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Beruf: Herzensbrecher?

1. KAPITEL

Hunter Philips stand breitbeinig mit verschränkten Armen vor dem Fernseher im Green Room des Fernsehsenders WTDU in Miami und beobachtete seine Kontrahentin. Carly Wolfe lächelte ins Publikum und zum Talkshow-Moderator. Die Wichtigtuerin war hübscher, als er gedacht hatte, mit langem braunen Haar, das ihr über die Schultern fiel. Ihre Beine waren elegant übergeschlagen. Ihr Kleid mit Leopard-Druck wirkte verspielt, war verführerisch kurz und passte zu ihren mörderischen Stöckelschuhen. Ein perfekter Look für die mitternächtliche Live-Talkshow. Doch vor allem, um Männer zu ergebenen Zombies zu machen.

Wahrscheinlich klebte jeder Mann im Sendegebiet gerade am Bildschirm.

Der blonde Talkmaster war ihr offensichtlich schon verfallen. Brian O’Connor lehnte sich hinter seinem Mahagoni-Schreibtisch zurück und lächelte Carly Wolfe an, die ihm schräg gegenübersaß. „Ich fand es hinreißend, wie Sie in Ihrem Blog, wie soll ich sagen … auf kreative Weise versuchen, Hunter Philips zu einem Kommentar zu bewegen, bevor Sie Ihre Geschichte im Miami Insider veröffentlichten. Als Besitzer einer nationalen Sicherheitsfirma hat er wohl keine Zeit für die Presse.“

Ihr Lächeln war warm und offen. „Man sagte mir, er sei sehr beschäftigt.“

„Wie oft haben Sie ihn kontaktiert?“

„Ich habe sechs Mal mit seinem Sekretariat telefoniert.“ Carly Wolfe verschränkte ihre Finger um ihr Knie und lächelte ihren Gesprächspartner verschmitzt an. „Sieben, wenn Sie meinen Versuch mitzählen, bei seiner Firma ein Virenschutzprogramm für mein soziales Netzwerk zu kaufen.“

Der Moderator lachte mit dem Publikum. Er war offensichtlich von seinem Gast verzaubert, was Hunter spöttisch lächeln ließ. Carly Wolfe hatte das Publikum mit ihrer lebensfrohen Art um den kleinen Finger gewickelt.

„Ich bin mir zwar nicht sicher“, sagte Brian O’Connor in seiner sarkastischen Art, die ihn bei seinem jungen Publikum so beliebt gemacht hatte, „aber ich glaube, Hunter Philips’ Firma kümmert sich normalerweise um kompliziertere Fälle als die Sicherheit Ihrer Webseite.“

Ihre Augen funkelten schelmisch. „Das hat mir seine Sekretärin auch zu verstehen gegeben.“

Hunter konnte sich von diesen bernsteinfarbenen Augen und ihrer gebräunten Haut nicht losreißen. Gutes Aussehen hatte er gelernt zu ignorieren, doch in den letzten Wochen hatte ihn ihre Art, ihn um einen Kommentar zu bitten, mehr und mehr fasziniert. Unglücklicherweise waren ihr Sex-Appeal und ihre geistreiche Art eine fast unwiderstehliche Kombination.

Hunter mahnte sich zur Ruhe, während er seine Optionen durchging. Jahre zuvor war er darauf trainiert worden, nicht zu agieren, bis sich der Adrenalin-Level in seinem Körper gesenkt hatte – egal, welche Gefahr drohte. Wie banal, dass die Bedrohung nun in Form einer hübschen Reporterin kam.

Hunter zwang sich, weiter zuzuhören.

Brian O’Connor fuhr fort. „Miss Wolfe, würden Sie den wenigen Menschen in Miami, die Ihre Artikel noch nicht kennen, erzählen, warum Sie so wütend auf Hunter Philips sind?“

„Er hat eine Schluss-Mach-App für Handys entwickelt. Also ein Programm, das automatisch eine Nachricht per Handy versendet, in der dann steht, dass Schluss ist. Den ‚Laufpass-Geber‘“, antwortete sie. Das Publikum lachte erneut, und Hunter grinste selbstzufrieden. Sein Partner Pete Booker hatte da wirklich einen guten Namen gewählt. „Per Anrufbeantworter, Textnachricht, sogar via E-Mail“, fuhr sie fort. „Wir alle haben schon einmal einen Korb bekommen.“ Sie wandte sich dem Publikum zu. „Stimmt’s, oder hab ich recht?“

Eine Runde Applaus und Gejohle vom Publikum folgte als Antwort. Hunter verzog sein Gesicht. Er hatte begonnen, nebenher Apps zu designen, weil er ruhelos war – nicht, um seiner Firma ein PR-Problem zu bereiten. Vor allem nicht mit einem Programm, welches er vor über acht Jahren entworfen hatte.

Hunter zwang sich zurück ins Hier und Jetzt und hörte, wie der Talkmaster Carly eine Frage stellte. „Möchten Sie sich noch immer mit Mr Philips unterhalten?“

„Selbstverständlich“, sagte Carly Wolfe. „Ich sehne mich danach, ihn zu treffen – sei es auch nur für eine Minute.“ Sie wandte sich erneut dem Publikum zu. „Was denkt ihr? Soll ich Mr Philips weiter hinterherlaufen und um einen Kommentar bitten?“

Das Publikum wollte Hunter hängen sehen, so viel war klar, und seine Muskeln spannten sich, als er das Gejohle hörte.

Vor langer Zeit war ihm bereits einmal der Schwarze Peter zugeschoben worden – wegen einer anderen hübschen Reporterin, die eine Geschichte gebraucht hatte. Diesmal würde er das nicht zulassen – komme, was wolle.

Ein Assistent betrat das Zimmer. „Mr Philips? Sie sind in einer Minute dran.“

Carly entspannte sich während der Werbepause in ihrem Sessel. Sie hoffte, dass Hunter Philips die Sendung verfolgte und sah, dass sich das Publikum über seine entwürdigende App ebenso aufregte wie sie.

Entwürdigende Momente wurden so langsam zu ihrem Spezialgebiet. Gab es überhaupt noch jemanden, der in seinem Leben nicht kalt abserviert worden war? Doch die Erinnerung an Jeremys Nachricht via Schluss-Mach-App ließ Carlys Blut immer noch kochen. Über eine einfache Textnachricht wäre sie schnell hinweg gewesen. Als sie durch einen Zeitungsartikel erfahren hatte, dass Thomas mit ihr Schluss gemacht hatte, um seine Finanzen abzusichern – das war nur peinlich und beinahe komisch gewesen. Aber dieser Laufpass-Geber war einfach nur herzlos. Und vor allen Dingen so unreif.

Und wie furchtbar wäre es erst gewesen, wenn sie wirklich verliebt gewesen wäre?

Sie würde das Hunter Philips nicht durchgehen lassen. Er würde sein Geld mit etwas anderem verdienen müssen, nicht damit, andere Menschen zu verletzen.

Als die Werbepause zu Ende war, sagte der Moderator: „Wir haben heute glücklicherweise einen überraschenden Anruf erhalten. Miss Wolfe, Ihr Wunsch wurde erhört.“

Carly hielt überrascht inne, ihr stockte für einen Moment der Atem, als der Talkmaster fortfuhr.

„Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie nun mit mir den Erfinder der Schluss-Mach-App – Mr Hunter Philips.“

Carly war völlig baff. Na toll. Nachdem sie Hunter Philips wochenlang hinterhertelefoniert hatte, stellte er sich ihr nun auf einmal, wenn sie es am wenigsten erwartete. Was für ein Schuft.

Sie ärgerte sich, dass sie sein Verhalten insgeheim bewunderte, und zwang sich dazu, tief durchzuatmen, als der Mann zum Applaus des Publikums die Bühne betrat. Er trug eine dunkle Hose und ein schwarzes, langärmeliges Hemd, unter dem sich eine muskulöse Brust abzeichnete. Musste das sein? Er erwischte sie schon kalt genug, und nun sah er auch noch so gut aus?

Sein Haar war dunkel und kurz an den Seiten, und gerade lang genug, um noch gut auszusehen. Groß, kraftvoll, grazil, seine Bewegungen zeugten von einer Entschlossenheit, und dennoch wirkte er gelassen – wie ein Panther auf dem Sprung.

Carly ahnte, dass sie sein Opfer werden konnte.

Brian O’Connor stand auf, um ihn zu begrüßen. Der Applaus ebbte ab, als Hunter sich neben ihr auf die Couch setzte. Carly spürte, wie sich das Leder unter ihr leicht senkte … ihr Bauch zog sich krampfhaft zusammen.

Der Host begann. „Also, Mr Philips …“

„Hunter.“

Die Stimme des Mannes war sanft und dennoch klar wie Stahl und ließ Carly alarmiert aufmerken. Dieser Mann war mit allen Wassern gewaschen. Doch nach allem, was sie versucht hatte, um ihn zu sprechen, konnte sie sich jetzt nicht einschüchtern lassen.

Der Talkmaster setzte erneut an. „Hier in Miami hat man Miss Wolfes Blog aufmerksam verfolgt, wie sie auf verschiedene Weisen versucht hat, Sie um eine Stellungnahme zu bitten. Was hielten Sie denn von ihren Versuchen?“

Hunter Philips wandte sich ihr zu, seine blauen Augen funkelten Carly an. Sie war auf einmal starr wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Hunter lächelte. Nur leicht. Versteckt. „Ich war enttäuscht, dass wir uns nicht um Ihre Webseite kümmern konnten“, erklärte er trocken. „Und noch trauriger machte mich, dass ich die Karten für das Star Trek – Treffen, die Sie mir zur Bestechung geschickt hatten, nicht nutzen konnte.“

Ein amüsiertes Kichern ging durch das Publikum – da man sich Hunter Philips unmöglich auf solch einer Veranstaltung vorstellen konnte.

Brian O’Connor kicherte. „Gutes Geschenk.“

Hunter Philips betrachtete Carly spöttisch. „Nicht wirklich. Star Trek ist nicht so mein Ding.“

Innerlich rüttelte Carly sich wach. Das ist deine Gelegenheit, Carly. Bleib cool. Bleib locker. Und lass dich um Himmels willen nicht wieder von deinen Gefühlen leiten.

Sie versuchte es mit ihrem besten entwaffnenden Lächeln, das normalerweise wirkte, obwohl sie schon ahnte, dass dieser Kerl nicht normal war. „Science-Fiction ist nicht Ihr Ding?“

„Ich bevorzuge Krimis und Thriller …“

„Natürlich tun Sie das.“ Selbstverliebt also. „Nächstes Mal werde ich mich daran erinnern.“

Er schmunzelte spöttisch. „Es wird kein nächstes Mal geben.“

„Schade.“ Bei seinem Blick lief es ihr kalt den Rücken runter, aber sie zwang sich, ihm nicht auszuweichen. „Es hat zwar nichts gebracht, Ihnen hinterherzulaufen, aber es hat Spaß gemacht.“

Der Talkmaster kicherte. „Mir gefiel Ihr Versuch, als singender Kuchen vorgelassen zu werden.“

„Damit kam ich nicht einmal am Sicherheitsdienst vorbei“, sagte Carly trocken.

Hunter schaute sie weiterhin skeptisch an, als er zum Talkmaster sprach. „Mir gefiel am besten, als sie sich online für eine Stelle in meiner Firma bewarb.“

Carly schluckte ihre Wut hinunter und lächelte ihn mit einem falschen Lächeln an. „Ich dachte, mit einem Bewerbungsgespräch käme ich an Sie persönlich ran.“

„Jetzt sind Sie ja persönlich an ihm dran“, warf Brian O’Connor verschmitzt ein.

Carly musste sich zusammenreißen. Hunters Blick glitt abschätzig über ihren Körper und ihre Lippen, bevor er wieder in ihre Augen schaute. „Ich kann sehen, warum Ms Wolfes Charme im persönlichen Kontakt erst voll zur Geltung kommt.“

Carly hatte Mühe, ihren Ärger zu verbergen. Der Kerl checkte sie nicht nur aus – er warf ihr auch noch vor, mit ihm zu flirten. Und nach seinem Ausdruck zu urteilen, fand er sie einfach nur lästig. Dabei war sie einfach von Natur aus so. Sie mochte Menschen. Vor allem interessante Menschen. Und sie fand Hunter Philips nun einmal leider sehr interessant.

„Nun …“ Sie versuchte, gelassen und ruhig zu wirken. „Während Sie sich aufs Versteckspiel spezialisieren, bin ich gut in der direkten Gegenüberstellung.“

„Ja.“ Sein Ton war zugleich vorwurfsvoll und erotisch, und ihr ganzer Körper wurde heiß. „Das kann ich mir vorstellen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. Wenn man ihr schon vorwarf, aus Berechnung zu flirten, dann konnte sie es auch auskosten. Sie wandte sich ihm zu und kreuzte ihre Beine in seine Richtung, wobei ihr Kleid höher rutschte als geplant. „Und Sie?“, fragte sie ihn so unschuldig wie möglich.

Er schaute nur kurz, aber schockiert an ihr herunter und warf ihr danach einen anerkennenden Blick zu. Während ihr Herz in ihrer Brust pochte, schien er cool und nüchtern, als er fortfuhr. „Das hängt davon ab, wer mich herausfordert.“

Sie war sich nicht sicher, ob er sie attraktiv fand. Wenn dem so war, konnte er es gut verbergen.

„Ich stelle mich gerne jemandem, den ich für interessant und gescheit halte“, fuhr er fort. Sie hatte den Eindruck, er meinte sie. Und dennoch wirkte es … nicht wie ein Kompliment. „Der chiffrierte Lebenslauf, den Sie meinem Büro schickten, war interessant und kreativ. Der Code war einfach zu entschlüsseln, doch …“ Er nickte anerkennend in ihre Richtung, „… eine geniale Idee, sicherzustellen, dass er direkt in meinen Händen landen würde.“

„Ich nahm an, jemand wie Sie, dem Sicherheit sehr am Herzen zu liegen scheint, würde den Versuch zu schätzen wissen.“

„Dem war auch so.“ Das gekünstelte Lächeln in seinem Gesicht mahnte sie zur Vorsicht. „Doch mein Schweigen war Ihnen wohl nicht Antwort genug.“

„Ein schlichtes ‚Nein‘ hätte genügt.“

„Ich bezweifle, dass Ihnen das genügt hätte.“ Er sah sie wissend an, als ob er ihre Gedanken lesen konnte. Was sie umso mehr ärgerte, da er recht hatte – sie hätte auch dann nicht aufgegeben. „Und da ich Ihnen das Treffen verwehrt habe, bringe ich Ihnen auch Ihren geheimen Decoderring zurück – ich kann ihn nicht annehmen.“

Unter dem Gelächter der Zuschauer hielt Hunter ihr den kleinen Ring hin. Sie bemerkte ein Glitzern in seinen Augen – anscheinend hatte er sich über ihre Versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen, sehr wohl amüsiert.

Sie sah ihn einfach nur perplex an.

Hunter streckte ihr den Ring immer noch entgegen. „Ich bin überrascht, dass Sie sich keine Mitgliedschaft in meinem Boxklub besorgt haben.“

Er klang beinahe enttäuscht darüber.

Schnell wieder gefasst lächelte sie und hielt ihre Hand auf. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie bei so etwas Mitglied sind …“ Er legte den Ring in ihre Hand, warme Finger berührten ihre Haut. Die Spannung, die sie spürte, entlud sich in einer Gänsehaut und darin, dass ihre Stimme heiser wurde. „Ich wäre gekommen.“

„Davon gehe ich aus“, flüsterte er.

Carly hatte den Eindruck, dass er alles an ihr erfasste und dann in seinem Gedächtnis katalogisierte und speicherte. Zu welchem Zweck, wusste sie nicht. Bei dem Gedanken lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Gefangen in seinem Blick, suchte Carly nach einer Antwort, doch da verkündete Brian O’Connor schon die nächste Werbepause.

In der Pause lehnte sich Hunter zu ihr herüber. „Warum verfolgen Sie mich, Ms Wolfe?“

Mutig hob sie das Kinn. „Ich werde Sie dazu bringen, öffentlich zuzugeben, dass Ihre bösartige App zu nichts taugt.“

Überlegt neigte er den Kopf. „Damit werden Sie kein Glück haben.“

Sie ignorierte seine Antwort und lächelte ihn kalt an. „Und zu guter Letzt werden Sie sie vom Markt nehmen, damit niemand mehr darunter leidet.“

Sein unheimliches Lächeln war wieder da. „Ich frage mich, wie viel Körpereinsatz Sie für dieses Ziel noch zeigen werden.“

Er wollte sie offensichtlich aus der Fassung bringen. Sie riss sich zusammen. „Welche Körperteile wären denn am wirksamsten?“

„Ich lasse mich gerne inspirieren.“

„Vielleicht mein Mittelfinger?“

Er musterte ihre Brüste. „Ich bevorzuge rundere, weichere Formen. Obwohl Ihre scharfe Zunge auch etwas für sich hat.“

Sie wollte ihm gerade die Zunge rausstrecken, als seine Augen wieder in die ihren blickten – und ihr schlicht und einfach die Luft wegblieb.

Zum Glück war die Werbepause in diesem Moment zu Ende. Um ihre Gedanken zu ordnen, wandte sie sich von ihm ab, als Brian O’Connor sie ansprach.

„Nun haben Sie ja Hunters Aufmerksamkeit. Was wollen Sie ihm denn sagen?“

Geh zur Hölle, fiel ihr ein. Leider war das hier kein Kabelkanal – fluchen ausgeschlossen.

„Im Namen aller Betroffenen möchte ich Ihnen persönlich für die Erfindung der wunderbaren App danken – und für seine Schlussmach-Nachricht: ‚Das war’s dann, Schätzchen.‘ Sie sind ein wahrer Dichter.“

„Sie lassen sich leicht beeindrucken.“

„An dem Spruch haben Sie sicherlich Stunden gesessen.“

Hunter sah aus, als musste er sich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen. „Nur ein paar Sekunden. Aber immerhin ist er kurz und prägnant.“

„Oh, verdammt prägnant.“ Sie wandte sich ihm nun direkt auf der Couch zu. „Doch das Beste an der Erfindung ist ja, dass sie gleich Ihrem gesamten sozialen Netzwerk mitteilt, dass Sie wieder Single und zu haben sind.“ Sie lächelte ihn zuckersüß an. „Nette Funktion.“

„Finde ich auch“, pflichtete er ihr bei, als ob sie das ernst gemeint hätte.

„Es spart sicherlich Zeit“, sagte der Moderator in einem Versuch, sich wieder in die Unterhaltung einzuschalten.

Hunters Blick wich nicht von Carly. „Ich weiß Effizienz zu schätzen.“

„Sicher tun Sie das.“

„Wir leben in einer schnelllebigen Welt.“

„Vielleicht zu schnelllebig“, schoss sie zurück. Sie bemerkte, dass er Brian O’Connor total ignorierte. Doch sie war zu sehr in dieses Rededuell vertieft, als dass es ihr etwas ausgemacht hätte.

„Wissen Sie, welche Funktion ich an Ihrer App am liebsten mag?“ Sie legte den Arm auf die Couch und lehnte sich zu ihm hinüber. Sein Duft füllte ihre Sinne. „Die Palette an Liedern, die man begleitend zur Auswahl hat.“

Der Talkmaster meldete sich wieder. „Mit mir hat mal jemand zu Tschaikowskys Nussknacker Schluss gemacht“, warf er ein und schüttelte sich, um das Publikum zum Lachen zu bringen.

Sie blickte an Hunter vorbei zu Brian O’Connor und fragte voller Sarkasmus. „Mr Philips ist sehr clever, nicht wahr?“ Doch ihr Blick landete irgendwie wieder bei Mr Schlussmacher.

„Ich heiße Hunter“, erinnerte er sie süffisant. „Und welchen Song hat Ihnen Ihr Exfreund geschickt?“

„Das war was ganz Besonderes. ‚How Can I Miss You When You Won’t Go Away?‘“

Das Publikum lachte, und Brian O’Connor sagte: „Obskur. Obskur und ziemlich fies.“

„Und weshalb schreiben Sie in Ihrer Kolumne im Miami Insider nun schlecht über mich?“, fragte Hunter und zog damit wieder die Aufmerksamkeit auf sich. „Auf Ihren Exfreund scheinen Sie gar nicht so wütend zu sein.“

„Wir waren nicht lange zusammen. Es war nichts Ernstes.“

Er blickte nicht von ihr weg. „Das kann ich nur schwerlich glauben.“

„Warum?“

„Die Hölle selbst kann nicht wüten wie eine verschmähte Frau.“

Auf einmal wurde ihr klar, dass er begonnen hatte, nun sie zu attackieren. Hintenrum und versteckt, um nicht den Zorn des Publikums auf sich zu ziehen. Die Spannung zwischen ihnen beiden war nun beinahe mit Händen zu greifen. Brian O’Connor schwieg und schaute genussvoll zu.

„Das hier hat nicht mit einem persönlichen Rachezug zu tun.“

„Ihre Liebe ist nicht in Hass umgeschlagen?“, frotzelte Hunter.

„Ich glaube nicht, dass ich schon einmal verliebt war.“ Obwohl sie einmal nah dran gewesen war.

„Tut mir leid, das zu hören.“

Sie tat überrascht. „Wieso? Nimmt das Ihrer schadenfreudigen App den Kick?“

„Überhaupt nicht.“

„Oder benutzen Sie Ihre App persönlich, um mit all Ihren Freundinnen Schluss zu machen?“

„Ich bin kein Schwerenöter.“

Sah er sie etwa gerade an, als ob sie sich durch sämtliche Betten der Stadt wälzte?

Er tat so, als suchte er nach den richtigen Worten. „Ich bin in der Hinsicht eher wählerisch. Außerdem bin ich nicht nachtragend.“

Sie sehnte sich danach, diesem coolen, selbstsicheren Typen eine zu verpassen. „Glauben Sie mir: Wenn ich mich an meinem Ex hätte rächen wollen, dann hätte ich Sie da rausgehalten.“

„Warum tun Sie es dann nicht?“

„Das Schlussmachen an sich war nicht schlimm.“ Sie hatte alle Mühe, sich zusammenzureißen, aber hielt seinem Blick stand. „Es war die Art und Weise. Und es ist Ihre App.“

„Das stimmt“, sagte er entspannt.

Seine umgängliche Art ging ihr so unendlich auf die Nerven. Er wusste genau, dass sie ihn nicht an den Pranger stellen konnte, wenn er so liebenswürdig reagierte. „Mein Freund war einfach ein Feigling. Sie jedoch …“, Carly versuchte, ruhig zu bleiben, um ihn aus der Reserve zu locken. „Sie nutzen niedere menschliche Triebe aus, um sich zu bereichern.“

Widerlich, wenn es nach ihr ging.

Hunters kühler, harter Blick blieb starr – genau wie Thomas’ Blick, als er um seiner Karriere willen mit ihr Schluss gemacht hatte. Hunters kontrolliertes Lächeln machte sie wahnsinnig.

„Leider ist das die menschliche Natur“, sagte er. Er zog eine Augenbraue hoch, bevor er schloss: „Vielleicht sind Sie einfach etwas zu naiv.“

Das tat ihr vor allem weh, da sie sich das schon mal hatte anhören müssen – von den zwei Männern, die ihr am meisten bedeutet hatten. Und Hunter Philips gehörte zur gleichen herzlosen Kategorie wie ihr Vater und Thomas – bei denen nur Härte zählte, wo Geld regierte – und für die Erfolg das Wichtigste war.

Sie war am Ende ihrer Geduld. „Das ist nichts als eine peinliche Ausrede, da Sie auch nicht nur einen Funken Anstand besitzen und diesen auch im Rest der Menschheit ausrotten wollen.“

Die Worte hallten in der folgenden Stille nach, und Carly zuckte zusammen.

Na perfekt, Carly. Mit solch einem theatralischen Konter stempeln sie dich nun als Verrückte ab.

Und wieder einmal hatte sie die Beherrschung verloren. Verflixt, hatte sie in den letzten drei Jahren denn gar nichts gelernt?

Hunter zeigte keine Reaktion. Doch in seinen Augen sah sie es: Er freute sich über ihren Ausraster. „Wollen Sie sagen, dass ich am Verfall der Menschheit schuld bin?“ Er runzelte die Stirn. „Das ist ein ziemlich großer Vorwurf für eine kleine, unbedeutende App.“ Er wandte sich dem Publikum mit einem kleinen Lächeln zu. „Wenn ich gewusst hätte, wie wichtig sie ist, hätte ich mir beim Entwerfen mehr Zeit genommen.“

Eine Woge Gelächter ging durchs Publikum, und Carly wurde klar, dass sich ihre Rolle der beherzten Journalistin zur bitteren, sitzen gelassenen Exfreundin gewandelt hatte – die einen Schuss hat.

Hunter wandte sich ihr wieder zu. Sie fühlte sich so geschlagen, so frustriert. Er war gekommen, hatte sie auseinandergenommen und besiegt. Er war nicht nur ein außergewöhnlich cooler Computerexperte – er war viel mehr als das. Gefährlich. Schlau.

Doch warum hatte Hunter solch eine App entworfen? Das passte überhaupt nicht zu dem kontrollierten Mann, mit dem sie sich gerade Wortgefechte geliefert – und verloren hatte.

„Leider sind wir am Ende der Sendung“, sagte der Showmaster enttäuscht.

Hunter ließ sie nicht aus den Augen – ein Blick von Gewinner zu Verliererin.

„Schade, dass wir das nicht wiederholen können“, sagte sie provokant und hielt Hunters Blick stand. „Ich würde gerne wissen, was ihn dazu inspiriert hat, diese bescheuerte App zu entwickeln.“

Und zum ersten Mal sah sie etwas aufflackern in seinen Augen – sie war sich nicht sicher, ob es Hass oder Furcht war.

Und dann überraschte sie der Moderator. „Das würde ich auch gern wissen.“ Er wandte sich dem Publikum zu. „Interessiert Sie das auch?“ Das Publikum tobte, und Brian O’Connor war auf einmal Carlys bester Freund. „Wären Sie ein weiteres Mal dabei, Carly?“

„Unbedingt.“ Sie wandte sich erneut Hunter zu, mit weicher Stimme, wie immer, wenn sie versuchte, ihre Wut zu verbergen. „Doch Mr Philips ist sicher zu beschäftigt, um wiederzukommen.“ Sie wünschte sich, seine Selbstbeherrschung zu besitzen. Er saß vollkommen still da. Doch er musste irgendwo hinter dieser Fassade gerade nach einem Ausweg suchen. Dieser Gedanke bereitete ihr für einen Moment Freude, doch dann schockierte er sie mit seiner Antwort.

„Klar, wenn Sie dabei sind.“

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