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Bianca Arztroman Band 0031

Abigail Gordon

Es war Schicksal, Dr. Suzannah

1. KAPITEL

Goldene Farnwedel bewegten sich sanft im Wind. Graue Stücke von Baumrinde, die durch den Wind von den Baumstämmen abgetrennt worden waren, lagen auf dem steilen Waldweg, den Suzannah gerade erklomm.

Neufundland im Herbst zu erleben ist eine angenehme Überraschung, dachte sie, während die Septembersonne auf den Blättern tanzte. Es war kaum zu glauben, dass in nur wenigen Wochen dieses raue Land, geprägt durch seine Seen, Flüsse und das unendliche Meer, von einem Winter gepackt werden würde, der Englands kalte Monate höchstens noch kühl erscheinen ließ. Jedenfalls war dies Johns und Debbies Vorankündigung gewesen.

Der heutige Tag war jedoch ein typischer Herbsttag, wie sie ihn von zu Hause kannte. Und sie war an diesen Ort gegangen, um sich einen lang ersehnten Wunsch zu erfüllen. Sie wusste, dass dieser Ausflug allerdings an eine Wunde rühren könnte, die noch nicht ganz verheilt war.

Suzannah war im Frühling in St. Anthony angekommen. Zu der Zeit waren Eisberge auf der See zu sehen, die sich von den Gletschern gelöst hatten und nun in ihrer Freiheit majestätisch aussahen. Sie wirkten wie vorbeiziehende Skulpturen aus hellblauem Glas.

“Sie sind das Wunderbarste, was ich in meinem Leben je gesehen habe”, hatte Suzannah damals ausgerufen.

Ihre jugendlichen Gastgeber hatten gelächelt. “Sie können auch sehr gefährlich sein, vergiss das nicht”, entgegnete ihr Bruder John sarkastisch. “Du erinnerst dich vielleicht an die Titanic? Der Ort, an dem sie sank, war nicht weit von hier.”

“Ich finde sie dadurch nicht weniger bezaubernd”, beharrte Suzannah. “Wenn ich von meinem Wohnzimmer aus immer diese Aussicht hätte, würde ich hier für immer bleiben wollen.”

Seine Frau Debbie entgegnete: “Sie werden bald verschwunden sein. Sobald es wärmer wird, zerbrechen sie. Aber ein paar Wochen können wir sie sicher noch genießen.”

Das hiesige Wetter war heute allerdings nicht von Bedeutung. Sie war kurz davor, sich in ihre Vergangenheit zurückzubewegen. Die Wanderung entlang des Hanges war etwas, das sie von dem ersten Moment an tun wollte, an dem sie diese Insel betreten hatte.

Es war einer der Gründe gewesen, weshalb sie der Einladung gefolgt war, für längere Zeit bei John und seiner Familie in St. Anthony zu bleiben. Es gab noch einen tiefer liegenden, mit Schmerzen verbundenen Grund. Aber sie war fest entschlossen, sich heute nicht davon quälen zu lassen.

Suzannah war hier zu Ehren eines Mannes ihrer englischen Heimatstadt, der einst ihre Fantasie beflügelt hatte. Als sich der Pfad am Hang plötzlich in eine Lichtung weitete, wusste sie, dass der Moment gekommen war.

Sie wollte die Worte auf der Bronzetafel lesen, die an einem in den Fels gemeißelten Gesicht befestigt war.

Der Weg ihres Lebens, der ein ebenso steiniger gewesen war wie der gerade erklommene Pfad auf den Tea House Hill, schien sich wie diese Lichtung langsam zu ebnen.

Auf der Tafel stand:

Wilfred Thomason Grenfell

Geboren am 28. Februar 1865 — Gestorben am 9. Oktober 1940

Und darunter so passende Worte, dass sie einen Kloß im Hals spürte:

Das Leben ist ein Feld der Ehre.

Suzannah fühlte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Dieser furchtlose Mann, der die Kranken und Armen der Fischergemeinden von Neufundland und die Inuit von Labrador geheilt hatte, war für Suzannah die Inspiration gewesen, sich der Medizin zu widmen.

Und was habe ich daraus gemacht? fragte sie sich verzweifelt. Sie hatte sich ihre Karriere von einem einzigen Ereignis zerstören lassen!

In den Jahren ihrer Ausbildung war sie von der Geschichte Wilfred Grenfells, Arzt ihrer Heimatstadt Chester, fasziniert gewesen.

Seine hohen Ideale, die Berufung, seinen Mitmenschen zu helfen, ließen ihn als Vertreter der National Mission to Deep Sea Fishermen 1892 nach Neufundland reisen, um dort ein Gesundheitssystem für die von der Zivilisation abseits lebenden Fischer aufzubauen.

Aber es blieb nicht dabei. Als Erster überhaupt brachte er medizinische Versorgung zu den Inuit, die hinter der Belle Isle Meerenge in Labrador lebten.

Später errichtete er dann das Zentrum für medizinische Versorgung in St. Anthony, welches dort das erste seiner Art gewesen war und am Fuße des Hanges stand.

Schön, sie selber war nicht bis zum eisigen Norden vorgedrungen, sondern hatte in einem Krankenhaus in den Midlands gearbeitet. Bis zu dem Moment, in dem ein Ereignis ihr Leben zerstört hatte, war sie glücklich mit ihrer Arbeit.

Seitdem lebte sie in St. Anthony, ihrem selbst erwählten Exil, zusammen mit John, seiner kanadischen Frau Debbie und deren kleinen Söhnen Robbie und Richard.

“Ein beeindruckender Mann, nicht wahr?”, sagte jemand aus einiger Entfernung. Erschrocken drehte sich Suzannah um.

In einem versteckt gelegenen Winkel der Lichtung stand ein Mann auf einer erhöhten Holzplattform. Während sie ihn mit haselnussbraunen Augen überrascht ansah, kam er langsam die Stufen herabgestiegen.

Einen Moment lang glaubte sie, er wäre ein Gärtner. Aber obwohl er sehr bequeme Kleidung trug, war seine Erscheinung nicht die eines Mannes, der regelmäßig körperliche Arbeit im Freien verrichtete.

Als er näher kam, stockte Suzannah der Atem. Er hatte honiggoldenes Haar, und mit seinen Augen, so tiefblau wie der mächtige Ozean, blickte er sie offenherzig an. Er war kräftig, so kräftig, dass sie es sich nicht erklären konnte, wie sie ihn hatte übersehen können.

“Ja, er war beeindruckend … sehr sogar”, antwortete sie endlich.

“Ah, Sie sind Engländerin”, bemerkte er. “Sind Sie hier, um einem Landsmann die Ehre zu erweisen?”

Suzannah lächelte. “Ja, das stimmt. Grenfell stammte sogar aus dem gleichen Ort wie ich.”

“Chester?”

Sie sah ihn ungläubig an. “Ja. Woher wissen Sie das?”

Der Mann lächelte. Seine kräftigen Zähne blitzten weiß. “Ich weiß nicht viel über ihn. Aber mein Urgroßvater war einer seiner ersten Patienten. Er hatte Frostbeulen an einem Bein, was damals nichts Ungewöhnliches war. Aber wenn Grenfell nicht so schnell zu ihm gekommen wäre, hätte sich mein Urgroßvater das Bein abhacken müssen. Aber wie von Gott gesandt kam der Arzt mit seinem Hundeschlitten rechtzeitig durch den Schnee gefahren …”

“Und hat das Bein gerettet?”

Er lächelte verstärkt. “Nein, er amputierte es, allerdings fachgerecht. So war mein Vorfahr bereits nach wenigen Wochen wieder auf. Er hatte damals etwas, von dem noch keiner gehört hatte: eine Prothese. Das ist ein künstliches Bein, wie Sie vielleicht wissen.”

“Ich weiß sehr wohl, was eine Prothese ist. Ich bin selber Ärztin”, antwortete Suzannah ruhig. “Sie sind ebenfalls im medizinischen Bereich tätig?”

“Lafe Hilliard, Chirurg und zu Ihren Diensten, meine Dame. Früher war ich an einem deutlich kälteren Ort tätig, bin aber jetzt zurück in meiner Heimatstadt St. Anthony.”

“Ich habe Sie hier noch nie gesehen”, antwortete Suzannah ohne nachzudenken und bereute es sofort. Es war ein Geständnis, dass sie sich ganz sicher an die Begegnung erinnert hätte.

“Ich bin auch erst seit gestern wieder zu Hause.” Und mit freundlicher Neugierde fragte er: “Was ist mit Ihnen? Wie ist Ihr Name … und was machen Sie in St. Anthony?”

Sie zögerte. Solange sie die Fragen an den blonden Wikinger richten konnte, fühlte sie sich sicher. Aber wollte sie ihm auch von sich erzählen?

Während er auf eine Antwort wartete, sog er mit seinen hellblauen Augen jede Kleinigkeit ihres zarten, schlanken Körpers in sich auf und betrachtete das weiche, kastanienbraune Haar, das von dem hübschen Gesicht hinabfloss.

Die klaren, haselnussbraunen Augen beeindruckten ihn am meisten, obwohl in ihnen eine Spur von Unglück zu erkennen war.

“Ich heiße Suzannah Harding”, brach sie endlich das Schweigen. “Ich besuche meinen Bruder und dessen Familie in St. Anthony. Und Sie? Was führt Sie hierher?”

“Es gibt da offensichtlich etwas, das wir gemeinsam haben: Respekt vor einem bedeutenden Mann. Immer wenn ich nach Hause zurückkehre, gehe ich an diesen Ort. Haben Sie schon einen Blick in sein Haus geworfen?”

Suzannah schüttelte den Kopf. “Nein. Während des Aufstiegs bin ich aber daran vorbeigekommen.”

“Vielleicht können wir es gemeinsam besichtigen?” Zweifelnd sah sie ihn an.

“Aber wenn Sie aus St. Anthony stammen, haben Sie es sicherlich schon gesehen.”

“Schon unzählige Male, aber noch nie in Begleitung einer englischen Ärztin.”

“Dann übernehmen Sie die Führung, Lafe Hilliard”, stimmte sie zu, und ließ sich vollkommen auf den Moment mit diesem Fremden ein. “Zeigen Sie mir Grenfells Haus.”

Das Haus dieses furchtlosen Arztes war mittlerweile ein Museum. Der Holzfußboden war spiegelglatt poliert und vor dem Wohnzimmerkamin lag ein wunderschöner Teppich aus dem Fell eines Eisbären. Die Wände waren in warmem Rosarot und zartem Grün gestrichen, vor denen schwere Möbel aus vergangenen Zeiten standen.

Während sie von Raum zu Raum gingen, spürte Suzannah das Meer in allen Richtungen. Der Hafen war nicht weit entfernt.

“Wie schön”, hauchte sie, als sie nach einem Rundgang durch das Haus wieder im Wohnzimmer angelangt waren. “Es ist so alt und doch unwahrscheinlich elegant. Ich würde gerne selber hier wohnen.”

“Es geht mir genauso”, antwortete er und fügte lächelnd hinzu: “Mit ein oder zwei kleinen Verbesserungen vielleicht.”

Suzannah hatte den Mietwagen vor dem Krankenhaus geparkt. Als sie gemeinsam dorthin zurückgingen, machte sich leichte Beklommenheit bemerkbar.

Sie waren Fremde. Noch vor einer Stunde waren sie sich vollkommen unbekannt gewesen. Und doch fühlte sich Suzannah in der Gegenwart dieses Mannes so entspannt wie seit Monaten nicht.

Nichtsdestotrotz war es jetzt an der Zeit, sich zu verabschieden. Obwohl sie sich nie viel aus flüchtigen Bekanntschaften gemacht hatte, fehlten ihr dieses Mal die richtigen Worte, um die ausgesprochen nette Begegnung zu beenden.

Stattdessen sagte sie: “Arbeiten Sie hier am Curtis Memorial Hospital?”

Er schüttelte den Kopf. “Nein, ich muss Sie enttäuschen. Ich gehöre zu den Menschen, die in der Regel nicht den einfachen Weg wählen.”

Suzannah nickte. Da lag also ihre zweite Gemeinsamkeit. Sie hätte ebenso den einfacheren Weg wählen und in England bleiben können. Sie hätte sich selber davon überzeugen können, dass sie schuldfrei war. Aber dem war nicht so, und die Zukunft erschien ihr trostloser als ein kanadischer Winter.

Lafe Hilliard wechselte das Thema. “Ich denke, wir haben uns nach dem Ausflug einen Kaffee verdient. Wie denken Sie darüber?”

“Oh, das ist eine gute Idee”, antwortete sie sofort viel beschwingter. “Aber …”

Sein Seufzen war herzerweichend, und sie musste lachen.

“Ich wusste, dass ein ‘aber’ folgen würde.”

“Meine Schwägerin Debbie ist zurzeit beruflich in Corner Brook. Daher muss ich heute die Kinder von der Schule abholen. Es darf also nicht so lange dauern.”

“In Ordnung, dann lassen Sie uns gehen”, sagte er und zeigte auf eine nahe gelegene Einkaufspassage.

“Da haben Sie ja Ihren Bruder und Ihre Schwägerin ganz in der Nähe. Gibt es noch andere wichtige Menschen in Ihrem Leben, Suzannah?”, erkundigte er sich, als sie sich an einen der Tische in dem Café der Passage setzten.

Sie zögerte. Wollte sie diesem Sohn Neufundlands mit den golden schimmernden Haaren wirklich eingestehen, dass es außer ihrem Bruder und dessen Familie niemanden gab?

Vor sechs Monaten hätte die Antwort noch anders gelautet. Sie war zu der Zeit von stiller Zufriedenheit, hatte in ihrem Traumberuf Fuß gefasst und freute sich auf den Tag, an dem sie sich mit dem Chefarzt des Krankenhauses verheiraten würde.

Lafe wusste, dass seine Frage sehr neugierig gewesen war, aber er konnte sie nicht zurückhalten.

“Es gibt niemanden außer ihnen”, gestand Suzannah zögernd.

Da sie ihren Kopf gesenkt hielt, bemerkte sie nicht, wie sich Lafes Augen erhellten, als sie weitersprach. “Ich bin auf unbestimmte Zeit nach Neufundland gekommen. Wenn es nach meinem Bruder und seiner Frau ginge, könnte ich für immer bleiben … und vielleicht tue ich das auch.”

“Sie sind also keinem Krankenhaus in Ihrer Heimat verpflichtet?”

Er konnte nicht ahnen, dass diese unschuldige Frage wie ein Messer in ihrer Wunde bohrte.

“Nein, ich bin nichts und niemandem verpflichtet”, sagte sie leise und wusste, dass sie ihn bei weiteren Fragen in seine Grenzen weisen würde. Nicht, weil sie es ihm übel nahm, dass er fragte. Aber die Antworten waren zu schmerzhaft, um sie auszusprechen.

Lafe schien zu spüren, dass er sich auf verbotenem Terrain befand, und verwickelte sie mit großer Vertrautheit in ein unverfängliches Gespräch.

Viel zu bald musste sich Suzannah verabschieden, um ihre Neffen von der Schule abzuholen. Mit verständnisvollem Nicken erhob sich Lafe vom Tisch.

“Wo wohnen Ihre Verwandten?”, erkundigte er sich.

Es war eine unverfängliche Frage, aber Suzannah wusste, dass die Antwort darüber entscheiden würde, ob sie sich wiedersehen würden oder ob ihre Bekanntschaft hier endete.

Sie wollte sie nicht beenden. Aber ebenso wenig wollte sie sich erneut einem Liebeskummer aussetzen. Und eine Beziehung war für sie unumgänglich mit Schmerz verbunden.

Also machte sie eine ungenaue Handbewegung in Richtung Hafen und sagte: “Dort, auf der anderen Seite der Stadt.”

Lafe nickte nur und reichte ihr die Hand zur Verabschiedung. “Es war sehr nett, Sie kennenzulernen, Suzannah Harding. Ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt in meinem schönen Heimatland.”

“Ich werde mich bemühen”, antwortete sie und bereute, dass sie das Gespräch so abgebrochen hatte.

“Auf Wiedersehen, Lafe. Ich werde unsere Begegnung nicht vergessen.”

“Das freut mich. Und, Suzannah, was es auch ist, lassen Sie nicht zu, dass es Sie quält. Das Leben ist zu kurz.” Leichtfüßig wandte er sich um und ging auf das Krankenhaus zu.

Auf der Fahrt zur Schule musste sie unaufhörlich an ihn denken. Lafe hatte von sich selber nichts preisgegeben, außer der Tatsache, dass er Arzt war.

“Und wenn schon”, sagte sie bei sich. Es spielt keine Rolle. Sie würden sich wahrscheinlich nicht wieder begegnen.

John, Debbie und die Kinder hatten ihr über den langen, leeren Sommer hinweggeholfen. Sie hatten sie alleine gelassen, wenn sie alleine sein wollte, und waren für sie da, wenn sie jemanden gebraucht hatte.

Mit ihren zehn beziehungsweise sieben Jahren waren Richard und Robbie ganz begeistert davon, sie als neues Familienmitglied bei sich zu haben. Ihre Zuneigung für Suzannah war wie Balsam für ihr schmerzendes Herz.

Robbie stürmte mit schiefhängender Krawatte und halb offener Schultasche auf Suzannah zu. Richard folgte in etwas gemäßigterem Tempo und jugendlicher Ernsthaftigkeit, was Suzannah immer ein wenig rührte.

Als John von der Arbeit kam, setzten sich alle vier gemeinsam an den Esstisch. Während sie Platz nahmen, fragte ihr Bruder: “Was hast du heute gemacht, Schwesterherz?”

Sie sahen sich sehr ähnlich. Beide hatten haselnussfarbene Augen, braunes Haar und waren von gleicher Statur. Was ihre Persönlichkeiten betraf, hätten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein können.

Ihr Bruder war selbstbewusst. Er hatte ihr immer wieder ans Herz gelegt, sich mit den Verantwortlichen des Krankenhauses in England in Verbindung zu setzen, um die Situation zu klären. Vielleicht hätte sie es sogar getan, wenn da nicht ihr ehemaliger Verlobter mit in die Angelegenheit verstrickt gewesen wäre. Der Schmerz war einfach zu groß.

Suzannah lächelte. “Ich hatte einen wunderbaren Tag.”

John sah sie erstaunt an. “Wirklich? Wo bist du gewesen?”

“Ich war an Wilfred Grenfells Grabstätte.”

“Ah, natürlich. Bei deinem Vorbild, nicht wahr?”

Sie nickte. “Und danach hat man mich durch sein Haus geführt.”

“Richtig, man kann dort Rundgänge machen. Ich erinnere mich noch daran, dass Debbie und ich uns einmal einer Führung angeschlossen haben, als wir das erste Mal in St. Anthony waren.”

“Dieses war eher eine spontane Führung.”

John blickte von seinem Teller auf, und Richard fragte: “Was meinst du mit ‘spontan’, Zannah?”

“Das heißt, dass es nicht geplant war”, erklärte sie. “Ich habe mich in dem Moment dazu entschlossen … hm … mit einem Mann, den ich oben auf dem Berg getroffen habe.”

“Du meinst mit einem Fremden?” Ihr Bruder verschluckte beinahe das Essen.

“Jetzt nicht mehr”, erklärte sie und wunderte sich darüber, wie viel Freude es ihr bereitete, das zu sagen.

“Sein Name ist Lafe Hilliard. Und nun rate, was er von Beruf ist!”

“Du musst mir nicht erzählen, wer Lafe Hilliard ist”, bemerkte ihr immer noch erstaunter Bruder. “Er ist der Sohn einer der ältesten Familien hier in St. Anthony. Und mittlerweile ist er der Letzte seiner Familie.”

“Du meinst, alle seine Verwandten sind tot?”

“Ja.”

“Hat er denn keine eigenen Kinder, die seinen Namen weitertragen werden?”

“Nein, jedenfalls nicht offiziell. Seine Rückkehr wurde vor Kurzem in der Lokalzeitung angekündigt.”

“Wo war er denn?”, fragte Suzannah.

“Dieser Mann hat die letzten zwei Jahre in der Arktis auf einer Forschungsstation für globale Klimaerwärmung als Arzt gearbeitet. Er ist zurückgekommen, weil sein Vater verstorben ist.”

Jetzt war es Suzannah, die vor Staunen die Augen aufriss. Da war es kein Wunder, dass Lafe den milden Herbsttag und die Aussicht genoss. In der Arktis gab es nicht mehr zu sehen als Schnee und noch mal Schnee. Ein Arzt im ewigen Eis. Aber die Kälte scheint nicht auf ihn abgefärbt zu haben. Genau genommen hatte er es geschafft, sie zum ersten Mal, seit sie England verlassen hatte, von dem Frost in ihrem Herzen zu befreien.

Nigel Summers hatte alle möglichen zukünftigen Beziehungen zwischen ihr und dem anderen Geschlecht im Keim erstickt. Auch wenn sie hundert Jahre werden würde, diese Entscheidung stand fest.

Nachdem die beiden Jungs im Bett waren, ließ Suzannah ihren Bruder in seinem Studierzimmer alleine. Sie stieg die Treppe hinauf und ging in ihr Zimmer. Wie schon in den letzten Nächten, zog es Suzannah an das Fenster.

Die Temperatur war gesunken. Es war eine klare, kalte Nacht. Die richtige Atmosphäre für eines der schönsten Naturschauspiele, das sie jemals gesehen hatte.

Wie bereits in zwei Nächten davor zog sich leuchtend grünes Licht in einem Bogen über die Hügel und den Hafen. An den Rändern waren zuckende Lichtbögen und unzählige schimmernde Lichtstrahlen zu sehen, die zunächst ebenfalls grün schimmerten, dann aber ihre Farben von Rot nach Weiß, zu Gelb und blendendem Blau wechselten.

Aurora Borealis, gewöhnlich als Nordlicht bekannt, war nur in einer solchen Nacht und an einem solchen Ort zu sehen — und es war Ehrfurcht gebietend.

Es entstand durch elektrische Reaktionen zwischen dem irdischen Magnetfeld und Feldern von energiegeladenen Partikeln der Sonne.

Suzannah betrachtete das Schauspiel und wünschte sich, diesen besonderen Moment mit jemandem teilen zu können.

Am Freitagabend kam Debbie zurück. Suzannah verbrachte den gesamten Tag in der Stadt, sodass die Familie Zeit für sich hatte.

Sie schlenderte ziellos durch das Einkaufszentrum. Es wurde ihr bewusst, wie sie von einem Tag in den nächsten hineinlebte, ohne irgendein Ziel zu verfolgen. Suzannah beneidete die fest miteinander verwobene Einheit, die sie zu Hause zurückgelassen hatte.

Aber genau so hatte sie es doch gewollt, als sie im Frühling nach Neufundland gekommen war. Sie wollte keine Bindungen eingehen. So vermied man, im Treibsand zu versinken.

Die Vernunft sagte ihr allerdings, dass es so nicht für immer weitergehen konnte. Nigels Betrug konnte nicht immer als Grund herhalten, um sich vor dem Leben zu verstecken …

Sie stand an einem der Kosmetikstände des Kaufhauses, als Lafe sie sah. Er lächelte. Nachdem sie sich vor ein paar Tagen verabschiedet hatten, hatte Lafe etwas verstimmt an das Schicksal appelliert. Sie würden sich schon wieder begegnen, wenn es so vorgesehen war. Und da hatte das Schicksal ganze Arbeit geleistet!

Er war am Morgen mit den Papieren seines Vater beschäftigt gewesen und jetzt auf dem Weg zum Rechtsanwalt. Es mussten unangenehme Entscheidungen getroffen werden. Es galt zu entscheiden, ob er sein Haus, nicht weit von Grenfells gelegen, behalten oder verkaufen sollte.

Und in diesem Augenblick ließ er sich gerne durch den Anblick der englischen Ärztin vom Weg abbringen.

Lafe wollte erfahren, warum sie sich hier in seinem Heimatland die Zeit vertrieb, anstatt ihre Karriere zu verfolgen.

“Hallo”, hörte Suzannah jemanden hinter sich sagen, während sie sich die Sonderangebote von hochwertigen Kosmetikprodukten ansah. Sie erkannte die Stimme sofort und drehte sich schwungvoll um. Die Freude, die in ihr aufstieg, verwunderte sie.

“Ah, hallo”, antwortete sie und bemerkte sofort, dass der blonde Wikinger heute einen sehr eleganten Anzug trug.

“Ganz alleine?”, erkundigte er sich, da niemand in ihrer Nähe stand.

Suzannah lächelte. “Ja … schon wieder. Sie müssen meine Verwandten für eine Erfindung von mir halten. Meine Schwägerin ist gestern Abend zurückgekommen. Und da sie nur über das Wochenende bleibt, wollte ich ihnen ein wenig Zeit für sich geben.”

“Ah, dann können wir vielleicht etwas Zeit miteinander verbringen, wenn ich von meinem Termin beim Rechtsanwalt zurück bin?”

Er wirkte so gesund und stabil, wie er da vor ihr stand. Seine ehrliche Art machte es unmöglich, das Angebot abzulehnen. Sie wäre wahrscheinlich an ihren ablehnenden Worten erstickt.

Stattdessen antwortete sie ehrlich: “Das wäre sehr schön. Ich hatte mich schon auf einen langen einsamen Tag eingestellt.”

“Wollen wir uns an genau dieser Stelle in einer Stunde treffen?”, schlug Lafe vor.

“Ja, gut”, stimmte sie zu. Lächelnd nickte er und ging.

So viel zu dem Thema, ein Leben ohne Mann führen zu wollen, dachte Suzannah, nachdem er gegangen war. Oder vermutete sie zu viel? Er hatte sie lediglich gefragt, ob sie etwas Zeit miteinander verbringen wollten, mehr nicht. Er hatte sie nicht gebeten, mit ihm ins Bett zu gehen. Wenn es nötig war, konnte sie ihn immer noch zurückweisen.

Als Lafe zurückkam, wirkte er viel entspannter als beim ersten Treffen. Suzannah fragte sich, womit ihm der Rechtsanwalt die Last genommen hatte.

Sie würde es gleich herausfinden.

“Ich weiß jetzt, dass ein Besuch beim Zahnarzt weniger schmerzhaft ist als das”, sagte er, als sie zum Ausgang des Einkaufszentrums schlenderten.

“Wirklich?”, bemerkte sie einfühlsam und beließ es dabei. Wenn Lafe ihr den Grund nennen wollte, würde er es von alleine tun.

“Ich habe den Rechtsanwalt gerade gebeten, mein Familienhaus zu verkaufen”, erklärte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. “Und es schmerzt. Ich habe mein ganzes Leben dort gewohnt. Aber mein Vater ist vor wenigen Wochen plötzlich verstorben, und ich bin der Einzige der Familie, der noch übrig ist.”

“Sie sind also nicht verheiratet?”

Er blickte sie an. “Nein. Glauben Sie, dann wäre ich jetzt hier?”

“Nein. Aber viele Leute würden sich darüber nicht wundern.”

“Meinen Sie? Nun ja … ‘viele Leute’“, sagte er abwertend.

Suzannah fühlte sich zurechtgewiesen und griff das Gespräch da wieder auf, wo sie aufgehört hatten. “Und Sie mögen nicht alleine in dem Haus leben?”

“Das wäre nicht so schlimm”, antwortete Lafe. “Aber ich werde wahrscheinlich bald an einem größeren Projekt mitarbeiten, das viel Zeit und Energie kosten wird. Und ich möchte nicht sehen, wie das Haus verfällt.”

“Was ist, wenn Sie einmal heiraten sollten?”

“Ich weiß es nicht. Zugegeben, ich habe mir oft vorgestellt, mit meiner eigenen Familie dort zu leben. Aber es ist doch verrückt, das Haus nur deshalb zu behalten, weil in der Zukunft vielleicht etwas Derartiges passieren könnte.”

“Wo steht das Haus?”

“Nicht weit von Grenfells Wohnsitz entfernt. Auf der anderen Seite des Krankenhauses.”

Er warf ihr mit seinen blauen Augen einen nachdenklichen Blick zu. “Möchten Sie es gerne sehen?”

“Ja, sehr”, antwortete sie sofort.

“Gut. Ich bin zu Fuß hier. Haben Sie Ihr Auto dabei?”

“Nein, es ist bei meinem Bruder.”

“Das macht nichts. Wir sind nur ein paar Minuten davon entfernt.”

Die Straße führte sie dahin, wo auf der einen Seite das Krankenhaus am Fuße des Hanges stand und auf der anderen Seite sich der Atlantik erstreckte. Endlich konnte Lafe die Frage stellen, die ihn schon seit ihrer ersten Begegnung beschäftigte.

“Machen Sie hier wirklich Urlaub, Suzannah?”, erkundigte er sich. “Oder gibt es noch einen anderen Grund?”

Er sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck verschloss, und er wusste, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Aber ihre Stimme wirkte kontrolliert, als sie antwortete. “Ich war Ärztin in einem Krankenhaus und mit einem der Ärzte verlobt. Zwischen uns ist etwas vorgefallen, was mich dazu bewogen hat, ihn und das Land zu verlassen.”

Sie bemerkte die Erleichterung in seinem Gesicht und fühlte sich schuldig. Das war nur ein Teil der Geschichte. Aber der Rest war ihre Privatangelegenheit.

“Was wäre, wenn Sie hier Arbeit finden würden?”

Sie wandte sich abrupt zu ihm und sah ihn erstaunt an. “Sie meinen als Ärztin?”

Er lachte über ihren Gesichtsausdruck. “Ich meine sicherlich nicht als Hochseefischerin.”

“Ich weiß es nicht. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber ich könnte mich wohl überreden lassen.”

Als sie der Kurve folgten, zeigte er auf ein Haus, das mitten in einem Waldstück stand. Suzannah traute ihren Augen kaum.

Es war vom Stil her wie Grenfells Haus, nur größer. Es war zu etwa neunzig Prozent aus Holz gebaut. Ein großzügiges Untergeschoss hob das Haus aus dem Bereich hinaus, in dem der Schnee eines kanadischen Winters seine Spuren hinterließ.

Als er ihr die Haustür öffnete, sah sie das ebenso beeindruckende Innere des Hauses. Überall glänzte poliertes Holz, und die Möbel verrieten Geschmack und Wohlstand.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Suzannah begriff, dass es ihr das Herz brechen würde, wenn sie an seiner Stelle wäre und dieses Haus verkaufen müsste.

“Nein, tun Sie es nicht!”, rief sie aus. Und noch während sie die Worte sagte, bereute sie ihre vorschnelle Reaktion.

“Was soll ich nicht machen?”

“Das Haus verkaufen. Es ist so schön.”

“Das war es vielleicht einmal. Wenn Sie genauer hinsehen, können Sie sehen, dass nach dem Tod meiner Mutter hier einiges vernachlässigt worden ist.”

“Ah ja?”

“Sie meinen, ich sollte es überholen lassen … und behalten?”

Suzannah spürte, wie sich ihr Gesicht erhitzte. Was brachte sie nur dazu, sich in sein Leben einzumischen?

Lafe schüttelte den Kopf. “Nein. Ich fürchte, ich werde es hergeben müssen. Ich brauche so ein großes Haus nicht für mich alleine. Und schon gar nicht, wenn ich die meiste Zeit des Jahres nicht hier bin.”

Sein Lächeln hatte etwas Trauriges. “Ich bin ein Wandersmann, Suzannah. Nenne mir irgendeinen Ort in Kanada, und ich bin schon einmal dort gewesen. Ein zweijähriger Aufenthalt in der Arktis liegt hinter mir, und jetzt bin ich gerade dabei, das Haus zu verkaufen, das mein einziges wirkliches Zuhause ist.”

Er holte tief Luft, und Suzannah erwartete noch eine Ergänzung. “Ich weiß von einer befristeten Stelle, die noch frei ist, falls Sie Interesse haben sollten.”

“Worum handelt es sich?”, hauchte sie und fragte sich, wohin dieses Gespräch wohl führen würde.

“Man hat mir angeboten, die Leitung einer Klinik zu übernehmen, die in wenigen Wochen eröffnet werden soll. Ich habe angenommen und benötige eine Assistentin. Die Stelle ist zunächst befristet. Man will prüfen, ob sie auf Dauer in einer solch abgelegenen Gegend notwendig ist. Wenn Sie Interesse haben, kann ich Sie bei den entscheidenden Personen empfehlen.”

2. KAPITEL

“Woher wissen Sie, dass ich geeignet bin?”, krächzte Suzannah, der vor Aufregung die Stimme versagte. Und noch bevor er antworten konnte, fuhr sie fort: “Und was meinen Sie mit ‘abgelegen’?”

Lafes blaue Augen funkelten belustigt. “Welche Frage soll ich zuerst beantworten? Natürlich kann ich nicht sagen, ob Sie vom medizinischen Standpunkt aus für diese Position geeignet sind. Wir bräuchten von Ihrem ehemaligen Arbeitgeber eine Erklärung über das, was Sie dort gemacht haben. Ich gehe zunächst nach dem, was ich sehe.”

“Und was sehen Sie?”

“Eine englische Exilantin, deren Feuer erloschen ist, welches dringend neu entzündet werden muss.”

Suzannah brachte ein Lachen hervor. “Erzählen Sie mir mehr von dem Ort.”

“Haben Sie schon einmal von Port aux Basques gehört? Es liegt am anderen Ende der Insel.”

“Nicht viel.”

“Es gibt dort ein ausgezeichnetes Gesundheitszentrum mit vielen Einrichtungen. Es ist die einzige medizinische Einrichtung für Meilen in Südwest Neufundland. Der Einzugsbereich umfasst dreizehntausend Menschen, was für unsere Verhältnisse sehr viel ist.

Um dort den Ansprüchen gerecht zu werden, gibt es kleine Kliniken in den abgelegeneren Teilen des Umlandes. Zurzeit wird gerade eine ehemalige Walfangstation umgebaut. Zwei Ärzte und vier weitere Angestellte sollen dort arbeiten. Also, was denken Sie darüber?”

“Natürlich kann ich Ihnen nicht sofort eine Antwort geben. Ich muss über viele Faktoren nachdenken.”

“Ob Sie überhaupt arbeiten möchten, während Sie hier sind?”

Sie schüttelte den Kopf. “Nein. Das ist es nicht. Zurzeit bin ich etwas ziellos. Arbeit täte mir gut, aber …”

“Aber was, Suzannah?”

Sie ignorierte den Versuch. “Geben Sie mir ein wenig Zeit. Wann müssen Sie eine Antwort haben?”

“In ein paar Tagen?”

“In Ordnung. Ich gehe jetzt besser nach Hause und denke nach.”

Er nickte. “Ich werde so lange niemandem davon erzählen.”

Auf dem Weg sah sich Suzannah das Haus noch einmal an. Das Meer glitzerte dahinter in der Herbstsonne. Vor dem Haus standen Bäume, Nadelbäume, die wie Wachposten kerzengerade die Stellung hielten. Und es war Lafe Hilliards Zuhause.

Sie hatte das Gefühl, dass es noch einen anderen Grund geben musste, weshalb er dieses Haus verkaufen wollte. Und sie wüsste gerne, was es war. Aber zunächst hatte sie selber genug, über das es nachzudenken galt.

Als sie John und Debbie von dem Angebot erzählte, reagierte ihr Bruder erstaunt.

“Bist du verrückt?”, rief er. “Ich hoffe sehr, dass du ihn mit seinem Angebot zum Teufel geschickt hast.”

“Nein, das habe ich nicht”, antwortete sie ruhig. “Wenn ich nicht diese Schuldgefühle mit mir herumtragen würde, hätte ich den Job sofort angenommen.”

“Du hast doch nicht wirklich vor, mit einem Mann, den du kaum kennst, in die Wildnis Neufundlands zu ziehen?”, entgegnete er energisch.

Debbie wandte sich zu Suzannah. “Wenn du den Job gerne annehmen möchtest, dann tue es. John macht nur so viel Wirbel, weil er dich liebt.”

“Das weiß ich.” Suzannah seufzte. “Aber es ist nicht so einfach. Die Verantwortlichen werden mit dem Krankenhaus in England in Kontakt treten wollen. Und obwohl man letztlich erkannt hat, dass ich unschuldig gewesen bin, ist der Ruf doch ruiniert.”

Ihr Gesicht strahlte plötzlich. “Vielleicht könnte ich …”

“Was?”, hakte John nach.

“Vielleicht könnte ich mit Malcolm Stennet, dem Manager der Klinik, sprechen. Wenn irgendjemand zu mir gehalten hat, dann er. Wahrscheinlich geht die Anfrage sowieso an ihn. Ich rufe ihn sofort zu Hause an.”

“Suzannah!”, schrie Malcolm Stennet, als er hörte, wer am Apparat war. “Ich hatte schon geglaubt, du wärst vom Erdboden verschluckt worden.”

“Ich bin schon seit sechs Monaten bei meinem Bruder in Neufundland”, erzählte sie.

“Ich verstehe. Da ist es kein Wunder, dass dich hier nie jemand gesehen hat. Eine gewisse Person hat sich mehrfach nach dir erkundigt. Ich muss wohl nicht sagen, wer. Aber auch wenn ich es gewusst hätte, wäre nichts über meine Lippen gekommen.”

Suzannah spürte, dass ihr Mund trocken wurde. “Nigel?”

“Ja, höchstpersönlich. Er arbeitet jetzt in einem Londoner Krankenhaus. Ich weiß nicht, wie er an den Job gekommen ist.”

“Bitte, Malcolm. Erzähle ihm nicht, wo ich bin.”

Der ältere Manager kicherte. “Ich würde dem Halunken nicht einmal die Uhrzeit sagen, geschweige denn erzählen, wo du dich aufhältst. Außerdem ist Neufundland groß. Ich wüsste nicht, wohin ich ihn dort schicken sollte.”

“Das wirst du aber, wenn ich dir den Grund für meinen Anruf erkläre.”

“Da bin ich gespannt.”

“Zurzeit lebe ich in St. Anthony bei meinem Bruder und dessen Familie. Aber man hat mir eine Stelle in der Gegend von Port aux Basques angeboten. Ich würde das Angebot gerne annehmen, aber …”

“Bist du wegen der schrecklichen Angelegenheit besorgt, in die dich Nigel mit hineingezogen hat?”, fragte er nach, als Suzannahs Stimme erstickte.

“Suzannah, nichts und niemand außer dir selber steht dir im Weg. Hör endlich auf, dich selber zu bestrafen und nimm die Stelle an.”

“Ich danke dir von Herzen”, antwortete sie mit zitternder Stimme. Ohne diesen Mann hätte sie den Albtraum, in den sie damals hineingeraten war, nicht überstanden. Sein kühler Kopf und der Glaube an sie hatten ihr geholfen, den Verstand zu bewahren. Und dafür würde sie ihm ewig dankbar sein.

Nigel Summers war schlau und ehrgeizig, zu ehrgeizig. Sie hatten beide eine Anstellung in der Pädiatrie eines Krankenhauses in den Midlands gehabt, er als Chefarzt und sie in einer weniger einflussreichen Position.

Er war von schneller Auffassungsgabe, charmant und risikobereit. Und Nigel war außergewöhnlich arrogant. Als sie beide in diese schreckliche Affäre geraten waren, hatte er keine Skrupel gehabt, weiter zu praktizieren.

Für Suzannah war es mittlerweile unbegreiflich, was sie an diesem Mann so anziehend gefunden hatte. Von Liebe konnte seinerseits nicht die Rede gewesen sein. Sonst hätte er sie nicht für einen Fehler beschuldigt, den er in einem kindischen Wutausbruch begangen hatte.

Schon am Anfang ihrer Beziehung hatte die viel stillere Suzannah bemerkt, dass Nigel Summers keine Konkurrenz duldete. Eine zu glänzende Persönlichkeit an seiner Seite hätte nur die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Damals hatte es ihr nichts ausgemacht.

Bis zu dem Zeitpunkt, als er der kleinen Tochter einer der führenden Persönlichkeiten der Stadt einen Teil der Versorgung aus Verärgerung gestrichen und Suzannah seine Entscheidung angezweifelt hatte, war er mit ihr sehr zufrieden gewesen.

Es war in einer dunklen Novembernacht, als sie Nigel von einem offenbar feuchtfröhlichen Abendessen mit einem seiner Golfkollegen in das Krankenhaus rufen musste.

“Warum ausgerechnet ich?”, schimpfte er. “Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich ein Taxi gefunden habe. Bin ich denn der einzige Arzt hier in der Gegend?”

“Du bist der Chef der Pädiatrie, Nigel”, entgegnete sie müde. “Es handelt sich um Hannah Kerwin.” Suzannah wusste, wie sehr er von dem sozialen Status des Vaters beeindruckt war. “Du hast selber angeordnet, dass du ständig über ihre Behandlung informiert werden möchtest.”

“Und wo liegt das Problem?”, erkundigte er sich irritiert.

Sie betrachtete ihn für einen Augenblick. Schon seit einiger Zeit hatte sie über ihre Beziehung zu diesem überehrgeizigen Mann nachgedacht.

Es war ein langer Tag, und sie war erschöpft. Eigentlich hätte sie schon zu Hause sein sollen.

Die kleine Hannah litt unter dem Reye-Sheehan-Syndrom. Es verursachte Hirnschwellungen und die Leber war durch anhaltendes Erbrechen beschädigt worden. Dazu kamen Gedächtnisverlust und Delirium, um nur einige der Symptome zu nennen.

Aufgrund der beschädigten Leber war Hannah an das Dialysegerät angeschlossen. Gegen die Hirnschwellungen gab man ihr das Medikament Kortikosteroid. Bis vor etwa einer Stunde war ihr Zustand stabil gewesen.

Die Eltern des Mädchens hatten gerade das Krankenhaus verlassen, als eine der Krankenschwestern zu Suzannah gelaufen kam.

Obwohl die beiden Frauen Nigels Anweisungen befolgten, um den Zustand der Patientin zu stabilisieren, hatte ihn Suzannah in das Krankenhaus bestellt.

Als Nigel dort ankam, war der Zustand des Mädchens deutlich besser geworden, was ihn nur noch mehr verärgerte.

“So etwas kann im Verlauf des Reye-Sheehan-Syndroms vorkommen”, sagte er unfreundlich, während er und Suzannah am Krankenbett standen. “Wir werden das Kortikosteroid für eine Weile absetzen. Der Anfall könnte eine Reaktion darauf gewesen sein.”

Suzannah sah ihn besorgt an. “Bist du sicher?”, fragte sie. Es schien ihr, als wäre Nigel nicht ganz bei der Sache. “Hannah bekommt das Medikament schon seit einiger Zeit, und ich denke …”

Er kniff die Lippen zusammen. Nigel war es nicht gewohnt, dass jemand seine Entscheidung infrage stellte, und entgegnete bissig: “Warum hast du mich herbestellt, wenn du es doch besser weißt? Es wird so gemacht, wie ich es angeordnet habe. Deine Schicht ist ohnehin vorbei, und du siehst wirklich schlecht aus. Am besten gehst du nach Hause.”

Suzannah errötete. Um die Sache für sie noch unangenehmer zu machen, lächelte er der Krankenschwester zu und sagte: “Nicht wahr, Schwester, wir werden die Angelegenheit schon in den Griff bekommen?”

Die junge Frau, die eine von Nigels zahlreichen Verehrerinnen war, strahlte ihn an, woraufhin Suzannah sich ihrer Erschöpfung ergab.

Zu Hause angekommen, ging sie sofort ins Bett, ohne den Wecker zu stellen, da sie den nächsten Tag freihatte.

Am Tag darauf erschien sie zu ihrer gewohnten Schicht im Krankenhaus. Sie ging in Hannahs Zimmer und sah voller Schrecken, dass das Bett leer war. Die Krankenschwester wich ihrem bestürzten Blick aus.

Das war der Anfang eines bösen Albtraumes. Die Krankenschwester erzählte den Verantwortlichen, dass sie auf Suzannahs Anweisung hin das Medikament gestrichen hatte, und Nigel leugnete, überhaupt etwas damit zu tun gehabt zu haben.

Als sie ihn darauf ansprach, erklärte er: “Ich soll das angeordnet haben? Jeder Arzt weiß, dass eine so drastische Veränderung fatale Folgen haben kann.”

“Du lügst!”, rief Suzannah. “Es war dein Vorschlag, nicht meiner! Du konntest ja nicht mehr klar denken. Ich habe sogar noch gefragt, ob du dir deiner Entscheidung sicher bist.”

“Denkst du wirklich, irgendjemand wird dir glauben, Dr. Harding?”, sagte er, ohne sie anzusehen. Und in dem Moment erkannte Suzannah sein wahres Wesen.

Sie blickte ihn unterkühlt an und zwang sich, nicht in Panik auszubrechen. Sie war unschuldig. Das wusste sie. Aber sofort stieg ein Schuldgefühl in ihr auf. Wenn sie doch nur darauf bestanden hätte zu bleiben, dann wäre das Kind noch am Leben.

In den darauf folgenden Erklärungen, die sie vor der Direktion des Krankenhauses machen musste, beteuerte sie ihre Unschuld. Sie musste den verzweifelten Eltern begegnen, die gegen das Krankenhaus Anklage erheben wollten, und da war die Presse.

Natürlich bedeutete dieser Vorfall das Ende ihrer Verlobung. Sie war dumm genug gewesen, sich von seinem charmanten Äußeren in die Irre führen zu lassen, anstatt nach einer inneren Qualität zu suchen.

Malcolm Stennet stand ihr während des Disziplinarverfahrens zur Seite. Er hatte betont, dass sie eine Vierundzwanzigstundenschicht hinter sich hatte und Nigel gerade von einer abendlichen Verabredung kam, wo er ganz offensichtlich etwas getrunken hatte.

Gerade als Suzannah jede Hoffnung aufgegeben hatte, mischte sich die Krankenschwester ein, die damals mit am Bett des Kindes gestanden hatte. Sie erklärte, dass sie sich nicht mehr sicher sei, wer ihr die Anweisung gegeben hatte, und dass es ebenso Dr. Summers hätte gewesen sein können.

Suzannah war entlastet. Es gab niemanden, der nicht den Verdacht hatte, dass Nigel eine falsche Aussage gemacht hatte. Aber sein bisher ausgezeichneter Werdegang ließ ihn mit einem blauen Auge davonkommen.

Suzannahs Erleichterung war grenzenlos. Aber der Vorfall hatte ihr die Freude an ihrer Arbeit genommen. Es gab für sie nach dem unnötigen Tod dieses Kindes kein Zurück mehr.

Die Einladung von John kam nach den Ereignissen sehr willkommen.

Und jetzt war sie erneut einem Mann begegnet, der sie in Flammen gesetzt hatte. Er wollte, dass sie gemeinsam arbeiteten. Aber was würde Lafe sagen, wenn er von ihrer Vergangenheit erfuhr?

Es war unmöglich, ihm den Tod des Kindes zu gestehen. Suzannah konnte es nicht ertragen, dass Lafe schlecht über sie dachte, obwohl sie sich erst so kurze Zeit kannten. Möglicherweise würde er sogar sein Angebot zurückziehen …

Ich werde ihm davon erzählen, noch bevor ich den Job annehme, versprach sie sich.

Nach Malcolms Angaben war Nigel an ein renommiertes Krankenhaus in London gegangen. Er hatte viele Fähigkeiten auf dem medizinischen Sektor, und Suzannah war sich sicher, dass er trotzdem weiterhin sehr erfolgreich sein würde.

Sie rief Lafe am nächsten Morgen an und gab ihm die Zusage.

“Das ist wunderbar, Suzannah,” sagte er mit seiner liebenswerten kanadischen Art, Worte auszudehnen. “Das muss gefeiert werden, finden Sie nicht?”

Sie lachte über den Vorschlag. “Sollten wir damit nicht warten, bis ich angenommen bin?”

“Warum? Wir können doch auch ein zweites Mal feiern.”

“John und Debbie würden Sie gerne treffen. Sie laden Sie zu einem Brunch am Sonntag ein, wenn Sie Zeit haben. “

“Der große Bruder möchte wohl ein Auge auf mich werfen?”, fragte er zerknirscht.

Suzannah konnte das nicht abstreiten. Ihr Bruder hatte längst bemerkt, dass dieser fremde Mann ihr neue Kraft gab.

“Gut. Zu welcher Zeit soll ich kommen … und wo wohnt Ihr Bruder?”

“Über die Ereignisse in England wird kein Wort verloren”, sagte Suzannah zu ihrem Bruder und Debbie, während sie in der Küche standen und Vorbereitungen trafen.

Gesalzenes Rindfleisch, ein köstlicher Elch-Eintopf und zum Nachtisch gab es Eis mit Moltebeeren. Moltebeeren waren die kleinen, aprikosenfarbenen Beeren, die in Neufundland als eine der beliebtesten Delikatessen galten.

“Ich möchte Lafe selber im richtigen Augenblick davon erzählen. Er soll erst sehen, dass man sich auf mich verlassen kann.”

“Sieh an!”, bemerkte John mit einem Grinsen. “Sind wir nicht plötzlich wieder guten Mutes und von neuer Willenskraft, seit wir diesem Arzt begegnet sind?”

Ein Schatten zog über Suzannahs Gesicht. “Nach außen mag das vielleicht so wirken, aber es ist nur auf der Oberfläche.”

Das Essen verlief in bester Stimmung und während Lafe die beiden Jungs mit Geschichten über Eisbären und Polarwölfe faszinierte, folgte John seiner Schwester in die Küche.

Sie blickte ihn fragend an, woraufhin er die Daumen hochhielt und lächelte. “Du glaubst also nicht, dass er mich in ein Iglu verschleppen und verführen würde?” Suzannah musste ebenfalls lächeln. Die Gedanken an seinen schönen Körper weckten ein Verlangen in ihr, dem sie eigentlich abgeschworen hatte.

“Und, habe ich die Prüfung bestanden?”, fragte Lafe, als sie gemeinsam zu seinem Auto gingen.

“Mit Auszeichnung.”

“Und wie steht es mit Ihnen?”

Sie hätte ihm sagen können, dass er wie ein Sonnenstrahl ihr schattiges Leben erhellte, und dass sie seit ihrer ersten Begegnung fortwährend an ihn denken musste. Aber würde das nicht ein Unglück geradezu herausfordern?

Sie antwortete daher mit besonderer Leichtigkeit. “Ich lasse es Sie wissen, sobald feststeht, dass wir zusammenarbeiten werden.”

“Ich wollte von dir wissen, was du über mich als Privatperson denkst.” Er war unversehens zum vertrauten Du übergegangen.

“Unvergesslich.” Es war eine schmeichelhafte Antwort, aber es konnte alles damit gemeint sein.

Er warf lachend den Kopf zurück. “Ich gebe auf. Dann werde ich den zuständigen Personen sagen, dass ich meine Assistenzärztin gefunden habe. Mit welchem englischen Kollegen werden sie sich in Verbindung setzen müssen?”

“Mit Malcolm Stennet, dem Manager.” Sie reichte ihm einen Notizzettel mit dem Adresskopf darauf. “Die Adresse steht hier.”

“Danke”, antwortete er unbeschwert. “Ich rufe dich an, sobald ich ein Ergebnis habe.”

Suzannah nickte und fragte sich, wie das Ergebnis wohl aussehen würde; Suzannah Harding: null Punkte; Nigel Summers, der Herr der gespaltenen Zunge: Sieger?

Als er zu dem Haus zurückfuhr, an dem bald das Schild Zu verkaufen hängen würde, war er vollkommen in Gedanken. Die entzückende englische Ärztin war aus einem ihm unbekannten Grund sehr vorsichtig.

Heute war es ganz deutlich geworden, und er fragte sich, woran das lag. Möglicherweise lag der Grund nur darin, dass sie sich erst so kurze Zeit kannten.

Vielleicht glaubt sie, ich sei nach einem zweijährigen Aufenthalt in der Arktis vollkommen sexbesessen, überlegte Lafe amüsiert. Sie konnte nicht wissen, dass auch er auf der Flucht gewesen war. Die Gedanken an Nicolette kamen erst jetzt langsam wieder in sein Bewusstsein.

Seine hübsche jüngere Schwester hätte nicht gewollt, dass er für immer um sie trauerte. Das wusste Lafe. Wenn es nach ihr ginge, würde er seine rastlosen Wanderungen eines Tages einstellen und sich niederlassen.

Und, war er auf dem Weg dahin? Ganz und gar nicht! Jetzt war es sogar soweit, dass er das Haus, in dem sie beide als Kinder glücklich aufgewachsen waren, verkaufen würde. War er verrückt geworden?

Aus England kamen keine Einwände, und in dem kurz darauf folgenden Interview sagte man Suzannah, dass sie die Stelle haben könne.

“Wann fangen wir an?”, erkundigte sie sich, als Lafe ihr die Neuigkeiten telefonisch überbrachte.

“Sobald die Formalitäten erledigt sind, das heißt zum Beispiel deine Arbeitserlaubnis und dergleichen. Der Umbau der Walfangstation ging sehr zügig voran. Jetzt werden nur noch die letzten Kleinigkeiten fertig gestellt. Die Geräte sollen am kommenden Montag einsatzbereit sein. Das heißt, wir müssten uns schon am nächsten Wochenende dort einrichten.”

“Gibt es auch genügend Schlafmöglichkeiten für sechs Angestellte?”, fragte sie.

“Ja. Auch das. Es gibt kleine Hütten; eine für dich, eine für mich, und die anderen vier Mitarbeiter teilen sich jeweils ein Häuschen.”

“Wie abgelegen ist der Ort?”

“Man könnte es vielleicht so beschreiben: Die Station liegt inmitten einer Ansammlung von kleinen Gemeinden, die vom Fischfang leben. Nahezu alle dieser Gemeinden befinden sich unmittelbar an der Küste. Es gibt dort meist ein eigentümliches Motel, einen Supermarkt und manchmal sogar ein Gemeindezentrum, genauer gesagt eine Halle, in der sich das soziale Leben abspielt. Wir werden im Grunde ähnliche Arbeit leisten wie Grenfell, nur dass wir nicht mit Hundeschlitten, sondern mit Autos durch die Landschaft fahren werden.”

“War Grenfell der Grund für dich, an dem Projekt teilzunehmen?”, fragte Suzannah neugierig.

“Ja, bis zu einem gewissen Grade. Empfindest du nicht auch diesen Drang?”

“Hm … doch”, murmelte sie. Aber es war nicht die volle Wahrheit. Lafe Hilliard war auch ein Grund …

Glücklicherweise wurde Debbies Projekt vorzeitig beendet, sodass sie nun wieder vollkommen für die Kinder da sein würde. Es machte daher keine Schwierigkeiten, wenn Suzannah bereits am kommenden Wochenende nach Port aux Basques ziehen würde.

“Du wirst sehr weit weg von uns sein, Zannah”, sagte John, als er erfuhr, dass Suzannah sie verlassen würde. “Wann sehen wir uns wieder?”

“Sicher schon bald”, versprach sie.

Suzannah und Lafe verließen St. Anthony am frühen Samstagabend. Es war nicht der glücklichste Zeitpunkt, um eine so lange Reise anzutreten. Aber Lafe wollte bei dem Besichtigungstermin, den ein erster Hausinteressent vereinbart hatte, dabei sein.

“Nachdem ich die Besucher herumgeführt habe, werde ich an meinen Gefühlen erkennen, ob ich das Haus wirklich verkaufen will”, hatte er Suzannah erklärt.

Und so kam es, dass sie sich in der Herbstdämmerung auf den Weg nach Port aux Basques machten.

Suzannah hatte ihren Mietwagen zurückgegeben und sich stattdessen einen Jeep gekauft.

Sie war bereit, Lafes Shogun zu folgen. Als sie John, Debbie und den beiden Jungs Auf Wiedersehen winkte, ahnte Suzannah noch nicht, wie bald ihr neuer Jeep auf die Probe gestellt werden würde.

“Achte auf die Elche”, sagte Lafe, bevor sie abfuhren. “Sie schlafen tagsüber und werden gegen Abend wach. Sie tappen oft auf die Straße. Die armen Tiere sind nahezu blind.”

Sie starrte ihn an. “Wirklich?”

Sie schienen schon seit Stunden unterwegs zu sein, ohne dass auch nur ein Elch aufgetaucht war. Suzannah glaubte mittlerweile, dass Lafe ein wenig übertrieben hatte. In dem Moment trat aus dem Dunkel eine große, dunkle Gestalt mit wuchtigem Geweih.

Verzweifelt versuchte sie, dem Elch auszuweichen. Das Tier machte kehrt und tappte gemächlich davon. Suzannah fand sich im Straßengraben wieder, den Kopf gegen das Lenkrad gestützt.

“Mein Gott, Suzannah!”, hörte sie Lafe in der Nähe schreien. Kurz darauf öffnete er die Wagentür. Besorgt sah er sich um. Nachdem Lafe festgestellt hatte, dass sie nirgendwo eingeklemmt war, legte er sie vorsichtig ins Gras.

“Bist du verletzt?”, fragte er ernst.

Sie schüttelte den Kopf. Und mit einem Schluchzen in der Stimme sagte sie: “Aber ich kann nicht aufhören zu zittern.”

Er zog sie an sich und streichelte ihr Haar aus dem Gesicht. Mit den Lippen an ihren Augenbrauen beruhigte er sie.

Als sie aufgehört hatte zu zittern, sagte er sanft: “Ich bringe dich in den Shogun. Morgen schicke ich dann einen Mechaniker her, um den Jeep abzuholen. Bist du einverstanden?”

Sie verneinte. “Natürlich nicht. Wie sieht denn das aus, wenn die Ärztin gleich als erste Patientin in die Klinik eingeliefert wird.”

Er küsste nochmals ihre feuchte Augenbraue und zog sie hoch. Lafe hielt sie in den Armen. “Du hättest verunglücken können.”

Es war das erste Mal, dass sie Körperkontakt hatten. Obwohl Suzannah noch unter Schock stand, wusste sie, wie sehr es ihr gefiel, von Lafe festgehalten und geküsst zu werden. Auch wenn es nur eine tröstende Geste war.

Als Lafe ihr auf den Beifahrersitz geholfen hatte, wickelte er eine Decke um sie. Sie blickte auf seinen geneigten Kopf und das blonde Haar. “Du bist sehr lieb, vielen Dank”, sagte sie weich.

Daraufhin sah er sie an und lächelte. “Vielleicht habe ich Gründe dafür?”

“Und die wären?”

“Ich fühle mich schuldig für den Unfall. Immerhin habe ich dich in dieses Port-aux-Basques-Projekt hineingezogen. Und wenn ich nicht auch noch der Hausbesichtigung beigewohnt hätte, wären wir viel früher aufgebrochen.”

“Ist das alles?”

“Hm … nein … nicht ganz. Du bist mir als sehr rationelle, kühle Person begegnet, die unter normalen Umständen sehr gut auf sich selber aufpassen kann. Deine verletzbare, schwache Seite gibt mir Gelegenheit, mich von meiner besten Seite zu zeigen.”

Er lachte, aber sie fiel nicht mit ein. Wenn er wüsste, wie irrational sie mit einem unvergesslichen Vorfall ihrer Vergangenheit umging, würde er seine Meinung revidieren.

“Was hat der Interessent zu dem Haus gesagt?”, erkundigte sie sich, um das Thema zu wechseln, was Lafe sofort kommentierte.

“Ich habe längst bemerkt, dass du jegliche persönliche Unterhaltung zwischen uns vermeidest.” Er lächelte nicht mehr. “Ich habe dich verstanden … und, um deine Frage zu beantworten, sie fanden es zu groß für ihre Bedürfnisse.”

Lafe erwähnte nicht, wie schmerzhaft es für ihn gewesen war, den möglichen Käufern sein Haus zu präsentieren. Besonders schlimm war es, sie in Nicolettes Zimmer zu führen. Nach der Besichtigung hatte er den Makler angerufen und ihn gebeten, den Verkauf für eine Weile auszusetzen.

Seine schlimmsten Albträume handelten immer von der See. Der blaue Atlantik hatte ihm seine Schwester genommen. Es schmerzte ihn wie ein Messerstich, als er während des Abendessens die englische Ärztin mit ihrem Bruder erlebt hatte.

Lafe hatte St. Anthony verlassen, und seine Eltern auf ihre Weise trauern lassen. Er selber war seitdem ein Nomade, der erst seit wenigen Wochen den Wunsch verspürte, selber Wurzeln zu schlagen.

3. KAPITEL

Obwohl Suzannah sofort eingewilligt hatte, wäre es ihr lieber gewesen, bei Tageslicht ihr Ziel zu erreichen.

Das einzige Licht kam von den Scheinwerfern des Shoguns. Und als sie versuchte, die Umgebung auszumachen, verstand sie, was Lafe mit ‘abgelegen’ gemeint hatte.

An dem nächstgelegenen Haus öffnete sich eine Tür. Als das Licht der Scheinwerfer den Türeingang erhellte, wurde eine ältere Frau auf den Stufen sichtbar.

“Sie sind sicherlich die beiden Ärzte”, sagte sie, als Lafe vom Wagen heruntersprang.

“Das ist richtig”, antwortete er. “Mein Name ist Lafe Hilliard.” Er zeigte auf Suzannah, die noch im Auto saß. “Und das ist Dr. Harding. Mir wurde gesagt, dass Sie die Schlüssel haben, ist das richtig?”

“Sicher”, antwortete sie und ließ die Schlüssel zwischen ihren Fingern baumeln. “Ich bin Maisie Roberts und zurzeit Sprecherin des Gemeinderates. Ihre Betten sind vorbereitet, und in den Kühlschränken finden Sie etwas zu essen.” Sie schob sich eine weiße Haarsträhne aus der Stirn. “Sie sind spät. Ich gehe jetzt schlafen. Sollten Sie irgendetwas benötigen, lassen Sie es mich wissen. Ich bin auch die Hausmeisterin und werde morgen früh da sein.”

Sie wies hinter ihnen auf den dunklen Schatten der Berge. “Die Straße, die den Berg hinaufführt, bringt Sie direkt zu den Hütten.”

“Ich nehme an, die Blaskapelle konnte nicht mehr warten, und es war sicherlich nur zu dunkel, um den roten Teppich zu sehen”, sagte Lafe angespannt, während er das Auto wendete. “Es ist alles meine Schuld”, fügte er ohne seinen sonst so ausgeprägten Humor hinzu. “Ich hätte dafür sorgen sollen, dass wir bei Tage ankommen. Du bist immer noch ganz aufgewühlt, und jetzt müssen wir auch noch nach unserer Unterkunft suchen.”

“Das macht nichts”, antwortete Suzannah erschöpft. “Wenn du ein Bett für mich gefunden hast und ich einen heißen, süßen Tee getrunken habe, werde ich sofort schlafen.”

Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm zu sagen, dass ihr Nacken schmerzte.

Wenngleich die Hütten von außen primitiv wirkten, war das Interieur eine Überraschung. Sie waren tadellos, die Möbel sehr komfortabel und der Holzfußboden poliert. Suzannah wurde bei dem Anblick fröhlicher.

“Welche möchtest du beziehen?”

“Die neben deiner”, antwortete Suzannah sofort. “Nur für den Fall, dass ich des Nachts von einem Ureinwohner, wie zum Beispiel einem Elch, einem Karibu … oder vielleicht sogar einem Eisbären Besuch bekomme.”

Lafe musste lachen.

Nachdem sie sich jeweils in ihren Unterkünften niedergelassen hatten, machte Lafe in Suzannahs Küche Tee. Sie setzten sich mit den Tassen jeder an eine Seite des Tisches. “Ich überbringe ungern schlechte Neuigkeiten, aber du hast ein nicht zu übersehendes blaues Auge von dem Unfall davongetragen.”

Suzannah stöhnte. Das fing ja gut an!

“Trotzdem, herzlich willkommen in Bramble Bay”, sagte Lafe sanft. “Ich hoffe, du bist keine fanatische Kinogängerin, Suzannah. Mir scheint, dass wir an diesem Ort selbst für unser Vergnügen sorgen müssen.”

Was das wohl bedeuten soll, fragte sie sich. Ein herausfordernder Blick traf ihren. Sie erinnerte sich daran, wie wohl sie sich in seiner Umarmung am Straßenrand gefühlt hatte. Sie musste verrückt sein, mit einem so begehrenswerten Mann wie Lafe Hilliard an einen so abgelegenen Ort zu fahren.

Er schien ihre Gedanken erahnen zu können.

“Mach dir keine Gedanken, Suzannah. Wenn ich draußen bin, verschließt du die Tür und schläfst. Morgen frühstücken wir hier zusammen, in Ordnung?”

“Ja, gerne”, antwortete sie in der angenehmen Vorfreude auf ein Frühstück mit dem Wikinger.

Als Suzannah am folgenden Morgen in einem sonnendurchfluteten Zimmer erwachte, wusste sie für einen Augenblick nicht, wo sie sich befand. Dann kam die Erinnerung wieder. Der Elch, der vor ihren Jeep getreten war, Lafe, der sie in seinem Arm gehalten hatte, bis der Schock etwas nachgelassen hatte, und dann ihre Ankunft an diesem Ort, der in den frühen Morgenstunden wie der letzte Zipfel menschlicher Zivilisation gewirkt hatte.

Ihr Nacken schmerzte. Vorsichtig ging sie zum Fenster. Die Ansammlung von Häusern, die sie im Dunkeln nur hatten erahnen können, stand wohl angeordnet im Licht der Morgensonne. Und überall an der Küste entlang waren diese Häuser verteilt, so weit sie blicken konnte.

Direkt neben den Holzhäusern verlief ein sandiger Küstenstreifen, auf dem in Abständen die Fischerboote lagen; und dahinter, glitzernd, blau und atemberaubend, der Atlantik. Ein kleines Stück entfernt, auch direkt an der Küste, sah sie eine weiße Kirche.

Als Suzannah in das Landesinnere blickte, war sie erstaunt, das klobige Gebäude einer Fabrik zu sehen. Vielleicht gehörte es zu der englischen Papierfirma, die Neufundland vor langer Zeit als ein dicht mit Bäumen bewachsenes Stück Land entdeckt hatte.

Bramble Bay ist schön, dachte sie. Noch bewegte sich nichts. In der Stille der Morgendämmerung verbreitete der Ort Ruhe.

Aber wo war die Klinik?

Ein Klopfen an der Tür ließ sie zum Morgenmantel greifen. “Bin ich zu früh?”, fragte Lafe, als er ihren Haarschopf und den hastig übergeworfenen Morgenmantel betrachtete.

Sie schüttelte den Kopf. “Nein, ich habe großen Hunger. Die Aussicht ist herrlich. Bei Tageslicht ist dieser Ort bedeutend freundlicher.”

“Oh ja!”, antwortete er von ganzem Herzen. “Den ganzen Morgen schon sauge ich die Landschaft in mich auf. Mir ist aufgefallen, dass man die Klinik nicht sehen kann.”

“Ja, das habe ich auch schon festgestellt. Dabei sollte eine Walfangstation doch nicht so leicht zu übersehen sein”, antwortete Suzannah.

“Möglicherweise befindet sie sich hinter der Felswand, auf der Rückseite unserer Häuser. Ich schlage vor, dass wir uns nach dem Frühstück auf die Suche nach der Bramble Bay Klinik machen. Wir haben schließlich nur einen Tag, um uns dort zurechtzufinden.”

Lafe beobachtete sie, als sie in die Küche ging. “Wie geht es deinem Nacken?”

“Ich habe ihn mir verrenkt, glaube ich.”

“Lass mich mal sehen.” Er tastete den Hals vorsichtig ab. “Die Wirbel scheinen alle an der richtigen Stelle zu sitzen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Muskeln gezerrt sind. Vielleicht finden wir in der Klinik eine Halskrause. Dabei fällt mir ein, dass ich Maisie Roberts fragen wollte, ob sie einen Mechaniker in der Gegend kennt, der dein Auto hierherbringen kann.”

“Ja”, stimmte sie abwesend zu.

Für den Jeep war gerade kein Platz in ihren Gedanken. Die Berührung der großen Hände mit den schlanken Fingern auf ihrem Nacken hätte für immer anhalten können. Aber sie wollte es nicht riskieren, ein zweites Mal auf jemanden hereinzufallen. Sie entzog sich seinen Händen mit einer abrupten Bewegung.

Er blickte sie irritiert an, und Suzannah schämte sich dafür, dass sie Lafe mit ihrem ehemaligen Verlobten verglich. Lafe war Nigel alles andere als ähnlich.

Trotzdem war sie noch nicht bereit für eine neue Beziehung, nicht, solange sie Nigels Betrug nicht verarbeitet hatte und einen Weg fand, mit dem immer noch anhaltenden Gefühl der Schuld umzugehen. Die Frage, die sie am meisten quälte, war, was Lafe von ihr dachte, wenn er davon erfuhr.

Lafe legte den Schinkenspeck in den Grill. Suzannah riss sich von ihren Gedanken los und deckte den Tisch.

Als sie sich gemeinsam an den Tisch setzten, fragte er: “Über was hast du eben gerade nachgedacht?”

Überrascht blickte sie auf. “Äh … über nichts Bestimmtes”, wich sie aus.

“Du warst mit den Gedanken in England, nicht wahr?”, hakte er nach. “Liebst du diesen englischen Arzt noch immer?”

Suzannah überlief ein Schauder. “Oh, ganz und gar nicht. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an ihn denke.”

Mit dieser Antwort schien Lafe nicht gerechnet zu haben. “Was schmerzt dich dann so sehr?”

Sie entschied sich für einen Gegenangriff. “Ich wühle doch auch nicht in deinen Privatangelegenheiten.”

“In Ordnung”, antwortete er kühl. “Aber lass dir gesagt sein, dass ich nicht bereit bin, mit Kollegen zu arbeiten, die mit ihrer Vergangenheit nicht im Reinen und darüber hinaus nicht bereit sind, über die Probleme zu sprechen.”

Jetzt verlor Suzannah die Kontrolle. “Ich habe mich doch seit dem Treffen, bei dem du mir die Stelle angeboten hast, nicht verändert”, entgegnete sie schnippisch. “Warum urteilst du jetzt?”

“Ich urteile nicht”, antwortete Lafe in seiner ruhigen Art, was Suzannah umso mehr aufregte. “Ich habe allerdings den Eindruck, dass du mir nur einen Teil von dir zeigst.”

“Möglich”, antwortete sie, die Wut noch in sich, als sich Maisie Roberts nach ihnen erkundigte. “Ist alles in Ordnung?”, fragte sie, als Suzannah sie hineinbat.

Falls Maisie bemerkt hatte, dass die Ärztin noch nicht angezogen war und dass Lafe und sie gemeinsam frühstückten, ließ sie es sich nicht anmerken.

Als Lafe und Suzannah die Klinik betraten, sahen sie, dass schon jetzt reichlich Schreibtischarbeit auf Lafe wartete. Ihr Team setzte sich aus einer Krankenschwester, einem Krankenpfleger, einer Empfangssekretärin und einer Krankengymnastin zusammen.

Das geräumige Gebäude war aus Holz errichtet worden und wie ihre Unterkünfte von außen sehr einfach, innen jedoch beeindruckend gut ausgestattet. Es gab ein angenehmes Wartezimmer mit einer Telefonzelle für die Besucher, ein Sprechzimmer, daneben ein Zimmer mit den nötigen Geräten und sogar eine kleine Apotheke.

Lafe nickte anerkennend. “Es macht natürlich keinen Sinn, jemandem ein Rezept auszuschreiben, wenn die Person erst meilenweit reisen muss, um das Medikament zu bekommen.”

Sie blickte ihn fragend an. “Sind wir eigentlich rund um die Uhr in Bereitschaft?”

Lafe schüttelte den Kopf. “Nein, natürlich nicht. Aber wir sind verpflichtet, in Notfällen, die unsere Möglichkeiten nicht überschreiten, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu helfen. Selbstverständlich sind bei wirklichen Katastrophen die Leute aus Port aux Basques zuständig.”

Während er sprach, sah sich Lafe die Ausstattung an. Wenige Sekunden später drehte er sich triumphierend um. “Eine Halskrause. Würden Sie bitte zu mir herübertreten, Dr. Harding.” Als er die Stütze vorsichtig um ihren Hals legte und sie dann im Nacken zuband, strich er mit seinen Lippen über ihre Haut.

Suzannah wusste, dass er mit dieser Geste keine Anspielung machen wollte. Es war seine Art zu sagen, ‘alles ist gut’. Aber sie drehte sich daraufhin langsam zu ihm um. Sie sahen sich in die Augen, und die Stimmung veränderte sich.

Das strahlende Blau seiner Augen hatte sich verdunkelt. Verwundert öffnete er seine Lippen, und zu ihrem Erstaunen tat sie den ersten Schritt und zog ihn zu sich in die Arme.

Schon nach dem ersten Augenblick wusste sie, dass Nigels gönnerhafte Umarmungen nicht mit dieser warmen und leidenschaftlichen Geste von Lafe Hilliard zu vergleichen waren. Sie tauchte ganz darin unter und verlangte nach mehr.

Da sie diejenige gewesen war, die den ersten Schritt getan hatte, musste sie den Wahnsinn auch beenden. Sie schnappte nach Luft und schob ihn von sich. “Das geht nicht. Erstens ist Maisie hier in der Nähe …”

“Und zweitens …?”, fragte er mit bedrohlicher Ruhe.

“Ich wollte sagen, dass es nicht korrekt ist”, gab sie als schwache Antwort. “Es funktioniert nicht, wenn Kollegen so etwas anfangen.”

“Was anfangen?”, fragte er mit unveränderter Ruhe.

Suzannahs kämpferischer Instinkt flammte erneut auf. “Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht, wovon ich spreche, Lafe. Du weißt doch genau, dass ich es bereits einmal ausprobiert habe.”

“Und war es genauso gut?”

“Nein. Das war es nicht”, gestand sie zögernd.

“Du hast Nerven, Suzannah”, sagte Lafe mit der ihm eigenen Art von Wut. “Hast du schon vergessen, dass du den ersten Schritt gemacht hast?”

Ihr Gesicht wurde heiß. “Nein, das weiß ich sehr wohl. Und es tut mir leid. Es ist wirklich bedauerlich, dass du nicht etwas weniger umgänglich und vor allem weniger attraktiv bist.”

Jetzt lächelte er zum ersten Mal während ihres Wortgefechtes. “Ist das deine Entschuldigung?”

“Ja, das ist meine Entschuldigung”, stimmte sie zu. Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte, und sie ließ Lafe antworten.

“Es ist für dich. John!”, rief er Suzannah zurück, die gerade im Begriff war zu gehen. Nachdem er ihr den Hörer gegeben hatte, verließ er das Sprechzimmer.

“Seid ihr heil angekommen?”, erkundigte sich ihr Bruder sofort.

“Ja, alles ist bestens”, schwindelte sie, um ihrem Bruder nicht unnötig Sorgen zu bereiten.

Drei ihrer zukünftigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und der jeweils diensthabende Apotheker würden erst am Montagmorgen erscheinen, da sie aus Port aux Basques kamen. Linda Strachen, die Krankenschwester, kam bereits am Sonntagnachmittag.

Suzannah blickte auf den Parkplatz vor der Klinik, wo auch zwei Schneescooter für das Ärzteteam bereitstanden. Sie sah die langbeinige, rothaarige Frau selbstbewusst aus ihrem eleganten Auto steigen. Suzannah war sich sicher, dass sie eine der Direktorinnen der Gesundheitsorganisation sein musste, die dieses Projekt ins Leben gerufen hatte.

Aber als sie und Lafe, der zwei ihrer Koffer trug, in das Haus hineinkamen, wurde ihr die Frau als die Krankenschwester des Teams vorgestellt.

“Sie sind sicher eine Patientin der ersten Stunde”, sagte sie, noch bevor Lafe Suzannah hatte vorstellen können.

Suzannah ärgerte sich über die schnelle Art, beurteilt zu werden. Aber eine Halskrause und ein blaues Auge waren nicht das, was man von einer leitenden Ärztin erwarten würde.

“Ich muss Sie enttäuschen”, erklärte sie kühl. “Ich bin Dr. Suzannah Harding, Lafes Assistentin. Und meine Verletzungen rühren daher, dass er seine Angestellten bei Gelegenheit mit ein paar Hieben wieder in ihre Grenzen weist.”

In der darauf folgenden Stille war Suzannah fassungslos über das, was sie gerade gesagt hatte. Aber wie konnte die Frau es wagen, sie schon bei ihrer ersten Begegnung so herablassend zu behandeln.

Lafe sah sie mit kindlicher Freude an, und die neue Krankenschwester, die für einen Moment aus der Fassung gebracht war, lachte kehlig.

“Ich habe Sie verstanden, Dr. Harding.” Dann fuhr sie fort, als wäre nichts vorgefallen. “Ich würde gerne wissen, wo ich schlafe. Die Fahrt war lang.”

“Woher kommen Sie?”, erkundigte sich Lafe in seiner ungezwungenen Art.

“Aus St. Johns. Ich habe dort in einem der Krankenhäuser gearbeitet und brauchte eine Veränderung. Allerdings habe ich mir nicht bewusst gemacht, wie abgelegen dieser Ort ist.”

Sie sah Lafe mit grünen Augen berechnend an. Zu Suzannahs Verärgerung machte sie die gleiche Bemerkung, die Lafe vorher zu ihr gemacht hatte.

“Da müssen wir wohl selber für ein bisschen Unterhaltung sorgen.”

“Ich bin ganz Ihrer Meinung”, antwortete Lafe gelassen und nahm die Koffer wieder auf. “Ich zeige Ihnen, wo Ihre Hütte ist.”

In den Monaten, die Suzannah in Neufundland verbracht hatte, war sie immer wieder darüber erstaunt gewesen, wie schnell das Wetter wechseln konnte. Am Abend dieses sonnigen, milden Tages sank die Temperatur auf null Grad. Als sie am Morgen ihres ersten Arbeitstages aus dem Fenster sah, war sie überrascht, die Landschaft von einer dicken Schneeschicht bedeckt zu sehen.

Glücklicherweise war sie sowohl mit dicken Stiefeln als auch mit der richtigen Winterjacke ausgerüstet.

Sie wünschte sich, der Herbst würde noch etwas andauern. Es war ein so wunderbarer Herbsttag gewesen, an dem sie Lafe begegnet war. Diese Stimmung war so bezeichnend für ihre Beziehung; sie war warm, golden und wurde von Tag zu Tag kostbarer.

Vielleicht sollte der frostige Morgen sie wieder zur Besinnung bringen. Sie hatte sich am Tag zuvor albern benommen.

Die Gedanken an den gestrigen Tag erinnerten sie auch an die herablassende Art von Linda Strachen. Suzannah konnte nur hoffen, dass die Abgeschiedenheit und der eisige Winter sie zurück nach St. Johns treiben würde.

Als die selbstsichere Krankenschwester darüber gesprochen hatte, selbst für Unterhaltung zu sorgen, hing der Blick ihrer grünen Augen an Lafe. Suzannah war sich ganz sicher, dass er die Botschaft verstanden hatte. Würde auch er Signale an sie aussenden?

Als Suzannah aufschaute, sah sie Lafe vor seiner Hütte knietief im Schnee stehen. Sein Gesicht war von der Kälte leicht gerötet, und auf den Haaren lag der Glanz der blassen Sonne. Sie hielt den Atem an.

Dass er nicht verheiratet war, schien geradezu unglaublich. Aber er hatte selber gesagt, dass er ein Wanderer sei. Wie lange würde er es wohl an diesem Ort aushalten?

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