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Berührung des Bösen

Über dieses Buch

Die ehemalige FBI-Profilerin Jess Harris ist bereit, den neuen Posten als Deputy Chief bei der SPU, der Special Problems Unit, in ihrer alten Heimatstadt Birmingham anzutreten. Als die berühmte Ballettlehrerin Darcy Chandler tot in ihrer Schule aufgefunden wird, ist Jess sofort klar, dass an der Sache etwas faul ist. Doch die Polizei geht von einem Unfall aus. Nur Jess glaubt, dass es sich um einen Mord handelt und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei offenbart sich schnell, dass die Welt des Balletts jede Menge Tücken besitzt. Die Tänzerinnen und deren Mütter würden beinahe alles dafür tun, in das bekannte Ensemble »Alabama Belles« aufgenommen zu werden. Ist eine von ihnen vielleicht zu weit gegangen? Jess’ Nachforschungen führen sie in die High Society Birminghams, wo sie auf Geheimnisse stößt, die nie ans Tageslicht hätten kommen sollen. Um den Fall aufzuklären, muss Jess sich mit den Größen der Stadt und ihrem Boss und Ex-Geliebten Daniel Burnett anlegen. Doch je näher sie der Lösung kommt, desto gefährlicher wird es auch für ihr eigenes Leben …

Über die Autorin

Debra Webb wuchs auf einer Farm in Alabama auf, wo sie auch heute wieder mit ihrer Familie lebt. Nach einer Reihe von Tätigkeiten, unter anderem für die US-Armee in Berlin und das Raumfahrtprogramm der NASA, veröffentlichte sie 1999 ihren ersten Roman. Seither hat sie zahlreiche Thriller in vielen Sprachen veröffentlicht, insgesamt über vier Millionen Bücher verkauft und wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet.

Debra Webb

Berührung
des Bösen

Aus dem amerikanischen Englisch
von Stefanie Zeller

beTHRILLED

Ein dickes Dankeschön an wahre Freunde und
talentierte Autoren: Regan Black, Kathy Carmichael,
Cindy Gerard, Vicki Hinze,
CJ Lyons, Toni Magee-Causey, Peggy Webb und Robert Browne. Ihr gabt mir die Kraft
und den Mut, durchzuhalten.

Macht neigt dazu, zu korrumpieren,
und absolute Macht korrumpiert absolut.

John Emerich Edward Dalberg-Acton

Prolog

Es war so kalt. Die Kälte kroch tiefer und tiefer in ihren Körper hinein, glitt wie eine Schlange durch ihre Adern.

Warum war ihr nur so kalt? Es war Hochsommer in Birmingham. Da sollte ihr alles andere als kalt sein.

Und trotzdem fror sie fürchterlich. Ihr Körper zuckte, erstarrte dann, wahrscheinlich wegen der seltsamen Kälte.

Was um alles in der Welt stimmte nicht mit ihr?

Darcy Chandler betrachtete den glitzernden Kronleuchter hoch über ihr. Hoch über der Treppe, die sich von dem weitläufigen Marmorboden aufwärtsschwang. Die funkelnden Lichter warfen Diamantenmuster an die leuchtend blauen Wände.

Sie wollte sich bewegen. Aufstehen und nachsehen, ob die Probe nach dem Mittagessen lief wie geplant. Aber sie war unfähig sich zu rühren. Seltsam. Hier zu liegen, während die Kälte von ihr Besitz ergriff, schien alles, wozu sie imstande war. Ein höchst eigenartiges Gefühl.

Vielleicht konnte sie um Hilfe rufen. Jemand würde sie sicher hören und ihr erklären, warum ihr so kalt war, und warum sie sich nicht bewegen konnte.

Andrea! Mädchen!

Sie wollte schreien, doch ihre Lippen formten die Worte nicht. Die Zunge klebte ihr am Gaumen fest. Ein fieser, kupferner Geschmack stieg um ihre Zunge herum auf und drohte sich über ihre Lippen zu ergießen.

Das war völlig lächerlich. Sie musste aufstehen … es jemandem sagen … etwas tun.

Um sie herum … in ihr … herrschte eine Stille, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen.

Was für ein dummer Gedanke.

Etwas Warmes strich an ihrem Ohr entlang.

Jemand war neben ihr!

Gott sei Dank. Vielleicht wusste er, warum es so kalt war, und warum sie sich nicht bewegen konnte.

Darcy versuchte den Kopf zu drehen, aber ihr Körper wollte den Befehl nicht befolgen.

Moment! Sie konnte etwas hören!

Worte … jemand flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Hilf mir! Sie versuchte zu schreien, aber wieder ließ ihre Stimme sie im Stich.

Sie strengte sich an, um der Stimme zu lauschen, aber auf einmal veränderte sich alles … drehte sich irgendwie und wurde trüber und trüber, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Unvermittelt fiel ihr die Geschichte von Jonas und dem Wal ein, die sie aus der Bibelschule kannte. Seltsam, dass sie sich gerade jetzt daran erinnerte. An die Bibelschule hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht.

Oh, ihr war so schrecklich kalt.

Warum war das Licht ausgegangen? Warum konnte sie nichts sehen?

Geflüsterte Worte, ganz leise, die in ihrem Kopf widerhallten.

»Tote Ballerinas dürfen nicht tanzen.«

1

Cotton Avenue, Birmingham, Alabama.

Montag, 26. Juli, 14:45 Uhr

»Ich brauche so bald wie möglich eine geschätzte Todeszeit.«

Der junge Arzt, der, so vermutete Jess, neu im Büro des Coroners von Jefferson County war, warf ihr aus seiner knienden Position neben dem Opfer einen Blick zu. »Chief Harris, ich bin gerade erst angekommen. Eins nach dem anderen. Es muss alles seine Ordnung haben.«

Er war neu, ganz sicher. Wenn er erst genug Tatorte bearbeitet hatte, würde er verstehen, dass Mord keine Ordnung kannte. Jess verzog ihre Lippen zu einem Lächeln, das mit Geduld ebenso wenig zu tun hatte wie der gehetzte Gesichtsausdruck des unerfahrenen Medical Examiners. »Ich kenne das Prozedere durchaus, Doktor, aber …« Sie blickte den langen Mittelflur hinunter, um sich zu vergewissern, dass Sergeant Harper die möglichen Zeugen erfolgreich von den Fenstern und Glastüren fernhielt, die auf den prachtvollen Garten des Herrenhauses hinausgingen. »Ich habe da hinten sechs kleine Mädchen in unterschiedlichen Stadien der Hysterie, deren Mütter auf heißen Kohlen sitzen, weil sie sie endlich nach Hause bringen wollen. Ich brauche die Todeszeit für die Befragung, damit ich zumindest eine ungefähre Vorstellung von dem Zeitfenster habe, von dem wir hier ausgehen müssen.«

Bevor die Mütter noch nervöser werden und Anwälte herbeizitieren, doch das behielt Jess für sich.

Tatsache war, sie hatte genug über die Mentalität einer typischen Ballettmutter gehört, um zu wissen, was ihr bevorstand, wenn der erste Schock über diese Tragödie allmählich verebbte. Dann wurden nicht nur die Anwälte gerufen, die Damen würden auch eng zusammenrücken, um die Geheimnisse zu schützen, die sie bewahren zu müssen glaubten, vor allem, wenn diese Geheimnisse irgendeinen Einfluss auf den Platz ihrer Tochter in der Nahrungskette dieses exklusiven Ballettstudios hatten.

Genau genommen müsste Jess sich zunächst erkundigen, ob sie während der Befragung die Anwesenheit eines Anwalts wünschten, aber durch solche Formalitäten hatte sie sich noch nie aufhalten lassen. Bei Jess’ Eintreffen hatte eine solche Panik geherrscht, sowohl unter den Mädchen als auch den Müttern, wen würde es da überraschen, wenn sie es versäumte, die eine oder andere zu fragen, ob sie einen Anwalt wollte?

Ungerührt von Jess’ Erklärung wandte sich Doktor Wie-hieß-er-noch wieder dem Opfer zu, das in unnatürlicher Haltung auf dem harten Marmorboden lag. »Wie ich schon sagte: Eins nach dem anderen. Dazu komme ich gleich.«

Jess presste die Lippen aufeinander, um nicht etwas zu sagen, was sie bereuen würde. Wie kam es nur, dass diese jüngere Generation so empörend respektlos war? Sie schob ihre Tasche höher auf die Schulter. Als sie in seinem Alter gewesen war – Anfang dreißig, vermutete sie – wäre Jess niemals frech zu Älteren gewesen. Und auch jetzt nicht, Herrgott noch mal. Die Vorstellung, dass sie fast ein Jahrzehnt älter war als der Medical Examiner, war ziemlich deprimierend, doch mit dieser Tatsache hatte sie umzugehen gelernt, seit sie den gefürchteten Meilenstein der Vierzig passiert hatte.

Wer immer gesagt hatte, sechzig wäre das neue dreißig, redete gequirlten Mist. Nicht einmal vierzig war das neue dreißig.

Nun – sie schob die Brille den Nasenrücken hoch – gegen das Älterwerden konnte sie nichts machen. Doch Unverschämtheit, die würde sie nicht dulden. Nur weil der Noch-feucht-hinter-den-Ohren-ME ganz süß war, würde sie ihm nicht seine Frechheiten durchgehen lassen. »Entschuldigen Sie …« Er blickte empörend widerwillig zu ihr hoch. Sie hob fragend die Augenbrauen. »Doktor …?«

»Schrader. Dr. Harlan Schrader.«

»Nun, Dr. Schrader, dass alles seine Ordnung haben muss, verstehe ich, aber wenn Sie so freundlich wären, Ihr kleines Thermometer aus Ihrer hübschen Tasche zu holen und mir eine ungefähre Todeszeit zu sagen, verspreche ich, dass ich Sie in Ruhe lassen werde.« Sie setzte ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass man ihm nicht allzu sehr ansah, dass es falsch war, und fügte der Form halber das Zauberwort hinzu: »Bitte.«

»Okay.« Er hielt die behandschuhten Hände hoch, als wollte er sich ergeben. »Ich mache es sofort.«

»Danke, Dr. Schrader.«

Jess ging zur Tür und sah nach, was sich hinter den Einsatzfahrzeugen tat, die rings um den enormen Brunnen vor dem Haus die gepflasterte Auffahrt verstellten. Die historische Villa lag im Zentrum von drei Hektar anmutig gepflegtem, wertvollem Land. Mit ein bisschen Glück verhinderten die hohen Eichen und Pecannussbäume mit ihren tief hängenden Ästen, dass man von der Straße aus den Pulk von Einsatzwagen sah, der nichts Gutes bedeuten konnte. Auf der Straße selbst bewachten Uniformierte des BPD die Toreinfahrt des Anwesens, um Neugierige und Nachrichtenjäger fernzuhalten, sobald die Neuigkeit über den Ticker ging. Wenn die Presse in Scharen auflief – und in dieser schicken Gegend würde sie das unweigerlich tun –, komplizierte das die Ermittlungen. Offen gestanden war sie überrascht, dass diese beeindruckende Residenz nicht über einen privaten Sicherheitsdienst verfügte. Seltsamerweise gab es keinerlei Wachleute, nicht einmal an dem reich verzierten hohen Eingangstor, und kein Hauspersonal – zumindest nicht heute.

Die Kriminaltechniker hatten den Tatort bereits auf Fotos und Video dokumentiert. Jetzt wurden Fingerabdrücke und Spurenmaterial gesammelt, in der Hoffnung, so irgendwelche verwendbaren Beweise zu finden. Sergeant Harper war um ein Uhr achtundvierzig von der Streifenpolizei alarmiert worden. Er und Lieutenant Prescott hatten sich sofort auf den Weg gemacht, ohne darauf hinzuweisen, dass sie ab sofort nicht mehr zur Abteilung Straftaten gegen Personen gehörten. Jess war das nur recht. Sie wollte die erste Woche in ihrer neu gegründeten Einheit, der Special Problems Unit, kurz SPU, nicht damit beginnen, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, bis ihnen ein Fall zugeteilt wurde.

Andererseits stand noch gar nicht fest, dass tatsächlich eine Straftat vorlag. Jess betrachtete die Leiche, die gleich neben der breiten Treppe lag. Es schien, als wäre das Opfer, Darcy Chandler, über das Geländer im oberen Stock zu Tode gestürzt. Oder sie war gesprungen. Wie auch immer, ihr Tod war, soweit sie es bisher beurteilen konnten, offensichtlich gewaltsamer Natur gewesen und ohne Zeugen. Da war eine Untersuchung Vorschrift.

Als sie ankam, war Jess als Erstes den Kriminaltechnikern die Treppe hinaufgefolgt und hatte dort den Absatz abgesucht. Jetzt wanderte ihr Blick wieder dorthin. Auf dem Hartholzboden gab es nichts, über das man hätte stolpern oder auf dem man hätte ausrutschen können. Die Höhe des Geländers entsprach nicht den aktuellen Bauvorschriften, doch in historischen Gebäuden – und dieses hier stammte aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts – fielen Merkmale wie das Geländer unter den Bestandsschutz. Gut für die, die Geschichte zu schätzen wussten, schlecht für Ms Chandler.

Bisher fand Jess nur eines an diesem Tatort verdächtig: Ms Chandlers sehr teure fuchsiafarbene Gucci-Pumps, die exakt zu ihrem eleganten ärmellosen Kleid passten, standen neben dem Geländer im ersten Stock. So ordentlich, als hätte sie sie ausgezogen und beiseitegestellt, damit ihre Lieblingsdesignerschuhe nicht bei ihrem Sprung in den Tod zu Schaden kamen. Der akribischen Ordnung in ihren Schränken sowie dem untadeligen Zustand des Hauses im Allgemeinen nach zu urteilen, war das Opfer eine Perfektionistin gewesen. Das könnte erklären, warum sie die Schuhe ausgezogen und zur Seite gestellt hatte. Vielleicht. Jess fand, dass dieser Punkt noch nähere Betrachtung verdiente.

»Ich würde schätzen, der Zeitpunkt des Todes liegt zwischen …«, verkündete Dr. Schrader und lenkte Jess’ Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er sah auf seine Armbanduhr. »Zwölf Uhr mittags und ein Uhr.«

Weniger als zwei Stunden vor dem Eintreffen des BPD. »Danke, Dr. Schrader.«

Der Blick, mit dem er sie bedachte, sagte ihr, dass ihre Dankbarkeit genauso wenig geschätzt wurde wie ihr Drängen. Doch sie musste ein andermal einen Weg finden, sich seine Gunst zurückzuerobern. Vielleicht mit einem Geschenkgutschein aus einem der trendigen Läden in der Galleria, denn das Polohemd, das Sportjackett und die Stonewashed-Jeans sahen aus, als hätte man sie einer der Männerpuppen ausgezogen, die in besagten Läden die Schaufenster schmückten.

Jetzt aber hatte für Jess der Tod dieser Frau oberste Priorität. Um sich bei Dr. Ich-bin-zu-sexy-um-höflich-zu-sein lieb Kind zu machen, blieb später noch genug Zeit.

Bewaffnet mit der entscheidenden Information, die sie benötigte, strebte sie zu den Verandatüren am Ende des langen Korridors, der mitten durch eines der ältesten und vornehmsten Häuser Birminghams ging. Sie straffte die Schultern, räusperte sich und trat hinaus auf die Terrasse, die in einen gepflegten Park überging, entworfen von irgendeinem zertifizierten Meistergärtner aus England. Der wiederum, wie eine Bronzetafel stolz verkündete, ein Abkömmling des Gärtners der königlichen Familie war.

Nur die Reichen und selbst ernannten Schönen brachten es fertig, sich mit dem Stammbaum des Mannes zu brüsten, der den Rasen schnitt und die Blumen goss. Da, wo Jess wohnte, war man froh, wenn die Männer mit dem Rasenmäher und dem Unkrautstecher Englisch sprachen, und ganz sicher sprach man nicht über ihren Stammbaum, denn damit würden sie ihre sofortige Ausweisung riskieren. Doch das alles war Jess herzlich egal, solange die Arbeit gut gemacht wurde. Da sie selbst einen Großteil ihrer Jugend in Heimen verbracht hatte, waren ihr solche Sperenzchen ziemlich gleichgültig.

Sergeant Harper wartete gleich hinter den großen Türen auf Jess. »Ich weiß nicht, wie lange Lieutenant Prescott die Mädchen noch ruhig und ihre Mütter gefügig halten kann. Eine wollte schon wissen, ob sie Verdächtige sind.«

Jess unterdrückte ein Stöhnen. »Danke, Sergeant.«

Prescott, die Mädchen und ihre Mütter saßen im Schmetterlingsgarten. Als Harper sie anrief, hatte Jess ihn unverzüglich angewiesen, dafür zu sorgen, dass die Mädchen den Vorfall nicht untereinander oder mit jemand anderem besprachen. Keine leichte Aufgabe. Besonders, wenn erst mal die besorgten Mütter eintrafen und verlangten, ihre Kinder zu sehen. Die Mädchen besaßen alle Handys und hatten sofort zu Hause angerufen, während die Lehrerin noch den Notruf wählte.

Und wer war natürlich prompt als Erstes eingetroffen? Nicht etwa die Polizei oder der Notarzt. Was bedeutete, dass der Tatort überall sowohl von kleinen Fingern und Füßen kontaminiert war als auch von entgeisterten, wissbegierigen Müttern wimmelte.

Gott, sie wollte gar nicht darüber nachdenken. Ob dies nun ein Mord war oder nicht, ein Tatort sollte immer streng nach Vorschrift gesichert werden.

»Zu Ihrer Information«, fügte Harper mit einem wissenden Blick über den Rand seiner schicken Ray Ban hinzu, »Andrea bestand darauf, den Chief zu informieren.«

Dieses Mal stöhnte Jess tatsächlich. Andrea Denton war die Stieftochter des Polizeichefs Daniel Burnett aus seiner letzten gescheiterten Ehe und eine der Überlebenden in dem ersten Fall, den Jess beim Birminghamer Police Department vor knapp zwei Wochen bearbeitet hatte. Komisch, dies war Jess’ dritter Fall, seit sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, und Andrea spielte in allen dreien eine Rolle. Das arme Mädchen schien eine Begabung dafür zu haben, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

»Ich nehme an, er kommt her.« Tapfer versuchte Jess, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. Es gab nichts Schlimmeres, als wenn der Boss ihr bei ihrem ersten offiziellen Fall als Deputy Chief über die Schulter schaute. Selbst wenn der Boss Dan war – ein Mann, mit dem sie eine schwer zu definierende außerdienstliche Beziehung unterhielt. Dass sie beim FBI aufgehört und wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, hätte ihr Leben eigentlich weniger kompliziert machen sollen. Eigentlich.

Offensichtlich war sie verrückt gewesen, auch nur eine Sekunde lang zu glauben, sie könnte sich in derselben Stadt wie Dan aufhalten, ganz zu schweigen vom selben Department, und Komplikationen vermeiden.

»So ist es.«

Wunderbar. »Haben Sie schon den Ehemann ausfindig machen können?« Darcy Chandler, die einzige Tochter einer der einflussreichsten Familien der Stadt, war verheiratet mit einem anscheinend ebenso berühmten russischen Tänzer, der sich jetzt zurückgezogen hatte und für die Kinder von Birminghams Hautevolee Ballettunterricht gab. »Wie hieß er noch gleich?«

»Alexander Mayakovsky«, half Harper ihr auf die Sprünge. »Bisher haben wir ihn noch nicht gefunden. Bei seinem Handy springt immer die Mailbox an.«

»Da das hier sein Arbeitsplatz ist, ist er offensichtlich nicht bei der Arbeit.« Frustriert und ungeduldig zog Jess die Stirn kraus. Als sie es bemerkte, glättete sie sie wieder. Sie hatte genug Falten, die sich alle an den falschen Stellen in ihrem Gesicht niedergelassen hatten. Nicht, dass es eine richtige Stelle gab, fügte sie im Stillen hinzu. Was sie nicht hatte, war der Ehemann des Opfers. Die Angehörigen zu informieren war immer das Schlimmste an einem Tod ohne Zeugen, egal ob es ein Unfall, Suizid oder Mord war.

»Fahren Sie zu den Eltern des Opfers. Vielleicht haben die eine Idee, wo er steckt. Sammeln Sie so viele Informationen wie möglich, bevor Sie Ihnen die schlechte Nachricht mitteilen.« So kaltherzig diese Taktik klang, es war der einzige Weg, schnell an brauchbare Informationen zu kommen. Und wenn jemand eines nicht natürlichen Todes starb, dann verdiente er oder sie eine schnelle Untersuchung. Da Darcys Eltern bisher nicht aufgetaucht waren, war die Neuigkeit vermutlich noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen.

Das würde sich bald ändern.

»Ja, Ma’am.«

Harper ging, und Jess nahm all ihren Mut zusammen, bevor sie das ihr fremde Terrain betrat. »Du kannst das«, murmelte sie.

Als sie sich den Müttern näherte, deren präpubertäre Töchter sich an sie klammerten, begannen alle sechs Frauen auf einmal zu reden.

Jess hatte schon alle Arten von Zeugen und Beteiligten befragt, darunter mehr Soziopathen als ihr lieb war und sogar eine Handvoll Psychopathen, aber noch nie hatte sie mehr Bammel vor einer Befragung gehabt als genau jetzt.

Kinder machten sie zutiefst nervös. Da war ihr irgendein x-beliebiger Serienmörder noch lieber.

2

Es stimmte schon. Auch wenn Jess ihre Nichte und ihren Neffen liebte, hatte sie keine eigenen Kinder, und dafür gab es einen guten Grund. Ihr mangelte es an Geduld und an all den anderen mütterlichen Qualitäten. Und mit über vierzig hatte sie kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern.

Als wollte Gott sie daran erinnern, dass er es gar nicht gerne sah, wenn man gegen die natürliche Ordnung der Dinge verstieß, begannen prompt alle Kinder gleichzeitig zu heulen.

Synchron dazu, nur lauter, verlangten die Mütter zu wissen, warum sie hier festgehalten wurden wie Verdächtige. Würde man ihre Fingerabdrücke nehmen? Wo war Alex, Darcys Mann?

Auf letztere Frage hätte Jess selbst gerne die Antwort gewusst.

»Ich weiß, das ist jetzt nicht leicht«, übertönte sie die zunehmend aufgeregteren Forderungen. »Aber es ist sehr wichtig, dass wir alle so weit wie möglich Ruhe bewahren.« Zum Glück verstummte daraufhin die gesamte aufgewühlte Entourage. »Mein Name ist Deputy Chief Jess Harris. Im Moment ist es noch nicht nötig, Fingerabdrücke zu nehmen, aber ich muss jede von Ihnen befragen, zusammen mit Ihren Töchtern.«

Offensichtlich waren sie mit ihrer Ankündigung überhaupt nicht einverstanden oder fanden sie irgendwie bedenklich, denn die Frauen begannen erneut, sie mit Fragen zu bombardieren.

»Wie ich schon sagte«, unterbrach Jess sie entschieden, »ich weiß, dass es schwer ist, aber ich bitte Sie um Geduld und um Ihre Kooperation. Ms Chandler hat ein Recht darauf, dass wir unser Bestes geben.«

Dieser Hinweis schien die Mütter zu besänftigen. Unglücklicherweise hatte er auf die Töchter eine andere Wirkung. Sie begannen prompt wieder zu weinen. Jess wand sich innerlich bei dem Gedanken, dass sie diese neuerliche Tränenflut ausgelöst hatte. Sie konnte wirklich nicht gut mit Kindern.

»Lieutenant Prescott, könnten Sie sich bitte um das Wohlergehen dieser Damen kümmern, während sie darauf warten, dass sie an die Reihe kommen, dann fangen wir jetzt an.«

»Was immer Sie sagen, Chief

Prescotts Ton war freundlich, aber ihr Blick verriet Unmut. Ihre Stimmung hatte sich kein bisschen gebessert, seit vor einer Woche die Nachricht, Jess habe den Posten des Deputy Chiefs bekommen, beim BPD die Runde machte wie eine Flasche mieser Chianti.

Dass Prescott anschließend Jess’ Einheit zugeteilt worden war, war wohl schlechtes Karma für sie beide. Hier zum Beispiel hatte Prescott mit den Befragungen der Töchter beginnen wollen, bevor Jess überhaupt am Tatort eingetroffen war.

Nein, die Frau war nicht glücklich mit der Situation.

Jess wandte sich an Andrea, Stieftochter des Chiefs und Aushilfslehrerin an dieser Ballettschule, wenn sie in den Sommerferien vom College nach Hause kam. »Andrea, würden Sie bitte mit mir ins Gewächshaus kommen.«

Erleichtert, dem Tumult zu entgehen, der ohne Zweifel losbrechen würde, sobald sie außer Hörweite war, marschierte Jess in Richtung Gewächshaus. Andrea folgte ihr, immer noch in ihrem schwarzen Trikot und Ballettschuhen.

Das Gewächshaus war ein riesiger Anbau an der Rückseite des Hauses, der früher vermutlich vor allem dazu gedient hatte, Gäste zu empfangen. Die letzten dreißig Jahre war er jedoch als Ballettstudio genutzt worden, zuerst unter Darcy Chandlers landesweit gefeierter Großmutter, dann, in jüngerer Zeit, unter ihr und ihrem berühmten Ehemann, dessen Namen Jess immer noch nicht richtig aussprechen konnte, obwohl Harper ihn ihr dreimal vorgesagt hatte.

Als sie durch die Tür war, nahm sich Jess einen Moment Zeit, um den Raum auf sich wirken zu lassen. Wo jetzt Hartholzboden schimmerte, waren wahrscheinlich einmal Fliesen oder Steinplatten gewesen. Die schräg aufsteigende himmelhohe Decke war umgeben von emporragenden Glaswänden, durch die das Sonnenlicht hereinströmte. Der Blick hinaus in den Garten war spektakulär. Das nannte sich wohl königlich residieren.

Jess deutete auf den von Stühlen umstandenen Tisch neben der Tür zum Garten. »Setzen wir uns doch dort hin.«

Sichtlich erschüttert ließ sich Andrea auf einen Stuhl fallen. Die Neunzehnjährige holte stockend Luft. »Ich kann nicht glauben, dass Ms Darcy tot ist.« Sie schüttelte den Kopf. »Jedes Mal, wenn ich versuche, mein Leben weiterzuleben, passiert irgendetwas.«

Da musste Jess ihr recht geben. Erst war das arme Mädchen von einem wahnsinnigen Paar entführt worden, dann, letzte Woche erst, hatte ein Serienmörder sie benutzt, um an Dan heranzukommen, der wiederum als Köder für Jess dienen sollte. Und jetzt dies. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Andrea das Ende der Sommerferien kaum erwarten konnte. Die Aussicht, ans College zurückzukehren, wurde bestimmt mit jedem Tag verlockender.

»Ich kann Sie sehr gut verstehen.« Jess setzte sich an die gegenüberliegende Seite des Tisches, damit sie den Garten im Auge behalten konnte und sah, falls jemand Neues eintraf. »Erzählen Sie doch bitte, was hier heute Morgen passiert ist. Fangen Sie mit Ihrem Eintreffen hier an, und machen Sie von da an weiter.«

Andrea leckte sich die Lippen und nahm sich spürbar zusammen. »Ich kam heute Morgen um zehn Uhr an und trainierte mit dem Wettbewerbsensemble. Um zwölf Uhr haben wir Mittagspause gemacht.« Sie warf einen Blick durch die Glaswände des Gewächshauses zu den Fenstertüren, die von der Terrasse ins Haupthaus führten. »Da ist Ms Darcy nach drinnen gegangen, weil sie telefonieren wollte.«

Jess fischte ihren Block und einen Stift heraus, um sich Notizen zu machen. »Seit wann kennen Sie Ms Darcy?«

»Ihre Großmutter war meine Ballettlehrerin, bis ich zehn war. Dann haben Ms Darcy und ihr Mann Alex die Schule übernommen. Ich war im Wettbewerbsensemble, bis ich aufs College kam. Ms Darcy hat mir die Stelle als Aushilfslehrerin angeboten, als ich im Mai über die Sommerferien nach Hause kam.«

»Hat Darcys Großmutter immer noch mit dem Studio zu tun?«

Die Chandlers waren eine von Birminghams führenden Familien, aber Jess, die nach dem College gleich beim Federal Bureau of Investigation in Quantico angefangen hatte, war zwanzig Jahre lang nicht hier gewesen. Außerdem hatte sie sich nie wirklich für die Elite der Stadt interessiert. Doch wenn man in Birmingham aufwuchs, wusste man, wer die Chandlers waren.

»Sie wohnt in Southern Plantation. Sie ist jetzt achtzig, kommt aber immer noch zu allen Galas und Wettbewerben in der Gegend.«

Jess kannte die exklusive, luxuriöse Seniorenresidenz für Leute mit dem richtigen Kontostand, die sich nicht mit der Führung eines großen Haushalts belasten wollten. »War das Opf … Darcy den ganzen Morgen mit Ihnen und den Schülerinnen zusammen?«

Andrea nickte. »Nur nicht, als sie ins Haus ging, um zu telefonieren, aber sie kam nach ein paar Minuten zurück.«

»Die sechs Mädchen, die auf der Terrasse warten, sind ebenfalls seit zehn Uhr hier?«

Sie nickte erneut. »Es waren noch acht mehr, aber die sind in der Mittagspause gegangen.« Nun blickte sie Jess wieder direkt an. »Das Wettbewerbsensemble, die Alabama Belles, besteht aus vierzehn Mädchen. Die, die jetzt noch hier sind, gehören zu der Truppe, die auch international antritt. Sie bleiben zum Mittagessen, und dann proben wir bis drei Uhr, wenn die Mütter sie abholen.«

»Es war niemand anderes hier?«

»Ich habe niemanden gesehen. Aber ich bin erst ins Haus zurückgegangen, als … Katrina sie gefunden hatte.«

»Dann hat Darcy Ihnen und den Mädchen das Mittagessen gebracht, nachdem die anderen gegangen waren?« Zu irgendeinem Zeitpunkt hatte sich das Opfer zum letzten Mal von seinen Schülerinnen getrennt. Für wie lange? Und mit wem war sie in dieser Zeit möglicherweise zusammen gewesen? Das waren die Fragen, auf die Jess eine Antwort brauchte. Es mochte simpel scheinen, aber nach einer Tragödie wie dieser konkrete Aussagen von den Zeugen zu bekommen, war oftmals mühevoll und kompliziert.

»Wir haben ein Picknick veranstaltet«, erklärte Andrea. »Das tun wir ein paarmal die Woche. Gewöhnlich montags und freitags. Die Mütter bringen abwechselnd das Essen. Heute war Ms Dresher an der Reihe. Sie hat das Essen kurz vor zwölf vorbeigebracht. Die Mädchen und ich haben alles nach draußen getragen, während Ms Darcy sie hinausbegleitet hat.«

Jess notierte sich »Dresher« und dass sie das Mittagessen geliefert hatte. »Hat Darcy an eurem Picknick teilgenommen, nachdem sie Ms Dresher zur Tür gebracht hat?«

»Sie blieb im Haus.« Andrea sah sich im Raum um, als wäre der anhaltende Blickkontakt zu unbehaglich für sie. »Sie hatte noch ein paar Telefonate zu führen. Wir haben zu Mittag gegessen und sind dann wieder hier reingegangen, um mit der Probe zu beginnen.«

»Um wie viel Uhr habt ihr bemerkt, dass es einen Unfall gegeben hat?« Der Anruf war gegen ein Uhr fünfzehn in der Notrufzentrale eingegangen. Die vom Medical Examiner geschätzte Todeszeit ließ darauf schließen, dass Chandler noch nicht sehr lange tot gewesen war, als ihre Leiche entdeckt wurde.

»Wir wollten mit der Probe anfangen, doch für unsere Choreo brauchten wir die Federboas, deshalb habe ich Katrina nach drinnen geschickt, um sie zu holen«, erklärte Andrea, und ihr Gesicht wurde traurig. »Die Mädchen haben heute Morgen vor der Probe im oberen Stockwerk gespielt, und zwei von ihnen hatten ihre Boas oben gelassen. Wenn die Mütter einen Termin oder so haben, bringen sie ihre Mädchen ein bisschen früher. Ms Darcy lässt sie dann oben spielen.« Sie kaute einen Moment auf ihrer Unterlippe, bevor sie weitersprach. »Nach ein paar Minuten kam Katrina zurückgerannt. Sie weinte und rief, dass Ms Darcy etwas passiert wäre.«

»Wenn Sie sagen, ein paar Minuten, meinen Sie dann zehn oder fünfzehn? Fünf?«

Andrea zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Die anderen Mädchen und ich haben Aufwärmübungen gemacht und uns unterhalten. Ich habe nicht darauf geachtet.«

Genauere Zeitangaben würde Jess von ihr wohl nicht bekommen. »Dann hast du Darcy nicht mehr lebend gesehen, nachdem sie mit Ms Dresher ins Haus gegangen ist?«

»Das nächste Mal, als ich sie sah, war sie … tot.«

Jess sah zu den Mädchen hinüber, die mit bedrückten Gesichtern bei ihren Müttern warteten. Alle sechs trugen grellrosa Trikots. Vier hatten ihre Boas über die Schultern gelegt. Ihr Blick blieb an Dresher und ihrer Tochter Katrina hängen. Harper hatte Jess bereits kurz darüber informiert, wer wer war.

»Ist heute Morgen irgendetwas Ungewöhnliches passiert?«, wandte sich Jess wieder an Andrea. »Wirkte Darcy irgendwie beunruhigt?«

Wieder zuckte Andrea die Achseln. »Nicht mehr als sonst. Sie und Mr Alex haben sich getrennt. Seitdem war die Stimmung ziemlich angespannt.«

Das weckte ihre Instinkte, daher formulierte Jess eine entscheidende Frage neu. »Hast du Alex heute gesehen?«

»Heute nicht. Er …« Andrea verstummte.

Jess beugte sich leicht vor. »Es ist sehr wichtig, dass wir so viel wie möglich in Erfahrung bringen, wenn wir verstehen wollen, was passiert ist.«

»Ms Darcy hat die Scheidung eingereicht. Sie haben sich schon seit Wochen gestritten.« Ihre zarten Schultern krümmten sich, als würden sie niedergedrückt von der Last der erzwungenen Indiskretion. »Es geht das Gerücht um, dass er sie mit einer der Mütter betrügt.«

Das Bild von Darcy Chandler, wie sie auf dem kalten Marmorboden lag, mit zerschmettertem Schädel und unzähligen anderen inneren Verletzungen, kam Jess in den Sinn. Dann das der Schuhe, die sie ausgezogen und sorgsam zur Seite gestellt hatte. Das ergab keinen Sinn. Es sei denn, sie wären schon vor Chandlers Sturz dort gewesen. Und vielleicht aus irgendeinem Grund vergessen worden. Aber wo waren dann die Schuhe, die sie zum Zeitpunkt ihres Todes getragen hatte? Es mussten diese Gucci-Pumps gewesen sein. Die Farbe passte exakt zum Kleid – ein Kleid, das sie hätte hochziehen müssen, um ein Bein über das Geländer im Obergeschoss zu schwingen. Das war ein Punkt, auf den Jess noch zurückkommen würde, fürs Erste musste sie mehr über Chandlers Mann, den Russen, in Erfahrung bringen.

»Haben Sie Grund zu der Annahme, dass das Gerücht stimmt?« Dies war ein kleines, elitäres Ballettstudio. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Geheimnis lange gewahrt blieb, ging gegen null.

Andrea verzog das Gesicht, als würde sie nur höchst ungern über das Thema sprechen. »Das glauben alle, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass es wahr ist.«

»Haben Sie eine Ahnung, wen die anderen Mütter für die Unruhestifterin halten?« Hinter Andrea warteten sechs der Mütter – alle wohlhabend, alle schön, ob nun von Natur aus oder weil nachgeholfen wurde. Es konnte jede von ihnen sein.

Andrea schüttelte erneut den Kopf, wobei sie den Blick sorgfältig abgewandt hielt. Sie hatte jemanden im Verdacht, wollte es aber nicht sagen. Wenn und falls der richtige Zeitpunkt kam, konnte Jess da weiterbohren.

»Andrea, würden Sie sagen, Sie kennen Darcy genauso gut wie die anderen Lehrer oder Schülerinnen? Oder auch die Mütter?«

Ihre Antwort kam nur zögerlich, aber sie nickte mit Überzeugung.

»Ich weiß, dass Sie aufgewühlt sind«, tastete Jess sich vor, »aber ich bitte Sie, auf die nächste Frage spontan zu antworten, ohne Ihre Antwort erst zu hinterfragen. Ich stelle die Frage, und Sie sagen genau das, was Ihnen in den Sinn kommt. In Ordnung?«

»In … Ordnung.«

Jess fasste über den Tisch und tätschelte ihre Hand. »Danke Andrea. Ich weiß, das ist alles furchtbar für Sie, aber Sie helfen uns mehr, als Sie wissen.«

Tränen schimmerten in Andreas Augen, als sie nickte, die Lippen fest aufeinandergepresst.

»Dann los. Glauben Sie«, Jess forschte in Andreas Gesicht nach einer Reaktion, »Darcy wäre imstande gewesen, sich das Leben zu nehmen?«

»Nein!« Sie bekräftigte ihre Antwort mit einem heftigen Kopfschütteln, die Augenbrauen zusammengezogen. »Auf keinen Fall. Das würde sie nie tun!«

»Nicht einmal, wenn ihr Mann sie betrog und die Scheidung drohte?«

Bis jetzt hatte Jess keine Indizien, die mehr für die eine als für die andere Todesart sprachen. Trotzdem: Eine hässliche Scheidung warf ein beunruhigendes Licht auf die ohnehin etwas merkwürdigen Umstände. Gab es obendrein finanzielle Probleme? So sah es zwar nicht aus, aber der Schein konnte trügen.

»Ausgeschlossen«, erklärte Andrea entschieden, und ihre Überzeugung spiegelte sich in ihren Augen. »Ich habe gehört, wie sie mit ihm sprach, kurz bevor sie ins Haus ging, um Ms Dresher zur Tür zu bringen. Sie wollte, dass er für seine Untreue bezahlte.«

»Ist er vorbeigekommen?« Eben noch hatte Andrea gesagt, sie habe niemanden gesehen außer den Tänzern und Chandler. Nun war ihr Dresher eingefallen. Ein Schock hatte nicht selten Verwirrung zur Folge, das musste man ihr zugutehalten. Aber wenn der Russe zum Zeitpunkt des Todes hier gewesen war, musste Jess das wissen.

»Er hat sie auf dem Handy angerufen. Zumindest glaube ich, dass er es war. Ms Darcy sagte dem Anrufer, wer immer es war, dass er bezahlen würde, so oder so. Dann musste sie auflegen, weil Ms Dresher mit dem Mittagessen kam.« Andrea legte die Hände flach auf den Tisch und sah Jess direkt in die Augen. »Sie war wirklich sauer. Wenn Sie Ms Darcy kennen würden, wüssten Sie, dass sie nicht der Typ ist, der aufgibt und sich einfach umbringt. Sie würde kämpfen.« Tränen quollen über ihre Wimpern. »Auf keinen Fall hat sie das mit Absicht getan.«

Jess nickte. »Danke, Andrea. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte sofort an.«

Die Tür öffnete sich, und Daniel Burnett, der Polizeichef, kam herein. Als hätte sie ihn nicht erst gestern zuletzt gesehen, nackt ausgestreckt in ihrem Bett, war plötzlich ihr ganzes Wesen in Alarmbereitschaft wie ein Navigationsgerät, das ein Ziel fand.

Für jemanden, der vor nicht einmal einer Woche übel zusammengeschlagen worden war und eine Stichwunde erlitten hatte, sah er verdammt gut aus. Ihre Kehle wurde eng, als sie daran dachte, wie sie die Samstagnacht eng umschlungen in den Armen des anderen verbracht hatten … und den Samstagmorgen.

»Jess.« Er nickte ihr zu, und für einen Moment war eine Hitze in seinen blauen Augen, als dächte auch er daran zurück. Dann wandte er sich Andrea zu. »Alles in Ordnung, Liebes?«

Das Mädchen brach in Tränen aus, sprang von ihrem Stuhl auf und stürzte sich in seine Arme.

Das war für Jess das Zeichen, sich zurückzuziehen. »Ich lasse euch beide mal allein. Ich habe Befragungen zu führen.«

Mit Rücksicht auf die Uhrzeit und den emotionalen Zustand der Mädchen und ihrer Mütter, ganz zu schweigen von Prescotts finsterer Miene, entschloss sich Jess, die Arbeit aufzuteilen. Gewöhnlich zog sie es vor, potenzielle Zeugen selbst zu befragen, aber in dieser Situation war das nicht ratsam.

Ein uniformierter Beamter blieb bei den noch wartenden Mädchen und Müttern. In einem Winkel des Gartens vernahm Prescott eins der Mädchen samt Mutter, während Jess in einer anderen Ecke Corrine Dresher und ihre Tochter Katrina befragte. Kein Wunder, dass sie so einen berühmten Gärtner gebraucht hatten. Der Garten war das reinste Labyrinth, mit Dutzenden von hübschen kleinen Sitzgelegenheiten, geschaffen aus nichts anderem als der Pracht der Natur.

»Als du ins Haus gingst, um die zwei fehlenden Boas zu holen«, fragte Jess das Mädchen, als sie alle saßen, »hast du da irgendetwas gehört? Eine Tür? Ein Telefon? Schritte?«

Katrina kniff das Gesicht zusammen und dachte angestrengt über die Frage nach, bevor sie antwortete. »Es war still. Ich konnte die Standuhr ticken hören. Dann habe ich Ms Darcy auf dem Boden gesehen.«

»Hat Ms Darcy etwas gesagt oder sich bewegt?«

Katrina schüttelte den Kopf. »Ich dachte erst, sie schläft, aber ihre Augen waren offen.«

»Hast du versucht, sie aufzuwecken?«

Ihre Augen weiteten sich, und sie nickte. »Ich habe sie geschüttelt und ihren Namen gerufen, aber sie hat nichts gesagt.« Katrina fasste sich ans Ohr, dann an die Lippen. »Da war Blut. Deshalb habe ich Andrea geholt.« Große Tränen kullerten über ihre Wangen. »War es falsch, dass ich versucht habe, sie aufzuwecken?« Sie drehte sich zu ihrer Mutter um. »Ich wollte nichts Falsches machen, wirklich nicht!«

»Sehen Sie denn nicht, wie durcheinander sie ist?«, fragte Ms Dresher. »Sie halten diese Mädchen nun schon seit über einer Stunde hier fest. Wir wollen endlich nach Hause. Das war schrecklich für uns alle.«

Jess bemühte sich um Geduld. Diese Mutter war, soweit sie wussten, die letzte Person, die Darcy Chandler lebend gesehen hatte. Die Tochter war diejenige, die die Leiche gefunden hatte. Alles, woran die eine oder die andere sich möglicherweise erinnerte, konnte womöglich der entscheidende Hinweis sein. »Ich verstehe das, Ma’am. Ich habe nur noch ein paar wenige Fragen, dann dürfen Sie gehen, versprochen.«

Ms Dresher tupfte sich die Augen. »Ich kann nicht glauben, dass Sie den Mädchen das antun. Haben sie nicht schon genug durchgemacht?« Sie schnaubte verärgert. »Tun Sie einfach, was Sie tun müssen, damit wir endlich nach Hause kommen und diese schreckliche, schreckliche Tragödie betrauern können.«

»Dann wollen wir mal.« Jess wandte sich erneut an die Tochter. »Katrina, deine Boa gefällt mir. Ist das die einzige weiße?« Die anderen Mädchen hatten schwarze Boas, jedenfalls die drei, die ihre um den Hals trugen. Jess nahm sich vor, im Obergeschoss nach den beiden fehlenden zu suchen.

Katrinas leidende Miene hellte sich auf. »Ich bin die Beste. Wer in der Woche am besten ist, darf die weiße Boa tragen. Mr Alex entscheidet jeden Samstag, wer die beste Leistung gezeigt hat. Dieses Mal hat er mich ausgesucht. Die ganze Woche lang besondere Rechte, wie zum Beispiel Andrea zu helfen.«

»Hast du Mr Alex heute gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ms Darcy sagt, er ist nicht mehr unser Lehrer.«

Anscheinend war es wirklich so, wie Andrea gesagt hatte: Die Nachricht von der Trennung hatte bereits die Runde gemacht.

Das Mädchen äugte zu seiner Mutter hoch. »Wer wird uns denn jetzt unterrichten?«

Beide brachen in Tränen aus.

Aus der Mutter brachte Jess heraus, dass sie das Mittagessen gebracht hatte, vegetarische Pizza und Vitaminwasser, so wie Andrea gesagt hatte. Chandler hatte ganz normal gewirkt, als sie Dresher zur Tür begleitet hatte. Sie hatte einen Anruf auf dem Handy erhalten, von wem, darüber wollte Dresher keine Mutmaßungen anstellen. Während ihres kurzen Besuchs hatten die beiden Frauen kaum ein Dutzend Worte gewechselt. Dresher sagte unmissverständlich aus, dass Darcy Chandler gesund und munter gewesen war und ihren Anrufer angefaucht hatte, als sie ging. Ein paar Minuten später – Dresher konnte nicht sagen, wie lange genau, doch sie zeigte Jess bereitwillig die Anrufliste ihres Handys – hatte ihre völlig aufgelöste Tochter angerufen, die gerade die Leiche gefunden hatte. Dieser Anruf von Katrinas Handy war um zwei Minuten nach eins gekommen, was den Todeszeitpunkt beträchtlich eingrenzte.

Darcy Chandler war zwischen Viertel nach zwölf und ein Uhr gestürzt. Und nach allem, was sie bisher wussten, war sie da allein im Haus gewesen … nur Darcy und diese verdammten Schuhe.

Obwohl der Medical Examiner die Leiche bereits hatte abtransportieren lassen, bat Jess Ms Dresher und ihre Tochter, nicht den Weg durch das Haus zu nehmen. Zum einen, damit das Kind kein weiteres Trauma erlitt, zum anderen, weil niemand das Haus betreten sollte, bevor Jess sich noch einmal umgesehen hatte.

Die übrigen Befragungen brachten keine neuen Erkenntnisse. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Darcy Chandler hatte etwas geistesabwesend gewirkt, aber ansonsten normal. Niemand gab zu, mehr über die Scheidung zu wissen, aber alle wirkten beunruhigt von der Vorstellung, dass das Lehrerteam möglicherweise auseinandergerissen wurde. Und alle schien die Frage, wer nun den Ballettunterricht der Mädchen übernehmen würde, mehr zu bewegen als der Tod der Frau. Jess hielt ihnen zugute, dass der Mangel an Mitgefühl wohl auf den Schock zurückzuführen war.

Als die Befragungen schließlich beendet waren und Jess ins Gewächshaus zurückkehrte, war Annette Denton eingetroffen, um ihre Tochter Andrea abzuholen.

Jess setzte ein Lächeln auf für die Frau, die Dans letzte Ex war. Ein Umstand, der sie gar nicht so sehr gestört hätte, wenn die Frau nicht so umwerfend schön und elegant gewesen wäre. Alles an ihr war perfekt.

»Annette.«

Sie bedachte Jess mit einem unglücklichen Blick. »Das ist einfach furchtbar.« An Dan gewandt fügte sie hinzu: »Ich kann nicht glauben, dass sie wirklich gestürzt ist. Sie hat ihr ganzes Leben lang getanzt. Da ist Gleichgewichtssinn alles.«

»Kannten Sie sie gut?«, fragte Jess.

»Darcy und Annette sind seit der Grundschule befreundet«, antwortete Dan für sie. »Sie haben zusammen die Brighton Academy besucht.«

Erst wollte Jess ihn darauf hinweisen, dass sie mit Annette gesprochen hatte, entschied sich dann aber dafür, ihn zu ignorieren. Allerdings vermerkte sie im Stillen, dass Annette auf dieselbe elitäre Schule gegangen war wie Dan, was bedeutete, dass sie sich schon fast ihr ganzes Leben lang kannten. Das war Jess neu. Sie selbst hatte eine öffentliche Schule besucht und Dan erst kennengelernt, als sie siebzehn war. Wieder mal ein Beweis dafür, dass sie und Dan aus verschiedenen Welten kamen. Damals hatte sie keinen seiner reichen Freunde gekannt … nur ihn und ihre verrückte, wilde Leidenschaft füreinander.

»Wenn sie nicht das Gleichgewicht verloren hat und gefallen ist«, erwiderte Jess, »würde das bedeuten, dass sie gesprungen ist.« Was eine seltsame Art wäre, Suizid zu begehen, denn aus dieser Höhe war die Wahrscheinlichkeit viel zu groß, mit schrecklichen Folgen zu überleben. »Glauben Sie, dass Ms Chandler Grund hatte, sich das Leben zu nehmen?«

Die Ehe der Frau war in die Brüche gegangen, aber reichte das, um einen solchen Schritt zu machen – sowohl buchstäblich als auch bildlich gesprochen? Kaum, laut Andrea und den anderen. Wenn Annette eine enge Freundin von Darcy war, wusste sie vielleicht noch etwas, das die Kinder nicht wissen oder begreifen konnten.

Verschiedene Gefühle zeigten sich auf Annettes Gesicht, nicht zuletzt Verwirrung. »Meinen Sie Suizid?« Sie schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Das würde Darcy nie machen und erst recht nicht ihren Schülern und den Eltern antun. Sie liebte das Leben – ihr Leben – viel zu sehr.«

»Könnte ihr Mann sie aus dem Weg haben wollen?« Das Haus und das Ballettstudio gehörten offensichtlich Chandler. Würde er bei einer Scheidung alles verlieren?

»Alexander?« Annette lachte auf, presste dann aber schnell die Finger an die Lippen und machte ein angemessen beschämtes Gesicht. »Tut mir leid, aber so verzweifelt ist er wirklich nicht. Und er liebte Darcy. Er konnte nur nicht treu sein. Das wusste sie. Nur dieses Mal hatte sie einfach genug. Seit dem Tag, als sie ›Ich will‹ zueinander gesagt haben, war klar, dass es irgendwann zu einer Scheidung kommen würde.«

»Wissen Sie, wie wir ihn erreichen können?«

Annettes Hand flog an ihre Brust. »Wollen Sie sagen, er weiß es noch nicht?«

»Wir haben ihn bisher noch nicht ausfindig machen können.«

Dan ging ein Stück beiseite, um einen Anruf auf dem Handy anzunehmen.

»Er hat ein Loft in Five Points.« Annette runzelte die Stirn. »Geht er denn nicht an sein Telefon?«

»Leider nicht, und seine Mailbox ist voll«, erklärte ihr Jess.

»Der Ehemann ist auf dem Revier«, verkündete Dan, als er sich wieder zu ihrem freundschaftlichen Grüppchen gesellte. »Die Kollegen haben ihn vor ein paar Minuten im Botanischen Garten aufgegriffen. Er hat dort meditiert. Chief Black befragt ihn gerade.«

Jess’ Kinnlade klappte herunter, aber nicht, weil man den vermissten Ehemann meditierend in einer lokalen Sehenswürdigkeit gefunden hatte. »Warum befragt Black ihn?« Dies war ihr Fall. Ihre Detectives waren die Ersten am Tatort gewesen. Ihr erster echter Arbeitstag, und schon kam ihr der hiesige Männerclub in die Quere.

»Ich muss Andrea nach Hause bringen.« Annette umarmte Dan und schenkte Jess ein flüchtiges Lächeln. »Lasst mich wissen, wenn ich behilflich sein kann.«

Nachdem auch Andrea eine Umarmung bekommen hatte, verließen die außergewöhnlich schöne Mutter und ihr ebenfalls umwerfender Sprössling den Raum.

Jess wartete, bis Dans Aufmerksamkeit wieder ihr galt. »Warum«, fragte sie, »befragt Deputy Chief Black den Ehemann?«

»Das ist die Abteilung Straftaten gegen Personen, die bearbeiten Tötungsdelikte, Jess«, rief er ihr unnötigerweise in Erinnerung. »Falls es sich um ein Tötungsdelikt handelt, wird Black es gar nicht gut finden, dass du versucht hast, dir seinen Fall unter den Nagel zu reißen.«

»Ich habe mir gar nichts unter den Nagel gerissen. Meine Detectives wurden gerufen. Sie waren die Ersten am Tatort. Ich dachte, Mord fällt ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich meiner Einheit.« So würde es also laufen. Was eigentlich keine Überraschung war. Der Chandler-Fall zog sicher viel Aufmerksamkeit auf sich, egal, was letztlich die Todesursache war. Deshalb wollte Black Jess aus seinem Territorium fernhalten.

»Wir klären das auf dem Revier.«

»Na schön.« Jess ergriff ihre Tasche. »Solange alle Beteiligten verstehen, dass dies mein Fall ist, ist alles bestens.«

Dan nahm sie am Arm und hielt sie zurück. Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie bei seiner Berührung erschauerte. Verdammt. In ihrem Alter sollte sie sich eigentlich besser im Griff haben. Aber anscheinend hatte Alter nichts mit Anziehungskraft zu tun und mit der Fähigkeit, sich dagegen zu wehren. Ihre lächerliche, völlig unangebrachte Eifersucht auf Annette Denton war das beste Beispiel.

»So gut du auch in deinem Job bist, Jess«, sagte Dan, und sein Ton und Blick waren so unangenehm direkt, dass sie sie sofort ernüchterten, »es wird keine Bevorzugung geben. Wir haben das Thema dieses Wochenende ausführlich besprochen. Du sagtest, es darf nicht der Eindruck von Begünstigung entstehen, und ich war einverstanden. Wir halten die Befehlskette ein. Dieser Fall gehört der Abteilung Verbrechen gegen Personen. Ist das klar?«

»Völlig klar.« Sie entzog ihren Arm seinem Griff und ging.

Warum wollte sie diesen Fall überhaupt? Sollte sich doch Black mit Tutus und überheblichen Ballettmüttern herumschlagen.

»Du hast heute Morgen deinen Termin verpasst«, rief Dan ihr nach. »Ich habe einen neuen um die gleiche Zeit morgen früh ausgemacht. Sei bitte da.«

Jess zögerte an der Tür. Sie taten einfach so, als hätte das Wochenende nichts zwischen ihnen geändert. Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte. Die Frau in ihr wollte empört sein, weil er sich so geschäftsmäßig gab. Aber sie hatte es so gewollt. Nein, nicht nur gewollt. Verlangt. Sie hatte die Regeln gemacht. Außerhalb des Dienstes konnten sie austesten, was das war, das da nach über zwanzig Jahren immer noch zwischen ihnen brannte. Aber bei der Arbeit war er der Polizeichef und sie nur eine von seinen Deputy Chiefs.

Komisch, in der Theorie hatte ihr das Arrangement viel besser gefallen.

Entschlossen, nach den Regeln zu spielen, die sie selbst festgelegt hatte, drehte sie sich um und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, bevor sie sagte, was zu sagen war: »Du bist der Boss.«

3

Birmingham Police Department, 17:58 Uhr

Dan Burnett wusste, dass Jess ihn seine Entscheidung büßen lassen würde, aber es führte kein Weg daran vorbei. Es war sein Job, den Frieden innerhalb des Departments zu wahren und für eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen zu sorgen.

Dieser Job war kaum je einfach, und in Momenten wie diesen fragte er sich, warum er den Posten überhaupt angenommen hatte. Selbst eine jahrelange Therapie würde wohl nicht reichen, um zu verstehen, was ihn dazu getrieben hatte, das höchste Polizeiamt der Stadt anzustreben. Und dann waren da noch seine Ehen und die Scheidungen … und Jess. Die Beziehung zwischen Jess und ihm lieferte genug Stoff für einen dicken Schuber mit mehreren Sonderausgaben des Journals für Paartherapie.

Zwischen ihnen beiden war niemals etwas einfach oder Routine.

Das hier war das beste Beispiel. Jess stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor seinem Schreibtisch, ihre wütenden braunen Augen durchbohrten ihn wie Dolche. Das blonde Haar und auch das enge rosenrote Kleid mit den passenden sexy High Heels konnten nicht verschleiern, wie zornig und stur sie war. Was sie allerdings sehr gut konnten, war, ihn von seinen Pflichten abzulenken.

Oh ja. Jemand musste die Suppe auslöffeln, und diese äußerst unangenehme Aufgabe kam nun ihm zu.

»Meine Detectives und ich waren als Erste am Tatort. Revieransprüche mal beiseite, es sollte doch etwas gelten, wenn man auf den Ruf der ersten Officer vor Ort reagiert. Das Mindeste, was Chief Black tun könnte, ist, meine Einschätzung zur Kenntnis nehmen und meine Vorschläge für die Befragung der Familie in Betracht ziehen.«

»Nimm Platz, dann gehen wir alles noch einmal durch, wenn du möchtest«, bot Dan ihr an.

So schwer es ihm auch fiel, hart zu bleiben, ihre zukünftige Arbeitsbeziehung hing davon ab, welche Maßstäbe er jetzt setzte. Heute. Bei diesem Fall. Es war allgemein bekannt, dass sie eine gemeinsame Vorgeschichte hatten, und diesen Posten hatte er eigens für sie geschaffen, da war es klar, dass das ganze Department sie auf Schritt und Tritt belauerte. Daran hatte ihn Jess im Laufe der letzten Woche wiederholt erinnert. Das Problem heute Morgen war, dass sie den Chandler-Fall wollte und gleichzeitig Deputy Chief Black seinen Anspruch geltend machte. Ein Todesfall ohne Zeugen unter gewaltsamen Umständen gehörte logischerweise sowohl in Jess’ Einheit als auch in Blacks Abteilung. Zugegeben, es gab hier durchaus eine Grauzone, aber Dan konnte sich nicht den leisesten Verdacht der Günstlingswirtschaft leisten. Der schwarze Peter war bei ihm gelandet, und nun konnte er dem gesamten Department beweisen, dass ihre Beziehung sich nicht auf seine und Jess’ Arbeit auswirkte.

Selbst wenn er jetzt gerade nur daran denken konnte, wie er den Reißverschluss an diesem Kleid fand und es ihr auszog. Es war ein langer Tag gewesen. Er war schwach.

Ihre Augen wurden schmal, was ihn warnte, dass seine Gönnerhaftigkeit zur Kenntnis genommen worden war und ganz und gar nicht gut ankam. Oder aber sie hatte seine Gedanken gelesen. »Darcy Chandlers Ehemann hat keinen einzigen Zeugen, der sein Alibi zwischen elf Uhr heute Morgen und eins heute Nachtmittag bestätigen kann.« Sie machte ein Gesicht, das keinen Zweifel daran ließ, wie unglaubwürdig sie sein Alibi fand. »Er ist durch die Gegend gefahren und hat dann im Botanischen Garten meditiert?« Sie breitete die Arme weit aus und wandte ungläubig die Handflächen nach oben. »Wirklich? Wir nehmen ihm das einfach ab, klopfen ihm auf den Rücken und sprechen ihm unser Beileid aus?«

»Chief Black hat nur seinen Respekt für die Verstorbene zum Ausdruck gebracht und für den Ehemann, den wir bisher keines anderen Vergehens verdächtigen können als seiner Unfähigkeit, treu zu sein, und das beruht auch nur auf Hörensagen«, gab Dan zu bedenken. »Hier unten im Süden, daran erinnerst du dich sicher noch, gehören Respekt und Mitgefühl zum guten Ton, vor allem in Zeiten wie diesen.«

Jess warf den Kopf zurück und gab einen verärgerten Laut von sich.

Ihre Einwände waren berechtigt, das war nicht von der Hand zu weisen. Mayakovsky hatte ausgesagt, er sei einen großen Teil des Vormittags durch die Gegend gefahren, habe sich mit seiner Frau am Telefon gestritten und über die Zukunft seiner Ehe nachgedacht. Dieser Teil seiner Aussage, oder zumindest die Anrufe wurden von der Anrufliste auf dem Handy des Opfers bestätigt. Während der Befragung war Mayakovsky in Tränen ausgebrochen, als ihm offenbar aufging, dass sein letzter Kontakt mit seiner Frau dieser schlimme Streit gewesen war.

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