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Bianca Arztroman Band 73

Laura Iding

Dramatische Stunden

1. KAPITEL

Unheilvoll leuchtete der Vollmond am dunklen Nachthimmel.

Fröstelnd und mit einem Gefühl böser Vorahnung betrat Serena Mitchell das Milwaukee Trinity Medical Center. Vollmond war nie ein gutes Zeichen. Sie hätte erst in ihren Kalender schauen sollen, bevor sie sich bereit erklärt hatte, Danas Nachtschicht zu übernehmen. Aber wie hätte sie ihre Bitte ablehnen können, nachdem sie gehört hatte, dass Danas Mutter krank war? Seit ein paar Monaten arbeitete Serena wieder in der Intensivpflege, und sie stellte fest, dass es schwerer war, zur gewohnten Routine zurückzufinden, als sie gedacht hatte. Nicht wegen der Patienten, die hatten sich nicht verändert.

Sondern wegen der Albträume.

Vielleicht sollte ich einfach wieder aufhören, sagte sie sich. Häusliche Krankenpflege wäre ja auch eine Möglichkeit. Da würden die Patienten wenigstens mit mir sprechen, anstatt ständig zwischen Leben und Tod zu schweben.

Auf der Intensivstation wurde sie von einem Wirbel an Lärm und grellen Farben empfangen. Serena atmete tief durch und wischte sich die feuchten Hände an ihrer Hose ab. Es würde schon alles gut gehen. Sie hatte ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Die Rückkehr in ihren alten Beruf war der Beweis dafür.

„Serena, gut, dass du da bist.“ Die Dienst habende Schwester Tess Walker schaute von ihrem Klemmbrett auf. „Die Kollegen in der Notaufnahme brauchen Unterstützung.“

Serena unterdrückte einen erschrockenen Ausruf und wurde blass. „Aber ich arbeite nicht mehr in der Notaufnahme.“

„Du hast doch Erfahrung in der Notfallmedizin, oder?“ fragte Tess hektisch.

„Ja, schon, aber …“

„Hör mal, wir haben eine schlimme Nacht. Sie brauchen dich. Der Notruf kam vor einer Minute. Da unten haben sie schon den ganzen Abend alle Hände voll zu tun. Du kannst dich später hier zurückmelden.“ Tess wandte ihr den Rücken zu, und damit war das Gespräch beendet.

Serena war kurz davor, zu protestieren. Nein, sie wollte nicht dorthin gehen. Als sie sich umblickte, war jedoch keine einzige Krankenschwester zu sehen, die nichts zu tun hatte. Wenn Serena sich weigerte, in die Notaufnahme zu gehen, würde sie die Patienten im Stich lassen. Das wollte sie auf gar keinen Fall. Und Tess hatte Recht. Vermutlich war Serena die Einzige hier auf der Intensivstation, die tatsächlich Erfahrung in der Notaufnahme besaß.

Sie eilte nach unten ins Erdgeschoss, und mit jedem Schritt verstärkte sich ihr ungutes Gefühl. Der Gedanke, in die Notaufnahme zurückzukehren, verursachte ihr geradezu körperliches Unbehagen. Mühsam unterdrückte sie die aufsteigende Übelkeit.

Komm schon, Serena. Du schaffst das.

Vor der Tür zögerte sie einen Augenblick. Dann zog sie entschlossen ihre Karte durch den Scanner und trat ein.

In der Notaufnahme war zwar einiges los, aber nicht so schlimm, wie sie es schon erlebt hatte. Nichts sah auffällig anders aus als damals vor achtzehn Monaten, als sie zum letzten Mal hier gewesen war.

„Hey, Serena!“ Dr. Steve Anderson, der für die Notaufnahme zuständige Oberarzt, lächelte sie an. „Schön, dass Sie zurück sind!“

„Ich bin nur zur Aushilfe hier“, erwiderte sie schnell und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Also, worum geht es? Worauf warten wir?“

„Zwei Opfer mit Schusswunden in der Brust.“ Steve deutete auf eine der Behandlungsnischen. „Stellen Sie sich doch schon mal dort drüben bereit.“

In diesem Moment wurden die Schwingtüren aufgestoßen, und mehrere Sanitäter brachten im Laufschritt eine Rollliege herein. Nicht weit dahinter folgte der zweite Patient.

Serena nahm ihren Platz ein. Ihr Herz hämmerte wie wild, und sie hoffte inständig, sich nicht dadurch zu blamieren, indem sie in Ohnmacht fiel. Sekundenlang schien der Raum vor ihren Augen zu verschwimmen. Das Rauschen in ihren Ohren wurde so laut, dass es sogar den Lärm um sie herum übertönte. Mithilfe ihrer Willenskraft gelang es ihr, sich zu konzentrieren, um wieder klar zu sehen.

Eine Gruppe von Polizisten kam ebenfalls in den Raum, was bei Serena ein schreckliches Déjà-vu auslöste. Die vielen Beamten erinnerten sie zu sehr an die zahlreichen Feuerwehrleute, die in der Notaufnahme gewesen waren, als ihr Bruder Eric eingeliefert worden war. Sie schloss die Augen, um die schmerzlichen Erinnerungen zu verbannen.

Oh, Gott – Eric.

Jemand packte Serena an den Schultern und schüttelte sie. Sie fuhr auf.

„Reißen Sie sich zusammen“, fuhr Steve Anderson sie an. „Wir haben zu tun.“

Sein strenger Ton brachte sie zur Besinnung. Serenas Blick fiel auf den Patienten, der vor ihnen lag.

„Männlich, dreißig Jahre alt, Polizist, mit mehrfachen Schusswunden in Brust und Oberschenkel.“

Eine Sanitäterin rief die medizinischen Informationen über den allgemeinen Lärm hinweg. „Zwei Ringer-Laktat-Infusionen gegen den Blutverlust. Vor Ort intubiert. Er braucht sechs Einheiten Blut O-negativ, und zwar sofort.“

Serena schloss ihren Patienten an den Monitor an, um dessen Vitalfunktionen zu überprüfen. Rasch platzierte sie die EKG-Elektroden auf den am wenigsten blutverschmierten Stellen und bemühte sich, den blutgetränkten Verband über der Wunde an der rechten Seite dabei nicht zu berühren. Während sie sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrierte, vermied sie jeden Gedanken an Eric. Ein Blick auf den Monitor zeigte ihr den gefährlich niedrigen Blutdruck ihres Patienten, ehe sie sich diesem wieder zuwandte.

Erst jetzt sah sie sein Gesicht, und ihr stockte der Atem. Erneut schien sich der gesamte Raum um sie zu drehen. Serena packte die Liege, um sich daran festzuhalten.

Bitte, nicht schon wieder …

Schweißperlen traten ihr auf die Stirn. Sie blinzelte, um das Gesicht des Patienten klarer zu erkennen, denn sie glaubte, sich geirrt zu haben. Doch als sie ihn erneut betrachtete, gab es keinen Zweifel mehr. Trotz der vielen Blutspritzer erkannte sie ihn.

Grant Sullivan – der Mann, den sie hatte heiraten wollen.

Eine zweite Krankenschwester hängte bereits mehrere Einheiten Blut an den Schnelltropf auf der gegenüberliegenden Seite der Liege.

Steve brüllte seine Befehle. „Der Mann benötigt einen Lungentubus. Serena, was zum Teufel machen Sie da? Wir brauchen das Blut, aber schnell!“

Serena riss ihren Blick von Grants Gesicht los, ergriff zwei Beutel mit Blut und erklärte: „Herzfrequenz hundertsechzig, Blutdruck siebzig zu dreißig, Körpertemperatur fünfunddreißig Grad. Er steht unter Schock.“

Steve verschwendete keine Zeit. „Hängen Sie vier weitere Blut-Einheiten an den Schnelltropf.“ Noch während er sprach, bereitete er die rechte Seite von Grants Oberkörper mit steriler Lösung für den Tubus vor.

Mechanisch befolgte Serena seine Anweisungen. Doch trotz all der modernen High-Tech-Geräte schien die lebensrettende Flüssigkeit nicht schnell genug in den Körper des Patienten zu gelangen.

Als Serena dessen Blutdruck wieder überprüfte, stellte sie erschrocken fest, dass er sich kaum normalisiert hatte. Ihre Kollegin auf der anderen Seite hängte ebenfalls weitere Beutel mit Blut auf, das für Grants lebenswichtige Organe notwendig war.

Als Steve den Lungentubus setzte, zuckte Grant spürbar unter Serenas Händen zusammen. Sie unterdrückte ihre Übelkeit, während sie gleichzeitig half, den Schlauch anzuschließen. Entsetzt starrten sie darauf, als hellrotes Blut aus Grants Lunge strömte.

„Verdammt!“ Quer durch den Raum schrie Steve einer Krankenschwester zu: „Bringen Sie mir einen Thorax-Chirurgen her! Dieser Mann muss sofort in den OP!“

Er überließ es Serena, den Verband über dem Tubus anzulegen. Aber die Finger wollten ihr nicht recht gehorchen, als sie versuchte, die Gaze festzukleben. Der Thorax-Chirurg kam aus der anderen Behandlungsnische herübergeeilt, wo der zweite Patient versorgt wurde, der mit Grant zusammen eingeliefert worden war.

„Was habt ihr hier?“

„Schusswunden in Brust und Oberschenkel. Starker Blutverlust und Schock. Er muss schnellstens operiert werden.“

„Ach ja? Der andere da drüben auch.“ Der Chirurg zeigte mit dem Daumen zu dem anderen Patienten. Dann bemerkte er das Blut, das reichlich durch Grants Lungentubus strömte. Er seufzte. „Teufel noch mal. Wir rufen ein zweites Team her und nehmen beide gleichzeitig dran.“

Einer der nicht uniformierten Polizeibeamten stellte sich dem Arzt in den Weg. Der Polizist war groß und breitschultrig, hatte schütteres Haar und trug ein kariertes Sportjackett, das zwei Nummern zu klein aussah. Obwohl er geräuschvoll Kaugummi kaute, schien er der ranghöchste Beamte zu sein.

„Was haben Sie gesagt? Sie wollen beide gleichzeitig drannehmen?“ Auf das bestätigende Nicken des Arztes hin kam die gesamte Gruppe von Polizisten näher, um ihren Vorgesetzten wortlos zu unterstützen. „Ich bin Captain Reichert, und ich bestehe darauf, dass Sie Detective Sullivan zuerst operieren. Der andere Kerl ist der Verbrecher, der ihn niedergeschossen hat. Es ist sinnlos, ihn zu retten, wenn er sowieso für versuchten Mord in den Knast kommt.“

Trotz des drohenden Tonfalls des Captain wich der Chirurg keinen Schritt zurück. „Es ist meine Aufgabe, Leben zu retten. Sie behindern mich.“

„Operieren Sie Detective Sullivan zuerst.“

Der Arzt trat vor, als wolle er an den Beamten vorbeigehen, aber die uniformierten Männer ließen ihn nicht durch. Deshalb versuchte er es noch einmal. „Ich kann nicht beurteilen, wessen Leben wichtiger ist. Für mich ist jeder Mensch wichtig. Sie haben mein Wort darauf, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun werden, um das Leben Ihres Kollegen zu retten. Aber wir werden beide Patienten gleichzeitig operieren.“

Einen Moment lang fragte Serena sich, ob jetzt mitten in der Notaufnahme ein Streit ausbrechen würde. Mit einem vernichtenden Blick gab der stämmige Captain schließlich nach. „Wir haben heute Abend schon einen Polizisten verloren. Und mein Chef wird persönlich Ihren Vorgesetzten anrufen, falls Sullivan stirbt und der Kriminelle überlebt. Das verspreche ich Ihnen.“

Nachdem der Polizeibeamte diese Warnung ausgesprochen hatte, machten auch seine Kollegen den Weg wieder frei. Serena stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Für heute Abend hatte es schon genug Verletzte gegeben.

Sie fasste Steve am Arm. „Wie schlimm ist es mit der Beinwunde? Könnte es sein, dass die Oberschenkelarterie verletzt ist?“

„Möglich. Geben Sie mir ein Gefäß-OP-Besteck.“

Serena reichte ihm die Instrumente und entfernte dann den Verband an Grants Oberschenkel.

„Das ist die Austrittswunde.“ Da das Blut daraus hervorschoss, bedeckte sie die Wunde mit Verbandsmaterial, legte beide Hände darüber und drückte mit aller Kraft darauf. Als Grant zusammenzuckte, biss Serena sich auf die Lippen. Der Schmerz, den er unterbewusst spürte, musste qualvoll sein.

„Okay, lassen Sie mich sehen“, sagte Steve.

Mit einer Hand hielt Serena den Druck auf die Verletzung aufrecht, mit der anderen entfernte sie den Verbandsmull. Die Sicht wurde von dem herausströmenden Blut behindert, das sie rasch fortwischte.

„Da, ich habs gefunden.“ Schnell klemmte er die Arterie ab und nähte den Riss. Serena ließ in ihrem Druck nicht nach, obwohl mittlerweile ihre Arme von der Anstrengung wehtaten und zitterten.

„Sie haben Recht, das ist die Austrittswunde. Komisch, wenn man bedenkt, dass die Verletzung an seiner Brust aus dem entgegengesetzten Winkel stammt. Aber wenigstens sitzt keine Kugel hier drin.“ Er nickte Serena zu, und sie verringerte den Druck. Steve streifte sich die schmutzigen Handschuhe ab. „Das reicht, bis er in den OP kommt.“

Sie legte einen Verband an, ehe sie zwei weitere Beutel mit Blut an den Tropf hängte.

„Sieht aus, als würde er sich stabilisieren, obwohl dieser Druck nicht lange vorhalten wird.“ Finster blickte Steve sich um. „Wo zum Henker bleiben die Chirurgen-Teams?“

Serena wusste, dass sie jetzt eine Zustandsbeurteilung des Patienten abgeben sollte, aber ihr Kopf war auf einmal leer. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was als Erstes zu tun war. Das rußgeschwärzte Gesicht ihres Bruders stieg vor ihr auf, und sie schüttelte heftig den Kopf, um die quälende Erinnerung loszuwerden.

Eric war tot, aber Grant lebte, und er brauchte ihre Fachkenntnis, so unzulänglich diese auch sein mochte.

Komm schon, denk nach, ermahnte sie sich im Stillen. Von der Gruppe der Polizisten, die sie mit Argusaugen beobachteten, ging eine unsichtbare Drohung aus. Schließlich begann Serena mit der neurologischen Untersuchung. Doch als sie in Grants blutverschmiertes Gesicht schaute, stiegen ihr die Tränen in die Augen.

Warum hat er nicht auf mich gehört, fragte sie sich. Ich habe ihn oft genug davor gewarnt, dass irgendwann so etwas passieren wird. Aber hatte er auf sie gehört? Nein, ihm war sein Beruf wichtiger als ihre Liebe. Einmal ein Held, immer ein Held. Und wenn es nach Grant und seinem verdammten männlichen Stolz ginge, dann würde er auch noch als Held sterben.

Aber nicht heute. Heute Nacht wird er nicht sterben!

Serena blinzelte die Tränen fort und zwang sich, Grants Herz und Lunge abzuhören. Sie versuchte, ihn wie jeden anderen Patienten zu betrachten, aber das war nicht leicht. Als sie gerade die Unterleibsuntersuchung beendet hatte, traf endlich das Chirurgen-Team ein.

„Also, los gehts.“

Innerhalb von Sekunden waren die Monitor-Elektroden entfernt, und Grant wurde zum Aufzug gerollt, der zu den Operationssälen führte. Der zweite Patient folgte dicht hinter ihnen. Serena begleitete Grant bis zur OP-Schleuse und sah durchs Fenster, wie er auf den Operationstisch gebettet wurde. Nun lag sein Leben in den Händen der hervorragenden Thorax-Chirurgen.

Erschöpft starrte Serena auf die OP-Tür, und ein erstickter Laut der Verzweiflung entrang sich ihr. Sie hatte geglaubt, ihr Leben wieder in den Griff bekommen zu haben, doch das unerwartete Wiedersehen mit Grant hatte sie vom Gegenteil überzeugt. Wie konnte es sein, dass sie nie wirklich über ihn hinweggekommen war?

Lieber Gott, bitte lass ihn am Leben …

2. KAPITEL

Die Schicht war noch lange nicht vorbei. Serena fiel die Aufgabe zu, die Polizisten aus der Notaufnahme in den Warteraum der Intensivstation zu bringen. Sie erklärte ihnen, sobald Grant aus dem OP kam, würde jemand sie rufen, damit sie ihn sehen könnten.

Normalerweise war lediglich den direkten Angehörigen ein Besuch gestattet. Aber in diesem Fall durften die Beamten jeweils zu zweit zu dem Patienten hineingelassen werden. Als Serena den Raum verlassen wollte, wurde sie vom Captain zurückgehalten.

„Mein Name ist Reichert, Miss. Wir müssen auch über den Zustand des Verbrechers informiert werden“, verkündete er stirnrunzelnd. „Sobald er aus dem OP kommt, müssen wir rund um die Uhr eine Wache bei ihm aufstellen.“

Sie nickte. „Ich verstehe. Wie hieß er noch gleich? Ich werde diese Information an das Pflegepersonal weiterleiten.“

„Jason Roth.“ Nervös wiegte der Captain den Kopf hin und her. Die Krankenhausatmosphäre war ihm sichtlich unangenehm, und Serena konnte es ihm nicht verübeln. Ein solcher Vorfall erinnerte einen nur allzu deutlich an die eigene Sterblichkeit – vor allem, wenn man einem solch gefährlichen Beruf nachging.

Sobald Steve sein Einverständnis gegeben hatte, kehrte Serena auf die Intensivstation zurück. Sie musste die Dienst habende Schwester über den Status der beiden Patienten unterrichten.

Tess Walker nahm die Neuigkeiten gelassen auf und wies den zu erwartenden Patienten die beiden letzten leeren Zimmer zu. Dann forderte sie Serena auf, ihren Kollegen auf der Intensivstation bei der Arbeit zu helfen. Nach ihrem Erlebnis in der Notaufnahme empfand sie die Arbeit hier als eine ungeheure Erleichterung. Dennoch ging ihr Grant nicht aus dem Kopf. Sie bemühte sich, nicht daran zu denken, dass er es möglicherweise nicht schaffen würde. Ihr Bruder Eric war auch stark und gesund gewesen, als er in der Notaufnahme starb. Aber der menschliche Körper vermochte nur ein gewisses Maß an Verletzungen auszuhalten. Wenn lebenswichtige Arterien und Organe von zwei Kugeln getroffen waren, bedeutete dies eine schwerwiegende Belastung.

Wie typisch für Grant, dass er keine kugelsichere Weste angehabt hatte. Er tat immer so, als sei er unbesiegbar. Doch Serena wusste es besser. Sein Bild, wie er blutend vor ihr gelegen hatte, blieb ihr während der gesamten nächsten Stunde im Gedächtnis haften.

Dann wurde aus dem OP angerufen, dass Jason Roth bald auf die Station gebracht würde. Serena ging zum Warteraum, um Captain Reichert davon zu informieren. Verständlicherweise war er wenig erfreut über diese Nachricht.

„Warum zum Teufel ist Roths Operation schon vorbei? Wie geht es Sullivan?“ Unruhig marschierte der Captain auf und ab, während er weiterhin seinen Kaugummiklumpen kaute.

Serena hob die Schultern. „Ich weiß es nicht. Wir haben noch nichts Neues von Detective Sullivan gehört.“

„Verdammt, das gefällt mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht.“

Sie nickte. Ihr erging es genauso. Die Zeit schien still zu stehen, während Grants Leben an einem seidenen Faden hing. Sie schaute sich in dem Raum voller Polizisten um. Da fiel ihr plötzlich etwas ein. „Haben Sie sich mit Detective Sullivans Familie in Verbindung gesetzt? Er hat eine Schwester namens Cheryl, die in Denver lebt.“

Der Captain nickte und fuhr sich mit der Hand über seine beginnende Glatze. Falls er sich darüber wunderte, woher Serena von Grants Schwester wusste, ließ er es sich nicht anmerken. „Ja, sie ist schon unterwegs. Ich hätte gerne gute Nachrichten für sie, wenn sie kommt.“

Im Stillen pflichtete Serena ihm bei. In einer Situation wie dieser hielten Polizisten zusammen wie eine Bruderschaft. Doch Grant und Cheryl standen sich sehr nahe. Ihre Eltern waren vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und jetzt hatten sie nur noch einander.

„Würden Sie mich bitte rufen, sobald sie da ist?“

Captain Reichert nickte, und Serena kehrte an die Arbeit zurück. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es noch gute vier Stunden bis zum Ende ihrer Schicht waren.

Sie half dabei, Jason nach seiner Operation auf der Station unterzubringen. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass er erst knapp fünfzehn war. Die Vorstellung, dass ein Teenager mit einem Revolver durch die Straßen lief, war grauenvoll. Die Schusswunde in seiner Brust stammte vermutlich von Grant. Jason hatte Glück. Seine Jugend war auf seiner Seite. Wahrscheinlich würde er sich ohne Probleme wieder erholen.

Einer der Polizeibeamten aus dem Wartezimmer bezog seinen Posten vor Jasons Zimmertür.

Ein OP-Pfleger kam auf Serena zu und drückte ihr zwei Plastiktüten mit blutgetränkten Kleidungsstücken in die Hand. „Die haben wir den beiden Verletzten abgenommen. In diesem Beutel sind die Sachen von Jason Roth. Die Polizisten wollten sie als Beweismaterial haben. In dem anderen ist das Zeug des Beamten. Es ist auch eine Brieftasche mit drin. Sie sollten also lieber den Sicherheitsdienst rufen, damit sie im Safe eingeschlossen wird.“

Serena verzog das Gesicht, als sie die Beutel entgegennahm. „Danke. Ich kümmere mich darum.“

Sie legte Grants Sachen neben das für ihn bestimmte Bett und brachte dann den Beutel mit Jasons blutigen Kleidern zu dem Captain. Dieser war darüber hocherfreut und schickte sofort einen seiner Männer mit dem Beweismaterial zum Polizeirevier. Danach rief Serena den Sicherheitsdienst an.

Nach wenigen Minuten erschien ein Wachmann, und Serena öffnete Grants Brieftasche, um mit dem Beamten als Zeugen den Inhalt durchzusehen. Gemeinsam zählten sie das Geld und legten es in einen Umschlag, der daraufhin zugeklebt wurde. Als Serena die Brieftasche zuschlagen wollte, fiel ihr Blick auf das Bild einer schönen, brünetten Frau, die in die Kamera lachte.

Es versetzte ihr einen Stich der Eifersucht. Schnell klappte sie die Brieftasche zu und übergab sie zusammen mit dem Bargeld an den Sicherheitsbeamten. Die blutgetränkte und zerrissene Kleidung hob sie für die Polizei auf, in der Annahme, dass sie diese als Beweisstücke benötigen würde.

Das Bild der hübschen Brünetten ließ sich nicht verdrängen, obwohl Grants Privatleben Serena nichts mehr anging. Sie kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass sie mit den Risiken, die sein Beruf mit sich brachte, einfach nicht umgehen konnte. Nicht, nachdem sie ihren Bruder auf so tragische Weise verloren hatte. Deshalb hatte sie Grant den Verlobungsring zurückgegeben und ihre Beziehung mit ihm beendet. Eineinhalb Jahre lang hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Und wenn er jetzt mit einer anderen zusammen war, umso besser. Er hatte es verdient, glücklich zu sein.

Mit kühler Vernunft gelang es Serena jedoch nicht, den Groll aufzulösen, der ihr den Magen zuschnürte. Warum hat Grants Liebe zu mir nicht ausgereicht, um seinen Beruf für mich aufzugeben? Oder sich zumindest auf einen weniger gefährlichen Posten versetzen zu lassen?

Sie fragte sich, ob die brünette Frau im Krankenhaus auftauchen würde, nachdem sie von Grants Verletzungen erfahren hatte. Serena wusste nicht, ob sie es ertragen könnte, freundlich mit ihrer Nachfolgerin zu plaudern. Vielleicht sollte sie ihn lieber von jemand anderem pflegen lassen.

Aber vielleicht auch nicht. Sie wollte diese Sache durchziehen. Eine weitere Stunde verging, bevor die OP-Schwester endlich Bescheid sagte, dass Grant in fünfzehn Minuten aus dem Operationssaal kommen würde.

Serena nutzte diese Zeit, um sich zu vergewissern, dass in seinem Zimmer alles Notwendige für ihn vorbereitet war. Dann teilte sie dem Captain die Neuigkeit mit, der sich erst einmal damit zufrieden gab, dass sein Detective die Operation überlebt hatte.

Als Grant schließlich aus dem Operationssaal kam, war sein Zustand wesentlich weniger stabil als der von Jason Roth. Serena kam kaum zum Atemholen. In dem Zimmer drängte sich das medizinische Fachpersonal, und es wurden laufend irgendwelche Befehle gebrüllt.

Die Krankenschwestern schlossen schnell die Monitore an. Sowohl der Thorax-Chirurg als auch der Anästhesist blieben noch eine ganze Weile bei ihrem Patienten, um sicherzustellen, dass dieser nicht erneut operiert werden musste.

Das OP-Personal hatte Grant größtenteils von Blut gesäubert. Ein breiter Mullverband bedeckte seinen halben Oberkörper, und ein zweiter befand sich an seinem Oberschenkel. Seine muskulöse Gestalt lag vollkommen regungslos unter all den Kabeln und Schläuchen. Aber zumindest waren seine Vitalfunktionen stabil. Mehr konnte man zum jetzigen Zeitpunkt nicht verlangen.

„Sind irgendwelche Angehörigen von ihm hier?“ erkundigte sich der Chirurg bei Serena. „Ich werde bestimmt nicht mit dieser Horde Polizisten da draußen sprechen.“

Sie verkniff es sich, ihn darauf hinzuweisen, dass seine Kollegen Grant vermutlich mehr bedeuteten als jeder andere. Jedenfalls mehr, als sie ihm bedeutet hatte.

„Er hat eine Schwester in Denver, die auf dem Weg hierher ist. Erklären Sie mir doch einfach, was Sie bei der Operation gemacht haben. Dann kann ich die Information an sie weitergeben. Die Polizisten müssen nur wissen, dass sein Zustand stabil ist. Und wenn seine Schwester kommt, kann ich Sie jederzeit anpiepen.“

„Gut.“ Der Arzt folgte ihrer Aufforderung, und Serena versuchte, sich möglichst nichts anmerken zu lassen, während er die Operation in allen Einzelheiten beschrieb. Grant hatte einen ganzen Lungenflügel verloren. Außerdem mussten sie einen Muskelriss und die gerissene Arterie im rechten Oberschenkel nähen.

Grant hatte Glück gehabt, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein. Dessen war Serena sich bewusst. Aber sie fragte sich, wie er wohl auf seine Verletzungen reagieren würde. Wäre es möglich, dass diese ihn in Zukunft an der Ausübung seines Berufes hindern würden? Sie verachtete sich dafür, dass ein Funken der Hoffnung in ihr aufflammte. Kopfschüttelnd erinnerte sie sich daran, dass er schon eine neue Frau in seinem Leben hatte. Selbst wenn Serena bereit gewesen wäre, ihrer Beziehung eine zweite Chance zu geben, war die Liebe zwischen ihnen doch verschwunden. Tatsächlich glaubte sie nicht, jemals wieder das Risiko einzugehen, sich zu verlieben. Abgesehen davon war Grants Zielstrebigkeit geradezu legendär. Falls es eine Möglichkeit gab, in seinen Beruf zurückzukehren, würde er sie ergreifen.

Serena ließ Captain Reichert aus dem Warteraum rufen, während sie aufmerksam die Monitorwerte notierte.

„Miss?“ Der Captain stand an der Tür. Die zahlreichen medizinischen Geräte bereiteten ihm sichtliches Unbehagen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und seine Gesichtsfarbe wurde noch röter als ohnehin schon.

„Hallo.“ Aufmunternd lächelte Serena ihm zu. „Nun, so weit, so gut. Die Operation dauerte länger als erwartet, aber seine Vitalfunktionen sind stabil.“

Tapfer trat Captain Reichert in das Zimmer hinein und betrachtete mit düsterer Miene den Patienten auf dem Bett. „Wird er wieder aufwachen?“

„Ja, sobald die Wirkung der Narkose nachlässt. Sein Körper braucht Zeit, um sich von den Verletzungen und der anstrengenden Operation zu erholen. Die nächsten vierundzwanzig Stunden sind entscheidend, aber bis jetzt hält er sich recht gut. Ist Cheryl inzwischen angekommen?“

Mit mahlendem Kiefer kaute der Captain seinen Kaugummi. „Sie hat vom Flughafen aus angerufen. Ihr Anschlussflug hat Verspätung. Ich habe ihr gesagt, dass er aus dem OP draußen ist.“

„Gut. Dr. Hardy, der Chirurg, möchte informiert werden, sobald sie da ist.“

„Ich erinnere mich an ihn.“ Captain Reicherts gerötete Augen verengten sich, und er schob den Kaugummiklumpen in die andere Backentasche. „Ich will auch mit ihm sprechen. Einer meiner Beamten steht bereit, um das Beweisstück aufs Revier zu bringen.“

Serena hob die Brauen. „Beweisstück?“

„Die Kugel, die sie Sullivan aus der Brust geholt haben.“ Er schaute zum Nachbarzimmer, wo einer seiner Männer saß und Jason bewachte. „Die brauchen wir, um zu beweisen, dass Roth geschossen und einen von uns getötet und den anderen schwer verletzt hat.“ Er schien befriedigt darüber, dass Jason Roth des Mordes angeklagt werden würde.

Sie konnte es ihm nicht übel nehmen. Der Gedanke, dass Grants Angreifer hinter Schloss und Riegel kam, verschaffte auch ihr ein befriedigendes Gefühl. Nach einigen Minuten kehrte der Captain in den Warteraum zurück.

Serena schaute Grant an, der so still dort lag. Sie fing an, mit ihm zu sprechen, wie sie es mit allen Patienten tat.

„Grant? Ich bins, Serena. Du bist auf der Intensivstation, aber dir geht es gut. Entspann dich einfach, wir kümmern uns um dich.“ Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und musste den Impuls unterdrücken, sich herabzubeugen und einen Kuss daraufzudrücken.

Früher hatte sie jedes Grübchen, jeden Zentimeter von Grants Körper besser gekannt als ihren eigenen. Bei der Erinnerung an seine Berührungen prickelte es in ihren Fingerspitzen. Ob er sich seit der Trennung wohl verändert hatte?

Sie trat vom Bett zurück, um die beiden nächsten Polizisten hereinzulassen, die an der Tür warteten. Serena hörte, dass sie kurz mit der Wache nebenan sprachen und einer von ihnen sagte, er werde dafür sorgen, dass der Junge vor ein Erwachsenengericht käme.

Wahrscheinlich hatten sie Jasons Leben gerettet, nur um ihn wegen Mordes anzuklagen. Als Krankenschwester sollte Serena eigentlich neutral bleiben, aber in diesem Fall teilte sie die Meinung des Captain. Ihrer Ansicht nach hätte Grant zuerst operiert werden müssen.

Allmählich machte sich ihre Müdigkeit bemerkbar. Nur noch eine knappe Stunde, dann war ihre Schicht zu Ende. Um nicht einzuschlafen, beschäftigte sie sich so gut es ging. Kurz bevor sie die Station verließ, suchte sie Tess auf und trug sich auch für die beiden nächsten Nachtschichten an diesem Wochenende in den Dienstplan ein. Natürlich verschwieg sie ihre Absicht, dass sie auf diese Weise Grant unter ihrer Aufsicht behalten konnte. Serena redete sich ein, dies habe nichts mit persönlichen Motiven zu tun, sondern sie würde sich um jeden ihrer Freunde genauso kümmern.

Allerdings regte sich tief in ihrem Innern der Verdacht, dass der wahre Grund doch sehr viel komplizierter war.

Eine liebevolle, beruhigende Stimme schien ihn aus den Tiefen seines Bewusstseins zu holen. Doch dann traf ihn der Schmerz. Ein betäubender, explodierender Schmerz, der seinen gesamten Körper erfüllte. Sekundenlang genoss er die kühle, sanfte Berührung einer Hand auf seiner Stirn, ehe der sich steigernde Schmerz alles andere verdrängte. Außerstande, dagegen anzukämpfen, glitt er wieder in das wohltuende Vergessen zurück.

Erschöpft bis auf die Knochen blinzelte Serena in das helle Morgenlicht, das durch die Fenster hereinschien, als sie die Treppe zu ihrem Apartment hinaufging. Nachtschichten waren immer hart. Glücklicherweise stand ein kühler Frühsommertag bevor, so dass sie ohne Schwierigkeiten schlafen konnte, obwohl ihre Wohnung keine Aircondition besaß. Plötzlich lief eilig ein Junge an Serena vorbei.

„Rico?“ Instinktiv nahm sie zwei Stufen auf einmal und sah gerade noch, wie der dunkelhaarige Zwölfjährige in dem Apartment verschwand, das ihrem gegenüberlag.

Energisch klopfte sie an die Wohnungstür der Gonzales. „Rico, mach auf. Ich bins, Serena.“

Nach einer längeren Pause wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, ohne dass der Junge die Sicherheitskette löste. Serena beugte sich ein wenig herunter, bis sie durch den Schlitz direkt in Ricos große, misstrauische Augen blicken konnte.

„Bist du grade erst nach Hause gekommen?“ Es war Samstagmorgen, acht Uhr.

Achselzuckend senkte er den Blick.

„Ist Marta bei der Arbeit?“

Er nickte langsam.

„Du sollst doch eigentlich zu Hause bleiben, wenn deine Schwester arbeitet, stimmts?“

Erneut nickte er, doch da er sie nicht ansah, wusste Serena, dass er sich nicht an diese Regel gehalten hatte. Mal wieder. Sie seufzte. Der Junge war nach der Schule und das ganze Wochenende immer allein, während Marta zwei Jobs nachging, um sich und ihn zu ernähren. Mit ihren einundzwanzig Jahren war Marta sieben Jahre jünger als Serena und viel zu jung, um Ricos Vormund zu sein. Bisher hatte Serena Rico für einen recht verantwortungsbewussten Jungen gehalten. Aber jetzt war sie nicht mehr so sicher.

„Rico.“ Im Grunde war es nicht ihr Problem, doch im Laufe des letzten Jahres hatte sie die beiden Geschwister recht gut kennen gelernt. Er wird doch nicht die ganze Nacht weg gewesen sein, dachte sie beunruhigt. „Hast du Lust, ein bisschen zu mir herüberzukommen, um mir Gesellschaft zu leisten?“

Mehrere Sekunden vergingen, und Serena hielt den Atem an. Schließlich schüttelte der Junge nur stumm den Kopf und machte leise die Tür wieder zu.

3. KAPITEL

Als Serena erwachte, war sie einen Moment lang etwas desorientiert, weil die Abendsonne in ihr Schlafzimmerfenster schien. Nach einigen Minuten kehrte jedoch die Erinnerung an die Ereignisse der vergangenen Nacht zurück.

Grant war angeschossen worden. Zweimal. In Ausübung seines Berufs.

Serena schaute auf den Wecker und fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste Haar. In fünf Stunden musste sie im Trinity ihre nächste Schicht antreten. Wie es Grant wohl heute ergangen sein mochte? Ob sein Zustand sich gebessert hatte?

Auf dem Weg zum Bad musste sie gegen ihr Bedürfnis ankämpfen, auf der Station anzurufen und sich nach ihm zu erkundigen. Ich darf mich emotional nicht zu sehr einlassen, ermahnte sie sich. Vor allem, weil er ja offensichtlich jemand anderen gefunden hat. Dennoch war ihr zu Mute, als habe er sie erst gestern zärtlich umarmt, anstatt vor anderthalb Jahren.

Dennoch war es richtig gewesen, die Verlobung zu lösen. Serena war sicher, wenn sie mit Grant zusammen geblieben wäre, hätte sie sich jeden Augenblick, den er auf Streife war, schreckliche Sorgen gemacht. Er brauchte jemanden, der ihn unterstützte.

Als sie sich anzog, hörte sie draußen auf dem Flur ein Geräusch und steckte den Kopf zur Wohnungstür hinaus.

„Marta?“

Entnervt schlug die junge lateinamerikanische Frau mit der Faust gegen die Wand.

„Was ist los? Wo ist Rico?“

„Das ist es ja. Dios, ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.“ Tränen stiegen Marta in die Augen. „Er geht weg, ohne mir Bescheid zu sagen. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, Serena.“

Bei der Erinnerung an das seltsame Verhalten des Jungen heute Morgen lief es Serena kalt den Rücken hinunter. „Beruhige dich. Kann es sein, dass er sich mit seinen Schulfreunden trifft?“

Marta schüttelte den Kopf. „Nein, die habe ich schon angerufen. Angeblich hat ihn niemand gesehen.“

„Okay, dann sollten wir uns vielleicht bei der Polizei erkundigen. Er ist minderjährig. Sie werden nach ihm suchen und ihn nach Hause bringen.“

Erschrocken schaute Marta sie an. „Nein. Spinnst du? Sie informieren das Jugendamt, und die werden ihn mir wegnehmen. Keine Polizei. Ich werde ihn schon finden.“

Seufzend schaute Serena auf die Uhr. Sie hatte noch ein paar Stunden Zeit, bevor sie ihren Dienst antreten musste. „Dann suchen wir jetzt beide nach ihm. Aber in zwei Stunden treffen wir uns wieder hier, weil ich nachher arbeiten muss.“

Marta nickte erleichtert. „Einverstanden.“

Trotz ihrer Bemühungen verlief die Suche ergebnislos. Serena und Marta teilten sich auf, um ein größeres Gebiet zu durchforsten. Langsam fuhr Serena durch die Straßen rund um Ricos Schule sowie durch den Park in deren Nähe, der ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche war – jedoch ohne Erfolg.

Komm schon, Rico. Wo bist du?

Zur vereinbarten Zeit kehrte sie zum Haus zurück, wo auch Marta wenig später eintraf. Als sie sah, dass Serenas Wagen leer war, verdüsterte sich ihre Miene erneut.

„Ruf die Polizei an, Marta. Bitte“, meinte Serena.

Störrisch schüttelte ihre Nachbarin den Kopf. Serena beharrte zwar nicht darauf, befürchtete jedoch, wenn Marta sich nicht zuerst meldete, dass die Polizei dann bei ihr auftauchen würde.

Als Serena schließlich zur Arbeit musste, ließ sie Marta nur ungern allein. Sie bat die junge Frau, sie im Trinity anzurufen, sobald sie etwas von Rico hörte.

Auf der Station ging Serena direkt zur Anzeigetafel und schrieb ihren Namen neben Grants. Ihre Kollegen erhoben keine Einwände, denn sie wussten, dass sie ihn gestern Abend auf der Intensivstation aufgenommen hatte. Und falls sie sich daran erinnerten, dass Serena früher mit einem Polizisten namens Grant Sullivan verlobt gewesen war, wurde dies mit keiner Silbe erwähnt.

Anders dagegen ihre Freundin Dana. Wie immer zu spät, kam Dana Whitney erst, nachdem die Aufgaben alle verteilt waren. Geflissentlich wich Serena den fragenden Blicken aus, die Dana ihr wiederholt zuwarf. Zum Glück erforderten ihre jeweiligen Patienten so viel Aufmerksamkeit, dass es keine Gelegenheit zum Smalltalk gab.

Serena bekam den Übergabebericht von einer zierlichen blonden Krankenschwester namens Emma. Gemeinsam betraten sie Grants Zimmer, um sich das Krankenblatt anzusehen. Serena war besorgt, denn Grant zeigte keinerlei Anzeichen, dass er bald aufwachen würde.

Nach ein paar Minuten meinte sie eine Bewegung an Grants Augenlidern zu sehen, als ob er das Bewusstsein wiedererlangte.

„Grant?“ Mit einer behutsamen Geste strich Serena ihm das hellbraune Haar aus der Stirn. „Ich bins wieder, Serena. Ich bin deine Nachtschwester.“

Emma teilte ihr mit, dass Cheryl in dem kleinen Ruheraum außerhalb der Station wartete. Serena nickte, doch dann fiel ihr Blick durchs Glasfenster auf Jason in dem angrenzenden Zimmer.

„Hey, Emma. Wie geht es dem da drüben?“

„Ziemlich gut. Er ist vorhin aufgewacht, und ich denke, dass sie ihm morgen früh den Atemschlauch entfernen werden.“ Müde lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Die Polizisten können es kaum erwarten. Sie haben eine Menge Fragen an den Jungen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Fragen, die er mit einem Schlauch im Hals nicht beantworten konnte. Seufzend wandte Serena sich wieder Grant zu. „Danke für die Info. Bis morgen dann.“

Serena überprüfte Grants Vitalfunktionen und verabreichte ihm ein Antibiotikum über den Tropf. Außerdem gab sie ihm noch etwas Morphium, in der Hoffnung, dass es seine Schmerzen ein wenig lindern würde.

„Serena?“ rief eine ihrer Kolleginnen aus dem Schwesternzimmer.

„Ja?“ Sie ging zur Tür. Als der Polizeibeamte vor Jasons Zimmer sie höflich grüßte, lächelte Serena ihm kurz zu.

„Die Schwester deines Patienten ruft gerade aus dem Ruheraum an. Sie möchte wissen, ob sie wieder reinkommen kann.“

„Natürlich. Schick sie her.“ Serena kehrte zu Grant zurück, zog das Laken glatt, das ihn bedeckte, und beugte sich dann zu ihm. „Hey, Grant. Deine Schwester ist da und möchte dich sehen. Sie ist den weiten Weg aus Colorado gekommen. Vielleicht kannst du ja für sie mal die Augen aufmachen.“

Sie hielt inne und suchte nach irgendeiner Reaktion seinerseits. Einen Moment lang dachte sie, seine Hand habe sich bewegt. Deshalb umschloss sie diese mit ihrer eigenen. Sehnsucht durchzuckte Serena, und der Druck ihrer Finger verstärkte sich unmerklich.

„Na ja, macht nichts. Cheryl wird bestimmt noch eine Weile bleiben. Dann müssen wir eben warten, bis du bereit bist aufzuwachen, oder?“ Beruhigend drückte sie Grants Hand.

„Hi. Die Schwester sagte, ich könnte reinkommen.“

Serena drehte sich um und wappnete sich innerlich. Ob Grant seiner Schwester den Grund für die gelöste Verlobung genannt hatte? „Hallo, Cheryl. Wie geht es dir?“

„Serena?“ Erstaunt trat Cheryl durch die Tür. „Ich habe nicht damit gerechnet, dich hier anzutreffen.“

„Ich pflege Grant.“

„Das sehe ich.“ Sie stellte sich auf die gegenüberliegende Seite des Bettes und betrachtete ihn lange, wobei ein gequälter Ausdruck in ihren Augen lag. „Was ist los mit ihm? Warum wacht er denn nicht auf?“

„Schsch, schon gut.“ Tröstend legte Serena Cheryl den Arm um die Schultern. „Ich weiß, das ist schwer zu glauben, aber er erholt sich.“

Zweifel spiegelte sich Cheryls Miene. „Woran erkennst du das?“

„Da gibt es mehrere Dinge. Zum Beispiel habe ich gerade sein Blutdruck-Medikament abgedreht, weil er es nicht mehr benötigt. Seine Elektrolyte werden wieder normal, und seine Blutwerte sind stabil. Das sind alles Anzeichen dafür, dass er sich auf dem Weg der Besserung befindet.“

„Das hoffe ich.“ Cheryl blinzelte ihre Tränen fort. „Wie kommt es, dass du ihn pflegst, Serena?“

„Weil er mir wichtig ist. Ich weiß, dass eine Heirat für uns nicht das Richtige gewesen wäre. Aber du sollst wissen, dass mir Grant immer etwas bedeutet hat.“

Cheryl schwieg und brachte dann ein schwaches Lächeln zustande. „Ich bin froh, dass du da bist. Es ist schön, ein vertrautes Gesicht zu sehen.“

„Das geht mir genauso.“ Serena wandte sich wieder Grant zu und legte die Hand auf seinen Arm. „Du musst einfach Geduld haben. Hoffentlich wacht er bald auf.“

Die Stimme rief ihn erneut, diesmal deutlicher als vorher. Er versuchte die Hand auszustrecken, damit die melodische Stimme weitersprach. Noch immer pochte der Schmerz bei jedem Pulsschlag, aber nun schien er eher von der Brust und einem Bein auszugehen. Grant spürte die vertraute Berührung an seiner Hand und konzentrierte sich auf die Stimme. Diese Stimme vermochte ihn vor dem dunklen Schmerz zu retten, aber warum konnte er die Augen nicht öffnen? Je mehr es sich bemühte, desto stärker wurde der Schmerz, bis Grant erneut in der tiefen Schwärze versank.

„Ich lege mich jetzt im Ruheraum hin“, sagte Cheryl zu Serena. „Ich bin völlig erschöpft. Ich begreife nicht, wie ihr Krankenschwestern die ganze Nacht aufbleiben könnt. Aber du rufst mich, wenn sich irgendwas verändert, ja?“

„Selbstverständlich.“

An der Tür blieb Cheryl noch einmal stehen. „Der Junge da drüben, wo der Polizeibeamte sitzt, der hat auf Grant geschossen, nicht wahr?“

Serena zögerte, antwortete dann jedoch ehrlich: „Ja, die Polizei geht davon aus. Sie sind beide letzte Nacht nach der Schießerei hier eingeliefert worden.“

Cheryl zog die Augenbrauen zusammen. „Ich bin nicht sicher, ob es mir gefällt, dass er gleich nebenan liegt. Andererseits möchte ich ihn auch nicht im selben Krankenhaus oder in derselben Stadt haben.“

„Ich weiß, was du meinst.“ Serena zuckte die Achseln. „Es tut mir leid. Fast alle unserer Intensivbetten waren belegt, deshalb hatten wir keine andere Möglichkeit.“

Cheryl seufzte, während sie zu Jason hinüberschaute. „Er sieht so jung aus, kaum alt genug, um den Führerschein zu haben. Das bringt einen schon ins Grübeln.“ Damit ging sie hinaus.

Serena ließ ihren Blick auf Grant ruhen und fragte sich nicht zum ersten Mal, was genau gestern Nacht geschehen war. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzte. Aber er ging einem Kampf auch nicht feige aus dem Weg. Das war eine der Eigenschaften, die sie an ihm liebte, und zugleich diejenige, die sie am meisten fürchtete.

Weshalb war er gestern Abend so spät noch am Schauplatz gewesen? Detectives hatten normalerweise nicht zu solchen Zeiten Dienst.

Sie seufzte. Detective hin oder her, Grant war nun einmal Polizist. Also was mochte der Grund für den unnötigen Tod seines Kollegen gewesen sein? Ein aufgeflogener Drogendeal? Ein Streit über das Revier einer Gang? Serena arbeitete lange genug in der Intensivpflege, um zu wissen, dass diese Straßengangs sich ständig wegen irgendetwas bekämpften. Und sie konnte beim besten Willen nicht begreifen, warum Grant unbedingt auf der Verliererseite dieser Auseinandersetzungen kämpfen wollte.

Dann müssen nämlich Leute wie wir die Opfer wieder zusammenflicken, dachte sie. Ihrer Ansicht nach wurden Helden weit überbewertet. Diejenigen, die zu oft mit ihrem Leben spielten, mussten schließlich auch den entsprechenden Preis dafür zahlen.

Ihr Bruder Eric hatte genauso wenig auf ihre Bedenken gehört wie Grant. Seit Erics Tod kannte Serena ihre Grenzen und hatte gelernt, mit ihnen zu leben. Sie hatte schon zu oft jemanden verloren, um das Leben für selbstverständlich zu halten. Sie sehnte sich einzig danach, ein normales Leben zu führen und vielleicht eines Tages eine Familie zu haben. Das war doch nicht zu viel verlangt, oder? Aber zu sehen, wie Grant auf seinem Bett lag und um sein Leben kämpfte, riss alte Wunden in ihr auf.

„Serena?“ Dana steckte ihren Kopf zur Tür herein. „Da ist jemand am Telefon für dich. Ich glaube, irgendeine Marta.“

Serena eilte ans Telefon. „Marta? Hast du ihn gefunden?“

„Er ist gerade nach Hause gekommen.“ Martas Ärger war unüberhörbar. „Es ist nicht zu fassen. Er stolziert einfach um zwei Uhr morgens herein, als ob nichts gewesen wäre.“

Das hörte sich nicht gut an. „Wo war er denn?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Marta entnervt. „Er sagt ja nichts.“

Serenas ungutes Gefühl verstärkte sich. Sie befürchtete, dass Rico auf die schiefe Bahn rutschen könnte. Es hatte einige Gerüchte über Straßengangs gegeben, die an den Stadtrand gezogen waren, in den Park bei Ricos Schule. „Ich rede morgen mal mit ihm. Jetzt muss ich wieder an die Arbeit.“

„Okay. Gracias, Serena.“

In Gedanken versunken kehrte Serena in Grants Zimmer zurück, wo Dana auf sie wartete. „Hi, Dana“, meinte sie seufzend.

Fragend hob ihre Freundin die Augenbrauen. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

Serena nickte. „Ja. Hilf mir, ihn umzudrehen.“

„Also, was ist los?“ erkundigte sich Dana, während sie Grants schweren Körper auf die linke Seite drehten. Serena legte ein Kissen hinter seinen Rücken, um ihn zu stützen. „Ich bin fast umgefallen, als ich auf der Anzeigetafel deinen Namen neben dem von Grant gesehen habe. Willst du dich wegen vergangener Fehler quälen? Gestern Abend musste ich dir praktisch die Pistole auf die Brust setzen, damit du für mich einspringst.“

„Wie geht es deiner Mutter denn jetzt? Besser?“ Behutsam steckte Serena ein weiteres Kissen unter Grants rechten Arm, so dass sein Körpergewicht von dem Schnitt an seiner Brust fern gehalten wurde.

Ein Schatten huschte über Danas feine Gesichtszüge. „Nein, die Chemotherapie bekommt ihr nicht besonders gut.“ Sie zögerte. „Ich überlege, ob ich eine Freistellung beantrage, damit ich rund um die Uhr bei ihr sein kann.“

Serena warf ihrer Freundin einen erschrockenen Blick zu. „Oh, das tut mir leid. Kann ich etwas für dich tun? Ich könnte ja zwischen meinen Schichten nach ihr schauen.“

Dana schüttelte Kopf. „Lieb von dir, aber ich glaube, im Moment komme ich schon zurecht. Reden wir lieber mal von dir.“

„Ich will dir nichts vormachen, Dana. Gestern Nacht wurde ich in die Notaufnahme geschickt.“ Serena pustete sich den Pony von der verschwitzten Stirn. „Ich habe dabei geholfen, ihn zu versorgen, und der ganze Raum war voller Polizisten.“

Bedauernd verzog Dana das Gesicht. „Das tut mir leid, dass du diese schmerzlichen Erinnerungen noch einmal durchleben musstest. Aber vielleicht hat es ja auch sein Gutes. Jetzt, da du die erste Hürde genommen hast, kannst du dir ja überlegen, ob du nicht doch wieder in deinen alten Job zurückwillst.“

„Auf gar keinen Fall.“ Serena verabreichte Grant eine weitere Dosis Morphium. „Aber ich konnte ihn nicht einfach sich selbst überlassen. Ich werde erst dann beruhigt sein, wenn er wieder auf den Beinen ist.“

Dana seufzte und schaute auf Grant hinunter. „Ich wünschte, du würdest noch mal darüber nachdenken. Du musst lernen, mit der Vergangenheit umzugehen. Grant ist nicht dein Bruder. Er wird es schaffen. Immerhin hat er es bis jetzt geschafft, stimmt es?“

Serena zog die Brauen zusammen. „Eric hat alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, konnte aber nicht gerettet werden. Grant dagegen hat noch nicht einmal seine kugelsichere Weste getragen. Eigentlich hätte er längst tot sein müssen.“

„Und jetzt bist du wütend, weil er nicht gestorben ist?“ Dana hob die Hände. „Das ergibt doch alles keinen Sinn, Serena.“

„Wahrscheinlich nicht.“ Sie konnte die Bitterkeit selbst nicht verstehen, die sie zu ersticken drohte. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Vermutlich bin ich immer noch böse, dass Grant mich nicht genug geliebt hat, um eine weniger gefährliche Stelle anzunehmen.“

„Trotzdem bist du hier und pflegst ihn.“

„Ja, schon.“

Dana ging, da sie sich um ihre eigenen Patienten kümmern musste. Serena sah Grant für einen langen Moment an, ehe sie ihn widerstrebend verließ, um sich ihrer zweiten Patientin zu widmen. Es handelte sich um eine ältere Frau, die sich nach einer Hüftoperation eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Glücklicherweise erholte sie sich zusehends, so dass die künstliche Beatmung schrittweise verringert werden konnte. Voraussichtlich würde sie in wenigen Tagen aus der Intensivstation entlassen.

Etwa eine Stunde danach sprach die Rezeptionistin sie an. „Serena?“

Sie blickte von ihren Unterlagen auf. „Da ist noch ein anderer Polizist im Warteraum, der Grant gerne sehen möchte.“

Verärgert schaute Serena auf die Uhr. „Um diese Zeit? Na ja, wahrscheinlich haben sie merkwürdige Arbeitszeiten. Also gut, schick ihn rein.“

Sie beendete ihre Aufzeichnungen und ging dann über den Flur zu Grants Zimmer, um dem Beamten über Grants Zustand Bericht zu erstatten.

Beim Anblick der Gestalt, die neben seinem Bett stand, blieb Serena wie angewurzelt stehen. Es war eine Polizistin mit langen, braunen, welligen Haaren. Serena stockte der Atem. Die Frau auf dem Bild in Grants Brieftasche.

Fast hätte Serena auf der Stelle kehrtgemacht, um die beiden miteinander allein zu lassen. Doch diese Frau schien Grant etwas zu bedeuten, und sie wollte sicherlich Genaueres über seinen Gesundheitszustand erfahren.

Daher setzte Serena ein freundliches Lächeln auf und betrat den Raum. „Kann ich Ihnen helfen?“

Die Frau fuhr herum, steckte die Hände tief in die Taschen und sah Serena niedergeschlagen an. „Sind Sie Grants Krankenschwester? Können Sie mir sagen, wie es ihm geht?“

„Ja, ich bin Serena. Sein Zustand hat sich stabilisiert.“

„Loren“, stellte sich die brünette Frau vor. „Ich verstehe das nicht. Warum ist er noch nicht wach?“

Serena hob die Schultern. Ihr Blick fiel auf Lorens Hand. Dass dort kein Ring vorhanden war, vermittelte ihr seltsamerweise ein besseres Gefühl. Dennoch konnte es natürlich sein, dass Grant vorhatte, Loren einen Antrag zu machen. Entschlossen verbannte Serena diese quälenden Gedanken. „Das ist schwer, ich weiß. Aber er wird aufwachen, wenn sein Körper dazu bereit ist.“

„Weiß er, dass ich hier bin?“ fragte Loren zweifelnd.

„Möglich wäre es. Das Hörvermögen ist der Sinn, der als Letztes verschwindet und als Erstes zurückkehrt. Patienten haben mir schon häufiger erzählt, dass sie mich schon gehört haben, lange bevor sie in der Lage waren, darauf zu reagieren. Reden Sie ruhig mit ihm.“

„Ich bin bei dir, Grant.“ Loren sprach so leise, dass Serena nicht sicher war, ob er sie überhaupt hören konnte. „Bitte, werd bald wieder gesund. Du fehlst mir.“

Die Worte trafen Serena tief. Als sie das Foto gesehen hatte, hatte sie das Schlimmste befürchtet. Aber mitzubekommen, wie nahe die beiden einander standen, war noch viel schlimmer.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Loren warf ihr einen besorgten Blick zu.

Serena nickte rasch. „Ich … muss jetzt gehen. Sie dürfen nur ein paar Minuten bleiben. Grant braucht seinen Schlaf.“

„Ja, natürlich.“ Loren trat von Grants Bett zurück. Sie war blass. „Wenn … wenn er aufwacht, würden Sie ihm dann sagen, dass ich hier war?“

„Selbstverständlich.“ Sie folgte Loren aus dem Zimmer, noch immer aufgewühlt von dem Schock, die beiden zusammen zu sehen. Serena wusste, dass Grant irgendwann eine Familie gründen wollte. Das hier war nicht seine Schuld. Sie war diejenige, die die Verlobung gelöst hatte, nicht er. Offenbar machte Loren, die ja selbst Polizistin war, sein Beruf nichts aus.

Diese Erkenntnis brachte Serena jedoch keinerlei Trost.

Zum Glück hielt ihre zweite Patientin sie so auf Trab, dass sie keine Zeit zum Grübeln hatte. Harte Arbeit und lange Schichten waren schon früher ihre Rettung gewesen. Sobald sie ein paar freie Minuten hatte, versuchte Serena erneut, Grant zu wecken. Sie bemühte sich, nicht daran zu denken, dass Loren ihren Platz in seinem Leben eingenommen hatte, und legte ihre Hand in seine. Als seine Finger sich fest um ihre Hand schlossen, war sie vollkommen verblüfft.

Obwohl diese Bewegung vermutlich lediglich ein Reflex war, fühlte Serena sich dadurch ermutigt. Sie ließ ihre Hand in seiner liegen und strich zugleich mit der anderen leicht über Grants Oberarm. Die harten Muskeln unter ihren Fingerspitzen lösten eine vertraute Sehnsucht in ihr aus.

„Grant, kannst du mich hören? Du hattest letzte Nacht eine Notoperation, aber jetzt geht es dir schon viel besser. Wir warten nur darauf, dass du aufwachst. Dann können wir diesen schrecklichen Atemschlauch aus deinem Hals entfernen.“

Serena hielt inne und schaute auf ihre miteinander verbundenen Hände. Doch die Bewegung, die sie zuvor bemerkt hatte, war nicht mehr vorhanden. Seine kräftigen Finger lagen reglos auf dem Bettlaken.

„Ich bin sicher, dass der Schlauch höllisch wehtut. Aber du kannst erst wieder reden, wenn er rauskommt.“ Serena konnte kaum sprechen, so sehr schnürte es ihr die Kehle zu.

Sie wartete einen Augenblick und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, ehe sie leise sagte: „Grant, mach doch bitte die Augen auf, ja?“

Die Stimme seines Engels war wieder da, und dieses Mal war er fest entschlossen, ihn nicht zu verlieren. Noch immer rollte der Schmerz in Wellen über ihn hinweg, aber mit aller Kraft kämpfte er dagegen an. Er griff nach der Hand in seiner Nähe, hielt sie wie einen Rettungsanker umklammert und konzentrierte sich ganz auf die Stimme.
Er wurde sich des Atemschlauchs bewusst, von dem sie sprach, und unterdrückte die Panik, die ihn bei ihren Worten überfiel. Ganz langsam, ein Schritt nach dem andern … Er wollte die Frau sehen, deren Stimme ihn aus der Dunkelheit geholt hatte.

Grant hob die Augenlider, und ein verschwommenes Gesicht tauchte in dem dämmrigen Licht über ihm auf. Er blinzelte einmal und dann noch einmal, während die Züge langsam deutlicher wurden. Ein schönes Gesicht – klassische Wangenknochen, umrahmt von ungebärdigen rotgoldenen Locken, klare blaue Augen, die ihm vertraut waren …

Serena.

4. KAPITEL

Serena lachte beinahe vor Freude, als Grant zum ersten Mal die Augen öffnete. Während er blinzelte, um schärfer zu sehen, ermunterte sie ihn sanft.

„So ists gut. Schau mich an, Grant. Du bist im Krankenhaus.“ Ihre Stimme versagte für einen Moment. „Du bist gestern Nacht operiert worden. Der Chirurg hat einen Teil deiner Lunge entfernt und den Muskel in deinem linken Oberschenkel genäht. Alles ist gut gegangen. Aber du darfst dich noch nicht allzu viel bewegen.“

Grant hielt ihre Hand fest und sah Serena unverwandt an.

„Cheryl ist übrigens auch hier. Sie ist bestimmt froh darüber, dass du wach bist. Ich rufe sie gleich her.“

Sie wollte gehen, doch er wurde unruhig und ließ ihre Hand nicht los. Serena schaute in seine grauen Augen und wünschte, sie könnte seine Qualen lindern.

„Grant, ich lasse dich nicht allein, das verspreche ich dir. Ich will nur kurz Cheryl anrufen. Sie macht sich große Sorgen um dich. Ich bin sofort wieder da.“

Er entspannte sich, und sie drückte ihm beruhigend die Hand, bevor sie hinauseilte. Als sie zurückkehrte, war er noch immer wach und starrte auf die zahlreichen Geräte um sich herum. Doch sobald er ihrem Blick begegnete, bemerkte sie den vorwurfsvollen Ausdruck in seinen Augen. So, als ob es ihn aufregte, dass er von ihr betreut wurde.

Serena war seine Krankenschwester. Wie konnte das passieren? Seit Erics Tod hatte sie jeden Kontakt mit Traumapatienten vermieden. Verdammt, sie sollte nicht hier sein. Ich habe sie schließlich gehen lassen, damit sie mich nicht so sehen muss. Warum hat uns das Schicksal nach all der langen Zeit wieder zusammengebracht?

Die Anspannung im Zimmer war erdrückend. Serena hatte nicht mit einer negativen Reaktion von Grants Seite aus gerechnet. Offenbar hatten sich seine Gefühle ihr gegenüber in den vergangenen anderthalb Jahren nicht geändert. Auch wenn Cheryl die gespannte Atmosphäre zwischen ihnen sicher nicht entging, unterließ sie jeden Kommentar. Für Serena schien ihre Schicht quälend langsam zu vergehen. Anscheinend nahm Grant es ihr noch immer übel, dass sie ihn verlassen hatte.

Nach einiger Zeit wurde er zunehmend unruhiger, und sie musste ihm ein Beruhigungsmittel geben, damit seine Schläuche sich nicht versehentlich lösten oder seine Nähte aufrissen.

Als Dr. Hardy schließlich eintraf, war Serena erleichtert.

„Ah, unser Patient ist wach.“ Dr. Hardy besaß die schlechte Angewohnheit, mit dem Pflegepersonal über die Patienten zu sprechen, als ob diese zu dumm seien, um ihn zu verstehen. Serena sah Grants verärgerten Blick und griff schnell ein.

„Ja, und ich habe seine Werte hier.“ Sie reichte dem Arzt die Unterlagen. „Sie sehen recht gut aus. Ich bin sicher, Detective Sullivan würde gerne seinen Atemschlauch loswerden.“

„Hm …“ Dr. Hardy überprüfte die Werte und erteilte dann seine Erlaubnis. „Einverstanden. Aber achten Sie darauf, dass er die Medikamente weiterhin nimmt. Ich möchte nicht, dass er eine Lungenentzündung bekommt.“

Serena rief den Atemtherapeuten zu Hilfe. Gemeinsam zogen sie den Schlauch heraus und legten Grant sofort eine Sauerstoffmaske an.

„Wasser …“ Grant versuchte zu sprechen, doch sein Hals brannte wie Feuer.

Serena griff nach einem kleinen Plastikbecher auf dem Nachttisch. „Eisstückchen“, korrigierte sie. „Kein Wasser, bis Dr. Hardy es gestattet.“

Unwillig nahm er die wenigen Eisstückchen, die sie ihm anbot. Er hasste es, gefüttert zu werden, und vor allem, dass Serena es tat.

Bei jedem Atemzug erfasste ihn ein heftiger Schmerz, der ihm das Gehirn zu vernebeln schien. Mit finsterer Miene lehnte Grant sich ins Kissen zurück. Am liebsten hätte er Serena gebeten, zu gehen. Er wusste, dass ihr die Situation ebenso unangenehm war wie ihm. Den Becher mit den Eisstückchen selbst zu nehmen, kostete ihn fast übermenschliche Anstrengung. Als ihm beim ersten Versuch einige Stückchen am Kinn herunterfielen, fluchte Grant. Doch der zweite Versuch gelang schon besser, nur dass das Eis viel zu schnell durch seine raue Kehle glitt.

Er hustete, und ein glühender Schmerz durchfuhr seine Brust. Instinktiv griff er nach der OP-Wunde, aber Serena drückte bereits mit ihrer Hand darauf.

„Immer mit der Ruhe.“ Erstaunlicherweise linderte der Druck den Schmerz. „Husten ist gut für deine Lunge, aber Verschlucken auf keinen Fall.“

„Warum du?“ fragte Grant, als er wieder besser atmen konnte.

Sie zögerte, dann senkte sie achselzuckend den Blick. „In der Nacht, als du eingeliefert wurdest, hatte ich Bereitschaft. Erinnerst du dich daran, dass du niedergeschossen wurdest?“

Er schloss die Augen. Vage erinnerte er sich an mehrere Lichtblitze. Ein lebloser Körper auf der Straße. Sich bewegende Schatten. Eine Pistole. Durchdringender Schmerz.

„Zuerst habe ich dich gar nicht erkannt, weil überall so viel Blut war“, fuhr sie fort. „Als ich merkte, wer du bist, blieb mir keine andere Wahl. Beinahe hätten wir dich verloren, aber Dr. Hardy hat im OP offenbar ein Wunder vollbracht.“ Sie schmunzelte. „Deshalb lassen wir ihm auch sein unmögliches Benehmen den Patienten gegenüber durchgehen.“

Grant verzog die Mundwinkel zu einem müden Lächeln. „Ted Reichert“, brachte er dann mühsam hervor.

Einen Augenblick lang wirkte Serena verwirrt. Plötzlich hellte sich ihre Miene jedoch auf. „Ach, du meinst den Captain? Ich glaube, er will nachher vorbeikommen. Oder willst du, dass ich ihn anrufe?“

„Anrufen … bitte.“

„Aber es ist erst halb sieben.“

Er nickte. Serena ging und kehrte nach wenigen Minuten zurück. „Okay, er ist unterwegs. Obwohl ich den Eindruck habe, dass er nicht gerade ein Morgenmensch ist.“

Grant schüttelte lediglich den Kopf, um seine Stimme zu schonen. Nein, der Captain war weder ein Morgen- noch ein Nachtmensch. Doch trotz seiner ruppigen Art lagen ihm seine Untergebenen am Herzen.

„Soll ich Cheryl wieder reinholen?“ fragte Serena, die seine Schwester gebeten hatte, draußen zu warten, während ihm der Atemschlauch entfernt wurde.

Er nickte.

Mit einem schwachen Lächeln beugte Cheryl sich zu ihm herunter und umarmte ihn leicht. „Dem Himmel sei Dank, dass es dir wieder gut geht, Grant.“

Unbeholfen klopfte er ihr auf den Rücken, wobei er durch den Tropf in seinem Unterarm etwas behindert wurde. „Cheryl. Wo ist David? Die Kinder?“

„Zu Hause in Denver.“ Sie schniefte vernehmlich. „Ich nahm an, dass Kinder hier nicht erlaubt sind, und ich hatte keine Zeit, etwas zu organisieren. Die Ärzte schienen nicht besonders zuversichtlich, dass du es schaffen würdest.“

„Mir gehts gut. Fahr nach Hause zu deiner Familie.“

„Ich fahre erst dann, wenn ich sicher weiß, dass du hier gesund wieder rauskommst.“ Sie blickte zu Serena hinüber, die vor der Tür saß und Eintragungen auf seinem Krankenblatt machte. „Serena, weißt du, wie lange er noch auf der Intensivstation bleiben muss?“

In diesem Augenblick wurden sie von irgendeinem Lärm nebenan unterbrochen.

„Wer ist das?“ Stirnrunzelnd beobachtete Grant, wie zwei Polizeibeamte darüber diskutierten, ob der Patient mit Fußfesseln ans Bett gekettet werden sollte oder nicht. Die lauten Stimmen drangen bis hierher herüber.

„Das ist Jason. Der Junge, der dich niedergeschossen hat“, erwiderte Cheryl mit grimmigem Gesichtsausdruck.

Grant hob die Brauen und wandte den Kopf, um durch die Glaswand zu schauen. Ein Mischlingsjunge saß dort auf seinem Bett und tat ebenfalls lautstark seine Meinung kund, auch wenn niemand ihn beachtete.

Glücklicherweise erschien nun der Captain auf der Bildfläche und beendete die Auseinandersetzung. „Legt ihm Handschellen an.“

Grant starrte den Jungen an und versuchte sich zu erinnern. Der Junge kam ihm nicht bekannt vor, aber dennoch war es offenbar zu einem Schusswechsel mit ihm gekommen. Grant konnte sich an nichts erinnern, das ihm einen Anhaltspunkt über die Gang geliefert hätte, zu der dieser Junge gehörte, wenn überhaupt. Eigentlich erinnerte er sich kaum an die Ereignisse, die mit der Schießerei zusammenhingen. Und er wollte unbedingt erfahren, was genau geschehen war.

„Hey, Sullivan, du siehst übel aus“, begrüßte ihn der Captain mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit.

„Danke.“ Grant nahm erneut ein paar Eisstückchen, um seine ausgedörrte Kehle zu befeuchten. Seine Kräfte schwanden rasch. „Was ist passiert?“

Ted Reichert ließ seinen massigen Körper auf einen Stuhl neben Grants Bett fallen und rieb sich abwesend den Brustbereich. „Sag du’s mir. Unsere Jungs haben dich am Schauplatz blutend aufgefunden, und einen toten Polizisten namens Joe Vine. Und dann haben wir noch diesen Mistkerl Jason gefunden, der von deinen Schüssen verwundet war.“

„Und Joes Partner?“ krächzte Grant mühsam.

Der Captain strich sich übers Kinn. „Der tauchte zehn Minuten später keuchend auf. Er sagte, er hätte einen anderen Kerl mit einer Pistole verfolgt, der ihm aber leider entwischt ist.“

Nachdenklich zog Grant die Brauen zusammen. „Also, was hat das alles zu bedeuten? Verstärkte Gang-Aktivitäten? Zum Henker, seit wann haben die aufgehört, sich gegenseitig abzuknallen?“

Ted Reichert zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Aber wenn das ihre neue Masche ist, dann müssen wir ihre Pläne durchkreuzen, und zwar schnell. Ich hab schon mehrere Leute auf die Sache angesetzt. Wir kriegen sie. Keine Sorge.“

Grant schloss vorübergehend die Augen, denn er war erschöpft. Er wünschte, er könnte seinen Kollegen irgendwie behilflich sein. Aber er hatte einfach keine Kraft.

„Wir kümmern uns darum“, erklärte der Captain energisch. „Dein Job ist es, wieder so gesund zu werden, dass du hier rauskommst. Wir brauchen dich, Sullivan. Du bist einer der besten Detectives, die wir haben.“

Grant fing Serenas Blick auf. Ihre Miene hatte sich bei den Worten des Captain verdüstert. Grant wusste, dass sein Chef ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Ihre Ängste waren verständlich, aber zugleich irrational. „Ja“, meinte er. „Hier rauszukommen ist meine oberste Priorität.“

Ted nickte brüsk und wandte sich dann an Serena. „Ich bin Ihnen für Ihre Unterstützung neulich nachts dankbar. Aber ich fürchte, Sie werden es mit ihm nicht leicht haben. Er wird kein besonders kooperativer Patient sein.“

„Das habe ich schon gemerkt“, gab sie spitz zurück, schaute demonstrativ auf die Uhr und drehte sich zu Grant um. „Ich muss jetzt die Übergabe für die nächste Schicht machen. Kann ich dir noch irgendwas bringen, bevor ich gehe?“

„Ein großes Glas Wasser.“

Serena griff nach dem Plastikbecher. „Ein kleiner Becher mit Eisstückchen kommt sofort.“

Missmutig schaute er ihr hinterher, wobei ihm der Anblick ihres Pos etwas zu gut gefiel. Trotz seiner Schmerzen spürte er die vertrauten Regungen seines Körpers. Der weite blaue Klinikkittel verbarg ihre Figur, und Grant überlegte, ob sie sich in den vergangenen achtzehn Monaten wohl verändert hatte. Serena hatte die ganze Nacht hindurch hart gearbeitet, und dennoch sah sie so frisch aus, als habe sie ihre Schicht gerade erst begonnen. Stundenlang hätte Grant nur so daliegen und ihrer melodischen Stimme lauschen können.

Ihm fiel wieder ein, wie gerne er das Gummiband aus ihren rotgoldenen Locken gezogen hatte, so dass sie ihr über die Schultern fielen. Ihr duftendes Haar hatte sich auf seiner Haut angefühlt wie gesponnene Seide. Es war so schön gewesen, das Gesicht darin zu vergraben und sie auf den Nacken zu küssen.

Grant machte eine Bewegung, und ein schneidender Schmerz riss ihn aus seinen Fantasien. Er durfte nicht auf so intime Weise an Serena denken. Sie gehörte nicht mehr zu ihm. Sie führte ihr Leben, und er seins.

Schuldbewusst fiel ihm auf einmal Loren ein. Er rieb sich über die Bartstoppeln am Kinn und überlegte, ob er jemanden bitten sollte, Loren anzurufen. Loren DuWayne war eine Kollegin, die Witwe seines früheren Partners. Nach Ricks Tod vor ein paar Jahren war er mit ihr und ihrem Sohn Ben in Kontakt geblieben.

Sie waren immer befreundet gewesen, aber nach Grants Trennung von Serena hatten sie sich häufiger gesehen. Und in letzter Zeit hatte Loren angedeutet, dass sie zu mehr bereit war. Grant war gern mit Loren und Ben zusammen, doch irgendetwas hatte ihn davon abgehalten, die Beziehung zu ihr zu vertiefen. In vielerlei Hinsicht war Loren die perfekte Frau für ihn. Sie liebte ihren Job ebenso wie er selbst. Obwohl sie ihren Mann durch ihren gemeinsamen Beruf verloren hatte, würde sie niemals so unvernünftige Forderungen stellen wie Serena.

Das Wiedersehen mit Serena und die Art, wie sein Körper auf die zartesten Berührungen ihrerseits reagierte, zeigte Grant die Wahrheit. Nicht einmal nach dieser langen Zeit war er ihr gegenüber immun. Er konnte nicht guten Gewissens eine Beziehung mit jemand anderem eingehen. Schon gar nicht mit einer Frau, deren Sohn möglicherweise von ihm abhängig wurde.

Am Ende ihrer Schicht kam Serena noch einmal vorbei. „Ich wollte mich nur kurz verabschieden. Ich arbeite zwar heute Abend, aber vielleicht kannst du ja Dr. Hardy dazu überreden, dass er dich vorher gehen lässt.“

„Ich werde es versuchen. Aber zuerst muss er mich wie einen Menschen behandeln.“ Grant gab sich keine Mühe, seine Abneigung gegen den arroganten Chirurgen zu verbergen. „Du bist heute Abend also hier?“

Sie nickte. „Aber nach diesem Wochenende habe ich frei.“ Mit einem höflichen Lächeln wandte sie sich ab.

„Serena?“ rief er ihr nach.

An der Tür blieb sie stehen und blickte fragend über die Schulter zurück.

„Danke. Danke für alles.“

Sie lächelte erneut, wirkte jedoch auch überrascht. Offenbar hatte sie keinerlei Anerkennung von ihm erwartet. Während sie ging, schaute er ihr hinterher und fragte sich, weshalb er sich wünschte, sie würde noch bleiben.

Am Nachmittag kam Loren vorbei. Zögernd näherte sie sich, eingeschüchtert von den vielen medizinischen Geräten um Grants Bett herum. Sie drückte ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Stirn.

„Grant, ich kann es kaum glauben, dass du wirklich wieder okay bist.“

Er grinste, wenn auch etwas mühsam. „Mir gehts gut. In ein paar Tagen komme ich hier raus.“

Loren betrachtete ihn zweifelnd. „Ja, sicher. Ich musste Ben im Wartezimmer fast an seiner Großmutter festbinden, damit er mir nicht nachläuft.“

Grant lächelte. Ben war ein prima Junge. „Ach ja?“

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