Logo weiterlesen.de
Bianca Arztroman*** Band 74

Caroline Anderson

Schwester Felicitys Traum vom Glück

1. KAPITEL

Er kam hereingeschlendert, als gehöre ihm der Laden.

Dreißig Sekunden hatte sie Zeit, ihn zu mustern, während er sich in der Abteilung umsah. Sie war irgendwie froh, dass sie nach dem Chaos der letzten Stunden alles wieder hatten aufräumen können. Und sie genoss jede dieser dreißig Sekunden.

Ein Mann, zum Sterben schön. Dass sie eigentlich herausfinden sollte, was er hier wollte, war völlig unwichtig in diesem Moment.

Er war faszinierend. Dieser schlanke, entspannte Körper, das markante Kinn, die von der Frühlingsbrise leicht zerzausten, mit Grau durchsetzten Haare – zum Teufel mit dem Papierkram, dachte sie. Dies hier verdient eine eingehende Musterung!

Nochmals ließ sie ihre Blicke über ihn wandern. Hmm. Ungefähr fünfunddreißig, vielleicht ein wenig älter, aber eindeutig in der Blüte seiner Männlichkeit. Oh ja.

Er trug ein am Kragen offenes Hemd und eine helle Hose, das Jackett hing an einem Finger lässig über der Schulter, und er wirkte ungemein lebendig, viel zu vital für einen Schreibtischarbeiter. Sie konnte ihn sich hoch oben in den Bergen vorstellen, wie der Wind an seinen Haaren zerrte und sein Körper sich den harschen Elementen stellte.

Sicher hat er sich verlaufen, dachte sie, denn hierher gehört er gewiss nicht. Sucht wohl nach Verwandten. Seiner Frau vielleicht. Glückliche Frau.

Welchen Beruf mochte er haben? Bestimmt keine sitzende Tätigkeit. Etwas Aktives, das den Körper forderte … Und wenn nicht als Beruf, dann zumindest als Hobby. Bergsteigen? Oder Wandern, stundenlang durch wildes, raues Heideland streifen, eins sein mit der Natur.

Da verfingen sich ihre Blicke, und ihr Herz setzte kurz aus. Er hob leicht einen Mundwinkel, und als der Mann sich plötzlich auf sie zubewegte, konnte sie sich nicht mehr rühren, und wenn ihr Leben davon abhängig gewesen wäre.

Rühren? Sie vergaß zu atmen!

Groß und breitschultrig, mit langen, kraftvollen Schritten kam er auf sie zu, stand dann vor ihr.

Diese Augen! Rauchgrau, mit Lachfältchen und dichten schwarzen Wimpern, für die Frauen alles geben würden. Ihr würde schon reichen, ihn nur schlicht anschauen zu dürfen.

Schlicht war das richtige Wort für das, was er sah!

Dieses flüchtige Verziehen seiner Lippen, und sie wusste, seinem ebenso flüchtigen Blick war nichts entgangen. Die Abteilung mochte in Ordnung sein, aber von ihr konnte man das nicht gerade behaupten! Ihre Wangen waren gerötet, das Gesicht ungeschminkt, weil der heutige Tag, nach einem ebenso lausigen gestrigen, typisch chaotisch begonnen hatte. Sie fühlte, wie ihr das Haar aus der Haarspange rutschte, und befestigte es hastig wieder an seinen Platz.

Großartiger Eindruck, dachte sie und stöhnte stumm. Bei ihrem Glück war er bestimmt kein Bergsteiger oder Verwandter eines Patienten, der sich verlaufen hatte, sondern irgendein staatlicher Inspektor, der die Abteilung überprüfte!

Die durchdringenden grauen Augen hielten ihren Blick. „Sie müssen Felicity sein.“

Mein Gott, was für eine Stimme. Wie Mokkaschokolade, dunkel und sündig. Felicitys Herz schlug ein paar Takte schneller. Verschwendet an einen Inspektor, dachte sie, und gleichzeitig wurde ihr bewusst, wenn er ihren Namen kannte, war er absichtlich hier, nicht zufällig.

Was leider mehr für einen Inspektor sprach.

Sie wollte aufstehen, unterließ es aber. Mit den weichen Knien würde sie flach aufs Gesicht fallen!

„Ich bin Felicity“, bestätigte sie und legte ihren Kugelschreiber hin, ehe ihre Hände es den Knien gleichtaten und er ihr noch aus der Hand fiel. „Besser bekannt als Fliss oder Schwester Ryman, an diesem Nachmittag verantwortlich für diese Abteilung, wie man so schön sagt. Was kann ich für Sie tun?“

Er streckte die freie Hand aus, und kurz glitt wieder dieses Lächeln über sein Gesicht. „Tom Whittaker. Ich dachte, ich schaue mal rein und sehe mich hier ein wenig um, bevor ich morgen anfange.“

Ihre erste Reaktion war Erleichterung. Dann Erstaunen. Dies war der lang erwartete und viel diskutierte neue Chefarzt der Notaufnahme? Komisch, dass niemand auch nur erwähnt hatte, dass er so verdammt gut aussah.

Sie rutschte nun doch von ihrem hohen Hocker herunter, stellte sich hin, nahm seine Hand und bedauerte es augenblicklich. Die simple Berührung, diese ganz gewöhnliche Geste der Höflichkeit, genügte, um ihr Herz wieder zum Rasen zu bringen. Die Beine drohten erneut, ihr den Dienst zu versagen, und das Flattern in der Magengrube tat ein Übriges, um ihr Unbehagen zu verstärken.

Sie zog die Hand zurück und versuchte sich zu erinnern, wie man lächelte. „Willkommen im Audley Memorial“, sagte sie und wunderte sich, dass nicht auch ihre Stimme sie im Stich ließ. „Sie haben Glück, hier war die Hölle los, aber jetzt ist es Gott sei Dank ruhiger geworden …“

Wie auf Kommando klingelte das Telefon dicht neben ihr.

„Ich und mein großer Mund“, murmelte sie. „Entschuldigen Sie bitte.“

Er lachte leise, lehnte sich mit seinem schlanken, herrlich geformten Körper gegen den Schreibtisch, während sie versuchte, sich zu konzentrieren.

Zwei Sekunden reichten.

„Schwerer Unfall auf der Ipswich Road vier Meilen südlich von Audley – fünf Fahrzeuge verwickelt, mehrere Verletzte. Der erste Krankenwagen wird in zehn Minuten hier sein, aber eines der Opfer ist im Wagen eingeklemmt. Ein Allgemeinarzt befindet sich an der Unfallstelle, aber er könnte gut etwas Verstärkung gebrauchen. Schicken Sie ein Notfallteam?“

Am Ende dieser anstrengenden Woche? Die werden begeistert sein. Fliss verdrehte die Augen. „Sicher. Sie werden sich bei Ihnen melden, sobald sie unterwegs sind. Irgendwelche weiteren Informationen über die anderen?“

„Noch nicht. Ich gebe sie durch, sobald sie hereinkommen.“

„Gut. Dann hören wir bald wieder voneinander.“

Sie legte auf und wandte sich an ihren neuen Chefarzt. „Tut mir Leid, aber es geht hier gerade rund. Wir haben einen Massenunfall …“

„Sie dürfen gern über mich verfügen …“

„Nur zu gern, aber leider bin ich im Moment beschäftigt“, erwiderte sie und wandte sich hastig zum Personalraum. Du und dein loses Mundwerk! Sie hätte sich treten können. Da hörte sie ihn hinter sich leise lachen und seufzte erleichtert. Der Mann hatte Gott sei Dank Sinn für Humor. Den brauchte er hier auch.

„Wir erwarten mehrere Unfallverletzte“, informierte sie ihre Kollegin Meg. „Kannst du alles vorbereiten?“

„Sicher.“

Meg machte sich umgehend davon, und Fliss eilte weiter zum Personalraum, wo einige des Teams gerade einen schnellen, wohlverdienten Tee hinunterstürzten.

„Tut mir Leid, Leute, das Notfallteam wird gebraucht. Autounfall, mehrere Verletzte, in acht Minuten kommen die ersten herein. Fünf Fahrzeuge, aber einer von ihnen könnte ein Minibus sein, bei dem Glück, das wir haben. Oh, und dies ist Tom Whittaker, unser neuer Chefarzt. Findet bitte einen Arztkittel für ihn.“ Sie wandte sich an ihn. „Vorausgesetzt natürlich, Sie meinten Ihr Angebot ernst.“

Ein Lachen stand in seinen Augen, aber sein Ton war absolut professionell. „Natürlich“, sagte er, ohne das Gesicht zu verziehen. „Ich muss nur schnell ein paar Telefonate führen.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an. Und stellen Sie sich doch bitte den anderen selbst vor. Ich muss zum Empfang, um zu sehen, wer die Triage übernimmt …“

„Das mache ich“, bot Meg an, die gerade von den Untersuchungskabinen zurückkehrte. „Es gibt im Moment keine dringenden Fälle hier, deswegen habe ich die Patienten ins Wartezimmer zurückgeschickt. Einer von ihnen hat einen eingerissenen Fingernagel, aber er wird es überleben.“

„Ja, Mr. Cordy“, sagte Fliss. „Ich wollte ihm den Nagel gerade ziehen. Ich habe nur noch auf die Wirkung der Lokalanästhesie gewartet.“

„Das hat er mir gesagt – neben einigen anderen Dingen. Ich gehe und versuche, die offensichtlichen Simulanten abzuwimmeln, wenn du willst.“

„Großartig.“

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann auf Tom, den sie nur noch von hinten sah, da eine der Schwestern ihn mit zu den Wäscheschränken nahm. Welch ein Anblick! dachte sie sehnsüchtig, während sie die breiten Schultern, den knackigen Po und die langen Beine bewunderte. Fliss riss den Blick von ihm los und zwang sich zur Konzentration.

Im Hintergrund konnte sie Meg hören, wie sie sich bemühte, Mr. Cordy zu beruhigen, der sich bitter darüber beschwerte, dass es niemand interessiere, ob er lebte oder starb.

„Mr. Cordy, Sie haben sich Ihren Nagel halb abgerissen. Sicherlich ist das schmerzhaft, aber auf keinen Fall tödlich. Wenn Sie warten wollen, tun Sie es, aber es kann gut morgen werden, bevor wir uns mit Ihnen befassen können.“

„Aber ich habe schon eine Betäubung bekommen! Sie wird wieder vergehen!“

„Wir geben Ihnen später noch eine“, versprach Meg. „Und sehen Sie es doch positiv – im Moment tut es nicht weh, oder?“

„Ich gehe was essen und komme dann wieder her“, erwiderte er mürrisch. „Und lassen Sie ja meinen Platz nicht verfallen. Ich habe keine Lust, länger als notwendig zu warten. Wenn ich nachher nicht gleich als Erster drankomme, beschwere ich mich schriftlich bei der Verwaltung.“

„Das steht Ihnen natürlich völlig frei“, antwortete Meg gereizt, schoss gleich darauf mit blitzenden Augen an Fliss und Tom vorbei und verschwand im Wiederbelebungsraum.

Fliss biss sich auf die Lippe und blickte auf. Ihr neuer Chef beobachtete sie, die Mundwinkel leicht verzogen.

„Ich liebe diese hysterischen Typen“, sagte er leise. „Sie sind das Salz in der Suppe unseres Jobs.“

„Reden Sie von Meg oder Mr. Cordy?“ fragte Fliss nach, und er schnaubte.

„Natürlich Cordy. Ich an Ihrer Stelle hätte den Nagel herausgerissen und dann ein Pflaster um den Finger gewickelt. Vielleicht mache ich es sogar noch.“

„Um fair zu sein, es ist mehr als nur ein abgebrochener Nagel“, sagte sie und wunderte sich, warum sie diesen so ungeduldigen Patienten verteidigte. Aber Tom zog nur amüsiert die Augenbraue hoch und lächelte.

„Das hoffe ich auch für ihn“, meinte er und fügte mit leiser Stimme hinzu: „Und nun, Felicity, gehöre ich ganz Ihnen.“

Schön wärs, schoss es ihr durch den Kopf, aber sofort vertrieb sie den Gedanken wieder. In ihrem Leben gab es keinen Platz für einen Mann. Und ganz bestimmt nicht für einen Mann, der jede Frau haben konnte. Wahrscheinlich stand er auf schicke Blondinen – diese makellosen, langbeinigen Kreaturen, die niemals ihr Make-up vergaßen und auch nicht mit Gipsstaub im Haar und Farbe unter den Fingernägeln herumliefen.

Näher kommendes Sirenengeheul holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. In erster Linie war sie Krankenschwester. Und sie wollte es auch nicht anders haben.

„Auf gehts“, sagte sie forsch und warf ihm ein Lächeln zu. Ob er wohl wusste, wie wahnsinnig gut er aussah? Die Zusammenarbeit mit ihm würde eine Menge Frust für sie bedeuten. Aber da kam schon der erste Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn herangebraust. Und die Gedanken an Tom rutschten ans Ende ihrer Prioritätenliste.

Er hätte wissen sollen, dass so etwas passierte. Er hätte einfach davongehen sollen, nach Haus zu seiner Familie, und seinen neuen Kolleginnen und Kollegen sagen sollen, man würde sich morgen früh wieder sehen. Aber so etwas hatte er nie gekonnt, und darüber hatte Jane sich am meisten beschwert.

Seine Mutter und sein Vater hatten versprochen, den Kindern zu essen zu geben und sie ins Bett zu bringen, und er wusste, sie taten es gern. Dennoch nagten Schuldgefühle an ihm.

Er presste die Lippen zusammen und eilte stumm neben Felicity her, Richtung Krankenwagen. Wie immer in solchen Situation fühlte er, wie das Adrenalin ihm ins Blut schoss.

Er liebte die Arbeit unter solchen Bedingungen. Wenn er nicht wusste, was ihn erwartete. Deswegen arbeitete er auch in der Notaufnahme.

Und er versuchte sich einzureden, diese neckenden Augen, das flotte Mundwerk und die weiblichen Formen seiner neuen Kollegin hatten nichts, absolut gar nichts damit zu tun, dass er geblieben war!

Es war wunderbar, mit ihm zusammenzuarbeiten. Fliss nahm ihn unter ihre Fittiche und bemühte sich, ihre Motive nicht näher zu ergründen. Sie hätte gedacht, dieser Mann würde sie ablenken, aber schon nach ein paar Sekunden Zusammenarbeit vergaß sie alles andere und war nur noch auf ihre Patienten konzentriert.

Eine Frau Ende zwanzig, Anfang dreißig hatte ernste Brust- und Beckenverletzungen, und ihr Blutdruck war erschreckend niedrig. Eine falsche Entscheidung, ja selbst ein Zögern aus Unschlüssigkeit konnte sie das Leben kosten. Fliss fragte sich, wie Tom mit dem Fall umgehen würde.

Brillant, gab sie sich gleich darauf die Antwort. Er hatte den Zustand der Patientin sofort richtig eingeschätzt, eine Infusion gelegt und innerhalb weniger Minuten eine Thoraxdrainage, die ihr den Druck von den Lungen nahm. Dann untersuchte er vorsichtig ihr Becken, und die Patientin stöhnte auf.

„Gebrochen“, sagte er. „Okay, zuerst Röntgenaufnahmen des gesamten Rückgrats, des Beckens und der Brust. Dann wissen wir, woran wir sind. Haben wir einen externen Fixateur zur Verfügung?“

Fliss nickte. „Ja, aber wollen Sie das hier vor Ort machen, anstatt sie in den OP zu schicken?“

„Möchten Sie mit Beckenfraktur öfter als notwendig transportiert werden?“ murmelte er. „Also, ich nicht. Wir können es hier machen, das geht in Ordnung. Und wir brauchen Bluttests. Blutbild, Harnstoff und Elektrolyte, dazu Kreuzprobe. Diese Rippen sehen mir nicht gut aus, möglicherweise sind auch sie gebrochen. Wenn sich eine verschiebt, kann sie ihr die Lunge perforieren. Ich möchte die Patientin so weit stabilisieren, dass sie gleich in den OP kann.“

Die Röntgenaufnahmen ergaben leider beidseitige Beckenfrakturen, wohl bedingt durch den seitlichen Aufprall beim Unfall. Tom beugte sich über die Verletzte und erklärte ihr mit ruhigen, sachlichen Worten, was getan werden musste.

„Es hört sich nicht schön an, ist aber notwendig und längst nicht so schrecklich, wie es klingt. Danach werden Sie sich erheblich besser fühlen.“

„Das hoffe ich“, keuchte sie. „Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden.“

Innerhalb weniger Minuten war der Fixateur zu Toms Zufriedenheit angebracht, und die Patientin befand sich auf dem Weg zum OP.

Er streifte Handschuhe und Kittel ab, drückte den Rücken durch und warf Fliss ein schiefes Grinsen zu.

„Wen haben wir noch?“

Sie erwiderte spontan sein Lächeln. „Ich höre schon wieder Sirenen – sind Sie sicher, Sie haben noch Zeit?“

„Aber natürlich. Ich habe mehr Zeit als mancher von denen, die da gerade ankommen.“ Er blickte hinüber zu dem anderen Team, das sich geschlagen geben musste. Ihr Patient war nicht mehr wieder zu beleben gewesen.

„Danke“, sagte sie, aber er zuckte nur mit den Schultern.

„Danken Sie mir nicht. Ich tue meinen Job.“

„Heute nicht.“

„Jeden Tag“, korrigierte er sie. Sie teilte diese Einstellung. Auch sie hätte nicht einfach Feierabend machen können. „Gehen wir hinaus“, meinte er, und bald darauf übernahmen sie den nächsten Patienten, dann den übernächsten und so weiter, zusammen mit den anderen Teams.

Tom war ein fähiger Arzt, wie Fliss schnell feststellte. Sie arbeiteten fast schweigend, Hüfte an Hüfte, Schulter an Schulter, und je länger sie mit ihm arbeitete, umso stärker spürte sie eine Harmonie zwischen ihnen, als wären sie schon jahrelang Kollegen.

Das war eine überaus überraschende Erkenntnis. So etwas hatte sie noch nicht erlebt, und sie fragte sich, ob es einfach nur ein glücklicher Zufall war. Wahrscheinlich. Aber sie hatte den Kopf voll mit anderen Dingen, und so arbeiteten sie zügig und kompetent, bis die letzten Patienten in den OP gerollt wurden.

„So, das wars.“ Sie streifte sich die Handschuhe ab und hob den Kopf, um Tom anzusehen, ihr gewohntes freundliches Lächeln im Gesicht. Aber in diesem Augenblick passierte etwas Elementares, Überraschendes, und als sich ihre Blicke verfingen, erstarb ihr das Lächeln auf den Lippen.

Fliss, die sich normalerweise wie ein offenes Buch empfand, erkannte plötzlich, dass es darin Seiten gab, die noch nie jemand gesehen hatte. Und dieser Mann, dieser Fremde, mit dem sie perfekt zusammengearbeitet hatte, schlug diese Seiten mühelos auf, las Dinge, die sie fürchtete, ja, ihre geheimsten Gedanken, auf eine Weise, die sie selbst nicht verstand.

Zu ihrer Verblüffung erhielt auch sie einen Einblick, viel zu intim dafür, dass sie sich erst ein paar Stunden kannten. Sie entdeckte Einsamkeit und Trauer in seinen Augen – und Verlangen. Ein Verlangen, das ihr eigenes widerspiegelte.

Ihr wurde bewusst, dass sie bis jetzt immer etwas von sich zurückgehalten hatte, aber die wenigen Stunden mit diesem Fremden hatten diese verborgenen Sehnsüchte an die Oberfläche geholt. Und die Anziehungskraft zwischen ihnen war wie ein Schock für Fliss.

Schockierend und seltsam aufregend.

Anscheinend ging es nicht nur ihr so. Seine Augen verdunkelten sich, verrieten Erregung. Doch dann runzelte er die Stirn, atmete tief durch und trat einen Schritt zurück. Damit riss das Band und gab sie frei, ließ sie erleichtert und voller Bedauern zugleich zurück. Sie wandte sich ab, mit brennenden Wangen, und begann umständlich aufzuräumen, während sie unmerklich tief durchatmete und versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.

Meg unterbrach sie dabei.

„Komm, es wird Zeit, dass wir gehen. Lass die Nachtschicht aufräumen. Es ist schon nach neun, wir hätten schon vor einer Stunde Dienstschluss gehabt. Und gestern warst du krank. Du musst dich ausruhen, und Sie“, wandte sie sich an Tom, „sollten überhaupt nicht hier sein.“

„Was ist mit Mr. Cordy und seinem Nagel? Soll ich mich nicht noch schnell mit ihm befassen?“ fragte Fliss, aber Meg lachte nur.

„Oh, der ist schon vor Stunden verschwunden. Es wurde ihm zu langweilig. Er holte tief Luft, riss den Nagel heraus und bat um ein Pflaster. Drei Minuten später war er weg.“

Sie lachten, aber Toms Lachen wirkte irgendwie angestrengt. Sicher bedauerte er diesen unbeschreiblich intimen Moment zwischen ihnen, der den Boden unter ihren Füßen zum Wanken gebracht hatte.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und lächelte schwach. „Ich gehe jetzt besser nach Haus, solange meine Familie noch wach ist“, sagte er mit gespielter Munterkeit.

Fliss durchzuckte ein dummes, niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung.

Warum? Sie hatte keine Zeit für eine Beziehung. Das wäre wirklich das Letzte für sie. Sie wollte nur einen verlässlichen, vertrauenswürdigen Kollegen.

Aber warum machte es ihr dann so viel aus, dass zu Haus Frau und Kinder auf ihn warteten?

Im Haus war es still. Aus dem Wohnzimmer seiner Eltern am Ende des Flurs konnte er das leise Murmeln des Fernsehers hören. Von oben drangen schwach die Rhythmen aus der Stereoanlage seiner Tochter herunter.

Er hatte gedroht, ihr das Gerät wegzunehmen, wenn sie weiterhin solchen Krach machte. Offenbar hatte sie es akzeptiert – oder seine Eltern hatten noch einmal mit ihr gesprochen.

Ansonsten wirkte alles friedlich.

Er seufzte erleichtert, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und besah sich den Inhalt.

„Ich habe dir etwas vom Mittagessen aufbewahrt. Es steht in der Mikrowelle.“

Er richtete sich auf und drehte sich zu seiner Mutter um. Sie sah aus wie immer. Jedes Haar ihrer Frisur an seinem Platz, das gewohnte ruhige Gesicht, ein Fenster ihrer ausgeglichenen Persönlichkeit.

Darum beneidete er sie. Nicht um ihr Äußeres. Um diese Ausgeglichenheit. Was würde er dafür geben …

Tom drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Du bist ein Goldstück. Alles in Ordnung?“

„Ja. Catherine hört Musik und liest, und Andrew ist schlafen gegangen. Die Zwillinge sind schon seit Stunden im Bett. Der Nachmittagsspaziergang hat sie wohl geschafft. Wie war es im Krankenhaus? Sind deine neuen Kollegen nett?“

Er dachte an Felicity, und plötzlich schien sein Blut heißer durch die Adern zu strömen. „Gut“, sagte er, wandte sich ab von den alles sehenden Augen seiner Mutter und begann sich die Hände in der Spüle zu waschen. „Ich denke, mir wird es dort gefallen. Prima Zusammenarbeit.“

Und eine Unfallschwester mit scharfem Witz und Verstand, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausübte und einen göttlichen Körper hatte. Eine Frau, um die er unter den gegebenen Umständen einen Riesenbogen machen sollte, auch wenn er stark versucht war, genau das Gegenteil zu tun.

„Oh, das freut mich aber“, erwiderte seine Mutter. „Möchtest du einen Teller Hühnerfrikassee oder dich erst einmal ein paar Minuten hinsetzen?“

Sein Magen knurrte und antwortete damit für ihn. Tom grinste und schob Frust und Verlangen beiseite. „Mum, du bist die Allerbeste. Ich sterbe vor Hunger. Das Hühnerfrikassee, bitte.“

Sie lachte und drückte ihn auf den Stuhl, stellte die Mikrowelle an und reichte ihm ein Glas Wein. „Dann gefällt dir der Posten schon jetzt?“

„Ja, sehr. Nun muss ich nur noch ein Haus für uns finden und eine Betreuung für die Kinder organisieren, dann seid ihr uns endlich wieder los und habt eure Ruhe.“

Ihr Lächeln verblasste ein wenig. „Tom, sag das nicht. Du weißt, ich genieße es, die Kinder hier zu haben, und deinem Vater geht es ebenso. Die Kinder brauchen den Einfluss einer Frau, besonders Catherine. Sie ist genau in dem Alter.“

„Wem sagst du das“, stöhnte er. „Wie auch immer, wir bleiben in der Nähe und werden euch immer brauchen. Gib dich also keinen Illusionen hin, dass ihr wieder euer gewohntes Leben leben könnt!“ Natürlich spaßte er nur, aber es machte ihm schon Sorgen, dass er auf seine Eltern angewiesen war. Wenn nur Jane …

„Das wollen wir doch gar nicht. Dein Vater und ich haben uns vorher fürchterlich gelangweilt. Das Rentnerdasein bekommt uns nicht.“

„Das sollte es aber. Ihr habt es euch redlich verdient. Früher fürchtete ich oft, eure Firma würde euch noch ins Grab bringen.“

Sie lachte. „Vielleicht war es manchmal hart an der Grenze, aber die Firma war auch unser Leben. Ohne sie ist es seltsam ruhig. Die Kinder sind genau die Ablenkung, die wir brauchen.“

„Aber das Haus platzt aus allen Nähten. Versteh mich nicht falsch, Mum, ich bin unendlich dankbar, aber auch wenn es nur eine Übergangslösung ist, euer Haus ist einfach zu klein für uns alle. Irgendwann gehen wir uns gegenseitig an die Kehle.“

„Dann kauf eins, das für uns alle groß genug ist“, erwiderte sie. „Jeder bekommt seinen Bereich, und wir leben zusammen. Das wird bestimmt schön.“

Überrascht hörte er ihren Vorschlag. Die Vorstellung, jemand im Haus zu haben, dem er die Kinder anvertrauen konnte, war äußerst verlockend. Und die Einschränkung seines Privatlebens machte ihm am wenigsten aus. Schließlich hatte er in diesem Leben sowieso nicht vor, sich jemals wieder mit einer Frau einzulassen.

Ungewollt stieg Felicitys Bild vor ihm auf. Sein Herz geriet kurz aus dem Takt.

Unsinn. Er hatte keine Zeit für eine Frau. Außerdem war sie eine Kollegin. Wahrscheinlich verheiratet, wenn es auch nur einen einzigen richtigen Mann in Suffolk gab.

Allerdings, einen Ring trug sie nicht …

„Ich werde darüber nachdenken.“

Die Mikrowelle klingelte und ersparte ihm vorerst weitere Diskussionen. Aber später, nachdem er Catherine einen Gutenachtkuss gegeben und noch einmal nach den anderen dreien gesehen hatte, sprach seine Mutter das Thema wieder an.

„Also, wegen dieser Hausangelegenheit …“, sagte sie in einem Ton, der zeigte, sie hatte die ganze Zeit darüber nachgedacht. „Dein Vater und ich brauchen kein großes Haus mehr, aber für uns alle ist dieses nicht groß genug, wie du richtig betont hast. Ihr benötigt eine Menge Platz. Dein Vater und ich überlegen allerdings schon seit einer Weile, ob wir uns nicht etwas ohne Treppen suchen. Du weißt, sein Knie macht ihm mehr und mehr zu schaffen.“

„Aber in einem größeren Haus sind auch mehr Treppen.“

„Das wäre kein Problem, wenn ihr das obere Stockwerk bewohnt, dazu das Erdgeschoss bis auf ein paar Zimmer, beziehungsweise eine kleine Einliegerwohnung. Dann hätte jeder seine eigenen Räume, aber wir könnten für euch da sein, wenn ihr uns braucht.“

Sie scheinen wirklich entschlossen zu sein, dachte Tom. Offensichtlich haben sie es eingehend besprochen. Leider brauchte er Zeit zum Nachdenken, und die war im Augenblick etwas knapp.

Und das waren auch geeignete Häuser in seiner Preisklasse.

„So etwas kann ich mir nicht leisten“, sagte er offen.

„Aber wir können es – wir alle zusammen, wenn wir unser Geld zusammenlegen. Wir haben das Geld aus dem Verkauf der Firma …“

„Das ist doch eure Altersabsicherung!“ protestierte er, aber sein Vater schüttelte den Kopf.

„Nein. Unsere Zusatzrente ist mehr als genug. Wir hatten sowieso überlegt, was wir mit dem Geld machen. Grundeigentum ist eine sichere Anlage …“

„Nicht immer.“

„Auf lange Sicht schon.“

Tom gingen die Einwände aus. Was seine Eltern da vorschlugen, wäre die Lösung all seiner Probleme.

„Wisst ihr was?“ schlug er vor. „Wollt ihr nicht die Immobilienmakler abklappern und sehen, was dabei herauskommt? In den nächsten ein, zwei Wochen bin ich wegen meines neuen Jobs voll ausgelastet. Zudem muss ich mich um die Einschulung der Kinder kümmern. Aber wenn ihr etwas Passendes findet, schaue ich es mir gern an. Ich stecke nur ungern all das sauer verdiente Geld in ein Haus, aber es könnte für uns alle die optimale Lösung sein, wenn ihr es wirklich wollt.“

„Natürlich wollen wir. Betrachte es als beschlossen“, sagte sein Vater mit leuchtenden Augen. „Eileen und ich fangen gleich morgen früh an.“

Tom erhob sich, umarmte dankbar seine Mutter, drückte seinem Vater die Schulter und ging in das Zimmerchen, das zurzeit sein kleines Reich war.

Als Arbeitszimmer reichte es, für ein Schlafzimmer war es ein wenig eng. Aber besser dies, als sich ein Zimmer mit Andrew teilen zu müssen. Er zog sich um, legte sich aufs Bettsofa, starrte hinauf an die Decke und ließ im dämmrigen Licht seinen Gedanken freien Lauf.

Er freute sich wirklich auf seine neue Stelle. Sicher, in einem neuen Krankenhaus anzufangen, stellte stets eine Herausforderung dar, aber der heutige Tag war eine hervorragende Gelegenheit gewesen, sich einzuarbeiten und alle dort kennen zu lernen.

Und dann war sie wieder da – diese Frau, deren Körper er gespürt hatte, deren Gedanken seine eigenen widerspiegelten und deren Duft er noch immer in der Nase hatte. Ein verlockender Duft.

In wenigen Stunden würde er sie wiedersehen.

Nein. Er wollte nicht darüber nachdenken. Er musste seine Prioritäten im Kopf behalten. Und eine Frau stand da ganz unten auf der Liste.

Sogar diese Frau. Vielleicht ganz besonders diese Frau.

„Felicity.“

Ohne lange darüber nachzudenken, sprach er ihren Namen laut aus, schmeckte ihn, schloss den Mund wieder und seufzte tief. Er drehte sich auf die Seite und schloss fest die Augen.

Sie war noch immer da. Er drückte das Kissen in Form, schob es unter den Kopf und zwang sich, Schäfchen zu zählen.

Viele Schäfchen.

Es würde eine lange Nacht werden.

2. KAPITEL

Fliss warf einen Blick auf ihre Uhr und seufzte. Gern hätte sie auf die Überstunden heute verzichtet, auch wenn sie zum Schluss mit dem faszinierendsten Mann seit Jahren zusammengearbeitet hatte.

Und wenn schon? Er war verheiratet und hatte Kinder. Sie brauchte wirklich keine weiteren Komplikationen. Ihr reichten die, die sie hatte – angefangen mit diesem Haus.

Es war bereits halb zehn. Morgen früh um halb acht standen die Handwerker vor der Tür, bereit, sich von ihr für den Tag instruieren zu lassen. Sie war erschöpft und hatte eigentlich überhaupt keine Lust mehr, jetzt noch am Haus zu arbeiten.

Da morgen früh jedoch die Verputzer kamen, blieb ihr keine andere Möglichkeit. Zeitlich war sie sowieso schon im Verzug, und wenn sie ihr Budget nicht hoffnungslos überziehen wollte, musste sie die alte Küche ausräumen, die Reste der alten Tapete abreißen und klar Schiff machen, damit Bill gleich morgen früh loslegen konnte.

Und das bedeutete natürlich, sie hatte für die nächsten ein, zwei Wochen keine Küche. Großartig. Seufzend löste sie die Spüle von den Abflussrohren, schleppte sie hinaus in den Garten und ging zurück, um sich den Herd vorzunehmen.

Der Chinese um die Ecke würde sich freuen. Sie würde sich dort mit Essen versorgen müssen. Der Himmel mochte ihrer Taille gnädig sein.

Fliss schnappte sich einen schweren Hammer und schlug die alten Fliesen ab, ehe es zu spät wurde. Schließlich wollte sie nicht die Nachbarn ärgern.

Die Elektrik war bereits neu verlegt worden, und während sie die alten Steckdosen aus den Wänden riss, fragte sie sich, warum sie all dies tat, obwohl sie doch einen respektablen Job hatte.

Sie musste verrückt sein. Absolut verrückt. Nur ein Irrer würde sich zusätzlich zu einem anstrengenden Beruf und der Betreuung einer verwitweten Mutter noch die Renovierung heruntergekommener Häuser aufladen. Die meisten Frauen Ende zwanzig saßen gemütlich in ihren hübschen Heimen mit Ehemann und Kindern und schlugen nicht alten Putz von den Wänden oder kämpften mit störrischen alten Leitungen.

Endlich, kurz vor elf, kratzte sie das letzte Tapetenstück von der Wand und trat zurück.

Geschafft. Nun brauchte sie etwas zu trinken, um den Staub in der Kehle herunterzuspülen. Aber sie konnte kein Glas finden. Also holte sie eine Dose Bier aus dem Kühlschrank, ließ ein heißes Bad ein und kroch hinein, spürte, wie der Stress langsam von ihr abglitt, während sie das eiskalte Getränk Schluck für Schluck genoss … und doch wieder an ihren neuen Kollegen dachte. Offenbar war sie noch nicht müde genug.

Tom.

Allein nur an seinen Namen zu denken, verschaffte ihr eine Gänsehaut. Vielleicht aber lag es auch am kalten Bier. Was auch immer, mit ihm zu arbeiten dürfte interessant werden.

Vergiss nicht, er ist verheiratet und hat Kinder, erinnerte sie sich streng. Damit war er für sie tabu. Außerdem hatte sie genügend Verpflichtungen. Da fehlte es ihr noch, sich mit einem verheirateten Mann einzulassen. Das hatte sie hinter sich. Und sie würde es nie wieder tun!

„Schönes Wochenende gehabt?“

Angie, Fliss’ direkte Vorgesetzte, die gerade etwas an die Dienstplantafel schrieb, lächelte ihr über die Schulter gewandt zu. „Wundervoll. Die meiste Zeit habe ich im Garten verbracht. Ich hatte ganz vergessen, wie schnell das Unkraut im Frühling wächst. Und bei dir? Alles im Lot?“

Fliss nickte. „Ja, danke. Gestern war hier die Hölle los.“

„Das habe ich gehört. Und du hast unseren Neuen kennen gelernt, nicht wahr?“

„Stimmt. Er kam am späten Nachmittag her, dumm von ihm, und musste gleich bei dem Unfall mit anpacken.“

„Nick war ausgesprochen beeindruckt von ihm. Er hält ihn für exzellent.“

Fliss dachte an seine Hände, die geschickten, schlanken Finger, wie er schnell und methodisch ohne jeden Fehler Patient um Patient damit behandelt hatte. Rasch verscheuchte sie die Erinnerung an ihren Traum, heute Morgen kurz vorm Aufwachen. Da hatte sie die Hände auf ihrer Haut gespürt …

„Ja, das ist er, Gott sei Dank. Zumindest müssen wir nicht den Babysitter spielen, solange er sich einarbeitet. Fünf Stunden im Wiederbelebungsraum waren wohl ein echter Crashkurs, aber ich denke, er rafft es!“

„Sie sind zu freundlich.“

Fliss schlug plötzlich das Herz im Hals. Sie drehte sich um, lächelte und bemühte sich um einen lockeren Ton. „Hallo … da sind wir ja wieder. Hat Ihre Familie Ihnen verziehen?“

Er lachte kurz und trocken auf. „Das kennen sie von mir. Es war nicht das erste Mal. Die Kleinen schliefen – nur Catherine war noch wach, als ich kam.“

Seine Frau hieß also Catherine. Auf einmal hasste sie den Namen. „Wir müssen dafür sorgen, dass Sie heute zeitig nach Haus kommen“, sagte sie leichthin und mit einem netten, hoffentlich neutralen Lächeln.

Sein leises Lachen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. „Sie können es ja versuchen“, sagte er sanft, „aber die Chancen stehen schlecht, wenn es eine problematische Situation gibt. Was Verpflichtungen angeht, bin ich ziemlich konservativ.“

Obwohl es gestern Abend so aussah, als könntest du durchaus auch ein paar Schritte vom Weg abkommen, dachte sie. Doch dann rief sie sich zur Ordnung. Der Mann war verheiratet. Und sie hatte keine Affären mit verheirateten Männern. Niemals.

Ihre letzte Beziehung lag so lange zurück, dass sie sich kaum noch erinnerte, wann das gewesen war.

„Also, was liegt heute an?“ wandte sie sich an ihre beiden Kollegen. „Bislang sieht es ja wunderbar ruhig aus.“

„Ein junger Mann mit heftigen Kopfschmerzen auf Grund einer Kopfverletzung, dann eine Reihe von Patienten mit Schnittwunden und Prellungen, Folgen dummer Unfälle, Verbrennungen …“, zählte Angie auf.

„Das Übliche also.“

„Genau. Im Röntgenraum wartet ein Mädchen mit Radiusfraktur, das eine Unterarmgipsschiene braucht. Und es müssen einige Schnittverletzungen genäht werden.“

„Und ich werde erst einmal etwas essen, bevor ich vor Hunger umfalle“, meinte Tom grinsend. „Bis gleich. Rufen Sie mich, wenn etwas Aufregendes passiert.“

„Ganz bestimmt“, versicherte Fliss, erwiderte sein Lächeln und machte sich dann auf zu dem Mädchen mit der gebrochenen Speiche. Die Mutter war fürchterlich besorgt – allerdings mehr um die Tenniskarriere ihrer Tochter. Fliss hatte alle Mühe, sie zu überzeugen, dass es nur ein einfacher Bruch war, der perfekt heilen würde, wenn man ihm genügend Zeit ließ.

„Wie viel Zeit?“

Fliss zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Einige Monate vielleicht. Am Junior Wimbledon wird sie dies Jahr nicht teilnehmen können, das ist sicher. Aber danach sollte es keine Schwierigkeiten mehr geben.“

„Aber die Tennissaison beginnt jetzt! Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können!“

„So etwas kommt immer wieder vor. Immerhin ist es kein komplizierter Bruch.“

„Mir reicht der Schmerz aber“, sagte das Mädchen erstickt.

„Das Schmerzmittel sollte bald wirken“, tröstete Fliss sie. „Sicher, es wird ungefähr eine Woche lang noch ein wenig wehtun, und du musst den Arm in der Schlinge tragen. Sobald die Schwellung abgeklungen ist, wird der Arm vollständig eingegipst, bis der Knochen wieder richtig zusammengewachsen ist. Das dürfte nach sechs Wochen der Fall sein.“

„Falls überhaupt!“ Stephanie klang unglücklich.

„Ganz bestimmt“, versicherte Fliss ihr.

„Ich wusste gleich, dass so etwas passieren würde“, klagte die Mutter. „Du hättest die Wand nicht hochklettern sollen.“

„Aber Mum, das war im Sportunterricht! Ich musste es tun, wir bekommen Zensuren dafür. Außerdem mag ich Sportunterricht“, erwiderte ihre Tochter.

„Du magst Tennis, und nun kannst du wochenlang nicht spielen. Du wirst deinen Platz in der Kreismannschaft verlieren und …“

„Ich finde, all dies kann warten, bis es Stephanie wieder besser geht“, mischte sich Fliss resolut ein. Der Mutter schien der Tenniserfolg wichtiger zu sein als die Gesundheit ihrer Tochter. „Jetzt braucht sie Ihre Liebe und ein wenig Mitgefühl. Wollen Sie nicht mit ihr nach Haus fahren, ihr etwas Leichtes zu essen geben und sie ins Bett bringen, damit sie sich ausruhen kann?“

Mrs. Wright warf ihr einen missbilligenden Blick zu, aber Fliss ließ sich nicht einschüchtern, und nach einem Moment wurde Mrs. Wright rot und schaute als Erste zur Seite.

„Sie haben Recht. Es tut mir Leid, mein Liebling. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Komm, fahren wir heim.“

Nachdem die beiden gegangen waren, räumte Fliss auf und verließ den Gipsraum, um sich den nächsten Patienten anzusehen.

Einige Nähte später begab sie sich in den Personalraum, wo sie Tom mit Nick Baker und Matt Jordan vorfand. Die Männer lachten schallend über eine Geschichte, die Nick von seinem kleinen Jungen erzählt hatte, wie Fliss aus den letzten Worten schloss.

„Alle drei im Dienst? Wer immer den Plan aufgestellt hat, weiß mehr als ich“, bemerkte sie leichthin, und Nick lachte leise und strebte zur Tür.

„Bin schon weg. Ich wollte nur mein Handy holen. Hatte es gestern hier liegen gelassen. Aber nun mache ich mich vom Acker. Achtundvierzig Stunden Dienst am Stück reichen mir. Also, bis Mittwochmorgen.“

„Und ich muss mir noch ein paar Untersuchungsergebnisse besorgen“, meinte Matt und verschwand ebenfalls.

Fliss schaute zur Tür und rümpfte die Nase. „Rieche ich?“

Tom lachte kurz auf. „Nun, ich wollte ja nichts sagen …“

Sie warf mit einem zerknüllten Papiertuch nach ihm. „Konnten Sie denn in Ruhe Ihr Mittagessen essen?“ fragte sie dann.

Er nickte. „Erstaunlicherweise. Doch ich sage Ihnen, um vier Uhr wird hier der Teufel los sein. Das ist immer so – der gestrige Tag war der Beweis dafür.“

„Murphys Gesetz?“

„So ähnlich“, meinte er lachend. „Und Sie – gab es Ärger, weil Sie gestern erst so spät nach Haus kamen?“ Er lehnte sich lässig an den Tisch neben ihr und sah sie neugierig an.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Warum sollte ich Ärger bekommen?“

Er zuckte mit den Schultern und lächelte charmant. „Ach, ich werfe nur meine Angel aus …“

Vorsicht, er ist verheiratet, sagte sie sich. „Tut mir Leid. Beißt keiner an. Ich führe ein untadeliges Singledasein.“

Tom richtete sich wieder auf und sah ihr in die Augen. „Welch eine Verschwendung“, sagte er sanft und ging zur Tür. Fliss blieb mit klopfendem Herzen und Atemnot zurück.

Tom behielt Recht, zum Leidwesen aller. Punkt vier Uhr brach tatsächlich die Hölle los. Einweisungen von Hausärzten und Unfallopfer kamen herein. Es ging Schlag auf Schlag. Die letzte Patientin war eine junge Frau, die mit ihrem Kinderwagen die Straße hatte überqueren wollen und von einem Auto erfasst worden war.

Wie durch ein Wunder wurde das winzige Wesen dabei offenbar nicht verletzt, aber der Zustand der Mutter war kritisch.

„Wir müssen intubieren“, kam Toms knappe Beurteilung, und noch ehe er den Satz zu Ende gesprochen hatte, drückte ihm Fliss das Laryngoskop in die Hand. Innerhalb von Sekunden waren die Luftwege der jungen Frau gesichert. Nun übernahm Fliss, während Tom einen Blick auf den Herzmonitor warf.

Das Herz schlug zwar noch, allerdings schwach und unregelmäßig. Tom überprüfte rasch die Hirnfunktionen und die Tiefe ihrer Bewusstlosigkeit.

„GCS bei drei“, verkündete er den Wert der Glasgow-Coma-Scala. „Sieht nicht gut aus. Rechts Pupillenstarre, Pupille erweitert, links Stecknadelpupille. Wir haben es hier mit einer massiven Schädelverletzung zu tun. Wir müssen sofort ein CT machen.“

Aber dann setzte ihr Herz aus, genau in dem Moment, in dem eine junge Frau hereinstürmte und wie angewurzelt stehen blieb, die Hände vor den Mund gepresst, die Augen weit aufgerissen.

„Jodie?“ flüsterte sie. „Mein Gott, sagen Sie mir, dass sie wieder gesund wird! Sie war doch gerade noch neben mir, stand …“

„Bringen Sie sie bitte in den Warteraum für Angehörige?“ bat Tom mit gesenkter Stimme die am nächsten stehende Krankenschwester. „Laden – zurücktreten!“ Er drückte die Elektroden auf die Brust der Patientin, jagte den Stromstoß durch ihren Körper. Sie bog sich durch und sank wieder zusammen, während er einen Blick auf den Monitor warf.

„Asystolie“, bemerkte Fliss unnötigerweise.

„Oh Gott, ist meine Schwester tot?“

„Noch nicht“, erwiderte Tom grimmig. „Warteraum, bitte.“

Aber dann hörte er sie tief durchatmen. „Lassen Sie mich bleiben. Sie würde es wollen. Ich sollte bei ihr sein, wenn sie stirbt.“

Und weil die junge Frau jetzt ruhig wirkte, gab Tom nach.

Schließlich aber richtete er sich auf und sah auch in den Augen der anderen die Antwort. „Ich gebe auf“, sagte er leise. „Todeszeitpunkt sieben Uhr zweiundvierzig. Es tut mir Leid. Dank an alle.“

Er streifte sich die OP-Handschuhe und den Kittel ab und ging hinüber zu der jungen Frau, die gegen die Wand gesunken war, die Faust halb in den Mund gepresst. Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Schulter.

„Es tut mir sehr, sehr Leid. Wir konnten nichts mehr tun, aber falls es ein Trost ist, sie hat nicht gelitten.“

Sie nickte, doch dann blickte sie sich wild um. „Das Baby – was ist mit dem Baby? Oh nein, sagen Sie mir, es ist gesund!“

„Dem Kind geht es gut“, versicherte ihr Felicity. „Es ist in guten Händen. Kommen Sie, wir besorgen Ihnen eine Tasse Tee, und wenn Sie ausgetrunken haben, bringe ich Sie zu der Kleinen.“

Sie legte der Frau den Arm um die Schultern und führte sie weg, während Tom die erforderlichen Papiere ausstellte.

Einige Minuten später fand er die junge Frau mit Felicity und zwei Babys im Raum, der den Verwandten der Patienten vorbehalten war. Die Schwester der Verstorbenen weinte leise vor sich hin, während sie eins der Babys stillte. Tom runzelte verwirrt die Stirn. Das Kind der Toten war sicher noch ganz jung, und doch …

Felicity lächelte ihn an, das andere Baby schlafend im Arm. „Kate stillt gerade ihre Nichte. Das Kind wollte keine Flasche.“

„Ich habe sie auch sonst ab und zu gestillt. Jodie wollte sie stillen, konnte es aber nicht immer.“ Sie strich dem Baby zärtlich über die Wange, und Tom hatte auf einmal einen Kloß im Hals beim Anblick dieser jungen Frau, die so selbstverständlich das Kind ihrer toten Schwester nährte. „Jodie hat sie so geliebt, aber sie konnte sich nicht richtig um sie kümmern“, sagte Kate. „Sie hatte eine Gehirnschädigung und konnte nur begrenzt lernen. Sie wurde von einem der Burschen vergewaltigt, mit denen sie zur Schule gegangen ist. Aber weder er noch Jodie verstanden wirklich, was passierte. Dass sie schwanger war, begriff sie jedoch, weil auch ich gleichzeitig schwanger war. Sie fand es wundervoll …“

Ihre Stimme brach.

„Könnte ich vielleicht meine Mum anrufen? Sie wird sich wundern, wo wir bleiben, und ich muss ihr von Jodie berichten.“

„Sie wurde schon angerufen“, sagte Tom sanft. „Ich werde mit ihr sprechen, wenn sie hier ist. Füttern Sie nur das Kind weiter und sorgen Sie dafür, dass es ihm gut geht. Mit ihm ist alles in Ordnung. Es braucht jetzt nur Liebe.“

„Die wird sie bekommen“, versprach die junge Frau gefühlvoll, und Tom ging davon, ehe ihn die eigenen Emotionen überwältigten. Eine halbe Stunde später, nachdem er mit der Mutter gesprochen hatte, und drei Stunden nach Dienstschluss rief Catherine an.

„Dad, unter der Spüle läuft Wasser raus, über den ganzen Fußboden, und Grannie und Grandpa sind nicht da. Was soll ich tun?“

„Wasser?“ Der Gedanke an ein geplatztes Wasserrohr versetzte ihn in Panik. „Wie viel Wasser?“

„Unmengen. Es schießt richtig heraus.“

Schießt heraus. Verdammt. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

„Okay, ich komme jetzt nach Haus. Leg ein paar Handtücher auf den Boden …“

„Handtücher?“ kreischte sie. „Daddy, ich stehe knöcheltief im Wasser!“

Er fluchte, leise, aber kräftig. „Okay. Bring alles aus dem Gefahrenbereich, so gut du kannst. In zehn Minuten bin ich zu Haus. Ich versuche einen Klempner aufzutreiben. Wo sind die Großeltern?“

„Deine Eltern“, betonte sie, „sind zu ihrem Bridgeabend. Das wusstest du doch. Sie sagten, du würdest zu Haus sein, aber ich habe ja geahnt, dass du es nicht schaffst.“ Sie klang triumphierend und anklagend zugleich. Er seufzte und rollte die verspannten Schultern.

„Okay, ich komme jetzt. Und nur keine Panik.“

Er legte auf und schaute sich unter seinen Kolleginnen und Kollegen um. „Weiß vielleicht jemand, wo ich um diese Zeit einen Klempner herbekomme?“

Alle lachten, wirklich jeder, aber irgendjemand – hieß sie nicht Sophie? – deutete hinter ihn.

„Versuchen Sie es mit ihr.“

Er drehte sich um. Felicity stand da und betrachtete ihn wachsam. „Was versuchen?“ fragte sie.

„Ich brauche einen Klempner.“ Er erklärte kurz. „Wissen Sie, wo ich jetzt einen finden kann?“

Sie lachte leise auf. „Im Prinzip schon. Wo wohnen Sie denn?“

„Ungefähr eine halbe Meile entfernt vom Friedhof an der Tuddingfield Road. Wieso fragen Sie? Kennen Sie einen Klempner?“

Wieder lachten alle.

„Nicht direkt“, sagte sie trocken. „Folgen Sie mir nach Haus. Ich muss ein paar Sachen einpacken, dann geht es weiter zu Ihnen. Leute, wir sehen uns morgen.“

Und damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und schaute Tom an, der etwas konsterniert dreinschaute.

„Also, wollen Sie das Leck geflickt haben oder nicht?“ fragte sie, und er blinzelte, klappte den Mund wieder zu und folgte ihr.

Toms Wasserproblem zu lösen war wirklich das Letzte, was Fliss gern getan hätte, besonders, wenn es bedeutete, die hysterische Catherine kennen zu lernen. Aber sie konnte einem Kollegen schließlich nicht die Hilfe verweigern. Und außerdem war sie neugierig.

Auf dem Weg zu sich nach Haus behielt sie Toms Wagen im Rückspiegel stets im Blick. Nicht dass sie fürchten musste, ihn zu verlieren. Sein Mercedes klebte fast an ihrer Stoßstange!

Sie hielt vor ihrem Haus an, ließ den Motor laufen und rannte hinein, packte ihre Klempnerkiste und eilte wieder hinaus. Dann bedeutete sie ihm, vorauszufahren. Obwohl sie die Gegend kannte, hatte sie Mühe, mitzuhalten. Er überschritt zwar nicht die vorgeschriebene Geschwindigkeit, schien aber zu glauben, er sei im Notfalleinsatz.

Das Wasser schießt nur so heraus, hatte Catherine gesagt. Na prima, das könnte Spaß machen.

Er bog auf die Einfahrt eines großen, gepflegten Hauses ein, stellte den Motor aus und sprang aus dem Wagen. Sie war nur drei Sekunden hinter ihm. Als sie anhielt, riss er die Tür auf und schnappte sich ihre Werkzeugkiste, bevor sie noch Luft holen konnte.

„Catherine?“ rief er laut, und ein hoch gewachsenes, schlankes junges Mädchen von ungefähr dreizehn oder vierzehn erschien an der Haustür. Sie verdrehte theatralisch die Augen.

„Endlich!“ rief sie auf eine vorwurfsvolle Art, wie es nur Teenager konnten, und Fliss unterdrückte ein Grinsen.

„Tut mir Leid, Catherine“, sagte er, und Fliss starrte ihn an. Catherine? Das war Catherine? Dann war Catherine also nicht seine Frau, sondern seine Tochter.

Interessant.

Sie folgte ihnen in die Küche und unterdrückte ein Lächeln. Okay, der Boden war nass, und es war mehr als ein Tröpfeln, was da unter der Spüle herauslief. Sie steckte den Kopf in den Schrank, räumte alles aus, was sich darin befand, und drehte das Absperrventil zu. Der feine Wasserschleier brach zusammen. Sie wischte sich das nasse Gesicht mit dem Ärmel ab, erhob sich und lächelte Tom schief an.

„Okay, das Wasser läuft nicht mehr“, sagte sie. „Ich muss sehen, ob ich die Verbindung fester anziehen kann. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass das Rohr dabei abreißt. Dann müsste ich ein neues Stück dazwischensetzen.“

„Schön“, sagte er und sah dabei aus, als würde er nicht viel von der Materie verstehen, wirkte aber trotzdem erleichtert.

Fliss unterdrückte ein weiteres Lächeln und verschwand nach draußen, um ihren Arbeitsanzug zu holen.

Natürlich war sie längst nass, so würde der Anzug sie nur vor Verschmutzung bewahren. Aber sie hatte keine weitere saubere Schwesterntracht zu Haus, und zudem hatte sie im Augenblick auch keine Waschmaschine.

Sie kehrte ins Haus zurück. Tom war dabei, den Boden mit Handtüchern aufzuwischen, die er in der Spüle auswrang. Catherine schob lustlos den Aufnehmer hin und her und verteilte das Wasser eher, als dass sie die Fliesen trocknete.

Fliss kümmerte sich nicht darum, sondern nahm sich eins von Toms Handtüchern, wischte das Innere des Schranks aus und kniete sich dann darauf, um sich den Schaden genauer zu besehen.

Wie zum Teufel konnte eine Frau mit tropfnassen Haaren in einem schmuddeligen, farbbeklecksten Overall nur so unglaublich sexy aussehen? Sie lag halb vor, halb unter dem Spülschrank, das eine Bein ausgestreckt, und wenn sie sich vorbeugte, um fester zupacken zu können, spannte sich die Hose über ihrem festen, süßen Po. Nur zu gern hätte er sich jetzt neben sie auf den nassen Boden gelegt und sie bis zur Besinnungslosigkeit geküsst.

Für den Anfang.

Er wrang das Handtuch über der Spüle mit einer solchen Kraft aus, dass er die Fasern reißen hörte. Aber irgendwie musste er seinen Frust ja loswerden. Schließlich konnte er sie schlecht unter der Spüle hervorzerren und vor den Augen seiner Tochter vernaschen.

Sie wand sich heraus, schob sich mit dem Handrücken das Haar aus dem Gesicht und lächelte ihn triumphierend an.

„Fertig“, sagte sie. „Das Absperrventil ist wieder offen. Können Sie den Wasserhahn öffnen, damit ich sehe, ob es wieder in Ordnung ist?“

In diesem Moment hätte er alles für sie getan. Einen Wasserhahn zu öffnen war gar nichts. Aber es schien sie zufrieden zu stellen, denn sie lächelte ihn noch einmal strahlend an, erhob sich und tippte ihm mit einem feuchten, schmutzigen Finger auf die Nasenspitze.

„Lächeln. Sie blicken so finster drein. Sie bekommen sonst Falten.“

„Die habe ich bereits“, knurrte er, und sie lachte ihm leise ins Gesicht.

„Das stimmt. Sie stehen Ihnen.“

Verdammt, sie flirtete mit ihm!

Ihm sackte das Blut aus dem Kopf in tiefer gelegene Regionen, und er riss rasch den Blick von ihr los, um hektisch den Boden zu wischen, als hinge sein Leben davon ab.

Sie packte ihre Werkzeuge wieder ein, und ihm wurde bewusst, er hatte ihr noch nicht einmal gedankt. Eigentlich hatte er überhaupt noch kein vernünftiges Wort herausgebracht.

„Felicity, danke“, murmelte er und wollte weiterreden, aber sie zog eine Augenbraue hoch.

„Beleidigen Sie mich nicht“, warnte sie, und er grinste schief.

„Daran würde ich im Traum nicht denken“, erwiderte er unschuldsvoll, und ihr Lächeln wurde breiter.

„Sehr vernünftig. So, jetzt muss ich dringend nach Haus und aus den nassen Sachen heraus.“

Musste sie das sagen? Verlockende Bilder stiegen vor seinem geistigen Auge auf, und er holte tief Luft und stand auf. Dabei hoffte er, dass sein Körper ihn nicht verriet.

„Also, ich verschwinde jetzt“, verkündete sie.

„Tom?“

Seine Eltern erschienen in der Tür. Erstaunt betrachteten sie den feuchten Boden und die ebenso feuchte Felicity in ihrem Arbeitsoverall.

Schnell erklärte Tom ihnen alles, und sein Vater griff sofort zur Brieftasche.

Felicity schüttelte den Kopf. „Von Freunden nehme ich kein Geld“, sagte sie fest.

„Felicity ist Krankenschwester. Zufällig versteht sie auch etwas von Klempnerarbeiten“, erläuterte Tom seinen verblüfften Eltern. „Mach dir keine Sorgen, Dad, ich regle das schon“, fügte er hinzu und begleitete Felicity hinaus, ehe seine kluge Mutter bemerkte, wie gut ihm die neue Kollegin gefiel.

Natürlich folgten sie ihnen, überschütteten Felicity mit Dank. Felicity nahm Tom ihren Werkzeugkoffer ab, stellte ihn in den Fußraum vor dem Beifahrersitz und schlüpfte hinters Steuer.

Und dann wollte der Wagen nicht anspringen. Sie ließ den Anlasser drehen und drehen, und schließlich erwachte der Motor spuckend zum Leben. Aber er hörte sich an, als wären sämtliche Schrauben locker.

Er öffnete die Fahrertür. „Das klingt ja erschreckend.“

„Es ist erschreckend. Er muss schon lange dringend in die Werkstatt, aber ich habe es einfach nicht geschafft. Wenn er heute Abend den Geist aufgibt, fange ich an zu schreien.“

„Tom, du kannst sie so nicht nach Haus fahren lassen“, meinte seine Mutter. „Vielleicht schafft sie es nicht. Du musst hinterherfahren.“

„Oder lassen Sie den Wagen hier stehen, und wir bringen ihn in die Werkstatt“, bot sein Vater an. „Das ist ja wohl das Mindeste, was wir für Sie tun können.“

„Das ist nicht nötig …“

„Ich fahre hinter Ihnen her“, erklärte Tom entschlossen. Er stieg in seinen Wagen, lenkte ihn rückwärts auf die Straße und folgte Felicity dann.

Sie fuhr nicht nach Haus, sondern daran vorbei, bog an der nächsten Ecke ab und hielt vor einer Werkstatt. Sie warf ihren Wagenschlüssel in einen Briefkasten und stieg zu Tom in den Wagen.

„Ich dachte schon, ich schaffe es nicht mehr. Sie können mich nicht vielleicht zu Haus vorbeibringen?“

„Nein, ich lasse Sie zu Fuß gehen“, erwiderte er trocken, wendete und hielt bald darauf vor ihrem Haus.

„Danke.“

„Nein, ich habe Ihnen zu danken. Ohne Sie würden wir ganz schön im Schlamassel stecken …“

Sie grinste. „Nein. Sie hätten dann einfach die Unterschranktür geöffnet, den Absperrhahn zugedreht und morgen früh den Klempner kommen lassen.“

„Trotzdem bin ich Ihnen dankbar. Wenn ich Sie schon nicht beleidigen darf, gehen Sie dann wenigstens mit mir essen?“

Sie lachte. „In welcher freien Minute denn? Dennoch eine nette Idee. Haben Sie überhaupt schon gegessen? An der Ecke gibt es einen Chinesen, und ich habe im Moment keine Küche. Wir könnten uns dort einen Happen holen und dazu eine Flasche Wein kaufen …“

„Ich muss noch fahren“, erinnerte er sie, aber sie grinste nur schelmisch.

„Stimmt. Ein Glas dürfen Sie trinken – so bleibt mehr für mich.“

Er geriet in Versuchung. Gewaltig.

Sie stieg aus, und ohne eine bewusste Entscheidung zu treffen, folgte er ihr.

„Zuerst muss ich aus diesen nassen Sachen heraus“, sagte sie über die Schulter, als sie ins Haus ging, und er folgte ihr den Flur entlang.

Es war ein schlichtes Reihenhaus aus viktorianischer Zeit, und sie hatte offensichtlich viel Arbeit hineingesteckt. Die Wände waren frisch gestrichen, die Dielen abgeschliffen, und sie winkte ihn in einen Raum mit frisch verputzten Wänden, aus denen diverse Drähte ragten.

„Die Küche“, sagte sie, stellte die Werkzeugkiste ab und quälte sich aus dem Arbeitsanzug. „Oder sie wird es irgendwann wieder sein. Verstehen Sie, warum ich jetzt nicht selbst kochen kann?“

„Und Sie wohnen hier?“

„Wo sonst? Ich habe keine große Auswahl.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin erstaunt. Wie lange geht das hier schon?“

„Fünf Wochen. Noch zwei, und ich kann es verkaufen.“

Er starrte sie an. „Verkaufen? Sie meinen, Sie wollen es nach all der vielen Arbeit wieder verkaufen?“

„Ja, verkaufen“, wiederholte sie und lächelte. „Ich renoviere Häuser. Beruflich.“

„Verzeihung, ich dachte, Sie wären Krankenschwester.“

„Oh, das auch. Eigentlich ist das mein Hauptberuf. Das Renovieren erledige ich in meiner Freizeit.“

Da lachte er ungläubig. „Freizeit? So viel freie Zeit haben Sie?“

„Ich habe kein Privatleben“, bekannte sie offen. „Und es ist besser, als in die Glotze zu starren. Mit meinem Krankenschwesterngehalt könnte ich nie ein Hypothekendarlehen abbezahlen. Und so gefällt es mir.“

Ihn aber beschäftigte mehr, dass sie kein Privatleben hatte. Sie hatte es schon einmal erwähnt.

„Dann gibt es also keinen Mann?“ fragte er.

Sie lachte auf. „Na hören Sie mal, wer würde denn so etwas wollen?“

„Ich“, sagte er ruhig nach einem Herzschlag, und ihre Augen wurden groß. „Ich bin geschieden. Ich habe vier Kinder, die völlig am Boden zerstört waren, als ihre Mutter sie einfach verließ. Heiraten werde ich nicht mehr, denn so etwas soll meinen Kindern nie wieder passieren. Aber ich bin einsam. Ich kenne auch kein Privatleben und habe auch keine Zeit dazu. Mir bleibt keine Zeit für jemand, der von mir regelmäßigen Feierabend, freie Wochenenden und die Gastgeberrolle auf irgendwelchen Partys erwartet. Doch ich habe …“

„Bedürfnisse?“ fragte sie sanft.

Er schluckte. „Oh ja, ich habe Bedürfnisse. Vielerlei Art. Nicht nur körperliche, sondern auch …“

Sie lächelte. „Ich auch.“ Und ohne ein weiteres Wort stellte sie sich auf die Zehenspitzen, schlang ihm die Arme um den Nacken und berührte mit ihren Lippen seine.

Sein Herz schien stehen zu bleiben, nur um dann umso schneller weiterzupochen. Als wolle es ihm aus der Brust springen.

Danach hörte er auf zu denken und verlor sich darin, diesen wunderbaren, willigen und anschmiegsamen Körper in den Armen zu halten. Ihre Lippen, warm und halb geöffnet, waren eine einzige Einladung.

Wie konnte er sie zurückweisen?

3. KAPITEL

Sie hatte es nicht vorgehabt. Sie hatte ihn wirklich nur zu einem Glas Wein und vielleicht zu einem chinesischen Imbiss einladen wollen.

Sich selbst auch gleich auf das Tablett zu legen, war nicht geplant gewesen!

Und doch, nachdem er ihr knapp seine gescheiterte Ehe umrissen, seine Vorsätze klipp und klar dargelegt und von seinen Bedürfnissen gesprochen hatte, konnte sie einfach nicht anders. Vor allem, weil sie die gleichen Bedürfnisse hatte.

Und ich will ihn nicht abweisen, wurde ihr klar, als er ihr Gesicht umfasste und sie hungrig, fast verzweifelt küsste. Sie fühlte seine Erregung, sein Verlangen, und konnte ihr eigenes nicht verbergen.

Aber das wollte sie doch gar nicht. Nichts wollte sie vor diesem Mann verbergen, den sie kaum kannte und doch besser kannte als sich selbst.

Allerdings war sie schmutzig von der Reparatur unter der Spüle, ihre Kleidung war klamm und kalt, also keine schönen Umstände für das erste Mal mit Tom.

Sie löste sich von ihm und schaute ihn an, sah den unverhüllten Hunger in seinen Augen, das männlich-kantige Kinn, die Lippen, voll und fest und ganz leicht geöffnet, während er nach Atem rang.

Sie legte ihm die Hand auf die Brust und lächelte.

Toms Herz zog sich zusammen.

„Ich muss duschen“, sagte sie mit rauchiger Stimme, ein Versprechen in den Augen.

Er folgte ihr die Treppe hinauf in ein wundervoll ausgestattetes Badezimmer. Die luxuriöse Duschkabine füllte eine Ecke des Raums. Felicity streifte sich ihre Schwesterntracht ab und stand im nächsten Moment unter dem überdimensionalen Duschkopf.

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Kommst du?“

Er gab einen anzüglichen Laut von sich, und sie lachte leise.

„Ich will es anders ausdrücken. Kommst du zu mir?“

„Beides. Hoffentlich in der umgekehrten Reihenfolge.“

Sie griff an den Rücken, um den BH abzunehmen, und er riss den Blick fort. Wenn seine Befürchtungen nicht Realität werden sollten, musste er es langsamer angehen lassen. Wenn er wenigstens seine Finger dazu bringen könnte, die Knöpfe aufzumachen …

„Hast du es dir anders überlegt?“

„Ganz bestimmt nicht.“

Endlich war er ausgezogen und trat hinter sie in die Dusche. Sie schob die Tür zu und drehte sich in seinen Armen um. Ihre Haut war kalt, die Knospen aufgerichtet und hart an seiner Brust. Gierig umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie heiß unter dem prasselnden Wasser.

Sie stöhnte lustvoll auf, und ihre Hände glitten tiefer, umfassten seinen Po. Er ließ den Kopf nach hinten gegen die Fliesen sinken und versuchte zu atmen, aber sein Körper schien nicht mehr zu wissen, wie das ging. Tom packte ihre Hand, zog sie fort, mit der inständigen Bitte in den Augen, es langsam angehen zu lassen. Offensichtlich wollte sie nicht, denn sie hob ein Bein und schlang es ihm um die Hüfte, und da war es um ihn geschehen. Er hob sie hoch, drückte sie gegen die Fliesen und kam mit einem einzigen, schnellen Stoß zu ihr.

Sie biss ihn, unterdrückte einen Aufschrei, während ihre Zähne sich in seine Schulter senkten, und er verlor den letzten Rest an Selbstkontrolle, drängte tiefer und kam zum Höhepunkt.

Er dachte, seine Beine würden unter ihm nachgeben, aber wie durch ein Wunder taten sie es nicht. Er ließ den Kopf an Felicitys Schulter sinken, während sein Herz allmählich ruhiger schlug und seine Atmung regelmäßiger wurde. Dann hob er den Kopf und sah direkt in ihre großen, erstaunten Augen.

„Alles in Ordnung?“ fragte er behutsam, und zu seiner Bestürzung füllten sich die wunderschönen Augen mit schimmernden Tränen. Sie schmiegte das Gesicht an seine Schulter und weinte stumm.

Er schob ihr die nassen Strähnen aus dem Gesicht. „Felicity?“

Sie schniefte und hob den Kopf, wischte sich wie ein Kind mit dem Handrücken über die Nase, und er strich ihr die Tränen mit dem Daumen fort. „Liebes, was ist los? Habe ich dir wehgetan?“

Da lachte sie erstickt auf, strich ihm mit dem Finger übers Kinn und lachte unsicher. Ihre Hand blieb auf seinem Herzen liegen, eine solch beschützende Geste, dass sein Hals plötzlich wie zugeschnürt war.

„Natürlich hast du mir nicht wehgetan. Es war fantastisch. Es war nur … ich weiß nicht. Ich komme mir so dumm vor, ich weine sonst nie. Und ich tue so etwas sonst nie. Nie. Und noch nie … habe ich so etwas empfunden wie gerade eben. So … verbunden zu sein mit jemandem. Es hat mich einfach nur überrascht.“

Verblüfft schwieg er. Sie hatte genau seine Gefühle beschrieben. Schließlich zog er sie mit einem Seufzer in die Arme. „Ich weiß“, sagte er rau.

So hielt er sie einige Minuten lang, bis ihre Körper wieder etwas zur Ruhe gekommen waren. Dann schob er sie erneut unter die Dusche und shampoonierte ihr Haar, massierte es mit sanften, suchenden Fingern, löste ihre Verspannung.

Sie stützte die Arme an der Wand ab, schmiegte ihren Po an ihn, und er begann ihren gesamten Körper einzuseifen, ihre festen, vollen Brüste, die schmale Taille, den flachen Bauch und tiefer, die Stelle zwischen ihren langen Beinen, die von dunklen Löckchen bedeckt war.

Sie drehte sich in seinen Armen um, nahm Duschlotion und verteilte sie auf seiner Haut.

„Wie gut, dass ich einen Durchlauferhitzer habe, der endlos für warmes Wasser sorgt“, sagte sie dabei, und er lachte leise. Sein Lachen verwandelte sich in ein ersticktes Stöhnen, als ihre Hände tiefer glitten und innehielten.

Er packte ihre Handgelenke und schob sie beiseite.

„Nein. Nicht hier. Nicht noch einmal. Das halten meine Beine nicht aus. Du hast doch ein Bett, oder?“

Sie lachte, ein warmer, verführerischer Klang, der sein Herz rasen ließ.

„Oh ja. Sogar ein sehr bequemes.“

„Gut, denn das ist immer besser als eine Dusche, auch wenn sie endlos heißes Wasser hergibt. Spülen wir uns die Seife vom Körper, trocknen uns ab und lassen es langsam angehen.“

Ihr sinnliches Lächeln nahm ihm den Atem.

„Langsam hört sich gut an.“

Aber er fragte sich, ob das nicht eine vergebliche Hoffnung war, so wie Felicity aussah mit ihren leuchtenden Augen und der schimmernden feuchten Haut …

Sie konnte es nicht glauben. Da saßen sie im Schneidersitz auf dem zerwühlten Quilt, aßen warmen, gebutterten Toast und tranken Tee. Er nur mit Boxershorts bekleidet. Dichte dunkle Härchen bedeckten seine muskulöse nackte Brust, verjüngten sich über dem flachen Bauch zu einer dünnen Linie und verschwanden unter dem breiten Gummibund. Sie in einem weiten alten T-Shirt, das schon bessere Tage gesehen hatte, und einem Höschen, des Anstands wegen, obwohl das nicht mehr nötig war. Und keiner von beiden verspürte so etwas wie das übliche Unbehagen am Morgen danach. Im Gegenteil.

Erstaunlich.

Allerdings war es noch nicht Morgen, sondern kurz nach Mitternacht.

Er biss in sein Toastbrot, seine ebenmäßigen weißen Zähne versanken in der knusprigen Kruste und zerrissen sie. Beinahe hätte Fliss laut gestöhnt. Er machte sie an, wenn er nur in ein Stück Weißbrot biss …

Alles an ihm machte sie an. Das war ihr bisher bei keinem Mann passiert.

Tom schob das Kissen an die Wand hinter ihm, lehnte sich dagegen und seufzte wohlig. Sein Blick glitt über sie, voller Wärme und Zärtlichkeit. Dann lächelte er.

„Was ist?“ fragte sie, plötzlich unsicher unter seiner Musterung. „Klebt ein Krümel an meinem Mund?“

Er lächelte breiter und schüttelte den Kopf. „Nein. Nichts. Ich genieße einfach nur deinen Anblick.“

„Der Himmel mag wissen, warum. So wie ich aussehe.“

„Du siehst toll aus.“

Sie lachte und schüttelte sich das zerzauste, immer noch feuchte Haar aus dem Gesicht. „Na, klar. Und du solltest zum Augenarzt gehen. Ich sehe absolut schrecklich aus, und wenn ich nachher nicht so aussehen will, darf ich nicht vergessen, meine Schwesterntracht noch zu bügeln. Ich habe nämlich keine saubere mehr und muss um sieben beim Dienst sein.“

„Und wie kommst du dahin?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Zu Fuß. Dauert ungefähr eine Viertelstunde. Tut mir bestimmt gut.“

„Ich würde dich gern hinbringen, werde aber vollauf damit beschäftigt sein, Frühstück zu machen und Pausenproviant einzupacken.“

Es hörte sich so häuslich und beruhigend an, und auf einmal wurde ihr bewusst, welch einsames und isoliertes Leben sie führte. Nicht, dass sie es anders haben wollte. Sie hatte Pläne, und bei denen würde sie bleiben – auch wenn dieser Mann verboten sexy war. Seinetwegen ihr Leben zu ändern, kam nicht infrage.

„Du Glücklicher“, neckte sie ihn und bemühte sich um einen leichten Ton. „Denk an mich, wenn ich bis zu den Armen im Blut anderer Leute stehe.“

Er musterte sie mit plötzlich ernstem Gesicht. „Macht dir dein Beruf Freude?“

„Welchen meinst du?“

„Den der Krankenschwester.“

„Ja“, erwiderte sie aufrichtig. „Ich liebe ihn … zumeist mindestens. Ich liebe ihn, wenn wir es schaffen, Menschenleben zu retten. Wenn wir sie verlieren, nimmt es mich sehr mit.“

„So wie bei Jodie.“

„Wie bei Jodie.“

„Ich habe mich mit ihrer Mutter unterhalten. Jodie bekam den Hirnschaden als Kleinkind. Sie krabbelte in einem unbeaufsichtigten Moment durchs Treppengeländer und schlug ein Stockwerk tiefer mit dem Kopf auf.“

„Das ist ja furchtbar! Ich frage mich, ob die Mutter deswegen immer noch Schuldgefühle hat.“

„Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich hätte sie. Mein Eindruck war, dass sie glaubt, ihr würde sozusagen eine Chance gegeben, etwas wieder gutzumachen. Sie hat die Organe ihrer Tochter zum Spenden freigegeben und wird auch das Kind großziehen.“

„Und bestimmt wird Kate sich daran beteiligen“, meinte Fliss. „Sie wird sich fühlen, als hätte sie Zwillinge.“

Tom lachte verbittert auf. „Ja, und ich wünsche ihr viel Glück dabei. Die Zwillinge waren nämlich der Tod meiner Ehe. Es war schon schlimm genug, dass Jane ungewollt ein zweites Mal schwanger wurde nach dem Unfall …“

Er brach ab, starrte sie entsetzt an und fuhr sich dann bestürzt mit den Fingern durchs Haar. „Und ich habe es wieder getan! Ich fasse es nicht! Wir haben zweimal ohne Verhütung miteinander geschlafen. Ich muss den Verstand verloren haben. Sagt man nicht, der Mensch lernt aus seinen Fehlern?“

„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte sie ihn schnell. „Ich nehme die Pille.“ Aber sie hatte auch keine Sekunde ans Verhüten gedacht.

Tom wirkte erleichtert und ein wenig verwundert zugleich. „Ich dachte, du hättest keine Beziehung?“ Seine Stimme klang auf einmal ganz anders, fast besitzergreifend, fand Fliss.

Sie schüttelte den Kopf. „Habe ich auch nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich eine – wie es der Zufall wollte zu jemandem, der Häuser renovierte. Ich lernte ihn auf Auktionen kennen, und irgendwann hatten wir eine Affäre miteinander.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Arztroman Band 74" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen