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Beth und der Millionär

Carole Mortimer

Beth und der Millionär

1. KAPITEL

Reglos stand er im Schatten der Nacht. Dunkel. Gefährlich. Ein todbringendes Raubtier. Mit schwarz glitzernden Augen starrte er zu der Frau hinter dem Fenster hinauf. Nur ein Handtuch verhüllte ihren verführerischen Körper, während sie geschäftig in ihrem Schlafzimmer hin und her ging. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, welche Gefahr draußen in der Dunkelheit auf sie lauerte …

Ein Schauer überlief Elizabeth, als sie ihre Lektüre unterbrach und nervös zu ihrem eigenen Schlafzimmerfenster blickte. Sie wünschte, sie hätte vor dem Zubettgehen die Vorhänge zugezogen, aber dann hielt sie sich vor Augen, dass ihr hier keinerlei Gefahr drohte. Ihr Zimmer befand sich im zweiten Stock eines abgelegenen Hauses in Cornwall, das hoch über dem Meer auf einer zum Wasser hin steil abfallenden Klippe erbaut war. Völlig ausgeschlossen, dass jemand da draußen herumgeisterte, um durch ihr Fenster zu spähen – es sei denn, er oder sie konnte fliegen.

Entschlossen schüttelte Elizabeth den Anflug von Beklemmung ab und wandte sich wieder ihrem Roman zu:

Schulterlanges dunkles Haar umrahmte das markante Gesicht, das trotz der strengen, wie gemeißelt wirkenden Züge eine starke Sinnlichkeit ausstrahlte. Die Nasenflügel gebläht wie bei einem Wolf, der Beute wittert, fixierte er den langen, schlanken Hals der Frau. Er sah ihr warmes Blut durch die Adern pulsieren. Langsam schob sich seine Oberlippe zurück und entblößte ein makellos weißes Gebiss mit langen, scharfen Reißzähnen …

Ein lautes Klirren ließ Elizabeth panisch in ihrem Bett hochfahren.

All ihre Sinne waren plötzlich hellwach, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie war sich sicher, dass jemand im Haus war, allerdings glaubte sie keine Sekunde lang, dass es sich bei dem Eindringling um einen blutrünstigen Vampir handelte. Einer der Gründe, warum Elizabeth Gruselromane so liebte, war die beruhigende Gewissheit, dass die Bösewichte und Monster, die darin ihr Unwesen trieben, reine Fantasiegeschöpfe waren.

Viel wahrscheinlicher war es, dass sie es mit einem „ganz normalen“ Ganoven zu tun hatte. In letzter Zeit hatte es in der Gegend mehrere Einbrüche gegeben, und vermutlich wusste jede zwielichtige Gestalt im Umkreis von zwanzig Meilen, dass Brad Sullivan, der amerikanische Eigentümer von Sullivan House, vor fünf Tagen einem Herzinfarkt erlegen war.

Was jedoch kaum jemandem bekannt sein dürfte, war die Tatsache, dass das Haus seit zwei Wochen einen Gast beherbergte: die Historikerin Dr. Elizabeth Brown, die von Sullivan kurz vor dessen Tod damit beauftragt worden war, seine umfangreiche Büchersammlung zu katalogisieren.

Ihren Roman fest an sich gepresst, überlegte Elizabeth fieberhaft, was sie jetzt am besten tun sollte. Mrs. Baines, die Haushälterin, hatte sich bereits in ihre Wohnung über den Stallgebäuden zurückgezogen. Anrufen konnte sie auch niemanden, da es in ihrem Zimmer keinen Telefonanschluss gab und ihr Handy zum Aufladen in der Bibliothek lag.

Ein weiteres Geräusch ließ sie erneut heftig zusammenzucken. Diesmal war es eindeutig eine Stimme gewesen! Eine männliche Stimme, die irgendwelche unverständlichen Flüche ausstieß.

Großartig!

Als ob es nicht genug wäre, mitten in der Nacht von einem Einbrecher heimgesucht zu werden – nein, es musste auch noch ein wütender Einbrecher sein! Aber welcher Stimmung er auch immer sein mochte: Sie konnte nicht einfach nur dasitzen und darauf warten, dass der Kerl seelenruhig in ihr Zimmer spazierte.

Entschlossen stieg Elizabeth aus dem Bett, lief zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Nach einem raschen Blick nach links und rechts trat sie auf den breiten Korridor hinaus, der verlassen und ruhig vor ihr lag. Ihr Puls jagte wie verrückt, aber zum Glück besaß sie noch genug Geistesgegenwart, um sich auf dem Weg zur Treppe die antike Bronzestatue zu schnappen, die auf einem kleinen Tisch stand und sich hervorragend als Verteidigungswaffe eignete.

Lautlos huschte sie in den ersten Stock hinunter und beugte sich übers Treppengeländer. Sämtliche Türen, die von der Eingangshalle abgingen, waren verschlossen, aber aus dem Gang, an dessen Ende sich die Küche befand, drang ein schwacher Lichtschimmer.

Augenblicklich dachte Elisabeth an den schweren Holzblock, der auf der Arbeitsplatte stand und in dem ein ganzes Sortiment sorgfältig geschärfter Messer steckte. Verlier jetzt bloß nicht die Nerven, befahl sie sich. Immerhin hatte sie den Überraschungseffekt auf ihrer Seite, und wenn sie forsch genug auftrat, würde der Schreck vielleicht genügen, um den Eindringling in die Flucht zu schlagen.

Und wenn nicht …

Nein! Diese Möglichkeit wollte sie gar nicht erst in Betracht ziehen! Sie war eine selbstbewusste, unabhängige Frau von achtundzwanzig Jahren, die seit zehn Jahren in London lebte. Verglichen mit den finsteren Typen, denen sie dort täglich in der U-Bahn begegnete, war ein kleiner Gauner aus Cornwall sicher keine Herausforderung, mit der sie nicht fertig würde.

Beherzt setzte Elizabeth ihren Weg nach unten fort. Verflixt, hatten die Treppenstufen schon immer so laut geknarrt? Jeder ihrer Schritte war eine potenzielle Warnung für den Kerl und verringerte ihre Chance, ihn kalt zu erwischen.

„Himmel noch mal, so ein verdammter Mist!

Der Fluch zerriss die Stille, als Elizabeth nur noch wenige Meter von der Küchentür trennten, die – wie sie inzwischen festgestellt hatte – nur angelehnt war. Sekundenlang blieb sie wie erstarrt stehen. Dann arbeitete sie sich mit angehaltenem Atem weiter vor, den Rücken fest gegen die Wand gepresst, bis sie durch den schmalen Türspalt in die hell erleuchtete Küche spähen konnte.

Als sie die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete Gestalt erblickte, verstärkte sich ihr Griff um die Bronzestatue. Noch ein tiefer Atemzug, um sich Mut zu machen, dann trat sie einen Schritt zurück, stieß energisch mit dem Fuß die Tür auf und stürmte in den Raum.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, fuhr der Eindringling sie an.

Elizabeth war vom Klang seiner Stimme, die trotz des scharfen Tonfalls überaus melodisch war, so irritiert, dass ihr die schwere Statue aus der Hand glitt und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Fuß des Einbrechers landete. Dann rollte sie ein Stück über den Boden und blieb schließlich außerhalb von Elizabeths Reichweite liegen.

Unter einem erneuten Schwall von Verwünschungen beugte er sich hinunter, um die Spitze seines schweren Stiefels zu betasten. Elizabeth nutzte die Gelegenheit und sah sich hektisch nach einer Ersatzwaffe um. Frustriert stellte sie fest, dass sie keine Chance hatte, an den Messerblock heranzukommen, aber dann bemerkte sie plötzlich das Buch. Offenbar hatte sie es sich beim Verlassen des Bettes geistesabwesend unter den Arm geklemmt und in ihrer Aufregung die ganze Zeit über mit sich herumgeschleppt, ohne es zu bemerken.

Zum Glück, denn jetzt war es ihre Rettung!

Ohne zu zögern holte Elizabeth aus und schlug es dem Einbrecher mehrmals kräftig auf den Kopf.

„Jetzt reicht es mir aber!“ Blitzschnell war er auf den Beinen, und ehe Elizabeth wusste, wie ihr geschah, hatte er ihre Handgelenke gepackt, um sie von einer weiteren Attacke abzuhalten. „Haben Sie den Verstand verloren, oder gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie wie eine Furie über mich herfallen?“, herrschte er sie an.

Elizabeth konnte ihn nur wortlos anstarren.

Es war der Mann aus ihrem Buch!

Dieselben schwarz glitzernden Augen, dasselbe schulterlange dunkle Haar. Ungläubig betrachtete sie die schmale, aristokratisch wirkende Nase, die hohen Wangenknochen, den männlich schönen Mund, während es vor ihren Augen zu flimmern begann.

Und dann fiel Dr. Elizabeth Brown zum ersten Mal in ihrem Leben in Ohnmacht.

Was für ein Auftritt, murmelte Rogan, als er wenige Minuten später die junge Frau auf dem Sofa einer eingehenden Musterung unterzog. Mit ihrem zarten, herzförmigen Gesicht und dem kurz geschnittenen kastanienroten Haar, das eigenwillig in alle Richtungen abstand, sah sie wie ein schlafender Unschuldsengel aus.

Allerdings erinnerte ihn die beeindruckende Beule, die sich allmählich auf seinem Hinterkopf bildete, nachdrücklich daran, dass man dem äußeren Eindruck niemals trauen durfte.

Wie eine wild gewordene Rachegöttin war sie plötzlich in der Küche aufgetaucht und hatte ihn mit allem traktiert, was ihr in die Hände fiel, bevor sie plötzlich bewusstlos vor ihm zusammengesackt war. Im ersten Augenblick war Rogan zu perplex gewesen, um zu reagieren, doch schließlich hatte er sie hochgehoben, ins Wohnzimmer getragen und auf dem Sofa abgelegt. Eine ausgesprochen ritterliche Geste, die sie definitiv nicht verdient hatte!

Als seine wütende Angreiferin nun unvermittelt die Augen aufschlug – strahlend blaue Augen, die von den längsten Wimpern umrahmt waren, die Rogan je gesehen hatte – erwiderte sie einen Moment lang verwirrt seinen Blick. Dann richtete sie sich ruckartig auf und versuchte sichtlich, ihrer Panik Herr zu werden.

„Warum sind Sie immer noch hier?“, stieß sie mit gepresster Stimme hervor.

Rogan zog nur wortlos die Brauen hoch, worauf sich Elizabeth nervös mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen fuhr. „Ich meine, Sie hatten doch genug Zeit, das Weite zu suchen, seit ich …“ Sie brachte es nicht über sich, den Satz zu beenden. Es war einfach zu peinlich.

„Seit Sie einem plötzlichen Schwächeanfall erlegen sind?“, schlug Rogan hilfsbereit vor.

In ihren Augen blitzte es feindselig auf. „Das ist ja wohl eine völlig normale Reaktion, wenn man von einem Einbrecher angegriffen wird, oder?“

Das trotzig erhobene Kinn und die Art, wie sich ihr zierlicher Körper erneut kampfbereit anspannte, verrieten Rogan einmal mehr, was er bereits wusste: Mit dieser Frau war nicht gut Kirschen essen, wenn sie in Rage geriet.

Allerdings musste er zugeben, dass sie in dem himmelblauen, etwas zu großen Pyjama ein entzückendes Bild abgab. Normalerweise zog Rogan es vor, wenn Frauen im Bett entweder gar nichts oder etwas Verführerisches aus Seide trugen, aber ihr gelang es, selbst in dieser legeren Aufmachung reizvoll und begehrenswert auszusehen.

Die Frage war nur: Was hatte sie in Sullivan House zu suchen?

„Eine absolut normale Reaktion“, bestätigte er. „Abgesehen von zwei Dingen. Erstens bin ich kein Einbrecher, und zweitens waren Sie diejenige, die mich angegriffen hat.“

Letzterem konnte Elizabeth nicht widersprechen. Sie hatte ihn in der Tat angegriffen. Zuerst mit der Bronzefigur und dann mit ihrem Buch – demselben Buch, das jetzt aufgeschlagen auf einem seiner muskulösen Oberschenkel lag!

Oh nein! Bitte lass ihn nicht darin gelesen haben!

Um ihre Verlegenheit zu überspielen, ging sie in die Offensive. „Nachdem Sie gewaltsam hier eingedrungen sind, dürfte es für die Polizei wohl kaum eine Rolle spielen, was ich zu meiner Selbstverteidigung unternommen habe“, erklärte sie herablassend.

„Da wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht so sicher“, gab Rogan zu bedenken. „Ich habe neulich in der Zeitung gelesen, dass das Gericht in einem ähnlichen Fall dem Einbrecher einen Anspruch auf Schadensersatz zugestanden hat.“

„Das ist ja wohl das Lächerlichste, was ich je …“

„Aber viel entscheidender“, fuhr er fort, ohne ihren Einwurf zu beachten, „ist die Tatsache, dass ich keineswegs gewaltsam hier eingedrungen bin. Ich bin friedlich durch die Küchentür hereingekommen, und zwar mit dem Schlüssel, der sich wie immer unter dem dritten Blumentopf von links auf dem Fensterbrett befand.“

Diese Eröffnung brachte Elizabeth sichtlich aus dem Konzept, aber nur für einen Moment. „Das beweist doch nur, dass Sie das Haus schon seit einer Weile beobachtet haben“, trumpfte sie mit einem überlegenen Lächeln auf.

Rogan nickte langsam. „Eine interessante Theorie. Ein abgelegenes Anwesen und ein Ersatzschlüssel, der praktischerweise draußen unter einer Pflanze versteckt ist. Kein bellender Wachhund und eine deaktivierte Alarmanlage. Mit anderen Worten, die idealen Bedingungen für …“

„Woher wissen Sie das mit der Alarmanlage?“, fiel Elizabeth ihm scharf ins Wort. Seit dem Tag, an dem Brad Sullivan mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht worden war, funktionierte nicht einmal mehr der Bewegungsmelder im Garten, da weder sie noch Mrs. Baines sich mit der Bedienung auskannten.

„Das rote Kontrolllicht leuchtet nicht.“ Rogan deutete mit dem Kopf auf den Monitor, der dicht unter der Decke in einer Ecke des Wohnzimmers angebracht war. „Heutzutage muss man als Einbrecher auch etwas von moderner Technik verstehen.“

Elizabeth presste die Lippen zusammen. „Ich schlage vor, Sie verschwinden jetzt. Es sei denn, Sie ziehen es vor, auf die Polizei zu warten.“

Ihre Warnung schien ihn eher zu amüsieren als einzuschüchtern. „Sie haben die Polizei angerufen, bevor Sie hier heruntergekommen sind?“, erkundigte er sich freundlich.

„Allerdings.“

Er betrachtete sie einen Moment lang schweigend, bevor er sie in beiläufigem Tonfall fragte: „Wussten Sie eigentlich, dass Sie Ihre linke Hand zur Faust ballen, wenn Sie lügen?“

„Sparen Sie sich Ihre Hobbypsychologie!“, fuhr sie ihn an, während sie möglichst unauffällig ihre verkrampften Finger entspannte. „Ich habe die Polizei angerufen, und es kann sich nur noch um Augenblicke handeln, bis sie hier ist.“

Rogan lehnte sich lässig in seinem Sessel zurück. „Das dürfte dann eine ziemlich peinliche Situation für Sie werden.“

„Für mich?“ Elizabeth gab ein schrilles Lachen von sich. „Sie haben wohl vergessen, dass Sie …“

„Ich habe einen Schlüssel benutzt, schon vergessen?“

„Aber nur, weil Sie vorher ausspioniert haben, wo er sich befindet!“

„Vielleicht sollten Sie bedenken, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, warum ich mich hier so gut auskenne“, schlug Rogan vor. „Und möglicherweise würde es Ihren Nerven gut tun, auf eine etwas weniger … abenteuerliche Nachtlektüre umzuschwenken.“ Er griff nach dem aufgeschlagenen Buch und begann seelenruhig darin zu lesen. „Ich wusste gar nicht, dass Vampirromane so …“

„Geben Sie das her!“ Mit einem Satz war Elizabeth vom Sofa aufgesprungen und riss ihm das Buch aus der Hand. „Wollen Sie jetzt endlich verschwinden oder nicht?“

„Nein.“

Seine Dreistigkeit machte sie fassungslos. „Was soll das heißen, nein? Wollen Sie unbedingt verhaftet werden?“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Dazu wird es nicht kommen.“

„Aber wenn die Polizei hier eintrifft …“

Falls die Polizei hier eintrifft“, korrigierte er sie mild. „Ich glaube zwar nicht, dass sie es tun wird, aber selbst wenn, wird sie mich ganz sicher nicht verhaften.“

Angesichts seiner Weigerung, das Haus zu verlassen, fragte Elizabeth sich verzweifelt, was sie jetzt tun sollte. Da bemerkte sie zum ersten Mal das blutbefleckte Papiertuch, das er sich um die linke Hand gewickelt hatte.

„Wie haben Sie sich denn an der Hand verletzt, wenn Sie gar kein Fenster eingeschlagen haben, um hier hereinzukommen?“, erkundigte sie sich spitz.

Rogan warf einen flüchtigen Blick auf den provisorischen Verband. „Mir ist vor dem Kühlschrank die verdammte Milchflasche heruntergefallen, und als ich die Bescherung aufwischen wollte, habe ich mich an einer Scherbe geschnitten.“

Das war zugegebenermaßen eine mögliche Erklärung für das klirrende Geräusch, das Elizabeth gehört hatte. Allerdings hielt sie es für ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Einbrecher, kaum dass er in ein fremdes Haus eingedrungen war, als Erstes zum Kühlschrank ging, um sich eine Flasche Milch zu holen.

„Und Sie glauben tatsächlich, dass die Polizei Ihnen dieses Märchen abkauft?“

Rogan seufzte. Er hatte eine lange, aufreibende Reise hinter sich. Er war durstig und erschöpft, und er hatte keine Lust, sich noch länger von dieser Frau verhören zu lassen. Zumal die eigentliche Frage noch immer unbeantwortet im Raum stand: Wieso war sie überhaupt hier?

Als er aufstand und sie sogleich panisch vor ihm zurückwich, hob er beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge, ich will mir nur den Tee holen, den ich vorhin gemacht habe.“

„Sie haben sich in der Küche einen Tee gemacht?“

Rogan verzog keine Miene. „Ich mag Tee“, informierte er sie. „Auf Blut greife ich nur im Notfall zurück.“

Bei seinen letzten Worten überkam Elizabeth das unangenehme Gefühl, sich verteidigen zu müssen. „Nicht dass es Sie etwas anginge“, sagte sie kühl, „aber diese Art von Büchern hilft mir, mich zu entspannen.“

Um seine Mundwinkel zuckte es unmerklich. „Und nach dem Wenigen, was ich gelesen habe, kommt der Sex darin auch nicht zu kurz.“

Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, während ihr erneut seine frappierende Ähnlichkeit mit ihrem Romanhelden bewusst wurde. „Wer, in Dreiteufelsnamen, sind Sie?“, zischte sie verärgert, worauf Rogan ihr anerkennend zunickte.

„Endlich mal eine vernünftige Frage“, murmelte er, bevor er in aller Ruhe aus dem Raum schlenderte.

Elizabeth folgte ihm bis in die Küche. „Also?“, hakte sie nach, wobei sie herausfordernd die Hände in die Hüften stemmte.

Rogan nahm das Teenetz aus der Kanne und schenkte das inzwischen dunkelbraun gewordene Gebräu in einen Becher. Nachdem er einen Schluck davon probiert hatte, goss er es mit angewiderter Miene in den Ausguss. So weit zu seinem Plan, eine schöne Tasse heißen Tee zu trinken und dann nach oben zu gehen, um mindestens zehn Stunden durchzuschlafen.

„Also?“, wiederholte Elizabeth in drängendem Tonfall, worauf Rogan sich gereizt zu ihr umdrehte.

„Also was?“

Wer. Sind. Sie?“, stieß sie entnervt hervor, wobei sie jede einzelne Silbe überdeutlich betonte.

„Offensichtlich kein Einbrecher!“

Elizabeth war inzwischen ebenfalls zu dieser Schlussfolgerung gelangt. Dieser Mann mochte aussehen wie die Verkörperung ihrer dunkelsten Fantasien, aber der gesunde Menschenverstand sagte ihr, dass kein Einbrecher eine gemütliche Teepause einlegen würde, bevor er damit begann, seine Beute zusammenzuraffen. Ebenso wenig würde er sich damit aufhalten, die Spuren einer zerbrochenen Milchflasche zu beseitigen oder die Frau, die ihn auf frischer Tat ertappt hatte, auf ein Sofa zu betten, nachdem sie bei seinem Anblick ohnmächtig geworden war.

Und ganz sicher würde er sich nicht auf ein Gespräch über die Lesegewohnheiten dieser Frau einlassen!

„Hören Sie, entweder Sie beantworten jetzt meine Frage, oder …“

„Oder was?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Ich finde die Frage, wer Sie sind, viel interessanter. Oder anders ausgedrückt …“, unversehens war seine Stimme schärfer geworden, „… was, zum Teufel, haben Sie in Brad Sullivans Haus verloren?“

Elizabeth brauchte einen Moment, um zu reagieren, da das Spiel seiner Muskeln unter dem schwarzen Pullover vorübergehend ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

„Ich arbeite hier“, klärte sie ihn schließlich auf.

„Und als was, wenn ich fragen darf?“

Sie riss ihren Blick von seinen breiten Schultern los und sah ihn herausfordernd an. „Es geht Sie zwar nicht das Geringste an, aber mein Name ist Elizabeth Brown. Und ich befinde mich in diesem Haus, weil Mr. Sullivan mich mit der Katalogisierung seiner Bibliothek beauftragt hat.“

Er sah sie an, als hätte sie ihm gerade eröffnet, eine Marsbewohnerin zu sein. „Sie sind Dr. E. Brown?“, stieß er ungläubig hervor.

„Das ist korrekt“, bestätigte Elizabeth steif, während ihr Körper sich erneut anspannte. Offensichtlich sagte ihr Name ihm etwas, und sie fragte sich beunruhigt, warum das so war.

Nach einem längeren, spannungsgeladenen Schweigen verzog er die Lippen zu einem selbstironischen Lächeln. „Und ich bin als unverbesserlicher Macho natürlich davon ausgegangen, dass Dr. Brown ein Mann ist, als ich Ihren Brief bekam.“

Elizabeth schnappte hörbar nach Luft, als ihr schlagartig die Zusammenhänge klar wurden. Der vermeintliche Einbrecher war niemand anderer als Brad Sullivans Sohn, den sie vor wenigen Tagen per Eilpost über den kritischen Gesundheitszustand seines Vaters unterrichtet hatte.

Rogan Sullivan, der laut Mrs. Baines vor fünfzehn Jahren sein Zuhause in Cornwall verlassen hatte und seitdem nicht wieder zurückgekehrt war.

2. KAPITEL

„Tee?“, fragte Rogan mit mildem Spott, als Dr. Elizabeth Brown sich wie benommen auf einem der Küchenstühle niederließ.

Vermutlich muss sie sich hinsetzen, um einer weiteren Ohnmacht vorzubeugen, dachte er mit einem Anflug von Mitleid. Kein Wunder, nachdem sie geglaubt hatte, es allein mit einem gefährlichen Einbrecher aufnehmen zu müssen, nur um dann festzustellen, dass Brad Sullivans verlorener Sohn beschlossen hatte, aus der Versenkung aufzutauchen, um seinem Elternhaus einen Besuch abzustatten.

Einen Besuch, den er allerdings so kurz wie möglich zu halten gedachte.

„Ein Tee wäre wunderbar.“ Sie zögerte einen Moment, bevor sie hinzufügte: „Ich habe Ihnen noch einen zweiten Brief geschrieben, Mr. Sullivan. Haben Sie den nicht bekommen?“

„Nein“, erwiderte Rogan knapp.

„Oh …“

Angesichts ihrer betroffenen Miene fügte er rasch hinzu: „Ich weiß, dass mein Vater gestorben ist, Elizabeth.“

Wieso ist mir sein amerikanischer Akzent nicht gleich aufgefallen, fragte sie sich. Sie hatte Rogan Sullivan zwei Mal an seine New Yorker Postfachadresse geschrieben. Hätte sie diesem Detail Beachtung geschenkt, anstatt nur den Wohlklang seiner Stimme wahrzunehmen, hätte sie zwei und zwei zusammengezählt, und dieser peinliche Auftritt wäre ihr erspart geblieben.

Als Rogan ihren forschenden Blick bemerkte, verzog er die Lippen zu einem halbherzigen Lächeln. „Versuchen Sie gar nicht erst, nach Ähnlichkeiten mit meinem Vater zu suchen“, sagte er mit einem unüberhörbar bitteren Unterton. „Es gibt zum Glück keine, weder äußerlich noch innerlich.“

Elizabeth schüttelte den Kopf. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Mir tut es einfach nur leid, dass Sie die Nachricht von seinem Tod durch einen Krankenhausangestellten erfahren haben.“

„Ich war nicht im Krankenhaus“, klärte Rogan sie auf. „Ich hatte dort angerufen, aber man wollte mir am Telefon keine Auskunft über seinen Gesundheitszustand geben. Sein Anwalt hat Kontakt zu mir aufgenommen, um mich über Brads Tod und dessen Anweisungen für das Begräbnis zu informieren.“

Bei seinen letzten Worten zuckte Elizabeth unmerklich zusammen. „Es muss schlimm für Sie gewesen sein, dass Sie sich nicht mehr von Ihrem Vater verabschieden konnten“, sagte sie leise.

Rogans Miene verriet keinerlei Gefühlsregung. „Soweit mir sein Anwalt berichtet hat, wusste Brad schon seit Langem, dass er schwer herzkrank war und im Grunde nur noch von geborgter Zeit lebte.“

Geborgte Zeit, die Brad Sullivan offenbar nicht dafür verwendet hatte, seinen einzigen Sohn über seine Krankheit zu unterrichten …

Und ebendieser Sohn sah sie, Elizabeth, gerade viel zu intensiv an!

Als er den Blick von ihrem Gesicht löste und langsam über den dünnen Stoff ihres Pyjamas schweifen ließ, schien ihr Herzschlag sich urplötzlich zu verdoppeln.

„Wenn Sie mich kurz entschuldigen wollen …“ Sie stand hastig von ihrem Stuhl auf und schlang die Arme um sich, als wäre ihr kalt. „Bevor wir diese Unterhaltung fortsetzen, würde ich mir gern etwas Wärmeres überziehen.“

„Kein Problem.“ Rogan zuckte gleichmütig die Schultern, doch Elizabeth hätte schwören können, dass er genau wusste, was wirklich in ihr vorging.

Als sie wenige Minuten später in die Küche zurückkehrte, stellte Rogan gerade zwei Becher mit frisch gebrühtem Tee auf den ...

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