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Bewegtes Geld

Vorwort

Der Roman entsteht nicht zufällig oder nur aus einer Laune. Er entsteht in einer Zeit, in der mittlerweile fast täglich in den Medien darüber berichtet wird, dass sich Schurken aller Art und aus unzähligen Ländern, ob Rocker- und Motorradclubs, ausländische Clans, Banden oder elegante – und in zum Teil sogar sehr honorigen Kreisen verkehrende – Menschen aus dem White-Collar-Milieu, stetig illegal und im ganz großen Stil bereichern. Die Medien berichten über tatsächliche gesellschaftliche Umstände, die ich und meine Kolleginnen und Kollegen täglich erleben und bestätigen können. Dieser – in einer aufgeklärten, demokratisch verfassten und rechtsstaatlichen Gesellschaft – dennoch vorhandene politisch erbärmliche Zustand an viel zu wenig verfolgter Kriminalität ist für mich Anlass und Motiv für den Roman zugleich. Ich bin über das Ausmaß dieser kriminellen Bereicherung und die mangelnde Reaktion des Staates auf solche Entwicklungen erschrocken, wütend und auch scheinbar machtlos.

Der Roman ist politischer Appell, persönliches Ventil und Auftrag zugleich. Steuer-, Finanz- und Wirtschaftskriminalität, Subventionsbetrug, Geldwäsche, Menschenhandel, Kriminalität auf dem Arbeitsmarkt, Schmuggel von Waffen, Drogen, Kriegswaffen, Zigaretten, Arzneimitteln sowie Produkt- und Markenfälschungen sind in unserer globalisierten Ordnung äußerst dankbare Einnahmequellen für eine gut florierende Organisierte Kriminalität, deren einzige Triebfeder das Geldverdienen ist. Viele Milliarden werden auf diese Weise jährlich illegal erzielt. Und diese inkriminierten Milliarden fließen durch geschickte Geldwäsche wieder in legale Wirtschaftskreisläufe zurück, in denen sie die Redlichen unserer Zeit empfindlich stören und auch zerstören und den Staat und das nötige Vertrauen der Redlichen in ihn langsam ruinieren.

Ein wichtiges Motiv von mir, diesen Roman zu schreiben, ist zunächst banal. Ich lese gern und ich habe schon immer eine ganz persönliche und große Lust verspürt, Geschichten selbst zu erzählen und aufzuschreiben. Ein weiteres, vielleicht viel stärkeres und weniger banales, Motiv ist, die seit Jahren von mir in meiner Funktion als gewählter Funktionär der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gemachte Erfahrung, dass es der Politik offenbar, höflich formuliert, sehr schwer fällt, der Organisierten Kriminalität und Mafia wirklich und effektiv die Stirn zu bieten und den entschlossenen Kampf anzusagen. Seit Jahrzehnten fehlt erkennbar politisch der konsequente Wille zu einem immer dringender erforderlichen Masterplan für eine zeitgemäße Sicherheitsarchitektur. Die Politik verhält sich seit Jahren in dieser Frage so unerträglich auffallend zurückhaltend, dass man den starken Eindruck bekommen muss, dass sie diesen Kampf gar nicht ernsthaft führen will. Das Abfinden mit dem politischen Mittelmaß und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, an entscheidender Stelle die notwendigen Grenzen zu ziehen, bestimmt zunehmend die Politik, die sich oftmals oberflächlich in tagesaktuellen Sprechzetteln erschöft.

Der Gedanke, dass Teile der Politik diese Kriminalität möglicherweise gar nicht mit der notwendigen und rechtsstaatlichen Macht und mit der dafür erforderlichen Personal- und Sachmittelausstattung und den für diesen Auftrag erforderlichen tauglichen Behördenstrukturen bekämpfen will, ist nicht unbegründet oder gar abwegig. Er zwingt sich geradezu auf.

Ich beobachte das unentschlossene, wankende, ignorante und auch zum Teil arrogante Verhalten von einigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag seit nunmehr fünf Wahlperioden. Fünf Regierungen habe ich seit meiner Wahl zum Gewerkschaftsvorsitznden erlebt. Fünf Regierungen prägten und prägen immer noch mein gesamtes gewerkschaftspolitisches Engagement in der GdP. Fünf Mal erlebte ich große Wahlversprechen, Sonntagsreden, Festansprachen, Zuspruch, manchmal Zusagen, sogar ernsthafte Versuche, es politisch anzugehen. Immer wieder spürte ich auch – und oft sehr deutlich – den enormen Widerstand in Teilen der Politik und vor allem im Apparat und dort im Besondern in dem für den Zoll zuständigen Bundesministerium der Finanzen.

Die Geschichte im Roman selbst umfasst Vieles aus der beruflichen und auch aus der privaten Erfahrung, die man als Zollfahnder im Laufe der Jahre sammelt, wenn man Tag für Tag und Seite an Seite mit den Kolleginnen und Kollegen von Zoll und Polizei auf Verbrecherjagd geht. Der Roman ist natürlich frei erfunden und doch wieder ein wenig wahr. Er versucht, die Brücke zwischen trockener Realität und einer lesbaren und spannenden Fiktion zu bauen. Er vermischt allzu gern Handlung und Haltung, will ein wenig die Zustände beklagen und etwas Einblick in die verschlossene und nicht immer einfache Welt der Räuber und Gendarmen geben. Ein wenig Crime, ein wenig Sex, ein wenig Politik, ein wenig Kritik, ein wenig Heimat und ein wenig Kultur sind die Gewürze für eine kleine Geschichte von ein paar Menschen, die eigentlich nichts anderes tun, als ihr eigenes selbstbestimmtes Leben leben zu wollen. Jeder auf seine besondere Weise. Der Eine so. Der Andere so. „Jede Jeck is anders“, so heißt es in meiner Heimat Rheinland. Ich jedenfalls bin nach wie vor von dem Ziel beseelt, in meinem Leben, immer das Beste und Vernünftigste zu tun, was mir mit meinen Mitteln möglich ist. Ein Lob an den Zweifel und die immerwährende Liebe zur Erkenntnis können dabei oftmals sehr hilfreich sein.

Frank Buckenhofer

Essen im April 2019

Kapitel I

1 Jolanta

Jolanta knallt völlig genervt ihre Handtasche und das Buch auf die Bank, setzt sich und versucht, dadurch ein wenig Ablenkung in der Mittagshitze zu finden, indem sie stumpf auf den viel befahrenen Kanal blickt und die gleißenden Spiegelungen der Sonne im Wasser beobachtet. Es ist jede Menge Verkehr, denkt sie sich und beobachtet all die Charteryachten und Ausflugsdampfer und findet, der Kanal ist mittlerweile viel zu eng. Früher, erinnert sie sich, ist sie als junges Mädchen oft mit dem Segelboot durch den Kanal gefahren. Und oft stand sie genau hier, exakt da, wo sie jetzt auf der Bank sitzt, und wartete darauf, dass die Drehbrücke an der Burg aufging. Sie musste offen sein, damit Jolanta von ihrem Segelclub am Ufer des Löwentinsees in Gizycko, dem früheren ostpreußischen Lötzen, zum nördlichen Kisajnosee fahren konnte. Von dort segelte sie immer weiter nach Węgorzewo, dem früheren Angerburg. Aber sie merkt, dass sie sich jetzt kaum auf die schönen Zeiten ihrer Jugend konzentrieren kann. Immer noch schäumt sie vor Wut. Es ist der stetig wiederkehrende gleiche und unverzeihliche Fehler, jedes Mal aufs Neue den Versuch zu wagen, mit ihrer Mutter über ihre Bücher zu sprechen. Das ärgert sie. Sie hätte es wissen – wenigstens ahnen – können, dass es wie immer im Streit enden würde. Zwei strapazierende Stunden mit einem Spaziergang, an dessen Ende Jolanta sich frustriert fühlt und ihre Mutter einfach wieder davongerannt ist. Und die Füße schmerzen auch noch. Es sind Höllenqualen, bloß, weil sie immer viel zu hohe Absätze trägt. Eigentlich wollte sie gar nicht spazieren. Sie wollte ihre Mutter nett ins Restaurant ausführen, ein wenig essen, auf der Terrasse sitzen, die Sonne genießen und mit ihr über ihr jüngstes Buch plaudern. Stattdessen mussten sie laufen, laufen, laufen. Jolanta lief mit ihr Kilometer um Kilometer durch die winzigen Parkanlagen ihrer Heimatstadt zwischen Ufer, Eisenbahn, Kanal und Kasernen. Oft im Kreis, immer wieder die gleiche langweilige Runde und ständig lief sie wenige Schritte hinter ihr her, fast hechelnd. Ihre Mutter machte selbst aus einem eigentlich gemütlichen Plauderspaziergang noch eine sportliche Übung. „Das ist viel gesünder, als zu sitzen und zudem noch Fettes oder Süßes zu essen.“ Diesen Satz hörte Jolanta schon seit ihrer Kindheit. Und er ist heute noch genauso bescheuert wie damals. Für das Elegante, Gepflegte, Genüssliche oder Besondere hatte Jolantas Mutter noch nie Verständnis. Sie war immer nur funktional, ordentlich und gesund und führt seit Jahrzehnten ein vollkommen anspruchsloses Leben in provinzieller Tristesse vor der Kulisse traumhafter masurischer Landschaften. Masuren war früher einmal Ostpreußen und deutsch und nur wegen des völligen Größenwahnsinns dieses nationalsozialistischen deutschen Reichskanzlers Hitler ist es seit 1945 ein Teil Polens und zudem eine seiner schönsten Landschaften. Deswegen wollte Jolanta auch nie weg von hier, von der Landschaft, die ihre Kindheit und ihre Jugend so sehr geprägt hat. Diese unglaublich schöne Gegend gab ihr – trotz des verknöcherten und spießigen Alltags im Polen der Siebziger und Achtziger – ein wunderschönes Zuhause in der damals noch fast unberührten Natur. Im Winter auf dem Eis der zugefrorenen Seen auf Kufen segeln oder mit Schlittschuhen laufen und im Sommer schwimmen, wandern, mit dem Fahrrad fahren oder angeln. Diese Kopfbilder aus ihrer Jugend bleiben Jolanta immer in bester Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit. Heute ist sie froh, in dieser liebenswerten Heimat Beruf, Bleibe und Familie gefunden zu haben und nicht, wie viele andere Freunde ihres Jahrgangs, beruflich an andere entfernte Orte in der Welt gehen zu müssen. Die Entwicklungen in der jüngeren Geschichte Polens und die großen Chancen, die darin liegen, scheinen aber viele Polen, gar nicht groß genug zu schätzen, weil einige heute sogar dabei sind, ausgerechnet die Konzepte alter deutscher Nazis zu kopieren. Genau davon handelt Jolantas aktuelles Buch. Polens Regierung baut immer mehr den Rechtsstaat ab, schwächt die Gerichte und macht sie politikförmig im Sinne ihrer konservativen bis rechtsextremen Machthaber. Die Herrscher in Warschau suchen seit Neuestem ihr Glück im Nationalen, empfinden Weltoffenheit, kulturelle oder soziale Vielfalt als Bedrohung und die Europäische Union sei ohne Vorteile und nur externe Einmischung in die inneren Angelegenheiten. Wild schwadronierende PiS-Patrioten träumen davon, endlich wieder eine Großmacht zwischen Ost und West in Europa zu werden, die wirtschaftlich und politisch selbstbewusst und unabhängig agieren kann. Jolanta schreibt in ihrem aktuellen Buch über den neuen polnischen Chauvinismus und über die Erfahrungen der jahrzehntelangen Entbehrungen in den Zeiten des alles bestimmenden Generals Jaruzelski, aus denen man offensichtlich nicht viel gelernt hat. Die gegenwärtige Sehnsucht nach einem nationalen Polen überlagert seltsamerweise und zum Entsetzen der Vernünftigen das Bedürfnis nach Freiheit und Demokratie. Die Regierungspublikationen verstellen immer mehr den Blick darauf, was heute bereits politisch möglich wäre, und bremsen damit den Fortschritt. Der Blickpunkt hängt aber offensichtlich doch vom Sitzpunkt ab. Einige sind in den letzten Jahren auf der Strecke geblieben. In der Enge der früheren pseudokommunistischen Diktatur konnten sich fast alle als Opfer fühlen. Heutige Freiheiten und die Demokratie bringen für manchen aber auch die Erfahrung von Armut, sozialer Vereinsamung, beruflicher Perspektivlosigkeit und anderer Frustrationen, die er jetzt nicht mehr auf die Diktatoren und Bevormundungsapparate schieben kann. Eigenverantwortung, die Chance zur Entwicklung, die Freiheit des Seins und Tuns, die Möglichkeiten eigener wirtschaftlicher Entwicklungen oder demokratischer Einmischungen überfordern zuweilen Teile der Bevölkerung und werden zu empfundenen Fesseln. Die demokratische, soziale und wirtschaftliche Teilhabe am gemeinsamen Staat setzen Diskursfähigkeit und Diskursbereitschaft, aber auch Mut voraus. Das aber haben viele der Landsleute von Jolanta im alten Regime nicht erlernt und suchen nun oftmals im Außen – statt bei sich selbst – die Verantwortung für ihre nicht selten wenig erfolgreiche Lebenssituation. Oder sie hören Radio Maria und suchen ihr Seelenheil im Klerikalen. Dass viele Polen aus dem Regierungslager mit den Thesen dieses neuen Buches hadern, sie ablehnen oder gar ungeschrieben wissen möchten, kann Jolanta verstehen. Aber warum gerade ihre Mutter immer wieder die Hofschranzen, Parteigänger, Marionetten und Claqueure von Kaczyński verteidigt, ist ihr ein Rätsel. Dieser elendige Spaziergang, dieses aufgesetzte Gehabe von ihrer Mutter mit ihrem Desinteresse und ihren Vorwürfen, ihrer Ignoranz und Verständnislosigkeit kochen Jolantas Wut immer weiter hoch. Sie machen sie ohnmächtig gegenüber der Alten. Und das macht sie so verzweifelt. Obwohl Jolanta unentwegt auf das beruhigende Wasser im Kanal starrt und kurzweilige Ablenkung im Gewimmel der Touristen sucht, findet sie keine Ruhe. Ausgerechnet ihre Mutter enttäuscht sie. Die Mutter, die ein Leben lang im Krankenhaus gearbeitet hat, immer anderen Menschen geholfen hat, die solidarisch war und Jolanta deswegen immer mit ihrem Engagement für die Armen, Kranken, Verletzten und Beschwerten ein Vorbild war. Sie, die der Wissenschaft und dem Herzen gleichermaßen stark zugewandt war, hat heute kein Verständnis mehr für die Vernunft, die Erkenntnis, die Liebe zur Wahrheit. Und was noch viel schlimmer ist: Sie hat kein Herz mehr. Nein. Ganz im Gegenteil. Ihr Blick auf die Zustände ist heute nur noch simpel, fast primitiv und folgt – wie bei vielen anderen im Land – ausschließlich den Partikularinteressen. Sie macht Jolanta immer wieder rasend und versteht erst gar nicht, warum sie investigative und regierungskritische Bücher schreibt, warum sie für die Wahrheit kämpft, immer wieder die Verlogenheit, die Ignoranz und die Behäbigkeit anprangert. Jolanta brennt förmlich für die Demokratie, für die Freiheit und für die Solidarität. Gerade, weil sie sie in der Jugend vermisst hat. Die Mutter wirft ihr stattdessen vor, dass sie sich mit ihren ganzen Büchern immer wieder gegen die eigenen Landsleute und gegen die Heimat stelle, eine Nestbeschmutzerin sei sie, der die verständige Sehnsucht der Polen nach dem eigenen Erfolg, nach nationaler Zuwendung und Identität, nach Heimat und Privatem nicht klar ist. Demokratie, Freiheit, Solidarität. Das sei doch alles gar nicht so entscheidend. Wichtig sei, findet die Mutter, dass die Menschen zufrieden sind, Arbeit haben, ihr kleines Glück finden und dabei nicht noch von anderen EU-Staaten bevormundet werden. Sie sei froh, dass Jolanta wenigstens ihre Bücher und Zeitungsartikel nicht so offen bewerbe und sie nur einem kleinen elitären Publikum andienen würde. Sie würde ansonsten ständig von ihren alten Kolleginnen angesprochen und müsste sich für ihre Tochter rechtfertigen. „Warum schreibst Du nicht, wie toll Polen ist, wie schön es hier ist und über das, was Polen in den letzten Jahren nach dem Ende des Kommunismus alles geleistet haben?“, fragt ihre Mutter. „Stattdessen meckerst Du mit der Regierung herum und machst unser Land in Deinen Büchern schlecht.“ Ich blöde Kuh, denkt sich Jolanta. Warum renne ich mit meiner Mutter immer wieder sinnlos durch den Park und höre mir ihre ständig gleichen Tiraden an? Das war das letzte Mal, dass ich versucht habe, mit ihr über meine Bücher zu reden, nimmt sie sich vor. Es macht wirklich keinen Sinn. Jolanta wartet jetzt hier am Kanal nur noch auf Marek – oder doch lieber im Restaurant, denn eigentlich wollte er dorthin kommen. Außerdem hat sie langsam riesigen Hunger. Und hungrig wird sie auch noch ungenießbar – statt nur wütend. Bei diesem Gedanken muss sie selbst ein wenig grinsen.

2 Marek

Jolanta geht über die Straße in das gegenüberliegende Restaurant. Sie steigt die wenigen Stufen zur vorgelagerten Terrasse hoch und sucht einen Tisch direkt am Geländer. Sie will weiter das Treiben im Kanal beobachten. Sie vergnügt sich immer wieder über die vielen Touristen, die dort mit ihren bis zu 30 Fuß großen Charteryachten laienhaft manövrieren und oftmals nur ein beschwerliches Hindernis für die Profikapitäne der Ausflugsdampfer sind. Auf den Decks dieser Schiffe werden unentwegt Seniorengruppen und Familien mit Kindern über die Seen Masurens geschippert. Sie bestellt einen Cappuccino und wartet auf Marek, der heute Vormittag noch einen Termin in Olsztyn, dem früheren Allenstein, hatte und danach zu ihr – nein, eigentlich zu ihnen – stoßen wollte. Nach wenigen Minuten bringt die freundliche Bedienung den Cappuccino und fragt, ob sie gern auch die Karte bringen dürfe. „Nein, noch nicht“, erwidert Jolanta etwas harsch, weil sie sich noch nicht ganz von ihrer Mutter beruhigt hat. Die Bedienung zuckt etwas, weil sie einen so unfreundlichen Ton nicht erwartet hat und darüber auch überrascht ist. „Ich entschuldige mich für mein unpässliches Benehmen“, erklärt Jolanta. Und weiter noch, dass sie zudem noch auf ihren Mann warte. Ach Gott, denkt sich Jolanta sofort. Was sage ich denn da für einen Blödsinn? Jolanta erklärt der Bedienung dann weiter, dass sie nicht so zornig ist, weil sie auf ihren Mann wartet, sondern einfach nur so, weil sie aus anderen Gründen etwas zornig ist. „Aber es hat nichts mit Ihnen zu tun“, ergänzt Jolanta. Dann merkt sie, dass sie sich immer mehr in ihren verwirrenden Erklärungen verhaspelt. Die Bedienung geht mit dem freundlich formulierten Hinweis: „Wenn Sie dann irgendwann soweit sind, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.“ Jolanta bedankt sich – nun aber viel zu übertrieben höflich. Zeitung lesen könnte sie in der Zeit. Sie geht kurz ins Restaurant und entdeckt in der Tat dort einen Stapel Zeitungen. Sie entdeckt aber auch das Hinweisschild zu den Restauranttoiletten und überlegt, dass es sich sicher lohnt, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Vor allem, nachdem sie eben auf der Bank doch eine ganze Zeit geweint hat. Kurzentschlossen geht sie, immer noch mit schmerzenden Füßen, die Stiege hinunter zu den Toiletten und sucht die Tür mit dem großen Kreis. Damentoiletten haben in Polen einen Kreis und Herrentoiletten das Dreieck mit der Spitze nach unten, was gerade bei den ausländischen männlichen Touristen immer wieder zu Irritationen führt, weil die Männer der Fantasie bei derartigen Dreiecken ihren freien Lauf lassen und zu gänzlich inversen Ergebnissen kommen. Sie denken beim Anblick des Dreiecks mit der Spitze nach unten eben nicht an ihre männlich breiten Schultern und an schlanke Taillen und verlaufen sich deshalb regelmäßig zu den Damen. Im Spiegel erkennt Jolanta, befreit von der großen Sonnenbrille, ihr verschmiertes Make-up. Sie richtet sich neu her. Papiertücher helfen schnell, dann ein wenig Creme und Farbe auf die Haut und alles sieht äußerlich aus wie neu. Sie geht wieder an ihren Tisch und nimmt sich auf dem Weg dorthin eine Tageszeitung mit. Schon die Schlagzeilen geben Auskunft über den Zustand der Welt. Krieg, Armut, Hunger, Flucht, Klima, Terror, Aktienkurven und selbst beim Sport viel zu viele Hooligans statt friedliche Fans. Jolanta blättert durch und liest dann heute doch lieber das Feuilleton und dort freut sie sich über neue Buchbesprechungen, Theaterkritiken oder moderne Kunst. Es entspannt sie nach diesem Vormittag ein wenig mehr als die Themen, die sie in ihren Büchern rauf und runter diskutiert und die bei ihrer Mutter so wenig Beachtung finden. Nach einer Stunde – Jolanta hat sich wieder etwas beruhigt – sieht sie den schwarzen BMW. Mareks ganz großer Stolz. Eine richtige Reiselimousine, schwärmt er immer wieder. Ledersitze, Automatik, Sechszylinder mit allem Schnickschnack, den man bestellen kann. Vollausstattung mit purem Luxus. Jolanta ärgert ihn gern und schimpft seinen 7er einfach nur „Luxuslimo“, genießt aber trotzdem die Touren, die sie gemeinsam machen. Alleine im eiskalten masurischen Winter mit Temperaturen von weit unter Minus 10° ist die Sitzheizung extrem komfortabel und kaum wegzudenken. Aber dieses Geheimnis behält sie für sich. Sie will ihm ja keine unnötigen Argumente für sein stolzes Gefährt geben.

Marek parkt direkt vor dem Restaurant, steigt aus, winkt freudig zu ihr und springt mit fast jugendlichem Elan lässig die Stufen – gleich mehrere auf einmal – die Terrasse hinauf und setzt sich schwungvoll zu seiner Frau an den Tisch. Er gibt ihr einen liebevollen sanften Kuss auf die Wange und fasst kurz ihre Hand, drückt sie fest und wirft ihr dabei unentwegt ein zauberhaftes und frisch verliebtes Lächeln zu. „Wo ist Deine Mutter?“, fragt er Jolanta mit einem Tonfall, der zeigt, dass er schon ahnt, dass alles wieder so gelaufen ist wie immer. „Sie ist einfach irre. Sie tut mir definitiv nicht gut. Sie ignoriert meine Leistung, meinen Einsatz, mein Bemühen, mein stetiges Streben nach Gerechtigkeit, nach Teilhabe, nach Aufklärung, nach Mitbestimmung und vor allem, sie hält alles für Quatsch, was ich mache, für Nestbeschmutzung, für Aufwiegelei.“ Jolanta muss aufpassen, dass sie nicht wieder anfängt zu heulen. Der frische Anstrich im Gesicht, den sie noch vor einer Stunde aufgetragen hat, würde wieder verlaufen und Marek würde dann in ihren Augen und im Gesicht nur noch eine traurige Frau wahrnehmen. Dabei ist Jolanta furchtbar glücklich an seiner Seite. Er ist immer so tapfer, entschlossen, klar, direkt, manchmal sogar vorlaut und nassforsch und er weiß immer, was er will. An ihm prallt die Kritik ab, wie Wasser an den Blättern der Lotuspflanze. Manchmal beneidet Jolanta ihn um diese Züge. Sie würden ihr im Umgang mit ihrer Mutter sicher helfen, aber manchmal vermisst sie auch das nötige Einfühlungsvermögen bei ihm. Er ist zärtlich, liebevoll und achtsam. Aber er hat kaum oder nur wenig Empathie für sie in solchen Situationen. Deswegen wundert sie sich auch nicht über seine immer wiederkehrende gleiche Antwort. Der ewige Rat von ihm ist: „Schieß Deine Mutter einfach auf den Mond!“, womit er eigentlich meint, dass sie sie gar nicht mehr besuchen soll. Jegliche Energie, die sie für ihre Mutter verwendet, ist vergeudete Energie. Sie soll aufhören, stundenlang zu versuchen, die Mutter von etwas zu überzeugen, was sie weder versteht, verstehen will noch verstehen kann. „Deine Mutter ist aus der alten Zeit“, sagt er immer „und sie wird in der Gegenwart mit all den Veränderungen und Beschleunigungen im Leben nicht mehr klarkommen. Du verschwendest immer wieder nur sehr viel Zeit und noch mehr Kraft, um am Ende mir dann wieder einen vorzuheulen.“ Recht hat er – denkt sie sich – und fragt ihn zur Ablenkung: „Was wollen wir essen? „Das Kalbsfilet mit Pfifferlingen reizt mich“, sagt er, während Jolanta den Salat mit Hühnchenbruststreifen bevorzugt. Jolanta winkt der freundlichen Bedienung, die auch sofort kommt, und Jolanta bestellt eine Flasche Wasser, die beiden Gerichte und ungefragt noch zwei Gläser Champagner. Marek lacht und gibt ihr einen Kuss. „Was ist los?“, fragt er. „Ach nichts – einfach nur so, mir ist danach.“

Während sie beide auf das Essen warten, liest und schickt Marek noch unzählige SMS umher. Wozu auch immer? Er ist ständig in Action, selten länger als 5 Minuten bei einer Sache, selbst wenn er kocht. Der jüngste Impuls von außen hat immer die größte Bedeutung, er hat Vorrang vor allem, so als läge in jeder Neuigkeit die noch größere Chance für den noch größeren Erfolg. Oft wagt Jolanta kaum, ihn zu unterbrechen. Er bestimmt immer, wann er für was und wieviel Zeit hat. Seine verschlossene und ständig vorrangige Geschäftigkeit und sein ansonsten immer freundliches Verhalten gegenüber seiner Umwelt wirken auf sie oft nur jovial, wobei Jolanta nie weiß, ob diese Einschätzung von ihr über ihren Mann mehr Kompliment oder doch Kritik ist. Das Essen kommt. Marek muss jetzt Gabel und Messer bedienen, hat also keine Hand mehr für das Telefon frei und Jolanta nutzt die Gelegenheit und fragt ihn, was er heute in Olsztyn erledigen musste. „Dort sitzt ein Kunde. Er möchte Geld für Immobilien in Deutschland ausgeben. Der deutsche Immobilienmarkt erscheint ihm sicherer und ertragreicher als der polnische.“ „Und warum braucht er Dich? Gibt es in Deutschland keine Makler?“ „Doch, doch. Aber mein Auftraggeber will in Deutschland nicht gern in Erscheinung treten. Er bittet mich deshalb, alles für ihn zu organisieren, damit er zwar das Geld investieren kann, aber in Deutschland keiner weiß, wer der eigentliche Gewinner ist.“ „Sind das kriminelle Geschäfte?“, fragt Jolanta. „Nein“, lacht er. „Aber manche von den Beteiligten sind Personen des öffentlichen Lebens und wollen zum Beispiel nicht, dass ihre Mieter wissen, wer ihr Vermieter ist. Allein schon, um im Streit mit möglichen Mietern keiner denkbaren üblen Nachrede ausgesetzt sein zu müssen.“ „Verstehe, wie immer, alles sehr vertraulich, fast geheimnisvoll.“ „Genau, aber wir leben doch gut davon. Natürlich auch von Deinen Büchern – aber ich bin für den Luxus zuständig. Du für alle Basics.“ Marek lacht, bestellt noch zwei Espresso und zahlt. Dann schlägt er einen ruhigen Nachmittag zu Hause auf der Terrasse vor und meint: „Am Abend koche ich uns dann noch eine Kleinigkeit.“ „Oder sollen wir grillen?“, fragt sie. „Geht auch.“ Die zwei Espresso kommen schnell und schmecken gut. Kurz darauf fahren sie beide nach Hause.

3 Das Haus am See

Jolanta hat sich beeilt und konnte Marek noch vor dem Ortseingang mit ihrem Auto einholen. Von Gizycko sind es gute 15 Kilometer bis zu ihrem Haus und Marek fährt eigentlich immer einen sehr gemütlichen und entspannten Fahrstil, sodass Jolanta ihm bequem mit ihrem kleinen rasanten Fiat, den sie liebevoll ihren roten Flitzer nennt, folgen konnte. Die letzten Kilometer führen die beiden durch einen der dichten Wälder Masurens, bevor erste Ferienhäuser, ein Bauernhof und ein Zeltplatz die Ortseinfahrt säumen. Ihr Haus liegt auf einem 4000 Quadratmeter großen Grundstück am südlichen Ufer des Löwentinsees, ziemlich genau gegenüber von Gizycko, sodass man in der Nacht bei klarer Sicht von der Terrasse aus die Skyline der Lichtersilhouette der kleinen Kreisstadt sehr gut sieht. Rydzewo ist ein kleines ehemaliges Fischerdorf, das heute kaum Einwohner, dafür aber ein Vielfaches der Einwohner als Sommertouristen hat. Zwei kleine Lebensmittelläden, drei winzige Yachthäfen, eine Kirche, eine Grundschule, vier Restaurants, einige Zeltplätze und ein Spielplatz bilden das kulturelle Zentrum des Dorfes. Lärm machen hier vor allem die neureichen Jetskifahrer, die in Rydzewo den ganzen Sommer aus dem ruhigen See mit vielen Seglern und Kajakfahrern mit viel Sog und Wellenschlag und vor allem dem Motorenlärm ein Eldorado der Wasserrennfahrer machen. Protzige Jetskis, gezogen von noch protzigeren Autos, die von superprotzigen Männern gefahren werden, prägen über Wochen das Verkehrsbild auf der einzigen Durchfahrtsstraße durch das ansonsten beschauliche kleine Örtchen. Stiernackige Polen mit ihren breiten Schultern und fetten Oberarmen kommen aus Warschau und anderen Großstädten und okkupieren Jahr für Jahr mit ihrem Geld und Lärm diesen ansonsten herrlichen Ort, als wäre es ihr eigener. In der restlichen Jahreszeit herrscht dafür eine sehr angenehme Ruhe. Und genau diese Ruhe liebt Jolanta, wenn sie über den Manuskripten ihrer Bücher sitzt. Kurz bevor die Bebauung etwas dichter wird und Pappeln die Straße links und rechts begrenzen, leuchten die Bremslichter des BMW auf und Marek biegt rechts ab und hält direkt vor dem Tor. Das kleine gelbe Rundumlicht beginnt seinen Job und langsam öffnet sich das Tor, indem es sich auf der Bodenschiene hinter die Hecke schiebt und dort fast geräuschlos verschwindet. Beide fahren hinein und hinter ihnen beginnt der kleine Motor wieder langsam zu surren und verschließt die Zufahrt gegen ungebetene Gäste. Das Ende des rundum wandernden gelben Lichtscheins wird bei Dunkelheit durch eine gigantische Lichtflut auf die Parkfläche und auf den Eingangsbereich abgelöst, die sich immer automatisch einschaltet, wenn sich vor der Haustür etwas tut. Das ganze Sicherheitskonzept, einschließlich der Alarmanlage für Innen und Außen, die auch mit dem Tor geschaltet werden kann, ist eine Erfindung von Marek, der alles unternimmt, um hier möglichst ungestört und vor allem ohne ungewollte Überraschungsgäste leben zu können. „Meine Kunden erfordern das“, sagt er immer wieder, ohne dabei paranoid zu wirken. „Manche von denen seien eben speziell“, hat Marek schon beim Bau des Gebäudes vor einigen Jahren erklärt.

Es ist mittlerweile Nachmittag und trotzdem brennt die Sonne noch mit fast 30° auf die Terrasse zum Westen und Jolanta freut sich, endlich aus ihrem Kostüm springen zu können. Schuhe aus, die Füße brennen immer noch, Treppe rauf, Bluse, Rock und Jacke auf den Bügel und erst mal duschen. Das wirklich Schöne an der großen Nasszelle oben ist, dass man aus ihr heraus durch ein riesiges bis zum Boden reichendes Panoramafenster zur Nordseite den Blick fast über den ganzen See bis Gizycko hat, ohne fürchten zu müssen, von dort beobachtet zu werden. Das kühle Wasser, das mit gewaltiger Kraft – mehr als Massage und weniger als reinigender Regen – aus den Brauseköpfen auf die Haut prasselt, ist bei der vorherrschenden Hitze Erfrischung pur. Sebastian Kneipp hätte seine wahre Freude an der modernen Badearchitektur, die keine Wünsche offenlässt. Es gibt dort große und kleine Wasserstrahler, die von oben, aus der Mitte und von unten spritzen, Handstrahler, die an Mikrophone erinnern und Bürstenstrahler, die man ansonsten nur von der Autowäsche kennt. Das Bad mit Dusche und Wanne ist riesig und fast ein eigener Raum zum Wohnen. Es ist gekachelt und viele großflächige Spiegel zieren die Wände und sogar Teile der Decke über der Wanne. Das Bad selbst – mit direkten Türen zum Flur, Schlafzimmer und zum Ankleidezimmer – hat für sich alleine bereits einen hohen Aufenthaltscharakter. Sommer wie Winter verleitet es zu erholsamem und freudigem Spaß. Es bietet weit mehr Optionen als nur die der eigenen Pflege und Körperhygiene. Jolanta fühlt sich nach dem ausgiebigen Spa-Erlebnis wie neu geboren. Sie streift sich ein leichtes und luftiges Sommerkleid aus dem Ankleidezimmer über und geht wieder runter und sieht wie Marek schon zwei herrliche Aperol-Spritz zubereitet hat, die sie in leuchtendem Orange mit Eiswürfeln von der Terrasse anlachen. Jolanta lässt sich jetzt – und völlig losgelöst von den vormittäglichen Sorgen – in den Sessel fallen, nimmt einen Schluck und ist unendlich froh, hier in dieser Idylle leben zu dürfen. Vögel zwitschern, Segler kreisen ihre Runden auf dem Wasser und wenden und halsen vor ihren Augen, die Diesel der Ausflugsdampfer tuckern gemütlich im Stundentakt vorbei, Störche, Reiher und Kormorane begleiten immer wieder ihre Blicke auf die wunderschönen Schäfchenwolken, die regelmäßig am Horizont vorbeiziehen, während sie hier vollkommen sorglos sitzen und einfach nur genießen kann. Marek liegt auf der Liege und ist bereits nach dem Genuss des ersten Aperol einfach eingeschlafen. Mit einem leichten Schnarchen sorgt er für eine leise aber stetige und rhythmische Geräuschkulisse, die dem Auf und Ab seines Brustkorbes folgt. Jolanta steht auf, holt sich das Buch, liest ein paar Seiten, bis auch sie im Sonnenstuhl sorglos einnickt.

Ein lautes Hallo, das Jolanta aufweckt, schallt plötzlich aus dem Wohnzimmer durch die Terrassentür. Marek hebt nur lässig seinen Kopf, während Jolanta erschrocken aufspringt. Mit hoch geschnelltem Puls dreht sie sich um und sieht den gemeinsamen Sohn Kristof, der frech und lustig durch die Tür grinst. „Gibt es gleich was zu essen?“, fragt er und schaut dabei etwas knurrig aus. „Grillen?“ fragt Marek ohne sich dabei zu regen, „ansonsten gibt es nur Salat mit Brot“. „Fleisch wäre cool.“ „Dann hole den Grill.“ „Ich?“ „Wer sonst?“ „Pass auf, ich mache den Salat und backe das Brot und Du grillst.“ „Ich soll grillen?“ „Du wolltest Fleisch, also grillst Du auch.“ „Nein, keinen Bock. Ich grille nicht.“ Kristof geht unzufrieden, fast wütend, nach oben in sein Zimmer, das unter dem Dach im zweiten Obergeschoss ist.

Jolanta ist etwas genervt von der Situation, hat aber auch selber Hunger und entscheidet spontan, dass sie selbst den Grill anwirft. Sie holt Kohle und Anzünder aus der Garage. Nach kurzer Zeit glühen die schwarzen Brocken hell orange. Marek hat inzwischen Salate zubereitet und Brot aufgebacken. Das Fleisch hat er auch mariniert und während er in der Küche war, telefonierte er immer wieder mit seinem Handy. Jolanta deckt den Terrassentisch und Marek holt einen trockenen Sommerriesling aus dem Kühlschrank, öffnet ihn, schenkt ein und fordert Jolanta auf, mit ihm anzustoßen. „Prost und auf uns“, haucht er ihr zärtlich zu und Jolanta lacht und denkt, dass das genau diese Momente sind, warum sie Marek liebt. Er ist so herrlich unkompliziert und kann aus jeder unangenehmen Situation immer wieder das Beste herausholen und eine Stimmung des Wohlfühlens erzeugen. Jolanta wendet derweil sorgsam die Steaks und Marek steht mit einem sehr selbstverliebten Blick schweigsam neben ihr und schaut gedankenverloren auf den See.

„Die Steaks sind fertig“, sagt Jolanta und beide setzen sich an den Tisch und beginnen, genüsslich zu speisen. „Soll ich Kristof Bescheid geben?“, fragt Jolanta. „Der wird schon kommen, wenn er Hunger hat“, erwidert Marek. Und richtig. Angezogen von dem Duft, der langsam nach oben durch das offene Fenster in Kristofs Zimmer im zweiten Obergeschoss steigt, kommt er herunter. „Was soll das denn jetzt?“ „Was?“ „Wieso esst ihr ohne mich?“ „Weil wir nur gut Gelaunte am Tisch sitzen haben wollen. Und den Eindruck eines gut Gelaunten hast Du vor einer Stunde sicher nicht gemacht. Wenn Du also Hunger hast, lege Dir ein Steak auf und setze Dich zu uns. Aber immer schön freundlich sein.“ Kristof besann sich auf die pädagogischen Prinzipien seines Vaters. „Wer ficken will, muss freundlich sein“, hatte ihm Marek schon vor Jahren unmissverständlich als lebenslang gültige Verhaltensweise mit auf den Weg gegeben. Kristof grillt sich zwei Steaks, nimmt sich etwas Salat, holt sich eine Cola und setzt sich wortlos zu Jolanta und Marek an den Tisch und isst. Ein Gespräch will allerdings nicht so richtig aufkommen, obwohl Kristof mit genüsslichen Gesichtszügen zufrieden seinen Teller vom Essen befreit. Essen beruhigte schon immer sein Gemüt, wenn er sich mal wieder mit seiner pubertierenden Laune selbst im Weg stand. „Fertig!“ „Hat es dir geschmeckt?“ „Selbstverständlich“. „Auch der Salat von Papa?“ „Auch der. Kompliment, ein geiles Dressing.“ Kristof schnappt sich am Ende Teller, Besteck und Glas, bringt sie in die Spülmaschine und geht anschließend wieder wortlos nach oben.

Jolanta und Marek sitzen danach noch lange auf der Terrasse und überdenken noch ein wenig den Tag. Marek erklärt ihr, dass er morgen wieder für ein paar Tage weg muss. Er hat eine Verabredung mit Geschäftspartnern aus Fernost, die in Warschau Immobilien kaufen wollen und es lohne sich nicht, die lange Strecke zwischen Rydzewo und Warschau ständig zu pendeln, zumal sie mit ihm am Abend noch gemeinsam essen gehen wollen. Er wird frühestens am Samstag wieder da sein. Mindestens drei Nächte, rechnet Jolanta und ist etwas traurig darüber, denkt sich aber, dass es halt Teil seines Berufes sei. Außerdem ginge es ihnen ja nicht schlecht dadurch. Marek verdient sehr gut mit seinem Job, und dass sie einen Beruf hat, der ihr oft Heimarbeit ermöglicht, ist sicher auch ein Privileg. Als es kühl wird und die letzten Sonnenstrahlen ihre Kraft verlieren, gehen sie rein. Die Abende in Masuren sind nie von sehr langer Dauer. Diese Region ist der östlichste Zipfel der mitteleuropäischen Zeitzone, sodass hier die Sonne als erstes, lange bevor sie an der französischen Altantikküste im Meer versinkt, am westlichen Horizont verschwindet. Jolanta räumt den Tisch auf und Marek rollt die Markise ein und verschließt die Terrassentür. Er beobachtet Jolanta in der zum Wohnzimmer offenen Küche, wie sie dort alle Spuren seiner Verwüstung mit geschickter Hand in Windeseile beseitigt und dabei eine besonders gute Figur in ihrem leichten Sommerkleid macht. Marek denkt, während er Jolanta stillschweigend mit seinen Blicken verfolgt, dass er froh ist, genau sie als Frau gefunden und geheiratet zu haben. Gebildet, engagiert, gutaussehend, liebevoll und manchmal auch ein wenig dirty im Bett, woran er sich gerade mit Freude erinnert. Er hat sie vor fast 30 Jahren mit gerade 18 im Segelclub näher kennen gelernt. Sie war in dieser Zeit eine der Besten – sowohl beim Eissegeln im Winter als auch im Sommer auf dem Wasser. Sie war schon damals seine ganz persönliche Regattaqueen. Jolanta war sportlich, erfolgreich, elegant und auch richtig sexy. Er, der auch seit frühester Kindheit segelte, hat nämlich nie solche Erfolge gehabt und er war deswegen ein bisschen neidisch auf ihr Talent. Andere übrigens auch. Er war sicher nicht der einzige junge Mann, der sie damals attraktiv fand. Aber er war es, der sich am Ende erfolgreich gegen alle anderen Jungs im Club, die alle um die Wette nur den albernen Gockel machten, durchsetzte. Marek ist sich sicher, dass sie damals wie heute immer wieder seinem ganz besonderen Charme erliegt. Deswegen wagt er sich auch voller Selbstbewusstsein hinter die im Raum stehende offene Küchenzeile, die wie eine Anrichte in den Raum ragt, und umarmt Jolanta von hinten und legt seine Arme fest um ihre Taille. Sie genießt die Berührung, ihre Haut ist wie elektrisiert und sie kippt ihren Kopf langsam nach hinten und gibt Marek einen zarten Kuss. Er streichelt sie zart an Po, Bauch und Brust und empfiehlt ihr, den restlichen Abend nicht auf dem Sofa vor dem Fernseher, sondern im Schlafzimmer zu verbringen. Jolanta dreht sich um, greift ihm entschlossen aber zärtlich in den Schritt und gibt ihm erneut einen Kuss. Sie nimmt seine Hand, löscht das Licht in der Küche und im Wohnzimmer, geht mit ihm die Treppe hinauf und verschwindet mit ihm im großen Schlafzimmer hinter dem Bad.

4 Kristof

Wie jeden Morgen, wenn Jolanta in Rydzewo ist, so auch an diesem, steht sie vor Kristof auf, um ihm vor der Schule das Frühstück zu machen. Es ist kurz nach sechs Uhr, als Kristof mit verschlafenen Augen die Treppe herunterkommt. „Morgen“, klingt es noch muffelig aus seinem Mund. „Guten Morgen, mein Schatz“, antwortet Jolanta mit freundlicher Stimme, die bereits gut gelaunt in ihrem roten Morgenmantel am Tisch sitz und Tee trinkt. „Papa ist schon wieder in aller Herrgottsfrühe gefahren und kommt auch frühestens am Samstag wieder. Möchtest Du Kaffee, Tee, ein Ei oder worauf hast du Lust? Wonach begehrt es Dich?“ „Ein Brötchen mit Marmelade.“ Jolanta schmiert ihm liebevoll das Brötchen und erkundigt sich danach, wie es in der Schule läuft. „Mäßig“, antwortet Kristof wortkarg. „Aber das ist egal. Ich mache jetzt meine Matura und werde dann in Warschau Informatik studieren. Das klappt schon. Das letzte Jahr werde ich in dieser elendigen Provinz schon noch herumbekommen. In dieser Einöde halten mich jedenfalls, wenn ich fertig bin, keine zehn Pferde mehr.“ Kristof isst gelangweilt sein Marmeladenbrötchen, geht noch mal hoch, wäscht sich, zieht sich an, setzt sich auf sein Fahrrad und fährt die zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle im Dorfkern, wo, wie jeden Morgen, um sieben Uhr der Schulbus bis zum Lyzeum nach Gizycko fährt.

Jolanta ist etwas traurig darüber, dass Kristof nach Warschau gehen will, kann ihn aber gut verstehen und sicher nicht aufhalten. Die Berufsperspektiven hier in Masuren sind eher bescheiden, denkt sie und räumt den Frühstückstisch auf und bringt alles in die Küche. Als der Esstisch wieder sauber und soweit hergerichtet ist, geht sie auf die Terrasse und genießt ein wenig die morgendliche Luft, die schon reichlich warm ist. Im Osten geht die Sonne früh auf und wärmt mit großer Kraft die Natur. Jolanta schaut verträumt den zwitschernden und fröhlichen Vögeln hinterher und verweilt ein wenig in ihren noch unstrukturierten Gedanken. Sie überlegt, dass sie, wenn Kristof demnächst in Warschau lebt, hier deutlich häufiger ohne Gesellschaft sein wird. Marek ist oft weg und sie wird dann hier viele Tage im Jahr alleine sein. Im Grunde ist sie jetzt schon alleine, denn Kristof lebt eigentlich auch mehr oder weniger abgeschottet in seinem Dachgeschoss und bemüht sich bestenfalls zum Essen nach unten. Im Grunde braucht er sie gar nicht mehr. Nicht mal als Sozialkontakt oder zum Wäsche waschen oder Essen machen. Wenn sie nicht da ist, bemerkt es Kristof kaum. Er lebt sein Leben sehr selbstständig und auf seine sehr eigene und vor allem sehr zurückgezogene Art. Macht nichts, denkt sie. Es wird schon wieder ein Auftrag oder eine eigene Idee für ein neues Buch kommen. Dann werden ihr die langen Tage und Abende hier am See sicher wieder ereignisreicher vorkommen. Jolanta nimmt sich die Zeitung und setzt sich auf einen der Stühle auf der Terrasse und beginnt, Artikel um Artikel zu lesen. Es sind immer wieder die gleichen Schlagzeilen von Skandalen, unzufriedenen Menschen, Bösewichtern, Politikhasardeuren, Finanzspekulanten, Kriegstreibern, Kulturkämpfern oder pädophilen Priestern, die sich mal wieder an Schutzbefohlenen vergangen haben. Sie legt die Zeitung beiseite und liest stattdessen in einem einfach gestrickten Liebesroman weiter, der ihre leicht depressiv aufkommende Stimmung wieder etwas aufhellt.

Jolanta überlegt plötzlich, warum sie eigentlich hier rumsitzt? Kristof ist in der Schule oder hockt vor seinem PC, Marek macht irgendwelche Geschäfte in Warschau und sie hat eigentlich nichts Konkretes vor. Ihr kommt die Idee, dass sie wegfahren könnte. Ein Kurzurlaub wäre schön. Und sie erinnert sich an ihre langjährige Studienfreundin Karolina aus Danzig. Mit ihr hat sie kurz nach dem Ende des Kommunismus Anfang der Neunziger viele Jahre in der Wohngemeinschaft gelebt und gemeinsam Germanistik und Journalistik studiert. Jolanta hat sie bestimmt zehn Jahre nicht mehr gesehen, ist aber mit ihr über Facebook befreundet. Sie schickt Karolina kurzentschlossen eine Message. „Hast Du Zeit bis Samstag? Würde gerne nach Danzig kommen und Dich besuchen.“ Noch ohne die Antwort abzuwarten ist Jolanta schon in freudiger Stimmung. Sie hat sich was vorgenommen, etwas, worauf sie sich jetzt freut. Gut gelaunt und fröhlich pfeifend geht sie entschlossen und mit großem Tatendrang die Treppe hinauf, legt sich im Ankleidezimmer einige Sommerkleider, Röcke und Blusen zurecht, eine Jeans, zwei T-Shirts, ein paar elegante und ein paar bequeme Schuhe, Wäsche, Strumpfhosen, eine Jacke und eine kleine Handtasche heraus. Danach holt sie vom Dachgeschoss noch einen Koffer und beginnt bereits das Packen, obwohl sie kurz zuvor nochmal auf ihr Handy geschaut hat und immer noch keine Antwort von Karolina zu lesen war. Sie wird sich schon noch melden, denkt Jolanta und packt alles in den Koffer. Danach verschwindet sie in dem riesigen Bad, lässt ihren Morgenmantel langsam zu Boden gleiten, schaut wie jeden Morgen über den ruhigen See, der um diese Zeit noch frei von Touristen ist, und zieht sich dabei ihr seidenes Nachthemd über den Kopf aus. Sie gönnt sich nach diesem flüchtigen Blick über den noch nicht mit Schiffen belegten See eine ausgiebige Zeit im Bad, putzt die Zähne, wäscht und föhnt ihre Haare, feilt die Fingernägel und cremt sich von Kopf bis Fuß mit allerlei Drogerieartikeln ein, die sie in ihrer Jugend in der pseudokommunistischen Mangelwirtschaft immer so vermisst hat. Nach einer gefühlten Ewigkeit im Bad ist sie fertig und zieht ihren besten blauen Hosenanzug an und geht wieder ins Wohnzimmer, wo sie sich noch einen Tee kocht. Sie trinkt ihn und wartet. Es ist mittlerweile zehn Uhr und Jolanta zweifelt etwas an ihrem spontanen Plan. War er wirklich gut, oder doch etwas zu überfallartig? Ist Karolina vielleicht im Urlaub, krank oder einfach nicht mehr an mir interessiert? Dann fahre ich eben einfach so nach Danzig, alleine, denkt sie etwas trotzig. Ich kann mich auch ohne Verabredung auf den Weg machen. Danzig ist immer einer Reise wert, oder? Während sie so dasitzt und grübelt, ob sie nun fährt oder nicht, antwortet Karolina. „Super Idee!!!! Komm vorbei!!!! Ich freue mich!!!! Es gibt viel zu erzählen und dann wirst Du auch meinen Sohn kennenlernen, ich bin nämlich jetzt Mutter.“ „Prima, mache mich gleich auf den Weg. Heute Nachmittag bin ich da. Schickst Du mir noch Deine aktuelle Adresse?“ „Pomorska 19“. Jolanta weiß, dass die Pomorska in Zabianka ist und Zabianka nicht eine wirklich sehr gehobene Wohngegend in Danzig ist und sicher nichts für sie, weshalb sie sich kurzerhand entschließt, noch vorher ein gutes Hotel in Danzig zu buchen. Sie bucht das Dom Muzyka, das ihr im Internet auf die Schnelle gefällt. Drei Nächte, Einzelzimmer, Übernachtung mit Frühstück. Bis Samstag. So kann sie sich auch jederzeit zurückziehen, vor allem, wenn ihr alles zu viel würde. Aber sie freut sich erstmal riesig auf das Wiedersehen mit Karolina. Sie ist richtig neugierig auf die Erinnerungen an die alten Zeiten, ihre alte Uni zu besuchen, die alten Kneipen zu testen, ob sie noch ihren studentischen Charme haben, in Cafés zu sitzen und mit Karolina ...

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