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Bianca Arztroman Band 63

Meredith Webber

Verliebt in die schöne Kollegin

1. KAPITEL

Dieser gemeinsame Umkleideraum für Männer und Frauen ist das Lächerlichste, was mir je untergekommen ist, entschied Grant Hudson. Er nahm seinen Operations-Overall aus der Schachtel mit der Aufschrift „XL“ heraus und steuerte auf die entfernteste Ecke des Raumes zu. Nicht, dass er grundsätzlich etwas gegen hübsche, in zweckmäßig weiße Baumwollunterwäsche gekleidete Frauen hatte. Aber in seinem Arbeitsumfeld störten sie ihn.

Es war die Idee hinter dem Experiment mit der gemeinschaftlichen Umkleidemöglichkeit, die er für Unfug hielt. Dieser Raum war für die Teams der Operationssäle fünf und sechs bestimmt. Das bedeutete, dass sich morgens, vor Beginn der regulären chirurgischen Arbeitsschichten, bis zu einem Dutzend Männer und Frauen – Orthopäden, Neurologen, Chirurgen und Medizinstudenten – hier aufhielten, die sich alle bis auf die Unterwäsche auszogen. Die Initiatoren hatten sich gedacht, dass, wenn die Chirurgen bei dieser Gelegenheit miteinander plauderten, so etwas wie eine gegenseitige gedankliche Befruchtung stattfinden würde.

Die Praxis jedoch sah anders aus. Die Mitarbeiter, denen er seit seinem Dienstantritt hier im Krankenhaus vor etwas über einer Woche in diesem Raum begegnet war, kleideten sich in totaler Stille um. Es war auch wahrhaftig nicht leicht, eine Fachsimpelei mit einer in ihrer Unterwäsche dastehenden Kollegin zu beginnen, während man sich fragte, ob die eigenen Boxershorts möglicherweise offen standen.

Grant streifte seine Schuhe ab und zog sich die Jeans bis über die Hüfte herunter. Dann, auf der Bank sitzend, so dass ein ungewolltes Offenstehen unbemerkt bleiben würde, zog er sie ganz aus und stieg in die Hosenbeine seines Chirurgen-Overalls. Das Taillenzugband ließ er lose herunterhängen, während er in das Oberteil schlüpfte. Irgendwie fühlt sich der Anzug diesmal komisch an, fand er. Wie eingelaufen.

„Okay. Irgendjemand hat anscheinend die OP-Kleidung vertauscht“, vernahm Grant plötzlich die Stimme der Krankenhausärztin Sally Cochrane.

Sie stampfte durch den schmalen Raum in seine Richtung, die Arme weit ausgestreckt. Der Overall, den sie trug, schien mindestens drei Nummern zu groß für sie und umgab ihren zierlichen Körper wie ein halb aufgeblasener Ballon.

Als sie ihn erblickte, begann sie zu lachen. Nicht nur das, sie zeigte auch noch mit dem Finger auf ihn. Das volle, herzhafte Lachen schien ihm irgendwie unpassend für so eine schmale, zarte Frau.

„Oje, es tut mir Leid.“ Sie rang nach Luft. „Aber Sie sehen einfach zu komisch aus in diesem Anzug. Ich weiß, ich auch, aber … oh …“

Sie gab dem Lachen abermals nach, während Grant sehr langsam, aus Furcht vor dem, was er sehen würde, aufstand und an sich herunterblickte.

Himmel! Die Hose endete auf Wadenhöhe, die Ärmel gingen ihm bis zur Mitte der Unterarme.

Er blickte die lachende Frau vor ihm finster an, dann die anderen Anwesenden, die sich daraufhin beeilten, den Raum zu verlassen, und aussahen, als ob sie die Situation äußerst erheiternd fänden.

„Wir haben einen wartenden Patienten, Dr. Cochrane“, knurrte er, während er sich aus dem zu kleinen Anzug wieder herausschälte.

„Warten Sie, nehmen Sie diesen hier“, erwiderte sie beiläufig und reichte ihm den übergroßen Overall, den sie gerade ausgezogen hatte.

Erfreut, eine Ablenkung zu haben, nahm er das Kleidungsstück entgegen und streifte es sich über. Er bereute es augenblicklich. Das noch körperwarme Material verströmte einen Hauch ihres feinen Parfüms. Es war jene Note von blumiger Süße, die manchmal noch nach einer Teambesprechung in seinem Büro nachhing.

Nun würde er diesen Duft während der ganzen Operation in der Nase haben.

Sie hingegen schien nicht durch irgendeinen Geruch von ihm durcheinander gebracht zu sein. Sie schnappte sich den Anzug, den er auf die Sitzbank gelegt hatte, und zog ihn an.

„Wir hätten beide eine neue Garnitur nehmen können“, bemerkte er steif. Der flüchtige Anblick ihrer schlanken braunen Schenkel, als sie sich die Hosenbeine der hellblauen Operationsbekleidung überstreifte, ließen seinen Körper in einer höchst unangemessenen Weise reagieren.

„Ich nehme an, das hätten wir tun können, aber wenn die Schachteln alle vertauscht sind, hätten wir im schlimmsten Falle vier Garnituren anprobieren müssen, bevor wir die richtige gefunden hätten. So konnte ich wenigstens sehen, dass Sie meine Größe anhatten.“

Sie ließ ein leises Lachen hören, um es dann, als sie realisierte, dass er ihre Belustigung nicht teilte, zu unterdrücken und sich von ihm abzuwenden. Sie gab ihm den Blick auf ihren hübschen Po frei, als sie sich bückte, um erst den einen, dann den anderen Schuh zuzubinden.

Dann richtete Sally sich auf und zog das Durchziehband fest und knotete es um ihre Taille. Sie zitterte innerlich vor Anspannung, aber auf keinen Fall würde sie sich von Grant Hudsons finsterem Blick zu einem Häufchen Elend niedermachen lassen.

Okay, er hatte nichts Lustiges an der vertauschten Kleidung finden können. Geschweige denn an sich selbst in dem viel zu kleinen Overall. Aber er hätte nicht so säuerlich reagieren müssen.

Er hätte wenigstens lächeln können.

Vorausgesetzt, dass er überhaupt in der Lage war, einen solchen Gesichtsausdruck zu Wege zu bringen.

Sein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Dunkles, kurz geschnittenes Haar, leicht gebräunte Haut, lebhafte blaue Augen, die streng hinter den klaren Gläsern der Brille, die er während des Operierens trug, auf sie herabschauten.

Sie verbannte die Vorstellung. Sie misstraute diesen Augen, die eine solch hypnotische Wirkung auf sie ausübten, und erst recht ihrer eigenen Reaktion auf einen Mann, der sie ablehnte.

Sie dachte wieder über sein Lächeln nach.

Vielleicht fehlten ihm die notwendigen Muskeln, die seine Lippen in eine lächelnde Position ziehen konnten.

„Sind Sie so weit, Doktor?“

Der Klang seiner Stimme, ruhig und volltönend, brachte Sally aus ihren Tagträumen zurück. Sie verbiss sich die Entgegnung „Nennen Sie mich Sally“, die ihr die ersten Dutzend Male entschlüpft war, als er sie förmlich Doktor genannt hatte. Sie nickte und folgte ihm gehorsam hinaus in Richtung Waschraum.

Plötzlich trat sie versehentlich auf den Fersenrand seines Krankenhausslippers und stieß, als er sich unvermittelt umwandte, mit ihm zusammen.

Er befreite sich und beugte sich hinab, um seinen Schuh zurechtzurücken. Als er sich wieder aufrichtete, blickte er sie finster an. In seinen Augen konnte sie die Frage „Sind Sie immer so ungeschickt?“ lesen.

„Stolpern Sie wieder mal über sich selbst, Sal?“ Daniel Denton kam ihnen gut gelaunt grinsend entgegen.

Sally fand, dass sie nun an der Reihe war, jemanden finster anzublicken.

Der Neurologe war keiner ihrer bevorzugten Menschen. Sie ärgerte sich nicht nur über die Art, wie er den neuen Chef hofierte, sondern fühlte sich regelrecht unbehaglich in Daniels Gegenwart.

Seine Anwesenheit in dieser Schicht war beispielhaft für sein Verhalten. Er hatte weder Dienst noch Bereitschaft. Doch wo immer der Chef der Neurochirurgie war, war Daniel nicht weit.

„Ich bin nicht gestolpert!“ informierte sie ihn. Sie war kurz davor hinzuzufügen, dass acht Jahre Ballettunterricht sie eigentlich recht leichtfüßig gemacht hatten, aber Daniel hatte bereits ausreichend Genugtuung aus seinen Sticheleien gezogen und seine Aufmerksamkeit dem Chef der Abteilung zugewandt.

„Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich hätten, bevor Sie anfangen“, fuhr Daniel voller Charme und falscher Bescheidenheit fort. „Wenn Sally inzwischen schon mal aufbaut?“

Er deutete mit dem Kinn in Richtung des Umkleideraumes, den sie und Grant gerade verlassen hatten. Anstatt Daniel daran zu erinnern, dass Patienten Vorrang hatten, wandte Grant sich einfach an Sally und sagte: „Bauen Sie bitte schon mal auf.“ Dann folgte er Daniel zurück in den Umkleideraum.

Sally ging durch den Operationssaal und spürte, wie ihre schlechte Laune dahinschmolz, als sie Sam Abbot dort erblickte.

„Ich dachte, du hättest uns wegen der Freuden der Intensivstation verlassen!“ sagte sie zu der Krankenschwester.

„Ich pendle zwischen der Intensivstation und dem Operationssaal hin und her. Und diese Nacht werde ich hier herumschwirren. Jackie Wells wäscht sich gerade“, erklärte Sam.

Zusammen mit ihr und Harry Strutt, dem Narkosearzt, baute Sally alles auf. Anschließend hoben sie den Patienten gemeinsam auf den Operationstisch. Dann steuerte Sally auf den Waschraum zu.

„Du schrubbst dich heute aber sehr energisch“, bemerkte Jackie, als sie mit den Handschuhen und Papierhandtüchern zu ihr herüberkam. „Hast du dich geärgert?“

„Nur über die Männer im Allgemeinen und zwei insbesondere“, erzählte ihr Sally, während sie ihre Unterarme einer Bürstenattacke aussetzte.

„Es ist schon schlimm genug, dass ich diesen besserwisserischen, anbiedernden, schleimigen Assistenzarzt direkt über mir habe. Aber um alles noch schlimmer zu machen, ist der neue Chef ein griesgrämiger, halsstarriger Bär von Mann, der …“

Die Stimmen zweier sich unterhaltender Männer verrieten ihr, dass die Tür aufgeschwungen wurde, und sie schluckte den Rest des Satzes hinunter. Sie betete, dass der Bär sich nicht in ihrer Beschreibung wieder erkannt hatte.

„Rück mal rüber, Sal“, sagte Daniel und stellte sich an das nächste Waschbecken und viel zu dicht an sie heran.

„Nenn mich nicht Sal!“ fuhr sie ihn an. Sie nahm die Papierhandtücher von Jackie entgegen und trocknete, die Arme auf Taillenhöhe von sich gestreckt, sorgsam ihre Finger.

Sie bewegte sich von dem Waschbecken fort und ließ sich von Jackie die Handschuhe überziehen und die Ärmelenden in die Handschuhe stecken.

Dann, ohne jeden weiteren Kommentar, sauste sie zurück in den Operationssaal.

Schweigend stand sie dort und wartete auf Anordnungen, als der neue Chef hereinschritt und sich vorstellte. Daniel schlich speichelleckerisch um ihn herum und erntete von ihr einen vernichtenden Blick für seine bloße Existenz.

Keine gute Art, eine Operation zu beginnen.

Und es wurde nur schlimmer! Sam, normalerweise eine der besten Operationsschwestern, ließ etwas fallen, und das Klirren in der unnatürlichen Stille strapazierte Sallys angespannte Nerven. Grant Hudson erhielt einen Anruf, der ihn, wenn sie den Ausdruck in seinen kühlen blauen Augen richtig deutete, ziemlich aufregte. Zudem hatte Daniel es geschafft, sie so sehr zu verärgern, dass sie versucht war, ihn mit dem Elektroschockstab zu bearbeiten.

Grant hatte bestimmt, dass sie die Operation übernehmen würde. Er blieb lange genug in ihrer Nähe, um ihr ein unbehagliches Gefühl zu vermitteln, obgleich er sie eher unterstützte, als dass er sich eingemischt hätte. Wenn sie ehrlich war, hatte ihr die Art, wie er arbeitete und sie als Gleichgestellte und nicht wie eine Studentin behandelte, gefallen. Daniel hatte ebenfalls assistiert. Doch seine nervende Gewohnheit, sie über jeden Schnitt belehren zu wollen, war durch Grants ruhige Bedachtsamkeit unangenehm hervorgehoben worden. Am Ende hatte der Chef angemerkt, dass sie recht gut ohne Daniels Einmischung zurechtkäme, und sie hatte ihm einen dankbaren Blick zugeworfen. Hudson ging, sobald das Blutgerinnsel entfernt und das beschädigte Blutgefäß, das das Gerinnsel verursacht hatte, repariert worden war. Er war kaum aktiv an der Operation beteiligt gewesen, so dass sie sich fragte, ob dies eine Art Test für sie gewesen war.

„Tja, das war die ruhigste OP, an der ich seit langer Zeit teilgenommen habe“, sagte Jackie, als Sally einen Schritt zurücktrat, um Daniel das Schließen der Wunde beenden zu lassen.

„Könnte ein Vorzeichen sein“, gab sie zurück und rollte ihre Schultern, um den Schmerz vieler Stunden angespannter Konzentration zu lindern. „Der Chef gehört nicht gerade zu den heitersten Naturen, die mir bislang begegnet sind.“

„Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass er deinen Kommentar gehört hat“, sagte Daniel mit heimtückisch sanfter Stimme. „Der Teil über den halsstarrigen, griesgrämigen Bären.“

Sally unterdrückte ein Stöhnen. Sie wollte Daniel nicht die Befriedigung geben und zeigen, dass er sie getroffen hatte.

„Oder es hat etwas mit der Frau zu tun, die angerufen hat. Vielleicht hat er sie versetzt, um bei der Operation dabei zu sein“, meinte Helen, die Anästhesieschwester. „Sie klang wirklich bedient.“

Private Telefonanrufe während einer Operation? War das nicht einer der Punkte auf der Liste, die er als unprofessionell verurteilt hatte?

Sally wandte sich Daniel zu. Er war die einzige andere Person im Raum, die Grant Hudsons Anweisungen kennen konnte. Hudson hatte sie letzte Woche anlässlich seiner Einstellung als Chef der Neurochirurgieabteilung an seine Mitarbeiter ausgehändigt.

Daniel überwachte den Internisten, der die Wunde zusammennähte, und gab vor, dass diese Aufgabe seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Er hatte nicht vor, das Risiko einzugehen, dass eine zufällige Bemerkung seinerseits mitgehört und später vielleicht bei einem der Meetings vorgebracht wurde.

„Aber die meisten Chirurgen bringen Pager oder Handys mit. Besonders nachts, wenn keine Operationssekretärin da ist, die Nachrichten entgegennehmen kann“, hob Helen hervor. „Sie schmeißen sie dann einfach unten auf den Narkosewagen und erwarten, dass ich für sie antworte. Und ich bin sicher, dass die Hälfte der Anrufe nichts mit der Arbeit zu tun hat.“

„Neue Besen“, sagte Harry. „Das kennt man doch. Neue Abteilungsleiter mögen das Gefühl, dass alles nach ihrer Vorstellung strukturiert ist. Wir hatten mal einen Anästhesiechef, der fand, wir sollten in anderen Schichten arbeiten. Hat es nicht für nötig gehalten, sich zu erkundigen, warum ich seit fünfzehn Jahren nachts Bereitschaft gemacht oder in der Nachtschicht gearbeitet habe. Es war ein höllischer Aufwand, alles geregelt zu kriegen.“

„Wie geht es Marion?“ fragte Sally ihn und dachte an Harrys Ehefrau, bei der vor fünfzehn Jahren die Parkinson’sche Krankheit ausgebrochen war. Harry war gerne tagsüber zu Hause und schlief, wenn sie schlief oder ein bezahlter Helfer anwesend war. Nachts wurde er von seiner Tochter entlastet, die immer noch bei ihren Eltern wohnte.

„Die neuen Tabletten sind gut. Brauchen ungefähr eine halbe Stunde, bis sie wirken, aber dann kann sie einen Bleistift halten. Sie kann zwar keine Briefe schreiben, aber immerhin Kreuzworträtsel lösen.“

Sally lächelte den Anästhesiearzt an. Doch ihre Gedanken waren bei seiner Frau, die den Berichten nach eine erstklassige Chirurgin gewesen war, bis die Krankheit unkontrollierbares Zittern in ihren Händen ausgelöst hatte. Die Parkinsonkrankheit gehörte zu einem Bereich der Neurochirurgie, von dem sie sich vorstellen konnte, sich darauf zu spezialisieren. Die frühen Operationen waren extreme Eingriffe gewesen, aber einige neue Methoden wurden gerade erprobt …

„Wir sind hier fertig – wenn du die Wunde jetzt verbinden willst“, sagte Daniel, und Sally verschob sämtliche Gedanken über die Zukunft, um sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sie bewegte sich auf den Tisch zu und überprüfte die Wunde. Sie fragte sich, wie gut es dem Kranken gehen würde, wenn er aufwachte.

„Er gehört ganz dir“, sagte sie dann zu dem Anästhesiearzt. Sie war dankbar, die Verantwortung für den Patienten abgeben zu können.

Die ungewöhnliche Stille im Operationssaal, das Ausbleiben der üblichen Witzeleien und anzüglichen Bemerkungen, hatte die Anspannung verstärkt, so dass sie nun ihre Knochen schmerzhaft spüren konnte.

Aber all das wäre es wert gewesen, wenn der Patient mit bewegungsfähigen Gliedern aus der Sache herauskommen würde.

„Keine Reaktion in seinen Händen oder Füßen auf die Stimulation“, berichtete ihr die Schwester in der Intensivstation, als sich Sally am nächsten Morgen, immer noch erschöpft, zum Dienst schleppte.

Drei Stunden Schlaf waren einfach nicht genug, und sie fühlte sich regelrecht benebelt.

Sie untersuchte den schlummernden Patienten.

„Hallo, Craig“, sagte sie in der Hoffnung, dass die Ansprache mit seinem Namen ihn wach machen würde.

Zu ihrer Überraschung öffnete er die Augen und schaute sie an.

„Ich bin Sally Cochrane, Ihre Chirurgin. Wir haben das Blutgerinnsel, das die Paralyse verursacht hat, aus Ihrem Rückgrat entfernt. Auf Grund des Drucks kann es eine Weile dauern, bis Sie sich wieder bewegen können, aber Dr. Hudson, der Leiter der Abteilung, ist zuversichtlich, dass Sie vollständig genesen werden.“

„Habe ich das gesagt?“ murmelte eine ruhige Stimme hinter ihr. Sie wirbelte herum und sah Grant Hudson direkt hinter sich.

„Sie haben es durchblicken lassen“, erwiderte sie grimmig und in gedämpftem Ton, so dass der Patient nichts mithören konnte. „Und wie schaffen Sie es, sich so an Leute heranzuschleichen? Spezielle Gummisohlen an den Schuhen?“

Grant gab keine Antwort, sondern machte lediglich einen Schritt vorwärts und stellte sich dem Mann vor. Er bestätigte Sallys Sichtweise, dass eine Genesung, wenn auch langsam, sicher war.

„Wie können Sie so zuversichtlich sein, dass er seine Bewegungsfähigkeit wiedererlangen wird, wenn wir nicht einmal wissen, wie das Rückenmark durch das Blutgerinnsel beeinträchtigt wurde?“ fragte sie, als sie den Raum verließen. Ihr Ärger hatte sich aufgelöst, als sie Grant Hudson erlebt hatte, wie er dem besorgten Patienten Mut zusprach. Das Lächeln, das sie für unmöglich gehalten hatte, zeigte sich für einen kurzen Augenblick.

„Ich beziehe immer auch alle anderen Indikatoren ein. Zum einen seinen allgemeinen Gesundheitszustand. Craig ist Lebensretter. Er ist die meisten Wochenenden am Strand; er schwimmt, trainiert und ist fit.“

Während Grant ihr hübsches Gesicht eingehend betrachtete, bemerkte er, wie die Anspannung der letzten Tage – hervorgerufen durch den Stress seiner neuen Arbeit, permanente Kopfschmerzen und die Sorge um seinen vermissten Bruder – sich verflüchtigte.

Als sie die Abteilung erreichten, schloss Daniel sich ihnen an, zusammen mit dem jungen Paul Adams, einem Internisten. Auf dem Flur wartete die Oberschwester mit einer Gruppe von acht Studenten. Die Besetzung des anstehenden Meetings war damit vollständig.

Grant nickte in Richtung des Teeraums, und alle drängten sich hinein und nahmen Platz. Daniel war für die Krankenakten zuständig, und nachdem er den jeweiligen Patientennamen vorgelesen hatte, gab Sally einen kurzen Überblick über den Fall, um dann das Wort an ihren neuen Chef zu übergeben.

Er spricht gut, entschied sie. Er verwendet klare, prägnante Begriffe, die es den Studenten einfach machen, die Fakten zu verstehen.

„Millie Franklin“, las Daniel vor. „Fünfundsiebzig, verheiratet. Krankengeschichte: seit zehn Jahren extreme Rückenschmerzen.“

Professionell übernahm Sally die Beschreibung der Untersuchungen, denen Mrs. Franklin bisher von anderen Spezialisten unterzogen worden war.

„In vielen Fällen bietet die Entfernung der lädierten Bandscheibe und das Versteifen der Wirbelsäule eine Erleichterung für die Schmerz-Patienten“, führte Grant Hudson aus. „Bei Mrs. Franklin hat es jedoch nicht funktioniert. Dieses Mal wird ihr eine Elektrode in die Wirbelsäule implantiert. Die Operation wird unter Vollnarkose durchgeführt.“

Er fuhr fort, genau zu erläutern, wie der winzige Draht in das Rückrat und oberhalb des Rückenmarks eingeführt werden würde. Sally, erleichtert darüber, dass sie von ihrer Pflicht vorzutragen, befreit war, entspannte sich, als sie seinem Vortrag zuhörte.

„Sind Sie noch bei uns, Dr. Cochrane?“

Sie fuhr hoch.

„Ich hatte gerade gefragt, was als Nächstes geschieht.“

„Als Nächstes?“ wiederholte Sally verwirrt.

Sie erhaschte einen Blick auf Daniels schadenfrohes Grinsen, dann sah sie glücklicherweise die kleine Bewegung, die Pauls Finger machten.

„Wir schließen die Elektrode an ein Kontrollgerät an. Dem Patienten wird dann die Steuerung gegeben, so dass sie oder er mit verschiedenen Stimulationsstufen experimentieren kann.“

„Vielen Dank, Dr. Cochrane und Dr. Adams, für Ihre prompte und gemeinsame Antwort“, sagte Grant glatt. „Und weiter?“

„Sobald wir wissen, welche Stimulation hilft, bringen wir die Patientin zurück in den Operationssaal und verbinden die Elektrode mit einem Empfänger“, fuhr Sally fort. „Dann pflanzen wir das Ganze unter der Haut ein, damit alles steril bleibt. Der Patient trägt einen Transmitter bei sich, zum Beispiel an seiner Taille, und kann Botschaften zu der Elektrode senden, die dann einen summenden Reiz auslösen.“

Grant nickte. „Die Elektrode liefert einen Ablenkungsreiz, der die Schmerzbotschaft daran hindert, zum Gehirn vorzudringen.“

Er wandte sich den Studenten zu und erkundigte sich, ob sie irgendwelche Fragen hätten.

Natürlich hatten sie die, und Sally musste ein Seufzen unterdrücken. Daniel und Ted, der vorhergehende Leiter der Neurochirurgieabteilung, hatten diese Studentenbesprechungen gehasst. Sie hatten sie mit einem Minimum an Aufwand und einem Maximum an Verachtung für die „Handlanger“ hinter sich gebracht.

Obwohl sie eine solche Vorgehensweise missbilligte und versucht hatte, dieses Verhalten den Studenten gegenüber bei anderen Gelegenheiten wieder auszugleichen, gab es doch sicherlich einen goldenen Mittelweg zwischen dieser und Hudsons Art.

Sie musste abermals geseufzt haben, denn der Chef fixierte sie mit einem stahlharten Blick.

„Halten wir Sie von etwas ab, Dr. Cochrane?“

Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern stand auf und steuerte auf die Tür zu. Die Studenten trabten ihm hinterher.

„Um diesen Burschen zu beeindrucken, musst du mehr tun, als ihm ein hübsches Lächeln zuzuwerfen“, sagte Daniel, der zurückgefallen war und nun zu dicht neben ihr her ging.

„Wenn du damit meinst, was ich denke, dann würde es für eine offizielle Beschwerde über dich reichen!“ fuhr sie ihn an und machte einen Schritt zur Seite.

Daniel lachte. „Willst du mir etwa weismachen, dass du nicht zu Ted gerannt bist, um ihm brühwarm zu erzählen, dass ich mich an dich rangemacht hätte?“

Die Frage war so überraschend, dass Sally wie vom Blitz getroffen stehen blieb.

„Ich soll zu Ted gerannt sein, um ihm zu erzählen, du hättest dich an mich rangemacht?“ wiederholte sie konsterniert. „Du machst Witze!“

Aber die Härte in Daniels Augen legte nahe, dass er es ernst gemeint hatte. Sally fragte sich, ob der Ärger, den sie mit ihm hatte, nicht nur von ihrer Ablehnung, seinem „Hospital Harem“ beizutreten, herrührte.

„Da Ted sich nie um derlei zu kümmern pflegte, bezweifle ich, dass er von selbst darauf kam, Sal“, murmelte Daniel.

Sally fühlte, wie sich ihr Rücken versteifte, und die Selbstbeherrschung, die sie normalerweise in seiner Gegenwart wahrte, ihrer Erschöpfung zum Opfer fiel.

„Nenn mich nicht Sal!“ knurrte sie ihn an. „Du weißt ganz genau, wie sehr ich das hasse!“

„Wenn Sie so weit sind, Dr. Cochrane.“

Grants Stimme ließ ihr das Blut gefrieren.

Sie nickte und folgte der Gruppe in die Abteilung, sowohl mit Beschämung als auch Ärger kämpfend. Aber bald war sie wieder ganz von der Freude, in diesem speziellen Bereich arbeiten zu können, absorbiert. Sie genoss es, den Studenten Einzelheiten zu erklären und Fragen zu beantworten.

Als die Studentenrunde beendet war, eilte Sally weiter. Nachts Rufbereitschaft zu haben bedeutete nicht, dass man Operationen, die für den nächsten Vormittag angesetzt waren, ausfallen lassen konnte. Diesen Morgen war der Dienstplan jedoch so, dass ein Krankenhausarzt im dritten Jahr den Großteil der Arbeit erledigen konnte. Und der im fünften Jahr konnte assistieren, während sie sich eine kleine Schlummerpause im Stehen gönnte, eine Technik, die sie bereits in den ersten Jahren ihrer Karriere perfektioniert hatte.

„Dr. Cochrane?“

Der Chef der Abteilung, der sie diese Woche heimzusuchen schien, materialisierte sich im Korridor abermals direkt neben ihr.

„Ich möchte, dass in meinem Team Harmonie herrscht“, sagte er unverblümt. „Obwohl ich es nicht für wünschenswert erachte, dass man sich außerhalb der Arbeit trifft – wie Sie wissen, bin ich gegen Klüngelei –, ist es besser, wenn wir uns in nächster Zeit einmal zusammensetzen, um mit ein paar Dingen aufzuräumen.“

Er machte eine Pause, und als Sally ihn ansah, bemerkte sie einen verwirrten Ausdruck auf seinem Gesicht.

„Mit ein paar Dingen aufzuräumen?“ wiederholte sie ebenfalls verwirrt.

Er schüttelte den Kopf und rieb sich die Schläfen, als ob er Kopfschmerzen hätte und nun versuchte, seine Gedanken klarzubekommen.

„Organisieren Sie das. Miss Flintock hat meinen Kalender. Sie wird Ihnen sagen, wann ich Zeit habe“, sagte er. Dann wandte er sich um und ging schweigend weg.

2. KAPITEL

Nur noch ein Jahr, das ich durchhalten muss, sagte sich Sally. Eigentlich war die Zeit, die sie für ihre fachliche Spezialisierung abzuleisten hatte, sogar kürzer, aber da war noch das Abschlussexamen.

Nur noch ein Jahr.

Die Worte gingen ihr immer wieder durch den Kopf, als sie zum OP eilte.

„Aha! Endlich mal ein Körper, bei dem es sich lohnt hinzuschauen! Ich habe gerade Fred erzählt, dass der Gemeinschaftsumkleideraum sich für uns Orthopäden nicht ausgezahlt hat. Im Moment ist keine einzige Frau im Programm.“

Das gute Dutzend Neurologen, Orthopäden und Internisten im Raum drehte sich um, um zu sehen, wer hereingekommen war.

Sally, die durch ihre drei Brüder an den Anblick halb nackter Männer gewöhnt war, schnaubte über Warren Clarkes Bemerkung, verzichtete aber zu kontern. Stattdessen erinnerte sie sich an die vertauschten Kleidungsstücke.

„Du weißt nicht zufällig etwas über unzutreffende Größenetiketten auf Kleidungsschachteln, oder?“

Warren grinste sie an. „Der war gut, was?“

„Aber auch nur ein Mal!“ erwiderte Sally. „Ich werde die Aufschriften in Zukunft überprüfen. Und wenn du denkst, dass ich lächerlich in übergroßer Kleidung aussah, dann stell dir meinen Herr und Meister in extra kleiner vor.“

„Herr und Meister, Dr. Chochrane?“

Die sanft gestellte Frage brachte Sally dazu herumzuwirbeln, so dass sie von Angesicht zu Angesicht eben jenem Mann gegenüberstand.

Schon wieder.

„Sie … Sie sollten eine Glocke tragen“, stammelte sie, während die anderen über ihre Verlegenheit kicherten. „An einem Halsband. Katzen hängt man so etwas um, damit sie keine Vögel mehr jagen können. Was machen Sie hier überhaupt?“

Er schaute auf sie herab und hob eine seiner dunklen Augenbrauen.

„Muss ich diese Frage beantworten?“

Sally fühlte, wie sich ihre Muskeln verspannten. Aber jetzt war sie schon so tief ins Fettnäpfchen getreten, dass sie ebenso gut weitermachen konnte.

„Heute Vormittag stehen nur Routinefälle an“, sprudelte sie los. „Jerry kommt mit dem meisten klar. Ich dachte, Sie wären für die Demonstrationsoperationen – Mrs. Franklins Implantation und Matt Cranes Meningioma – am Nachmittag eingetragen. Diesen Morgen haben wir keine Studenten im Operationssaal.“

„Ich bin in der Tat für heute Nachmittag eingetragen“, stimmte er ihr mit perfekter Beherrschung zu. „Aber da ich bislang noch nicht die Möglichkeit hatte, Dr. Finch arbeiten zu sehen, werde ich mich – wenn Sie nichts dagegen haben – dem chirurgischen Team anschließen.“

Er nahm eine Garnitur Arbeitskleidung aus der Schachtel mit der Aufschrift „XL“, überprüfte das Etikett und zog sich dann in den hinteren Teil des Raumes zurück, wo er sich immer umzuziehen pflegte.

Die Verspannung in ihren Muskeln wurde zu einem Schwächegefühl, so als ob sich ihre Knochen verflüssigen würden. Sally ließ sich auf eine Bank fallen und atmete schwer. Vielleicht war ein Jahr doch zu lang.

Aber Ende Januar war zu spät, um sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Sie saß fest mit Grant Hudson.

Nein, erinnerte sie sich. Sie saß nicht fest, sondern es ehrte sie, in seinem Team arbeiten zu können. Hatte sie nicht seine Einstellung begrüßt? Sagen zu können, dass sie einen Teil ihrer Ausbildung bei ihm genossen hatte, würde ihre zukünftigen Jobchancen erhöhen.

Doch was sollte sie in der Zwischenzeit tun?

Wie sollte sie nur durch dieses Jahr kommen?

„Für den Anfang meinen Mund halten!“ murmelte sie wütend. „Dann kann er mich wenigstens nicht mehr bei blöden Bemerkungen erwischen, wenn er sich weiterhin hinter meinem Rücken materialisieren sollte.“

Außerdem musste sie sich die Idee aus dem Kopf schlagen, dass das, was sie in seiner Gegenwart nervös machte, Anziehungskraft war. Selbst wenn er engere Kontakte zwischen den Mitarbeitern nicht missbilligen würde – das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte, war eine Beziehung zu einem Mann! Arbeiten, lernen und das Examen bestehen. Das waren ihre Prioritäten dieses Jahr! Keine Ablenkungen oder Ausnahmen!

Grant zog sich derweil um und verließ den Umkleideraum. Allerdings bog er, anstatt in Richtung der OP-Säle zu gehen, auf dem Korridor in die andere Richtung ab, wo ein Wandtelefon hing. Er gab die Nummer seiner Sekretärin ein.

„Miss Flintock“, sagte er und hoffte, dass der Apparat das Grollen in seiner Stimme abschwächte, „machen Sie bitte einen Termin für mich! Und zwar mit demjenigen, der für die Administration verantwortlich ist – Dickson ist das, nicht wahr? Sagen Sie ihm, dass es um den gemeinsamen Umkleideraum geht. Geben Sie mir dann durch, wann er erreichbar ist.“

Er knallte den Hörer auf die Gabel und setzte sich in Richtung Waschräume in Bewegung. Er würde diesen Gemeinschaftsumkleideraum loswerden! Und wenn es das Letzte war, was er tat!

Warum hatten Sally Cochranes schlanke, gebräunte Beine eine so nachhaltige Wirkung auf ihn? Wenn es ihr Busen gewesen wäre, hätte er es verstehen können. Ihre vollen Brüste, deren Bräune durch den schlichten weißen BH akzentuiert wurde, hätten die Libido eines jeden Mannes erregt. Aber es waren ihre Beine, die bei ihm Fantasien hervorriefen. Ganz zu schweigen von den unangemessenen körperlichen Reaktionen!

Und das, obwohl er wusste, wie katastrophal Beziehungen zwischen Teammitgliedern sein konnten.

Er stöhnte leise und schob sich durch die Türen zum Waschraum.

„Wusstest du, dass Männer alle acht Sekunden über Sex nachdenken?“ Jerrry Finchs Frage war an die Dienst habende Schwester gerichtet und schien perfekter Synergie entsprungen zu sein!

„Alle acht Sekunden?“ wiederholte die Schwester mit gespieltem Entsetzen. „Da bleibt nicht mehr viel Zeit für andere intellektuelle Leistungen!“

Sie lächelte Grant zur Begrüßung an und fragte: „Glauben Sie das, Doktor?“

„Bestimmt nicht“, sagte er fest und versuchte vergeblich, das Bild schlanker, gebräunter Beine aus seinem Kopf zu verbannen. Er grinste die Schwester an. „Ich zum Beispiel denke nur alle zehn Sekunden daran.“

„Was genau zehn Sekunden? Die Luft anhalten? Auf einem Bein stehen?“ fragte eine sanfte Stimme. Hatte sich Sally Chochrane jetzt etwa auch angewöhnt, sich leise anzuschleichen?

„Zehn Sekunden, ohne an Sex zu denken“, erklärte Jerry hilfsbereit. „Das betrifft Männer.“

„Zweifellos“, erwiderte Sally ruhig, aber der Blick, den sie Grant zuwarf, war verwirrt, so als ob sie es schwer glauben könne, dass er sich zu einem Scherz mitreißen ließ.

Das geschieht ihr nur recht, wenn sie mich so vorschnell beurteilt, dachte er, obwohl er gleichzeitig einen Stich Enttäuschung darüber verspürte, dass sie ihn als humorlos eingestuft hatte.

Stunden später wunderte sich Sally immer noch über diesen Mann. Er war eine halbe Stunde bei der OP geblieben und hatte Jerrys Arbeit begutachtet, dann hatte er sich plötzlich entschuldigt und war gegangen – zweifellos, um vor der Nachmittagsschicht ein wenig zu schlafen.

„Assistierst du ihm heute?“ fragte Jerry sie später. Sie standen in aneinander grenzenden Duschkabinen und unterhielten sich rufend über die Trennwände hinweg.

„Nein. Er hat Andy dafür vorgesehen. Und zweifellos wird Daniel auch dabei sein.“

„Dann viel Glück für Andy“, sagte Jerry. „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde den Mann entnervend. Kannst du dir vorstellen, eine stereotaktische Operation vorzunehmen, wenn jemand dir die ganze Zeit über die Schulter schaut?“

Sally schauderte. Stereotaktische Neuro-Radiographie wurde mit Hilfe eines dreidimensionalen Bildgebungsverfahrens durchgeführt, um eine feine Nadel in einen bestimmten Teil des Gehirns einzuführen. Dieser Vorgang erforderte eine ungeheure Konzentration und eine ruhige Hand.

„Meine Hände zittern schon bei dem Gedanken daran“, gab sie zu. Doch dann erinnerte sie sich, dass sie sich geschworen hatte, den Mund zu halten. Obwohl Grant Hudson jetzt nach Hause gegangen sein sollte, stand er, angesichts der Tatsache, dass er sie geradezu heimzusuchen schien, wahrscheinlich vor der Tür.

Sie stellte die Dusche aus, wickelte sich in ein Handtuch und ging nachsehen.

Glück gehabt!

Erleichtert lief sie zurück, trocknete sich ab, zog frische Unterwäsche an und holte sich dann ihre Kleidung aus dem Spind.

„Er ist sehr gut“, griff sie die Unterhaltung mit Jerry wieder auf. „Ich habe ihn beobachtet, wie er letzte Woche ein Aneurysma weggeschnitten hat. Wirklich geschickte Finger. Und so effizient ausgeführt, dass ich mich richtig überflüssig gefühlt habe.“

„Jane hat für ihn desinfiziert. Sie sagt dasselbe. Kaum hatte sie den Tupfer in der Hand, als er schon fertig war.“

Jane Dawson, Jerrys Verlobte, war eine der Top-Operationsschwestern, und Ted hatte hart dafür gekämpft, sie in der Abteilung behalten zu können.

„Er möchte eine Versammlung der gesamten Belegschaft der Neurochirurgie“, erzählte Sally. Sie wusste, dass Jerry sich ausmalen konnte, wen sie mit „er“ meinte. „Wahrscheinlich, um uns zu erzählen, dass wir uns zusammennehmen sollen. Dieser schmierige Daniel kann sich glücklich schätzen, wenn ich ihn nicht auseinander nehme.“

„Beiß nicht zurück, wenn er dich ärgert“, riet Jerry. „Er macht das nur, weil er weiß, dass er damit bei dir landet.“

„Er macht es, weil ich eine Frau bin!“ gab Sally zurück. „Ich wünschte, der neue Chef würde in Erwägung ziehen, das Team aufzuteilen. Daniel kann ja den einen Strang übernehmen und ich den anderen.“

„Vielleicht solltest du es mal vorschlagen“, sagte Jerry. „Sobald Chris Simpson aus England zurück ist, sollte man darüber nachdenken.“

Chris Simpson war Arzt im zweiten Jahr und gehörte zu der Gruppe Auszubildender. Da er nur einige Monate abwesend war, hatte man sich nicht um Ersatz bemüht.

„Und du könntest mich anfordern und Andy Daniel geben.“ Jerry klang ziemlich begeistert von der Idee. „Dr. Hudson wäre gezwungen, das zu billigen.“

„Es könnte sein, dass Daniel Andy nicht will“, wandte Sally ein, und ihre düstere Stimmung kehrte zurück.

Andy Spencer war ein brillanter Arzt und ausgebildeter Chirurg. Doch bereits drei Jahre vor seinem Abschlussexamen in Neurologie strebte er eine gänzlich andere berufliche Zukunft an. Die stereoskopische Radiographie war nichts Neues, doch die Nutzung der durch sie erstellten dreidimensionalen Bilder im Bereich der Gehirnchirurgie war noch nicht genügend erforscht. Andy war darauf erpicht, das Verfahren weiterzuentwickeln und detaillierteres Bildmaterial für die Chirurgie zur Verfügung zu stellen.

„Wann ist dieses Treffen?“ fragte Jerry, und plötzlich tauchte in Sallys Kopf das Bild eines ganz anderen Chirurgen auf.

„Ich muss mit der Sekretärin sprechen und herausfinden, wann er frei ist. Ich sag dir dann Bescheid.“

Sie würde jetzt gleich zu Miss Flintock gehen, sich etwas zu essen schnappen, eine Runde durch die Station machen und vielleicht zur Abwechslung einmal früher nach Hause kommen.

Die Chefsekretärin begrüßte sie mit einer Grimasse und einem Nicken in Richtung des Allerheiligsten.

Der Bär war also in seiner Höhle. Sally war jetzt hellwach.

„Ich muss für ihn ein Belegschaftsmeeting organisieren“, flüsterte sie der älteren Frau zu.

„Das hat er mir gesagt“, erwiderte Miss Flintock schnippisch genug, um ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen.

„Er hat wahrscheinlich nicht realisiert, dass Sie bislang für solche Angelegenheiten zuständig waren“, sagte Sally mit besänftigender Stimme. „Ich wäre sehr glücklich, wenn Sie das arrangieren könnten.“

„Nein. Er will, dass Sie es machen, also machen Sie es.“ Die unausgesprochenen Worte „und erwarten Sie bloß keine Kooperation von mir“ waren deutlich zwischen den Zeilen herauszuhören.

Sally schloss die Augen und betete um Geduld.

„Nun, wann ist er denn frei?“

Miss Flintock zuckte ihre knochigen Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Er erzählt mir nichts. Rein gar nichts. Zuerst soll ich seine Telefonanrufe selektieren und nur Leute, die auf der Liste stehen, durchstellen. Diese Frau war auf der Liste. Woher soll ich denn wissen, dass sie eine Betrügerin ist?“

Dieser Konversation folgen zu wollen war vergleichbar mit dem Vorhaben, auf Treibsand zu laufen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich erschöpft bin, dachte Sally.

„Er muss doch einen Kalender haben. Etwas, aus dem hervorgeht, wann er was macht. Könnten Sie das nachprüfen? Er klang, als ob er das Treffen bald haben wollte.“

Doch die verschränkten Arme zeigten Sally, dass sie Miss Flintock die falsche Frage gestellt hatte. Sollte sie auf die Verärgerung der Sekretärin eingehen und sich verständnisvoll zeigen? Was hatte Miss Flintock gesagt? Eine Betrügerin?

Das Geräusch eines mit wütendem Nachdruck aufgelegten Telefonhörers und ein gedämpft klingender deftiger Fluch drangen durch die Tür. Sally, die befürchtete, dass Hudson auftauchen würde, bevor sie die notwendigen Informationen hatte, lehnte sich vor und flüsterte ungehalten: „Miss Flintock, sagen Sie mir jetzt bitte, wann er frei ist. Meine Zeit ist knapp!“

Grant überlegte, ob Zurückknallen von Hörern vielleicht zu einer Gewohnheit von ihm wurde. Das war schon das zweite Mal innerhalb der letzten paar Stunden.

Er rollte seinen Stuhl von seinem Schreibtisch weg und massierte sich die Stirn.

Und als ob er nicht schon genug Probleme hätte, flüsterte auch noch irgendjemand im Vorzimmer seines Büros. Zweifellos erzählte Miss Flintock gerade, wie schlecht sie von ihm behandelt wurde.

Der Schlafmangel, die Sorge um Tom und die Anstrengung und Frustration in seinem neuen Job brachten ihn dazu, einer missgünstigen Eingebung zu folgen. Mit dem lautlosen Gang, der Sally Cochrane so zuwider war, durchquerte er den Raum und riss die Tür auf.

Die Frau, deren Name ihm gerade durch den Kopf geschossen war, hatte sich über Miss Flintocks Schreibtisch gelehnt, und ihr zorniges Gesicht legte die Vermutung nahe, dass sie kurz davor stand, die Sekretärin zu erwürgen.

„Dr. Cochrane?“

Sie schoss so schnell hoch, dass ihr kurzes, glänzendes braunes Haar durcheinander flog.

„Also … Miss Flintock sieht gerade in Ihrem Kalender nach“, stammelte sie, „wann Sie frei sind für das Meeting.“

Grant kämpfte gegen ein Lächeln an. Er hatte sie heute schon mehrfach überrascht, aber dies war das erste Mal, dass er sie so aus der Fassung gebracht sah.

„Und Sie haben ihr beim Nachsehen geholfen.“

Er blickte unverhohlen zum Schreibtisch, in dem Wissen, dass der Kalender dort nicht zu finden war. Er hatte ihn in sein Büro mitgenommen, als er sich bei der Verwaltung über den gemeinsamen Umkleideraum beschwert hatte.

Sally warf ihm einen vernichtenden Blick zu und warf die Arme hoch.

„Dann arrangieren Sie Ihr verdammtes Meeting doch selbst!“ Sie drehte sich auf dem Absatz um, stürmte aus der Tür und knallte sie laut hinter sich zu.

Er starrte auf die immer noch zitternde Türfüllung und erlaubte sich ein Lächeln. Er wusste genau, wie sie sich fühlte.

„Es tut mir Leid, dass Sie sich das anhören mussten, Doktor. So kenne ich Sally gar nicht. Normalerweise ist sie eine der umgänglichsten Personen im ganzen Krankenhaus.“

„Mein Kalender liegt auf meinem Schreibtisch. Vielleicht könnten Sie das organisieren. Irgendein Termin, der mir und den anderen Ärzten aus dem Team passt. Ein Frühstückstreffen unter der Woche wäre gut.“

Er nickte Miss Flintock zu und wollte gerade das Büro verlassen, als er realisierte, dass er bereits Frühstückstreffen mit verschiedenen anderen Abteilungsleitern arrangiert hatte.

„Am besten wäre es, wenn Sie es für morgen ansetzen könnten.“ Er zögerte, weil er mit dem Krankenhaus noch nicht genug vertraut war, um einen geeigneten Raum auswählen zu können. „In der Cafeteria um sieben Uhr. Da kann man essen und reden. Ein Treffen mit zwanglosem Charakter“, sagte er und ging.

3. KAPITEL

Sally verzichtete auf das Mittagessen und entschied sich stattdessen, eine Runde Patientenbesuche zu machen. Je früher sie aus dem Krankenhaus herauskam, desto geringer war die Chance, dass sie Grant Hudson begegnen würde.

Sie hätte die Tür nicht so zuknallen sollen, aber der Mann trieb sie in den Wahnsinn!

Beruhige dich, Sally, atme tief ein.

Sie schaute zuerst nach Graig Greenway auf der Intensivstation. Seine Wunde sah gut aus und heilte rasch, doch seine Gliedmaßen waren immer noch gefühllos.

„Wenn Sie das Bett brauchen, dann kann er auch auf die normale Station gebracht werden“, sagte sie zu Ian Wheeler, dem Dienst habenden Krankenpfleger.

„Vielleicht morgen“, stimmte Ian ihr zu, „obwohl wir gerne ein bisschen Bewegung bei ihm sehen würden, bevor wir ihn verlegen. Das ist regelrecht eine Sache des persönlichen Ehrgeizes geworden.“

Sally grinste ihn an. „Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen.“

Ihr Lächeln verschwand, als Grant hereinkam.

Er nickte Sally zu, sprach aber Ian an. Das passte ihr jedoch recht gut, da ihr Mund ganz trocken geworden war.

War es Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, weil sie die Tür so zugeschlagen hatte? Oder war es vielleicht etwas anderes?

„Keine Veränderung?“

Ian schüttelte den Kopf.

„Nun, wir können keine Wunder erwarten“, sagte Grant. „Sie sind immer noch hier, Dr. Cochrane? Ich dachte, Sie wären längst nach Hause gegangen, um ein bisschen Schlaf nachzuholen. Sie haben heute keinen Nachtdienst, oder?“

Nun war Sally an der Reihe, den Kopf zu schütteln. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie glauben können, dass er um sie besorgt war.

„Ich habe Rufbereitschaft bei Notfällen, aber unter der Woche ist das meist eine Garantie für ein paar Stunden ungestörten Schlaf. Wer immer auch Nachtdienst hat, kann mit den meisten Fällen alleine klarkommen“, erklärte sie ihm.

Ein kleines Lächeln zeigte Zustimmung, dann musterte er ihr Gesicht, bevor er wieder sprach.

„Miss Flintock wird sich wegen des Meetings mit Ihnen in Verbindung setzen. Passt Ihnen ein Frühstück morgen um sieben in der Cafeteria?“

Seine Stimme war weich.

Sie nickte und entschied dann, dass sie besser gehen sollte, bevor Nicken und Kopfschütteln noch zu einer Gewohnheit von ihr wurde.

„Bis später“, sagte sie in die leere Luft zwischen den beiden Männern.

Doch als sie in Richtung des Lifts ging, warnte sie eine Anspannung zwischen den Schulterblättern und ein prickelndes Gefühl im ganzen Körper, dass ihr die Flucht nicht so einfach gemacht wurde.

Grant Hudson holte sie ein.

„Wir sind im Vergleich mit den meisten anderen Abteilungen nur eine kleine Gruppe von Spezialisten. Das heißt, dass wir eng zusammenarbeiten müssen“, begann er, sobald er an ihrer Seite war, als ob er ein unterbrochenes Gespräch fortsetzte. „Das ist einer der Gründe, warum ich private Kontakte unter den Mitarbeitern nicht fördere. Wir dürfen nicht zu sehr auf unser Fachgebiet fokussieren und alles andere aus dem Blickfeld verlieren.“

„Das haben Sie in Ihrem Eingangsmemorandum klargemacht – keine Klüngelei“, erinnerte ihn Sally, während sie sich fragte, was für Gründe es noch gab, wenn dies nur einer war. Er runzelte die Stirn, als ob er nicht erwartet hätte, dass ein „Handlanger“ Widerworte gab.

„Ich bin sicher, dass ich mich nicht so platt ausgedrückt habe“, sagte er zu ihr. „Aber ich habe erlebt, was passieren kann, wenn eine persönliche Beziehung zwischen zwei Teammitgliedern schief läuft – katastrophal schief – und wie störend es für alle anderen Mitarbeiter sein kann.“

Sally hätte gerne hervorgehoben, dass Erwachsene in der Lage sein sollten, Arbeit und Vergnügen zu trennen, aber da er sie finster anblickte, erinnerte sie sich an ihren Vorsatz und hielt den Mund.

„Trotzdem möchte ich, dass das Team zusammenarbeitet“, fuhr er fort. „Spaltungen in der Gruppe können die Konzentration stören. Und ich bin sicher, dass ich Sie nicht daran erinnern muss, wie wichtig Konzentration in einem Operationssaal ist, Dr. Cochrane. Besonders auf unserem Gebiet.“

Sie hatten den Lift erreicht, und Sally drehte sich zu ihm um. Sie hoffte, dass ihr Gesicht nicht allzu viel von der Freude über die gute Gelegenheit, die er ihr gerade bot, erkennen ließ.

„Falls es Sie beunruhigt, dass Daniels Sticheleien mich aufregen könnten – warum trennen Sie nicht einfach das Team?“

Er folgte ihr. Seine blauen, intelligenten Augen leuchteten für einen Moment auf, aber das Gesicht blieb gefasst. Keine Andeutung einer Emotion.

„Ich bin nicht besorgt darüber, dass Daniels Sticheleien, wie Sie es nennen, Ihre Konzentration beeinträchtigen könnten. Ich erwarte, dass Sie Ihre Reaktionen ihm gegenüber kontrollieren. Er ist Ihr direkter Vorgesetzter, und es ist seine Pflicht, Sie anzuleiten und zu unterweisen. Mit scharfen Bemerkungen und Gewaltandrohungen zu reagieren ist kein reifes Verhalten, oder?“

Sallys Hoffnung schwand und wurde von dem Bedürfnis ersetzt, diesem Mann zu zeigen, wie gewalttätig ihre Reaktionen sein konnten.

„Ich nehme an, dass Daniel eine ebensolche Ermahnungsrede von Ihnen erhält“, sagte sie, während sie sich fragte, wie sie jemals solche kalten blauen Augen attraktiv hatte finden können. „Vielleicht darüber, dass er sich etwas respektvoller verhalten sollte gegenüber …“

Sie war kurz davor „weiblichen Teammitgliedern“ zu sagen, stoppte aber unvermittelt. Das klang zu sehr wie Weitertratschen, und Daniel hatte sie genau dessen beschuldigt.

„… mir gegenüber“, beendete sie den Satz stattdessen lahm.

Der Aufzug war angekommen, und die Türen öffneten sich.

„Haben Sie in Erwägung gezogen, dass es auch an der Art, wie Sie ihn behandeln, liegen könnte? Ich finde ihn ausgesprochen respektvoll“, bemerkte Grant Hudson und schob Sally in die Kabine.

„Daniel zeigt keinen Respekt, sondern er schleimt wie eine Kröte“, murmelte sie als Antwort.

„Interessieren Sie sich für Tiere, Dr. Cochrane?“ sagte er. „Ich erinnere mich, dass Sie kürzlich jemand anderen mit einem Bär verglichen.“

Der Lift hielt an, und Sally trat heraus und ging rasch weg, obwohl sie nicht wusste, in welchem Stockwerk sie sich befand. Sie hoffte, dass sie aussah, als ob sie einen Grund dafür hätte, auf … sie schaute sich um … den Kreißsaal zuzugehen. Na großartig!

Ihr Herz klopfte, und die Luft, die sie einatmete, fühlte sich schwer in ihren Lungen an.

Bitte, lass Schlafmangel die Ursache sein. Oder Grant Hudsons Zurechtweisung. Aber nicht seine physische Präsenz!

Er war genauso wenig an ihr interessiert wie an irgendeinem anderen Teammitglied. Eine unerwiderte Liebe hätte katastrophale Konsequenzen für ihr Studium. Das Schicksal konnte doch nicht so grausam sein?

Nicht jetzt!

Sie bog zum Waschraum ab, der glücklicherweise leer war, und lehnte ihre Stirn an das kalte Glas des Spiegels.

In den letzen zehn Jahren hatte sie ihre Karriere an die erste Stelle gesetzt. Doch dann war die Krankheit ihrer Mutter dazwischengekommen. Genau ein Jahr bevor sie das Ziel, für das sie schon so lange und so hart gearbeitet hatte, erreicht hätte. Diesen Zeitverlust musste sie nun aufholen.

Seit sie mit dem Studium begonnen hatte, waren körperliche Bedürfnisse von ihrer Entschlossenheit, das Beste zu leisten, erstickt worden.

Nun, der Sex in ihrer Beziehung mit Greg war auch nicht besonders großartig gewesen. Tatsache war, dass er sich für sie als Enttäuschung herausgestellt und sie gerne darauf verzichtet hatte.

Warum sollte ihr alternder Körper – wenn man mit dreißig von Altern sprechen konnte – plötzlich anfangen, so auf einen Mann zu reagieren?

Auf diesen Mann im Speziellen?

Nicht dass sie in ihn verliebt gewesen wäre. Tatsächlich verärgerte er sie so sehr, dass sie ihn lieber geohrfeigt hätte, als ihn zu küssen.

Sie schauderte, als ihre schlummernden Sinne sich zu regen begannen.

Der Spiegel hatte keine Antworten für sie. Nachdem sie sich etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, verließ sie den Schutz des Waschraums. Nach einer schnellen Runde durch die Station machte sie sich erschöpft auf den Weg nach Hause.

4. KAPITEL

„Wie kommt es, dass wir davon informiert worden sind und der Boss nicht?“ erkundigte sich Daniel.

Es war sieben Uhr morgens, und das Team hatte sich versammelt.

Sally zuckte die Schultern. „Ganz sicher weiß er von dem Treffen, weil er derjenige war, der mir davon erzählt hat.“

„Er ist nicht im Operationssaal“, sagte Andy. „Aber er war immer noch auf Station letzte Nacht, als das erste Verkehrsunfallopfer eingeliefert wurde. Der Himmel weiß, wann er nach Hause gekommen ist.“

„Ich war auch da, falls du dich nicht daran erinnerst, dass du direkt neben mir standest“, bemerkte Sally. „Ich bin sicher, dass es schon mal Nächte gegeben hat, in denen nichts passiert ist, wenn ich Rufbereitschaft hatte. Aber diese Woche …“

„Am frühen Morgen war er auf der Intensivstation“, bemerkte einer der jungen Internisten. „Er sah nach dem Burschen, den sie vorläufig noch dabehalten.“

„Ich könnte anrufen und nachfragen, ob er vielleicht noch dort ist“, schlug Jerry vor, aber Sally schüttelte den Kopf.

„Wenn er da ist, wird er beschäftigt sein. Wir sollten ihn dann nicht stören.“

„Ich werde hochgehen und nachsehen.“ Daniel verließ den Tisch, und Sally spürte, wie ihre Anspannung nachließ.

„Ich denke, der Chef wollte mit uns über die Arbeit im Team sprechen“, sagte sie. „Kleine Belehrung darüber, dass man sich zusammennehmen, einander mit Respekt behandeln und die Aufgaben erledigen sollte, ohne sich dabei zu nahe zu kommen.“

„Er will uns wieder predigen, keine engen Beziehungen innerhalb der Belegschaft anzuknüpfen, oder?“

Jerry verdrehte die Augen in gespielter Ungläubigkeit. „Das wäre ja in Ordnung, wenn wir jemals die Zeit hätten, diese ‚engen Beziehungen‘ außerhalb des Krankenhauses zu sehen. Aber wenn wir nicht gerade arbeiten, dann studieren wir, schreiben Aufsätze oder versuchen mit dem Lesen nachzukommen. Bei mir zu Hause stapeln sich medizinische Journale, dass man nicht mal mehr drüberspringen könnte!“

„Du hattest immerhin noch die Zeit, dich zu verloben“, erinnerte ihn Andy.

„Reine Bequemlichkeit“, entgegnete Jerry. „Sobald du verlobt bist, musst du nicht halb so viel ausgehen. Du hast die Ausrede, dass du auf die Hochzeit und dann das Haus sparst.“

Sally beendete ihr Frühstück, während sie den Gesprächen, die um sie herum geführt wurden, nur mit halbem Ohr zuhörte. Plötzlich erregte etwas, das Paul sagte, ihre Aufmerksamkeit.

Etwas darüber, warum Grant Hudson engere Beziehungen innerhalb des Teams ablehnte.

„Mein Bruder in Sydney arbeitete eine Zeit lang mit ihm zusammen. Anscheinend hatte unser Doktor Hudson, als er noch Arzt in der Ausbildung war, eine heiße Beziehung mit einer Frau, die Neurologieassistenzärztin war. Ging über Jahre, dann hat sie ihn für den Chef der Abteilung sitzen gelassen.“

„Das hört sich an wie aus der Gerüchteküche, und wenn es etwas gibt, was dieses Krankenhaus nicht braucht, dann ist es noch mehr Tratsch“, sagte Sally.

Paul warf ihr einen beleidigten Blick zu.

„Es stimmt. Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern, aber sie ist mit einem Burschen verheiratet, der Binstead heißt.“

„Gibt es nicht einen Lance Binstead im Chirurgenrat?“ fragte Jerry.

„Richtig. Genau der!“ rief Paul. Seine Stimme verriet, wie erfreut er war, dass er einen Nachweis für seine Geschichte hatte.

Aber Sallys Gedanken schweiften in eine andere Richtung ab. Sie hatte ein beklemmendes Gefühl in der Brust, wenn sie darüber nachdachte, wie schwer so etwas einen stolzen Mann wie Grant Hudson treffen musste. Diese Richtlinie, keine engeren Kontakte zwischen den Teammitgliedern zu knüpfen, war jetzt auch um einiges leichter zu verstehen.

Es fiel ihr jedoch schwer, sich Grant Hudson verliebt vorzustellen. Irgendwie schien das nicht zu ihm zu passen.

Aber warum sollte es sie kümmern?

Sie seufzte und schob Hudsons Probleme zur Seite, um sich ihren eigenen zu widmen.

Sie war erleichtert gewesen, als er nicht erschienen war. Im OP letzte Nacht hatte sie ihre Reaktion auf seine Präsenz beherrschen können. Die Konzentration war eine schützende Barriere gewesen. Aber bei Tag? Bei einem informellen Frühstückstreffen?

Je weniger ich von ihm sehe, umso besser, sagte sie sich. Aber insgeheim war sie doch um ihn besorgt. Sie hoffte inständig, dass er unverletzt war und keinen Unfall gehabt hatte.

„Ist das dein Pager, Sally?“

Jerrys Frage brachte sie wieder zurück in die Realität. Sie zog das Gerät aus der Tasche und las die Nachricht.

„Ich soll in seinem Büro anrufen. Wartet einen Moment, und ich lasse euch wissen, was passiert ist.“

Sie ging zum Telefon und wählte seine Büronummer. Miss Flintock nahm ab.

„Ich bin früh hierher gekommen, um noch einige Dinge für unseren neuen Chef zu erledigen“, erklärte sie, nachdem Sally sich gemeldet hatte. „Ich wollte ihn darüber informieren, wie es hier so läuft, denn am Tag kriege ich ihn ja nie zu fassen …“

Sally schloss die Augen und wartete in der Hoffnung, dass Miss Flintock schließlich doch noch zum Kern der Sache kommen würde.

„Und als ich dann hier war, nahm ich also die Telefonate entgegen. Ich versuchte ihn zu erreichen. Aber ohne Erfolg. Könnten Sie ihn bitten, seinen Pager zu überprüfen? Er muss ihn ausgeschaltet haben, oder die Batterie ist leer. Ich habe auch versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, aber nichts hat geklappt.“

Miss Flintock hörte sich an, als sei sie sehr durcheinander, was ein seltenes Vorkommnis war.

Sally zögerte, unsicher, ob sie die Sekretärin noch weiter beunruhigen sollte. Sie entschied, dass es besser war, sie zu informieren.

„Ich kann ihn nicht fragen, weil er nicht aufgetaucht ist“, sagte sie. „Haben Sie es unter seiner Nummer zu Hause versucht?“

„Ja, unmittelbar bevor ich Sie angerufen habe.“

Ein Bild von Grant Hudson, bewegungslos im Badezimmer liegend, während Blut aus einer Kopfwunde herausquoll, schoss Sally durch den Kopf.

„Es könnte eine ganz einfache Erklärung für alles geben“, sagte sie zu Miss Flintock. „Weswegen haben Sie ihn gesucht?“

„Er wollte mit Mr. Dickson wegen des Umkleideraumes sprechen und hatte einen Termin mit ihm um acht. Aber Mr. Dicksons Sekretärin hat eben angerufen und mitgeteilt, dass er es nicht schafft, den Termin einzuhalten.“

„Mr. Dickson ist dafür sowieso nicht der richtige Ansprechpartner“, sagte Sally und fragte sich, warum Grant Hudson sich mit dem Umkleideraum beschäftigte. „Die chirurgische Abteilung und das medizinische Ratskomitee organisieren solche Sachen. Er hätte mit Flo, der Sekretärin für den OP-Bereich, reden sollen.“

„Oh, ich glaube nicht, dass ihm das gefallen würde“, sagte Miss Flintock. „Er ist jemand, der nicht gern Umwege geht.“

Sally gab ein grimmiges Lachen von sich.

„Wenn er irgendetwas im OP-Bereich durchsetzen möchte, sollte er sich möglichst schnell mit Flo anfreunden.“

Miss Flintock lachte, was einer Zustimmung gleichkam.

„Was soll ich jetzt machen?“

„Nicht in Panik geraten. Wenn seine Verabredung um acht ausgefallen ist, dann kann er es sich leisten, ein bisschen zu spät zu sein.“

„Aber er ist niemals unpünktlich“, hörte Sally Miss Flintock mehr zu sich selbst als zu ihr sagen, bevor der Hörer aufgelegt wurde.

Sie kehrte zu den Überbleibseln ihres kalt gewordenen Frühstücks zurück und stocherte darin herum. Sie war sich darüber bewusst, dass man in ihrem Beruf die wenigen Essenspausen nutzen musste. Heute jedoch funktionierte das nur in der Theorie. Grant Hudsons Fehlen beunruhigte sie zu sehr.

„Na, und warum ist der Chef aufgehalten worden?“ fragte Andy.

Sally zögerte.

„Keine Ahnung.“ Sie sah sich das Team an. Mit den Assistenzärzten, den Ärzten im ersten und zweiten Jahr und den zwei Internisten des Krankenhauses war die Neurologieabteilung gut vertreten.

„Eigentlich könntest du Daniel fragen, ob er die Stationsrunde macht, solange der Chef noch nicht aufgetaucht ist. Ich werde losgehen und mit Miss Flintock sprechen. Sie ist aufgeregt, weil sie Hudson nicht erreichen kann. Aber macht bloß kein Aufheben um die Angelegenheit. Du kannst dir vorstellen, wie er reagieren würde, wenn er bei seiner Ankunft alles in Aufregung vorfindet“, sagte sie.

Angesichts der immer wiederkehrenden Vision – Grant leblos auf dem Badezimmerboden – wusste sie, dass sie zu ihm nach Hause fahren musste, um nachzusehen.

Falls Miss Flintock seine Adresse herausrücken würde.

„Oh, mir fiele ein Stein vom Herzen, wenn Sie bei ihm vorbeifahren würden!“ rief die Sekretärin erleichtert, als sie Sallys Vorschlag hörte. Sie reichte ihr einen Zettel, auf dem Grants Anschrift stand. „Er lebt in einem Apartmentblock mit Blick auf den Fluss. Als jemand vom Krankenhaus wird man Sie sicher reinlassen.“

Sally nahm die Adresse entgegen. Er wohnte nur ein paar Straßen weiter von ihr, allerdings eindeutig auf der Seite der Besserverdienenden dieses Viertels. Die Fahrt würde, selbst bei dichtem Verkehr, nicht länger als zehn Minuten dauern.

„Ich halte Sie auf dem Laufenden“, versprach sie Miss Flintock, „aber in der Zwischenzeit ist es besser, wenn Sie Stillschweigen über seine Abwesenheit bewahren. Er wird wahrscheinlich einen guten Grund für seine Verspätung haben und ärgerlich werden, wenn er herausfindet, dass wir eine Panik verursacht haben.“

„Sie haben natürlich Recht“, sagte Miss Flintock so düster, dass sich Sally fragte, wie oft Hudson der älteren Dame wohl schon auf die Füße getreten war.

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