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Bianca Arztroman Band 69

Sarah Morgan

Der spanische Chefarzt

1. KAPITEL

Sie hatte vergessen, wie sehr sie es hasste, nach Hause zu kommen.

Katy atmete schneller, als sie sich in dem sorgfältig gepflegten Garten umsah, wo Menschen in Grüppchen zusammenstanden, Champagner schlürften und plauderten. Der Duft der Blüten vermischte sich mit dem Geruch frisch gemähten Grases – ein perfekter englischer Sommertag.

Katy jedoch fühlte sich erschöpft und angespannt. Sie sehnte sich nach der Geborgenheit ihres Londoner Apartments am Fluss.

Nur wegen ihrer Mutter war sie hergekommen.

„Herzlichen Glückwunsch, Dr. Westerling!“

Als sie die vertraute Stimme hinter sich hörte, drehte Katy sich erleichtert um. Beim Anblick ihrer Schwester blieb ihr der Mund allerdings offen stehen.

„Was hast du denn mit deinem Haar gemacht?“

Elizabeth, genannt Libby, schüttelte ihre lange Mähne und grinste etwas boshaft. „Das soll eine Überraschung für Dad sein. Der Farbton nennt sich Erdbeerblond. Gefällt er dir?“

„Es ist pink“, stellte Katy mit schwacher Stimme fest. Libbys Grinsen wurde breiter.

„Ich weiß. Großartig, oder?“ Ihr Blick wanderte herausfordernd über die durchweg konservativ gekleidete Menge. Kopfschüttelnd betrachtete Katy die für gewöhnlich leuchtend blonde Haarpracht ihrer Schwester.

„Wäscht sich das raus?“

„Na klar.“ Schnell griff Libby sich ein Glas Champagner von einem der Tabletts, die die Kellner durch den Garten trugen. „Aber bestimmt nicht, bevor ich unserem verehrten Vater damit einen Heidenschreck versetzt habe.“

Bei dem Gedanken an den Zorn ihres Vaters verstärkte sich Katys Anspannung. „Du legst es immer darauf an, ihn zu provozieren. Hättest du nicht wenigstens ein etwas längeres Kleid anziehen können?“

„Auf keinen Fall.“ Demonstrativ bewegte Libby die Hüften. „Meinst du, er weiß es zu würdigen?“

Katy musterte das eng anliegende Kleid, das Libbys schlanke Beine beinahe in ihrer ganzen Länge enthüllte. In einem Nachtclub wäre es vielleicht ein angemessenes Outfit gewesen, aber ganz sicher nicht auf dieser Gartenparty.

„Er wird vermutlich einen Tobsuchtsanfall bekommen.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Westerling senior, der in ein ernstes Gespräch mit einigen Kabinettsmitgliedern vertieft war und die Ankunft seiner Töchter noch nicht bemerkt hatte. Es würde garantiert Ärger geben. Katy biss sich auf die Lippen. „Warum musst du dich immer so aufführen, Lib? Warum kannst du dich nicht wenigstens einmal zusammennehmen?“

„Warum sollte ich?“ Sanft berührte Libby die Perlenkette um Katys Hals. „Ich bin nun einmal keine Perlenkettenträgerin. Und das bist du auch nicht, du willst es dir nur nicht eingestehen.“

Katy schaute zur Seite.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie wirklich war.

Die Direktheit ihrer Schwester hatte sie wie so oft aus dem Gleichgewicht gebracht. „Nur weil ich mich für die Gartenparty unserer Eltern passend anziehe, heißt das noch lange nicht …“

„Unsere Geburtstagsparty“, unterbrach sie Libby. „Wir haben heute Geburtstag, schon vergessen? Du, ich und Alex.“ Sie drehte sich um, blickte über die gestutzten Hecken und die elegant gekleideten Gäste und verdrehte die Augen. „Ich wette, wir sind die einzigen Drillinge auf der Welt, zu deren Geburtstag die Eltern eine Party schmeißen, bei der sie nur ihre eigenen todlangweiligen Freunde einladen und das Ganze hinterher als Firmenveranstaltung von der Steuer absetzen. Nun ja, ich zumindest weigere mich, bei dieser Farce mitzuspielen. Und du tust es nur, weil du so ein lieber Mensch bist und schreckliche Angst vor Konflikten hast.“

Das Funkeln in Libbys Augen verunsicherte Katy. „In ein paar Stunden sind wir wieder zu Hause“, versuchte sie ihre Schwester zu besänftigen. „Nimm doch ein bisschen Rücksicht, Libby. Mum zuliebe.“

„So wie du?“ Libby blickte Katy direkt in die Augen. „Hast du nie den Wunsch, diese ganze aufgeblasene Bande zu schockieren? Dich sinnlos zu betrinken, laut zu fluchen oder dir die Kleider vom Leib zu reißen und nackt im Springbrunnen zu tanzen?“

„Alles zugleich?“ Katy lächelte leicht und sah dann zu einer Gruppe von jungen Männern hinüber, die den Champagner wie Wasser hinunterkippten.

„Oh, entschuldige, ich vergaß. Natürlich kannst du so etwas nicht tun. Lord Frederick Hamilton würde dieses Verhalten gar nicht billigen.“ Libby schwieg einen Augenblick, dann seufzte sie, und ihr hübsches Gesicht wurde ernst. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du diesen Mann wirklich heiraten willst.“

Katy schluckte.

Manchmal konnte sie es selbst nicht glauben.

Aber es war die richtige Entscheidung.

„Ich meine, schau ihn dir doch an! Ihr habt euch seit Tagen nicht gesehen, warum zerrt er dich nicht für eine wilde Knutscherei hinter ein Gebüsch?“ Libby legte den Kopf zur Seite und musterte ihren zukünftigen Schwager skeptisch. „Er ist so damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen, dass er nicht einmal gemerkt hat, dass du hier bist. Auch wenn du splitternackt und mit Schlagsahne bedeckt vor ihm stündest, würde er sich lieber mit diesen unheimlich wichtigen Leuten unterhalten.“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unüberhörbar.

Ihre Schwester hatte mit allem, was sie sagte, Recht, und Katy fragte sich, warum es ihr so wenig ausmachte. Vielleicht lag es daran, dass sie überhaupt nicht wollte, dass Freddie sie hinter ein Gebüsch zerrte und wild küsste. Es war ihr sehr viel lieber, wenn er sich mit seinen Geschäftsfreunden unterhielt und sie in Frieden ließ.

Mit Freddie war sie auf der sicheren Seite.

In diesem Moment schaute ihre Mutter zu ihnen herüber, und ein entsetzter Ausdruck trat in ihr Gesicht. Sichtlich in Panik, warf sie einen Blick auf ihren Ehemann, der jedoch immer noch in sein Gespräch vertieft war.

Libby atmete hörbar ein und grinste dann. „Bereit zum Abheben? Zehn, neun, acht …“

Die beiden warteten, während ihre Mutter auf sie zueilte: Katy nervös und angespannt, Libby trotzig und ein wenig amüsiert.

Entnervt schaute Katy ihre Schwester an. Wieso nur hatte sie so gar keine Angst vor ihrem Vater?

Auseinandersetzungen mit ihm vermied sie nicht, nein, sie schien sie sogar zu genießen.

Als hätte sie ihre Gedanken gehört, zog Libby jetzt an ihrem Kleid, um den ohnehin weiten Ausschnitt noch zu vergrößern.

„Elizabeth.“ Lady Caroline Westerling blickte nervös zwischen ihren Töchtern und ihrem Ehemann hin und her. „Dein Haar ist unmöglich, und was um Gottes willen hast du da an?“

„Ein Partykleid“, entgegnete Libby munter. „Für meine Geburtstagsparty.“

Bei dieser mehr als deutlichen Anspielung auf den eigentlichen Anlass der Feier zuckte Katy zusammen, aber ihre Mutter wirkte gänzlich unberührt von der Spitze.

„Es sieht unanständig und billig aus.“ Caroline schüttelte den Kopf. „Dein Vater wird sich fürchterlich aufregen.“

Libbys Augen funkelten. „Das will ich hoffen.“

„Warum nur, Elizabeth? Warum musst du dich so benehmen?“ Caroline wies mit der Hand über die Gästeschar. „Es sind einige junge passende Männer gekommen, die ich dir gerne vorgestellt hätte. Aber nicht in diesem Aufzug. Geh bitte ins Haus, und lass dir von Sally etwas anderes zum Anziehen heraussuchen.“

Libbys Grinsen wurde noch breiter. „Mum, ich interessiere mich nur für unpassende junge Männer, das weißt du doch. Ich mag dieses Kleid, und es interessiert mich nicht, was Dad denkt. Und dich sollte es auch nicht interessieren. Du lässt dich viel zu sehr von ihm einschüchtern.“

„Lass es jetzt gut sein, Lib“, mischte Katy sich ein.

Aber Libby wandte den Blick nicht von ihrer Mutter. „Du solltest ihm nicht immer nachgeben.“

Caroline Westerling ignorierte die Worte ihrer Tochter und schaute nervös zur Seite. „Euer Vater hat heute einige wichtige Leute eingeladen.“ Mit einem gezwungenen Lächeln schaute sie Katy an. „Freddie ist wirklich wunderbar. Er kommt so gut mit allen zurecht. Dein Vater ist sicher, dass er es noch weit bringen wird.“

„Sehr weit weg, hoffe ich“, murmelte Libby, woraufhin Katy ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

Was würde sie nur ohne Libby tun? Sie liebte die impulsive und furchtlose Art ihrer Schwester.

Niemand würde Libby dazu bringen, etwas zu tun, das sie nicht wollte.

Nicht einmal ihr Vater.

Währenddessen war Caroline noch immer beim Thema. „Freddie ist eine großartige Partie, Katy. Jetzt müssen wir uns nur noch um deine Arbeit kümmern. Ich hoffe doch sehr, dass du diesen Unsinn mit der Medizin sein lässt, wenn du erst verheiratet bist.“

Katy richtete sich auf. „Das werde ich nicht.“

„Aber Liebes, du hast jetzt deine Ausbildung beendet. Du hast allen bewiesen, dass du etwas leisten kannst. Es ist wirklich nicht nötig, jetzt noch weiterzumachen. Freddie ist äußerst wohlhabend, du hast die Einkünfte aus deinem Treuhandfonds und bist wirklich nicht auf einen Beruf angewiesen. Freddie wird erwarten, dass du dich um euer Heim kümmerst. Du wirst gar keine Zeit für einen Beruf haben.“

„Und was ist mit mir?“ fragte Libby. „Ich bin Krankenschwester – ist das etwas anderes? Und Alex ist ebenfalls Arzt. Wollt ihr, dass wir auch unsere Arbeit aufgeben?“

„Aber Katy wird doch bald heiraten“, wiederholte Caroline.

Mit einem unterdrückten Stöhnen entgegnete Katy: „Ich werde nicht aufhören zu arbeiten.“

Manchmal hatte sie das Gefühl, ihre Arbeit wäre das Einzige, das sie bei Verstand hielt.

Nervös rieb sich Caroline die Hände. „Aber du kannst doch nicht weiter dauernd Überstunden machen und die Nächte durcharbeiten, wenn du verheiratest bist.“

Katy liebte Nachtschichten und Überstunden. Sie waren die perfekte Ausrede für ihr fehlendes Privatleben.

„In zwei Wochen fängt mein neuer Job an“, erinnerte sie ihre Mutter. „Ich werde als Notfallärztin in der Unfallambulanz arbeiten.“

Und sie konnte es kaum abwarten. „O Katherine, wie kannst du nur?“ Entsetzt verzog ihre Mutter das Gesicht. „All diese gewalttätigen und betrunkenen Menschen, die man in den Nachrichten sieht. Warum willst du das nur tun, wenn du es doch gar nicht musst?“

Weil sie die Medizin liebte. Und weil sie sich so weit wie möglich von der Welt der Finanzen und des Hochadels entfernen wollte, in der ihre Eltern lebten.

„Es ist doch eine echte Verschwendung“, sagte ihre Mutter. „Ich erzähle noch immer all meinen Freundinnen, wie erfolgreich du mit siebzehn als Model warst. Du warst auf allen Titelseite und wenn du dir das mit dem Medizinstudium nicht in den Kopf gesetzt hättest, wärst du jetzt eines von diesen Supermodels.“

„Ach Quatsch“, mischte Libby sich ein. „Katy hat inzwischen zum Glück ein bisschen Fleisch auf den Knochen, für so eine Karriere hätte sie sich zu Tode hungern müssen.“

Caroline presste die Lippen aufeinander. „Versprich mir, dass du diesen Unsinn mit der Notfallambulanz aufgibst. Freddies Eltern machen sich auch ihre Gedanken. Es ist einfach keine passende Tätigkeit für dich, Katy.“

Passend. Da war wieder dieses Wort.

Katy hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf gleich explodieren.

Was war nur mit ihr los?

Für gewöhnlich tat sie alles, um ihrer Mutter zuliebe den Hausfrieden zu wahren, aber heute wäre sie am liebsten schreiend davongelaufen.

„Tritt die Stelle an, wenn du unbedingt musst“, fuhr Caroline fort. „Aber in drei Monaten heiratest du Freddie, und dann wirst du auf jeden Fall kündigen müssen. Oh, schau nur, da ist Freddies Mutter. Ich muss mit ihr noch einige Dinge für die Hochzeit besprechen.“ Mit einem weiteren verzweifelten Blick auf Libbys Kleid drehte sie sich um und bahnte sich mit einem strahlenden Lächeln ihren Weg durch die Menge.

Laut seufzte Libby auf. „Sieh sie dir nur an“, sagte sie mit einer Kopfbewegung zu ihren Eltern, die jetzt nebeneinander standen. „Sie wirken immer so, als würden sie sich nicht einmal besonders mögen. Manchmal glaube ich, ihre Ehe ist eine rein geschäftliche Vereinbarung. Kein Wunder, dass wir beide und Alex völlig beziehungsgestört sind. Wir hatten keine besonders positiven Vorbilder.“

Katy fuhr sich mit der Zunge über ihre ausgetrockneten Lippen. Diese Party wurde langsam zu einer völligen Katastrophe. „Wir sind doch nicht beziehungsgestört.“

„O doch, das sind wir. Du verbringst dein Leben so sehr damit, Dad zu gefallen, dass du nicht mehr weißt, wer du eigentlich bist. Ich bin so damit beschäftigt, mich ihm und Mum in allem zu widersetzen, dass ich auch schon ganz verwirrt bin. Und was Alex angeht …“ Libby drehte sich um, und ihr Blick schweifte auf der Suche nach ihrem Bruder über die Menge. „Alex ist so desillusioniert von der Ehe, dass er jede Beziehung zu einer Frau nach drei Monaten beendet, nur um sicherzugehen, dass nichts Ernstes daraus wird. Er ist die perfekte Verkörperung des Wortes ‚beziehungsgestört‘.“

„Das bist du auch“, entgegnete Katy.

„Sag ich doch.“ Mit einer dramatischen Geste breitete Libby die Arme aus und wies auf ihre Eltern. „Kein Wunder. Wenn ernste Beziehungen so aussehen, dann sterbe ich hoffentlich als Single.“

„Wie kannst du so etwas nur sagen, Libby.“

Ihre Schwester wurde jedoch von dem Surren einer Biene abgelenkt. Schnell trat sie einen Schritt zurück. „Oje, Killerinsekt im Anflug.“

Katy schaute besorgt. Libby war allergisch gegen Bienenstiche. „Hast du dein Kortison dabei?“

Lächelnd klopfte Libby auf ihre winzige Handtasche. „Lippenstift und Kortison – die Lebensretter der modernen Frau.“

Trotz ihrer leichtfertigen Antwort nahm sie ihre Allergie sehr ernst. Die ganze Familie tat das. Vor einigen Jahren hatte Libby eine äußerst heftige Reaktion auf einen Bienenstich gehabt und wäre beinahe erstickt. Nur Alex’ rascher Hilfe war es zu verdanken, dass sie überlebt hatte. Seitdem hatte auch Katy immer ein Gegenmittel dabei und ihr Bruder ebenfalls. Nur zur Sicherheit.

Die Biene flog davon, und Katy schaute wieder über den sorgfältig gepflegten Rasen zu Freddie hinüber, der gerade in sein Handy sprach.

Ein Schatten zog über Libbys Gesicht. „Heirate ihn nicht, Katy“, sagte sie mit leiser Stimme. „Es ist noch nicht zu spät, deine Meinung zu ändern.“

„Ich will meine Meinung nicht ändern.“

Ungläubig schüttelte Libby den Kopf. „Das Leben mit Lord Frederick wird eine endlose Reihe von Abendgesellschaften mit langweiligen Bankern sein. Er heiratet dich nur wegen Daddy.“

„Das ist mir klar.“ Die harten Worte ihrer Schwester hätten sie empören müssen, aber sie taten es nicht. Schließlich war es die Wahrheit. Der Einfluss und das Vermögen ihres Vaters waren der Grund für Freddies Heiratsantrag.

Erschüttert starrte Libby sie an. „Aber warum heiratest du ihn, Katy?“

„Weil ich es will.“

Weil diese Beziehung sicher und vorhersehbar war.

„Es ist nicht richtig. Willst du nicht einen Mann heiraten, den du liebst?“

Unwillkürlich atmete Katy schneller. Nein. Nein, das wollte sie nicht. Liebe war gefährlich.

Die Liebe hätte sie beinahe umgebracht.

„Na ja, vielleicht kannst du auf Liebe verzichten, aber was ist mit Leidenschaft?“ Mit schmalen Augen betrachtete Libby Freddie. „Mal ehrlich, dieser Mann lässt mich völlig kalt. Ich will jemanden, der so verrückt nach mir ist, dass er mich gegen eine Wand presst, mein Kleid hochschiebt und …“

„Da gibt es aber nicht viel hochzuschieben“, erklang eine trockene Männerstimme hinter den beiden Schwestern. „Dieses Kleid bedeckt ja kaum deinen Po.“

„Alex!“ Mit einem kleinen Freudenschrei umarmte Libby ihren Bruder. „Da bist du ja endlich.“

Sein attraktives Gesicht verriet kaum eine Regung. „Ich war beschäftigt.“ Er ließ sie los, wandte sich Katy zu, und seine Augen schauten plötzlich besorgt. „Hallo, Kleine. Alles in Ordnung?“

Nein.

Katy umarmte ihren Bruder ebenfalls, während sie sich wünschte, seinem durchdringenden Blick ausweichen zu können. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Alex.“

Er hob ihr Kinn an und zwang sie, ihn direkt anzusehen. „Also, was ist los? Sag’s deinem großen Bruder.“

Katy lächelte kurz. Gerade mal drei Minuten machten Alex zum erstgeborenen Drilling.

„Sie lässt sich in eine Ehe mit diesem Deppen Freddie drängen, das ist los“, murmelte Libby düster. „Das macht sie nur, um Dad nicht zu verärgern. Zeit für einen Drillingsrat, wenn ihr mich fragt.“

Katy löste sich von ihrem Bruder. „Das ist doch Unsinn. Mir geht’s gut. Wirklich. Ich bin nur ein wenig müde. Und auch ein bisschen nervös wegen der neuen Stelle.“

„Die Arbeit in der Notaufnahme wird dir gefallen“, sagte Alex. „Ich wünschte mir, du hättest dich nicht nur in London beworben. Wir hätten in unserer Klinik auch eine gute Ärztin gebrauchen können.“

Mit einem weiteren schwachen Lächeln entgegnete Katy: „Du bleibst doch nirgends lange, Alex. So arbeite ich im gleichen Krankenhaus wie Libby, und wegen Freddies Job in der City muss ich auf jeden Fall in London bleiben.“

„O ja, natürlich.“ Libby war noch immer aufgebracht. „Das wollte ich gerade sagen, als du kamst, Alex. Der ehrenwerte Lord Frederick ist so mit seiner Arbeit beschäftigt, dass er für Sex und Leidenschaft keine Zeit hat. Wahrscheinlich musst du dafür mit seiner Sekretärin einen Termin absprechen. Willst du wirklich so leben?“

Katy fühlte sich völlig elend. Sie schloss die Augen, um die besorgten Gesichter ihrer Geschwister nicht mehr sehen zu müssen.

Sie wollte nicht so leben, aber sie wollte auch keinen Sex mit Freddie.

Alex runzelte die Stirn und wollte gerade etwas sagen, als seine Mutter nach ihm rief.

„Bin gleich wieder da.“ Er strich Katy leicht über die Wange und wechselte einen bedeutsamen Blick mit Libby, bevor er mit energischen Schritten über den Rasen zu seinen Eltern ging.

„Er ist verdammt gut aussehend. Wieso sind wir beide eigentlich blond und er dunkelhaarig? Mit seinen blauen Augen sieht das wirklich toll aus.“ Libby beobachtete, wie Alex locker mit den Geschäftsfreunden ihres Vaters plauderte. „Er wirkt immer ein bisschen gefährlich, findest du nicht?“

Wieder schloss Katy die Augen, und ein dumpfes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit.

Ein anderer gefährlicher Mann war ihr Verhängnis gewesen.

Es herrschte angespanntes Schweigen. „Du denkst immer noch an ihn, nicht wahr?“ Libby schaute sie mit einem eindringlichen Blick aus ihren blauen Augen an. „Es ist elf Jahre her, dass er dir das Herz gebrochen hat, aber du denkst noch immer an ihn.“

Katy musste nicht fragen, wen ihre Schwester meinte. „N…nein, ich …“

Das dumpfe Gefühl wurde stärker, und ihr Herz schlug heftiger.

„Lüg mich nicht an, Katy.“ Libbys Stimme war weich. „Es scheint so lange her. Unser achtzehnter Geburtstag … erinnerst du dich noch an diesen Sommer?“

Regungslos stand Katy da. Ob sie sich noch erinnerte? Jede Minute war in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Mit träumerischer Stimme fuhr Libby fort. „Weißt du, dass ich dich beneidet habe? Ich wäre liebend gern an deiner Stelle gewesen.“

„Hör auf, Lib“, sagte Katy schnell.

„Wie hat Dad ihn noch beschrieben?“ Libby legte den Kopf zur Seite. „Brillant, aber gefährlich? Ich werde nie vergessen, wie er zum ersten Mal bei einem von Dads Geschäftstreffen auftauchte. Da waren wir sechzehn, weißt du noch? Alle trugen Anzug und Krawatte, nur Jago Rodriguez kam in schwarzer Lederkluft auf einem Motorrad an. Kein Respekt für die Konventionen der englischen Gesellschaft.“

„Er ist ja auch Spanier“, murmelte Katy. Warum musste Libby eigentlich gerade heute über ein Thema reden, das sie seit Jahren vermieden hatten?

„Das sprach nicht gerade zu seinen Gunsten“, fuhr Libby ungerührt fort. „Er war kein Brite, und er hatte nicht den richtigen Stammbaum. Ich dachte, Mum würde in Ohnmacht fallen. Ich fand es immer toll, dass er sich nicht um die Vorurteile der Leute geschert hat. Als Sohn unserer Haushälterin war er es schließlich nicht gewohnt, sich in diesen Kreisen zu bewegen, aber das hat man ihm nie angemerkt.“

„Das lag daran, dass Mrs. Rodriguez so eine wundervolle Mutter war.“ Katy sprach fast gegen ihren Willen, sie wollte sich nicht an diese Zeiten erinnern. „In Spanien werden die Familienbande sehr gepflegt, und er war immer stolz auf seine Herkunft. Und als Dad ihm eine Chance in der Bank gegeben hat …“

Libby lachte spöttisch. „Sei nicht albern, Katy. Dad hat in seinem Leben noch nie etwas getan, ohne dass er selbst davon profitiert hätte. Er hat Jago Rodriguez eingestellt, weil er sein Talent und wahrscheinlich auch ein paar verwandte Charakterzüge erkannte. Beide können rücksichtslos, ehrgeizig und herzlos sein.“

Die kühle Analyse ihrer Schwester ließ Katy zusammenzucken. „Zu mir war Jago anders, sanft und liebevoll.“

„Er hat dich ohne ein Wort des Abschieds verlassen“, stellte Libby trocken fest. Dieser Aussage hatte Katy nichts entgegenzusetzen. Ihre Schwester hatte Recht und wollte sie nur beschützen. Sie hätte umgekehrt genauso gehandelt. Libby, Alex und sie standen sich so nahe, wie es nur möglich war.

Libby hatte Grund genug, Jago gegenüber negative Gefühle zu hegen. Die Monate, nachdem er Katy verlassen hatte, waren die schlimmsten ihres Lebens gewesen, und Libby hatte ihr geholfen, sie durchzustehen.

Aber hatte er ihr nicht immer gesagt, dass er nicht auf der Suche nach einer dauerhaften Beziehung war?

War es denn seine Schuld, dass sie den Fehler begangen hatte, sich trotzdem in ihn zu verlieben?

„Auch wenn er ein mieser Kerl ist, ich kann verstehen, weswegen er dir immer noch im Kopf herumspukt.“ Verschwörerisch schaute Libby ihre Schwester an. „Jago war der mit Abstand bestaussehende Mann, den ich je gesehen habe. Und du hast tatsächlich mit ihm …“

„Das reicht jetzt, Lib!“ Katy presste die Nägel in ihre Handfläche, während die Erinnerungen über sie hereinbrachen.

Keuchender Atem, das raue Kratzen seiner Bartstoppeln an ihrer Wange. Die erotische Spannung zwischen ihnen. Heiß und brennend.

„Du … die Ruhige und Schüchterne und der böse und gefährliche Junge. Wo hast du nur den Mut hergenommen, dich auf ihn einzulassen?“ Jetzt sprach deutliche Bewunderung aus Libbys Stimme. „Ich habe mich immer gefragt, was passiert wäre, wenn Dad es nicht herausgefunden hätte? Wäre es weitergegangen?“

Feste Muskeln und weiche Haut, glühendes Verlangen. Hungrige Münder und verschwitzte Körper in leidenschaftlicher Umarmung …

„Natürlich nicht.“ Katy presste die Hände auf die Schläfen und versuchte, die Bilder zu vertreiben. „Wir waren vollkommen verschieden.“

Libby verzog das Gesicht. „Du klingst wie unser Vater. Er hat Jago für eine Art Aussätzigen gehalten. Das komplette Gegenteil einer passenden Partie. Gut genug, um sich für Dad auf den Finanzmärkten zu prügeln, aber ganz bestimmt nichts für seine Tochter. Schließlich fehlte ihm die edle Herkunft eines Lord Frederick.“

„Vielleicht hatte er ja Recht. Es hätte niemals funktioniert.“ Katy klang leicht panisch. „Und können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“

Dunkle magische Augen. Sein Blick verzauberte sie, hielt sie gefangen, während ihre Körper zu explodieren schienen.

Ihre Schwester ging nicht auf ihre Bitte ein. „Warum hätte es nicht funktioniert? Weil du die reiche Erbin warst und er nur der Sohn der spanischen Haushälterin? Dads Angestellter, der sich nach oben gekämpft hatte?“ Libby schenkte ihr ein weiteres Grinsen. „Ich hätte für eine Nacht mit Jago wahrscheinlich ohne weiteres auf meinen Anteil am Familienvermögen verzichtet. Ich wollte dich schon immer etwas fragen …“ Verschwörerisch senkte sie die Stimme. „Wie war es mit ihm, Katy? War er gut?“

Katy vergaß zu atmen.

Gut?

Ja, das konnte man sagen. Sie hatte damals geglaubt, dass Jago Sex erfunden hatte, so gut war er.

Aber sie hatte gelernt, nicht mehr darüber nachzudenken. Sie wollte diese wenigen Sommerwochen für immer vergessen. Der Schmerz wäre nicht zu ertragen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund legte ihre Schwester es jedoch heute Abend darauf an, über diese Zeit zu sprechen.

Sie sprach nie darüber.

„Es reicht, Lib.“ Ihre Stimme war rau, und sie fuhr sich mit der Hand über den Nacken, wo ihre Muskeln sich verkrampft hatten.

„Er war deine große Liebe“, sagte Libby leise.

Ihr Vater in einem seiner furchtbaren Wutanfälle. Es ist aus, Katy. Er ist fort. Du wirst ihn nie wiedersehen.

Und ihr fast kindlicher Glaube, dass er dieses Mal Unrecht hatte.

„Ich habe immer gedacht, dass er zu mir zurückkommen würde“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrer Schwester. „Ich dachte, unsere Liebe wäre stark genug. Wie hatte ich mich nur so täuschen können?“

„Du warst verrückt nach ihm“, erinnerte Libby sie sanft. „Du hast ihn geliebt, das weiß ich. Und wie kannst du Freddie heiraten – nach dem, was du für Jago gefühlt hast?“

„Gerade wegen der Gefühle, die ich für Jago hatte, heirate ich Freddie. Und Jago hat mich nie geliebt. Wie hätte er mich sonst einfach verlassen können?“

Heute war sie sich darüber im Klaren, dass sie ihm einfach nicht gewachsen gewesen war. Gegen diesen rücksichtslosen und erfahrenen Verführer hatte sie nie eine Chance gehabt. Ihn hatte ihre Unschuld zunächst vermutlich gereizt, aber sie war ihm so rettungslos ausgeliefert gewesen wie ein Fallschirmspringer ohne Schirm. Das Ende ihrer Beziehung hatte ihr Leben für immer verändert.

Katy wusste sehr genau, dass sie einen solchen Gefühlsorkan niemals wieder erleben wollte.

Und genau das war der Grund, warum sie Freddie heiratete.

Das Leben mit ihm wäre sicher und ohne Überraschungen, wohingegen das Zusammensein mit Jago eine Reise ins Ungewisse gewesen war. Eine aufregende und erschreckende Reise, die Narben hinterlassen hatte.

Narben, die niemals verheilen würden.

„Jago würde niemals hier herumstehen, ohne dich zu beachten“, murmelte Libby ihr zu. „Er würde dich garantiert hinter das nächste Gebüsch ziehen und sich nicht darum scheren, was die Leute denken.“

Seine raue männliche Stimme dicht an ihrem Ohr. „Jetzt gehörst du ganz mir, Katy.“

Eine Woge der Verzweiflung überkam sie. Sie ließ ihr Champagnerglas fallen und lief über den Rasen zum Haus. Libbys Versuche, sie aufzuhalten, ignorierte sie.

Sie musste hier weg.

Ihr Auto stand vor dem Haus.

Sie würde einfach davonfahren und alle Erinnerungen hinter sich lassen.

Alex trat neben seine Schwester und schaute sie fragend an. „Und? Hat es funktioniert?“

Libby biss sich auf die Unterlippe und starrte Katy hinterher. Schuldgefühle spiegelten sich in ihrem Gesicht. „Nach ihrem überstürzten Aufbruch würde ich sagen, es hat ein bisschen zu gut funktioniert. O Gott, Alex, bist du sicher, dass wir das Richtige tun? Du weißt, wie sehr sie es hasst, über diese Zeit zu sprechen.“

Alex rieb sich mit der Hand die eine Schläfe, seine übliche Gelassenheit schien auf einmal verflogen. „Sie hat vor, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Und das auch noch aus den falschen Gründen.“

„Aber ich habe ihr wehgetan.“

„Es wird ihr noch mehr wehtun, wenn ihr irgendwann klar wird, was für einen Fehler sie begangen hat. Und außerdem …“ Alex nippte an seinem Champagner. „Du hast sie nur dazu gebracht, über etwas zu sprechen, woran sie ohnehin dauernd denkt.“

„Aber ich komme mir so gemein vor, weil ich ihr nicht von Jago erzählt habe.“ Libby schaute ihren Bruder unglücklich an. „Was wird passieren, wenn sie ihre neue Stelle antritt und herausfindet, dass er im selben Krankenhaus arbeitet?“

„Es wird ihr sicher einen Schock versetzen, aber sie muss sich endlich der Vergangenheit stellen, statt immer alles in sich hineinzufressen.“ Alex sprach mit fester Stimme. „Das ist wichtig für sie.“

Libby schüttelte den Kopf. „Wie kannst du dir nur immer so sicher sein? Machst du dir nicht wenigstens ein bisschen Sorgen, dass er sie wieder verletzen könnte?“

„Wir beide wissen, dass Dad damals seine Finger im Spiel hatte. Deswegen habe ich Jago auch nicht zur Rede gestellt, aber wenn er ihr dieses Mal wehtut, dann …“ Er unterbrach sich, und eine gefährliche Kälte schlich sich in seine Stimme. „Dann bringe ich ihn höchstpersönlich um. Und jetzt lass uns das Thema wechseln. Dad hat dich endlich bemerkt und kommt gerade zu uns herüber. Zieh dein Kleid doch noch ein wenig höher, Libby, damit er sich auch richtig ärgert.“

2. KAPITEL

„Gleich wird ein Verkehrsunfall eingeliefert, Jago.“ Charlotte, eine der Schwestern in der Notfallambulanz, beendete das Telefonat und wandte sich dem Arzt zu. „Eine junge Frau, die aus ihrem Auto befreit werden musste.“

Jago schaute von den Röntgenaufnahmen auf, die er gerade betrachtete. Mit seinen tiefdunklen Augen blickte er sie aufmerksam an. „Wissen wir schon Näheres?“

„Nicht viel. Verletzungen an Kopf und Brust, mehr nicht.“ Charlotte musterte sein Gesicht. Er sah wirklich unglaublich gut aus. Wie eine ihrer Kolleginnen einmal gesagt hatte: „Wir brauchen keine Poster von Hollywoodstars an der Wand, wir haben einen wahren Adonis direkt im Behandlungszimmer.“ Sie konzentrierte sich wieder auf die vor ihr liegende Arbeit. „Ich kann die Sirene hören.“

Mit einem kurzen Nicken marschierte Jago Richtung Ausgang. Er machte kurz Halt, um einer jungen Ärztin das Röntgenbild in die Hand zu drücken. „Wenn Sie sich die Aufnahme genau ansehen, Alison, werden Sie bei der lateralen Ansicht eine Fraktur bemerken. Das haben Sie übersehen.“

Der Blick der Ärztin verriet leichte Panik. Jago war dafür bekannt, dass er keinerlei Fehler tolerierte.

„Aber die AP-Ansicht sah normal aus, und solche Verletzungen sind sehr selten, Mr. Rodriguez“, stotterte sie.

„Nächstes Mal gehen Sie auf Nummer Sicher“, entgegnete Jago mit bedrohlich sanfter Stimme. „In meiner Abteilung dulde ich keine Nachlässigkeit. Seien Sie auch auf das Unerwartete vorbereitet. Jetzt überweisen Sie den Patienten in die Orthopädie, dann kommen Sie in den Schockraum.“

Rot vor Verlegenheit, drehte Alison sich um und ging davon. Unwillig schüttelte Jago den Kopf. Die junge Kollegin war unzuverlässig und zu selbstsicher. Gut, dass ihr Dienst in seiner Abteilung in zwei Wochen zu Ende war. Manche Leute waren für die Arbeit in der Notfallambulanz einfach nicht geeignet. Und im Übrigen begannen ihre sehnsüchtigen Blicke ihm auf die Nerven zu gehen. Er hatte sich immer davor gehütet, Arbeit und Privates miteinander zu vermischen. Fast immer.

In diesem Moment trat Charlotte an seine Seite. „He, du warst ganz schön hart zu ihr.“

„Wäre es dir lieber, wenn sie Patienten mit Brüchen einfach wieder entlässt?“ erwiderte er kühl.

„Nein, aber …“

Die Ankunft des Unfallwagens unterbrach ihr Gespräch. Jago schob die Schwingtüren auf, als die Sanitäter gerade die Trage aus dem Wagen schoben. „Junge Frau mit Kopf- und Brustverletzungen. Sie war ohnmächtig, ist jetzt wieder bei Bewusstsein. Sie konnte uns noch nicht sagen, wie sie heißt, aber wir haben ihre Tasche gefunden.“

Jago blickte auf die reglose Gestalt auf der Trage und erstarrte. Ungläubig schaute er die schlanken Glieder und das lange blonde Haar an.

Ich liebe dich, Jago.

„Ich weiß, wer sie ist.“ Zitterte seine Stimme etwa?

Der Sanitäter warf ihm einen leicht verwunderten Blick zu. „Sie kennen Sie? Na ja, dann …“

„Bringen Sie sie in den Schockraum.“ Jago starrte noch immer unverwandt auf das lange Haar, das mit Blut verklebt war.

Findest du mich attraktiv?

„Ihr Airbag hat sich nicht richtig geöffnet, und sie wurde gegen die Frontscheibe geschleudert“, sagte der Sanitäter, während sie die Trage in die Notaufnahme rollten. „Sie muss sicher genäht werden, aber wir haben die Blutung erst einmal gestoppt. Sie hat vielleicht auch Verletzungen im Brustkorb, weil sie gegen das Lenkrad gedrückt wurde. Merkwürdige Sache. Es war niemand sonst beteiligt. Sie hätten das Auto sehen müssen. Wenn Sie mich fragen, sie hat Glück, dass sie noch am Leben ist.“

Jago hatte sich wieder unter Kontrolle. Seine Miene verriet keine Regung. „Alles klar, wir legen los. Handschuhe, bitte. Sie ist voller Glassplitter.“

Charlotte trat an die Trage. „Hallo, können Sie mich hören …?“ Sie schaute hoch. „Kennen wir ihren Namen?“

„Sie heißt Katherine.“ Jago überprüfte die Luftwege und ließ sich eine Sauerstoffmaske geben. „Katherine Westerling.“

Große blaue Augen, die ihn anstarrten. Eine Mischung aus Unschuld und Erregung.

„Okay.“ Charlotte hielt kurz inne. „Wieso kommt mir der Name bekannt vor?“

„Sie ist die Tochter von Sir Charles Westerling, dem Bankier“, sagte Jago kurz angebunden.

„Ja klar, ich habe Bilder von ihr gesehen. Sie war früher Model, oder? Sie sieht toll aus, und sie muss irrsinnig reich sein.“

Und absolut skrupellos.

Bei Katy hatte er zum ersten Mal seine Schutzmauern fallen gelassen. Und diesen Fehler hatte er seitdem nicht noch einmal begangen.

Der Anblick ihres Vaters, als er ihm die Wahrheit enthüllte, ihm die Beweise lieferte …

„So ist es.“ Während er Katy untersuchte, bemühte er sich um professionelle Distanz. „Können wir jetzt den Gesellschaftstratsch beenden und uns an die Arbeit machen?“

Charlotte warf ihm einen verwunderten Blick zu, sagte aber nichts, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Patientin richtete. „Katherine? Katherine, können Sie mich hören?“

Katy lag mit geschlossenen Augen da.

Sie konnte Stimmen hören, wollte aber nicht reagieren. Es tat gut, sich einfach so in der Dunkelheit zu verstecken. Sie spürte ein Pieksen in ihrem Arm und dann Hände, die über ihren Körper fuhren.

„Katherine.“

Eine freundliche Frauenstimme rief ihren Namen, aber sie war viel zu müde, um zu reagieren.

Dann hörte sie eine Männerstimme und verkrampfte sich.

Sie kannte diese Stimme.

„Die Röntgenbilder sehen gut aus, aber sie hat eine Kopfwunde, die genäht werden muss. Und wir sollten sie über Nacht hier behalten.“ Kühle Finger berührten ihre Haut. „Sie zittert. Bringt eine Decke.“

Weicher, warmer Stoff hüllte sie ein, aber das Zittern wollte nicht aufhören.

„Angehörige?“

„Sie war allein im Auto.“

„Katherine, machen Sie die Augen auf.“

Ein weiterer Nadeleinstich.

„Alles klar, sie ist stabil.“ Wieder diese vertraute Stimme. „Bringt sie auf die Station, und sagt mir Bescheid, falls sich ihr Zustand ändert.“

„Und wie geht’s dem Kopf?“

Katy lag im Bett und sah der Schwester zu, die ihren Blutdruck maß. „Tut weh, aber ich werde es überleben.“ Sie sah sich im Zimmer um und zuckte zusammen, als ein stechender Schmerz durch ihren Kopf schoss. „In welchem Krankenhaus bin ich?“

„St. Andrew’s. Wir mussten Sie mit sieben Stichen am Kopf nähen, aber die Narbe wird man unter dem Haar nicht sehen, keine Sorge.“

St. Andrew’s?

Katy schloss die Augen wieder und unterdrückte ein Stöhnen. Eine Narbe am Kopf war das geringste ihrer Probleme. Sie lag als Patientin in der Klinik, in der sie in zwei Wochen ihren Dienst antreten sollte. Wie unangenehm!

Ob sie etwas sagen sollte?

Noch nicht, entschied sie und rutschte etwas tiefer unter die Bettdecke.

„Sie sollten froh sein, dass Sie nicht schwerer verletzt sind.“ Die Schwester kritzelte etwas auf den Block an ihrem Bett. „Wie ist es denn passiert?“

„Ich weiß nicht mehr.“ Katy runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern. „Ich bin von einer Party bei meinen Eltern nach Hause gefahren.“ Sie war davongelaufen. „Da war ein Kaninchen auf der Straße, und ich habe scharf gebremst. Das ist das Letzte, was ich noch weiß.“

Die Schwester gab ein leises missbilligendes Geräusch von sich. „Nun ja, Ihre Röntgenaufnahmen sind in Ordnung, also können Sie wohl bald nach Hause. Wir haben Ihren Verlobten angerufen. Er ist schon auf dem Weg hierher.“

Katy seufzte leise. Freddie war so ziemlich der letzte Mensch, den sie jetzt sehen wollte. Warum hatte man nicht Libby oder Alex angerufen?

Besorgt schaute die Schwester sie an. „Fühlen Sie sich schlechter? Kann ich etwas für Sie tun?“

Ja. Sie wollte hören, dass es nicht Jagos Stimme gewesen war.

Aber das war Unsinn, rief sie sich selbst zur Ordnung. Jago war ein erfolgreicher Bankier, er hatte in einer Notfallambulanz nichts verloren.

Ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt. Kein Wunder nach dem Gespräch mit Libby.

Sie lächelte der Schwester zu und schüttelte vorsichtig den Kopf. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Jago Rodriguez betrat das Zimmer.

Die Farbe wich aus Katys Gesicht, und hätte sie nicht im Bett gelegen, wäre sie wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen.

„Dr. Rodriguez.“ Auch die Schwester schien die Anwesenheit des Arztes nervös zu machen.

Jago warf ihr einen kühlen Blick zu. „Danke. Sie können jetzt gehen.“

Hektisch griff die Schwester nach dem Tablett, das sie mit ins Zimmer gebracht hatte. Jago schloss die Tür hinter ihr.

Der Raum wirkte auf einmal sehr klein.

Für einige Sekunden stand er einfach nur ruhig da. Nicht die leiseste Regung seines markanten und ausgesprochen männlichen Gesichts verriet, dass sie etwas mehr als flüchtige Bekannte gewesen waren.

„Hallo, Prinzessin.“ Der Klang seiner tiefen Stimme mit dem kaum hörbaren Akzent ließ Katys Herz schneller schlagen. „Mal wieder auf der Flucht gewesen?“

Mit unsicheren Bewegungen versuchte Katy, sich im Bett aufzusetzen. Sie fühlte sich noch immer wie unter Schock. Auf einmal schienen ihre Träume – und Albträume – der vergangenen elf Jahre wahr zu werden. Jago, der Mann, den sie nicht vergessen konnte, stand leibhaftig vor ihr.

Seine Anwesenheit in ihrem Krankenzimmer war überwältigend und erschreckend zugleich, und es schien ihn völlig kalt zu lassen, sie zu sehen. Offensichtlich verspürte er keinerlei Gewissensbisse, dass er sie ohne ein Wort der Erklärung verlassen und dadurch beinahe ihr Leben zerstört hatte.

Er wartete anscheinend darauf, dass sie etwas sagte, aber das ging eindeutig über ihre Kräfte.

Im Laufe der Jahre hatte sie sich eingeredet, dass sie ihn damals durch eine rosarote Brille betrachtet hatte. Aber jetzt musste sie feststellen, dass er genauso attraktiv war, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Sein kurz geschnittenes dunkles Haar betonte seine markanten Gesichtszüge, und selbst in dem weißen Kittel konnte sie seinen muskulösen, wohlproportionierten Körper erahnen.

Unter dem unverwandten Blick seiner dunklen Augen wurde Katy immer nervöser. Sie legte eine Hand an ihren schmerzenden Kopf.

„W… was machst du hier?“ brachte sie mühsam heraus. „Ich habe nicht gewusst, dass du Arzt bist.“

„Warum solltest du?“

In der Tat, warum sollte sie das wissen?

Schließlich war er aus ihrem Leben verschwunden, ohne eine Nachricht oder gar eine Adresse zu hinterlassen. Für ihn war es einfach vorbei, und er hatte sein Leben weitergelebt. Leider war es für sie nicht ganz so einfach gewesen.

Sie bohrte die Nägel in ihre Handfläche. „Ich hatte angenommen, dass du noch im Bankgeschäft bist.“

„Ich habe den Geschmack an der Finanzwelt verloren“, sagte er langsam, „und den Beruf gewechselt.“

Sie versuchte sich zu konzentrieren. Wenn er jetzt eine hohe Position in der Notaufnahme hatte, dann musste er sein Medizinstudium sofort, nachdem er die Firma ihres Vaters – und Katy – verlassen hatte, begonnen haben. Er hatte eine steile Karriere gemacht, aber das wunderte sie nicht.

„Warum bist du Arzt geworden?“

Und warum zum Teufel in diesem Krankenhaus, wo sie auch bald arbeiten würde?

„Es ist ein aufregender Job. Dabei zu helfen, Leben zu retten, ist wesentlich interessanter, als die Börsenkurse zu verfolgen.“ Er zuckte lässig mit den Achseln, und ihr Blick wanderte unwillkürlich über seine kräftigen Schultern und Arme. Mein Gott, er war noch männlicher und anziehender als vor elf Jahren.

Beschämt und erschrocken über ihre eigenen Gefühle und die verräterische Hitze, die durch ihre Adern zog, schaute sie rasch zur Seite.

Was war nur mit ihr los? Sie war gerade einmal fünf Minuten allein mit ihm im Zimmer, und schon wirbelte in ihrem Inneren alles durcheinander. Hatte sie denn überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr?

Der Gedanke an das, was er ihr angetan hatte, deprimierte Katy. Warum war er nur so herzlos? Sie hatte ihn für fürsorglich und liebevoll gehalten, dann aber schmerzhaft feststellen müssen, dass er ebenso eiskalt und ehrgeizig war wie ihr Vater.

Jago verspürte keinen Funken Mitgefühl für andere Menschen, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass er ein guter Arzt geworden war.

Ein Frösteln überlief sie.

Warum nur? Warum musste ihr Jago ausgerechnet jetzt über den Weg laufen?

Sie würde in Kürze Freddie heiraten und sich ganz bestimmt nie wieder auf die Schwindel erregende und verstörende emotionale Achterbahnfahrt einlassen, die sie mit Jago erlebt hatte.

In seinem verhangenen Blick war nichts mehr von der Zärtlichkeit und Leidenschaft zu erkennen, die in ihrer Beziehung geherrscht hatten. Er betrachtete sie mit einer kühlen Gleichgültigkeit, die nur allzu deutlich machte, dass er keinerlei Gefühle mehr für sie hegte.

Es wirkte beinahe so, als wäre er zornig auf sie, was natürlich vollkommen lächerlich war. Immerhin war er es gewesen, der sie ohne ein Wort verlassen hatte.

Im Grunde war das nicht erstaunlich, schließlich kannte sie seinen Ruf als Frauenheld zur Genüge. Hatte sie wirklich geglaubt, dass er sie liebte? Die Erinnerung an die romantischen Fantasien, die sie damals gehegt hatte, erfüllten Katy mit tiefer Scham.

Sie war so naiv gewesen.

Auf einmal fühlte sie sich in ihrem dünnen Krankenhausnachthemd völlig hilflos.

Für ihr Wiedersehen mit Jago wäre ihr eine Rüstung wesentlich lieber gewesen.

„Ich habe deine Stimme wiedererkannt“, sagte sie heiser. „Hast du …“

„Ja, ich habe dich verarztet. Das scheint zu einer Gewohnheit zu werden. Und immer an diesem Datum.“ Er setzte sich auf den Rand ihres Bettes. „Verrat mir eins, Katy. Wovor bist du dieses Mal davongelaufen?“

„Vor gar nichts.“

Vor meinen Erinnerungen.

„Du hättest sterben können. Es hat eine Stunde gedauert, dich aus dem Auto zu befreien.“ Er sprach völlig gelassen. „Glaubst du, ich habe vergessen, was für einen Tag wir haben? Der zehnte Juli, dein Geburtstag. Die Frage ist also: Wozu haben deine grässlichen Eltern dich dieses Mal zwingen wollen?“

Als sich ihre Blicke begegneten, wusste Katy, dass er ebenso wie sie an einen Tag vor genau elf Jahren dachte, an ihren achtzehnten Geburtstag. Als sie ebenfalls weggelaufen war und er sie gerettet hatte …

„Ich werde Medizin studieren.“

Katy schaute ihren Vater trotzig an, während ihr Herz schneller schlug. Sie hatte sich diesen Zeitpunkt für ihre Mitteilung ausgesucht, in der Hoffnung, dass er ihr inmitten der versammelten Geburtstagsgäste keine Szene machen würde.

„Mach dich nicht lächerlich, Katherine. Du wirst den Kochkurs in der Schweiz besuchen, den wir für dich ausgesucht haben.“ Er schien sie nicht einmal ernst genug zu nehmen, um wirklich zornig zu werden.

„Aber ich will nicht kochen, und ich will auch nicht als Model arbeiten. Ich möchte Ärztin werden.“

Sie hatte sich für einen Studienplatz beworben und war angenommen worden. Nun musste sie es nur noch ihren Eltern mitteilen.

Jetzt hatte sie die volle Aufmerksamkeit ihres Vaters. „Es ist schlimm genug, dass Alex sich für diesen Medizinquatsch entschieden hat, wo er doch eigentlich mein Nachfolger werden sollte. Du wirst das tun, was deine Mutter und ich dir sagen.“

Tatsächlich waren es die Unterlagen der medizinischen Fakultät, die Alex ihr gezeigt hatte, die sie in ihrem Entschluss bestärkten. Sie hatte genug Zeit mit ihrem Modeljob verschwendet.

Sie wollte Ärztin werden.

„Aber Schatz, du bist doch als Model so erfolgreich“, mischte ihre Mutter sich jetzt ein. „Und du bekommst von uns genug Geld. Warum machst du dir nicht einfach eine schöne Zeit, bis du einen netten jungen Mann findest, der dich heiratet?“

„Ich will aber arbeiten“, platzte Katy heraus. „Ich will mein eigenes Geld verdienen. Ich will einen Beruf haben.“

„Sprich bitte nicht so laut.“ Nervös drehte ihre Mutter sich um. „Dein Vater hat wichtige Gäste, und wir wollen doch kein Aufsehen erregen.“

„Dad, ich …“

„Die Unterhaltung ist beendet, Katherine.“ Die Miene ihres Vaters war kühl und verschlossen. „Du wirst zu dem Kochkurs fahren und Schluss. Erwähne das Thema mir gegenüber bitte nie wieder, wenn du mich nicht reizen willst.“

Es war die Angst vor der Wut ihres Vaters, die sie bisher davon abgehalten hatte, mit ihm zu sprechen.

Sie hatte sich heimlich beworben, mit Alex’ Hilfe eine Wohnung gefunden, aber das hier musste sie allein durchstehen.

„Aber …“

„Bitte.“ Er hob eine Hand. „Ich möchte nichts mehr davon hören.“ Ihr Vater drehte sich um und ging auf eine Gruppe von Gästen zu. Katy wäre am liebsten in lautes Schreien ausgebrochen.

Wie sollte sie ihn nur jemals davon überzeugen, ihrem Plan zuzustimmen?

Auf einmal wurde ihr alles zu viel.

Tränen schossen ihr in die Augen, sie lief über den Rasen, ignorierte die verwunderten Blicke und lief einfach weiter, bis sie zu den Ställen kam. Das Einzige, was sie jetzt beruhigen konnte, war ein Ritt.

Sie wischte sich die Tränen von der Wange, griff nach dem Zaumzeug und öffnete eine der Boxen.

„Hallo, mein Schatz.“ Mit ruhigen Bewegungen streichelte sie ihre Lieblingsstute und legte ihr das Zaumzeug an. „Wir machen einen kleinen Ausflug.“

Sie führte das Pferd in den Hof, schlüpfte aus ihren hochhackigen Schuhen und schwang sich auf den Rücken der Stute.

Als sie kurz darauf die Felder hinter dem Haus erreichte, ließ sie das Pferd in einen schnellen Galopp fallen. Sie wusste, dass es keine gute Idee war, weinend, in einem weiten Sommerkleid und ohne Sattel in halsbrecherischem Tempo über die Wiesen zu reiten, aber das war ihr egal.

Als die Stute einen plötzlichen Satz nach links machte, rutschte Katy hinunter und landete auf dem Rücken im weichen Gras.

Sie starrte in den Himmel und fragte sich, ob dieser Tag wohl noch schlimmer werden könnte.

„Dramatischer Abgang.“ Beim Klang der rauen Männerstimme setzte sie sich auf und blickte den Mann an, der neben ihr stand.

Jago Rodriguez.

Er arbeitete in der Bank ihres Vaters und war nicht nur wegen seines fantastischen Aussehens bekannt, sondern auch wegen des sensationellen Aufstiegs, den er bereits mit Anfang zwanzig hinter sich hatte.

Er war ein häufiger Besucher bei den Geschäftstreffen ihres Vaters, und Libby versuchte jedes Mal, einen Blick auf ihn zu erhaschen oder ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Katy hingegen war zurückhaltender, sie beobachtete voll stummer Bewunderung, wie Jago sich ein ums andere Mal den Einschüchterungsversuchen von Sir Charles Westerling widersetzte.

„Er hat keinerlei Manieren. Ich verstehe nicht, warum du ihn immer wieder einladen musst“, pflegte ihre Mutter zu murmeln.

„Ich finde ihn toll“, entgegnete dann unweigerlich Libby. „Ich wette, er küsst einfach wunderbar. Ich wünschte, er würde mich nur einmal küssen.“

Als Katy jetzt auf dem Rücken lag und in sein dunkles, aufregendes Gesicht blickte, fiel ihr dieser Kommentar ihrer Schwester wieder ein.

„Was machen Sie denn hier?“

„Ich laufe weg“, entgegnete er trocken und blickte zu ihrem Elternhaus. „Und ich bin offenbar nicht der Einzige.“

Er hockte sich neben ihr auf den Boden. Als sie ein Stück von ihm abrückte, verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Ah ja, die schüchterne Schwester, die sich immer im Hintergrund hält. Sie sollten nicht alles glauben, was Sie hören. Ich verführe keine Kinder, wissen Sie.“

Sie errötete. „Und ich bin kein Kind. Ich bin heute achtzehn geworden.“

„Ich weiß. Ich wurde zur Party eingeladen.“ Seine Stimme war sanft, und der Blick, mit dem er ihren ausgestreckten Körper von oben bis unten musterte, nahm ihr den Atem. „Warum also reiten Sie hier über die Felder? Sollten Sie nicht Champagner trinken und sich mit Ihren Freunden amüsieren?“

„Es sind nicht meine Freunde. Es sind vor allem die Geschäftsfreunde meiner Eltern.“ Nur mit Mühe konnte sie sich davon abhalten, diesem Fremden ihr Herz auszuschütten. Ein Mann wie Jago hatte vermutlich keine Ahnung, wie es war, wenn andere Menschen über das eigene Leben bestimmten. „Ich wollte nur weg.“

„Das kann ich verstehen. Wenn jemand für mich so eine Party veranstalten würde, würde ich auch davonlaufen.“

Als Katy versuchte, langsam aufzustehen, gab sie einen Schmerzensschrei von sich. „Au, mein Knöchel.“

„Lassen Sie mich das mal ansehen.“

Ohne auf ihre Reaktion zu warten, fuhr er mit der Hand ihr Bein hinunter und untersuchte ihren Knöchel. In stummer Faszination starrte sie auf seine langen, schmalen Finger, die sanft ihren Fuß abtasteten.

„Nichts gebrochen. Aber Sie haben Glück, dass bei dem Sturz nicht mehr passiert ist.“

Er war so ganz anders als sie. Männlich und stark. Sie konnte die dunklen Bartstoppeln auf seiner Wange erkennen. Ihr Blick wanderte weiter zu seinem Mund, und sie fragte sich, sie wünschte sich …

Und irgendwie fand sie inmitten dieser ganzen verfahrenen Situation plötzlich den Mut, über ihren eigenen Schatten zu springen. „Ich … ich will, dass Sie mich küssen.“

Er hatte sich wieder aufgerichtet und schaute sie unverwandt an, aber sie wich seinem dunklen Blick nicht aus. „Nein.“

Ihr neu gewonnener Mut zerplatzte wie eine Seifenblase. Sie trat einen Schritt zurück und zuckte kurz zusammen, als erneut der Schmerz in ihren Knöchel fuhr. „Etwa, weil sie Angst vor meinem Vater haben?“

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf.

„Was glauben Sie wohl?“ Lächelnd schaute er sie an.

„Ich glaube, Sie haben vor kaum etwas Angst.“ Sie wandte den Blick ab. „Also finden Sie mich nicht hübsch?“

Ein langes Schweigen herrschte zwischen ihnen, gefüllt von knisternder erotischer Spannung. Dann legte er einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen.

„Du bist sehr schön, und das weißt du auch.“

„Warum willst du mich dann nicht küssen?“

„Weil ich zu alt bin, um mich auf kleine Mädchen einzulassen.“

„Ich bin kein kleines Mädchen“, entgegnete sie trotzig.

„Nein?“ Er hob eine dunkle Augenbraue. „Warum bist du dann weggelaufen? Erwachsene laufen vor Problemen nicht davon, Katherine. Sie stellen sich ihnen.“

Diese Worte klangen auch jetzt in ihrem Kopf.

Sie war wieder einmal davongelaufen.

Unter der Bettdecke ballte Katy die Hände zu Fäusten. Im Gegensatz zu Jago Rodriguez fehlte ihr noch immer das Selbstvertrauen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

„Willst du mir endlich verraten, was geschehen ist?“ fragte er.

Es klopfte an der Tür, und die Schwester steckte den Kopf herein.

„Miss Westerlings Verlobter ist jetzt da.“

Wortlos schaute Jago Katy an, dann stand er auf. „Lassen Sie ihn herein.“

Eilig betrat Freddie mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand das Zimmer. Katy lächelte schwach. Lord Frederick wusste immer, was sich gehörte.

Freddie gab die Blumen an die Schwester weiter und küsste Katy auf die Wange. „Was ist denn nur passiert?“

Sie war sich der eindringlichen Blicke aus der anderen Ecke des Raumes nur zu bewusst. „Ich … ich bin von der Straße abgekommen.“

„Aber du hast dich nicht einmal von deinen Eltern verabschiedet, als du gegangen bist. Oder von mir.“

„Was für eine Überraschung.“ Jagos Worte waren kaum zu hören, aber sie verstand die versteckte Kritik darin sehr wohl.

„Sie sind der behandelnde Arzt?“ Freddie drehte sich um und streckte Jago die Hand entgegen. „Wir sind Ihnen sehr dankbar.“

„Sie hat Glück gehabt. Es sind nur oberflächliche Verletzungen.“ Jagos Tonfall war sachlich. „In sieben Tagen ziehen wir die Fäden, man wird die Narbe unter dem Haar nicht sehen. Ein paar Wochen, und Ihre Verlobte steht wieder auf dem Laufsteg.“

Freddie schaute etwas verwirrt. Kein Wunder, Jago wusste schließlich nicht, dass sie nicht mehr als Model arbeitete, sondern ihren Traum verwirklicht hatte.

Und in zwei Wochen in seiner Klinik arbeiten würde.

Konnte sie das wirklich tun? Wollte sie mit dem Mann zusammenarbeiten, der ihr sorgfältig geordnetes Leben in Gefahr bringen konnte?

Warum spielte ihr das Schicksal nur solch einen Streich?

Aber die Arbeit in der Notfallambulanz war nun einmal ihr Traum, und wenn sie jetzt aufgab, wäre alles umsonst gewesen.

Sie sah Jago an. Seit elf Jahren verfolgten sie die Erinnerungen an ihn.

Vielleicht war es an der Zeit, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen.

Er war schließlich nur ein Mann.

Ein Mann, der sie offensichtlich nie geliebt hatte.

Sie würde nicht den Fehler begehen, ihm noch einmal zu verfallen.

Schließlich war sie mit Freddie verlobt.

Mit dem durch und durch verlässlichen Freddie, der aus derselben Gesellschaftsschicht stammte wie sie, der sich passend kleidete und immer das Richtige tat.

„Wie lange muss sie noch hier bleiben?“ fragte Freddie, der in diesem Moment verstohlen auf seine Armbanduhr blickte. Katy unterdrückte ein Lächeln.

„Schon in Ordnung. Ich werde jetzt ohnehin schlafen, du kannst ruhig gehen.“

„Es ist so, dass ich noch ein wichtiges Essen mit einem der Direktoren von …“

„Wirklich, es ist in Ordnung“, unterbrach sie ihn. Für Details aus der Finanzwelt tat ihr der Kopf viel zu weh. „Libby kann mich morgen abholen. Ich ruf dich an.“

„Mach dir keine Sorgen um das Auto.“ Wieder lehnte er sich über das Bett und küsste sie leicht auf die Wange. „Ich kaufe dir zur Hochzeit ein neues.“

Unwillkürlich schaute sie zu Jago, aber seine Miene verriet nichts.

Ihr Vater hatte immer gesagt, dass Jago deswegen so erfolgreich war, weil ihn niemand durchschauen konnte und er immer einen kühlen Kopf bewahrte.

„Wir sehen uns.“ Freddie war schon in der Tür und ließ die beiden allein zurück.

„Also ist er der Grund, warum du weggelaufen bist.“ Jago sprach in dem gleichen Tonfall, in dem er ihre Verletzungen beschrieben hatte.

Katy fühlte sich unendlich erschöpft. Sie wollte nur schlafen.

„Lass mich in Ruhe, Jago.“

„Ich wette, dein Vater will, dass du diesen Kerl heiratest“, fuhr er ungerührt fort. „Er ist nicht der Richtige für dich, glaub mir.“

Mit einer letzten Anstrengung schlug Katy noch einmal die Augen auf, um sich zur Wehr zu setzen. „Freddie ist der Richtige für mich, und ich werde ihn heiraten.“

„Tatsächlich? Dann verrat mir doch, warum du dein Auto ohne jeden Grund in den Graben gefahren hast.“

3. KAPITEL

Jago ging zurück zu seinem Büro. Die Begegnung mit Katy hatte ihn aus seiner gewohnten Gelassenheit gerissen. Warum hatte er unbedingt noch einmal in ihr Zimmer gehen müssen?

Er hätte den Besuch einem Kollegen überlassen können, aber Stolz und Neugier hatten ihn dazu verleitet. Er wollte sie sehen, wenn sie wach war, wollte wissen, wie sie auf ihn reagierte.

Vor elf Jahren war er einfach gegangen, zu zornig, um noch einmal mit ihr zu sprechen. Und jetzt wollte er herausfinden, ob nicht wenigstens ein Anflug von Schuldgefühl auf ihrem perfekten Gesicht zu sehen war.

Aber nichts.

Oh, sein Anblick hatte sie erschüttert, ohne Zweifel. Aber von Reue war bei ihr nichts zu erkennen gewesen. Ein neutraler Beobachter hätte sie wahrscheinlich für aufrichtig gehalten, aber er wusste es besser.

Katy Westerling war keineswegs so unschuldig, wie sie aussah.

Er betrat sein Büro und versuchte die Wut zu zügeln, die wieder in ihm aufflammte. Katy war die einzige Frau gewesen, der es jemals gelungen war, ihm wirklich nahe zu kommen. Ihre Unschuld und Verletzlichkeit hatten an seinen Beschützerinstinkt appelliert, und die Heftigkeit seiner Gefühle für sie hatte ihn selbst überrascht. Sie war so anders als die Frauen, mit denen er zuvor zusammen gewesen war, aber genau das hatte ihn so fasziniert.

Ihre großen blauen Augen, die ihn mit einer Mischung aus Erregung und Sehnsucht betrachteten, hatten seine Selbstkontrolle allmählich erschüttert. Sie war so wunderschön, dass die sexuelle Anziehungskraft seinen gesunden Menschenverstand überwältigt hatte.

Wenn sie miteinander ausgegangen waren, hatte sie überall die Blicke der anwesenden Männer auf sich gezogen. Dieser Aufmerksamkeit war sich Katy selbst überhaupt nicht bewusst gewesen, sie hatte nur Augen für Jago gehabt.

Ihre Bewunderung hatte seiner männlichen Eitelkeit geschmeichelt. Sie gehörte ihm, und nur ihm.

Sie war sexuell unerfahren, und er hatte seine eigene Leidenschaft gezügelt, um auf sie Rücksicht zu nehmen. Als es schließlich so weit war, entdeckte er hinter der schüchternen und zurückhaltenden Oberfläche eine sinnliche und leidenschaftliche Frau.

Zu leidenschaftlich.

Als ihr Vater ihm die Wahrheit enthüllte, war er zutiefst enttäuscht und verbittert gewesen.

Das Ausmaß seiner Trauer und Wut war der Grund, warum er einfach fortgegangen war, ohne sie zur Rede zu stellen. Sie war ihm viel zu nahe gekommen.

Ich liebe dich, Jago.

Mit leerem Blick sah er aus dem Fenster seines Büros. Das war das Schlimmste von allem. Katys Liebesschwüre und Treuebekenntnisse waren nichts wert gewesen. Aber er hatte ihr geglaubt.

Und jetzt war sie mit diesem aristokratischen Esel verlobt.

Katy würde die perfekte Ehefrau für ihn abgeben.

Er starrte auf das Glas und fragte sich, warum er dann das Bedürfnis verspürte, die Scheibe einzuschlagen.

„Ich hoffe, du hast ihm eine gelangt.“ Libby hatte es sich in der gemeinsamen Wohnung der beiden Schwestern auf Katys Bett gemütlich gemacht. Sie knabberte an einem Stück Schokolade, ihr blondes Haar, das nur noch Spuren der pinkfarbenen Tönung zeigte, war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

„Wohl kaum.“ Katy verzog das Gesicht. Sie dachte nur ungern daran, wie hilflos sie sich bei der Begegnung mit Jago gefühlt hatte. „Ich lag schließlich mit einer Kopfverletzung im Bett und trug außerdem so ein lächerliches Klinikhemd, das hinten offen steht. Nicht gerade optimale Voraussetzungen für ein selbstbewusstes Auftreten.“

„Okay, das sehe ich ein.“ Libby schüttelte den Kopf. „Unglaublich, dass Jago jetzt Arzt ist. Sieht er noch immer so gut aus wie früher?“

Katy nickte düster. „Sogar besser.“

Grinsend leckte Libby sich Schokolade vom Finger. „O Mann. Was hast du jetzt vor?“

Vorsichtig legte Katy eine Hand an das Pflaster an ihrem Kopf. Gute Frage.

„Ich werde die Stelle antreten und ihm aus dem Weg gehen“, sagte sie schließlich. „Es ist eine große Abteilung, er wird keine Zeit haben, sich mit mir zu beschäftigen. Ich muss dieses Kapitel endlich abschließen.“

„Glaubst du denn, dass du das kannst?“ Skeptisch musterte Libby ihre Schwester. „Du hast ihn geliebt, Katy.“

„Aber er hat mich nicht geliebt. Ich war nur eine weitere Eroberung in seiner Sammlung.“

Libby seufzte. „Okay, er hat sich wie ein Schwein benommen, aber du hast ihm nie erzählt, dass …“

„Hör auf, ich will nicht darüber sprechen“, unterbrach Katy sie heftig. „Es ist vorbei, er hat mich verlassen. Schluss.“

„Schon gut“, lenkte Libby ein. „Hier, nimm ein Stück Schokolade. Gut für die Nerven.“

Katy seufzte. „Schokolade ist auch keine Lösung.“

„Unsinn, Schokolade ist immer eine Lösung. Oder …“ Sie richtete sich auf dem Bett auf. „Wir gehen einkaufen. Das muntert dich garantiert auf. Ich habe gestern traumhafte Schuhe gesehen, die musst du dir angucken.“

Wider Willen musste Katy lachen. Schuhe und Schokolade waren Libbys große Schwächen. „Wenn du noch mehr Schuhe kaufst, brauchen wir eine größere Wohnung.“ Sie wurde ernst. „Ich komme schon klar, Lib. Ich bin nicht mehr achtzehn, ich weiß, dass Jago nicht gut für mich ist. So ein Machotyp ist einfach nicht das Richtige für mich. Freddie ist ganz anders – hast du seine Blumen gesehen?“

„Die waren kaum zu übersehen“, murmelte Libby. „Freddie liebt die großen Gesten.“

Katy versuchte ihn zu verteidigen. „Er ist sehr nett.“

„Herrgott Katy, mein Automechaniker ist auch nett, aber deswegen will ich ihn doch nicht gleich heiraten.“

„Lass es, Lib.“

„Du weißt, wie ich über die Heirat mit Freddie denke“, sagte Libby streng. „Und Alex ist ganz meiner Meinung. Erzähl mir nicht, dass Jago dir gleichgültig ist. Ich sehe doch, dass du völlig mit den Nerven am Ende bist. Du konntest ihm damals nicht widerstehen, warum solltest du es jetzt können?“

„Weil ich älter, klüger und verlobt bin.“

„Mit dem Falschen!“ Libbys Tonfall war triumphierend.

„Freddie ist rücksichtsvoll und zuvorkommend. Das kann man von Jago nicht behaupten.“

„Aber wenigstens ist Jago ein richtiger Mann. Freddie hingegen …“

„Jetzt reicht es. Ich will nichts mehr hören.“ Katy hielt sich demonstrativ die Ohren zu.

„Na schön.“ Libby sprang vom Bett. „Aber wenn du glaubst, du kannst mit Jago zusammenarbeiten, ohne dass es zwischen euch wieder knistert, dann täuschst du dich.“

„Das kann ich.“ Katy klang nicht überzeugend. „Er lässt mich völlig kalt.“

„Sicher. Aber sag irgendwann nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“, rief Libby, während sie aus dem Zimmer ging.

Knapp zwei Wochen später stand Katy etwas nervös in der Notaufnahme, während einer von Jagos Kollegen sie und die anderen neuen Notfallärzte begrüßte.

Eine winzige Narbe unter dem Haaransatz war die einzige Erinnerung an den Unfall, aber die Begegnung mit Jago hatte weitaus mehr Spuren in ihrer Seele hinterlassen.

Die Luft war stickig, ihre Hände verschwitzt, und der bloße Gedanke, ihm gleich über den Weg zu laufen, ließ ihre Knie zittern.

Wie würde er reagieren, wenn er feststellte, dass sie ebenfalls Ärztin war – und dazu noch in seiner Abteilung?

„Dies ist der Schockraum, den wir immer für Notfälle bereithalten müssen.“ Ohne etwas von Katys innerem Aufruhr zu bemerken, lächelte der Arzt seiner Gruppe von jungen Kollegen zu. „Bei schwerwiegenden Verletzungen arbeiten wir für gewöhnlich im Team. So ist eine schnellere Diagnose und eine Durchführung verschiedener Maßnahmen gleichzeitig möglich.“

Katy ermahnte sich selbst, dass dies der Job war, den sie sich gewünscht hatte, und versuchte aufmerksam zuzuhören. Heute war ihr erster Tag, und bisher war alles ruhig, aber man hatte sie schon gewarnt, dass das Chaos jede Sekunde losbrechen konnte.

Und jede Sekunde konnte Jago Rodriguez auftauchen.

„Geleitet wird das Team immer von einem Oberarzt, aber Sie werden sicherlich bei verschiedenen Gelegenheiten ebenfalls mitarbeiten. Wenn Sie unsicher sind oder etwas unklar ist, fragen Sie bitte.“ Nach einem Blick auf seine Armbanduhr drehte der Oberarzt sich um und führte die Gruppe durch den Flur. „So, und jetzt zeige ich Ihnen noch den wichtigsten Raum überhaupt – unser Personalzimmer, wo Sie Ihre Schränke und die Kaffeemaschine finden.“

Eine halbe Stunde später schob Katy ihre Tasche in einen Spind. Sie hatten gemeinsam Kaffee getrunken, und jetzt würde ihr erster Dienst in der Notfallambulanz beginnen.

Sie war als Letzte im Personalraum zurückgeblieben und fuhr erschrocken zusammen, als die Tür geräuschvoll geöffnet wurde. Niemand anders als Jago betrat das Zimmer, und seine Miene verhieß nichts Gutes.

„Bitte sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist“, sagte er ohne große Einleitung und knallte die Tür hinter sich zu. „Ich habe gerade deinen Namen auf dem Dienstplan gesehen. Dr. Katherine Westerling?“

Sein ganzes Verhalten war noch kühler und abweisender als vor zwei Wochen. Jetzt war sie schließlich nicht einmal mehr eine Patientin mit Kopfverletzungen.

Wie hatte sie jemals glauben können, es sei kein Problem, an seiner Seite zu arbeiten?

„Nein, es ist kein Scherz“, brachte sie hervor und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.

„Warum, zum Teufel, hast du mir nicht schon vor zwei Wochen erzählt, dass du hier arbeiten wirst?“

Weil sie viel zu schockiert war, um den Mund aufzumachen?

„Ich … ich dachte, es wäre nicht wichtig.“

„Nicht wichtig? Dass du Ärztin geworden bist? Und in meiner Abteilung arbeitest?“ Ungläubig starrte er sie an.

Katy holte Luft. An Skepsis war sie gewohnt. Die wenigsten Leute vermuteten hinter ihrem Äußeren eine ausgebildete Medizinerin. „Auch Frauen können Arzt werden, Jago. Sogar Blondinen.“

„Ich habe nichts gegen Ärztinnen.“

„Wo ist dann das Problem?“

„Das Problem bist du in meiner Notaufnahme“, zischte er zornig. „Du warst ein Model. Eine Frau, deren größte Sorge die Wahl des richtigen Nagellacks war.“

Das war unfair, aber sie konnte es ihm nicht verdenken. Da sie überzeugt war, dass Jago vor allem an ihrer Schönheit interessiert war, hatte sie großen Wert auf ihr Äußeres gelegt. Und das kostete Zeit.

Auf einmal wurde ihr klar, dass sie und Jago niemals über die Dinge gesprochen hatten, die wirklich zählten. So hatte er auch keine Ahnung, dass es ihr Wunsch war, Ärztin zu werden. Diese Träume hatte sie nur mit Libby und Alex geteilt.

Trotzig hob sie das Kinn. „Ich habe schon lange mit dem Modeln aufgehört.“ Kurz nachdem er sie verlassen hatte. „Ich … ich habe mir eine kleine Auszeit gegönnt und dann Medizin studiert.“

Aufmerksam musterte er sie. „Mit Billigung deines Vaters?“

„Nein.“

„Soso, also hast du es doch geschafft, ihm einmal die Stirn zu bieten.“ Er lachte kurz auf. „Schön für dich. Aber das macht dich noch lange nicht zu einer guten Notfallärztin.“

„Ich war die Beste meines Jahrgangs, Jago“, erwiderte sie verärgert.

„Oh, ich zweifle nicht deine Intelligenz an, und aus dir wird sicher eine gute Allgemeinärztin“, sagte er mit einem Achselzucken. „Aber Notfallmedizin ist etwas ganz anderes. Es ist ein harter Job.“

Ihr Herz klopfte immer lauter, während sie ein leichter Schwindel ergriff.

„Das weiß ich, damit komme ich klar.“

„Wirklich?“ Sein abschätziger Tonfall erinnerte sie daran, dass sie bisher kaum Erfahrung mit Unfallopfern und lebensgefährlichen Verletzungen hatte. Natürlich hatte sie die erforderlichen Praktika absolviert und ein Jahr in der Kinderabteilung gearbeitet, bevor sie entschieden hatte, dass diese Fachrichtung nicht das Richtige für sie war.

Ihre Oberärztin in der Kinderabteilung hatte gesagt, dass ihre ruhige und gelassene Art genau das Richtige für die Unfallambulanz sei.

Und trotz Jagos bissigem Kommentar wusste Katy, dass sie Recht gehabt hatte. Sie würde es schaffen.

„In der Medizin geht es nicht nur darum, wie viel Blut man schon gesehen hat. Ich kann mit Patienten umgehen, ich kann Situationen beurteilen und schnelle Entscheidungen treffen.“ Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Ich bin eine gute Ärztin. Ich werde zurechtkommen.“

„Oh, das wirst du.“ Seine Stimme war leise und bedrohlich. „Du wirst zurechtkommen, denn ich werde dich keine Minute lang aus den Augen lassen. Alles, was du tust, Katy, jeder Patient, den du untersuchst, jede Diagnose, die du stellst – ich werde immer ...

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