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Jürgen Bähr

Bevölkerungs-
geographie

Verteilung und Dynamik der Bevölkerung in globaler, nationaler und regionaler Sicht

unter Mitarbeit von Paul Gans

5. völlig neubearbeitete Auflage

Verlag Eugen Ulmer Stuttgart

Prof. Dr. Jürgen Bähr, geb. 1940 in Kassel, Studium der Geographie und Mathematik an der Universität Marburg/Lahn, Staatsexamen f. d. höhere Lehramt und Promotion 1967 (Marburg/L.), Habilitation 1973 (Bonn). Lehrtätigkeit an den Universitäten Bonn, Mannheim, Kiel, Innsbruck und Santiago de Chile. Zahlreiche Forschungsreisen in das südliche Afrika und nach Lateinamerika. Von 1977 bis 2006 o. Professor der Geographie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

1 Einleitung

1.1 Grundfragen der Bevölkerungsforschung

Seit den 1970er Jahren hat das Interesse an Bevölkerungsfragen in Wissenschaft und Öffentlichkeit erheblich zugenommen. Dies kommt beispielsweise darin zum Ausdruck, dass die Bundesregierung im Jahre 1973 ein „Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung“ einrichtete, das sich u. a. der wissenschaftlichen Forschung über Bevölkerungs- und damit zusammenhängenden Familienfragen und der Beratung der Bundesregierung auf diesem Gebiet widmen soll. Die Gründung des Max-Planck-Instituts für Demographie in Rostock (1996) bildete eine weitere Verstärkung der bevölkerungsbezogenen Forschung. Aktuell stehen in der öffentlichen Diskussion in Deutschland Themen wie z. B. die Implikationen der Alterung auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme oder die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern mit ihren Anforderungen an die Integration der Migranten.

Auf internationaler Ebene erklärten die Vereinten Nationen das Jahr 1974 zum „Weltbevölkerungsjahr“ und luden zu einer internationalen Konferenz nach Bukarest ein, auf der vor allem die mit dem raschen Wachstum der Weltbevölkerung verbundenen Probleme erörtert wurden. Weitere Konferenzen folgten 1984 in Mexiko-Stadt und 1994 als „Internationale Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung“ in Kairo. Die neue Bezeichnung bedeutet zugleich eine gewandelte Perspektive, indem Bevölkerungsfragen nicht mehr isoliert betrachtet, sondern in umfassendere Entwicklungskonzepte eingeordnet werden. Allerdings sind dadurch die Diskussionen noch kontroverser geworden, sodass es zwar 1999 in New York eine Konferenz „Kairo + 5“ gegeben hat, man sich aber nicht auf eine große Folge-Konferenz im Jahre 2004 verständigen konnte, obwohl gerade die ärmsten Länder nach wie vor ein sehr hohes Bevölkerungswachstum verzeichnen.

Einige häufig diskutierte, zentrale Themenkreise der Bevölkerungsforschung seien zur Einführung kurz angesprochen und thesenartig zusammengefasst; sie aus geographischer Sicht genauer zu analysieren und mit regionalen Beispielen in verschiedenen Betrachtungsmaßstäben zu belegen, ist das Hauptanliegen der folgenden Kapitel.

  • Die Bevölkerung ist höchst ungleich über die Erde verteilt. Ausgesprochenen Dichtezentren stehen sehr dünn besiedelte und weitgehend unerschlossene Gebiete gegenüber. Ein solcher Gegensatz tritt nicht nur in weltweiter Perspektive in Erscheinung, sondern wiederholt sich sehr oft innerhalb einzelner Staaten oder Regionen. In einigen Teilräumen unserer Erde leben heute schon so viele Menschen, dass man angesichts einer besorgniserregenden Ernährungssituation bereits von „Übervölkerung“ spricht und verstärkt die Frage nach der Tragfähigkeit der verschiedenen menschlichen Lebensräume stellt.

  • Die seit jeher ungleiche räumliche Verteilung der Bevölkerung wird durch eine rasch fortschreitende Verstädterung noch verstärkt. Während um 1800 nur etwa 3% der Weltbevölkerung in städtischen Siedlungen der verschiedenen Größenordnungen wohnte, erreichte 2008 der Anteil nach Angaben der Vereinten Nationen 50%. In vielen Staaten der Dritten Welt wird das schnelle Wachstum der großen Ballungszentren nicht zuletzt deshalb zu einem Problem, weil es unabhängig von einer entsprechenden Industrialisierung verläuft und daher die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze nicht mit der Bevölkerungszunahme Schritt halten kann. Ganz anders sieht indes die Situation in den hoch entwickelten Staaten aus. Hier ist fast überall eine Stagnation oder sogar ein Rückgang der Bevölkerung in den Kernstädten der Verdichtungsräume zu beobachten, und es wird eher diskutiert, wie man die Attraktivität städtischer Wohnstandorte steigern kann.

  • Die Bevölkerungszusammensetzung einzelner Länder und Regionen nach demographischen, wirtschaftlichen, sozialen, aber auch rassisch-ethnischen, sprachlichen und religiösen Merkmalen zeichnet sich zum Teil durch extrem einseitige räumliche Strukturen aus. In weltweiter Betrachtung kommt das z. B. im Gegensatz zwischen der „Jugendlichkeit“ der Bevölkerung in allen Entwicklungsländern und einer „Überalterung“ in den meisten Industriestaaten zum Ausdruck. Unmittelbare Probleme für das Zusammenleben der Menschen resultieren jedoch vorwiegend aus kleinräumigen Segregationserscheinungen, sei es die Konzentration bestimmter Bevölkerungsgruppen in Teilräumen eines Staates oder in einzelnen Stadtvierteln. Hingewiesen sei hier nur auf die Slums und Ghettos in US-amerikanischen Ballungsgebieten, auf die „Ausländerviertel“ deutscher Großstädte oder auf die ausgedehnten Hüttensiedlungen an der Peripherie der Metropolen in den meisten Staaten der Dritten Welt.

  • Seit etwa 50 Jahren hat sich das Wachstum der Weltbevölkerung außerordentlich beschleunigt. Die globale Progressionsrate, die jahrhundertelang nur sehr langsam angestiegen war und noch im 19. Jahrhundert unter einem halben Prozent lag, beträgt heute etwa 1,2% pro Jahr. Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich jedoch auffällige regionale Unterschiede. Während in einzelnen Entwicklungsländern die jährliche Bevölkerungszunahme 3% übersteigt, stagnieren die Einwohnerzahlen in vielen Industriestaaten oder gehen sogar zurück. In der Bundesrepublik Deutschland und anderen europäischen Staaten hat die Zahl der Geburten seit mehr als drei Jahrzehnten derartig schnell abgenommen, dass vielerorts schon die Frage gestellt wird, inwieweit die Europäer bzw. einzelne Nationen vom „Aussterben“ bedroht sind. Rasches Bevölkerungswachstum einerseits und zurückgehende Geburtenzahlen andererseits führten zu einer intensiven Diskussion über die Ursachen dieser Prozesse und die Möglichkeiten und Grenzen einer staatlichen Bevölkerungspolitik.

  • Auf regionaler Ebene werden Bevölkerungszahl und Bevölkerungszunahme meist weniger durch Unterschiede der natürlichen Bevölkerungsbewegung, d. h. der Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen, sondern durch Wanderungsvorgänge bestimmt. Wenn auch Wanderungen über Staatsgrenzen hinweg heute anders als im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert überall durch Gesetze und Verordnungen eingeschränkt werden, so sehen sich nicht nur die meisten Industriestaaten einem wachsenden Zustrom von Migranten gegenüber. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen lebten Anfang des 21. Jahrhunderts 191 Millionen Menschen oder knapp 3% der Weltbevölkerung mindestens seit 1 Jahr nicht in dem Land ihrer Geburt oder ihrer Staatsangehörigkeit. Trotz allem haben in der Regel Binnenwanderungen für die Bevölkerungsentwicklung von Teilräumen einzelner Staaten eine größere Bedeutung als internationale Migrationen. Richtung und Stärke der einzelnen Wanderungsströme können regional aber sehr verschieden sein. Während sich in den meisten Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die Regierungen darum bemühen, der Landflucht mit all ihren negativen Begleiterscheinungen entgegenzuwirken, sind es in den hoch entwickelten Staaten eher Fragen der Suburbanisierung und der Zersiedlung des ländlichen Raumes, mit denen sich Stadt- und Regionalplaner auseinanderzusetzen haben.

1.2 Entwicklung, Inhalt und Stellung der Bevölkerungsgeographie

Die zunehmende Aufmerksamkeit, die heute Fragen der Bevölkerungsverteilung, der Bevölkerungsstruktur und der Bevölkerungsdynamik nicht nur in der öffentlichen Diskussion, sondern auch in der wissenschaftlichen Forschung erfahren, steht in auffälligem Gegensatz zu einer langjährigen Vernachlässigung demographischer Sachverhalte in allen Sozial-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften (Wrigley 1965, S. 62). Thomas Robert Malthus löste zwar schon vor gut 200 Jahren mit seinem berühmt gewordenen Essay „On the Principle of Population“ (1798) eine lebhafte Auseinandersetzung um die Gesetzmäßigkeiten des Bevölkerungswachstums und der Möglichkeiten seiner Beeinflussung aus, seine Anregungen und Ideen sind jedoch in der Folgezeit kaum mehr beachtet worden, und die „Bevölkerung“ blieb in der wissenschaftlichen Forschung eine Variable von sekundärer Bedeutung.

Speziell auf die Geographie bezogen, kommt Trewartha (1953) zu einem ähnlichen Ergebnis. Obwohl die Wurzeln der Bevölkerungsgeographie bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückreichen, gehörte die Auseinandersetzung mit Fragen der Bevölkerungsverteilung und -struktur sowie der Bevölkerungsentwicklung in räumlicher Differenzierung lange Zeit nicht zu den zentralen Forschungsanliegen des Faches. Das gilt trotz des bedeutsamen Einflusses, den gerade deutsche Wissenschaftler auf die frühe Bevölkerungsgeographie ausgeübt haben, in besonderem Maße für die Situation in der Bundesrepublik Deutschland. Erst in den 1960er und 1970er Jahren setzte ein allmählicher Wandel ein. 1980 erschien eine erste Einführung in das Gesamtgebiet der Bevölkerungsgeographie (Kuls 1980), der innerhalb kurzer Zeit weitere Lehrbücher (Bähr 1983; Leib und Mertins 1983; de Lange 1991; Börsch 1993; Gans et al. 2009) bzw. die bevölkerungsgeographischen Abschnitte in umfassenderen Lehrbüchern (Heineberg 2003; Laux 2005; Gans 2007) und vor einem guten Jahrzehnt auch ein umfangreiches Handbuch (Bähr et al. 1992) folgten. Ergänzt werden die Lehrbücher seit Kurzem durch den Teilband „Bevölkerung“ des Nationalatlas der Bundesrepublik Deutschland (Gans und Kemper 2001).

Zwar finden sich schon in den Länder- und Reisebeschreibungen früherer Jahrhunderte zahlreiche Hinweise auf die Bevölkerungszahl und die Bevölkerungszusammensetzung einzelner Regionen sowie auf die Lebensweise und den wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsstand der dort lebenden Menschen, eine systematische Sammlung, Auswertung und kartographische Darstellung weltweiter Bevölkerungsdaten wurde aber erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben. 1833 erarbeitete George J. D. P. Scrope eine erste Karte der Weltbevölkerungsverteilung, und 1859 entwarf August Petermann eine „Skizze zur Übersicht der Bevölkerung in den verschiedenen Theilen der Erde“. Seit 1866 enthalten die „Geographischen Jahrbücher“ regelmäßige Zusammenstellungen zur Bevölkerungsstatistik, die ab 1872 von den jährlichen Berichten zur „Bevölkerung der Erde“ in den Ergänzungsheften zu „Petermanns Geographische Mitteilungen“ abgelöst wurden. Diese Tradition ist später von Witthauer (z. B. 1969) fortgesetzt worden.

Noch wesentlich länger dauerte es, bis durch Friedrich Ratzel, den Begründer einer wissenschaftlichen Anthropogeographie, ein erstes theoretisches und methodisches Grundgerüst der Bevölkerungsgeographie gelegt wurde. Im Hauptwerk Ratzels, seiner „Anthropogeographie“ aus dem Jahre 1891, nehmen Bevölkerungsverteilung und deren Erklärung einen wichtigen Platz ein. Dabei geht es Ratzel in erster Linie um die Analyse des Beziehungsgeflechtes zwischen Mensch und Umwelt. Bei aller Betonung der Prägung des Menschen durch Naturgegebenheiten hat Ratzel jedoch nie von direkten, kausalen Beziehungen zwischen Natur und Mensch im Sinne von Ursache und gesetzmäßiger Wirkung gesprochen, sondern auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse mit berücksichtigt, sodass der später vielfach erhobene Vorwurf eines einseitigen Naturdeterminismus in dieser Form sicher zu Unrecht besteht (Bartels 1968b, S. 127ff.; Thomale 1972, S. 22ff.).

In der Auseinandersetzung mit dem Ratzelschen Gedankengebäude entwickelten französische Geographen der Schule um Vidal de la Blache die Lehre vom geographischen Possibilismus, in der der Mensch nicht mehr nur als Reagens auf seine Umwelt, sondern auch als aktiv eingreifendes Agens gesehen wird (Thomale 1972, S. 42). Bei einem solchen Ansatz kommt naturgemäß Fragen der Bevölkerungsverteilung und der Bevölkerungsdichte, aber auch der Wanderungsbewegungen eine besondere Bedeutung zu. Einer der Leitbegriffe Vidal de la Blaches, das Konzept der Lebensformgruppe (genre de vie), wurde später auch in die deutsche Geographie übertragen (Bobek 1948).

Trotz einer solchen vom Menschen ausgehenden Betrachtungsweise haben sich daraus keine unmittelbaren Impulse für die weitere Ausformung der Bevölkerungsgeographie ergeben, weil man sich in der Folgezeit weniger der Bevölkerung selbst, sondern in erster Linie den kulturlandschaftlichen Auswirkungen menschlicher Aktivitäten zuwandte. So wird der Bevölkerungsgeographie von Otto Schlüter, dessen Konzept einer „Morphologie der Kulturlandschaft“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ausrichtung der Anthropogeographie vor allem in Deutschland entscheidend bestimmte, ein nur sehr begrenztes Aufgabenfeld zugewiesen. Eine Durchsicht der 1940 erschienenen kritischen Bibliographie von Dörries macht deutlich, dass sich die bevölkerungsgeographischen Forschungen der damaligen Zeit im Wesentlichen auf die räumlich quantitative Analyse von Bevölkerungsverteilung und -dichte beschränkten, wobei Fragen der kartographischen Darstellung eine große Rolle spielten. Die Tragfähigkeit bzw. Bonitierung der Erde ist ein weiteres Problem, das sich in diesen thematischen Rahmen einordnen lässt, und das bis heute eher noch an Aktualität gewonnen hat. Albrecht Penck hatte dazu entscheidende Anstöße gegeben und die damit verbundenen Fragen als das „Hauptproblem der physischen Anthropogeographie“ gekennzeichnet (Penck 1925). Allerdings endete die Diskussion um die räumliche Tragfähigkeit damals noch sehr häufig in der „Sackgasse des physisch-geographischen Determinismus“, und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und Kräfte wurden unterschätzt (Schöller 1970, S. 36).

Ebenfalls auf die 1920er Jahre gehen wichtige Grundlagen und Anregungen für eine kleinräumige Analyse der Bevölkerungs- und Sozialstruktur zurück. Die von der Chicagoer Soziologenschule um Park, Burgess und McKenzie begründete „Humanökologie“ hat namentlich die Ausrichtung der US-amerikanischen Geographie entscheidend beeinflusst und bereits 1923 Harlan H. Barrows dazu veranlasst, im Titel eines Aufsatzes von „Geography as Human Ecology“ zu sprechen. In Deutschland wurde das sozialökologische Konzept und insbesondere das inzwischen entwickelte methodische Instrumentarium erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegriffen und in die Geographie integriert.

Zwar hat sich in den 1930er Jahren in der deutschen Geographie eine „anthropogeographische Wende“ (Schultz 1980, S. 127) im Sinne einer völkisch variierten anthropozentrischen Sichtweise vollzogen, zentraler Bezugspunkt blieb aber auch weiterhin die Kulturlandschaft, die man als „völkische Tat“, als „Spiegel einer völkischen Kultur“ (Schultz 1980, S. 205) sah, wobei eine enge Beziehung zwischen „Volk“ und „Rasse“ hergestellt wurde. Eine vom Menschen selbst ausgehende Betrachtung war damit nicht verbunden, und die von Rühl schon 1938 erhobene Forderung, der Ausgangspunkt der Anthropogeographie könne nicht die Erdoberfläche, sondern nur der Mensch sein, hatte keine nachhaltigen Konsequenzen. So änderte sich auch an der eher randlichen Stellung der Bevölkerungsgeographie kaum etwas. Als deren Hauptfrage nannte Hettner (1947 postum veröffentlicht, S. 295) „das Verhältnis der Bevölkerung zu ihrem Lebens- und Nahrungsspielraum oder, anders ausgedrückt, zur Bevölkerungskapazität des Landes“.

Auch in der ersten Nachkriegszeit hat es in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum Fortschritte in der bevölkerungsgeographischen Forschung gegeben. Erst Anstöße von außen, vornehmlich aus Frankreich und den Vereinigten Staaten, leiteten eine Wende ein. Diese Stagnation hatte im Wesentlichen zwei Gründe (Kuls 1982, S. 1): Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stand die Bevölkerungswissenschaft wie kaum ein anderer Wissenschaftszweig unter dem Einfluss rassistischen Gedankengutes und einer menschenverachtenden Bevölkerungspolitik, wenn auch der Weg dazu schon vorher bereitet worden war. Jede Beschäftigung mit Bevölkerungsfragen war deshalb nach 1945 ideologisch belastet und wurde weitgehend gemieden. Im Falle der Bevölkerungsgeographie sind insbesondere Überlegungen zum Problem der Tragfähigkeit und Bevölkerungsdichte von den Nationalsozialisten zur „wissenschaftlichen“ Begründung geopolitischer Doktrinen missbraucht worden und haben zu einer Disqualifizierung der ganzen Fragestellung geführt (Schöller 1970, S. 37). Aber auch von der fachspezifischen Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren sind wenig Impulse ausgegangen, denn nicht nur das Ganzheitskonzept der Landschaftsgeographie, sondern auch die Anthropozentrierung der Vorkriegszeit fanden in der spezifisch deutschen Konzeption der Sozialgeographie ihre Fortsetzung und Weiterentwicklung (Schultz 1980, S. 237). Dabei kamen die Hauptvertreter der sozialgeographischen Richtung zu einer vollständigen Neuordnung des anthropogeographischen Systems (Abb.1; Ruppert und Schaffer 1969): Die objektbezogenen Teildisziplinen sind gänzlich aufgehoben, stattdessen treten sich überschneidende Funktionsfelder auf. Zwar gehören Teilaspekte der Grundfunktion „Sich fortpflanzen und in Gemeinschaft leben“ zum Untersuchungsgegenstand der Bevölkerungsgeographie, insgesamt bildete sie aber unter sozialgeographischem Vorzeichen einen eher untergeordneten Forschungszweig (Wirth 1977, S. 170f.). Das hängt auch damit zusammen, dass sich die deutsche Sozialgeographie lange Zeit vor allem auf diejenigen sozialen Prozesse konzentrierte, die sich landschaftlich niederschlagen: Die Landschaft wurde als „Prozessfeld“ gesehen, das die Aktivitäten verschiedener Sozialgruppen widerspiegelt. Mit Recht hat daher Schymik (1980, S. 42) die damals weitverbreitete Auffassung, die Sozialgeographie habe den Aufgabenkreis der Bevölkerungsgeographie nahezu vollständig übernommen, kritisch hinterfragt.

Entwicklung, Inhalt und Stellung der Bevölkerungsgeographie

Abb. 1 Stellung der Bevölkerungsgeographie im System der geographischen Wissenschaft. 1: Trewartha (1953), 2: Paffen (1959), 3: Schöller (1968), 4: Ruppert und Schaffer (1969). Quelle: Thomale (1972), verändert und ergänzt.

Die stärkere Hinwendung zu bevölkerungsgeographischen Themen begann im französischen und angelsächsischen Sprachraum früher als in Deutschland. In Frankreich veröffentlichte Pierre George schon 1951 eine „Introduction à l’Étude Géographique de la Population du Monde“, die als erste Zusammenfassung geographischer Aspekte der Bevölkerungsforschung gewertet werden kann. Weitere Gesamtdarstellungen folgten von Beaujeu-Garnier (1956/58), erneut von George (1965) und zuletzt von Noin (1979), Noin und Thumerelle (1993) sowie Baudelle (2000). Aus dem angelsächsischen Sprachraum sind namentlich die frühen Einführungen in die Bevölkerungsgeographie von Clarke (1965) sowie Zelinsky (1966) zu nennen, denen später u. a. die Lehrbücher von Graham (2004) und Gould (2009) folgten. Vor allem ist es jedoch Glenn T. Trewartha gewesen, der sich in seiner berühmt gewordenen „presidential address“ vor der American Geographical Society im Jahre 1953 für eine stärkere Beachtung und Förderung der Bevölkerungsgeographie einsetzte, der er als Verbindungsglied zwischen Kultur- und Naturgeographie eine herausgehobene Stellung innerhalb der geographischen Wissenschaft beimaß (Abb.1; Pandit et al. 2004).

Im deutschsprachigen Bereich ist Paffen (1959) diesem Konzept am nächsten gekommen und hat eine umfassend verstandene Bevölkerungsgeographie vertreten. Dabei unterscheidet er zwischen einer „Bevölkerungsgeographie im engeren Sinne“, die sich mit der zahlenmäßigen Verteilung und Entwicklung der Bevölkerung befasst, und einer „Bevölkerungsgeographie im weiteren Sinne“, die zusätzlich die „Physische Anthropogeographie“ als die Lehre vom Naturwesen Mensch und die „Sozialgeographie“ als die Lehre von den Sozialgruppen und ihren Verhaltensweisen im geographischen Raum einschließt (Abb.1). Allerdings hat sich dieses Konzept nicht durchgesetzt, und es blieb bei der verhältnismäßig engen Abgrenzung des bevölkerungsgeographischen Aufgabenfeldes. Stellvertretend für diese Auffassung ist in Abbildung 1 der Vorschlag von Schöller (1968) wiedergegeben. Hier steht die Bevölkerungsgeographie gleichrangig neben der Sozialgeographie; beide zusammen bilden mit der Wirtschaftsgeographie, der Handels- und Verkehrsgeographie sowie der Siedlungsgeographie die fünf großen Teilgebiete der Anthropogeographie. Davon widmet sich die Bevölkerungsgeographie den biogeographischen Grundlagen, die Sozialgeographie analysiert die sozialgeographischen Grundlagen und Kräfte, und die drei anderen Teildisziplinen untersuchen das landschaftliche Wirkungsgefüge selbst.

Die Diskussion um Einordnung und Stellung der Bevölkerungsgeographie im System der geographischen Wissenschaft, wie sie in den 1950er und 1960er Jahren geführt wurde, hat zunächst noch nicht zu einer vermehrten Beschäftigung mit bevölkerungsgeographischen Themen beigetragen. Erst unter dem Eindruck zunehmender Probleme der Bevölkerungsverteilung und Bevölkerungsentwicklung – sowohl auf regionaler wie nationaler und internationaler Ebene – stießen Fragen der Bevölkerung auch innerhalb der deutschen Geographie auf verstärktes Interesse. Überdies hat die Einrichtung eines mehrjährigen Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1969–1974) den Ausbau bevölkerungsgeographischer Forschung in der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig gefördert. Vor allem im methodischen Bereich konnten so größere Fortschritte erzielt werden, kamen doch jetzt erstmals vermehrt quantitative Arbeitstechniken zur Anwendung, die die Möglichkeit eröffneten, große Datenmengen zu verarbeiten und Zusammenhänge mittels mathematisch-statistischer Verfahren zu analysieren.

Thematisch konzentrierten sich die Untersuchungen in dieser Zeit vor allem auf den Problemkreis der „räumlichen Mobilität“, sodass Schöller (1970, S. 37) die Frage aufwarf, ob die allseitige Erforschung des Wanderungsgeschehens nicht die zentrale Aufgabe einer dynamisch verstandenen Bevölkerungsgeographie sein könnte. Dominierte zunächst unter dem Einfluss der „Sozialphysik“ der makroanalytische Ansatz, so eröffnete später das verhaltensorientierte Konzept einen stärkeren Zugang zur mikroanalytischen Betrachtungsweise. Auch ist schon früh versucht worden, Makro- und Mikroebene miteinander zu verbinden, so z. B. durch die Analyse gruppenspezifischer Wanderungen mit entsprechenden Segregationsvorgängen. Bis heute ist die Wanderungsforschung zumindest in Deutschland der Teilbereich der Bevölkerungsgeographie geblieben, in dem in besonderem Maße theoretischen und methodischen Fragen nachgegangen wird. Dagegen ist das Interesse an räumlichen Unterschieden der natürlichen Bevölkerungsbewegung und deren Auswirkungen gering geblieben, obwohl die „Innsbrucker Schule“ (u. a. Kinzl, Fliri, Troger) diesen Fragen bei kleinräumigen Untersuchungen im Alpenraum schon recht früh nachgegangen war (Fliri 1996).

Heute besteht Einigkeit darüber, Bevölkerungsgeographie als Teil einer umfassend verstandenen Bevölkerungswissenschaft zu sehen. Eine solche „Demographie im weiteren Sinne“ lässt sich nach Jürgens (1975, S. 7) als „Lehre vom Wesen, den Ursachen und den Wirkungen der Bevölkerungsvorgänge“ umschreiben. Ihr steht die „Demographie im engeren Sinne“ oder „formale Demographie“ als die „Lehre von den formalen Verfahren zur Ermittlung von Bevölkerungsvorgängen“ gegenüber (Mueller et al. 2000; Rowland 2003; Tabutin 2007). Entsprechend wird im englischen Sprachbereich häufig zwischen „demographic analysis“ (formal demography) und „population studies“ (social demography) unterschieden (Caldwell 1996; Mackensen 2000). Die enge Beziehung zwischen Bevölkerungsgeographie und Demographie bedeutet einerseits, dass sich bevölkerungsgeographische Untersuchungen grundlegender demographischer Arbeitsmethoden und Kennziffern bedienen müssen, daraus folgt andererseits aber auch, dass man durch die Berücksichtigung der räumlichen Dimension zu einem vertieften Verständnis und zur weiterführenden Erklärung von Bevölkerungsvorgängen kommen kann. Ein solcher interdisziplinärer Ansatz ist vor allem von Woods mit seinem 1979 erschienenen Lehrbuch in die deutsche Geographie hineingetragen worden. Woods sieht die zentrale Aufgabe der Bevölkerungsgeographie darin, die räumlichen Unterschiede und raumzeitlichen Veränderungen von Mortalität, Fertilität und Migration zu analysieren und zu erklären, oder – anders ausgedrückt – die räumliche Perspektive auf die Analyse demographischer Strukturen anzuwenden. In dieser Sichtweise wird Bevölkerungsgeographie zur demographic geography, und die Unterschiede zur spatial demography verwischen.

Ohne Zweifel sind von der Forderung Woods’ (1979, S. 3), „population geography should become more demographic“, wesentliche Anregungen zur Überwindung bestehender Forschungsdefizite ausgegangen. Allerdings bringt ein so verengter Aufgabenbereich den Nachteil mit sich, dass viele „klassische Forschungsfelder“ der Bevölkerungsgeographie ausgeklammert bleiben, zumindest jedoch in den Hintergrund treten (Findlay und Graham 1991). Das wird in einer jüngeren Arbeit auch von Woods (1986, S. 16f.) eingeräumt und die enge Definition der Bevölkerungsgeographie durch eine breite Definition ergänzt, in der zusätzlich die schon von Zelinsky (1966, S. 5f.) genannten Hauptarbeitsgebiete berücksichtigt werden:

  1. die Beschreibung räumlicher Bevölkerungsverteilungen und ‑strukturen (the where?),

  2. die Erklärung dieser Verteilungsmuster (the why where?).

Eine ähnliche Auffassung wird in allen neueren deutschsprachigen Lehrbüchern der Bevölkerungsgeographie vertreten und entspricht auch der französischen Forschungstradition. Danach ließe sich Bevölkerungsgeographie in einem umfassenderen Sinne wie folgt definieren (Bähr 1988, S. 8):

„Die Bevölkerungsgeographie analysiert auf verschiedenen Maßstabsebenen die räumliche Differenzierung und raumzeitlichen Veränderungen der Bevölkerung nach ihrer Zahl, ihrer Zusammensetzung und ihrer Bewegung; sie versucht, die beobachteten Strukturen und Prozesse zu erklären und zu bewerten sowie ihre Auswirkungen und räumlichen Konsequenzen in Gegenwart und Zukunft zu erfassen.“

Daran orientiert sich auch der weitere Aufbau des Buches. Die Gliederung ist derart konzipiert, dass die beiden Hauptgebiete der Bevölkerungsgeographie – die Untersuchung der räumlichen Differenzierung von Bevölkerungsverteilung und -struktur sowie die Analyse der Bevölkerungsdynamik – nacheinander betrachtet werden. Eine solche Zweiteilung hat sich seit Langem in den grundlegenden Lehrbüchern nicht nur der Bevölkerungsgeographie, sondern auch anderer mit Bevölkerung befasster Disziplinen bewährt.

Bevölkerungsstruktur und Bevölkerungsveränderung beeinflussen sich gegenseitig, sodass schon deshalb eine strenge Trennung der beiden großen Bereiche nicht möglich ist; das Verständnis für derartige Zusammenhänge wird jedoch erleichtert, wenn man zunächst von einem Zustandsbild ausgeht und erst anschließend nach den dahinter stehenden Prozessen und wechselseitigen Interdependenzen fragt.

Jedem Teilkapitel ist ein methodischer Abschnitt vorangestellt, in dem die notwendigen Grundbegriffe erläutert sowie statistische und kartographische Analyse- und Darstellungsverfahren behandelt werden. Die im Anschluss daran exemplarisch vorgestellten Ergebnisse bevölkerungsgeographischer Forschungen beziehen sich auf Räume ganz unterschiedlicher Größenordnung; die Abfolge von der weltweiten Perspektive über die Analyse auf der Ebene einzelner Staaten bis hin zur kleinräumigen Betrachtung bildet gleichzeitig das bei der weiteren Untergliederung der einzelnen Abschnitte verfolgte Ordnungsprinzip.

Der jeweils gewählte Maßstab spielt nicht nur für die zu beleuchtenden Sachverhalte und die anzuwendenden Untersuchungsmethoden eine entscheidende Rolle, auch der theoretische Bezugsrahmen und die daraus entwickelten Modelle sind maßstabsabhängig. Woods (1986, S. 13ff.) unterscheidet dabei zwischen drei Theorieebenen (und entsprechenden Modelltypen):

  1. die umfassenden Theorien (grand theories), die grundlegende Veränderungen im sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Bereich zu erklären versuchen,

  2. die Theorien mittlerer Reichweite (middle range theories), bei denen Bevölkerungsgruppen und ihre Aufgliederung in einzelne Kategorien betrachtet werden,

  3. die Mikrotheorien (micro-theories), die sich auf Individuen, Familien oder Haushalte beziehen.

Im forschungsgeschichtlichen Rückblick lässt sich sagen, dass bis in die 1970er Jahre vorwiegend auf Theorien mittlerer Reichweite Bezug genommen und aggregierte Daten zur Hypothesenüberprüfung herangezogen wurden, während in jüngerer Zeit Mikrotheorien, wie insbesondere verhaltens- und handlungstheoretische Ansätze, zu einer vermehrten Arbeit mit Individualdaten führten. Heute spielt allerdings die Bevölkerungsgeographie in der Theoriediskussion des Faches keine führende Rolle mehr und neuere theoretische Strömungen aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sind kaum aufgegriffen worden, sodass White und Jackson (1995) sowie Graham (2000) die Forderung nach „(Re)theorising Population Geography“ erheben (vgl. auch die regelmäßigen Reports in der Zeitschrift „Progress in Human Geography“, zuletzt Hugo 2006).

1.3 Datengrundlagen bevölkerungsgeographischer Untersuchungen

Ein rascher Zugang zu den Grundfragen der Bevölkerungsforschung und ein tieferes Verständnis für Bevölkerungsfragen unserer Zeit werden durch die geringe Anschaulichkeit und die Langfristigkeit des Bevölkerungsgeschehens erschwert. Zwar trägt jeder Einzelne durch sein persönliches Verhalten und durch Veränderungen seiner Lebensumstände dazu bei, die Zusammensetzung und weitere Entwicklung der Bevölkerung in eine bestimmte Richtung zu lenken; die mit dieser Einflussnahme verbundenen Vorgänge und die daraus erwachsenen Konsequenzen werden jedoch nicht direkt und unmittelbar erfahren, sondern können nur durch Auswertung einer Vielzahl von Daten, oft unter Zuhilfenahme statistischer Verfahren, sichtbar gemacht werden. Außerdem werden die aktuellen Bevölkerungsprobleme weniger von den Einstellungen und Entscheidungen der gegenwärtigen Generation bestimmt, sondern sie sind Auswirkungen von Ereignissen, die ein bis zwei Jahrzehnte oder sogar noch länger zurückliegen.

Dies hat zur Folge, dass alle mit der Bevölkerung befassten Wissenschaften möglichst detailliertes Zahlenmaterial benötigen, und zwar nicht nur Daten, die sich auf die gegenwärtige Situation beziehen, sondern auch Statistiken vorangegangener Zeitabschnitte. Gerade Bevölkerungsgeographen stoßen hier auf eine doppelte Schwierigkeit. Für sie ist nicht nur eine weitreichende sachliche Aufschlüsselung des Materials wichtig, sie sind darüber hinaus auch auf eine möglichst differenzierte räumliche Unterteilung angewiesen. Die wenigsten Statistiken erfüllen jedoch beide Anforderungen in gleicher Weise. Hinzu kommt, dass die Grenzen der Raumeinheiten, für die Auszählungen vorgenommen und veröffentlicht werden, häufig recht willkürlich gezogen oder zwischen einzelnen Erhebungen verändert werden und somit die Vergleichbarkeit der Ergebnisse eingeschränkt ist. Ein weiteres Problem liegt in der meist wenig homogenen Bevölkerungszusammensetzung innerhalb der ausgewiesenen Teilräume und in ihrer oftmals sehr unterschiedlichen Flächenausdehnung bzw. Einwohnerzahl. Daraus wird ersichtlich, dass Umfang und Qualität der für bevölkerungsgeographische Auswertungen zur Verfügung stehenden Zahlenangaben sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch nach Ländern und Regionen erheblich schwanken können.

Zwei Hauptgruppen von Datenzusammenstellungen lassen sich unterscheiden:

  1. Die Statistik des Bevölkerungsstandes: Es wird die Bevölkerung in ihrer Zahl, Zusammensetzung und räumlichen Verteilung für einen Stichtag festgestellt.

  2. Die Statistik der Bevölkerungsbewegungen: Es werden die Bevölkerungsveränderungen durch Geburten, Sterbefälle und Wanderungen registriert.

Die umfassendsten Angaben über den Bevölkerungsstand und die Bevölkerungsstruktur eines Gebietes lassen sich im Allgemeinen den Volkszählungen (Zensus) entnehmen. Darunter wird gemäß einer Definition der Vereinten Nationen der gesamte Prozess der Sammlung, Aufbereitung und Veröffentlichung demographischer, ökonomischer und sozialer Daten über alle Personen eines Landes oder eines genau abgegrenzten Gebietes zu einem bestimmten Zeitpunkt verstanden. In der Regel handelt es sich dabei um Primärstatistiken in Form einer vollständigen Befragung der Bevölkerung. Einzelne Staaten führen ihre Volkszählungen auch als Kombination zwischen Vollerhebung und Stichprobe durch (z. B. USA) oder greifen ergänzend auf die Auszählung von Verwaltungsregistern zurück (z. B. Schweden).

Im Rahmen der meisten modernen Volkszählungen ist die Ermittlung des Bevölkerungsstandes mit einer Berufszählung verbunden, z. T. auch mit einer Betriebs- oder Wohnungszählung, d. h. es werden auch Daten zur augenblicklichen Beschäftigung, zur Stellung im Beruf oder zur Wohnungsausstattung erhoben. So war die 1987 in der Bundesrepublik Deutschland durchgeführte Großzählung eine Kombination aus Volks-, Arbeitsstätten- sowie Gebäude- und Wohnungszählung; neben der Standardaufbereitung bietet sie somit eine Fülle von Möglichkeiten auch zur kleinräumigen Auswertung (von Klitzing 1989).

Alle Volkszählungen sollten in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um die Bevölkerungsveränderungen über eine längere Zeitspanne hinweg verfolgen zu können. Heute wird ein zehnjähriges Zählintervall als optimale Lösung angesehen und ist am weitesten verbreitet. Ein häufigeres Zählen wäre zwar wünschenswert, ist aber zu aufwändig und zu teuer. Nur wenige Staaten zählen in kürzeren Zeitabständen (z. B. 5-Jahres-Abstand u. a. in Japan, Kanada, Australien), wobei allerdings nicht immer der volle Fragenkatalog zur Anwendung kommt. In Deutschland wurde nur vor dem Ersten Weltkrieg alle 5 Jahre gezählt, teilweise jedoch in eingeschränkter Form unter Verzicht auf eine Ermittlung von Angaben zur Berufstätigkeit. Die bisherigen Zählwerke der Bundesrepublik Deutschland stammen aus den Jahren 1950, 1961, 1970 und zuletzt – nach mehrfacher Verschiebung und Anrufung des Bundesverfassungsgerichtes – aus dem Jahre 1987. Daher ist selbst die Einwohnerzahl ungenau. Nach Birg (2004, S. 5) sind zwischen 500 000 und 1 Million Bewohner nicht registriert. Während alle Staaten der Europäischen Union um das Jahr 2000 einen Zensus durchgeführt haben oder ihn für die nächste Zeit vorsehen – soweit sie sich nicht gänzlich auf Registerstatistiken umgestellt haben (Dänemark, Niederlande) –, soll in Deutschland erst 2011 wieder eine Volkszählung stattfinden, das hat das Bundeskabinett im Dezember 2008 beschlossen. Geplant ist eine auf Register (insbesondere Einwohnermelderegister) gestützte Erhebung. Zusätzlich wird es Stichproben sowie eine schriftliche Befragung von Gebäude- und Wohnungseigentümern geben.

Die Bemühungen um eine Feststellung des Bevölkerungsstandes sind ebenso alt wie die Zusammenschlüsse der Menschen zu organisierten Gemeinschaften. Die älteste Überlieferung einer Volkszählung stammt aus China. Dort wurde im Jahre 2255v. Chr. nach einer Überschwemmungskatastrophe eine Erhebung durchgeführt, um einen Überblick bezüglich Zahl und Verteilung der Bevölkerung zu gewinnen (Witthauer 1969, S. 28). Im Altertum fanden auch in Babylonien, Ägypten, Griechenland und im Römischen Reich z. T. regelmäßige statistische Erhebungen statt. Am bekanntesten ist die von Kaiser Augustus angeordnete „Schätzung“ geworden, d. h. die Zählung und steuerliche Erfassung der Bevölkerung zur Zeit der Geburt Christi, über die der Evangelist Lukas berichtet.

Als erste Volkszählung im modernen Sinne gilt die 1666 in Französisch-Kanada durchgeführte Erhebung, bei der nicht nur die Personenzahl, sondern auch weitere Merkmale, wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Beruf und Stellung zum Haushaltsvorstand, ermittelt wurden (Witthauer 1969, S. 29). Unter den Ländern, die besonders früh in regelmäßigen Abständen wiederkehrende „statistische Inventuraufnahmen“ einführten, sind Island (1703), Schweden (1749), Dänemark und Norwegen (1769) sowie die Vereinigten Staaten (1790) zu nennen. Etwas später folgten auch England und Frankreich (1801), die meisten anderen europäischen Staaten im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts. In der (ehemaligen) Sowjetunion fand eine erste Zählung bereits im zaristischen Russland statt (1897), seit 1920 dann in vergleichsweise regelmäßigen Abständen, wobei jedoch meist nur ein sehr kleiner Teil der Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

In Deutschland gab es aufgrund der territorialen Zersplitterung bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts keine umfassenden Ermittlungen von Bevölkerungszahlen. Nur wenige Städte haben gelegentlich Bürgerzählungen vorgenommen. Erst mit dem Entstehen zentraler Landesverwaltungen gewannen umfangreichere Erhebungen an Bedeutung. Der erste große, mit einer Berufszählung verbundene Zensus des Deutschen Reiches wurde 1882 durchgeführt, nachdem in eingeschränkter Form bereits 1871 gezählt worden war.

Sehr viel später setzten in den meisten Ländern der Dritten Welt die Bemühungen um eine exakte Erfassung von Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung ein. Indien und einige südamerikanische Staaten begannen damit schon im 19. Jahrhundert, dagegen blieben die Einwohner des größten Teiles des tropischen Afrika sowie auch einzelner asiatischer Länder bis zum Zweiten Weltkrieg und z. T. sogar darüber hinaus ungezählt. So wurde in Obervolta (Burkina Faso) erstmals im Jahre 1975 und in Mauretanien 1976/77 ein Zensus organisiert. In den 1980er und 1990er Jahren gab es dann auch in Äthiopien (1984), Laos (1985) und Oman (1993) erste Zählungen, sodass heute zumindest für alle größeren Staaten der Erde einigermaßen zuverlässige Angaben zum Bevölkerungsstand zur Verfügung stehen.

Man kann davon ausgehen, dass um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nur etwa 17% der Weltbevölkerung durch Zensuserhebungen erfasst waren. Ein erster Höchststand wurde in der Dekade von 1945 bis 1954 mit 78% erreicht. Zu Beginn der 1980er Jahre lag dieser Wert wieder niedriger, da im bevölkerungsreichsten Land der Erde, der Volksrepublik China, zwischen 1953 und 1982 nicht gezählt worden war (Esenwein-Rothe 1982, S. 19). Seit 1990 sind in 165 Ländern Zensuserhebungen durchgeführt worden, die etwa 95% der Weltbevölkerung eingeschlossen haben.

Seit Längerem bemühen sich die Vereinten Nationen um eine Vereinheitlichung der Volkszählungstermine und des zu erfragenden Merkmalskataloges sowie der dabei zugrunde liegenden Definitionen und Abgrenzungen, um die bislang noch sehr mangelhafte Vergleichbarkeit der verschiedenen nationalen Zählwerke zu verbessern und dadurch zu einer Art von „Weltzensus“ zu kommen. Angestrebt werden eine Zählung zu Beginn oder am Ende eines jeden Jahrzehnts und ein einheitliches Grundprogramm, das Fragen nach der Gesamtzahl der Bevölkerung, nach Geschlecht, Alter und Familienstand, nach Geburtsort und Nationalität, nach Muttersprache, Analphabetentum und Schulwesen, nach der wirtschaftlichen Tätigkeit, nach städtischem oder ländlichem Wohnort, nach der Familien- und Haushaltsstruktur sowie nach der Fertilität enthält.

Die Zuverlässigkeit der einzelnen nationalen Erhebungen ist außerordentlich unterschiedlich. Selbst in den Vereinigten Staaten geht man von einer 1,6%igen Unterschätzung der Einwohner aus, bei einzelnen Bevölkerungsgruppen (insbesondere Hispanics und Blacks) dürften die Abweichungen mehr als 5% betragen (Henning 2001). Eine ähnliche Fehlerquote kann für die Zählungen der meisten Industriestaaten angenommen werden. Wesentlich unsicherer sind dagegen die Angaben in allen Ländern der Dritten Welt. Selbst für vergleichsweise entwickelte Staaten, wie Chile und Venezuela, rechnet man mit einer Unterschätzung der Bevölkerung von etwa 5%. Weit größere Fehler (z. T. auch Überschätzungen) finden sich in den Zählwerken von Staaten des tropischen Afrikas. Diese weisen oft so erhebliche Mängel auf, dass eine annähernd der Wirklichkeit entsprechende Bevölkerungsverteilung auf der Basis kleinerer räumlicher Einheiten nur unter Schwierigkeiten zu ermitteln ist. Erst recht gilt dies für die Zusammensetzung der Bevölkerung nach demographischen, wirtschaftlichen oder sozialen Merkmalen oder für Angaben zu Wanderungsvorgängen.

Besonders groß sind die Fehlermöglichkeiten immer dann, wenn mangels geeigneter Karten nicht alle Siedlungen eines Landes lokalisiert werden können oder die Straßenverhältnisse schlecht sind und damit die Erreichbarkeit aller Wohnplätze nicht gewährleistet ist. Teilweise kann hier die Auswertung von Luft- oder Satellitenbildern weiterhelfen (Lechtenbörger 1997). Zusätzliche Fehlerquellen treten auf, wenn ein Teil der Bevölkerung nicht sesshaft ist bzw. regelmäßig über Landesgrenzen hinweg wandert oder die Mehrzahl der Einwohner aus Analphabeten besteht. Gelegentlich kommt es aus politischen Gründen auch zu bewussten Verfälschungen von Zensusdaten. Eine quantitative Abschätzung derartiger Ungenauigkeiten ist schwierig, wenn nicht vollständig unmöglich (für das Beispiel Nigeria vgl. Fricke und Malchau 1994).

Je länger eine Volkszählung zurückliegt, desto geringer ist die Übereinstimmung der dort genannten Zahlen mit der gegenwärtigen Situation. Deshalb bemühen sich die meisten Staaten heute darum, mithilfe verschiedener Verfahren die Zahl und z. T. auch die Zusammensetzung der Bevölkerung für die Zeit zwischen zwei Erhebungen festzustellen. Eine dieser Möglichkeiten ist die sogenannte Fortschreibung. Dabei gewinnt man die aktuelle Bevölkerungszahl eines Gebietes dadurch, dass zu dem im Zensus ausgewiesenen Bestand die Zahl der Geborenen und Zugezogenen addiert und die Zahl der Gestorbenen und Weggezogenen subtrahiert wird. Vom Prinzip her lässt sich eine solche Fortschreibung nicht nur für Einwohnerzahlen, sondern auch für einzelne sachliche Merkmale, wie für Geschlecht, Alter oder Familienstand, durchführen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine genaue Registrierung der Geburten, Sterbefälle und Heiraten sowie eine gesetzlich geregelte Meldepflicht. Aber selbst in denjenigen Staaten, in denen diese Bedingungen erfüllt sind, kann eine Fortschreibung niemals den nächsten Zensus ersetzen, denn die dafür zur Verfügung stehenden Daten sind häufig ungenau oder unvollständig (insbesondere bei der Wanderungsstatistik), ganz abgesehen davon können viele Merkmale überhaupt nicht fortgeschrieben werden, weil eintretende Veränderungen nicht registriert werden (z. B. Beruf, Ausbildung).

In der Bundesrepublik Deutschland wird die Bevölkerung mindestens einmal jährlich fortgeschrieben, und zwar für die Länder nach Zahl sowie Geschlecht und Alter und für die Gemeinden ohne eine weitere Untergliederung. Daraus wird schon ersichtlich, dass Fortschreibungszahlen sehr viel begrenztere Auswertungsmöglichkeiten als Volkszählungsergebnisse bieten. Erhebliche Informationslücken treten selbst für größere räumliche Einheiten in den Bereichen Erwerbstätigkeit, Haushaltsstruktur und bei differenzierten sozioökonomischen Tatbeständen auf.

Eine weitere Möglichkeit, die Lücke zwischen zwei Großzählungen zu schließen, bietet der „Mikrozensus“. Dabei handelt es sich um eine Stichprobenerhebung, mit der in regelmäßigen Abständen ein Teil der Bevölkerung erneut befragt wird. Der Mikrozensus zum Thema „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit“ wurde in der Bundesrepublik im Jahre 1957 durch Gesetz eingeführt. Auf dieser Basis fanden die Erhebungen bis 1982 statt, wobei teilweise auch thematische Schwerpunkte gesetzt wurden, die über den Standardkatalog der Volkszählungen hinausgehen. Dann jedoch geriet auch der Mikrozensus in die Datenschutzdiskussion im Zusammenhang mit der für 1983 vorgesehenen Volkszählung und wurde deshalb für 1983 und 1984 ausgesetzt. Das neue Mikrozensusgesetz von 1985 enthält zusätzliche Bestimmungen hinsichtlich des Auswahlverfahrens, des Erhebungskataloges, der organisatorischen Durchführung und des Schutzes der erhobenen Daten. Außerdem wurde für einzelne Bereiche (z. B. Urlaub und Gesundheit) die Beantwortung freigestellt. Seitdem wird der Mikrozensus, verbunden mit der EU-Arbeitskräftestichprobe, wieder regelmäßig einmal pro Jahr, ab 1991 auch in den neuen Bundesländern (für die meisten Erhebungstatbestände als 1-%-(Flächen-)Stichprobe) durchgeführt. Das neue Mikrozensusgesetz von 2005 sieht vor, nicht nur die aktuelle Staatsangehörigkeit der befragten Person zu erfassen, sondern auch die voherige und das Jahr der Einbürgerung. Damit wird es möglich, die Bevölkerungsstruktur und die Integration von Migranten gründlicher zu analysieren. Dafür wird eine neue Definition eingeführt und von „Personen mit Migrationshintergund“ gesprochen (vgl. dazu Kap. 4.3.3).

Aus den Ergebnissen des Mikrozensus lassen sich die Werte für die Gesamtbevölkerung hochrechnen. Die so erhaltenen Zahlen sind zwar mit einem (berechenbaren) Stichprobenfehler behaftet, dafür werden aber die nur schwer quantifizierbaren Unzulänglichkeiten der Fortschreibung vermieden. Für kleinräumige Untersuchungen ist der Mikrozensus allenfalls bedingt geeignet. Vor 1990 war eine regionale Aufschlüsselung nur bis zur Länderebene und für wenige Kernmerkmale bis auf die Stufe von Regierungsbezirken gegeben; eine Veränderung des Auswahlverfahrens ermöglicht seitdem einen Nachweis für Großstädte ab 200 000 Einwohner und größere Kreise.

Die Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegungen ist vielfach sogar älter als die systematische Erfassung des Bevölkerungsstandes. Abgesehen von einzelnen Aufzeichnungen im Altertum, sind hier die schon seit Ende des 15. Jahrhunderts üblichen Registrierungen in den Kirchenbüchern zu nennen (Tauf-, Sterbe- und Heiratsregister). Diese Individualdaten gestatten trotz der oft lückenhaften Angaben detaillierte Aussagen über das generative Verhalten und die Familienbildung, wobei häufig auch eine Differenzierung nach Gruppen oder Schichten möglich ist. Sie stellen daher für die Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie unentbehrliche Quellenwerke dar (Henry 1972). Ihre entscheidende Schwäche hingegen liegt in der eingeschränkten Repräsentativität, die im Wesentlichen auf die schmale räumliche Untersuchungsbasis und den nur schwer abschätzbaren Einfluss von Wanderungsvorgängen zurückzuführen ist (Laux 1982, S. 104).

In den skandinavischen Ländern reichen die genauen und weitgehend flächendeckenden Aufzeichnungen der Geburten und Sterbefälle sowie der Eheschließungen bis ins 18. Jahrhundert zurück; in den meisten anderen europäischen Staaten sind systematische Registrierungen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts eingeführt worden. 1875 wurde in Deutschland diese Aufgabe den damals eingerichteten Standesämtern übertragen und dadurch eine äußerst exakte Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegungen geschaffen, deren Fehlerquote sehr gering ist.

Von einem solchen Stand ist der größte Teil der Erde noch weit entfernt. Man kann davon ausgehen, dass in fast allen afrikanischen, in den meisten asiatischen und in vielen lateinamerikanischen Staaten keine korrekten Registrierungen stattfinden und daher nur Schätzungen möglich sind. Vielfach werden die offiziellen Statistiken auch „geschönt“ und vermitteln ein falsches Bild. So soll die Säuglingssterblichkeit nach Angaben der UNICEF (www.unicef.de) in vielen zentralasiatischen Ländern zwei- bis viermal größer als amtlich festgestellt sein.

Die Statistik der Wanderungsbewegungen ist selbst in den hoch entwickelten Staaten vergleichsweise wenig zuverlässig. Prinzipiell bieten sich zwei Möglichkeiten zur Erfassung von Wanderungen an. Bei den direkten Methoden wird auf Daten zur Wanderung selbst zurückgegriffen, die indirekten Methoden basieren auf einer Berechnung der Wanderungen aus anderen Größen (Esenwein-Rothe 1982, S. 170ff. sowie Husa 1991 mit speziellem Bezug auf die Dritte Welt). Im Falle der direkten Methoden kann man weiter zwischen einer unmittelbaren und einer nachträglichen Erfassung unterscheiden. Eine Registrierung zum Zeitpunkt der Wanderung setzt ein staatlich geordnetes Meldewesen voraus, das allerdings außerhalb Europas kaum verbreitet ist. Die den Meldeformularen (bzw. aus einem Bevölkerungsregister) entnommenen Angaben werden den jeweiligen Statistischen Ämtern zugeleitet und ermöglichen nicht nur eine Fortschreibung der Bevölkerungszahlen, sondern auch eine Aufschlüsselung der Wanderungen nach den erfragten Merkmalen und Herkunftsgebieten. In der Bundesrepublik Deutschland wird seit 1950 von den Statistischen Landesämtern und vom Statistischen Bundesamt eine bundeseinheitliche Wanderungsstatistik geführt; Erhebungsgrundlage bilden die bei einem Wohnsitzwechsel anfallenden Anmeldescheine.

Trotzdem sind auf diese Weise ermittelte Daten mit einer Reihe von Fehlern und Unzulänglichkeiten behaftet. So werden An- und Abmeldungen gelegentlich unterlassen oder die Meldescheine unrichtig bzw. unvollständig ausgefüllt. Darüber hinaus werden im Meldeschein nur wenige Merkmale zur gewanderten Person registriert, und aufgrund von mehrmaligen Umzügen eines Individuums im Laufe eines Jahres ist die Zahl der ausgewiesenen jährlichen Wanderungen nicht mit der Zahl der Personen identisch, die ihren Wohnsitz gewechselt haben.

Eine nachträgliche Erfassung der Wanderungen erfolgt gewöhnlich mithilfe von Volkszählungen (z. B. in den USA oder in Großbritannien), indem sämtliche Mitglieder eines Haushaltes nach ihrem Wohnsitz zu einem bestimmten Referenzzeitpunkt (gelegentlich auch nur nach dem Geburtsort) gefragt werden. Wesentliche Mängel dieses Verfahrens liegen darin, dass Rückwanderungen, mögliche Zwischenstationen sowie Migrationen unterdessen verstorbener Personen so nicht erfasst werden können und alle Angaben zur Person nur für den Zeitpunkt der Erhebung gelten.

Indirekte Methoden der Wanderungsstatistik haben vor allem in solchen Staaten eine große Bedeutung, die organisatorisch nicht in der Lage sind, direkte Erhebungen durchzuführen. Allen Verfahren gemeinsam ist die Tatsache, dass ausschließlich Nettowanderungen quantifiziert werden können und Aussagen über Richtung und Stärke einzelner Wanderungsströme nicht möglich sind. Am bekanntesten ist die Differenz- oder Residualmethode. Dabei errechnet sich die Nettowanderung – meist untergliedert nach Alter und Geschlecht – aus der Differenz zwischen zwei Bevölkerungsständen (z. B. Volkszählungsergebnissen) und der Entwicklung der natürlichen Bevölkerungsbewegung.

Die bisher genannten Datenquellen können durch eine Vielzahl anderer Informationen der amtlichen und nicht-amtlichen Statistik ergänzt werden. Genannt seien landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebszählungen, Angaben zur Situation auf dem Arbeitsmarkt, Wahlstatistiken oder Daten zum Gesundheits- und Schulwesen.

In der Regel werden alle Daten nur in aggregierter Form zur Verfügung gestellt. So ist insbesondere aus Datenschutzgründen ein Zugang zum Individualdatensatz der amtlichen Statistik im Allgemeinen nicht möglich. Erst seit Kurzem werden faktisch anonymisierte Einzeldaten des Mikrozensus für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt (Scientific Use File). Hier können Individualdaten, die von der nicht-amtlichen Sozialforschung erhoben werden, weiterhelfen, z. B. das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine jährliche Befragung von 8000 Haushalten zu den Themenbereichen Einkommen, Arbeitsmarkt, Bildung, Haushalts- und Wohnsituation u. a. (Spiess 2003) oder die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), die seit 1980 alle zwei Jahre als Zufallsstichprobe der erwachsenen Bevölkerung (2200 Personen in den alten, 1100 in den neuen Bundesländern) durchgeführt wird und zur Untersuchung des sozialen Wandels dient (Koch 2002). Für spezielle Fragen wird man gleichwohl ohne eigene Erhebungen nicht auskommen.

Es würde zu weit führen, auch nur die wichtigsten für Bevölkerungsforschungen relevanten Quellenwerke nennen zu wollen. Einige wenige Hinweise müssen daher genügen (Rinne 1994).

In der Bundesrepublik Deutschland werden die Ergebnisse der jeweiligen Volkszählungen länderweise von den Statistischen Landesämtern publiziert; eine Zusammenfassung dieser und anderer Bevölkerungsdaten, aber auch eine ganze Reihe weiterer Angaben zum Wirtschafts- und Kulturleben enthält das vom Statistischen Bundesamt herausgegebene „Statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland“ (seit 1952; seit 1989 mit internationalen Vergleichsstatistiken). Darüber hinaus berichtet das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gewöhnlich einmal im Jahr in der „Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft“ über die demographische Lage in Deutschland (zuletzt Grünheid 2006), und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung publiziert in der Serie „Aktuelle Daten zur Entwicklung der Städte, Kreise und Gemeinden“ regelmäßig Daten aus der „Laufenden Raumbeobachtung“ (zuletzt BBR 2004, danach eingestellt; als Ersatz wird die CD-ROM „INKAR“ publiziert, zuletzt INKAR 2009).

Für internationale Vergleiche sind vor allem die von den Vereinten Nationen (UN) herausgegebenen Quellenwerke wichtig, so z. B. das „Statistical Yearbook“, in dem neben grundlegenden Angaben zur Bevölkerung vorwiegend wirtschaftliche Daten zu finden sind, das ganz auf die Bevölkerung bezogene „Demographic Yearbook“ sowie der vierteljährliche „Population and Vital Statistics Report“. Darin werden neueste Ergebnisse nationaler Zählungen und Registrierungen, aber auch Schätzungen und Berechnungen der UN festgehalten.

In zweijährigem Rhythmus erscheinen die Serien „World Population Prospects“ (zuletzt UN 2009) und „World Urbanization Prospects“ (zuletzt UN 2010), die Vorausschätzungen der zukünftigen Entwicklung einbeziehen. Jeweils einem bestimmten Thema gewidmet, aber auch zahlreiche Übersichtsstatistiken enthaltend, sind der „Weltbevölkerungsbericht“ des Bevölkerungsfonds der UN (zuletzt UNFPA 2009), „Human Development Report“ des UN Development Programme (zuletzt UNDP 2009) sowie der „World Development Report“ der Weltbank (zuletzt World Bank 2010), die sämtlich auch in deutscher Übersetzung publiziert werden. Grundlegende demographische Vergleichsdaten auf Länderebene bietet der jährlich vom Population Reference Bureau herausgegebene „World Population Data Sheet“.

Für Spezialfragen können z. B. auch Publikationen der World Health Organization (WHO), des International Labour Office (ILO), der Food and Agricultural Organization (FAO) oder der Organization for Economic Cooperation and Development (OECD) herangezogen werden. Auf Europa bezogene Zahlenangaben sind u. a. den Berichten des Europarates (Committee for Population Studies) oder den Zusammenstellungen des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften (EUROSTAT) zu entnehmen.

Viele dieser Institutionen stellen ausgewählte Datensätze auch über ihre Homepage im World Wide Web zur Verfügung. Für die internationale Ebene seien das „United Nations Population Information Network“ (https://www.un.org/popin/), das „Population Reference Bureau“ (https://www.prb.org) und die „International Data Base“ des U.S. Census Bureau (https://www.census.gov/ipc/www/) genannt. Darüber hinaus gibt es vielfältige Angebote, die statistische Daten verschiedener Produzenten kompilieren und kostenlos im WWW zur Verfügung stellen (z. B. www.citypopulation.de; www.geohive.com/; vgl. auch Swiaczny 2001; Oswald 2007, S. 217ff.).

Wenn auch demographische wie bevölkerungsgeographische Forschung ohne quantitative Analysen nicht auskommt, so reichen diese zum vollen Verständnis von Bevölkerungsvorgängen oft nicht aus. Insbesondere demographisches Verhalten wird man nur dann angemessen erklären können, wenn man die Beweggründe vertiefend mittels qualitativer Methoden untersucht (Obermeyer 1998; Randall und Koppenhaver 2004). Speziell auf die Bevölkerungsgeographie bezogen, hat deshalb McKendrick (1999) eine Umorientierung in Richtung „multi-method research“ gefordert (vgl. dazu auch Findlay 2003).

1.1 Welches sind die Hauptarbeitsgebiete innerhalb der Bevölkerungsgeographie?

1.2 Welche Beziehungen bestehen zwischen Bevölkerungs- und Sozialgeographie?

1.3 Skizzieren Sie die Vor- und Nachteile bei der Arbeit mit aggregierten Daten und Individualdaten!

1.4 Warum sind Volkszählungen gerade für geographische Untersuchungen so wichtig?

1.5 Was ist unter „Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung“ zu verstehen?

1.6 Wie unterscheiden sich direkte und indirekte Methoden der Wanderungsstatistik?

1.7 Warum ist die Statistik der Wanderungen oft ungenau?

1.8 Wo lassen sich Daten für internationale Vergleiche der Bevölkerungsentwicklung finden?

2 Bevölkerungsverteilung und Bevölkerungsstruktur

2.1 Methoden der Analyse und Darstellung

2.1.1 Grundbegriffe und Definitionen

Unter „Bevölkerung“ kann man sowohl ein weitgefasstes Begriffsspektrum, das den gesamten Entwicklungsprozess einer Bevölkerung in Raum und Zeit anspricht, als auch eine sehr viel engere statistische Begriffsdefinition verstehen (Schymik 1980, S. 43f.). In einem formalen, statistischen Sinne, auf den hier zunächst Bezug genommen wird, bedeutet „Bevölkerung“ die Summe der Einwohner eines Gebietes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aber selbst bei der Ermittlung eines so einfachen Tatbestandes können bereits Zuordnungsprobleme auftreten. Es ist daher von Fall zu Fall zu überprüfen, auf welchen Personenkreis sich die angegebenen Zahlenwerte beziehen. Bei der Registrierung kann zwischen einer de-jure- und einer de-facto-Methode unterschieden werden. Im ersten Fall wird die „Wohnbevölkerung“, im zweiten die „ortsanwesende Bevölkerung“ gezählt. Das zuletzt genannte Verfahren, das alle Personen einschließt, die sich am Zählungsstichtag an dem betreffenden Ort aufhalten, lässt sich zwar einfacher handhaben, es können jedoch leichter Verfälschungen auftreten (z. B. in Fremdenverkehrsgebieten). Bei den meisten Volkszählungen – so auch in der Bundesrepublik Deutschland – geht man daher heute von der Wohnbevölkerung aus. Besondere Regelungen gelten u. a. für Bundeswehrangehörige, Strafgefangene, Patienten in Krankenhäusern usw. Gar nicht in der Statistik geführt werden die ausländischen Stationierungsstreitkräfte einschließlich ihrer Familienangehörigen und etwa 20 000 Personen im diplomatischen und konsularischen Dienst (Vogel und Grünewald 1996).

Eines der ältesten und bis heute sehr wichtigen Anliegen der Bevölkerungsgeographie kann in der Beschreibung und Erklärung der räumlichen Bevölkerungsverteilung und -dichte gesehen werden. Beide Begriffe sind zwar eng miteinander verwandt, jedoch nicht vollkommen identisch, sodass näher darauf eingegangen werden muss. Während mit der ersten Bezeichnung die Streuung der Bevölkerung im Raum nach ihrer absoluten Zahl oder auch nach ihren Wohnplätzen gemeint ist und damit das Distanzmoment im Mittelpunkt der Betrachtung steht, bezieht sich der zweite Begriff auf das Verhältnis der Bevölkerung zur Fläche und ist demnach eine Relativzahl, mit der die „Belastung“ des Raumes durch die in ihm wohnenden Menschen zum Ausdruck gebracht wird (Boustedt 1975, S. 73f.).

Grundbegriffe und Definitionen

Abb. 2 Grundformen räumlicher Bevölkerungsverteilung. Quelle: Bahrenberg und Giese (1975); Boustedt (1975).

In Abbildung 2 sind vier Grundformen räumlicher Bevölkerungsverteilungen dargestellt, die zur Einordnung und Typisierung beobachteter Raummuster dienen können. Bei einer „Bevölkerungsdispersion“ liegt eine mehr oder weniger systematische Streuung der Bevölkerung vor. Die Spanne möglicher Verteilungsformen reicht hier von der zufälligen bis zur völlig gleichmäßigen Anordnung. Bei einer „Bevölkerungskonzentration“ oder „Verdichtung“ kommt es dagegen zu einer Häufung von Menschen und Wohnstandorten auf einer relativ begrenzten Fläche. Dabei ist es denkbar, dass eine solche Verdichtung einen deutlich erkennbaren Kern aufweist. In diesem Fall spricht man auch von „Zentralisation“ oder „Ballung“ und stellt sie der „dezentralen Konzentration“ gegenüber (zu den Analyseverfahren vgl. Kap. 2.1.3).

Tab. 1 Bevölkerungszahl und Bevölkerungsdichte in Großräumen und Staaten Mitte 2009; Quelle: UN (2009); Faostat 31.032009.

Land/ Kontinent

Bevölkerung

(Mio.)

Anteil an der Weltbevölkerung

(%)

Anteil an der Landfläche ohne Antarktis

(%)

Bev.-dichte

(Ew./km2)

Arealitätsziffer

(ha/Ew.)

Abstandsziffer

(m)

physiologische Dichte (Ew./km2)*

Welt

6829

100

100

50,9

2,0

150,6

137,5

Afrika

1010

14,8

22,6

33,3

3,0

186,1

88,1

Ägypten

83,0

82,9

1,2

118,0

235,8

Burundi

8,3

298,2

0,3

62,2

356,8

Asien

4121

60,3

23,6

129,8

0,8

94,3

246,0

Indien

1198,0

364,4

0,3

56,3

664,9

Bangladesch

162,2

1126,4

0,1

32,0

1800,0

Nordamerika

348

5,1

15,0

17,5

5,7

257,2

72,1

Lateinamerika

582

8,5

15,4

28,3

3,5

202,1

80,7

El Salvador

6,2

294,7

0,3

62,6

363,8

Argentinien

40,3

14,5

6,9

282,3

31,1

Europa

732

10,7

17,1

31,8

3,1

190,4

153,1

Deutschland

82,2

230,3

0,4

70,8

482,7

Frankreich

62,3

113,0

0,9

101,1

210,7

Russland

140,9

8,3

12,1

374,1

65,3

Australien/Ozeanien

35

0,5

6,4

4,1

24,5

531,6

7,5

* Bezugsgröße: Ackerland, Dauerkulturen und Dauerweiden (agricultural area)

Die arithmetische Dichte gibt die Zahl der Einwohner pro Flächeneinheit an (meist pro km2). Gelegentlich wird aber auch umgekehrt die Fläche (meist in ha) durch die Zahl der dort wohnenden Personen dividiert, man spricht dann von der „Arealitätsziffer“. Diese vermittelt eine Vorstellung von der Flächengröße, die bei gleichmäßiger Bevölkerungsverteilung auf jeden Einwohner entfallen würde (Tab.1). Beide Kennziffern ermöglichen einen schnellen Vergleich von unterschiedlich großen Räumen mit verschiedenen Einwohnerzahlen. Ergänzend kann auch noch die sogenannte Abstandsziffer (Proximität) herangezogen werden, die sich unter der Annahme einer gleichmäßig über die Fläche verteilten Bevölkerung (jeweils im Mittelpunkt von Sechsecken gedacht) wie folgt errechnet (Ableitung bei Esenwein-Rothe 1982, S. 44):

Grundbegriffe und Definitionen

Vor jeder Berechnung von Dichtemaßen müssen zunächst drei Fragen geklärt werden:

  1. Welche räumlichen Einheiten sollen als Bezugsbasis dienen?

  2. Sollen bestimmte Teilflächen eines Gebietes bei der Berechnung unberücksichtigt bleiben?

  3. Sollen die Kennwerte für die Gesamtbevölkerung oder einzelne Teilgruppen ermittelt werden?

In den meisten Fällen werden die Bevölkerungszahlen nur für administrative Einheiten vorliegen. Je nach Fragestellung wird man dann zu entscheiden haben, ob die Berechnung für Gemeinden, Kreise oder für Länder und Staaten erfolgen soll. Zur Veranschaulichung innerstädtischer Dichteunterschiede kommen auch Stadtbezirke oder sogar einzelne Baublöcke infrage. Am Beispiel der städtischen Bevölkerungsdichte haben Buckwalter und Rugg (1986) gezeigt, wie sehr die Wahl der Bezugsfläche das Ergebnis beeinflusst.

Angesichts der Tatsache, dass bei solchen allgemeinen Dichtemessungen die unterschiedliche Beschaffenheit des Merkmals Fläche nicht berücksichtigt wird, sind für Spezialuntersuchungen verschiedene Möglichkeiten vorgeschlagen worden, bestimmte Teile der Bodenfläche von der Ermittlung der Dichtewerte auszuschließen. Als bekanntestes Beispiel für diese Vorgehensweise kann die Berechnung der „physiologischen Bevölkerungsdichte“ dienen, bei der nur die wirklich besiedelten und genutzten Areale eines Staates oder einer anderen Raumeinheit berücksichtigt werden (Tab.1). Ähnlich verfährt man auch bei der Bestimmung der „Nettowohndichte“ für einzelne Stadtviertel. Diese gibt die Einwohnerzahl je Hektar Bauland ohne Straßen und öffentliche Wege an.

Aus der Diskussion um die Abgrenzung von Verdichtungsräumen ist die Arbeitsplatzdichte bzw. die Einwohner-Arbeitsplatzdichte hervorgegangen, wobei Erstere alle Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft mit Arbeitsplatz im jeweiligen Untersuchungsgebiet zur Gemarkungsfläche in Beziehung setzt, während Letztere im Zähler auch noch die Wohnbevölkerung berücksichtigt.

In der englischsprachigen Literatur wird häufig zwischen der Bevölkerungsdichte im engeren Sinne (density) und dem nur schwer übersetzbaren Begriff des crowding unterschieden, mit dem ein mehr oder weniger starkes „Sich-Drängen“ von Menschen auf begrenztem Raum gemeint ist. Density wird definiert als die Zahl der Personen bezogen auf eine beliebige Flächeneinheit und crowding als die Dichte innerhalb einer Wohnung bzw. pro Wohnraum. Clarke (1960) hat solche Berechnungen (persons per room) für Großbritannien durchgeführt und auffällige regionale Unterschiede feststellen können, die er in Beziehung zu anderen Merkmalen, wie z. B. „Haustyp“ und „Haushaltsgröße“, setzte. Von overcrowding spricht Clarke, wenn im statistischen Mittel mehr als zwei Personen auf einen Raum entfallen. Aber auch aus der pro Person zur Verfügung stehenden Wohnfläche lassen sich Aussagen zum overcrowding ableiten. Weltweit schwanken diese Werte zwischen 1,2 m2 in Lahore und etwas über 3 m2 in Bamako und Bombay (Mumbai), bis zu 30 m2 in Paris und 55 m2 in Melbourne (Population Today 27 (8), 1999).

Bisher wurde lediglich von absoluten und relativen Bevölkerungszahlen gesprochen und dabei die qualitative Zusammensetzung der Bevölkerung außer Acht gelassen. Zum tieferen Verständnis und zur Erklärung aller Verbreitungs- und Dichtemuster ist eine solche Erweiterung jedoch unumgänglich. Mit der Einführung des Begriffs „Bevölkerungsstruktur“ wird diesem Gesichtspunkt Rechnung getragen. Der Strukturbegriff spricht den inneren Aufbau eines als komplexe Einheit gegebenen Beziehungsgefüges oder Systems an. Ausgehend von dieser Definition, gehört zur Kennzeichnung der Bevölkerungsstruktur die Aufgliederung einer Bevölkerung nach einzelnen Attributen und die Analyse der zwischen ihnen bestehenden Relationen. Häufig wird der Begriff der Bevölkerungsstruktur auch in weniger umfassendem Sinne verstanden und synonym mit „Bevölkerungszusammensetzung“ verwandt.

Welche Merkmale sind für die Charakterisierung der Bevölkerungsstruktur heranzuziehen bzw. stehen dafür im Allgemeinen zur Verfügung? Es empfiehlt sich von einer Einteilung in drei Gruppen auszugehen:

  1. demographische Merkmale,

  2. wirtschaftliche und soziale Merkmale,

  3. ethnisch-rassische und kulturelle Merkmale.

Unter den demographischen Merkmalen nehmen Geschlecht und Alter als fundamentale, unveränderliche Gliederungsmerkmale einer Bevölkerung eine Sonderstellung ein. Deshalb werden sie auch als „natürliche demographische Merkmale“ bezeichnet und damit sowohl gegen die übrigen angeborenen Merkmale, wie z. B. Hautfarbe, als auch gegen die „soziodemographischen Merkmale“, wie z. B. Familienstand, abgegrenzt.

Die Zusammensetzung einer Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ist nicht nur von ganz entscheidender Bedeutung für die Beurteilung vergangener und zukünftiger Bevölkerungsbewegungen, sondern sie ermöglicht auch eine erste Abschätzung volkswirtschaftlich und sozialpolitisch wichtiger Größen. Grundlegende Forschungsansätze einer geography of gender und einer geography of ageing, die z. T. weit über bevölkerungsgeographische Fragestellungen im engeren Sinne hinausgehen, werden von Longhurst (2002) bzw. Strüder (1999) sowie Backes und Clemens (2003) diskutiert.

Grundbegriffe und Definitionen

Abb. 3 Zensusauszählungen der Bevölkerung nach Altersjahren für die Philippinen und für Schweden 1960. Quelle: Shryock et al. (1971).

In allen Ländern gehört die Feststellung von Geschlecht und Alter zu den Kernfragen jeder demographischen Bestandsaufnahme. Besonders in den Staaten der Dritten Welt treten jedoch schon bei Altersangaben gelegentlich Unstimmigkeiten und Unsicherheiten auf. Das äußert sich u. a. darin, dass überproportional häufig auf „Null“ oder „Fünf“ endende Altersjahre genannt werden (Abb.3). Für vergleichende Übersichten ist es daher ratsam, sich nicht auf einzelne Jahrgänge, sondern auf „Altersklassen“ zu beziehen (s. Kap. 2.4.1).

Alle Charakteristika einer Bevölkerung, die über rein biologische Tatsachen hinausgehen, stehen in enger Wechselbeziehung zu sozialen und wirtschaftlichen Faktoren. Das gilt schon für die ebenfalls in fast allen Volkszählungen erfassten Angaben zum Familienstand (Untergliederung in Ledige, Verheiratete oder Frei-Zusammenlebende, Verwitwete und Geschiedene), denn Heiratshäufigkeit und Heiratsalter können zwischen verschiedenen Gesellschaften oder sozialen Gruppen stark schwanken. Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen Eheschließung und Geburten ist die Gliederung einer Bevölkerung nach dem Familienstand auch für die Statistik der Bevölkerungsbewegungen von Bedeutung.

Neben den Angaben zur Familienstandsgliederung sind in diesem Zusammenhang Daten zur Größe und Zusammensetzung der Familie als der rechtlichen und soziobiologischen Einheit und/oder des Haushaltes als der durch eine gemeinsame Wohnung und Wirtschaftsführung gekennzeichneten Einheit von Interesse. Zur Definition der Familie wird gewöhnlich das Kriterium der Verheiratung und das Eltern-Kind-Verhältnis (auch Adoption) herangezogen; im deutschen Mikrozensus werden unter Familie alle Eltern-Kind-Gemeinschaften zusammengefasst, d. h. Ehepaare, nichteheliche gemischtgeschlechtliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie alleinerziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern, wobei allerdings zu beachten ist, dass unter einer Familie im Sinne der Statistik (anders als in der Familiensoziologie) immer nur die in einem Haushalt zusammenlebende Familie verstanden wird. Daraus ergibt sich, dass Familie und Haushalt in vielen Fällen identisch sind (Familienhaushalt), zu einem Haushalt jedoch auch familienfremde Personen gehören können (z. B. häusliches Dienstpersonal, landwirtschaftliche oder gewerbliche Arbeitskräfte). Die weitere Untergliederung in Familientypen erfolgt ebenfalls international nicht einheitlich. Gebräuchlich ist es jedoch, der „Kernfamilie“ (Eltern und Kinder) die „erweiterte Familie“ (zusätzlich noch andere Verwandte) gegenüberzustellen bzw. von „vollständigen Familien“ (Ehepaare mit Kindern) und „unvollständigen Familien“ (z. B. Ehepaare ohne Kinder, Verwitwete oder Geschiedene mit Kindern) zu sprechen.

Die Statistik der Privathaushalte (daneben werden noch Anstaltshaushalte ausgewiesen) baut einerseits auf der Zahl der Haushaltsmitglieder auf, zum anderen dienen verschiedene Merkmale des Haushaltsvorstandes oder verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Haushaltsmitgliedern zu einer weiteren Differenzierung. Unter dem „Haushaltsvorstand“ versteht man im Allgemeinen jene Person, die den überwiegenden Beitrag zum Lebensunterhalt leistet. In der Bundesrepublik wird neuerdings stattdessen der Begriff der „Bezugsperson“ verwandt, ohne allerdings dafür eine Präzisierung vorzunehmen. Die Bezugsperson ist vielmehr diejenige Person, die sich im Erhebungsbogen als solche bezeichnet. Weithin üblich ist eine Untergliederung der Haushalte nach Ein- und Mehrpersonenhaushalten und diese weiter nach der Haushaltsgröße sowie nach verschiedenen Haushaltstypen (z. B. Haushalte mit und ohne familienfremde Mitglieder, Ein- und Mehrgenerationenhaushalte). Der tief greifende Wandel von Ehe und Familie, wie er sich gegenwärtig in allen Industrieländern vollzieht, hat dazu geführt, dass „neue Haushaltstypen“ zunehmend an Bedeutung gewinnen (z. B. nichteheliche Lebensgemeinschaften) und eine Anpassung der Statistik erforderlich machen.

Mit dem nicht sehr präzisen Sammelbegriff „sozioökonomische Merkmale“ sind in erster Linie Statistiken zur Erwerbstätigkeit, zur Beschäftigung nach Wirtschaftszweigen, zur Stellung im Beruf und zum Bildungsstand gemeint.

Für die Beurteilung der Existenzgrundlagen einer Bevölkerung sind Daten über die Art des Lebensunterhaltes von maßgeblicher Bedeutung. Hinsichtlich der Beteiligung am Erwerbsleben unterscheidet man zwischen den zwei großen Gruppen der „Erwerbspersonen“ und der „Nicht-Erwerbspersonen“. Zur Einordnung in die Rubrik der „Erwerbspersonen“ lehnt sich die Mehrzahl der Länder, so auch die Bundesrepublik Deutschland, an das labour force concept der OECD-Staaten an. Zur Gruppe der Erwerbspersonen gehören danach sowohl Erwerbstätige als auch Erwerbslose und diejenigen, die erstmalig einen Arbeitsplatz suchen. Der Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung ergibt die „Erwerbsquote“, die eine erste Beurteilung des Umfangs der Erwerbsbeteiligung ermöglicht. Da diese Quote von der Sexualproportion der Bevölkerung sowie vom Anteil der noch nicht oder nicht mehr für eine Erwerbstätigkeit infrage kommenden Personen beeinflusst wird, empfiehlt es sich, ergänzend Erwerbsquoten für die männliche und für die weibliche Bevölkerung sowie für verschiedene Altersgruppen zu berechnen.

Die Gliederung der Erwerbspersonen nach Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen vermag weitere Anhaltspunkte für die Einschätzung der Wirtschaftsstruktur eines Raumes zu geben. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Erwerbstätigkeit nicht immer am Wohnort ausgeübt wird. Insbesondere bei kleinräumigen Analysen wird man daher zusätzlich auf die Pendlerstatistik zurückgreifen müssen.

Zahl und Abgrenzung der in eine solche wirtschaftssystematische oder berufliche Gliederung der Erwerbspersonen einbezogenen Sektoren sind international nicht einheitlich. Für die Aufschlüsselung nach Wirtschaftszweigen nennt die International Labour Organization (ILO) zehn Hauptgruppen: Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei; Bergbau; verarbeitende Industrie; Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung; Bauwirtschaft; Handel und Gastgewerbe; Transport und Kommunikation; Banken und Versicherungen; andere Dienstleistungen; übrige Aktivitäten; teilweise wird auch in 18 Kategorien untergliedert (nach Yearbook of Labour Statistics). Die in der Bundesrepublik übliche Einteilung entspricht dem ILO-Konzept (Statistisches Jahrbuch 2009, S. 79f.).

Für sehr viele Zwecke dürfte es ausreichen, gemäß dem Vorschlag von Clark (1951) nach nur drei Sektoren zu unterscheiden, dem primären mit der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei, dem sekundären mit Bergbau, Handwerk und Industrie sowie der Energie- und Bauwirtschaft und dem tertiären, in dem alle Dienstleistungen zusammengefasst sind. Um der Vielfalt des Dienstleistungsbereiches Rechnung zu tragen, wird neuerdings häufig ein quartärer Sektor (höherwertige Dienstleistungen) zusätzlich ausgegliedert.

Eine sehr viel stärkere soziale Komponente als die bisher genannten Charakteristika beinhalten die Angaben zum Beruf und zur Stellung im Beruf. Neben Ausbildung und Einkommen gehören diese Variablen zu den gebräuchlichsten Indikatoren, die zur Abgrenzung verschiedener Sozialschichten herangezogen werden. International wird bei der beruflichen Zuordnung der Erwerbspersonen von neun großen Gruppen ausgegangen (nach Yearbook of Labour Statistics); in einzelnen nationalen Zählwerken finden sich auch wesentlich feinere Untergliederungen. Hinsichtlich der Stellung im Beruf wird im Allgemeinen zwischen Selbstständigen, mithelfenden Familienangehörigen, Angestellten und Arbeitern unterschieden, in der Bundesrepublik Deutschland daneben auch nach Beamten und Auszubildenden. Die zunehmenden Nivellierungstendenzen zwischen den genannten Gruppen lassen es wünschenswert erscheinen, zusätzlich weitere Sozialindikatoren (z. B. Einkommensverhältnisse) zu erfragen, was jedoch auf wachsende Schwierigkeiten stößt.

Für eine sozioökonomische Gliederung der Bevölkerung können ergänzend Statistiken zum Schulbesuch und zum Ausbildungsniveau benutzt werden. Dabei ist zunächst zu differenzieren zwischen Personen, die sich noch in der Ausbildung befinden, und solchen, die entweder nie eine Schule besucht oder diese bereits verlassen haben. Im ersten Fall wird normalerweise die Schulart (z. B. Primar- oder Sekundarschule, Fachschule oder Universität), gelegentlich auch das erreichte Schuljahr ermittelt, für den zweiten Personenkreis gewöhnlich nach dem höchsten Schulabschluss ausgezählt. In vielen Entwicklungsländern wird darüber hinaus eine erste Grundeinteilung in Alphabeten und Analphabeten vorgenommen. Detaillierte Angaben zu Bildungsstatistiken – auch in historischer Perspektive – finden sich bei Meusburger (1998).

Zu der bisher noch nicht besprochenen Gruppe der ethnisch-rassischen und kulturellen Merkmale zählen Angaben zur Staatsangehörigkeit, zur Konfession sowie zur völkischen und sprachlichen Gliederung einer Bevölkerung. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten rassischen Gruppierung ist zwar biologisch vorgegeben, sie hat jedoch vielfältige soziale und kulturelle Implikationen, sodass sie an dieser Stelle mit eingeschlossen wird. Die genannten Variablen haben regional eine sehr unterschiedliche Bedeutung für die Charakterisierung der Bevölkerungsstruktur. So gibt es Länder, in denen keine größeren Personengruppen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben oder in denen die Bevölkerung in ethnischer, sprachlicher oder religiöser Hinsicht sehr homogen zusammengesetzt ist, sodass man auf entsprechende Fragen in den nationalen Erhebungen verzichten kann. In anderen Ländern wäre eine Analyse der Bevölkerungsstruktur ohne Berücksichtigung derartiger Gesichtspunkte unvollständig. Teilweise versucht man dem bei der Aufstellung des Merkmalskatalogs für Volkszählungen Rechnung zu tragen; es kann aber auch vorkommen, dass trotz ethnischer, sprachlicher oder religiöser Heterogenität aus unterschiedlichen Gründen von entsprechenden Fragen abgesehen wird. In Einzelfällen kann dann eine namensbezogene Auswertung weiterhelfen, denn aus den Zunamen lässt sich oft auf die ethnische Gruppe schließen (Mateos 2007). Für die Bundesrepublik Deutschland sind aus dieser Merkmalsgruppe lediglich Nachweise zur konfessionellen Gliederung und zur Staatsbürgerschaft wichtig. Lange Zeit bildete die Religionszugehörigkeit eine der Schlüsselvariablen zum Verständnis eines unterschiedlichen sozialen Verhaltens und zur Erklärung regionaler Differenzierungen aus den verschiedensten Lebensbereichen. Derartige Zusammenhänge haben sich in jüngster Zeit mehr und mehr verwischt. Demgegenüber gewinnen Zahlenangaben zur Staatsangehörigkeit als Folge einer vermehrten Zuwanderung von Ausländern an Bedeutung.

2.1.2 Kartographische Darstellungsformen

Bevölkerungskarten geben Auskunft über Verteilung, Dichte, Strukturen sowie die dauernden oder vorübergehenden räumlichen Veränderungen der Bevölkerungszahlen und -schichtungen (Witt 1971, S. 1). Sie sind daher für die Bevölkerungsgeographie eines der wichtigsten Forschungs- und Darstellungsmittel; d. h. einerseits können Bevölkerungskarten analysiert, interpretiert und miteinander verglichen werden, um daraus zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, zum anderen ist es vielfach sinnvoll, die Ergebnisse bevölkerungsgeographischer Untersuchungen durch die Verwendung von Karten und Diagrammen zu veranschaulichen. Gute Beispiele für beide Funktionen bilden der von Noin (1996) vorgelegte Weltbevölkerungsatlas sowie der Bevölkerungsband im Nationalatlas für die Bundesrepublik Deutschland (Gans und Kemper 2001).

Es kann nicht Aufgabe dieses kurzen Überblicks sein, den Gesamtbereich der Bevölkerungskartographie, wie er in der obigen Definition umrissen wurde, systematisch zu behandeln. Zur ergänzenden Information sei auf die umfangreichen Lehrbücher der Thematischen Kartographie und insbesondere auf die bislang einzige eigenständige Bearbeitung der Bevölkerungskartographie durch Witt (1971) verwiesen. Obwohl sich die Methoden der Kartenerstellung dank der Fortschritte der rechnergestützten Kartographie vollständig gewandelt haben, sind Grundbegriffe und inhaltliche Vorüberlegungen zur Kartengestaltung nach wie vor aktuell, und auch die Karteninhalte haben sich kaum verändert (Bollmann und Koch 2001, S. 80). Hier wird nur auf „Bevölkerungskarten im engeren Sinne“ (Wilhelmy 2002, S. 282ff.), d. h. auf Karten zur Bevölkerungsverteilung und -dichte eingegangen. Hinweise und Beispiele zu den Darstellungsmöglichkeiten anderer Sachverhalte finden sich später an den entsprechenden Textstellen.

Bei der Erarbeitung von Bevölkerungskarten im oben charakterisierten Sinn lässt sich zwischen zwei Wegen, der absoluten und der relativen Methode, unterscheiden. Die absolute Methode dient der Erfassung von Bevölkerungszahlen nach ihrer Verbreitung in absoluten Mengen, d. h. die Zahlen werden auf keine anderen Größen bezogen: Man erhält Karten der Bevölkerungsverteilung. Bei der relativen Methode wird demgegenüber die Bevölkerung zu Flächenangaben in Beziehung gesetzt: Man erhält Karten der Bevölkerungsdichte.

Bevölkerungskarten in absoluter Darstellung basieren auf der „Punktmethode“, die entweder in reiner oder in abgewandelter Form zur Anwendung kommt (Punktstreuungskarten). Dabei repräsentiert ein Punkt eine bestimmte Anzahl von Menschen und wird möglichst lagerichtig in die Karte eingetragen. Die Punkte übersetzen damit das Nacheinander der Statistik in ein übersichtliches Nebeneinander der Karte (Wilhelmy 2002, S. 282).

Treten im darzustellenden Raum ausgeprägte Bevölkerungskonzentrationen auf, so wird man nicht nur mit gleichwertigen, sondern auch mit ungleichwertigen Mengensignaturen arbeiten müssen, sei es mit feststehenden oder mit proportional zur jeweiligen Bevölkerung anwachsenden Größenwerten (meist Kreise oder Quadrate).

Karten der Bevölkerungsdichte sind wesentlich älter als Karten der Bevölkerungsverteilung. Bereits 1833 veröffentlichte George J. D. P. Scrope in seinen „Principles of Political Economy“ eine Weltkarte der Bevölkerungsdichte, in der drei verschiedene Stufen unterschieden werden; nur wenig jünger ist die ebenfalls schon in anderem Zusammenhang erwähnte Darstellung von August Petermann aus dem Jahre 1859.

Bevölkerungsdichtekarten geben nach Wilhelmy (2002, S. 285) die Anzahl der Bewohner pro Flächeneinheit (meist in km2) als Durchschnittswert und zusammengefasst in Dichtestufen für kleinere oder größere Einheiten wider. Die Bevölkerungsdichte ist damit in gewisser Weise ein „fiktiver“ Begriff, denn sie wird in flächenhafter Verbreitung dargestellt, obwohl eine gleichmäßige Verteilung der Menschen im Sinne der errechneten Dichte nirgends vorhanden ist. Die Hauptprobleme bei der Anfertigung von Bevölkerungsdichtekarten liegen in der Wahl der Bezugsfläche sowie der Festlegung der Gruppenanzahl und Schwellenwerte. Mögliche Bezugsflächen sind im Zusammenhang mit der Diskussion des Dichtebegriffes schon genannt worden (Kap. 2.1.1).

Die zweite wichtige und bis zu einem gewissen Grade subjektive Entscheidung bei der Erarbeitung von Karten zur Bevölkerungsdichte muss bei der Ausgliederung der Dichtegruppen und der damit einhergehenden Bestimmung von Schwellenwerten getroffen werden. Was die Gruppenanzahl betrifft, so ist abzuwägen zwischen der angestrebten Übersichtlichkeit, die bei einer kleineren Klassenzahl im Allgemeinen besser gegeben ist, und dem mit einer Reduzierung der Gruppenzahl verbundenen Informationsverlust. Auch für die Festlegung der Schwellenwerte lassen sich keine allgemein verbindlichen Kriterien angeben. Von Fall zu Fall ist zu entscheiden, ob man von schematisierten Intervallen (z. B. in arithmetischer oder geometrischer Progression oder unter Berücksichtigung von Mittelwert und Streuungsmaßen) ausgeht oder ob man „Sinngruppen“ zugrunde legt, indem man zunächst eine Häufigkeitsverteilung erstellt und diese auf Sprungstellen hin analysiert. Besonders bei extrem schiefen Verteilungen haben unterschiedliche Schwellenwerte einen erheblichen Einfluss auf das sich ergebende Raummuster. Dieser Nachteil entfällt, wenn eine dreidimensionale Darstellung in Form einer statistischen Oberfläche gewählt wird (Abb.4).

Kartographische Darstellungsformen

Abb. 4 Der Einfluss von Gruppenzahl und Schwellenwerten auf Karten der Bevölkerungsdichte. Quelle: Jenks (1963).

Kartographische Darstellungsformen

Abb. 5 Flächen-Bevölkerungsdiagramm für ausgewählte Staaten der Dritten Welt 2009. Quelle: UN (2009).

Beziehungen zwischen Fläche und Bevölkerung können darüber hinaus auch durch Diagramme oder Kartogramme veranschaulicht werden. Dafür seien hier zwei Beispiele genannt. Ein „Flächen-Bevölkerungsdiagramm“ entsteht, indem man auf der x-Achse die Einwohnerzahlen und auf der y-Achse die entsprechenden Flächen jeweils in logarithmischem Maßstab abträgt (Abb.5). Punkte gleicher Bevölkerungsdichte liegen dadurch auf parallel verlaufenden Geraden. Eine solche Darstellung hat den Vorzug, dass unmittelbar sichtbar wird, ob sich eine bestimmte Dichte auf große oder nur sehr kleine Flächen bezieht (Witthauer 1956).

Eine andere Möglichkeit, die unterschiedlich dichte Besiedlung verschiedener Raumeinheiten zum Ausdruck zu bringen, bieten „isodemographische Karten“. Dabei werden die einzelnen Teilräume des Untersuchungsgebietes (z. B. Staaten, Provinzen) nicht maßstabsgetreu entsprechend ihrer Fläche, sondern proportional zu ihren Einwohnerzahlen gezeichnet. Eine Flächeneinheit auf der Karte entspricht danach einer bestimmten Bevölkerungszahl. Die Konstruktion derartiger Karten ist besonders dann nicht ganz einfach, wenn die Deformation gegenüber der „wirklichen“ Konfiguration möglichst gering gehalten werden soll und die Raumeinheiten nicht einfach in Quadrate oder Rechtecke umgewandelt werden. Skoda und Robertson (1972) haben ein (mechanisches) Verfahren am Beispiel Kanadas ausführlich erläutert; im Nationalatlas findet sich eine von Rase entwickelte isodemographische Karte Deutschlands (Abb.6). Gebräuchlicher sind stark schematisierte isodemographische Weltkarten, die die höchst ungleiche Bevölkerungsverteilung über die Erde sehr gut veranschaulichen können (Noin 1996; Struck 2000). Teilweise werden auch nur Teilbevölkerungen dargestellt, so bei Müller (1988) die Zahl der Kinder oder bei Birg (1996) die Zahl der Geburten in den Staaten der Erde.