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Bianca Arztroman Band 61

Jennifer Taylor

Ein Mann wie Dr. Archer

1. KAPITEL

Heute war ihr zweiundvierzigster Geburtstag.

Als Joanna Martin aus dem Auto stieg, ergriff sie bei diesem Gedanken plötzlich eine depressive Stimmung. Das war merkwürdig, weil das Älterwerden bei ihr bisher keinerlei negative Gefühle ausgelöst hatte. Mit jedem Jahr war sie beruflich weiter aufgestiegen, und das war alles, was zählte. Selbst mit zunehmender Emanzipation der Frauen gab es noch immer großen Widerstand gegen weibliche Chirurgen. Sie hatte doppelt so hart arbeiten müssen wie ein Mann, um ihr Ziel zu erreichen, und dafür einiges an Privatleben opfern müssen.

Joanna runzelte die Stirn, während sie auf den Haupteingang des Krankenhauses zueilte. Sie hatte ihre Entscheidung, ihr Leben ausschließlich auf ihre Karriere hin auszurichten, noch nie zuvor als Opfer betrachtet. Es wunderte sie, dass ihr so merkwürdige Gedanken im Kopf herumschwirrten. Ihre kürzliche Ernennung zur Chefärztin der Chirurgischen Abteilung des St. Leonard’s, einem Krankenhaus im Zentrum von London, sollte eigentlich Beweis genug dafür sein, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Vielleicht war ihr Privatleben etwas zu kurz gekommen, aber das war es doch sicher wert gewesen, oder? Sie musste sich nur ins Gedächtnis rufen, wie selten Frauen rein statistisch eine leitende Position wie die ihre erreichten. Nur wenige Frauen besaßen die Energie und die Ausdauer, sich unter diesen erschwerten Umständen an die Spitze vorzuarbeiten.

Joanna hatte es allerdings geschafft. Ich sollte lieber meinen Erfolg feiern, statt negativen Gedanken darüber nachzuhängen, was ich vielleicht versäumt habe, sagte sie sich. Jede Frau konnte eine Familie mit Mann und Kind haben, aber nicht viele haben ein so erfüllendes Karriereziel vor sich.

Nach diesem aufmunternden Selbstgespräch fühlte sich Joanna schon viel besser, während sie sich zielstrebig ihren Weg durch das Labyrinth der Krankenhausgänge zum Lift bahnte. Das St. Leonard’s war eines der ältesten Krankenhäuser der Stadt und bestand aus einem Gewirr von Räumen und Durchgängen. Obwohl an strategischen Punkten Schilder aufgestellt waren, verirrten sich viele Menschen auf dem Weg in die chirurgische Abteilung.

Joanna schaute auf die Uhr und überlegte, ob sie ihre Sekretärin beauftragen sollte, an der Rezeption anzurufen, um Dr. Archer abzuholen. Sie hatte an diesem Vormittag eine große Operationsliste vor sich, und das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass ihr neuer Oberarzt irgendwo im Krankenhaus herumschwirrte. Dylan Archer war ihr jedoch nicht so vorgekommen, als habe er Orientierungsprobleme und benötige Hilfe. Dafür war er viel zu selbstbewusst aufgetreten.

Ein Schauer überlief Joannas Rücken. Sie blieb einen Augenblick vor der Tür zu ihrem Büro stehen und überlegte, warum sie jedes Mal dieses merkwürdige Gefühl der Erregung überfiel, wenn sie an ihren neuen Kollegen dachte. Schon beim Bewerbungsgespräch mit Dr. Archer hatte sie sehr intensiv auf ihn reagiert, aber sie hatte es damals darauf zurückgeführt, dass sie bemüht war, den richtigen Arzt für den Job auszuwählen. Das St. Leonard’s hatte ein schwieriges Jahr hinter sich, es hatte Probleme mit dem Management und den Finanzen gegeben. Die Chirurgie jedoch hatte ihren guten Ruf unter ihrer Führerschaft noch ausgebaut, und Joanna war entschlossen, diesen nicht durch eine falsche Personalentscheidung in Gefahr zu bringen.

Das war damals die einzige logische Erklärung gewesen, die ihr eingefallen war, und sie hatte keinen weiteren Gedanken mehr daran verschwendet, bis sie beim Telefonat am Vortag mit Dr. Archer erneut dieses merkwürdige Kribbeln im Magen gespürt hatte. Schon seine tiefe Stimme zu hören hatte sie merkwürdig nervös gemacht. Das hatte sie überrascht, so dass sie sich schwer auf das Gespräch hatte konzentrieren können. Dennoch hatte sie versucht, professionell zu klingen, während sie Dr. Archer knapp erklärte, dass sie seine Arbeit in der ersten Woche überwachen würde. Sie war richtig erleichtert gewesen, als ihr Beeper ging und sie sich hatte verabschieden können. Es machte ihr allerdings schon Probleme, dass sie auch heute so intensiv reagierte, wenn sie nur an ihn dachte.

Was hat dieser Dr. Archer nur an sich, das mich so durcheinander bringt, überlegte sie.

Joanna presste den Mund zusammen, als sie erkannte, wie albern es war, ihre wertvolle Zeit mit so trivialen Gedanken zu verschwenden. Sie öffnete die Tür und begrüßte forsch ihre Sekretärin. „Guten Morgen, Lisa.“

„Guten Morgen, Ms. Martin. Die Post liegt schon auf Ihrem Schreibtisch. Professor Humphrey hat angerufen, um Sie an das Dinner heute Abend zu erinnern.“ Lisa reichte ihr einen Notizzettel. „Er lässt ausrichten, dass Ihr Vortrag nicht länger als zwanzig Minuten sein sollte.“

„In Ordnung, danke.“ Joanna warf kaum einen Blick auf den Zettel, während sie auf ihr Büro zusteuerte. An den bevorstehenden Abend brauchte sie niemand zu erinnern. Man hatte sie gebeten, an diesem Tag die Eröffnungsrede beim jährlichen Dinner im Royal College der Chirurgen zu halten, und sie hatte mehrere Stunden an ihrem Skript gearbeitet. Es war eine besondere Ehre, zu einem Vortrag vor einer so erlauchten Gästeschar eingeladen zu werden, aber sie war nicht nervös. Joanna war extrem gut in ihrem Job, und sie war sich dessen bewusst. Daher sollte es ihr keine Probleme machen, den Vortrag mit ausreichendem Selbstvertrauen zu präsentieren.

Und schon fiel ihr wieder der neue Kollege ein, der auch nicht gerade wie ein Mauerblümchen gewirkt hatte. Sie versuchte, das nervöse Flattern in ihrem Magen zu unterdrücken. „Bevor ich es vergesse, Lisa, können Sie bitte am Empfang anrufen? Sie sollen ein Auge auf Dr. Archer haben, wenn er ankommt. Ich habe eine übervolle Liste heute Vormittag, und ich möchte nicht, dass er sich verläuft, während er mir eigentlich assistieren sollte. Vielleicht kann ihn ja jemand hochbringen.“

„Oh, er ist bereits hier, Ms. Martin! Er kam vor ungefähr einer halben Stunde.“ Lisa verzog den Mund zu einer Grimasse. „Tut mir Leid. Das hätte ich Ihnen vermutlich als Erstes sagen sollen.“

„Ja, allerdings“, erklärte Joanna und unterdrückte einen Seufzer. Lisa arbeitete seit gut vier Wochen für sie und schien gelegentlich noch etwas unkonzentriert. Allerdings war sie recht tüchtig, so dass Joanna bereit war, ihr das nachzusehen, bis sie sich eingewöhnt hatte. „Sie haben es mir ja jetzt gesagt, das ist also kein Problem. Können Sie mir einen Kaffee in mein Büro bringen? Dann wäre es nett, wenn Sie die Operationsliste für heute Vormittag ausdrucken, damit ich sie mit Dr. Archer durchsprechen kann, bevor wir in den OP gehen.“

„Oh, da ist er bereits. Ich soll Ihnen das ausrichten, hat er mir gesagt, falls Sie nach ihm fragen.“

„Im OP? Was soll das denn heißen?“ Joanna konnte ihre Verärgerung nicht völlig unterdrücken. Ängstlich sah ihre Sekretärin zu ihr hin.

„Die Notaufnahme rief an wegen eines Patienten, der gerade eingeliefert worden war. Dylan … ich meine Dr. Archer war gerade hier und hat angeboten, ihn abzuholen, da Sie noch nicht in der Klinik waren.“ Lisa klang besorgt, während sie versuchte, die Zusammenhänge darzustellen. „Ganz offensichtlich musste der Mann dringend operiert werden, also hat Dr. Archer ihn in den OP bringen lassen.“

„Ich verstehe. Vielen Dank, Lisa. In dem Fall lassen wir das mit dem Kaffee lieber. Ich werde besser mal nachsehen gehen, ob Dr. Archer Hilfe braucht.“

Joanna zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, bevor sie in ihr Büro eilte, aber es fiel ihr schwer, ihre Wut zu unterdrücken. Dieser Dr. Archer hatte sich erdreistet, eine Operation selbstständig anzusetzen, obwohl sie ihm ausdrücklich erklärt hatte, dass sie seine Arbeit überwachen würde. Dass ihre Sekretärin den jungen Arzt auch gleich mit dem Vornamen anredete, machte die Situation nicht besser, obwohl sie nicht ganz verstand, warum sie das überhaupt störte.

In ihrer Position als Chefin bevorzugte sie es, wenn ihre jüngeren Mitarbeiter sie mit Ms. Martin ansprachen. Aber was ging es sie an, wenn Dr. Archer lieber bei seinem Vornamen genannt werden wollte? Viele jüngere Chirurgen hielten nichts von Formalitäten, und Dylan Archer gehörte anscheinend dazu. Trotzdem fand es Joanna irgendwie unpassend, dass ihr neuer Oberarzt sich so schnell mit ihren Mitarbeitern vertraut gemacht hatte. Er war weniger als eine Stunde im Krankenhaus, und schon nannte ihre Sekretärin ihn Dylan und gab Nachrichten für ihn weiter!

Joannas Augen verdunkelten sich, während sie ihren Beeper am Bund ihres schmal geschnittenen schwarzen Rocks feststeckte. Sie war es nicht gewohnt, dass Mitarbeiter ihre Befehle mit Absicht ignorierten. Diesbezüglich besaß sie keine Toleranz, und der neue Arzt würde das sofort zu spüren bekommen. Sie rückte den Kragen ihrer weißen Bluse zurecht und verließ ihr Büro in Richtung Treppe. Die Operationssäle befanden sich ein Stockwerk tiefer, und es lohnte sich nicht, auf den Lift zu warten. Je früher sie Dr. Archer klar machte, dass sie von ihm erwartete, dass er sich genau an Vorgaben hielt, desto besser für alle.

Einige kleinere Operationen waren wie üblich für den Vormittag angesetzt worden und bereits im Gang, doch Joanna ging an den OP-Sälen 1 und 2 vorbei, wo ihre Mitarbeiter bereits tätig waren. Sie konnte sich darauf verlassen, dass diese das ihnen zugeteilte OP-Programm bewältigen würden. Sie hatte ausreichend Zeit damit verbracht, ihr Können zu überprüfen. Es war der Operateur in OP 3, den sie genauer unter die Lupe nehmen musste. Obwohl Dr. Archers Referenzen ausgezeichnet gewesen waren, wollte sie sich doch selbst davon überzeugen, dass er wirklich so gut war, wie seine vorherigen Chefs behauptet hatten. Es bestand ein ungeschriebenes Gesetz in ihrer Abteilung, dass jeder eine Phase der Supervision über sich ergehen lassen musste. Dieser Dr. Archer schien allerdings zu glauben, dass er sich über ihre ausdrücklichen Anweisungen hinwegsetzen könnte. Joanna war jedoch in keinem Fall bereit, ein solches überhebliches Verhalten zu tolerieren.

Dennoch überlegte sie einen Augenblick lang, ob sie nicht etwas überreagierte, bevor sie den Gedanken schnell wieder verdrängte. Dies hatte nichts mit irgendwelchen privaten Gefühlen für Dr. Archer zu tun. Sie kannte den Mann sowieso kaum. Hier ging es um die Professionalität ihres Teams, und sie würde sicherstellen, dass die Qualität stimmte. Jedem in ihrem Team musste klar sein, dass nur Kompetenz zählte.

Sie marschierte auf den Frauenumkleideraum zu und zog ihre Jacke aus. Nach der erforderlichen Händedesinfektion würde sie im OP Dr. Archer bei der Arbeit zusehen. Wenn nur der kleinste Zweifel aufkeimte, dass er die Operation nicht zu ihrer vollen Zufriedenheit ausführte, dann würde sie sofort seinen Vertrag kündigen.

„Na, da sind wir ja keine Minute zu früh gekommen. Je eher wir die zerfetzte Milz heraushaben, desto bester.“ Dylan nickte Lucy Porter dankbar zu, die als OP-Schwester ihren Dienst im OP 3 versah. Sie tupfte das Blut ab, das aus dem beschädigten Organ sickerte.

Bei dem Patienten handelte es sich um einen jungen Mann Mitte zwanzig, der bewusstlos auf der Straße gefunden worden war. Er war wohl verprügelt worden und vermutlich auch beraubt, weil er weder Geld noch Papiere bei sich gehabt hatte. Die Polizei versuchte gegenwärtig, seine Identität herauszufinden, aber Dylan interessierte das wenig. Seine Hauptsorge bestand darin, dafür zu sorgen, dass der Mann nicht seinen schweren Verletzungen erlag. Und es würde nicht einfach sein, die Blutungen zu stoppen. Noch war sein Patient nicht über dem Berg.

Dylan Archer begann geschickt, die Klammern zu setzen und die Blutgefäße, die zur Milz und davon weg führten, abzutrennen. Das Organ war schwer geschädigt, und es war wegen des großen Blutverlusts schwierig, die Verletzung in den Griff zu bekommen. Alles war voller Blut. Lucy tupfte wiederholt das Blut ab, und erneut nickte ihr Dylan dankbar zu.

Er war vom ersten Augenblick an sehr beeindruckt von der professionellen Einstellung des Teams gewesen. Jeder wusste genau, was er zu tun hatte, und es hatte keinen Unterschied gemacht, dass sie bisher noch nicht mit ihm zusammengearbeitet hatten. An jedem anderen Krankenhaus hätte das zu Schwierigkeiten führen können. Nicht dass er es anders erwartet hätte. Joanna Martin war eine Perfektionistin, und sie schien ihr Team auf ihren hohen Standard eingeschworen zu haben.

Dylans Herz schlug unwillkürlich schneller, als er an seine hübsche Chefin dachte. Er fluchte leise in sich hinein. Das letzte Mal, als er so intensiv auf eine Frau reagiert hatte, war in seiner Zeit als Teenager gewesen, als er sich unsterblich in seine Chemielehrerin verliebt hatte. Jedes Mal, wenn sie das Klassenzimmer betreten hatte, hatte sein Herz wie wild geklopft. Vielleicht war ein so pathetisches Verhalten angemessen gewesen für sein zartes Alter von siebzehn Jahren, aber inzwischen war er ein gestandenes Mannsbild von fünfunddreißig und sollte solche Anflüge von Verliebtheit überwunden haben. Aber irgendwie war er von dieser Frau absolut hingerissen. Das hatte er nicht vorhergesehen. Hätte er gewusst, welchen Einfluss seine Chefin auf sein Gefühlsleben haben konnte, hätte er die Stelle vermutlich abgelehnt!

Dylan verdrängte die Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Arbeit vor sich. Glücklicherweise hatte er bereits mehrfach ähnliche Operationen durchgeführt, so dass jeder Handgriff saß. Er klammerte die Wunde weiter ab und setzte die richtigen Schnitte an, bis er schließlich das Organ ganz entfernen konnte. Er ließ es in die Schale gleiten, die Lucy ihm hinhielt.

„Vielen Dank.“ Dylan beugte sich erneut über den OP-Tisch, um zu sehen, ob er noch mehr beschädigtes Gewebe entfernen musste. Er hörte das leise Schwingen der Türen zum OP, schaute aber nicht auf. Er musste erst sicherstellen, dass alles in Ordnung war, bevor er die offene Bauchdecke zunähen konnte.

Die Nackenhaare stellten sich ihm auf, als er spürte, dass jemand hinter ihm stand. Er hielt einen Augenblick lang inne. Ihm war sofort klar, wer den Raum betreten hatte. Sein Herz fing wie wild zu schlagen an, aber er sagte sich, dass ihn das in keiner Weise beeinträchtigen sollte. Joanna Martin konnte ruhig sehen, was er da tat, selbst wenn sie verführerische graue Augen hatte.

„Gibt es ein Problem, Dr. Archer?“

Ihre Stimme klang genau so kühl wie beim Interview für seine Bewerbung als Oberarzt. Eigentlich konnte er es ihr auch nicht übel nehmen, dass sie sich selbst davon überzeugen wollte, ob er sein Handwerk verstand. An ihrer Stelle hätte er das vermutlich nicht anders gemacht.

Joanna Martin war ihm vom ersten Augenblick an unter die Haut gegangen. Damals hatte sie ihn in einem taillierten grauen Hosenanzug, der die Farbe ihrer Augen unterstrich, nüchtern und selbstbewusst begrüßt. Und er hatte von diesem ersten Moment an gewusst, dass er unbedingt mit ihr zusammenarbeiten wollte. Die anderen Ausschussmitglieder waren ihm ganz unwichtig gewesen, er hatte sich kaum darauf konzentrieren können, als ihm die Professoren und Verwaltungsleute vorgestellt worden waren. Sein Blick war immer wieder zu der Frau in der Mitte der Gruppe gewandert, er hatte alle möglichen unwichtigen Details an ihr wahrgenommen wie die schöne zarte Haut und das honigblonde Haar, das im Sonnenlicht wie gesponnenes Gold geglänzt hatte.

„Dr. Archer?“

Dylan atmete tief durch, als Joanna ihn mit angespannter Stimme daran erinnerte, dass sie auf eine Antwort von ihm wartete.

„Alles in bester Ordnung, Ms. Martin. Vielen Dank.“

Seine Stimme klang kühl, er hatte sich noch immer unter Kontrolle, stellte er zufrieden fest. Konzentriert arbeitete er weiter, überprüfte noch einmal, dass alle Blutgefäße verschlossen waren. Selbst wenn die Aufgabe nicht sehr schwierig war, so war Dylan doch ehrgeizig genug, alles mit absoluter Perfektion zu erledigen. Heute war ihm das noch wichtiger, denn er wollte seiner neuen Chefin keinen Anlass zur Beschwerde geben.

„Ich sehe, Sie haben lieber einen horizontalen Schnitt angesetzt als einen vertikalen, um die Milz zu entfernen, Dr. Archer. Was hat Sie dazu veranlasst?“

Dylans Hände fuhren ruhig fort, die letzten Schritte der Operation auszuführen, auch wenn sein Herz ziemlich heftig klopfte. Falls Joanna Martin Zweifel an seinen Fähigkeiten hatte, hätte sie die ruhig beim Bewerbungsgespräch äußern können.

„Die Erfahrung.“

Sein Ton war knapp und bündig, und er bemerkte den mitleidigen Blick von Lucy. War es Joannas Art, ihre Mitarbeiter vor der gesamten Belegschaft unter Beschuss zu nehmen? überlegte er. Vielleicht war sie ein Kontrollfreak.

Als keine weitere Frage mehr kam, nähte er die Wunde zu und warf Tom Barnes, dem Anästhesisten, einen bedeutungsvollen Blick zu, um anzudeuten, dass er von jetzt an übernehmen konnte. Die Operation war vorüber.

„Das wäre geschafft“, verkündete er zufrieden. „Wie macht sich unser Patient?“

„Es geht ihm jedenfalls wesentlich besser als vorher“, erwiderte Tom lakonisch. Er war ein ziemlicher Riese mit einer wilden blonden Haarmähne, die kaum unter seine OP-Haube passte.

In seiner weiten Armeehose und einem etwas verwaschenen T-Shirt mit Surfmotiv wirkte Tom nicht gerade wie ein Arzt. Jedoch hatte Dylan im OP sehr schnell bemerkt, dass sein Kollege genau wusste, was er zu tun hatte. Deswegen hatte Joanna ihn vermutlich trotz seines etwas merkwürdigen Kleidungsstils in ihr Team geholt. Es war interessant, dass Konventionen und Oberflächlichkeiten ihr nicht wichtig zu sein schienen.

Das passte nicht so ganz zu dem Bild, das er sich von Joanna Martin gemacht hatte. Während Dylan sich höflich beim Team bedankte und den OP verließ, überlegte er, wie eine so perfekt gekleidete Ärztin wie Joanna Martin Tom gegenüber so tolerant sein konnte. Irgendwie hätte er vermutet, dass Äußerlichkeiten bei ihr eine Rolle spielten.

Warum machte sie dann andererseits so ein Theater darum, ihn genau testen zu müssen? Ungeduldig nahm er die OPHaube ab und fuhr sich mit der Hand durch das dichte schwarze Haar. Auch wenn er sich zu Joanna hingezogen fühlte, so wollte er sich deswegen nicht zum Narren machen lassen. Er hatte den Dienst in dieser Klinik angetreten, um es beruflich weiterzubringen, private Verflechtungen waren unerwünscht. Außerdem hatte er Joanna Martin überhaupt nur wenige Male gesprochen, sie bisher persönlich nur einmal beim Bewerbungsgespräch getroffen. Er musste die Gedanken in seinem Kopf zum Verstummen bringen, die eine Affäre mit dieser Frau für möglich hielten.

Joanna Martin war sein Boss, Punktum! Er musste sich das immer wieder sagen. Nach dem Umziehen trat er hinaus in den Flur und entdeckte sie in ein Gespräch mit einem Kollegen vertieft. Und mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass diese Frau ihm mehr bedeutete, als eine Chefin das tun sollte. Woher diese Gefühle stammten, konnte er nicht analysieren, er fühlte sich einfach zu ihr hingezogen. Es würde nicht leicht werden, mit ihr zusammenzuarbeiten. Joanna würde ihn vermutlich postwendend zurückschicken, wenn sie von seinen Gefühlen erfuhr.

Sich selbst konnte Dylan allerdings nichts vormachen. Er war dabei, sich in Joanna Martin zu verlieben.

2. KAPITEL

„Ich denke, wir müssen miteinander sprechen, Dr. Archer. Bitte kommen Sie gleich in mein Büro …“

„Es tut mir Leid.“

Joanna zuckte zusammen, als Dylan sie unterbrach. Er lächelte sie aus grünen Augen an, in denen ein merkwürdiges Leuchten zu entdecken war. Ihr stellten sich förmlich die Nackenhaare auf. Warum blickte er sie so merkwürdig an, als habe er sie noch nie gesehen?

„Ganz offensichtlich hat Sie mein Alleingang gestört“, entschuldigte sich Dylan. „Ich hatte wirklich nicht vor, Sie bereits an meinem Antrittstag aufzuregen.“

Joanna räusperte sich. Sie war nicht sicher, was hier zwischen ihnen passierte, aber irgendwie brachte er sie ganz durcheinander, und das war sehr ungewöhnlich. Ob das daran lag, dass Dylan Archer ein so ausgesprochen gut aussehender Mann war? Hatte sie das möglicherweise aus dem Konzept gebracht? Doch schnell tat sie diese Überlegung als falsch ab. Dr. Archer war ein Mitglied ihrer Mannschaft, kein Bewerber um ihre Gunst; ob er gut aussah oder nicht, hatte überhaupt keinen Einfluss auf die Situation.

„Da täuschen Sie sich, Dr. Archer. Ich möchte nur einiges mit Ihnen besprechen …“

„Es geht doch um die OP von eben, oder etwa nicht? Die ich gemacht habe, noch bevor Sie mich einweisen konnten, wie Sie alles gern hätten.“

Noch einmal hatte er sie frech unterbrochen. Joanna verzog den Mund zu einem schmalen Strich. Sie hatte zu viele Jahre damit verbracht, sich gegenüber Kollegen und Chefs durchzusetzen, um jetzt einem jungen neuen Kollegen seine Eigenmächtigkeit einfach nachzusehen.

„Vielleicht lassen Sie mich ausreden, statt mich ständig zu unterbrechen“, stellte sie kühl klar. Sie brach mitten im Satz ab, als Tom und Lucy mit dem Patienten auf der Trage aus dem OP kamen. Beide warfen einen schnellen Blick auf sie und Dylan, bevor sie im Aufwachraum verschwanden; ihnen schien klar zu sein, dass sich hier etwas zusammenbraute. Joanna sagte sich erneut, dass sie nicht vorhatte, die Situation aufzubauschen, aber sie brauchte Klarheit, was das Verhalten dieses Dr. Archer anging. Die OP war gut verlaufen, aber dennoch war sie verantwortlich für diese Abteilung, und sie würde sicherstellen, dass ihr neuer Mitarbeiter das verstand.

Sie wandte sich erneut an ihn, versuchte ihre Stimme möglichst neutral klingen zu lassen. „Ich sehe Sie dann in meinem Büro, Dr. Archer, sobald Sie sich umgezogen haben.“

Schnell verschwand sie im Damenumkleideraum. Sie schaute auf die Uhr und seufzte auf. Sie war bereits im Verzug mit ihrem OP-Programm. Eigentlich hatte sie gehofft, heute frühzeitig ihre OP-Liste beginnen zu können, aber das musste warten, bis sie das klärende Gespräch mit Dr. Archer geführt hatte. Nach dem zu urteilen, was sie bisher gesehen hatte, war Dylan Archer sehr kompetent, aber sie musste sicherstellen, dass er keine Unruhe in ihr Team brachte.

Joanna ging zurück ins Büro und bat Lisa, Dr. Archer sofort hereinzuschicken, wenn er kam. Sie nahm am Schreibtisch Platz und versuchte, so souverän wie möglich zu wirken. Bisher hatte sie keine Probleme gehabt, ihren Mitarbeitern klar zu machen, wer das Sagen hatte, warum war es ihr jetzt auf einmal so wichtig, den richtigen Eindruck zu machen?

Sie erhob sich erneut und schaute sich im Spiegel an. Während der Arbeitszeit trug sie kein Make-up, vor allem nicht, wenn sie operierte, daher wirkte ihre helle Haut etwas blass. Vielleicht sollte sie in diesem Jahr einmal Urlaub im Süden machen, um ein wenig Bräune ins Gesicht zu bekommen, überlegte sie.

„Lisa meinte, ich solle direkt durchgehen. Ich hoffe, dass ist so in Ordnung.“

Joanna wirbelte herum beim Klang der ihr schon fast vertrauten tiefen Stimme. Sie war fast ein wenig verlegen, dass er sie so vor dem Spiegel erwischt hatte, nahm sich aber schnell wieder zusammen.

„Bitte setzen Sie sich, Dr. Archer. Ich habe nicht viel Zeit, weil wir gerade heute ein volles Programm haben. Mir wäre es lieber gewesen, Sie hätten gewartet, bis ich komme, bevor Sie den Patienten operiert haben. Wie ich Ihnen gestern am Telefon erklärte, durchläuft jedes Teammitglied eine Phase der Supervision. Das gilt ohne Ausnahme.“

„Ich kann mich nur erneut entschuldigen, Ms. Martin. Wäre die Situation nicht so brenzlig gewesen, hätte ich sicher nicht die OP ohne Ihre Zustimmung angesetzt. Ich versichere Ihnen noch einmal, dass ich nicht versucht habe, Ihre Regeln zu umgehen.“

Seine Stimme klang höflich, und Joanna wusste nicht, wieso sie sich dennoch herausgefordert fühlte. Es fiel ihr nicht leicht, ihn nicht forsch anzufahren, aber sie musste Gelassenheit demonstrieren, das war die einzig richtige Art, die Situation zu klären.

„Ich akzeptiere Ihre Entschuldigung, Dr. Archer. Und ich erwarte, dass Sie sich künftig an die Regeln halten. Dann lassen wir es damit gut sein.“

„Es tut mir Leid, aber würde eine ähnliche Situation auftauchen, Ms. Martin, würde ich nicht anders handeln.“

Joanna kniff die Augenbrauen zusammen. „Wie bitte?“

„Hätte ich gewartet, bis Sie kommen, dann hätte mir der Patient unter den Händen wegsterben können. Ich habe mir daher erlaubt, sofort die notwendige Operation anzusetzen auf der Basis meiner beruflichen Kompetenz, die ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet habe. Und ich denke noch immer, dass es die richtige Entscheidung war.“ Er zuckte mit den Schultern. „Regeln sind notwendig, Ms. Martin, aber ich würde niemals das Leben eines Patienten gefährden, nur weil ich mich strikt an irgendwelche Regeln halte. Ich bin ein kompetenter Chirurg, kein Student. Und ich hoffe, Sie sehen das auch so.“

Joanna war völlig perplex und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Eigentlich stünde es in ihrer Macht, ihm eine Rüge zu erteilen für die Art und Weise, wie er mit ihr sprach, andererseits hatte sie vielleicht auch etwas überreagiert. Dylan Archer war ein fähiger Chirurg, als solchen hatte sie ihn eingestellt. Und vermutlich hätte sie an seiner Stelle ähnlich gehandelt.

Warum ging ihr dieser Dylan Archer so unter die Haut, überlegte sie. Reagierte sie wirklich aus professionellen Gründen so stark auf ihn oder weil sie sich in seiner Gegenwart mehr als Frau statt als Chirurgin fühlte?

Dylan zwang sich, entspannt dazusitzen, aber das fiel ihm nicht leicht. Er war es gewohnt, Entscheidungen zu treffen, ohne dass diese hinterfragt wurden. Joanna Martin behandelte ihn wie ein völliges Greenhorn. Ob es ein Fehler gewesen war, den Job im St. Leonard’s anzunehmen? Er war mit seiner letzten Stelle eigentlich ganz zufrieden gewesen, hatte nur sein Erfahrungsspektrum erweitern wollen.

In Kollegenkreisen hatte sich herumgesprochen, welche Wunder Joanna Martin in der Chirurgieabteilung bewirkt hatte, seit sie zur Chefärztin im St. Leonard’s befördert worden war. Dylan glaubte, eine Menge von ihr lernen zu können. Aber sein Leben würde zur Hölle werden, wenn sie jede Kleinigkeit, die er tat, in Frage stellte und ihn ständig kontrollierte.

Vielleicht brauchte sie es, ihre Kompetenz ständig zur Schau zu tragen, überlegte er. Doch schnell ließ er diese Idee wieder fallen. Sie sah nicht glücklicher aus als er über die Situation, wirkte unnatürlich angespannt hinter ihrem Schreibtisch. Und ihre Augen waren dunkel und tief wie ein See.

Dylans Magen krampfte sich bei diesem Gedanken zusammen. Er versuchte möglichst gleichmäßig zu atmen und es sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihm dieses Zusammensein zusetzte. Er hätte sich etwas besser auf dieses Gespräch vorbereiten sollen, dann würde es vielleicht nicht in die falsche Richtung abdriften. Überhaupt hätte er überlegter vorgehen sollen. Diese merkwürdige Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, ließ ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Aber wie hätte er auch wissen können, als er den Job antrat, dass er die Frau getroffen hatte, in die er sich verlieben würde? Es hatte ihn wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.

„Es tut mir Leid, Ms. Martin, ich glaube, ich habe mich ungebührlich geäußert“, ruderte er zurück. „Ich verstehe natürlich, dass Sie die Verantwortung für alle Patienten dieser Abteilung haben und sichergehen müssen, dass sie die bestmögliche Versorgung erhalten.“

„Das stimmt, aber ich war auch in der Kommission, die Sie für diese Stelle ausgesucht hat, Dr. Archer. Falls ich irgendwelche Zweifel an Ihrer Qualifikation gehabt hätte, hätte ich diese bei der dortigen Sitzung angesprochen.“

Trotz ihrer klaren Worte wirkte sie irgendwie hilflos, und Dylan hätte am liebsten ihre Hand gestreichelt, um ihr zu sagen, dass er nicht beleidigt war. Und überhaupt war es beachtlich, dass sie sich ihrerseits entschuldigt hatte. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass eine zu emotionale Reaktion auf ihre Worte nicht gut wäre. Joanna würde sich noch mehr in ihr Schneckenhaus zurückziehen, und dann würde es noch schwieriger werden, ihr näher zu kommen.

Und es traf ihn wie ein Schock, dass er sich von ihr nicht nur eine Reaktion als Chefärztin und Kollegin wünschte, sondern hoffte, dass sie ihn auch als Mann anziehend fand. Natürlich wollte er von ihr als fähiger Chirurg gesehen werden, aber das reichte ihm nicht.

„Ich denke, es wird Zeit, dass wir uns an die Arbeit machen, nicht wahr? Wir haben einen vollen OP-Plan. Es handelt sich zwar nur um kleinere Eingriffe, aber einen Fall könnten Sie vielleicht spannend finden.“

Joanna erhob sich und marschierte zur Tür. Sie warf einen Blick zurück, wartete, dass er ihr folgte. Dylans Herz fing wie wild zu schlagen an, als sie ihn plötzlich anlächelte. „Das sollte Ihnen die Chance geben, Ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.“

„Klingt interessant.“

Er folgte ihr hinaus in den Flur, und gemeinsam gingen sie zur Treppe, die zu den OP-Räumen führte. Nur weil Joanna ihn angelächelt hatte, war das noch lange kein Grund, sich so aufzuregen, ermahnte er sich. Trotzdem fiel es ihm schwer, ihren Ausführungen zu folgen, als sie ihm den nächsten Fall schilderte, den er operieren sollte.

„Die Patientin heißt Ada Harper, sie ist stolze hundert Jahre alt und bemerkenswert fit für ihr Alter, deswegen habe ich auch einer Operation zugestimmt. Unseren Kollegen von der Herzgefäßchirurgie zufolge hat Ada das Herz und die Lunge einer Fünfzigjährigen.“

„Erstaunlich!“ Dylan lachte, während er höflich die Schwingtür für Joanna aufhielt. Er atmete den Duft ihres Parfüms, und sofort waren seine Sinne alarmiert. Es war erstaunlich, wie heftig er auf sie reagierte. Er hatte in seinem Leben Freundinnen genug gehabt, aber keine von ihnen hatte eine solche extreme Wirkung auf ihn ausgeübt wie Joanna.

„Erstaunlich ist das richtige Wort. Ada ist eine wunderbare alte Dame, lustig und voller Energie. Unglücklicherweise hat sie eine Hiatushernie, die ihr das Leben in der letzten Zeit sehr erschwert hat. Der Muskel an der Verbindung zwischen Speiseröhre und dem Magen wurde in Mitleidenschaft gezogen, und sie leidet unter massivem Rückfluss des Mageninhalts.“

„Sehr unangenehm“, stimmte Dylan ihr zu. „Hat das zu massivem Sodbrennen geführt oder auch zu Ösophagitis?“

„Die Speiseröhre ist schon seit einiger Zeit ziemlich entzündet, außerdem gibt es zunehmend Phasen, wo Ada wegen der Muskelkontraktionen überhaupt nichts mehr essen kann“, erklärte Joanna. „Der Allgemeinmediziner hat alle üblichen Mittelchen ausprobiert, Diät, viele kleine statt einiger großer Mahlzeiten usw., aber die Situation hat sich konstant verschlechtert. Schließlich hat ihr Hausarzt sie zum Spezialisten in der örtlichen Klinik überwiesen. Dieser war auch der Meinung, dass eine Operation die beste Behandlung sei, aber er hat sie nie auf seine Operationsliste gesetzt, deshalb ist sie schließlich hier gelandet.“

„Das ist sehr ungewöhnlich, oder? Wenn ihr Krankenhaus sich geweigert hat, sie zu operieren, warum haben Sie dann die Behandlung übernommen?“

„Weil ich finde, dass das Alter eines Menschen kein Grund dafür sein sollte, ihn nicht mehr zu behandeln. Ada ist eine bemerkenswert gesunde Frau, abgesehen von diesem Problem, und es ist nicht fair, ihre Lebensqualität nur deswegen zu ruinieren, weil man sie als zu alt betrachtet, um sie zu operieren.“

„Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Wenn ein Patient von einer Operation profitiert, sollte man sie auch durchführen.“ Dylan seufzte, als er sich daran erinnerte, dass es auch an seinem vorherigen Krankenhaus oft Diskussionen um solche Fälle gegeben hatte. „Es geht immer wieder nur ums Geld. Viele Chirurgen weigern sich, Operationen durchzuführen, weil es ihrer Meinung nach Geldverschwendung ist, jemanden zu operieren, der vielleicht nicht mehr lange genug leben wird, um das Ergebnis auszukosten.“

„Genau, das ist eine Haltung, die ich ablehne. Jeder Fall sollte allein für sich betrachtet werden. Das Alter sollte nicht die entscheidende Rolle spielen.“ Sie lächelte ihn an.

„Dann sind wir wenigstens in dieser Hinsicht einer Meinung“, erwiderte er sanft, und sein Herz schlug wie wild, als er das Wohlwollen in ihren wunderschönen grauen Augen las.

„Scheint so.“ Sie wandte sich abrupt ab und eilte auf den Umkleideraum zu. „Ich sehe Sie dann im OP, Dr. Archer“, rief sie ihm über die Schulter hinweg zu.

„Natürlich.“ Dylan ging in den Männerumkleideraum und zog sich um. Joannas Anblick hatte ihn erregt. Es hatte ihn danach verlangt, sie zu berühren. Das war lächerlich. Sie waren schließlich Kollegen und kannten sich erst sehr kurze Zeit. Was war nur los mit ihm? Konnte man mit fünfunddreißig schon eine Midlifecrisis haben?

Er wollte Joanna Martin, und weder sein Alter noch ihres spielte dabei eine Rolle. Aber sie will nichts von mir, rief er sich in Erinnerung, sie zeigt keinerlei Interesse. Ich muss mich zusammennehmen; von nun an werde ich versuchen, mich besser unter Kontrolle zu haben. Ich habe schließlich keine Lust, mir schon bald wieder einen neuen Job suchen zu müssen.

Joanna ließ die Füße in die OP-Schuhe gleiten und ging durch in den Waschraum. Der OP wurde vorbereitet, und Lucy Porter war bereits dabei, sich die Hände zu desinfizieren. Sie lächelte, als Joanna auftauchte.

„Hi! Ich habe mir schon Gedanken gemacht, was passiert ist. Gibt es Probleme mit dem neuen Mann? Ich hatte vorhin das Gefühl, dass Sie beide ein wenig angespannt waren.“

„Nein, alles ist okay. Ich musste nur etwas mit Dr. Archer besprechen, das ist alles.“

Joanna fing an, sich die Hände und Arme mit antiseptischer Seife zu waschen. Es war erstaunlich, dass Lucy sie auf einmal so persönlich angesprochen hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, mit der OP-Schwester überhaupt jemals ein privates Gespräch geführt zu haben. Normalerweise begrüßte Lucy sie einfach und fuhr dann mit ihrer Arbeit fort.

Die Schwester griff nach einem sterilen Tuch, um ihre Hände abzutrocknen. „So hatten wir wenigstens Zeit für eine Tasse Kaffee, bevor es weitergeht. Heute morgen herrschte ja eine ziemliche Hektik, als Dylan diesen Notfall brachte. Der arme Tom sah ziemlich unglücklich aus, als er seine gewohnte morgendliche Coffeinzufuhr nicht pünktlich erhielt.“

„Dann ist ja jetzt alles bestens, nicht wahr?“ erwiderte Joanna ziemlich lahm. Irgendwie fühlte sie sich unangenehm berührt durch so viel offensichtliche Kontaktaufnahme. Meist sprach sie mit ihren Kollegen kaum über etwas anderes als die Arbeit. Für einen kleinen Schwatz fehlte ihr einfach die Zeit.

„Ah, Sie haben also das kurze Ende des Strohhalms gezogen und müssen wieder mit dem neuen Mann im Team arbeiten.“ Dylan kam herein und wandte sich mit einem Lächeln an Lucy. Joanna drehte sich abrupt um, als sie seine Stimme hörte. Und es traf sie wie ein Schlag. Er war einfach unglaublich attraktiv, mit seinen langen muskulösen Beinen, die in gut geschnittenen Hosen steckten, und den breiten Schultern. Er sah mehr wie ein Leichtathlet denn wie ein Arzt aus.

Dylan las die Patientenakte durch, daher hatte sie genügend Zeit, ihn genau zu studieren. Er war wirklich ein Mann, der vielen Frauen gefährlich werden konnte. Mir etwa auch? fragte sie sich besorgt.

Er drehte sich urplötzlich zu ihr um. Beinahe verlegen senkte sie den Blick.

„Keine Sorge, ich werde mich von nun an strikt an die Regeln halten.“ Er wedelte mit der Patientenakte vor ihr herum. „Ich verstehe voll und ganz, dass Sie mich erst einmal durchchecken wollen, bevor Sie mich auf die Menschheit loslassen.“

Irgendwie hatte Joanna auf einmal das Gefühl, dass es gar keine so gute Idee war, den kompletten Vormittag mit Dylan zu verbringen. Sie musste erst einmal ihre Souveränität wieder finden, und das würde ihr nicht gelingen, wenn sie im OP stundenlang hinter ihm stand.

„Ich denke, ich habe heute morgen genug gesehen. Das ist nicht nötig.“

„Sie wollen die OP nicht überwachen?“

„Nein.“

Seiner Stimme war anzumerken, wie irritiert er war. Aber die Entscheidung war richtig. Joanna wusste, sie konnte es sich nicht leisten, die Situation außer Kontrolle geraten zu lassen. Sie musste sich klar machen, dass sie zweiundvierzig Jahre alt war, sieben Jahre älter als er. Zudem wäre es beruflicher Selbstmord, sich mit einem jüngeren Kollegen einzulassen. Für Männer war das vielleicht anders, aber sie würde sich die Karriere nicht auf diese Weise ruinieren.

„Ich habe heute Morgen genug gesehen, um beurteilen zu können, dass Sie fähig sind, selbstständig zu arbeiten.“

Sie nahm von Lucy ein Handtuch entgegen und ignorierte deren verblüfften Gesichtsausdruck. Nun, es mochte ungewöhnlich sein, dass sie von ihren Regeln abwich, aber die Situation erforderte eine etwas flexiblere Herangehensweise. Achtlos warf Joanna schließlich das Handtuch in den Papierkorb und zog die Latexhandschuhe über, die die Schwester ihr entgegenhielt.

„Wir werden die OP-Liste zwischen uns aufteilen. Sie bekommen natürlich am ersten Tag ein paar Patienten weniger, damit Sie sich in Ruhe eingewöhnen können. Ich bin in OP 2, falls Sie mich brauchen.“

Sie marschierte mit festen Schritten auf die Schwingtür zu und hielt auch nicht inne, als Dylan ihr ein sanftes „Danke“ nachrief.

Joanna antwortete nicht, weil sie keinen Sinn darin sah, ihre Entscheidung zu diskutieren. Ihrem Team erklärte sie, dass sie auf Grund der langen Liste und des Notfalls das Programm für den Tag aufgeteilt hatte und Dr. Archer einen Teil der Liste in OP 3 übernehmen würde. Es herrschte einen Augenblick lang Unruhe, aber Joanna sagte sich, dies sei nur zu erwarten gewesen, weil ihre Entscheidung so unvermutet kam.

Schnell stellte sich der gewohnte Rhythmus der Zusammenarbeit ein. Nur wenige Minuten später wurde ihre erste Patientin hereingefahren. Joanna sprach kurz mit der jungen Frau, die an der Hand operiert werden musste. Sie litt unter der Dupuytren-Krankheit, bei der das Strecken der Finger durch eine Verdickung und Verkürzung des Gewebes erschwert wurde. Joanna versicherte der jungen Frau, dass es sich um eine Operation handelte, die sie schon häufig erfolgreich durchgeführt hatte. Dann machte sie dem Anästhesisten Platz, damit er die Narkose einleiten konnte.

Es war eine Szene, wie sie sie schon häufig erlebt hatte, doch plötzlich hatte sie das Gefühl, alles viel intensiver wahrzunehmen. Sie schien besser zu sehen und zu hören, irgendwie frischer zu sein. Es musste Dylans Anwesenheit sein, die diese Veränderung ausgelöst hatte. Und das machte ihr Angst.

Joanna wollte keine Veränderungen in ihrem Leben, aber so wie es aussah, konnte sie nicht allein darüber bestimmen.

3. KAPITEL

„Gute Arbeit!“

Dylan lächelte, als Tom Barnes ihm anerkennend auf die Schulter klopfte, nachdem er den Umkleideraum betrat. Sie hatten gerade ihre letzte Operation absolviert und die Hiatushernie bei Ada Harper behoben. Tom freute sich genauso über die geglückte OP wie er. Ada war bereits im Aufwachraum und würde vermutlich nach dem Erwachen aus der Narkose direkt auf die chirurgische Allgemeinstation verlegt werden.

„Danke. Das Kompliment kann ich gern zurückgeben. Eine Patientin in diesem Alter richtig zu anästhesieren ist nicht einfach, mein Lieber.“

„Ich weiß.“ Tom verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. „Das habe ich toll gemacht, was?“

Dylan lachte prustend los über diesen offensichtlichen Mangel an Bescheidenheit. „Stimmt genau. Kein Wunder, dass Joanna Martin deswegen über deinen etwas unorthodoxen Kleidungsstil hinwegsieht.“ Die beiden Männer waren sich sympathisch und hatten sich schnell geduzt.

„Was meinst du damit?“ Tom gab vor, beleidigt zu sein, aber es misslang ihm gründlich. Er nahm sein T-Shirt vom Haken und schaute es genauer an. „Das ist ein echtes Original, das lass dir gesagt sein. Ein richtiges Surfer-Shirt, dass nur Leute tragen dürfen, die am Big One über die Wellen geritten sind.“

„Auf Hawaii?“ Dylan pfiff anerkennend. „Dann verbeuge ich mich vor deinen Surfkünsten ebenso wie vor deinem Können als Narkosearzt. Kein Wunder, dass du der Star in Joannas Team bist.“

„Vielen Dank. Es ist schön, Anerkennung zu bekommen, aber ich fürchte, dass mein Status in echter Gefahr ist, nachdem du hier aufgetaucht bist.“ Tom nahm ein Handtuch aus seinem Schließfach und marschierte gemeinsam mit Dylan zu den Duschen.

„Was meinst du damit?“ Dylan schaute den anderen Mann überrascht an.

„Nun, ich weiß nicht, ob meine Talente ausreichen, um bei unserer verehrten Chefin weiter die Nummer eins zu sein.“ Tom grinste, während er den Wasserhahn aufdrehte. „Unsere schöne Joanna hat offensichtlich etwas übrig für dich.“

„Ich verstehe dich nicht ganz“, wehrte Dylan ab und stieg in die Kabine nebenan.

„Es ist noch nie passiert, dass Joanna einen Neuankömmling nicht einer ausführlichen Inspektion unterzogen hat“, rief Tom über den Lärm des spritzenden Wassers hinweg. „Man konnte eine fantastische Referenzliste mitbringen, aber das half nicht. Joanna musste sich selbst ein Bild von seinem Können machen, bevor sie einen Arzt allein ranließ. Was ist dein Geheimnis?“

„Oh, ich vermute, sie hat genug gesehen, nachdem ich heute diesen Typ mit dem Milzriss operiert habe.“ Dylan war unangenehm berührt, weil ihm der Unterton in Toms Stimme nicht gefiel. Er fand es schon merkwürdig, falls Joanna ihn tatsächlich in irgendeiner Weise bevorzugt haben sollte. Obwohl es ihm gefiel, dass sie genug Vertrauen in seine berufliche Fähigkeiten zu haben schien, durfte er sich nicht von dem Hochgefühl davontragen lassen, dass sie in ihm mehr sehen könnte als einen tüchtigen Mitarbeiter …

„Joanna ist fast paranoid. Sie will immer sicher sein, dass alles ihren hohen Ansprüchen genügt. Diese Frau lebt nur für ihren Job. Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber heute kam Joanna mir beinahe wie ein Mensch vor. Ich und der Rest der Belegschaft können dich nur dazu beglückwünschen!“

Joanna verließ den Umkleideraum, sobald sie sich angezogen hatte. Es war ein anstrengender Tag gewesen, aber sie war zufrieden mit der geleisteten Arbeit. Sie schaute noch einmal auf ihre Uhr, während sie in Richtung Treppe eilte. Erfreut stellte sie fest, dass sie genug Zeit hatte, um den Text für ihre Rede noch einmal durchzugehen, bevor sie sich für das Dinner umzog. Sie hatte ihre Operationsliste in Rekordzeit abarbeiten können, dank der Tatsache, dass Dylan Archer ihr einige Patienten abgenommen hatte.

Joanna kam an den Männerumkleideräumen vorbei und blieb wie angewurzelt stehen, als sie Tom laut herumgrölen hörte. Was hatte er da gesagt? Sie sei paranoid? Dachten das ihre Mitarbeiter wirklich von ihr?

Ein Zittern überlief Joanna. Es stimmte tatsächlich, dass sie für ihren Job lebte, aber sie hatte gar keine andere Wahl. Als Frau in einer Männerdomäne zu bestehen, erforderte absolute Hingabe an die Arbeit. Und sie hatte es immerhin bis ganz nach oben geschafft …

Aber sicher hatte sie auch das Recht auf ein Leben außerhalb des Jobs, oder?

Es störte Joanna, dass sie sich auf einmal solche Fragen stellte. Ob das an ihrem Geburtstag lag? Eigentlich ging sie völlig in ihrer Arbeit auf, war zufrieden mit dem, was sie im Leben erreicht hatte. Toms Behauptung, Dylan Archer habe irgendeinen Einfluss auf sie, war doch völlig aus der Luft gegriffen.

Gut, sie hatte auch überlegt, warum sie so nervös auf Dylans Anwesenheit reagierte, aber die Arbeit im Operationssaal hatte sie ihr altes Selbstbewusstsein wiedererlangen lassen. Dr. Archer war ein Kollege, Punktum. Selbst wenn Tom andeuten wollte, dass sie ein Faible für den Neuankömmling hatte, würde sie den Jungs schon zeigen, dass dem nicht so war. Sie hatte keine Absicht, sich mit einem Mitarbeiter privat einzulassen. Und schon gar nicht mit Dylan Archer.

Joanna war innerlich noch immer ein wenig aufgebracht, als sie in ihr Büro zurückkehrte, so dass sie froh darüber war, dass Lisa bereits Feierabend hatte. Sie brauchte also nicht Small Talk mit ihrer Sekretärin zu halten. Eine Unterschriftenmappe lag für sie auf ihrem Schreibtisch bereit, aber darum würde sie sich später kümmern, wenn sie ihre Rede durchgelesen hatte. Es war ihr sehr wichtig, am heutigen Abend einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie war Joanna Martin, Mitglied des Royal College der Chirurgen, Chefärztin am St.-Leonard-Krankenhaus. Und das war etwas, auf das sie stolz sein konnte.

Joanna überflog die Rede von Anfang bis Ende, aber was ihr noch am Vormittag flüssig und interessant formuliert vorgekommen war, wirkte auf einmal gestelzt und etwas hochtrabend. Ein Gefühl der Panik überfiel sie, während sie sich vorstellte, wie sie vor der Zuhörerschaft stand und diese ihr gelangweilt und gähnend zuhörte. Was sollte sie tun? Es war keine Zeit, um die Rede noch einmal umzuschreiben.

„Tut mir Leid, wenn ich Sie störe, Joanna, aber ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass es Ada Harper gut geht … Joanna? Was ist mit Ihnen?“

Joanna schaute bei Dylans Worten vom Schreibtisch hoch.

„Nichts. Alles in Ordnung.“ Sie musste vor ihm verbergen, dass sein Anblick sie erneut aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

„Auf mich macht es aber gar nicht den Eindruck. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Seine Stimme war sanft und einschmeichelnd.

Wie kann ich ein Zeichen von Schwäche zeigen, wenn ich die Chefärztin dieser Abteilung bin, sagte sich Joanna. Das könnte meinem Ruf schaden. Sie war so mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie nicht mitbekam, wie Dylan auf sie zukam und sie tröstend berührte.

Joanna schüttelte seinen Arm ab und schob ihren Stuhl heftig zurück. „Was zum Teufel machen Sie da, Dr. Archer?“

„Ich wollte nur herausfinden, warum es Ihnen so schlecht geht.“

Seine Stimme klang besorgt, aber sein Gesicht wirkte so komisch auf Joanna, dass sie am liebsten laut gelacht hätte. Ob er selbst wusste, wie erschrocken er aussah? Natürlich nicht! Er war der Typ Mann, der gern in jeder Situation die Kontrolle behielt. Und das musste eine der seltenen Situationen sein, wo er nicht wusste, woran er war.

Was hatte Tom gleich wieder über Dylan gesagt? Er habe sie dazu gebracht, menschliche Regungen zu zeigen? Nun, das mochte durchaus stimmen, denn er hatte ihre Gefühle ganz schön durcheinander gewirbelt.

Plötzlich erkannte Joanna, auf welch gefährlichem Terrain sie sich befand. Sie hatte sich seit dem Studium so ausschließlich auf ihre Arbeit konzentriert, dass sie darüber ihre emotionalen Bedürfnisse vernachlässigt hatte. Gut, sie hatte in den vergangenen Jahren schon die eine oder andere romantische Affäre gehabt, aber es hatte sich daraus nie eine ernsthafte Beziehung entwickelt. Sie war nicht bereit gewesen, die Zeit und Energie aufzubringen, die es brauchte, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten. Ihre Karriere war immer vorgegangen.

Den Männern, mit denen sie befreundet gewesen war, hatte es früher oder später nicht mehr gepasst, dass ihr Job immer an erster Stelle kam. In letzter Zeit hatte sie daher die meisten Einladungen abgelehnt. Mit einem plötzlichen Schaudern fragte sie sich, wie ein solcher Abend mit Dylan Archer verlaufen würde. Aber so wie sie beide aufeinander reagierten, würde es keine Kompromisse geben. Und das kam nicht in Frage. Sie war nicht bereit, ihre Karriere der Liebe wegen zu opfern.

Dylan marschierte zur Tür, drehte sich dann um und ging zurück zum Schreibtisch. Er sagte sich, dass er alles versucht hatte. Wenn Joanna seine Hilfe nicht wollte, dann war das eben so. Daran konnte er nichts ändern.

Tja, aber vermutlich würde er sich nun die ganze Nacht über Sorgen machen, warum es ihr so schlecht ging.

Er fluchte leise in sich hinein und wünschte sich nicht zum ersten Mal an diesem Tag, dass er den verdammten Job nicht angenommen hätte. Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr seufzte er entnervt auf. Eigentlich sollte er schon längst auf dem Heimweg sein. Für den Abend hatte er nichts Anstrengendes mehr geplant, er musste sich nur noch überlegen, wohin er die Neueroberung ausführen würde. Wenn man überhaupt von einer Eroberung sprechen konnte bei der jungen Frau, mit der er zum Abendessen verabredet war.

Dylan schüttelte den Kopf. Es war wirklich schon eine ganze Weile her, dass er eine Frau nicht nur ausgeführt, sondern die Nacht mit ihr verbracht hatte. Nicht, dass es keine potenziellen Kandidatinnen gab, aber er hatte einfach keine Lust auf eine weitere Affäre. Was er wirklich wollte, war eine richtige Beziehung. Ein paar Stunden Vergnügen mit einer hübschen Frau, die er nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen verstand, reichten ihm nicht mehr. Er suchte ein Gefühl der Nähe und der Zusammengehörigkeit.

Und bei diesen Gedanken fiel ihm erneut Joanna ein. Sie war eine Frau, neben der er gern aufwachen würde. Doch das riss ihn plötzlich aus seinen Träumereien wieder in die Gegenwart zurück. Das waren absurde Gedanken, schimpfte er sich selbst. Eine dauerhafte Beziehung zu seiner Chefin war nicht gerade etwas, das sich in der nächsten Zeit realisieren lassen würde. Was hatte ihn überhaupt auf so verrückte Ideen kommen lassen? Und wenn sie etwas davon erraten würde, würde das echten Ärger bedeuten. Eine Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt wäre seiner Karriere nicht gerade förderlich.

Dylan nahm sich zusammen, um betont gleichmütig zu wirken, als er sich Joanna erneut zuwandte. Als er sah, wie durcheinander sie war, hätte er sie am liebsten gleich in die Arme genommen. Aber Joanna war seine Chefin. Da musste er Distanz wahren.

„Ich möchte mich nicht einmischen. Aber wenn es etwas gibt, was ich für Sie tun kann, dann brauchen Sie es nur zu sagen.“ Er zuckte mit den Schultern, als sie zu ihm aufsah, und zwang ein kleines Lächeln auf seine Lippen. „Das ist ein Angebot, es liegt ganz bei Ihnen, ob Sie es annehmen möchten oder nicht.“

„Vielen Dank. Ich schätze Ihre Sorge um mein Wohlergehen, aber es ist alles in Ordnung.“

Dylans Nasenflügel bebten vor Ungeduld. Nichts war in Ordnung, das sah man einfach, aber ihre Stimme hatte so distanziert geklungen, dass er nicht weiter nachhaken konnte, ohne ungehobelt zu erscheinen.

„Gut, dann verabschiede ich mich von Ihnen, Joanna“, tat er die Sache ganz beiläufig ab. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

„Das ist wohl nicht zu erwarten.“

Er hatte bereits das Zimmer verlassen, als sie ihm diese Worte hinterherrief. Abrupt blieb er stehen und wandte sich zu ihr um. Sie sah ganz erschrocken aus. Anscheinend waren ihr die Worte einfach so herausgerutscht. Es berührte ihn in seinem tiefsten Inneren, dass sie so spontan auf ihn reagiert hatte. Vielleicht fiel es Joanna ja ihm gegenüber schwerer, die Aura von kühler professioneller Gelassenheit aufrechtzuerhalten als bei den anderen Mitarbeitern.

Der Gedanke war viel zu schön, um wahr zu sein, fand Dylan. Und er würde sich diese Chance nicht entgehen lassen. „Möchten Sie das näher ausführen?“ Er kam wieder einige Schritte in den Raum. Ihm wurde ganz leicht ums Herz, als sie das Gesicht zu einer komischen Grimasse verzog. Es war das erste Mal, dass sie ganz offen ein Anzeichen von Schwäche zeigte, und das ausgerechnet ihm gegenüber.

„Ich muss heute Abend eine Rede im Royal College der Chirurgie halten. Anlässlich der jährlichen Dinnerparty. Und ich habe gerade erst bemerkt, dass alles, was ich geschrieben habe, banales Zeug ist.“ Sie klopfte mit den Fingern nervös auf den Stapel ordentlich getippter Manuskriptblätter auf ihrem Tisch. „Es klingt langweilig, gelegentlich ein wenig überheblich, und sicher fangen alle an zu schnarchen, noch bevor ich beim zweiten Absatz angelangt bin.“

„Dann sollte der Vortrag genau richtig sein.“ Er grinste vergnügt, als sie ihn überrascht ansah. „Jede Rede, die ich mir bisher bei diesen Dinnerpartys anhören musste, entsprach genau diesem Muster. Ich denke, Ihre Rede sollte perfekt zu dieser Gelegenheit passen.“

Es herrschte einen Augenblick lang Stille. Dylan fragte sich schon, ob er nicht etwas zu vorwitzig geantwortet und sie damit beleidigt hatte. Dieser Abend war ganz offensichtlich wichtig für sie, und er hätte das Royal College vielleicht nicht auf die Schippe nehmen sollen. Ein glucksendes Lachen ließ ihn zu ihr hinschauen.

„Danke für die Entwarnung! Ich dachte schon, ich hätte Sie tödlich beleidigt.“ Erleichtert stimmte er in ihr Lachen ein.

„Nein, nein, ganz im Gegenteil“, prustete sie los. Es war ein so unglaublich ansteckendes Lachen, bei dem ihm richtig warm ums Herz wurde.

„Jetzt ist mir klar geworden, wie dumm es war, mich so verrückt zu machen. Ich wollte unbedingt eine absolut perfekte Rede halten. Und habe darüber ganz vergessen, dass die meisten Reden, die ich dort über mich habe ergehen lassen, mich zu Tode gelangweilt haben. Vielen Dank.“ Sie lächelte vergnügt, während sie schnell ihre Blätter zusammenraffte. „Ich denke, meine Rede wird die heiligen Hallen nicht komplett auf den Kopf stellen. Keiner wird einen Herzinfarkt erleiden, weil ich zu extreme Thesen aufstelle.“

„Ich bin sicher, dass Ihre Rede inhaltlich blendend aufgebaut ist“, protestierte er.

„Ich bezweifle das zwar, aber was solls. Ich werde mein Bestes geben und hoffen, dass es reicht.“

„Mehr kann man sowieso nicht tun, Joanna. Man muss nicht immer perfekt sein. Das ist nicht gut.“

Sie lachte kurz auf. „Sie kennen mich kaum, Dr. Archer. Ich weiß nicht, wieso Sie glauben, sich ein Urteil über mich erlauben zu können.“

„Tut mir Leid. Ich kenne Sie vielleicht wirklich nicht gut genug, aber es ist unübersehbar, dass Sie völlig in Ihrer Arbeit aufgehen“, erwiderte er.

„Ist das nun Ihre Meinung oder die Ihres werten Kollegen Dr. Barnes? Was sagte er doch gleich? Ich sei paranoid. War es nicht so, Dr. Archer?“

Dylan war ganz schwer ums Herz. Nicht weil Joanna eine Bemerkung von Tom mitgehört hatte, sondern weil ein verletzter Unterton in ihrer Stimme mitschwang. Es hatte ihr wehgetan, dass man hinter ihrem Rücken so über sie redete. Und er war auch noch mit von der Partie gewesen.

„Vielleicht hat Tom das gesagt, aber ich denke, mehr aus Fürsorge für Sie. Er hat Sie damit sicherlich nicht kritisieren wollen. Ich bin zwar nur einen Tag hier, aber man spürt, welchen Respekt und welche Hochachtung Ihr Team vor Ihnen hat. Sie sind eine wundervolle Ärztin, und Sie verfolgen Ihre Ziele, nämlich das Leben der Menschen mit Ihren Fähigkeiten lebenswerter zu machen, mit einer unglaublichen Energie.“

Joanna spürte einen Kloß im Hals, es war ganz offensichtlich, dass Dylan jedes Wort ernst meinte. Vielleicht versuchte er auch, die etwas gefühlvolle Situation zu entspannen, aber dennoch war seiner Stimme anzumerken, dass es ihm mit seinem Lob nicht um Effekthascherei ging.

Sie räusperte sich und wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr sein Kompliment sie berührt hatte. „Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt.“ Sie bemühte sich um einen lockeren Tonfall. „Wie war noch das alte Sprichwort vom Lauscher an der Wand?“

„Tom hätte wirklich nicht so laut im Duschraum herumschreien müssen, dass ihn jeder hören kann.“ Dylan grinste vergnügt. „Mit seiner Stimme kann er Tote erwecken.“

Joanna lachte belustigt auf. „Er ist wirklich ein Original, nicht wahr? Es freut mich, dass Ada Harper die Operation gut überstanden hat“, lenkte sie vom Thema ab. „Sie ist eine energische alte Lady.“

„Sie kommt durch, alles ist so weit okay. Ich werde gleich noch einmal bei ihr reinschauen.“ Er schaute auf die Uhr und runzelte die Stirn. „Wann beginnt das Dinner? Meist fangen diese offiziellen Termine sehr früh an. Sollten Sie nicht längst auf dem Weg nach Hause sein, um sich umzuziehen?“

„Ich habe mein Kleid mit ins Krankenhaus gebracht“, erklärte sie. „Ich wusste, dass ich heute einen vollen Operationsplan habe und Sie außerdem einarbeiten musste …“ Sie brach mitten im Satz ab.

Dylan grinste. „Danke, dass Sie mich auch so an Ihre Patienten ranlassen.“

„Ich habe bei der ersten Operation heute Morgen genug gesehen, um zu wissen, dass Sie Ihren Job verstehen“, erklärte sie knapp.

„Das habe ich Tom auch gesagt“, gab Dylan offen zu.

„Gut.“ Joanna warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war Zeit, diese Unterhaltung zu beenden. „Ich glaube, ich sollte mich besser fertig machen.“

Dylan marschierte zur Tür und hielt dort noch einmal inne. „Viel Glück für Ihre Rede heute Abend.“

„Ich wünschte nur, ich hätte Ihr Selbstvertrauen, wenn ich dort oben auf dem Podium stehe.“

„Ich könnte Sie ja begleiten.“

„Wie bitte?“ Sie schaute ihn überrascht an.

„Ich habe eine Einladung für das Dinner. Eigentlich sollte ich für das St. Clemence’s am Empfang teilnehmen, aber ich habe beschlossen, nicht hinzugehen, nachdem ich bereits den Job hier akzeptiert hatte. Offiziell habe ich gar nicht abgesagt, bei all den Vorbereitungen für den Jobwechsel bin ich einfach nicht dazu gekommen. Die Einladung ist noch gültig. Und falls nicht, könnte ich einfach draußen im Foyer warten, bis Sie dran sind, und mich für Ihre Rede reinschleichen.“

„Das würden Sie für mich tun?“ fragte sie ihn erstaunt. „Sie würden das ganze Essen über draußen warten, nur um mich sprechen zu hören?“

„Natürlich, wenn Sie das gerne wollen. Möchten Sie, dass ich Sie heute Abend begleite, um Sie aufzumuntern?“

4. KAPITEL

„Meine Damen und Herren, es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen die nächste Rednerin vorstellen zu dürfen. Ms. Joanna Martin.“

Höflicher Applaus brandete auf, während Joanna sich ihren Weg zum Podium bahnte. Sie legte ihre Notizblätter sorgfältig auf dem Pult zurecht und schaute nach hinten in den Raum. Ihr Herz klopfte schneller, als sie Dylan dort entdeckte, der ihr aufmunternd zunickte. Er hatte sie vor dem Hoteleingang erwartet, als sie mit dem Taxi vorfuhr. Im formellen Smoking hatte er einfach umwerfend gut ausgesehen. Zuerst hatte sie sich ein wenig unangenehm berührt gefühlt, als er ihr galant aus dem Wagen geholfen hatte. Doch der anerkennende Blick von Dylan, als er ihr schwarzes langes Cocktailkleid bewundernd begutachtet hatte, hatte sie überzeugt, alles richtig gemacht zu haben.

Und jetzt hier oben am Pult hatte Joanna das Gefühl, dass Dylan ihr alles Gute für die Rede wünschte. Und das half ihr, ihre Aufregung unter Kontrolle zu bekommen. Sie war es sich selbst schuldig, einen guten Auftritt hinzubekommen.

Meine Damen und Herren, verehrte Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich zunächst mit einigen Hintergrundinformationen beginnen …

Zwanzig Minuten später stieg Joanna unter tobendem Applaus vom Podium. Die Rede war besser gelaufen, als sie es sich erhofft hatte. Einige Kollegen beglückwünschten sie auf dem Rückweg zu ihrem Platz. Nach ihr kam noch eine Ansprache, aber sie bekam davon kaum etwas mit, weil sie so euphorisch war. Sie schaute sich um, ob sie Dylan irgendwo entdecken konnte. Sie wollte unbedingt noch seine Meinung hören, bevor sie wirklich zufrieden war.

„Das war brillant, Joanna, absolut brillant! Was für ein gelungener Auftritt!“

Wie aus dem Nichts war er neben ihr aufgetaucht. Ihr wurde ganz warm ums Herz bei seinen Worten. „Sie glauben, es war ganz in Ordnung, ja?“

„Ja. Es hätte nicht besser laufen können. Ich habe kein einziges Schnarchen gehört“, ulkte er.

Sie lachte laut auf. „Quatschkopf!“

„Quatsch? Ich habe nichts als die reine Wahrheit gesagt, ich schwöre.“ Er gab sich betont kumpelhaft, aber der Blick in seinen grünen Augen sprach eine ganz andere Sprache. Ein befreundeter Chirurg gesellte sich zu ihnen, und Joanna war gezwungen, für einige Minuten Konversation zu machen. Am liebsten wäre sie den Kollegen schnell losgeworden. Sie wollte nicht von ihrem Gespräch mit Dylan abgelenkt werden.

Das Herz blieb ihr bei diesen Gedanken fast stehen. Wie konnte ihr überhaupt so etwas in den Sinn kommen? Es war gefährlich, zu viel in Dylans Verhalten hineinzulesen. Er war vermutlich mit zu der Veranstaltung gekommen, weil sie seine Chefin war, aus purer Höflichkeit also.

Sie zwang ein strahlendes Lächeln auf die Lippen, während sie sich den Weg nach draußen bahnte. Sie entschuldigte sich unter dem Vorwand, dass sie Bereitschaft habe und gehen müsse. Sie wollte nicht noch zu irgendeinem Drink in irgendeine Bar eingeladen werden. Ihr stand der Sinn einzig und allein danach, ihren Mantel zu packen und nach Hause zu verschwinden.

„Ich hole unsere Mäntel, und dann suche ich uns ein Taxi.“

Joanna blieb stehen, als Dylan hinter ihr herkam. „Es ist wirklich nicht nötig …“, setzte sie zu sprechen an, aber wie sollte sie ihm erklären, dass sie kein Taxi mit ihm teilen, sondern lieber allein nach Hause zurückfahren wollte? Nichts lag ihr ferner, als in die schwierige Situation zu geraten, Dylan höflichkeitshalber noch auf einen Drink zu sich hereinbitten zu müssen.

„Oder kann ich Sie noch auf einen Drink einladen? Es gibt eine wirklich nette Bar, nur wenige Schritte von hier entfernt. Dort könnten wir Ihren fulminanten Auftritt feiern.“

„Vielen Dank für Ihr Angebot, aber ich glaube, es ist besser, wenn ich direkt nach Hause fahre. Ich bin Nummer zwei des Bereitschaftsdienstes und darf sowieso keinen Alkohol trinken. Aber lassen Sie sich meinetwegen nicht davon abhalten.“ Sie war erleichtert, eine so geschickte Ausrede zu finden, um dem Abend ein Ende zu setzen. „Vielen Dank, dass Sie mich sozusagen begleitet haben. Ich weiß das zu schätzen.“

„Gern geschehen.“ Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest. „Ich glaube, ich werde diesen Drink ebenfalls ausfallen lassen. Allein macht es keinen Spaß. Also gehe ich schon mal los, um uns ein Taxi zu finden.“

„Oh nein, ich will Ihnen doch nicht den Abend verderben“, protestierte sie, während ihr Herz wie wild in ihrer Brust klopfte.

„Ich kann Sie doch nicht allein nach Hause fahren lassen! Was würde meine Mutter von meinen Manieren denken! Nein, nein, ich werde Sie bis zu Ihrer Haustür begleiten.“

„Ich … äh …“, fing Joanna an.

„Das wäre also geregelt“, lächelte Dylan sie an, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Joanna schüttelte ungläubig den Kopf. Es war genau das Gegenteil von dem, was sie wollte. Aber Dr. Archer besaß wohl ein gewisses Talent dafür, seinen Willen durchzusetzen.

Das waren beunruhigende Gedanken, aber schließlich ging sie hinaus, wo das Taxi wartete. Sie nahm auf dem Rücksitz Platz, noch immer ganz mit sich selbst beschäftigt, so dass sie eine Frage von Dylan völlig überhörte. „Entschuldigung, was hatten Sie gerade gesagt?“

„Ich fragte nach Ihrer Adresse, damit ich dem Taxifahrer sagen kann, wohin die Reise geht“, entgegnete er.

„Oh, ja, natürlich.“ Sie nannte dem Taxifahrer die Straße und versuchte zur Seite zu rücken, als Dylan neben ihr auf der Rückbank des Wagens Platz nahm und ihr dabei so nahe kam, dass sich ihre Körper fast berührten. Joanna biss sich auf die Lippen in dem Versuch, sich ihre Erregung nicht anmerken zu lassen.

„Ich werde des Lebens in dieser quirligen Stadt nie überdrüssig. Und Sie?“

Joanna zuckte beinahe zusammen, als er sie ansprach. „Ich mag London“, gab sie zu, aber sie wollte ihn nicht merken lassen, wie intensiv sie auf ihn reagierte. Es war, als seien die vergangenen zwanzig Jahre wie weggewischt und sie wieder ein Teenager. Ihr Selbstbewusstsein als verantwortliche Leiterin einer großen chirurgischen Abteilung, das sie im Laufe der vergangenen Jahre erlangt hatte, hielt nicht Stand gegenüber dem Gefühl, so ungeschickt und linkisch zu sein wie ein junges Mädchen bei seinem ersten Date.

„Ich kann mir nicht vorstellen, jemals woanders zu leben“, fügte sie eilig hinzu, versuchte, einen leichten Ton anzuschlagen. „Natürlich fahre ich auch hin und wieder gern aufs Land, aber ich mag die Geschäftigkeit der Stadt viel zu sehr, um mir einen Umzug vorstellen zu können.“

„Und wie wäre es, wenn Sie eine Familie hätten? Das Großstadtleben ist nicht unbedingt günstig für Kinder. Würden Sie dann Ihre Meinung ändern?“

„Ich glaube nicht, dass das passieren wird.“

„Heißt das, Sie würden auch dann nicht umziehen wollen oder dass Sie sich keine Familie wünschen?“

Joanna runzelte die Stirn, als sie den rauen Unterton in seiner Stimme hörte. Ihr Herz raste, als sie seinen aufmerksam auf sie gerichteten Blick sah. Aus irgendeinem Grund schien ihm ihre Antwort wichtig zu sein, aber warum? Sie verstand das nicht.

Dylan bemerkte, dass er die ganze Zeit über den Atem angehalten hatte, während er auf ihre Antwort wartete. Es war ihm wirklich wichtig, was sie diesbezüglich dachte. Für ihn war es immer normal gewesen, dass er irgendwann im Laufe seines Lebens eine Familie haben würde. Aber er hatte damit bisher keine Eile gehabt, eines Tages würde er schon eigene Kinder haben. Wenn er erst einmal die richtige Frau gefunden hatte. War Joanna diese Frau?

Diese ...

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