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Bianca Exklusiv Band 0088

Bethany Campbell

Hochzeit in Las Vegas

l. KAPITEL

Der Mann, der hinter die Bühne gekommen war, erschien Nikki sehr merkwürdig. Er erinnerte sie an einen mürrischen, verhutzelten Zwerg, der sich wie ein Geschäftsmann aus Manhattan kleidete. Trotz seiner geringen Größe strahlte er Überheblichkeit aus.

Normalerweise hätte Nikki niemanden in ihre Garderobe gelassen. Doch Evelyn, der der Nachtclub zum Teil gehörte, hatte ihn höchstpersönlich zu Nikki geleitet. Ihr Gesichtsausdruck wirkte allerdings besorgt.

Mit dünner, krächzender Stimme erklärte der Mann, dass er Laslow Roach heiße und Rechtsanwalt sei. Nikki saß immer noch in Kostüm und Bühnen-Make-up an ihrem Schminktisch. Ohne zu fragen, setzte Roach sich auf den einzigen anderen Stuhl im Raum. Obwohl er sich lediglich auf die vordere Kante setzte, berührten die polierten Spitzen seiner teuren Schuhe kaum den Boden.

Gebieterisch befahl er Evelyn, die Garderobe zu verlassen, damit er in Ruhe mit Nikki sprechen könne. Zu Nikkis Überraschung gehorchte Evelyn. Nikki war verwirrt. Doch in drei Punkten war sie sich in Bezug auf den kleinen Mann sicher. Er war reich, humorlos, und was immer er auch über sie, Nikki, dachte, er irrte sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Nikki war eine junge Frau mit Geheimnissen, und diese bewahrte sie gut.

Sie fragte sich jedoch, was ein Rechtsanwalt wohl von ihr wollen könnte. Evelyn hätte den Mann nicht hinter die Bühne gelassen, wenn sie ihn nicht für absolut anständig gehalten hätte. Die ältere Frau hatte versprochen, auf Nikki aufzupassen.

Laslow Roach mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein. Er war kleiner und schlanker als Nikki und wirkte dennoch irgendwie bedrohlich. Seinen teuren Kaschmirmantel zog er nicht aus, obwohl ihm in der kleinen, voll gestopften Garderobe sehr warm sein musste. Seine Augen wirkten kalt, als er Nikki ansah.

Und seine Stimme klang ebenfalls kalt. “Ich habe ein Angebot für Sie. Völlig legal. Ich kann Ihnen Ihren größten Traum verwirklichen. Im Ernst. Ihren größten Traum.”

Nikki lächelte Roach kühl an und schüttelte den Kopf. Was immer er auch von ihr wollte, er hätte es nicht dümmer anstellen können. Nikki Travis hatte schon zu oft mit angesehen, was große Träume aus Menschen machen können. Ihre Träume waren ganz bescheiden, und so sollte es auch bleiben.

Jahrelang hatten sie und ihre Tante Rhonda sich ihren Lebensunterhalt in den weniger angesehenen Etablissements des Show-Business verdient. Nikki kannte nur dieses Leben. Rhonda hatte es geliebt. Nikki dagegen hatte dieses Leben nie gefallen.

Rhonda hatte stets davon geträumt, jemand Besonderes zu sein. Nikkis einziges Ziel dagegen war es, niemand zu sein außer sie selbst, ein ganz normaler Mensch. Ihr derzeitiges Leben war alles andere als normal. An sechs Abenden in der Woche verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt damit, reiche und berühmte Persönlichkeiten darzustellen.

Wie Rhonda früher arbeitete Nikki als professionelle Imitatorin in Evelyns Nachtclub in Greenwich Village, einem Stadtteil von New York. Nach Rhondas Tod hatte Evelyn es sich zur Aufgabe gemacht, Nikki zu beschützen.

Der Mann betrachtete sie weiter mit diesem beunruhigenden, kühlen Blick. “Ich will, dass Sie nach Las Vegas gehen, sich dort als Caressa ausgeben und heiraten.”

Er zuckte nicht mit der Wimper, als er sein Angebot unterbreitete. Dann nahm er eine kleine goldene Schachtel aus seiner Manteltasche und reichte Nikki seine Visitenkarte. Nikki war viel zu verblüfft, um mehr als nur einen kurzen Blick darauf zu werfen.

“Wie bitte?”, fragte sie erstaunt.

“Ich bin Caressas Anwalt”, erklärte er.

Nikki lachte nur. Wenn sie sich bedroht fühlte, dann gab sie sich oft zurückhaltend und schnippisch. So auch jetzt. “Das ist lächerlich”, sagte sie. “Das haben Sie bloß erfunden.”

In Roachs welkem Gesicht war nicht die Spur eines Lächelns zu sehen. “Nein, es ist die Wahrheit. Es ist eine Frage der Sicherheit. Caressas Sicherheitsleute wollen, dass Sie nach Las Vegas gehen, sich als Caressa ausgeben und heiraten.”

“Heiraten?” Nikki lachte wieder. “Ich soll mich als Caressa ausgeben und heiraten? Was ist denn los? Verdient sie so viel Geld, dass sie sich nicht einmal die Zeit nehmen kann, selbst vor den Traualtar zu treten?”

Natürlich konnte Nikki sich als Caressa ausgeben. Wehmütig betrachtete sie sich im Spiegel. Sie sah dem Star wirklich sehr ähnlich, aber nur, weil das ihr Beruf war.

Nikki trug immer noch ihr Caressa-Kostüm und das dazugehörende sorgfältige Make-up. Ihr Haar fiel in leichten Wellen offen über ihren Rücken. Diese Frisur hatte Caressa berühmt gemacht. Auf ihrem figurbetonten Kleid glitzerten über zweitausend silberne Pailletten. Nikki wusste das genau, denn sie hatte jedes der verdammten Dinger selbst aufgenäht.

“Sie sollen natürlich nicht wirklich heiraten”, bemerkte Roach ungeduldig. “Caressa hat die besten Sicherheitsleute der Welt, und die haben sich das sorgfältig ausgedacht. Sie geben lediglich vor zu heiraten und locken damit die Presse von Caressa selbst weg. Sie sind ein Lockvogel.”

Ein Lockvogel, dachte Nikki schalkhaft. Sie stellte sich eine Holzente vor, die zwischen dem Schilfrohr schwamm. “Und wen soll ich zum Schein heiraten? Gavin Chandler, wie in den Klatschspalten der Presse zu lesen ist?”

“Genau”, antwortete der Anwalt ernst.

Nikki lachte wieder. Der Filmstar Gavin Chandler war ebenso berühmt wie Caressa. Er war ein australischer Schauspieler mit blauen Augen, der sich in den Vereinigten Staaten sehr schnell zu einem Star gemausert hatte. Eine Zeitschrift hatte ihn sofort zum begehrenswertesten Mann der Welt ernannt.

“Aha”, bemerkte Nikki ironisch. “Ich heirate Gavin Chandler.”

Sie schüttelte den Kopf. Obwohl Roach den Anschein machte, als wäre er völlig beherrscht und normal, klangen seine Worte durch und durch verrückt.

“Nicht Gavin Chandler”, sagte er gereizt. “Den heiratet Caressa. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Weit weg von Vegas. Ihr Job ist es, mit jemandem gesehen zu werden, den man für Chandler halten kann. So zu tun, als wären Sie verliebt. Sie bestellen das Aufgebot und veranstalten eine Trauungszeremonie. Damit lenken Sie die Aufmerksamkeit von Caressa und Chandler ab.”

Nikki lächelte den Anwalt kühl an. “Chandler ist der Adonis schlechthin. Niemand könnte als Chandler durchgehen.”

Roach verzog keine Miene. “Der Mann, den wir beauftragt haben, hat es bereits getan. Und er kann es wieder tun – zumindest von Weitem. Er ist Chandlers Double, ein Stuntman.”

“Ein Stuntman”, wiederholte Nikki und verdrehte spöttisch die Augen. “Das wird ja immer besser.”

Roach ging auf ihren Scherz nicht ein. “Es ist ganz einfach. Sie zwei sind die Lockvögel. Sie lenken die Presse von Caressa und Chandler ab, lassen die Leute jedoch nicht nahe an sich heran. Spielen Sie verstecken mit den Aasgeiern von der Presse. Und zwar am Thanksgiving-Wochenende, während Caressa und Chandler heiraten. All Ihre Kosten werden übernommen, Sie werden wie eine Königin leben. Und wir zahlen Ihnen eine Gage von zehntausend Dollar für Ihren Auftritt.”

Das Lächeln auf Nikkis Gesicht verschwand blitzartig. Hatte er wirklich zehntausend Dollar gesagt? Nikki bekam ein flaues Gefühl im Magen. Sie nahm die Visitenkarte und betrachtete sie. Die Worte tanzten vor ihren Augen.

“Jetzt hat es Ihnen wohl die Sprache verschlagen, was?”, fragte Roach fast boshaft. “Das Geld ändert alles, richtig?”

“Vielleicht tut es das”, sagte Nikki ruhiger, als sie eigentlich war. “Vielleicht aber auch nicht.” Sie nahm die glitzernden Ohrringe ab.

“Ich habe Ihrer Managerin alles erklärt”, verkündete Roach. “Sie hat eingesehen, dass die Sache völlig legal ist und ist damit einverstanden.”

Nikkis Herz klopfte heftig. Zehntausend Dollar würden ihr die Tür zu einem völlig neuen Leben öffnen.

Zehntausend Dollar … Das war ein Vermögen, doch Caressa konnte es sich leisten. Caressa kassierte Millionenbeträge als Gage.

Auf der Hälfte der Zeitschriften am Zeitungskiosk war Caressas Gesicht abgebildet. Die Boulevardpresse berichtete ständig über sie und konnte dennoch nicht genug von ihr bekommen. Caressa war die erste blonde Göttin seit Marilyn Monroe.

“Caressa hat Sie selbst ausgewählt”, sagte Roach. “Nach Fotos. Dieser Job wird Ihrer Karriere weiterhelfen. Sie sollten sich geehrt fühlen.”

Nikki bürstete die Locken aus ihrem Haar, bis es wieder natürlich glatt über ihre Schultern fiel. “Ich habe nicht die Absicht, in diesem Metier Karriere zu machen”, entgegnete sie und band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie war blond und hatte blaue Augen, genau wie Caressa. Aber ohne das Make-up und das Kostüm war die Ähnlichkeit nicht mehr sehr groß. Nikki hatte eher hübsche, nahezu feine Gesichtszüge im Vergleich zu Caressas atemberaubender Schönheit.

Drei Jahre lang, seit ihrem achtzehnten Geburtstag und Rhondas Tod, hatte Nikki als Imitatorin in diesem Nachtclub mit dem Namen “Mirages”‘ gearbeitet. Der Job gefiel ihr nicht, aber sie war froh, dass Evelyn ihr diese Chance gegeben hatte. Die Arbeit wurde besser bezahlt als jede andere, die Nikki hätte finden können. Und Nikki sparte eifrig. Sie hatte Pläne.

“Ich bitte Sie nur, mir weniger als eine Woche Ihrer kostbaren Zeit zu opfern”, bemerkte Roach. “Denken Sie darüber nach. Wie lange würden Sie wohl brauchen, um mit Ihrem Job in dieser Bruchbude hier zehntausend Dollar zu verdienen?”

Nikki zuckte gleichgültig die Schultern. Das Geld war verlockend, doch sie war sich nicht sicher, ob sie die Menschen wirklich ernsthaft täuschen wollte.

“Glauben Sie”, erwiderte sie gespielt gleichmütig, “es ist ein Vergnügen, eine andere Person zu imitieren? Besonders Caressa ist sehr schwer zu imitieren. Auf der Bühne kann ich das tun. Dort weiß das Publikum, dass alles nur Illusion ist. Aber im wirklichen Leben? Rund um die Uhr? Sie wissen nicht, was Sie da von mir verlangen.”

Roach schnaubte ungeduldig. “Das ist ein Bombenangebot. Sie fliegen in Caressas Privatflugzeug nach Las Vegas. Sie dürfen ihre Pelzmäntel tragen und sogar Duplikate ihrer Schmuckstücke.”

“Toll”, sagte Nikki und streifte die billigen Armbänder ab. “Duplikate ihrer Schmuckstücke. Einfach toll. Ich schätze, jemandem wie mir kann man die echten Stücke wohl nicht anvertrauen.”

Roach warf ihr einen bösen Blick zu. “Jetzt werden Sie nicht schnippisch. Selbst Caressa trägt nicht die echten Stücke. Die sind viel zu kostbar und deshalb in einem Tresor verschlossen.”

“Wie die Reichen doch leiden müssen”, höhnte Nikki. Sie drehte sich zum Spiegel und legte sich ein Handtuch um die Schultern. Dann trug sie Reinigungsmilch auf ihr Gesicht auf, um das Make-up zu entfernen. Sie hätte sich auch liebend gern umgezogen, aber solange Roach da war, war das leider nicht möglich.

Nikki beschloss, die falschen Wimpern nicht abzunehmen. Sie mochte es nicht, wenn jemand sie völlig ohne Make-up sah.

“Ja, die Reichen und Berühmten leiden wirklich”, stimmte Roach zu. “Sie leiden, weil sie kaum ein Privatleben haben. Caressa möchte heiraten. Und sie will nicht, dass diese Hochzeit zu einem Medienzirkus ausartet.”

So wie ihre Letzte, dachte Nikki, sprach es aber nicht aus.

Roach rutschte weiter auf die Kante des Stuhls. “Eine Hochzeit ist etwas Heiliges”, sagte er beschwörend. “Die Medien werden versuchen, diesen sehr persönlichen und sehr privaten Augenblick in Caressas Leben auszubeuten. Aber Caressa ist ein Mensch wie Sie und ich. Sie möchte im Haus ihrer Eltern getraut werden, nur im Kreise der Familie. An Thanksgiving. Die Presse muss von ihr abgelenkt werden. Ich biete Ihnen die Chance, einem anderen Menschen zu helfen und dabei zehntausend Dollar zu verdienen.”

Nikki machte absichtlich ein ausdrucksloses Gesicht. Soll ich es tun? überlegte sie. Kann ich es überhaupt tun?

“Zehntausend Dollar sind eine Riesensumme”, bemerkte Roach verärgert. “Und was ist schon Thanksgiving? Sie haben keine Familie. Das weiß ich. Ich habe Ihre Managerin gefragt. Sie werden also kein Essen im Haus Ihrer Großmutter im Kreise all Ihrer Lieben verpassen.”

Nikki umklammerte das Papiertuch fester. “Was sagten Sie gerade über meine Familie?”, fragte sie gepresst.

“Dass Sie keine haben.”

Nikki schluckte und entfernte den Rest Make-up um ihre Augen. Mit den langen künstlichen Wimpern wirkten ihre Augen in ihrem mit einigen Sommersprossen bedeckten Gesicht irgendwie fehl am Platz. Bei näherem Hinsehen schien sie viel zu jung, um als Caressa durchzugehen.

Sie war ja auch erst einundzwanzig, also ganze dreizehn Jahre jünger als Caressa.

“Sie haben niemanden”, sagte Roach mit brutaler Offenheit. Er sah sich in der schäbigen Garderobe um. “Nicht viel, für das Sie dankbar sein können, wenn Sie mich fragen.”

“Ich habe Sie nicht gefragt.” Nervös nahm sie das Gesichtswasser, um damit den letzten Rest der Reinigungsmilch zu entfernen.

“Warum sollten Sie also ablehnen?”, bohrte Roach nach. “Sie werden sicher nie wieder so ein Thanksgiving erleben. Es geht hier um die Penthouse-Suite des Xanadu-Hotels, der absolute Luxus. Sie sollten mich dafür bezahlen, dass Sie diesen Job bekommen, nicht umgekehrt.”

Nikki warf die benutzten Kosmetiktücher in den Abfallkorb. Je länger sie über das Angebot des Anwalts nachdachte, desto mehr zermürbte es sie.

“Ich weiß nicht”, antwortete sie. “Ich kann in der Zeit hier nicht arbeiten und verliere das Gehalt. Ich könnte sogar meinen Job verlieren. Evelyn ist nicht die alleinige Eigentümerin.”

“Ich habe mit Evelyn gesprochen”, warf Roach ein und steckte ein Zigarillo in den Mund. “Ich garantiere dafür, dass Sie Ihren Job nicht verlieren werden. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass Sie keinen Cent verlieren. Caressa ist eine mächtige Frau, und daher kann ich Ihnen diese Zusagen machen. Außerdem können Sie sich aussuchen, wo Sie arbeiten wollen, wenn alles vorbei ist.”

“Es könnte gefährlich sein”, bemerkte sie ernst. “Einige von Caressas Fans sind geradezu rabiat. Ich weiß, dass sie Drohbriefe bekommt. Es gibt einige eifersüchtige Leute, die versuchen werden, ihre Heirat mit Chandler zu verhindern.”

Roach winkte ungeduldig ab, als wollte er eine lästige Fliege verjagen. “Alle berühmten Persönlichkeiten bekommen Drohbriefe. Sie werden nicht in Gefahr sein. Man wird alle nur erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen treffen. Sie werden den besten Schutz haben, den es gibt.”

“Nein”, erwiderte Nikki nüchtern. “Ich werde den zweitbesten Schutz haben. Den besten wird Caressa haben. Bei Hochzeiten von Stars zeigen sich die Menschen oft von ihrer schlimmsten Seite.”

“Genau deshalb brauchen wir Sie ja”, sagte Roach besänftigend. “Sie sind nervös, richtig? Geld ist ein gutes Mittel gegen Nervosität. Ich biete Ihnen zwölftausend Dollar. Aber das ist mein letztes und endgültiges Angebot. Mehr gibt es nicht.”

Zwölftausend, dachte Nikki. Ihr Puls raste. Das war eine unglaublich hohe Summe.

Was hatte sie eigentlich von irgendeinem verrückten Fan von Caressa oder Chandler zu befürchten? Sie konnte gut auf sich selbst aufpassen.

Und Roach hatte recht. Um Caressa zu imitieren, brauchte sie Sicherheitsleute um sich herum, um die Scharade glaubhafter zu machen. Es war ein kleines Risiko und eine riesige Belohnung. Mit dem Geld konnte sie ein neues, ein besseres Leben anfangen.

Sie schluckte. Dann schaute sie in den Spiegel und erwiderte den Blick aus Roachs funkelnden Augen. “Zwölftausend”, stimmte sie in geschäftsmäßigem Ton zu. Dabei klopfte ihr Herz wild.

Roach verzog keine Miene. Er griff in die Innentasche seines Mantels. “Ich habe hier eine Vereinbarung”, erklärte er. “Ich setze den Betrag ein, und Sie unterschreiben. Ich brauche ja wohl nicht zu betonen, dass Vertraulichkeit bei dieser Sache besonders wichtig ist. Sie dürfen niemandem gegenüber ein Wort darüber verlieren. Oder der Vertrag wird null und nichtig.”

Beim Anblick des Kleingedruckten in dem Vertrag wurde Nikki blass. “Ich werde jetzt überhaupt nichts unterschreiben. Nicht ohne den Vertrag genau gelesen zu haben.”

Roach schaute sie finster an. “Okay, lesen Sie ihn. Ich warte.”

Sie zögerte. “Nein”, sagte sie schließlich mit überraschend fester Stimme. “Ich fühle mich bedrängt, wenn Sie mir über die Schulter sehen. Verträge sind eine schwierige Angelegenheit. Ich will jedes Wort verstehen. Und ich will, dass auch Evelyn den Vertrag durchliest.”

Er zuckte irritiert die Schultern. “Schon gut. Nehmen Sie ihn mit nach Hause. Aber denken Sie daran, der Inhalt ist streng vertraulich. Wenn etwas zur Presse durchsickert, dann wird das Folgen haben. Sie werden dafür bezahlen. Sie beide. Glauben Sie mir, Caressa hat die Macht, Sie dafür büßen zu lassen.”

“Sie müssen uns nicht drohen”, erwiderte Nikki und lächelte kühl. “Wir sind harmlos.”

“Sie haben bis morgen Mittag Zeit”, erklärte Roach. “Kennen Sie das Schnellrestaurant gleich um die Ecke von der Radio City Music Hall?”

Nikki nickte.

“Warten Sie vor dem Restaurant. Ich werde Sie dort abholen.” Er faltete den Vertrag auseinander, nahm seinen Füllfederhalter und setzte den Betrag ein.

Zwölftausend Dollar, dachte Nikki benommen. Er reichte ihr den Schlüssel zu der Zukunft, die sie sich erträumt hatte. Trotz ihrer bösen Vorahnung fühlte sie sich wie verzaubert und sah alles in einem rosigen Licht. Zwölftausend Dollar.

Roach stand auf, ging hinüber zu Nikki und legte den Vertrag vor ihr auf den Schminktisch.

“Sie wären verrückt, wenn Sie nicht unterschreiben”, zischte er.

Benommen sah sie auf den Vertrag, ohne ihn wirklich zu sehen. Zwölftausend Dollar. Ein Vermögen, dachte sie.

Ihr Magen krampfte sich nervös zusammen. Doch sie verbarg ihre wahren Gefühle. “Zu schade”, meinte sie spöttisch, “es ist ja alles nur zum Schein.”

2. KAPITEL

Es hatte angefangen zu schneien. Nikki stand frierend vor dem Schnellrestaurant in der Nähe der Radio City Music Hall und wartete auf Roach. Sie hatte sich extra so geschminkt, dass sie einige Jahre älter wirkte. Trotz des grauverhangenen Himmels trug sie eine Sonnenbrille, damit Roach die Nervosität in ihren Augen nicht sehen konnte.

Roach fuhr Punkt zwölf Uhr in einer grauen Limousine vor. Der Chauffeur sprang heraus und hielt Nikki die Tür auf.

Nikki zögerte. Roach nickte ihr zu und bat sie einzusteigen. Sie gehorchte und setzte sich ihm gegenüber.

Der Wagen kam ihr geräumiger vor als ihre ganze Wohnung. Das war irgendwie einschüchternd. Roach machte eine kreisförmige Bewegung mit dem Finger und deutete damit seinem Chauffeur an, er solle einige Male um den Block fahren. Nikki schluckte mühsam.

Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie den Vertrag auch wirklich verstanden hatte. Und sie fühlte sich durcheinander. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie Caressa außerhalb der gewohnten Atmosphäre des Nachtclubs überhaupt imitieren konnte. Doch sie hatte keine andere Wahl. Das Geld würde ihr die Tür zu einem neuen Leben öffnen. Wortlos reichte sie Roach den Vertrag, den sie bereits unterschrieben hatte.

Zum ersten Mal lächelte Roach. Es war ein freudloses Lächeln. “Jetzt ist es offiziell.” Er faltete den Vertrag zusammen und warf ihn in seinen Aktenkoffer. Das Klicken des Schlosses machte Nikki die Endgültigkeit ihrer Entscheidung bewusst.

Dann schüttelte Roach Nikki mit vorgetäuschter Herzlichkeit die Hand. “Meinen Glückwunsch”, sagte er. “Sie fahren nach Las Vegas und werden dort eine Traumhochzeit feiern.”

Nikki erwiderte nichts. Sie war viel zu nervös.

“Also”, fuhr Roach fort, “am Dienstag in einer Woche werde ich Sie um acht Uhr abends abholen. Sie verbringen die Nacht in Caressas Hotelsuite im Plaza. Ich bringe Sie als Nikki in das Hotel und hole Sie als Caressa wieder ab. Mittwochmorgen bringen wir Sie zum Flughafen und achten darauf, dass die Presse Sie kurz zu Gesicht bekommt. Dann werden die Reporter natürlich erfahren, wo genau Sie hinfliegen wollen, nämlich nach Las Vegas. In Caressas Privatflugzeug. Sie werden ihren weißen Nerzmantel tragen. Der fällt mehr auf und macht das Ganze überzeugender.”

Nikkis Magen zog sich vor lauter Nervosität zusammen. Es geschieht wirklich, dachte sie benommen. Ich werde Caressa im richtigen Leben imitieren. Fünf Tage lang werde ich so tun, als wäre ich weltberühmt. Dann kann ich für den Rest meines Lebens ein ganz normaler, unbedeutender Mensch sein.

“Hier ist eine Liste der Dinge, die Sie vor Montag noch erledigen müssen”, sagte Roach und gab ihr ein zusammengefaltetes Blatt Papier. “Sie können sie jetzt lesen, wenn Sie wollen, falls Sie irgendetwas nicht ganz verstehen.”

Nikki gefror das Blut in den Adern. “Ich habe meine Brille nicht dabei”, log sie. “Ich werde die Liste später lesen.” Sie nahm das Blatt Papier und steckte es in ihre Jackentasche.

Sie fragte sich, ob Roach wohl ahnte, dass sie log. Doch er schien es nicht bemerkt zu haben.

Nikki hatte gelogen, weil sie bestimmte Dinge vor den meisten Menschen geheim hielt. Und das am strengsten bewahrte Geheimnis war, dass sie an einer Leseschwäche litt, die der Arzt als Dyslexie, Wortblindheit, bezeichnete. Obwohl sie einen hohen Intelligenzquotienten hatte, einen scharfen Verstand und ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen, konnte sie nur mit größter Mühe lesen. Wenn Roach das wüsste, wäre er vielleicht nie das Risiko eingegangen, ihr diesen Job anzubieten.

Doch mit zwölftausend Dollar konnte Nikki endlich ihre speziellen Kurse absolvieren und einen richtigen Beruf erlernen. Sie konnte endlich ein Mensch wie jeder andere sein. Das war es, was sie sich von ganzem Herzen wünschte.

Am Dienstagabend schlich Nikki sich unerkannt in das Plaza. Als sie am Mittwochmorgen, begleitet von Roach und einer Reihe Leibwächtern, das Hotel verließ, war aus ihr Caressa geworden. Die Verwandlung durch ein für Caressa entworfenes seidenes Kleid sowie den weißen Nerzmantel und den falschen Schmuck des Stars war so umfassend, dass Nikki selbst staunte.

Kurze Zeit später war sie in Caressas Privatflugzeug auf dem Weg nach Las Vegas, einer Stadt, in der sie noch nie gewesen war, um dort zum Schein einen Mann zu heiraten, den sie nicht kannte.

Als das Flugzeug zum Landeanflug auf Las Vegas ansetzte, drohten ihre Ängste und Vorahnungen, die sie so lange unter Kontrolle gehalten hatte, die Oberhand zu gewinnen. Sie schloss die Augen und betete.

In Las Vegas in der Penthouse-Suite des Xanadu-Hotels hatte Gil DeSpain auch seine Zweifel.

“Ich sagte, Sie sollen sich Collagen in die Lippen spritzen lassen”, schimpfte Liveringhouse, Gavin Chandlers Anwalt. “Was soll das?”

Die beiden Männer saßen in dem in Gold und Weiß gehaltenen Wohnzimmer der Suite. Gil DeSpain nahm gerade den Verband ab, den er zum Schutz seiner vor kurzem gebrochenen Rippe trug. Liveringhouse hatte befürchtet, dass der Verband sichtbar sein könnte, weil Gil das Hemd nur bis zum Bauch zuknöpfen sollte. Gil trug eine enge schwarze Lederhose und dazu Cowboy-Stiefel aus Schlangenleder. Letztere hielt er für geradezu kriminell.

Er passte überhaupt nicht in diesen Raum mit den weißen Teppichen und den zierlichen, mit Goldbronze überzogenen Möbeln und deren seidenen Polstern. Und Liveringhouse ging ihm langsam auf die Nerven.

“Ich lasse mir kein Collagen in die Lippen spritzen”, erwiderte Gil verächtlich. “Es ist dumm und obendrein gefährlich.”

“Gefährlich?”, wiederholte Liveringhouse empört. “Gestern haben Sie sich sechs Mal von einem Hügel gestürzt. Sie haben sich dabei wieder eine Rippe gebrochen. Letzte Woche ist ein Pferd auf Sie gefallen. Und da machen Sie sich Sorgen, dass Collagen gefährlich sein könnte?”

“Ich lasse mir keine Chemikalien in meinen Körper spritzen”, antwortete Gil. Er stand auf und zog ein blaues Seidenhemd an, eines dieser teuren Dinger, die Gavin Chandler trug.

“Ihre Lippen sind zu dünn”, bemerkte Liveringhouse. “Wenn Sie die Sonnenbrille nicht abnehmen, könnten Sie sogar aus der Nähe betrachtet für Chandler durchgehen, bis auf die Lippen.”

Gil zog einen von Chandlers mit Opalen besetzten Gürteln durch die Schlaufen der Lederhose. “Chandler hätte sich einen Schnurrbart wachsen lassen sollen. Mit einem Schnurrbart könnte man mich glatt für ihn halten.”

“Caressa mag keine Männer mit Bart”, erklärte Liveringhouse verärgert. “Sobald jemand zu nahe an Sie herankommt, müssen Sie Ihren Mund verdecken. Wir könnten Ihre Lippen überschminken”, schlug Liveringhouse vor. Er war ein großer, fettleibiger Mann und trug eine Hornbrille. “Ja, Überschminken wäre die Lösung.”

“Ich lasse mich nicht schminken”, antwortete Gil verächtlich. Er ging zum Spiegel und betrachtete sich ernst. Im luxuriösen Penthouse des Xanadu gab es überall Spiegel.

Er hatte sich das dunkelbraune Haar kürzer schneiden lassen, so wie Chandler es jetzt trug. Dann setzte er die Sonnenbrille auf. Die Ähnlichkeit war nicht umwerfend, aber überzeugend genug. Von Weitem könnte man ihn für den Australier halten.

Aus der Nähe betrachtet wirkte Gils Gesicht älter, wirkten seine Lippen zynischer. Die Fältchen um seinen Mund waren tiefer als bei Chandler. Und seine Nase hatte er sich einmal gebrochen, deshalb war sie nun etwas schief. Doch von Weitem würde es gehen.

Liveringhouse stellte sich hinter Gil und blickte über seine Schulter in den Spiegel. Der Anwalt hatte dunkles Haar, das ihm in geölten Locken in die Stirn fiel. “Wir könnten Ihre Lippen verpflastern.” Er legte Gil eine Hand auf die Schulter, als wären sie die besten Freunde. “Wir könnten sagen, Chandler hätte sich beim Rasieren geschnitten …”

Gil schob die Hand des anderen Mannes weg. “Sie werden meine Lippen auf keinen Fall verpflastern.” Er fluchte leise. “Dieser Job macht Sie noch völlig wahnsinnig, Liveringhouse.”

“Nun, Ihre Lippen sind zu dünn”, bemerkte Liveringhouse beleidigt. “Wenn nun einer der Fotografen ein Zoomobjektiv hat und eine Großaufnahme Ihrer Lippen macht? Ich meine, ich muss an solche Dinge denken. Ich muss mich um die Einzelheiten kümmern.”

Gil wandte sich ab und schaute unbeeindruckt aus dem riesigen Wohnzimmerfenster. Tief unter sich konnte er das leuchtende Grün des Golfplatzes und der Rasenflächen des Hotels sehen, die an das Braun der Wüste angrenzten. Die Farben der Gebäude, Autos und Swimmingpools leuchteten im Sonnenlicht. Doch am Rande der Stadt, da begann die richtige Wüste. Ein bedrohlicher Anblick.

Liveringhouse schaute auf seine Uhr. “Sie verspätet sich”, bemerkte er in Bezug auf Nikki, die bereits vor einer halben Stunde zusammen mit Roach hätte eintreffen sollen.

“Dann ist sie ganz wie Caressa”, entgegnete Gil zynisch. “Caressa kommt nämlich immer zu spät.”

“Im zwanzigsten Stock des Silverado hat sich ein Fotograf eingerichtet”, sagte Liveringhouse leise und kaute nervös an seinem Daumennagel. Er deutete mit dem Kopf zu dem benachbarten Hotelhochhaus. “Er ist da oben mit seinem Zoomobjektiv und beobachtet uns. Er hat seine Kamera in diesem Moment auf Sie gerichtet.”

“Ich weiß”, erwiderte Gil. “Das haben Sie mir schon gesagt.”

“Er wird eine Großaufnahme Ihrer Lippen machen”, fuhr Liveringhouse mit bebender Stimme fort.

Gil betrachtete ihn frustriert und fuhr sich mit der Hand durch das ungewohnt kurze Haar. Dann warf er angewidert die Sonnenbrille auf das Sofa.

Er ging hinüber zu Liveringhouse, legte ihm grob eine Hand auf die Schulter und drehte ihn zu sich herum.

“Hören Sie gut zu”, sagte Gil. Er war mit seiner Geduld am Ende. “Sie wollen, dass meine Lippe dick wird? Dann schlagen Sie mich einfach, okay? Keine Chemikalien, keine Spritzen, nur ein sauberer Schlag auf die Lippe. Erzählen Sie, Chandler habe eine Kampfszene gedreht und dabei Mist gebaut.”

Bei dem Gedanken an Gewalt wich Liveringhouse entsetzt zurück. “Ich soll Sie schlagen?”

“Richtig”, antwortete Gil. “Genau hier hin. Machen Sie schon. Dann muss ich mir wenigstens Ihr Gejammer nicht weiter anhören.”

Liveringhouse wich weiter zurück. Seine Lippen zitterten. “Ich kann Sie nicht schlagen. Ich könnte Ihnen wehtun.”

Gil betrachtete die plumpe weiße Hand des Mannes, die zum Boxen überhaupt nicht geeignet war. “Es würde nicht sehr wehtun. Tun Sie es einfach, und halten Sie den Mund, okay?”

“Sie sind verrückt”, sagte Liveringhouse. “Sie sind wirklich verrückt, wissen Sie?”

“Nein”, entgegnete Gil. “Ich bin müde. Ich habe genug von Ihrem Gejammer. Wenn Sie mich nicht schlagen wollen, dann hören Sie auf, wegen meiner Lippen zu jammern. Oder ich werde Ihnen eine verpassen, Liveringhouse. Und das meine ich ernst.”

“Oh”, entgegnete Liveringhouse ängstlich und zog sich hinter die Anrichte zurück, in der die Bar verborgen war. Dann schenkte er sich ein Glas Scotch ein und leerte es. “Dieser Stress wird mich noch umbringen”, sagte er. “Meine Verdauung funktioniert in letzter Zeit nicht gut. Wirklich nicht …”

In diesem Moment klingelte eines der goldenen Telefone. Liveringhouse eilte zum Apparat und nahm den Hörer ab. Sein rundes Gesicht zuckte vor Nervosität. “Ja. Ja, Sir.”

Er legte auf, rückte seine Krawatte zurecht und schaute auf die Uhr. “Sie sind hier. Sie kommen im Dienstbotenaufzug hoch. Gehen Sie auf die Terrasse hinaus. Die Frau wird Sie dort draußen begrüßen. Sie soll sich in Ihre Arme werfen. Wir wissen, dass mindestens ein Fotograf die Szene beobachten wird. Wie ich Roach kenne, hat er noch einige andere postiert. Lassen Sie es richtig romantisch wirken, okay?”

“Ich kenne meinen Job”, erwiderte Gil.

“Und verbergen Sie, um Himmels willen, Ihre Lippen”, flehte Liveringhouse. Er nahm eine der Werbebroschüren des Hotels vom Schreibtisch. “Hier. Halten Sie das vor Ihren Mund. Sie wissen schon, als wären Sie nachdenklich. Paul Newman verwendet diese nachdenkliche Pose sehr oft, und auch Kevin Costner.”

Gil warf Liveringhouse einen drohenden Blick zu, doch Liveringhouse war viel zu nervös. “Die Sonnenbrille”, fuhr er fort. “Vergessen Sie nicht die Sonnenbrille.”

Missgelaunt nahm Gil die Broschüre. Dann setzte er sich die Sonnenbrille auf und ging auf den Dachgarten. Wenigstens hatte er hier vor Liveringhouse Ruhe. Der Dachgarten des Penthouse war ebenso verschwenderisch gestaltet wie die Inneneinrichtung.

Das Wasser des Swimmingpools glitzerte türkis im Sonnenlicht. Von einem kunstvoll gestalteten Wasserfall stürzte eine Kaskade blauen Wassers in den Pool. Statuen aus Bronze und weißem Marmor schmückten den Garten. Am anderen Ende des Daches lag eine kleine künstliche Lagune, an deren Rand Palmen standen. Drei weiße und ein schwarzer Schwan schwammen darauf herum. Pfauen spazierten durch den Garten am Rand der Lagune. Einer von ihnen schrie. Es war ein schriller, unheilvoller Ruf.

Gil hielt die Broschüre an seinen Mund und tippte sich damit ans Kinn.

Verstohlen schaute er zum zwanzigsten Stockwerk des Silverado hinüber, von dem aus der Fotograf ihn beobachtete, wie er wusste. Grimmig hielt er seinen Mund verdeckt.

In Chandlers Kleidung fühlte er sich wie ein Clown. Die Lederhose war unangenehm eng geschnitten. Das Hemd war bis zum Bauchnabel offen. Und was das Schlimmste war … er trug Goldkettchen um den Hals.

Gil ging langsam auf und ab. Er blieb stehen, als er hörte, wie die Tür zum Wohnzimmer geöffnet wurde. Aus dem Raum war Geflüster zu hören. Sein Magen zog sich vor Besorgnis leicht zusammen. Er war kein Schauspieler. Gut, er kannte das Filmgeschäft, aber seine Aufgabe bestand darin, von Pferden zu fallen oder sich zu prügeln. Liebesszenen gehörten nicht dazu.

Dann erschien die Frau an der Tür zum Dachgarten. Obwohl Gil darauf vorbereitet war, zuckte er bei ihrem Anblick zusammen.

Sie war Caressa und war es doch nicht. Der Nerz, das gewellte lange blonde Haar, die Diamanten, die in der Sonne funkelten, die Art, wie sich ihre geschminkten Lippen verzogen, ja sogar ihre Pose … Alles kam ihm erschreckend vertraut vor.

Doch unter dem Make-up wirkte ihr Gesicht zu jung. Und trotz ihrer selbstsicheren Pose war da etwas Zögerndes, ja Schüchternes in ihrer verkrampften Haltung.

Gil sah die Frau an und sie ihn. Er merkte, dass sie bei seinem Anblick zu erstarren schien. Er hatte das Phänomen schon Dutzende Male an Drehorten gesehen und erkannte es. Die Frau war vor Angst plötzlich wie gelähmt.

Gil ging einen Schritt auf die Frau zu, dabei hätte sie zu diesem Zeitpunkt bereits zu ihm eilen sollen. Komm schon, Kind, dachte er grimmig. Komm zu mir. Lass es gut aussehen für die Fotografen. Komm schon. Er ging noch einen Schritt auf sie zu.

“Caressa”, sagte er mit seiner tiefen, rauen Stimme und streckte die Hand nach ihr aus.

Nikki hatte es gerade noch bis zur Verandatür geschafft, dann packte sie das Lampenfieber. Als sie das Penthouse betraten, hatte Roach ihr eine handschriftliche Notiz gegeben. Voller Panik hatte Nikki auf das Blatt Papier gestarrt.

Wäre sie ruhiger gewesen und hätte Zeit gehabt, hätte sie die Notiz irgendwann entziffern können. Doch unter diesen Umständen und bei Roachs schrecklicher Handschrift war das unmöglich.

“Ich habe meine Brille nicht dabei”, flüsterte sie.

“Lesen Sie sie später”, befahl Roach.

Zitternd steckte Nikki das Blatt Papier in die Tasche des Nerzmantels. Ich kann das nicht, dachte sie verzweifelt. Sowohl Roach als auch der Mann namens Liveringhouse bombardierten sie mit Anweisungen, bis ihr der Kopf schwirrte.

Und dann, als sie gerade den Dachgarten betreten wollte, packte sie das Lampenfieber.

Die grelle Sonne von Las Vegas blendete sie. Die Knie wurden ihr weich, und sie hatte Angst, dass ihre Beine sie nicht mehr tragen würden. Ich kann das nicht, dachte sie wieder. Wie habe ich jemals annehmen können, dass ich es schaffe?

Sie konnte nicht mehr atmen, was sie noch mehr in Panik versetzte. Ihre Nerven schienen zu vibrieren.

Als sie an der Verandatür stand, gelang es ihr dennoch, eine Pose einzunehmen, wie Caressa es getan hätte. Roach hatte gesagt, dass im gegenüberliegenden Hotel ein Fotograf postiert sei. Sie musste den Mann glauben machen, dass sie Caressa sei.

In dem Moment glaubte Nikki jedoch, dass sie niemanden täuschen könne. Und dann sah sie den Mann am Swimmingpool. Er kehrte ihr den Rücken zu. Vor dem glitzernden Wasser und dem leuchtend blauen Himmel war er nur als ein schmaler dunkler Schatten auszumachen.

“Gehen Sie zu ihm”, flüsterte Roach ihr ärgerlich zu.

Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das grelle Licht. Doch das Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals. Dann drehte sich der Mann um und sah sie an. Eine Ewigkeit lang, wie es ihr schien. Der dicke Mann namens Liveringhouse rief ihr Anweisungen zu. Doch sie konnte sich immer noch nicht bewegen.

Der Mann auf dem Dachgarten kam einen Schritt auf sie zu, und Nikkis Herz setzte einen Schlag lang aus.

Oh, du lieber Himmel, dachte sie hilflos. Das ist Gavin Chandler. Der Mann hatte dieselben breiten Schultern, schmalen Hüften und langen Beine wie Chandler. Er war gekleidet wie Chandler, hatte dasselbe braune Haar.

Eine Sonnenbrille verbarg die Augen des Mannes. Und aus irgendeinem Grund hielt er eine Broschüre dicht an seinen Mund. Doch Nikki war überzeugt, dass das dort der echte Gavin Chandler war, der Filmstar.

Irgendwo, irgendwie hatte jemand einen schrecklichen Fehler gemacht. Sie konnte doch niemals Chandler selbst täuschen. Was hatte Roach vor?

Doch der Mann kam noch einen Schritt auf sie zu und streckte wie zur Ermutigung die Hand nach ihr aus.

Irgendetwas stimmt nicht, dachte Nikki plötzlich verwirrt. Einige kleine Unterschiede wurden ihr auf einmal bewusst. Der Mann wartete auf sie. Sie spürte, dass er ihr zu helfen versuchte.

“Caressa”, sagte er. Dieses eine Wort brachte Nikki wieder zu sich. Das war nicht Chandlers Stimme. Sie war tiefer und viel rauer. Es war eine Stimme, die nicht für das Theater geschult war, und der Mann hatte keinen australischen Akzent.

Wieder hörte sie Roach und Liveringhouse hinter sich, die ihr Anweisungen zuflüsterten. Zögernd trat sie einen Schritt auf die Veranda hinaus. Das Atmen fiel ihr immer noch schwer.

Dann rettete der Mann die Situation. Er war auf einmal bei Nikki, nahm sie in die Arme und drückte sie an seine Brust.

“Entspannen Sie sich, Kind”, flüsterte er, als er sich über sie beugte. “Es ist doch nur zum Schein.”

Einen Moment sah sie verschwommen sein sonnengebräuntes Gesicht vor sich, das sich ihrem näherte.

Dann spürte sie seine warmen Lippen auf ihrem Mund. Es war ein harter und zugleich süßer Kuss, wie Leben spendendes Feuer.

3. KAPITEL

Die Lippen des Mannes waren warm, in seinem Kuss lag viel Erfahrung. Verwirrt schloss Nikki die Augen. Der Stuntman bewegte seine schlanken Hände geschickt unter ihrem Mantel und streichelte sie. Plötzlich fühlte sie sich unter dem seidenen Stoff schrecklich nackt, denn Caressa trug nie Unterwäsche.

Unvermittelt löste der Mann seine Lippen von ihrem Mund, jedoch nicht sehr lange. Sein warmer Atem strich über ihre Lippen. “Erwidern Sie meinen Kuss”, befahl er. “Legen Sie die Arme um meinen Nacken.”

Dann nahmen seine Lippen wieder von ihrem Mund Besitz. Dankbar für seine hilfreichen Anweisungen, aber auch widerwillig, legte Nikki die Arme um seinen Nacken.

“Sind Sie DeSpain?”, flüsterte sie außer Atem, während er ihren Hals mit kleinen Küssen bedeckte.

“Genau.” Er küsste sie auf das Ohrläppchen und zog sie so eng an sich, dass sie seinen Herzschlag an ihren Brüsten spürte.

“Freut mich, Sie kennenzulernen”, brachte sie mühsam hervor.

“Ganz meinerseits”, erwiderte er. Dann küsste er sie, bis sie das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Mit außerordentlich echt wirkender Leidenschaft schob er den Nerzmantel von ihren Schultern und streichelte Besitz ergreifend ihre weiche Haut. Nikki wurde heiß und kalt zugleich.

Wieder strich er mit den Lippen über ihren Hals und ihr Dekolleté. “Lassen Sie den Mantel fallen”, sagte er leise.

Gute, theatralische Geste, dachte Nikki benommen. Sie ließ die Arme sinken, und der Mantel rutschte auf den Steinboden der Veranda. Den Mantel einfach auf den Boden fallen zu lassen schien bei einem so teuren Kleidungsstück eine Sünde. Doch genauso sorglos hätte Caressa sich verhalten.

“Nun”, sagte der Mann, “legen Sie wieder die Arme um mich.” Nikki gehorchte und vergaß dann jeden Gedanken an den Nerzmantel. DeSpain presste seinen Mund wieder auf ihre Lippen und hob Nikki mühelos auf die Arme. Langsam wirbelte er sie im Kreis herum, einmal, zweimal. Dabei küsste er sie die ganze Zeit.

Er löste die Lippen auch dann nicht von ihrem Mund, als er Nikki ins Penthouse trug und mit dem Fuß die Tür zu einem der Schlafzimmer aufstieß. Im Schlafzimmer blieb er gerade lange genug stehen, um die Tür wieder zuzustoßen. Dann ließ er Nikki einfach auf das Himmelbett fallen.

Verwirrt setzte sie sich auf und sah ihn an. DeSpain nahm die Sonnenbrille ab und reichte Nikki die Hand.

Nikki sah ihn an, ihr Herz klopfte wild. Dieser Mann hatte sie gerade so leidenschaftlich geküsst, dass ihr fast die Sinne geschwunden waren, und nun reichte er ihr mit einer äußerst geschäftsmäßigen Geste die Hand.

Zögernd nahm Nikki seine Hand, die braun, schlank und sehnig war und von vielen Narben übersät.

“Die viele Küsserei tut mir leid”, sagte er brüsk, “aber denen gefallen meine Lippen nicht.”

Nikki fragte sich, wie jemand seine Lippen nicht mögen konnte, er hatte einen ausdrucksvollen Mund. Schmale, aber schön geformte Lippen, die auf einen starken Charakter und einen leicht zynischen Humor schließen ließen. Ihre Lippen kribbelten immer noch von seinen Küssen. Unwillkürlich fragte sie sich, wie seine Küsse wohl waren, wenn er es ernst meinte.

Seine Augen waren nicht leuchtend blau und verträumt wie die von Gavin Chandler, sondern dunkel und äußerst wachsam.

“Ich wollte auch nicht aufdringlich sein”, erklärte er. “Aber ich hatte das Gefühl, als wären Sie unfähig, sich zu bewegen.”

Nikki lächelte nervös. Sie schämte sich für ihren Aussetzer. “Es wird nicht wieder vorkommen. Das verspreche ich Ihnen. Sie können sich auf mich verlassen.”

Das meinte sie ernst. Der plötzliche Anfall von Lampenfieber hatte sie erschreckt. Sie war Gil DeSpain dankbar dafür, dass er das Problem erkannt hatte. Doch sie wünschte, Roach hätte ihr gesagt, wie attraktiv DeSpain war. Er sieht viel besser aus als der etwas zu schöne Gavin Chandler, dachte Nikki. “Danke”, sagte sie.

DeSpain wandte sich ab und zuckte die Schultern. “Schon gut.”

Er überprüfte, ob die Gardinen vor den Fenstern zur Veranda wirklich geschlossen waren. Zufrieden wandte er sich wieder Nikki zu und musterte sie mit seinen dunklen Augen.

“Wollen Sie dieses Schlafzimmer haben?”, fragte er. “Es ist das Größte von den vieren. Mir ist es egal, in welchem ich schlafe.”

Sie beobachtete ihn verstohlen und fragte sich, was für ein Mann er wohl sein mochte. Offensichtlich war er gern und oft an der frischen Luft, doch er hatte eine sehr geschäftsmäßige Art an sich.

Roach stürmte, den Nerzmantel über dem Arm, ins Schlafzimmer, gefolgt von Liveringhouse. Roach wirkte gereizt, und Liveringhouse sah sehr zornig aus. Wütend schaute er Nikki an.

“Was ist bloß los mit Ihnen?”, fragte Liveringhouse und deutete mit dem Finger auf Nikki. “Ist das etwa das Beste, was Sie leisten können? Sie standen völlig steif da. Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen sich bewegen, Mädchen, dann bewegen Sie sich gefälligst. Wenn Sie sich nicht wie ein Profi verhalten, dann werden wir Sie austauschen. Das ist durchaus möglich.”

“Tut mir leid”, sagte Nikki steif, denn der Ton von Liveringhouse ärgerte sie. “Ich war verwirrt.”

“Sorgen Sie dafür, dass das nicht wieder vorkommt”, warnte Liveringhouse und sah sie drohend an.

Nikki wollte sich verteidigen, doch Gil DeSpain kam ihr zuvor. Sein Tonfall war ruhig, dennoch leicht drohend.

“Hören Sie auf, Liveringhouse. Wir mussten das ohne jegliche Proben machen. Außerdem hätte ich zu ihr gehen sollen, das wäre sinnvoller gewesen.”

Liveringhouse schien beleidigt, sagte jedoch nichts. Nikki fragte sich, ob er wohl Angst vor DeSpain hatte.

Roach hielt Nikki den Mantel entgegen und schüttelte ihn. “Und lassen Sie Caressas Mantel nicht wieder fallen. Wissen Sie überhaupt, wie viel so ein Ding kostet?”

“Ich habe ihr gesagt, sie soll ihn fallen lassen”, sagte Gil kühl. “Denn genau das hätte Caressa getan.”

Liveringhouse nickte. “Richtig. Den Mantel fallen zu lassen war sehr klug. Das gibt ein dramatisches Bild. Chandler kann den Mantel ja reinigen lassen.”

Roach schaute Liveringhouse finster an. “Caressa kann es sich leisten, den Mantel selbst reinigen zu lassen.” Er warf den Mantel neben Nikki auf das Bett. “Hängen Sie ihn auf. Und gehen Sie von jetzt an vorsichtiger damit um.”

Nikki nickte kühl, rührte den Mantel aber nicht an. Sie würde nicht gleich jedes Mal springen, wenn er etwas anordnete. “Was steht als Nächstes auf dem Plan?”, fragte sie knapp und sachlich.

“Bleiben Sie außer Sicht”, ordnete Roach an. “Um vier Uhr werden Sie ausgehen – inkognito, aber eben doch nicht inkognito. Sie werden eine Heiratsurkunde kaufen und dafür die richtigen Namen von Caressa und Gavin benutzen. Danach kehren Sie sofort hierher zurück. In dem Büro, in dem man die Heiratsurkunden kaufen kann, haben wir einen Spitzel sitzen, der das sofort der Presse mitteilen wird. Heute Abend bleiben Sie für sich. Zwischen zehn und elf Uhr werden Sie auf die Veranda gehen, damit der Fotograf einige gute Bilder schießen kann. Spielen Sie wild verliebt, als könnten Sie die Hände nicht voneinander lassen.”

Nikki biss sich auf die Lippe. Verstohlen sah sie Gil an und bemerkte beunruhigt, dass er sie ebenfalls anschaute. Ein spöttisches Lächeln umspielte seinen sonst so strengen Mund.

Schnell wandte sie den Blick ab. “Wild verliebt”, wiederholte sie angewidert.

Roach ignorierte ihren Protest. “Ihr Gepäck ist auf dem Weg nach oben. Der Page ist ein Informant für den ‚National Inquirer‘. Wir können ihn benutzen, aber wir müssen vorsichtig sein. Sie”, fuhr er fort und deutete auf Nikki, “werden den Mund halten. Überlassen Sie mir das Reden. Er soll Sie lediglich sehen.”

Er wandte sich an Gil und betrachtete ihn misstrauisch. “Sollten Sie nicht etwas mit Ihren Lippen machen lassen?”

Liveringhouse wirkte ausgesprochen zornig. “Ich habe ihm gesagt, dass er etwas machen soll. Aber er weigert sich.”

“Warum?”, fragte Roach und schaute Gil wütend an.

Gil machte ein gelangweiltes Gesicht. “Mir hängt dieses Thema zum Hals heraus.” Er zuckte die Schultern und ging in das angrenzende Schlafzimmer.

“Wo wollen Sie hin?”, rief Roach ihm nach. “Ich will, dass Sie mit ihr in einem Zimmer sind, wenn der Page kommt. Lassen Sie ihn nur Ihr Gesicht nicht sehen, verstanden?”

Gil, der bereits außer Sicht war, machte sich nicht die Mühe zu antworten. Nikki lächelte über seine Kühnheit.

Roach sah Liveringhouse an. “Dieser Mann ist ein Unruhestifter. Wenn Sie ihn nicht unter Kontrolle halten können …”

“Ich kann ihn unter Kontrolle halten”, warf Liveringhouse empört ein. “Es ist nicht notwendig, dass Sie hier den großen Mann markieren und meine Autorität untergraben. DeSpain ist wenigstens ein Profi. Dieses Kind hier”, sagte er mit einer herablassenden Geste in Nikkis Richtung, “bekommt Lampenfieber, sobald sich der Vorhang gehoben hat. Sie sollten sich besser ihretwegen Sorgen machen und DeSpain mir überlassen.”

“Ach ja?”, entgegnete Roach höhnisch. “Nun, wenn Sie ihn unter Kontrolle halten können, dann tun Sie das jetzt. Ich will, dass er hier ist, wenn der Page kommt. Wenn Sie Ihre Arbeit nicht vernünftig machen, werde ich das Caressa mitteilen. Und sie wird dafür sorgen, dass Sie Ihren Job schnell los sind.”

Liveringhouse wirkte ängstlich. Eilig ging er Gil nach. Roach schaute Nikki missbilligend an.

“Ziehen Sie die Handschuhe aus. Sie teilen diese Suite mit Ihrem Geliebten. Verhalten Sie sich gefälligst auch so.”

Nikki stand auf und zog die langen Handschuhe aus. “Sie und Liveringhouse sind sehr grob”, sagte sie ruhig. “Sie vergessen, dass Sie von DeSpain und von mir abhängig sind. Das sollten Sie bedenken. Dann wäre es für uns alle leichter.”

Roach verdrehte voller Abscheu die Augen. “Jetzt reden Sie genau wie sie. Ich hasse diese lächerliche Scharade”, sagte er leise. Dann verließ er das Zimmer.

Nikki sah sich im Schlafzimmer um. Die Suite im Plaza war sehr geräumig gewesen. Das Penthouse schien jedoch noch riesiger zu sein. Nikki hatte bisher noch nicht viel vom Penthouse gesehen, doch offenbar war jeder Raum in einem anderen Stil eingerichtet.

Das große Wohnzimmer war in Weiß und Gold gehalten, üppig, aber einfach. Das Schlafzimmer war orientalisch eingerichtet, mit einem großen Pfauenmotiv. Die Wände waren mit blassblauer Seide bespannt. Der Himmel des Himmelbetts war aus dunkelblauer Seide.

Auf dem dicken blaugrünen Teppichboden lagen kleine Orientbrücken, und an einer Wand glitzerte ein Mosaik aus goldenen Kacheln und Halbedelsteinen. Es stellte den Hof eines Maharadschas dar, mit Pfauen und einem Springbrunnen, aus dem silbernes Wasser sprudelte. Nie zuvor hatte Nikki einen solchen Raum gesehen.

Der Raum hätte leicht überladen wirken können. Doch jedes Detail war so unauffällig und gut gearbeitet, dass man lediglich den Eindruck von Reichtum und Luxus hatte. Fast in jeder Ecke waren mit Edelsteinen besetzte Spiegel angebracht.

So weit Nikki das Badezimmer einsehen konnte, gab es dort noch ein Pfauenmosaik und weitere Spiegel. Und in jedem Spiegel sah sie nicht sich selbst, sondern Caressa, die allerdings unnatürlich unsicher wirkte.

Nimm dich zusammen, befahl Nikki sich selbst. Sie holte tief Luft und reckte das Kinn. Ein Dutzend Spiegel sagte ihr, dass sie jetzt besser wirkte. Sie nahm die falschen Diamantohrringe ab und legte sie auf den Nachttisch.

Dann ging sie zum nächsten Spiegel und überprüfte ihr Make-up. Es war in Ordnung. Besorgt richtete sie ihr Haar. Roach wollte, dass sie wie eine Frau aussah, die eine glückliche Zeit mit dem Mann ihrer Träume verbrachte. Wie sieht eine solche Frau wohl aus? fragte sich Nikki. Keine von Rhondas Liebesbeziehungen war je glücklich gewesen.

Nikki zog sich eine blonde Locke in die Stirn und formte die Lippen zu einem Schmollmund. Dann nahm sie zwei der auffälligen Ketten ab. Die dritte Kette jedoch, die einfachste, behielt sie um. Der kleine Anhänger hing zwischen ihren Brüsten.

Sie zog die Schuhe aus und stand nun barfuß da, denn Caressa trug nie Strumpfhosen. Schließlich hob sie den linken Träger des blauen Seidenkleids über die Schulter. Ihr Lippenstift war verschmiert von Gil DeSpains Küssen, und ihre Lippen kribbelten immer noch. Erstaunt bemerkte sie, dass sie dieses Kribbeln als angenehm empfand.

Doch der Lippenstift musste neu aufgelegt werden, deshalb ging sie barfuß ins Badezimmer. Auf dem Schminktisch aus Marmor stand eine Auswahl teurer Kosmetika und Parfüms. Daneben fand sie Rasierschaum, Rasierwasser und einen Herrenduft. Für Chandler. Nein, für Gil. Der intime Eindruck dieser Anordnung ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen.

Es war schon Jahre her, dass Nikki enger mit einem Mann zusammengelebt hatte. An ihren Vater hatte sie keinerlei Erinnerung, und was die männlichen Begleiter ihrer Tante Rhonda betraf, so wollte sie sich lieber gar nicht an sie erinnern.

Sie zog die Kappen der Lippenstifte ab, nahm einen Lippenpinsel und fing an, Caressas perfekten Mund neu entstehen zu lassen.

Jemand klopfte an der Eingangstür zum Penthouse. Unwillkürlich versteifte Nikki sich. Das musste der Page sein. Die Tür zum Badezimmer stand offen. Wenn der Page das Gepäck ins Schlafzimmer brachte, konnte er sie vor dem Spiegel im Badezimmer stehen sehen. Würde das genügen?

Sie hörte, wie Roach und Liveringhouse versuchten, dem Pagen gleichzeitig Befehle zu geben. Dann wurde die andere Tür zum Badezimmer geöffnet, und Gil kam herein. Er trug kein Hemd. Die untere Hälfte seines Gesichts war mit Rasierschaum bedeckt.

Er lächelte Nikki ironisch an, als er sich neben sie stellte. Obwohl das Bad äußerst geräumig war, kam es Nikki plötzlich viel kleiner vor, nur weil Gil ihr nun so nahe war.

“Sehen Sie? Keine Lippen.” Er deutete auf sein eingeschäumtes Gesicht. “Jetzt kann ich als Chandler durchgehen – oder als tollwütiger Hund.” Er knurrte spielerisch.

Nikki zog die Badezimmertür etwas zu. Gil nickte. “Er soll uns ja sehen. Ich werde ihm mein Profil zuwenden, damit er nicht mein ganzes Gesicht sehen kann. Stellen Sie sich hinter mich, und legen Sie die Arme um meine Taille. Auf diese Weise sind einige meiner Narben verdeckt. Es soll romantisch aussehen. Schenken wir dem Mann einen Blick auf uns, den er so schnell nicht vergisst.”

Nikki betrachtete Gils Augen im Spiegel. Sein Blick war so ruhig, dass sie ihm gern vertrauen wollte. Doch es fiel ihr schwer, seinen Anweisungen zu folgen, sie war einfach zu schüchtern.

Er schien ihre Nervosität zu spüren. “Na los. Ich beiße nicht. Hier. Damit alles etwas echter wirkt.”

Er gab ihr einen Kuss auf die linke Schulter. Seine Lippen waren warm, sein eingeseiftes Kinn war feucht und kühl. Und der Kuss hinterließ einen Fleck Seifenschaum auf Nikkis Haut.

“Nicht schlecht”, meinte DeSpain und musterte sein Werk kritisch. “Aber es geht noch besser. Kommen Sie zu mir. Chandler ist der Typ Mann, der seiner Frau sein Zeichen aufdrückt.”

Mit seiner schlanken Hand fasste er Nikkis Kinn und gab ihr einen kaum spürbaren Kuss auf die Wange. Dann hob er leicht lächelnd den Kopf. Nikkis Herz machte einen Sprung.

Sie sah, wie die Tür zum Schlafzimmer geöffnet wurde. Als sie wieder in den Spiegel schaute, bemerkte sie den Klecks Rasierschaum auf ihrer Wange.

“Nun legen Sie von hinten die Arme um meine Taille”, flüsterte Gil. “Aber vorsichtig. Ich habe eine gebrochene Rippe.”

Schnell trat Nikki hinter ihn und gehorchte. Er hatte eine außerordentlich schlanke Taille, sein Bauch war flach und muskulös. Quer über seine Rippen verlief eine frische blassrosa Narbe, die sich unter Nikkis Fingerspitzen sanft und weich anfühlte.

Sie hörte, wie der Page den Gepäckwagen ins Schlafzimmer rollte. Roach gab dem Pagen mit seiner krächzenden Stimme eine Anweisung nach der anderen.

“Nun”, sagte Gil leise, “müssen Sie nur noch so tun, als würden Sie es genießen. Spielen Sie.”

Langsam führte er das Rasiermesser an der Kante seines Kinns entlang. Nikki spürte den neugierigen Blick des Pagen und presste ihre Wange an Gils sonnengebräunte Schulter. “Ich habe Angst, Sie schneiden sich”, flüsterte sie. Dabei berührten ihre Lippen fast seinen muskulösen Rücken.

Gil lachte leise, wandte den Kopf so, dass der Page sein Gesicht nicht sehen konnte, und flüsterte Nikki zu: “Sind Sie verrückt? Glauben Sie etwa, ich hätte eine Klinge in diesem Ding?”

Nikki lächelte und entspannte sich ein wenig. Ein Muskel auf seinem Rücken zuckte, als ihr Atem darüber strich. Sie drückte Gil fester und presste ihre Wange liebevoller an seine Schulter.

Irgendwie kam ihr das gar nicht so unnatürlich vor. Sie schloss die Augen und schmiegte sich enger an Gil, denn sie wusste, dass der Page sie neugierig beobachtete.

“Mmm”, sagte Gil, als wollte er ihr helfen.

“Mmm”, wiederholte sie. Langsam, fast träge, öffnete sie die Augen und begegnete dem neugierigen Blick des Pagen. Er war ein kleiner, dünner Mann, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte.

Er starrte Nikki und Gil triumphierend an. Wenn er wirklich ein Informant war, wie Roach behauptet hatte, dann musste dieser Anblick ihm wie ein Geschenk des Himmels vorkommen. Caressa und Gavin Chandler schmusten vor seinen Augen in dem Badezimmer ihres reich geschmückten Schlafzimmers.

In der Hand hielt der Page einen Kleidersack, den er leicht auf dem Boden schleifen ließ. “Passen Sie doch auf, Sie Idiot”, schimpfte Roach. “Das ist ihr Kleid. Sie haben es sicher zerknittert. Lassen Sie mich sehen, Sie Dummkopf.”

Nikki beobachtete verblüfft, wie Roach dem Mann den Kleidersack entriss und ihn öffnete. Denn zum Vorschein kam ein langes weißes Kleid, ganz offensichtlich ein Hochzeitskleid. Roach tat, als würde er es überprüfen, und hängte es dann in den Schrank.

Der Page machte ein verschlagenes Gesicht. Offenbar zählte er zwei und zwei zusammen. Eine Heiratslizenz konnte man in Nevada schneller bekommen als in jedem anderen Staat. Vegas plus Caressa plus Chandler plus Hochzeitskleid, das konnte nur eines bedeuten. Die Hochzeit würde tatsächlich stattfinden. Der Page wusste, dass eine solche Information ihm viel Geld einbringen würde.

Roach zog eine Fünfzigdollarnote aus der Tasche. “Ziehen Sie keine falschen Schlüsse daraus”, warnte er den Pagen und deutete auf das Hochzeitskleid. “Es ist nur ein Kostüm. Wir drehen hier ein Video. Also halten Sie den Mund. Wir wollen nicht, dass die Leute einen falschen Eindruck bekommen.”

Nikki wusste, dass Roach mit diesen Worten das genaue Gegenteil bezweckte. Sie beobachtete, wie der Page das Geld in die Tasche steckte und den Blick dann wieder ihr und Gil zuwandte. In seinen Augen stand die blanke Gier.

Nikki wandte das Gesicht von Roach und dem Pagen ab und legte die andere Wange an Gils Rücken. Dabei schlang sie die Arme fester um seine Taille. Plötzlich stöhnte Gil leise auf.

“Entschuldigung”, flüsterte Nikki. Ihre Lippen strichen über die nackte Haut seines Rückens. “Hoffentlich habe ich Ihnen nicht allzu wehgetan.”

“Schon gut”, erwiderte er, doch seine Stimme klang gepresst.

Nikki fühlte sich wie erlöst, nachdem sich die Tür hinter Roach und dem Pagen geschlossen hatte. Sofort ließ sie Gil los und trat einen Schritt zurück. Ihre Knie waren ganz weich, und ihr Herz pochte heftig.

Gil drehte sich um und wischte sich mit einem Handtuch den restlichen Rasierschaum vom Gesicht. “Endlich ist er weg.” Er lächelte Nikki zu. “Langsam ging mir der Rasierschaum aus. Aber wir haben ihn getäuscht, nicht?”

Sie nickte erschöpft. “Da bin ich sicher. Aber es ist schwieriger, als ich gedacht hatte.”

“Sie haben Ihre Sache gut gemacht”, erwiderte er. Mit einer rauen, fast brüderlichen Geste klopfte er ihr auf den Arm und warf ihr dann das Handtuch zu. “Hier. Wischen Sie sich die Seife von der Schulter.”

Sie tupfte den Seifenschaum fort. Der Schaum von ihrer Wange war bereits verschwunden. Sie hatte ihn auf Gils Schulterblatt verteilt. Einen Moment wollte sie ihm anbieten, den Rest abzuwischen, war dann aber doch zu schüchtern.

Die Badezimmertür wurde aufgestoßen, und Liveringhouse kam hereingestürmt. Wütend sah er Nikki an. “Nennen Sie das etwa wild verliebt?”, fragte er. “Einfach hinter ihm zu stehen und die Arme um ihn zu legen? Ist das etwa Ihre Darstellung einer Sexgöttin?”

Nikki biss die Zähne zusammen und sah Liveringhouse böse an.

“Sie hat ihre Sache gut gemacht”, wiederholte Gil und nahm Nikki das Handtuch ab. “Hören Sie auf, Liveringhouse.”

Roach tauchte hinter Liveringhouse auf und sah über die Schulter des größeren Mannes hinweg zu Nikki. “Es war in Ordnung, aber mehr auch nicht”, sagte er streng. “Das nächste Mal geben Sie sich mehr Mühe. Zeigen Sie mehr Gefühl. Haben Sie meine Notiz nicht gelesen? Sie hätten ihn auf den Rücken küssen sollen, ihn mehr berühren. Als wollten Sie ihn verrückt machen. Nicht ihn einfach in den Arm nehmen wie ein Kind seinen Teddybären.”

Bei Roachs Worten schoss Nikki das Blut in die Wangen. Die Notiz hatte sie völlig vergessen. Auf einmal kam sie sich dumm und hilflos vor. Sie wollte Roach nicht über ihre Leseschwäche informieren. Keiner dieser Fremden sollte davon erfahren.

Außerdem hatte sie Gil DeSpain gerade erst kennengelernt. Ihn zu umarmen fiel ihr bereits schwer genug. Ihn zu küssen, als wollte sie ihn verrückt machen, kam überhaupt nicht in Frage.

Gil stemmte die Hände in die Hüften und sah Liveringhouse und Roach böse an. “Ich will Ihnen mal etwas sagen”, stieß er hervor. “Wir sollen doch so tun, als wären wir in den Flitterwochen, richtig? Das könnte alles viel besser klappen, wenn Sie beide endlich verschwinden, damit wir einander kennenlernen können. Außerdem habe ich eine gebrochene Rippe, falls Sie das schon vergessen haben sollten. Ich habe Nikki gebeten, vorsichtig zu sein.”

Roachs Nasenflügel bebten vor Wut, doch er trat einen Schritt zurück. “In Ordnung”, erwiderte er verächtlich. “Lernen Sie sich kennen. Aber dass mir keiner von Ihnen irgendwohin geht oder sich sehen lässt, ohne dass ich das angeordnet habe.”

“Ohne dass wir das angeordnet haben”, warf Liveringhouse ein. Er reckte sich, sodass er den kleineren Mann noch mehr überragte als sonst.

“Ich kenne meine Aufgabe”, sagte Gil. Ohne weitere Worte ging er an den beiden Männern vorbei in sein Schlafzimmer. Nikki tat es Leid, dass er ging. Er schien ihr einziger Verbündeter zu sein.

Nachdem die Anwälte endlich auf ihre Zimmer eine Etage tiefer gegangen waren, nahm Nikki den Zettel aus der Tasche des Nerzmantels, betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. Roachs Handschrift war so unleserlich, dass sie sie nie in der kurzen Zeit hätte entziffern können. Nun war es zu spät, und sie warf die Notiz in den Papierkorb.

Dann hängte Nikki den Mantel in den Schrank neben das Hochzeitskleid. Sie zögerte einen Moment und fragte sich, ob sie es wagen konnte, ein so elegantes Kleid zu berühren. Vorsichtig, fast schuldbewusst, nahm sie das Kleid heraus und betrachtete es genauer. Es war ganz anders, als sie erwartet hatte. Viel zu traditionell für Caressa.

Das Kleid hatte lange Ärmel, die an den Schultern elegant aufgebauscht waren, und einen einfach geschnittenen Halsausschnitt. Der untere Teil der Ärmel und das Mieder waren mit Staubperlen und Spitzeneinsätzen bestickt. Solche Perlen und Spitzeneinsätze fanden sich auch auf dem langen, weiten Rockteil wieder. Es war ein wunderschönes Kleid, aber gleichzeitig auch fast prüde.

Nikki seufzte, als sie das Kleid wieder in den Schrank hängte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sich Caressa, die Sexgöttin, in eine jungfräuliche Maid verwandeln sollte.

Nikki hatte genau das umgekehrte Problem, sie musste sich in eine Sexgöttin verwandeln. Es war leicht, wie Caressa auszusehen. Sich wie Caressa zu verhalten, war jedoch etwas völlig anderes.

Plötzlich merkte Nikki, dass sie Kopfschmerzen hatte und Hunger. Seit dem gestrigen Abend hatte sie vor lauter Nervosität nichts essen können.

Vielleicht kann ich mit einem sauberen Gesicht wieder klar denken, dachte sie und ging ins Badezimmer, um das dicke Make-up zu entfernen. Sie drehte den goldenen Wasserhahn auf und wartete, bis das Wasser eiskalt war. Dann schloss sie die Augen und genoss das Gefühl des kühlen, sauberen Wassers auf ihrer Haut.

Es wäre nicht einmal so schwer, Caressa darzustellen, wenn ich es allein tun könnte, dachte sie. Ihr Herz schlug immer noch aufgeregt. Aber es zusammen mit Gil DeSpain tun zu müssen, war ihr irgendwie peinlich.

Nikki barg das Gesicht in dem weichen blaugrünen Handtuch. Sie erinnerte sich daran, wie sich Gils halb nackter Körper angefühlt und wie sie ihre Wange an seinen Rücken gepresst hatte. Sie hatte nicht gedacht, dass es ihr gefallen könnte, einem Mann so nahe zu sein. Nicht nach allem, was in der Vergangenheit vorgefallen war. Sie wollte es nicht.

Als jemand an den Rahmen der halb offen stehenden Badezimmertür klopfte, schaute Nikki erschrocken auf. Gil DeSpain stand an den Türrahmen gelehnt und musterte sie eindringlich mit seinen dunklen Augen. Ihr Herz schien einen Moment auszusetzen.

Er hatte sich umgezogen und trug jetzt verwaschene Jeans und ein ebenso verwaschenes dunkelblaues Baumwollhemd. Statt der modischen Stiefel trug er jetzt einfache braune Lederstiefel.

Gil hatte die Arme über der Brust verschränkt. “So sieht die echte Nikki also aus”, bemerkte er mit dunkler Stimme. “Meine Güte, Sie sind noch ein Kind. Noch nicht einmal zwanzig … Wie alt sind Sie?”

“Ich bin einundzwanzig”, protestierte sie. Sie war zu überrascht, um zu lügen. Normalerweise machte sie sich einige Jahre älter.

“Ein Kind”, wiederholte er und schüttelte den Kopf.

Doch während er sie auf seine offene Art musterte, fühlte sie sich gar nicht wie ein Kind, sondern vielmehr wie eine Frau. Es war ein neues, beunruhigendes Gefühl. Schnell griff sie nach einem Lippenstift. Es gefiel ihr nicht, dass Gil ihr ungeschminktes Gesicht gesehen hatte. Normalerweise erlaubte sie niemandem, sie ohne Make-up zu sehen. Sie trug immer eine Art Maske, wenn sie sich der Welt stellen musste, und hielt ihr wahres Ich verborgen.

Gil hielt ihre Hand fest. “Nein”, sagte er und betrachtete aufmerksam ihr Gesicht. “Legen Sie nicht wieder eine künstliche Maske auf. Warum wollen Sie ein so hübsches Gesicht verbergen?”

Sie wollte ihre Hand wegziehen, doch er hielt sie fest. Seine Berührung löste in Nikki merkwürdige, prickelnde Gefühle aus. Sie lachte nervös.

“Das ist mein Job. Ich soll wie andere Menschen aussehen.”

“Nicht jetzt”, sagte er. “Nicht, wenn wir beide allein sind. Lassen Sie mich die wahre Nikki sehen.”

“Nein”, antwortete sie kühl und befreite sich aus seinem Griff. “Es gibt keine wahre Nikki. Suchen Sie also nicht danach.”

Sie beugte sich zu dem großen Spiegel und zeichnete sich einen neuen Mund, schmaler und strenger als ihr eigener.

4. KAPITEL

Gil gefiel es nicht, was Nikki mit ihrem Gesicht machte, deshalb runzelte er die Stirn. Sein Stirnrunzeln galt aber auch ihm selbst. Er hatte die Frau eigentlich nicht berühren wollen und wünschte jetzt, er hätte es auch nicht getan. Denn die Berührung hatte ein unerwartetes Feuer in ihm entfacht.

Eigentlich hatte er sie die meiste Zeit einfach ignorieren wollen. Doch sie war ganz und gar nicht die Art Frau, die er erwartet hatte.

Der Anblick ihres ungeschminkten Gesichts, frei von Make-up, hatte ihn bezaubert. Ihre Schönheit hatte ihn überrascht. Ihre Haut war klar, leicht sonnengebräunt, und ihre Nase war mit ganz hellen Sommersprossen übersät.

Ihr Mund war voll und zum Lächeln geschaffen. Doch er hatte sie nie lächeln sehen. Sie hatte schön geschwungene Augenbrauen, dunkler als ihr blondes Haar, und ihre Wimpern waren fast schwarz. Ihre rauchblauen Augen hatten ihn am meisten verwirrt. Es waren sehr schöne Augen, ihr Blick war vorsichtig und wissbegierig, unschuldig und wissend zugleich. Ihre Augen waren voller Widersprüche und, wie er vermutete, auch voller Geheimnisse.

Mit dem Eyeliner verwandelte Nikki ihre Augen in ein anderes Paar Augen, deren Blick härter wirkte. Gil wollte sie am liebsten davon abhalten, doch er tat es nicht.

“Hören Sie auf, mich anzustarren”, befahl sie. Ihre Stimme klang kühl, doch um ihren Mund lag ein nervöser Zug. “Was tun Sie überhaupt hier? Hat man Ihnen nicht beigebracht anzuklopfen, bevor man einen Raum betritt?”

Er verschränkte die Arme wieder vor der Brust. “Ich habe geklopft. Ich habe sogar gerufen. Das Wasser lief, deshalb haben Sie mich nicht gehört. Sie haben die Tür nicht abgeschlossen.”

Gil beobachtete, wie sie ihre Wimpern tuschte und die feinen seidigen Härchen mit einer dicken Schicht schwarzer Mascara bedeckte. Es ärgerte ihn, dass sie ihm nicht zu trauen schien.

“Also”, meinte er, “wollen Sie nun, dass wir uns näher kennenlernen? Abgesehen vom Körperlichen? Es könnte helfen.”

“Wobei?”, fragte Nikki argwöhnisch.

“Die ganze Sache scheint Sie nervös zu machen”, antwortete er. Das blaue Seidenkleid mit den dünnen Trägern und dem tiefen Ausschnitt hatte wie ein Kostüm ausgesehen, als Nikkis Gesicht ohne Make-up gewesen war. Nun schuf sie ein Gesicht, das zu dem Kleid passte.

Nikki zuckte die Schultern. “Wer würde nicht nervös sein? Normalerweise verbringt man die Feiertage schließlich anders.”

“Sie sehen genau wie sie aus”, überlegte er. “Nein, Sie können sich so herrichten, dass Sie wie sie aussehen. Man hat mir gesagt, dass Sie das auf der Bühne tun. Warum sind Sie dann so nervös?”

“Wir sind hier nicht auf der Bühne.”

“Shakespeare hat gesagt, die ganze Welt sei eine Bühne.”

“Ich weiß nicht, was Shakespeare gesagt hat”, antwortete Nikki ruhig. “Ich bin kein Theaterkenner.”

“Sie sind Künstlerin”, wandte er ein.

“Nein, das bin ich nicht. Wie Caressa auszusehen, das ist einfach nur etwas, das ich gelernt habe. Ein Trick.”

Er schüttelte zweifelnd den Kopf. “Man hat mir erzählt, Sie würden in einem Club arbeiten.”

“Das stimmt. Würden Sie bitte aufhören, mich anzustarren? Das geht mir langsam auf die Nerven.”

“Entschuldigung.” Gil wandte sich ab und betrachtete das reiche orientalische Dekor des Schlafzimmers. Ihm gefiel das neue Gesicht, das Nikki sich gerade aufmalte, sowieso nicht.

“Warum tun Sie das hier dann?”, wollte er wissen. “Wollen Sie mit diesem Auftritt nicht den Durchbruch schaffen?”

“Nein.” Das sagte sie so heftig und so bestimmt, dass er sie unwillkürlich wieder anblickte.

Sie stand vor dem Spiegel, den Puderbausch in der Hand. Ihr Make-up war fertig, perfekt. Irgendwie, dachte er, ist es ihr gelungen, ihre eigene Persönlichkeit völlig verschwinden zu lassen. Mit ihrem neuen Gesicht wirkt sie älter und welterfahrener als mit ihrem natürlichen.

“Dies ist nicht Ihre Fahrkarte zum Ruhm?”, hakte er nach.

“Nein”, antwortete Nikki und band sich das Haar zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen. “Ich will kein Star werden. Ich will aus diesem verrückten Geschäft heraus. Entschuldigen Sie bitte.”

Als sie an ihm vorbeiging, berührte sie mit der nackten Schulter den Ärmel seines Hemdes. Der Duft von Caressas teurem Parfüm stieg ihm in die Nase. Nikki ging zum Schrank und nahm ein übergroßes blaues Hemd heraus, das sie über das Kleid zog.

“Gibt es hier etwas zu essen?”, fragte sie, während sie das Hemd zuknöpfte. “Ich bin fast schon verhungert.”

Gil musterte sie abschätzend. Obwohl ihr Gesicht nun künstlich wirkte und die Frisur sie strenger aussehen ließ, erinnerte sie ihn an ein junges Mädchen, das sich mit Mutters Kleid und Vaters Hemd verkleidet hatte. Diese Frau sendete mehr widersprüchliche Signale aus als jede andere, die er bisher kennengelernt hatte.

“Es gibt eine Küche, aber keinen Koch”, antwortete er. “Alle Schlafzimmer haben eine Bar. In den Wohnzimmern gibt es ebenfalls Bars und kleine Kühlschränke.” Er wechselte das Thema. “Sie haben einen merkwürdigen Geschmack, was Mode betrifft.”

“Das ist nicht meine Kleidung”, verteidigte Nikki sich. “Ich bin eine Gefangene ihrer Garderobe. Für einen Satz Unterwäsche könnte ich im Moment zum Mörder werden. Gibt es in diesen Kühlschränken so etwas wie ein Sandwich?”

“Na ja, nicht ganz.” Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer und machte eine einladende Geste. “Caressa und Chandler sind Vegetarier. Wie wäre es mit frischen Bohnensprossen und etwas Tofu?”

Nikki ließ unglücklich die Schultern hängen. “Soll das heißen, wir müssen fünf Tage lang dieses Gesundheitszeug essen? Ich werde elend verhungern.”

Gil verzog leicht den Mund. “Das gehört alles dazu. Wären Caressa und Chandler wirklich hier, würden Sie erwarten, dass man ihnen das richtige Essen serviert. Kommen Sie. Was spricht denn gegen ein Glas Rübensaft?”

Nikki sah ihn entsetzt an. “Alle anderen genießen nun Truthahnbraten und Soße, und ich muss mich mit Körnerfutter begnügen.” Ihre ganze Haltung war zum Erbarmen. Die Manschetten des Hemdes hingen über ihre Fingerspitzen, was diesen verwirrenden Eindruck einer Mischung aus Mädchen und Frau noch verstärkte.

Hör auf, sie anzustarren wie eine faszinierende Kreatur, ermahnte Gil sich. Dann sagte er barsch: “Setzen Sie sich. Möchten Sie ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade? Einige Möhren dazu? Und ein Mineralwasser?”

“Erdnussbutter und Marmelade?” Ihr Gesicht hellte sich auf.

Aufgrund ihrer Reaktion musste er sein Urteil über Nikki wieder korrigieren. Sie war wirklich nur ein unerfahrenes Kind. Und es war seine Aufgabe, sie heil durch dieses Theater zu führen, das sie vor den anderen spielen mussten.

Nikki setzte sich vorsichtig auf die Kante der weißen Couch. Währenddessen machte Gil das Sandwich, legte eine Möhre dazu und öffnete die Flasche Mineralwasser.

“Danke”, sagte Nikki, als er alles vor ihr auf den Couchtisch stellte. “Sie haben mir das Leben gerettet.” Das Sandwich sah ziemlich unappetitlich aus, doch Nikki biss hungrig hinein.

“Sie sehen überhaupt nicht aus wie eine Frau, die sich über ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade freut”, bemerkte er und setzte sich ihr gegenüber. “Warum tragen Sie so viel Make-up?”

“Ich kann nicht glauben, dass sie sich nur von diesem gesunden Zeug ernähren”, sagte Nikki und ignorierte seine Frage. “Leben berühmte und schöne Leute wirklich so?”

Er nickte. “Ja, denn sie wollen für immer schön bleiben. Nun erzählen Sie mir, warum Sie bei dieser Scharade mitmachen?”

“Ich tue es wegen des Geldes, das ist alles”, erwiderte Nikki. “Damit ich raus kann aus dem Showgeschäft, weg von all diesen Verrückten.”

Nachdem sie alles aufgegessen hatte, setzte sie den Teller ab und wischte sich die Hände sauber. Sie hatte schöne Hände. Bei ihrem Anblick erinnerte Gil sich daran, wie sie schüchtern seinen Rücken gestreichelt hatte. Unwillkürlich atmete er so scharf ein, dass seine gebrochene Rippe schmerzte.

“Und was wollen Sie dann tun? Wo wollen Sie hin?”

“New Jersey”, antwortete sie. Ihre Stimme klang wieder, als wollte sie sich verteidigen. “Gooseburg, New Jersey.”

Gil musste lachen, er konnte nicht anders. Und Nikki war böse. “Was ist daran so komisch?”, wollte sie wissen.

“Hübsche Mädchen wollen an den Broadway oder nach Hollywood, vielleicht noch nach Vegas. Aber nicht nach Gooseburg in New Jersey. Was gibt es denn in Gooseburg so Interessantes?”

“Einen Schönheitssalon”, sagte sie vorsichtig. “Frauen lassen sich dort das Gesicht pflegen und kaufen Kosmetika.”

“Wollen Sie dieses Geschäft kaufen?”

“Nein”, erwiderte sie kühl, “nur dort arbeiten.”

Sie wischte einige Krümel von ihrem Schoß und ging zum Fenster. Dort blickte sie auf die Wüste, die an die ins gleißende Sonnenlicht getauchte Stadt angrenzte.

Gil musterte Nikki. Während sie gegessen hatte, schien sie sich zu entspannen. Doch nun wirkte sie wieder besorgt.

“Warum brauchen Sie Geld, um zu arbeiten?”, fragte er ruhig. “Die meisten Leute arbeiten, um Geld zu verdienen.”

Sie schaute ihn nicht an. “Ich muss einige Kurse beenden. Und dann muss ich den Beruf erlernen, und zwar für diesen speziellen Salon. Das dauert sechs Monate, und während dieser Zeit werde ich nicht bezahlt. Man kann eben nicht alles haben.”

“Ich verstehe”, log er. Gil hatte während seiner beruflichen Laufbahn schon viele Make-up-Künstler gesehen, und Nikki war gut, sehr gut sogar. Warum gab sich eine Frau mit ihrem Aussehen und ihrem Talent mit so wenig zufrieden?

“Wenn Sie unbedingt mit Make-up arbeiten wollen”, schlug er vor, “warum bleiben Sie dann nicht in Manhattan? Oder gehen nach Hollywood? Sie könnten beim Fernsehen arbeiten oder beim Film.”

“Nach diesem Job hier will ich nichts mehr mit dem Showgeschäft zu tun haben”, antwortete sie heftig. “Ich hasse es.”

“Warum?”, fragte er. Er konnte ihre Anspannung spüren. “Ich will nicht darüber reden”, erwiderte sie und drehte sich zu ihm um. “Immerhin sind Sie aus Hollywood.

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