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Bestsellerautorin Susan Mallery - Du, ich und das pure Glück

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1. KAPITEL

„Du wirst mir bestimmt sagen, dass ich verrückt bin“, erklärte Tanner Malone, während er im Büro seines Bruders auf und ab lief. „Vielleicht bin ich es auch. Vielleicht habe ich zu hart gearbeitet, oder es liegt daran, dass ich in drei Jahren vierzig Jahre alt werde. Ich weiß einfach nicht, warum ich das machen will. Ich weiß nur, dass ich es tun werde.“

Er blieb mitten im Raum stehen und schaute zu seinem Bruder Ryan hinüber, der hinter seinem Schreibtisch saß. „Du sagst ja gar nichts. Willst du denn gar nicht versuchen, es mir auszureden?“

Ryan lächelte gelassen. „Ich habe drei Kinder, und ein weiteres ist unterwegs. Es steht mir nicht zu, dir dein Vorhaben auszureden. Vielleicht gefällt es dir ja sogar, Vater zu sein.“

Tanner nickte und ließ sich dann in den Ledersessel fallen, der Ryans Schreibtisch gegenüberstand. „Vater“, murmelte er. „Ich muss tatsächlich verrückt sein. Was weiß ich denn schon davon, Vater zu sein.“

„Falls es dir hilft, du bist ein großartiger Onkel. Meine Kinder vergöttern dich. Alle Kinder lieben dich. Na ja, Frauen finden dich ja auch unwiderstehlich. Ich wette, dass dir sogar Kätzchen und Hundebabys hinterherlaufen.“

Tanner brauchte seinen Bruder nicht anzuschauen, um zu wissen, dass er ihn aufzog. „Das hier ist bitterer Ernst“, erklärte er. „Ich muss eine Entscheidung treffen.“

„Das weiß ich, und ich stehe dir gern mit Rat und Tat zur Seite, allerdings …“ Ryan zuckte die Schultern. „Es ist nur so, eigentlich kann ich dir nicht helfen, Tanner. Jahrelang hast du dich über mein langweiliges Eheleben lustig gemacht, während du als ungebundener Junggeselle von einem Bett ins andere gehüpft bist. Du hast die Freundinnen gewechselt wie andere Männer die Hemden. Aber siehst du, nun hat es dich auch erwischt.“

„Und was willst du damit sagen?“ Tanner gefielen die Worte seines Bruders nicht, aber er musste sich eingestehen, dass Ryan nicht ganz unrecht hatte. Tanner hatte immer gewusst, dass er irgendwann für seinen lockeren Lebensstil zahlen müsste. Und jetzt war es so weit, in den nächsten vierundzwanzig Stunden würde er eine der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens treffen müssen – wenn nicht die wichtigste.

„Ich will damit sagen, dass es bei dir länger als normal gedauert hat, bis das Schicksal dich vor eine schwierige Entscheidung gestellt hat“, erklärte Ryan. „Die meisten Männer haben das in deinem Alter bereits hinter sich.“

Tanner lehnte sich in den Sessel zurück. Er wusste, dass Ryan in vielen Dingen die Wahrheit sagte. Das Problem war nur, was sollte er jetzt tun?

„Ich weiß nicht, was einen guten Vater ausmacht“, sagte Tanner, während sein Magen sich krampfhaft zusammenzog. Er kam sich vor wie ein Fallschirmspringerschüler, der zu seinem ersten Sprung ansetzte.

„Am Anfang weiß das niemand“, beruhigte ihn Ryan. „Du wächst einfach in die Rolle hinein.“

„Und wenn ich alles falsch mache? Ich will nicht, dass mein Sohn leidet, weil sein Erzeuger versagt.“

„Er oder sie braucht vor allem Zuwendung, Kinder brauchen Liebe. Alles andere kommt von allein und …“

Ryan fuhr fort, aber Tanner hörte ihm nicht mehr zu. Sein Verstand war durch das Wort sie blockiert. Du lieber Himmel! Das Baby konnte ja auch ein Mädchen sein. Das wäre noch schlimmer. Obwohl er in seinem Leben vielen Frauen begegnet war, hatte er sie nie verstanden. Frauen waren ein Mysterium für ihn. Du liebe Güte, wie sollte er ein Mädchen großziehen?

„Sie darf kein Mädchen bekommen“, unterbrach Tanner seinen Bruder. „Was soll ich mit einer Tochter anfangen?“

Ryan lachte. „Du und deine Logik. Ich weise dich nur ungern daraufhin, Tanner, aber diese Entscheidung ist bereits vor neun Monaten gefällt worden.“

Tanner fluchte leise und warf einen Blick auf die Uhr. Lucy hatte ihn vor zwei Stunden angerufen und ihm erklärt, dass sie auf dem Weg zum Krankenhaus sei. Die Mutter seines ungeborenen Kindes hatte bereits vor langer Zeit die Adoptionspapiere unterschrieben, und Lucy erwartete nun, dass er das Gleiche tat. Es war die Entscheidung, zu der sie gemeinsam gekommen waren. Es war das Klügste, was er tun konnte. Es war das, was jeder von ihm erwartete. Aber er hatte es bisher nicht über das Herz gebracht. Alle Logik der Welt konnte ihn nicht dazu bringen, mit dieser Unterschrift ein Leben wegzugeben, das ein Teil von ihm war.

„Wo willst du hin?“, fragte Ryan, als Tanner sich erhob.

„Ins Krankenhaus.“

„Was wirst du tun?“

Tanner umklammerte den Türgriff und schaute noch einmal zu dem Mann hinüber, der immer für ihn da gewesen war. Nur diesmal konnte er ihm nicht helfen, das hier musste Tanner allein durchstehen.

„Verflixt, wenn ich das wüsste“, stieß er hervor und schlug die Tür zu.

„Was bist du für ein hübsches kleines Mädchen“, murmelte Kelly Hall, während sie das Neugeborene anschaute, das sie in den Händen hielt. „Du siehst so besorgt aus, aber ich verspreche dir, dass wir Erwachsenen genau wissen, wie wir für dich sorgen müssen.“

Sandy, die Säuglingsschwester, strich dem Baby über die Wange. „Sie können ihr erzählen, was Sie wollen, Dr. Hall, sie wird es Ihnen nicht glauben. Seit zwanzig Jahren habe ich mit Neugeborenen zu tun, und jedes hat den gleichen besorgten Ausdruck.“

„Aber es ist unsere Aufgabe, ihnen Mut zuzusprechen.“ Kelly lächelte Baby Ames ein letztes Mal zu und reichte es dann widerwillig Sandy hinüber. Die Schwester würde es in die Säuglingsstation bringen, wo es in den nächsten Tagen eine ausgezeichnete Pflege erhielt. Was danach geschah, konnte niemand sagen. Das kleine Mädchen war zur Adoption freigegeben worden.

Kelly hatte seit langem gelernt, ihre Patienten nicht zu verurteilen. Trotzdem warf sie einen resignierten Blick zu der Mutter des Kindes hinüber, die jetzt in ihr Zimmer gefahren werden sollte.

„Sind Sie sicher, dass Sie Ihre Tochter nicht sehen wollen?“, fragte sie ein letztes Mal.

Lucy Ames, eine auffallend gut aussehende Platinblonde, rollte mit den Augen. „Vergessen Sie es, Doc. Ich weiß, dass Sie hofften, ich würde mütterliche Gefühle entwickeln, wenn das Kind erst auf der Welt ist. Aber das wird nicht passieren. Ich habe die Adoptionspapiere bereits unterschrieben und auch nicht den geringsten Zweifel daran, das Richtige getan zu haben. Ich werde in weniger als zwei Wochen nach Los Angeles gehen und im Land der Sonne und der Filmstars leben. Das Letzte, das ich mir wünsche, ist ein Kind, das mir diese Chance verdirbt.“

„Ich verstehe“, sagte Kelly höflich, obwohl das gelogen war. Lucy war eine erwachsene Frau, die durchaus die Möglichkeit besaß, ihr Kind aufzuziehen, und Kelly konnte nicht verstehen, warum sie ihre eigene Tochter so im Stich ließ.

„Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben“, erklärte Lucy. „Sie sind eine gute Ärztin.“

„Es ist mein Beruf“, erwiderte Kelly und zog die Handschuhe aus. „Ich werde Sie in wenigen Stunden noch einmal untersuchen. Nur um sicherzugehen, dass auch alles in Ordnung ist. Aber ich gehe davon aus, dass bei Ihnen alles schnell verheilen wird.“

Lucy winkte ihr noch einmal zu, als die Schwester sie aus dem Entbindungsraum hinausrollte. Kelly folgte langsam. Sie dachte an die Patientinnen, die sie sich heute noch ansehen musste und an die Frauen, die bald entbinden würden. Die meisten ihrer werdenden Mütter freuten sich, schwanger zu sein, und konnten es kaum erwarten, endlich ihr Baby in den Armen zu halten. Aber hin und wieder gab es auch Frauen wie Lucy – Frauen, die ein Kind nur als lästig empfanden.

Es war nicht so, dass sie Lucy nicht verstand. In gewisser Hinsicht verstand sie sie viel zu gut. Vielleicht war sie deswegen so betroffen. Wahrscheinlich erinnerte sie Lucy zu sehr an ihre eigenen Fehler.

Da es an der Zeit war, wieder in ihre Praxis zu fahren, lief Kelly zum Fahrstuhl hinüber, aber statt auf den Liftknopf zu drücken, hatte sie auf einmal den Weg zur Säuglingsstation eingeschlagen.

Schließlich stand Kelly vor den Glasscheiben der Säuglingsstation und schaute auf zwölf Neugeborene, die friedlich schlafend in ihren Bettchen lagen.

An der gegenüberliegenden Wand stand ein Mann, der seinen Arm um eine junge Frau gelegt hatte. Beide schauten glücklich und voller Wunder auf ihr Baby. Kelly musste unwillkürlich lächeln und betrachtete dann wieder die Neugeborenen. Sie entdeckte drei, die sie in den letzten vierundzwanzig Stunden zur Welt gebracht hatte, und sah dann, dass eine der Schwestern Baby Ames in sein Bettchen legte.

„Lass es sein“, sagte sie leise zu sich. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sein Herz an das Kind zu hängen. Lucy Ames hatte ihre Entscheidung getroffen. Das wunderschöne kleine Mädchen wurde zur Adoption freigegeben. Und es war durchaus nicht so, das Kelly es besser gemacht hätte.

Aber ich war erst siebzehn, flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Macht das nicht einen Unterschied? Kelly war sich nicht sicher. Eigentlich war sie sich nie sicher gewesen.

„Dr. Hall?“

Eine tiefe männliche Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und fand sich einem Mann gegenüber.

Obwohl der Flur gut beleuchtet war, musste sie mehrere Male blinzeln, um sich zu versichern, dass sie auch wirklich sah, was sie glaubte zu sehen. Tanner Malone.

Sie dachte daran, ihm einmal ordentlich die Meinung zu sagen oder ihm wenigstens die kalte Schulter zu zeigen und ihn einfach stehen zu lassen, aber schließlich riss sie sich zusammen. Hier zählten keine persönlichen Meinungen. Sie war Lucys Doktor. Nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem war sie dieses Mal dankbar für ihre Größe. Dank ihrer Absätze konnte sie Mr. Malone fast in die Augen schauen. Er überragte sie nur um wenige Zentimeter.

Sie fragte sich, woher er ihren Namen kannte, bis ihr einfiel, dass er mit Lucy gesprochen haben musste. Die beiden waren zwar kein Paar mehr, aber er hatte bestimmt Kontakt zu ihr gehabt. Schließlich war heute ihr gemeinsames Kind zur Welt gekommen.

Kelly kämpfte gegen die aufsteigende Wut an. Was machte es schon, wenn Tanner Malone ein unverantwortlicher Schuft war? Es würde ihr sicherlich gelingen, für einige Minuten eine höfliche Maske zu wahren.

„Ich bin Dr. Hall“, sagte sie.

„Tanner Malone.“

Sie befürchtete, er würde ihr die Hand schütteln, aber er machte keine Anstalten dazu. Stattdessen schob er die Hände in die Taschen seiner Jeans und stieß frustriert einen Seufzer aus.

„Ich habe Sie überall gesucht“, gab er zu. „Jetzt, wo ich Sie gefunden habe, weiß ich nicht, was ich sagen soll.“

„So?“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war fast zwölf Uhr Mittag. „Wenn es Ihnen wieder einfällt, können Sie mich ja in meiner Praxis anrufen, und wir werden …“

„Nein.“ Er ergriff ihren Arm, bevor sie sich abwenden konnte. Obwohl sie sich ärgerte, spürte sie so etwas wie einen elektrischen Schlag, als seine Hand sich um ihr Handgelenk schloss. Eine prickelnde Wärme. Sollte es …

Denk noch nicht einmal daran, warnte sie sich gereizt. Wie konnte ihr Körper es wagen, so auf diesen Mann zu reagieren. Er war Abschaum. Er war noch niedriger als Abschaum. Eine Zelle vor fünfzehn Milliarden Jahren stand höher in der Evolution als er.

„Ich wollte mit Ihnen über das Baby sprechen.“ Er wies auf die Säuglingsstation hinter sich. „Ich …“ Er ließ sie los. „Ich will wissen, welches Geschlecht das Kind hat. Ich habe an der Rezeption gefragt, aber da Lucy bereits die Adoptionspapiere unterzeichnet hat, wollten sie es mir nicht sagen.“

Er sieht müde aus, schoss es Kelly auf einmal durch den Kopf. Schatten lagen unter seinen unglaublich blauen Augen. Maloneblau, hatte sie vor einiger Zeit die Schwestern sagen hören. Ja, er war ein sehr gut aussehender Mann. Und? Trotzdem war er Abschaum.

„Ich verstehe nicht, warum Sie das Baby überhaupt interessiert, Mr. Malone“, sagte Kelly schroff. „Wenn Sie die Papiere unterschrieben haben, sind Sie jeder Verantwortung entledigt.“

„Das ist es ja“, erwiderte er. „Ich bin nicht sicher, ob ich sie überhaupt unterzeichnen kann.“

Kelly hätte ihn nicht überraschter ansehen können, wenn er sich plötzlich in einen Außerirdischen verwandelt hätte. „Was?“

Tanner schaute über die Schulter und wies dann auf den Korridor. „Gibt es hier vielleicht einen Ort, an dem wir ungestört sprechen könnten? Es tut mir leid, wenn ich etwas daneben wirke, aber ich hatte nur wenig Schlaf in den vergangenen Wochen. Ich habe entweder gearbeitet oder bin wegen des Babys im Zimmer hin und her gelaufen.“

Sie presste die Lippen zusammen. Tanner Malone musste irgendein Spiel spielen. Ein Mann wie er würde nie in Betracht ziehen, ein Kind allein aufzuziehen. Trotzdem hatte er ihr Interesse geweckt, also beschloss sie, ihm zuzuhören.

„Dort hinten sind einige Untersuchungszimmer“, sagte sie und führte ihn den Korridor entlang. Sie bogen links ab, und Kelly öffnete das erste Zimmer. Es war leer.

Der Raum war klein. Mit einer Liege, einem Schreibtisch und zwei Stühlen ausgestattet. Kelly nahm auf dem Schreibtischstuhl Platz und wies Tanner einen Sitz auf dem anderen Stuhl an. Er schaute sie an, schüttelte dann den Kopf und begann von einer Wand zur anderen zu laufen. Er brauchte genau drei Schritte.

„Natürlich weiß ich, wie verrückt mein Vorhaben ist, aber …“, begann er, blieb dann abrupt stehen und starrte auf den Boden. „Das Krankenhaus bekommt einen neuen Flügel.“

Der letzte Satz war so zusammenhanglos, dass Kelly ihn verwunderte anschaute, aber dann fiel ihr ein, dass Tanner Malone die Firma besaß, die den Flügel baute. Die Bauarbeiten hatten bereits vor Monaten begonnen. „Das habe ich auch bemerkt.“

„Wirklich?“

Er sah zu ihr hinüber, und erneut stellte sie fasziniert fest, wie blau seine Augen waren. Vergiss es, ermahnte sie sich. Ignoriere diesen Mann, konzentrier dich nur auf das, was er sagt.

„Dann wissen Sie wohl auch, dass meine Firma mit dem Bau beauftragt worden ist. Es ist ein riesiges Projekt, das viele Arbeitskräfte und Auftragsfirmen verlangt. Ich arbeitete zwölf, vierzehn Stunden am Tag. Dann wurden plötzlich die Gelder gesperrt.“

Kelly nickte. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob der neue Flügel nicht zu dem geplanten Zeitpunkt eröffnet werden könnte, doch Ryan Malone, Tanners Bruder, hatte ein Wunder vollbracht.

„Jetzt versuchen wir, die verlorene Zeit aufzuholen“, fuhr Tanner fort. „Ich sehe kaum noch mein Haus. Wir werden den Septembertermin einhalten, aber es wird verflixt knapp werden. Ich habe also gar keine Zeit für ein Kind. Schon gar nicht für ein Baby.“

Kelly lehnte sich in den Stuhl zurück und gab sich Mühe, nichts von ihren Gefühlen preiszugeben. Er hat also gar nicht nach seinem Kind fragen wollen, dachte sie grimmig. Er war nur gekommen, um mit ihr zu reden, um jemandem eine Erklärung für sein Verhalten abzugeben. Er wollte sich nur entschuldigen. Sie wartete darauf, dass die alte Wut wiederkehrte, aber sie war verschwunden. Sie hatte sich in eine Traurigkeit verwandelt, die sie sich nicht erklären konnte.

Es gab so viele Paare, die verzweifelt darauf warteten, ein Kind zu adoptieren. Baby Ames würde in eine Familie kommen, die ihm all die Liebe und Fürsorge bieten konnte, die es brauchte. Es war das Beste für alle Beteiligten. Kelly atmete tief durch. Wenn sie nur endlich loslassen könnte. Warum berührte dieses Kind sie so sehr?

„Ich kann es einfach nicht tun“, sagte Tanner.

„Mr. Malone, Sie sind mir keine Erklärung schuldig, und um ehrlich zu sein, interessiert es mich auch nicht, warum Sie das Kind zur Adoption freigeben.“

„Aber genau das ist doch der Punkt“, erwiderte er. „Ich bringe es nicht übers Herz. Ich kann es nicht hergeben.“ Er zog einige zusammengefaltete Papiere aus seiner Hosentasche und legte sie auf den Tisch. „Lucy und ich hatten darüber gesprochen, und wir waren beide übereingekommen, dass die Freigabe zur Adoption das Beste wäre. Auf Lucy wartet ein Job in Los Angeles, und ich stecke hier bis über beide Ohren in der Arbeit. Wir sahen keinen anderen Weg.“

Kelly nahm die Seiten auf und sah sie rasch durch. Lucy hatte ihr Kind bereits mit einer Unterschrift aus ihrem Leben gezeichnet, doch Tanners fehlte noch.

„Was denken Sie?“

Sie schaute auf und sah, dass Tanner sich mit den Händen auf die Lehne des Stuhls stützte und sich vorbeugte. Er trug Jeans und ein verwaschenes T-Shirt. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Er sah aus wie ein Mann, dem es nichts ausmachte, sich die Hände schmutzig zu machen. Sie bemerkte die Narben an seinen Händen, und niemand konnte seine breiten Schultern und die muskulösen Arme übersehen. Er war nur einige Zentimeter größer als sie, aber er musste mindestens vierzig Pfund mehr wiegen. Und davon war kein Gramm Fett, sondern alles reine Muskelmasse.

„Worüber soll ich was denken?“

„Was soll ich tun? Soll ich die Papiere unterzeichnen?“

„Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Wir reden von einem Kind, Mr. Malone. Das ist keine Entscheidung, die man leichtfertig trifft. Die Zukunft Ihrer Tochter hängt davon ab.“

Seine Augen weiteten sich, und ein Lächeln trat auf sein Gesicht. Ein Lächeln, das jedes Frauenherz zum Schmelzen bringen würde, dachte sie, weigerte sich jedoch, Sympathie für ihn zu empfinden.

„Ein Mädchen!“ Er sank auf den Stuhl und rieb sich die Augen. „Verflixt. Dabei weiß ich so gut wie nichts über Frauen.“

„Sie wussten genug, um eine von Ihnen zu schwängern.“ Kelly bereute diese Worte, sobald sie ihrem Mund entschlüpft waren, und seufzte. „Entschuldigen Sie. Das wollte ich nicht sagen.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Sie haben ja recht.“ Er lehnte sich vor. „Ist sie gesund? Hat sie alle zehn Finger und Zehen?“

Kelly lächelte. „Sie ist perfekt. Eine kleine Schönheit. Soweit wir es bis jetzt beurteilen können, ist sie ein kerngesundes, normales Kind.“

„Ein Mädchen“, sagte er fast ehrfürchtig und schaute dann Kelly an. „Sagen Sie mir, dass die Adoption das Beste für sie ist. Sagen Sie mir, dass ich niemals ein Kind allein großziehen könnte. Wie soll ich die Zeit dafür aufbringen? Bringen Sie mich auf den Boden der Tatsache zurück, indem Sie mir sagen, dass ich nicht das Geringste über Babypflege und Kindererziehung weiß.“

„Niemand kann Ihnen die Entscheidung abnehmen, Mr. Malone. Da müssen Sie allein durch.“

Tanner nickte. Er hatte auf ein wenig Beistand von Lucys Doktor gehofft, aber Kelly Hall war offensichtlich nicht bereit, ihm Hilfe zu gewähren. In ihrem Blick hatte, vor allem am Anfang, eher Geringschätzung als Mitgefühl oder Sympathie gelegen. Er fragte sich, ob ihre Verachtung ihm oder der ganzen Männerwelt galt. Oder vielleicht mochte sie einfach keine Männer, die versuchten, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Konnte er ihr das übel nehmen?

„Ich möchte sie sehen“, sagte er. „Meine Tochter, meine ich, nicht Lucy. Darf ich das? Schließlich habe ich die Papiere noch nicht unterzeichnet.“

Kellys Blick wurde etwas weicher, und ein Lächeln trat auf ihr Gesicht. „Sie dürfen sie sogar auf den Arm nehmen, Mr. Malone.“

„Das ist keine gute Idee“, sagte Tanner zehn Minuten später, als Kelly ihm ein winziges Bündel in den Arm legte. „Neugeborene sind so winzig. Ich habe meine Neffen und Nichten stets so lange ignoriert, bis sie aus diesem zerbrechlichen Stadium heraus waren.“

„Sie ist robuster, als sie aussieht“, beruhigte Kelly ihn. „Entspannen Sie sich einfach und achten Sie darauf, dass Sie ihr Köpfchen abstützen.“

Er konnte nur das Gesicht des Babys sehen. Es war rot und noch ein wenig runzlig wie das aller Neugeborenen. Sie war unglaublich klein und schien fast nichts zu wiegen.

„Du meine Güte.“ Er legte eine Hand auf seine Tochter und traute sich kaum mehr, sich zu rühren. „Sie ist ja nur so groß wie ein Fußball.“

Er schaute auf und sah, dass Kelly immer noch lächelte. Offensichtlich war sie über seine Unsicherheit amüsiert, aber er hatte nie zuvor ein Neugeborenes in seinen Armen gehalten.

„Und jetzt?“

„Sagen Sie ihr Hallo oder irgendetwas anderes, was Ihnen in den Sinn kommt. Sie ist Ihre Tochter, Mr. Malone. Was würden Sie denn gern tun? Sie können auch ein wenig mit ihr herumlaufen.“

Er schüttelte den Kopf. Er hatte viel zu viel Angst, um sich auch nur einige Zentimeter zu bewegen. Aber es war nicht nur Angst, sondern auch noch andere Gefühle, die jetzt mit aller Macht in ihm aufstiegen. Emotionen, die er nicht benennen konnte. Ja, da war Unsicherheit und Furcht, aber noch so viel mehr. Vor allem das Gefühl, an einem Wunder teilzuhaben. War dieses kleine Wesen wirklich aus Fleisch und Blut? Hatte er tatsächlich Anteil an seiner Erschaffung gehabt?

Kelly schien seine Verwirrung zu verstehen. Sie tätschelte leicht seinen Arm und trat dann einige Schritte zurück, um ihn einen Moment mit seinem Kind allein zu lassen.

Tanner machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Als seine Tochter nicht aufwachte, wiegte er sie sanft, erstarrte aber sofort wieder, als sie sich bewegte.

Das Neugeborene hob leicht die Ärmchen, verzog den Mund, öffnete dann die Augen und schaute ihn an.

Sie hatte blaue Augen … Maloneblau. Er erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, dass Neugeborene nicht gut sehen können, aber in diesem Moment kam es ihm so vor, als ob sein Kind bis in seine Seele schauen konnte.

Tanner Malone hatte nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt und sie auch nie erfahren. Aber als er das winzige Baby in seinen Armen betrachtete – sein Kind –, da schlug die Liebe wie der Blitz bei ihm ein, mächtiger und stärker als alles andere, was er je erlebt hatte.

2. KAPITEL

Kelly sah die Emotionen, die sich auf seinem Gesicht widerspiegelten und wusste, dass er verloren hatte. Tief in ihrem Inneren empfand sie so etwas wie Schuld. Vielleicht war es falsch gewesen, ihm seine Tochter in den Arm zu legen. Es lag ein Zauber darin, ein Neugeborenes zu halten, besonders, wenn es das eigene war. Es war eines der unglaublichsten Momente, die das Leben zu bieten hatte. Sie hatte Tanner erlaubt, diese Magie zu erfahren, aber was war mit der Realität? Konnte er damit umgehen?

Unsinn, beruhigte sich Kelly. Wenn er nicht bereit wäre, dieses Kind anzunehmen, würde er auch nichts empfinden, wenn er es in seinen Armen hielt. Trotzdem nagten Zweifel an ihr. Tat sie wirklich das Richtige? Konnte Tanner Malone seine Tochter allein aufziehen? Aber diese Frage stellte sie sich zu spät. Sein zärtlicher Gesichtsausdruck verriet ihr, dass die Sache bereits entschieden war.

Als er zu ihr hinüberschaute, lag neben Liebe und Ehrfurcht auch Panik in seinem Blick. „Ich möchte sie behalten. Ist das falsch?“

„Sie ist Ihre Tochter, Mr. Malone. Wie kann der Wunsch, Sie selbst aufzuziehen, falsch sein?“

„Ich könnte Ihnen drei Dutzend Gründe nennen, angefangen mit der Tatsache, dass ich absolut nichts über Babys weiß. Dazu kommt, dass mein Arbeitstag im Moment zwanzig Stunden beträgt.“

„Sie werden es schon schaffen. Millionen von allein erziehenden Vätern und Müttern schaffen es jeden Tag.“

Er wirkte nicht überzeugt. „Vielleicht. Und was passiert jetzt?“

„Jetzt werde ich dafür sorgen, dass Baby Ames nicht zur Adoption freigegeben wird und dass ihr Name in Baby Malone umgeändert wird.“

Auf Tanners Gesicht erschien wieder dieses umwerfende Lächeln, dass Frauenherzen höher schlagen ließ. Aber diesmal galt es nicht Kelly, sondern einzig und allein seiner Tochter. „Hast du das gehört? Du bist mein kleines Mädchen und jeder wird es bald wissen. Du bist Baby Malone.“

„Vielleicht sollten Sie über einen Vornamen nachdenken“, erwiderte Kelly trocken. „Wenn sie in die Schule geht, wird sie Baby Malone vielleicht nicht so gut finden.“

Er nickte. „Sie haben recht. Und was passiert nach dem Krankenhaus?“

„Sie werden mit dem Jugendamt und der Adoptionsstelle Kontakt aufnehmen und ihnen mitteilen müssen, dass Sie Ihre Meinung geändert haben. Gesetzlich dürfte es keine Probleme geben. Da Sie die Papiere noch nicht unterschrieben haben, dürfen sie nicht verlangen, dass Sie Ihre Tochter abgeben. Trotzdem sollten Sie sich einen guten Anwalt nehmen und mit Lucy eine Übereinkunft treffen. Ich nehme an, dass sie das Kind nicht sehen will, trotzdem sollte alles vertraglich festgelegt werden. Außerdem wäre da noch die Frage des Kindesunterhaltes. Eigentlich könnte man Lucy heranziehen.“ Sie runzelte die Stirn. „Ein guter Anwalt kann Ihnen da sicherlich besser weiterhelfen als ich.“

Er schüttelte den Kopf und schaute seine Tochter an. „Ich will nichts von Lucy. Ich brauche ihr Geld nicht.“

„Das müssen Sie mit ihr aushandeln. Falls Sie mit ihr reden wollen, sie ist noch im Krankenhaus.“

Er sah auf. „Kann sie schon Besucher empfangen?“

„Natürlich. Sie hat nur eine Geburt und keine Gehirnoperation hinter sich. Wahrscheinlich fühlt sie sich im Moment, als wäre sie von einem Laster überfahren worden, aber sie ist gesund und in guter Verfassung. Sie wird sich schnell erholen. Sie und das Baby werden bereits morgen entlassen werden.“

Sie zögerte und fragte sich, ob Tanner überhaupt eine Ahnung hatte, worauf er sich einlassen wollte. „Ich kann dafür sorgen, dass Ihre Tochter bis morgen Nachmittag hierbleiben kann. Das gibt Ihnen mehr Zeit, um alles zu erledigen.“

„Zu erledigen? Was denn?“

Kelly schnappte überrascht nach Luft. Oje! Es war schlimmer, als sie gedacht hatte. „Mr. Malone, haben Sie jemals Kontakt zu Neugeborenen gehabt?“

„Nein, wie ich schon sagte, ich ging meinen Neffen und Nichten aus dem Weg, bis sie etwas handlicher geworden waren.“

„Ich verstehe.“ Sie wusste nicht, wie sie es ihm klarmachen sollte. „Ihr Leben wird sich von Grund auf verändern. Sie brauchen Babymöbel, Kleidung, Windeln, Nahrung, ganz abgesehen von ein paar guten Ratgebern über Babypflege. Sie müssen zumindest die erste Zeit jemanden einstellen, der sich während Ihrer Abwesenheit um das Kind kümmert. Obwohl es Tagesstätten gibt, die Babys bereits ab dem Alter von sechs Wochen aufnehmen, sollten Sie Ihre Tochter noch nicht so früh mit anderen Kindern zusammenbringen. Kleine Kinder haben häufig Erkältungen und Kinderkrankheiten, und das ist nicht gut für einen Säugling.“

Er trat einen Schritt zurück. „Mit anderen Worten sind Sie der Meinung, dass ich keine Chance habe, mit der Situation fertig zu werden.“

Sie schaute in sein gut geschnittenes Gesicht und sah die Sorge in seinem Blick. Sie konnte fast die Gedanken hören, die mit Lichtgeschwindigkeit durch seinen Kopf rasten.

„Ganz und gar nicht. Ich will Ihnen keine Angst einjagen, nur darauf hinweisen, dass ein Baby etwas mehr Aufwand als ein Welpe braucht.“

Er fluchte leise und ging dann zu der Glaswand hinüber. Kelly fühlte mit ihm. Er musste sich unter der Last seiner neuen Verantwortung fast erdrückt fühlen, aber sie wusste, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Obwohl sie ihn am Anfang nicht ausstehen konnte, empfand sie jetzt doch so etwas wie Respekt für ihn. Vor fünfzehn Jahren hatte sie vor der gleichen Entscheidung gestanden und am Ende ihre Tochter weggegeben. Es war das Schwerste gewesen, was sie je getan hatte.

Sie respektierte Tanner, weil er es wenigstens versuchte. Unglücklicherweise sprach trotzdem einiges gegen ihn. Das größte Hindernis war sein vollkommener Mangel an Erfahrung und seine unmöglichen Arbeitszeiten. Wenn er ein Büroangestellter wäre, hätte es vielleicht noch funktionieren können. Aber Tanner hatte zurzeit einen Hundertmillionen-Dollar-Auftrag zu erfüllen und stand dazu noch, wenn auch schuldlos, unter großem Zeitdruck. Wann sollte er die Zeit finden, für seine Tochter zu sorgen?

„Ich könnte Ihnen helfen!“, stieß sie impulsiv hervor und fragte sich dann, woher dieser Gedanke so plötzlich gekommen war.

Er sah erstaunt zu ihr hinüber. „Wie meinen Sie das?“

„Genau wie ich es gesagt habe.“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Holen Sie mich um achtzehn Uhr hier ab. Es ist Freitag, also haben die Geschäfte heute länger auf. Ich werde mit Ihnen zu einem Babyausstattungsgeschäft fahren und Ihnen helfen, alles für das Kind vorzubereiten. Ich bin an diesem Wochenende in Bereitschaft, aber falls keine meiner Patientinnen vorzeitig ein Kind bekommt, kann ich Ihnen ein wenig zur Seite stehen.“

Sein Haar war wieder in die Stirn gefallen, und Kelly musste gegen den überwältigenden Wunsch ankämpfen, es ihm aus dem Gesicht zu streichen.

„Warum tun Sie das?“, fragte er.

Sie verstand seine Frage. Warum wollte sie einem wildfremden Mann helfen, dazu noch jemandem, den sie bis vor kurzem verabscheut hatte?

„Weil ich glaube, dass Sie einen großartigen Vater abgeben werden, und ich will, dass die Kleine genau das bekommt.“

Erleichterung durchströmte ihn und nahm etwas von seiner Anspannung. „Danke, Doc. Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen. Allein wüsste ich nicht, was ich einkaufen sollte.“

„Bitte, nennen Sie mich Kelly. Und was das Baby betrifft – mit ihm klarzukommen, kann auch nicht schwieriger sein, als einen Krankenhausflügel zu bauen.“

Er lächelte. „Wetten doch?“

„Warum warten Sie nicht einfach drei Wochen, bis Sie mir darauf die Antwort geben?“

Tanner blieb vor dem Krankenzimmer stehen und fragte sich, was er eigentlich sagen wollte. Er wusste, dass Lucy über seine Entscheidung nicht glücklich sein würde, aber sie würde sie hinnehmen müssen. Er hatte genauso viel Recht auf das Baby wie sie. Ein Anruf bei dem Anwalt für Familienrecht, den sein Firmenanwalt ihm vermittelte, hatte das bestätigt.

Er straffte die Schultern, klopfte kurz an und ging dann, ohne eine Antwort abzuwarten, in den Raum. „Hallo“, sagte er, als er Lucy im Bett sitzen sah.

„Tanner, dich habe ich nun wirklich nicht erwartet“, erwiderte sie ohne großen Enthusiasmus. „Falls du dich nach meinem Wohlbefinden erkundigen willst, so kann ich dir versichern, dass es mir gut geht. Die Geburt hat nicht besonders viel Spaß gemacht, aber meine Ärztin sagt, dass mit mir alles in bester Ordnung ist. Ich werde morgen Früh das Krankenhaus verlassen, und in ein paar Wochen werde ich so gut wie neu sein.“

„Ich freue mich, dass es dir gut geht.“ Er steckte nervös die Hände in die Taschen seiner Jeans und schaute sie an. Selbst nach den Anstrengungen der Geburt war sie immer noch schön. Ihr langes platinblondes Haar war zu einem Zopf geflochten, ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem vollen Mund und den großen grünen Augen genauso makellos schön wie immer. Aber ihre Schönheit hatte für ihn schon lange seinen Reiz verloren. Er wusste, dass sich dahinter eine kalte, herzlose Frau verbarg.

Er hatte sich immer wieder gefragt, was er eigentlich vor all den Monaten in ihr gesehen hatte. Er erinnerte sich, dass sie sich während eines Picknicks mit Freunden getroffen hatten und dass sie nach zu viel Bier schließlich zusammen im Bett landeten. Er hatte damals geglaubt, alt genug zu sein, um dem Reiz einer hübschen Frau widerstehen zu können, aber er hatte sich geirrt. Oder vielleicht war er auch nur einsam gewesen. Auf jeden Fall war die Anziehung, die sie zusammengeführt hatte, bereits nach dem ersten Wochenende verschwunden, und sie hatten sich freundschaftlich getrennt. Nach einigen Monaten hatte Lucy ihn dann angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie schwanger war.

Sie verzog den Mund. „Tanner, warum starrst du mich so an. Macht dir das Baby zu schaffen?“

„Ja, aber nicht, wie du denkst.“

Sie schaute ihn misstrauisch an, ihr schönes Gesicht nahm einen abstoßenden Ausdruck an. „Wir haben doch bereits alles besprochen. Was willst du von mir? Ich habe getan, was du wolltest, ich habe das Kind zur Welt gebracht. Jetzt gebe ich es zur Adoption frei. Die Papiere sind unterschrieben. Ich werde meine Meinung nicht ändern.“

„Aber ich“, gestand er leise.

Sie sah ihn überrascht an. „Was?“

„Ich habe die Papiere nicht unterschrieben, und ich werde es auch nicht tun. Ich will das Baby behalten.“

„Verdammt, Tanner, was ist los? Wenn du irgendwelchen Hirngespinsten nachjagst, in denen ich als glückliche Mutter vorkomme, dann vergiss sie schnell wieder.“

„Solche Gedanken habe ich gar nicht“, erwiderte er. „Hier geht es nicht um dich. Für dich hat sich nichts geändert. Du verschwindest aus dem Leben des Kindes und verzichtest auf eine Besuchsregelung, als Gegenzug werde ich von dir keinen Unterhalt fordern.“

Sie strich sich eine seidene Strähne aus dem Gesicht. Ihre Nägel waren lang und mit einem dunklen Pink lackiert. „Warum sollte ich dir das glauben?“

„Weil ich die Wahrheit sage.“

Für eine Weile starrte sie ihn einfach nur an, und Tanner stockte für einen Moment der Atem. Er wusste, dass Lucy nicht verhindern konnte, dass er seine Tochter bekam, aber sie könnte alles verkomplizieren.

„Hier geht es nicht um dich“, wiederholte er. „Für dich ändert sich gar nichts. Hier geht es nur um mich und das Kind. Ich will nur, dass du die Papiere unterschreibst, die mein Anwalt dir zusenden wird.“

Sie betrachtete ihn nachdenklich. „Und wenn ich es nicht tue, wirst du mich vor Gericht schleppen“, erklärte sie kühl. „Schließlich habe ich der Adoption zugestimmt und damit gezeigt, dass ich kein Interesse an dem Kind habe.“

„Das weiß ich nicht“, gestand er ehrlich. „Das habe ich noch nicht mit meinem Anwalt besprochen.“

Sie schloss die Augen. „In Los Angeles wartet ein großartiger Job auf mich. Ich werde in einer Agentur arbeiten, in der die berühmtesten Schauspieler, Produzenten und Regisseure rein- und rauslaufen. Das ist meine Chance, in diese Kreise zu kommen.“ Sie schlug die Augen wieder auf und schaute ihn an. „Das habe ich mir schon immer gewünscht. Ich bin hübsch genug, um das Interesse eines dieser Filmmogule zu wecken. Dann werde ich heiraten. Mir ist es egal, ob diese Ehe hält oder nicht. Ich will nur meinen Fuß in der Tür haben.“ Sie seufzte. „Kinder waren bei mir nie eingeplant. Ich will keine und ich will auch unseres nicht.“

Ihre Worte hätten ihn kaltlassen sollen, schließlich kannte er ihre Einstellung, aber sie trafen ihn wie ein Dolchstoß ins Herz. Am liebsten hätte er ihr ins Gesicht geschleudert, dass er gerade das hübscheste Baby der Welt in seinen Armen gehalten hatte und dass sie etwas unendlich Kostbares einfach wegwarf. Aber er sagte kein Wort. Auf der einen Seite würde er Lucys Meinung sowieso nicht ändern können, auf der anderen war er froh, wenn diese herzlose Frau endlich aus seinem Leben verschwand. Seine Tochter war ohne solch eine Mutter besser dran.

„Niemand verlangt von dir, dass du deine Pläne änderst“, erklärte er. „Ich bitte dich nur, mir das Alleinerziehungsrecht für unsere Tochter zu geben.“

„Glaubst du denn wirklich, dass du das kannst? Was weißt du denn schon über Babys?“

„Weniger als nichts“, gab er zu. „Aber ich bin bereit zu lernen. Ich kann sie nicht hergeben, Lucy. Ich weiß, für dich ergibt das keinen Sinn, aber ich war mir in meinem ganzen Leben noch nie über etwas so sicher.“

Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher.„Du bist ein Narr, Tanner Malone, aber du hast ein großes Herz. Ich nehme an, das reicht für den Anfang.“

„Ich kann es nicht bereuen, sie in die Welt gesetzt zu haben.“

Lucy wandte sich ab. „Ich schon. Das ist der Unterschied.“ Sie winkte mit der linken Hand zur Tür. „Du weißt, wo ich wohne. Sorg dafür, dass dein Anwalt mir die Papiere vor dem fünfzehnten schickt. Danach fliege ich nach Los Angeles.“

Sie schaute noch einmal zu ihm hinüber. „Ich will auf keinen Fall, dass dieses Kind in zwanzig Jahren bei mir auftaucht. Sag ihm das.“

„Sie. Es ist eine sie.“

„Was auch immer.“

Er nickte. Es gab so viele Dinge, die er hätte sagen können, aber warum sich die Mühe machen. Er hatte bekommen, was er wollte. Vielleicht würde er eines Tages begreifen, warum jemand, der so schön und vollkommen aussah, so kalt und gefühllos sein konnte.

„Danke, Lucy. Mein Anwalt wird sich bei dir melden.“ Er wandte sich ab und ging auf die Tür zu.

„Tanner?“

Er blieb stehen und schaute über die Schulter zu ihr hinüber.

„Danke für die Blumen.“

Als er von der Geburt des Kindes hörte, hatte er ihr ein Dutzend Rosen geschickt. Er schaute auf die gelben Edelrosen, die die gleiche kalte Schönheit wie Lucy hatten.

„Gern geschehen“, erwiderte er und verließ das Zimmer. Wenn alles wie gewünscht lief, würde er Lucy nie wieder sehen müssen. Und er hoffte inständig, dass es so kommen würde.

Er war sich kaum seiner Umgebung bewusst, als er den Korridor hinunterlief. Er blieb stehen, schaute sich um und bemerkte, dass er unbewusst zurück zur Säuglingsstation gelaufen war. Er wanderte mit dem Blick über die schlafenden Babys, bevor er an einem hängen blieb. Er konnte schon jetzt das winzige Gesicht seines Kindes von den anderen unterscheiden. Das Gesicht seiner Tochter.

Erneut stieg Panik in ihm auf, und die Frage stürmte auf ihn ein, wie er diese Aufgabe bewältigen sollte. Aber trotzdem war das Gefühl, das Richtige getan zu haben, stärker als alles andere. Vielleicht machte er einen großen Fehler. Vielleicht würde er versagen, aber eines war sicher, er würde sich hundertprozentig für sein Kind einsetzen. Sie war seine Tochter, und er würde sie mit seinem Leben beschützen.

„Chef?“

Er schaute auf und sah einen großen, bulligen Mann neben sich stehen. Eine unangezündete Zigarre steckte zwischen seinen Lippen, und die Brauen waren sorgenvoll zusammengezogen.

„Was ist los, Angel?“, fragte Tanner.

Angel war einer der drei Vorarbeiter, die mit dem Bau des Krankenhausflügels beauftragt waren.

„Die Toiletten“, sagte Angel finster. „Wir haben eine falsche Lieferung bekommen. Ich habe sechsundfünfzig Toiletten bestellt, und wissen Sie, was man uns geschickt hat? Bidets. Sie wissen schon, diese seltsam geformten Dinger, in denen Sie sich Ihr Hinterteil waschen können, nachdem …“

Tanner unterdrückte ein Lachen. „Ich weiß, was ein Bidet ist. Haben Sie den Lieferanten angerufen?“

„Klar, aber sie jammern mir vor, dass eine neue Lieferung nicht sofort erfolgen könnte. Dann gibt es noch das Problem der Glühbirnen.“

Tanner begann auf den Fahrstuhl zuzugehen. Sie mussten in das Erdgeschoss fahren, um zum Anbau zu gelangen.

„Man könnte meinen, die hätten noch nie etwas von Glühbirnen gehört. Sie werden nicht glauben, was man uns stattdessen geschickt hat.“

Tanner konzentrierte sich auf die Probleme vor Ort. Er würde sich sofort mit Angel und den anderen beiden Vorarbeitern zusammensetzen und die Sache klären müssen. Dann würde er zum Buchhalter fahren und sich über den jüngsten Stand der eingegangenen Zahlungen informieren. Und um achtzehn Uhr würde er Kelly Hall treffen. Verflixt, hoffentlich schaffte er das alles.

Doch statt entmutigt zu sein, lächelte er unbeirrt weiter. Schließlich wurde ein Mann nicht jeden Tag Vater.

Kelly schlug ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte. Sei da, flehte sie innerlich, während sie darauf wartete, dass ihre Freundin den Hörer abnahm. Dabei schaute sie zur Wanduhr hinüber. In genau zehn Minuten würde sie ihren ersten Patienten empfangen, sodass sie kaum Zeit zu reden hätten, wenn Ronni nicht bald abnehmen würde. Sie ließ ihre Patienten nicht gern unnötig warten, das war schon unvermeidlich, wenn sie wegen einer Geburt verhindert war.

„Dr. Powers“, hörte sie schließlich die vertraute Stimme.

Kelly seufzte erleichtert. „Ich bin es, Kelly, und ich habe etwas wirklich Dummes getan.“

Ronni Powers, eine Kinderärztin, die ihr in den letzten drei Jahren eine gute Freundin geworden war, lachte. „Etwas Dümmeres als ich? Ich hatte Sex ohne zu verhüten und bin jetzt schwanger. Wie willst du das schlagen?“

Kelly lächelte. „Hör doch auf. Du freust dich doch wie verrückt auf dein Baby.“

„Freuen schon, trotzdem stehe ich immer noch unter Schock. Außerdem sollte ich mich eigentlich wie ein verantwortungsbewusster Erwachsener benehmen.“

„Das tust du ja die meiste Zeit.“ Kelly legte eine Pause ein und überlegte, wie sie ihre Frage am besten formulieren sollte. „Ich muss wissen, ob Tanner Malone ein Mann ist, dem man vertrauen kann.“

„Das ist deine dumme Sache?“

„Ja. Hast du von dem Baby gewusst?“

„Klar“, erwiderte Ronni. „Ryan hat mir davon erzählt. Tanner hatte im Sommer eine flüchtige Beziehung zu einer Frau, und die Frau wurde schwanger. Der Geburtstermin müsste in diesen Tagen sein, nicht wahr?“

„Sie hat ihr Baby heute bekommen“, erklärte Kelly.

„Das wusste ich nicht. Nun, soweit ich weiß, sind beide übereingekommen, das Baby zur Adoption freizugeben. Gibt es ein Problem?“

„Das hängt davon ab, wie vertrauenswürdig dieser Tanner ist. Er hat seine Meinung geändert. Er will seine Tochter behalten.“

Ronni schwieg einen Moment. Kelly konnte sich die Überraschung in den grünen Augen ihrer Freundin vorstellen.

„Tanner will das Baby behalten?“

„Das hat er vor. Soweit ich unterrichtet bin, will Lucy nach wie vor nichts mit dem Kind zu tun haben, also wird Tanner das alleinige Erziehungsrecht erhalten. Glaubst du, er schafft es, ein Kind großzuziehen?“ Kelly rieb sich die Schläfe. „Ich fühle mich ein wenig verantwortlich. Ich bin diejenige gewesen, die ihn dazu aufgefordert hat, sein Baby auf den Arm zu nehmen. Du weißt doch, wie es ist, ein Neugeborenes zu halten.“

„Das ist wirklich eine Überraschung“, sagte Ronni. „Ich bin erstaunt über Tanners Sinneswandel. Aber glücklicherweise ist Tanner wirklich ein patenter Mann. Er geht wundervoll mit Ryans Kindern um, als Onkel ist er unschlagbar. Allerdings ist Vater zu sein noch mal etwas anderes.“

„Das finde ich auch“, pflichtete Kelly ihr bei. „Ich weiß, wie viele Alleinerziehende es mittlerweile gibt, aber die meisten hatten Zeit, sich auf ihre Aufgaben als Eltern vorzubereiten. Tanner hat die Entscheidung heute getroffen und muss morgen bereits das Baby mit nach Hause nehmen.“

„Du hast recht“, erwiderte Ronni. „Wegen des Anbaus kann er sich noch nicht einmal einige Wochen frei nehmen. Er arbeitet praktisch rund um die Uhr und bekommt kaum genügend Schlaf. Was hat er sich nur dabei gedacht?“

„Du glaubst also, dass es falsch war, ihn zu ermutigen?“

„Nein, auf keinen Fall“, sagte Ronni bestimmt. „Auch wenn die Fakten dagegen sprechen, wie kann es falsch sein, wenn ein Mann sein Kind liebt? Und komm mir jetzt nicht damit, dass ein Kind bei einer Mutter besser aufgehoben wäre. Das glaube ich nämlich nicht und du ebenso wenig.“

„Nein, das glaube ich nicht.“ Wie auch? Ihre Mutter war kurz nach der Geburt gestorben, und ihr Vater hatte sie allein aufgezogen. Ihrer Meinung nach hatte er großartige Arbeit geleistet. Niemand hätte liebevoller oder fürsorglicher sein können als ihr Vater.

„Es geht also nur darum, Tanner so schnell wie möglich in seine Vaterrolle einzuführen“, erklärte Ronni, und Kelly hörte, wie ihre Freundin in ihrem Terminkalender herumblätterte. „Morgen habe ich frei“, fuhr sie dann fort. „Ich werde mit Ryan sprechen und sehen, dass wir zu ihm fahren und ihm helfen. Ein paar Übungen mit einer Puppe sollten ihm zeigen, wie man eine Windel wechselt.“

Kelly musste ein Lächeln unterdrücken. „Ja, ich werde ihm ebenfalls helfen. Ich denke, dass ist das Mindeste, was ich tun kann, schließlich steckt er auch meinetwegen in Schwierigkeiten.“

„Deinetwegen? Du warst nicht diejenige, die das Kind bekommen hat.“

Kelly spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und sie presste ihre freie Hand gegen ihr Gesicht. „Ich weiß, aber trotzdem. Ich werde ihn heute Abend treffen. Wir wollen zu einem Babyausstattungsgeschäft fahren. Er braucht Kinderzimmermöbel und noch vieles andere.“

„Dr. Hall, du hörst dich so nervös an.“

„Unsinn. Ich habe nur auf die Uhr geschaut, meine ersten Patienten werden bestimmt schon im Wartezimmer sitzen.“

„Das mag stimmen, trotzdem kommt es mir so vor, als ob du an Tanner interessiert wärst.“

„Du bist ja verrückt. Ich helfe nur einem Freund aus.“

„Oh. Seit wann seit ihr denn Freunde?“

Kelly starrte finster aufs Telefon. „Also gut. Ich helfe einem Menschen, der in Not ist.“

„Du willst dir nur nicht die Wahrheit eingestehen. Ich glaube, dass du ihn umwerfend attraktiv und sexy findest.“

„Ich bin lediglich um einen Mann besorgt, der plötzlich Vater geworden ist und nicht die geringsten Kenntnisse mitbringt. Ich denke ans Baby und nicht an Tanner.“

Ronni seufzte.„Also gut. Wie du willst, trotzdem kann ich dir sagen, dass diese Malone-Brüder wirklich nicht ohne sind.“

Kelly lächelte. Ronni würde Ryan Malone Ende dieses Monats heiraten. „Ich glaube, dass deine Beziehung zu Ryan deine Objektivität beeinflusst.“

„Vielleicht, aber nur zu deinem Besten. Und mal davon abgesehen, wäre es so schlimm, wenn du an Tanner interessiert wärst? Du hast bereits die letzten drei Jahre ohne Mann gelebt.“

„Red nur weiter. Ich nehme gern Ratschläge von einer Frau an, die ungewollt schwanger geworden ist.“

Ronni lachte. „Oh, danke, dass du mir das so ins Gesicht schleuderst. Denke trotzdem darüber nach, was ich dir gesagt habe. Es wäre schade, wenn du diese Chance nicht wahrnimmst.“

„Sag Auf Wiedersehen, Ronni.“

„Bye.“

Kelly lächelte immer noch, als sie den Hörer auflegte. Sie erhob sich und ignorierte die leise Stimme, die ihr zuflüsterte, dass Ronni vielleicht recht haben könnte.

3. KAPITEL

Kelly warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Vier Minuten nach sechs. Nicht schlecht, wenn man bedachte, dass sie sogar noch bei einer Buchhandlung vorbeigeschaut hatte, um etwas für Tanner zu kaufen. Sie lief durch die Schwingtüren, die den neuen Flügel, an dem noch gebaut wurde, mit dem Krankenhaus verbanden, bahnte sich den Weg durch herunterhängende Plastikplanen und fand sich plötzlich in einem Ameisenhaufen wieder.

Obwohl für die meisten Menschen dieser Stadt der Arbeitstag vorbei war, hämmerten und bohrten hier zumindest noch ein Dutzend Arbeiter. Hier sollten einmal die Kinderklinik und neue Laborräume untergebracht werden, aber noch musste man sehr viel Fantasie haben, um sich das vorstellen zu können.

Sie lief nach rechts. Tanner hatte ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen und ihr in groben Zügen erklärt, wie sie zu seinem Büro gelangte.

Es war nicht schwer zu finden. Büro und ein riesiger Pfeil war in roter Farbe auf die rohen Wände gesprüht. Sie folgte dem Zeichen und betrat schließlich einen mittelgroßen Raum, in dem ein Schreibtisch und mehrere Stühle standen und dessen Wände mit Bauplänen bedeckt waren.

Tanner saß hinter dem Schreibtisch, las konzentriert Listen durch und machte sich Notizen. Das grelle Licht der Deckenbeleuchtung war nicht schmeichelnd, aber er sah immer noch so gut aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Kelly lehnte sich gegen den Türrahmen und betrachtete Tanner. Er war in seine Arbeit versunken und hatte ihre Gegenwart noch nicht bemerkt. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie viel mehr an Arbeit und Verantwortung jetzt durch das Baby auf ihn zukam. Es würde eine der schwierigsten Prüfungen seines Lebens werden. Sie hoffte nur, dass er sie bestand.

„Fertig? Können wir einkaufen fahren?“, fragt sie.

Er hob den Kopf und lächelte. Dieses charmante Lächeln, das sie wieder zu einer schüchternen Sechszehnjährigen werden ließ, die Herzklopfen und weiche Knie bekam. Ja, Tanner Malone war wirklich eine aufregende Mischung aus männlicher Schönheit und Charme. Sie war jetzt zweiunddreißig, und noch nie hatte ein Mann solch eine umwerfende Wirkung auf sie gehabt.

„Kelly“, sagte er erfreut. „Danke, dass Sie hergekommen sind. Ich musste noch einige Schreibarbeiten erledigen.“

„Kein Problem. Ich musste sowieso noch etwas für Sie kaufen.“

Sein Blick fiel auf die Tasche, die sie trug. „Normalerweise mag ich unerwartete Geschenke, aber diesmal bin ich nicht sicher, ob es mir gefallen wird.“

„Keine Angst. Es wird Sie nicht beißen.“ Sie legte die Tüte auf den Tisch und wartete, bis er das Buch herausgeholt hatte.

Babys erstes Jahr“, las er. „Es ist ganz schön dick.“

„Ja, aber Sie finden viele Fotos und tonnenweise wertvolle Informationen darin. Alles, was Sie wissen müssen, um die ersten zwölf Monate zu überstehen.“ Sie wies auf ein Stück Papier, das im Buch steckte. „Ich habe die Seiten markiert, auf denen Vorschläge zum Kauf von Babysachen und Kindermöbeln gemacht werden.“

Tanner öffnete das Buch und überflog eine Seite. Sein Gesicht nahm einen schockierten Ausdruck an. „Diese Liste ist länger als die notwendigen Materialien für den gesamten Anbau.“

Sie lächelte. „Nicht ganz. Aber Babys brauchen nun einmal viele Dinge. Wie sieht es mit Ihrem Konto und Ihren Kreditkarten aus?“

„Gut.“ Er lächelte. „Ich habe einen großen Überziehungsspielraum.“

„Oh, gut. Den werden Sie brauchen.“

„Das glaube ich gern.“

Er erhob sich, griff zu seiner Jacke und nahm dann das Buch in die Hand. „Es ist wohl besser, wenn wir jetzt losgehen.“ Er sah ziemlich mitgenommen aus.

„Geht es Ihnen gut?“

„Ja. Ich versuche nicht zu viel nachzudenken. Allein der Gedanke, dass ich morgen Nachmittag ein Baby in meinem Haus habe, weckt in mir den Fluchtinstinkt.“

„Sie werden sehen, es wird alles großartig laufen. Sie müssen einfach einen Schritt nach dem anderen machen.“

„Sie haben leicht reden, Sie sind Ärztin.“ Er folgte ihr durch die Schwingtür und ging mit ihr durch die Halle des Krankenhauses. „Ich fahre einen Explorer. Der hat genug Stauraum für unsere Einkäufe.“

„Gut“, erwiderte sie, obwohl sie bezweifelte, dass eine Fahrt ausreichen würde. Allein die Möbel würden schon sehr viel Platz wegnehmen.

Tanner zog sein Jackett an und hielt ihr dann die Tür auf. Sein Wagen stand auf dem großen Hauptparkplatz des Krankenhauses, der erst kürzlich im Zuge des Anbaus erweitert worden war.

„Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mir helfen“, erklärte er, während er Kelly zu seinem schwarzen Explorer führte. „Ich kann mir denken, dass Sie eine viel beschäftigte Frau sind, und es ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie mir Ihre kostbare Zeit schenken.“

„Ich freue mich, dass ich Ihnen helfen kann“, erwiderte sie ehrlich. „Die meisten Eltern haben monatelang Zeit, um sich an die Idee zu gewöhnen, dass sie bald ein Baby um sich haben werden. Sie besuchen Kurse, kaufen langsam ein Stück nach dem anderen ein. Aber Ihnen stehen lediglich vierundzwanzig Stunden zur Verfügung. Das stellt eine ganz schöne Herausforderung dar.“

Er lächelte. „Sie wollen mir damit sagen, dass es ganz normal ist, unter solchen Umständen Angst zu haben.“

„Es wäre nicht normal, wenn Sie keine hätten. Aber ich setze Vertrauen in Sie.“ Das tue ich tatsächlich, dachte sie überrascht, während er die Beifahrertür aufschloss und ihr dann die Tür aufhielt.

Sie setzte sich in den Wagen und widerstand dem Drang, an ihrem Rock zu zupfen, als er ein wenig höher rutschte und einen Teil ihrer Schenkel entblößte. Als ob Tanner überhaupt an ihren Beinen interessiert wäre. Solch ein Unsinn!

Sie wagte es, ihm einen kurzen Blick zuzuwerfen. Er hatte bereits die Tür geschlossen und ging jetzt zur Fahrerseite hinüber. Selbst als er einstieg, verlor er keine Zeit damit, auch nur einmal auf ihre Beine zu schauen. Als Frau scheinst du ihn nicht sehr zu beeindrucken, dachte sie nicht ohne Humor. Was machte es schon, dass ihr Körper in seiner Nähe auf eine Art und Weise reagierte, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Sie sollte dieses prickelnde Gefühl genießen. Es bedeutete nur, dass sie noch sehr lebendig war, nicht, dass sie auch tatsächlich etwas von Tanner wollte.

Er setzte aus der Parklücke heraus und fuhr dann auf den Ausgang zu. „Welche Richtung?“

„Kennen Sie das große Elektrogeschäft an der Ecke von Green’s Way und Carson?“

„Klar.“

„Im selben Einkaufscenter gibt es ein Babyausstattungsgeschäft.“

Er schaute zu ihr hinüber und runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher? Das habe ich nie bemerkt.“

„Das überrascht mich nicht. Wir sehen immer nur das, was uns interessiert.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht“, erklärte er und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße.

Kelly lehnte sich in den Sitz zurück und vermied es, ihren Begleiter anzuschauen. Warum faszinierte er sie so? Weil er den Mut hatte, unvorbereitet in die Rolle eines alleinerziehenden Vaters zu springen? Oder war sie es einfach leid, immer nur allein zu sein? Sie konnte sich kaum noch an ihre letzte Verabredung erinnern. Auf jeden Fall war sie nicht mehr mit einem Mann ausgegangen, seit sie nach Honeygrove gezogen war. Und sie lebte nun schon seit drei Jahren hier.

„Ich habe heute mit Ronni gesprochen“, unterbrach Tanner ihre Gedanken. „Sie sagte mir, dass Sie sie angerufen haben.“

Kelly presste die Lippen zusammen und wusste nicht, ob sie sich dafür entschuldigen sollte. Doch bevor sie noch eine Entscheidung getroffen hatte, fuhr Tanner bereits fort: „Ich kann gut verstehen, warum Sie über mich Informationen einholen wollten. Ich bin für Sie ein Fremder, der plötzlich sein Baby behalten will. Sie sorgen sich lediglich um das Wohlergehen des Kindes. Dafür bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet.“

„Gern geschehen. Ich bin froh, dass Sie meine Handlungsweise verstehen.“

„Klar. Sie wollen doch nur wissen, ob ich mich als Vater eigne.“ Er verzog leicht den Mund. „Ich weiß zwar nicht, was alles auf mich zukommt, aber ich werde mein Bestes geben. Ronni sagte mir, dass Sie einige gute Kinderschwestern kennen würde, die meine Tochter am Anfang betreuen könnten, bis sie alt genug ist, um in einer Kindertagesstätte untergebracht zu werden.“ Er seufzte. „Ich habe sogar schon daran gedacht, ob ich eine Studentin anstellen soll, die das Baby in meinem Büro betreut. Auf diese Weise würde ich mein Kind um mich haben.“

Kelly legte spontan die Hand auf Tanners Arm. „Ich weiß, dass Sie im Moment überwältigt von Ihrer neuen Verantwortung sind, aber glauben Sie mir, es ist nicht so schwer, wie es aussieht. Machen Sie immer einen Schritt nach dem anderen. Und ich finde es wirklich beeindruckend, dass Sie Ihr Kind sogar mit ins Büro nehmen wollen.“

„Ja?“ Er schaute kurz zu ihr hinüber, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße lenkte und dann in eine Parklücke setzte. „Ich wünschte, ich könnte mir eine Weile Urlaub nehmen, aber da wir mit dem Krankenhausanbau so unter Zeitdruck stehen, ist das leider unmöglich.“ Er zog die Handbremse fest und fluchte leise. „Den habe ich nie zuvor bemerkt. Dabei ist der Laden riesig.“

Kelly schaute aus dem Fenster und sah das Babyausstattungsgeschäft. Gemalte Teddybären und Häschen tummelten sich auf den Schaufenstern.

Tanner hatte inzwischen den Motor abgestellt, machte aber keine Anstalten auszusteigen. „Ich habe mit Lucy gesprochen“, sagte er. „Sie ist bereit, mir das alleinige Sorgerecht zu geben. Sie will nichts mit dem Kind zu tun haben. Ich weiß, dass unsere Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, trotzdem überrascht es mich, dass sie ihre eigene Tochter so einfach im Stich lässt. Sie scheint noch nicht einmal Schuldgefühle zu haben.“

Kelly wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Schließlich hatte sie ihr Kind ebenfalls weggegeben. Aber für sie war es zu keinem Zeitpunkt leicht gewesen. Selbst jetzt, fünfzehn Jahre später, wurde sie von ihren Schuldgefühlen verfolgt, und ein dumpfer Schmerz war geblieben. „Das ist schon seltsam. Ich weiß aus Erfahrung, dass nicht jede Frau so kalt reagiert.“

„Lucy ist eben Lucy“, erklärte er und schaute Kelly an. „Hören Sie. So viel rede ich sonst selten. Es tut mir leid, dass ich meine Sorgen auf Sie ablade.“

„Sie brauchen sich nicht dafür zu entschuldigen, Tanner. Wirklich nicht“, beruhigte sie ihn. „Ich höre Ihnen gern zu. Sie haben eine bedeutende Entscheidung getroffen, und ich finde, Sie sind dafür erstaunlich gelassen.“

„Das sieht nur so aus.“

„Schon bald wird die Ruhe auch wieder in Ihrem Inneren einkehren. Sie und Ihre Tochter werden sich schnell aneinander gewöhnen. So sehr, dass Sie sich bald ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen können. Ich freue mich, Anteil daran zu haben.“

„Ich habe das dumpfe Gefühl, dass ich diese Entscheidung nur getroffen habe, weil ich keine Ahnung hatte, wie schwer der Anfang sein wird“, murmelte er seufzend.

Kelly musste lachen und stieß die Tür auf. „Leider muss ich Ihnen recht geben. Aber jetzt kommen Sie, wir haben viel zu tun.“

Ihre Worte klangen Tanner noch in den Ohren, als er sich ein paar Stunden später erschöpft inmitten der neu erstandenen Sachen auf den Boden setzte. Die Einkäufe waren eine Tortur für ihn gewesen. Nie im Leben hätte er geglaubt, dass so ein kleines Wesen so viel benötigte, und dass es dazu noch in so viel Varianten angeboten wurde. Vor lauter Schleifchen, Herzchen und Bärchen war ihm ganz schwindlig geworden. Nein, ohne Kelly hätte er das niemals durchgestanden. Er legte sich auf den weichen Teppichboden und musste plötzlich lächeln. Kelly! Der Himmel musste ein Einsehen mit ihm gehabt haben und ihm mit seiner neuen Aufgabe gleich einen Engel mitgeliefert haben. Das war das sicherste Zeichen für ihn, dass er endlich einmal in seinem Leben auf dem richtigen Weg war. Auch wenn er wusste, dass es noch einige Hindernisse auszuräumen galt, war er doch fest entschlossen, ihn zu gehen. Er schaute zu dem kleinen Bett hinüber, in dem seine Tochter bald schlafen würde. Er war jetzt Vater, und er spürte, wie sein Herz vor Stolz und Freude anschwoll, aber auch vor Angst schneller klopfte.

4. KAPITEL

Es war kurz nach acht Uhr, als Kelly am nächsten Morgen an Tanners Haustür klopfte. In den Händen hielt sie zwei Becher Kaffee und eine Tüte mit Bagels und Frischkäse. Sie konnte sich vorstellen, dass Tanner in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum etwas zu sich genommen hat.

Sie hörte Schritte im Inneren des Hauses, und dann wurde die Tür geöffnet.

„Guten Morgen“, sagte er.

Kelly brachte kaum eine Antwort hervor. Er musste die Nacht kaum geschlafen haben. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, und er wirkte erschöpft, aber er hatte sich geduscht und rasiert und sein noch feuchtes Haar glänzte in der Morgensonne. Wie gestern trug er Jeans, aber statt des langärmligen Hemdes hatte er heute ein verwaschenes T-Shirt angezogen.

„Guten Morgen“, stieß sie im zweiten Versuch hervor. „Sie sehen müde aus. Haben Sie in der Nacht überhaupt ein Auge zugemacht?“

Er zuckte die Schultern, diese breiten, muskulösen Schultern, und ihr Herz begann gegen ihren Willen schneller zu schlagen.

„Ein paar Stunden. Die meiste Zeit habe ich gegrübelt und mir Sorgen gemacht.“

„Es wird alles bestens laufen. Sie werden sehen“, tröstete sie ihn und reichte ihm seinen Kaffee, während sie ins Haus trat. „Schließlich sind Sie nicht allein. Ronni wird kommen und Ihnen eine Lektion in Babypflege erteilen, und ich bin ja auch noch da.“ Sie lächelte. „Obwohl ich Sie warnen muss, bei einigen meiner Patientinnen können jeden Moment die Wehen einsetzen. Ob Sie es glauben oder nicht, zwölf meiner Patientinnen werden in den nächsten vier Wochen ihr Baby bekommen.“

Er schaute auf den Piepser, den sie am Bund ihrer Jeans festgeklippt hatte. Etwas von seiner Besorgnis wich aus seinen Augen. „Ich habe auch so ein Ding. Aber wenn mich jemand anpiepst, dann nur, weil einmal wieder eine größere Krise am Bau ist.“

„Das sind die Unterschiede unserer Berufe.“ Sie reichte ihm die Tüte. „Bagels. Haben Sie gestern Abend überhaupt noch etwas gegessen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das dachte ich mir. Wenn Männer sich in Krisensituationen befinden, hören sie einfach auf zu essen. Bei Frauen ist oft das Gegenteil der Fall. Ich habe vor Prüfungen immer wahllos in mich hineingestopft.“

Er fuhr mit dem Blick über ihren Körper und lächelte dann. „Das sieht man Ihnen aber nicht an.“

„Ich habe heute Morgen mit dem Krankenhaus gesprochen“, sagte sie rasch, um das Thema zu wechseln. „Ihre Tochter hat die Nacht gut verbracht. Sie hat geschlafen und ohne Probleme ihr Fläschchen getrunken. Sie können sie heute Nachmittag abholen.“

„Gut“, sagte er zögernd.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ronni wird spätestens in einer Stunde hier sein und Ihnen das Nötigste beibringen. Im Krankenhaus wird dann eine Schwester noch einmal das Gleiche tun. Außerdem stehe ich Ihnen am Wochenende zur Verfügung.“

„Ja, gut“, murmelte er, schien aber immer noch nicht überzeugt zu sein. „Ich habe die meisten Kindermöbel zusammengebaut und schon einige Sachen eingeräumt.“

„Ich würde gern sehen, wie weit Sie gekommen sind“, erklärte sie. „Und danach werden wir meinen Wagen ausladen.“

Gestern Abend hatten sie so viel wie möglich von ihren Einkäufen in seinen Explorer geladen, und sie hatte ihm angeboten, den Rest mit ihrem Wagen abzuholen und es ihm heute Morgen vorbeizubringen. Jetzt fehlten nur noch Babylotion und Shampoo, Babyöltücher, Windeln, ein Thermometer und einige andere kleinere Dinge.

Tanner lief einige Schritte ins Haus und blieb dann stehen. „Möchten Sie, dass ich Ihnen das Haus zeige?“, fragte er.

„Gern.“ Sie schaute sich um. Der Eingangsbereich war gerade erst tapeziert worden, und unter der Abdeckplane sah sie einen alten, aber immer noch wunderschönen Holzdielenboden.

„Hier wartet noch viel Arbeit auf mich“, erklärte er. „Ich renoviere ein Zimmer nach dem anderen. Mir fehlt einfach die Zeit, alles auf einmal zu machen. Manchmal denke ich, dass es einfacher gewesen wäre, ein paar Männer für die Arbeit einzustellen. Aber ich liebe es, dieses Haus mit meinen eigenen Händen zu renovieren.“

Er führte sie einen kurzen Flur entlang. Zu ihrer Rechten sah sie ein Esszimmer, an dessen Wände noch alte gold- und burgunderfarbene Tapete zu sehen war. Wuchtige Möbel ließen den großen Raum erdrückend und dunkel erscheinen.

„Ich habe diese Möbel von dem vorherigen Besitzer übernommen. Sie sind über hundert Jahre alt und in großartigem Zustand. Wenn ich alle Räume renoviert habe, werde ich sie aufteilen. Der Tisch und das Büfett können im Esszimmer bleiben, aber den Schrank werde ich in das Gästezimmer stellen.“

„Werden Sie die Tapete behalten?“

Ein verschmitztes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Gefällt sie Ihnen nicht?“

Sie schüttelte sich. „Sie ist scheußlich.“

„Sie würden mir nicht glauben, wie viel hässliche Dinge ich in Häusern sehe, die ich renoviere.“ Er führte sie in eine geräumige helle Küche. „Als ich die Firma übernahm, habe ich oft kleinere Aufträge angenommen. Das ist jetzt anders. Ich arbeitete lieber an einem großen Projekt als an fünfzehn kleinen.“

Er legte die Bagels auf den Schrank und trank einen Schluck von seinem Kaffee. „Die Küche ist ziemlich gut geworden.“ Sie drehte sich langsam im Kreis und schaute sich die wunderschönen Einbauschränke und die Messingabzughaube über dem modernen Herd an, der jedes Herz eines Koches schneller schlagen lassen würde. „Haben Sie die Schränke selbst gebaut?“

„Ja. Das macht mir mehr Spaß, als sie einfach nur zu bestellen. Ich brauchte fast ein Jahr dafür, aber das störte mich nicht.“

Rechts von der Küche lag ein großes Wohnzimmer, in dem zwei Sofas, einige Sessel, ein riesiger moderner Fernseher mit DVD-Player und eine Stereoanlage stand, die ein Vermögen gekostet haben musste. Durch eine Glasschiebetür konnte man in den weitläufigen Garten hinausgehen.

„Das ist wirklich hübsch“, erklärte sie. „Sie haben ein wundervolles Zuhause.“

„Danke. Das Kinderzimmer befindet sich oben. Ich habe einfach das Gästezimmer ummodelliert, weil das schon fertig war.“ Er führte sie die Treppe hinauf. „Seit ich die Firma besitze, habe ich kaum noch Zeit, etwas an dem Haus zu tun.“

Als sie den ersten Stock erreicht hatten, konnte Kelly einen Blick in sein Schlafzimmer werfen, in dem sich ein riesiges Bett, eine Sitzgruppe vor einem Kamin und ein luxuriöses Bad befand. Dann folgte sie Tanner den Flur hinunter.

Das neue Kinderzimmer war geräumig mit hellen Wänden und hübschen Erkerfenstern. Tanner hatte das Babybett und die Kommode bereits zusammengesetzt. Der Wickeltisch fehlte noch, aber er hatte schon einen Schaukelstuhl und eine Stehlampe in den Erker gestellt. Einige Plastiktüten mit Bettzeug und Babysachen erinnerten sie daran, dass sie noch den Wagen ausladen musste, aber bevor sie es noch erwähnen konnte, blieb ihr Blick an dem Mobile über dem Bettchen hängen.

Sie lief über den Teppich zum Bett hinüber und schaltete es an. Sofort erklang zarte Musik im Zimmer, und die kleinen Flauschtierchen begannen sich zu drehen. Von allen Dingen im Zimmer machte ihr das besonders bewusst, dass Tanner bald ein Baby in seinem Leben haben würde. Im Krankenhaus wartete sein eigenes Kind darauf, nach Hause kommen zu dürfen.

So viele Jahre waren vergangen, seit sie ihre Tochter zur Adoption freigegeben hatte. Der Schmerz war mit den Jahren dumpfer geworden. Die Sehnsucht nach ihr war nicht mehr so unerträglich wie früher. Es sei denn, jemand oder eine Situation brachte ihr erneut ins Bewusstsein, was sie verloren hatte.

„Woran denken Sie?“, fragte er.

„Dass Sie sich glücklich schätzen können. Sie haben eine wundervolle Tochter.“ Sie lächelte ihm kurz zu. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht so emotional werden. Es ist nur so, dass ich mir immer eine große Familie gewünscht habe und es nicht so aussieht, als ob das jemals geschehen würde.“

Er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme über der Brust. „Warum nicht? Sie könnten bereits ein halbes Dutzend Kinder Ihr Eigen nennen.“

Sie musste lachen. „So viele wollte ich nun auch wieder nicht.“ Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie fortfuhr: „Ich bin nicht sicher, was eigentlich der Grund für mein Singledasein ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass mir das Medizinstudium und die Ausbildungsjahre danach nicht viel Zeit für ein Privatleben gelassen haben.“

„Und was ist jetzt Ihre Entschuldigung?“

Was hatte sie für eine Entschuldigung? Sie konnte ihm nicht gestehen, dass sie Schuldgefühle und Komplexe wegen ihrer Vergangenheit hatte. Dass sie überzeugt war, dass kein Mann sie akzeptieren würde, wenn er erst die Wahrheit über sie erfuhr.

„Ich bin nicht sicher, ob ich eine Entschuldigung habe“, erklärte sie. „Aber man braucht Zeit, bis man in einer neuen Stadt Anschluss findet. Und bis jetzt habe ich noch niemanden getroffen, der mich ernsthaft interessieren würde.“

Er verzog das Gesicht. „Das verstehe ich. Bei mir ist das Gegenteil der Fall, ich hatte zu viele Beziehungen, aber das wird sich jetzt ändern.“

Sie konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. „Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse. Viele Frauen werden Sie mit einem Kind noch attraktiver finden.“

„Es geht nicht um die Frauen“, sagte er. „Sondern um mich. In den letzten Monaten habe ich viel über mein Leben nachgedacht, und es gibt vieles, auf das ich nicht gerade mit Stolz zurückblicke. Aber damals war ich auch frei und unabhängig. Jetzt habe ich ein Kind, an das ich denken muss. Meine Tochter verdient einen Vater, der verantwortungsbewusst ist und richtige Entscheidungen trifft. Ich möchte, dass sie stolz auf mich ist.“

Kelly musste zugeben, dass Tanner weitaus mehr Tiefgang besaß, als sie anfänglich angenommen hatte. Hinter seinen Muskeln, den unglaublich blauen Augen und dem charmanten Lächeln hatte sie einen oberflächlichen Playboy vermutet. Und diese Vermutung war falsch gewesen.

Es klingelte an der Haustür.

„Ich wette, das ist Ronni. Sie hat wahrscheinlich Ryan mitgebracht“, sagte er, während er zur Treppe und ins Erdgeschoss hinunterlief.

Kelly folgte ihm. Ronni und Ryan hatten sich selbst hereingelassen und standen bereits in der Küche. Ryan hielt einen Behälter mit drei Bechern Kaffee und eine pinkfarbene Schachtel einer Bäckerei hoch. „Ich sehe, dass wir beide daran gedacht haben, Frühstück mitzubringen“, stellte er mit einem Lächeln fest.

„Ich freue mich euch zu sehen“, erwiderte Kelly. „Ich habe Bagels mit Frischkäse gekauft.“

Ronni stellte das hübsch verpackte Geschenk ab und schob es zu Tanner hinüber. „Hier, ich habe dir etwas mitgebracht. Öffne es, Dad.“

Tanner schaute erstaunt auf die Schachtel. „Für mich?“

„Nein, für deine Tochter.“

„Oh, danke“, erklärte er etwas verwirrt, nahm die Schachtel in die Hände und schaute sich das Papier an. Es war mit pinkfarbenen Engeln und verschlungenen malvenfarbenen Herzen bedruckt. In die Schleife war eine kleine pinkfarbene Rassel gebunden. Schließlich riss er das Papier auf und öffnete den Deckel der Schachtel.

Als Erstes zog er ein pfirsichgelbes Kleidchen heraus, das mit kleinen Schleifchen und Spitze besetzt war.

„Ist das süß“, rief Kelly begeistert aus. „Ronni, das ist bezaubernd.“

„Ich weiß. Ich habe mich auch sofort in dieses Kleidchen verliebt. Ich kaufe wirklich gern für Drew und Griffin ein“, erwähnte sie die beiden Jungen von Ryan, „aber für ihre Schwester einzukaufen macht mir einfach mehr Spaß.“

„Ist das ein Kleid?“, fragte Tanner zweifelnd. „Braucht sie überhaupt ein Kleid?“

„Alle Mädchen brauchen das, wenn sie ausgehen“, erklärte Ronni, die sich einen Bagel genommen hatte und herzhaft hineinbiss.

Tanner starrte das winzige Kleid an, als ob es ein gefährliches Beweisstück für ein Komplott gegen die Regierung wäre.

„Was ist sonst noch in der Schachtel“, fragte Kelly rasch, um ihn etwas abzulenken.

„Da ist noch mehr?“, fragte er, eher alarmiert als erfreut.

Sie bemerkte, dass Ryan nicht viel zu der Unterhaltung beitrug, aber er schien sich köstlich über seinen Bruder zu amüsieren.

„Nun, danke“, sagte Tanner, während er einen hübschen waschbaren Teddybär herausholte. Dann fiel sein Blick auf das Buch, das ganz zuunterst in der Schachtel lag. Es war ein Anleitungsbuch für Väter, die sich über eine Tochter freuen durften. „Das brauche ich ganz bestimmt. Mir ist schließlich klar geworden, dass ich nie etwas von Frauen verstanden habe.“

„Glücklicherweise wird es noch lange dauern, bis sie eine Frau ist“, warf Kelly ein. „Bis es so weit ist, haben Sie bestimmt eine Menge dazugelernt.“

Ronni schaute erstaunt zu Kelly und dann zu Tanner hinüber. „Ihr siezt euch noch? Sie gehört doch praktisch zur Familie. Schließlich ist sie meine beste Freundin.“

Während Kelly Ronni am liebsten an den Hals gesprungen wäre, lächelte Tanner nur gelassen. „Bei Ärztinnen habe ich immer Hemmungen“, sagte er humorvoll. „Sie strahlen so viel Autorität aus.“

Nun musste Kelly lachen. „Es ist schon in Ordnung, Tanner. Du willst ja nur hören, wie gern ich dich duzen würde.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als ihr Piepser losging. Sie schaute auf das Display und sah die Nummer des Krankenhauses. Der Code, der folgte, verriet ihr, dass eine ihrer Patientinnen in den Wehen lag.

„Ich muss los“, erklärte sie, während sie ihr Handy aus der Tasche zog und die Hebamme anrief.

Tanner nickte. „Ich werde rasch deinen Wagen ausladen.“

Als sie zwei Minuten später zum Wagen ging, hatte er die meisten der Sachen bereits ausgepackt und hielt gerade eine kleine Reisetasche hoch.

„Die kannst du mit reinnehmen“, sagte sie. „Darin ist alles, was ich für eine Nacht brauche.“

„Du kommst also zurück?“ Als sie die Panik hörte, die in seiner Stimme mitschwang, musste sie ein Lächeln unterdrücken. „Ich versprach dir, zu bleiben, und ich werde mein Wort halten.

Ich glaube nicht, dass diese Geburt lange dauern wird, also kannst du mich am Nachmittag zurückerwarten. Wann wirst du das Baby abholen?“

„So gegen elf Uhr“, erklärte er und schluckte nervös. „Du kommst also wirklich wieder?“

Sie berührte leicht seinen Arm und spürte die harten Muskeln unter ihrer Hand. „Mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut gehen. Ryan und Ronni sind ja noch hier. Sie wird dir gleich einige Lektionen in Babypflege geben, und das wird dir helfen, Selbstvertrauen zu finden. Musstest du nicht auch dazu lernen, als du die Firma übernahmst?“

Er nickte. „Aber da ging es nicht um das Wohlergehen eines Kindes.“

„Du wirst alles richtig machen, und ich könnte wetten, dass es dir sogar gefallen wird, Vater zu sein.“

„Hoffentlich.“

„Das verspreche ich dir. Bis später dann.“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen und fuhr los. Eine freudige Erregung breitete sich bei dem Gedanken in ihr aus, dass sie noch heute in Tanners Haus zurückkehren würde, und obwohl sie sich einredete, dass es nur wegen des Babys war, konnte sie sich doch nicht ganz davon überzeugen. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass dieser Mann bereits sehr wichtig für sie geworden war.

„Also gut, ich weiß, dass du dir Sorgen machst“, sagte Tanner, als er auf die Hauptstraße fuhr und sich zwang, sich dem Verkehr anzupassen. Am liebsten wäre er jetzt zwanzig Meilen in der Stunde gefahren, um ganz sicherzugehen, dass er sein Kind gut nach Hause brachte.

An der Ampel warf er einen Blick auf den Rücksitz und sah, dass seine Tochter fest schlief. Sein Herz quoll vor Liebe über, erzitterte aber auch vor Angst. Es war ein Gefühl, als ob man ihm einen Herzenswunsch erfüllt und gleichzeitig in den Magen geschlagen hätte. Nichts würde mehr so wie vorher sein.

„Wir beide schaffen das schon“, versprach er und wandte sich dann wieder der Straße zu. „Ich habe mehr als einmal in meinem Leben unverzeihliche Fehler gemacht, aber verdammt noch mal, ich schwöre, dass mir das bei dir nicht passiert.“ Er legte eine Pause ein und räusperte sich. „Wahrscheinlich sollte ich damit anfangen, dass ich in deiner Gegenwart nicht mehr fluche. Entschuldige. Weißt du, ich habe noch nicht sehr viel Erfahrung darin, Vater zu sein. Aber mit dir zusammen schaffe ich es. Ich werde immer für dich da sein, das verspreche ich dir. Was auch passieren mag. Ryan war auch immer für mich da, obwohl er nur ein Jahr älter war als ich. Und ich bin jetzt siebenunddreißig, Kind.“

Er schaute erneut zu ihr hinüber. „Hört sich das alt für dich an?“ Er war nicht überrascht, dass sie nicht antwortete.

Er holte tief Luft. Er konnte sich nicht erinnern, sich je so unsicher gefühlt zu haben. Er hatte Angst, alles falsch zu machen. Er war überwältigt von der Aufgabe, der er sich jetzt gegenübersah. Vielleicht wurde es mit der Zeit leichter. Er konnte es nur hoffen.

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