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Berufsbildung

Vorwort des Herausgebers

Nach über 30 Jahren hat Emil Wettstein sein im Jahr 1987 bei Sauerländer erschienenes Buch über die Entwicklung der Berufsbildung überarbeitet und durch Ausführungen über die jüngste Geschichte ergänzt. In diesen 30 Jahren hat die Schweizer Berufsbildung eine ihrer schwierigsten Phasen durchlebt, als nach der Lehrstellenkrise in den 1990er-Jahren eine Kantonalisierung der Berufsbildung drohte. Sie hat mit dem neuen Bundesgesetz von 2002 aber auch eine Aufwertung erfahren, die zum nationalen und internationalen Erfolg der letzten Jahre geführt hat.

Die Überarbeitung der Ausgabe von 1987 war wichtig, um die letzten Entwicklungsetappen nachzuzeichnen und auch einige Aspekte aus der Vergangenheit neu zu beleuchten. Möglich wurde dies auch dank wissenschaftlicher Untersuchungen zur Geschichte der Berufsbildung, die ab den 1990ern durchgeführt wurden und dank denen nun ein breiteres wissenschaftliches Fundament für die Rekonstruktion der Geschichte der Berufsbildung in der Schweiz zur Verfügung steht.

Die Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Neufassung des Werks von Emil Wettstein rühren aber auch daher, dass erkannt wurde, wie wichtig es ist, die historische Dimension zu berücksichtigen, wenn man verstehen will, wie die Berufsbildung in der Schweiz im Detail funktioniert. Bei der Aufgliederung ihrer Komplexität kommt man nicht um die historischen Faktoren herum, denn nur mit ihnen lassen sich einige Besonderheiten des Schweizerischen Berufsbildungssystems erklären.

Die Anerkennung der Berufsbildung kontrastiert jedoch auch stark mit dem Nichtwissen vieler Akteure über ihre Vergangenheit, denn historische Aspekte wurden lange ignoriert oder ins Anekdotische verklärt. Wer von den Akteurinnen und Akteuren der Berufsbildung kennt schon die Jahreszahl des ersten Berufsbildungsgesetzes und wie viele können die damals schwierigen jahrzehntelangen Verhandlungen zwischen der Politik und Wirtschaft schildern, bis schliesslich und endlich das erste Schweizer Berufsbildungsgesetz 1930 verabschiedet und 1933 in Kraft gesetzt werden konnte. Damit war der entscheidende Wendepunkt erreicht: Das duale System und die öffentlich-private Partnerschaft, die richtigerweise so gepriesen werden, festigten sich und etablierten sodann ein Gleichgewicht, das grosso modo heute noch besteht.

Die Sichtweise auf die Geschichte der Berufsbildung begann sich zu ändern, und es ist kein Zufall, dass historische, rechtliche und systemspezifische Aspekte der Berufsbildung in den letzten Jahren in die Curricula der Ausbildung von Berufsbildungsverantwortlichen Eingang gefunden haben.

Anderseits haben die jüngsten internationalen Erfolge des Schweizer Modells ein verstärktes Interesse für deren geschichtliche Hintergründe hervorgerufen. Bei der Begegnung mit Expertinnen und Experten aus anderen Ländern, die das Schweizer System kennenlernen möchten, zeigt es sich, dass der historische Ansatz bei der Darstellung oft unverzichtbar ist. In den Gesprächen mit ausländischen Partnern tauchen oft auch interessante Fragen auf: Wie konnte die Schweiz ein duales Berufsbildungsmodell entwickeln? Warum sind die Schweizer Unternehmen bereit, sich so stark für die Berufsbildung junger Menschen zu engagieren? Diese Fragen können nur beantwortet werden, wenn man einen Blick zurück in die eidgenössische Vergangenheit wagt.

Diese Vergangenheit reicht – wie Emil Wettstein in seinem Buch sehr schön nachzeichnet – bis weit ins Mittelalter zurück, als die Zünfte für das Erlernen eines Berufs die Lehre einführten.

Die Vergangenheit zeigt aber auch, welche Fortschritte nach scheinbar geringfügigen Entscheidungen und vielen Kompromissen erzielt werden konnten. So ist schliesslich um die Jahrhundertwende von 1900 aus der traditionellen Lehre der Zünfte das duale System entstanden, das wir heute kennen.

Das überarbeitete Buch von Emil Wettstein bietet somit eine solide Grundlage, die viele Eigenheiten des Schweizer Berufsbildungssystems begreiflich machen und dabei helfen kann, dessen heutige Funktionsweise besser zu verstehen. Es enthält eine Vielzahl präziser und klar dargestellter Informationen in einer eingängigen Textstruktur. Ergänzend wird eine umfassende Liste mit Dokumenten angeführt, anhand deren Interessierte die angesprochenen Themen im Internet weiter vertiefen können.

Wir wünschen diesem Buch anhaltenden Erfolg und vor allem, dass das Wissen über die Entwicklung der Berufsbildung auch bei den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren stärker ins Bewusstsein rückt. Denn dies ist unerlässlich, wenn wir das Schweizer System besser verstehen und so auch besser lenken sowie an die Herausforderungen der Zukunft anpassen wollen.

Stephan Campi

Nationaler Leiter Ausbildung

Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB

Zu diesem Buch

«Berufsbildung − Entwicklung des Schweizer Systems» besteht aus drei Teilen:

Die ersten 40 Seiten vermitteln einen Überblick über die Entwicklung. Für manche Leserinnen und Leser wird dies bereits genügen. Ergänzt wird dieser Überblick auch eine Zeittafel (hier und hier) in der Vorgänge in der Berufsbildung wichtigen Ereignissen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gegenüber gestellt werden. Hinweise führen zu Vertiefungen der Themen im zweiten Teil.

Im zweiten Teil werden 33 Themen vertieft behandelt − soweit dies im beschränkten Umfang möglich ist. Wer noch mehr zum jeweiligen Thema erfahren will oder an den Quellen der Aussagen interessiert ist, beachte die blauen Vermerke, zum Beispiel [1999b] oder [BMS]. Sie beziehen sich auf den Materialband, den dritten Teil des Werkes.

Der Materialband existiert ausschliesslich als PDF-File. Er kann kostenlos von www.hep-verlag.ch/berufsbildung heruntergeladen oder mittels Suchmaschinen unter dem Begriff «Berufsbildung Entwicklung – Materialienband» gesucht werden. Er besteht in erster Linie aus meinem elektronischen «Zettelkasten» mit über 1000 chronologisch geordneten Einträgen, die mittels Volltextsuche über die erwähnten Vermerke, zum Beispiel [1999b] oder über Schlagworte wie [BMS], gefunden werden können. Weiter enthält der Materialband auch das Literaturverzeichnis für alle drei Teile des Werkes.

«Berufsbildung − Entwicklung des Schweizer Systems» ist ein Sachbuch, keine wissenschaftliche Publikation. Ich bin nicht Historiker, sondern ein Praktiker, der sich seit fast fünf Jahrzehnten mit der Berufsbildung befasst. Das Buch beruht in erster Linie auf Literaturrecherchen (siehe den «Zettelkasten»), ergänzt durch Gespräche mit Fachleuten, die aus ihrer Erfahrung berichtet haben.

Ich habe versucht, die Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert darzustellen, endend mit der Umsetzung der 2002 beschlossenen Version des Berufsbildungsgesetzes. Neuere Ereignisse habe ich nur ausnahmsweise erfasst – in der Meinung, die Bedeutung einer Entwicklung könne erst nach einiger Zeit eingeschätzt werden.

Lorenzo Bonoli wurde mir vom EHB als wissenschaftlicher Begleiter zur Seite gestellt. Ich danke ihm herzlich für seine Mitarbeit. Mein Dank geht ebenfalls an meine Gesprächspartnerinnen und -partner, insbesondere an Philipp Gonon, Heinz Ochsenbei, Peter Sigerist und René Zihlmann, an den Lektor, Christian de Simoni, und an den Verlag, der auch dieses Buch wieder mit Engagement und Sachkenntnis aufgelegt hat.

Emil Wettstein, im März 2020

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Zu diesem Buch

Abkürzungen

Zeittafel

Übersicht über die Entwicklung

Anfänge der Berufsbildung

Zünfte − Blütezeit und Niedergang

Konkurrenzfähigkeit durch Qualifizierung der Arbeitenden

Basisausbildung als Voraussetzung für die Berufsbildung

Zwei Wege der beruflichen Grundbildung

Zwei Systeme im Wettbewerb

Kaufmännische Berufsbildung

Landwirtschaftliche Berufsbildung

Kompetenzen für Kantone und Bund

Vollzug der neuen Gesetzgebung

Berufliche Grundbildung als einer von mehreren Qualifizierungswegen

Die Berufsschulen entwickeln sich

Berufliche Grundbildung in der Industrie

Weiterbildung wird zum Thema

Erste Revision des Berufsbildungsgesetzes

Lehrerbildung

Begabtenförderung

Zweite Revision des BBG – der abgebrochene Aufbruch

«Nicht-BIGA-Berufe»

Sekundarstufe II und Tertiärstufe

Berufsbildung an Hochschulen

1980er- und 1990er-Jahre

Bundesverfassung: Bildungsraum Schweiz statt Gewerbeförderung

Dritte Revision des Berufsbildungsgesetzes

Umsetzung der neuen Bestimmungen

Vertiefung

01 Ausbildungsverhältnisse in den Zünften − Vorläufer der Berufslehren

02 Entwicklung der Volksschule

03 Berufsbildung wird zum Thema der Politik − erste Bundesbeschlüsse

04 Kantonale Lehrlingsgesetze

05 Das erste Bundesgesetz zur Berufsbildung

06 Erste Revision 1963

07 Zweite Revision 1978

08 Bundesverfassung: Von der Gewerbeförderung zum «Bildungsraum Schweiz»

09 Dritte Revision 2002

10 Vollzug der Gesetzgebung − Steuerung der Berufsbildung

11 Lehrstellenmarkt und Nachwuchsförderung

12 Kaufmännische Aus- und Weiterbildung

13 Landwirtschaftliche Berufsbildung

14 Ausbildung in der Industrie

15 Nichtärztliche Gesundheitsberufe

16 Monopolberufe

17 Frauen in der Berufsbildung

18 Leistungsstarke und Leistungsschwache

19 Berufliche Grundbildung für Erwachsene

20 Von der Mustersammlung zum Museum für Gestaltung

21 Berufs- und Fachschulen – Vorläufer und Gründungen im 18. und 19. Jahrhundert

22 Berufsschulen − Entwicklungen im 20. Jahrhundert

23 Ziel und Inhalt des Berufsschulunterrichts

24 Professionalisierung der Lehrpersonen in Berufsschulen

25 Berufsmittelschule – Berufsmaturität

26 Modernisierung – IKT als Herausforderung für die Berufsbildung

27 Betriebslehre versus Lehrwerkstätte in der gewerblich-industriellen Berufsbildung

28 Berufliche Grundbildung als Teil der Sekundarstufe II

29 Tertiärstufe: höhere Berufsbildung

30 Tertiärstufe: Hochschulen

31 Weiterbildung

32 Berufsbildung für Migrantinnen und Migranten

33 Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Blick zurück – Konstanten und Veränderungen

Verzeichnis der Abbildungen

Verzeichnis der Grafiken

Verzeichnis der Tabellen

Abkürzungen

AAM

Arbeitsmarktliche Massnahmen

AB

Amtliches Bulletin der Bundesversammlung

AfZ

Archiv für Zeitgeschichte

AS

Amtliche Sammlung der Bundesgesetze und Verordnungen

ASM

Arbeitgeberverband der schweizerischen Maschinen und Metallindustrie

BAR

Schweizerisches Bundesarchiv

BdBR

Bericht des Bundesrates über seine Geschäftsführung im Jahre ….

BbA

Bundesgesetz über die berufliche Ausbildung 1930

BBG

Bundesgesetz über die Berufsbildung

BBT

Bundesamt für Berufsbildung und Technologie

Bbl

Bundesblatt

BdBR

Bericht des Bundesrates über seine Geschäftsführung für das Jahr …

BfS

Bundesamt für Statistik

BIGA

Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit

BiVo

Bildungsverordnung

Blätter

Blätter für den Zeichenunterricht, später: Schweizerische Blätter für den Gewerbeunterricht, Schweiz. Blätter für beruflichen Unterricht, Folio Berufsbildung

BMS

Berufsmittelschule

BOG

Betrieblich organisierte Grundbildung

BRB

Bundesratsbeschluss

BSL

Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

CBT

Computer Based Training

CSFP

Conférence suisse des offices de formation professionnelle

DBK

Deutschschweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz

EBA

Eidgenössischer Berufsausweis (Abschluss nach zweijähriger Lehre)

ECTS

European Credit Transfer System

EDK

Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren

EFHK

Eidgenössische Fachhochschulkommission

EFZ

Eidg. Fähigkeitszeugnis (Abschluss nach 3- oder 4-jähriger Lehre)

EHB

Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung

eidg.

eidgenössisch

ESTV

Systematische Rechtssammlung

EVD

Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement

FHSG

Fachhochschulgesetz

FBS

Fortbildungsschulen

Fortschritt

Zeitschrift der kaufm. Vereine

GDK

Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz

gew.

gewerblich

HLS

Historisches Lexikon der Schweiz

HBLS

Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz

HFKG

Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz

IEDK

Innerschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz

INSOS

Nationaler Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderungen

KBSB

Schweizerische Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung

MEM

MEM-Industrie: Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie

NZN

Nationalzeitung

NZZ

Neue Zürcher Zeitung

PTT

Post, Telegraf und Telefon (Vorgänger von Swisscom und Die Post)

RRB

Regierungsratsbeschluss

SAZ

Schweizerische Arbeitgeberzeitung

SBFI

Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation

SBG

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

SBK

Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner

SDBB

Schweizerisches Dienstleistungszentrum Berufsbildung | Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

SDK

Schweizer Direktorenkonferenz

SGG

Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft

SGV

Schweizerischer Gewerbeverein, später Schw. Gewerbeverband

SIBP

Schweizerisches Institut für Berufspädagogik

SKV

Schweizerischer kaufmännischer Verein, später Schweizerischer kaufmännischer Verband

SLJV

Schweizerische Landjugendvereinigung

SLZ

Schweizer Lehrerinnen- und Lehrer-Zeitung

SMV

Schweizerischer Milchwirtschaftlicher Verein

SOG

Schulisch organisierte Grundbildung

SRK

Schweizerisches Rotes Kreuz

SSA

Schweizerisches Sozialarchiv

SVB

Schweizerischer Verband für Berufsberatung

SVBL

Schweizerischer Verband für Berufsberatung und Lehrlingsfürsorge (früherer Name des SVB)

SVBU

Schweizerischer Verband für beruflichen Unterricht

SVGU

Schweizerischer Verband für gewerblichen Unterricht, später SVBU

SZKB

Schweizerische Zeitschrift für kaufmännisches Bildungswesen

Stat. JB

Statistisches Jahrbuch

TA

Tages-Anzeiger

TAM

Tages-Anzeiger-Magazin

üK

Überbetriebliche Kurse (früher Einführungskurse genannt)

VDK

Schweizerische Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren

VR

Volksrecht (Tageszeitung)

WBK

Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerats bzw. des Nationalrats

ZHAW

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Zeittafel

Bedeutung der Farben

Politik, die BB indirekt betreffend

Gesellschaft – Technik – Wirtschaft

Berufsbildung

1700 v. Chr.

Rechtliche Vorschriften zur Berufsbildung in Babylonien. [–1700a]

1350

Dreigliederung des Handwerks in Lehrlinge, Gesellen, Meister wird üblich. [1350a]

1680

Zünfte gewinnen an Macht.

18. Jh.

Alte Eidgenossenschaft: Staatenbund mit 13 herrschenden Städten und Orten sowie Untertanenland.

1751

Gründung einer Zeichenschule in Genf, aus der sich die École des beaux-arts entwickelt, eine der ersten Fachschulen. [1751a]

1780

Gründung einer Zeichenschule in Zürich, Vorläuferin der gewerblichen Fortbildungsschulen. [1780a]

1798–1803

Besetzung durch die Truppen Napoleons. Ausrufung der Helvetik, eines zentralistisch organisierten Einheitsstaates.

1798

Abschaffung der Zünfte.

19. Jh.

Industrialisierung erstarkt > Veränderung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse.

1803–1830

Mediationszeit – Wiener Kongress – Restauration.

1816–1817

Letzte grosse Hungersnöte in Europa als Folge einer Naturkatastrophe. [1818a]

1817

In Genf wird die erste Fachschule eröffnet. [1817a]

Mitte1820er

Erstarken der liberalen Kräfte. Ihre Anliegen: Bundesstaat, Freiheit Rechtsgleichheit, Volksbildung, Gewaltentrennung.

Ab 1830er

Eisenbahnen und Liberalismus führen zu ruinösem Konkurrenzkampf. [1830b]

1830er

In vielen Kantonen wird die allgemeine Schulpflicht eingeführt.

1847

Sonderbundskrieg (Bürgerkrieg).

1848

Erste Bundesverfassung: Bundesstaat mit eingeschränkter Autonomie der Kantone.

1850er

Erste landwirtschaftliche Fachschulen entstehen, die sich halten können.

1855

Das Polytechnikum (heute ETH) wird eröffnet. [1855a]

1861

Erste «Vereine junger Kaufleute» entstehen und verbreiten sich rasch. [1861b]

1882

Eröffnung des Gotthardtunnels, Basis für internationalen Handel.

1874

Revision BV (Handels- und Gewebefreiheit, Volksschulunterricht). [1874a]

1874

Eröffnung des Technikums Winterthur. [1874c]

1876

«Grosse Depression», dann Stagnation bis in die 1880er-Jahre.

1877

Revision Fabrikgesetz: Verbot von Kinderarbeit. Altersgrenze: 14 Jahre.

1879

Gründung Schweizerischer Gewebeverband, treibende Kraft in der Berufsbildung.

1882

Ablehnung des «eidgenössischen Schulvogts» in der Volksabstimmung. [1882c]

1884

Bundesbeschlüsse: Förderung der Berufsbildung. [1884a]

ab 1886

Gründung von Fachschulen für Milchwirtschaft und landwirtschaftlichen Spezialberufen. [1886k]

1890

Der Kt. Neuenburg erlässt als erster Kanton ein Berufsbildungsgesetz. [1890b]

1890er

Diskussion: Öffentliche Lehrwerkstätten oder Meisterlehre?

1891

Bundesbeschluss: Förderung der kommerziellen Bildung. [1891a]

1895

Bundesbeschluss: Förderung der Ausbildung des weiblichen Geschlechts. [1895a]

1908

Ergänzung der BV: Gewerbeartikel (Art. 34ter) – Basis der Berufsbildungsgesetze.

1912

Revision des OR: Ergänzung mit Bestimmungen zum Lehrverhältnis.

1914–1918

Erster Weltkrieg.

1920er

«Scientific Management» von F. W. Taylors. [1895d]

1929

Börsencrash NY, Great Depression in den USA, Beginn Weltwirtschaftskrise.

1930

Erlass des Bundesgesetzes über die berufliche Ausbildung. (BbA 1930)

1939–1945

Zweiter Weltkrieg.

1951

Gesetz zur Förderung der Landwirtschaft. Regelt die landwirtschaftliche Berufsbildung. [1951a]

1957

«Sputnikschock». [1957e]

Ab 1959

Forcierte Nachwuchsförderung. Gründung von Mittelschulen und Technika. [1959e]

1963

Erste Revision des Berufsbildungsgesetzes, in Kraft ab 1965. [1963a]

1968

Aufbruch der Jugend. Neue Jugendkultur: Beatles u. a. [1968a]

1968

Die ersten Berufsmittelschulen nehmen ihren Betrieb auf. [1968h]

1973

Jom-Kippur-Krieg → Ölschock → Rezession. [1973g]

1974

Lehrstellenmangel, Lehrstellennachweise [1974d; 1975i]

1974

Dieter Mertens prägt den Begriff «Schlüsselqualifikationen» [1974g]

1976

Kantone beauftragen SRK mit der Ausbildung in den Gesundheitsberufen. [1976e]

1977

Das erste Berufsinformationszentrum (BIZ) wird eröffnet. [1977g]

1978

Zweite Revision des Berufsbildungsgesetzes, in Kraft ab 1980. [1978a]

1981

BV wird ergänzt: Gleichstellung von Mann und Frau. Gesetz folgt 1995.

1991

IBM lanciert den «PC», IKT beginnt die Büros zu durchdringen.

1982

Erste Volksinitiative zur BB wird eingereicht, 1986 vom Volk abgelehnt. [1982a]

1983

Die «Swatch» wird lanciert. – Neuer Aufschwung in der Uhrenindustrie. [1983h]

1985

Innert zehn Jahren (1985–95) geht die Zahl der Lehrlinge um 22 Prozent zurück.

1985

20 Lektionen Informatik für alle Lehrlinge obligatorisch. [1985a]

1987–1991

Beginn neuer Rezession, Ostblock bricht zusammen, Entwicklung des World Wide Web.

1990–1996

Weiterbildungsoffensive [1980b]

1991

Rezession setzt ein und dauert bis 1999.

1992

Pflege: Neues Ausbildungskonzept mit zwei Ausbildungsniveaus. [1992c]

1993

Die Berufsmatura wird eingeführt. [1993i; 1998b]

1995

Bundesgesetz über die Fachhochschulen (FHSG) wird verabschiedet. [1995a]

1996–1997

«Lehrstellennot» [1996a], Berufsbildungsbericht [1996d], parlament. Vorstösse

1997

Lehrstellenbeschlüsse I und II [1997a; 1999c], Lehrstellenbarometer [1997c]. Fachhochschulen nehmen ihren Betrieb auf, revidiert 2004. [1997f; 2004d]

1998

Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) ersetzt BIGA. [1998e]

1999

Revision der BV: Ausweitung des Kompetenzbereichs des Bundes. [1999a] Die «Lehrstellen-Initiative» wird eingereicht, 2003 vom Volk abgelehnt. [1999f]

2001

Swissair Grounding. 9/11 Terroranschläge in New York.

2002

Dritte Revision des Berufsbildungsgesetzes, in Kraft ab 2004. [2002a]

2005

Die «Passerelle» öffnet Zugang zu den Universitäten. [2003b]

2006

Revision der BV: Berufsbildung als Teil des «Bildungsraumes Schweiz». [2006a]

2011

Das Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz wird verabschiedet. [2011b]

2014

Das Bundesgesetz über die Weiterbildung (WeBiG) wird verabschiedet. [2014]

Übersicht über die Entwicklung

Anfänge der Berufsbildung

Seit es Kulturen gibt, stehen die Menschen vor der Frage, wie sie das Wissen und Können, das ihre Kultur ausmacht, an die nächste Generation weitergeben. Sie stehen vor der Frage, wie sie dem Nachwuchs beibringen können, wie man jagt, wie man Nahrung zubereitet und Musik macht, wie man Werkzeuge, Gefässe, Schmuck herstellt, wie man kämpft, heilt, handelt und Götter gnädig stimmt. Nach und nach entwickelten sie diesbezüglich eine gewisse Tradition: Verfahren zur Vermittlung des für das Leben notwendige Wissen und Können waren entdeckt.

Ein erstes Zeugnis von intentionaler Berufsbildung sind Regelungen in einem Gesetzeswerk der Babylonier. [–1700] Im römischen Reich existierten bereits zwei Formen von beruflicher Grundbildung, Berufslehren in Betrieben und schulorganisierte Berufsbildungen in Fachschulen. [66]

Die häufigste Form war – und ist heute noch – die Vermittlung während der Ausführung der jeweiligen Arbeit. Ein kleiner aber nach und nach wachsender Teil erwirbt das nötige Wissen und eventuell auch die erforderlichen Fertigkeiten und Verhaltensweisen in Gruppen von Lernenden, angeleitet durch eine Fachperson.

Im Mittelalter erfolgt intentionales (absichtliches) Lehren und Lernen in unseren Breitengraden in Klöstern, an den Höfen von Adligen, an Universitäten und Akademien sowie in Zusammenschlüssen von Handwerkern und Händlern, den sog. Zünften. [900a; 1100a; 1231a; 1460b]

Zünfte − Blütezeit und Niedergang

Die ersten Zeugnisse, wie die Mitglieder von Zünften ihren Nachwuchs ausbildeten (und unliebsame Konkurrenz verhinderten), stammen aus dem 12. Jahrhundert. Es wird festgelegt, wer ausbilden darf (nur «Meister»), wer als Lehrling in Frage kommt (meist nur ehelich geborene Knaben aus der Stadt), wie lange die Ausbildung bis zum ersten Abschluss dauert (oft drei Jahre), wie der Erfolg der Ausbildung gemessen wird (Lehrstück), wie die Weiterbildung erfolgt (Wanderschaft), wer einen eigenen Betrieb führen darf und vor allem: wer all diese Regeln festlegt. [1350a]

Viele der Regeln dienen nicht nur der Qualifizierung des Nachwuchses, sondern auch der Sicherstellung eines ausreichenden Einkommens durch Vermeidung von Wettbewerb. In vielen Gegenden und Branchen dürfen bestimmte Tätigkeiten nur in Städten und nur von Zunftmitgliedern ausgeübt werden. Alle Mitglieder einer Zunft haben die gleichen Produkte und Dienstleistungen anzubieten und zu den gleichen Preisen zu verrechnen.

Dies geht lange gut (aus Sicht der Zunftmitglieder), doch nach und nach entwickeln sich ausserhalb der Zünfte neue Technologien (etwa die Herstellung von Farben in chemischen Prozessen), neue Materialien werden bekannt (Kartoffeln, Glas, Gussstahl u. a.), neue Formen, Betriebe zu führen (Einsatz der doppelten Buchhaltung), neue Methoden, Güter über grosse Distanzen auszutauschen (z. B. Wagen mit Achsen aus Eisen). [1740a]