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Bianca Arztroman Band 0026

Leah Martyn

Liebe ist ein starkes Band

1. KAPITEL

Cate war froh, dass sie es endlich geschafft hatte.

Gestern Abend hatte sie Ricks Sachen kurz entschlossen in eine riesige Mülltüte gepackt, die sie jetzt bei der örtlichen Altkleiderstelle abgeben wollte. Acht Monate waren seit ihrer Trennung von Rick De Lisle vergangen. Im Nachhinein fragte sie sich, wie sie überhaupt jemals den Wunsch hatte verspüren können, diesen Mann zu heiraten.

Sie versuchte die unerfreulichen Gedanken abzuschütteln und hievte den prall gefüllten Müllbeutel mit einem entschlossenen Ruck aus ihrem Wagen. Wenige Minuten später, nach beendeter Mission, saß sie wieder in ihrem VW Polo und fuhr in Richtung des Ferndale Medical Centres, wo sie als praktische Ärztin angestellt war.

Die Gemeinschaftspraxis lag in einem der älteren Wohngebiete am Rande von Brisbane. Cate war froh, den Absprung vom hektischen Krankenhausdienst in die übersichtliche Praxisarbeit geschafft zu haben. Sie arbeitete jetzt bereits seit sechs Monaten in Ferndale und war eine von drei Ärzten. Die beiden anderen waren der Begründer der Gemeinschaftspraxis, Peter Maguire, und Jon Goodsir, der seit zwei Jahren dazugehörte.

Zusammen bilden wir ein gut funktionierendes Team, überlegte Cate zufrieden, während sie sich mit ihrem kleinen Wagen durch den morgendlichen Berufsverkehr schlängelte. Zehn Minuten später fuhr sie auf den Parkplatz hinter dem freistehenden Sandsteingebäude, in dem die Praxis untergebracht war.

Sie nahm ihre Arzttasche vom Beifahrersitz, stieg aus dem Wagen und ging mit energischen Schritten zwischen den bunten Blumenrabatten hindurch auf den Hintereingang zu.

In ihrem Behandlungszimmer schlüpfte sie aus der Jacke und blätterte ihre Post durch. Mit einem erleichterten Seufzer zog sie einen Umschlag mit dringend erwarteten Röntgenaufnahmen hervor, öffnete ihn und legte den ersten Film auf den Leuchttisch.

“Oh, Cate, gut, dass Sie da sind!”, rief Chrissie durch den Türspalt. “Sind Sie schon bereit für eine frühe Patientin?”

Verflixt! Cate schaute auf ihre Uhr. Dabei hatte sie sich heute Morgen extra beeilt, um noch ein paar Schreibtischarbeiten vor der offiziellen Sprechstunde erledigen zu können. “Wer ist es denn, Chrissie?”, fragte sie die junge Sprechstundenhilfe.

“Lauren Bentley.”

Cate zog überrascht die Augenbrauen hoch. Lauren Bentley war erst vor fünf Tagen zu der obligatorischen Untersuchung, sechs Wochen nach ihrer Entbindung, in der Praxis gewesen. “Gut, wenn es ein Notfall ist, sollte ich sie mir besser ansehen.”

Chrissie machte ein verlegenes Gesicht. “Ein Notfall ist es nicht direkt. Aber man hat ihr eine Arbeit angeboten, und sie weiß nicht, ob sie zustimmen soll.”

Cate lächelte verständnisvoll. “In dem Fall schicken Sie Lauren gleich zu mir rein. Dazu habe ich in jedem Fall etwas zu sagen.”

“Danke, Cate.” Chrissie zog ihren Kopf zurück, schob ihn aber gleich darauf noch einmal um die Ecke. “Möchten Sie danach eine Tasse Kaffee mit uns trinken?”

“Liebend gern”, sagte Cate. “Wer ist eigentlich in der Praxis und wer ist unterwegs?”

“Jon ist hier, und Peter tummelt sich auf dem Golfplatz”, grinste Chrissie etwas respektlos. “Er will aber um halb zehn wieder in der Praxis sein. Und Dr. Whittaker ist hier.”

Cate zog erstaunt die Augenbrauen hoch. “Ich dachte, er sollte erst nächste Woche kommen? Will er gleich heute anfangen?”

“Davon hat er nichts gesagt”, meinte Chrissie achselzuckend. “Soll ich Lauren jetzt reinschicken?”

“In zwei Minuten.” Cate unterdrückte einen Seufzer, zupfte ihren schwarzen Pullover über den Hüften zurecht und sah ihre mühsam erkämpfte Zeit endgültig dahinschwinden. Wie es aussah, würde es nun ihre Aufgabe sein, Andrew Whittaker mit dem Praxisablauf vertraut zu machen. Peter hätte seinen Neffen wenigstens selbst in Empfang nehmen müssen, wenn dieser ihn für die Zeit seines ausgedehnten Urlaubs vertreten soll, dachte sie leicht gereizt.

Wenig später begrüßte sie Lauren Bentley, die zögernd ihr Sprechzimmer betreten hatte.

“Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben”, sagte die junge Frau und setzte sich auf den Stuhl neben Cates Schreibtisch. “Es ist nämlich so, dass man mir einen Teilzeitjob angeboten hat”, erklärte sie. “Ich habe heute Morgen bereits mit dem Schuldirektor gesprochen.”

Cate verschränkte die Hände in ihrem Schoß. “Und? Haben Sie das Gefühl, dass Sie den Spagat zwischen Arbeit und Muttersein schaffen können?”

“Nun, in jedem Fall ist dieses Angebot viel früher an mich herangetragen worden, als es mir lieb ist.”

“Tja, die Welt ist leider nicht perfekt”, lächelte Cate.

“Nein.” Lauren biss sich auf die Lippen. “Es ist nur so, dass ich es mir nicht leisten kann, den Job einfach auszuschlagen. David und ich haben durch das neue Haus einen ziemlichen Schuldenberg vor der Nase.”

“Haben Sie denn jemand, der sich um das Baby kümmern kann?” Cate blätterte Laurens Krankenakten durch. Sie hatte eine normale Geburt gehabt, und ihr Sohn hatte sich prächtig entwickelt, wie die letzte Untersuchung bewies.

“Meine Mutter würde ihn nehmen.” Lauren schluckte hart. “Trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, ihn im Stich zu lassen.”

“Das müssen Sie wirklich nicht haben, Lauren”, sagte Cate ruhig und eindringlich. “Sie können sogar Ihre Milch abpumpen, damit Ihre Mutter sie dem kleinen Scott geben kann. Ich schreibe Ihnen alles genau auf, aber Sie werden schnell selbst die notwendige Routine entwickeln. Außerdem habe ich noch Broschüren mit nützlichen Tipps für junge Mütter. Ich werde alles in einem Umschlag stecken und bei Chrissie am Tresen für Sie hinterlegen, während Sie ihren Job in der Schule klarmachen. Okay?”

“Wundervoll!” Lauren sprang förmlich auf die Füße. “Ich bin Ihnen wirklich dankbar für Ihre Hilfe und Unterstützung, Dr. Clifford.”

“Gern geschehen”, sagte Cate mit einem ansteckenden Lächeln. “Ich tue doch nur meine Pflicht, genau wie Sie, oder?”

Lauren lächelte schüchtern zurück. “Ich muss mich bloß noch daran gewöhnen, jetzt drei Jobs auszufüllen — als Lehrerin, als Scotts Mutter und als Davids Ehefrau … Wird schon klappen”, sagte sie so zuversichtlich wie möglich. “Schließlich bin ich Optimist.”

Cate schaute ihrer Patientin lächelnd hinterher, als die den Raum verließ und wandte sich dann wieder dem Leuchttisch mit den Röntgenaufnahmen zu.

“Guten Morgen”, sagte eine dunkle, männliche Stimme hinter ihr.

Cate hob abrupt ihren Kopf. Mit offenem Mund starrte sie den hochgewachsenen Fremden an, der in ihrer Türfüllung stand.

“Hi …”, gab sie den Gruß etwas atemlos zurück und holte dann tief Luft. “Dr. Whittaker?”

“Andrew.” Der dunkelhaarige Mann stieß sich lässig vom Türrahmen ab und kam mit geschmeidigen Bewegungen auf sie zu. “Und Sie sind Cate Clifford, nicht wahr?”

Sie nickte und fühlte im nächsten Moment einen festen, warmen Händedruck.

“Man hat mich beauftragt, Ihnen auszurichten, dass der Kaffee fertig ist, und Sie im Bedarfsfall mit Gewalt aus Ihrem Zimmer zu holen.” Er grinste und lehnte sich gegen die Schreibtischkante. Dann hob er eine dunkle Augenbraue. “Kann ich daraus schließen, dass Sie so etwas wie ein Workaholic sind, Dr. Clifford?”

“Nicht mehr als jeder andere in so einer kleinen Praxis”, verteidigte sich Cate. “Außerdem haben wir Sie erst nächste Woche erwartet …” Sie brach ab, weil sie feststellte, dass sich ihre Worte wie eine Entschuldigung anhörten. Was sollte das denn? Warum diese plötzliche Überreaktion? Allerdings hatte sie auch niemand auf diese außerordentliche Erscheinung vorbereitet.

Warum kann er nicht klein und unscheinbar sein, meuterte sie innerlich und warf einen verstohlenen Blick auf das schmale, wettergegerbte Gesicht. Oder wenigstens verheiratet! Das hätte ihn in jedem Fall außerhalb ihrer Reichweite gebracht.

“Peter wird gegen halb zehn wieder hier sein”, sagte sie etwas unbeholfen und zusammenhanglos.

“Hm. Ich weiß.” Andrew veränderte seine Körperhaltung, um über Cates Schulter schauen zu können. “Ich wohne bei Pete und Ellie, bis ich was Eigenes gefunden habe. Wessen Fuß ist das?”, wechselte er das Thema und wies mit dem Kopf auf die Röntgenaufnahme.

Cate holte tief Luft und versuchte sich zu sammeln. “Er gehört zu einem sechsundfünfzigjährigen Schlachter. Er steht fast den ganzen Tag auf Zementboden und klagt über Spannungsgefühl und Empfindlichkeit auf seinem rechten Fußspann. Da sind einige Zysten im vorderen Bereich der Fußsohle”, sagte Cate und wies auf einen Schatten. “Aber die können nicht das Problem sein.”

“Nein”, sagte Andrew und warf ihr ein schnelles Lächeln zu, wobei Cate zwei anziehende Grübchen in seinen schmalen Wangen auffielen. “Also Cate, was wollen Sie Ihrem Schlachter als Behandlung anbieten?”

Cate schaltete den Leuchttisch aus und fühlte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Warum irritierte sie die Nähe dieses Mannes derart, dass sie kaum einen Ton herausbrachte? “Physiotherapie, um die Beweglichkeit des Fußes zurückzuerlangen.”

“Vielleicht würde auch anderes Schuhwerk während der Arbeit Linderung bringen. Ich habe es bei der Armee häufig mit ähnlichen Fußbeschwerden zu tun gehabt.”

Armee? Cate blinzelte verwirrt, doch dann erinnerte sie sich wieder. Peter hatte erwähnt, dass sein Neffe in den letzten Jahren bei der australischen Armee als Militärarzt beschäftigt gewesen war. Offenbar hatte er diese Stelle inzwischen aufgegeben.

Cate lächelte ihn freundlich an. “Werden Sie überhaupt in einer kleinen Vorstadtpraxis wie Ferndale zurechtkommen?”

“Ist das denn so schwer?”

“Ich denke, Sie schaffen das.”

“Puh, da bin ich aber erleichtert.”

Cate errötete, als sie merkte, dass er sie auf den Arm genommen hatte. “Sie wissen genau, wie ich das gemeint habe”, murmelte sie verteidigend.

“Klar weiß ich das”, grinste Andrew und vergrub seine Hände in den Taschen seiner Jeans. “Ich konnte nur der Versuchung, Sie zu necken, einfach nicht widerstehen. Tut mir leid”, sagte er in entwaffnendem Ton und mit einem leichten Augenzwinkern.

Cate gab einen kleinen erstickten Laut von sich. Dass Andrew sich als Spaßvogel entpuppte, erschien ihr als das kleinere Problem. Schlimmer war, dass seine bloße Anwesenheit ausreichte, um ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen. “Wollen wir jetzt Kaffeetrinken gehen?”, fragte sie gepresst.

“Gehen wir.” Sein Lächeln wurde zu einem leichten Grinsen. “Ehe man die Suchtruppen nach uns ausschickt.”

“Wenn Sie möchten, werde ich Ihnen später die ganze Praxis zeigen”, hörte sich Cate zu ihrer eigenen Überraschung vorschlagen.

“Sehr nett von Ihnen, aber ich habe mich diesbezüglich bereits Pete anvertraut. Ihre Patienten hätten Sie mir wahrscheinlich sowieso bald entführt.”

Cate lachte trocken. “Damit können Sie sogar Recht haben. Besonders, weil heute Freitag ist. Da scheint jeder noch einmal seine Wehwehchen vor dem Wochenende kurieren zu wollen.”

“Hm.” Andrew schaute sie nachdenklich an. “Wohnen Sie eigentlich in der Nähe?”, fragte er dann zu ihrer Verblüffung.

“Ziemlich.” Cates Schulter streifte seinen Oberarm, als er stehen geblieben war, um sie in den Aufenthaltsraum vorgehen zu lassen. Sie schaute rasch hoch, und Andrew hielt ihren Blick mit seinen blauen Augen einige endlos scheinende Sekunden gefangen, ehe er zur Seite schaute. Cate konnte ihr eigenes Herz bis zum Hals hinauf schlagen hören.

“Das wird aber auch Zeit!”, hörten sie Chrissie ausrufen. Sie sprang auf die Füße und schenkte frischen Kaffee in zwei fröhlich blau und gelb geblümte Becher ein.

“Andrew, schwarz mit einem Löffel Zucker, tippe ich mal?”, lachte sie dann schelmisch und schob den Zuckertopf über den Tisch.

“Treffer”, grinste er. “Der Kaffee duftet wirklich köstlich. Cate?” Er hielt ihr den Zucker hin.

Sie schüttelte den Kopf. “Nein danke, ich nehme nur Milch.”

“Guten Morgen, alle zusammen!” Bea Harrison, die Praxismanagerin, betrat schwungvoll den Raum. “Ah, Dr. Whittaker. Nochmals herzlich willkommen. Finden Sie sich inzwischen bei uns zurecht?”

“Absolut.” Er warf Bea ein breites Grinsen zu. “Der Kaffee ist jedenfalls ausgezeichnet.”

Bea zwinkerte ihm zu. “Na, prima.” Sie legte ihren umfangreichen Schlüsselbund auf den Tisch und schaute dann forschend in die Runde. “Kann ich vielleicht irgendjemand von Ihnen für unser morgendliches Schulfest begeistern?”

“Mich können Sie gleich von Ihrer Liste streichen”, sagte Jessica Royal, die rothaarige Röntgenassistentin, und schaute von der Zeitschrift auf, die sie gerade durchblätterte. “Ich habe eine wichtige Verabredung. Wir fahren ans Meer”, fügte sie dann in verschmitztem Tonfall hinzu.

“Und ich muss samstags Hockey spielen, Bea”, meinte Chrissie mit einem bedauernden Unterton. “Ist es nicht so, dass die Veranstaltung zu Gunsten des Schulorchesters stattfindet?”

Bea nickte. “Meine beiden Söhne sind Mitglieder. Das Orchester ist nach Adelaide eingeladen worden, um dort auf einem Kunstfestival zu spielen. Es wird bestimmt eine tolle Erfahrung für die Kinder sein. Aber leider kostet dieses Abenteuer eine ganze Menge Geld.”

“Ich denke, ich kann für eine Stunde oder so vorbeischauen”, sagte Cate überlegend. “Jon hat an diesem Wochenende Telefondienst.”

“Oh, Cate, würden Sie das wirklich tun?”, fragte Bea begeistert. “Wir können jede Unterstützung gebrauchen, und ich finde bestimmt einen netten kleinen Job an meinem Kuchenstand für Sie. Was ist mit Ihnen, Andrew?”

Der junge Arzt zuckte zusammen und schaute etwas unbehaglich drein. “Ich … ich muss mir eine Wohnung suchen, Bea. Tut mir leid.”

“Nette Entschuldigung”, murmelte Cate und unterdrückte ein Grinsen.

Andrew hob den Kaffeebecher an seinen Mund und grinste augenzwinkernd zurück.

Wenige Minuten später saß Cate wieder sicher hinter ihrem Schreibtisch, stützte ihren Kopf in die Hände und starrte ins Leere. Sie holte tief Luft und stieß sie langsam und zischend wieder aus. In ihrem Kopf schien eine Warnblinkanlage anzugehen. Bleib bloß mit den Füßen auf dem Boden, Cate, ermahnte sie sich selbst.

Mit einem unterdrückten Seufzer griff sie zum Telefonhörer, um ihren nächsten Patienten, den Schlachter Trevor James, hereinzurufen. Während sie seine Nummer aufrief, geisterte Andrew immer noch in ihrem Kopf herum. Hoffentlich war er ein guter Allgemeinarzt. In jedem Fall musste sie eine Weile mit diesem attraktiven Dr. Whittaker zurechtkommen. Sie konnte natürlich versuchen, ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Während sie auf Mr. James wartete, suchte Cate die versprochenen Broschüren für Lauren Bentley zusammen. Völlig unzusammenhängend wanderten ihre Gedanken zu Madeleine Twigg. Die alte Dame lebte allein in ihrem Haus und hatte niemanden, der sie pflegte. Cate musste umgehend mit Jon und Peter über ihre Patientin reden. Ihrer Meinung nach war es unumgänglich, Mrs. Twigg in einem Pflegeheim unterzubringen. Ihr dafür allerdings die Zustimmung abzuringen, würde nicht einfach sein.

Cate wurde durch einen lauten Aufruhr vor ihrer Zimmertür aus ihren Gedanken gerissen. Ihr Kopf fuhr hoch und sie fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Erst kürzlich hatte es einen Überfall in der Praxis gegeben. Dabei war es den Eindringlingen um Drogen gegangen. Das Ganze war ein echter Albtraum gewesen.

“Cate, können Sie mal kommen?”, rief Chrissie durch die aufgerissene Tür. “Es ist Mr. Cameron. Er ist plötzlich zusammengebrochen!”

Cate stockte der Atem. Der prominente Politiker war einer von Peter Maguires Patienten.

“Was ist passiert?”, forschte sie, während sie neben Chrissie den langen Flur zum Wartezimmer entlanghastete. “Mr. Cameron klagte über eine Magenverstimmung. Deshalb hatte er sich einen Termin bei Dr. Maguire geben lassen.” Chrissie biss sich nervös auf die Unterlippe. “Dann hat er ganz plötzlich die Augen verdreht und … Es war schrecklich, Cate.”

“Rufen Sie den Notarztwagen”, befahl Cate kurz und sah, dass Andrew und Jessica auch schon vor Ort waren. Jessica öffnete gerade die Krawatte und die Hemdknöpfe des Bewusstlosen, während Andrew mit grimmigem Gesicht nach seinem Puls tastete.

“Nichts”, sagte er knapp. “Wir brauchen einen Defibrillator, schnell!”

Jessica schoss förmlich davon. Cates Magen zog sich kurz zusammen, doch dann kehrte ihre gewohnte Routine zurück. Sie kniete sich neben Bart Cameron auf den Boden und begann mit einer Herzdruckmassage.

“Gut so. Nicht aufgeben, Cate”, hörte sie eine Stimme über sich und fühlte eine warme Hand auf ihrer Schulter. “Ich lege ihm jetzt einen Zugang für die Medikamente — und Chrissie …” Er wandte den Kopf nach hinten und warf der Sprechstundenhilfe einen harten Blick zu. “Das ist keine Theateraufführung. Schließen Sie bitte sofort die Tür und bringen Sie die neuen Patienten solange woanders unter.” Dann wandte er sich wieder Cate zu. “Irgendein Puls zu fühlen?”

Cate schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf.

Andrew fluchte lautlos. “Dann müssen wir den Defibrillator einsetzen. Ist dieser Mr. Cameron jemand, den man kennen muss?”

“Regierungsmitglied”, sagte Cate mit trockenem Mund.

“Verstehe.” Ein Muskel zuckte an Andrews Kinn, als er das Elektroschockgerät bereitmachte. “Fertig!” Seine dunkle Stimme klang heiser.

Cate kontrollierte wieder den Puls und schüttelte den Kopf.

“Adrenalin”, zischte Andrew und Cate reichte ihm sofort die vorbereitete Spritze.

Bitte nicht sterben, betete sie innerlich, während Andrew das Herzmittel verabreichte und den Defibrillator wieder bereitmachte.

“Fertig”!

“Ich fühle einen Puls”, stieß Cate kurz darauf hervor. “Die spontane Atmung hat wieder eingesetzt.”

Andrews angespanntes Gesicht hellte sich auf. “Das wurde aber auch Zeit.”

“Und da kommt auch schon der Krankenwagen”, rief Jessica erleichtert und rannte zum Praxiseingang, um den Sanitätern den Weg zu zeigen.

“Wo sollen wir ihn hinschicken?” Andrew stand jetzt am Tresen und füllte ein Einweisungsformular aus.

“Ins PA-Hospital”, sagte Cate, die neben ihn getreten war, während die Sanitäter sich um den Patienten kümmerten.

“Wie bitte?” Er hob fragend die Brauen.

“Oh, das Prinzessin-Alexandra-Krankenhaus”, erklärte Cate. Sie hatte vergessen, dass Andrew das größte Krankenhaus der Stadt ja gar nicht kennen konnte. “Es liegt in der Nähe und ist für Herzproblematiken auch am besten ausgerüstet. Dort wird er in guten Händen sein.”

“Sagen Sie bitte Pete, dass ich Mr. Cameron begleitet habe.” Andrew legte eine Hand auf die Schulter des Patienten, als die Krankentrage an ihm vorbeigetragen wurde. “Ich werde mich hier melden, wenn ich Neuigkeiten habe.”

“Andrew?”, rief Cate ihm hastig hinterher.

“Cate?” Er schaute zurück und betrachtete sie einen Herzschlag lang sehr eindringlich aus hellen, klaren Augen.

Sie warf ihm ein warmes Lächeln zu. “Danke.”

“Ihnen auch.” Nur zögernd wandte er die Augen ab und folgte den Sanitätern.

Cate holte zitternd Luft und flüchtete sich in ihr Behandlungszimmer, während sein intensiver Blick immer noch auf ihrer Haut zu brennen schien. Im Zimmer angekommen überließ sie sich ihren Emotionen und betrachtete beunruhigt ihre zitternden Hände. Stopp, keinen Schritt weiter, warnte sie ihr hämmerndes Herz. Andrew Whittaker ist nur für ein paar Wochen als Vertretung hier, und diese Praxis ist für ihn nur eine Zwischenstation zwischen Armee und irgendeinem anderen Job.

Sie schniefte wenig damenhaft. Was ist nur los mit dir, Cate? Entwickelst du etwa einen unseligen Hang zu unpassenden Männern? Sie warf sich auf ihren Stuhl und versuchte die unmissverständliche Botschaft in Andrews blauen Augen in ihren Hinterkopf zu verbannen.

2. KAPITEL

Der restliche Praxisvormittag verlief in gewohnt ruhigen Bahnen, und Cate seufzte erleichtert, als der letzte Patient ihr Zimmer verlassen hatte. Wenn nur dieser leidige Papierkram nicht wäre, dachte sie und setzte sich an den Computer, um die neuen Krankendaten einzugeben. Als es an ihrer Tür klopfte, hob sie etwas unwillig den Kopf.

Chrissie schaute um die Ecke. “Ich gehe kurz raus, um was zum Mittag zu holen, Cate. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?”

“Himmel, ist es wirklich schon so spät?” Cate schaute mit gerunzelter Stirn auf ihre Uhr. “Am besten bringen Sie für alle Sandwichs mit, Chrissie.” Sie schob ihren Stuhl zurück und streckte sich. “Peter hat für heute Mittag ein Meeting angekündigt.”

“Ach, Sie Ärmste!” Die Sprechstundenhilfe verzog ihr Gesicht. “Na gut, dann werde ich mal die Portokasse plündern.”

“Gute Idee”, grinste Cate und wandte sich wieder ihrem Computer zu. “Andrew schon zurück?”, fragte sie angelegentlich und mit klopfendem Herzen.

Chrissie zuckte mit den Schultern. “Ich habe ihn noch nicht wieder gesehen.”

Cate biss sich auf die Unterlippe und wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Andrew nahm sich Zeit für den Rückweg vom Krankenhaus zur Praxis. Ihm gingen eine Menge Dinge durch den Kopf.

Okay, es war schon lange her — genauer gesagt über ein Jahr —, seit es in seinem Leben eine Frau gegeben hatte. Nun gut, sein Leben in der Armee war nicht gerade die beste Basis für eine Beziehung gewesen. Aber das war Vergangenheit. Gut gelaunt marschierte er auf dem Fußgängerweg die Straße entlang und lächelte unwillkürlich, als er die Ereignisse des Morgens vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ.

Was war das wohl für ein Parfum, das Dr. Cate Clifford benutzte? Er hatte lange nicht mehr über solche Sachen nachgedacht. Aber er hatte den Duft noch in der Nase, und ein Hauch davon haftete an seinem Pullover — wahrscheinlich von der flüchtigen Berührung, als sie sich an ihm vorbeigeschlängelt hatte.

Man kann auch sagen, dass sie wirklich nicht schlecht gebaut ist, überlegte er und lächelte etwas schief. Der lange schmale Pullover und die enge Hose hatten ihre Kurven sehr vorteilhaft betont.

Plötzlich und unerwartet überfiel ihn ein heftiges körperliches Verlangen, wie er es seit ewigen Zeiten nicht mehr verspürt hatte. Zur Hölle, Whittaker! Reiß dich bloß zusammen, mahnte er sich selbst. Andererseits — warum eigentlich?

Der flotte Gang wechselte zum Joggingtrab, da sein Verlangen Cate wiederzusehen plötzlich übermächtig wurde.

Cate fuhr sich rasch mit der Bürste durch die Haare und legte noch eine Spur Lippenstift auf, ehe sie zum Arbeitsessen in den Gemeinschaftsraum ging.

Bea hatte die Sandwichs auf hübschen Platten arrangiert und die Kaffeemaschine angestellt. “Im Kessel ist kochendes Wasser, falls jemand Tee möchte”, sagte sie.

“Danke, Bea. Ich hätte gerne einen.” Cate nahm sich einen Becher und öffnete eine neue Packung mit Teebeuteln.

“Machen Sie mir auch einen, wenn Sie schon dabei sind?”

Cate drehte sich rasch um, als sie Peters Stimme hinter sich hörte, und lächelte. “Gern. Wird Andrew auch kommen?”

“Hm. Ich denke schon. Er hat vor einer Weile aus dem Krankenhaus angerufen und will uns alles Nähere erzählen, wenn er wieder hier ist.”

“Na, ihr habt ja schon einen aufregenden Morgen verbracht, was?” Jon Goodsir stapelte einige Schnittchen auf einen Teller und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. “Chrissie war ganz voll davon”, fügte er grinsend hinzu.

Cate zuckte mit den Schultern. “Es hätte noch schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn das Wartezimmer schon voller Patienten gewesen wäre.”

“Tja, Bart Cameron ist für sein exzellentes Timing bekannt”, lächelte der Seniorpartner und seufzte dann. “Allerdings werde ich diesmal ein paar ernsthafte Worte mit ihm wechseln, und er wird mir zuhören müssen. Wenn schon nicht um seiner selbst willen, dann wegen Mary.”

“Es geht wohl hauptsächlich um sein Übergewicht, oder?”, fragte Jon, mit vollem Mund. “Zu gutes Essen in der Parlamentskantine.”

“Er ist eigentlich gar nicht übergewichtig”, murmelte Peter gedankenverloren und starrte in seinen Teebecher. “Aber seine Arbeit und seine Verpflichtungen beinhalten natürlich einen extrem hohen Stressfaktor.”

“Außerdem ist er in dem Alter, wo man ohnehin für solche Attacken anfällig ist”, meinte Cate und sah immer noch Bart Camerons graues, eingefallenes Gesicht vor sich.

Peter nickte und nahm sich ein Sandwich. “Ich werde ihn in Andrews fähige Hände übergeben.”

“Habe ich etwa meinen Namen gehört?”, erklang eine frische, energiegeladene Stimme von der Tür her, und Andrew Whittaker betrat schwungvoll den Raum. Er grüßte einmal in die Runde, nahm sich einen Becher mit Kaffee und setzte sich auf den Stuhl direkt neben Cate.

“Du hast den Weg zur Praxis zurückgefunden, wie ich sehe?”, fragte Peter und lächelte seinem Neffen herzlich zu.

“Ohne Probleme”, lachte Andrew und nahm sich Zucker in den Kaffee. “Wow, der weckt die Lebensgeister”, meinte er dann anerkennend und hielt Jon seine ausgestreckte Hand hin. “Ich glaube, wir haben uns noch nicht persönlich begrüßt. Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben sollten, ich bin Andrew Whittaker.”

“Peter hat Sie bereits avisiert”, sagte der andere trocken und erwiderte Andrews Händedruck.

“Tut mir leid.” Peter schüttelte seinen Kopf. “Ich weiß auch nicht, wo ich heute meine Manieren gelassen habe. Jon ist unser Squash-Champion und drittes Mitglied in unserem Ärztestab.”

“So ist es”, bestätigte Jon mit gutmütigem Lachen. “Gesund, Mitte dreißig, meine Frau heißt Claire, und unser Sohn ist drei Jahre alt. Bedienen Sie sich doch”, forderte er Andrew auf und hielt ihm die Platte mit den Sandwichs hin.

“Vielen Dank”, lehnte Andrew höflich ab. “Aber ich habe schon in der Krankenhauskantine gegessen.”

Jon lachte. “Dann müssen Sie erst recht hungrig sein.”

“Ich habe schon Schlimmeres zu mir genommen”, sagte Andrew ruhig und Cate sah, wie das amüsierte Funkeln in seinen blauen Augen plötzlich erlosch.

“Das kann ich mir vorstellen”, beteiligte sich Cate zum ersten Mal an der Unterhaltung. “Peter hat uns erzählt, dass Sie mit Ihrer Truppe während der schrecklichen Überschwemmungen auf Neuguinea stationiert waren.”

“Versuchen Sie jetzt bloß nicht, mich zum Helden zu machen, Cate”, wehrte er brüsk ab und fuhr sich mit den Fingern durch seine dichten dunklen Haare. “Ich habe nur meine Pflicht getan.”

Cates Gesicht verschloss sich. Wie hatte er sie nur so missverstehen können? Sie fühlte plötzlich einen Kloß im Hals.

“Wie gefällt es Ihnen bis jetzt bei uns?”, schnitt Jon diplomatisch ein anderes Thema an.

“Gut”, antwortete Andrew knapp und warf seinem Onkel einen fragenden Blick zu. “Möchtest du jetzt die Ergebnisse über Bart Camerons Untersuchungen haben?”

“Auf jeden Fall”, sagte Peter ruhig, fingerte seine Lesebrille aus der Hemdtasche und setzte sie auf. “Immerhin ist dies ein Arbeitsessen, nicht wahr?”

“Sein Zustand lässt sich als ernst, aber stabil beschreiben”, begann Andrew sachlich und legte seine Hände um den dampfenden Kaffeebecher. “Es scheint tatsächlich ein leichter Herzinfarkt gewesen zu sein.”

“In dem Fall hat er wirklich Glück gehabt”, murmelte Peter und blätterte den vorläufigen Krankenbericht durch.

“Ich habe mit dem behandelnden Kardiologen gesprochen”, fuhr Andrew fort. “Mr. Cameron bekommt im Moment blutverdünnende Medikamente und ist zur Überwachung an ein Langzeit-EKG angeschlossen. In den nächsten Tagen werden noch die üblichen Untersuchungen vorgenommen. Kurz bevor ich das Krankenhaus verlassen habe, ist Camerons Frau gekommen. Ellie hat sie begleitet.”

Peter nickte. “Die beiden sind eng befreundet. Mary macht sich seit Jahren Sorgen wegen Barts Arbeitsüberlastung. Und Ellie wird in den ständigen Stress mit reingezogen”, fügte er etwas gepresst hinzu.

“Vielleicht auch ein Grund für die lange Urlaubsreise, die ihr geplant habt?”

“Vielleicht.” Peter holte tief Luft. “Wenn wir schon über Urlaub reden — Ende nächster Woche wollen wir starten. Ist das für alle in Ordnung?” Er schaute in die Runde.

Cate biss sich auf die Lippen. Wenn sie ehrlich war, hasste sie den Gedanken, dass Peter sie verlassen wollte, wenn auch nur für ein paar Wochen. Er war unbestritten die Seele der Praxis, und alle waren gewohnt, sich auf seine unaufdringliche Kompetenz und souveräne Art zu verlassen.

Bei dem Gedanken, dass er für die nächste Zeit durch Andrew Whittaker ersetzt werden sollte, konnte Cate ein unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken.

“Vergessen Sie nicht, dass wir eine Abschiedsparty geplant haben”, erinnerte Jon ihn. “Wir müssen nur noch das passende Datum wissen.”

“Aber das ist doch nicht nötig …” Peters schwacher Protest wurde augenblicklich niedergeschlagen. “Na, dann am besten am nächsten Samstag”, gab er schließlich lachend nach. “Ellie und ich haben beschlossen, am Sonntag zu starten. Wir wollen zuerst ein paar Tage an der Küste verbringen, ehe wir nach Irland fliegen.”

“Ich hoffe nur, dass Sie dort keine … na, sagen wir mal unangenehmen Überraschungen erwarten”, neckte Jon. Es war allen bekannt, dass die Maguires in Irland ein wenig Ahnenforschung betreiben wollten.

Peter verzog seinen Mund. “Ellie scheint auch zu glauben, dass wir auf ein paar schwarze Schafe stoßen könnten.”

“Nur ein paar?” Andrew lachte. “Was denken Sie, Cate?”

Sie wandte ihren Kopf, um ihn anzuschauen und fand sich im nächsten Moment von seinem intensiven Blick gefangen. Seine Augen haben die Farbe eines kühlen Sees an einem frühen Sommermorgen, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schluckte trocken.

“Denken …? Worüber?”

“Über Familienstammbäume.” Er zog seine dunklen Brauen zusammen. “Könnte Spaß machen, mal zusammen zu forschen.” Ein Grübchen erschien auf seiner Wange. “Natürlich nur, wenn Sie interessiert sind …”

Cate holte tief Luft und schaute dann schnell zur Seite.

“Können wir jetzt wieder zu ernsteren Themen übergehen?”, schlug Jon nüchtern vor und schaute auf die Krankenkarte in seiner Hand. “Es geht um Shannon Hayward. Die durchgeführten Knochenmarktests weisen eindeutig auf eine akute lymphatische Leukämie hin.”

“Die Ärmsten.” Peter schüttelte den Kopf. “Ist das nicht die Familie aus diesem sozialen Wohnungsbauprojekt in der Balmain Street?”

“Kurt und Ginger”, sagte Jon zustimmend. “Wirkliche Kämpfer. Sie würden alles für ihre Kinder tun.”

“Mrs. Hayward ist meine Patientin”, sagte Cate leise. “Diese Nachricht muss die Familie schwer getroffen haben.”

“Wie alt ist das Kind?”, fragte Andrew und schaute von einem zum anderen.

“Sieben.” Jon seufzte. “Sie hat noch eine Schwester von neun, Britt.”

“Zum Glück sind heute die Heilungschancen in diesem kindlichen Alter gar nicht so schlecht. Erhält die Familie soziale Betreuung?”

“Oh ja, und ich habe auch ausführlich mit ihnen gesprochen.” Jon runzelte die Stirn. “Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich alles verstanden haben. Ich denke, dass in der nächsten Zeit noch eine Menge Fragen anstehen, wenn die Eltern die Diagnose vollständig erfasst haben.”

“Und wenn Sie mal keine Zeit haben sollten, werden Cate oder ich der Familie dafür zur Verfügung stehen”, bot Andrew mit einem Seitenblick zu Cate bereitwillig an. Die nickte zustimmend in Jons Richtung.

“Vielen Dank Ihnen beiden”, sagte Jon und nahm sich ein Stück Teegebäck, das Bea in weiser Vorausicht bereitgestellt hatte. “Immerhin müssen wir den guten Ruf unserer Praxis aufrechterhalten, solange Peter in der Welt herumstreift”, sagte er mit einem leichten Lächeln. “Außerdem möchte ich wirklich sicher sein, dass die Haywards jede nur denkbare Unterstützung von unserer Seite erhalten”, fügte er dann wieder ernst geworden hinzu.

“Da wir gerade über Unterstützung reden …”, sagte Cate und lehnte sich vor. “Ich bin, was Madeleine Twigg betrifft, mit meiner Weisheit langsam am Ende.” Sie wandte sich zu Andrew um und schaute ihm in die Augen. “Sie ist eine meiner Patientinnen und hoch in den Achtzigern”, erklärte sie ihm. “Mrs. Twigg lebt allein in einem heruntergekommenen Haus, und ihr Zustand, besonders der ihres Herzens, ist besorgniserregend. Sie ist zwar auf Digoxin eingestellt, aber ich bezweifele, dass sie es wirklich regelmäßig und nach Vorschrift einnimmt. Und sie weigert sich entschieden, Essen auf Rädern kommen zu lassen.”

“Wie schafft sie es denn überhaupt, Lebensmittel einzukaufen?”, fragte Andrew mit gerunzelten Brauen.

“Es gibt da eine nette junge Nachbarin, der sie ihren Schlüssel überlassen hat, aber die Situation ist absolut unbefriedigend. Ich befürchte, dass Roxanne eines Tages die Tür aufschließt und …”

“Sie könnten eine Hauspflege für sie beantragen, Cate. Die steht Mrs. Twigg zu, und dagegen kann sie sich auch nicht wehren”, schlug Peter vor.

“Daran hatte ich auch schon gedacht”, sagte Cate und biss sich auf die Unterlippe. “Allerdings möchte ich Madeleine Twigg nicht einfach bevormunden. Sie ist eine sehr stolze alte Dame. Unabhängig bis zum Umfallen …”

“Und, was haben Sie sich als Alternative vorgestellt?”, wurde sie von Andrews tiefer Stimme unterbrochen.

Cate knetete ihre Finger. “Es gibt da ein neues Pflegeheim in Chelmer. Der Leiter hat mir erzählt, dass er noch freie Plätze hätte. Madeleine würde ein Einzelzimmer mit ihren eigenen Möbeln beziehen. Sie wäre weitgehend unabhängig, könnte aber jederzeit auf Hilfe und Unterstützung zurückgreifen. Aber wie kann ich sie dazu bewegen, diesen Vorschlag zu akzeptieren?” Cate hob die Schultern und schaute fragend in die Runde.

“In dem hohen Alter hat man besonders Angst vor Veränderungen”, sagte Andrew ruhig. “Vielleicht würde es helfen, wenn wir Mrs. Twigg einfach zum Heim fahren würden, damit sie sich alles einmal anschauen könnte?”

Cate war verblüfft über dieses konkrete Hilfsangebot und überlegte, dass sie eigentlich so gut wie gar nichts über diesen Andrew Whittaker wusste.

“Wann hatten Sie vor, Mrs. Twigg wieder zu besuchen?”, fragte er in nüchternem Ton.

Cate errötete unwillkürlich, während Andrew geduldig auf eine Antwort wartete. Wollte sie überhaupt, dass er sich derart in ihre Arbeit einmischte? Andrerseits — hatte sie eine Wahl? Sie schluckte. “Vielleicht Montagnachmittag?”

“Das passt mir gut”, nickte er zustimmend.

Cate fühlte, wie ihr Herz oben im Hals schlug. “Okay!” Sie sprang hastig auf die Füße. “Alles andere können wir später besprechen. Nun entschuldigt mich bitte, ich habe noch einige Hausbesuche zu machen.”

Ein zarter Duft von Winterrosen empfing Cate, als sie auf dem Krankenhausparkplatz aus ihrem Auto stieg. Gierig sog sie die aromatische Frühlingsluft in ihre Lungen, während sie zügig auf den Hintereingang zustrebte. Sie war froh, eine Weile in der Anonymität des St. Annes untertauchen zu können — weit weg von … Verflixt! Was war nur mit ihr los? Warum fühlte sie sich so schrecklich verwirrt — fast sogar ängstlich?

Ihre Patientin lag in der Neugeborenenstation des Hospitals, einem riesigen Komplex, in dem es sowohl eine private als auch eine staatliche Abteilung gab, die von Ordensschwestern geleitet wurde. Als Cate den Lift im dritten Stock verließ, empfing sie die vertraute Atmosphäre der Entbindungsstation, in der sie ihre Geburtshilfeausbildung absolviert hatte. Es ist eine gute Zeit gewesen, dachte Cate und verzog in Erinnerung an die alten Tage ihren Mund zu einem etwas wehmütigen Lächeln.

“Cate, bist du das?”, rief Lyn Scali, die fast hinter einem üppigen Blumenbukett verschwand. Mit rollenden Augen wies sie auf die bunte Pracht. “Wir haben heute Morgen schon Drillinge zur Welt gebracht und das ist der erste Gruß an die stolze Mutter. Er kommt, glaube ich, von einem Frauenmagazin, das die Exklusivrechte an der Story erworben hat.”

Cate lachte. “Kaum auf der Welt und schon prominent.” Sie lehnte sich über den Tresen. “Was gibt’s Neues, Lyn?”, fragte sie die junge Stationsschwester.

“Babys?”, sagte Lyn gedehnt und grinste. “Du willst bestimmt zu Kelly Davenport, oder?”

“Ja, ich will einen schnellen Blick auf sie werfen.”

“Die Ärzte sind ganz zufrieden mit ihr.” Lyn suchte die Karteikarte heraus. “Aber sie wird für den Rest der Schwangerschaft liegen müssen.”

“Hm.” Cate studierte das Krankenblatt. “Ich befürchtete eine mögliche Eklampsie. Sie hatte so viel Wasser eingelagert und klagte ständig über heftige Kopfschmerzen.”

“So wie es aussieht, erwartet sie aber auch einen ganz schönen Brocken.”

“Und dabei sind es noch drei Wochen bis zum Entbindungstermin.”

Lyn schüttelte den Kopf. “Das schafft sie niemals. Ich wette, dass sie Mitte nächster Woche wieder hier ist.”

“Dann vertraue ich wohl am besten deinem unbestechlichen Instinkt”, lachte Cate. “Mach’s gut, Lyn, ich muss weiter.”

“Ich habe gehört, dass ein neuer Mann in Ferndale aufgetaucht ist”, sagte Lyn plötzlich mit einem breiten Grinsen.

Cate fühlte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. “Woher weißt du das?”

“Ich habe mit Claire gesprochen.”

“Ach ja, ich hatte vergessen, dass ihr Freundinnen seid.”

“Nun, und?” Lyn ließ nicht locker. “Wie ist er?”

“Ganz okay, nehme ich an. Sieht so aus, als ob er sein Handwerk versteht.”

“Wie bitte?” Lyn lachte laut auf. “Na ja, ich werde ihn am besten gleich selbst in Augenschein nehmen. Claire hat mich zur Abschiedsparty der Maguires eingeladen.”

“Bestens.” Unwillkürlich warf Cate einen schnellen Blick auf Lyns attraktive Erscheinung. Wahrscheinlich entsprach sie genau Andrew Whittakers Typ. Cate winkte kurz zum Abschied. “Ich muss los, Lyn.”

“Klar, wir sehen uns”, lächelte Lyn und schaute ihr etwas verwirrt hinterher.

Cate öffnete die Tür zu einem Vierbettzimmer und begrüßte die Frauen mit einen freundlichen Kopfnicken. Dann zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihre Patientin. “Na, wie geht es Ihnen, Kelly?”

Die junge Frau zog eine Grimasse. “Schon besser als gestern. Vielen Dank noch mal, dass Sie so schnell gekommen sind. Dr. Wyse sagt, dass ich morgen früh wieder nach Hause kann”, setzte sie zufrieden hinzu.

“Und wozu?”, fragte Cate in dämpfendem Tonfall. “Um wieder hinter dem kleinen Tim herzujagen? Ein lebhafter Zweijähriger ist nicht gerade die beste Medizin für Ihren Zustand, Kelly.”

“Ich weiß.” Die junge Mutter wickelte verlegen eine Strähne ihres dicken roten Haares um den Finger. “Ich habe schon mit meiner Schwägerin gesprochen. Sie arbeitet im Moment nicht und hat sich angeboten, jeden Tag rüberzukommen und nach uns beiden zu sehen. Und Antons Boss hat versprochen, dass er seinen Urlaub nehmen kann, sobald das Baby auf der Welt ist.”

“Das hört sich nicht schlecht an”, lächelte Cate. “Ist Ihnen klar, dass es auch früher kommen könnte?”

“Ja, Dr. Wyse hat es mir gesagt. Ich habe bereits gepackt und bin bereit.” Sie zupfte an ihrer Unterlippe. “Vor Tims Geburt ist mir zu Hause die Fruchtblase geplatzt. Muss ich diesmal wieder damit rechnen?”

“Möglich ist es.” Cate stand auf und schob den Stuhl an den Tisch zurück. “Aber jede Geburt verläuft anders. Halten Sie vorsichtshalber ein paar Vorlagen und Handtücher für den Transport ins Krankenhaus bereit.”

Kelly kicherte. “Das letzte Mal war es ein Albtraum. Anton und ich waren so naiv. Wir wussten überhaupt nicht, was los ist.”

“Die Freuden der Elternschaft”, lächelte Cate und legte eine Hand auf Kellys Schulter. “Für die nächsten Geburten sind Sie jedenfalls gewappnet.”

“Oh nein, dieses ist definitiv die letzte!”, sagte Kelly energisch und legte die Hände auf ihren gewölbten Bauch. “Anton hat bereits zugestimmt, sich sterilisieren zu lassen.”

Cate unterdrückte ein Lächeln. Erfahrungsgemäß schwanden mit der Geburt eines süßen, gesunden Babys häufig auch die guten Vorsätze der gestressten Eltern.

Cate arbeitete sich langsam durch die nachmittägliche Patientenliste. Ihr letzter Fall war eine neue Patientin. Es handelte sich um die fünfzigjährige Beris Russel, die unter Wechseljahrsbeschwerden litt.

“Ich möchte auf keinen Fall Hormone nehmen, Dr. Clifford”, verkündete Mrs. Russel ohne Umschweife. “Man hat mir gesagt, dass ich davon nur zunehme.”

Cate strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Immer das Gleiche, dachte sie im Stillen. “Mrs. Russel”, begann sie so ruhig wie möglich.

“Nennen Sie mich doch Beris”, unterbrach die Frau sie.

“Gut.” Cate lächelte. “Also, Beris. Warum erzählen Sie mir nicht erst einmal etwas über Ihre Lebensumstände und Beschwerden, ehe wir über eine mögliche Hormontherapie diskutieren?” Während sie sich vorbeugte, registrierte Cate die außerordentlich elegante, gepflegte Erscheinung der immer noch attraktiven Frau. Offensichtlich ließ Beris Russel sich nicht gehen, wie viele Frauen in der Menopause.

“Ich arbeite in der Sandstrom Gallery in der City”, erklärte Beris. “Ich bin so eine Art Assistentin des Kurators und liebe meinen Job.” Sie seufzte hörbar auf. “Und ich würde ihn nur ungern verlieren …”

Cate musterte sie scharf. “Steht das denn zu befürchten?”

Beris zuckte mit den Schultern. “Mein Selbstvertrauen löst sich unter diesen schrecklichen Hitzewallungen förmlich in Luft auf. Normalerweise bin ich ein ausgesprochen aktiver, vitaler Typ, aber in letzter Zeit fühle ich mich häufig abgeschlagen und zerstreut.” Sie unterbrach sich und warf Cate ein zittriges Lächeln zu. “Würden Sie mir glauben, dass ich gestern meine Brieftasche zusammen mit der Firmenpost in den Briefkasten gesteckt habe?”

“Haben Sie sie wiederbekommen?” Cate biss sich auf die Lippen, um ein Grinsen zu unterdrücken.

“Glücklicherweise”, entgegnete Beris mit einem schiefen Lächeln. “Ich war bisher fest entschlossen, mich allein durch diese schwierige Zeit zu kämpfen, aber nach dem letzten Vorfall habe ich mich entschlossen, professionelle Hilfe zu suchen.”

“Gut. Denn es gibt eine Menge, was wir gegen die unliebsamen Beschwerden der Menopause unternehmen können. Und weisen Sie eine Hormontherapie bitte nicht so strikt von der Hand, Beris. Natürlich ist sie nicht für jeden Typ die optimale Lösung, hat aber unbestreitbare Vorzüge.”

“Und was ist mit der Gewichtszunahme?”

“Progestogen kann in seltenen Fällen tatsächlich die Darmtätigkeit irritieren. Aber das kann man durch eine ausgewogene Diät und vernünftige Essgewohnheiten problemlos in den Griff bekommen. Außerdem ist gezielte körperliche Bewegung wichtig. Deshalb müssen Sie aber nicht gleich ins nächste Fitnesscenter rennen. Walking ist eine gute Sache — und dazu noch kostenlos”, sagte Cate lächelnd.

“Ich wandere sehr gern, Dr. Clifford.” Beris zögerte kurz. “Sie meinen also, ich könnte es mit einer Hormonbehandlung versuchen, wenn ich mich an Ihre Anweisungen halte?”

“Ja, das denke ich”, sagte Cate behutsam. “Aber vorher werden wir uns mit Ihrer Krankengeschichte beschäftigen und einige Untersuchungen vornehmen, um festzustellen, ob Sie eine geeignete Kandidatin für diese Art Behandlung sind.”

Beris Russel schien mit diesem Vorschlag zufrieden zu sein. “Können wir gleich heute damit anfangen?”

Ein schneller Blick zur Uhr ließ Cates Hoffnung auf einen frühen Feierabend in weite Ferne rücken. Aber sie wollte ihre Patientin jetzt nicht wegschicken, nachdem sie sich offensichtlich schon dazu hatte durchringen müssen, überhaupt in ihre Sprechstunde zu kommen.

“Sicher”, lächelte sie freundlich und erklärte Beris Russel, was sie erwartete.

“Sogar eine Mammografie?”, fragte die Frau beunruhigt.

“Wann haben Sie die letzte machen lassen?”

“Das ist eine Weile her”, gab Beris zögernd zu.

“Ich werde Ihnen eine Überweisung geben”, entschied Cate betont sachlich und griff nach dem entsprechenden Formular. “Das Wesley liegt für Sie wohl am günstigsten und dort sind Sie in jedem Fall gut aufgehoben. Rufen Sie einfach an und lassen sich einen Termin geben.” Cate hob den Kopf, da ihr Gegenüber keine Reaktion zeigte. “Ist das ein Problem für Sie?”

“Nein …” Beris schüttelte zögernd den Kopf. “Es … es ist nur ein ziemlicher Aufwand, nicht wahr? Ich dachte, Sie hören mich kurz ab und geben mir dann ein Rezept oder so etwas.”

Cate füllte das Formular zu Ende aus. “Wären Sie mit einer so oberflächlichen Diagnose wirklich zufrieden, Beris?”, fragte sie dann ruhig.

“Nein, natürlich nicht”, beeilte sich Beris Russel zu versichern. “Und verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Dr. Clifford. Ich bin Ihnen wirklich außerordentlich dankbar für die Mühe, die Sie sich mit mir geben.”

Nachdem Beris Russel gegangen war, stellte Cate fest, dass sie inzwischen allein in der Praxis war. Was für ein anstrengender Tag, dachte sie, ohne sich nach dem Grund dafür zu fragen. Sie streckte sich und versuchte, ihre verspannten Muskeln zu lockern. Unversehens schob sich das Bild eines außerordentlich attraktiven, dunkelhaarigen Mannes vor ihr inneres Auge. Unwillig schüttelte Cate ihren Kopf.

Warum irritierte sie dieser Andrew Whittaker bloß so heftig? Vielleicht, weil sie Männern im Allgemeinen sehr defensiv gegenüberstand. War sie etwa immer noch nicht über ihre Zeit mit Rick hinweg? Sie lachte spöttisch und voller Selbstironie. Fast dreißig, Single — und unsicher wie ein Teenager.

Cate ließ die Arme sinken, erhob sich etwas steif von ihrem Schreibtischstuhl und schlenderte zum Fenster hinüber. Es dämmerte bereits und die letzten Sonnenstrahlen verschwanden langsam am Horizont. Gedankenverloren ließ sie ihren Blick über den Park schweifen …

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