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Bianca Arztroman Band 67

Maggie Kingsley

Ein Arzt gibt niemals auf

1. KAPITEL

Deborah hätte nur einen Blick auf die abblätternde Wandfarbe und den abgetretenen Fußboden im Warteraum der Ambulanz des Belfield-Krankenhauses geworfen und gesagt: „Liv, bist du verrückt?“

Olivia atmete tief durch. Womöglich hatte ihre Schwester ja Recht. Vielleicht war sie verrückt, aber dies war genau das, was sie wollte. Keine schicke, nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattete Notaufnahme, sondern eine Abteilung, in der sie gebraucht wurde. Ein Aufgabenbereich, in dem sie ihre organisatorischen Fähigkeiten voll einsetzen konnte.

„Heute geht es richtig schnell vorwärts, nicht wahr?“ meinte die ältere Frau neben ihr lächelnd.

Olivia lächelte zurück. „Schnell?“

Die Frau nickte. „Madge am Empfang hat gesagt, dass ich heute wahrscheinlich nicht länger als zwei Stunden warten muss.“

Olivia glaubte sich verhört zu haben. Zwei Stunden? Wenn es der Abteilung nicht mal an einem regnerischen Septemberabend gelang, die Wartenden schneller zu behandeln, wie in aller Welt würde es dann an Weihnachten, Silvester oder während der Sommerferien zugehen?

„Was führt Sie denn hierher, meine Liebe, wenn ich fragen darf?“ erkundigte sich ihre Sitznachbarin.

„Magenschmerzen“, murmelte Olivia ausweichend. Schließlich konnte sie der Frau schlecht sagen, dass sie hier war, um die Effektivität der Ambulanz des Belfield-Krankenhauses zu überprüfen.

Deborah hatte diese Idee gehabt. „Geh doch vor deinem offiziellen Arbeitsbeginn einfach mal inkognito hin“, schlug sie vor, als Olivia ihr erzählte, dass sie die Stelle bekommen hatte. „Es ist erstaunlich, was man alles rauskriegen kann, wenn niemand einen kennt.“

Deborah hatte Recht behalten. Allerdings hatte sie auch behauptet, dass Olivia spätestens mit dreißig verheiratet sein und Kinder haben würde. Aber ältere Schwestern konnten sich ja auch mal irren. Selbst wenn sie einen perfekten Job, den perfekten Ehemann und zwei ebenso perfekte Kinder hatten.

Aber von nun an würde es auch bei Olivia besser werden. Ab morgen war sie die Chefärztin dieser Notaufnahme, und das hörte sich gut an.

„Oje, das sieht nach Problemen aus“, sagte ihre Sitznachbarin in diesem Moment.

Olivia hatte die beiden jungen Männer bereits zuvor bemerkt. Der eine von ihnen brauchte ganz offensichtlich medizinische Versorgung; der andere leistete moralische Unterstützung. Dummerweise bestand diese darin, laut Fußballsongs zu grölen und immer wieder aus einer mitgebrachten Flasche zu trinken. Jetzt hatte der Begleiter das Warten anscheinend satt und torkelte an den Empfangstresen. Nach der angespannten Miene der Rezeptionistin zu urteilen, hielt er sich nicht mit freundlichem Geplauder auf.

Olivia beobachtete den jungen Mann besorgt. Solche Situationen konnten nur allzu rasch außer Kontrolle geraten, aber weit und breit war keiner der stämmigen Sicherheitsbeamten zu sehen.

Ach, zum Kuckuck mit dem Inkognito, dachte Olivia und sprang auf. Die Rezeptionistin brauchte Hilfe, und zwar sofort. Doch die ältere Frau hielt sie zurück.

„Schon gut, meine Liebe“, sagte sie, als die Tür zu einem der Behandlungsräume aufging. „Dr. Hardcastle ist da. Er wird sich darum kümmern.“

Olivia folgte dem Blick ihrer Nachbarin und blinzelte. Das also war Seth Hardcastle, seiner Personalakte zufolge sechsunddreißig Jahre alt, allein stehend und einer der beiden Fachärzte der Abteilung. In der Akte stand jedoch nicht, dass er außerdem knapp einen Meter neunzig groß war, dichtes schwarzes Haar und die blauesten Augen besaß, die sie jemals gesehen hatte.

„Er ist sehr attraktiv, was?“ flüsterte die ältere Frau.

In der Tat. Er sah genauso aus wie die Männer, denen Olivia ihr Leben lang aus dem Weg gegangen war. Einer von denen, die zahllose Frauenherzen gebrochen hatten. Schnell setzte sie sich wieder.

„Im Grunde ist er ein echter Schatz“, fuhr ihre Sitznachbarin fort.

Olivia bemerkte, wie er die Rezeptionistin etwas fragte und dann dem Betrunkenen warnend den Zeigefinger auf die Brust stieß.

Oh nein, dieser Mann war ganz bestimmt kein Schatz. Er war es gewohnt, Befehle zu erteilen, und er erwartete ganz selbstverständlich, dass man sie befolgte. Und ab morgen war Olivia seine Vorgesetzte.

Na und, ging es ihr durch den Kopf, als Seth Hardcastle den jungen Unruhestifter plötzlich beim Schlafittchen packte und ihn zum Ausgang bugsierte, du bist die neue Chefärztin der Notaufnahme. Das war schließlich der Sinn und Zweck ihres Umzugs von Edinburgh nach Glasgow. Sie wollte einen Neuanfang machen. Sie wollte ein neuer, selbstsicherer und offensiver Typ werden.

Der Arzt schob den Betrunkenen auf die Straße hinaus, dann drehte er sich um und warf dem gebannten Publikum ein jungenhaftes Lächeln zu. Olivia schluckte unwillkürlich. Es war ein Lächeln, das ihr durch und durch ging.

Die ältere Frau strahlte sie an. „Er ist wundervoll, stimmt’s?“

Jedenfalls ist er eine Persönlichkeit, dachte Olivia, während sie dem Arzt nachschaute, bis er wieder in dem Behandlungsraum verschwand. Und trotzdem hatte er den Chefposten nicht bekommen. Mit sechsunddreißig hatte er zwei Jahre mehr Erfahrung in der Notfallmedizin als sie, und dennoch war er übergangen worden. Das bedeutete, er musste irgendeinen Charakterfehler haben.

Mangel an Engagement kann es nicht gewesen sein, wenn man bedenkt, wie er der Rezeptionistin zu Hilfe gekommen ist, überlegte sie. War er vielleicht zu unfreundlich?

„Es scheint, als gäbe es noch mehr Probleme.“ Die Frau seufzte.

Erstaunt sah Olivia sie an. „Wieso?“

„Madge will eine Ansage machen. Das heißt immer, dass irgendetwas passiert ist.“

Tatsächlich, die Rezeptionistin klopfte auf die Theke und räusperte sich. „Es tut mir Leid, meine Damen und Herren. Auf der A82 südlich von Loch Lomond hat es einen mehrfachen Auffahrunfall gegeben. Die Verletzten sind auf dem Weg zu uns. Ich fürchte daher, dass Sie sich noch etwas länger gedulden müssen.“

Ein allgemeines Aufstöhnen ging durch den Warteraum, und Olivia biss sich auf die Lippen. Unfallopfer. In einer solchen Situation wurde in einer Notaufnahme normalerweise jeder qualifizierte Mitarbeiter gebraucht.

Mit ihrem abgetragenen Jogginganzug war sie kaum dem Anlass entsprechend gekleidet, aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Mit einem Seufzer nahm sie ein Haargummi aus ihrer Handtasche, band ihre schulterlangen braunen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen und stand auf.

„Sie wollen gehen, meine Liebe?“ fragte ihre Nachbarin.

„Sozusagen“, erwiderte Olivia bedauernd und trat an den Empfang, um sich der Rezeptionistin vorzustellen.

„Voraussichtliche Ankunft der Verletzten in zehn Minuten, Seth“, sagte die Stationsschwester Babs Grant, legte den Telefonhörer auf und griff nach ihrem Notizblock. „Ein Mann mit schweren Brust- und Kopfverletzungen, einer mit einer großen Fleischwunde am Bein, eine Frau mit zwei gebrochenen Oberschenkeln und ein Siebenjähriger mit starken Verbrennungen.“

„Verbrennungen?“ fragte der Arzt stirnrunzelnd, und sie nickte.

„Der Wagen, in dem er saß, fing nach der Karambolage Feuer. Ich habe Tony angepiept, die Intensivstation verständigt, und im OP ist alles vorbereitet.“

Jerry Swanson grinste. „Armer Tony. Er ist gerade erst nach einer Sechzig-Stunden-Schicht nach Hause gegangen.“

„Harte Arbeit ist gut für die Seele“, erklärte Seth. „Vor allem für die Seele von Assistenzärzten. Das hält sie von der Straße und aus den Pubs fern.“

„Ich wette, so hast du nicht gedacht, als du selbst Assistenzarzt warst.“ Jerry lachte, und Seth schmunzelte.

„Ehrlich gesagt denke ich das immer noch nicht. Und apropos Ehrlichkeit“, fuhr er fort, als Babs davoneilte. „Ich gebe dieser Olivia Mackenzie drei Monate, dann wird sie wieder verschwinden.“

Der Stationsarzt stöhnte. „Seth, seitdem wir gehört haben, dass sie den Job gekriegt hat, hackst du ständig darauf herum. Dr. Mackenzie fängt morgen hier an. Finde dich damit ab.“

„Wie denn?“ protestierte Seth, der mit langen Schritten den Behandlungsraum durchquerte, während Jerry ihm folgte. „Es müsste doch für jedermann offensichtlich sein, dass eine Notaufnahme nicht der richtige Ort für eine Frau ist. In manchen Nächten ist das hier das reinste Schlachtfeld, das schon schwer genug in den Griff zu kriegen ist. Da möchte ich nicht auch noch auf eine Vorgesetzte aufpassen müssen.“

„Unsere Schwestern scheinen damit klarzukommen.“

„Aber nur, weil sie wissen, welche Patienten die Rabauken und welche die Drogenabhängigen sind“, gab Seth zurück. „Diese Frau hat mit Sicherheit keine Ahnung.“

„Vielleicht will die Verwaltung gar nicht, dass sie in der Abteilung mitarbeitet“, bemerkte Jerry. „Vielleicht meinen sie, dass wir eher eine Organisatorin brauchen anstatt einer weiteren Fachärztin.“

„Na toll. Das hat uns grade gefehlt – noch eine Schreibtischtäterin. Ich gebe ihr ein Vierteljahr, Jerry. Dann wirft sie das Handtuch.“

„Sie hat ein Haus in der Edmonton Road gekauft. Klingt für mich nicht danach, als wollte sie so schnell aufgeben.“

„Woher weißt du das?“

„Charlie aus der Diätassistenz hat sie zufällig getroffen, als sie zu ihrem Vorstellungstermin hier war. Sie sind ins Gespräch gekommen, und bei dieser Gelegenheit hat sie es ihm erzählt.“

„Und hat Charlie vielleicht noch irgendwas anderes herausgefunden?“ meinte Seth sarkastisch.

„Nur dass sie vierunddreißig und geschieden ist und nett zu sein scheint.“

„Nett?“ wiederholte Seth entnervt. „Wir brauchen niemand Nettes, Jerry. Wir brauchen einen zähen, engagierten und erfahrenen Chef. Nicht irgendeine Zimperliese, die schreiend fortläuft, wenn ein Drogensüchtiger sich auf ihren Kittel übergibt, und auch keine Duckmäuserin, die all die blödsinnigen Ideen der Verwaltung widerspruchslos akzeptiert.“

Seufzend wischte Jerry den Namen seines letzten Patienten von der Tafel. „Seth, ich sage es nur ungern.“ Er warf seinem Vorgesetzten einen raschen Seitenblick zu. „Aber könnte es sein, dass deine Abneigung gegen Dr. Mackenzie nichts weiter ist als Neid?“

Seth öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder. Jerry hatte Recht. Seit zwölf Jahren arbeitete er in der Ambulanz des Belfield-Krankenhauses. Er war gut in seinem Job, und zu Gunsten einer jüngeren Ärztin von außerhalb übergangen zu werden, die nicht das Geringste über die Abteilung wusste …

„Okay, vielleicht bin ich tatsächlich der Ansicht, einer von uns hätte den Job kriegen sollen“, gab er zu. „Wir haben hier immerhin zwei Fachärzte, mich und Watson Forrester …“

„Ach, Watson arbeitet noch hier?“ Jerry hob die Augenbrauen. „Das ist ja eine Überraschung.“

Eine leichte Röte erschien auf Seth’ Wangen. „Na schön, er war in letzter Zeit selten da …“

„Seth, er ist nie da. Wenn er nicht auf irgendeinem Kongress ist, macht er eine Fortbildung. Er will raus aus der Notaufnahme. Das weißt du so gut wie ich.“

Seth ließ den Blick durch den Behandlungsraum schweifen, sah die abblätternde Farbe und den zerrissenen Kabinenvorhang. „Jerry, kennst du das Gefühl, dass du im Alltagstrott feststeckst?“

„Eigentlich nicht. Klar habe ich manchmal einen Durchhänger, den hat jeder. Aber in der Ambulanz gibt es viel zu viel Abwechslung, als dass ich es je eintönig fände.“

Früher hätte Seth ihm zugestimmt, aber in letzter Zeit fing er an zu zweifeln. „Ich glaube, ich werde allmählich zu alt für den Job.“

„Seth, du bist sechsunddreißig“, widersprach Jerry. „Burn-out kriegt man erst mit fünfzig.“

„Vielleicht sollte ich mich als Arzt auf einem dieser Kreuzfahrtschiffe bewerben, die durchs Mittelmeer oder die Karibik fahren“, meinte Seth.

„Pillen gegen Seekrankheit verteilen und die Annäherungsversuche älterer Damen mit blau getönten Haaren abwehren?“ Jerry lachte. „Spätestens nach einem Monat würdest du dich zu Tode langweilen.“

„Na gut, dann eben Ärzte ohne Grenzen. Die suchen immer Leute.“

Da Jerry merkte, dass es seinem Freund ernst war, verging ihm das Lachen. „Was ist los, Seth?“

„Ich weiß es nicht, wirklich. Ich weiß nur, dass mir irgendwie nichts mehr Spaß macht. Weder die Arbeit noch die Frauen, nicht einmal der Sex.“

„Ich sehe nicht, wieso sich durch einen Jobwechsel deine Libido verbessern würde“, wandte Jerry ein. „Mit wem bist du denn gerade zusammen?“

Seth senkte die Stimme. „Mit niemandem. Seit Juni bin ich mit keiner Frau mehr ausgegangen.“

„Du hast seit drei Monaten nicht mehr …? Seth …“

„Ich bin ein Versager, stimmt’s?“ unterbrach ihn dieser. „Wenn es mir noch nicht mal was ausmacht, keinen Sex mehr zu haben, dann bin ich ein echter Versager.“

Nachdenklich sah Jerry ihn an. „Nein, bist du nicht. Ich glaube, du stellst gerade fest, dass es im Leben noch mehr gibt als deinen Beruf und unverbindliche Affären. Ich denke, was dir fehlt, ist eine langfristige Beziehung mit der richtigen Frau.“

„Bist du verrückt?“ fuhr Seth auf. „Sobald ein Mann so eine Bindung eingeht, ist er so gut wie erledigt.“

„Hey, da protestiere ich aber“, rief Jerry aus. „Carol und ich sind seit einem Jahr verheiratet, und mir geht es blendend.“

„Noch“, erklärte Seth düster. „In ein paar Jahren besteht deine Vorstellung von einem spannenden Abend daraus, vor dem Fernseher zu sitzen und über Heimwerker-Zeitschriften zu brüten. Und wenn erst die Kinder kommen …“ Er schauderte. „Ich werde mich aus Höflichkeit nach ihnen erkundigen, und du wirst sofort die neuesten Fotos von ihnen rausholen und mir alles über Klein Isoldes ersten Zahn und Tristans Laufversuche erzählen.“

„Das heißt doch nicht, dass man erledigt ist“, sagte Jerry kopfschüttelnd. „Das bedeutet vielmehr, dass man stolz auf seine Familie ist, sie liebt und sich ihr verpflichtet fühlt.“

Es bedeutet aber auch den Abschied von interessanten Auslandsreisen, weil Klein Isolde die langen Autofahrten oder Flüge nicht verträgt, dachte Seth finster. Keine Restaurant- oder Kinobesuche mehr, weil Klein Tristan keinen Babysitter will. Aber nicht nur die Kinder zermürbten einen, sondern auch die Tatsache, dass man den Rest seines Lebens mit derselben Frau zusammenlebte und jeden Tag am Frühstückstisch das gleiche Gesicht sah.

In diesem Moment wurden die Türen des Behandlungsraums aufgestoßen, und zwei Sanitäter brachten die ersten Unfallopfer herein.

„Sechsundzwanzigjähriger Mann, Doc. Offene Beinwunde, starker Blutverlust, Schock. Seine Sauerstoffwerte fallen, sehr schwache Atmung.“

„Dieser Patient ist auch in schlechtem Zustand, Doc“, rief der andere Sanitäter. „Kopf- und Brustkorbverletzungen. Wir haben ihn intubiert und an den Tropf gehängt, aber sein Blutdruck fällt immer weiter.“

„Tony … Wo ist Tony?“ fragte Seth, und zu seiner Erleichterung kam just in diesem Moment der junge Assistenzarzt herein.

„Seth, das Kind mit den Verbrennungen muss versorgt werden, und zwar schnell“, rief Babs. „Sauerstoffmangel.“

In der Tat. Seth bemerkte die typische bläuliche Gesichtsfärbung des Jungen.

„Jerry, du kümmerst dich um den Mann mit den Kopf- und Thoraxverletzungen, ich übernehme das Kind. Tony, der Mann mit der Beinwunde ist Ihr Patient. Intubieren Sie ihn, aber achten Sie auf mögliche Anzeichen eines Pneumothorax oder einer Zwerchfell-Ruptur.“

„In Ordnung“, antwortete der junge Arzt, der jedoch alles andere als glücklich wirkte.

„Und was ist mit meiner Patientin, Doc?“ protestierte ein dritter Sanitäter, der inzwischen hereingekommen war. „Diane Lennox, Ende dreißig. Beide Oberschenkel sind gebrochen, und ich vermute, sie hat auch innere Blutungen.“

Seth blickte zwischen dem Kind mit den Verbrennungen und der verletzten Frau hin und her und explodierte. „Das hier ist einfach unmöglich! Wir brauchen unbedingt noch eine qualifizierte Kraft. Einen weiteren Arzt, egal welchen!“

„Wie wäre es mit mir?“

Seth fuhr herum und sah sich einer großen, schlanken Frau in einem abgetragenen Jogginganzug gegenüber. Er warf der Rezeptionistin, die neben ihr stand, einen bösen Blick zu. „Madge, könnten Sie diese Dame bitte in den Warteraum für Angehörige bringen? Sie darf hier nicht …“

„Seth, sie ist keine Angehörige“, unterbrach Madge ihn. „Sie ist approbierte Ärztin. Ich habe ihren Ausweis gesehen und die Bestätigung von der Verwaltung bekommen. Sie fängt morgen hier an, und sie ist …“

„Boss, ich habe den Tubus gelegt, aber die Luftröhre hat sich nach links verschoben“, rief Tony Melville ängstlich.

„Dann benötigt er offensichtlich eine Nadel-Thorakotomie“, entgegnete Seth schärfer als beabsichtigt, und der Assistenzarzt wurde rot.

„Ich weiß, aber ich habe noch nie eine gemacht …“

Ungeduldig streifte Seth sich Gummihandschuhe über, lief mit langen Schritten durch den Behandlungsraum und stieß geschickt eine Hohlnadel in den Brustkorb des Patienten.

„Ich werde gleich einen Tubus für Sie einführen“, erklärte er, sobald die Luft zischend aus der Lunge des Verletzten wich. „Aber bis dahin können Sie ihm schon mal eine Infusion geben und einen sterilen Druckverband an seinem Bein anlegen, um die Blutung zu stillen.“

Tony nickte, und als Seth sich umdrehte, stellte er fest, dass Madge verschwunden war. Und Dr. Sweatshirt hatte nicht nur den weißen Ersatzkittel angezogen, der immer an der Tür des Behandlungsraums hing, sondern sie hatte dem Kind mit den starken Brandwunden einen Tropf gelegt und war gerade im Begriff, dem Jungen einen Blasenkatheter zu schieben.

„Was tun Sie da?“ Seth stürmte zu ihr und stieß sie mit dem Ellbogen beiseite.

„Das, wonach es aussieht“, erwiderte Dr. Sweatshirt. „Der Junge braucht dringend Flüssigkeit, und außerdem müssen wir herausfinden, wie viel Rauch er eingeatmet hat.“

„Welche Facharztausbildung haben Sie?“ wollte er wissen.

„Chirurgie, auch wenn ich mich jetzt auf einem anderen Gebiet spezialisiert habe. Hören Sie, ich kann …“

„Seth, mein Patient muss neurologisch behandelt werden“, rief Jerry. „Er hat eine Gehirnblutung.“

„Okay, ich …“

„Seth, könnten Sie bitte einen Blick auf Mrs. Lennox werfen?“ drängte Babs. „Ihr Blutdruck spielt verrückt.“

„Ich bin gleich …“

„Der Urin des Jungen ist sehr dunkel“, erklärte Dr. Sweatshirt. „Sie sollten unbedingt Blutproben entnehmen.“

„Sehe ich vielleicht so aus, als ob ich sechs Hände habe?“ fuhr Seth sie an, was ihm jedoch sofort wieder Leid tat.

Er sollte seine Wut nicht an ihr auslassen. Das war nicht fair. Sie hätte es schließlich nicht nötig gehabt, freiwillig ihre Hilfe anzubieten. Immerhin fing sie ja erst morgen offiziell im Belfield-Krankenhaus an.

„Seth, ich brauche Sie hier“, rief Babs erneut. „Fiona und ich haben Mrs. Lennox eine Infusion gegeben und ihre Werte überprüft, aber wir sind keine Ärzte.“

„Also gut, Dr. Wie-immer-Sie-auch-heißen“, sagte er brüsk. „Können Sie sich um den Jungen kümmern, während ich Mrs. Lennox übernehme?“

Dr. Sweatshirt nickte, und er eilte hinüber auf die andere Seite des Raumes.

„Ich habe in der Orthopädie Bescheid gesagt“, berichtete Babs. „Soll Fiona einen Röntgenassistenten holen?“

„Ja, bitte, und Babs …“ Mit gedämpfter Stimme fuhr Seth fort: „Würden Sie Dr. Sweatshirt assistieren? Schauen Sie ihr auf die Finger, und falls irgendetwas nicht stimmt …“

„Seth, Sie haben doch gehört, was Madge gesagt hat. Sie ist approbiert, und sie fängt morgen im Krankenhaus an. Also hören Sie auf, sich Sorgen zu machen. Ich finde, sie sieht aus, als wüsste sie genau, was sie tut.“

Allerdings, dachte Seth, der Dr. Sweatshirt einen schnellen Blick zuwarf. Sie wirkte ruhig, gelassen und absolut professionell. Sie war sogar recht attraktiv, wenn man etwas für Frauen mit sanften braunen Augen und braunen Locken übrig hatte, die zu einem leicht schiefen Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Er selbst zog jedoch eher üppige Blondinen vor anstatt dünne, allzu gesund aussehende Brünette. Doch das war keine Entschuldigung für seine Grobheit.

Seufzend führte er bei Mrs. Lennox einen Blasenkatheter ein und überprüfte ihren Puls. Zeit für eine Entschuldigung.

Er räusperte sich vernehmlich, und Dr. Sweatshirt hob den Kopf.

„Es tut mir Leid“, meinte er. „Ich war sehr unhöflich zu Ihnen. Wenn Sie also einen Infusionsbeutel nach mir werfen wollen, verspreche ich, mich nicht zu ducken.“

Einen Augenblick lang wirkte sie erstaunt, und er schenkte ihr sein charmantes, unwiderstehliches Hardcastle-Grinsen. Doch als sie sein Lächeln zögernd erwiderte, war er derjenige, der verblüfft war. Zum Teufel, dieses Lächeln hatte es in sich. Es hellte ihr gesamtes Gesicht auf und veränderte ihre Ausstrahlung völlig. Vielleicht könnte sie doch mein Typ sein, dachte er bei sich. Nicht auf Dauer, natürlich. Aber vielleicht ein gemeinsames Abendessen, ein paar Dates …

„Mir ist gerade aufgefallen, dass ich Ihren Namen gar nicht kenne“, sagte er noch immer lächelnd. „Ich bin Seth Hardcastle, und Sie …?“

„Okay, wer von euch Scherzkeksen hat nach einem Gehirn-Fachmann gerufen?“

Seth wandte sich zur Tür, wo einer der Neurologen stand, und lachte. „Das war Jerry, aber gegen eine Gehirn-Transplantation hätte ich auch nichts einzuwenden.“

„Bei mir gibt’s nichts umsonst, Seth“, gab der Neurologe schmunzelnd zurück und ging zu Jerry hinüber.

Olivia seufzte. Ich hätte Hardcastle sagen sollen, wer ich bin, dachte sie. Ich hätte ihm sagen sollen: ‚Hören Sie, Schätzchen, ich bin Ihre Chefin‘. Doch dummerweise war sie nicht der Typ dafür. Sie hatte bisher immer den sanften Weg vorgezogen und eher auf Überredungskunst als auf Konfrontation gesetzt. Und das hatte ganz gut funktioniert, zumindest beruflich.

„Liv, Phil war ein Schuft, und du hast dich von ihm scheiden lassen“, hatte Deborah gesagt. „Lass die Sache hinter dir, und fang ein neues Leben an.“ Das hatte Olivia auch vor – jedenfalls irgendwann. Aber sechs Monate waren noch längst nicht genug, um zu vergessen, dass der Mann, der gelobt hatte, sie zu lieben und zu ehren, während der gesamten Dauer ihrer kurzen Ehe regelmäßig mit seiner Sekretärin ins Bett gegangen war.

„Alles in Ordnung?“

Babs sah sie forschend an, und Olivia zwang sich zu einem Lächeln.

„Ja. Es ist nur … Geht es hier immer so chaotisch zu?“

Die Krankenschwester lachte. „Sie sollten uns mal samstags nachts sehen. Ich weiß nicht, wie wir ohne Seth und Jerry zurechtkämen.“

Jerry Swanson, der zweite Arzt in der Notaufnahme. Seiner Akte zufolge war er zweiunddreißig und mit einer der Krankenschwestern aus der Gynäkologie verheiratet. Mit ihm würde Olivia schon fertig, aber mit Seth Hardcastle …

Das Problem war, dass er aus der Nähe noch attraktiver aussah als vorhin im Warteraum. Seine Augen waren gerötet, sein Kinn mit dunklen Stoppeln bedeckt, und das schwarze Haar fiel ihm lässig in die Stirn. Er sah aus, als habe er seit Tagen nicht geschlafen, wirkte jedoch trotzdem unglaublich sexy.

„Ich weiß, Seth kann manchmal ein bisschen schroff sein“, meinte Babs. „Aber er ist einer der besten Ärzte, mit denen ich je zusammengearbeitet habe.“

Und wenn ich nicht aufpasse, wird er auf mir herumtrampeln, sagte Olivia sich, als sie hörte, wie Seth den jungen Tony Melville anschnauzte.

„Oh, dem Himmel sei Dank“, rief Babs da erleichtert aus. „Die Leute von der Dermatologie.“

Die Hautärzte würden sich um den Jungen kümmern, die Neurologen um den Mann mit den Kopf- und Brustkorbverletzungen, während Seth und Jerry Mrs. Lennox und den Mann mit der Beinwunde behandelten. Olivia wurde nicht mehr gebraucht. Sie wollte gerade unbemerkt verschwinden, als sie plötzlich Seth ihren Namen erwähnen hörte.

„Ich fürchte, Seth sitzt auf dem hohen Ross, was unsere neue Chefärztin betrifft“, meinte Babs entschuldigend zu ihr. „Er ist nicht sehr glücklich über ihre Ernennung.“

Sie vernahmen, wie Jerry erklärte: „Ich habe bloß gesagt, ich glaube kaum, dass die Verwaltung jemanden ohne Erfahrung in der Notfall-Medizin eingestellt hätte.“

„Tja, wenn sie keine Büromaus ist, dann wette ich, dass ihre so genannte Erfahrung darin besteht, unnötige kosmetische Operationen an Frauen vorzunehmen, die mehr Geld als Verstand haben“, gab Seth sarkastisch zurück.

Zorn flammte in Olivia auf, als sie die verärgerte Miene ihres neuen Kollegen sah. Ein Zorn, den sie nicht mehr gespürt hatte, seitdem sie Phils außereheliche Affäre entdeckt hatte. Für wen zum Teufel hielt dieser Seth Hardcastle sich eigentlich?

Energisch und mit blitzenden Augen durchquerte sie den Raum.

Seth fuhr fort: „Aber beklag dich bloß nicht bei mir, wenn du merkst, dass sie so nutzlos ist wie eine Plastiktüte in einem Gewitter. Diese Frau …“

„Diese Frau ist der Meinung, dass sie sich erst einmal vorstellen sollte, bevor Sie noch irgendetwas sagen“, fiel Olivia ihm mit eisiger Stimme ins Wort. „Ich bin Olivia Mackenzie, Ihre neue Büromaus-Chefin.“

Jerry stöhnte peinlich berührt, doch Seth wirkte kein bisschen verlegen, sondern hielt ihrem Blick stand.

„Jetzt erwarten Sie wohl eine Entschuldigung von mir?“

„Nun, Ihre Umgangsformen lassen durchaus zu wünschen übrig …“

„Hier in der Ambulanz haben wir keine Zeit für Manieren, Dr. Mackenzie. Sonst würden unsere Patienten verbluten.“

„Aber Sie scheinen jede Menge Zeit zu haben, hinter ihrem Rücken schlecht über eine Kollegin zu reden“, entgegnete sie scharf. „Und zu Ihrer Information, ich habe zehn Jahre lang in der Notaufnahme des Edinburgh General gearbeitet. Aber selbst wenn nicht, hätte ich von Ihnen erwartet, dass Sie wenigstens so höflich wären, mich kennen zu lernen, ehe Sie mich in der Luft zerreißen!“

Glühende Röte schoss Seth in die Wangen, und Olivia konnte sich gerade noch zurückhalten, eine triumphierende Geste zu machen. Sie hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen, und es war gar nicht schwer gewesen. Im Gegenteil, sogar ganz leicht. Sie konnte also doch der offensive Typ sein, und das fühlte sich wundervoll an.

„Ich … äh … Unsere Schicht endet in einer halben Stunde, Dr. Mackenzie“, sagte Jerry Swanson mit gespielter Munterkeit. „Möchten Sie so lange warten und dann einen Kaffee mit uns im Stationszimmer trinken?“

„Nein, ich fürchte, ich kann nicht“, erwiderte sie und lächelte ihm freundlich zu. „Ich habe George versprochen, dass ich nicht lange weg bin, und er fragt sich bestimmt schon, wo ich bleibe.“

Olivia nickte Babs und Tony Melville zu, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Behandlungsraum.

„Arroganter, ungehobelter, abscheulicher Mistkerl“, murmelte Olivia auf der Heimfahrt vor sich hin. „Irgendjemand hätte ihn schon vor Jahren mal zurechtstutzen sollen. Und ich nehme nichts von dem zurück, was ich gesagt habe. Kein Wort.“

George war offensichtlich ganz ihrer Meinung, als sie ihm von dem Vorfall erzählte. Jedenfalls folgte er ihr in die Küche, die Augen unverwandt auf sie gerichtet, was man durchaus als Zustimmung interpretieren konnte.

„Die Abteilung ist nicht schlecht, George“, sagte Olivia und stellte ein Tiefkühl-Currygericht in die Mikrowelle. „Zwar sind die Behandlungszeiten viel zu lang, und der Warteraum ist eine Schande. Aber zumindest scheinen sie alle etwas von ihrer Arbeit zu verstehen.“

Vor allem Seth Hardcastle, dachte sie, als sie zwei Schüsseln aus dem Schrank nahm. Er ist zweifellos ein hervorragender Facharzt. Ein hervorragender und jetzt mit Sicherheit sehr verärgerter Facharzt. Vielleicht hätte sie nicht ganz so offensiv sein sollen. Vielleicht hätte sie mit der Situation anders umgehen sollen. Vielleicht …

Also wirklich, ich bitte dich! Wer ist denn nun der neue Chef – er oder du? Er hatte kein Recht, so hinter deinem Rücken über dich zu reden, also hör auf, dich wie ein Feigling zu benehmen. Du warst Phil gegenüber zwei Jahre lang feige, und was hat es dir gebracht?

Olivia blickte zu George hinunter. „Glaubst du, ich bin zu weit gegangen?“

Verständnislos sah der Hund sie an, ehe er den zottigen Kopf auf die Pfoten legte. Sie seufzte.

Das war das Problem mit einem Haustier. Keine verbale Unterstützung, keine ermutigenden Worte, wenn man sie am dringendsten brauchte. Er war vermutlich liebevoller und treuer als der Durchschnittsehemann, aber besonders redselig war er nun mal nicht.

Das Telefon klingelte. Es war ihre Schwester.

„Ich dachte, ich rufe dich an, um dir für morgen viel Glück zu wünschen“, rief Deborah, gut gelaunt wie immer.

Sie glaubt also, dass ich eine Portion Glück brauche, dachte Olivia, während Deborah fröhlich weiterredete. Na ja, nach der Begegnung mit Seth Hardcastle stimmte das möglicherweise. „Deb…“, setzte Olivia an.

„Harry sagt, er begreift immer noch nicht, weshalb du ausgerechnet nach Glasgow ziehen musstest. Er meint, es gibt jede Menge Chefarzt-Stellen in Edinburgh, und zwar in netten Krankenhäusern in einer schönen Umgebung.“

Ihr Schwager, der Snob. „Deb…“

„Liv, ich will doch nur, dass du glücklich bist. Ich weiß, Phil hat dich wegen einer vierundzwanzigjährigen Blondine mit großen Brüsten und Wespentaille sitzen lassen. Aber deshalb musst du der Männerwelt doch nicht völlig abschwören. Du bist intelligent und nett, und viele Männer schätzen Verstand mehr als gutes Aussehen.“

Olivia sah George an. Ich habe mich getäuscht, dachte sie. Eine Unterhaltung mit einem Hund ist manchmal sehr viel angenehmer, als mit einem anderen Menschen zu sprechen.

„Deb, ich muss Schluss machen. Mein Essen ist fertig“, schwindelte sie.

„Na gut. Aber versprich mir, dass du die Augen nach gut aussehenden Männern offen hältst. Pass auf dich auf, Liv.“

Bevor Olivia ihrer Schwester sagen konnte, dass ein Mann das Letzte war, wonach ihr der Sinn stand, hatte diese bereits aufgelegt.

Du musst ja gar nicht erst suchen, regte sich da eine leise Stimme in ihrem Innern, als die Mikrowelle „pling“ machte. Ab morgen arbeitete der attraktivste Mann, den man sich nur vorstellen konnte, genau vor ihrer Nase.

„Na toll“, meinte sie ohne große Begeisterung, und George wedelte zustimmend mit dem Schwanz.

2. KAPITEL

„Das ist das Albernste, was ich je gehört habe!“ rief Seth aus. Olivia biss die Zähne so fest zusammen, dass sie schmerzten.

Seit einer Woche arbeitete sie nun im Belfield-Krankenhaus, und Seth Hardcastle hatte bisher jeden einzelnen ihrer Verbesserungsvorschläge abgelehnt.

„Das ist nicht albern“, erwiderte sie mühsam. „Einer Umfrage des Gesundheitsministeriums zufolge sind fünfundsechzig Prozent der Bevölkerung dagegen, dass ihre Namen auf der Anzeigetafel stehen. Sie empfinden dies als einen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte.“

Seth lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ah ja. Und wie sollen wir dann unsere Patienten erkennen?“

„Indem wir miteinander kommunizieren“, entgegnete Olivia ärgerlich.

Verächtlich verzog er die Lippen. „Das heißt, wenn ein Patient verblutet und ein anderer einen Herzinfarkt hat, dann sollen wir uns die Zeit für derart erhellende Gespräche nehmen, ja?“

Olivia vergrub die geballten Hände tief in den Taschen ihres Kittels. Warum mussten ihre morgendlichen Besprechungen jedes Mal in solchen Unstimmigkeiten enden? Alle anderen Mitarbeiter der Abteilung hatten sie freundlich aufgenommen, aber Seth … Nicht nur die ewigen Streitereien mit ihm machten ihr zu schaffen. Er vermittelte ihr auch unausgesetzt das Gefühl, klein und dumm zu sein.

„Ob Sie damit einverstanden sind oder nicht, die Tafel wird entfernt“, erklärte sie gepresst. „Und dann wäre da noch das Problem mit Watson Forrester.“

Er machte eine unbehagliche Miene. „Was ist mit ihm?“

Olivia nahm einen Personalbogen zur Hand. „Hier steht, dass er in diesem Jahr auf zwei Seminaren, drei Kongressen und vier Fortbildungen gewesen ist.“

Seth errötete ein wenig. „Watson möchte eben gerne auf dem neuesten Stand der Entwicklung in der Notfall-Medizin sein.“

„Indem er Kongresse über Ernährung besucht?“

Seth zuckte leicht zusammen, und Olivia triumphierte insgeheim. „Ich möchte, dass er geht“, sagte sie schnell, ehe er irgendwelche Einwände erheben konnte. „Momentan ist er in London zu seiner Fortbildung, und danach hat er Urlaub. Aber sobald er zurückkommt, will ich seine Kündigung auf meinem Schreibtisch haben.“

„Als Nächstes wollen Sie wahrscheinlich auch noch Jerry loswerden“, brummte Seth missmutig.

„Ganz sicher nicht. Er ist ein ausgezeichneter Stationsarzt. Ich finde, das gesamte Team arbeitet hervorragend zusammen, sogar der junge Tony Melville.“

„Tatsächlich?“

Sein Tonfall machte sie hellhörig. „Sind Sie anderer Ansicht?“ fragte sie. Als Seth nicht antwortete, zog sie die Brauen zusammen. „Gibt es etwas, was ich über Tony wissen sollte?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nichts. Es ist nur so ein Gefühl. Und ich möchte ihn nicht ohne konkrete Fakten verurteilen.“

Es lag ihr auf der Zunge, zu sagen, dass er in ihrem Fall weniger Skrupel gehabt hatte. Doch stattdessen lächelte sie versöhnlich. „Ich denke, wir haben alles Wesentliche besprochen. Oder haben Sie vielleicht noch etwas auf dem Herzen?“

„Nein“, gab er schroff zurück.

„Seth“, Olivia bemühte sich um einen freundlichen Ton, auch wenn ihr nicht danach zu Mute war, „es ist für Sie sicher nicht leicht, mich als Ihre neue Vorgesetzte zu akzeptieren. Es ist verständlich, wenn Sie darüber aufgebracht sind …“

„Das bin ich nicht im Geringsten“, unterbrach er sie. „Ich finde nur, dass die Notaufnahme nicht von einer Frau geleitet werden sollte.“

Olivias Mitgefühl und Verständnis waren schlagartig verschwunden. „Hören Sie“, erklärte sie, wobei ihre braunen Augen blitzten. „Es mag Ihnen vielleicht entgangen sein, aber Frauen sind schon vor Jahren hinter dem Küchenherd hervorgekommen. Es gibt Politikerinnen, Richterinnen, Fachärztinnen …“

„Das ist mir durchaus bewusst“, gab er verärgert zurück. „Und prinzipiell habe ich auch nichts gegen Fachärztinnen. Die Augenheilkunde und die Geriatrie hier im Belfield werden beide von Frauen geleitet …“

„Sie wollen nur keine in Ihrer eigenen Abteilung haben“, beendete sie wütend seinen Satz. „Tja, tut mir Leid, ich bin nun mal hier. Und Ihr empfindliches männliches Ego wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen!“

Seth stand auf. „Meine Schicht fängt in einer halben Stunde an, und ich würde vorher gerne noch einen Kaffee trinken. Wenn Sie mich also nicht weiter benötigen, Dr. Mackenzie …?“

Er war der Einzige, der es nicht über sich brachte, sie mit ihrem Vornamen anzusprechen.

„Seth …“

„Ich möchte wirklich noch gerne meinen Kaffee trinken.“

Es ist hoffnungslos, dachte Olivia, als sie in sein unversöhnliches Gesicht blickte.

„Dann bis später“, sagte sie, woraufhin er wortlos ihr Büro verließ.

Blöder, eingebildeter, arroganter Kerl, dachte sie. Was sollte sie bloß mit ihm machen? Sie mussten unbedingt eine vernünftige Basis miteinander finden. Sonst konnten sie nicht zusammenarbeiten. Dabei war er ein hervorragender Facharzt …

Und sehr gut aussehend, flüsterte ihr eine leise innere Stimme zu. Olivia räumte ihre Unterlagen zusammen und stieß einen ungeduldigen Laut aus. Na schön, er ist attraktiv, und sein Lächeln … Nicht dass er es ihr in der vergangenen Woche auch nur einmal geschenkt hätte. Aber sie hatte gesehen, wie er Babs und Fiona anstrahlte, und es war ein Lächeln, das höchst angenehme Empfindungen bei einer Frau auslöste.

„Sieh den Tatsachen ins Auge“, murmelte sie vor sich hin, während sie die Ordner im Aktenschrank verstaute. „Ein Mann wie Seth Hardcastle würde für dich eine emotionale Katastrophe bedeuten.“

Ja, aber denk nur daran, welchen Spaß es machen könnte.

Vergiss es, ermahnte sie sich streng, als sie aus ihrem Büro zum Behandlungsraum ging. Das Einzige, was sie von Seth Hardcastle wollte, war eine gute Arbeitsbeziehung. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Notaufnahme schien nicht viel los zu sein. Sie sah lediglich Babs und Fiona, die inmitten einer Menge zermatschter Früchte an eine Wand geduckt standen.

„Was ist denn hier los?“ fragte Olivia, musste sich aber gleich selbst ducken, da eine Birne aus Kabine 6 geschossen kam.

Dazu grölte eine Männerstimme: „Kikeriki!“

„Brian Taylor“, antwortete Babs. „Er kam mit einer bösen Schnittwunde an der Hand, und Fiona und ich konnten ihm gerade eine Infusion verabreichen, als er plötzlich durchdrehte.“

„Er ist einer unserer Stammkunden und Alkoholiker“, ergänzte Fiona. „Sieht so aus, als hätte er mal wieder eine seiner Sauftouren hinter sich.“

„Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass seine Hand genäht werden muss“, sagte Olivia bestimmt. „Warum haben Sie ihn nicht sediert?“

Eine Wassermelone flog aus der Kabine und landete mit einem dumpfen Geräusch vor Babs’ Füßen.

„Weil wir gerne heil nach Hause kommen würden“, erwiderte sie. „Falls Sie also irgendeine gute Idee haben, wie wir nahe genug an ihn herankommen …“

In solchen Momenten wünschte Olivia, sie wäre ein Mann, möglichst groß und breitschultrig. Aber wenn sie jetzt Seth herbeirief, würde er ihr dies immer wieder unter die Nase reiben.

„Wo sind Jerry und Tony?“ erkundigte sie sich.

„Jerry ist in Kabine 1 mit einem Zwölffingerdarmgeschwür. Und Tony versucht herauszufinden, was die Frau in Kabine 3 hat.“

Olivia war also auf sich allein gestellt.

„Mr. Taylor?“ rief sie vorsichtig. Daraufhin wurde ein Bündel Bananen durch den Vorhang geschleudert, und der Mann fing wieder an, „Kikeriki“ zu schreien. „Hat er etwa einen ganzen Obstladen da drin?“ zischte sie Babs zu.

Die Stationsschwester lachte leise. „Wir können nur hoffen, dass er unterwegs nicht auch noch bei seinem Fischhändler vorbeigeschaut hat.“

Olivia überlegte kurz und hatte sich dann entschieden. „Ich brauche eine Injektion mit dem stärksten Beruhigungsmittel, das wir haben.“

Babs befolgte die Anweisung. Als Olivia daraufhin die Spritze in die Tasche steckte und sich auf alle viere niederließ, betrachtete Babs sie zweifelnd. „Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen? Ich kann auch Seth rufen …“

Nur über meine Leiche. „Keine Sorge“, gab Olivia zurück, auch wenn sie sich keineswegs so mutig fühlte, wie sie vorgab.

Langsam kroch sie in die Kabine und erblickte dort Mr. Taylor, der auf seiner Liege saß. Blitzschnell richtete Olivia sich auf, riss den Infusionsbeutel vom Haken und kauerte sich wieder hin. Da vernahm sie ein Rascheln, was vermutlich bedeutete, dass der Patient erneut in seine Einkaufstasche griff.

„Regen Sie sich nicht auf, Mr. Taylor“, meinte sie besänftigend. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“

„Hau ab!“

„Ich mag dich auch“, murmelte sie leise, während sie rasch den Inhalt der Spritze in den Infusionsschlauch injizierte. „Wenn Sie jetzt einmal tief durchatmen, werde ich …“

Weiter kam sie nicht, da Tomaten auf sie herunterprasselten und ihren weißen Kittel von oben bis unten besudelten. Olivia drückte den Infusionsbeutel, so kräftig sie konnte. Es handelte sich um ein schnell wirkendes Beruhigungsmittel, doch der Patient war ein großer Mann, so dass es mehrere Sekunden dauerte, bis die Wirkung einsetzte.

„Schlafenszeit, Mr. Taylor“, sprach sie sanft auf ihn ein. „Machen Sie schön die Augen zu.“

„Hau ab“, wiederholte er, dieses Mal jedoch weit weniger aggressiv als zuvor.

Olivia pumpte den Beutel noch stärker. „Vielleicht sollten Sie, wenn Sie sich das nächste Mal verletzen, lieber ins Merkland-Memorial-Krankenhaus gehen“, fuhr sie sanft fort. „So gern wir Sie hier auch haben …“

Volltreffer! Mr. Taylor plumpste wie ein Sack auf die Liege, und Olivia fing seine Einkaufstasche auf, bevor sie zu Boden fiel.

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Kraft war nicht alles. Intelligenz konnte genauso wirksam sein.

„Na schön, Mr. Brummbär“, meinte sie und erhob sich vom Fußboden. „Dann schauen wir doch mal, was Sie mit Ihrer Hand angestellt haben.“

Er hatte einen tiefen Schnitt im Daumen, und auch die übrigen Finger hatten etwas abbekommen. Aber glücklicherweise war keine lebenswichtige Arterie betroffen.

„Sie müssen ein reizendes Leben führen.“ Olivia säuberte die Wunde und nähte sie mit ein paar Stichen. „Nur schade, dass man das von Ihren Manieren nicht behaupten kann.“ Ein lautes Schnarchen war die Antwort, und sie lachte. „Wir sehen uns, Mr. Taylor, aber hoffentlich nicht für lange.“

Dann zog sie den Kabinenvorhang beiseite und wurde draußen mit großem Applaus begrüßt.

„Prima, Boss!“ strahlte Babs. „Wer sagt, dass Frauen das schwache Geschlecht sind?“

„Im Belfield jedenfalls nicht“, stimmte Fiona mit ein, und Jerry grinste breit.

„Sie sehen aus, als hätten Sie gerade einen Kampf mit einem irren Axtmörder verloren.“

„Sehr komisch.“ Olivia lachte. „Babs, Mr. Taylors Hand muss verbunden werden. Ich habe ihm so viel Beruhigungsmittel gegeben, dass es einen ausgewachsenen Elefanten umhauen würde. Aber behalten Sie ihn im Auge. Er …“

„Was zum Teufel geht hier vor?“

Olivia wandte sich zu Seth um und lächelte. „Die Krise ist vorüber. Mr. Taylor …“

„Sie bluten ja“, meinte Seth mit besorgter Miene. „Babs, wir brauchen Kreuzblut, Röntgen …“

„Seth, das hier sind Tomatenflecken“, erklärte Oliva und brach in Gelächter aus, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Ich mache mich nicht lustig über Sie, wirklich nicht. Es ist lieb von Ihnen, dass Sie sich Sorgen um mich gemacht haben. Aber Mr. Taylor hatte beschlossen, mit Obst und Gemüse um sich zu werfen, und ich war leider die Zielscheibe für die Tomaten. Ich …“

„Babs, haben Sie dem Hausmeister Bescheid gesagt, dass er dieses Chaos beseitigen soll?“ schnitt Seth Olivia barsch das Wort ab.

„Noch nicht, aber …“

„Dann sollten Sie das tun. Wenn ein Patient hier ausrutscht und fällt, haben wir sofort ein Verfahren am Hals. Das fände die Verwaltung sicher nicht witzig.“

„Es war unnötig, Babs derart zusammenzustauchen“, erklärte Olivia, als die Schwester ans Telefon eilte und Fiona in Mr. Taylors Kabine flüchtete. „Wir hatten hier gerade eine ziemlich schwierige Situation und …“ Seth ging ungerührt davon, und erbost wandte sie sich an Jerry. „Dieser ungehobelte, arrogante … Was ist los mit dem Kerl?“

„Ich glaube, er war besorgt um Sie“, antwortete Jerry.

Olivia verdrehte die Augen. „Besorgt? Seth Hardcastle würde nicht mal mit der Wimper zucken, wenn ich von einer ganzen Horde Rowdys gelyncht würde.“

„Das stimmt nicht. Normalerweise ist er nicht so. Gut, er kann manchmal ein bisschen schroff sein, wenn er sich über jemanden ärgert, aber …“

„Wollen Sie damit etwa sagen, dass es meine Schuld ist?“ rief Olivia aus, die ihren schmutzigen Kittel auszog. „Jerry, er ist unmöglich. Wenn ich Weiß sage, sagt er Schwarz, nur um mir zu widersprechen.“

Der Stationsarzt blickte unbehaglich drein. „Ich weiß, dass er teilweise etwas starre Ansichten hat …“

„Teilweise?“ platzte Olivia heraus. Sie wollte gerade alles aufzählen, was Seth in der vergangenen Woche zu ihr gesagt hatte. Aber in letzter Sekunde besann sie sich eines Besseren. Sich bei einem Kollegen über einen anderen zu beschweren war für sie tabu. Stattdessen fragte sie: „Warum hat er eigentlich den Chefarzt-Posten nicht bekommen? Er hat Erfahrung und ist gut in seinem Job. Also warum haben sie ihn nicht genommen?“

Jerry seufzte. „Seth war schon immer ein Rebell. Vermutlich ist die Verwaltung nicht scharf auf jemanden, der sein eigenes Ding durchzieht.“

Olivia schaute zu Seth hinüber, der auf der anderen Seite des Raumes mit einer der Schwestern sprach.

„Nun, dass ich eine Frau bin, kann ich nicht ändern“, sagte sie streitlustig. „Damit muss er leben.“

Verblüfft sah Jerry sie an. „Wieso …?“

„Oje, was ist denn jetzt schon wieder?“ stöhnte Olivia, als Tony verärgert aus Kabine 3 kam, gefolgt von einem ebenso verärgert wirkenden Mann.

„Sieht so aus, als ob Tony Hilfe bräuchte“, meinte Jerry, und gemeinsam eilten sie zu ihm.

„Dr. Mackenzie, vielleicht können Sie Mr. Carter davon überzeugen, dass ich voll ausgebildeter, approbierter Arzt bin“, sagte Tony, sobald er sie erblickte.

„Ist jemand von Ihnen hier weisungsberechtigt?“

„Ich bin die Chefärztin der Notaufnahme“, erwiderte Olivia. „Was kann ich für Sie tun?“

„Sie sind hier der Boss?“

Olivia biss die Zähne zusammen. „Ja, allerdings. Was ist denn das Problem?“

„Es gibt kein Problem“, antwortete Tony. „Ich versuche nur, Mr. Carter zu erklären, dass seine Frau eine schlimme Erkältung hat …“

„Sie hat keine Erkältung“, unterbrach Mr. Carter ihn. „Melinda ist sehr krank, und ich möchte eine zweite Meinung hören.“

Olivia winkte Babs herbei. „Könnten Sie bitte Mr. Carter in den Warteraum bringen?“

„Ich gehe nirgendwohin“, protestierte der Mann erbost. „Ich bleibe hier, bis Sie mir sagen können, was meine Frau hat.“

Olivia setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. „Ich fürchte, es verstößt gegen die Regeln des Krankenhauses, einen Patienten in Anwesenheit von Angehörigen zu untersuchen.“

„Davon hat er nichts gesagt.“ Mr. Carter deutete auf Tony.

„Tut mir Leid, aber es ist so“, behauptete Olivia. Das stimmte zwar nicht, aber falls Tonys Diagnose falsch war, wollte sie unter keinen Umständen, dass der Mann dies mitbekam. „Ich werde mich beeilen, Mr. Carter. Sobald ich zu einem Ergebnis gekommen bin, werden Sie es als Erster erfahren.“

Widerstrebend ließ er sich von Babs hinausführen.

„Also gut, was liegt hier vor?“ wandte Olivia sich an Tony.

„Mrs. Carter fröstelt, hat leichtes Fieber und Kopfschmerzen. Das sind die klassischen Anzeichen für eine Erkältung.“

Aber auch für eine andere Erkrankung, stellte Olivia fest, nachdem sie die Frau untersucht hatte.

„Malaria?“ fragte der junge Assistenzarzt ungläubig. „Sie glauben, sie hat Malaria?“

„Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, wie braun sie ist?“ entgegnete Olivia. „Eine solche Sonnenbräune hätte sie niemals in Glasgow bekommen. Ich vermute, sie war in Afrika oder Asien und hat sich dort angesteckt.“

Niedergeschlagen sah Tony sie an. „Ich komme mir vor wie der letzte Idiot.“

„Das müssen Sie nicht“, beschwichtigte Olivia ihn. „Die Krankheit kommt in unseren Breiten schließlich nicht alle Tage vor. Und außerdem wissen wir ja auch noch nicht mit Sicherheit, ob es wirklich Malaria ist. Also nehmen Sie ein paar Blutproben und lassen Sie sie im Labor untersuchen, okay?“

Mit einem Nicken eilte Tony wieder zurück in die Kabine. Als Olivia ihre Gummihandschuhe auszog, sah Jerry sie nachdenklich an.

„Das war sehr nett von Ihnen. Viele Vorgesetzte hätten ihn für einen solchen Fehler zur Schnecke gemacht.“

„Ich habe schon einige Malariafälle gesehen“, wehrte sie ab. „Er nicht.“

„Es war trotzdem nett“, beharrte Jerry.

Olivia warf einen betonten Blick zu Seth hinüber. „Ob Sie’s glauben oder nicht, ich bin eigentlich ganz umgänglich. Und jetzt schaue ich lieber mal nach, wie es Mr. Taylor geht“, setzte sie hinzu. „Bevor mir gewisse Leute unterstellen, ich würde nicht genügend arbeiten.“

Sie war verschwunden, ehe Jerry etwas sagen konnte. Der Stationsarzt schüttelte den Kopf, als Seth zu ihm herüberkam.

„Geschieht dir recht.“

„Wie kommst du darauf, dass sie mich gemeint hat?“ wollte Seth wissen.

Jerry sah ihn missbilligend an. „Seth, ich müsste taub und blind sein, um nicht mitzukriegen, dass du keine Gelegenheit auslässt, ihr das Leben schwer zu machen. Sie ist intelligent, aufmerksam und arbeitet wirklich hart mit. Wo liegt dein Problem?“

Finster brummte Seth: „Sie hat mich als lieb bezeichnet. Ich bin nicht lieb.“

Jerry lachte. „Doch, bist du. Im Grunde deines Herzens bist du ein großer Teddybär. Also hör auf, sie zu ärgern.“

„Ich? Sie ärgern?“ wiederholte Seth entrüstet. „Hör mal, Jerry …“

„Ich mag sie.“

„Schön. Dann lass dich doch auf eine leidenschaftliche Affäre mit ihr ein. Aber wenn Carol sich einen Skalpell nimmt und dir die Geschlechtsorgane abschneidet, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

„Carol weiß genau, dass ich sie nie betrügen würde.“ Jerry blickte zu Olivia hinüber, die gerade mit Fiona sprach. „Sie ist hübsch, nicht wahr?“

Seth folgte seinem Blick. „Sie ist ganz okay. Aber zu dünn.“

Jerry betrachtete sie kritisch. „Würde ich nicht sagen. Schlank, ja. Und sie hat fantastische Beine.“

Das war richtig. Sie waren endlos lang. Beine, von denen ein Mann nur träumen konnte.

„Jedenfalls ist sie schon mit jemandem zusammen“, meinte Seth achselzuckend.

„Wer sagt das?“

„Sie hat doch letzte Woche von irgendeinem George gesprochen.“

„Ach ja.“ Jerry warf noch einen Blick zu ihr hinüber. „Schade.“

„Ich bezweifle, dass Carol das genauso sieht“, sagte Seth gereizt, und sein Freund grinste anzüglich.

„Ich denke doch nicht an mich, du Dummkopf, sondern an dich.“ Damit eilte er davon.

Jerry hatte Recht. Olivia arbeitete wirklich hart, und sie hatte Mut. Allein bei dem Gedanken, wie sie es mit Brian Taylor aufgenommen hatte, schauderte es Seth. Der Mann war schon in nüchternem Zustand unberechenbar, aber betrunken …

Und mit Tony war sie wunderbar umgegangen. Jeder andere Vorgesetzte hätte den jungen Arzt in der Luft zerrissen, Seth selbst vermutlich auch. Aber Olivia hatte darauf geachtet, das Selbstvertrauen des jungen Mannes nicht zu zerstören.

Ich muss mich bei ihr entschuldigen, dachte Seth stirnrunzelnd.

„Irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte Babs neugierig im Vorbeigehen. Er schüttelte den Kopf.

„Nichts, was ich nicht in den Griff kriegen könnte“, erwiderte er leichthin. Allerdings würde es einiges mehr brauchen als nur ein charmantes Lächeln, um Olivia wieder zu besänftigen. Nur was?

Da ihm jedoch nichts einfiel, wurde er immer reizbarer, und alle waren erleichtert, als die Schicht endlich zu Ende ging.

„Unser guter Seth war heute ja ein wahrer Sonnenschein, oder?“ bemerkte Jerry, als Olivia ihm dabei half, die Patientenakten wegzuräumen.

„Heute?“ gab sie gedehnt zurück.

Jerry lachte leise, doch er wurde augenblicklich ernst, sobald er Seth sah, der mit grimmigem Gesichtsausdruck auf sie zukam.

„Okay, ich bin dann weg“, meinte er zu Olivia und trat den Rückzug an.

Du hast es gut, dachte sie seufzend. Und als Seth vor ihr stehen blieb, sagte sie: „Sie haben genau fünf Minuten. Dann gehe ich nach Hause.“

„Mehr brauche ich nicht“, erwiderte er, öffnete die Tür des Behandlungsraums und ließ Olivia den Vortritt.

„Na schön, was ist denn so wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann?“ wollte sie wissen, sobald sie beide draußen im Korridor standen.

„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich es toll fand, wie Sie heute Vormittag mit Tony umgegangen sind.“

Lob von Seth Hardcastle? Das war noch nie vorgekommen.

„Wir müssen miteinander reden, Olivia“, fuhr er unbehaglich fort.

Nun nannte er sie auch noch bei ihrem Vornamen. Was hatte das wohl zu bedeuten?

„Worüber?“ fragte sie argwöhnisch.

„Über uns.“ Er sah sie mit seinen blauen Augen an, und sie musste schlucken. „Wir scheinen uns immer nur zu streiten, und das möchte ich nicht.“

Nun lächelte er sie an, mit diesem umwerfenden Lächeln, das so seltsame Gefühle in ihrer Magengrube auslöste.

Olivia holte tief Luft. „Ich möchte auch nicht mit Ihnen streiten, aber …“

„Ich glaube, dann gibt es nur eine Möglichkeit.“

Verflixt, er will mir Avancen machen, schoss es ihr durch den Kopf. Aber das würde niemals gut gehen.

„Woran …?“ Ihre Stimme klang auf einmal viel zu hoch, und sie räusperte sich. „Woran hatten Sie denn gedacht?“

„An einen Waffenstillstand.“

Keine wilde, leidenschaftliche Affäre. Natürlich hatte Olivia tief in ihrem Innersten gewusst, dass er ihr keinen solchen Vorschlag machen würde. Schließlich kannten sie einander erst seit einer Woche, und außerdem war sie ohnehin nicht sein Typ, aber …

„Hört sich gut an“, meinte sie. „Und wie würde der aussehen?“

Seth lehnte sich an die Wand. „Sie gestehen mir zu, dass ich gelegentlich im Recht bin, weil ich schon so lange hier arbeite. Und ich gestehe Ihnen zu, dass Sie gelegentlich im Recht sind, weil Sie alles mit neuen Augen sehen.“

„Einverstanden“, sagte Olivia.

Er streckte ihr die Hand entgegen. „Abgemacht?“

Sie nickte lächelnd und ergriff seine Hand. Doch sobald ihre Finger sich berührten, wusste sie, dass es ein Fehler war. Sie fühlte sich plötzlich unendlich geborgen. Sicher, warm und beschützt. Aber bei Seth Hardcastle war keine Frau sicher. Er war die Garantie für ein gebrochenes Herz, und Olivia hatte schon mehr als genug Kummer erlebt.

Rasch löste sie ihre Finger aus Seth’ Hand und hoffte inständig, dass ihre Wangen nicht so glühend rot waren, wie sie sich anfühlten.

„Ich muss gehen. George …“

„Ah ja. George hatte ich ganz vergessen.“

Seth’ Stimme klang merkwürdig, und Olivia fragte sich, ob er Hunde nicht mochte. Phil hatte nur so getan, als würde er George mögen. Dann hatte sie herausgefunden, dass er auch nur so getan hatte, als würde er sie lieben. Und das war das Ende ihrer Ehe gewesen.

„Bis morgen dann.“ Olivia trat einen Schritt zurück.

Seth nickte, und sie ging mit schnellen Schritten den Korridor entlang. Als sie die Tür öffnete, die zum Parkplatz führte, warf sie einen Blick über die Schulter. Seth stand noch immer dort und schaute ihr nach. Er lächelte ihr zu. Sie lächelte zurück wie eine dumme, schwärmerische Sechzehnjährige, und als sie ins Freie hinaustrat, tat ihr Herz einen großen Sprung.

3. KAPITEL

„Ich schaue mir also dieses zwei Monate alte Baby an, das von oben bis unten von grün-gelblichem Erbrochenen bekleckert ist, und überlege fieberhaft“, erklärte Seth, der sich gerade einen Kaffee einschenkte. „Handelt es sich um eine Darmverschlingung, um Morbus Crohn oder irgendeine entzündliche Darmerkrankung?“

„Und was war es?“ fragte Olivia, die am Funkeln in seinen blauen Augen erkannte, dass der Säugling keine dieser schlimmen Krankheiten gehabt hatte.

„Tja, offenbar hatte die Mutter vergessen, Babynahrung zu besorgen. Woraufhin der ahnungslose Vater meinte, dass ein Kiwi-Bananen-Milchshake doch ein guter Ersatz sei. Offen gesagt glaube ich, bei diesen Eltern wäre eine Adoption für das arme Würmchen bestimmt die beste Alternative gewesen. Aber das stand leider nicht zur Debatte.“

Olivia prustete vor Lachen. „Wie alt sind die beiden denn?“

„Achtzehn, aber wie wir alle wissen, schützt weder Alter noch gesellschaftliche Stellung vor ausgemachter Dummheit“, erwiderte Seth und trug seinen Kaffeebecher an den Tisch im Stationszimmer. „Jerry, erinnerst du dich an das Mädchen mit Verbrennungen dritten Grades?“ fragte er, als er sich gesetzt hatte. „Die Kleine, die eine Stricknadel in eine Steckdose gesteckt hatte? Es stellte sich heraus, dass sie es schon ein Dutzend Mal vorher getan hatte, aber ihre ‚fortschrittlichen‘ Eltern wollten sie nicht in ihrer Entwicklung einschränken.“

Jerry nickte und biss in sein Sandwich. „Mein Lieblingsfall ist aber immer noch das Kind, das sich das Hörgerät seiner Oma in den Hintern geschoben hat. Und nachdem wir es wieder herausgeholt hatten, hat die Großmama offiziell Beschwerde eingelegt, weil das Ding nicht mehr funktionierte.“

„Das ist doch ein Witz, oder?“ meinte Olivia ungläubig.

Seth lachte. „Nicht im Mindesten.“

Als sie in sein Lachen einstimmte, dachte sie, wie schön es sei, dass sie miteinander scherzen konnten. Seit einer Woche galt ihr Waffenstillstand nun, und sie genoss es, mit ihm reden zu können, ohne sich ständig zu streiten.

Das ist nicht alles, was du genießt, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Innern, als Seth sich vorbeugte, um einen Keks zu nehmen, und sich dabei das Hemd über seiner Brust spannte.

Ach, werd endlich erwachsen, schalt Olivia sich und trank einen großen Schluck von ihrem Kaffee. Na gut, er war wirklich ausgesprochen attraktiv, und bei dem Gedanken, mit ihm Sex zu haben, verschlug es ihr den Atem. Aber bloß weil er sie anlächelte, hieß das noch lange nicht, dass er sie wollte. Und selbst wenn, was dann? Für Bettgeschichten hatte sie nichts übrig. – Nein, aber bei diesem Mann wäre sie bereit, eine Ausnahme zu machen. Eine Hitze breitete sich in ihr aus, die mit dem Kaffee eindeutig nichts zu tun hatte.

Ja, klar, höhnte ihr Verstand. Ein bisschen angeberisch von einer Frau, die bis zu ihrer Heirat Jungfrau war. Deren Sexleben nicht gerade wild und aufregend gewesen ist. Was hättest du denn einem Mann wie Seth zu bieten, was er nicht schon hundertfach und garantiert sehr viel besser gehabt hat?

„Stimmt was nicht?“ Fragend sah Seth sie an.

Olivia brachte ein Lächeln zu Stande. „Ich habe nur nachgedacht.“

„Denken ist gefährlich“, bemerkte Jerry. „Das bringt einen bloß in Schwierigkeiten.“

Wem sagst du das, dachte Olivia selbstironisch und stand auf. „Ich muss los. In fünfzehn Minuten habe ich ein Gespräch mit der Verwaltung.“

„Wegen der Anzeigetafel mit den Patientennamen?“ erkundigte Seth sich hoffnungsvoll.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich sagte Ihnen ja bereits, es war weder meine noch deren Entscheidung, sie zu entfernen. Das ist eine landesweite Regelung.“

„Aber es ist trotzdem Quatsch“, brummte er, und sie nickte.

„Finde ich auch, aber ich kann nichts dagegen machen.“ Sie trug ihre leere Tasse zur Spüle. „Ich wollte mal nachfragen, ob wir den Warteraum renovieren lassen können.“

Kopfschüttelnd meinte Seth: „Wenn Sie denen in der Administration irgendwelches Geld abluchsen, wäre ich dafür, dass wir es für neue Geräte verwenden.“

„Ich glaube nicht, dass das eine Frage von Entweder-Oder ist“, widersprach Olivia.

Er lächelte schief. „Da kennen Sie diese Erbsenzähler aber schlecht. Die Notaufnahme rangiert ungefähr auf der gleichen Ebene wie die Fußpflege, wenn es um eine Finanzspritze geht.“

Sie spülte ihre Tasse aus. „Machen Sie mir doch einfach mal eine Liste von allem, was in der Abteilung Ihrer Meinung nach nötig ist.“

Klirrend stellte Seth seinen Becher hin. „Soll das ein Witz sein?“

Olivia lächelte. „Es gibt zwei Themen, über die ich niemals scherze: Finanzen und Religion.“ Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Mein Termin ist um zwei, und ich muss dafür jetzt noch ein paar Unterlagen aus dem Büro holen. Sie haben zehn Minuten, um eine Aufstellung zu machen. Wenn Sie nicht fertig sind, bis ich zurückkomme …“

„Dann bin ich fertig“, gab er zurück und riss ein Blatt von seinem Notizblock ab.

Lachend ging sie hinaus.

Jerry blieb ernst. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und blickte Seth nachdenklich an. „Ich hab dir ja gleich gesagt, dass sie nett ist, stimmt’s?“

„Stimmt“, murmelte Seth, dessen Stift nur so über das Papier flog.

„Ich glaube, sie mag dich.“

Seth schaute auf. „Vergiss es, Jerry.“

„Was denn?“ fragte dieser unschuldig.

„Deine Kuppelversuche.“

„Ich kuppele doch gar nicht …“

„Doch, tust du wohl“, entgegnete Seth. „Ich werde mich ganz sicher nie mit Olivia Mackenzie einlassen. Erstens ist sie meine Chefin, und zweitens ist sie bereits liiert. Und ich nehme einem anderen Mann nicht die Frau weg.“

„Ja schon, aber … Ach, verdammt!“ stöhnte Jerry, weil sein Pieper ertönte. „Warum kann ich nie eine Diskussion zu Ende führen oder meinen Kaffee austrinken?“

„Das ist nur von Vorteil für dein Herz und deine Arterien“, meinte Seth mit einem Grinsen.

Jerry meinte es gut, aber es gab einen dritten und noch wichtigeren Grund, weshalb Seth niemals etwas mit Olivia anfangen würde. Es war offensichtlich, dass sie keine Frau für eine Affäre war. Und er wollte keine feste Bindung eingehen, weder jetzt noch später.

Zugegeben, sie war anziehend. Am liebsten hätte er ihre dichten braunen Locken von dem Haargummi befreit, das sie immer trug. Und wenn sie ihn mit ihren sanften großen Augen ansah, vergaß er sogar manchmal, was er sagen wollte. Aber eine verbindliche Beziehung anzufangen bedeutete das Ende von Freiheit, Spannung und Abenteuer.

„Sind Sie mit Ihrer Aufstellung fertig?“

Er blickte über die Schulter. Olivia stand in der Tür. Ihr Haar schimmerte im Licht der Septembersonne, das durch die Fenster fiel, und für einen Augenblick wurde Seth aus unerfindlichen Gründen die Kehle eng.

„Ich … ich habe acht Vorschläge aufgelistet“, sagte er schnell.

„Nur acht?“

Oh nein, jetzt lächelte sie ihn auch noch an. Es war dieses Lächeln, das er seit jenem ersten Tag nicht mehr bei ihr gesehen hatte. Einen Moment lang fragte er sich, ob es denn wirklich ein so großer Fehler wäre, sie um eine Verabredung zu bitten. Sie war Single, er war Single. Okay, da gab es diesen George, aber …

„Das war bloß ein Scherz, Seth.“ Forschend sah sie ihn an, und er zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich habe nur überlegt, was ich noch aufschreiben könnte“, erklärte er.

Sie schmunzelte. „Überstrapazieren Sie Ihr Glück nicht.“ Rasch überflog sie seine Liste und stieß einen leisen Pfiff aus. „Das sind alles sehr teure Geräte.“

„Ich weiß, aber nur weil das Belfield alt ist, sollen unsere Patienten nicht schlechter versorgt werden als woanders.“

„Da haben Sie Recht.“ Noch einmal las sie die einzelnen Punkte durch. „Ich werde mein Bestes tun, aber …“

„Rechnen Sie lieber nicht damit.“

Er blickte ihr nach, als sie davoneilte. Falls irgendjemand imstande war, die Verwaltung davon zu überzeugen, etwas Geld lockerzumachen, dann Olivia.

Warum sie wohl geschieden ist? fragte Seth sich. Sie war definitiv nicht der Typ Frau für außereheliche Affären. Also musste es ihr Mann gewesen sein, der sie verlassen hatte. Aber was für ein hirnverbrannter Idiot würde eine Frau wie Olivia verlassen? Sie war attraktiv, intelligent, und ihre Beine …

Verdammt, du wolltest nicht an ihre Beine denken!

Will ich auch nicht, sagte er sich energisch, leerte seinen Kaffeebecher und verließ das Stationszimmer.

„Hallo, Fremder“, begrüßte ihn Babs, als er das Behandlungszimmer betrat. „Ich wollte gerade einen Suchtrupp nach Ihnen losschicken.“

„Die Mittagspause hat ein bisschen länger gedauert. Schön, was haben Sie denn für den Rest des Tages Aufregendes für mich?“

„Einen psychiatrischen Patienten, der behauptet, dass heute um drei Uhr die Welt untergeht, und uns deshalb eine Arche bauen will.“

„Na wunderbar. Und was machen Jerry und Tony?“

„Jerry hat einen Hundebiss in Nr. 2, und Tony untersucht eine Mrs. Dickson mit Magenschmerzen in Nr. 4.“

„Gut, dann werde ich Tony assistieren.“

„Hab ich mir schon gedacht.“ Babs schmunzelte.

„Hey, es ist meine Pflicht, ihn zu beaufsichtigen“, protestierte Seth.

„Wie kommt es, dass Ihnen das nur an solchen Tagen einfällt, wenn Sie jemanden behandeln müssten, der sich für Noah persönlich hält?“

„Weil ich nicht so dumm bin, wie ich vielleicht aussehe“, erwiderte er, und die Krankenschwester lachte, als er zu Kabine 4 hinüberging.

„Ich glaube, Mrs. Dickson hat Gallensteine“, sagte Tony, sobald Seth eintrat. „Sie zeigt die klassischen Symptome. Mittleres Alter, Übergewicht, hoher Blutdruck und Magenschmerzen nach dem Essen.“

„Haben Sie diese Beschwerden schon lange, Mrs. Dickson?“ erkundigte sich Seth.

„Ja, seit drei Monaten, Doktor.“

„Haben Sie eine Sonographie angeordnet, damit wir sehen können, ob es sich um Gallensteine handelt?“ wandte er sich an Tony.

Dieser nickte. „Der Röntgenassistent ist schon unterwegs.“

„Aber ich kann unmöglich Gallensteine haben“, jammerte Mrs. Dickson, die zusammenzuckte, als sie versuchte, sich aufzurichten. „Ich esse nie irgendwas Gebratenes.“

Seth lächelte. „Das liegt nicht am Gebratenen, sondern am Cholesterin.“

„Und wenn Sie nun Recht haben, muss ich dann operiert werden?“ fragte Mrs. Dickson beunruhigt.

Seth überließ Tony die Antwort.

„Antibiotika und eine fettarme Diät reichen in den meisten Fällen aus, um das Problem zu beheben“, erklärte der junge Arzt. „Manchmal muss die Gallenblase operativ entfernt werden, aber im Allgemeinen kann man auch recht gut ohne sie leben.“

Tony machte seine Sache gut. Er war ein engagierter, begeisterter Assistenzarzt, und dennoch mochte Seth ihn nicht. Irgendetwas, das er nicht genau zu benennen vermochte, störte ihn an dem jungen Kollegen.

Wahrscheinlich bin ich einfach nur neidisch auf ihn, dachte Seth selbstironisch. Egal, wie viel er arbeitet, er scheint immer so voller Energie zu sein. Ich dagegen …

Seufzend verließ er die Kabine.

„Was ist los?“ fragte Jerry, als er ihn sah.

Achselzuckend antwortete Seth: „Ich habe nur gerade über meine Zukunft nachgegrübelt.“

„Du denkst doch wohl nicht schon wieder an Kreuzfahrtschiffe und Ärzte ohne Grenzen, oder?“

„Na ja, so ungefähr. Sag mal, Jerry, findest du auch, dass Tony einen manchmal nervt?“

„Natürlich, so wie jeder junge Assistenzarzt.“

„Ja, wahrscheinlich“, meinte Seth, und seine Stirn glättete sich, da in diesem Moment Olivia die Tür zum Behandlungsraum öffnete. „Na, wie ist es gelaufen?“

Sie verzog das Gesicht. „Nicht besonders gut. Sie wollen nur zwei der von Ihnen gewünschten Geräte bewilligen.“

„Zwei?“

„Ich weiß, das ist wenig …“

„Olivia, ich bin davon ausgegangen, dass sie Ihnen gar nichts genehmigen würden.“ Seth strahlte. „Was dürfen wir anschaffen?“

„Das 12-Elektroden-EKG-Gerät und den transportablen Röntgenapparat.“

„Im Ernst?“ fragte er ungläubig. „Wir kriegen tatsächlich ein neues EKG und das transportable Röntgengerät?“

Sie lächelte. „Es gibt zwei Dinge, über die ich niemals Scherze mache …“

„Finanzen und Religion“, ergänzte er lachend. Und ohne nachzudenken, umfasste er ihre Taille und wirbelte sie herum. „Olivia, ich könnte Sie küssen!“

Er blickte in ihr verdutztes Gesicht. Sie fühlte sich gar nicht dünn an, sondern warm und weich …

„Seth, würden Sie mich bitte runterlassen?“

Fasziniert beobachtete er, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Sie schaute zu ihm auf, die braunen Augen groß und dunkel, die Lippen leicht geöffnet …

„Lassen Sie mich bitte herunter.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis er registrierte, was sie gesagt hatte. „Klar. Sicher. Tut mir Leid. Ich … ich habe mich wohl ein wenig hinreißen lassen.“

„Das haben wir gemerkt“, warf Jerry schmunzelnd ein.

„Verkehrsunfallopfer in fünf Minuten!“ rief Babs ihnen in diesem Augenblick zu. „Dreiköpfige Familie. Ein zehnjähriger Junge mit Wirbelverletzungen, seine Mutter, im siebten Monat schwanger, und der Vater mit schweren Bein- und Bauchraum-Verletzungen.“

„Verständigen Sie Gideon Caldwell aus der Gynäkologie, lassen Sie den OP vorbereiten, und bringen Sie mir sechs Einheiten 0-Negativ, bis wir die Blutgruppen bestimmt haben“, befahl Seth sofort. „Jerry, du übernimmst den Vater, ich die Mutter und Tony den Jungen.“

„Und ich?“ meldete sich Olivia. „Ich bin nicht nur zur Dekoration hier. Wem soll ich assistieren?“

Babs kam herbeigeeilt. „Wir haben auch noch einen Fünfundzwanzigjährigen, der sich mit dem Rasentrimmer den Fuß amputiert hat.“

„Oh, verdammt!“ rief Olivia aus.

„Den übernehmen Sie dann am besten, sobald er eintrifft“, erklärte Seth.

Muss er unbedingt eine so erleichterte Miene machen, weil ich ihm nicht assistieren werde? dachte sie. Erst wirbelt er mich lachend herum und sagt, dass er mich küssen könnte, und im nächsten Moment ist er wieder kühl und distanziert. Er hat es ja schließlich nicht getan.

Schade.

Nein, überhaupt nicht schade, sagte sie sich streng. Sie wollte seine Lippen nicht auf ihrem Mund spüren. Sie wollte nicht wissen, ob sie warm und sanft oder heiß und fordernd waren.

Ich wette, sie sind heiß und …

„Irgendwas nicht in Ordnung, Olivia?“ erkundigte Jerry sich neugierig.

Abgesehen davon, dass sie innerlich zu glühen schien? Sie warf ihm ein rasches Lächeln zu. „Alles bestens.“

An dem Funkeln in seinen Augen konnte sie erkennen, dass er ihr kein Wort glaubte. Sie stöhnte leise. Warum hatte sie nur ständig diese lustvollen Gedanken in Bezug auf Seth? Er war doch ohnehin nicht interessiert.

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