein junges Mädchen aus dem viktorianischen Zeitalter abgeben. Es war entmutigend!

Doch von dem Augenblick an, wo sie Luke begegnet war, hatte sich alles verändert. Er eroberte sie, weil nichts an ihm fade war. Und auch, weil seine Stimme so wohlklingend war, wie sie es zuvor noch nie gehört hatte. Es erregte sie, wenn er sprach. Außerdem gewann er ihr Herz, weil seine Augen so lustig dreinblickten und er sie manchmal neckisch und manchmal verführerisch ansah. Zudem war sein Mund ausgesprochen sinnlich, wie sie fand.

Aber was Pippa am meisten fesselte, war allein seine Gegenwart. Nur mit ihm in einem Raum zu sein erhitzte sie bereits. Ihre Wangen wurden heiß, und ihre Augen glänzten. Doch der Faulpelz ließ keine Anzeichen erkennen, dass er sie gern in seinem Bett haben wollte.

Und was die ganze Sache besonders ärgerlich machte, war die Tatsache, dass alle bei der Arbeit einfach davon ausgingen, dass sie natürlich miteinander schliefen. Luke hatte den Ruf eines unsteten Herzensbrechers.

Pippa lauschte dem Tratsch mit gespitzten Ohren und machte sich im Geiste Notizen, was man lieber sein lassen sollte. Zu beschließen, was man lieber tun sollte, war allerdings schon schwerer.

Luke hatte sich eigentlich nie mit ihr verabredet, aber sie arbeiteten in der gleichen Schicht. Und wer immer zuerst fertig war, wartete auf den anderen. Dann schlenderten sie zu ihrer Behausung, er hatte den Arm über ihre Schultern gelegt, während er wie verrückt auf sie einredete und Pippa versuchte, es sich nicht allzu klar zu machen, wie sehr sie es wünschte, dass er zu reden aufhörte und anfinge, sie zu küssen.

Und dann kam die Stunde, wo sie schrecklich in Streit gerieten und Pippa nicht mehr auf ihn gewartet hatte, obwohl sie mit ihrer Arbeit früher fertig war als er. Als sie ihn dann traf, hatte sie ihm nur kühl zugenickt und ein knappes "Hallo" gemurmelt.

Er hatte daraufhin tatsächlich "Es tut mir Leid, Pippa" gesagt, und es hatte sich so lammfromm angehört, dass ihr ganz warm ums Herz wurde. "Lass uns den Streit vergessen, und komm zu mir. Ich koche uns etwas zu Abend."

Sie ließ sich jedoch nicht so leicht rumkriegen, deshalb fügte er hinzu: "Du kannst auch sitzen und mich böse anstarren, wenn es dir lieber ist."

Darauf lachten sie beide, und er küsste sie auf die Nasenspitze. Den Rest des Weges bummelten sie dann in perfekter Einstimmigkeit – einer hatte den Arm um die Taille des anderen gelegt – zu seiner Pension.

Sie freuten sich beide, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung war. Die Welt war wieder in Ordnung.

Das Abendessen war genau so, wie Pippa es sich manchmal erträumt hatte. Weiches Kerzenlicht, eine Rose neben ihrem Teller. Nach dem Essen saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, und Luke schenkte Wein ein, den er extra für diesen Anlass gekauft hatte.

"Verzeihst du mir?" fragte er und hob sein Glas.

"Was?"

"Dass ich ein unausstehlicher Besserwisser bin."

"Oh, das", meinte Pippa obenhin. "Daran bin ich gewöhnt. Ich sollte dir eigentlich jetzt schon vergeben, was du so alles in Zukunft dick auftragen wirst. Überleg nur, wie viel Zeit es mir erspart."

Sie brachen beide in Lachen aus. Es war der perfekte Moment, da war Pippa sich sicher. Also lehnte sie sich vor und küsste ihn.

Seine Reaktion war wie das Auflodern einer hellen Flamme. Luke nahm Pippa bei den Armen und hielt sie dicht an sich gedrückt.

Im nächsten Augenblick fühlte sie jedoch, wie er sie sanft von sich schob und die Lippen von ihren löste. Rosa angehaucht vor Verlegenheit, starrte Pippa ihn wütend an. "Ist etwas falsch an mir?" fragte sie aggressiv, um ihre Enttäuschung zu verbergen.

"Nein", antwortete Luke leise. "Nichts ist falsch an dir."

Sie blickte ihn misstrauisch an. "Du bist doch kein Homo, oder?"

Er grinste und schüttelte den Kopf. "Mein Ehrenwort."

"Warum küsst du mich dann nicht, du Drückeberger?"

"Weil ich nicht aufhören könnte, dich zu küssen, und du … Na ja, du bist jung und …"

"Wirfst du mir etwa vor, dass ich noch keinen Sex gehabt hab?" fuhr Pippa hitzig auf.

"Ich werfe es dir nicht vor."

"Also willst du mir sagen, dass ich eine unterentwickelte Minderjährige bin. Heutzutage …"

"Ich denke, dass es auch heute Teenager gibt, die unberührt sind", bemerkte er. Er sah ihr zärtlich ins Gesicht.

"Nicht in London", behauptete Pippa.

"Etwas an dir ist sehr – sehr süß. Du wirkst so jung. Und das brachte mich auf den Gedanken, dass du … Oh, was soll's!" Jetzt war es an Luke, sich idiotisch vorzukommen und verlegen zu sein. Und Pippa nutzte die Gelegenheit, um wieder die Initiative zu ergreifen.

"Weißt du, was mit dir los ist? Du denkst zu viel. Du machst viel Aufhebens um etwas, das keine große Sache ist. Die Welt ist voller Schiffe, die in der Nacht aneinander vorbeisegeln", rief sie dramatisch. "Und wenn … wenn zwei Menschen sich mögen …"

Jahre später, wenn sie sich diese Unterhaltung in Erinnerung rief, wunderte sie sich über ihr herausforderndes Benehmen damals, und sie zweifelte nicht daran, dass auch Luke es so gesehen haben musste. Aber was auch immer er sich eingeredet haben mochte, um sie nicht zu dicht an sich heranzulassen, in diesem Moment war es hinweggefegt. Auf einmal lag sie in seinen Armen, fieberhaft öffnete er die Knöpfe ihrer Bluse, und alles geschah genau so, wie Pippa es sich erträumt hatte.

Als er die Hände von ihren Brüsten nahm, schämte Pippa sich fast wegen der Knospen, die fest und rosig waren und deutlich das Verlangen verrieten, das sie zurückzuhalten versuchte.

Luke legte die Lippen zart auf eine der Knospen, reizte sie mit der Zunge, und Pippa hatte das Gefühl, dass sie gleich den Verstand verlieren würde. Sie zitterte und klammerte sich an Luke, während er fortfuhr, sie zu erregen. Mit jedem Atemzug zerbarst die Welt in glitzernde Einzelteile.

Luke zog Pippa langsam aus, so als ob sie viel Zeit hätten. Nur an seinem schnellen Atem und daran, dass seine Finger zitterten, merkte sie, wie verzweifelt er sich beherrschte. Und dann war sie nackt.

Ohne den Blick von ihr zu wenden, streifte er seine eigene Kleidung ab. "Hallo", sagte er lächelnd, als er ebenfalls nackt war.

"Hallo." Sie hörte sich atemlos an.

Pippa wusste, dass sie auf ihren Körper stolz sein konnte. Sie war schlank, hatte eine schmale Taille und ungewöhnlich lange Beine. Ihre Brüste waren eher klein und fest, und im Augenblick waren die Spitzen geradezu frech aufgerichtet. Wie gern hätte sie ihn gefragt, ob er sie schön fand. Aber vielleicht ließ er sie das bereits wissen, so liebevoll, wie er mit seinen Händen über ihre verführerischen Kurven strich, anerkennend murmelte und hin und wieder innehielt, um ihr einen leichten Kuss aufzudrücken, ehe er dann mit der Liebkosung fortfuhr.

Pippa war fast schockiert über die unbeschreiblich wilden Empfindungen, die sie bestürmten. Es war, als ob ihr Körper nicht von ihr beherrscht wurde, als ob sie ihn nicht bezähmen könnte, auch wenn sie es gewollt hätte. Einen kurzen Moment lang durchzuckten sie die klugen Belehrungen aus ihrer Kindheit. Sei nicht zu gierig … sei geduldig … lerne zu warten. Doch diese Anweisungen gehörten einer anderen Welt an, nicht dieser erregenden Welt, die ihr tiefe sinnliche Lust bot.

"Luke …", flüsterte sie, "du willst mich, nicht wahr?"

Er brauchte keine Worte, um zu antworten. Es geschah einfach. Etwas im Universum machte "klick", und alles spielte sich so selbstverständlich ab. Es war herrlich, und Pippa wollte mehr und mehr. Sie wollte die ganze Welt, und Luke gab sie ihr. Der Instinkt leitete sie perfekt. Es war, als ob Luke ihr einen Traum zugeworfen und sie ihn aufgefangen hätte. Sie war lebendig und froh und jung, und alles war herrlich.

Er hielt sie dicht an sich, als sie langsam wieder von den Höhen herabkamen. Pippa war vollkommen glücklich und begriff jetzt, warum sie auf diesen Augenblick gewartet hatte. Das hätte sie niemals mit Jack oder Andy oder Clive oder einem anderen jungen Mann tun können, ganz einfach, weil sie nicht Luke waren.

Er küsste sie auf die Stirn, aber sie konnte fühlen, dass ihn etwas bedrückte. "Was ist?" wollte Pippa wissen. "Bin ich nicht gut gewesen?"

"Du bist wunderbar gewesen. Ich habe mir nur selbst versprochen, dass ich es nicht dazu kommen lassen würde. Und ich bin wohl nicht sehr ehrlich, denn sonst hätte ich aufgehört, mich mit dir zu treffen. Ich begehrte dich so sehr, und früher oder später hätte ich nachgegeben."

"Aber warum auch nicht?"

"Weil du so bist, wie du bist, und weil ich so bin, wie ich bin. Ich werde nicht hier bleiben, Pippa. Ich bleibe nie lange an einem Ort. Wenn meine Arbeitserlaubnis abläuft, dann mache ich mich auf den Weg zurück nach L.A. – allein."

Pippa zuckte die Schultern. "Das wusste ich. Na und?" Sie konnte das leicht sagen angesichts all der herrlichen Monate, die vor ihnen lagen.

"Nun ja, du bist etwas Besonderes. Du verdienst einen Mann, der für dich da ist."

"Du meinst einen, der solide und verlässlich ist, der mit mir zum Altar marschiert und mich mit einem Haus in einem Vorort und einem Dutzend Kinder beglückt? Nein danke! Ich habe Encaster verlassen, um einem solchen Mann zu entkommen."

Wie viel von dem, was sie da gesagt hatte, hatte sie auch so gemeint oder geglaubt, dass sie es gemeint habe? Und wie viel hatte sie gesagt, weil sie wusste, dass Luke es hören wollte?

Pippa fing an, das Leben durch Lukes Augen zu sehen. Bis auf einen abendlichen Spaziergang mit Luke im Park, wo sie nicht anders konnte, als ein junges Elternpaar mit einem fordernden Kind zu beobachten.

"Daddy, du hörst mir nicht zu."

"Gleich, mein Liebling."

"Nein, jetzt, Daddy, jetzt!"

"Lass deinen Daddy in Ruhe", sagte die Frau ein wenig gereizt.

Luke grinste. "Armer Kerl!" meinte er. "Einst war er frei, jetzt kann er sich nicht einmal daran erinnern, wie es gewesen ist."

Der Mann blickte auf den kleinen Quälgeist herunter. "Was hast du gesagt, Schätzchen?"

"Guck mal, Daddy, hier! Da ist eine Raupe, eine groooße …"

Luke und Pippa schlenderten Arm in Arm an der kleinen Familie vorbei, und die durchdringende Stimme des Kindes schien ihnen zu folgen.

"Komm, Daddy! Guck mal. Jetzt, Daddy, Daddy! Daddy!"

3. Kapitel

 

"Daddy, Daddy, Daddy!" Josies Stimme wurde mit jedem Wort lauter.

Das muss man ihm lassen, dachte Pippa, Luke reagiert großartig. Er nahm seine Tochter in die Arme und rief: "Hey, was für eine tolle Überraschung!" Und er klang sogar ehrlich erfreut.

Vater und Tochter musterten einander, schätzten einander ab. Pippa musste fast darüber lachen, wie die beiden in ihrem Verhalten einander glichen. Ihre Bewegungen waren absolut identisch, die Art, wie sie die Köpfe nach hinten legten und einander aufmerksam ansahen.

Luke stellte das Kind sanft auf den Boden und wandte sich mit weit geöffneten Armen Pippa zu. Während er sie an sich zog, murmelte er ihr ins Ohr: "Ich kann's kaum glauben, du kommst wie gerufen."

Über seine Schulter hinweg erblickte sie Dominique, und sie verstand. Zwar nicht alles, aber genug, um genau zu wissen, dass Luke wieder einmal auf der Flucht war.

Er ließ sie los. "Pippa, Liebste, das ist Dominique – eine Freundin. Dominique, das ist Pippa, von der ich dir gerade eben erzählt habe."

Pippas innere Antenne schlug Alarm, und ihr blieb nichts verborgen, nicht einmal, dass die Lippen der Frau schmal wurden, als er "eine Freundin" sagte.

Dominique stand da in Lukes Morgenmantel, der sich vorne gerade genug verschoben hatte, um zu zeigen, dass sie darunter nackt war. Sie streckte eine perfekt manikürte Hand aus, um Pippa zu begrüßen, aber sie tat es auf eine Weise, die Pippa einschüchtern sollte. Pippa lächelte jedoch zurück und ließ sich nicht beeindrucken.

"Zieh dich lieber an", meinte Luke, legte seinen Arm um Dominiques Schulter und drängte sie zur Tür. "Hast du nicht in einer Stunde einen Termin?"

"In drei Stunden", entgegnete Dominique mit eisig glatter Stimme.

"Nun, du willst doch nicht zu spät kommen, oder?" Luke wandte sich wieder Pippa und Josie zu. "Wo sind eure Koffer?"

"Im Airport Hotel."

"Ihr werdet nicht im Hotel bleiben", erklärte er beleidigt. "Meine Familie bleibt bei mir. Ich habe das Gästezimmer im Nu fertig. Ihr werdet es mögen."

"Danke. Solange ich Sie hier nicht verdränge …" Das war an Dominique gerichtet.

"Überhaupt nicht", erwiderte Dominique gedehnt und setzte viel sagend hinzu: "Ich habe nicht im Gästezimmer geschlafen."

"Das kann ich mir vorstellen", meinte Pippa und begegnete offen dem Blick der attraktiven Frau.

Luke hatte sich entfernt, um Bertha, seiner Putzfrau, die gerade gekommen war, Anweisungen zu geben. Dominique wies auf das Foto und bemerkte mit gesenkter Stimme: "Machen Sie sich keine falschen Vorstellungen, Honey. Dieses Bild war bis heute Morgen im Verborgenen."

Pippa verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln. "Wirklich? Luke muss es – heute – sehr dringend gebraucht haben."

"Oh, Sie haben Sinn für Humor. Aber lassen Sie sich warnen. Ich erkenne einen Schwindler, wenn ich ihn nur sehe."

"Oh, das nehme ich Ihnen sofort ab. Um einen zu erkennen, muss man selbst einer sein, nicht wahr?"

Dominique war zu klug, um auf diese Bemerkung einzugehen.

Es hätte schlimmer sein können, fand Pippa. Der Empfang hatte ihre kühnsten Hoffnungen übertroffen, auch wenn sie Luke dadurch nur ermöglicht hatte, mit heiler Haut davonzukommen. Der Hinweis auf seine "Familie" war natürlich allein Dominiques wegen geschehen, aber er war genau das, was Josie zu hören dringend gebraucht hatte.

Luke kehrte lächelnd zurück und legte die Hände auf Pippas Schultern. "Lass mich dich anschauen. Oh, Pippa, du bist der erfreulichste Anblick seit langer Zeit."

"Was mich absolut nicht wundert", zog sie ihn auf.

"Nein, nein, nicht nur allein deswegen. Nach all den Jahren bist du … bist du meine Pippa geblieben."

"Und was bin ich?" mischte Josie sich ein.

"Du bist mein liebstes kleines Mädchen", antwortete er sofort und nahm sie in die Arme. "Jetzt aber alles der Reihe nach. Zuerst Kaffee, dann das Hotel."

"Ich bin hungrig", erklärte Josie.

"Josie!" rief Pippa. "Wo bleiben die Manieren?"

"Natürlich ist sie hungrig", gab Luke seiner Tochter Recht. "Wie wär's mit Milch und Erdbeersalat?"

"Du kannst doch keine Erdbeeren in den Salat tun", widersprach Josie.

"Kann ich wohl, wart's nur ab."

Er holte Milch aus dem Kühlschrank und schenkte Josie ein Glas ein. Bertha verkündete, dass das Gästezimmer bereit sei, und Pippa ging mit ihr nach oben, während Luke Erdbeeren aus dem Gemüsefach holte, Himbeeren und noch andere Früchte, die er aufreihte, wie ein General bei der Inspektion seine Truppe aufreihen ließ. Hinzu kam auch noch Minze und schließlich Kopfsalat.

"Sauerrahm", verlangte er kurz. "Dort drüben im Speiseschrank."

Josie verstand sofort und brachte den Rahm.

"Und nun ein wenig Honig. Findest du auch dort."

Sie folgte seiner Anweisung und stellte sich dann neben ihn, um ihm bewundernd bei der Zubereitung des Salats zuzusehen.

Nachdem die Früchte gewaschen waren, wollte Luke sie halbieren, aber Josie versuchte, ihm das Messer aus der Hand zu nehmen. "Das kann ich tun", bot sie an.

"Hey, nein! Das Messer ist scharf." Er erlaubte es ihr dann aber doch, als er bemerkte, mit wie viel Geschick sie hantierte. "Diese Arbeit ist dir vertraut, was?"

"Zu Hause helfe ich oft in der Küche. Mommy sagt zwar immer, ich soll die scharfen Messer nicht anrühren, aber ich tu's trotzdem."

"Kann ich mir gut vorstellen", murmelte er und beobachtete, wie geübt die kleinen Finger sich bewegten. "Und was sagt sie dazu?"

"Na ja …" Josie hielt einen Moment inne, um darüber nachzudenken. "Sie sagt dann 'Tu, was ich dir sage' und 'Josie, hast du mich gehört?' Aber dann steckt Jake den Kopf zur Tür herein und sagt 'Hey, Pip, ich habe Frühschicht. Ist das Essen fertig?' Oder Harry regt sich auf, weil er etwas Wichtiges verloren hat. Harry verliert dauernd etwas Wichtiges. Oder Paul kommt herein, beschmiert mit Schmierfett, sogar im Gesicht. Paul macht alte Autos wieder neu. Oder Derek …"

"Sag mal, wer sind denn all diese Burschen?"

"Die sind unsere Mieter und auch unsere Freunde. Die mögen Mommy sehr. Ich bin mit den Erdbeeren fertig. Was kommt jetzt?"

"Der Kopfsalat, spül ihn richtig gut."

Während Josie den Salat wusch, holte Luke die Teller. Dann ordnete sie die Salatblätter an, während er die Erdbeeren pürierte.

"Und jetzt kommt der Honig, die Minze und der Sauerrahm", verkündete Luke theatralisch, genauso wie er es in seiner Show tat.

Aber es war nicht die Kamera, die auf ihn gerichtet war, oder die Blicke der Zuschauer, die auf den Bänken eng zusammengerückt saßen und über seine gut eingeübte, aber doch so spontan erscheinende Darbietung lachten. Es war ein aufgewecktes kleines Mädchen mit fröhlichen Augen, das ihn mit schief gelegtem Kopf beobachtete, genauso wie Pippa ihn damals beobachtet hatte. Und das schockierte Luke.

Eigentlich war alles, was heute so passiert war, schockierend. Erst vor wenigen Stunden war er neben einem schönen Model – der absolute Traum eines jeden männlichen Single – aufgewacht. Und plötzlich war er Vater. Na ja, er war natürlich seit Jahren Vater, aber bis zu diesem Moment hatte er sich nicht wie ein Vater gefühlt. Jetzt fühlte er sich jedoch wie einer. Und es war ein gutes Gefühl. Jeder Mann sollte eine Tochter haben, fand er, ganz besonders eine mit langem, lockigen, rotbraunen Haar, einem kecken Grinsen und dem Gehabe ihrer Mutter, nämlich keine Herausforderung zu scheuen.

Und wieder einmal hatte Luke Danton Glück gehabt. Er brauchte sich nicht einmal darum zu bemühen, dass ihm die guten Sachen in den Schoß fielen. Und wie immer war er auch jetzt dankbar dafür.

 

Lukes Badezimmer war luxuriös – mit der viktorianischen Wanne und dem Waschbecken im selben Stil.

Nachdem Pippa sich das Gesicht mit Wasser gekühlt hatte, setzte sie sich. Und während sie sich trocknete, atmete sie tief durch. Sie hatte die erste Hürde genommen. Es war hart gewesen, aber sie hatte es geschafft. Über Luke war sie schon seit langem hinweggekommen, aber es würde niemals leicht sein, ihm physisch nahe zu sein. Luke war nicht nur ein gut aussehender, charmanter Mann. Für sie war er mehr. Sie erinnerte sich noch deutlich an seinen Körper, seine Berührungen, sein Lachen, seine ganze lebendige Persönlichkeit.

Er hätte über ihr überraschendes Auftauchen entsetzt sein können, worauf sie gefasst gewesen war. Aber nichts hatte sie darauf vorbereitet, dass er sie und Josie so selbstverständlich in seinem Haus willkommen heißen würde. Sie war Josies wegen hierher gekommen, und deshalb allein war sie froh über den Empfang. Das zumindest redete sie sich ein.

Sie holte wieder tief Luft, und als sie sich besser fühlte, kehrte sie in die Küche zurück, wo Luke gerade das Essen auftrug. Pippa war angemessen beeindruckt von seinem Werk.

"Hundertzwanzig Kalorien, sechs Gramm Fett", erklärte Luke. "Ich gebe das immer an, weil die Leute es wissen wollen."

"Und es schmeckt lecker", rief Josie völlig glücklich. "Mommy, warum machen wir keinen Erdbeersalat?"

"Na klar", erwiderte Pippa trocken. "Ich sehe Jake und Harry direkt vor mir mit einem Teller Erdbeersalat. Wenn sie als Beilage nicht Chips und gebratenen Schinken bekommen, essen sie's allerdings nicht." Sie machte ein angewidertes Gesicht und tat, als ob sie einer dieser Freunde wäre. "Hey, Pip, ich hab 'ne Vierzehnstundenschicht. Ein Mann muss was in die Knochen kriegen, sonst schafft er's nicht, du weißt schon, was ich meine."

"Vierzehn Stunden?" hakte Luke nach.

"Jake hat gerade sein Examen als Arzt gemacht", erklärte Pippa. "Und damit meint er, berechtigt zu sein, jedem von uns eine Vorlesung über gesundes Essen halten zu müssen. Dabei stopft er sich selbst mit schwer verdaulichem Zeug voll."

Josie war als Erste fertig. Ungeduldig wartete sie, bis auch die Erwachsenen so weit waren, vom Tisch aufzustehen und sich startbereit zu machen, um die Koffer vom Hotel zu holen. Für die kurze Strecke saß sie auf dem Rücksitz in Lukes Porsche und betrachtete aufmerksam die Gegend, durch die sie fuhren. Pippa saß neben Luke auf dem Beifahrersitz.

"Ich kann mich noch immer nicht beruhigen", sagte er.

"Du meinst, wir hätten nicht kommen sollen?" fragte sie schnell.

"Nein, ich mag Überraschungen. Und ihr seid gerade im rechten Augenblick gekommen."

"Ja, das habe ich mitbekommen. Was hättest du ohne uns getan?"

"Nicht die Bohne einer Ahnung", antwortete er mit einem Schaudern. "Aber lass uns das vergessen. Wenn ich sagte 'Überraschung', meinte ich dich. Du hast es schon immer verstanden, mich zu verblüffen. Ich finde es großartig, dass du dich darin nicht geändert hast."

"Na ja, vielleicht hätte ich mich ändern sollen. Ich bin elf Jahre älter, aber ich scheine nicht gerade weiser geworden zu sein. Es hätte ja sein können, dass du mit einer Frau zusammenlebst."

"Um Himmels willen! Weißt du was? Die einzige Frau, mit der ich jemals zusammenlebte, bist du gewesen."

 

Sie war mit Luke in die Pension gezogen. "Ma" Dawson, die Lukes Charme völlig verfallen war, hatte für sie ein Zimmer gefunden, das gerade groß genug für zwei war und am Ende des Korridors gleich neben der Küche lag. Ma war lieb und nett, nur kochen konnte sie nicht.

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