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Bezwinger meines Herzens

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagungen
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38
  44. Kapitel 39
  45. Kapitel 40
  46. Kapitel 41
  47. Kapitel 42
  48. Kapitel 43
  49. Kapitel 44
  50. Kapitel 45
  51. Kapitel 46
  52. Kapitel 47
  53. Kapitel 48
  54. Kapitel 49
  55. Kapitel 50
  56. Kapitel 51
  57. Kapitel 52
  58. Kapitel 53
  59. Kapitel 54
  60. Kapitel 55
  61. Kapitel 56
  62. Kapitel 57
  63. Kapitel 58
  64. Kapitel 59
  65. Kapitel 60
  66. Epilog
  67. Anmerkungen der Autorin

Über die Autorin

Kris Kennedy ist Ehefrau, Mutter, Psychotherapeutin und Autorin. Sie glaubt, dass jede Frau es verdient, von einem guten Buch in eine andere Welt entführt zu werden. Sie stammt aus Philadelphia und lebt nun mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Hund an der Pazifikküste in den USA.

Danksagungen

Ich möchte meinem Mann danken, der immer am besten kontern kann, wenn ich ihm von Leuten erzähle, die mehr oder weniger versteckt andeuten, dass es unwürdig sei, Liebesromane zu schreiben (und zu lesen).

Und meiner Familie, die zwar keine Liebesromane liest, aber alle meine Bücher – ich liebe Euch!

Rachel, Courtney, Tati und Becky – danke für den Aderlass.

Meinem Verleger John Scognamiglio, der darauf vertraut, dass eine Autorin das Buch schreibt, das sie schreiben muss.

Außerdem möchte ich Jennifer Munson danken, die einfach über alles Bescheid weiß, was mit Färbemitteln zu tun hat. Sie war unendlich geduldig und sorgfältig und hat mir nie das Gefühl gegeben, ihr auf die Nerven zu gehen, wenn ich zum Beispiel gefragt habe, »sag mal, was meinst du, wie sehr sich die Heldin wohl die Hände schmutzig machen wird? Also, jetzt mal ganz genau. Was ist mit den Handgelenken? Den Fingernägeln? Und wie lange dauert es, bis es wieder weg ist? Also, jetzt mal ganz genau …«

Und ich danke allen Leserinnen, die mir wegen meines Debütromans Die Verführung des Ritters geschrieben haben. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, dass Euch nicht nur das Buch begeistert hat, sondern dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, es mich auch wissen zu lassen. Danke!

Kapitel 1

Frühherbst, Nordirland, 1295 A. D.

Es ist ganz einfach.« Die Stimme kam aus dem Dunkel und klang spöttisch. »Entweder Ihr unterwerft Euch oder Eure Männer werden sterben. Ihr habt die Wahl.«

Finian O’Melaghlin, irischer Edelmann, Krieger und oberster Ratgeber des mächtigen Königs O’Fáil, schwand das grimmige Lächeln aus dem Gesicht. Alles lief wie geplant. Oder besser gesagt, wie erwartet.

Seit der Stunde, in der sie bei Lord Rardove eingetroffen waren, um dessen schon vor langer Zeit ausgesprochene, letztlich aber hinterhältige Einladung anzunehmen, war Finian von seinen Männern getrennt gewesen. Zuerst hatte man ihn mit guten Speisen verwöhnt, anschließend im Gefängnis gequält. Rardove erwies sich als berechenbar. Und als gefährlich.

Finian hatte sich gegen das Treffen ausgesprochen, aber sein König hatte darauf bestanden, es stattfinden zu lassen. Die Iren hegten den Verdacht, dass Rardove irgendetwas ausheckte. Etwas Gefährliches. Etwas, das mit den legendären Wishmé-Färbemitteln zu tun hatte.

Unglücklicherweise hegte Rardove seinerseits den Verdacht, dass die Iren etwas im Schilde führten.

Die Schläge, die Finian hatte erdulden müssen, waren so grausam gewesen, dass ihm ein Schmerzschauder durch den Körper pulsierte. Aber das bedeutete nichts. Denn nur eins zählte: herauszufinden, was Rardove wusste, und ihn daran hindern, weitere Informationen zu bekommen. Um das zu erreichen, würden Finian und seine Männer sogar in den Tod gehen, wenn es sein musste.

Er schaute über die Schulter in das Dunkel. »Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich Euch nicht vertrauen kann, Rardove.«

Die Wachen, die Finians Arme umklammerten, beobachteten ihn misstrauisch. Obwohl er sich im Gefängnis befand, an den Handgelenken gefesselt war und rechts wie links bewacht wurde, ängstigte er die Männer beinahe zu Tode. Er sah es an ihren bangen Blicken, und er roch den Angstschweiß, der ihnen aus den Poren drang.

Die eisernen Fesseln schnitten in seine Gelenke, als einer der Soldaten ihm den Arm bis zwischen die Schulterblätter hochdrehte. Lord Rardove, der Baron eines kleinen, aber strategisch bedeutsamen Lehens in der irischen Mark, trat aus dem Dunkel und ging langsam um seinen Gefangenen und dessen Bewacher herum.

»Hört auf, meinen Männern Angst einzujagen, O’Melaghlin«, sagte er und warf dem Soldaten, der bei dem dumpfen Knurren einen Schritt zurückgewichen war, einen verächtlichen Blick zu. »Schließt Euch mir an, und Ihr werdet ein reicher Mann sein.«

Finian lachte heiser. »Reich, sagt Ihr? Ich hatte etwas anderes im Sinn, als in Ketten gelegt und ins Gefängnis geworfen zu werden.«

Rardove seufzte übertrieben. »Ja, es hat so angenehm begonnen, nicht wahr? Wir haben bei Wein und Fleisch in meinen Gemächern gesessen. Und schaut uns jetzt an.«

Finian ließ den Blick durch die kleine Zelle schweifen. Brackiges Wasser lief an den Mauern herunter, an denen das getrocknete Blut vorheriger Gefangener klebte. »Ich stimme Euch zu. Wir haben uns verschlechtert.«

Ein fahles Lächeln huschte über das Gesicht des Barons. »Ihr würdet in mir einen sehr großzügigen Herrn haben.«

»Herrn?« Finian spie das Wort förmlich aus. Hochgewachsen, rotgesichtig und blond verkörperte Rardove das Ideal des gut aussehenden englischen Edelmannes. Am liebsten hätte Finian ihm die Zähne eingeschlagen.

»Hundert Silberstücke für Euch, wenn Ihr Euch persönlich dafür verbürgt, dass The O’Fáil in der Angelegenheit seinen guten Willen beweist.«

»Rardove«, begann Finian erschöpft, »vor zwanzig Jahren habt Ihr Euch hier niedergelassen, und das Land geht an Eurer Herrschaft zugrunde. Die Felder werfen nichts ab, Eure Leute sterben am Fieber, Euer Vieh an der Pest. Euer Lehnsherr kann Euch nicht ausstehen, und ich kann es auch nicht. Warum um Gottes willen sollte ich mich mit Euch verbünden?«

Der Anschein der Ruhe, der sich auf das Antlitz des Barons gelegt hatte, begann leicht zu bröckeln. »Euer König hat Euch geschickt, um zu verhandeln, nicht wahr?«

Du musst ins Innere des Bollwerks von Rardove gelangen, lautete der Auftrag, mit dem sein König ihn geschickt hatte. Schritt eins war erledigt.

»Verhandeln?«, schnaubte Finian. »So nennt Ihr das also?«

»Ich nenne es eine notwendige Maßnahme.«

»Meine Frage ist einfach, Rardove, und sie hat sich nicht geändert, seit ich an Eure Tür geklopft habe: Was hättet Ihr von einem solchen Bündnis?«

Schritt zwei: Herausfinden, was Rardove wusste und wie viel. Und vor allem anderen: ihn daran hindern, noch mehr zu erfahren.

Der Baron fuhr mit der Hand durch die Luft, machte eine vage Geste. »Eine geringere Kriegsgefahr in den Grenzgebieten meines Landes. Das Ende einer alten Fehde.« Er sprach langsamer. »Und vielleicht den Zugang zu einigen Eurer irischen Schriftstücke.«

Und damit hatte Finian seine Antwort: Rardove wusste alles.

Genau das hatte er die ganze Zeit befürchtet. Warum sollte einer der mächtigsten Lords Nordirlands um ein Bündnis mit genau jenem Volk betteln, das er einst erobert hatte? Zwanzig Jahre zuvor hatte Rardove ohne die Erlaubnis König Edwards das Land an sich gerissen und danach seine ganze Macht bewiesen, indem er den König dazu gebracht hatte, diese Untat abzusegnen. Einen König, der eigentlich nie etwas verzieh.

»Ihr wisst über die Färbemittel Bescheid«, sagte Finian langsam.

Die Wishmés, eine Schneckenart, waren über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, und die unzähligen Legenden, die sich um sie rankten, reichten bis in die Zeit der Römer zurück. In einer Zeit, als die Königswürde vorrangig mit dem Schwert erstritten wurde, war die Farbe Indigo ausschließlich den Herrschenden vorbehalten gewesen. Doch reicher noch als ein König konnte derjenige werden, der die Rezeptur zur Herstellung dieser Farbe besaß. Unendlich viel reicher. Und unendlich viel mächtiger. Zu einem großen Teil prägten Hörensagen und Gerüchte diese Legenden, doch hätten Worte überdies nicht beschreiben können, wie intensiv, wie atemberaubend und einer blau-schwarzen Flamme gleich das Wishmé-Indigo der irischen Westküste von innen her leuchtete.

Rardove verzog die Lippen zu einem falschen Lächeln. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Ihr sprecht.«

Dieser verdammte Dreckskerl.

Die Wishmé-Farben waren tatsächlich der Stoff für Legenden. Atemberaubend. Selten.

Tödlich.

Langsam, so als ließe er sich an einem Seil nach unten gleiten, mäßigte Finian seinen Zorn und kämpfte gegen den fast überwältigenden Drang, Rardove einen Fußtritt ins Gesicht zu verpassen. Um ihm anschließend die Kehle aufzuschlitzen.

»Weiß Euer König Edward Bescheid?«, fragte er gepresst.

Rardove lächelte. »Im Augenblick sollte ich Eure größere Sorgen sein.«

»Zerbrecht Euch nicht Euren Kopf, elender Wurm. Innerlich zittere ich wie ein neugeborenes Lamm«, erwiderte Finian geistesabwesend, denn er dachte über etwas anderes nach. Aus der Rücksichtslosigkeit, mit der Rardove einen irischen Edelmann gefangen genommen hatte, der in königlichem Auftrag zu einer Unterredung zu ihm gekommen war, sprach blanke Verzweiflung. Dringlichkeit. Was nicht überraschte, denn die Wishmés waren in vielerlei Hinsicht gefährlich.

Als Färbemittel verwendet, ergaben sie eine Farbe, die jeden König auf die Knie sinken ließ. Aber das war kein ausreichender Grund für einen einzelnen englischen Lord in der irischen Gemarkung, seine Feinde mit solcher Hemmungslosigkeit zu reizen.

Waffen dagegen schon. Und aus den Wishmés konnte ein Pulver gewonnen werden, mit dem sich das Dach von der Abtei in Dublin blasen ließ.

Die Frage war nur: Wusste Rardove Bescheid?

»Hübsch, nicht wahr?«, bemerkte Finian probehalber. Schluss mit den Tricks und Täuschungen.

»Ich schätze den Farbton wirklich sehr«, stimmte Rardove zu, »aber sehr viel mehr schätze ich, wie sie explodieren.«

Verflucht noch mal.

Finian nickte. »Trotzdem, hier bin ich. Mag sein, dass Ihr die Wishmés habt, aber Ihr wisst nicht, wie man den Farbstoff herstellt. Ihr braucht die Rezeptur. Und jemanden, der es lesen kann.«

Rardove lächelte und spreizte die Hände. »Und warum sollten wir uns aus diesem Grunde nicht verbünden, die Iren und ich?«

Wahrscheinlich deshalb, weil die Iren die Wishmé-Rezeptur vor mehreren Hundert Jahren verloren hatten. Und, um aufrichtig zu sein, sich genau zu dieser Stunde auf einer verzweifelten Jagd danach befanden. Allerdings sah Finian keine Notwendigkeit, Rardove darüber zu unterrichten.

»Euch gefallen die Bedingungen nicht?«, fragte der Baron.

»Lasst es mich so sagen: Ihr gefallt mir nicht.«

»Ts, ts.« Rardove schüttelte den Kopf. »Ihr müsst Manieren lernen, O’Melaghlin, wie alle Eure Leute.« Er schnipste mit den Fingern nach den Wachen. Eine übel riechende Hand griff zu, packte eine Strähne von Finians Haar und riss seinen Kopf zurück.

Stöhnende Geräusche drifteten durch Spalten in den Steinmauern. Finian versuchte sich umzudrehen, aber es gelang nicht. Es spielte auch keine Rolle. Denn er wusste auch so, wer gestöhnt hatte: O’Toole, einer seiner besten Männer, dessen Bein bei dem Angriff gebrochen worden war.

Jeder in seinem Gefolge wusste, dass der Auftrag unter Umständen tödlich enden konnte. Finian hatte darauf bestanden, dass jeder Mann sich ausdrücklich dafür entschied; auf dieser Mission galten keine Befehle außer seinen eigenen. Während seine Männer willens gewesen wären, ihr Leben dem Wohle Irlands zu opfern, war Finian noch nicht bereit, sich und seine Leute jetzt schon aufzugeben.

»Und wenn ich mich einverstanden erkläre?«, sagte er leise. Vielleicht konnte er Unterwerfung vortäuschen und mit seinen Männern abziehen.

»Nun, dann wärt Ihr frei zu gehen.«

»Und dann?«

»An jedem Tag, an dem Ihr nicht mit der Zustimmung Eures Königs zurückkehrt, werde ich einen Eurer Männer töten.«

Finian riss den Kopf mit einem heftigen Ruck aus dem Griff des Wachmannes los. Dann fixierte er den Baron mit einem mörderischen Blick und fragte sich für den Bruchteil einer Sekunde, wie es eigentlich um die Weisheit eines Gottes bestellt war, der einem so bösen Mann das Gesicht eines Engels schenkte. »Meine Männer kommen mit mir.«

Der Baron schüttelte gespielt traurig den Kopf. »Ihr müsst zugeben, dass ich ein Dummkopf wäre, ließe ich Euch alle frei. Denn welche Möglichkeit der Vergeltung hätte ich dann für den Fall, dass Ihr unsere Vereinbarung nicht einhaltet?«

»Ich würde zustimmen, dass Ihr ein Dummkopf seid.«

Wieder glitt ein dünnes Lächeln über die Lippen des Barons. »Lieber zwei am Tag«, grübelte er und betrachtete seine Fingernägel. »Einen Mann im Morgengrauen und einen, bevor ich mich ins Bett lege. Wie Gebete.«

»Ich unterschreibe den Vertrag«, erklärte Finian kalt, »lasst meine Männer frei.«

»Freilassen? Nein, ich denke nicht. Bevor sie freigelassen werden, unterzeichnen wir vor Zeugen die Papiere und sehen uns das Buch an. Und all das andere Zeug.«

Finian wandte sich wieder zur Wand und schwieg grimmig.

Rardove schwieg ebenfalls. »Nun, von einem Iren habe ich keine große Klugheit erwartet.« Er wandte sich den Wachen zu. »Kettet ihn an die Mauer und zieht ihm ein paar Striemen über den Rücken. Wir wollen sehen, ob er dann anders darüber denkt.«

Die Wächter schleppten Finian bis zu der Wand, in die große Metallringe eingelassen waren. Dann fesselten sie seine Hände mit den Eisenmanschetten, die daran hingen. Wie ein Schild bedeckte sein dunkles Haar seine Schultern, als er den Kopf weit in den Nacken fallen ließ. Er presste die Handflächen gegen die nasskalte Fäulnis und spannte die Muskeln an, um sich auf die Peitschenhiebe vorzubereiten. Gerade noch brachte er ein kurzes Gebet über die Lippen, dass er es überleben möge, und noch eines, um bittere Rache zu schwören, dann erfolgte der Übergriff.

Die schreienden Hiebe der Lederpeitsche rissen ihm das Fleisch auf. Mit aller Kraft biss Finian die Zähne zusammen, schob die Todesangst voller Verachtung beiseite und dachte nur noch daran, was es für den Kampfgeist seiner Männer bedeuten würde, wenn sie ihn zu Rardoves Füßen heulen hören würden. Zerschlagener Rücken, Bauch, Rippen; schon zweimal war er verprügelt worden, bis er nur noch ein blutiger Klumpen gewesen war. Was machte es also, wenn es ein drittes Mal geschah?

Das laute Rufen eines Mannes, der die moosbedeckten Treppenstufen heruntergestürmt kam, sorgte dafür, dass die Schläge dieses Mal nach kurzer Zeit abbrachen.

»Mylord«, keuchte der Kurier des Barons atemlos, »es geht das Gerücht, dass Senna de Valery auf dem Weg hierher ist.«

»Ah, meine … meine Verlobte.« Pause. »Bindet ihn los.«

Finian sandte der Frau, die ihn vor weiteren Schlägen bewahrt hatte, ein stummes Dankgebet.

»Wie lange noch, bis sie eintrifft?«, hörte er den Baron fragen. Die Wachen schlossen die schweren Eisenbeschläge um seine Handgelenke auf.

»Sie wird bald hier sein, Mylord.«

»Und?«

Voller Abscheu schürzte Finian die Lippen, als er die schlichte, aber düstere Frage hörte. Die Soldaten rissen ihn herum. Eine Frau in Rardoves Obhut? Keine vier Wochen würde sie ihn ertragen.

»Weder ihr Antlitz noch ihre Gestalt werden Euch enttäuschen, Mylord«, verkündete der Bote.

»Ja, ich habe gehört, dass sie ein hübsches Ding sein soll, wenn auch nicht mehr ganz jung. Fünfundzwanzig, wenn ich mich recht erinnere.«

Der Soldat warf einen flüchtigen Blick auf Finian und schaute dann wieder fort. »Sie führt eine große Anzahl schwerer, in Leder gebundener Bücher mit sich, falls das wichtig ist.«

Rardove lachte. »Nein, das ist nicht wichtig. Sie wird schon bald … mit anderen Dingen beschäftigt sein.«

Sie wird das Lamm sein, das zur Schlachtbank geführt wird, dachte Finian.

Der Baron wandte sich ihm zu. »Wir werden unsere Verhandlungen später fortsetzen müssen, O’Melaghlin.«

Finian zuckte die Schultern. »Haben wir uns etwa noch mehr zu sagen?«

»Ich Euch nicht. Ihr mir schon. Es gibt vieles, worüber Ihr erneut nachdenken müsst. Es wird mir ein Vergnügen sein, Euch dabei im Blick zu behalten.«

»Wenn Ihr meine Männer freilasst, werde ich aufs Neue überlegen, unter welchen Bedingungen ich Gnade walten lassen kann.«

Eine angegraute aristokratische Augenbraue schoss hoch. »Gnade?«

Finians genüssliches Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen. »Ich kann Euch einen schnellen oder einen langsamen Tod schenken, Rardove. Ihr habt die Wahl.«

Die Wachen sprangen vor und warfen ihn mit dem Gesicht voran zu Boden. Das Gewicht des Fußes auf seinem Rücken hielt Finian niedergedrückt, während Rardove seufzend über seine Beine stieg.

»Ich wünschte, die Prügel würden Wirkung zeigen«, klagte er, »denn ich schätze ihre Schlichtheit. Aber da sieht man es mal wieder. Sie wirken nicht. Und man fragt sich, ob es an der Sturheit oder an der Dummheit Eures Volkes liegt. Dieses Irland ist doch ein merkwürdiges Land.«

Finian bewegte sich leicht, versuchte, von dem Felsstück wegzurücken, das sich ihm in den Oberschenkel bohrte. Der Fuß der Wache drückte ihn noch erbarmungsloser zu Boden, sodass er reglos liegen blieb.

»Und Senna de Valery weiß von all dem nichts«, ertönte Rardoves Stimme rechts von Finian, »denn sie ist von England hierhergereist.«

Finian verschwendete noch einen kurzen Gedanken an die Frau. Zur Schlachtbank.

Abgewetzte Lederstiefel schritten auf ihn zu, hielten einen Zoll vor seinem Gesicht inne und legten sich in dicke Falten, als der Baron sich neben ihm auf ein Knie niederließ.

»Ich sollte einen lehrreichen Willkommensgruß für sie ersinnen, findet Ihr nicht auch, Lord Finian? Vielleicht ein paar irische Rebellen, die an einem Strick baumeln?« Er kam mit dem Mund dicht an Finians Ohr. »Euch spare ich mir bis zum Schluss auf.«

Die Wut schoss Finian durch die Adern, heiß und rot und gefährlich. Er schnellte mit den Hüften vom Boden hoch. Die Wache, die ihm den Stiefel in den Rücken gedrückt hatte, flog durch die Luft. Finian wirbelte herum und trat mit dem Stiefel zu, erwischte Rardove an den Fußgelenken. Der Mann stürzte hart zu Boden. Finian sprang auf ihn.

Vier Soldaten rissen ihn vom Baron weg und schleuderten ihn dann durch die Luft. Finian prallte mit dem Hinterkopf gegen die Mauer. Ein Stoß mit dem Knie in seine Magengrube sollte garantieren, dass er so bald nicht wieder auf die Beine kam, und ein zweiter in den Unterleib sorgte dafür, dass er es auch für längere Zeit auch gar nicht wünschte.

Die Soldaten zerrten ihn wieder auf die Füße. Er stand aufrecht da, breitbeinig, und kämpfte gegen den Taumel der Bewusstlosigkeit an. Er sammelte alle Kraft, die ihm noch geblieben war, hob den Kopf und schüttelte das Blut ab, das ihm aus den Augen tropfte.

»Großer Gott«, schnaubte Rardove, dessen Atem stoßweise ging, »Ihr seid alle wie die Wilden.« Abrupt wandte er sich zu seinen Soldaten um. »Soll er für seine Ungezogenheit zahlen!«

Und dafür sorgten die Männer. Als sie sich schließlich zurückzogen und das Licht ihrer Fackeln verschwand, lag Finian ausgestreckt auf dem Boden seiner Zelle und bekam kaum noch Luft. Aber er dachte angestrengt nach.

Die Engländer waren eine Plage, eine Horde kahlköpfiger Nichtsnutze, und Rardove war das beste Beispiel ihres Abstiegs in die Hölle. Finian würde sich niemals mit ihnen verbünden, selbst wenn man ihm im Gegenzug die Lordschaft von Tir na nóg anböte. Er hatte nicht herkommen und Verhandlungsbereitschaft vortäuschen wollen, aber The O’Fáil hatte es gewünscht. Und seinem König durfte Finian sich nicht widersetzen.

Und jetzt würde selbst ein mit diesem Wurm zum Schein geschlossener Vertrag seine Männer nicht retten können. Sondern allenfalls ihn selbst. Was nicht hinnehmbar war. Sie würden zusammen gehen, seine Männer und er. Zusammen – oder keiner.

Aber so oder so sollte Rardove auf sich achtgeben. Denn die irischen Stämme würden die Hügel hinunterstürmen und seine Burgen von Lent bis Yuletide belagern. Und Finian persönlich würde diese Festungen bis auf die Grundmauern niederbrennen. Und wenn er dazu aus seinem Grab würde auferstehen müssen.

Kapitel 2

Es sollte nicht so lange dauern«, murmelte Senna, als sie bei Sonnenuntergang die Grenze zur Festung Rardove passierte. Vier Tage waren vergangen, seit ihr Schiff in Dublin vor Anker gegangen war und sie ihrem Schicksal überlassen hatte.

Es war ein langer, langsamer Ritt gewesen. Den größten Teil der Strecke hatte Senna geschwiegen, hatte den Geräuschen ihrer neuen Welt gelauscht: dem Heer der Reiter, die sie begleiteten, knarrenden Sätteln, gedämpften Stimmen, dem Wind, der über die irische Erde seufzte. Und die meiste Zeit rechnete sie nach, wie viel Geld dieses geschäftliche Bündnis ihr wohl einbringen würde, falls es Früchte trug.

Es war eine neue Hoffnung, und das war praktisch unbezahlbar.

Irgendwo weiter hinten folgten vierzig blökende Schafe dem Tross, die erste Abschlagzahlung ihres Geschäftsangebots. Über ihren scharfkantigen Hufen trugen die Schafe die weichste und saugfähigste Wolle westlich des Morgenlandes; es war eine Rasse, die Senna bis zur Vollkommenheit gezüchtet hatte, seit sie das Unternehmen vor zehn Jahren von ihrem Vater übernommen hatte.

Das Geschäft mit der Wolle war ein höchst einträgliches. Das Geschick eines Dutzends kleinerer Handwerksbetriebe und einiger bescheidener Fürstentümer hing vom Handel damit ab. Manche Messen in Frankreich waren ausschließlich auf den Wollhandel ausgerichtet, und man sandte das begehrte Gut aus England auf die reichen südlichen Märkte, geradewegs nach Jerusalem und noch darüber hinaus.

Senna wollte sich ihren Weg in diesen Markt bahnen. Wenn die Wolle, die für gewöhnlich auf den Märkten angeboten wurde, die Begeisterung der Händler entfachte, dann würde die von Sennas Schafen stammende sie in entzücktes Erstaunen versetzen. Denn diese Wolle war saugfähiger als andere Sorten, zudem war sie leichter und brauchte weniger Beize, um die Färbemittel anzunehmen.

Sie wusste, dass sie mit ihren stinkenden pelzigen Schafen einen ganz besonderen Besitz mit sich führte. Und sie wusste auch, dass sie kein Geld mehr hatte.

Rardove konnte ihr welches geben. Er besaß die Mittel, um das Geschäft retten zu können, mit dessen Aufbau Senna die vergangenen zehn Jahre verbracht hatte – während ihr Vater jedes Silberstück ebenso ruchlos wie unablässig verspielt hatte.

Angestrengt starrte Senna geradeaus und versuchte, durch den abendlichen Nebel etwas zu erkennen. Sie war neugierig auf den ersten Anblick der Festung. Zudem brachte ihr das angestrengte Geradeausschauen zusätzlich den Vorteil, den Gestank nicht wahrnehmen zu müssen, den die in Leder gekleideten Reiter ausströmten.

»Ist der Nebel immer so undurchdringlich?«, fragte sie den Reiter dicht neben ihr und kniff sich die Nasenlöcher zu, als sie näher kam, um seine Antwort zu hören.

Statt einer Antwort grunzte und nieste der Mann. Vielleicht hatte er aber auch »Hier gibt’s nichts anderes« gesagt. Sowohl die eine als auch die andere Antwort war gleichermaßen erhellend.

Senna zog die Brauen hoch und stieß mit ihrer hellen, fröhlichen Stimme ein »Aha« aus, während sie ihr Pferd einige Schritte gegen den Wind lenkte.

Sie spürte, wie die Blicke des kräftigsten Soldaten sich ihr in den Rücken bohrten. Balffe hieß er und war der Anführer von Rardoves Wachen. Ein Krieger mit einem Oberkörper wie ein Klotz; sein Gesicht sah aus wie die Sünde, und seit zwei Tagen hatte er die Augen nicht mehr von ihr gelassen. Dabei ging es gar nicht um ein anzügliches Grinsen, sondern eher darum, dass er ihr abgeneigt schien, was lächerlich war, da sie ihm nichts getan hatte.

Noch nicht. Über die Schulter warf sie ihm einen finsteren Blick zu. Er erwiderte ihn.

Was scherte sie sich um die Soldaten. Sie drehte sich wieder nach vorn. Lord Rardove zählte und sonst niemand. Es war bedeutungslos, dass sie gehört hatte, er sei von hochmütiger Art und sein Gesicht sei so glatt wie das eines Engels. Schließlich war sie nicht auf der Suche nach einem Ehemann. Nein, sie war auf der Suche nach guten Geschäften.

Als sie sich Rardoves Burg näherten, gaben sich im Nebel mehr und mehr gespenstisch wirkende Dörfer zu erkennen, anfangs als blasse Schemen in den Schwaden, dann als dunkle Flecken, die sich aus dem Boden erhoben. Die kleinen, gedrängt stehenden Hütten und die nassen Felder zeugten von Armut, ebenso wie die ausgezehrten Dörfler, die ihnen hinterherstarrten.

Sofort schloss Senna aus der Anzahl der Hütten, die aus Flechtwerk und Lehm bestanden, auf die Anzahl der Dorfbewohner und rechnete aus, wie viel fetter und reicher die Leute sein würden, wenn ihr Plan erfolgreich war. Ja, vielleicht würden sie sogar wohlhabend werden. Sie wünschte, sie hätte ihren Abakus zur Hand. Mit dem Behelf war es so viel einfacher, die Zahlen zu addieren.

Zahlen zusammenzurechnen war ohnehin viel leichter, als das Bündnis mit einem Mann zu beurteilen, der es für weise hielt, die Menschen hungern zu lassen, die ihn ernährten.

Der Abendnebel hing tief über dem Boden, als sie unter dem Fallgatter hindurch in den äußeren Burghof einritten. Es war kalt. Die Abendsonne flammte in feurig roten Wolkenfetzen über dem Horizont. Durch das blendende Licht konnte Senna nicht mehr erkennen als einen einzelnen aufragenden Burgturm und den Unrat, der durch die Rinnen des Abtritts an den Burgmauern hinunterfloss.

Schreie drangen aus einer der verrotteten Hütten im äußeren Hof; darauf folgte das Geräusch von Fäusten, die auf Fleisch trafen.

Nun ja. Der erste Eindruck kann durchaus trügen, beruhigte sie sich und band sich den Schleier fester um die Nase. Sie war entschlossen, ihre Mission zum Erfolg zu führen: die Verträge abzuschließen, die Herde aufzubauen und in der Lage zu sein, sich ohne weitere Hilfe über Wasser zu halten. Sich niemals wieder auf unfähige Menschen verlassen zu müssen.

»Blickt auf die Gerechtigkeit meines Herrn, Mylady«, verkündete der Ritter an ihrer Seite.

Senna riss sich aus ihren Träumereien und schaute zu den Galgen hinauf. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was sie dort sah: einen Hund, der am Ende eines Seils baumelte.

Der Mund stand ihr offen. »Mylord lässt seine Gerechtigkeit an Hunden walten?«, wisperte sie voller Entsetzen und bekreuzigte sich.

Der Soldat schaute sie verwirrt an. »Lord Rardove steht dort drüben.« Er zeigte auf einen breitschultrigen, blonden, riesigen Ritter, der strahlend im goldenen Licht des Sonnenuntergangs stand.

Senna riss den entsetzten Blick von ihm los und blickte den verurteilten Mann neben ihm an. Den Kopf hatte er angehoben, das Gesicht war ausdruckslos, und er war der Nächste, der aufgeknüpft werden sollte. Sie starrte ihm in die Augen und wusste auf Anhieb mit größter Gewissheit, dass dieser Mann sich keines Verbrechens schuldig gemacht hatte.

Und als sie sich wieder dem funkelnden Blick ihres künftigen Geschäftspartners zuwandte, wusste Senna, dass er es auch wusste.

Ihre Hand schoss hoch. Sie stellte sich in den Steigbügeln auf und war kurz davor, laut Einhalt zu gebieten. Der Soldat an ihrer Seite packte sie am Arm, um sie davon abzuhalten.

»Nicht«, schnappte er, »mischt Euch nicht ein

Wie ein dünnes Fähnchen der Angst breitete sich ein Kälteschauder in Senna aus. Sie hob das Kinn, als sie durch das nächste Tor ritten und auf den Innenhof der Burg gelangten, der einen verwahrlosten Eindruck machte. Sie nahm kaum wahr, dass man ihr aus dem Sattel half und sie zu dem runden Turm führte. Seine Mauern waren über und über von Moos bewachsen.

»Die Burg Rardove, Mylady«, verkündete der Ritter und führte sie die Treppen hinauf.

»Ja, das sehe ich«, murmelte Senna, als er sie über die Schwelle und in ein kleines Vorzimmer geleitete. Eine Dienstmagd eilte herbei. Drinnen war es dämmrig und feucht, und die Geräusche hallten von den Wänden wider. Es war kalt. Ein langer finsterer Gang führte in das Dunkel des Turmes. Es mochte sein, dass sich an dessen Ende irgendetwas befand. Küchen. Mehr Treppen. Ein Ungeheuer.

Senna schluckte schwer und befingerte die Brosche, die ihren Umhang zusammenhielt.

»Willkommen auf Burg Rardove, Mylady.«

Beim Klang der Stimme wandte sie abrupt den Kopf.

»Ich bin John Pentony, Lord Rardoves Seneschall.«

Sie schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück und spähte durch das dämmrige Licht, um den Mann zu erkennen, zu dem die Stimme gehörte. Groß, dünn und ausgemergelt war er eine geisterhaft wirkende, kahlköpfige Gestalt mit fast lidlosen Augen, als er auf sie zukam.

Sie wollte einen Schritt auf ihn zu machen, blieb aber wie angewurzelt stehen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, als er sie anstarrte. Sein unergründlicher Blick schien sie zu durchbohren. Dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht, wie ein Scharnier, das es nicht gewohnt war, bewegt zu werden. Die Dienstmagd blinzelte. Nervös hatte sie die Finger ineinander verschränkt und rührte sich nicht. Das schartige Lächeln lag wie eine Maske auf dem Gesicht des Seneschalls, als alle wie erstarrt dastanden und sich schweigend ansahen.

Dann ließ er den kalten Blick über die Magd gleiten, als wollte er sie damit aufschlitzen. Sie knickste hastig, schlüpfte an ihm vorbei und blieb an der Tür stehen. »Ich werde Euch zu Euren Gemächern führen, Mistress«, wisperte sie.

In den Augen des Seneschalls zeigte sich keinerlei Gefühl, als er sich wieder an Senna wandte. »Wir sind über Eure Ankunft sehr erfreut.«

»Ja, ich … ich danke Euch.« Ihr Blick schweifte durch die leere Halle. »Wir?«

Der Vogt hielt inne. »Ihr seid früher als erwartet eingetroffen.«

»Oh, nun, nicht so früh, als dass ich …« Sie brach ab. »… als dass ich nicht gesehen hätte, was am Galgen vor sich gegangen ist.«

Leere, aschfarbene Augen schätzten sie mit flachem, aber flinkem Blick ab. »Es waren irische Rebellen, Mylady.«

»Der Hund?«, fragte sie scharf zurück. »Der Hund war ein irischer Rebell? Er schien mir eher walisisch zu sein.«

Eine nahezu unsichtbare Augenbraue glitt hoch, formte einen schmalen Halbmond auf der hohen, glatten Stirn des Vogtes. Dann schaute er an ihr vorbei und nickte irgendjemandem oder irgendetwas im Schatten hinter ihr zu.

Einer riesigen Dogge, wie Senna sich düster einbildete, die knurrend und geifernd darauf wartete, dass der Neuankömmling einen falschen Schritt machte und ihr zum Dinner vorgeworfen wurde. Welches nicht lange dauern dürfte.

Eine Steintreppe verschwand in die Dunkelheit hinter Pentonys knochiger Gestalt. Durch das graue Miasma aus Rauch und stickiger Luft, das durch die Halle waberte, kehrte die Zofe zurück. Ihre schmalen Schultern schnitten durch den Nebel. Fürwahr, die Burg schien ein verschwommener Nachhall von Energie zu sein, die in dünnen, kalten Schlägen pulsierte.

Senna schüttelte einen Schauder ab und wandte sich wieder dem Seneschall zu. »Wo wird die Unterredung mit Lord Rardove stattfinden?«, fragte sie schnell. »Ich habe die Rechnungsbücher mitgebracht.« Sie deutete auf die kleine Truhe, die die Soldaten hereingetragen hatten und vor ihr abgestellt hatten.

»Lord Rardove hat befohlen, Euch unverzüglich zu den Schneckenbänken zu bringen.«

Sie zuckte zurück. »Wohin?« Dabei hatte sie nur zu gut verstanden, was er gesagt hatte.

»Zu den Schneckenbänken. Am Strand.«

»Ich weiß nichts von Schnecken. Oder einem Strand.« Was eigentlich nicht der Wahrheit entsprach.

John Pentony musterte sie düster. »Ich meine den Strand mit den Schneckenbänken.«

»Warum sollte ich dorthin gehen?«

Ihre schrill klingenden, erschrockenen Antworten ließen den unheimlichen Vogt innehalten. »Wir hatten den Eindruck, Ihr versteht Euch auf das Färben von Stoffen, Mylady.«

Sie griff an den Kragen ihres Gewandes, als könnte ihr das Halt geben. »Ich bin hier, um über einen geschäftlichen Zusammenschluss zu sprechen – für den Handel mit Wolle. Vom Färben habe ich keine Ahnung«, erklärte sie mit fester Stimme – wie sie jedenfalls hoffte.

»Aber Eure Mutter hat doch …«

»Ich bin nicht meine Mutter«, unterbrach sie ihn scharf. »Ich verstehe weder etwas vom Färben noch davon, wie die Farben hergestellt werden.« Du liebe Güte, sie tischte ihm wirklich dicke Lügen auf.

Pentonys ohnehin schon reglose Gesichtszüge erstarrten noch mehr. »Ich werde meinen Herrn darüber unterrichten.«

»Ich bitte sehr darum«, erwiderte Senna in ihrem hochmütigsten Tonfall, den sie sich in Dutzenden, nein, Hunderten Begegnungen mit Händlern und Schiffern und Vorstehern von Messestädten angeeignet hatte. Im Allgemeinen diente der arrogante Ton dazu, jene in ihre Schranken zu weisen, die glaubten, mit einer Frau zu verhandeln sei ein Kinderspiel; jetzt jedoch verbarg Senna dahinter die höllische Angst, die von ihr Besitz ergriffen hatte.

Obwohl es gar keinen Sinn ergab. Sie hatte nicht erwähnt, dass sie Färberin war. Der Himmel bewahre! Und es war auch kaum anzunehmen, dass jemand von dieser lange zurückliegenden Geschichte überhaupt etwas wusste.

Außerdem hatte das Ganze ganz und gar nichts mit ihr zu tun. Denn sie war schließlich hergekommen, um eine geschäftliche Vereinbarung in Sachen Wollhandel zu treffen. Und das hatte nichts mit stinkenden kleinen Schneckentieren zu tun, aus denen das erstaunlichste und wunderbarste Indigo gewonnen werden konnte – sofern eine Frau sich auf das Handwerk verstand.

Aber das hatte ganz und gar nichts mit ihr zu tun.

»Lasst es Mary«, Pentonys Blick streifte das zitternde Dienstmädchen, »oder mich wissen, falls Ihr irgendwelcher Dinge bedürft.«

Mit einer leichten Verbeugung drehte er sich weg und wollte gehen.

»Und Lord Rardove?« Senna musste diese Frage stellen, auch wenn ihr das Zittern in der Stimme verhasst war.

Aschfarbene Augen sahen sie wie erwartet kalt an. Der schwache Schimmer eines aufrichtigen Lächelns überraschte sie allerdings.

»Ihr werdet zweifellos entzückt sein zu hören, dass der Lord schon bald zurück sein wird.«

Als der rätselhafte Pentony die Halle verließ, musste er den Nacken beugen, um unter dem niedrigen Türbogen hindurchgehen zu können. Während Senna der Magd aus dem Turm folgte, beschäftigten sich ihre Gedanken mit Lord Rardoves offensichtlicher Vorliebe für Folter und äußerst dürre Diener, und sie fragte sich, was das für sie bedeuten könnte.

Oder wie sie mit dem beunruhigenden Gefühl umgehen sollte, dass jemand der Meinung war, sie wüsste über die Herstellung von Färbemitteln Bescheid.

Mary und Senna erreichten ein kleines Gebäude.

Senna befand sich auf der Mission ihres Lebens, und es kam nicht infrage, dass sie sich ihre Hände mit Farbmitteln verfärbte. Es kam nicht infrage, erschöpft nach Haus zurückzukehren, nachdem man in der Färberhütte Tage damit verbracht hatte, eine neue Tinktur zusammenzumischen. Eine Tinktur, die Stoffe in einem Grün leuchten ließ, das an das Eis im Winter denken ließ. Oder die ein Rot hervorbrachte, das aussah wie heißes Blut.

Nichts von all dem hatte etwas mit ihr zu tun. Das war die verrückte Leidenschaft ihrer Mutter gewesen. Nicht ihre. Senna hatte keine Leidenschaft. Sie musste ein Geschäft führen.

»Die Färberhütte, Mylady«, sagte Mary und stieß die Tür auf.

Senna schreckte aus ihren Gedanken auf. »Oh, nein. Ich bin nicht … ich nicht kann nicht …«

Sie schaute sich in der Hütte um und erstarrte. Und fühlte sich in einen Albtraum versetzt.

Kapitel 3

Der Raum war groß und leer – bis auf eine Holzplatte, die über drei Stützböcke gelegt worden war, um als Tisch zu dienen. Er glich denen in der großen Halle, nur dass auf diesem Tisch weder Teller noch Salzfässchen standen, sondern Behälter und Töpfe, die mit Wanzen und Moos und trockenem Seegras gefüllt waren.

Hohe, schmale Gefäße standen neben flachen, wannenartigen aus Ton, in denen sich getrocknete Pflanzenblüten und Moose befanden – Flechten, die sorgsam von Baumrinden abgelöst worden waren und deren lange, spinnenartige Finger wie Tentakel über den Rand der Behältnisse ragten. Wurzeln. Kleine getrocknete Käfer. Zerbrochene Muschelschalen. Hellgraue Eisensalze und die roten getrockneten Rhizome des Krappstrauches. Waagen und Siebe und Mörser zum Mahlen. Allerdings nicht, um Mehl herzustellen. Sondern Färbemittel.

Senna legte die Hand an ihren Hals und wich entsetzt zurück. In dem dämmrigen Raum herrschte ein Geruch, der in ihr die Erinnerung an einen Sommer in der Kindheit weckte. Sanft raschelnd und besänftigend. Und so stark wie Knoblauch, den man zu lange in einem Eisentopf gegart hatte. Erinnerungen an ihre Mutter bei der Arbeit. Wie sie Farbstoffe herstellte, aber immer ein sanftes Lächeln für Senna übrig hatte, wenn diese zu ihr in die Färberhütte schlüpfte. An das Haar ihrer Mutter, den Zopf, der sich löste und ihr flammend-rot über den Rücken fiel. Ihre kühle Hand an Sennas heißer roter Wange.

Sennas Atem kam so kurz und abgehackt wie kleine heftige Wellen, die ein Meer des Entsetzens überschwemmten.

Ohne dass es ihr bewusst wurde, umschloss ihre Hand den kleinen Beutel, den sie an einem Gürtel an ihrer Taille trug. Darin befanden sich Briefe ihrer Mutter – das Einzige, was Senna von ihr geblieben war. Den Versuch, sich an ihre Mutter zu erinnern, hatte Senna schon vor zwanzig Jahren aufgegeben, hatte es sogar aufgegeben, das zu wollen – und zwar in dem Moment, in dem sie begriffen hatte, was geschehen war: Sie war verlassen worden.

Und in diesem Moment war ihr unerklärlich, was sie veranlasst hatte, die Niederschriften und Zeichnungen ihrer Mutter mit auf diese Reise zu nehmen. Und den Abakus. Aber der barg keine Überraschungen in sich.

Senna ging der Gedanke durch den Kopf, dass sie ihre kleine bewaffnete Eskorte vielleicht nicht nach England hätte zurückschicken sollen. Aber es könnte Wochen dauern, bis alle Vereinbarungen mit Rardove unter Dach und Fach gebracht waren, und sie musste die Männer tageweise bezahlen. Noch nicht einmal eine Zofe hatte sie dabei, was allerdings daran lag, dass sie gar keine hatte. Nicht mehr.

Aber selbst wenn sie die Eskorte behalten hätte, was hätte die Handvoll Männer ausrichten können? Wie viele Soldaten hatte sie an den Burgmauern patrouillieren sehen? Viel zu viele, um gegen Rardove Widerstand zu leisten, was auch immer er im Schilde führen mochte.

Sei kein Dummkopf, schimpfte sie mit sich. Es war dumm zu befürchten, Rardove würde irgendetwas tun, um dieses höchst einträgliche Geschäft zu gefährden. Die Truhe mit Gold- und Silbermünzen, den sie unter dem aufgebockten Tisch erspäht hatte, war nicht so wertvoll wie der Handel, den sie ihm anbot: Wolle.

Doch diese vernünftige Überlegung trug wenig dazu bei, die Angst zu besänftigen, die sich in Senna ausbreitete. Sie kaute an ihrem Daumennagel, während die Gedanken wie aufgescheucht in ihrem Kopf herumwirbelten.

»Mistress Senna?«

Sie fuhr herum. Den Daumen noch am Mund starrte sie zur Tür.

»Lord Rardove ist zurückgekehrt. Er wünscht, Euch in der Halle zu sehen.«

Ihre Hand sank schlaff herunter.

Das Lärmen eines wüsten Gelages drang gedämpft bis hoch in die kleine Schlafkammer, in die man Senna geführt hatte. Eine schmale, dünne Matratze hing, mit Ledergurten befestigt, zwischen morschen Bettpfosten. Zwei Stühle ohne Armlehnen, ein Tisch und der Kamin sollten vermutlich den Eindruck von Bequemlichkeit vermitteln, aber in Wahrheit war dies nichts als eine verwahrloste Kammer, in der es schwach nach Fäulnis roch.

Aber das spielte kaum eine Rolle, weil es nicht lange ihr Schlafzimmer bleiben würde. Senna atmete tief durch und strich über ihr Gewand, um es zu glätten. Sie trug eine dunkelgrüne Cotte und darüber eine Tunika in einem matten Grün. Die beiden Gewänder waren gut und gern zehn Jahre alt, und sie hatte sie bis jetzt bei jeder Vertragsunterzeichnung getragen, was man ihnen inzwischen auch ansah. Die Ellbogen waren abgestoßen, die Nähte an der Taille und den Handgelenken stark ausgefranst. Die Stickerei war stark verblasst; aber schließlich war sie alt. Schlicht. Und perfekt.

Raues Gelächter drang die Treppe hinauf, beladen mit unzüchtigen Flüchen. »Sind die Leute immer so … ausgelassen?«

Die Magd schaute sie an. »Immer, Miss.«

Sie befestigte die Ärmel an der Cotte und steckte Senna das Haar zu einem weichen, aber kunstvollen Knoten hoch. Dann legte sie einen Schleier in einem blassen Grün über ihr Werk und umwand ihn mit einem schmalen silbernen Reif. Zusammen starrten sie auf Sennas verschwommenes Bild in dem kleinen Handspiegel aus poliertem Metall.

»Ihr seht so schön aus wie eine Königin«, erklärte Mary, setzte dann aber einschränkend hinzu, »wenn Ihr auch ein wenig blass seid.«

»Ich bin so bleich wie ein ungefärbtes Tischtuch«, stimmte Senna säuerlich zu.

Das Aussehen war ihr egal. Sie wollte ein Geschäft abschließen. Und darauf verstand sie sich bestens.

Sie griff nach dem Rechnungsbuch, wiegte es in ihrem Arm wie einen Säugling und schwebte die Treppe hinunter in die große Halle. Ihr Atem ging in schnellen, unregelmäßigen Stößen, aber sie achtete nicht darauf. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie solche Anflüge von Panik beherrschen musste. Sie hatte jede Menge Erfahrung darin, und deshalb würde es ihr auch dieses Mal gelingen. Sie würde alles in den Griff bekommen, wenn man ihr nur die Zeit ließ.

Senna hob das Kinn, übertrat die Schwelle zur Halle, in der das ausgelassene Gelage abgehalten wurde – und gefror förmlich zu Eis.

Die Halle war verqualmt und überfüllt. An einem der Tische schien das Gelächter fast zu explodieren. Eine spärlich bekleidete Frau rutschte vom Schoß eines Soldaten herunter und taumelte zu Boden. Wieder grölte die betrunkene Meute. Met spritzte in hohem Bogen durch die Luft, als die Krüge auf die rau gehobelten Tischplatten krachten. Der fluchende und in Leder gekleidete Mann spuckte auf den mit Binsen bestreuten Boden und beugte sich hinunter, um die Frau am Ellbogen hochzureißen.

Senna atmete tief durch. Denk an die Zahlen. Nur an die Zahlen. An die Summe, die Rardove angeboten hatte (eintausend französische Pfund). An die Zeit, die ihr noch blieb, um die Verschiffungskosten zu begleichen (nicht einmal ein Monat). An die vielen Jahre, die sie in einer leeren Halle darauf gewartet hatte, dass jemand, irgendjemand kam und sie rettete.

Zu ihrer Erleichterung näherte sich ein Ritter. Er griff nach ihrem Arm und deutete mit einem Kopfnicken auf das Podium. Neugierige, aber auch gleichmütige Blicke richteten sich auf sie, und der Lärm ebbte dort ab, wo sie vorbeiging. Sie erbleichte unter den ungewohnten prüfenden Blicken. Ihre Schritte stockten. Sie war ärgerlich auf sich selbst und versuchte, ihren Arm freizuzerren, den ihr Begleiter mit festem Griff gefangen hielt. Sie stieß ihn heftig in die Rippen. Der Ritter knurrte und ließ sie los.

Am anderen Ende des erhöhten Tisches stand Lord Rardove inmitten seiner Männer und redete mit ihnen. Selbst wenn er das Gesicht abgewandt hielt, war er von beeindruckender Gestalt. Er war groß und breitschultrig und trug ein mitternachtsblaues Hemd und Beinlinge, die sich kontrastreich gegen seine blutrote Tunika abhoben: die Farben von Rardove. Eine Hand lag auf dem Heft des Schwertes, das er an seiner Hüfte trug, und spielte lässig damit. Rardove mochte sich dem fünfzigsten Lebensjahr nähern, aber noch war in seinem Blondschopf kein graues Haar zu entdecken. Jeder Zoll ein Kriegsherr.

Senna schluckte ihre Angst hinunter. Vielleicht waren es die irischen Krieger, die gefesselt auf dem Boden vor dem erhöhten Platz lagen, welche ihm die Brust so stolz schwellen ließen. Bitte, lieber Gott, mach, dass es nicht meinetwegen ist.

Sie spürte, dass sich ihr der Magen umzudrehen begann – just in dem Moment, als Rardove sich zu ihr umwandte.

»Mistress Senna.« Mehr sagte er nicht. Sein Blick hielt ihren einen halben Wimpernschlag lang fest, genau so lange, wie die Höflichkeit es gebot. Aber Senna fühlte sich, als würde er ihr mit den Augen das Gewand herunterreißen, sie wie eine Stute mustern und abschätzen, ob sie den Preis wohl wert war.

Dann ging ein Lächeln über sein hübsches Gesicht, und es war, als wäre Glas zersplittert. Quer über das Podium kam er zu ihr.

»Ich bitte untertänigst um Verzeihung, dass ich Euch nicht früher persönlich begrüßen konnte«, sagte er. Seine Stimme klang angenehm und tief und überaus ritterlich. Er griff nach Sennas Hand. »Ich werde Euch entschädigen müssen.«

Senna widerstand dem Drang, die Hand fortzureißen und schreiend aus der Halle zu rennen. »Dazu gibt es keinen Anlass, Mylord«, murmelte sie.

»Ich hoffe, dass Ihr Euch bequem eingerichtet habt.« Er gab ihre Hand frei. »Hattet Ihr eine angenehme Reise?«

»Einigermaßen.« Sie versuchte, sein Lächeln zu erwidern. »Es herrscht dichter Nebel.«

Rardove nickte. »Irland.« Er breitete die Hände aus und drehte die Handflächen nach oben. Auf den kräftigen Händen befand sich ein nahezu unsichtbarer Schmutzfleck. In Dunkelrot. Er sah aus wie getrocknetes Blut. »Irland verbirgt vieles hinter einem Schleier.«

Ihr Lächeln wurde freundlicher. Wenn er zu solch empfindsamen Äußerungen fähig war, mochte er vielleicht doch kein so schlechter Mann sein. Vielleicht handelte es sich bei den Iren tatsächlich um Rebellen, wie Pentony gesagt hatte, die sich auf ungesetzliche Weise gegen ihren Lehnsherrn erhoben hatten. Vielleicht konnte sie sich ohne größeren Ärger auf Geschäfte mit diesem Mann einlassen …

»Man hat mir berichtet, dass Ihr die Schneckenbänke nicht zu sehen wünscht.«

Ihr Lächeln schwächte sich ab. »Nein, Mylord. Es ist so, dass ich mich auf jenes Handwerk nicht verstehe.«

»Ist es nicht das Eure?«

Ihr Lächeln verschwand ganz. »Nein, Mylord.«

Rardove schwieg.

»Ich handele mit Wolle.«

»Oh, ich bin durchaus an Eurer Wolle interessiert, Senna. Sehr. Sogar außerordentlich.«

Erleichterung wollte sich nach seinen sanft gesprochenen Worten allerdings nicht bei Senna einstellen. Ganz im Gegenteil: Ihr rann ein kalter Schauder über den Rücken. Sollte das heißen, dass er ein Bluthund war? Einer, der Jagd auf Schwächere machte? Mit solchen Kerlen hatte sie ausgiebig Erfahrung sammeln können. Sie straffte die Schultern und erwiderte mit fester Stimme: »Nun gut, Mylord. Dann haben wir uns ja verstanden. Ich handele mit Wolle. Nicht mit Färbemitteln.«

»Das ist überaus bedauerlich, Senna. Für Euch.«

»Mylord?«

»Ich brauche keine Wollhändlerin, sondern eine Färbehexe.«

Kapitel 4

Anstelle eines Schauders rann Senna jetzt ein frostiger Hauch über den Rücken. »Färbehexe«, riefen die Leute seit Jahrtausenden, wenn sie jemanden beleidigen wollten. Und diejenigen, deren Wohl und Wehe von den Launen des örtlichen Lehnsherrn abhing, drückten auf diese Weise aus, dass sie jemandem an den Kragen wollten. Aber wer besser Bescheid wusste, für den war »Färbehexe« eine Respektsbekundung, die an scheue Ehrfurcht grenzte.

Senna wünschte verzweifelt, nicht zu denjenigen zu gehören, die ›besser Bescheid wussten‹.

»Oh, du liebe Güte, Mylord«, erwiderte sie rasch, »ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Ich bin nur wegen der Wolle hergekommen.« Sie streckte ihm das Rechnungsbuch entgegen.

Er senkte kurz den Blick und schaute sie dann wieder an. »Es liegt kein Missverständnis vor, Mistress de Valery. Mir gehören die Schnecken. Ich brauche den Farbstoff, den sie bilden.«

»Oh, Mylord, die Wishmés sind eine Legende. Und nur das.« Von der ihre Mutter ihr einst beim Schein eines Feuers erzählt hatte. »Nichts von dem, was man sich über sie erzählt, ist wahr …«

»Es gibt sie, Senna. Das Traktat Eurer Mutter beweist es eindeutig.«

Sie zuckte zurück. »Das Traktat meiner Mutter?«

Ihre Mutter? Was wusste Rardove über ihre Mutter? Und was wusste ihre Mutter über Traktate? Alles, was die Frau kannte, kannte sie offenbar im Übermaß. Maßloses Fieber. Leidenschaft. Deswegen hatte sie ihre Familie verlassen, war fortgegangen, als Senna fünf Jahre alt gewesen war. Hatte Senna die Verantwortung für ihren ein Jahr alten Bruder überlassen und dem Vater das Herz gebrochen, sodass er im Strudel des Glücksspiels versank, der ihn schier umgebracht hatte während der Jahre, die seither verflossen waren.

All das hatte sie einfach Senna überlassen und war nie wieder zurückgekehrt.

Ihre Mutter verstand sich nicht auf Schriftstücke, hatte keine Ahnung, wie man Dinge regelte. Wie man sich gegen die Furcht erregenden Mächte dieser Welt wehrte und sie vertrieb. Sie hatte sich nur auf das Fortlaufen verstanden. Und ganz sicher hatte sie nichts davon verstanden, kaufmännisch zu handeln.

Das war Sennas Gefilde.

»Nun, Senna?«

Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch.

»Die Wishmés existieren. Sie sind wertvoll. Und ich brauche Euch, um sie zu Farbstoffen zu verarbeiten. Für mich.«

Sie hielt das Rechnungsbuch vor der Brust und drückte es an sich. Eine schwache Rüstung. Sie konnte keine Färbemittel herstellen. Selbst wenn man ihr hundert Truhen voller Gold geboten hätte, wäre sie immer noch nicht in der Lage gewesen, Farben herzustellen. Ihr ganzes Leben hatte sie damit zugebracht, genau das zu vermeiden.

Die Frage war nur: Was würde dieser Mann tun, wenn er es erfuhr?

In diesem Augenblick schaute er sie einfach nur an, allerdings mit einer habichtartigen Eindringlichkeit, die schwächeren Geschöpfen, zu denen auch sie gehörte, nichts Gutes verhieß.

»Habt Ihr einen Vorschlag zu machen, Senna, was nun geschehen soll?« Seine Stimme klang so ruhig, als würden sie die Speisen für den Abend besprechen. Vielleicht stand ja sogar sie auf dem Speiseplan.

Senna strich sich mit der freien Hand über den Rock. Es war höchste Zeit, Vernunft zu beweisen, um nicht ausgebeint und gargekocht als erster Gang serviert zu werden.

»Habt Ihr es mit Purpurschnecken versucht? Oder vielleicht mit Färberwaid? Die Farben sind kräftig und üppig und sind für Wolle gut geeignet. Sie bringen gewiss das Ergebnis, das Ihr wünscht.«

Rardoves Gesichtsausdruck drückte Ablehnung aus.

»Sir, es ist nicht möglich, dass jemand Farbstoffe aus den Wishmés herstellen kann, nur weil er es möchte. Nur sehr wenige sind dazu in der Lage. Das behauptet jedenfalls die Legende«, fügte sie rasch hinzu und fuhr noch rascher fort: »Über die ich nur unterrichtet bin, weil ich auf einem ähnlichen Gebiet tätig bin und mir solche Dinge deshalb zu Ohren kamen. Aber selbst wenn ich zu färben wünschte, könnte ich es nicht einfach so tun.« Sie schnipste mit den Fingern. »Solches Handwerk verlangt jahrelanges Studium. Ich kann nicht nachvollziehen, warum Ihr glaubt, dass ich …«

Er schnappte sich ihre Hand, drehte sie um und drückte den Daumen auf die Innenseite des Handgelenks, über die blauen Venen, die sich unter der Haut abzeichneten.

»Euer Blut lässt es mich glauben«, sagte er leise. »Man sagt, es ist im Blut.«

Senna stand der Mund offen. Entsetzt starrte sie auf ihre Hand. Rardove ließ sie los.

Senna wich zurück und stützte sich mit der freien Hand auf den Tisch, der auf der breiten Erhöhung stand. Mit der anderen hielt sie das Kontobuch an ihre Brust gedrückt. In rascher Folge pulsten frostige Schauder durch ihr Inneres; es fühlte sich an wie kleine Pfeile, die sie durchbohrten.

»Sir.« Sie schluckte. »Sir.« Sie wiederholte sich. Das war nicht gut. Niemals äußerte sie sich zweimal zu ein- und demselben Angebot. »Sir, Ihr müsst verstehen …«

»Ich verstehe sehr wohl. Ihr hingegen nicht.« Er drehte sich um, sodass er mit dem Rücken zur Halle stand, griff in seine Tunika und zog etwas heraus. »Das hier ist es, was die Wishmés fertigbringen.«

Das war alles, was er sagte. Sagen musste. Der Rest sprach für sich aus dem Fetzen gefärbten Stoffes in seiner Hand. Langsam legte Senna das Buch ab und griff nach dem Stoff.

Die Farbe war … atemberaubend. Das tiefe Blau leuchtete so eindringlich, wie sie es noch nie gesehen hatte. So strahlend, dass sie beinahe ihre Augen schützen musste.

Ein solches Ergebnis würde ein aus der Nordischen Purpurschnecke hergestellter Farbstoff niemals erzielen können. Genauso wenig wie Moos, Krapp, Färberwaid oder was auch immer auf dieser Erde kreuchte und fleuchte. Dieser Fetzen Stoff hier stammte direkt vom Herrn im Himmel.

»Wunderschön«, murmelte sie und strich beinahe ehrfürchtig über das gefärbte Gewebe. »Auf meiner Wolle wäre es etwas, was die Welt noch nicht gesehen hat.«

Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Wo wollt Ihr anfangen?«, fragte er heiser.

Sie gestikulierte hilflos. »Ich weiß es nicht.«

Doch, sie wusste es. Es schien tatsächlich so zu sein, dass ein heiß aufpeitschendes Gefühl mitten in ihrer Brust sie in die Färberhütte zu ziehen schien, in den Raum mit den Mörserschalen und Stößeln, den Flechten und der Borke, die so verzaubert werden konnte, dass Dinge von solcher Schönheit daraus entstanden.

Genau wie ihre Mutter. Es kam ihr vor, als würde die Scham ihr in einem dünnen Rinnsal durch die Kehle rieseln.

Rardove griff nach dem Stofffetzen. Senna ließ los und schob die Schultern zurück. »Lord Rardove, ich handle mit Wolle. Das haben wir in unserer Korrespondenz geklärt.«

»Allerdings.«

»Ich bin hier, um einen Handel einzufädeln, der sowohl für Euch als auch für mich einträglich sein wird. Wenn ich Euch einige meiner Kontobücher zeige, werdet Ihr die Vorteile für Euch erkennen. Oder«, es gefiel ihr gar nicht, dass er sie und nicht ihre Bücher anschaute, »vielleicht wollt Ihr die Sache auch einfach nur noch mal gründlich überdenken. Dann kann ich zum Schiff zurückkehren.«

»Oder vielleicht sollten wir uns unverzüglich um diese andere kleine Angelegenheit kümmern.« Rardove deutete ins Dunkel.

Pentony tauchte aus den Schatten auf – der Mann ist ein Gespenst, dachte Senna – und hielt eine Pergamentrolle in der Hand. Obwohl ihre Nerven bereits reichlich angeschlagen waren, bewahrte Senna die Fassung und lächelte beim Anblick der geisterhaften Gestalt des Vogtes. Er warf ihr einen düsteren Blick zu und gab nicht im Geringsten zu erkennen, dass sie sich schon einmal begegnet waren. Sie hätte auch ein Tischtuch sein können. Oder ein Tropfen Wachs auf einem Tischtuch. Ein Schmutzfleck.

Sie richtete den Blick wieder auf Rardove. »Welche andere Angelegenheit, Mylord?«

Er deutete ungeduldig auf Pentony, der die Urkunde überflog, bevor er einzelne Abschnitte daraus laut vorlas.

»Senna de Valery, Wollhändlerin … Lambert Lord of Rardove, Lehnsherr der Mark Irland … vereint im Stand der Ehe … das Aufgebot bestellt …«

Senna stand der Mund offen. Beinahe hätten ihre Knie den Dienst versagt.

Kapitel 5

Das ist unmöglich!«

Rardove schaute sie mit einem Blick an, aus dem milde Neugier sprach. »Nein? Und doch«, er zeigte auf das Pergament, »hier ist die Urkunde und …«, er lenkte den Finger in ihre Richtung, »… dort seid Ihr.«

»Oh nein, das ist unmöglich.«

»Das sagt Ihr.«

Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es war der blanke Wahnsinn. Und doch … Zwangsverlobungen gab es immer wieder. Aber so etwas widerfuhr doch nicht ihr!

Die vergangenen zehn Jahre hatte sie damit zugebracht, dafür zu sorgen, dass niemals wieder ein Mensch ihr ein Leid antun konnte, wer auch immer es sein mochte. Sie hatte sich ein Geschäft aufgebaut, hatte sich eine Welt geschaffen, in der sie niemals wieder irgendjemandem verpflichtet sein würde. In der sie niemals wieder einen anderen Menschen brauchen würde. Wo sie allein die Kontrolle ausübte.

Diese Welt zerbrach jetzt in Stücke.

Sie konnte ihren Herzschlag spüren, konnte das Herz dumpf in ihren Ohren pochen hören. Babumm, babumm, babumm.

»Ich werde nicht unterschreiben«, verkündete sie benommen.

Rardove atmete ungeduldig aus. »Doch, das werdet Ihr.« Er kam ihr so nahe, dass sie das Leder seines Kettenhemdes riechen konnte. Es quietschte, so neu war es.

»Aber warum?«, fragte sie beinahe wispernd. »Warum die Ehe?«

»Um sicherzustellen, dass Ihr hierbleibt. Oder besser«, fügte er hinzu, um jeden Zweifel auszuschließen, »um mir das Recht zu garantieren, Euch zurückzuholen, falls Ihr Euch entschließt, die Burg zu verlassen.« Er trat noch einen Schritt näher und ließ den Blick langsam an ihren Röcken hinunterschweifen. »Außerdem sollte Euch bekannt sein, Senna, dass Ihr sehr hübsch seid.«

»Ich … ich kann das nicht. Farben herstellen.« Inzwischen wisperte sie nur noch.

»Habt Vertrauen in Euch.« Es fehlte nicht mehr viel und sein Körper hätte ihren berührt. »Ihr könnt alles tun, was ich Euch sage.«

Senna nahm seinen Geruch nach Schweiß und Ale wahr. Er hob die Hand, um ihr über die Wange zu streichen. Sie zuckte zurück. Er hielt inne und ließ dann mit voller Absicht seinen Handrücken auf ihrer Wange ruhen. Sie verharrte reglos wie ein Fels, aber eine Haarsträhne auf ihrer Wange zitterte.

Rardove lächelte. Wenn auch nur schwach. Der Moment dehnte sich. Schweiß rann ihr über die Brust. Sie musste sich tatsächlich zwingen, seinem Blick standzuhalten, nicht auszuweichen, so sehr es sie drängte, sich zu befreien. Sie fühlte sich seltsam benommen.

Aber irgendetwas an dieser merkwürdigen stummen Begegnung schien Rardoves Laune zu kitzeln, denn er lächelte. Dann nahm er ihre Hand und drückte seine Lippen darauf.

Überrascht starrte Senna auf seinen Hinterkopf, während er sich über ihre Hand beugte. Sie taumelte leicht, als ein Soldat, der sich dem Podest näherte, sie aus der Lage erlöste, Rardove eine Antwort geben zu müssen.

»Ich … Mylord …«

Der Baron hielt inne. »Was ist los?«, fragte er, den Mund immer noch über ihrer Hand.

»Wir haben ein zweites irisches Aufgebot entdeckt. Klein, genau wie das von O’Melaghlin. Die Männer waren nach Süden unterwegs. Vermutlich haben sie die Dörfer längs des Weges ausgekundschaftet.«

Rardove versteifte sich. Sein Blick war leer, als er an Senna vorbei den Soldaten ansah, der sich vor Angst fast einzunässen schien.

»Wo steckt Balffe?«, fragte Rardove sanft.

»Er hat mich geschickt, Mylord … Euch zu unterrichten … wir haben einen von ihnen gefangen genommen, aber irgendetwas ist im Gange. Balffe befahl …«, er schluckte hörbar, »… er befahl, Euch zu erinnern, dass wir nicht darauf vorbereitet sind, Widerst …«

»Ihr habt einen gefangen genommen?«, unterbrach der Baron.

Der Mann in Waffen nickte. Die eisernen Ringe seines Kettenhemdes glänzten dumpf im Feuerschein.

»Verhört ihn. Und spürt die anderen auf.«

»Aye, Mylord.«

»Dann tötet ihn und schickt seinen Kopf in einer Truhe an The O’Fáil, um ihm zu beweisen, worauf ich vorbereitet bin.«

Der Soldat nickte und eilte aus der Halle. Senna starrte ihm nach. Sie traute ihren Augen kaum. Das alles war verrückt. Hier konnte sie nicht überleben. Keine vier Wochen würde sie es aushalten. Nicht einmal eine einzige Woche. Keine Stunde.

Langsam zog sie ihre Hand aus Rardoves.

Er hob den Kopf und schaute sie an. »Es ist nicht gut, kleine Aufstände zu großen anwachsen zu lassen, nicht wahr, Senna?«

Es war bestimmt das Beste, wenn sie sich vollständig in Schweigen hüllte. Sie schüttelte den Kopf und hielt den Blick fest auf sein Kinn geheftet. Sie musste ihren ganzen Willen aufbieten, um Rardove anzusehen. Er beobachtete sie schweigend. Wie ein Raubtier. Sie fühlte sich wie eine Kreatur, die viel schwächer war als er, und dieses Gefühl weckte ihre Wut.

»Wir haben uns doch verstanden, nicht wahr, Senna?«, fragte er ruhig.

Sie nickte.

Rardove deutete zum Tisch. »Dann nehmt Platz und bedient Euch. Das Fleisch stammt just aus heutiger Schlachtung.«

Er neigte den Kopf kaum merklich, und sofort erschien ein Ritter an ihrer Seite. Starke Arme drängten sie unausweichlich an den Tisch, wo sie sich setzte und nervös an ihren Röcken nestelte. Ihr Atem ging kurz und stoßweise.

Die Platte vor ihr war schwer beladen. Der Duft der warmen Ente, der Butter und des gekochten Gemüses stieg ihr in die Nase. Allerdings wurde ihr schon übel, wenn sie nur ans Essen dachte.

Jemand stellte ihr einen Weinkelch hin. Den Wein werde ich trinken, beschloss sie entgegen der verzweifelten Warnung ihres Magens. Sie schluckte die rubinrote Flüssigkeit, aber der bittere Geschmack und die schmierige Beschaffenheit des Getränks strafte die tiefrote Farbe Lügen. Sie verzog das Gesicht, als sie schluckte.

Das Gemurmel der Unterhaltung brummte durch die Halle. Hin und wieder brandete grimmiges Gelächter auf. Ritter schlugen auf die Tische, Schritte schlurften über den Boden. Senna wurde sich der Gefangenen bewusst, die gefesselt vor dem Podium aufgereiht standen. Sobald sie sich bewegten, klirrten ihre Eisenketten. Der Baron stand ganz am Ende des Podestes, sprach zu den Wachen und zu einem der Gefangenen unter ihm.

Senna blickte zu dem düsteren irischen Krieger hinunter, dessen Hand- und Fußgelenke in Ketten gelegt waren. Obwohl er übel verprügelt worden war, lag eine Attraktivität in seinem Gesicht, die durch die Prellungen nicht verdeckt werden konnte.

Hohe Wangenknochen und volle Lippen. Dunkle, sehr dunkle Augen. Ihr Blick schweifte nach unten. Ein fester, ausgeprägter Nacken, breite Schultern, langes, wirres Haar. Muskulöse Beine schauten unter dem irischen leine, der kurzen Tunika, die er trug, hervor und die Füße standen fest und sicher auf dem Boden. Die muskulösen Arme hatte er vor der Brust verschränkt, die Schultern aufsässig zurückgeschoben.

Aber am meisten faszinierte sie das Lächeln, das ihm in den Mundwinkeln tanzte. Seine Lippen bewegten sich, und der Baron wurde grimmig. Der Ire grinste noch breiter.

Obwohl er beinahe reglos dastand, strahlte dieser Krieger eine unglaubliche Kraft und Lebendigkeit aus. Angesichts der Klugheit und des Edelmuts, die in seinem Blick schimmerten, wären ihr beinahe die Tränen gekommen.

Nein. Das war nicht recht. Nichts was in dieser erbärmlichen Burg geschah, war recht. Sie wollte nichts damit zu tun haben.

»Esst, Senna«, forderte Rardove sie über die Schulter auf.

Und bei diesen Worten zerbarst etwas in ihrem Innern. Es war, als wäre ein schwerer Stiefel zu oft auf das dünne Eis getreten, das sich auf einem Teich gebildet hatte.

Senna hob kaum merklich das Kinn. »Nein.«

Kapitel 6

Finian drehte sich um und zog die Augenbrauen hoch. Das Kerzenlicht, das durch die Halle tanzte, zeichnete das Gesicht der Engländerin in deutlichen Konturen. Der Schein der Öllampen und das bernsteinfarbene Binsenlicht ließen ihr Haar aufschimmern, und es sah aus, als umgäbe sie ein goldroter Lichtkranz.

Das also war das Lamm?

Er war beeindruckt. Schon der Auftritt des Smaragdengels war bemerkenswert gewesen und hatte gereicht, seine Aufmerksamkeit von den schmerzenden Wunden und dem glühenden Blick des Barons abzulenken. Als sie dem Baron ihre Hand entzogen hatte, war seine Neugier noch größer geworden. Dass sie ihm nun auch noch widersprach, führte dazu, dass Finian und seine Mitgefangenen sich überrascht ansahen.

Solche Tapferkeit verdiente ganz gewiss Respekt. Natürlich würde diese Sache für die Frau nicht gut enden, aber das schmälerte nicht den Mut, den er keinem Engländer, weder Mann noch Frau, je zugetraut hätte, waren sie doch in seinen Augen ein durch und durch verdorbener Menschenschlag. Aber hier begegnete ihm Geist und Trotz. Und große Schönheit.

Und sie war kein Lamm. Sie war bhean sidhe, glühendes Feuer und Trotz, und sie zeigte ihre Verachtung mit einer Würde, die Finian Achtung abrang.

Wie konnte Gott, in seiner unendlichen Weisheit, einem erbärmlichen Wurm wie Rardove ein solch wertvolles Geschenk machen? Der Teufel musste seine Finger im Spiel haben.

Die Frau hingegen war ein Engel, und sie schien von unermesslicher Kostbarkeit zu sein. Ganz bestimmt in jenem Augenblick, als sie mit einem einzigen Schritt das gesicherte Terrain verließ und sich kopfüber in die Gefahr stürzte.

»Nein.«

Der leise Klang des Wortes schwebte zum Rand des Podiums. Rardove drehte sich so langsam um, dass der beißende Geruch eines erloschenen Dochtes sich in der Zeit hätte verflüchtigen können, die sein wütender Blick brauchte, sich auf sie zu richten. In der Halle herrschte plötzlich Stille, bei den englischen Soldaten ebenso wie bei den irischen Kriegern.

Rardove schnalzte mit der Zunge. »O Senna«, sagte er sanft, wobei der Ausdruck in seinen Augen diese Sanftheit Lügen strafte.

Senna hielt dem Blick stand, ohne zurückzuzucken. Doch das Herz drohte ihr fast zu zerspringen, so wild pochte es. Niemals würde sie das hier durchstehen können. Nur noch einen Wimpernschlag, und sie würde sich in dem Entsetzen verloren haben, das sich um ihr Herz schloss. Und das durfte nicht geschehen.

Senna stand so abrupt auf, dass die Bank ein Stück nach hinten ruckte, als sie sich erhob. Sie hielt immer noch den Weinkelch umklammert, als sie hinter dem Tisch heraustrat.

Es kam ihr vor, als würde ihr Leben in kurzen Szenen vor ihrem inneren Auge ablaufen. Aber ihre Füße trieben sie trotzdem vorwärts. Sie war verrückt, wie ihr jetzt klar geworden war, und verdammt noch dazu. Aber was geschehen sollte, musste geschehen, und sie konnte nicht anders sein, als sie es nun einmal war.

»Ich habe Euch um etwas sehr Einfaches gebeten«, sagte der Baron, »genießt die Freigebigkeit meines Tisches.«

»Nein.« Wieder drang ihre weiche Stimme über die Köpfe der blutbefleckten Krieger hinweg, die sich in Viererreihen aufgestellt hatten.

Seine Brauen schossen hoch. Ein düsteres Grinsen glitt über seine hübschen Gesichtszüge. »Gegen den Wein hegt Ihr keine Abneigung, wie ich sehe.«

Senna hob den Arm, als hinge er an Fäden. Sie streckte dem Baron den Kelch entgegen, drehte ihn langsam um und schaute ihm dabei in die Augen. Wie eine rote Flut floss der Wein über den Boden und sammelte sich in einer purpurroten Lache.

Erst stand Rardove der Mund offen. Dann schritt er über das Podium und blieb vor Senna stehen. Er versperrte ihr den Weg, und sie konnte ihn riechen – Schweiß, Leder, Wut. Sein Atem ging in kurzen, heißen Stößen, und sie spürte ihn in ihrem Haar.

»Der Wein war kostbar.« Rardove schäumte vor Wut.

»Genau wie meine Unterschrift unter dem Ehevertrag, Mylord. Genauso kostbar wie mein Blut.«

Er neigte den Kopf ein wenig, als würde er über ihre Argumente nachdenken. »Euer Blut ist leicht vergossen, Senna«, erwiderte er, hob den Arm und schlug ihr mit dem Handrücken über die Wange.

Sie taumelte, stieß einen kurzen Schrei aus. Er packte ihre Hand und zerrte sie vorwärts. »Verstehen wir uns jetzt?«

»Ich verstehe Euch sehr wohl, Mylord«, erwiderte sie ruhig, »aber ich fürchte, dass Ihr mich nicht versteht.« Sie entriss ihm ihre Hand.

Rardoves Wut schien sich zu verflüchtigen. Doch das Lächeln, das über sein Gesicht glitt, wirkte schlimmer als jeder offene Angriff. Er nahm ihr Kinn zwischen die Finger und hob ihren Kopf an. Kurze blonde Bartstoppeln bedeckten sein Kinn, das bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so kantig wirkte. Seine Stirn war breit und fliehend, die haselbraunen Augen waren von feinen roten Linien durchnetzt, und der wohlgeformte Mund stieß Boshaftigkeiten aus, bei denen Senna übel wurde.

»Und wenn ich Euch sämtliche Knochen im Leib zerschlagen muss, Senna, Ihr werdet mir gehorchen.« Der Griff seiner Finger wurde härter, und mit dem Daumen strich er langsam und drohend über ihre verletzte Lippe. »Falls das Euer Aufstand gewesen ist, sollte er jetzt beendet sein. Habt Ihr mich verstanden?«

Sie versuchte, den Kopf abzuwenden, aber sein Griff war stärker. »Ich habe Euch verstanden, Mylord«, erwiderte sie mit zitternder Stimme.

Er dachte kurz nach. »Nein, Senna. Das glaube ich nicht.«

Ohne Warnung versetzte er ihr einen Stoß, und sie prallte mit dem Rücken gegen die Wand. Rardove fasste wieder nach ihrer Hand und hob sie hoch.

»Ist das die Hand, die Ihr mir verweigert?«

Seine Stimme klang leise und bedrohlich und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie schlug sich mit der anderen Hand auf die geschwollene Lippe, um nicht zu schreien, und drückte die Wange flach gegen die Wand.

Er riss Senna von der Wand weg und presste ihre Hand auf den Tisch. »Ihr werdet rasch lernen, dass man mir in allem und immer gehorcht!«

Die letzten Worte hatte Rardove laut gebrüllt. Er nahm den schweren, flachen Nussknacker vom Tisch und schmetterte ihn auf Sennas Hand.

Schmerz durchzuckte ihren Körper und blitzte in jedem Nerv auf, den Gott erschaffen hatte. Sie sackte zu Boden, krümmte sich wimmernd zu seinen Füßen und kämpfte gegen die Tränen.

Der Ire sprang auf das Podest. Sein Schrei erstickte, als die schweren Ketten ihn zurückrissen und er zu Boden stürzte. Ein Soldat warf sich auf ihn, drückte ihm das Knie auf die Brust und schlug ihm fluchend die Faust auf den Kiefer, bevor er ihn wieder hochriss.

Die Störung veranlasste Rardove zu einem kurzen, wütenden Blick, bevor er herumwirbelte. »Ich habe Euer Blut vergossen«, verkündete er, »um Euch die Weisheit zu lehren, mir künftig zu gehorchen. Ich habe nicht den Wunsch, Euren schönen Mund zu verstümmeln, aber wenn Ihr noch mehr Aufruhr verursacht, seid gewiss, dass ich es tun werde.« Er beugte sich auf ein Knie und näherte sich ihrem Ohr. »Glaubt Ihr jetzt, dass ich Euch verstanden habe, Senna?«

Senna kauerte reglos an der Wand und stützte ihren Nacken mit der Hand. Sei still, wirbelte es in ihrem Kopf herum, lass es sein. Heute nicht mehr. Nicht heute Abend.

Also nickte sie.

Und diese schlichte Unterwerfung kostete sie innerlich mehr Kraft als sämtliche geschäftlichen Verluste in den vergangenen Jahren, kostete sie mehr, als sie jemals geglaubt hatte, mit ihrem Fleisch und Blut und ihren Knochen verkraften zu können. In diesem Augenblick fühlte sie sich vollkommen leer. Erfüllt mit Leere.

Rardove winkte einen Diener heran. Sanfte Hände halfen ihr vom Boden auf. Der Schmerz pochte ihr bis in die Fingerspitzen, und jede Welle war wie ein Hammer, der heftig auf sie einschlug. Senna kämpfte gegen das Wimmern, das ihr in die Kehle steigen wollte, streckte ihren gekrümmten Körper, hielt den Kopf hoch. Eine lange Haarsträhne hatte sich befreit und flatterte ihr um die Wangenknochen.

Am anderen Ende der Halle brach ein Handgemenge aus. Ein Kurier sprang die Stufen zum Podium hinauf.

»Mylord! Eine Botschaft ist angekommen.«

Der Baron trieb den Kurier in eine Ecke, um sich heftig flüsternd mit ihm zu besprechen. Rardoves nervöse Stimme hob sich hin und wieder, sodass Gesprächsfetzen zu denen hinüberwehten, die in der Nähe standen.

»Verdammte Iren!« Jemand anders aus der Gruppe sagte leise etwas. Eine Reihe Flüche wurde ausgestoßen; die Menge wartete stumm. Schließlich wandte der Baron sich um.

»Fahrt mit dem Gelage fort, und bringt die Gefangenen zurück ins Gefängnis. O’Fáils Ratgeber bleibt hier. Führt ihn in meine Kanzlei, sobald ihr die anderen gevierteilt habt.« Er beugte sich zu Senna. »Ihr werdet die Nacht entweder in der Färberhütte oder in meinen Gemächern verbringen. Wo auch immer, Ihr werdet arbeiten. Heute habt Ihr die Wahl.«

Ohne einen Blick zurück verschwand er aus der Halle.

Senna taumelte einen Schritt zur Seite. Auf ihrem Rock sah man die Spuren der Gewalt: ein leuchtend rubinrotes Rinnsal ergoss sich über den smaragdfarbenen Stoff. Sie ging zum langen Tisch auf dem Podium und konnte vor Schmerz und Angst und Wut kaum atmen.

Die Wut gewann schließlich die Oberhand.

Sie ergriff eine Ecke des langen Tischtuchs. Die Diener beobachteten sie mit zusammengezogenen Brauen und rangen die Hände, als sie es sich zweimal um die Handfläche wickelte und daran zog.

Ein Diener trat zu ihr und räusperte sich. »Darf ich Euch behilflich sein, die Wunde zu verbinden?«

»Nein, vielen Dank.« Sie lächelte süßlich. Mit all ihrer Kraft riss sie das Tuch vom Tisch.

Die Teller flogen durch die Luft, ein Turm aus Früchten und Naschwerk stürzte zu Boden. Eine große ovale Platte mit Aal drehte sich zweimal um sich selbst, schien mitten auf dem Tisch wieder zum Stehen zu kommen, rutschte dann aber doch zu Boden und gesellte sich zu dem Durcheinander, das dort bereits herrschte. Gebrüll donnerte durch die Halle und mischte sich in die ungläubigen Schreie und das Stöhnen der Menge.

Ein Krug mit rotem Wein war so schwer, dass er der Erschütterung widerstand und auf dem Tisch stehen blieb.

»G

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