Logo weiterlesen.de
Berlin im Krieg

INHALT

  1. Vorwort
  2. Vor dem Krieg
  3. Am Anfang Angst
  4. Illusion der Normalität
  5. Mit gleicher Münze
  6. Ruhe vor dem Sturm
  7. Wieder Hauptziel
  8. Leben mit dem Tod
  9. Schlachtfeld
  10. Nach dem Krieg
  11. ANHANG
    1. Anmerkungen
    2. Quellen und Literatur
    3. Abkürzungsverzeichnis
    4. Dank

VORWORT

EXAKT 2070 TAGE. LÄNGER ALS IN JEDER ANDEREN STADT Europas dauerte der Zweite Weltkrieg in Berlin, vom ersten Luftalarm am Abend des 1. September 1939 bis zur bedingungslosen Kapitulation des letzten deutschen Stadtkommandanten Helmuth Weidling am Morgen des 2. Mai 1945. In der größten deutschen Stadt war Hitlers Krieg geplant und zu wesentlichen Teilen vorbereitet worden, hier verkündete die Führung des Dritten Reiches all ihre Siege und versuchte ab Ende 1941, das gewendete Kriegsglück durch immer schrillere Propaganda zu kaschieren. Und trotz schwerer Verwüstungen des ganzen Landes endete der Krieg erst, als der »Verteidigungssektor Zitadelle«, das Berliner Regierungsviertel, von sowjetischen Soldaten unter schweren Opfern erobert wurde.

In nackten Zahlen sind die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Stadt gut bekannt: Knapp eine Viertelmillion Berliner fielen als Soldaten oder blieben verschollen. Etwa 20000 Zivilisten, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Männer, starben bei alliierten Bombenangriffen und mindestens ebenso viele bei den Endkämpfen um die Stadt. Zuvor schon waren rund 50000 jüdische Berliner dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer gefallen, zum größten Teil in den Mordfabriken auf polnischem und sowjetischem Boden. Anderthalb Millionen Menschen hatten die Stadt verlassen, um in der Provinz wenigstens etwas mehr Sicherheit zu suchen. Als das Massensterben im Mai 1945 zu Ende war, zählte Berlin nur noch zwei Drittel seiner Bevölkerung von 1939. Der Wert der materiellen Schäden lässt sich nicht einmal schätzen. 80 Millionen Kubikmeter Trümmer lagen im Stadtgebiet herum, 556500 Wohnungen waren zerstört oder nicht mehr reparabel – mehr als ein Drittel des gesamten Wohnraumes. Unzählige Baudenkmäler lagen in Schutt und Asche, im Bezirk Mitte galten 70 Prozent aller Gebäude als vernichtet oder unbenutzbar. Allein hier waren mehr als 20 kunsthistorisch wertvolle Kirchen verwüstet, außerdem Dutzende barocker Palais, die wenigen Reste der mittelalterlichen Altstadt und große Teile der einst pulsierenden Geschäftsstraßen. In den anderen innerstädtischen Bezirken sah es kaum besser aus, und selbst in den zu Groß-Berlin zählenden Vororten gab es neben vollständig erhaltenen Straßenfluchten Tausende Ruinen.

Aber was bedeuteten statistische Angaben wie diese für das Leben der Berlinerinnen und Berliner? Wie nahmen die Menschen die fast sechs Jahre des Krieges wahr, was beschäftigte sie, wie überstanden sie die Herausforderungen des Alltages? Obwohl es über keine deutsche Stadt mehr Bücher gibt als über Berlin, ist das eine offene Frage. Im November 2002 baten die Berliner Morgenpost und Die Welt ihre Leser, Erinnerungen an den Bombenkrieg in Deutschland niederzuschreiben. Seinerzeit wurde heiß über Jörg Friedrichs Buch Der Brand diskutiert. Über 200 Zeitzeugen sandten teilweise umfangreiche Schilderungen ein, von denen nur winzige Ausschnitte in den Zeitungen publiziert werden konnten. Immerhin 70 dieser Zeitzeugenberichte erschienen 2003 gekürzt in dem Morgenpost-Band Als die Tage zu Nächten wurden. Berliner Schicksale im Luftkrieg. Viele dieser Protokolle des alltäglichen Kampfes um Nahrung, Schlaf und gelegentliche Ablenkung sind hochspannend, doch war die Aneinanderreihung bereits zwei Generationen zurückliegender Erlebnisse kaum mehr verständlich. Das zeigten die Reaktionen der jüngeren Leserschaft.

Deshalb hegte ich schon lange den Plan, meinen beiden Büchern Hitlers Berlin. Geschichte einer Hassliebe (2005) und Berlin unterm Hakenkreuz (2006) einen dritten Band folgen zu lassen, in dem das Leben und Sterben in der Reichshauptstadt aus dem Blickwinkel ganz normaler Berliner behandelt werden sollte, gewissermaßen »von unten«. Standen in Hitlers Berlin die Beziehung zwischen dem Diktator und seiner Hauptstadt seit 1916 und in Berlin unterm Hakenkreuz die nationalsozialistische Stadt von der Machtübernahme der Nazis bis zur bedingungslosen Kapitulation im Mittelpunkt, so wollte ich im dritten Band die Perspektive wechseln. Der Schriftsteller Walter Kempowski hat in den insgesamt zehn Bänden seines Sammelwerks Das Echolot vorgeführt, dass erlebte Vergangenheit durch persönliche Schilderungen von Betroffenen lebendiger und verständlicher wird als in der gewöhnlichen Form von Politik- oder Sozialgeschichte. Gleichwohl stand für mich fest: Keine tageweise Kollage von einzelnen Erinnerungen konnte das Ziel sein, denn so ließen sich einem heutigen Publikum die Herausforderungen der Kriegsjahre kaum mehr nachvollziehbar machen. Während es Kempowski vor allem um die emotionale Wirkung auf seine Leserschaft ging, wollte ich zusätzlich eine Gesamtgeschichte Berlins der Jahre 1939 bis 1945 bieten.

Bei den Vorbereitungen stellte sich bald heraus, dass neben den aus einer Distanz von sechs Jahrzehnten geschriebenen Erinnerungen von Zeitzeugen unbedingt weitere Quellen einbezogen werden mussten. Am wichtigsten waren darunter einerseits die Aufzeichnungen jener Berliner, die als Juden verfolgt, jedoch versteckt überlebt hatten oder trotz Deportation nicht ermordet worden waren. Es gibt rund drei Dutzend als Bücher publizierte Erinnerungen – von Prominenten wie Hans Rosenthal, Inge Deutschkron oder Michael Degen, aber ebenso von öffentlich weitgehend unbekannten Augenzeugen wie Margot Friedlander (geb. Bendheim) oder Klaus Scheurenburg. Diese Schilderungen, wiewohl höchst subjektiv geschrieben, sind unverzichtbar, weil ihre Autoren keinerlei Grund hatten, irgendetwas schönzureden oder milder als angemessen zu beurteilen.

Andererseits erwiesen sich die Berichte ausländischer, vor allem amerikanischer Berlin-Korrespondenten als äußerst wertvoll. Bis Anfang Dezember 1941 arbeiteten US-Journalisten in der Reichshauptstadt und versorgten ihre Heimatredaktionen aus eigener Anschauung mit Berichten aus dem Zentrum Hitler-Deutschlands. Manche von ihnen, etwa der CBS-Reporter William Shirer oder United-Press-Mitarbeiter Howard K. Smith, haben noch während des Zweiten Weltkrieges Bearbeitungen ihrer Tagebücher publiziert. Noch interessanter aber sind die Artikel, die Korrespondenten wie Sigrid Schultz oder Percival Knauth fortlaufend in den wichtigsten US-Zeitungen publizierten. Die Fülle von Informationen beispielsweise zur Judenverfolgung oder zur Lebenssituation normaler Berliner, die in diesen Berichten zu finden sind, außerdem unzählige kleine, aber vielsagende Beobachtungen lassen den Alltag im Krieg lebendiger denn je zuvor erscheinen. Seit einigen Jahren sind Dutzende Jahrgänge wichtiger Blätter wie der New York Times, der Chicago Tribune oder der Los Angeles Times in großen Bibliotheken vollständig elektronisch zugänglich.

Prinzipiell bedauerlich ist, dass bis heute keine einzige deutsche Zeitung in ähnlicher Form recherchiert werden kann. Im konkreten Fall erwies sich dieser Mangel jedoch als wenig relevant, denn die Qualität der Berichterstattung auch ehemals renommierter Redaktionen wie diejenigen der Berliner Morgenpost oder der Deutschen Allgemeinen Zeitung war in den Kriegsjahren kaum hochwertiger als jene der NSDAP-Blätter Völkischer Beobachter und Der Angriff. Dank der nahezu vollständigen Bestände von deutschen Originalzeitungen aus den Jahren 1939 bis 1945 im Infopool der Axel Springer AG konnte auch die von Propaganda dominierte Selbstdarstellung in diesen Zeitungen einbezogen werden. Gewisse Lücken ließen sich durch die umfangreiche Mikrofilmsammlung des Zentrums für Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek Berlin schließen.

Vier publizierte Tagebücher von Berlinern bilden nahezu Tag für Tag die gesamte Kriegszeit ab. Die russische Exilantin Marie »Missie« Wassiltschikow notierte ihre Erlebnisse aus der immer mehr schrumpfenden Oberschicht der Reichshauptstadt von 1940 bis 1945 detailliert. Die Journalistinnen Ursula von Kardorff und Ruth Andreas-Friedrich, beide dem NS-Regime gegenüber skeptisch eingestellt, veröffentlichten stark bearbeitete Versionen ihrer täglichen Notizen, die gleichwohl zu den wichtigsten Quellen über das Leben in der Reichsmetropole zählen. Unverzichtbar, aber mit Vorsicht zu nutzen, sind für die Jahre 1939 bis 1945 die 18 Bände umfassenden Tagebücher von Propagandaminister Joseph Goebbels. Es handelt sich nicht um subjektiv ehrliche Aufzeichnungen, sondern um Materialsammlungen für künftige Artikel, Reden oder andere Veröffentlichungen. Dennoch enthält die Edition der Tagebücher unverzichtbare Details, vor allem weil Goebbels als Gauleiter der NSDAP für Berlin de facto Verwaltungschef der Hauptstadt war.

In den rund anderthalb Jahrzehnten, die ich mich schon mit Berliner Zeitgeschichte befasse, ist eine Sammlung unterschiedlicher weiterer Quellen zusammengekommen. Sie entstammen teilweise privaten Nachlässen wie das Haushaltsbuch der Schönebergerin Ursula Kleinmichel, teilweise Gedenkstätten oder Forschungsvorhaben wie die Unterlagen zur »Fabrikaktion« von Ende Februar 1943 oder Materialien zur Hinrichtung von Regimegegnern Ende April 1945. Im Rahmen anderer Arbeiten bin ich oft auf interessante Einzelfunde gestoßen, von denen einige in diesen Band Eingang gefunden haben. Es gibt jedoch auch in den allgemein zugänglichen staatlichen Archiven eine Fülle bisher nicht hinlänglich ausgewerteten Materials über Berlin im Zweiten Weltkrieg. Im Landesarchiv zum Beispiel, das Historikern, nebenbei erwähnt, hervorragende Arbeitsbedingungen bietet, liegt die nahezu vollständige Serie der Luftschadensberichte von 1940 bis 1945 vor – eine ideale komplementäre Überlieferung zu Zeitzeugenerinnerungen an den Bombenkrieg. In der Berliner Abteilung des Bundesarchivs enthalten vor allem die Akten der Parteikanzlei, des Reichsfinanzministeriums und des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt einschlägige Unterlagen.

Obwohl es in diesem Buch ausschließlich um Berlin im Zweiten Weltkrieg geht, gelten große Teile der Schilderungen im Kern auch für andere deutsche Städte. Bisher gibt es nur zu überraschend wenigen Gemeinden umfassend recherchierte, über die reine Regionalgeschichte hinausgehende Darstellungen. Die beste derartige Arbeit hat Horst Matzerath über Köln in der Zeit des Nationalsozialismus vorgelegt. Hamburg im Dritten Reich, ein mächtiger Aufsatzband, überzeugt weitgehend. Beide Bücher allerdings nehmen bewusst nicht die Perspektive der Menschen ein, die Geschichte zugleich »erleben« wie auch »erleiden« und in ihrer ganz persönlichen Situation eben auch »machen«.

In die Planungsphase dieses Buches fiel der völlig unerwartete weltweite Erfolg Hans Falladas Kriegsromans Jeder stirbt für sich allein aus dem Jahr 1946. Gestützt auf eine damals nur teilweise vorliegende Gestapo-Akte über ein Berliner Ehepaar, das mit eigenhändig verfassten Postkarten gegen Krieg und NS-Terror protestiert hatte und dafür hingerichtet worden war, hatte der bereits schwer kranke Schriftsteller sehr frei über den »doch vorhandenen Widerstand der Deutschen gegen den Hitlerterror« geschrieben. Dank der Wiederentdeckung vor allem in Großbritannien und Amerika rückte das Buch auch in Deutschland auf die Bestsellerlisten, diesmal in seiner ursprünglich geplanten Fassung. Jeder stirbt für sich allein ist ein Roman, in dem »ein Autor unter dem Charakter seines Personals« litt, schrieb Jürgen Kaube treffend in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es hätte nahegelegen, die wahre Geschichte des Ehepaars Otto und Elise Hampel, das Fallada zu seinen Figuren Otto und Anna Quangel inspiriert hatte, in Berlin im Krieg einzuarbeiten; die Akten sind im Bundesarchiv zugänglich. Jedoch sprachen zwei Überlegungen dagegen: Einerseits dürfte der erfreuliche posthume Erfolg von Fallada nur eine kurzfristige Modeerscheinung sein – gerade in der ursprünglichen, nicht geglätteten Fassung ist der Roman mitunter anstrengende Lektüre. Andererseits hätte ein solches Vorgehen ohnehin nur bis zur Hinrichtung der Hampels im April 1943 gereicht. Deshalb habe ich darauf verzichtet, dieses wahre Schicksal aufzugreifen. Jedoch erzählt mein Buch vom Leben in der Reichshauptstadt während des Zweiten Weltkrieges, das Fallada von gelegentlichen Ausflügen von seinem Wohnsitz Carwitz in Mecklenburg nach Berlin kannte. Insofern hängen Jeder stirbt für sich allein und Berlin im Krieg doch zusammen.

Im Vorwort zu meinem Buch Hitlers Berlin hatte ich im Jahr 2005 angemahnt, die akademische Geschichtswissenschaft solle sich nach der Zusammenführung der während des Kalten Krieges geteilten archivalischen Überlieferung endlich der vielfach gebrochenen jüngeren Historie der deutschen Hauptstadt annehmen. Seither sind zahlreiche verstreute Einzelstudien von sehr unterschiedlicher Qualität erschienen, doch eine Gesamtdarstellung, die sich auf die ungeheuer vielfältige, wenngleich lückenhafte Quellenlage stützt, war nicht darunter. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass eine vollständige Beschreibung auf wenigen hundert Seiten unmöglich ist. Auswahl und Verdichtung jedoch sind Techniken, die im akademischen Betrieb heute kaum mehr gelehrt werden. Für mich als Journalist mit dem Schwerpunkt deutsche Zeitgeschichte ist die zutreffende, dabei geraffte Darstellung hingegen eine alltägliche Herausforderung. Ich hoffe, dieses Unterfangen ist mir in Berlin im Krieg gelungen.

Berlin, 20. Juli 2011
Sven Felix Kellerhoff

VOR DEM KRIEG

WER KRIEG WILL, MUSS SICH IM FRIEDEN VORBEREITEN. Genau um 08:20 Uhr morgens heulten die Sirenen über ganz Berlin. Der Berufsverkehr an diesem herbstlichen Montag war in vollem Gange, und so überraschte der Alarm zahlreiche Passanten auf dem Weg zur Arbeit. Busse und Straßenbahnen blieben stehen, wo immer sie gerade waren, alle U- und S-Bahnen stoppten bei der nächsten Station. Sämtliche Passagiere strömten aus den Wagen. Zehntausende Privatautos hielten an, unzählige Fahrräder wurden einfach auf die Straßen gelegt. Mehrere Millionen Berliner strebten sofort zu den Schutzräumen, die der Reichsluftschutzbund mit Plakaten gekennzeichnet oder mit Pfeilen ausgewiesen hatte, die auf Häuserwände oder den Asphalt gemalt worden waren. Der Potsdamer Platz, gewöhnlich eine der verkehrsreichsten Kreuzungen Europas, war innerhalb von 140 Sekunden menschenleer. Nur wenig länger dauerte es bei den meisten anderen Straßen der Reichshauptstadt: Innerhalb von zehn Minuten befand sich praktisch kein Zivilist mehr unter freiem Himmel. Es war bedeckt und recht kühl, dichte dunkle Wolken hingen über der Stadt.

Kurz darauf röhrten die ersten von mehreren Dutzend Flugzeugen über der Innenstadt und warfen ihre Fracht ab. Detonationen donnerten durch die Straßen, Qualmwolken stiegen auf. Von zahlreichen Gebäudedächern aus eröffneten Flugabwehrkanonen das Feuer, und auf einmal liefen anscheinend blutüberströmte Menschen schreiend umher, brachen teilweise mitten auf den leer gefegten Fahrbahnen zusammen. Männer in grauen und braunen Uniformen leisteten Erste Hilfe, was wegen der Gasmasken über ihren Gesichtern schwerfiel. Feuerwehrautos rasten heran und bereiteten Löscheinsätze vor. Offenbar Verwundete mit Verbänden um den Köpfen oder gebrochenen Armen schlichen an Regierungsgebäuden vorbei. Auf einigen Kreuzungen lagen umgekippte Busse, auf anderen versperrten plötzlich aufgetürmte Steine und Balken jede Durchfahrt. Die Hauptziele der Angreifer waren das Regierungsviertel rund um die Wilhelmstraße und die Industrie im Nordwesten, vor allem Siemensstadt. »Das tägliche Leben in der Stadt kam zum Stillstand«, berichtete der Berlin-Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press (AP).1 Nach 39 Minuten kam die Entwarnung, doch es dauerte noch Stunden, bis die Berliner den morgendlichen Schrecken überwunden hatten.

»Schon ganz früh Fliegeralarm«, notierte Joseph Goebbels wenige Stunden später in seinem Tagebuch und fügte zufrieden hinzu: »In Berlin klappt alles. Gut gedrillt.« Interessiert registrierte der Reichspropagandaminister die Folgen der Übung: »Mein Ministerium in ›Brand geschossen‹. Der ganze Wilhelmplatz vernichtet. Ein tolles Schauspiel.«2 Die wichtigste Zeitung des nationalsozialistischen Deutschlands, das NSDAP-Parteiblatt Völkischer Beobachter, gab am nächsten Morgen bekannt, »dass es auch bei uns keinen denkenden Menschen mehr gibt, der die Notwendigkeit der Luftwaffe und des Luftschutzes, beides für die Verteidigung des Landes, nicht einsähe«.3 Otto D. Tolischus, der erfahrenste Korrespondent der New York Times, zeigte sich beeindruckt: »Mit Nanking, Schanghai und Madrid als warnende Beispiele für die Tatsache, dass Luftangriffe auf offene Städte, im Weltkrieg noch als barbarisch verpönt, zum Teil moderner Kriegsführung geworden sind, hat Berlin heute Morgen eine Kostprobe des Krieges bekommen im Rahmen der größten Manöver der deutschen Geschichte.«4

Die Luftschutzübung am Morgen des 20. September 1937 war monatelang detailliert vorbereitet worden. Der Generalstab des Reichsluftfahrtministeriums hatte den Plan sieben Wochen zuvor »streng vertraulich« an die beteiligten Behörden verteilt: »In der Zeit vom 20. bis 27. September wird innerhalb der Wehrmachtsmanöver auch der zivile Luftschutz in größerem Rahmen eingesetzt. Insbesondere wird auch die Stadt Berlin das Ziel von Luftangriffen der gegnerischen Partei sein.« Für die gesamte Zeit der reichsweiten Militärübungen wurde allgemeine Verdunkelung angesetzt, doch das genügte den Planern nicht: »Während der Zeit des Wehrmachtsmanövers finden an einem Tag örtliche zivile Luftschutzübungen in Berlin statt.« Auf die Simulation längerer Serien von Bombenattacken verzichtete Luftwaffenchef Hermann Göring, »um Störungen des Wirtschaftslebens zu vermeiden«. Jedoch könne »an dem genannten Übungstag ein wiederholter Fliegeralarm« stattfinden. Aufgabe aller Behörden und der Berliner Bevölkerung sei es, auf das Sirenensignal hin jede Arbeit oder sonstige Beschäftigung zu unterbrechen, die ausgewiesenen Schutzräume aufzusuchen und bis zur Entwarnung dort zu bleiben. Mit unverhohlenem Stolz stellte Göring fest: »Luftschutzübungen, wie sie in diesem Jahr im Rahmen der Wehrmachtsmanöver im Deutschen Reich stattfinden, haben nach Art und Umfang bisher noch niemals und nirgends stattgefunden.« Als Ziel legte der zweite Mann des Dritten Reiches klar fest: »Nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch das Ausland soll erkennen, was das nationalsozialistische Deutschland auch auf diesem Gebiet zu leisten in der Lage ist.«5

Ganz dem vertraulichen Plan entsprechend, kam es am Abend des 20. September 1937 zu einem zweiten Fliegeralarm, vor allem für die Außenbezirke. Diesmal dauerte es einige Minuten länger bis zur Entwarnung. Die NSDAP-Abendzeitung Der Angriff lobte die »Disziplin und die Kameradschaft aller Berliner« bei der nächtlichen Übung.6 Joseph Goebbels dagegen schrieb etwas genervt: »In der Nacht auch draußen Luftübungen. Ich bin ganz müde davon.«7 Offiziell gab sein Ministerium bekannt, die Verteidigung der Reichshauptstadt habe sich als gut vorbereitet erwiesen und einen Sieg über die Angreifer errungen. Außerdem habe man mit einem Vergeltungsschlag auf die Hauptstadt der gegnerischen Partei reagiert und dort schwere Schäden verursacht. Die Manöver, die Hitler außerhalb Berlins verfolgte, waren aus Sicht der NS-Führung ein voller Erfolg. Vor dem mit Spannung erwarteten Staatsbesuch des italienischen Diktators Benito Mussolini hatte sich die erst seit Kurzem aufgebaute Luftwaffe des Reiches als schlagkräftig erwiesen. Doch es gab auch viele Berliner, die der »dunklen Woche« wenig abgewinnen konnten, wie man die nächtlichen Verdunkelungsübungen allgemein nannte. Neben den Theatern und Kinos waren es vor allem die Restaurants und Bars, die Einbußen hinzunehmen hatten: Sie waren »die größten Verlierer«, meldete die New York Times.8

Intern sah die Bilanz der großen Übung allerdings weniger gut aus. Ein hoher Polizeioffizier bemerkte kritisch, »dass der Bevölkerung ganz allgemein noch ein gewisses Maß an militärischem Denken und Verhalten fehlt«. Noch seien »Interesse und Verständnis« für die Notwendigkeiten des Luftschutzes »nicht in dem wünschenswerten Maße geweckt« worden.9 Doch nicht mangelnde Disziplin bei der Verdunkelung oder der Reaktion auf Luftalarm erwies sich als größtes Problem. Viel kritischer war der Mangel an bombensicheren Schutzräumen. Zwar waren für die Übung in der ganzen Stadt genügend Unterkünfte ausgewiesen worden, doch nur wenige Dutzend davon waren im September 1937 bereits entsprechend den Vorgaben des Reichsluftschutzbundes ausgebaut und ausgestattet – die allermeisten Berliner waren einfach in normale, überhaupt nicht vorbereitete Keller geströmt. Moderne, funktionsfähige Bunker gab es im Berlin der »dunklen Woche« nicht einmal ein halbes Dutzend, zum Beispiel unter dem Vorplatz des neuen Reichsluftfahrtministeriums und – ausschließlich Hitler und seiner Entourage vorbehalten – unter dem eigens zur Tarnung errichteten neuen Festsaal der Reichskanzlei in den Ministergärten.

Während die meisten Einwohner der Reichshauptstadt die Übungen nicht besonders ernst nahmen, wusste Joseph Goebbels um die Notwendigkeit ausreichenden Luftschutzes. Denn ihm als einem der engsten Mitarbeiter des »Führers« war klar, dass Deutschland früher oder später Krieg führen würde. Mochten sich die Staatsmänner in Europa und der ganzen Welt noch Hoffnungen machen, Hitler werde es bei Drohgebärden belassen, sofern nur seine Forderungen nach und nach erfüllt würden, so hatte sein Chefpropagandist schon im September 1937 keine Zweifel daran, was noch bevorstand. Und weil er sich zugleich vorstellen zu können glaubte, wie tödlich die Gefahr durch Bomben sein würde, hoffte er, dass es mit dem Luftschutz »niemals ernst« werden möge: »Wir müssen so stark sein, dass diese Millionenstadt immer gesichert ist.«10

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Berlin im Krieg" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen