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Bianca Exklusiv Band 0137

Anne Henry

Du hast dieses Glück verdient

1. Kapitel

 

Als Julian mit dem gemieteten Pontiac langsam die Steigung des Signal Hill hinauffuhr, wappnete er sich für die Aussicht, die ihn oben erwartete, und er verspürte den übermächtigen Wunsch in sich aufsteigen, umzudrehen und wegzufahren, weit weg von dem Städtchen Murray, weit weg von seiner Vergangenheit.

Als er Murray im Staate Oklahoma vor über zwanzig Jahren verließ, hatte er sich geschworen, nie wieder hierher zurückzukommen. Er hatte die tyrannische Tante, die ihn aufgezogen hatte, verabscheut, und ebenso die nichts sagende Kleinstadt und die Leute, die hier lebten.

Als er dem Gipfel näher kam, verstärkte sich vor Anspannung sein Griff um das Lenkrad.

Und dann lag sie vor ihm, die Stadt seiner Kindheit. Die Stadt, in der er aufgewachsen war.

Die "Skyline" von Murray war immer noch von dem Wasserturm, dem Kornspeicher und dem weißen Turm der Baptistenkirche geprägt. Die ganze Stadt, ihr Geschäftszentrum und die umgebenden Wohnhäuser waren nichts weiter als ein kleiner Fleck in der weiten Landschaft.

Es gab mehr Bäume, als er in Erinnerung hatte. Aus dieser Sicht wirkte die Stadt harmlos, ja sogar ein wenig malerisch und anheimelnd. Wie ein Bild von Grandma Moses.

Ein Supermarkt und einige andere moderne Geschäfte waren am Rand der Stadt neu erbaut worden, und Julian fragte sich erstaunt, welche Geschäftsleute bereit waren, ihr Geld in einem so abgelegenen Provinznest wie Murray zu verschwenden.

Er bog links in die Hauptstraße ab und hatte plötzlich das Gefühl, in die Vergangenheit zurückgekehrt zu sein. Das staubige, langweilige Murray hatte sich in zwei Jahrzehnten nicht sehr verändert. Die Autos und Lieferwagen parkten immer noch auf dem Mittelstreifen der breiten Straße. Der Bauund Handwerkerladen war jetzt ein Spirituosengeschäft. Aber der Friseur und der altmodische Drugstore waren noch neben Marvellas Kosmetikladen. Und das B & J Café lag immer noch der Bank gegenüber, die Julian längst nicht mehr so beeindruckend wie in seiner Kindheit fand.

Julian parkte seinen Wagen und ging auf das B & J Café zu. Als er durch die Tür trat, drehten sich die Gäste in dem Café – ausschließlich Männer – nach ihm um und betrachteten ihn für einen Moment schweigend.

Julian war heute Morgen gleich nach einem Meeting mit dem Team des Militärkrankenhauses, das er leitete, zum Flugplatz gefahren und trug noch seine Uniform. Ihm wurde auf einmal klar, dass er in dieser Kleinstadt, die selten einen Fremden und noch seltener Militäruniformen sah, Aufsehen erregen musste.

Einige Männer nickten in seine Richtung, aber ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte keiner ihn erkannt.

Julian war nicht erstaunt darüber. Er hatte Murray als schüchterner magerer Siebzehnjähriger verlassen, mit einem abgebrochenen Vorderzahn und sonnengebleichten Haaren, die seine Tante ihm stets selbst geschnitten hatte, um das Geld nicht für so etwas Frivoles wie einen Friseurbesuch auszugeben. Jetzt war Julian ein Meter neunzig groß und durchtrainiert. Sein zerbrochener Vorderzahn war längst von einem Zahnarzt mit einer Jacketkrone versehen worden, und sein dunkles Haar hatte einen perfekten Militärschnitt.

Julian setzte sich in eine Ecke und betrachtete, während er auf die Kellnerin wartete, die anderen Männer. Er erkannte Mr. Shoemaker, den Bankier, und den alten Dr. Victor. Der uniformierte Hilfssheriff und – wie er aus dem Gespräch erkennen konnte – der hiesige Friseur waren ihm beide unbekannt.

Das Menü, das mit Kreide auf die schwarze Tafel geschrieben war, sah aus wie eh und je: Hamburger, Cheeseburger, Chili, gebratene Hähnchen, Steaks oder Fisch. Es gab Pommes frites, Bratkartoffeln oder Kartoffelpüree mit viel Butter. Der nationale Kampf gegen das Cholesterin schien Murray noch nicht erreicht zu haben.

Die Kellnerin war hübsch, und die anderen Männer im Café schienen das genauso zu bemerken wie Julian. Sie spaßten mit ihr, wenn sie ihnen Kaffee nachgoss. "Sara, erzähl uns doch mal, wer von uns gut aussehenden Männern der Unwiderstehlichste ist", sagte der Hilfssheriff und wies mit einer übertriebenen Geste zu den anderen Männern hinüber.

"Nun, Loonie, ihr verwirrt mich alle so sehr, dass ich kaum in der Lage bin, den Kaffee einzugießen. Sehen Sie sich doch nur einmal an, wie meine Hand zittert", erwiderte sie, während sie mit einer Hand, die so ruhig wie die eines Chirurgen war, die Kaffeetassen nachfüllte.

Sara. Der Name gefiel Julian. Und auch ihre Art.

Sara stellte die Kaffeekanne zurück auf die Wärmeplatte der Kaffeemaschine. Die junge Frau lächelte, als sie an Julians Tisch trat und den Bestellblock aus ihrer Tasche zog.

"Was kann ich für Sie tun?"

Sie hatte ein bezauberndes Lächeln und glänzendes braunes Haar. Sie war nicht so jung wie Julian sie zuerst eingeschätzt hatte, wahrscheinlich war sie schon um die dreißig. Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er früher irgendein Mädchen namens Sara gekannt hatte.

"Gehört das Café immer noch Bea und Jim Cate?" fragte er.

"Sicher gehört es ihnen noch, und das jetzt seit zweiunddreißig Jahren. Kennen Sie sie?"

"Ja. Einige Jahre lang war ich der Fensterputzer der Stadt", erwiderte Julian und machte eine Kopfbewegung zu den großen Glasscheiben des Cafés. "Ich wurde für meine Dienste mit einem ganzen Dollar bezahlt, aber wenn ich meine Arbeit besonders gut gemacht hatte, gab mir Bea immer ein Stück von ihrem berühmten Apfelstrudel."

Sara lächelte wieder. Sie hatte wundervolle Zähne. Eine wundervolle Haut. Selbst in ihrer schlichten Kellnerinnenkleidung sah sie so hübsch aus, dass er sie am liebsten die ganze Zeit angestarrt hätte.

"Sie sind nach Oklahoma City zum Einkaufen gegangen, aber wenn Sie mir Ihren Namen nennen, werde ich ihnen sagen, dass Sie hier gewesen sind."

"Ja. Sagen Sie ihnen, dass Julian Campbell sie grüßen lässt. Ich werde versuchen, noch einmal hier vorbeizukommen, bevor ich die Stadt wieder verlasse."

"Nun, Julian Campbell, möchten Sie ein Stück von Beas berühmten Apfelstrudel, warm mit Eiscreme oder mit Cheddar Käse?"

"Mit Käse bitte und eine Tasse Kaffee."

Als Sara mit dem Strudel und dem Kaffee zurückkam, fragte sie: "So, Sie sind also in Murray aufgewachsen?"

Julian nickte. In seinen Gedanken formte sich das Wort unglücklicherweise, aber er sprach es nicht aus. "Und was ist mit Ihnen? Sind Sie von hier?"

"Nein. Ich bin aus Oklahoma City. Aber ich habe einen Jungen aus Murray geheiratet. Jim und Beas Sohn."

"Big Ben Cate?"

Ihr Gesicht hellte sich auf. "Ja! Haben Sie ihn auch gekannt?"

"Jeder in der Stadt kannte Ben. Er war der hiesige Fußballheld."

"Und wer waren Sie?" fragte Sara lächelnd.

Julian nickte. "Nur das Kind, das die Fenster putzte. Einmal spielte ich ein Jahr lang auf einer geliehenen Klarinette in der Marschkapelle der Stadt – und zwar schlecht."

"Ich spielte Klarinette in der Highschool. Seitdem habe ich keine mehr angerührt", rief sie ihm über die Schulter zu, während sie zur Kasse lief, damit Mr. Shoemaker seine Rechnung bezahlen konnte. Auch die anderen Männer bezahlten, und Julian sah zu, wie Sara die Tische abräumte, nachdem die Gäste gegangen waren, und ein leichtes Bedauern stieg in ihm hoch, als er den Goldring an ihrer schmalen Hand sah.

Aber trotz des Eheringes wartete er darauf, dass sie ihm ein letztes Mal die Kaffeetasse nachfüllte. Eigentlich mochte er keinen Kaffee mehr trinken, aber er wollte noch einmal ihr bezauberndes Lächeln sehen.

Das war bemerkenswert, denn in der letzten Zeit hatte er nie mehr als flüchtiges Interesse für das Lächeln einer Frau gezeigt. Er hatte sich bereits gefragt, ob dieser Zustand sich je wieder ändern würde.

Danke, Sara Cate. Zumindest wusste er jetzt, dass er noch lebendig war.

 

"Ah, Major Campbell, herzlich willkommen in Murray", sagte Percy Mason. Der einzige Notar der kleinen Stadt erhob sich halb vom Stuhl und reichte Julian die Hand. "Hatten sie eine gute Reise?"

"Ja. Aber es war nicht einfach, so plötzlich einige Tage frei zu bekommen. Ich hoffe, dass ich mich nicht zu lange hier aufhalten muss."

"Ich hätte mich bereits früher bei Ihnen gemeldet, wenn ich gewusst hätte, wo Sie sich aufhalten. Ich habe Sie durch das Pentagon ausfindig machen lassen. Die Beerdigung ihrer Tante findet morgen früh auf dem Methodisten-Friedhof statt. Ich nahm mir die Freiheit, einige Blumen in Ihrem Namen zu bestellen. Wir werden am Montagmorgen einen Grabstein aussuchen müssen."

"Die Methodistenkirche? Tante Rachel war eine Baptistin."

"Nun, sie und der Baptistenprediger haben sich vor einigen Jahren zerstritten. Wie Sie wissen, war Rachel Warren etwas nachtragend."

"Ja, das weiß ich. Was mich zu meiner wichtigsten Frage führt: Warum um alles in der Welt vererbte sie mir diese Farm? Meine Tante und ich sind nicht gerade im Guten auseinander gegangen."

"Ja, ich erinnere mich. Nun, eigentlich hat sie Ihnen die Farm auch gar nicht vererbt. Ihre Tante verstarb unerwartet, ohne ein Testament zu hinterlassen. Da Sie der nächste Verwandte sind – sogar der einzige Verwandte, soweit ich unterrichtet bin – steht Ihnen die Farm zu. Allerdings ist die Abwicklung des Erbes ohne Testament ein wenig komplizierter. Das Nachlassgericht muss Sie als rechtsmäßigen Erben anerkennen, bevor Ihnen die Farm offiziell überschrieben werden kann. Wir werden einige Dokumente vorlegen müssen, und das wird seine Zeit brauchen."

"Sie hat kein Testament hinterlassen?" Julian musste lachen. "Das erklärt alles. Ich hätte mir auch nicht erklären können, warum sie mir nach all den Jahren des Schweigens etwas hinterlassen sollte."

"Sie hat tatsächlich für einige Zeit mit dem Gedanken gespielt, ein Testament zu Ihren Gunsten zu machen. Aber sie wollte gewisse Verpflichtungen an das Erbe binden. Sie wollte Ihnen die Farm nur vererben, wenn Sie sich entscheiden würden, hier zu leben und ihre Tiere zu versorgen. Aber während sie noch über alles nachdachte, legte sie sich eines Abends zu Bett und verstarb. Nun, wie dem auch sei, Ihr dringlichstes Problem bleiben immer noch die Tiere."

Julian erinnerte sich an die Tierliebe seiner Tante. Sie hatte stets streunende Hunde und Katzen aufgenommen und sich um sie gekümmert, als wenn sie kleine Kinder wären. Aber für den elternlosen Neffen, der eines Tages vor ihrer Tür stand, zeigte sie nur wenig Wärme und Zuneigung.

"Wie viele Tiere sind es?" fragte Julian.

"Keine Ahnung. Sie hatte Katzen, Hunde, ein paar Ziegen, Hühner, Gänse und ein Pferd. Ein richtiger Zoo. Die Cate Kinder haben für sie gesorgt, bis Sie kamen."

"Vielleicht würden sie die Tiere gern mit nach Hause nehmen?" fragte Julian hoffnungsvoll.

"Damit würde ich nicht rechnen. Eine derartige Menagerie zu füttern, kostet eine Menge Geld. Rachel hat mehr Geld für Tierfutter als für ihre eigene Ernährung ausgegeben."

"Und wie steht es mit der Farm? Soweit ich mich erinnere, war sie schuldenfrei."

"Nicht mehr. Rachel musste vor einigen Jahren eine Hypothek aufnehmen, um ihre Steuern bezahlen zu können."

"Ich würde die Farm gern verkaufen. Glauben Sie, dass ich einen Käufer finden werde?"

"Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Die Zeiten sind nicht einfach, wie Sie an den leeren Gebäuden an der Hauptstraße erkennen können. Viele mussten ihre Farmen aufgeben, und es gibt nicht sehr viele Käufer. Heutzutage ist es schwer, als Farmer seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber das Eigentum Ihrer Tante hat einen schönen großen Obstgarten, einen hübschen kleinen See, sechzehn Hektar fruchtbares Ackerland und sechzehn Hektar verpachtetes Weideland. Die Zäune sind in schlechtem Zustand, und das Haus müsste neu gestrichen werden. Aber wenn Sie einen vernünftigen Preis machen, wird sich bestimmt ein Käufer finden lassen."

"Hatte sie noch andere Besitztümer?" fragte Julian.

"Kleinere Sparbeträge. Einige Aktien. Ich habe Ihnen eine Liste vorbereitet, auf der alles eingetragen ist. Warum sehen Sie sich nicht einfach alles an und schauen nach, was Sie von den Sachen Ihrer Tante noch behalten wollen? Wir können dann am Montag darüber reden."

"Gut. Noch eins: Gibt es hier eine Möglichkeit zu übernachten? Ich habe das alte Motel an der Highway nicht gesehen. Gibt es irgendwo noch ein anderes?"

"Leider nicht. Das alte Hotel ist vor ein paar Jahren abgebrannt. Aber Sie besitzen doch jetzt ein eigenes Haus", erwiderte Mr. Mason und reichte Julian die Schlüssel. "Einer davon ist der Schlüssel zur Haustür. Ich nehme an, Sie kennen den Weg noch."

Julian war verwirrt, als er schließlich den Notar verließ. Nachlassgericht. Steuern. Grabsteine. Tiere. Und er hatte geglaubt, dass er nur einige Papiere zu unterzeichnen brauchte, und damit wäre es getan! Jetzt sah es so aus, als wenn das nicht sein letzter Besuch in Murray sein würde.

Als er zu seinem Wagen ging, blickte er zum B & J Café hinüber. Er würde später dort zu Abend essen. Vielleicht wäre dann auch Sara wieder da. Es war wirklich schade, dass sie bereits verheiratet war. Wenn er wieder beginnen würde, sich ernsthaft um Frauen zu bemühen, würde er sich jemanden wünschen, der so wäre wie sie – eine Frau, die im Alter zu ihm passte und ihm Freundin und Partnerin sein konnte. Eine Frau, die in ihrer Jugendzeit die gleiche Musik wie er gehört hatte und mit dem gleichen geschichtlichen Hintergrund aufgewachsen war.

Er fragte sich, ob die Cate-Kinder, die die Tiere versorgt hatten, Saras Kinder waren. Wahrscheinlich.

Es waren die Kinder von Big Ben Cate. Wenn sie so wie ihr Vater waren, würden sie sich im Sport auszeichnen und die Lieblinge der ganzen Stadt sein.

Ben Cate war der einzige Junge gewesen, mit dem Julian früher gern getauscht hätte. Er war der beliebteste Junge der Schule gewesen. Jeder sah zu ihm auf und bewunderte ihn – Julian eingeschlossen. Nicht, dass sie Freunde gewesen wären. Julian war der Waisenjunge der alten Rachel Warren gewesen – eben anders als die anderen. Das einzige Kind in der Schule, das keine Eltern hatte. Und Bea Cate pflegte zu sagen, dass er so dünn war, dass er durch die Ritzen eines Lattenzaunes schlüpfen konnte. Ein magerer Niemand.

Aber Ben Cate hatte ihn stets angelächelt und ihn gegrüßt, wenn sie sich auf dem Schulkorridor begegneten. Manchmal hatte er angehalten und Julian gefragt, wie er in einem Test abgeschnitten hatte oder ob er zum Footballspiel ging. Einige Male lernten sie sogar zusammen Algebra. Ben nannte Julian stets bei seinem richtigen Namen und nicht "Julie", ein Spitzname, den man ihm bereits in der Grundschule gegeben hatte. Er hatte diesen Namen gehasst. Aber jeder, außer den Lehrern und Ben Cate, nannte ihn so. Selbst Bens Mutter rief ihn Julie Boy. Tante Rachel nannte ihn eigentlich gar nicht beim Namen – weder Julian noch Julie. Meistens rief sie einfach nur Junge. Junge, stapel das Feuerholz! Junge, kannst du nicht schneller arbeiten?

Wenn er jemals Ben wiedersah, würde Julian ihm gern die Hand schütteln. Wenn Ben in seiner Nähe gewesen war, hatte er sich nicht als ein Niemand gefühlt.

Ohne es beabsichtigt zu haben, ging Julian erneut auf das B & J Café zu. Er könnte sich ein Glas Cola bestellen.

Sara war nicht da.

Eine Bea, die älter und fülliger geworden war, kam geschäftig aus der Küche herausgelaufen. "Da ist also der mysteriöse Mann in Uniform", sagte sie. "Julie, ich muss schon sagen, du hast dich herausgemacht. Aus dem mickrigen Jungen ist ein stattlicher Mann geworden."

Julian war überrascht, als Bea ihn in seine Arme nahm und ihn auf die Wange küsste.

Dann trat sie zurück und sah ihn noch einmal prüfend von Kopf bis Fuß an. "Ich konnte es einfach nicht glauben, als Sara einen gut aussehenden uniformierten Mann namens Julian Campbell beschrieb. Ich erklärte ihr, dass der einzige Julian Campbell, den ich kenne, ein magerer kleiner Junge war, der gerade bis zu ihrer Nasenspitze reichen würde."

Julian musste unwillkürlich lachen. Er verabscheute Murray so sehr, dass er vergessen hatte, dass auch einige nette Leute hier lebten. Er hatte nicht nur Ben Cate gemocht, sondern auch seine Familie. Die Cates waren freundliche Leute, die das Herz auf dem rechten Fleck hatten.

Bea hatte immer Mitgefühl mit ihm gezeigt. Er hatte oft Mitleid auf ihrem Gesicht gesehen. Aber sie hatte auch immer eine Entschuldigung für Rachel zur Hand gehabt. "Deine Tante versteht Kinder nicht. Aber sie ist eine gottesfürchtige Frau, die dich aufgenommen hat, obwohl es nicht ihre Pflicht gewesen wäre. Vergiss das niemals, wenn du dir wieder einmal selbst Leid tust. Du könntest jetzt ebenso in einem Waisenhaus leben."

Julian hatte sich stets gefragt, ob er nicht das Waisenhaus dem Leben mit Tante Rachel vorziehen würde. Wie konnte irgendetwas schlimmer sein als Murray? Wie konnte jemand gemeiner sein als Tante Rachel?

"Jim und ich waren wirklich betroffen, als wir das mit deiner Tante hörten", erklärte Bea, schob Julian zu einem Barhocker und goss ihm eine Tasse Kaffee ein.

"Es ist eine Schande, dass ihr euch vor ihrem Tod nicht mehr gesehen und euch ausgesöhnt habt", fuhr Bea fort und reichte ihm die Zuckerdose hinüber.

"Ich wäre gekommen. Sie hätte mich nur einmal darum bitten müssen."

"Das habe ich ihr auch gesagt. Aber deine Tante war so dickköpfig wie ein alter Esel. Sie sagte, du wärst derjenige, der gegangen ist, also müsstest du auch wieder zurückkommen."

"Wissen Sie, warum ich fortgegangen bin?" fragte Julian.

Bea nickte. "Und sie hat sich dafür entschuldigt."

"Nein, das hat sie nicht getan. Sie hat nur widerwillig zugegeben, dass sie einen Fehler gemacht hat. Schließlich hatte ich nicht das Geld aus ihrer Brieftasche genommen."

"Aber einfach so fortzulaufen, ohne Auf Wiedersehen zu sagen …"

"Es war an der Zeit für mich, fortzugehen, und ich wollte mir nicht anhören, wie undankbar ich sei."

Julians Magen krampfte sich bei den Erinnerungen zusammen. Es tat immer noch weh, und er bereute es schon, hierher zurückgekommen zu sein. Man brauchte ihn nicht, um diese alte Frau zu begraben. Und ihre Farm kümmerte ihn herzlich wenig.

Bea berührte seinen Arm. "Du wirst in ihrem Haus wohnen?"

"Ich habe wohl keine andere Wahl. Holiday Inn scheint noch nicht bis Murray vorgedrungen zu sein. Wissen Sie, es ist schwer für mich zu verstehen, warum ihr in dieser Stadt bleibt."

"Das ist ganz einfach, es ist unser Zuhause", antwortete Bea schlicht. "Hier haben wir unseren Sohn großgezogen und hier ziehen wir unsere Enkel groß. Wenn wir sterben, werden wir zwischen denen begraben werden, die wir lieben. Murray ist unsere Heimat."

"Sind Ihre Enkel die Kinder, die sich um Rachels Tiere gekümmert haben?"

Bea nickte. "Rachel hat sich einen kleinen Zoo angeschafft. Sie hatte mehr Angst vor den Menschen als vor Tieren. Die Kinder haben für die Tiere gesorgt, seit der Briefträger sie am Dienstag tot in ihrem Bett gefunden hat. Sie muss friedlich im Schlaf gestorben sein."

"Sind es Bens Kinder?"

"Ja. Es sind die Kinder von Sara und Ben. Ein Junge und ein Mädchen. Es sind wunderbare Kinder. Ich weiß nicht, was Jim und ich ohne sie machen würden. Ben hat wirklich ein liebes Mädchen geheiratet. Sie ist für mich wie eine Tochter."

"Hübsch ist sie auch", bemerkte Julian und nahm einen letzten Schluck von dem Kaffee.

"Wir werden morgen früh leider nicht an der Beerdigung teilnehmen", entschuldigte sich Bea. "Ich habe deswegen ein schlechtes Gewissen, aber seit Monaten haben wir den Kindern versprochen, dass sie am Angelwettbewerb am Canton See mitmachen dürfen." Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "Wahrscheinlich haben sie bereits alles in den Campingwagen eingeladen und warten jetzt auf mich."

"Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben", beruhigte sie Julian. "Selbst ich würde lieber angeln gehen, obwohl ich es gar nicht kann."

"Ich weiß was. Du kommt am Montagabend zu uns zum Abendessen herüber. Ich möchte, dass Jim sieht, wie gut du dich herausgemacht hast. Und vielleicht können wir dabei klären, was mit den Tieren geschehen soll. Ich bin gern bereit, dem Hahn persönlich den Hals umzudrehen. Er ist der lauteste Schreihals westlich vom Mississippi."

"Ich hoffe, dass ich am Montag bereits auf der Heinireise nach North Carolina bin", erklärte Julian. "Ich muss am Dienstag wieder im Krankenhaus sein."

Bea zögerte. "Dann komm am Sonntagabend. Und bring genug Appetit mit."

 

Als er mit dem Wagen zu Rachels Haus hinüberfuhr, hatte Julian plötzlich das Gefühl, wieder auf seinem alten Fahrrad zu sitzen.

Das Haus und die Scheune, die er selbst zwei Mal in seinem jungen Leben angestrichen hatte, sahen aus, als wenn sie seither keinen einzigen Pinselstrich Farbe mehr gesehen hätten. Der Rasen und die Sträucher, die er so viele Jahre gepflegt hatte, waren verwildert. Unter den Obstbäumen, die lange nicht mehr beschnitten worden waren, lagen abgebrochene Zweige, und die Zäune, die er so oft geflickt hatte, waren in einem armseligen Zustand. Unwillkürlich tat es Julian Leid, die Farm so herunterkommen zu sehen.

Sobald er den Wagen angehalten hatte, kamen zwei große Labradorhunde auf ihn zugelaufen, um ihn zu begrüßen. "Wie geht es euch", fragte Julian, nachdem er ausgestiegen war und kraulte ihnen die Köpfe. Nachdem er ein wenig herumgegangen war, stellte er schnell fest, dass auf Tante Rachels Besitz noch zwei weitere Hunde, vier Katzen, zwei Gänse, Hühner und ein Hahn, ein Esel, Ziegen und eine alte Stute lebten, die seine Tante wohl vor dem Pferdemetzger bewahrt hatte.

Als er schließlich zur Haustür ging, war er überrascht, die Tür unverschlossen vorzufinden. Aber das war eben Murray, keine Gegend mit einer hohen Kriminalitätsrate.

Julian straffte die Schultern und ging ins Haus. Die Küche war nicht so groß, wie er es in Erinnerung hatte. Der Linoleumboden war abgenutzt, aber ansonsten sah der Raum noch immer aus wie früher. Hier hatten Rachel und er ihre schweigsamen Mahlzeiten eingenommen.

Er warf einen Blick in das kleine Wohnzimmer mit seinen schweren Möbeln und den Spitzendeckchen, die überall herumlagen. In den Jahren, die er in diesem Haus verbracht hatte, war dieses Zimmer nur benutzt worden, wenn der Prediger zu Besuch kam. Andere Besucher wurden einfach an den großen runden Küchentisch gesetzt.

Rachels Bett war nicht gemacht – der einzige Makel in dem sonst so ordentlichen Haus. Seine Tante war in diesem Bett vor vier Nächten gestorben, in dem gleichen Bett, in dem sie auch geboren worden war. Rachel hatte ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht. Soviel Julian wusste, war sie nie weiter als bis Oklahoma City gereist.

Julian starrte auf das Bett und versuchte, so etwas wie Trauer oder wenigstens Mitgefühl für diese Frau zu empfinden, die hier gestorben war. Aber er spürte nur eine große Leere. Selbst der Tod konnte sie nicht zusammenbringen.

Julian war geschockt, als er sein ehemaliges kleines Zimmer, das direkt hinter der Küche lag, betrat. "Mein Gott", rief er laut aus. Seine Flugzeugmodelle standen immer noch neben den Büchern in den Regalen, auf dem Nachttisch befand sich immer noch derselbe altmodische Wecker, und die Bettdecke stammte ebenfalls noch aus seiner Kindheit.

Warum? Hatte sie sich einfach nie die Mühe gemacht, die Sachen wegzuschaffen? Hatte sie geglaubt, er würde zurückkommen?

Dann fühlte er, wie Tränen in seine Augen stiegen – nicht für Rachel, aber für den einsamen kleinen Waisenjungen, der in diesem Raum gelebt hatte. "Verflixt noch mal, Tante Rachel. Warum konntest du nicht ein wenig liebevoller zu diesem kleinen Jungen sein?"

Nachdem er seine Tasche ausgepackt hatte, sah er kurz noch einmal nach den Tieren und ging dann zum Abendessen ins B & J Café. Eine Frau namens Martha, die aussah, als ob sie einer ganzen Kompanie Befehle erteilen könnte, servierte ihm ein Steak. Sie erklärte ihm, dass die Cates abends normalerweise nicht im Lokal anzutreffen waren. Julian und ein alter schwerhöriger Farmer, mit dem Martha sich nur durch Zeichen verständigte, waren die einzigen Gäste. Und Julian nahm schweigend sein Mahl ein.

Am nächsten Morgen fand die Beerdigung statt. Es war überraschend, wie viele Leute zu Rachels Beerdigung gekommen waren. Aber keiner weinte, und irgendwie schien diese Tatsache noch trauriger zu sein als ihr Tod.

Nach der Beerdigung brachten Frauen der Methodistengemeinde ein Mittagessen zu Rachels Farm hinüber. Der Prediger und ein Dutzend anderer Leute, die an der Beerdigung teilgenommen hatten, kamen ebenfalls, aßen Schinken und Kuchen und redeten über den friedvollen Tod seiner Tante Rachel.

Nachdem die Leute gegangen waren, ging Julian, die vier Hunde treu an seiner Seite, zum Hühnerhaus, sammelte die Eier ein, harkte das Häuschen sauber und machte sich dann auf den Weg zur Scheune, um dort die Türangel zu reparieren. Nachdem er Nanny, die Ziege, gemolken und die Tiere gefüttert hatte, war es Abend geworden, und er setzte sich vor den Fernsehapparat.

Mit Rachels altertümlichem Fernseher konnte man nur vier Kanäle empfangen und die auch noch schlecht. Aber er starrte trotzdem auf den flimmernden Bildschirm, bis das Testbild erschien. Dann verbrachte er eine weitere unruhige Nacht in seinem ehemaligen Kinderbett.

Als er am Sonntagmorgen erwachte, begann er nach dem Frühstück, vor lauter Langeweile den Rasen zu mähen und die Sträucher zu stutzen.

Die Cate Farm schloss sich an Rachels an, aber von Haustür zu Haustür waren es trotzdem noch eine halbe Meile. Also stieg Julian in seinen Wagen und fuhr zum Cate Haus. Er war überrascht und erfreut, als Sara die Tür öffnete. In ihrem Jeanskleid und dem Westerngürtel sah sie noch hübscher als zuvor aus. Sie lächelte ihn strahlend an und schüttelte ihm die Hand.

Hinter ihr im Wohnzimmer sahen zwei Kinder fern, und Julian fragte sich, ob ihr Vater ebenfalls hier war.

"Kinder, kommt her und begrüßt einen alten Freund eures Vaters", rief Sara.

Beide Kinder hatten das blonde Haar ihres Vaters geerbt. Das Mädchen war ungefähr zehn oder zwölf, und man sah bereits jetzt, dass sie einmal so hübsch wie ihre Mutter werden würde. Der Junge war älter. Seine Schultern wurden bereits breiter, und über seiner Oberlippe wuchs schon leichter Flaum.

"Das sind meine Kinder, Mary Sue und Barry", sagte Sara stolz. "Kinder, das ist Major Campbell."

Mary Sue trat mit einem schüchternen Lächeln vor und schüttelte Julian zuerst die Hand. Dann folgte Barry. "Woher kennen Sie meinen Vater?" fragte er.

"Von der Highschool", erklärte Julian.

"Haben Sie Fußball gespielt?" fragte Barry neugierig.

"Nein, aber ich habe euren Vater oft spielen sehen, auch als die Schule durch ihn das Championat gewonnen hat."

"Cool!" rief Barry aus. "In der Highschool haben sie eine Gedenktafel für ihn angebracht."

"Ja, dein Vater war großartig. Wird er heute Abend auch hier sein? Ich würde ihn gern wiedersehen."

Julian wusste sofort, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Mary Sue und Barry blickten mit verstörtem Gesichtsausdruck ihre Mutter an. Saras Gesicht war leicht gerötet, und sie sah sehr verlegen aus.

"Es tut mir Leid", sagte sie schließlich. "Ich dachte, Sie wüssten es. Ben ist tot. Er kam bereits vor drei Jahren bei einem Traktorunfall ums Leben."

2. Kapitel

 

Ben Cate tot!

Julian konnte es nicht glauben. Ben war so voller Leben gewesen. Er hatte zu jenen jungen Männern gehört, von denen bereits zu Lebzeiten Legenden erzählt wurden. Ben hatte alles gehabt – einschließlich dieser hübschen jungen Frau und der zwei Kinder, die jetzt verlegen vor ihm standen.

Julian war verwirrt, und es tat ihm sehr Leid, diese Frage gestellt zu haben. Ben Cate war zu einer Zeit nett zu ihm gewesen, als er verzweifelt Zuneigung und Freundlichkeit gebraucht hatte.

"Nein, ich wusste nicht, dass er tot ist", sagte Julian leise. "Meine Tante und ich, nun, wir hatten keinen Kontakt miteinander. Es tut mir sehr Leid. Er war ein außergewöhnlicher junger Mann. Ich weiß, dass ihr alle sehr stolz auf ihn seid."

"Ja, das sind wir", erwiderte Sara und legte die Arme um die Schultern ihrer Kinder. Ihr Sohn war fast so groß wie sie. "Wir vermissen ihn jeden Tag, nicht wahr, Kinder?"

Mary Sue und Barry nickten. Beide hatten den Blick auf den Boden gerichtet. Es war ein unangenehmer Moment. Julian wäre jetzt gern zu Rachels Haus zurückgegangen und hätte sich mit Resten des gestrigen Mittagessens begnügt.

"Warum schaut ihr euch nicht das Programm zu Ende an", schlug Sara ihren Kindern vor. "Major Campbell und ich werden zu Grandma und Grandpa gehen."

Julian folgte ihr durch den Flur bis in die Küche. Bea briet gerade einen Fisch. Jim machte den Salat.

Während seine Frau mit den Jahren molliger wurde, war Jim immer hagerer geworden. "Es ist schön, dich wiederzusehen, Julie", sagte Jim mit einem kräftigen Händeschütteln. "Ich habe gehört, dass du es zu etwas gebracht hast. Ein Offizier bei der Armee. Deine Tante war sehr stolz auf dich."

"War sie das? Ich hatte noch nicht einmal die Ahnung, dass sie von meinem Job in der Armee etwas wusste."

"Natürlich hat sie das gewusst. Deine Frau schrieb ihr zu Weihnachten stets einen Brief."

Brenda hatte seiner Tante geschrieben? Das war neu für Julian. Aber es passte zu seiner Ex-Frau. Brenda liebte es, Danksagungen und Grußkarten zu schreiben. Und wahrscheinlich dachte sie, dass es gemein von ihm war, niemals dieser alten Frau in Oklahoma einen Brief oder wenigstens eine Karte zu senden.

"Julian wusste nicht, dass Ben tot ist", erzählte Sara ihren Schwiegereltern, während sie ihre Schürze umband.

Auf den Gesichtern der beiden älteren Leute breitete sich Trauer aus.

"Es tut mir sehr Leid", sagte Julian. "Ben war ein großartiger Mensch."

Bea und Jim nickten. Ja, ihr Ben war großartig gewesen.

"Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne Bea und Jim getan hätte", sagte Sara. "Seit Ben gestorben ist, sind sie wie Eltern zu mir gewesen. Die Kinder und ich leben hier mit ihnen zusammen."

"Ach, Liebes, du gehörst zu uns", sagte Jim und küsste seine Schwiegertochter auf die Wange. "Ihr habt unserem Leben wieder einen Sinn gegeben."

Julian setzte sich auf einen Küchenstuhl und kam sich wie ein Eindringling vor, als er zusah, wie Sara ihren Schwiegereltern beim Zubereiten des Abendessens half. Er bot zwar seine Hilfe an, aber Bea lehnte entschieden ab. Julian fühlte sich geschmeichelt, dass sie sich wegen ihm so viel Mühe machten. Aber das hier war eben Murray. Besucher waren hier selten.

Schließlich war das Essen fertig. Es wurde jedoch noch nicht serviert, weil Jim und die Kinder irgendwelche geheimen Vorbereitungen im Esszimmer trafen. Durch die geschlossene Tür drang das Geräusch von Stühlen, die hinund hergeschoben wurden, und das lustige Kichern der Kinder.

Schließlich ging die Doppeltür auf, und er blickte in einen Raum, der wie für eine Party geschmückt war.

Ein großes Transparent mit der Aufschrift Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag, Grandma und Mom hing an der Wand. Luftballons und Papierschlangen baumelten von den Lampen herunter, und auf einer Anrichte lagen Geschenkpäckchen.

Muttertag! Jetzt wurde Julian alles klar. Bea hatte ihn ja eigentlich für Montag eingeladen. Sie hatten sich die Mühe nicht für ihn gemacht. Es war ein Familienfeiertag. Er gehörte eigentlich gar nicht hierher.

"Es ist nett, einen alten Freund von Ben bei uns zu haben, wenn wir den beiden größten Ladys in der Welt unseren Tribut zollen", sagte Jim.

Julian wollte protestieren. Er war nie wirklich Bens Freund gewesen. Wenn Ben noch leben würde, müsste er sicherlich einen Moment nachdenken, um sich daran erinnern zu können, wer Julian Campbell überhaupt war.

Jim begann das Essen zu servieren. "Wild", erklärte er, als er Julian Grillrippchen auf den Teller legte. "Diesen Hirsch habe ich letzten Herbst erlegt. Jagst du auch gern?"

"Ich habe noch nie gejagt", erklärte Julian.

"In Ihrem ganzen Leben noch nicht?" fragte Barry ungläubig. "Grandpa und ich jagen sehr oft. Und mein Dad war der beste Schütze im ganzen Staat. Ich habe alle seine Trophäen und Medaillen, um das zu beweisen."

"Major Campbell hatte niemanden, der mit ihm auf die Jagd gehen konnte, als er aufwuchs", eilte Sara Julian zur Hilfe.

"Erzähl mir etwas über deine Frau", sagte Bea. "Hast du Kinder?"

"Keine Kinder. Und auch keine Frau mehr."

"So?" war alles was Bea erwidern konnte.

"Meine Frau und ich haben uns scheiden lassen."

"Ich verstehe", erwiderte Bea in einem Ton, der zeigte, dass sie überhaupt nichts verstanden hatte. Das Wort "Scheidung" war in einem Städtchen wie Murray immer noch skandalverdächtig, und es wurde nur mit vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Anständige Leute ließen sich nicht scheiden.

"Was machen Sie in der Armee?" fragte Barry.

"Ich leite ein Krankenhaus."

"Sie meinen, Sie fliegen keine Flugzeuge und fahren keine Panzer, oder irgendetwas in der Richtung?"

"Ich muss dich wohl enttäuschen. Ich mache nichts dergleichen", antwortete Julian. "Ich arbeite in einem Büro, erledige eine Menge Schreibarbeiten und sorge dafür, dass andere Leute ihre Arbeit machen."

"Unser Daddy flog ein Flugzeug", sagte Mary Sue.

"Für landwirtschaftliche Zwecke", erklärte Sara.

"Nun, das ist sicherlich aufregender als ein Krankenhaus zu leiten, nicht wahr?" fragte Julian Mary Sue.

Barry und Mary Sue stimmten ihm aus vollen Herzen zu. "Er konnte auch Gitarre spielen", fügte Mary Sue hinzu.

Julian stellte fest, dass er Wild nicht mochte. Es hatte einen strengen Geschmack, den er unangenehm fand. Der Fisch, den man nach dem Wild servierte, schmeckte sehr gut. Doch Julian hatte bereits den Appetit verloren. Aber er gab sich Mühe, auch weiterhin Interesse am Essen und der Unterhaltung zu zeigen, die immer noch um das Multitalent Ben Cate kreiste – Footballspieler, Baseballspieler, Scharfschütze, Diakon, Musiker, Cowboy.

Einige Male versuchte Sara, das Thema zu wechseln. Sie fragte Julian, wie lange er schon in North Carolina lebte, wie viele Jahre er bereits bei der Armee war, und wie er es geschafft hatte, durchs College zu kommen, obwohl er selbst seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Julian antwortete ohne großes Interesse, für ihn war es klar, dass sie nur aus Höflichkeit fragte.

Dann teilte Julian den Kindern mit, dass er mit der Zoohandlung eine Abmachung getroffen hatte. Die Kinder könnten dort ab sofort in seinem Namen ohne Bezahlung Futter für die Tiere einkaufen. Die Rechnung würde ihm dann zugeschickt. Er bat sie, sich weiterhin gegen Bezahlung um die Tiere zu kümmern und versprach ihnen eine Belohnung für jedes Tier, für das sie ein neues Heim finden würden.

"In dem Krankenhaus, das ich leite, findet bald eine Generalinspektion statt. Sobald ich damit fertig bin, werde ich zurückkommen und hier alles in Ordnung bringen", versprach er. "Dann rechnen wir ab."

Julian wollte gehen, bevor die Geschenke geöffnet wurden, aber Sara und Bea bestanden darauf, dass er noch zu Kaffee und Kuchen blieb. Nachdem die Geschenke ausgeteilt worden waren, hob Julian mit den anderen die Gläser und stieß pflichtbewusst auf die beiden Frauen an, die so liebevoll für ihre Familie sorgten. Nach dem Trinkspruch, den Jim ausgesprochen hatte, umarmte und küsste sich die Familie.

So viel Liebe. Julian fühlte sich wie ein Außenseiter. Ein kleiner Junge, der sein Gesicht gegen das Fenster des Spielzeuggeschäfts presste.

Muttertag!

Julian konnte sich erinnern, dass er einmal als kleiner Junge eine Muttertagskarte in der Schule gemacht hatte. Seine Mutter hatte sie mit einem Magnet an der Kühlschranktür befestigt und gesagt, dass das die schönste Karte sei, die sie je gesehen hatte.

Julian hatte vergessen, wie die Karte aussah.

Schließlich brachte Sara ihn zum Wagen. "Es tut mir Leid", sagte sie. "Aber sie kennen auch andere Gesprächsthemen außer Ben."

"Das weiß ich, Sara. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ihre Kinder und ihre Schwiegereltern sind wirklich sehr nett. Und Sie haben schöne Erinnerungen."

"Ja. Ich kann zufrieden sein. Das sind Dinge, die Sie nicht besitzen, nicht wahr?"

"Der Abend mit Ihrer Familie weckte die Erinnerung an eine schöne Begebenheit mit meiner eigenen Mutter. Sie starb vor so vielen Jahren, dass ich mich sonst kaum noch an sie erinnern kann. Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich mit Tante Rachel. Und die Erinnerungen an diese Zeit sind schmerzvoll. Ich habe einige schöne Jahre mit meiner Frau verbracht, aber wenn zwei Menschen sich erst einmal getrennt haben, staut sich so viel Bitterkeit an, dass man schließlich zu der Einsicht gelangt, man konnte gar nicht glücklich gewesen sein, sonst wäre man ja nicht auseinander gegangen."

Im Mondlicht erschien Saras Haar noch dunkler und ihre Haut noch weißer. Sie wirkte wie eine Mondgöttin. Wie eine überirdische Erscheinung.

"Es tut mir Leid, dass Ben tot ist", fuhr Julian fort. Er hätte gern ihre Hand ergriffen, aber er wagte es nicht. "Das müssen Sie mir glauben. Ich weiß, dass er ein wundervoller Vater und Ehemann war. Aber ich bin auch sehr verwirrt."

"Warum?" fragte sie.

Die leichte Abendbrise strich sanft durch ihr Haar, und Julian nahm Saras zarten Duft wahr. Er atmete tief durch und betete, dass er die richtigen Worte finden würde.

"Ich habe Ben Cate immer für den nettesten Jungen der Stadt gehalten", begann er. "Ich respektierte ihn und war zugleich eifersüchtig. Ich hätte gern alles gegeben, um an seiner Seite über das Footballfeld laufen zu können. Einmal zu spüren, wie es ist, von jedem gekannt und gemocht zu werden. Als ich vor ein paar Tagen herausfand, dass Sie mit ihm verheiratet waren, kehrten die alten Gefühle wieder zurück. Ich war froh, dass sie mit einem Mann verheiratet waren, der so wundervoll wie Ben ist, und gleichzeitig bedauerte ich, dass Sie bereits vergeben waren. Ich fand es wirklich schade. Mit einem einzigen Lächeln haben Sie mir klar gemacht, dass es doch noch Hoffnung für mich gibt, eines Tages die richtige Frau zu finden. Lange Zeit habe ich angenommen, dass meine Ex-Frau die richtige Partnerin wäre. Brenda und ich gaben uns große Mühe, eine harmonische Ehe zu führen, aber irgendwie passten wir einfach nicht zusammen. Und Sie konnten nicht die Richtige sein, weil sie, soviel ich wusste, mit Ben verheiratet waren. Aber als ich so im B & J Café saß, wusste ich plötzlich, dass diese Frau irgendwo existieren musste. Und als ich das Café verließ, fühlte ich mich seit langer Zeit einmal wieder richtig gut."

Sara hatte sich gegen den Zaun gelehnt. Er konnte ihr Gesicht nur im Profil sehen, aber sie war so hübsch, dass ihr Anblick ihn fast schmerzte.

"Und jetzt finde ich heraus, dass Ben tot ist", fuhr er fort. "Und ich muss feststellen, dass sein Tod mich mehr berührt, als der jener Frau, die mich aufgezogen hat. Ben besaß so viel, für das es sich zu leben lohnte. Was für ein tragischer Einschnitt für Sie und Ihre Kinder, für Bea und Jim! Es ist so unfair. Aber zur gleichen Zeit habe ich den Wunsch, Sie wiedersehen zu können. Ich möchte alles über Sie erfahren. Ich möchte herausfinden, ob wir vielleicht eines Tages mehr als nur Freundschaft füreinander empfinden könnten. Gleichzeitig fühle ich mich wie ein Grabschänder, weil ich so empfinde."

 

Sara ging wie in Trance ins Haus zurück. Der Esszimmertisch war bereits abgeräumt worden, und sie hörte Geräusche aus der Küche, wahrscheinlich war es Bea, die bereits aufräumte. Jim war im Wohnzimmer und half den Kindern bei ihren Hausaufgaben.

Sara schlich sich in ihr Zimmer. Sie musste ein paar Minuten allein sein, bevor sie Bea gegenübertreten würde.

Sie setzte sich auf das Bett und legte die Hände an die Wangen. Ihr Gesicht war heiß und ihre Hände eiskalt. Sie hatte wohl in Canton beim Angeln zu viel Sonne abbekommen.

Oder war Major Julian Campbell der Grund, warum ihr Gesicht so brannte?

Sie war jetzt seit drei Jahren Witwe, aber heute Abend hatte ihr zum ersten Mal ein Mann etwas Nettes gesagt. Sie konnte seine Worte immer noch nicht fassen. Am liebsten hätte sie ihm verboten weiterzureden, aber zur gleichen Zeit wollte sie hören, was er ihr zu sagen hatte. Sie hatte nicht gewusst, ob sie ins Haus rennen oder sich in seine Anne werfen sollte.

Kurzum – sie hatte sich wie eine dumme unreife Gans verhalten. Er hatte ihr angeboten, seine Abfahrt bis Dienstag zu verlängern. Aber sie war ihm ausgewichen und hatte ihm erzählt, dass sie morgen Abend zum Elternabend gehen musste. Was eine ausgewachsene Lüge war.

Sara war verlegen gewesen und hatte Angst gehabt. Und sie war sich nicht sicher, was "wiedersehen" bedeutete. Meinte er damit ein Abendessen im B & J Café? Wollte er mit ihr nach Mangum fahren, um sich einen Film anzusehen? Meinte er damit eine Autofahrt im Mondschein? Einen Kuss? Oder sogar noch mehr?

Sara starrte ihr erhitztes Gesicht im Spiegel an.

Sie war noch nicht bereit für so etwas. Bevor sie Ben kennen gelernt hatte, war sie kaum mit Männern ausgegangen. Sie war gerade erst achtzehn Jahre gewesen, als sie ihn bei einem Amateurrodeo kennen lernte, an dem auch eine Freundin teilnahm. Ben hatte keinen Preis gewonnen, aber er war der bestaussehende Junge dort gewesen. Sara hatte eigentlich früh nach Hause gehen wollen, änderte aber ihre Meinung und ging mit einer Freundin und einigen Rodeoteilnehmern zum Abendessen in ein Restaurant, wo man auch tanzen konnte.

Ben war ein Jahr älter als sie und hatte bereits die Highschool abgeschlossen. Seine Eltern wollten, dass er auf das College ging, aber ihn trieb die Abenteuerlust. Er wäre gern ein professioneller Rodeo-Cowboy geworden, aber er spürte, dass er nicht gut genug war, um damit den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Als er von einer Firma den Job angeboten bekam, Rodeos zu beliefern, nahm er an. Er würde durch das ganze Land reisen, Bullen und wilde Pferde zu Rodeos bringen und die Tiere versorgen, solange sie bei ihm waren. Er würde Land und Leute kennen lernen und gutes Geld verdienen, erklärte er Sara.

Ben besuchte sie drei Mal in Oklahoma City, bevor er den Staat verließ und fuhr dann in Richtung Westküste. Zwei Wochen später schickte er ihr aus Los Angeles ein Flugzeugticket und machte ihr einen Heiratsantrag.

Sie hatte Ben geheiratet, ohne dass er um sie geworben hätte. Jetzt, sechzehn Jahre später, war sie vierunddreißig Jahre alt und kam sich wie ein naiver Teenager vor. Es tat ihr Leid, und sie war auch erleichtert, dass sie Julians Angebot abgelehnt hatte.

Sie ging ins Badezimmer und holte sich ein Glas Wasser und zwei Aspirin. Vielleicht würde es ihr danach besser gehen. Ihr Gesicht war nicht mehr so gerötet, aber jetzt sah sie auffällig blass aus.

Warum musstest du diesen Unfall haben, Ben Cate? dachte sie, als sie ein wenig Rouge auf ihre Wangen auftrug. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich weiß nicht, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen soll.

Als Ben ihr den Heiratsantrag machte, hatte ihre Mutter darauf bestanden, dass Sara wartete, bis sie den Highschool-Abschluss gemacht hatte. Aber ihre Pläne fürs College wurden begraben. Solange konnte Sara nicht warten. Ben könnte ja seine Meinung ändern, und sie war verliebt.

"Kleines, wie kannst du in einen Mann verliebt sein, den du kaum kennst?" fragte ihre Mutter.

Sie hatte zwar Recht, aber während Sara sich nie an das Wanderleben gewöhnen konnte, wandelte sich ihre Verliebtheit in eine tiefe Liebe für diesen gut aussehenden Cowboy. Und mit der Liebe kam die Angst. Sie sah, wie er jeden Tag sein Leben riskierte, weil er mit Tieren umgehen musste, die stark und gefährlich waren. Die Tiere hatten wilde Augen und einen Killerinstinkt. Aber Ben kümmerte sich nicht um Blutergüsse und Wunden, und selbst ein paar gebrochene Knochen schreckten ihn nicht ab. Das Leben eines Vagabunden gefiel ihm. Unter den Rodeo-Cowboys fühlte er sich wohl.

Als es für Barry Zeit wurde, zur Schule zu gehen, bat Sara Ben, sich eine andere Arbeit zu suchen. Irgendetwas. Lieber hätte sie akzeptiert, dass er die Straße fegte, als ihn am Ende verkrüppelt oder tot vor sich liegen zu sehen. Aber Ben schickte Barry zu seinen Eltern, damit er in Murray die Schule besuchen konnte, und reiste weiter. Das waren harte Zeiten für Sara. Sie weinte nachts wegen ihrem Sohn und machte Ben bittere Vorwürfe, weil er sie von ihrem Sohn trennte.

Eines Tages wurde Ben von einem Bullen schwer am Bein verletzt. Als bleibende Erinnerung an diese Begegnung behielt er ein hinkendes Bein zurück. Endlich war Ben bereit, nach Hause zu gehen. Das Geld, das sie gespart hatten, nahm er als Startkapital für eine Farm in der Nähe von Murray. Aber Ben war jetzt behindert und hatte es nicht leicht mit der Farmarbeit sogar das Fahren eines Traktors war schwierig.

Und es war auch der Traktor, der ihn schließlich tötete. Ben pflügte einen Hügel und musste die Kurve zu scharf genommen haben. Als sie ihn fanden, lag der Traktor auf der Seite – und Ben unter ihm.

Ben hatte die Farm zu einer Zeit gekauft, als die Preise für Öl und Land einen Höhepunkt erreicht hatten. Als der Ölpreis nachließ, fielen auch die Preise für das Land. Sehr sogar. Und der Preis für das Vieh ebenfalls. Nachdem Sara die Farm verkauft hatte und die Hypothek bezahlt war, hatte sie nicht mehr genug Geld besessen, um die anderen Schulden bezahlen zu können. Bea und Jim zahlten den Rest ab und luden Sara und die Kinder ein, bei ihnen zu leben.

Wann immer Sara in Selbstmitleid zu versinken drohte, erinnerte sie sich daran, wie glücklich sie und ihre Kinder sich schätzen konnten, Bea und Jim zu haben. Verdammt glücklich.

Ihre Gedanken wurden durch Geräusche, die aus der Küche kamen, unterbrochen, und seufzend ging Sara den Flur hinunter.

Sie gab sich große Mühe, normal zu wirken, als sie in die Küche kam. Aber Bea sah sie trotzdem mit einem eigenartig prüfendem Blick an.

Sara drehte den Wasserhahn zu stark auf, und das Wasser spritzte auf ihre Schürze. Sie drehte ihn wieder ein wenig zu und begann, die Teller abzuspülen.

"Ich frage mich, warum der Major und seine Frau sich scheiden ließen", fragte Bea.

"Manche Ehen funktionieren einfach nicht", erwiderte Sara und spürte, dass ihre Stimme eigenartig fremd klang.

"Viele Ehen werden zerstört", stellte Bea fest. "Und meistens trägt der Mann die Schuld."

"Ich weiß nicht, warum Julian Campbell geschieden ist, und du auch nicht", entgegnete Sara. "Und es ist auch nicht unsere Angelegenheit."

"Ich werde das Album, das ihr mir geschenkt habt, auf den kleinen Tisch legen", sagte Bea. "Und Bens Foto hänge ich über dem Bücherregal auf."

"Es ist nur ein verschwommener Schnappschuss, Bea. Das Bild würde nicht in das hübsche Wohnzimmer passen."

Aber es war Beas Wohnzimmer. Beas Küche. Beas Haus. Sara hatte in diesem Haus nicht mehr zu sagen als ihre beiden Kinder.

Immer noch sehnte sie sich danach, wonach sie sich bereits in den Jahren ihrer Wanderschaft mit Ben gesehnt hatte: nach Freunden und einem eigenem Heim. Und danach, endlich zum College gehen zu dürfen.

Mit einer Ausnahme waren alle Frauen in Murray verheiratet und lebten in eigenen Häusern. Manche hatte sie näher als andere kennen gelernt, aber die Tatsache, dass sie ein Single war, trennte sie von den anderen. Sie ging nicht zu kirchlichen Veranstaltungen, auf denen überwiegend Paare waren. Sie ging nicht zu Tanzabenden, die im Gemeindesaal stattfanden. Bei Schulveranstaltungen war sie die einzige Mutter ohne Ehemann.

Manchmal fragte sie sich, ob sie nicht lieber wieder mit dem alten Wohnwagenanhänger herumziehen sollte, statt in dem Haus einer anderen Frau zu leben und nur ein Gast in ihrer Küche zu sein – selbst wenn die Küche groß und gut eingerichtet war, und sie die Frau sehr gern hatte.

Was sie wollte, war ein Wohnmobil, nicht nur so einen Anhänger, den sie und Ben hinter ihrem Lastwagen hergezogen hatten, als sie von Rodeo zu Rodeo fuhren, sondern ein großes komfortables Wohnmobil, das sie im Eichenwäldchen hinter Jim und Beas Haus installieren könnte – mit Wasserund Elektrizitätsanschluss. Dann hätte sie ihr eigenes Heim, und ihre Kinder könnten trotzdem das Landleben und den täglichen Kontakt mit ihren geliebten Großeltern genießen.

Also akzeptierte Sara die Großzügigkeit ihrer Schwiegereltern und versuchte zu sparen. Sie lächelte die Gäste des B & J Cafés stets freundlich an, damit sie auch nicht das Trinkgeld vergaßen, und in ihrer Freizeit nähte sie Quilts, die sie durch ein Geschäft in Santa Fee verkaufen ließ. Sie flickte und änderte ihre gebrauchten Kleider, damit sie neue für die Kinder kaufen konnte. Bea bot ihr zwar immer wieder an, auch diese Ausgaben zu übernehmen, aber Sara wollte wenigstens einen Rest von Unabhängigkeit und Stolz wahren.

Über ihre Weiterbildung dachte Sara immer weniger nach. Sie hatte weder die Zeit noch das Geld dafür.

Bea und Jim versicherten ihr, dass sie sich über ihre Zukunft keine Sorgen machen müsste. Solange sie lebten, würden sie für alles aufkommen, und nach ihrem Tod würde ein treuhänderisch verwaltetes Vermögen dafür sorgen, dass Sara und die Kinder finanziell abgesichert waren.

Doch manchmal war es Sara leid, sich ständig dankbar fühlen zu müssen.

Wie heute Abend. Sie wollte nicht in Beas Küche sein. Sie hatte keine Lust gehabt, am Wochenende angeln zu gehen. Sie war vierunddreißig und nicht in der Lage, ein eigenes Leben zu führen.

Ihre Kinder fühlten sich hier wohl und waren glücklich, aber Sara war einsam und fühlte sich heimatlos. Und in dieser Stadt gab es keinen einzigen ledigen Mann, der altersmäßig zu ihr passen würde. Sie ging nie aus, hatte kein eigenes Zuhause, und war es leid, Jim und Bea ständig dankbar zu sein. Sie brauchte nur die gesunden Körper und die glücklichen Gesichter ihrer Kinder betrachten, und sie wusste, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war.

Sara stand am Spülbecken und sah durch das Fenster über das östliche Weideland hinweg bis zu Rachels Farm hinüber. Draußen im Hof brannte eine Lampe, eine Lichtinsel in der Dunkelheit. Sara konnte nicht erkennen, ob im Haus auch Licht brannte.

War er bereits schlafen gegangen? Dachte er an sie? Warum hatte sie seine Einladung nicht angenommen? War es denn so schlimm, wenn sie einen Abend mit einem netten Mann verbringen würde?

Und er war nett. Einfühlsam. Nicht so überheblich wie so viele Männer. Er hatte keine Angst, seine Gefühle zu zeigen.

Für einen Moment hatte sie geglaubt, dass er sie berühren würde. Nicht, dass sie gedacht hätte, er würde sie umarmen. Aber es hatte so ausgesehen, als ob er mit seiner Hand ihre Wange oder ihr Haar berühren wollte.

Das wäre schön gewesen.

Nur eine Berührung.

Ein Klirren riss sie abrupt aus ihren Träumen. Ein Teller war ihr aus der Hand geglitten und im Spülbecken zerschlagen – einer jener Teller, die zum Service gehörten, das nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wurde. Das Service, das Bea von ihrer Mutter geerbt hatte.

Bea rannte herbei, um sich den Schaden anzusehen.

"Oh, Bea, es tut mir Leid! Ich werde dir einen neuen kaufen."

"Dieses Muster wird seit Jahren nicht mehr hergestellt", erklärte Bea. "Himmel, Mädchen, du bist so fahrig, als wenn jemand hinter dir her wäre. Was hat der Mann nur draußen zu dir gesagt? Du bist ja nicht wiederzuerkennen!

"Er mag mich", gestand Sara. Sie spürte, wie ihr wieder die Röte ins Gesicht stieg. "Er will mich wiedersehen."

"Will er das?" sagte Bea und sammelte die Scherben ihres kostbaren Porzellantellers zusammen. "Er findet heraus, dass du die Witwe seines Freundes bist und macht dir in der nächsten Minute den Hof. Wenn du mich fragst, ist das geschmacklos."

"Ich habe dich nicht gefragt", erwiderte Sara und band ihre Schürze ab.

"Wonach hast du mich nicht gefragt?"

"Nach deiner Meinung. Ich habe lediglich deine Frage beantwortet. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich will nachsehen, wie meine Kinder mit den Hausaufgaben vorankommen."

 

Julian saß auf der Hintertreppe des Hauses und starrte über die Weide hinüber zum Cate-Haus. Billy, der Hund, hatte sich neben ihn gesetzt, und Julian kraulte ihm gedankenverloren den Kopf.

Nachdem Sara seine Einladung abgelehnt hatte, war sie schnell ins Haus gelaufen. Ich muss Bea beim Abwaschen helfen, hatte sie gesagt.

Das Licht in der Cate-Küche war längst ausgegangen, Aber hinter einem Fenster brannte noch Licht, und er fragte sich, ob das Saras Zimmer war.

Warum war er nur so taktlos gewesen? Warum hatte er sie eingeladen, obwohl er gerade erst herausgefunden hatte, dass Ben tot war?

Er fragte sich, ob morgen Abend wirklich ein Elternabend stattfand, oder ob sie nur eine höfliche Ausrede benutzt hatte. Selbst wenn sie zu einem Elternabend gehen müsste, hätten sie sich immer noch danach treffen können – wenn sie gewollt hätte.

Und was hätten sie dann gemacht? fragte sich Julian. Wohin gingen Erwachsene in Murray, wenn sie sich verabredet hatten.

Vielleicht konnte man sich irgendwo in Murray Videos ausleihen. Doch dann müssten sie sich den Film bei Jim und Bea ansehen, denn Tante Rachel hatte nie einen Videorekorder besessen.

Aber seine Überlegungen waren sowieso überflüssig, offensichtlich wollte Sara nicht mit ihm ausgehen.

Auch gut, dachte er. Sara war hübsch und ausgesprochen reizend, aber er wusste, dass eine Beziehung zu ihr nur möglich war, wenn er die ganze Cate-Familie mit einbezog. Und wie konnte er hoffen, mit Ben zu konkurrieren? Ben, den sie nach seinem Tod noch auf ein höheres Podest gestellt hatten?

Ihre Kinder waren offensichtlich nicht sehr beeindruckt von ihm. Sie halten mich sogar für einen Schwächling, dachte Julian. Und Sara denkt das wahrscheinlich auch. Vielleicht bin ich es ja auch.

Er überlegte, ob es in Murray irgendwo einen Kiosk gab, an dem man auch am Sonntag einen Sechser-Pack Bier kaufen könnte – wahrscheinlich nicht.

3. Kapitel

 

Am Montagmorgen fuhr Julian mit dem Anwalt nach Mangum zum Gerichtsgebäude. Die Angelegenheit war schnell geregelt. Er musste nur seine Geburtsurkunde und eine Bestätigung hinterlassen, dass er nach seinem Wissen der Neffe und einzige Erbe von Rachel Elizabeth Warren war. Nun brauchte er nur noch auf einen Anhörungstermin zu warten.

Nachdem sie noch beim Steinmetz vorbeigefahren waren, um einen Grabstein auszusuchen, war es bereits Mittag, als sie wieder in Murray eintrafen. Julian lehnte Mr. Masons Einladung zum Mittagessen im B & J Café ab. Er fürchtete, Sara könnte dort sein, und es wäre peinlich, sie nach dem gestrigen Abend wiederzusehen. Wieder machte er sich Vorwürfe, sich so taktlos verhalten zu haben. Und er fragte sich, ob es Sinn haben würde, sie noch einmal einzuladen. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn er wieder nach Murray zurückkommen würde. Vielleicht würde sie dann bereit sein, ihm eine Chance zu geben.

Julian hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis er nach Oklahoma City fahren musste, um von dort mit der Abendmaschine nach North-Carolina zu fliegen.

Er zog sich um, öffnete sich eine Dose Suppe und ging noch nach draußen, um ein wenig aufzuräumen. Er versuchte, die Farm mit den Augen eines potenziellen Käufers zu sehen, und war nicht gerade begeistert. Dieser Besitz war wirklich unscheinbar. Es gab noch nicht einmal eine Veranda vorm Haus oder eine Wetterfahne auf der Scheune. Die Felder sahen aus, als wenn sie seit Jahren nicht mehr gedüngt worden wären. Die Pekanbäume schienen unter Mehltau zu leiden und müssten gespritzt werden. Der Damm des kleinen Sees war von Wind und Wetter zerfressen, und man würde einen Bulldozer benötigen, um den Schaden wieder in Ordnung zu bringen. Julian hatte vorgehabt, die Farm in dem Zustand zu verkaufen, in dem sie war, aber der Grundstücksmakler hatte ihm davon abgeraten.

Er könnte jemanden einstellen, der für ihn die Arbeit erledigte, aber das würde teuer werden, und er hatte vor, von dem Erlös der Farm die Hypothek zu bezahlen und noch eine hübsche Summe als Notgroschen zurückzulegen.

Also würde er selbst Hand anlegen und einige Wochen mit Unkraut jäten, Bäume beschneiden, anstreichen und ausbessern verbringen müssen. Er würde die Küche mit neuem Linoleum auslegen, die Holztreppe an der Eingangstür erneuern und einige Fliegengitter neu einsetzen.

Julian wollte gerade zum Flughafen fahren, als Sara auf einem grauen Pferd die Einfahrt heraufgeritten kam. Er stellte den Motor ab und ging auf sie zu.

Sara stieg nicht ab. "Das mit dem Elternabend war gelogen", gestand sie. Ihr Pferd senkte den Kopf und begann, an dem Gras entlang der Auffahrt zu nibbeln. "Ich weiß nicht, warum ich das getan habe", fuhr Sara fort. "Ich nehme an, ich war ganz einfach verlegen. Sie waren der erste Mann, der mich seit vielen Jahren gefragt hat, ob ich mit ihm ausgehen will. Aber wenn Sie zurückkommen und dann noch einen Abend mit mir verbringen wollen, werde ich gern Ja sagen."

"Ich bin froh, dass Sie vorbeigekommen sind, um mir das zu sagen", gestand Julian und schattete die Augen mit einer Hand ab, als er zu ihr aufsah.

Ihr Haar war vom Wind zerzaust, ihre Haut gebräunt. Sie trug ausgeblichene Jeans und ein kariertes Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, und Cowboystiefel. Mit dem weiten blauen Himmel hinter sich sah sie aus, als wenn sie für frische Luft und Landleben werben würde.

"Nun, werden Sie es tun?" fragte sie und vertrieb mit der Hand einige Fliegen vom Hals ihres Pferdes.

"Was soll ich tun?" fragte er.

"Werden Sie mich noch einmal fragen?"

"Oh ja, das werde ich bestimmt."

Sie lächelte. "Dann Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug."

Er hätte sie gern berührt, und wenn es nur ihre Stiefelspitzen gewesen wären, aber er entschied sich für ein Winken. Sie zog das Pferd herum, gab ihm einen Klaps auf die Flanke und galoppierte davon. Und wie schnell! Er fragte sich, was Sara davon halten würde, wenn sie erfährt, dass er nicht reiten konnte.

 

Bea kam zur Scheune, als Sara absattelte. "War dein Ausritt angenehm?"

Sara nickte, während sie Hanks schweißnasse Flanken trocken rieb. Sie konnte durch den Tonfall ihrer Schwiegermutter voraussagen, wohin diese Frage führen würde.

"Ich sah dich zur Warren-Farm reiten", sagte Bea und steckte ihre Hände unter die Schürze.

"Ist das eine Frage oder eine Anschuldigung?" fragte Sara und ging zur anderen Seite des Pferdes hinüber.

Bea holte Luft. "Es tut mir Leid. Ich habe wohl etwas schroff geklungen. Ich fragte mich nur, warum du so etwas tust – einfach so dorthin zu reiten, zu einem Mann, den du kaum kennst."

"Ich ritt hin, weil ich ihm Auf Wiedersehen sagen wollte, und um ihm zu sagen, dass ich gern mit ihm ausgehen würde, wenn er wiederkommt."

"Bist du nicht zu alt für so ein Rendezvous?"

"Glaubst du das wirklich?" fragte Sara, während sie dem Pferd frisches Wasser gab. "Dass ich nie mehr in meinem Leben die Gesellschaft eines Mannes genießen soll?"

"Nein, das meinte ich nicht. Ich kann mir gut vorstellen, wie einsam du ohne Ben bist. Das ist nur normal. Du bist immer noch jung. Du hast eine Verantwortung zu tragen. Du musst sichergehen, dass der Mann, der dir gefällt, auch mit den Kindern zurechtkommt. Er muss gut zu dir und den Kindern sein."

"Willst du damit sagen, dass Julian es nicht wäre?"

"Das weiß ich nicht. Aber ich bin geschiedenen Männern gegenüber misstrauisch. Neun von Zehn sind Halunken. Und Julian Campbell mag weder unsere Stadt noch unseren Lebensstil. Er konnte es kaum erwarten, von hier fortzugehen und rannte bei der ersten Gelegenheit von seiner Tante weg. Rachel Warren war eine harte Frau, das gebe ich zu, aber sie hätte mehr verdient als nur einen Zettel auf dem Küchentisch zum Abschied. Barry und Mary Sue brauchen einen Mann, der das Landleben liebt und sie aufzieht, wie ihr Vater es getan hätte. Falls du so einen Mann nicht findest, solltest du besser mit deinen Erinnerungen leben."

Sara schüttete Hafer in Hanks Trog. Das Pferd zeigte seine Dankbarkeit und begann, zufrieden zu kauen. Dann schloss Sara die Stalltür, lehnte sich dagegen und sah ihre wartende Schwiegermutter an.

"Bea, wenn Ben nicht diese Verletzung am Bein erlitten hätte, wäre ich vielleicht nie nach Murray zurückgekommen. Er war ein richtiger Zigeuner geworden. Er liebte es, die Landstraßen entlangzufahren. Es gefiel ihm, mit Männern zusammen zu sein, die das Gleiche fühlten wie er. Er liebte seine Kinder, aber er war kein besonders guter Vater."

Bea wollte sie unterbrechen, aber Sara hielt die Hand hoch. "Ben trennte sich lieber von Barry, als sich endlich irgendwo niederzulassen. Deswegen hätte ich ihn beinahe verlassen. Verstehe mich jetzt nicht falsch. Ich liebte Ben Cate, und ich vermisse ihn immer noch jeden Tag meines Lebens. Aber Ben war nicht perfekt. Und manchmal denke ich, dass wir den Kindern keinen guten Dienst erweisen, wenn wir sie in dem Glauben lassen, dass er unfehlbar war. Er ist nicht der Heilige, zu dem du ihn gern machst."

Beas Mund war nur noch ein dünner Strich, als sie sich verärgert umdrehte und wieder ins Haus lief.

Sara ging zurück in den Stall und schmiegte ihr Gesicht an Hanks warmen Hals. "Ich wünschte mir so sehr, dass wir ein eigenes Haus hätten. Aber du bist ja auch Jims Pferd, nicht wahr? Ich habe kein Pferd und kein Haus. Ich habe nichts, was mir selber gehört. Außer diesen beiden Kindern, und manchmal wundere ich mich selbst über sie."

Aber Sara begann, sich bereits ein wenig schuldig zu fühlen. Wo würden sie und die Kinder sein, wenn sie Bea und Jim nicht gehabt hätten? Ihre Schwiegereltern hatten gewollt, dass sie und die Kinder für immer bei ihnen wohnten. Und die Kinder wollten das auch.

Jeder ist glücklich. Nur ich nicht, dachte Sara. Aber wenn sie ihr Leben änderte, würde sie andere unglücklich machen. Und das könnte sie auch nicht ertragen.

In der Küche wusch Sara ihre Hände und begann, die Zutaten für den Salat zuzubereiten. Es waren die gleichen Zutaten wie jede Nacht – Eisbergsalat, Tomaten, Karotten und Sellerie. Das Dressing war immer French. Aber wenn Sara einkaufen ging und einmal einen Blattsalat oder Feldsalat mitbrachte, aß ihn keiner. Wenn sie darauf bestand, das Hähnchen in den Backofen zu schieben, statt die Teile in der Pfanne zu braten, behaupteten die Kinder, dass ihnen Grandmas Art besser gefiel. Und so war es ihr mit vielen anderen Dingen ergangen.

Nun tat sie nur noch das, was Bea ihr auftrug. Auf diese Weise war es einfacher für sie. Die Küche war Beas Domäne, und Sara war hier nur ein Gast. Normalerweise dachte sie nicht viel darüber nach. Aber heute schrappte sie die Möhren und den Sellerie kraftvoller als gewöhnlich. Bea blickte immer wieder zu ihr hinüber und schien über den Lärm, den sie verursachte, verärgert zu sein.

Jim und die Kinder schienen die Spannung zwischen den beiden Frauen nicht zu beachten und lachten und erzählten während des Abendessens munter drauflos. Jim sagte, dass ganz bestimmt niemand einen besseren Braten machte als Bea. Das sagte er immer. Und wahrscheinlich stimmte es auch. Aber Sara aß nichts davon. Sie aß auch nichts von Beas Pfirsichstrudel. Vermutlich tat sie es aus Protest, denn sie liebte warmen Pfirsichstrudel mit Eiskrem.

 

Die Fahrt von Murray nach Oklahoma City war angenehm. Das Land war von sanften Hügeln gekennzeichnet und von Flüssen durchzogen, an deren Ufern Eichen und Ulmen standen. Überwiegend war es Weideland, aber hin und wieder wiegte sich Weizen im Wind.

Der Himmel war hier blauer, der Sonnenuntergang beeindruckender, die Luft frischer. Aber Julian hatte nie verstanden, warum Menschen freiwillig Farmer wurden und ein Leben wählten, das sie zu harter Arbeit und Zurückgezogenheit zwang. Er zog das geregelte Leben einer Militärbasis mit seinen weißgestrichenen Randsteinen, den gepflegten Rasen und der Flagge, die jeden Abend genau um fünf Uhr eingezogen wurde, entschieden vor. Dort hing das Leben nicht von den Launen der Natur ab. Das Gehalt war verhältnismäßig gut, und es kam pünktlich jeden Monat. Und wenn er pensioniert würde, hätte er ein gesichertes Einkommen. Die meisten Leute, die auf dem Land blieben, endeten wie Rachel – zu alt, um Dinge noch reparieren und auf dem Feld arbeiten zu können, und zu arm, um sich eine Hilfe zu leisten. Also lebten sie die letzten Jahre ihres Lebens auf einem heruntergekommenen Besitz und hatten nur eine Horde von Tieren als Gesellschaft.

Die Tiere erinnerten ihn wieder an die Kinder. Julian fragte sich, was wohl die Kinder sagen würden, wenn er sich bei seiner nächsten Wiederkehr mit ihrer Mutter verabredete. Er wusste bereits, dass es Bea nicht gefallen wird. Ein geschiedener Mann war nicht gut genug für Bens Witwe.

Das Bild von Sara, wie sie vom Pferd auf ihn herunterblickte, würde Julian so bald nicht vergessen können. Werden Sie mich noch einmal fragen? hörte er ihre Stimme. Und ob er sie noch einmal einladen würde! Es würde schwer für ihn sein, überhaupt noch an etwas anderes zu denken.

Er fand Sara reizend, charmant, ehrlich und begehrenswert. Aber sie war an Murray gebunden und an Bea und Jim Cate, und zwar so unwiderruflich, als wenn ein Richter sie dazu verurteilt hätte.

Hatte es überhaupt einen Sinn, solch einer Frau den Hof zu machen? Nicht, dass er daran dachte, bereits einen Verlobungsring zu besorgen. Seine endgültige Scheidung war ja noch nicht einmal ausgesprochen, obwohl es nur noch eine Frage der Zeit war. Aber ein Rendezvous konnte ein erster vorsichtiger Schritt sein. Entweder würden sie sich für immer Lebewohl sagen, oder es würde der Beginn einer Beziehung sein, die sogar in die Ehe führen könnte. Andererseits sollte sich ein ehemaliger Landjunge, der bereits den Gedanken hasste, jemals wieder in einer ländlichen Gemeinde zu leben, davor hüten, sich ausgerechnet in ein Mädchen vom Land zu verlieben.

Julian würde nie wieder nach Murray zurückziehen, so viel stand fest. Doch es fiel ihm schwer, sich Sara mit den beiden Kindern als Frau eines Berufssoldaten vorzustellen. Soldatenfamilien schlugen nirgendwo Wurzeln. Sie sahen den Rest der Familien nur unregelmäßig. Sie hielten keine Hühner, und ihr Zuhause war dort, wo die Armee sie und ihre Möbel hinschickte. In Julians Fall könnte das an jedem beliebigen Ort sein, an dem sich ein Militärkrankenhaus befand – und die gab es überall auf der ganzen Welt.

Julian liebte die Armee. Die Karriere bei der Armee hatte ihm die Sicherheit und die Würde gegeben, die er nach einer entbehrungsreichen Kindheit so dringend gebraucht hatte. Aber er empfand weit mehr als Dankbarkeit und Verpflichtung. Julian trug seine Uniform mit Stolz, und die Arbeit eines Krankenhausdirektors machte ihm Spaß.

Als das Flugzeug schließlich gelandet war und er nach einer endlos scheinenden Heimfahrt den Schlüssel in das Schloss seiner Apartmenttür steckte, war es bereits spät in der Nacht. Der Anschlussflug in St. Louis hatte Verspätung gehabt. Er stellte den Koffer ab und sah seine spartanisch eingerichtete Wohnung mit neuen Augen. Rachels Haus war bescheiden, aber trotzdem strahlte es eine gewisse Gemütlichkeit aus, die in dieser Junggesellenwohnung mit den nackten Wänden und den wuchtigen Möbeln völlig fehlte.

Seine Wohnung lag in einem eleganten Wohnhaus, dass im Jahre neunzehnhundertdreißig erbaut worden war. Es hatte hohe Decken, einen Kamin und schöne Holzböden. Aber die Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten. Die Fußschritte hallten auf den nackten Holzdielen wider, und das Licht kam nur von den Lampen an den Decken.

Seine Frau hatte die meisten Möbel und Dekorationsstücke für sich behalten, als sie sich zur Scheidung entschlossen hatten. Sie hatte das Mobiliar ausgesucht, und irgendwie hatte er die Sachen immer als ihren Besitz betrachtet.

Jetzt hatte er noch nicht einmal ein Sofa, nur ein paar Sessel und einige Beistelltische. Auf einem stand der Fernseher, auf dem anderen das Telefon. Warum lebe ich seit über einem Jahr so, fragte sich Julian auf einmal. Hatte er es einfach nicht bemerkt, oder hatte er sich selbst dafür bestraft, dass seine Ehe nicht funktioniert hatte?

Morgen, schwor er sich, würde er sich ein Sofa, ein paar Lampen und einen Teppich kaufen. Und ein Bild, das er über das Sofa hängen würde.

Nein, nicht morgen. Morgen würde ein arbeitsreicher Tag sein. Er müsste wahrscheinlich bis zum Wochenende warten, aber dann würde er einkaufen gehen. Sein Bett war sehr schmal, vielleicht würde er auch das neu kaufen. Und plötzlich konnte er das Wochenende kaum erwarten. Er würde sein leeres Apartment in ein Heim verwandeln. Er würde wieder neu zu leben beginnen.

Was hat dich so verändert, alter Junge, fragte er sich. Hatte der Besuch in seinem alten Dorf ihn so verändert? Nein! Eine hübsche junge Frau mit glänzendem Haar und einem wundervollen Mund hatte diese neuen Gefühle in ihm erweckt.

Und er würde sie wiedersehen!

Selbst wenn sich aus ihrem Rendezvous nichts weiter ergeben würde, so hatte doch ihr Lächeln etwas Wunderbares bewirkt. Sara hatte ihn wieder daran erinnert, dass das Leben mehr als nur Routine war. Das Leben war da, um es in vollen Zügen zu genießen.

 

Sommerzeit in Murray bedeutete auch Softball und Basketballzeit. Softball für die Mädchen, Frauen und Männer. Basketball für die Jungen.

Eltern, Großeltern, Nachbarn und interessierte Einwohner Murrays brachten ihre Campingstühle und Kühltaschen mit und feuerten ihr Lieblingsteam an.

Sara sah den Spielen gern zu. Sie saß dann neben Bea und Jim zwischen den anderen Eltern und Zuschauern und nippte genüsslich an einem Eistee.

Ich könnte meine Kinder nie aus dieser Umgebung herausreißen, dachte sie, während sie sich in ihren Campingstuhl zurücklehnte und die Kühle der Abendstunden nach einem heißen Tag genoss.

Ben sollte hier sein, dachte Sara. Er sollte zusehen können, wie seine Kinder wuchsen und sich veränderten. Er sollte sehen können, wie sehr seine Eltern seine Kinder liebten. Er sollte diese Einsamkeit, die sich in ihrem Herzen breit gemacht hatte, von ihr fern halten.

Aber wenigstens hatte Ben sie zurück nach Murray gebracht, an den Platz, wo seine Familie hinzugehören schien. Und deswegen wuchsen seine Kinder sicher und gesund auf, verbrachten ihre Sommer mit Angeln, Ballspielen Reiten und Fahrradfahren. Außerdem konnte ihnen nicht viel zustoßen, denn jeder im Ort hielt ein wachsames Auge auf die Kinder der anderen.

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, sagte sich Sara. Sie könnte genauso gut in irgendeinem heruntergekommenen Apartment in einer schlechten Wohngegend leben und versuchen, zwei Jobs am Tage auszufüllen, damit das Geld reichte. Ihre Kinder würde sie dann nur sehen, wenn sie sie abends zu Bett brachte.

Keine eigene Küche zu haben, war ein geringer Preis, den sie für das Glück und die Sicherheit ihrer Kinder bezahlen musste. Das traf zu, bevor Major Julian Campbell gekommen war. Und das traf immer noch zu.

Auf eine Art wünschte sich Sara, dass sie Julian nie kennen gelernt hätte. Dann würde sie jetzt nicht zwischen Leuten sitzen, die sie liebten und sich trotzdem einsam fühlen.

Sara war jedoch klug genug, um zu wissen, dass es nicht der Mann allein war, nachdem sie sich so sehnte. Julian Campbell schien zwar nett zu sein, aber sie kannte ihn eigentlich gar nicht gut. Er könnte egoistisch oder unehrlich sein. Vielleicht hatte er auch nicht das geringste Interesse am Ballspielen von Kindern.

Aber Julian hatte sie auf eine besondere Art und Weise angeschaut und ihr das Gefühl gegeben, lebendig und begehrt zu sein. Sie fühlte sich wieder einsam in ihrem Bett, obwohl sie sich schon daran gewöhnt zu haben schien, allein zu schlafen. Sie hatte wieder Sehnsucht danach, mit jemandem über alles reden und mit ihm lachen zu können. Wieder einmal zu küssen. Einmal wieder unbeschwert sein zu können und nicht immer die ernste, pflichtbewusste Mutter sein zu müssen.

Sie wollte noch einmal lieben, solange sie noch jung war. Und sie sehnte sich nach einer Liebe, die ewig halten sollte.

Dummes Ding, schalt sie sich. Warum wünschst du dir denn nicht gleich eine Million Dollar dazu?

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